Teresa und ihr »Mix-Mix«-Laden

15. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor Ort erfahren, wie faire Geldanlagen aus Mitteldeutschland bei Frauen auf den Philippinen Früchte tragen – das war die Intention der Reise, zu der Vertreter der Entwicklungsgenossenschaft »Oikocredit« Anfang dieses Jahres aufbrachen.

Vor über 40 Jahren wurde auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen »Oikocredit« gegründet. Einmal im Jahr bietet die Entwicklungsgenossenschaft ihren ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden die Chance, Partnerorganisationen und Endkunden zu besuchen.

Weltweit sind es 70 Länder, in denen »Oikocredit« Mikrofinanzinstitutionen, Genossenschaften und kleine bis mittlere Unternehmen fördert. »Oikocredit« vergibt selbst keine Mikrokredite an Kunden, sondern unterhält vor Ort Länderbüros, in denen Mitarbeitende die insgesamt 801 Partnerorganisationen mit Finanzierung und Beratung unterstützen. Eine dieser Organisationen, die wir im Rahmen unserer Studienreise besuchten, ist die »Negros Women for Tomorrow Foundation« (NWTF). Drei Philippinas riefen sie 1986 ins Leben mit dem Ziel, ein karikatives Schulspeisungsprogramm auf der Insel Negros aufzubauen.

Daraus hat sich in der Zwischenzeit eine Stiftung mit mehr als 100 Niederlassungen auf den Visayas, der zentral gelegenen Inselgruppe der Philippinen, entwickelt. Über 60 Prozent der Kredite, die NWTF vergibt, werden als Mikrokredite an Gruppen von jeweils fünf Frauen vergeben, die einander beraten und solidarisch füreinander bürgen.

Das Programm nennt sich »Dungganon«, was mit »ich bin ehrenhaft« übersetzt werden kann. Es dient der Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen und ihren Familien. In wöchentlichen Nachbarschaftstreffen werden Kreditvergabe und Rückzahlungen vom NWTF-Fachpersonal koordiniert. Die sogenannten »laonofficer« sind ehemals oft selbst Empfängerinnen von Kleinkrediten gewesen und kennen die Bedürfnisse und Lebensumstände ihrer Kundinnen sehr gut. Und so ist es nicht verwunderlich, dass neben dem Finanziellen der Erfahrungsaustausch der Frauen und persönliche Themen auf der Tagesordnung der Treffen stehen.

Von Ananas bis Zahnpasta – alles erhältlich bei Teresa Tomaro. Fotos: Nicolas Villaume

Von Ananas bis Zahnpasta – alles erhältlich bei Teresa Tomaro. Fotos: Nicolas Villaume

Die Kundinnen werden von NWTF sorgfältig ausgewählt und beraten, damit die mit dem Kredit finanzierte Tätigkeit dauerhaft ein Einkommen für die Familien generiert und nicht umgekehrt der Kredit aus dem Familieneinkommen finanziert werden muss.

Ein weiterer Bonus ist das vielfältige Sozialprogramm. Davon kann auch Teresa Tomaro (43) berichten: »Ich habe sehr von den Programmen von NWTF profitiert, neben der finanziellen vor allem auch von der sozialen Unterstützung. Es gibt für alle Kundinnen samt Familien ein Versicherungs- und Gesundheitspaket. Daher bin und bleibe ich auch Kundin von NWTF. Wir bekommen hier vor Ort Training, Schulungen und Beratungen für Buchhaltung, Marketing, Budgetierung und Management«, erzählt sie freudig.

Teresa Tomaro begann 2002 als Kundin von NWTF mit einem Kredit von umgerechnet knapp 60 Euro. Sie lebt im 1 000-Seelen-Dorf St. Rita auf Bacolod. Der Ort besteht zum Großteil aus Bambusunterkünften ohne Toiletten, die Wasserzufuhr kommt über Pumpen im Hof. Die Hütten muten auf den ersten Blick vielleicht idyllisch an, aber wenn die Erde bebt oder es regnet und stürmt bieten sie wenig Schutz.

Die 43-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder. Sie betreibt einen Sari-Sari Shop; das heißt übersetzt Mix-Mix, also ein Kaufladen, in dem man alles Notwendige bekommt. Den Laden, der auf ihrem Grundstück liegt, hält sie täglich von 5 bis 20 Uhr geöffnet – außer sonntags, wenn das ganze Dorf zum katholischen Gottesdienst geht. Ihr Mann ist dank der Kredite Truckfahrer, er macht Lieferungen für den Shop und bietet weitere Transporte an.

Treffen der Frauen von St. Rita im Community Center. Hier machen sie ihre Abrechnungen, tauschen sich aus, beten und singen gemeinsam.

Treffen der Frauen von St. Rita im Community Center. Hier machen sie ihre Abrechnungen, tauschen sich aus, beten und singen gemeinsam.

Teresa Tomaro führt uns stolz umher, erzählt von ihrem Arbeitsalltag und den Effekten ihres Kleinkredits: »Von meinem ersten Profit haben wir den Boden unseres Hauses zementieren lassen. Darüber hinaus bin ich froh und dankbar, dass unsere Kinder jetzt zur Schule gehen können. Zwar kostet der Schulbesuch hier kein Geld, aber die Uniform, der Transport, die Bücher und Mahlzeiten konnten wir uns zuvor nicht leisten. Meine Älteste arbeitet nebenbei auch im Shop mit.« Sie ist ein Vorbild in der Nachbarschaft: »Da wir immer als fünfköpfige Frauengruppe einen Kredit bekommen, hat sich auch das Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühl untereinander toll entwickelt. Ich rate meinen Freundinnen: Man braucht viel Geduld und muss es sehr ernst nehmen, den Kredit nur für das Geschäft einzusetzen!«

Damit schaffen es 30 Prozent der Kundinnen, innerhalb von fünf Jahren über die Armutsgrenze von 1,25 Dollar pro Tag zu kommen. So können sie für ihre Grundbedürfnisse aus eigener Kraft sorgen: ein festes Dach, Bildung, Kleidung, Hygiene, Nahrung – und sich auch kleine Wünsche erfüllen, die über das Notwendige hinausgehen: »Auf meinen Fernseher möchte ich nicht mehr verzichten«, lacht Teresa Tomaro.

Lena Husemann

Die Autorin ist Geschäftsführerin des »Oikocredit«-Förderkreises Mitteldeutschland. Sie berichtet gerne bei Gemeinde­veranstaltungen über ihre Philippinenreise und »Oikocredit«, Telefon (03 91) 59 77 70 36

www.mitteldeutschland.oikocredit.de

Weltumspannender Klang

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Beim 5. Weltglockengeläut erklingt am 5. August in einer Liveschaltung die Glocke der Kirche von Kotagiri im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, die 1908 im thüringischen Apolda gegossen wurde.

Zu erleben ist dies auf der Bühne der Thüringer Landesgartenschau »Blütezeit Apolda« und im Internet. Als Moderator und Akteur »vor Ort« in Südindien konnte Daniel Schad gewonnen werden, dessen Urgroßeltern zur Zeit der aufwendigen Glockenanlieferung als Missionare in Kotagiri tätig waren.

Daniel Schad ist als Violinist der Staatskapelle Halle tätig und Vorsitzender des 2009 gegründeten Vereins »Straße der Musik«, der die reichhaltige Musikgeschichte Mitteldeutschlands (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken will. Eine dafür erstellte Komponisten-Liste seit der Reformationszeit umfasst 1 632 Namen!

Schad ist jedoch nicht nur als Musikhistoriker aktiv, sondern erforscht auch die Geschichte seiner Vorfahren. So hat er unter dem Titel »Erinnerungen aus meinem Leben« die Familienchronik der Leipziger und Basler Missionarsfrau Susanna Schad in Indien veröffentlicht. Darin beschreibt seine Urgroßmutter unter anderem das Kennenlernen ihres Mannes, des Missionars Friedrich Schad, die Vorbereitungen zur Reise nach Indien, die Vorfreude auf die Hochzeit in Madras sowie die Geburt der fünf Töchter und des Sohnes in Indien. Die detailreichen Aufzeichnungen leisten einen authentischen Beitrag zur protestantischen Missionsgeschichte.

Impressionen aus einer anderen Zeit: Susanna Schad mit den Zwillingen Bettina und Philipp, dem Großvater von Daniel Schad (Foto links, um 1907), in der von zwei Einheimischen gezogenen Rikscha. Die Missions-Kirche in Kotagiri, wie sie um 1900 aussah (Foto oben). Fotos: Familien-Archiv und Basler Missions Archiv

Impressionen aus einer anderen Zeit: Susanna Schad mit den Zwillingen Bettina und Philipp, dem Großvater von Daniel Schad (Foto links, um 1907), in der von zwei Einheimischen gezogenen Rikscha. Die Missions-Kirche in Kotagiri, wie sie um 1900 aussah (Foto oben). Fotos: Familien-Archiv und Basler Missions Archiv

Aus seinem umfangreichen Archiv stellte Daniel Schad der Kirchenzeitung einen Bericht seines Urgroßvaters zur Verfügung, der uns am damaligen Geschehen unmittelbar teilhaben lässt: »Die Glocke ist tadellos angekommen. Sie hat die lange Reise ausgezeichnet überstanden, hängt bereits auf ihrem Gerüst und erfreut uns alle durch ihren wunderschönen vollen Ton. An Himmelfahrt, an welchem Tage wir auch unser jährliches Missionsfest feiern, hat sie für uns zum ersten Mal geläutet und der Jubel und die Freude über dieses schöne Meisterwerk waren allgemein.«

Über die Ankunft der Apoldaer Glocke im Jahr 1908 schreibt er: »Am 23. Mai, einem Samstag, mittags um 12 Uhr, fuhr der Ochsenwagen langsam herein, der die Glockenkiste von Mettuplayam am Fuß der Berge zu uns heraufzubefördern hatte. Wir hatten uns gerade eben zu Tische setzen wollen, aber nun war es mit dem Essen vorbei, denn jetzt musste die Kiste erst abgeladen, die Glocke ausgepackt, von vier starken Männern auf die Veranda getragen, ihr Ton geprüft und sie nach allen Seiten bewundert werden. Das Gerücht hatte sich schnell verbreitet, und vom Samstagnachmittag an kamen und gingen die Menschen immerzu, um das Wunderwerk anzustaunen und zu loben.

Am Montag ging es dann an den Bau des Glockengerüstes. Maurer, Tischler und Schmiede, Heiden und Christen halfen zusammen, ein erfahrener Ältester beaufsichtigte das Ganze, und am Mittwochnachmittag waren wir endlich so weit, dass wir die Glocke aufhängen konnten. Im Triumph wurde sie geholt und den Kirchberg hinaufgetragen und zu aller Freude gelang dann auch das letzte und schwierigste Stück der Arbeit noch. Um drei Uhr nachmittags hing sie oben hellglänzend im Schein der Sonne. Dann ging es ans Schmücken des Gerüstes mit Blumen, Farren (Farnen) und Girlanden. Um vier Uhr versammelten sich alle zur Glockenfeier …«

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Franz Schilling die Glocke und den Transport nach Indien seinerzeit zu einem Vorzugspreis von 362,55 Mark ermöglichte.

Michael von Hintzenstern

Musikalische Lesung aus der Susanna-Schad-Biografie mit Daniel Schad: 11. August, 19.30 Uhr, Leipziger Missionshaus

www.weltglockengelaeut.de

Live-Stream:
www.livestream.com/salveworld

Herzenssache »Kinderhilfe«

31. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Spannung auf das, was sie erwartet, ist allen ins Gesicht geschrieben: Eva, Dietrich, Karin und Tabea sind vier von 27 Freiwilligen, die der Ostthüringer Verein Kinderhilfe Westafrika ab September nach Benin und Ghana entsendet.

Im letzten Vorbereitungsseminar vor ihrem Einsatz wird noch einmal alles besprochen, es wird aufgeklärt, diskutiert und gezeigt, was die jungen Leute in der Ferne erwartet. Der Ort des Seminars, das Gemeindezentrum der Evangelischen Christengemeinde in Gera-Ernsee gleicht in diesen Tagen einer internationalen Konferenz. Ein Sprachengewirr aus Deutsch, Englisch und Französisch umgibt die Freiwilligen, Verantwortlichen und die Gäste aus Westafrika, die zu einer Partnerkonferenz nach Deutschland gekommen sind. Vertreter von insgesamt zehn afrikanischen Partnerorganisationen aus vier Ländern pflegen auf Seminaren den Dialog auf Augenhöhe und lernen Land und Kultur der Freiwilligen aus Deutschland kennen. Richtig passend erweist sich, dass parallel zu den Seminaren in Gera-Ernsee der 10. Jahrestag der Kinderhilfe Westafrika begangen werden kann.

Vorfreude: Eva Stübiger, Dietrich Neubert, Karin Gräßer und Tabea Heck (v. li.) beim letzten Vorbereitungsseminar Mitte Juli in Gera-Ernsee. Alle vier kommen aus den neuen Bundesländern, sind in Plauen, Bad Brambach und Jena zu Hause. Ihre Einsatzländer werden Ghana und Benin sein. Foto: Wolfgang Hesse

Vorfreude: Eva Stübiger, Dietrich Neubert, Karin Gräßer und Tabea Heck (v. li.) beim letzten Vorbereitungsseminar Mitte Juli in Gera-Ernsee. Alle vier kommen aus den neuen Bundesländern, sind in Plauen, Bad Brambach und Jena zu Hause. Ihre Einsatzländer werden Ghana und Benin sein. Foto: Wolfgang Hesse

Doch wie hat das alles angefangen? Die Wurzeln der Arbeit in Afrika liegen in Burkina Faso und fast 20 Jahre zurück. Rein zufällig lernte Torsten Krauße aus Kahmer, einem Ortsteil von Mohlsdorf-Teichwolframsdorf im Thüringer Landkreis Greiz, Pastor Moise Oubda und seine Frau Elisabeth kennen. Dieses Zusammentreffen bildete die Basis einer wunderbaren Freundschaft, die bis heute anhält.

Von Elisabeth Oubda erfuhr Torsten Krauße von einem Projekt, das sie im Jahre 2001 in Bobo Dioulasso (Burkina Faso) aufgebaut hat. Es ist das Dorcas Center, ein christliches Hilfszentrum für Frauen und Kinder. Hier werden Mädchen und junge Frauen zu Schneiderinnen ausgebildet, Waisenkinder und Straßenjungs betreut und ein Kindergarten betrieben. Torsten Krauße war von diesem Programm fasziniert und wollte seinen Freunden in Burkina Faso helfen. »Wir mussten einfach etwas machen«, erinnert er sich.

Heute, zehn Jahre nach der Gründung des Vereins Kinderhilfe Westafrika, ist diese Vision Wirklichkeit geworden. Die intensive Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen vor Ort erstreckt sich inzwischen neben Burkina Faso auch auf Benin, Ghana und Nigeria. Seit acht Jahren entsendet der Verein Freiwillige zu den Organisationen in Westafrika.

Möglich wird das durch die Zusammenarbeit mit der Entsendeorganisation »weltwärts« und Engagement Global, einem Ansprechpartner im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Eva Stübiger, Tabea Heck, Karin Gräßer und Dietrich Neubert gehören zu den Freiwilligen, die 2017 die Arbeit in Westafrika fortsetzen. Alle vier kommen aus den neuen Bundesländern, sind in Plauen, Bad Brambach und Jena zu Hause.

Für Tabea (18), Eva (18) und Karin (19) beginnt mit diesem Einsatz nach der Schule ein neuer Lebensabschnitt. Gerade noch in den Abiturprüfungen, stehen sie vor einer neuen Herausforderung. »Auf diesen Freiwilligendienst von Kinderhilfe Westafrika sind Karin und ich im christlichen Jugendmagazin Teensmag aufmerksam geworden«, erinnert sich Tabea. Eva aus Bad Brambach erfuhr davon von ihrem Pfarrer, der die Organisation bereits kannte. Für Dietrich Neubert ist der Freiwilligendienst in Westafrika eine konsequente Fortsetzung seiner Arbeit in sozialen Einrichtungen. Dieser Herausforderung möchte sich der 26-Jährige jetzt gern stellen.

Eva hat sich für Benin entschieden. Sie liebt Französisch und weiß, dass es in Benin die Amtssprache ist. Die anderen drei werden nach Ghana gehen, wo vorwiegend Englisch gesprochen wird. Anfänglich, so schätzen alle, sind sie mit den schulischen Sprachkenntnissen gut vorbereitet. Das haben die Gespräche mit den Partnerorganisationen bestätigt. Dennoch gilt für jeden Einzelnen, der in diese neue Umgebung kommt: »Learning by Doing«. Während des Vorbereitungsseminars haben sich die Freiwilligen ausführlich mit den Projekten beschäftigt, in denen sie arbeiten werden.

Es ist eine gute Vorbereitung, die die Freiwilligen von der Entsendeorganisation bekommen. Keiner wird auf sich allein gestellt sein. Sie sind immer zu zweit im Land, wohnen mitunter bei den leitenden Pfarrern und bekommen Betreuer zur Seite gestellt, die sie stets erreichen können. Eigentlich ist alles rund, könnte man denken – doch die vier jungen Menschen haben Respekt vor dem, was sie erwartet. Für Tabea, Eva und Karin ist es das erste Mal, dass sie so lange Zeit auf sich gestellt sind und ihre gewohnte Umgebung verlassen. »Mittlerweile überwiegt die Vorfreude gegenüber der anfänglichen Angst. Das Vorbereitungsseminar hat mich motiviert«, sagt Eva.

Für Torsten Krauße und die anderen haupt- und ehrenamtlichen Helfer der Kinderhilfe Westafrika gehört der christliche Glaube zu ihrem Leben und bildet das Fundament ihrer Arbeit. Es sind vor allem christliche Partnerorganisationen in Afrika, die der Verein unterstützt. Gerade die Pfarrer in den Dörfern und Städten sind diejenigen, die etwas für die Menschen vor Ort tun. Anders als bei uns stehen die christlichen Zentren und die Gemeinden im Mittelpunkt des Zusammenlebens.

Dies wird ganz besonders beim Entsendegottesdienst in Gera-Ernsee sichtbar. Die tiefe Verbundenheit zu Gott schwingt bei allem mit, was in diesen zwei Stunden passiert. Mit großer Begeisterung berichten die afrikanischen Gäste von ihrer Arbeit. Immer wieder kommt ein Halleluja über ihre Lippen. Dankbar schauen sie auf das zurück, was der Herr durch ihr Werk getan hat und dass man ohne die Unterstützung der Kinderhilfe Westafrika nicht so weit wäre.

In den Ausbildungsprojekten in Ghana werden Tabea, Karin und Dietrich arbeiten. Sie werden in sogenannten Extra Classes beim Unterricht helfen und Fächer wie Englisch, Mathematik und Informatik unterrichten. Eva wird im College Sion, einem Gymnasium in Benin, beim Deutsch- und Informatikunterricht helfen. Direktor Rene Sobabé ist von dort gekommen und berichtet, dass im vorrangig muslimischen Norden Benins durch Bildung den Kindern und Jugendlichen geholfen werde, sich aus traditionellen familiären Strukturen zu lösen.

Für die jungen Frauen aus Mitteldeutschland gehört Gott ganz selbstverständlich zu ihrem Leben. Eva nimmt ihren Glauben als ein Stück Heimat mit nach Benin. Sie ist gespannt, wie dort die Religion gelebt wird. Als Christen möchten Tabea und Karin in Afrika gemeinsam im Glauben wachsen. Dietrich hingegen sieht sich nicht als frommen oder gläubigen Menschen. Dennoch möchte er das Leben im Glauben vor Ort respektieren, offen und in Demut den Menschen begegnen.

Für Tabea ist es wichtig, dass die Kinderhilfe Westafrika eine christliche Organisation ist, »das macht schon einen großen Unterschied zu anderen Hilfsorganisationen weltweit und hilft mir, mit dem Herzen dabei zu sein«.

Wolfgang Hesse

www.kinderhilfe-westafrika.de

Iran: Haft und Peitschenhiebe für christliche Konvertiten

25. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Jahr 2012 entging Pfarrer Youcef Nadarkhani im Iran nur knapp der Todesstrafe, die ein Gericht 2010 wegen Apostasie (»Abfall vom Islam«) gegen ihn verhängt hatte. Jetzt ist Nadarkhani wieder ins Visier der iranischen Justiz geraten und am 24. Juni zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) erklärte, ist der Hintergrund der Verurteilung die erfolgreiche Mitarbeit des ehemaligen Muslims an der Gründung inoffizieller Hausgemeinden. Außerdem werde er beschuldigt, »Zionist« zu sein. Wie es im Urteil heißt, das seinem Anwalt am 6. Juli zugestellt wurde, muss Pfarrer Nadarkhani nach Verbüßung seiner Haft weitere zwei Jahre zur Verbannung in Nikshahr im äußersten Süden der Islamischen Republik – rund 2 000 Straßenkilometer entfernt von seiner Familie und seiner Gemeinde.

»Sein Anwalt hat zumindest auf dem Papier noch die Möglichkeit, innerhalb von 20 Tagen gegen das Urteil vom 6. Juli Berufung einzulegen«, erklärte IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin. Die Justiz der Islamischen Republik sei jedoch dafür bekannt, dass sie nicht nur internationales Recht missachte, sondern sogar das eigene, iranische Recht.

Zusammen mit Youcef Nadarkhani wurden laut IGFM weitere christliche Konvertiten zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. In drei Fällen beinhaltete das Strafmaß zudem jeweils 80 Peitschenhiebe wegen des Trinkens von Wein beim Abendmahl.

Der 40-jährige Youcef Nadarkhani lebt wie die anderen Verurteilten in Rasht, der Hauptstadt der Provinz Gilan im Norden des Irans am Kaspischen Meer. Er ist verheiratet und Vater zweier Söhne. Im Alter von 19 Jahren konvertierte er vom Islam zum Christentum. Seit 2001 ist er Pfarrer in einem Netzwerk von Hauskirchen, zu der auch die Freikirche »Church of Iran« gehört, eine der größten Hauskirchen im Iran. Zudem war er bis zu seiner Verhaftung Gemeindeleiter einer 400 Mitglieder großen Gemeinde.

Das erste Mal wurde Nadarkhani 2006 verhaftet. Die Vorwürfe schon damals: Apostasie (Abfall vom Islam – ein Straftatbestand, der nach dem islamischen Recht im Iran mit dem Tode bestraft werden kann) und Evangelisierung. Seinerzeit kam er ohne Verurteilung frei. Doch in den nächsten Jahren folgten weitere Verhaftungen, auch seine Frau Fatemeh Pasandideh wurde inhaftiert. Die Behörden drohten, den Eltern das Erziehungsrecht zu entziehen und ihre Kinder einer muslimischen Familie zuzuführen.

Weltweite Bekanntheit erlangte Nadarkhani 2010, als ihn ein islamisches Revolutionsgericht wegen Apos­tasie und Evangelisierung zum Tod durch den Strang verurteilte. »Der einzige Weg, dieses Urteil außer Kraft zu setzen, wäre die Lossagung von seinem Glauben gewesen«, heißt es dazu beim IGFM. Wäre die Todesstrafe vollstreckt worden, wäre Nadarkhani seit Jahren der erste Konvertit gewesen, der offiziell aufgrund seines christlichen Glaubens hingerichtet worden wäre.

Die Verurteilung löste internationale Proteste aus. Im September 2012 wurde der Pfarrer freigelassen, aber laut IGFM seither weiter drangsaliert, weil er seine Gemeindearbeit nicht aufgab. Nun also die Verurteilung zu zehn Jahren Haft und zwei Jahren Verbannung.

Adrienne Uebbing

www.igfm.de/iran/aktuelle-appelle/

Deutscher Gottesdienst im »Temple«

19. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche im Urlaub erlebt man ganz anders, bilanziert Andreas Braun: »Da nimmt die Schwellenangst ab.« Seit drei Jahren lädt der evangelische Pfarrer im Sommer zum deutschsprachigen Gottesdienst in das französische Soulac-sur-Mer bei Bordeaux ein.

Veranstaltet werden diese Gottesdienste zusammen mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Braun sieht das Angebot als Dienst am Touristen. Oft loben ihn die Urlauber, mittlerweile kündigen sogar die meisten örtlichen Tourismus-Ämter die Gottesdienste an: »Das Label EKD hilft uns dabei sehr«, so Braun.

»Soulac-sur-Mer liegt auf der ›Route du Médoc‹«, erklärt Andreas Braun. Diese Weinstraße führt, einige Kilometer bevor die Gironde bei Le-Verdon ins Meer fließt, nach Soulac. Der Ort hat knapp 3000 Einwohner. Was hat ihn hierhin verschlagen? »Ich habe zunächst in Tübingen und Heidelberg studiert«, erzählt der 57-Jährige. »Dazwischen war ich ein halbes Jahr Student in Paris. Und ein Jahr Vikar im Hinterland von Montpellier. Als ich mein Studium in Baden abschloss, sind viele Kandidaten in der badischen Landeskirche geblieben, wo man nicht wusste, wohin mit all den Absolventen. Wenige sind ins Ausland gegangen. Etwa nach Frankreich, wo ich den Eindruck hatte, dass die Kirche mich herzlich willkommen hieß.«

Treffpunkt in den Sommermonaten für Touristen und Einheimische gleichermaßen: »Le temple de Soulac-sur-Mer«, die kleine evangelische Kirche des Badeortes am Atlantik. – Foto: Holger Wetjen

Treffpunkt in den Sommermonaten für Touristen und Einheimische gleichermaßen: »Le temple de Soulac-sur-Mer«, die kleine evangelische Kirche des Badeortes am Atlantik. – Foto: Holger Wetjen

Das war vor fünfundzwanzig Jahren. Später hat Andreas Braun die Pfarrerin der deutschsprachigen Gemeinde von Toulouse kennengelernt: Gesine Bertaux. Infolge dieser Bekanntschaft sind dann in den nächsten Jahren immer wieder Pfarrer aus der EKD auch nach Soulac gekommen und haben Gottesdienst gehalten. In der kleinen evangelischen Kirche, deren Bau die Gemeinde 1939 durch Spenden finanziert hat.

Diese Kirche ist einer der Gründe, warum Andreas Braun in seiner französischen Wahlheimat EKD-Gottesdienste anbietet. Der andere: der starke Touristenstrom im Sommer. Während der großen Reisewellen im Juli und August halten sich in Soulac und den benachbarten Urlaubsorten Lacanau und Montalivet jedes Jahr stets zwischen 80000 und 90000 Menschen in der Region auf.

Warum es gerade Urlauber sind, die zu ihm kommen? »Im Urlaub sagt man leichter mal: ›Hey, wir gehen mal wieder in den Gottesdienst!‹«

Die deutschsprachigen Gottesdienste ziehen viele kirchenferne Protestanten an. Und die EKD stellt Andreas Braun einen Urlaubsseelsorger an die Seite.

In den letzten Jahren seien Gläubige fast aller Konfessionen nach Soulac gekommen: Pfingstler, Liberale, Baptisten und Lutheraner. Schon zu den französischen Gottesdiensten – sie finden auch im Sommer weiterhin jeden Sonntag um 10.30 Uhr statt – kämen Franzosen, Holländer, Belgier, Schweizer, Mexikaner oder Brasilianer.

»Ich kann mir vorstellen, dass die Holländer oder Schweizer, die Deutschen oder auch Skandinavier sich im deutschsprachigen Gottesdienst besonders wohlfühlen, da das Kirchenbewusstsein vergleichbar ist.« Das liege daran, dass etwa in Holland die Kirche ganz ähnlich organisiert sei wie in Deutschland: als Landeskirche und Volkskirche.

Aber es kämen jedes Jahr auch Franzosen in den deutschen Gottesdienst. Protestanten aus der Gemeindeleitung und andere. Andreas Braun hat als Pfarrer aus Deutschland das Renommee, ein »echter Protestant« zu sein. Immer wieder fragen ihn Kollegen aus den benachbarten Kirchen: »Andreas, willst du nicht mal kommen und bei uns predigen? Damit meine Leute mal einen echten Protestanten sehen!«

Immerhin sei das Médoc dünn besät an Protestanten. In diesem 10000 Quadratkilometer großen Landstrich, der von Verdon im Norden bis in die südlichen Lande reiche, seien es nur etwa 1700 Menschen, an die der Pfarrbrief der evangelischen Gemeinde ausgehändigt werde. Die meisten Mitgliedsfamilien lebten in konfessioneller Mischung: Protestanten seien verheiratet mit Katholiken. Insgesamt zähle Frankreich heute zwischen 1,5 und 1,8 Millionen Protestanten, wenn man alle Konfessionen, Freikirchen und Gemeindearten zusammenrechne.

Die Protestantisch-Unierte Kirche Frankreichs, zu der die Gemeinde von Soulac gehört, definiere sich als pluralistische Kirche: Das sei in Frankreich ein Novum. Denn in Frankreich kenne man die Kirche vom Katholizismus her noch immer als einen Ort, wo gesagt werde: »Das und das musst du glauben.« Dazu stelle die protestantische Kirche einen Kontrast mit ihrem Pluralismus, den viele überraschend fänden.

Parallel zu den Gottesdiensten (29. Juli bis 19. August, immer sonnabends um 19.30 Uhr) zieht in diesem Sommer auch der Reformator selbst an den Atlantik – in Form der Ausstellung »Luther öffnet der Moderne die Türen«. »Diese Ausstellung der Evangelischen Kirche Frankreichs hatte schon in Bordeaux, Lyon, Marseille und vielen anderen Orten Erfolg«, erklärt Braun. »Darum wollen wir sie vom 11. bis 20. August in Soulac-sur-Mer wieder zeigen.«

Holger Wetjen

www.ekd.de/urlaubsseelsorge

Naher Osten: Schulfernsehen für Flüchtlingskinder

12. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der christliche Fernsehsender SAT-7 plant, ab September rund um die Uhr ein eigenes Schulfernsehen für Kinder in den Flüchtlingslagern des Nahen Ostens zu senden. »Wir wollen acht bis zehn Stunden am Tag Mathematikunterricht, Englisch oder Naturwissenschaften für Kinder im Grundschulalter ausstrahlen«, so der Europa-Referent des Senders, Kurt Johansen (Christiansfeld/Dänemark). In den Flüchtlingslagern des Nahen Ostens gebe es kaum Schulen. Aber fast in jedem Flüchtlingszelt stehe ein Fernseher, mit dem die Programme empfangen werden könnten.

Kleiner Bildschirm, große Wirkung: In einem Flüchtlingslager im Nahen Osten schauen Kinder den Sender SAT-7; bald soll hier ein eigenes Schulfernsehen ausgestrahlt werden. – Foto: DMG/SAT-7

Kleiner Bildschirm, große Wirkung: In einem Flüchtlingslager im Nahen Osten schauen Kinder den Sender SAT-7; bald soll hier ein eigenes Schulfernsehen ausgestrahlt werden. – Foto: DMG/SAT-7

Derzeit sendet das 1995 gegründete Medienunternehmen aus Studios in Kairo, Istanbul, Beirut und Zypern auf vier Kanälen in Arabisch, Farsi und Türkisch. Ferner gibt es ein eigenes Kinderprogramm.

Einer Umfrage des renommierten Instituts »Ipsos« zufolge, die im vergangenen Jahr unter 28 000 Menschen im Nahen Osten per Telefon durchgeführt wurde, könnten mehr als 21 Millionen Menschen regelmäßig die Programme von SAT-7 verfolgen.

Neben dezidiert christlichen Programmen, die der Glaubensstärkung der christlichen Minderheiten im Nahen Osten dienen, werden auch Programme zu Frauen- und Menschenrechten ausgestrahlt. Dabei arbeitet SAT-7 eng mit den Kirchen der Region zusammen: So gehört der Generalvikar des maronitischen Patriarchen, Erzbischof Paul Sayah, ebenso zum Aufsichtsrat des Senders wie der Generalsekretär des mittelöstlichen Kirchenrates, Michel Jalakh.

In Deutschland wird SAT-7 nach Angaben von Johansen von immer mehr Landeskirchen, Bistümern und kirchlichen Werken unterstützt. So beteiligen sich die Erzdiözese Köln, das Bistum Rottenburg-Stuttgart und die evangelischen Landeskirchen von Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Nassau und dem Rheinland an der Finanzierung des Senders. Auch vom Evangelischen Missionswerk, dem christlichen Hilfs- und Missionswerk DMG, dem Aachener Hilfswerk Missio, dem Kindermissionswerk »Die Sternsinger« und der Hilfsorganisation »Kirche in Not« werde SAT-7 unterstützt.

Benjamin Lassiwe

Oase mitten in Lissabon

4. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Auslandsgemeinde: An der vierspurigen Avenida Columbano, auf der die Autos im Sekundentakt vorbeirauschen, alle fünf Minuten übertönt vom Dröhnen eines Flugzeugs im Landeanflug, inmitten von Hochhäusern, soll die deutsche Evangelische Kirchengemeinde zu finden sein?

Das Umfeld der »Oase mitten in Lissabon«, wie es auf einem der Flugblätter der Kirchengemeinde heißt, stellt man sich anders vor. Doch sobald der Besucher das Grundstück der Igreja Evangélica Alemã betreten hat, fühlt er sich wie in einer anderen Welt. Das liegt an der baulichen Gestaltung von Kirche und Pfarrhaus, die hier 1934 – damals noch am Lissabonner Stadtrand – nach Plänen des Architekten Otto Bartning entstanden und die der wuchtigen, lauten Umgebung einen Eindruck von Wärme und Freundlichkeit entgegensetzen. Im lauschigen Garten gedeihen Avocados und Mirabellen, leben Kaninchen und Meerschweinchen, von denen eines auf den Namen Martin Luther hört. Doch vor allem sind es die hier wirkenden Menschen, die aus diesem Ort etwas Besonderes machen.

Pastoren im Doppelpack: Nora Steen und Leif Mennrich teilen sich die Pfarrstelle für die deutsche Evangelische Kirchengemeinde in Portugals Hauptstadt – sie gehört zu den ältesten Auslandsgemeinden der EKD. – Foto: Rainer Breda

Pastoren im Doppelpack: Nora Steen und Leif Mennrich teilen sich die Pfarrstelle für die deutsche Evangelische Kirchengemeinde in Portugals Hauptstadt – sie gehört zu den ältesten Auslandsgemeinden der EKD. – Foto: Rainer Breda

Die Lissabonner Gemeinde gehört zu den ältesten der hundert Auslandsgemeinden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). 2011 feierte sie ihr 250-jähriges Bestehen. Gegründet von norddeutschen Kaufleuten wenige Jahre nach dem Erdbeben 1775, das die portugiesische Hauptstadt in Schutt und Asche legte, versteht sie sich auch heute noch als »geistliche Heimat all jener Deutschen, die auf Zeit oder auf Dauer in Portugal leben« – so formuliert es Hildegard Jusek, frühere Vorsitzende des Kirchengemeinderates und heutige Prädikantin.

Jusek kam vor mehr als 50 Jahren mit ihrem Mann und ihrem drei Monate alten Sohn nach Lissabon, sie gehört zu den langjährigsten der rund 200 Gemeindemitglieder. Nora Steen und Leif Mennrich zählen zwar erst seit 2015 zur Igreja Evangélica Alemã, sind aber in hohem Maße mitverantwortlich für die ganz besondere Atmosphäre in der Gemeinde: Das Ehepaar teilt sich die Pastorenstelle, es lebt mit zwei Töchtern im Pfarrhaus gleich neben der Kirche.

»Wir wollten noch einmal ins Ausland gehen, solange die Kinder klein sind«, erklärt Mennrich ihren Antrieb. Dass beide weder Portugal noch Lissabon kannten, geschweige denn die Sprache beherrschten, hielt sie nicht von ihrer Idee ab.

Steen, in Deutschland als ehemalige »Wort-zum-Sonntag«-Sprecherin in der ARD bekannt, und Mennrich halten die sonntäglichen Gottesdienste an der Avenida Columbano (zu denen die einzigen evangelischen Glocken in ganz Portugal rufen), sie erteilen Konfirmandenunterricht, organisieren mit dem Gemeindekirchenrat Feste und Veranstaltungen, sind Seelsorger – tun eben all jenes, was Geistliche leisten müssen. Dass Mennrich die Anforderungen in Lissabon gleichwohl als »überdurchschnittlich« beschreibt, liegt zum einen an den besonderen Gegebenheiten der Position als Auslandsgeistlicher, zum anderen an den speziellen Strukturen. »Das war ein großer Schritt für uns, das Leben in ein anderes Land zu verlagern, dessen Sprache und Kultur wir nicht kannten«, sagt Steen.

Die Sprache haben sich beide längst angeeignet, auch mit der Kultur haben sie sich schnell vertraut gemacht. »Der 11-Uhr-Gottesdienst fängt an, wenn alle da sind – was auch mal zehn Minuten später sein kann«, erzählt Mennrich mit einem augenzwinkernden Lächeln. Ohnehin hat er in Lissabon eine »angenehme Nachsichtigkeit gegenüber anderen Lebensweisen und Lebensläufen« ausgemacht, was er auf die zum Teil bunten Biografien der Gemeindemitglieder zurückführt. So lebt ein Drittel der 170 Frauen und Männer, die den »harten Kern« der Igreja Evangélica Alemã bilden, seit Jahrzehnten in Portugal, ein weiteres Drittel hat es aus beruflichen Gründen auf Zeit dorthin verschlagen. Entsprechend vielfältig sind die Lebensentwürfe, mischen sich in Familien die Nationalitäten. Erst neulich musste der 44-Jährige eine Beerdigungszeremonie in vier Sprachen abhalten: »Der Verstorbene hatte einen portugiesischen, armenischen, französischen und deutschen Hintergrund.«

Und es sind nicht nur Gemeindemitglieder, die an der Avenida Columbano um Hilfe bitten. »Wir dienen häufig als Anlaufstelle, wenn die Deutsche Botschaft geschlossen hat«, berichtet Steen. Mal braucht jemand Unterstützung, der bestohlen worden ist, mal fragen Lissabon-Gestrandete nach einem Schlafsack. Dazu kommen Ereignisse wie jener Anruf einer verzweifelten Frau aus Dresden, deren Mann an einem Freitagabend beim Besteigen des berühmten Torre de Belém einem Herzinfarkt erlegen war. Steen räumte mit ihr gemeinsam das Hotelzimmer aus, unterstützte sie bei den Formalitäten. Einige Wochen später erreichte ein großer Blumenstrauß als Dankeschön das Pfarrhaus. Hinzu kommt der Küsterdienst, denn den kann sich die Gemeinde nicht leisten: Der Kirchenrat muss das Geld gut zusammenhalten. Der 150 000-Euro-Haushalt, von dem auch noch ein Friedhof unterhalten werden muss, speist sich ganz anders als in Deutschland.

Die Kirchengemeinde lebt ausschließlich von Spenden und den Beiträgen ihrer Mitglieder. Für die Pastoren hat die finanzielle Ausstattung auch eine existenzielle Bedeutung: Sie bekommen ihr Gehalt – anders als in Deutschland, wo die jeweilige Landeskirche zahlt – von ihrer Gemeinde in Lissabon. Diese will nun, durchaus verbunden mit der Hoffnung auf Spenden, verstärkt Touristen auf sich aufmerksam machen. Der Vertrag von Steen und Mennrich läuft noch vier Jahre. Was dann kommt, wissen sie noch nicht. Klar ist: Mit der Igreja Evangélica Alemã wird es weitergehen.

Rainer Breda

Bleistift trifft auf Revolver: Wilson und sein Schulweg der Angst

28. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Anblick der Leiche seiner Tante wird der Neuntklässler Wilson nie vergessen. Sie lag blutend auf dem Asphalt, ermordet von Auftragskillern.

In den Armenvierteln von Guatemala-Stadt werden Schulkinder häufig Zeugen von Verbrechen und Gewalt. Viele trauen sich nicht mehr auf die Straße und brechen die Schule ab, weil der Weg dorthin zu gefährlich ist. Wilson macht weiter. Aber bevor er morgens aus dem Haus geht, gibt er seiner Mutter immer einen zärtlichen Kuss. »Ich weiß ja nie, ob ich sie wiedersehen werde.«

Die Direktorin der Sekundarschule im Armenviertel La Peréz im Osten von Guatemala-Stadt möchte ihren Namen nicht nennen. »Seit 2011 bin ich für die Kinder an dieser Schule verantwortlich«, sagt sie und wirkt dabei wie eine Rebellin, die sich gegen die Atmosphäre der Gewalt auflehnt. »Unser Gebäude ist von einem Markt umgeben. Das Verbrechen ist immer ganz nah. Es gibt auch Tote. Das beeinflusst natürlich den Schulalltag. Viele Eltern haben Angst. Einige haben ihre Kinder von der Schule genommen.«

Ein gefährlicher Weg zur Schule für Wilson (Foto Mitte) und seine Mitschüler. Der Eingang wird von einer hohen Mauer mit Stacheldraht gesichert. »Sobald du hier ankommst, denkst du: ›Gott sei Dank. Alles ist gut gegangen.‹ Dann kannst du dich auf den Unterricht konzentrieren«, so Wilson. – Fotos: Andreas Boueke

Ein gefährlicher Weg zur Schule für Wilson (Foto Mitte) und seine Mitschüler. Der Eingang wird von einer hohen Mauer mit Stacheldraht gesichert. »Sobald du hier ankommst, denkst du: ›Gott sei Dank. Alles ist gut gegangen.‹ Dann kannst du dich auf den Unterricht konzentrieren«, so Wilson. – Fotos: Andreas Boueke

Die vierzehnjährige Mareli ist die beste Schülerin ihres Jahrgangs. Sie möchte auf jeden Fall einen Abschluss machen, aber sie weiß nicht, ob das möglich sein wird. »Ich habe gesehen, wie unsere Lehrerin erschossen wurde. Wir kamen gerade aus dem Schulgebäude, da fielen die Schüsse. Alle haben geschrien: ›Das Fräulein ist getroffen.‹ Es gab noch mehr Verletzte. Wir haben nie erfahren, warum sie ermordet wurde.« Die Direktorin bemüht sich um Schutz für die Kinder. Das ist eine heikle Sache. »Wir sind zum Bürgermeister gegangen«, erzählt sie. »Er hat uns in seinem Büro empfangen. Plötzlich war da ein Fotograf. Am nächsten Tag stand auf der Internetseite des Rathauses ein Foto von mir mit dem Bürgermeister. Dazu die Überschrift: ›Eine Schuldirektorin bittet um Schutz vor Erpressung.‹ Zwei Tage später haben die Jugendbanden mich persönlich bedroht. Sie schrieben mir, ich hätte sie verraten. Sie würden auch mich töten.« Einige Wochen lang kam die Direktorin nicht zur Schule. »Aber jetzt ist sie wieder da«, sagt Mareli mit sorgenvollem Blick. »Ich glaube, sie hat Angst.«

Nur jeder vierte Jugendliche in Guatemala besucht eine Sekundarschule. Der fünfzehnjährige Wilson sieht Bildung als seine beste Chance, eines Tages aus dem Armenviertel rauszukommen. »Wir wohnen am Ende einer Sackgasse. Hier fühle ich mich noch sicher. Aber sobald ich auf die große Straße komme, weiß ich nicht, was mich erwartet.«

Schon nach wenigen Metern trifft Wilson auf einen Mann in schmutzigen Hosen und einem grauen Unterhemd. Er ist wohl betrunken oder vielleicht auch auf Drogen. Er bedrängt den Jungen, ihm etwas zu essen zu geben. Aber Wilson geht unbeirrt weiter. Er biegt auf die Hauptstraße seines Viertels. Der schmale Bürgersteig ist voller Produkte, die zum Verkauf angeboten werden: Gemüse und Fleisch, Spielzeug und Plastikbecher, Gebrauchtkleider und Holzbesen. Der Junge trägt das blitzsaubere, weiße Hemd seiner Schuluniform. Er deutet auf eine sandige Stelle am Boden. »Dort habe ich neulich gelegen. Ich kam genau in dem Moment vorbei, als geschossen wurde. Alle Leute warfen sich auf die Erde. Ein Mann wurde getötet. Er hatte einen Verkaufsstand mit Fleisch und Wurst.« Bei solchen Morden geht es oft um Erpressungsgeld. Einige Ladenbesitzer wollen nicht zahlen oder können nicht.

Einen anderen Weg zur Schule gibt es nicht. »Einige meiner Freunde bleiben zu Hause. Die Eltern sagen, es sei zu gefährlich. Als letztes Jahr zwei Schüler getötet wurden, sind viele andere nicht mehr gekommen. Genau hier, wo wir gerade stehen, ist der Junge gestorben. Dort unten hat das Mädchen einen Querschläger abbekommen. So was passiert innerhalb von Sekunden.«

In Guatemala werden im Schnitt täglich vierzehn Menschen ermordet, die meisten Fälle bleiben unaufgeklärt. Die letzten Monate waren besonders brutal. Wilson hat keine Ahnung, weshalb. Er ist froh, dass die Polizei reagiert. Auf den Hauptstraßen patrouillieren jetzt einige Polizisten. »Die Zahl der Verbrechen hat deutlich zugenommen«, erklärt ein Mann in Uniform. »Wir tun was wir können. Aber wir haben nicht genug Personal.«

Die Straßenverkäufer legen ihre Produkte jeden Morgen sehr früh aus. »Uns wird das Leben schwer gemacht«, sagt ein junger Mann, der vor dem Bauch eine Art Tisch trägt, auf dem Süßigkeiten und Plastikprodukte liegen. »Die Banden erpressen uns, obwohl wir nur wenig verdienen. Einige von uns wurden getötet, weil sie ihre Quote nicht gezahlt haben. Mir bleibt nichts anderes übrig, als jeden Monat zweihundert Quetzales zu zahlen.« Das sind mehr als zwanzig Euro und entspricht in etwa dem Verdienst von drei Tagen.

Wilson geht an einer hohen Mauer vorbei, hinter der ein paar wohlhabende Familien leben. Vor dem Eingangstor steht privates Sicherheitspersonal, das überprüft, wer reinkommen darf. In Guatemala gibt es siebenmal mehr private Sicherheitsleute als staatliche Polizisten. Wer am Schlagbaum vorbeikommt, trifft auf eine völlig andere Atmosphäre. Die Straßen sind leer. Die Bewohner halten sich in ihren Häusern auf. Wer raus will, fährt Auto. Zu Fuß geht fast niemand. Wilson kennt keines der Kinder, die hier wohnen. »Die haben Chauffeure und Bodyguards, um überall sicher hinzukommen und besuchen Privatschulen. Das können sich meine Eltern nicht leisten.«

Ein paar hundert Meter weiter wird es plötzlich laut. Der Markt beginnt. Wilson erinnert sich an den Stand seiner Tante: »Ich bin jeden Tag zu ihr gegangen. Sie hat immer nett gefragt, wie es mir geht. Aber wenn ich jetzt dorthin schaue, ist der Platz leer. Sie ist 36 Jahre alt geworden.« Ein Mann, der Schuhe repariert, kann sich gut an den Tag erinnern. »Es war sehr früh morgens. Die beiden Killer kamen auf einem Motorrad. Einer ist abgestiegen und hat sie exekutiert.« Er habe den Schützen gesehen: »Er war nicht viel älter als zwölf Jahre. Diese Kinder werden von Erwachsenen geschickt, die ihnen ein bisschen Kleingeld geben.«

In den Tagen nach dem Tod seiner Tante fiel es Wilson schwer, seine Hausaufgaben ordentlich zu machen. »Doch nach einer Weile habe ich mir gesagt: ›Was soll das? Das war eben ihr Schicksal. Gott hat es so geplant.‹ Das muss ich akzeptieren. Als es passiert ist, habe ich mich sehr schlecht gefühlt. Aber jetzt ist wieder alles normal. Es bleibt nur ein trauriges Gefühl.«

Andreas Boueke

Mit Christus geht alles

20. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Attraktiv: In Frankreich zieht die protestantische Kirche junge Menschen an: Vier neue Mitglieder erzählen ihre Geschichte.

Emilie Gomez (36) aus Palaiseau bei Paris sagt: »Ich bin seit einem Jahr Mitglied der protestantischen Kirche. Wegen meiner Homosexualität. Ich lebe mit einer Frau zusammen. Und die protestantische Kirche bietet Gottesdienste und eine Einsegnung für ho­mosexuelle Paare.«

Früher war Emilie katholisch. Sie sei immer gläubig gewesen. Aber ihre Homosexualität war in ihrem Umfeld schlecht angesehen. Darum habe sie die Katholische Kirche und ihre Familie verlassen. Damals habe sie in Südfrankreich gelebt. In Toulouse. Sie habe der Kirche den Rücken gekehrt bis zum Aufwachsen ihrer Kinder: »Als mein Sohn mich bat, ihn beim Katechismus anzumelden, habe ich mich daran erinnert, dass ich eine umfangreiche religiöse Kultur hatte. Ich habe im Internet gesucht und die Protestantische Kirche gefunden.«

Dann habe sie Pastorin Dominique Hernandez kennengelernt. Sie habe die Gemeinschaft sympathisch gefunden. Und der Kirchenvorstand habe ihr Gesuch um Einsegnung als Paar angenommen. Wie hat sich ihr Leben geändert? »Ich entdecke an mir eine sehr sehr humanitäre Seite.« Im kirchlichen Hilfswerk Agapé veranstalte sie Picknicks für Flüchtlingsfamilien und helfe bei der Beherbergung obdachloser Frauen.

Auf den ersten Blick unscheinbar und doch ein Anziehungspunkt: Die lutherische Kirche Les Billettes im 4. Arrondissement von Paris. Sie gehört zu einer Klosteranlage mit Ursprung im 13. Jahrhundert. 1810 wurde die Kirche der lutherischen Gemeinde von Paris über­geben und restauriert. Der Kreuzgang blieb erhalten und ist heute der letzte der einst zahlreichen Klosterkreuzgänge von Paris. Fotos: Holger Wetjen, privat

Auf den ersten Blick unscheinbar und doch ein Anziehungspunkt: Die lutherische Kirche Les Billettes im 4. Arrondissement von Paris. Sie gehört zu einer Klosteranlage mit Ursprung im 13. Jahrhundert. 1810 wurde die Kirche der lutherischen Gemeinde von Paris über­geben und restauriert. Der Kreuzgang blieb erhalten und ist heute der letzte der einst zahlreichen Klosterkreuzgänge von Paris. Foto: Holger Wetjen, privat

Julien Guitard (35) aus Paris ist seit 2012 Mitglied der Protestantischen Kirche Frankreichs. Getauft wurde er im Herzen von Paris: in der lutherischen Gemeinde Les Billettes, im Pariser Intellektuellen-Viertel Marais. Warum? »Um auf einen Ruf zu antworten, auf eine sehr tiefe Überzeugung. Eine Liebes-Einladung, die Christus im Evangelium ausspricht. Eine Anrufung. Eine Berufung.«

Seitdem habe sich sein Leben vor allem geistig verändert: »Es ist ein Vertrauen, eine Hoffnung. Wenn man Christus hat, hat man alles.« Es gehe darum, die ethischen Fragen wieder aufzugreifen: Solidarität mit den Armen. Nicht im materiellen Sinne. Sondern mit denen, die in einer Armut des Geistes leben.

Julien ist EDV-Ingenieur. In seiner Familie war seine Großmutter lutherisch. Im 19. Jahrhundert sei einer seiner Vorfahren elsässischer Pastor gewesen: Eugène Menegoz. Guitard habe die Gemeinde Les Billettes schon »von außen« gekannt, weil er in der Nähe der Kirche wohnt. Auf der Taufe seines Neffen habe er dann den damaligen Pastor von Les Billettes, Alain Joly, kennengelernt: Das sei der Anlass gewesen, einen geistigen Weg einzuschlagen. »Ich bin Christus begegnet«, beschreibt er seine Erfahrung.

»Der Protestantismus hat mir Lust darauf gemacht, mehr über die Geschichte der Religionen und die biblischen Texte zu erfahren«, sagt Amandine Lebarbier (31), ebenfalls aus Palaiseau. »Er hat mir ermöglicht, einen beruhigten Dialog mit Gott wiederaufzunehmen, in dem die kirchliche Struktur keine Bremse mehr war, sondern eine Hilfe.« Die Doktorandin der Literaturwissenschaft ist infolge eines Bibelkurses Protestantin geworden. Vor vier Jahren. Zuerst sei sie aus reiner intellektueller Neugier dorthin gegangen. Als Französisch-Lehrerin wollte sie mehr über die Bibel erfahren. Aber die Begegnung mit Dominique Hernandez, Pastorin der Kirche von Palaiseau, sei bestimmend gewesen für ihren Willen, den Protestantismus anzunehmen.

Was hat sie am Protestantismus interessiert? »Der neue Bezug zum biblischen Text, den die protestantische Exegese anbietet: eine historisierte, vorsichtige, offene, vielfältige Lesart, niemals versteift.«

Ursprünglich katholisch erzogen, sei sie seit mehreren Jahren nicht mehr zur Messe gegangen: Sie habe sich nicht in Übereinstimmung gefühlt mit dem, was die katholische Kirche ihr angeboten habe. Aber sie sei immer noch angeregt gewesen von einer Lust, sich Gott anzu­nähern. Seit dem Bibelkurs gehe sie mit ihrem Mann regelmäßig in den protestantischen Tempel.

»Der Glaube und die Rückkehr in die Kirche haben mir gezeigt, dass man glücklich sein kann ohne Materielles und ohne ausschweifenden Konsum«, fasst es Morgan Lefèbvre (35) aus Lyon zusammen »In unserer Gesellschaft werden wir dazu angetrieben, immer das schönste Auto zu wollen, den großen Fernseher. Das ist ein Wettlauf nach dem Glück, bei dem es kein Ende gibt. Hingegen: wenn man sich wieder auf die Werte Christi besinnt, schafft man es, sich davon zu lösen und ein Glück zu finden, das gesünder und einfacher ist. Wahrhaftig. Und nicht an das gebunden, was man besitzt.«

Morgan ist Bankier. Die Kirche habe ihm erlaubt, bewusst Entscheidungen zu fällen. »Man vergisst oft, selbst zu denken. Man tut Dinge, die alles sind, außer brüderlich – alles, außer christlich.« Das habe sich geändert, seitdem er Mitglied der Kirche sei: »Heute treffe ich politische Entscheidungen nach Maßgabe des Glaubens und der Lehre Christi.«
Morgan Lefèbvre ist seit drei Jahren Mitglied in der protestantischen Gemeinde von Lyon Rive Gauche. Er sei ursprünglich katholisch erzogen worden. Aber es habe einen Haufen Dinge gegeben, die ihm an der Funktionsweise der katholischen Kirche missfallen hätten: »Meine Glaubensvorstellung und mein Bezug zur Schrift sind anders.« Darum habe er sich von der Kirche zurückgezogen.

Aber nicht vom Glauben.»Zugleich habe ich aber gemerkt: wenn man sich von der Kirche entfernt, entfernt man sich zwangsläufig auch vom Glauben. Man liest nicht mehr das Wort Gottes. Man hört keine Predigt mehr. Aber es gibt Momente im Leben, da ist man auf der Suche nach Werten. Nach Sinn. Und in der Kirche kann ich auf diese Fragen Antworten bekommen.«

Holger Wetjen

Neuanfang in der alten Heimat

12. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Rückkehr ist oft noch schwieriger als die Flucht, erleben Christen bei ihrer Ankunft in den zerstörten Dörfern in der Ninive-Ebene.

Klein und unscheinbar wie ein junger Olivenbaum – so beginnt in diesen Wochen der Wiederaufbau in den Dörfern der irakischen Ninive-Ebene. Ein kleiner Olivenbaum ist das Willkommensgeschenk für die ersten Rückkehrer in das Gebiet, in dem einst mehrheitlich Christen lebten.

»Wir wünschen Ihnen, dass Sie in Ihrer alten Heimat wieder Wurzeln schlagen können!« Andrzej Halemba, der Nahost-Experte des weltweiten katholischen Hilfswerks »Kirche in Not«, steht in der syrisch-katholischen Kirche von Karakosch, nur gut eine halbe Autostunde von Mossul entfernt, um das noch immer Kämpfe toben. Er ist derzeit Vorsitzender des Wiederaufbau-Komitees, das aus Vertretern der syrisch-orthodoxen, der syrisch-katholischen und der chaldäisch-katholischen Kirche besteht. Diese Form der ökumenischen Zusammenarbeit ist einmalig – und höchst notwendig: Davon zeugt allein schon der Ort der kleinen Zeremonie, mit der die Wiederaufbauarbeiten eingeläutet werden sollen: Die Kirche trägt die Spuren der Zerstörung durch die Kämpfer des sogenannten »Islamischen Staates« (IS).
Welt-2-23-2017Im Kirchenschiff sitzen einige der Zeugen, die von der Hölle erzählen können, durch die sie seit August 2014 gegangen sind. Als damals die islamistischen Kampfeinheiten immer näher rückten, ergriffen sie in Panik die Flucht.

Einer von ihnen ist der 76-jährige Habib Youssif Mansour, der aus dem Nachbar­ort Karamles stammt: »Nach Mitternacht sind wir aufgebrochen. Alles haben wir zurückgelassen. Der Schmerz und die Angst waren unvorstellbar.«

Einzige Zufluchtsmöglichkeit für Habib, seine Familie und insgesamt 130 000 Christen der Ninive-Ebene: die Autonome Region Kurdistan im Norden des Irak. Nach tagelangem Marsch erreichten sie deren Hauptstadt Erbil. Sie schliefen unter freiem Himmel, später in von den christlichen Kirchen organisierten Flüchtlingscamps oder angemieteten Wohnungen, wo sich Dutzende Menschen ein kleines Apartment teilten. Von dort aus verfolgten sie auch die militärische Entwicklung in ihrer alten Heimat. Als im Dezember 2016 Regierungstruppen und kurdische Peschmerga-Kämpfer ihr Dorf befreiten, blieben sie skeptisch: Wird der Friede halten? Und was, wenn der IS doch zurückkommt?

Kein Stein mehr auf dem anderen: Kirchen (hier in Bashiqa) wurden dem Erdboben gleichgemacht, Dörfer der Christen zerfielen in Schutt und Asche. Jetzt kehren die ersten Bewohner der Ninive-Ebene in ihr Stammland zurück. Fotos: Kirche in Not

Kein Stein mehr auf dem anderen: Kirchen (hier in Bashiqa) wurden dem Erdboben gleichgemacht, Dörfer der Christen zerfielen in Schutt und Asche. Jetzt kehren die ersten Bewohner der Ninive-Ebene in ihr Stammland zurück. Fotos: Kirche in Not

Eine von »Kirche in Not« unter den Binnenflüchtlingen Ende 2016 durchgeführte Umfrage spricht eine deutliche Sprache: Nur knapp über drei Prozent der Befragten wollten damals in ihre Heimat zurückkehren. Anfang März dieses Jahres die gleiche Frage – aber eine völlig andere Antwort: 41 Prozent wollen zurück, weitere 46 Prozent denken ernsthaft darüber nach. Doch der Weg ist steinig, wie der syrisch-orthodoxe Erzbischof Timothy Mosa Alshamany aus dem Kloster Mar Mattai zugibt. »Die Rückkehr in unsere Heimatorte ist noch schwieriger als es die Flucht aus ihnen war.« Denn eine Spur der Verwüstung zieht sich durch das christliche Stammland.

Um sich ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung zu machen und den Wiederaufbaubedarf zu ermitteln, hat »Kirche in Not« eine Untersuchung initiiert. Einheimische Priester tauschten die Soutane mit dem Blaumann, kirchliche Mitarbeiter schwärmten aus, um die Schäden aufzunehmen und zu katalogisieren. Auch Satellitentechnik kam zum Einsatz. Die Zahlen lassen das Entsetzen erahnen, das die Bewohner erfüllte, als sie stunden-, später auch tageweise ihre Heimatorte aufsuchten: Mehr als 12 000 Wohnhäuser in zwölf christlichen Ortschaften rund um Mossul sind beschädigt, 669 bis auf die Grundmauern zerstört. So wie das von Habib: »Ich habe mit meiner Familie ein zweistöckiges Haus bewohnt. Es wurde beschossen und dem Erdboden gleichgemacht.«

Und dennoch hält er, halten in diesen Wochen Hunderte christliche Familien an ihrem Plan fest, wieder Wurzeln zu schlagen in der Heimat. »Wir wollen nicht auf die Stimmen derer hören, die uns entmutigen und den Wiederaufbau verhindern wollen«, sagte der syrisch-katholische Erzbischof von Mossul, Yohanna Petros Mouche. »Wir haben in Christus einen starken Felsen, der uns Hoffnung gibt. Und wir sind dankbar, dass uns ›Kirche in Not‹ hilfreich zur Seite steht.«

Das Hilfswerk koordiniert nicht nur die Arbeit des Wiederaufbau-Komitees, es hat auch Soforthilfen bereitgestellt. So können nicht nur in Karakosch, sondern auch in den Ortschaften Bartella und Karamles die Baustellenfahrzeuge anrollen. Der Wiederaufbau der ersten 100 Häuser ist gesichert. Aber der weitere Bedarf ist enorm: Die Gesamtkosten werden schätzungsweise rund 250 Millionen US-Dollar betragen.

Der Kraftakt ist enorm. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um den Erhalt der 2 000-jährigen Präsenz der Christen im Irak.

Tobias Lehner und Daniele Piccini

www.kirche-in-not.de

Wo war Gott in Buchenwald?

4. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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KZ-Überlebender: Der Serbe Ivan Ivanji war Gast beim Kirchentag in Weimar. Kann jemand nach Auschwitz und Buchenwald überhaupt noch an einen Gott glauben?

Heiter sitzt er auf der Bank vor der Jakobskirche in Weimar. Wie immer gediegen im Anzug, etwas gebeugt, gelassen, gut gelaunt im Gespräch. Schlohweißes Haar, die Wangen etwas eingefallen, der Blick ist wach. Ein klein wenig Aufregung ist dabei. Dennoch blitzt immer sein Witz durch. Er ist gesegnet mit viel Humor, auch rabenschwarzem: Ivan Ivanji. Serbischer Schriftsteller, Übersetzer, Diplomat.

Gleich hat er eine von vier Veranstaltungen auf dem Kirchentag in Weimar, für ihn die wichtigste: »Wo war Gott in Buchenwald?« Er hat sich vorbereitet. Will ehrlich sein – auch sich selbst gegenüber. Er hat die Konzentrationslager überlebt, ist einer der wenigen noch lebenden Zeugen.

Sein Deutsch ist perfekt. Nur an seinem kleinen Akzent hört man, dass es nicht seine Muttersprache ist. Wohl aber die seines »Kinderfräuleins«. Im Banat geboren, also im sprachlich-kulturellen Grenzgebiet zwischen Rumänien, Serbien und Ungarn, wächst er als Kind einer Arztfamilie auf. Erst mit den Nazis wird ihm seine jüdische Herkunft bewusst. Das Hebräische hört er erstmals im KZ und ahnt: Damit muss zu tun haben, dass er verhaftet wurde. Wegen seines Seins als Jude, das ihm nichts bedeutet hat, aber offensichtlich seinen Peinigern. Da ist er 15 Jahre alt. Verschleppt aus seiner Heimat über tausend Kilometer weit weg. Erst nach Auschwitz, dann nach Buchenwald, dann in zwei weitere Außenlager.

»Ich lebe und ihr sollt auch leben« ist das Vermächtnis von Ivan Ivanji (88). Foto: Maik Schuck

»Ich lebe und ihr sollt auch leben« ist das Vermächtnis von Ivan Ivanji (88). Foto: Maik Schuck

Die drei Stufen zur Kirche hoch stützt ihn sein Sohn Andrej. Alleine ginge es nicht mehr. Dann nimmt er im Podium der Kirche Platz. Nach seinem Glauben befragt, erzählt er, dass er schnell noch reformiert getauft wurde und der Taufschein ihm wohl drei Jahre KZ erspart habe, weil er – zumindest eine Zeit lang – als ungarischer Christ durchkam. Wie er eigentlich fromm gewesen sei, aber Gott ihn im Lager offensichtlich verlassen habe. Er zitiert aus dem Samuelbuch eine Passage, die er den ersten Aufruf zum Holocaust nennt. Eine grausame Geschichte, in der alle Bewohner einer Region abgeschlachtet werden. Mit so einem Gott wolle er nichts zu tun haben. Gespannte Stille im Auditorium.

Der stellvertretende Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Rikola-Gunnar Lüttgenau, der zusammen mit Ivanji im Podium sitzt, dreht die Frage um: »Wo war Gott bei den Christen in Weimar?« Und Ivan Ivanji ergänzt: Das sei auch nicht eine Frage der Geschichte, sondern der Gegenwart. Wo stehen wir jetzt? Und wo sollten wir stehen? »Jedes Kind, das heute im Mittelmeer ertrinkt, stirbt nicht besser als ein Kind, das in den Gaskammern Auschwitz’ umgekommen ist.«

Es ist eine der Szenen, bei denen man eine Stecknadel fallen hören könnte.

1945 wird Ivan Ivanji aus einem Lager nahe Magdeburg befreit bzw. befreit sich selbst. Kehrt in monatelanger Odyssee zurück nach Belgrad, studiert Architektur und Germanistik, wird Theaterintendant, schreibt Bücher auf Serbisch und Deutsch und wird unter anderem Übersetzer des jugoslawischen Staats­präsidenten Tito, später serbischer Kulturattaché in Bonn. Ein Mittler zwischen dem Balkan und Deutschland. Ein Handelsreisender der Verständigung. Gebildet, neugierig, sehr fein beobachtend, messerscharf im Urteil, immer respektvoll.

In welcher Liga er spielt, wird unter anderem deutlich, wenn er von den Kontakten zu Heinrich Böll und Günter Grass erzählt, deren Bücher er ins Serbische übersetzt hat. »Wissen Sie, warum mein Sohn so gut Deutsch spricht? Weil Grass einmal sein Babysitter war, als meine Frau zum Theater musste und ich noch nicht zu Hause war.«

Die Bibel sei Weltliteratur, sagt er in Weimar. Er habe sie studiert. Wie auch den Koran. Während die Bibel für ihn eher Lyrik sei, dürfe man den Koran als Prosa lesen. Heiterkeit im Auditorium. Müsste er sich entscheiden, er wäre vermutlich Buddhist, sagt Ivanji.

Warum setzt sich ein 88-jähriger Mann mit Sohn in Belgrad in den Flieger, um zu einem Kirchentag nach Weimar zu kommen? Vermutlich würde er schmunzelnd antworten: »Weil ich eingeladen wurde.« Tatsache ist aber auch, dass er Weimar seine zweite Heimat nennt. Denn durch den behutsamen und wertschätzenden Kontakt der Gedenkstätte Buchenwald, allen voran des Direktors Volkhard Knigge, ist er sehr oft an den Ort seiner Qual zurückgekehrt. Er ist ein gern gesehener Zeuge, ein vitaler Erzähler. Ein Mahner für unbedingte Menschlichkeit.

So auch auf dem Kirchentag auf dem Weg in Weimar, wo er unter anderem bei den Tischgesellschaften am Eröffnungsabend in einer intensiven Runde mit rund 40 Menschen bei der Literarischen Gesellschaft Thüringens Rede und Antwort stand.

Einen Tag später sprach er mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu und dem Theologen Fulbert Steffensky über das große »Aber« der Weltgeschichte: »…aber die Liebe«, ein musisch-poetischer Abend. Ein Heimspiel für den Mann, der mühelos Rilke zitieren kann, zeitgleich aber einen bitter-realistischen Blick auf eine Menschheit hat, die immer neue Wege findet, sich selbst zu zerstören.

Wenig Hoffnung hat er für seine Region, das frühere Jugoslawien, speziell seine Heimat Serbien. Die demografische Entwicklung sei eindeutig negativ, das Land blute aus. Die Arbeitslosigkeit liege bei rund einem Viertel der erwerbsfähigen Bevölkerung. Die politische Kaste sei in Machtspiele verstrickt und Demokratie bleibe auf der Strecke. Der mögliche Anschluss an die Europäische Union sei immerhin eine Chance.

Sehr kritisch sieht er die serbisch-orthodoxe Kirche, der der weit überwiegende Teil der Bevölkerung angehört. Sie sei leider wenig hilfreich. Glaube in Serbien sei direkt gekoppelt mit Nationalismus. Dennoch und gerade deswegen ist sein Plädoyer: einmischen, mitreden, sich nicht abfinden.

Befragt nach einer Hoffnung für uns hier in Deutschland, antwortet der Buchenwald-Überlebende Ivanji, er halte es mit Jesus. So wie der wolle er uns auch sagen: »Ich lebe und ihr sollt auch leben.«

Ulrike Greim

Europa: Den Blick auf die Flüchtenden im Mittelmeer lenken

28. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Du siehst mich« (1. Mose 16,13) lautet die Losung für den 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT). Sie wird auch den Festgottesdienst begleiten, dessen Kollekte für die Rettung von Flüchtenden im Mittelmeer bestimmt ist. Das Geld geht an SOS Méditerranée und Mediterranean Hope, beides Projekte, die Flüchtlingen, die über das Mittelmeer nach Europa kommen, helfen.

Schätzungen zufolge sind in den letzten drei Jahren mehr als 10 000 Menschen auf diesen Routen ums Leben gekommen: »Sie waren auf der Flucht vor Krieg, Not und Terror und stießen auf unüberwindliche Grenzen, auf Abschreckung und Abschottung«, heißt es dazu in einer Erklärung des DEKT, und weiter: »Unsere Trauer um diese Toten bringen wir mit einer Schweigeminute am Freitag um 12 Uhr zum Ausdruck – und unterbrechen dafür unsere Veranstaltungen auf dem Kirchentag.«

Rund 1 000 Flüchtlinge aus Afrika und Syrien sind über die dank »Mediterranean Hope« eingerichteten humanitären Korridore« bislang nach Italien eingereist. – Foto: Facebook/Mediterranean hope

Rund 1 000 Flüchtlinge aus Afrika und Syrien sind über die dank »Mediterranean Hope« eingerichteten humanitären Korridore« bislang nach Italien eingereist. – Foto: Facebook/Mediterranean hope

Die 2015 gegründete Hilfsorganisation »SOS Méditerranée« kooperiert unter anderem mit »Ärzte ohne Grenzen« und stellt zivile Rettungsschiffe für in Seenot geratene Flüchtende im Seegebiet zwischen Libyen und Italien zur Verfügung. Sie setzt sich dafür ein, im Mittelmeer ein Seenotrettungsprogramm für Flüchtlinge sowie sichere und legale Fluchtwege einzurichten.

»Mediterranean Hope« ist ein ökumenisches Projekt, finanziert von der italienischen Waldenserkirche, das die lebensgefährlichen Fluchtversuche über das Mittelmeer dauerhaft verhindern soll. Gemeinsam mit der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio hat der italienische evangelische Kirchenbund mit diesem Projekt sogenannte humanitäre Visa möglich gemacht: Flüchtlinge können in Marokko oder im Libanon nach Nachweis einer humanitären Notlage auf der italienischen Botschaft einen Antrag auf ein Visum stellen.

Im Gegenzug haben sich die beteiligten Kirchen gegenüber dem italienischen Staat verpflichtet, ein halbes Jahr für die Eingereisten zu sorgen. Das geschieht unter anderem in zwei Zentren auf den Inseln Lampedusa und Sizilien.

Adrienne Uebbing

»Das kann nur Kirche – der Staat ist eine kalte Maschine«

23. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Pfarrerin Elena Bondarenko von der Evangelisch-Lutherischen Kirche Europäisches Russland (ELKER) hat beim Eröffnungsgottesdienst der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Namibia die Predigt gehalten. Die ELKER ist seit 2014 Partnerkirche der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

Bondarenko rief die aus der ganzen Welt zusammengekommenen Mitglieder der Vollversammlung auf, Gott zu vertrauen; die Kirche sei siegreich, »weil Jesus es verheißen hat«.

»Die Zeiten der Gewalt gelangen an ein Ende, und die Nachkommen stehen vor den Ruinen und klagen und beten und beschließen wieder aufzubauen, ›die verwüsteten Städte (zu) erneuern, die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben‹, wie es bei Jesaja heißt.« Diese Sätze hatte sie an den Anfang ihrer Predigt gesetzt.

Genau das sei die aktuelle Situation der ELKER, erläuterte sie anschließend im Gespräch: Nach der Oktoberrevolution von 1917 seien die Lutheraner verfolgt und die Kirchen geschlossen worden. »Wir sind uns mit den Orthodoxen und den Katholiken einig, dass 1917 für die Kirchen ein tragisches Datum ist«, so Bondarenko. Erst mit Gorbatschow und der Perestroika konnte sich ein Gemeindeleben langsam wieder entfalten. »Bis dahin hat unsere Kirche im Untergrund überlebt. Heute wachsen wir wieder.«

Pfarrerin Elena Bondarenko beim Eröffnungsgottesdienst der LWB-Vollversammlung in Windhuk, Namibia. Foto: LWB/Albin Hillert

Pfarrerin Elena Bondarenko beim Eröffnungsgottesdienst der LWB-Vollversammlung in Windhuk, Namibia. Foto: LWB/Albin Hillert

Erst seit 2010 sei die Situation stabil. Die Geschichten, wie Christen die Verfolgung überstanden haben, »sind ein wichtiger Samen für die Zukunft unserer Kirche«. Russlandweit hat die Lutherische Kirche offiziell 75 000 Mitglieder in 15 Propsteien, elf im europäischen und vier im asiatischen Teil. Vorrangig gehe es jetzt darum, die Kirche wieder aufzubauen und die einst beschlagnahmten Kirchen und Gemeinderäume zurückzubekommen.

Das ist für Bondarenko auch deshalb wichtig, weil es mittlerweile viele religiöse Gruppierungen gebe und die Lutheraner nicht in den Ruf einer Sekte kommen wollen. Zur Aufarbeitung der Vergangenheit gehöre auch der Kontakt zu den Kirchen in den baltischen Staaten, die einst zur Sowjetunion gehört haben. »Hier können wir als Kirchen eine Brücke schlagen«, meint Bondarenko vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen diesen Ländern.

Die heutigen Menschenrechtsfragen in Russland sind für die Lutherische Kirche allerdings kein Thema. »Vielleicht ist das egoistisch, aber für uns ist es heute das Richtige. Zuerst müssen wir unsere Kirche wieder aufbauen.« Bondarenko fürchtet, die ELKER könnte die Menschen wieder verlieren, wenn sie sich in politische Dinge einmischt. Allerdings setzt die Kirche auf diakonische Arbeit. So kümmert sie sich um Obdachlose, um Senioren- und Waisenkinder. Es gehe darum, beispielsweise Heime menschlicher zu machen. »Das kann nur Kirche – der Staat ist eine kalte Maschine«, betont sie. Angesprochen darauf, ob die Kontakte nach Lettland auch genutzt würden, um über die Frauenordination zu sprechen, die von der Lettischen Kirche abgelehnt wird, antwortet die Pfarrerin: »Es ist wichtig, dass die Lettische Kirche im LWB nicht isoliert wird. Wir müssen den Kontakt halten. Vielleicht ändern sie ihre Meinung wieder. Wir gehen zum selben Abendmahl, das Wichtigste ist das eine Evangelium für alle.«

Ralf-Uwe Beck und Solveig Grahl

Billig ist nicht der Maßstab

16. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Bilder rüttelten auf: Beim Einsturz des Rana-Plaza-Hochhauses in Bangladesch starben vor vier Jahren 1 129 Textilarbeiter, etwa doppelt so viele wurden verletzt. Mit dem Europaabgeordneten Arne Lietz (SPD), einem der Initiatoren für ein Gesetz, das Modeunternehmen zu einem verantwortlicheren Handeln zwingen soll, sprach Adrienne Uebbing.

Was hat sich an den Produktionsstandorten verändert? Gibt es Unterschiede in den Ländern?
Lietz:
In Bangladesch hat sich seit dem Unglück recht viel getan. Ein Beispiel von vielen ist der »Bangladesch Accord« zur Verbesserung des Brandschutzes und der Gebäudesicherheit in Bangladesch – ein rechtlich bindendes Abkommen zwischen den internationalen Gewerkschaften IndustriALL und UNI Global, Gewerkschaften in Bangladesch sowie internationalen Marken und Einzelhändlern.

Protestaktion zum Jahrestag der Tragödie: 2014 legten sich Demonstranten auf den Berliner Kurfürstendamm – bedeckt von Pappschildern mit den Namen der Unternehmen, die im Rana Plaza produzieren ließen. Der Welthandelsorganisation zufolge kommen mehr als 70 Prozent der EU-Textil- und Bekleidungsimporte aus Asien. Auftraggeber sind weltweit vertretene Markenhersteller auf der Suche nach niedrigen Preisen und kurzen Produktionszeiten. Foto: epd-bild

Protestaktion zum Jahrestag der Tragödie: 2014 legten sich Demonstranten auf den Berliner Kurfürstendamm – bedeckt von Pappschildern mit den Namen der Unternehmen, die im Rana Plaza produzieren ließen. Der Welthandelsorganisation zufolge kommen mehr als 70 Prozent der EU-Textil- und Bekleidungsimporte aus Asien. Auftraggeber sind weltweit vertretene Markenhersteller auf der Suche nach niedrigen Preisen und kurzen Produktionszeiten. Foto: epd-bild

Bisher ist Bangladesch das Land, in dem die meisten Initiativen stattgefunden haben, andere produzierende Länder wie Indien oder Pakistan hängen da noch weit hinterher. Aber auch in Bangladesch werden weiterhin Armutslöhne gezahlt oder Arbeitnehmerrechte verletzt. Deswegen brauchen wir eine europäische Gesetzgebung, denn Handelspolitik ist Europapolitik.

Das EU-Parlament hat vor wenigen Tagen mit 505 Ja-Stimmen bei 49 Gegenstimmen und 57 Enthaltungen die EU-Kommission aufgefordert, die Modeunternehmen per Gesetz zu einem verantwortlicheren Handeln in den Produktionsländern zu zwingen. Wie soll das konkret aussehen?
Lietz:
Wie schon bei dem Gesetzesvorschlag zu den Konfliktmineralien sollen die Unternehmen verpflichtet werden, ihre Lieferketten nachzuverfolgen. Dazu sind im Februar 2017 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Leitsätze für verantwortungsvolle Lieferketten von Bekleidung und Schuhen veröffentlicht worden, also ein Verhaltenskodex für weltweit verantwortliches Handeln von Unternehmen.

In diesen Leitsätzen werden die Sorgfaltspflichten für die Lieferketten definiert und Empfehlungen für verantwortliches Unternehmerverhalten bezüglich Transparenz, Arbeitsbeziehungen oder Umwelt gegeben. Die europäische Gesetzgebung soll sich an diesen OECD-Leitsätzen orientieren.

Was kann die EU – abgesehen vom angestrebten Gesetz – tun, um solche Katastrophen in Zukunft zu vermeiden?
Lietz:
Die EU kann vor allem in ihren Handelsverträgen mit den einzelnen Staaten darauf beharren, dass international anerkannte Arbeitnehmerrechte in den Verträgen verankert und in der Praxis implementiert werden. Außerdem können die EU-Institutionen bei sich selbst ansetzen und ihre öffentliche Beschaffung von Textilien an nachhaltigen Kriterien ausrichten. Im Europäischen Parlament haben wir bereits Fair-Trade-Kaffee, warum dieses nicht auf die Textilien ausweiten?

Nicht nur die Institutionen sind gefragt. Wie können wir als Christen verantwortlich handeln bzw. einkaufen?
Lietz:
Wir sollten uns zunächst fragen: Brauchen wir dieses eine Kleidungsstück unbedingt? Brauchen wir quantitativ mehr Kleidung oder brauchen wir qualitativ bessere Kleidung? Dann sollten wir uns immer beim Kauf fragen: Wo kam dieses Kleidungsstück her, wer konkret hat es produziert? Dazu gibt es eine tolle Initiative von Fashion Revolution: »Who made my clothes?«

Wenn wir mehr hinterfragen, wo und unter welchen Bedingungen unsere Kleidung hergestellt wird, ist ein erster Schritt getan. Dann können wir uns über Labels und fair produzierende Unternehmen informieren und feststellen, dass ein Fair-Trade-T-Shirt nicht teurer sein muss als ein normales Marken-T-Shirt.

Bei Modemarken ist das Image entscheidend – doch die Marke ist kein Garant für gute Produktionsbedingungen. Wie können sich Verbraucher hierzulande informieren?
Lietz:
Es gibt zum Beispiel den vor Kurzem veröffentlichten Transparenz-Index von Fashion Revolution, in dem aufgestellt wird, welches Unternehmen wie weit seine Lieferketten offenlegt.

Können Sie ein Umdenken seitens der Bekleidungsindustrie feststellen?
Lietz:
Leider haben nur sehr wenige Unternehmen ihr Geschäftsmodell umgestellt. Viele Unternehmen produzieren weiter unter schlechten Bedingungen. Die freiwilligen Initiativen (die teilweise von den Unternehmen mitgetragen werden) greifen nicht tief genug, bzw. führen nicht zur Verbesserung der Arbeits- und Umweltstandards. Deswegen die Forderung nach einer Gesetzesinitiative auf europäischer Ebene.

Heilung der Erinnerung

9. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Vorfeld der 12. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Namibia (11. bis 16. Mai) hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Nachfahren des Völkermords im früheren Deutsch-Südwestafrika um Vergebung gebeten.

Von 1884 bis 1915 war das heutige Namibia eine deutsche Kolonie. Die afrikanische Bevölkerung, besonders die Herero und die Nama, setzte sich gegen die zunehmende Entrechtung und Enteignung sowie rassistische Diskriminierung zur Wehr. Ihr Aufstand wurde mit Vernichtungsbefehlen beantwortet und blutig niedergeschlagen; bei Kämpfen, Massakern und später in Konzentrationslagern starben Schätzungen zufolge in den Jahren 1904 bis 1908 bis zu 100 000 Menschen – aus Sicht von Historikern der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

In einer vom Rat der EKD Ende März verabschiedeten Erklärung stellt sich die Evangelische Kirche in Deutschland ausdrücklich ihrer historischen Mitverantwortung für die im heutigen Namibia begangenen Gräueltaten. Auch wenn nach Quellenlage die nach Südwestafrika entsandten deutschen evangelischen Pfarrer nicht selbst direkt zu den Massentötungen aufgerufen hätten, traten sie doch bis auf wenige Ausnahmen dem Völkermord nicht entgegen. Vielmehr sei durch die theologische Rechtfertigung von imperialem Machtanspruch und kolonialer Herrschaft der Boden für den Tod vieler Tausender Angehöriger der namibischen Volksgruppen bereitet worden.

Ein »tiefsitzender Rassismus, gespeist aus einem kulturellen Überlegenheitsgefühl und einer tief gegründeten Angst um die eigene, möglicherweise gefährdete Identität« habe ihr Denken geprägt und ihr Reden und Handeln vergiftet, heißt es in der Erklärung. »Dies ist eine große Schuld und durch nichts zu rechtfertigen.«

Als Nachfolgeinstitution des einstigen Evangelischen Preußischen Oberkirchenrats, der seinerzeit im Auftrag aller deutschen evangelischen Landeskirchen handelte, bekenne sich die EKD »heute ausdrücklich gegenüber dem gesamten namibischen Volk und vor Gott zu dieser Schuld. Wir bitten die Nachfahren der Opfer und alle, deren Vorfahren unter der Ausübung der deutschen Kolonialherrschaft gelitten haben, wegen des verübten Unrechts und zugefügten Leids aus tiefstem Herzen um Vergebung.«

Dieses Schuldbekenntnis sei Ausdruck einer bleibenden historischen und ethischen Verpflichtung. Man wolle gemeinsam mit den Nachfahren der Ermordeten das Gedenken an die Opfer wachhalten und für die Anerkennung des Genozids öffentlich eintreten. Es gehe darum, »an der Überwindung des durch die deutsche Kolonialherrschaft begründeten und danach fortgesetzten Unrechts zu arbeiten«.

Der Erklärung war ein zweiteiliger Studienprozess (2007–2015) zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Rolle der Kirche und Missionswerke während der Kolonialzeit vorangegangen. Die Aufarbeitung soll allen Beteiligten dabei helfen, »als Kirche Jesu Christi nicht nur Vergangenes besser zu verstehen, sondern auch die Wunden der Vergangenheit zu heilen und eine friedliche und gerechte Zukunft mitzugestalten«.

»Wir müssen uns an die Zeit des Kolonialismus erinnern, aber wir brauchen dazu den Geist der Versöhnung. Die Befreiung unserer Länder kann nur dann gelingen, wenn Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen zusammenkommen, sich den Schmerz und die Sorgen der anderen anhören und sich die Hand reichen«, wird der frühere Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Namibia, Zephania Kameeta, in der EKD-Erklärung zitiert.

Kameeta, heute Minister für Armutsbekämpfung und soziale Wohlfahrt, wird anlässlich der LWB-Vollversammlung bei der großen Reformations-Gedenkfeier am 14. Mai im Sam-Nujoma-Fußballstadion in Windhuk die Predigt halten.

Im Vorfeld der LWB-Vollversammlung in der namibischen Hauptstadt hat dessen Generalsekretär Martin Junge die Hoffnung geäußert, dass die EKD-Erklärung zu den Kolonialverbrechen sowie Gespräche zwischen den Kirchen in Namibia und Deutschland die Aussöhnung zwischen beiden Ländern beschleunigen könne. Er begrüßte zudem die Aufarbeitung der Verbrechen durch beide Regierungen: »Das ist ein Versöhnungsprozess zwischen Namibia und Deutschland«, sagte Martin Junge dem Evangelischen Pressedienst.

Sollte der LWB gebeten werden, dabei zu vermitteln, sei der Dachverband dazu bereit. Bisher habe sich der Weltbund aus gutem Grund nicht in diesen komplexen Prozess eingemischt. »Jeder Versöhnungsprozess ist einzigartig, es gibt keine Standardlösungen, vielmehr müssen die Akteure herausfinden, wie das Geschehene gemeinsam benannt werden soll und wie man sich einer gemeinsamen Zukunft zuwenden kann«, so Martin Junge. Aussöhnung sei das Fundament für zukünftige Zusammenarbeit.

Ende Februar hatten Nachfahren der Völkermord-Opfer die deutsch-namibischen Regierungsverhandlungen über die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte kritisiert. Vertreter der Volksgruppen der Herero und Nama seien an den Gesprächen nicht beteiligt, sagte die Vorsitzende der Ovaherero Genocide Foundation, Esther Muinjangue. Sie betonte, dass die Opfervertreter keine individuellen Entschädigungen forderten. Auch eine konkrete Summe wurde nicht genannt. Vorstellbar sei stattdessen etwa der Bau einer von Deutschland finanzierten Universität im südlichen Namibia, die Herero und Nama sowie anderen Bewohnern Namibias offenstehen solle, sagte Muin­jangue.

Auch sei eine offizielle Entschuldigung Deutschlands für den Genozid dringend erforderlich.

Adrienne Uebbing

www.ekd.de/EKD-Texte/weitere_texte.html

Blog zur LWB-Vollversammlung in Namibia:
felixkalbe.de/category/namibia/

Nicht ganz Trumps Amerika

2. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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100 Tage im Amt: Am 20. Januar wurde Donald Trump als 45. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt – ein erstes Resümee.

Präsident Trump verwirrt. Erst war er skeptisch wegen des US-Militäreinsatzes in Syrien, dann schickte er Marschflugkörper. Im Konflikt um das nordkoreanische Atomprogramm setzt er auf eine verstärkte Präsenz seines Militärs im Pazifik. Russland mutierte zum »Bad Guy« (bösen Buben). Doch viel wirklich Superneues gibt es nicht in den USA: Zur Person Donald Trump ist Amerika nach wie vor gespalten. Dessen Sprüche und Programme bleiben nationalistisch, ziemlich radikal marktorientiert. Die Umsetzung stößt allerdings auf beträchtliche Opposition.

Drei Monate Donald Trump im Weißen Haus beziehungsweise an Wochenenden: Donald Trump im Mar-a-Lago Luxusresort in Palm Beach in Florida – wo die Kronleuchter funkeln, das Sonnenlicht auf dem Wasser glitzert und der Privatstrand am Atlantik eben privat ist. Doch manchmal entsteht der Eindruck, der Präsident sehne sich zurück nach dem Wahlkampf. Das mit dem Regieren ist gar nicht so einfach, trotz seiner Twitter-Ausbrüche zu allem Möglichen und der großen Trump-Statements zu Wirtschaftsbelebung und Sicherheit. Gerne tritt der Präsident auf bei Großveranstaltungen in Kentucky und Tennessee und anderswo, wo »seine Leute« groß für ihn gestimmt haben, und viele offenbar noch heute darauf vertrauen, dass Trump ihre Lebensumstände verbessern und Amerika wieder großartig machen wird.

Im Mai spricht Trump bei der Abschlussfeier der evangelikalen »Liberty University« in Virginia. Deren Chef Jerry Falwell zählt zu Trumps engsten evangelikalen Fans; er verteidigte Trump auch zu Zeiten, als der Kandidat wegen frauenfeindlicher Bemerkungen ins Schlingern kam. Falwell erklärte im »Christian Broadcasting Network«, Trumps Unterstützer, »einschließlich mehr als 80 Prozent der evangelikalen Community, sind begeistert«. Dass die »Mainstream Medien … ihn ständig angreifen … mit grundlosen und unehrlichen Behauptungen, ist Zeichen, dass Präsident Trump wunderbare Arbeit leistet«.

Trumps Amerika und viele Trump-Wähler sehen sich als Opfer von gegen sie gerichteten Veränderungen – demografische, kulturelle, und wirtschaftliche. Kandidat Trump hatte kaum konkrete Pläne vorgelegt, vielmehr das Gefühl vermittelt, in seinem Amerika werde der von Regierung und »Estab­lishment« vergessene Amerikaner Gehör finden. Und nun? Die Kluft zwischen Reden und Regieren trat krass hervor bei Präsident Trumps erstem großen Realitätstest, dem fest versprochenen Abschaffen der Krankenversicherung »Affordable Care Act«, im Volksmund Obamacare genannt – angeblich ein »Desaster« wegen der Versicherungspflicht und hoher Kosten.

Trumps Alternative scheiterte trotz der republikanischen Mehrheit im Kongress. Manchen Politikern war sie nicht marktorientiert genug, andere waren schockiert von der Analyse des überparteilichen Haushaltsbüros, vierzehn Millionen Menschen würden 2018 bei »Trumpcare« ihre Versicherung verlieren. Gegenwärtig haben manche Republikaner Probleme, den in Trumps Haushaltsentwurf vorgesehenen sozia­len Kahlschlag zu verkaufen. Er passt zum ideologischen Wunsch nach wenig Regierung, täte jedoch auch vielen Trump-Wählern weh.

Öffentlichkeitswirksam waren die Inszenierungen, bei denen Trump mit einem dicken Stift Exekutivanordnungen unterzeichnete: Zu Einreisebeschränkungen für Muslime und Flüchtlinge, für die Mauer an der Grenze zu Mexiko, für den Bau von Erdöl-Pipelines und gegen Umwelt- und sonstige Vorschriften, mit denen die Industrie und die fossile Energie laut Trump behindert worden seien.

Gerichte haben die neuen Einreiseregeln erst einmal blockiert, und mit den anderen Vorschriften hat Trump auch eine Oppositionsbewegung belebt. Viele hundert neue Aktionsgruppen sind gegründet worden. Abgeordnete und Senatoren berichten von in diesem Ausmaß noch nie dagewesenen telefonischen, E-Mail- und persönlichen Kontakten von Wählern – die meisten gegen Trump.

In den acht Barack-Obama-Jahren irgendwie zufrieden vor sich hindösende Menschen aus dem progressiven Spektrum sind politisch wieder erwacht. Viele junge Leute, viele Frauen. Hauptsächlich in Städten, nicht so sehr auf dem Land. Es sind dezentrale Bewegungen, von denen man freilich nicht weiß, wieviel Standvermögen sie haben und ob aus Protest politische Macht werden kann.

Kirchen und religiöse Gruppen, die bei der Bürgerrechtsbewegung und der Friedensbewegung oft zentral waren, sieht man weniger. Manchmal kommen kirchliche Statements gegen Trumps Einwanderungspolitik oder gegen soziale Kürzungen, doch prägend ist das nicht. Und gleichzeitig begrüßen konservative Kirchen und die römisch-katholische Donald Trumps Haltung gegen legalisierte Abtreibung.

Im US-Rundfunksender NPR läuft seit Januar jeden Abend eine interessante Talkshow, genannt »Indivisible« (unteilbar). Die Moderatoren tun das, was es im Amerika in der Trump-Ära nicht oft gibt: Sie bringen Menschen miteinander ins Gespräch, die in ihrer Haltung zu Trump an entgegengesetzten Polen stehen.

Eine kürzlich ausgestrahlte Show hat sich mit dem »amerikanischen Traum« befasst. Für viele Menschen habe dieser Traum nie funktioniert, sagten die einen. Andere vertraten die Auffassung, der Traum sei ihnen entglitten, und der neue Präsident werde ihn zurückbringen. Trumps Amerika ist für viele Menschen Glaubenssache. Vor seinem Sieg haben viele US-Amerikaner geglaubt, wie Ex-First Lady Michelle Obama zuversichtlich vermittelte, dass das Land nicht für so einen Kandidaten stimmen würde. Obama hat übersehen, was Trump einmal in einer Wahlkampfrede in Iowa formulierte: »Ich könnte auf der Fünften Avenue mitten auf der Straße stehen und jemanden erschießen, und ich würde keine Wähler verlieren.«

Trumps Fans wollten und wollen glauben, dass hier einer kommt, der die Wahrheit sagt, und »die anderen« in ihre Schranken weist. Doch irgendwann werden sie wohl Resultate sehen wollen. Aber ob die Opposition dann in der Lage ist, enttäuschte Menschen anzusprechen? Der Ausgang ist vollkommen offen.

Konrad Ege

Klein-Deutschland in Äthiopien

24. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Nachfahrin der Königin von Saba, Königin Taytu, ließ sich 1888, aus den rauen Bergen kommend, an einer warmen Quelle im Tal ein Haus bauen, gründete eine Stadt und gab ihr den Namen »Addis Abeba« – die Neue Blume. Kürzlich hatte die Deutsche Evangelische Kreuzkirche Besuch vom katholischen Seelsorger aus Sambia.

Auf dem Altarplatz der Deutschen Evangelischen Kreuzkirche in Addis Abeba ein ungewohntes Bild: Neben Pastorin Anja Jacobi im lutherisch-schwarzen Talar der katholische Reiseseelsorger Thomas Matthaei aus Sambia in der weiß-violetten Robe seiner Kirche. Ungewohnt aber vor allem, weil der Pater, der seit 33 Jahren in Sambia amtiert, zum ersten Mal Äthiopien besucht. Sowohl das Pastoren-Ehepaar Anja und Karl Jacobi als auch Pater Matthaei kommen ursprünglich aus Mainz und haben sich seit Langem dem Dienst in Afrika verschrieben.

Der Glockenturm der Deutschen Evangelischen Kirche, »Umschlagplatz der Güte und Güter Gottes« für Deutschsprachige in der äthiopischen Hauptstadt, wird noch von Hand geläutet. Foto: Georg Meusel

Der Glockenturm der Deutschen Evangelischen Kirche, »Umschlagplatz der Güte und Güter Gottes« für Deutschsprachige in der äthiopischen Hauptstadt, wird noch von Hand geläutet. Foto: Georg Meusel

In diesem Gottesdienst in der äthiopischen Hauptstadt erlebe ich ein Stück lebendiger deutsch-afrikanischer Ökumene mit. Die Farbe Ocker der Äthiopischen Orthodoxen Kirche Tewahedo fehlt allerdings. Pfarrer Jacobi erklärt mir, dass sich die orthodoxe Geistlichkeit im Blick auf Ökumene vor Ort zurzeit zurückhalte. Zur protestantischen Mekane Yesus Church (»Der Ort Jesu«), die auf Missionstätigkeit von Lutheranern und Anglikanern zurückgeht, hat die deutsche evangelische Gemeinde gute Kontakte.

Der ökumenische Gottesdienst wird von jugendlichen und erwachsenen Gemeindegliedern mitgestaltet und ist der Höhepunkt des Besuches von Pfarrer Matthaei.

Der Gast berichtet von seiner Arbeit als Diozösan-Priester seit 1984 und einziger weißer Priester in dem von 72 Stämmen bewohnten Norden Sambias. Etwa die Hälfte der Bevölkerung seien Christen. Er selbst predige in Bantu, welches von vielen als Umgangssprache verwendet wird. Thomas Matthaeis Diözese hat eine Ausdehnung von 500 Kilometern von Nord nach Süd und er betreut dort 15 Pfarreien. Als er nach 20 Dienstjahren in Sambia nach Deutschland zurückkehren wollte, habe sein Heimatbischof in Mainz humorvoll zu ihm gesagt: »Du bist verbuscht, bleibe am besten, wo du bist.« Nun ist er nach 33 Jahren noch immer in Afrika aktiv und wird als Reiseseelsorger künftig von Sambia aus viermal im Jahr nach Addis Abeba kommen.

In der äthiopischen Hauptstadt leben nicht wenige Deutsche. Nachdem Kaiser Haile Selassie der deutschen evangelischen Gemeinde in Addis Abeba ein Grundstück geschenkt hatte, konnte dort die Kreuzkirche errichtet und das Projekt später um die German Church School erweitert werden. »Klein-Deutschland« wird die German Church von vielen genannt. Das zeigt, dass sie Treffpunkt vieler Deutschsprachiger und Umschlagplatz von Nachrichten ist. Immer wieder kommen Äthiopien-Neulinge hierher, um sich bei denen zu informieren, die schon länger im Land sind.

Das Pfarrer-Ehepaar machte es zur Tradition, dass, wer zum ersten Mal in ihrem Gottesdienst auftaucht, sich der Gemeinde vorstellt. So erfährt man voneinander und auch von den unterschiedlichsten Gründen, weshalb und für wie lange Deutsche, Österreicher und Schweizer nach Addis Abeba kommen. Oft sind es junge Leute, die auf Zeit an Hilfsprojekten mitarbeiten, manchmal langjährig Erfahrene, die schon in anderen afrikanischen Ländern Hilfe geleistet haben. Und dann diejenigen, die eine Äthiopierin heirateten und gemeinsame Kinder haben. Deren Urgestein ist der über 80-jährige Karl Hildebrandt, der die Kirche mit aufgebaut hat und seit mehr als 50 Jahren in Addis Abeba eine deutsche Apotheke betreibt. Die Gemeindeglieder sind gerührt, als im Gottesdienst der Tod seiner äthiopischen Frau abgekündigt wird. Sie war zur Krebstherapie nach Deutschland geflogen worden. Karl Hildebrandt hat sie dort noch besucht. In äthiopischer Erde wurde sie inzwischen bestattet.

Viele Kinder weißer und schwarzer Hautfarbe fliegen nach dem Kindergottesdienst ihren Eltern in die Arme und strömen zusammen mit den anderen Besuchern zum Kirchenkaffee und zum Austausch ins Gemeindehaus. Die evangelische Kreuzkirche in Addis Abeba – nicht nur an diesem Tag der Ökumene ein Umschlagplatz der Güte und Güter Gottes.
Das Christentum ist in Äthiopien, wie das Land in der Antike hieß und nach dem Sturz von Kaiser Haile Selassie 1974 sich wieder nennt, sehr alt.

Mit dem laut Apostelgeschichte im Neuen Testament durch Philippus bekehrten »Kämmerer aus dem Mohrenland« gelangte es schon im 1. Jahrhundert nach Äthiopien. Nach anderer Überlieferung wurde die christliche Botschaft von den Brüdern Frumentius und Aidesios aus Tyrus, die auf einer Reise an der Küste des Roten Meeres überfallen und an den Hof des Königs von Aksum verkauft wurden, nach Äthiopien getragen.

Heute bildet die äthiopische orthodoxe Kirche mit etwa 50 Millionen Gläubigen und mehr als 50 Prozent der Einwohner des Landes eine überwältigende Mehrheit.

Vor Ort verhält sich die orthodoxe Geistlichkeit gegenüber der Ökumene reserviert. Nach einem Gottesdienst in der St. Urael Church nehme ich mit einem Priester Kontakt auf. Ich stelle mich mit einem Flyer des Martin-Luther-King-Zentrums vor. Dieser zeigt ein Porträt des Baptistenpastors und Bürgerrechtskämpfers King. Der Priester sagt abweisend: »That is not our leader« (Das ist nicht unser Vorbild).

Georg Meusel

Wenn Sie die Gemeinde unterstützen wollen:
gemeinde.addis.center/joomla

Oster-Picknick auf dem Friedhof

17. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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In diesem Jahr feiern die östlichen Kirchen Ostern gleichzeitig mit den westlichen. Für die Orthodoxen ist Ostern das wichtigste und populärste religiöse Fest des Jahres, noch beliebter als Weihnachten. In Rumänien bringen die Karwoche und die Nacht der Auferstehung die ganze Gesellschaft zusammen – manchmal über den Tod hinaus.

Christus ist auferstanden«, grüßen die Bäuerinnen auf dem Markt, bevor sie anfangen, ihre zahlreichen Käse- und Wurstwaren hoch zu preisen. »Wahrlich ist er auferstanden«, antworten die Kunden und freuen sich auf die Kostprobe. Trotz 45 Jahren Staatssozialismus und einer raschen Modernisierung bleiben in Rumänien die alten Traditionen überraschend lebendig. Noch immer wirken sie selbst in der Hauptstadt irgendwie natürlich, als ob die Säkularisierung gar nicht stattgefunden hätte.

Die Orthodoxe Kirche, der 85 Prozent der Bevölkerung angehören, strebt seit der Wende eine führende gesellschaftliche Rolle an und macht mittlerweile keinen Hehl aus ihrem Stolz. Für ausländische Besucher oder für die wenigen evangelischen Deutschstämmigen, die hauptsächlich in Siebenbürgen leben, mögen die langen Rituale und die prunkvollen Auftritte der orthodoxen Geistlichen zunächst etwas übertrieben und befremdlich wirken. Dass diese traditionelle Spiritualität heute noch von so vielen Menschen im Alltag gelebt wird, bleibt jedoch unumstritten – und beeindruckend.

Von wegen leise: Auf den Friedhöfen in Rumänien wird die Auferstehung an Ostern im wahrsten Wortsinn lebendig gefeiert. Foto: George »Poqe« Popescu, Bukarest

Von wegen leise: Auf den Friedhöfen in Rumänien wird die Auferstehung an Ostern im wahrsten Wortsinn lebendig gefeiert. Foto: George »Poqe« Popescu, Bukarest

Und selten ist das so offensichtlich wie in der Osterzeit. Das wichtigste christliche Fest wird in diesem Jahr ausnahmsweise gleichzeitig gefeiert im Osten und im Westen. Aber in Rumänien ist Ostern nicht nur aus theologischer Sicht von zentraler Bedeutung, sondern es bringt, ähnlich wie Weihnachten, wenn nicht sogar mehr, die ganze Gesellschaft zusammen. Am Ende einer strengen, siebenwöchigen Fastenzeit, die von ungefähr 30 Prozent der Bevölkerung tatsächlich gehalten wird, steht ein Feiertag der Lichter und der Liebe.

Bereits in der Karwoche sammeln sich jeden Abend unglaublich viele Menschen in den kleinen Kirchen, um die byzantinischen Lieder von den Passionen Christi mitzusingen – meistens ohne Gesangbuch. Tagsüber steht man Schlange vor dem Beichtstuhl, um in der Nacht der Auferstehung an der Kommunion teilnehmen zu dürfen.

Die Osterliturgie fängt immer kurz vor Mitternacht an und dauert bis in die frühen Stunden. Anstelle der bisherigen schwarzen Gewänder tragen die Priester Weiß und Gold. Da praktisch jeder in die Kirche kommt, auch diejenigen, die sonst keine Gottesdienste besuchen, wird die Messe im Großen und Ganzen draußen auf dem Hof oder auf der Straße gefeiert.

Diese Tradition hat aber auch liturgische Gründe, sie soll die Auferstehung als radikale Öffnung zelebrieren, als einzigartigen Befreiungsmoment, in dem alte Grenzen, Fesseln und Zwänge, allen voran der Tod, überwunden werden. In der orthodoxen Spiritualität spielt nämlich die nicht lediglich moralische, sondern auch metaphysische und fast physische Deutung des Osterfests eine sehr wichtige Rolle.

Pünktlich um Mitternacht, wenn die Glocken läuten und die Priester mit Fackeln aus den Kirchen herausgehen, um das Licht Christi unter alle Menschen zu bringen, erleben die Gläubigen immer aufs Neue die Öffnung einer neuen Dimension des menschlichen Daseins.

Das Gefühl der Kommunion streckt sich über den Tod hinaus, und wird in manchen Gemeinden in der Woche nach Ostern entsprechend gefeiert. So treffen sich die Menschen etwa in der östlich gelegenen Stadt Buz˘au auf dem Friedhof, um dort zusammen mit den Verstorbenen zu essen und zu trinken. Der skurrile Brauch ist vor allem bei den Roma weit verbreitet und wirkt aus westeuropäischer Sicht etwas frappierend, denn bei uns pflegt man in der Regel einen sehr leisen und diskreten Umgang mit dem Tod und den Toten.

Warum eigentlich, fragt man sich in Rumänien. Wenn die Auferstehung kein bloßes Symbol, sondern eine theologische und metaphysische Realität ist, dann verliert doch das Ende des Lebens in dieser Welt seine tragische, ultimative Dimension. Es ist ja für die Menschen auf dem Friedhof in Buz˘au eher ein Anfang, der durchaus gefeiert werden darf, mit allem, was zu einer Feier gehört.

Dabei ist auch Gastfreundlichkeit wichtig: Niemand darf vom Fest ausgeschlossen werden, und es gibt meistens, trotz der relativen Armut, in der zahlreiche Rumänen immer noch leben, Grillgut und Wein für alle möglichen, erwarteten und unerwarteten, Gäste. Traditionell für Ostern sind neben den auch in Mitteleuropa bekannten
Ostereiern der Lammbraten und ein Hefekuchen mit Quark und Rosinen, der »pasca«, also Osterkuchen heißt.

Gewissermaßen ist das Fest der Auferstehung, ähnlich wie Weihnachten, ein Familienfest. Doch vor allem außerhalb der Großstädte sind die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen eher fließend. Freunde und Nachbarn werden oft eingeladen – oder sie kommen sowieso. Und wenn das Haus zu klein wird, dann deckt man den Tisch eben in der Straße. Auch dieser Brauch basiert auf den traditionellen Agapen, jenen gemeinschaftlichen Essensfeiern, die in vielen orthodoxen Kirchen heute noch üblich sind.

Spätestens seit der Wende befindet sich die rumänische Gesellschaft in einem kontinuierlichen Umbruch, der nicht nur eine wirtschaftliche, politische und soziale Transformation in den 1990er-Jahren bedeutete. Im Laufe der beschleunigten Modernisierungsprozesse ändern sich natürlich auch die alten religiösen und kulturellen Traditionen, die das Land und die ganze Region prägen. Ob und wie viel vom historischen Erbe überleben wird, steht auf einem anderen Blatt.

Silviu Mihai

Beziehungskrise?

11. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Über das deutsch-russische Verhältnis sprach Harald Krille mit dem Bundestagsabgeordneten Christoph Bergner (CDU), der als bekennender Protestant (Mitglied der Herrnhuter Brüdergemeine) im Auswärtigen Ausschuss sowie im Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union aktiv ist.

Dr. Christoph Bergner. Foto: Harald Krille

Dr. Christoph Bergner. Foto: Harald Krille

Herr Dr. Bergner, warum sind die deutsch-russischen Beziehungen auf einem Tiefpunkt, obwohl sich die Mehrheit der Bevölkerung laut Umfragen ein gutes Verhältnis zur einstigen Supermacht wünscht?
Bergner:
Der Wunsch nach guten, partnerschaftlichen Beziehungen ist verständlich: Russland ist als Rechtsnachfolger der Sowjetunion von großer weltpolitischer Bedeutung. Das Pro­blem besteht darin, dass sich die russische Politik seit dem Fall des Eisernen Vorhangs dramatisch verändert hat. Und dass wir in Europa und auch in Deutschland diese Veränderung noch immer nicht richtig verstanden haben.

Worin sehen Sie die dramatischen Veränderungen?
Bergner:
Wenn wir auf die Aufbruchsjahre von 1990/91 zurückblicken, dann war damals das Bild vom Haus Europa, das ja von Gorbatschow stammt, prägend. Es gab Vereinbarungen und ein Bekenntnis zu gemeinsamen Grundwerten. Verglichen damit ist die jetzige russische Politik anders orientiert. Sie ist – plakativ gesagt – an einem eurasischen Konzept orientiert, in dem die Werte von Rechtsstaat und Demokratie nachrangig sind. Und bei dem auch völkerrechtliche Vereinbarungen machtpolitischen Zielen untergeordnet werden, wie wir das in der Ukraine und bei der Annexion der Krim gesehen haben.

Wurde diese Entwicklung nicht durch die überhebliche Haltung des Westens begünstigt?
Bergner:
Ich sehe nicht, dass man der deutschen Politik diesen Vorwurf machen kann. Aber selbst wenn das international gelegentlich so war, liegt das eigentliche Problem woanders, nämlich darin, dass in Russland die Transformation zu Demokratie und Rechtsstaat bedauerlicherweise misslungen ist. Sie ist misslungen, weil sich in dieser Transformation eine Oligarchenherrschaft herausgebildet hat.

Der zweite Punkt ist, Russland hat sich mit inneren Konflikten herumschlagen müssen. Der dramatischste war der Tschetschenien-Konflikt. Das führte dazu, dass die Macht des Staates eine immer größere Bedeutung bekam und damit auch das Land totalitärere Züge angenommen hat.

Nun hat die EU mit Unterstützung Deutschlands die Sanktionen gegen Russland verlängert. Was bringt das außer einer weiteren Verhärtung der Fronten?
Bergner:
Sanktionen sind die einzige Möglichkeit, um beispielsweise das vereinbarte Friedensabkommen von Minsk beziehungsweise einen Waffenstillstand durchzusetzen. Insofern kann ich das etwas leichtfertige Gerede von Sanktionen, die nichts bringen, nicht verstehen. Wer keine militärischen Mittel will und sich trotzdem für Recht und Gerechtigkeit in der Völkerfamilie einsetzen will, der muss bereit sein, wenigstens dieses Instrument zu nutzen. Deshalb: Solange wir einen solch eingefrorenen Krieg in der Ostukraine haben und solange wir eine De-facto-Besetzung eines Teiles der Ukraine haben, müssen wir standfest bleiben und die Sanktionen aufrechterhalten.

Sie sagen, Europa schließe militärische Antworten aus. Andererseits steht die Nato heute unmittelbar an den Grenzen Russlands und führt dort Militärmanöver durch.
Bergner:
Die baltischen Staaten haben aus eigenem Entschluss um die Mitgliedschaft in der Nato gebeten. Und als Mitgliedsstaaten haben sie ein Recht auf Beistand. Und wir haben auf der anderen Seite Russland, das erkennbar versucht, diese baltischen Staaten einzuschüchtern. Darüber hinaus versucht Moskau, Einfluss auf die russischsprachige Minderheit in den baltischen Staaten auszuüben. Die Nato hat bisher, wie ich finde, sehr besonnen reagiert. Die Natostaaten zeigen Präsenz in der Region. Es ist ein wichtiges Signal an Russland, dass das, was man auf der Krim gemacht hat, mit den Territorien im Baltikum nicht geht. Aber um das ganz klarzumachen: Die Einheiten, die dort stationiert sind, sind völlig ungeeignet, um etwa gegenüber Russland aggressiv werden zu können.

Wie kommt man von diesem Konfrontationsniveau wieder herunter?
Bergner:
Zuerst einmal bleibt es ein wichtiges Anliegen, in allen Bereichen, die von der Konfrontation nicht betroffen sind, die Dialogstrukturen weiterzuführen. So ist beispielsweise in der Kultur- und Bildungspolitik die Zusammenarbeit völlig unverändert und unbeschränkt. Auch der Petersburger Dialog findet weiter statt. Der Punkt ist: Wir müssen Russland klarmachen, dass wir uns nicht belügen lassen. Denn Russland hat versucht, uns zu belügen, und belügt uns mit seiner Propaganda immer wieder. Es muss klar sein, wir lassen uns nicht instrumentalisieren für Hegemonie-Bemühungen gegenüber anderen postsowjetischen Staaten.

Und: Wir beobachten leider, dass Russland Versuche unternimmt, europafeindliche Kräfte zu unterstützen und den europäischen Einigungsprozess zu schwächen. Das sieht man von Pegida bis zur französischen Front National und möglicherweise auch bis zur AfD. Dazu kommen gezielte Hacker-Angriffe und die Produktion von sogenannten Fake-News. Das müssen wir abwehren. Wenn wir diese Prämissen konsequent gegenüber der russischen Seite verständlich machen, ist eine Basis gefunden, auf der man zumindest redlich miteinander umgeht, auch wenn wir nicht mehr auf denselben Wertegrundlagen operieren.

Sie sehen hinter den europakritischen Strömungen bei AfD und Pegida direkten russischen Einfluss?
Bergner:
Also ich sehe zumindest russische Fahnen bei Pegida, was ja schon erklärungsbedürftig ist. Russia today hat die Pegida-Demonstrationen von Beginn an live aus Dresden übertragen. Ich sehe, dass in der AfD die Forderung nach Sanktionsaufhebung besonders deutlich artikuliert wird. Ich weiß von finanzieller Unterstützung der Front National in Frankreich durch Russland.

Die russische Politik hat erkennbar ein Interesse daran, den europäischen Einigungsprozess zu stören und zu schwächen. Und dagegen müssen wir uns wehren. Denn aus meiner Sicht ist der europäische Einigungsprozess das wertvollste politische Konzept, was wir für die nachfolgende Generation bewahren müssen.

Reformation ohne Luther

4. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Schweiz: Über das Reforma­tionsjahr bei den Eidgenossen und die Rolle der Reformatoren dort sprach Markus Wetterauer mit Gottfried Locher, dem Ratspräsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, zu dem 2,4 Millionen Protestanten gehören.

Sie sind am 31. Oktober, am Reformationstag, geboren. Ist das eine Freude oder Last für Sie als Theologe?
Locher:
Es ist eine Freude! In der Schweiz ist der 31. Oktober nicht so zentral wie hier. Bei uns wird Reformationssonntag gefeiert, nicht Reformationstag. Ich habe erst im Verlauf des Studiums herausgefunden, welche Bedeutung mein Geburtstag hat.

Wie wichtig ist das Reformations-Jubiläum in der Schweiz?
Locher:
Es ist schön, dass Sie vom Reformations-Jubiläum und nicht einfach vom Lutherjahr sprechen. Bei uns ist 2017 nicht so entscheidend wie hier in Deutschland. Bei uns war die Reformation kantonal, also nicht in der ganzen Eidgenossenschaft gleichzeitig, deshalb haben wir einen Termin gefunden, der allen passt – und das ist eben 2017.

Blick in das Reformationsmuseum im Kreuzgang des Großmünsters in Zürich, einem der Fixpunkte der weltweiten Reformation. Am 1. Januar 1519 trat Ulrich Zwingli hier seine Stelle als Pfarrer an. Foto: epd-bild

Blick in das Reformationsmuseum im Kreuzgang des Großmünsters in Zürich, einem der Fixpunkte der weltweiten Reformation. Am 1. Januar 1519 trat Ulrich Zwingli hier seine Stelle als Pfarrer an. Foto: epd-bild

In Mitteldeutschland ist Luther omnipräsent. Wie ist das in der Schweiz?
Locher:
Luther ist der wichtige Reformator auch für die Schweiz. Aber dann hat sich die Schweizer Reformation auch mit eigenen Persönlichkeiten entwickelt. In Zürich mit Huldrych Zwingli, dann mit Heinrich Bullinger, und in Genf mit Johannes Calvin und anderen.

Fangen wir mit Zwingli (1484–1531) an. Was war für ihn wichtig?
Locher:
Es waren dieselben Ideen der Kirchenerneuerung wie in Deutschland. Es ging auch hier darum, Glauben so neu zu fassen, dass er verständlich und zugänglich für die Menschen wird. »Solus christus« war für Zwingli ganz entscheidend: den Blick frei zu bekommen auf Jesus Christus.

Dann gibt es aber Eigenheiten. Zwingli legte viel Gewicht auf soziale Erneuerung. Er war eine politische Figur. Er wollte, dass das Söldnerwesen in Zürich beendet wird. Er wollte die Bildung verstärken. Zwinglis Kirchenerneuerung war eine Erneuerung der ganzen Gesellschaft, und hier unterscheidet er sich ein bisschen vom Augustinermönch, der viel stärker den Glauben im Mittelpunkt hatte.

Calvin (1509–1564) hat dann noch mal andere Schwerpunkte gesetzt.
Locher:
Die sicher etwas vereinfachende Formel gilt noch: Luther hat den Glauben erneuert, Zwingli hat die Gesellschaft erneuert und Calvin hat die Theologie erneuert.
Calvin war der systematische Denker. Ich lese immer noch mit viel Gewinn Calvins »Institutio«. Ich glaube auch, dass Calvin als Reformator der zweiten Generation anders als Luther und Zwingli versucht hat, Brücken zu schlagen. Calvins Sakramentenlehre beispielsweise versucht, die Gräben in der Abendmahlsfrage zu überwinden.

Was ist denn übrig geblieben von den Ideen der beiden heute in der Schweiz – nach fast 500 Jahren?
Locher:
Die Schweiz, wie wir sie heute kennen, wäre nicht so ohne die Reformation. Es gibt bis heute katholisch geprägte Kantone und reformiert geprägte Kantone. Aufs Ganze gesehen waren die reformierten Orte die fortschrittlichen, es waren die Stadt-Kantone, die der Reformation besonders zugetan waren. Das hat dann auch einen Graben geschaffen zwischen progressiven, auch wirtschaftlich erfolgreichen Orten – eher reformiert geprägt – und katholischen, eher ländlichen Gebieten.

Calvin hat ja vor allem in Genf gewirkt, Zwingli überwiegend in Zürich. Hat das die Regionen geprägt?
Locher:
Die Liturgie beispielsweise ist auf calvinischer Seite, also in den französisch-sprachigen Kantonen, näher am Lutherischen. Es ist weniger reduziert. Wenn Sie in einen reformierten Gottesdienst gehen und es nicht gewohnt sind, dann fragen Sie sich: Wo ist die Liturgie? Die Predigt spielt oft eine alles dominierende Rolle. Im Kanton Bern, wo ich herkomme, spricht man noch heute davon, dass man nicht in den Gottesdienst geht, sondern man geht »z’ Prädig«, also man geht »die Predigt hören«.

Kritisch wird hier in Deutschland das Verhältnis von Luther zu den Juden gesehen. War das bei den Schweizer Reformatoren ähnlich?
Locher:
Bei uns ist ein anderes Thema im Mittelpunkt, nämlich der Umgang der Reformierten mit den Täufern. Insbesondere in Zürich, wo sie in der Limmat ertränkt wurden – mit dem Segen der Reformatoren. Da haben schon große Buß-Akte stattgefunden. Das ist weitgehend aufgearbeitet.

Wie ist das Verhältnis zwischen den Konfessionen im Reformationsjahr in der Schweiz?
Locher:
Ich glaube, es würde dem Anliegen der Reformatoren diametral widersprechen, wenn wir hier Konfessionsgrenzen zelebrieren würden. Wir haben drei große Elemente zusammen mit der katholischen Kirche. Erstens haben wir einen gemeinsamen Schweizer Pavillon an der Weltausstellung Reformation in Wittenberg. Zweitens haben wir eine große Nationale Feier in Zug. Wir feiern nicht nur 500 Jahre Reformation, sondern auch 600 Jahre Niklaus von Flüe. Er ist der auch über die Konfessionsgrenzen hinaus verehrte Heilige. Und drittens haben wir einen Festgottesdienst im Juni mit den Spitzen der Konfessionen.

Was ist für Sie persönlich der Kern, das Entscheidende der Reformation?
Locher:
Es ist für mich »solus christus«. Wie sagen wir das in einer Form, dass es nicht einfach frömmlerisch klingt? Oder dass es zwar nett ist, theologisch richtig, aber niemanden bewegt? Was heißt es denn heute: den Blick auf Christus frei bekommen? Was heißt es, in der Nachfolge zu sein? Die Herausforderung ist heute formal nicht dieselbe wie in der Reformationszeit, aber inhaltlich: die Menschen für Christus zu begeistern in einer Form, dass sie zeitgemäß ist.

Türken in Deutschland: Auf der Suche nach der Heimat?

28. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Partei des türkischen Präsidenten Erdogan versteht es meisterhaft, die Suche vieler Deutsch-Türken nach Heimat und Identität für ihre Ziele auszunutzen. Im Moment eskaliert die Lage, und allem Anschein nach wird sich daran bis zum Tag des Referendums über die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei am 16. April nichts ändern. Präsident Recep Tayyip Erdogan wird weiter provozieren und den Feind außen suchen, um im Inneren die Menschen hinter sich zu scharen.

Während die Niederlande klare Kante zeigen, ist Deutschland noch auf der Suche nach dem richtigen Weg. Immerhin hat das Bundesverfassungsgericht inzwischen grünes Licht dafür gegeben, die umstrittenen Wahlkampfauftritte türkischer Politiker hierzulande zu untersagen, weil diese sich nicht auf das Recht auf Meinungsfreiheit berufen können. Nun ist es an der Bundesregierung, zu entscheiden und den Kommunen die Last der Verantwortung von den Schultern zu nehmen. Der Streit um die Wahlkampfauftritte ist eine Frage der Außenpolitik. Das hat auch das Verfassungsgericht festgestellt.

Unabhängig aber von der weiteren Entwicklung in dieser Sache haben die Diskussionen ein innenpolitisches und gesellschaftliches Problem offenbart, und das hat mit den in Deutschland lebenden Türken zu tun: Was ist es, das sie in großen Scharen einem Mann in die Arme treibt, der aus seinem Land eine Diktatur machen will?

Ratlos steht man davor und fragt sich: Haben diese Menschen die Werte der Demokratie und die damit verbundenen politischen Rechte, von denen doch wir alle profitieren, nicht schätzen gelernt? Haben sie nicht verstanden, wohin Diktaturen führen können?

Das mag so sein, muss aber nicht. Denn vielleicht geht es im Kern ja gar nicht um Politik, wenn Tausende in deutschen Hallen die türkischen Fahnen schwenken. Vielleicht geht es um etwas viel Tieferes. Um die eigene Identität? Um die Suche nach Heimat? Nach Verankerung? Einer Verankerung, die eine große Zahl von Deutsch-Türken offenbar in der deutschen Gesellschaft nicht findet. Fachleute warnen schon seit Langem, dass sich viele von ihnen nicht angenommen, nicht wertgeschätzt fühlen. Sie schwimmen zwischen zwei Kulturen, zwei Identitäten.

Wer dafür die Verantwortung trägt, ist schwer festzumachen. Erdogans Partei AKP jedenfalls versteht es meisterhaft, diese Gemütslage für ihre Ziele auszunutzen. Immerhin erhielt sie 2015 etwa 60 Prozent der Stimmen der in Deutschland lebenden Türken. In der Türkei erreichte sie nur etwa 50 Prozent.

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft und die Politik müssen diese Realitität ernst nehmen. Dazu gehört, auf allen Ebenen die Ohren zu öffnen – übern Gartenzaun und auf politischer Bühne, nicht über »die Türken« zu reden, sondern mit ihnen. Denn es wäre fatal, wenn sich die größte Minderheit in Deutschland innerlich von diesem Land und seinen Werten lossagen würde.

Am Ende muss es so sein wie mit der AfD oder Pegida, deren Ziele ebenso schwer nachvollziehbar sind wie die der Erdogan-Anhänger: Wir müssen sprechen. Nicht als Türken oder Deutsche. Als Menschen. Das ist zwar mühsam, aber der einzige Weg zum Fortbestand des sozialen Friedens.

Annemarie Heibrock

Tschechien: Vom drohenden Ende der Dorfwirtshäuser

22. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Tschechen gelten als das atheistischste Volk Europas. Bei der letzten Volkszählung 2011 erklärten sich etwas mehr als zwei Millionen Menschen für gläubig, das sind gut 20 Prozent der Bevölkerung. Dagegen erklärten 30 Prozent, dass sie weder an Gott noch an eine andere höhere Kraft glauben. Vor allem auf den Dörfern bleiben Kirchen den größten Teil des Jahres geschlossen. Das hat auch Auswirkungen auf die Dorfgemeinschaft. Längst vorbei sind die Zeiten, als sich die Gläubigen nach dem Gottesdienst noch zum Frühschoppen im Wirtshaus trafen.

Auch für nur ein Bier wird ein elektronischer Kassenbeleg fällig. Foto: Petr Špánek

Auch für nur ein Bier wird ein elektronischer Kassenbeleg fällig. Foto: Petr Špánek

Das liegt aber inzwischen nicht mehr nur an der Kirche. Ein staatliches Gesetz geht den Dorfkneipen an den Kragen. Jeder Gast, der auch nur ein Bier getrunken hat, muss seit Dezember einen gedruckten Kassenbeleg bekommen. Und nicht nur das. Der Wirt muss eine elektronische Kasse mit Onlineverbindung haben. Denn alle Umsätze werden in Echtzeit ins Finanzministerium gemeldet, das im Gegenzug bestätigt, dass der Wirt ordnungsgemäß Umsatzsteuer entrichtet. Ausgedacht hat sich das der Finanzminister, weil ihm jedes Jahr Milliarden durch Steuerbetrug entgehen. Der Minister ist zugleich einer der reichsten Tschechen und war vorher einer der erfolgreichsten Unternehmer, der den Eindruck hatte, dass er zwar ehrlich Steuern zahlt, der Staat mit seinem Geld aber ineffizient umgeht. Deshalb ging er in die Politik mit dem Versprechen, den Staat wie eine Firma zu führen. Doch die Kehrseite bekommen die »kleinen Gastwirte« zu spüren. Sie sollen nun ausbaden, was wahrscheinlich am wenigsten sie selbst verbrochen haben. Schon haben die ersten aufgegeben.

Die Anschaffung einer elektronischen Kasse samt Drucker und leistungsfähiger Internetverbindung war ihnen zu aufwändig. Oder sie wollten sich damit auf ihre alten Tage nicht mehr befassen. Sieht man sich manche Kneipe an, erscheint so viel moderne Technik in der Tat anachronistisch.

Eine Dorfkneipe brauchte bisher nicht viel, um zu funktionieren. Hier wird nicht teuer getafelt. Die Umsätze halten sich im Rahmen.

Manche Wirtsleute betreiben Dorfgasthäuser sogar im Nebenberuf oder als Zuverdienst zur Rente. Wie die aktuelle Neuerung am Stammtisch ankommt, kann sich jeder ausrechnen. Doch der hat weniger Einfluss, als ihm gemeinhin zugesprochen wird.

Der Dorfkneipe fehlt die Lobby. Die Stadt bestimmt auch in Tschechien das Geschehen. Dazu kommt, dass besagter Finanzminister sehr populär ist – ein Macher und Aufräumer, so dass viele ihm seine Online-Erfassung durchgehen lassen. In den meisten Gaststätten funktioniert das System reibungslos. Die Gäste merken nichts davon. Es kann höchstens passieren, dass sie zum Zahlen an den Tresen gebeten werden. Tschechien wird moderner und opfert dafür seine letzte Dorfinstanz.

Steffen Neumann

Lebenslänglich wegen »Spionage«

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sudan: Die Freilassung Petr Jašeks aus einem sudanesischen Gefängnis wirft ein Schlaglicht auf die bedrohliche Lage der Christen in dem Land.

Nur vier Tage wollte der tschechische Entwicklungshelfer Petr Jašek im Dezember 2015 in den Sudan reisen. Es wurden 15 Monate daraus. Er hatte schon zur Rückreise eingecheckt, als ihn auf dem Flughafen in Khartum Mitglieder der Sicherheitspolizei NISS abführten. Wegen des Verdachts auf Spionage wurde er monatelang in verschiedenen Gefängnissen festgehalten. Nach einem mehrmonatigen Prozess fiel Ende Januar 2017 das Urteil: lebenslänglich wegen Spionage, Diffamierung des Staates und weiterer Vergehen. Das sind im Sudan 20 Jahre. Ende Februar gelang es dem tschechischen Außenministerium, für ihn von Staatspräsident Umar al-Baschir Be­gnadigung zu erwirken.

Was hatte Jašek getan? »Ziel meiner Reise war, Geld für die Behandlung eines Christen zu übergeben, der bei einer Demonstration großflächige Verbrennungen erlitt. Außerdem traf ich Pfarrer, die mir die Situation der Christen im Sudan schilderten und zerstörte Kirchen zeigten«, schildert Jašek. Der Geldbetrag wurde umgehend an das Krankenhaus übergeben. »Sonst hätte ihn die Geheimpolizei beschlagnahmt«, ist sich Jašek sicher. Zwei Pfarrer und ein Student mussten ihre Treffen mit ihm allerdings teuer bezahlen. Sie wurden wegen der Unterstützung von Jašeks »Spionagetätigkeit« ebenfalls monatelang festgehalten. Einer kam aus Mangel an Beweisen frei, die zwei anderen sitzen bis heute hinter Gittern.

Jašeks Beispiel dokumentiert, unter welchen Bedingungen Christen in dem mehrheitlich muslimisch geprägten Staat leben. 2011 hatte sich der eher christlich geprägte Südsudan in einem Referendum vom Kernland losgesagt. Doch Christen leben im Sudan immer noch in großer Zahl. Unterschiedlichen Angaben zufolge stellen sie bis zu fünf Prozent der Bevölkerung. Die meisten leben in der Hauptstadt Khartum und im Süden. Ihre Lage ist dramatischer denn je. Sudan gehört zu einem der für Christen gefährlichsten Staaten.

»Die Lage hat sich seit der Ausweisung fast aller christlicher Organisationen Anfang 2013 verschlimmert«, bestätigt Jašek, der für die Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK) arbeitet. Damals mussten die Organisationen binnen 24 Stunden das Land verlassen, ihr Besitz wurde konfisziert. Die HMK hatte zwar keine Vertretung dort, aber auch ihre Arbeit wurde erschwert, wie Jašek am eigenen Beispiel erzählt: »Ich bin mit einem Touristenvisum eingereist, war also offiziell nur Tourist. Anders wäre meine Einreise nicht möglich gewesen. Trotzdem verfolgte mich der Geheimdienst auf Schritt und Tritt und wusste von mir alles, wie ich später feststellen musste.« Der Geheimdienst konfrontierte ihn sogar mit Fotos, die mit Wärmebildkamera aufgenommen wurden. »Die haben nichts dem Zufall überlassen«, kommentiert der Nothelfer.

Petr Jašek mit seinen Freunden im Gefängnis Al-Houda. Pastor Hassan Kodi (2. v. l.) und der Student Abdelmoneim Abdalmwlla (ganz rechts) sind bis heute hinter Gittern. Foto: privat

Petr Jašek mit seinen Freunden im Gefängnis Al-Houda. Pastor Hassan Kodi (2. v. l.) und der Student Abdelmoneim Abdalmwlla (ganz rechts) sind bis heute hinter Gittern. Foto: privat

Auf diese Weise konnte er die systematische Zerstörung von Kirchen nicht wie geplant fotografisch festhalten. »Das hätte meine umgehende Verhaftung zur Folge gehabt«, sagt er. Aber er hat sie gesehen. »Unser Anwalt hat uns informiert, dass, allein während ich im Gefängnis saß, 25 Kirchenbauten demoliert wurden.« Von alltäglicher Diskriminierung, zum Beispiel bei der Vergabe von Jobs, gar nicht zu reden. Am stärksten betroffen sind die südlichen Provinzen Blauer Nil und Südkordofan mit dem Nubagebirge. »Hier betreibt Staatschef al-Baschir eine systematische Vertreibung der christlichen Bevölkerung«, sagt Jašek. Offiziell richtet sich der Kampf gegen die Befreiungsarmee nördlicher Südsudan (SLMP-N). »Doch die Bombenziele sind keine militärischen Anlagen, sondern Kirchen«, so Jašek. Das belegt auch ein Brief von Hilfsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch vom September an das UN-Menschenrechtskonzil. Darin sind allein für April und Mai letzten Jahres 101 Fälle von Flächenbombardements auf zivile Objekte, wie Schulen und Krankenhäuser in den genannten Provinzen, dokumentiert.

Die Strategie al-Baschirs ist nicht nur für Jašek klar. Das Staatsgebiet soll von Christen und anderen Religionen gesäubert werden. Seit der Lossagung des Südsudan verstärkte al-Baschir die Umwandlung des Sudan in einen islamisch geprägten Staat auf Basis der Scharia. Diese gilt zwar nicht uneingeschränkt, wie Jašek sagt. In einem Fall wird sie aber strikt angewandt: Wer vom Islam zum Christentum übertritt, wird mit dem Tod bestraft. Weltweit bekannt wurde der Fall der jungen Sudanesin Maryam Ishaq. Sie war von ihrer Mutter christlich erzogen. Die muslimische Familie des Vaters drängte sie aber zur Rückkehr zum Islam und zeigte sie an. Nur mit massiver weltweiter Unterstützung wurde die Todesstrafe verhindert und eine Ausreise Ishaqs und ihrer Familie ermöglicht.

Auch Jašek kennt Christen, die nur durch Flucht Gefängnis oder Tod entgingen. Das ist aber nicht die Intention der HMK. Sie setzt sich für die freie Religionsausübung der Menschen in ihrer Heimat ein. Die ist heute jedoch entfernter denn je. Mehr als 100 Millionen Christen weltweit gelten als verfolgt. Die HMK hilft in 70 Ländern, die meisten davon hat Jašek bereist. »Ich kenne nur eins, wo Christen nicht mehr verfolgt werden. Das ist der Südsudan«, bilanziert der frühere Arzt. Die HMK hilft sehr praktisch, sammelt Geld zur Versorgung der Familien Inhaftierter, Ermordeter oder Vertriebener. Sie besorgt Computer, Megaphone, Autos oder zahlt Raummiete für Versammlungen. Sie schickt Bibeln, und nicht zuletzt informiert sie über die Situation der Christen in den jeweiligen Ländern.

Jašeks Arbeit wird sich in Zukunft ändern. »Ich bin zu bekannt für meine Tätigkeit«, sagt er. Die muss oft im Geheimen ablaufen, weshalb er über vieles nicht offen sprechen kann. Er würde Menschen in Lebensgefahr bringen. Doch ein Gutes hatte seine Verhaftung. Sie sorgte für Aufmerksamkeit. »Noch während meiner Haft konnte Geld für die Familien der mit mir inhaftierten Pastoren gesammelt werden.«

Steffen Neumann

Lebensgefährliche Ferien

8. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Internationaler Frauentag – ein Anlass, die lebensbedrohliche Praxis der Genitalverstümmelung ins Bewusstsein zu rücken, unter der weltweit rund 200 Millionen Mädchen und Frauen leiden; auch in Deutschland sind sie nicht sicher.

Shadia aus dem Sudan gehört zu der wachsenden Zahl von Frauen in der Bundesrepublik, die Opfer einer Genitalverstümmelung wurden. In ihrem Heimatland wurde die 52-Jährige als junge Frau so beschnitten, dass sie seither ständige Schmerzen beim Wasserlassen hatte, von der Menstruation oder Sex ganz zu schweigen. 2015 kam sie nach Deutschland und fand Hilfe bei »Dr. Conny«.

Cornelia Strunz ist Ärztin am Desert Flower Center in Berlin, das beschnittenen Frauen sowohl medizinische Hilfe als auch psychosoziale Unterstützung bietet. »Der Fokus liegt nicht auf der Operation, auch wenn diese dann vielleicht nötig ist«, sagt Strunz. »Neben Beratung und Therapie gibt es auch eine Selbsthilfegruppe, in der die Frauen Rückhalt und Mut gewinnen.«

Und Mut ist nötig. »Die Genitalverstümmelung ist oft ein Tabuthema«, sagt Strunz. »Die meisten Frauen reden nicht darüber, dass sie zu uns kommen. Sie wollen nicht, dass jemand davon erfährt.« Einfacher wird es, wenn die Opfer die Rückendeckung ihres Mannes haben, der ihr Leid einschätzen kann und den Gang zum Arzt mitträgt. Shadia hatte dieses Glück.

Nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation »Terre des Femmes« leben in Deutschland mehr als 48 000 Opfer weiblicher Genitalverstümmelung – Tendenz steigend. Im Vergleich zu 2014 gebe es eine Zunahme von 37 Prozent, erklärt Fachreferentin Charlotte Weil. Das sei vor allem auf verstärkte Migration aus Ländern wie Somalia und Eritrea zurückzuführen, wo diese Art der Beschneidung besonders häufig vorkommt.

Kinder einer Schulklasse in Linkiring im Süden des Senegal malen auf Kalebassen ihre Erlebnisse bei Genitalverstümmelungen. Die Mädchen zeichnen blutige Messer und Scheren, ein Junge malt ein weinendes Mädchen mit blutigem Unterleib. Die Genitalverstümmelung ist im Senegal seit 1999 verboten. Dennoch unterliegt immer noch schätzungsweise ein Viertel der Mädchen der grausamen Praxis. Foto: epd-bild/Alexander Gonschior

Kinder einer Schulklasse in Linkiring im Süden des Senegal malen auf Kalebassen ihre Erlebnisse bei Genitalverstümmelungen. Die Mädchen zeichnen blutige Messer und Scheren, ein Junge malt ein weinendes Mädchen mit blutigem Unterleib. Die Genitalverstümmelung ist im Senegal seit 1999 verboten. Dennoch unterliegt immer noch schätzungsweise ein Viertel der Mädchen der grausamen Praxis. Foto: epd-bild/Alexander Gonschior

Rund 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit sind an ihren Genitalien verstümmelt, die Praxis ist in etwa 30 afrikanischen Ländern verbreitet. Außerhalb Afrikas wird der Eingriff auch in arabischen Ländern wie Oman und dem Jemen sowie in einigen asiatischen Ländern wie Indonesien oder Malaysia vorgenommen.

Doch auch in Deutschland sind Mädchen aus den entsprechenden Gemeinschaften nicht sicher. Mehr als 9 300 Mädchen seien hierzulande in Gefahr, dem lebensgefährlichen Eingriff unterworfen zu werden, sagt Weil. Immer wieder gebe es sogenannte Ferienbeschneidungen: »Sie fliegen in den Sommerferien mit der Tochter oder Enkelin in die Heimat und kommen mit einem verstümmelten Kind zurück.« Auch Beschneiderinnen in Paris oder Amsterdam bieten ihre Dienste an.

Im Kampf gegen die Verstümmelung setzt »Terre des Femmes« vor allem auf Aufklärung über die dramatischen Folgen. Projekte, bei denen Schlüsselpersonen als Multiplikatorinnen gewonnen werden, zeigen durchaus Erfolge. »Wir bekommen Rückmeldung, dass es eine Öffnung bei diesem Tabuthema gibt«, sagt Weil. »Und wir hören von Frauen, die nun ganz klar sagen: Ich wusste das alles nicht. Meine Tochter wird auf keinen Fall beschnitten!«

Großer Bedarf besteht nach Angaben von »Terre des Femmes« nach wie vor bei der Ausbildung von Fachpersonal. Nicht nur medizinische Experten und Sozialarbeiter müssten besser geschult werden, sondern auch Päda­gogen »Damit Erzieher und Lehrer rechtzeitig eingreifen können, um die Mädchen zu schützen.«

Silvia Vogt  (epd)

Fürsprecherin der Frauen

28. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Was ist denn fair?« – unter diesem Motto steht der Weltgebetstag am 3. März. Die Liturgie dazu stammt in diesem Jahr von den Philippinen. Schwester Mary John Mananzan kommt aus Manila und setzt sich für bessere Lebensbedingungen von Frauen ein.

In der Flagge der Philippinen steht die Farbe Rot für Mut, Tapferkeit, Ritterlichkeit und Entschlossenheit. So gesehen ist die 80-jährige Ordensschwester Mary John Mananzan eine echte Filipina. Zeit ihres Lebens setzt sich die Missionsbenediktinerin für Bildung und die Rechte der Frauen ein. Sie arbeitet als Lehrerin, Dekanin, leitete sechs Jahre das St. Scholastica’s College, eine der größten Mädchenschulen in Manila, und prägt die Arbeit von einer Vereinigung von Theologinnen und Theologen der Dritten Welt.

Auf ihre Initiative hin entstand das Institut für Frauenstudien in Manila, deren Direktorin sie ist. Schwester Mary John ist weltweit vernetzt. Befragt nach ihrem stärksten Credo, sagt sie sehr entschieden: »Ich bin eine betende und wirkende Mystikerin, und das ist für mich kein Widerspruch.«

Gottvertrauen und Gerechtigkeitssinn: Mit ihrem Tatendrang hat die 1937 geborene Schwester Mary John Mananzan in den vergangenen Jahrzehnten so viel erreicht, dass sie anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Weltfrauentages 2011 in den Kreis der 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt aufgenommen wurde. Foto: Brigitte Jähnigen

Gottvertrauen und Gerechtigkeitssinn: Mit ihrem Tatendrang hat die 1937 geborene Schwester Mary John Mananzan in den vergangenen Jahrzehnten so viel erreicht, dass sie anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Weltfrauentages 2011 in den Kreis der 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt aufgenommen wurde. Foto: Brigitte Jähnigen

Frauen auf den Philippinen, wo sich 81 Prozent zur römisch-katholischen Konfession bekennen, lebten in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft; zur Genderpolitik gehöre die Aufklärung der Männer. In bisher 500 Seminaren hat Schwester Mary John mit Männern zur Gleichberechtigung der Geschlechter gearbeitet. Begonnen hat sie mit Professoren, Polizisten, Seminaristen, Priestern.

Es sei nicht die Natur des Mannes, Frauen zu unterdrücken, es sei die Prägung durch die patriarchalische Gesellschaft. »Ich habe ihnen gesagt, über Generationen wird an euer Unterbewusstsein weitergegeben, ihr hättet ein absolutes Recht auf den Leib und Geist der Frauen«, berichtet sie. Nur so sei Vergewaltigung möglich. »Die Männer, die die Kurse besucht haben, waren befreit, sie haben erlebt, auch sie dürfen menschlich sein, zart.«

Mary Johns dunkle Augen schimmern warm, wenn sie erzählt. Ihre Bewegungen sind lebhaft, und wenn sie lacht, dann aus vollem Herzen. Und man nimmt ihr sofort ab, dass sie sich auch mit ihrer eigenen Kirche anlegt, wenn sie sagt, dass Frauen bessere Priesterinnen als Männer wären, weil sie weniger engstirnig als diese seien.Schwester Mary John nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn sie über moderne Sklaverei spricht. Auch wenn das Land wirtschaftlich zu den aufstrebenden sogenannten »Next Eleven«-Staaten gehört, arbeiten zehn Millionen Filipinos als Gastarbeiter im Ausland. Die Mehrheit sind Frauen, die mit ihrem Lohn als Krankenschwester, Hausangestellte, Kindermädchen oder im Service ihre Familien in der Heimat unterstützen.

Im Jahre 2009 waren es 17 Milliarden Dollar, die per Überweisung aus dem Ausland in die Präsidialrepublik gingen. »Die Kinder der Frauen, die ins Ausland gehen, bleiben bei den Großeltern zurück, viele Familien zerbrechen, die Schüler, die in unseren Schulen zu psychologischen Beratungen kommen, sind zu 90 Prozent Kinder, deren Eltern im Ausland leben«, sagt Schwester Mary John.

In einer eigenen Fernsehshow hat die Ordensfrau Schicksale von Frauen vorgestellt, die im Ausland misshandelt wurden. »Einer dieser Vorfälle passierte in Riad: Arbeitgeber vergewaltigten ihre philippinischen Angestellten, sie entkamen, flohen auf eine Polizeistation«, berichtet Schwester Mary John. Dort seien sie erneut vergewaltigt und zum Konsulat gebracht worden, wo man ihnen ein Rückflugticket anbot unter der Bedingung, zu Hause als Prostituierte zu arbeiten. »Die Ehemänner haben sie verlassen, die Frauen kümmern sich um ihre Kinder, Arbeit hatten sie nicht«, sagt die 80-Jährige.

Über das katholische Missionswerk Missio wurde beispielsweise ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem die Frauen mit einem kleinen Kredit einen sogenannten Sari-Sari-Shop eröffneten, einen Kiosk. »Darüber bin ich sehr glücklich«, sagt sie.

Doch die eigentliche Ursache der Migration ist ökonomischer Natur. Ein Viertel der Bevölkerung lebt in extremer Armut – Wolkenkratzer und Slums in großer Nähe geben ein Bild der Zerrissenheit der Gesellschaft. Frauen gingen ins Ausland, um ihre Familien zu ernähren. »Mehr Arbeitsplätze zu schaffen, ist politisch nicht gewollt, über die Philippine Overseas Employment Administration (POEA) ist die Regierung an der Arbeitsmigration beteiligt«, nennt Schwester Mary John Fakten. Im Ausland würden den Frauen meist die Pässe weggenommen, manche machten Knochenjobs, immer wieder würden Frauen vergewaltigt, das sei moderne Sklaverei.

Präsident Dutertes Drogen-Krieg mit über 7 000 Todesopfern bringt die Philippinen immer wieder in die Schlagzeilen. »Ich bin für Krieg gegen Drogen, aber mit anderen Methoden«, sagt Schwester Mary John. »Die Kirche hat Hilfe und Beratung angeboten, Selbstjustiz durch Polizisten und Privatpersonen sind keine Wahl«, so die engagierte Ordensfrau.

Das weibliche Selbstbewusstsein zu stärken, dafür sitzen auf den Philippinen Bäuerinnen, Arbeiterinnen und Frauen aus Slums auf der Schulbank. Feministisch-theologische Studien können mit einem akademischen Abschluss gekrönt werden. »Die Frauenbewegung auf den Philippinen ist stark, in ›Gabriela‹, dem nationalen Frauen-Dachverband, sind alle vernetzt, wir sind weit gekommen, aber wir haben noch einen weiten Weg.«

»Nirgendwo gibt es eine Gesellschaft, die die völlige Gleichberechtigung von Frau und Mann kennt«, zieht Schwester Mary John Mananzan Bilanz. Und berichtet von ihrer Gastprofessur an der Johann-Wolfgang- Goethe-Universität Frankfurt am Main im Jahr 2002. Beim Eröffnungsgottesdienst habe sie die jungen Frauen herausgefordert. »Warum habt ihr kein Interesse am Feminismus, eure Großmütter und Mütter haben dafür gekämpft«, habe sie die Zuhörerinnen gefragt. Die anschließende Diskussion sei »heiß« gewesen.

Brigitte Jähnigen

Info: Schwester Mary John Mananzan trat mit 19 Jahren in den Orden der Missionsbenediktinerinnen von Tutzing ein, studierte in Münster und Rom Theologie.

Mal keine Hiobsbotschaften

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein junger Mann entscheidet sich, in Jerusalem Mönch zu werden – und setzt sich damit zwischen alle Stühle.

Es ist leider schon zur Binsenwahrheit geworden: dass es im Heiligen Land sehr unheilig zugeht. Die Nachrichtenlage ist schlecht. Der Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern stockt. Auf beiden Seiten scheinen die Scharfmacher das Sagen zu haben. Und die Religion, so will man meinen, dient in dem Konflikt eher als Brandbeschleuniger denn als Friedensstifter.

Doch es lohnt sich, den Blick einmal wegzulenken von der Nachrichtenlage und zu schauen, was sich jenseits der Eskalation in diesem besonderen Land tut. Da stößt man zum Beispiel auf den deutschen Benediktinermönch Nikodemus. Er hat sich mit 24 Jahren nicht nur für das Mönchsein, sondern auch für ein Leben im Benediktinerkloster »Dormitio Abtei« auf dem Jerusalemer Zionsberg entschieden. In seinem Buch »Zuhause im Niemandsland« erzählt der heute 38-Jährige davon – und von den vielen kleinen Begegnungen und Situationen, die eine neue Sicht eröffnen. Ganz entgegen der gängigen Klischees berichtet Nikodemus von viel Nähe, Herzlichkeit und Solidarität zwischen den Vertretern der drei abrahamitischen Religionen. Nach der Lektüre dieses Buches keimt eine leise Zuversicht auf: dass doch noch nicht alle Wege zum friedlichen Miteinander im Heiligen Land verbaut sind. Und dass es in diesem Konflikt nicht nur ein Schwarz-Weiß-Bild gibt.

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Denn bisweilen fühlt man sich ja als Christ in Deutschland dazu gedrängt, entschieden Partei für eine Seite zu ergreifen: für Israel oder für die Palästinenser. In beiden Fällen lautet das Hauptargument, man müsse klar und deutlich an der Seite der Opfer stehen. Pater Nikodemus verwischt diese scharfen Grenzziehungen auf erfrischende Art. Er erzählt ganz konkret vom Leid und den Ängsten beider Parteien des Konflikts und weckt Mitgefühl mit den Opfern beider Seiten. So formuliert er auch gleich am Anfang den Zweck seines Buches: dass er zu einer Sichtweise einladen will, die weder proisraelisch noch propalästinensisch, sondern pro Mensch sei.

Dabei wäre es auch für Nikodemus nicht schwer, in Resignation oder gar Hass zu verfallen. Denn das aufgeheizte Klima in Jerusalem richtet sich auch gegen Christen. Es geschehe oft, dass er auf seinen Wegen durch Jerusalem von ultraorthodoxen Juden angespuckt werde, schreibt Nikodemus. In seiner Mönchskutte sei er ein wandelndes Feindbild für die strengreligiösen Juden, die Jerusalem für sich allein beanspruchen. Auch die Klostermauern werden regelmäßig mit feindseligen Sprüchen wie »Tod den Christen« beschmiert. Teile der Schwesterkirche am Ort der Brotvermehrung am See Genezareth wurden sogar durch einen Brandanschlag vor zwei Jahren zerstört.

»Die Kirchen von Jerusalem sind momentan auf dem besten Weg, wieder eine Kirche unter dem Kreuz zu werden«, schreibt Nikodemus. Er sieht genau darin seine Aufgabe: ein Zeichen der Liebe zu setzen inmitten des Hasses. »Wenn wir angegriffen werden, weil wir Christen sind, wollen wir darauf auch wie Christen reagieren, nämlich mit der Bereitschaft zur Versöhnung«, schreibt er. Deshalb bauen sie keine Sicherheitszäune um ihre Kirchen, sondern bleiben offen und gastfreundlich.

Und wie durch ein zweites Vermehrungswunder konnten mittlerweile ausreichend Spenden zusammengetragen werden, um den hohen Sachschaden an der Brotvermehrungskirche zu beheben. Israels Staatspräsident Reuven Rivlin sagte bei der Wiedereröffnung des Klosters Tabgha am vergangenen Wochenende: Das sei ein Zeichen dafür, dass der Hass nicht gesiegt hat.

Genau daran möchte Nikodemus mitwirken. Er wünscht sich, dass nicht die Radikalen das Erscheinungsbild einer Religion prägen. Es sei wie beim Fußball, wo man zwischen Fans und Hooligans unterscheiden müsse. Jeder, der im Namen welcher Religion auch immer als Gewalttäter oder Scharfmacher auftrete, habe nichts mit der eigentlichen Religion zu tun. »Wahre Religiosität, die Gott sucht, schenkt nämlich den demütig realistischen Blick, dass der andere genauso geliebt ist wie ich selbst.« Nikodemus zufolge gehe es bei der Religion um Gott- und nicht um Identitätssuche. Also sei nicht die Abgrenzung zu den anderen entscheidend, sondern die Leidenschaft einer persönlichen Gottesbeziehung.

Genau diese Leidenschaft des Glaubens legt Nikodemus an den Tag. Sogar die Gründung einer eigenen Familie hat er dafür geopfert. Immer wieder wird er deshalb von jüdischen Gläubigen angefragt: Warum folgt er nicht dem Vermehrungsgebot der Bibel? Nikodemus antwortet dann: »Wir glauben wie ihr ja an ein Leben bei Gott nach dem Tod. Dann werden wir nicht mehr heiraten oder verheiratet sein. Gott allein genügt dann in jeder Hinsicht. Wir Mönche leben hier auf Erden schon so, als ob wir im Himmel wären.« Und wie auch der Zionsberg, auf dem sein Kloster steht, zum biblischen Symbol der endzeitlichen Völkerzusammenkunft ist, glaubt Nikodemus an das Miteinander der Menschen und Völker. »Wahrscheinlich ist dies der Königsweg jeglicher Friedensbemühungen: den anderen, den Fremden, vor allem als Mitmenschen zu sehen. Und der Königsweg aller Kriegstreiber ist wohl die Dehumanisierung des anderen, des Fremden, dem man sein Menschsein abzusprechen und in ihm ein Monster zu sehen versucht.«

Doch nicht die dauernde Umarmung und demonstrative Nähe der verschiedenen Religionen und Völker sei der Weg zum Frieden. Es käme auf die große Kunst an, aneinander vorbei zu leben. Genau dafür gebe der Alltag in Jerusalem eigentlich ein sehr gelingendes Beispiel. Dieses Buch ist endlich einmal keine Hiobsbotschaft aus dem Heiligen Land.

Stefan Seidel

Pater Nikodemus Schnabel: Zuhause im Niemandsland. Herbig Verlag, 176 S., ISBN 978-3-7766-2744-2, 20 Euro

Unterwegs auf dem Stationenweg

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Europäische Stationenweg zum Reformationsjubiläum knüpft ein Band zwischen 68 Orten. In dieser Ausgabe machen wir Station bei den osteuropäischen Nachbarn.

Von Böhmen über Siebenbürgen bis nach Polen – die Ideen von Martin Luther, Jan Hus und vielen anderen beeinflussen Menschen und Gesellschaften auch östlich der heutigen Grenzen Deutschlands.

Praha (Prag): Schon mehr als 100 Jahre vor Martin Luther, fingen viele Theologen der Prager Universität an, den damaligen Stand der Kirche kritisch zu betrachten. Zum einen wurde die Dekadenz des klerikalen Establish­ments an den Pranger gestellt und mehr Nähe zu den einfachen Menschen gefordert. Gottesdienste auf Tschechisch wurden eingeführt. Zum anderen äußerten Professoren und Prediger wie Jan Hus Zweifel an der Idee einer universellen Kirche, die nach dem Prinzip der Konziliarität funktioniert, und nahmen stattdessen ein Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden in Anspruch. Zahlreiche Events und ein reiches Kulturangebot erinnerten 2015 an Hus’ Hinrichtung, und auch in diesem Jahr wird die böhmische Reformation in einem allgemein europäischen Kontext gefeiert.

Ljubljana (Laibach): Mehrere Ausstellungen über Luther und die Reformation werden ab April in der Burg sowie in der Nationalbibliothek organisiert. Am 8. Juni feiern die Slowenen den Priester Primož Trubar, der im 16. Jahrhundert das erste Buch in slowenischer Sprache schrieb. Am 30. Oktober folgt dann der Reformationstag mit offiziellen Feierlichkeiten und einem Gottesdienst in der Primož-Trubar-Kirche. Martin Luthers Biografie von Volker Leppin wird ebenfalls im Herbst ins Slowenische übersetzt.

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Puconci (Putzendorf): Der kleine Ort im extremen Nordosten Sloweniens mag heute mit nur 6 000 Einwohnern recht unbedeutend erscheinen, doch er war historisch eine der Hochburgen der evangelischen Kultur in dieser Region. Die erste lutherische Kirche wurde hier 1784 erbaut, als der Ort Teil der K.-u.-k.-Monarchie und stark ungarisch geprägt war. Die Mehrheit der Bevölkerung ist bis heute lutherisch.

Sibiu (Hermannstadt): Vor zehn Jahren war die Stadt im Süden Siebenbürgens Europäische Kulturhauptstadt, und das von den Siebenbürger Sachsen im 17. und 18. Jahrhundert gebaute historische Zentrum wurde vollständig und stilvoll renoviert. Die Bilanz des damaligen Bürgermeisters Klaus Johannis fanden die Rumänen so gut, dass sie den Politiker 2014 zum Staatspräsidenten wählten – und damit Geschichte schrieben, denn der deutschstämmige und evangelische Johannis gehört im stark orthodox geprägten Land in doppelter Hinsicht einer Minderheit an. Hermannstadt ist gleichzeitig die Hochburg der Evangelischen Kirche AB (Abkürzung für »Augsburgischen Bekenntnisses«), die trotz der massiven Auswanderung der Siebenbürger Sachsen bis heute eine wichtige kulturelle und zivilgesellschaftliche Rolle spielt.

Debrecen: Die ostungarische Stadt gehört zu den wichtigsten regionalen Zentren des Calvinismus, gut 20 Prozent der Ungarn bekennen sich zu den Lehren der Reformierten Kirche, die in diesem Jahr ihr 450. Jubiläum feiert. Im Juni findet dementsprechend ein feierliches Treffen des Generalkonvents statt, und im Oktober wird der Reformationstag gewürdigt. Eine neue ungarische Übersetzung des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses wird zu diesem Anlass offiziell präsentiert.

Sárvár (Kotenburg): Im Westen Ungarns stand die kleine Stadt am Anfang der Geschichte der ungarischen Reformation und wird auch das »ungarische Wittenberg« genannt. Hier wurde das erste Buch in der Landessprache gedruckt, und auch die erste ungarische Fassung des Neuen Testaments wurde hier 1541 herausgegeben. Mit nur 15 000 Einwohnern hat der Ort heute eher eine historische Bedeutung, aber für die Reformierte Kirche bleibt er ein wichtiger kultureller Bezugspunkt.

Sopron (Ödenburg): An der österreichischen Grenze gelegen, war diese Stadt im Sommer 1989 die Kulisse jener welthistorischen Ereignisse, die einige Monate danach zum Fall der Berliner Mauer führten. Zahlreiche DDR-Flüchtlinge konnten damals über Österreich nach Westdeutschland reisen, weil die ungarischen Grenzbeamten Menschlichkeit und gesunden Verstand zeigten. Ganz anders sieht es hier heute aus: Die rechtspopulistische Regierung von Viktor Orbán lässt Hunderte Schutzbedürftige an der Grenze
erfrieren. Auch die Arbeit der Kirchen, die helfen wollen, wird erschwert. Als wichtiges Zentrum der Reformation hätte Sopron Besseres verdient.

Cieszyn (Teschen): Die kleine Gemeinde im Süden Polens, nah an der heutigen Grenze zu Tschechien, war einer der insgesamt nur sechs Orte im historischen Schlesien, wo trotz offiziellen Katholizismus eine evangelische Kirche gebaut werden durfte. Dies geschah Anfang des 18. Jahrhunderts durch die »Gnade« des Kaisers Jo-
seph I., weshalb die Historiker von »schlesischen Gnadenkirchen« reden. Heute ist das damals gebaute Gotteshaus in Cieszyn das einzige, das noch als evangelische Kirche dient. Auch wenn sie im heutigen, stark katholisch geprägten Polen nur noch eine winzige Minderheit der Bevölkerung darstellen, haben die polnischen Lutheraner hier eine ihrer Diözesen.

Bardejov (Bartfeld): Im Norden der heutigen Slowakei gelegen, zog diese Stadt bereits im späten Mittelalter deutschsprachige Siedler an und wurde noch vor der Reformation dank des intensiven Handels zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Orte der Region. Im Laufe der späteren Geschichte lebten hier in der Regel katholische Slowaken und Ungarn mit evangelischen Deutschen, sowie mit Juden, Ukrainern und Roma zusammen. Wie so oft in Mittel- und Osteuropa war dieses Mit- oder Nebeneinander nicht immer friedlich. Heute wird in Bardejov kein Deutsch mehr gesprochen, aber mehr als sieben Prozent der Bevölkerung bekennt sich immer noch zum evangelischen Glauben. Der Stadtkern gehört zum UNESCO-Kulturerbe.

Wroclaw (Breslau): Die viertgrößte Stadt im heutigen Polen war während der frühen Reformation die Kulisse gewaltiger religiöser und politischer Auseinandersetzungen, in denen der Konflikt zwischen Hussiten und Katholiken ausgetragen wurde und in denen es auch um die Ernennung des evangelischen Theologen Johann Heß zum Pfarrer in der Magdalenenkirche ging. Später wurde die Stadt während des Dreißigjährigen Kriegs zum Teil zerstört. Noch später bedeutete die NS-Herrschaft die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und, in den späten 1940er-Jahren, auch das Ende einer langen deutschsprachigen, evangelisch geprägten Kulturtradition. Heute versucht die Stadt, im Geiste einer europäischen Identität wieder an diesen Multikulturalismus anzuknüpfen. Zahlreiche Events widmen sich 2017 der Reformation und ihrem Erbe.

Silviu Mihai

www.r2017.org/europaeischer-stationenweg

Inklusion auf Afrikanisch

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sein rostiger Rollstuhl fährt durch enge Gänge und über kleine Stufen. Der fünfzehnjährige Kisekka rollt flink durch das kirchliche Krankenhaus am Rand der ugandischen Kleinstadt Mbarara.

Kisekkas grüner Rollstuhl ist eine Gebrauchtspende aus Europa. Auf den Schotterpisten der Umgebung des Krankenhauses kommt das alte Modell an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Die Gummischicht der kleinen Vorderräder ist fast völlig abgenutzt. Die Hinterräder haben kein Profil mehr, der Plastiküberzug des Sitzes hat viele Löcher. Aber noch funktioniert das Ding. »Früher bin ich auf dem Boden gekrochen«, erinnert sich der Junge. »Deshalb habe ich so viele Wunden an den Knien.«

Kisekka bleibt in einem Wartesaal, bis sich die Tür zum Behandlungsraum öffnet. Es ist Cindy, seine Therapeutin. Sie erklärt: »Kisekkas Lähmung ist eine Konsequenz seines eigentlichen Leidens, der Spina bifida, ein offener Rücken. Diese Fehlbildung wirkt sich auf seinen gesamten Unterkörper aus.«

Keine Berührungsängste mehr: Früher wurden Kinder mit Behinderung in Uganda stigmatisiert, heute lernt Kisekka (Mitte) Seite an Seite mit seinen Klassenkameraden. Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt. Fotos: Andreas Boueke

Keine Berührungsängste mehr: Früher wurden Kinder mit Behinderung in Uganda stigmatisiert, heute lernt Kisekka (Mitte) Seite an Seite mit seinen Klassenkameraden. Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt. Fotos: Andreas Boueke

Kisekka ist barfuß. Er trägt eine alte Schuluniform, die einzige, die er besitzt: gelbes Hemd, roter Pulli und kurze Hose. Seine Knie und Schienbeine sehen genauso geschunden aus wie der Rollstuhl. Am Tag zuvor hat der Auspuff eines Taxis die Haut an seinem Bein verschmort. Schwester Cindy verbindet die Wunde neu: »Er hat keinerlei Gefühl in seinen Beinen. Man könnte sie in Feuer legen und trotzdem spürt er nichts.«

Kisekka ist ein Waisenkind. Als er neun Jahre alt war, starben seine Eltern an Tuberkulose. Zwei Jahre lang haben ihn sein älterer Bruder und seine beiden Schwestern ernährt, obwohl sie selbst noch Kinder waren. Die vier Geschwister wohnten zusammen in einer alten Hütte aus Holz und Lehm unter einem dicken Strohdach. Von den Nachbarn bekamen die Kinder keine Hilfe. Die Dorfgemeinschaft hat sie nie richtig aufgenommen. Kisekkas Behinderung galt als Zeichen der Schande. Seine Stimme klingt traurig, wenn er von dieser Zeit erzählt: »Sie haben Angst vor Kindern wie mir. Sie halten uns für nutzlos, für verhext. Sie behaupten, Gott habe uns verflucht, er würde uns nicht akzeptieren. So ein Leben kann nicht gut sein.«

Viele der Narben an seinen Beinen erinnern an diese Jahre, während der er sich nur kriechend bewegen konnte. Als die Organisation OURS auf ihn aufmerksam wurde, war er unterernährt und verwahrlost. Zuerst behandelten die Ärzte seine Wunden und Deformationen. Schon bald ging es ihm deutlich besser. Dann bekam er seinen ersten Rollstuhl und ein Schulstipendium für das Internat der Ruharo Berufsschule, keine fünfhundert Meter von dem Krankenhaus entfernt.

Auf dem staubigen Weg vom Krankenhaus zum Internatsgebäude kommt Kisekka an einem kleinen Bolzplatz vorbei, auf dem einige Jungen mit einem selbst gemachten Ball aus zusammengebundenen Plastiktüten spielen. Die meisten sind barfuß, andere tragen Gummilatschen aus alten Autoreifen. »Tor!«, freut sich Kisekka mit dem Schützen. Nach dem Spiel bieten zwei Jungen ihm an, ihn zu schieben.

Der Direktor der Schule, Chinfred Matota, sitzt auf einem wackeligen Stuhl im Lehrerzimmer. »In unserem Land sind einige Schulen ausgewählt worden, behinderte Kinder zu unterstützen; in Mbarara war das unsere Schule«, erklärt er nicht ohne Stolz. Er berichtet, dass seine Ruharo Berufsschule die einzige Inklusionsschule des Bezirks ist. »Das Bewusstsein aller Kinder hat sich verändert. Sie sehen, dass auch Schüler mit Behinderung gute Leistungen bringen können. Und sie erzählen davon, wenn sie nach Hause fahren. Die Kinder fangen an, miteinander zu spielen. So merken alle, dass sie Freunde sein können.« Kisekka sei einer der besten Schüler seiner Klasse: »Deshalb glaube ich, dass er eine leuchtende Zukunft hat. Vielleicht wird er mal zu einem bekannten Fürsprecher für Kinder mit Behinderungen.«

Nachts schläft Kisekka in einem großen Saal. Zwölf Doppelbetten stehen so eng beieinander, dass kein Platz für Schränke oder Stühle bleibt. Kisekka schläft gerne in dem Saal: »Ich könnte sowieso nicht allein in einem Raum schlafen. Es gibt viele Gefahren, vor denen die anderen mich beschützen können. Manchmal wollen Diebe etwas in der Schule stehlen. Dann machen sie ein Feuer und alle rennen raus. Wenn so was passiert, können meine Kameraden mir helfen und meine Sachen aus dem brennenden Raum retten.«

Auch im Alltag ist Kisekka oft auf die Hilfe seiner Kameraden angewiesen. »Mit dem Essen bekomme ich meist Hilfe. Aber manchmal vergessen sie, meinen Teller mitzunehmen oder sie vergessen, mir ein Brot zu bringen. Wenn es dann nichts mehr in der Küche gibt, muss ich hungrig ins Bett gehen. So ist das halt.«

Mit Mädchen spricht Kisekka so gut wie nie. Im Süden Ugandas ist es nicht üblich, dass Jungen und Mädchen außerhalb des Unterrichts Kontakt haben. Trotzdem weiß die Klassensprecherin Nyakado Sara gut Bescheid über Kisekkas Situation: »Ich würde gerne mit ihm sprechen, aber das geht nicht. Ich bin ein Mädchen und er ist ein Junge. Das würde falsch aussehen.«

In der Ruharo Berufsschule ist der Sozialpädagoge Mana Djosam dafür zuständig, Kinder wie Kisekka unterstützend zu begleiten: »Früher haben die Eltern hier noch gedacht, ihre Kinder würden krank werden, wenn sie ein behindertes Kind berühren. Sie glaubten, es gäbe einen Fluch. Aber mit der Zeit glauben immer weniger Leute solche Sachen. Sie staunen, wenn sie sehen, dass Kisekka etwas bauen kann, am Computer arbeitet, etwas leistet, das dem Land nützt. Ich bin mir sicher, dass das Stigma überwunden werden kann, wenn alle sehen, welches Potenzial in diesen Kindern steckt.«

Andreas Boueke

Ein tief gespaltenes Land

2. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Nach Donald Trumps Amtseinführung und den riesigen Demonstrationen gegen den neuen Präsidenten am Tag danach muss man konstatieren: Harte Realitäten und entgegen­gesetzte Hoffnungen stoßen aufeinander. Trumps »Make America Great Again« fährt auf dünnem Eis.

Die vielen Demonstranten gegen Trump stehen vor der Frage, wie sie mit »diesem Mann« umgehen, der ihrer Ansicht nach gar nicht repräsentativ ist für Amerika. Doch er hat gewonnen. »Frauenrechte sind Menschenrechte« stand auf selbstgemachten Plakaten bei der »Anti-Kundgebung«, ebenso »Finger weg von meinem Körper«, »Mach dich stark für Gleichberechtigung«, »Love Trumps Hate« (Liebe triumphiert über Hass), »Wer schweigt, ist mitverantwortlich« sowie »Wir gehen nicht zurück«. Geschätzte 500 000 kamen zu dem »Women’s March on Washington« in der US-Hauptstadt, mehrheitlich Frauen, meist junge Menschen. Die »überwältigte« U-Bahn ließ Passagiere zeitweilig kostenlos fahren. Eingeladen waren alle, die Solidarität fühlten mit Bevölkerungsteilen, die Trump beleidige und bedrohe. Frauenrechte sind Menschenrechte. In den ganzen USA dürften es rund vier Millionen Demons­tranten gewesen sein.

Zahlen wurden schnell zum Politikum: Trump schimpfte an einem ersten vollen Tag im Amt über »die Medien« mit ihren falschen Angaben. Er befinde sich in einem »Dauerkrieg gegen die Medien, die zu den verlogensten Menschen auf Erden gehören«.

Sie sei überglücklich über Donald Trumps Wahlsieg, sagte hingegen Elizabeth Frattasio. Zusammen mit ihrem Ehemann Seth und ihren beiden Buben kam die Immobilienmaklerin aus Boston zur Amtseinführung. Die Menschen würden wieder mehr Stolz haben auf die USA unter einem starken Präsidenten, sagt Frattasio. Der neue Präsident senke hoffentlich ihre Steuern. Und das mit Trumps Mauer sei ein guter Plan. Ein Land brauche doch Sicherheit.

Bis von Idaho reiste Bunni Farnham zu den Trump-Feierlichkeiten, im Nebenberuf Sekretärin, im »Hauptberuf« Mutter von sechs Kindern. Das Volk sei aufgewacht, lobte Farnham. Christen würden diskriminiert in den USA. Eine Bäckerei werde in den Ruin getrieben, weil sie keinen Hochzeitskuchen backe für eine Homo-Ehe. Doch wenn ein Modedesigner verkünde, er werde die neue First Lady nicht ausstatten, habe das keine Konsequenzen. Unter Trump werde ein anderes Bewusstsein entstehen.

Der Informationsdienst Pew Research Center hat kurz vor der Amtseinführung eine Umfrage vorgelegt: 86 Prozent der US-Amerikaner seien der Ansicht, die USA seien tiefer gespalten als in der Vergangenheit. Nur 24 Prozent vermuteten, die Spaltung werde in den kommenden fünf Jahren nachlassen.

Die christliche Welt, deren Anführer sich gerne sehen als Agenten für Versöhnung, sucht Orientierung. Weiße Evangelikale haben zu rund achtzig Prozent Trump gewählt. Steve Gaines, Präsident des »Südlichen Baptistenverbandes«, der größten protestantischen Kirche, mahnte: Christen müssten »für das Amt des Präsidenten … und den Mann in diesem Amt beten«. Sei man anderer Meinung als Trump, müsse man Differenzen mit Respekt und ohne persönliche Angriffe zur Sprache bringen.

Die protestantischen »Mainline«-Kirchen, zu denen Lutheraner, Methodisten und Presbyterianer zählen, fühlten sich relativ wohl mit Barack Obamas liberalem und sozial engagiertem Protestantismus, beeinflusst von Traditio­nen des afro-amerikanischen Christentums. Bei Trump steht Mainline draußen vor der Tür. Der Nationale Kirchenrat, der größte ökumenische Verband, und die Konferenz Nationaler Schwarzer Kirchen kritisierten mehrere Mitglieder von Trumps Kabinett: Sie versinnbildlichten extremistische und rassistische Ansichten, nicht vereinbar mit Nächstenliebe.

Bei den Protesten am Tag nach der Amtseinführung sah man hier und da Teilnehmer, die sich als Angehörige einer religiösen Gruppierung identifizierten: Doch prominente Rollen, wie »seinerzeit« bei Friedenskundgebungen und Bürgerrechtsaktionen, spielte Religion nicht: Die Aktivisten kommen aus einer Generation und einem Milieu, in denen organisierte Religion nicht sehr wichtig ist.

Dass Trump gewinnen konnte, weil »seine Leute« wählen gingen und seine Gegner weniger, hat die Welt überrascht. Der politische Neuanfang ist geprägt von Ungewissheit. Trump legte bisher wenig Konkretes vor; viele Anhänger vertrauen ihm anscheinend, er werde schon das Richtige tun. Viele Trump-Nicht-Wähler haben Angst. Da ist der autoritäre Stil, Trumps Attacken und sein Bild von einem Amerika, das sehr weiß ist, konservativ, immer auf ihn selber bezogen und kaum berechenbar.

Kurz vor seinem Abschied wollte Obama seine Leute beruhigen. Donald Trump werde sicherlich anders regieren, das sei so nach einem »friedvollen Machtübergang«, sagte Obama. Doch: »Der Weltuntergang kommt nur, wenn der Weltuntergang kommt.« Er glaube an Amerika, an die Menschen in diesem Land, dass »Menschen eher gut sind als schlecht«.

Offensichtlich setzt Obama auch auf Sachzwänge und komplexe Realitäten, die jedem Präsidenten Grenzen aufzeigten. Bei Trump weiß man jedoch weniger als bei wohl allen US-Präsidenten der Vergangenheit, was er tun wird. Wohin ihn sein Glaube führt – nur er könne die Nation retten – und wer und was ihn bremsen kann. Donald Trump ist der Ansicht, wie er das auch in einer Antrittsrede wissen ließ, dass er Anführer ist einer neuen Bewegung hin auf ein anderes Amerika.

Konrad Ege

Das Salz der Erde

24. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Salzkathedrale im kolumbianischen Zipaquirá ist die größte unterirdische Salzkapelle der Welt. Der große Dom umfasst 8500 Quadratmeter und kann rund 8000 Gläubige aufnehmen.

Bergarbeiter haben einen gefährlichen Job. Deshalb ist es kein Wunder, dass sie – gerade in einem katholisch geprägten Land – vor dem Weg in den Schacht häufig um Beistand von oben bitten. Das war auch in der traditionsreichen Salzmine in Zipaquirá so, die sich im kolumbianischen Hochland befindet, etwa fünfzig Kilometer nördlich der Hauptstadt Bogotá. Doch weil sie baufällig war, musste die kleine Wallfahrtskapelle, die sich die Arbeiter der Salzmine selbst gebaut hatten, vor rund 25 Jahren geschlossen werden. Unterstützt von einem Stararchitekten, packten die Minenarbeiter an und bauten sich unter Tage eine neue Gebetsstätte.

Mit Kathedralenführer Juan Carlos Cortes geht es hinab in das unterirdische Gotteshaus, nicht ohne vorher mit Helmen und Stirnlampen ausgerüstet worden zu sein. Durch eine Art Lichtertunnel, dessen Lampen ganz in Rot gehalten sind, gelangen wir an einen Kreuzweg, der die üblichen 14 Stationen umfasst und doch ganz anders gestaltet ist als seine oberirdischen Pendants. Er passt sich perfekt ein in eine unterirdische Landschaft, in der sich zum Teil zehn Meter hohe, zum Teil aber auch 25 Meter hohe Stollen befinden.

Blick in das Hauptschiff der unterirdischen Kathedrale. Das Kreuz ist keine plastische Figur, sondern ein in Salz und Stein geschlagener Hohlraum und entsteht durch eine raffinierte Beleuchtungstechnik. – Foto: Rainer Heubeck

Blick in das Hauptschiff der unterirdischen Kathedrale. Das Kreuz ist keine plastische Figur, sondern ein in Salz und Stein geschlagener Hohlraum und entsteht durch eine raffinierte Beleuchtungstechnik. – Foto: Rainer Heubeck

Die 14 Stationen sind durch einen Gang verbunden und finden sich seitlich davon in Nischen. Jede Station drückt die Passion durch eine ganz eigene Atmosphäre aus. Im Gegensatz zu konventionellen Kreuzwegen ist die Jesus-Figur hier nie direkt präsent, das Leiden Christi wird nur symbolisch dargestellt. Dort, wo Jesus unter der Last seines Kreuzes zu Fall gekommen ist, sind längere und größere Salzkreuze aufgestellt.

Einsamkeit und Meditation, aber auch fester Glaube, der die Todesangst überwindet, werden hier nicht durch Bilder und Skulpturen dargestellt, sondern vor allem durch Lichtstimmungen vermittelt.

Auf dem Weg entlang des Kreuzwegs berichtet Juan Carlos Cortes, der seit dem Jahr 2010 hier als Führer arbeitet, von der spirituellen Bedeutung der einzelnen Stationen sowie von Geschichte und Gegenwart des Salzabbaus. Er weiß viel zu religiösen Fragen, aber auch zu Architektur und Design – und natürlich zum Thema Salz. Den modernen Salzbergbau mit gut befestigten unterirdischen Stollen hat, so erfahren wir, Alexander von Humboldt ab 1801 in Kolumbien eingeführt; doch der Salzreichtum der Region war schon in vorkolumbianischen Zeiten bekannt.

Während die Spanier in Peru und andernorts in Lateinamerika vor allem nach Gold suchten, konzentrierten sie sich im heutigen Kolumbien auf die Gewinnung von Salz. Und das, obgleich die Legende vom sagenhaften »goldenen Mann«, dem »El Dorado«, nicht weit von Zipaquirá entfernt ihren Ursprung hat: Sie hat mit einem Häuptling zu tun, der auf einem mit Goldschätzen beladenen Floß unterwegs war, um seiner Frau und seines Sohnes zu gedenken, die beide in der Lagune ertrunken waren.

Doch nicht nur Gold war in der Vergangenheit ein Symbol für großen Reichtum, auch Salz war früher äußerst begehrt, das zeigen die Worte »Salär« oder »salary«. Ihr Ursprung liegt in der Ration Salz, die römische Soldaten und Ratspersonen erhielten. In der Salzmine von Zipaquirá freilich geht es nicht um Speise- oder Kochsalz, heute werden hier vor allem Industriesalze abgebaut.

An den Kreuzweg schließt sich das Allerheiligste an: drei Schiffe der unterirdischen Salzkathedrale, die zwischen 1992 und 1995 erbaut wurden. Sie sollen die Geburt, das Leben und den Tod Jesu verkörpern. Die zwei Seitenschiffe sind 75 Meter lang, das Hauptschiff sogar 120 Meter: 250 000 Tonnen Gestein und Salzkristall wurden aus dem Fels geschlagen und gesprengt, um den riesigen Hohlraum für diese Kathe­drale zu schaffen, rund achtzig Tonnen Sprengstoff kamen dabei zum Einsatz.

In einem Seitenschiff steht ein Taufbrunnen, ganz aus Salz, und ein Salzrelief, das an die Sixtinische Kapelle erinnert – eine Darstellung von Michel­angelos »Erschaffung des Adam«. Der Hauptraum wird dominiert von einem aus Salz geformten Erzengel Gabriel, und einem 16 Meter hohen Kreuz, das hinter einem Salzaltar nach oben zu ragen scheint. Doch das Kreuz besteht aus Luft und Licht.

Das Hauptschiff der Kathedrale, die bei Oster- und Weihnachtsgottesdiensten brechend voll ist, hat wenig gemein mit einem stillen Andachtsort, an dem die Bergwerks-Kumpel vor dem Schichtantritt um Schutz vor Unfällen bitten. Einen solchen Ort finden wir in einer Nische, in der eine Statue der Heiligen Jungfrau von Guasa aufgestellt ist: Sie steht auf einer Weltkugel und hält ein rotgekleidetes Kind im Arm. Die Jungfrau von Guasa gilt als die eigentliche Schutzpatronin der Minenarbeiter, gelegentlich gibt es auch Zeremonien für sie in der Salzkathedrale.

Rainer Heubeck

Pommes mit Maja

17. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Insekten könnten eines der Lebensmittel der Zukunft sein, darin sind sich Experten für Welternährung einig. Ein Schweizer findet: Warum nicht Bienen?

Sour Soup with Emmentaler – klingt gut, oder? Saure Suppe mit Emmentaler, wer könnte da widerstehen? Nichts würde besser passen zu dem quietschbunten Bretterverschlag, den der Schweizer Daniel Ambühl aufstellt, wenn er seine Spezialitäten bekannt macht – und genauso steht es auch angeschrieben, allerdings mit einem Wort mehr. Tatsächlich verkauft Ambühl nämlich »Saure Suppe mit Bienendrohnen aus dem Emmental«.

»Man erkennt das oft, dass Leute eine Schere im Kopf haben. Sie merken: Das Essen sieht gut aus und riecht auch lecker – und trotzdem müssen viele erst eine Barriere überwinden«, sagt er. Daniel Ambühl, 58 Jahre alt, ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Er glaubt so sehr daran, dass er ein Bienenkochbuch geschrieben hat. Es trägt den Namen »Beezza«, man erfährt darin, wie man Bienenpizza zubereitet, Bienenburger – und für die Pommes dazu die »Majanaise«, die man gewinnt, indem man den Saft von ausgedrückten Larven mit Essig, Öl, Senf und Salz verrührt.

Der Schweizer Daniel Ambühl in seinem bunten Bretterverschlag in Zürich, mit dem er im Sommer über Schweizer Festivals tourt, um Spezialitäten aus seinem Bienenkochbuch bekannt zu machen. Ambühl ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Foto: epd-bild/Luc-Francois Georgi

Der Schweizer Daniel Ambühl in seinem bunten Bretterverschlag in Zürich, mit dem er im Sommer über Schweizer Festivals tourt, um Spezialitäten aus seinem Bienenkochbuch bekannt zu machen. Ambühl ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Foto: epd-bild/Luc-Francois Georgi

Ambühl ist nicht der Einzige, der mehr Insekten auf den Speiseplan der Menschen bringen will. Die Welternährungsorganisation FAO sieht darin eine Methode, die Welternährung zu sichern – schließlich sind in Insekten zahlreiche Nährstoffe und vor allem Proteine enthalten. Gleichzeitig seien sie aber mit wesentlich weniger Aufwand zu produzieren als etwa Fleisch. Das ist wichtig angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums.

Mittlerweile gibt es einen Wettlauf unter Forschern. Es geht nicht darum, ob wir einmal Insekten essen werden, sondern welche. In Teilen von Asien, Afrika und Lateinamerika werden Insekten seit jeher verspeist, insgesamt rund 1 900 verschiedene Arten. Sie tragen laut FAO zur Ernährung von rund zwei Milliarden Menschen bei.

»Bekannt geworden ist das Insektenessen in Europa über den Zoohandel. Dessen Lieferanten haben angefangen zu experimentieren, was auch Menschen schmecken könnte«, sagt Guido Ritter, Ökotrophologe an der Fachhochschule Münster – und bekennender Insektenesser. Heuschrecken und Mehlwürmer: So laute das Programm vieler Zuchtbetriebe.

Was sich in Europa noch im experimentellen Stadium befindet, das ist in Südostasien bereits eine Industrie – und nicht immer nehmen die Züchter es dabei mit Umweltschutzstandards oder nachhaltiger Produktion besonders genau, wie Ambühl sagt: »In Thailand gibt es massenhaft Grillenfarmen. Dort wird Hochproteinfutter verfüttert, das normalerweise Hühner kriegen. Das ist überhaupt nicht durchdacht.«

Ein ähnlicher Ansatz wird Guido Ritter zufolge in Südafrika verfolgt, wo Schlachtabfälle verfüttert würden. »Das würde bei uns nicht gehen, da die Europäische Union (EU) bereits festgelegt hat, dass Insekten in der Zucht so behandelt werden müssen wie andere Tiere auch. Und die dürfen keine Schlachtabfälle bekommen.«

Dass es auch anders geht, will Daniel Ambühl beweisen: Er verwendet in seiner Küche und seinen Kursen ausschließlich die Larven und Puppen der Drohnen, also der männlichen Bienen. Die Jugendform unter anderem deshalb, weil Honigbienen ihren Nachwuchs perfekt abgestimmt versorgen: »Deshalb haben die Tiere keinen Darm­inhalt. Das ist bei anderen Insekten ein Riesenproblem.«

Rund 2 000 bis 3 000 Drohnen werden jedes Jahr in einem Bienenstamm geboren, wie er erklärt. Gebraucht würden sie von Natur aus nur, wenn aus einem benachbarten Volk eine neue Königin hervorgehe und begattet werden müsse. Also gebe es für die Drohnenlarven keine Verwendung, vorhanden seien sie bei einer großen Zahl von Honigproduzenten trotzdem. »Es wäre für Imker überhaupt kein Problem, Drohnenlarven in Bio-Qualität zu produzieren«, sagt Ambühl. Genau genommen sei das oft jetzt schon der Fall. Nur wisse das meistens nicht mal der Imker selbst.

Doch egal, ob man Bienen, Mehlwürmer oder Heuschrecken züchtet: Welcher Europäer will das eigentlich essen? Vielleicht einer, der das Tier nicht in Gänze sieht, findet Ernährungswissenschaftler Ritter. Möglich seien etwa Snacks, Proteinriegel oder auch Burger. »Letztere gibt es schon in den Niederlanden und Belgien. Ich bin sicher: Bald schon wird man im Supermarkt Insektenschnitzel kaufen können.«

Bienenkoch Ambühl sieht das anders: »Man muss sich auf Leute konzentrieren, die wissen, dass wir nicht endlos Fleisch produzieren können. Die akzeptieren ganze Insekten dann viel eher.« Gerade bei jungen und gebildeten Menschen sei das häufig der Fall. »Das ist der Markt. Und nicht Leute, die etwas eigentlich gar nicht wollen«, sagt der Schweizer. »Sour Soup with Emmentaler Kingbees« – warum eigentlich nicht?

Sebastian Stoll

www.beezza.ch

Wenn das Amt den Glauben prüft

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Christentum konvertierte Flüchtlinge werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf die Ernsthaftigkeit ihres Religionswechsels getestet. Mit teilweise äußerst zweifelhaften Methoden.

Wie heißen die beiden Söhne im Gleichnis vom verlorenen Sohn?« Pfarrer Gottfried Martens aus Berlin-Steglitz kann diese Frage nicht beantworten. Sein iranischer Täufling noch weniger. Denn in der Bibel werden die Namen der beiden Söhne überhaupt nicht erwähnt. Der Iraner allerdings könnte deswegen nun in seine Heimat abgeschoben werden. Denn weil er in seiner Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die kürzlich in Berlin stattfand, diese Frage nicht beantworten konnte, glaubte ihm das Amt nicht, dass er wirklich und aus voller Überzeugung zum christlichen Glauben konvertiert ist.

Ein Einzelfall? Mitnichten. Bei dem zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gehörenden Pfarrer Martens häufen sich die Fälle von Konvertiten, die einen negativen Asylbescheid erhalten haben. »Und fast immer finden sich in den Anhörungsprotokollen Belege dafür, dass Anhörer, Dolmetscher und Entscheider, also alle mit dem jeweiligen Fall betrauten Personen, selbst überhaupt keine Ahnung von dem haben, wonach sie fragen«, sagt Martens.

Vom »Schweinefleischfest« bis zu Luthers Geburtsdatum

So verwechselte eine Anhörende das Apostolische Glaubensbekenntnis mit dem Vaterunser. Ein Dolmetscher übersetzte das Osterfest mit dem Begriff »Schweinefleischfest«. Und ein Konvertit scheiterte an der Frage nach dem Geburtstag Martin Luthers – den vermutlich die wenigsten lutherischen Christen in Deutschland auf Anhieb nennen können.

Rund 1 000 iranische und afghanische Flüchtlinge hat Martens in den letzten Jahren getauft. Alle erhielten einen mehrmonatigen Taufunterricht. Alle mussten am Ende eine Prüfung bestehen. Fast alle halten sich auch nach Jahren noch zur Gemeinde, besuchen die Gottesdienste. Den immer wieder erhobenen Vorwurf, die Menschen kämen nur zu ihm, um als Konvertiten ein Bleiberecht zu erhalten, weist Martens entschieden zurück. »Ich habe aber den Eindruck, dass es im BAMF mittlerweile die Maßgabe gibt, Konvertiten besonders streng zu beurteilen«, sagt Martens.

Und die Erfahrungen des Berliner Pfarrers sind kein Einzelfall. Auch in Bayern erleben Kirchenvertreter Ähnliches. Auf der vor Kurzem in Nürnberg tagenden Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Bayerns berichtete Oberkirchenrat Michael Martin nicht nur davon, dass sich in Bayern ebenfalls viele Flüchtlinge in der Landeskirche taufen ließen. Vielmehr führe auch dort das Bundesamt »Glaubensprüfungen« bei Flüchtlingen durch.

»Unbestritten ist: Die Taufe gehört zum Kernbereich kirchlichen Handelns«, sagte Martin vor der Synode. »Als solche ist sie einer staatlichen Überprüfung entzogen.« Aus kirchlicher Sicht halte man fest, dass Glaube mehr sei als die Ansammlung von Faktenwissen. Deshalb könne er überhaupt nicht überprüft werden.

Vor der Synode berichtete Martin davon, dass einem Täufling aus Bayreuth dazu geraten wurde, seinen Glauben bei einer Abschiebung in den Iran doch einfach zu verleugnen. »Es braucht wohl keine große Begründung dafür mehr, dass es so nicht geht«, sagte Martin.

In der anschließenden Debatte äußerte sich auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Heinrich Bedford-Strohm: »Als ich davon gehört habe, war ich entsetzt. Es kann keine Glaubensprüfung durch Menschen geben, die dazu keine Kompetenz haben, und es kann auch nicht angezweifelt werden, dass die Menschen, die von der Kirche getauft werden, aus ernsthaften Motiven getauft werden.« Ähnlich sieht das der Berliner Pfarrer Martens. »Es geht nicht nur um dumme Fragen, es geht hier um einen massiven Eingriff des BAMF in Fragen der kirchlichen Lehre.«

Auf Nachfrage wollte sich das BAMF nicht zu den konkret angesprochenen Fällen äußern. Ein Sprecher betonte jedoch, dass im Rahmen der persönlichen Anhörung die näheren Umstände des Glaubenswechsels geprüft würden. »Die Taufbescheinigung bestätigt, dass ein Glaubensübertritt stattgefunden hat, sie sagt aber nichts darüber aus, wie der Antragsteller seinen neuen Glauben bei Rückkehr in sein Heimatland voraussichtlich leben wird und welche Gefahren sich hieraus ergeben«, sagte der Sprecher. »Die Klärung dieser Frage ist Bestandteil der persönlichen Anhörung.«

Der Entscheider müsse beurteilen, ob der Glaubenswechsel des Antragstellers aus asyltaktischen Gründen oder aus echter Überzeugung erfolgt sei. »Das Bundesamt zweifelt aber den durch Taufbescheinigung nachgewiesenen Glaubenswechsel an sich nicht an«, so der Sprecher. Es werde generell unterstellt, dass eine sorgfältige Taufbegleitung vonseiten der christlichen Gemeinden erfolgt sei. Allerdings werde von einem Konvertiten durchaus erwartet, dass er ausführlich schildern könne, welche Beweggründe er für die Konversion hatte und welche Bedeutung die neue Religion für ihn persönlich habe.

Gespräche zwischen EKD und Bundesamt

Inzwischen ist die EKD wegen der umstrittenen »Glaubensprüfungen« mit dem Bundesamt im Gespräch. Das bestätigte der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, Prälat Martin Dutzmann, auf Nachfrage dieser Zeitung. »Es darf in so einem Verfahren kein ›Glaubensexamen‹ geben«, betont Dutzmann. Gefragt werden könne nur danach, wie der eigene Glaube praktiziert werde – also, ob ein Konvertit etwa regelmäßig den Gottesdienst besuche.

Bundesweit sei zudem eine entsprechende Qualifizierung der Anhörer und Dolmetscher erforderlich. Übersetzer müssten christliche Fachtermini kennen, und Anhörer, die sich mit Konvertiten beschäftigen, sollten über Grundkenntnisse des christlichen Glaubens verfügen. Ein erstes Gespräch darüber mit dem Präsidenten des Bundesamtes, Frank-Jürgen Weise, ist aus Sicht von Dutzmann positiv verlaufen.

Benjamin Lassiwe

Luthers Erben in Namibia

30. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Lutherische Weltbund lädt im 500. Jahr der Reformation  zu seiner Vollversammlung nach Namibia ein. Ein Land, das eng mit der deutschen Geschichte verbunden ist.

Für Gewehre gibt es einen eigenen Schalter auf dem internationalen Flughafen von Windhuk. Die Großwildjäger, laut und schulterklopfend, hatten schon auf dem Zehn-Stunden-Flug nach Namibia von der Lodge geschwärmt, die so schön sei und romantisch wie im Film »Jenseits von Afrika«.

Als sie in die Halle des Flughafens kommen, staunen sie, als wäre schon Weihnachten: Ein großer Chor singt »Ein feste Burg«, so kräftig, dass es ihnen in die Glieder fährt und die Gewehre von den Schultern rutschen. Was für ein Empfang!

Doch der gilt nicht ihnen, sondern einer Delegation der befreundeten braunschweigischen Landeskirche. Domprediger Joachim Hempel erinnert sich an die christlichen Umarmungen ebenso wie an die verstörten Jäger-Gesichter – deren Weltbild nicht mehr passt: Sind wir wirklich in Afrika?

Konfirmation in der Hosianna-Kirche von Windhuk – festlich gekleidete Jugendliche, umrahmt von zweitausend betenden Gemeindemitgliedern. Foto: Paul-Josef Raue

Konfirmation in der Hosianna-Kirche von Windhuk – festlich gekleidete Jugendliche, umrahmt von zweitausend betenden Gemeindemitgliedern. Foto: Paul-Josef Raue

Da stimmt kein Vorurteil mehr: Weder das romantische aus dem Kino vom Leben neben Löwenpaaren und schwarzen Hausdienern noch das politische der Tagesschau von Muslimen, die Deutschland überfremden wollen. Afrika ist anders, auch im Glauben: Auf dem Kontinent, den wir den schwarzen nennen, bekennen sich mehr Menschen zu Christus als zu Mohammed.

Ein Sonntagmorgen in der großen Hosianna-Kirche am Rande von Windhuk: Der Parkplatz ist überfüllt, Ordner weisen ein, Tausend Menschen in der Kirche, Tausend draußen – und ein ständiger Wechsel. Die Kirche ist der wöchentliche Treffpunkt.

Die Frauen, besonders die jungen, haben sich chic gemacht mit bunten Gewändern, weißen Spitzen und fantastischen Hüten, man hört die Predigt, singt im Chor Bachs »O Haupt voll Blut und Wunden«, empfängt das Abendmahl, geht immer wieder nach draußen, um mit Bekannten und Freunden zu reden, und reiht sich in eine lange Schlange ein: Vor dem Altar werden, unter den Blicken der Pfarrer, zwei große Körbe aufgestellt, die schnell mit Geldscheinen gefüllt sind – ein Korb für ein Projekt, der zweite für die Pfarrer und die Arbeit in der Gemeinde. Kirchensteuer auf namibisch.

Nach gut fünf Stunden liest einer der Pfarrer die Liste aller Mitwirkenden vor: Der Abspann wie am Ende eines guten Films – fünf Stunden Gottes– und Menschendienst an einem sonnigen Sonntag in Windhuk.

Namibia ist ein weites Land mit großen Wüsten und wenig Wasser; auf einer Fläche doppelt so groß wie Deutschland leben weniger Menschen als in Berlin. Namibia ist eine Demokratie, repräsentativ, vorbildlich in Afrika, aber trotzdem noch ein zerrissenes Land: Der Riss zwischen Schwarz und Weiß geht auch quer durch die drei lutherischen Kirchen: Die Einheit ist das Ziel, aber ein zähes Projekt, das immerhin schon eine gemeinsame Pastoren-Ausbildung kennt.

Die kleinste der Kirchen ist die deutsche, es ist die Kirche der ehemaligen Kolonialmacht. Die Missionare Luthers baten Bismarck um Schutz und Hilfe; der bat die Engländer um militärischen Schutz, bekam als Antwort: Nein, jede Macht kümmert sich um die eigenen Leute.

Das Deutsche Reich schickte Soldaten, erst wenige zum Schutz der Missionare, später 15 000, die den Stamm der Hereros vernichteten. Zum ersten Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts bekannte sich die deutsche Regierung erst vor einem Jahr.

Wessen Hautfarbe schwarz war, den schützten die Deutschen nicht, auch nicht, als die südafrikanischen Besatzer die Apartheid rigoros durchsetzten. Der Lutherische Weltbund suspendierte sogar die deutsche Kirche in Namibia und unterstützte den Freiheitskampf der Swapo.

Die Geschichte Namibias war eine deutsche Geschichte, und sie ist es bis heute. Wer auf der Autobahn von Windhuk an die Atlantik-Küste fährt, sieht am Straßenrand Menschen, die Steine auf Autos werfen: Die Struggle Kids, die Kinder des Kampfes.

Die »Allgemeine«, seit hundert Jahren die deutschsprachige Zeitung, zeigte vor wenigen Monaten ein Foto mit diesen Kindern, die eine Faust in den Himmel recken und die Autobahn blockieren. Die DDR hatte den von der Swapo aus verschiedenen Flüchtlingslagern zusammengezogenen Kindern in den siebziger Jahren Asyl gewährt, in den dunkelsten Jahren der Apartheid.

Kurz nachdem in Deutschland die Mauer gefallen war, bekam Namibia die Unabhängigkeit: Die Struggle-Kids hatten in Deutschland keine Zukunft mehr, und in Namibia waren sie die Fremden, die schwarzen Deutschen. Sogar mit eigener Sprache, dem Oshi-Deutsch, einer Mischung aus Deutsch und Oshivambo. Auch wenn sie, meist arbeitslos, nur eine kleine radikale Gruppe bilden, sind sie typisch für die Konflikte Namibias.

Die über Jahrhunderte unterdrückten Schwarzen fordern von ihrer Regierung nicht nur Mitleid, sondern auch Landbesitz, fordern Farmen, die zum großen Teil immer noch den Weißen gehören. Die Regierung zögert, will die Fehler wie im Nachbarland Simbabwe vermeiden: Dort hat die gewaltsame Enteignung die Landwirtschaft zusammenbrechen lassen. Namibia versucht den Ausgleich, der allen die Zukunft sichern soll. So wächst mit Namibianern, deren Herkunft deutsch ist, eine neue Farmergeneration heran.

Die Deutschen sind da, sie sind friedlich, haben eine eigene Kirche und einen eigenen Bischof, sie sind die Wohlhabenden im Land, die Farmer, Handwerker, Unternehmer – auch wenn mit Calle Schletwein, dem Finanzminister, nur ein Weißer in der Regierung sitzt. In Windhuk flaniert man durch die Genscher-Straße oder wohnt im Thüringer Hof; der Besuch des Museums von Swakopmund an der Küste ist wie ein Spaziergang durch die deutsche Geschichte.

Im kommenden Jahr, dem Lutherjahr, wird die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes nicht in Wittenberg tagen, sondern in Namibia – als Zeichen für die Weltoffenheit der Erben Luthers. Die deutschen Lutheraner werden sich dann das Flugzeug teilen mit den Großwildjägern, und gemeinsam werden sie wohl auch mit »Ein feste Burg« empfangen werden.

Paul-Josef Raue

Der Lutherische Weltbund (LWB) ist der Dachverband von weltweit 142 lutherischen Kirchen mit mehr als 72 Millionen Mitgliedern. Er wurde 1947 im schwedischen Lund gegründet. Das höchste Gremium des LWB ist die Vollversammlung, die in der Regel alle sechs Jahre zusammentritt.

Die 12. Vollversammlung kommt vom 13. bis 18. Juni in Namibias Hauptstadt Windhuk zusammen. Sie soll im 500. Jahr der Reformation »die ökumenische und globale Dimension der Reformation hervorheben«, wie der LWB betont.

Das Leitwort der Vollversammlung lautet »Befreit durch Gottes Gnade«. Es soll bei der Tagung in drei Unterthemen entfaltet werden: »Erlösung – für Geld nicht zu haben«, »Menschen – für Geld nicht zu haben« und »Schöpfung – für Geld nicht zu haben«

Mitgliedskirchen aus Deutschland:
Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Braunschweig, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schaumburg-Lippe, Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, Evangelische Landeskirche in Württemberg, die Lutherische Klasse der Lippischen Landeskirche, Evangelisch-Lutherische Kirche in Baden


Weil Jesus hier geboren wurde

24. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In Bethlehem ist immer Weihnachten. Menschen aus aller Welt besuchen die kleine Stadt in den Bergen Judäas, weil Jesus hier zur Welt kam.

Die Geburtskirche und die Hirtenfelder werden täglich von Hunderten besichtigt, und die palästinensische Bevölkerung lebt vom Tourismus. Viele Muslime haben das Geschäft mit dem Kind in der Krippe für sich entdeckt. Jahr für Jahr ziehen mehr aus den umliegenden Dörfern nach Bethlehem. Sie bauen Hotels, gründen Souvenirgeschäfte und Restaurants, arbeiten als Schmuckverkäufer, Olivenholzschnitzer und Reiseleiter. Die biblischen Orte sind allgemeines Kulturerbe und das Weihnachtsfest ist zum Volksfest geworden.

Eine schöne Bescherung: Johnny und Marlene Shahwan verteilen jedes Jahr Tausende von Geschenkpäckchen, die im Rahmen der Aktion »Weihnachten im Schuhkarton« weltweit gepackt wurden, an palästinensische Kinder in und um Bethlehem. Foto: Johnny Shahwan

Eine schöne Bescherung: Johnny und Marlene Shahwan verteilen jedes Jahr Tausende von Geschenkpäckchen, die im Rahmen der Aktion »Weihnachten im Schuhkarton« weltweit gepackt wurden, an palästinensische Kinder in und um Bethlehem. Foto: Johnny Shahwan

Werden im Advent die Lichterketten eingeschaltet und riesige Weihnachtsbäume nach amerikanischem Vorbild erleuchtet, sind nur noch wenige palästinensische Christen unter den Feiernden. Und wenn am Heiligabend auf der großen Bühne Chöre aus aller Welt zur Ehre Gottes singen, grölen Tausende Muslime unter den Zuschauern schmutzige Worte dazwischen. Immer mehr Christen bleiben deshalb den Feiern fern.

»Ich erlaube meinen Töchtern nicht, an Heiligabend nach Bethlehem zu gehen«, sagt Abu Fuad, ein Vater von fünf Kindern und traditioneller Christ aus unserer Stadt Beit Jala. Er befürchtet, dass seine Mädchen von Muslimen angemacht werden und es zu Schlägereien kommt. Doch so sehr sich traditionelle Christen aufregen, dass ihnen ihr Weihnachtsfest durch die muslimische Mehrheit ruiniert wird – umso trauriger ist, dass sie selbst kaum noch einen Bezug zum Sinn von Weihnachten haben.

Nur noch wenige Leute kennen die biblischen Geschichten. Für sie bedeutet Weihnachten gut essen und trinken, Kleider kaufen, auf Partys gehen und gesehen werden. Sie leben ihre »christliche« Kultur, aber Auswirkungen auf ihr Leben hat das kaum. Viele Palästinenser leben eh nur für den Augenblick. Sie versuchen, die politischen Konflikte und Einschränkungen zu ignorieren und wollen nicht vertröstet werden auf eine bessere Zukunft, weil sie gar nicht mehr an eine Zukunft in diesem Land glauben. Immer mehr traditionelle Christen wandern deshalb aus.

Mitten in dieser Situation versuchen wir im Beit Al Liqa (Haus der Begegnung), Menschen mit Gottes Wort zu erreichen. Wir sagen den Christen, dass es mehr als fromme Traditionen gibt, nämlich eine persönliche Freundschaft zu Jesus. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind schon in unserem Zentrum zum Glauben gekommen.

Bei einem Sommercamp fragte unsere Mitarbeiterin Melody, ob eines der Kinder ein Gebet sprechen wolle. Da kam ein elfjähriger muslimischer Junge ans Mikrofon und betete: »Herr, danke für das Camp. Bitte schenke doch, dass wir heute alle friedlich miteinander umgehen und es keinen Streit gibt. Und bitte hilf uns, dass wir alle bei den Geschichten gut zuhören. In Jesu Namen. Amen!«

Dieser Junge hatte schon als Kleinkind in unserer Kindertagesstätte von Jesus gehört. Die muslimischen Familien am Ort vertrauen uns und bringen ihre Kinder. Manche sind nur liberal, andere sind offen für Gottes Wort.

Wie jedes Jahr werden wir in diesem Jahr wieder Tausende Geschenke im Rahmen von »Weihnachten im Schuhkarton« an Palästinenserkinder im ganzen Land verteilen. Wir bereiten ihnen Freude und erzählen, dass das Kind in der Krippe auch für sie auf die Erde kam.

Manchmal kommen Kinder und Erwachsene auf uns zu, die mehr hören möchten. Andere sagen: »Vielen Dank für die Geschenke, wir glauben trotzdem nicht an euren Jesus!«
Doch wie immer die Reaktion auch ausfällt – wir hören nicht auf, den Menschen der Provinz Bethlehem von Jesus zu erzählen. Denn diese Menschen liegen uns am Herzen. Und wir sind überzeugt, dass es Jesus genauso geht, schließlich ist Bethlehem ja sein Geburtsort!

Johnny und Marlene Shahwan

Johnny und Marlene Shahwan leben in Beit Jala bei Bethlehem. Johnny ist Palästinenser, gemeinsam mit seiner deutschen Ehefrau Marlene hat er als Mitarbeiter des christlichen Hilfswerkes »DMG interpersonal« in der Stadt Beit Jala ein »Haus der Begegnung« aufgebaut, das Kindern und Erwachsenen ein Ort der Hoffnung ist.

www.dmgint.de

Eine Gemeinde im Sturm

20. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Während der blutigen Aus­einandersetzungen in Kiew stand vor zwei Jahren die Deutsche Lutherische Gemeinde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Harald Krille sprach mit dem früheren sächsischen Oberlandeskirchenrat Martin Lerchner, der derzeit in Kiew Dienst tut, über die Situation heute.

Herr Lerchner, Sie haben als Ruheständler Vertretungsdienste in Kiew übernommen. Wie ist es dazu gekommen?
Lerchner:
Im letzten Jahr hat diese Gemeinde große Verunsicherungen erfahren. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen dem Bischof in Odessa und der Kiewer Gemeinde, der vor einem Jahr den von der EKD entsandten Pfarrer gewaltsam absetzen wollte. Inzwischen hat sich die Kiewer Gemeinde St. Katharina von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) trennen müssen und orientiert sich an der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Dazu kam im Frühjahr 2016 der plötzliche Tod von Pfarrer Schäfer. Die Pfarrstelle, die zurzeit ausgeschrieben ist, soll im Sommer 2017 wieder besetzt werden. Das Kirchenamt der EKD hat deshalb Ruheständler gebeten, für Vertretungsdienste zur Verfügung zu stehen.

Was ist der Hintergrund der Spannungen mit der DELKU?
Lerchner:
Ich kann mich nur auf das verlassen, was andere mir berichtet haben: Im Wesentlichen ist es wohl ein Konflikt mit dem Bischof, der eine hierarchische Führung aufgebaut hat. Bischof Serge Maschewski trifft seine Entscheidungen und erwartet Gehorsam. Wer widerspricht, wird entlassen. Statt in Konflikten zu vermitteln, hat man den Eindruck, dass er es lieber auf Konfrontation ankommen lässt.

Ist Ihnen die Entscheidung leichtgefallen, nach Kiew zu gehen?
Lerchner:
Da ich in den letzten zwölf Jahren meines aktiven Dienstes – zwar sehr gern – nur noch kirchenleitend tätig war, habe ich mich über die Anfrage sehr gefreut. Als ich mich fürs Theologiestudium entschied, wollte ich ja nicht »Kirchenleiter«, sondern Pfarrer werden. Allerdings waren so manche Vorurteile präsent.

   Martin Lerchner versieht derzeit in der Kiewer Katharinengemeinde den Vakanzdienst. Im kommenden Jahr soll die Pfarrstelle wieder regulär besetzt werden. Foto: privat

Martin Lerchner versieht derzeit in der Kiewer Katharinengemeinde den Vakanzdienst. Im kommenden Jahr soll die Pfarrstelle wieder regulär besetzt werden. Foto: privat

Und wie ist es nun in Kiew?
Lerchner:
Kiew ist eine moderne, junge und lebendige Stadt, in der es sich gut leben lässt. Allerdings sind krasse Wohlstandsunterschiede deutlich zu bemerken: auf der einen Seite Kraftfahrzeuge, die eher an Waffen als an Transportmittel erinnern, auf der anderen Seite bettelnde ältere Menschen, denen die Rente nicht zum Leben reicht. Und natürlich habe ich im Laufe der Zeit mitbekommen, dass die kriegerischen Konflikte in der Ostukraine viele Familien persönlich betreffen. Wenn ich es richtig sehe, sind unter den jüngeren Menschen viele, die gut gebildet sind, zum Teil mehrere Sprachen gut beherrschen. Gleichzeitig scheint eine größere Gruppe, vor allem älterer Menschen, nichts Gutes mehr vom Leben zu erwarten. Die Kosten steigen und das Geld reicht nicht, sodass die Unzufriedenheit steigt. Nahezu täglich sind im Stadtgebiet Demonstrationen zu bemerken.

Wie ist die Situation in der Deutschen Lutherischen Gemeinde?
Lerchner:
In Kiew höre ich immer wieder stolz: Wir sind eine deutsche lutherische Gemeinde. Allerdings höre ich das fast immer auf Russisch. Zwar stammen sehr viele der etwa 200 Gemeindeglieder aus deutschen Familien. In Zeiten der kommunistischen Herrschaft war es allerdings kaum möglich, die deutsche Sprache und Kultur und den lutherisch geprägten Glauben weiterzugeben. Und doch sind ein tiefes Wissen und eine ungestüme Sehnsucht wahrzunehmen: Wir sind eine deutsche lutherische Gemeinde. So sind sonntags siebzig bis achtzig Personen regelmäßig im Gottesdienst, in dem Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch gesungen und die Predigt und andere Texte ins Russische übersetzt werden.

Sie predigen nicht auf Russisch?
Lerchner:
Ich bin überaus dankbar dafür, dass die Gemeindesekretärin sehr gut übersetzen kann. Sie ist nicht nur eine Übersetzerin, sondern eine Person, der man eine geistliche Prägung abspürt. Die Gläubigen kommen mit großem geistigem Interesse zum Gottesdienst, in dem alle Altersgruppen vertreten sind. Nach jedem Gottesdienst findet ein Treffen mit bis zu zwanzig Personen statt, die sich mit ihren Erfahrungen und Fragen in dieses Gespräch einbringen. Es gibt zudem einen wöchentlichen Bibelgesprächskreis. Großes Interesse an der Arbeit der Kirchengemeinde und am Pfarrer haben darüber hinaus die zahlreichen Deutschen, die – an der deutschen Schule, im diplomatischen Dienst und in anderen Bereichen – auf Zeit hier mit ihren Familien leben.

Die Gemeinde und ihr damaliger Pfarrer Ralf Haska haben sich in den blutigen Majdan-Auseinandersetzungen Anfang 2014 einen Namen durch ihre parteiübergreifende Hilfe gemacht. Ist von dieser Haltung heute noch etwas zu spüren?
Lerchner:
Diese Erfahrungen haben die Gemeindeglieder sehr geprägt und sie sind mit Recht stolz darauf. Von der Haltung ist zumindest so viel zu spüren, dass die Gemeinde – trotz immenser finanzieller Schwierigkeiten – immer wieder notleidende Menschen unterstützt.

Ein Magnetenleben

14. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Rumänien: Als die ersten Bergleute aus dem siebenbürgischen Schiltal 1997 entlassen wurden, meinte die Regierung, aus den Abfindungsgeldern ließen sich Kleinunternehmen gründen. Firmeninhaber wurden aus den Arbeitern nicht, aber ameisenfleißig arbeiten sie an dem großen Recycling ihrer Region.

Vorne steht ein gelbliches, vierstöckiges Gebäude, das früher als Lagerraum diente. Aus einem Fenster werfen zwei Jungen mit Kapuzenpullis einen vier Meter langen Metallträger. Drei weitere Jungen übernehmen und schmeißen ihn neben die anderen fünf Balken, in den kleinen Anhänger eines gelben Dacia. Aus dem Gebäude dröhnt das monotone Aufschlagen der Hämmer auf Beton und ab und an auf Metall. Staubwolken steigen auf. Drinnen arbeiten 15 bis 20 Menschen. Sie sind Alteisensammler, »Magneten«, wie die Einheimischen sie nennen. Sie kommen früh, um acht oder neun, und bleiben hier bis es dunkel wird und die Recyclinghöfe zumachen. An Recyclinghöfen mangelt es in Petrila nicht. Alle kaufen Altmetall an, vor allem Eisen und Kupfer, aber auch Plastikbehälter, »Kanister«, wie die Einheimischen sagen. Die Recyc­linghöfe übernehmen die Ware, ohne viele Fragen zu stellen.

Das große Geschäft machen andere
Letztes Jahr hat die Regierung die Auflagen verschärft, nachdem an mehreren Orten der Zugverkehr wegen geklauter Kabel, Einfahrtssignale und anderer Metallteile lahmgelegt war. Betreiber von Wertstoffsammelstellen sind jetzt verpflichtet, die persönlichen Daten ihrer Alteisen- und Kupferlieferanten aufzunehmen, um die Herkunft der Metalle verfolgen zu können. Doch niemand kann genau sagen, inwieweit die neuen Bestimmungen in abgelegenen Orten jenseits der Großstädte tatsächlich eingehalten werden.

Ohne Helm und Sicherung zerlegen rumänische Altmetallsammler ein Lagergebäude aus Stahlbeton, um an das begehrte Armierungseisen zu kommen. Wenn sie Glück haben, finden sie auch noch Kupferleitungen im Bauwerk. – Foto: George Poqe Popescu

Ohne Helm und Sicherung zerlegen rumänische Altmetallsammler ein Lagergebäude aus Stahlbeton, um an das begehrte Armierungseisen zu kommen. Wenn sie Glück haben, finden sie auch noch Kupferleitungen im Bauwerk. – Foto: George Poqe Popescu

Das in Rumänien gesammelte Alteisen wird zum größten Teil exportiert. Für jedes angekaufte Kilo zahlen die Recyclinghöfe im Schiltal zwischen 13 und 16 Cent, und sie verkaufen das Metall doppelt so teuer an Großhändler. Der Schrott wechselt dann mehrmals die Hände, bevor er in Constanta auf Schiffe geladen wird und bei den Schmelzwerken in der Türkei und in Deutschland ankommt. Das Geschäft ist sehr lukrativ, vor allem für den größten Spieler auf diesem Markt, die schwäbische Scholz AG, die in Rumänien 1 000 Menschen beschäftigt und 75 Filialen unter den Namen Remat Holding und Remat Invest betreibt.

Das gelbliche Gebäude, das die Magneten abreißen, hat die Mine nach der Wende veräußert, es gehört jetzt einem inzwischen insolventen Unternehmen. Der Hauptgläubiger, die rumänische Sparkasse, hat vor Kurzem eine Vertreterin vor Ort geschickt. Sie hat die Polizei gerufen, aber die Beamten erklärten, dass der magere Haushalt der Kommune keine groß angelegten Dauereinsätze zum Schutz des Gebäudes ermöglicht.

Umgerechnet fünf Euro für einen Tag Schwerstarbeit
Vorne wartet der gelbe Dacia. Drinnen knallen weiter die Hämmer. Zur Not organisieren die Kollegen eine Säge, doch das Gros der Arbeit wird mit dem Hammer erledigt. Wenn der Balken fällt, klopfen sie den Beton ab, bis das Metallskelett freiliegt. Sie schauen, ob jemand unten ist, und werfen das Teil aus dem Fenster. Helm oder Handschuhe trägt keiner, die sind zu teuer für einen Magneten. Wenn er allein arbeitet, kann ein Magnet täglich 20 bis 30 Kilo Alteisen in seiner Karre oder in seinem Sack auf den Recyclinghof bringen. Abends bekommen die Menschen dafür höchstens fünf Euro.

Einige Meter weiter arbeiten drei Männer mit Spitzhacken in einem Graben. Heute haben sie nichts gefunden. »Wir schuften hier wie die Zuchthäusler«, sagt der Älteste und Gesprächigste der Gruppe. »Ich grabe hier nach Alteisen, seitdem ich bei der Umstrukturierung entlassen wurde. Das war 1997.« Er heißt Dorel Ciuci und trägt eine dunkelrote Arbeitshose und eine schwarze Mütze, die seine Halbglatze versteckt. Geboren ist er in Petrosani und aufgewachsen hier, in Petrila. Er hat eine Maurerausbildung. Lange war er bei der Mine angestellt, wo er die Schachtwände ausmauerte. Nach der betriebsbedingten Kündigung war seine Abfindung schnell weg – ebenso wie seine Frau mit den Kindern.

Keine Chance auf eine reguläre Anstellung
Seit der Entlassung hat er keine ordentliche Stelle gefunden, für einen Rentenanspruch ist es zu früh. »Aber wenn du mit 54 Arbeit suchst, guckt dich der Patron an und sagt dir: ›Du bist schon alt, Mann!‹ Oder er stellt dich schwarz ein und nach zwei Monaten fängt er an, dir was vom Pferd zu erzählen, statt dir den Lohn zu zahlen.«

Dem gelblichen Gebäude, das die Jungen gerade abreißen, möchte er lieber fernbleiben, denn er hat Angst, dass die tragende Struktur unkontrolliert zusammenbricht. Stattdessen sucht er mit den beiden jüngeren Kollegen weiter nach Altmetall in Löchern und Gräben. »Wenn du auf Kupfer stößt, machst du mehr Geld. Aber auch mit dem Eisen kannst du Glück haben. Vor zwei Jahren habe ich riesige Zahnräder ausgegraben. Da hatte ich über 100 Euro in einer Stunde.«

Das Problem ist, dass bei den Re­cyclinghöfen die Waagen manipuliert sind, sagt der Mann. Und dass die Polizei die Magneten schikaniert. Sie kommt ab und an und verteilt Strafzettel, die niemand zahlen kann. Dementsprechend können die Magneten keine Bankkonten mehr eröffnen, weil sie unbezahlte Geldstrafen angesammelt haben.

Wenn dann ein Träger plötzlich wegbricht
Gegenüber dem gelblichen Gebäude klopfte Dorel Ciuci an einer Baracke aus Backstein, als sein Glück ihn verließ. Er hatte einen zwölf Meter langen Betonträger gefunden und versuchte, das Armierungseisen herauszubekommen. Knapp einen halben Meter war es noch bis zum Ende des Trägers, als das Betonstück plötzlich nachgab und auf ihn fiel. Er fing an, vor Schmerz zu schreien, »wie ein Verrückter«. Die anderen Magneten, die in der Nähe arbeiteten, sind weggelaufen, aus Angst, dass jemand kommen und Fragen stellen würde.

»Hätte ich dieses Handy nicht dabei gehabt, wäre ich jetzt tot«, erzählt der Mann zwei Wochen später. Noch unter dem Betonbalken hatte er es hinbekommen, die Notrufnummer 112, danach auch die Frau, bei der er wohnt, anzurufen. Fünf oder sechs Jungen waren schnell mit einem Auto angefahren gekommen und hatten ihn herausgezogen, noch bevor der Krankenwagen kam. Sie brachten ihn ins Krankenhaus in Petrosani, wo er drei Tage später operiert wurde.

Behandlung im Krankenhaus nur gegen Bares
Nach der OP, als Ciuci wieder wach war, fragten Arzt und Chefkrankenschwester, ob er eine Versicherung hätte. Er antwortete, dass er keine hätte, und auch kein Geld für die Behandlung. Sie sagten ihm, dass er das Krankenhaus verlassen müsse, wenn er nicht zahlen könne.

Schließlich gewährten sie ihm einen zweiwöchigen Aufenthalt. Sie sagten ihm, dass er jeden Tag eine Spritze mit einem Medikament gegen Blutgerinnung bekommen müsse, sonst sterbe er. Eine Dosis kostet zwei Euro, und die Kosten der dreimonatigen Behandlung werden nicht vom Krankenhaus übernommen.

Eine Woche später besorgte ihm seine Schwester einen Rollstuhl, in dem er schließlich entlassen wurde. Er rollte zur Agentur für Arbeitskräfte und meldete sich offiziell arbeitsunfähig. Das Geld von diesem Amt reicht ihm für 14 Spritzen im Monat. Die Kollegen, die auf dem alten Minengelände graben und klopfen, brachten ihm ab und an etwas zu essen oder ein paar Lei.

Aus dem gelblichen Gebäude haben die Magneten, fleißig wie die Ameisen, inzwischen das ganze Alteisen abtransportiert.

Silviu Mihai

»Wołyń«: Vom Segnen der Sicheln, Beile und Heugabeln

7. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Schmerzhafte Vergangenheit: Der polnische Film »Wołyń« (Wolhynien) sorgt derzeit in der Ukraine für Aufsehen – obwohl ihn kaum jemand gesehen hat.

Das ukrainische »Radio Svoboda« klagt: »Ukrainer werden als Tiere gezeigt, als Barbaren des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie sind noch schlimmer als die deutschen Nazis und die sowjetischen Bolschewisten.« Der Versuch, den Film Mitte Oktober in Kiew zu zeigen, wurde kurzfristig durch das ukrainische Außenministerium unterbunden; man fürchte Ausschreitungen. Bereits vier ukrainische Schauspieler haben sich Mitte November öffentlich für ihr Mitwirken in dem polnischen Streifen entschuldigt.

»Wołyń« von Wojciech Smarzows­ki thematisiert als erster Spielfilm die Massaker, die Ukrainer im Jahre 1943 an der polnischen Bevölkerung im deutsch besetzten Wolhynien (in etwa die heutige nordwestliche Ukraine) verübten. Die ukrainische Partisanengruppe UPA (Ukrainische Aufstandsarmee) sah in den Polen ein Hindernis für einen künftigen eigenen Staat und griff mithilfe ukrainischer Bauern deren Siedlungen im Westen der Ukraine an. Motivation war auch die erlebte Unterdrückung in der polnischen Republik bis 1939. Etwa 100 000 Polen kamen dabei ums Leben, bis zu 20 000 Ukrainer wurden bei polnischen Vergeltungen getötet.

Zwischen den Fronten ukrainischer Aufständischer und deutscher Besatzer: die junge Polin Zosia mit ihrem Kind. – Foto: Sceenshot/Filmtrailer

Zwischen den Fronten ukrainischer Aufständischer und deutscher Besatzer: die junge Polin Zosia mit ihrem Kind. – Foto: Sceenshot/Filmtrailer

Die Geschichte wird im Film aus dem Blickwinkel der jungen Polin Zosia erzählt, die erst fröhlich an einer polnisch-ukrainischen Hochzeit mitfeiert, bis sie mit ihrem Kind durch eine brennende Landschaft taumelt. Was sich Menschen mit landwirtschaftlichen Geräten antun, das Häuten, Köpfen, Aufspießen, zeigt Smarzowski, der für düstere Filme bekannt ist, in grausamer Deutlichkeit. »In der Verteidigung der heiligen nationalen Sache darf man vor nichts zurückschrecken«, lautet dabei das Credo der Ukrainer.

Der Regisseur bemüht sich zwar um Ausgeglichenheit. So werden auch Ukrainer gezeigt, die sich dem Schlachten widersetzen; ebenso wird die polnische Rache an Ukrainern thematisiert. Aber: »Die Wahrheit darf nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden«, fordert Arkadiusz Jakubik, einer der polnischen Hauptdarsteller, dessen Vorfahren selbst aus Wolhynien stammen.

In der Ukraine befürchtet man jedoch gerade dies: dass der polnische Film als letztgültige Wahrheit gesehen werde. Für besonderes Aufsehen sorgt dabei eine Schlüsselszene des Films, in der ein Pope in der griechisch-katholischen Kirche die Sicheln, Beile und Heugabeln segnet, mit denen später die polnischen Messbesucher massakriert werden.

Wolodymyr Wiatrowycz, Leiter des staatlichen »Ukrainischen Instituts für Nationales Gedächtnis« weist dies ebenso wie auch viele ukrainische Medien als unhistorisch zurück. Auch bestreitet der ukrainische Historiker, dass es eine geplante Tötungsaktion der UPA gegen die polnische Landbevölkerung gegeben habe.

Dies ist jedoch für die derzeitige polnische nationalkonservative Regierung der springende Punkt. Sie hat die Massaker von 1943 erst im Juli dieses Jahres offiziell als Völkermord benannt, was der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bedauerte. Der Politiker hatte bereits vor einem Denkmal der Massaker in Warschau niedergekniet, ebenso gab es Versöhnungstreffen von Geistlichen beider Länder.

Doch für die Ukrainer ist das Geschehen in Wolhynien eher Nebenschauplatz. Die Mitglieder der UPA werden vor allem als Helden im Kampf für die Unabhängigkeit gefeiert, ihre Denkmäler von der griechisch-katholischen Kirche geweiht. Das Niederschlagen der UPA dauerte in der Sowjetunion noch bis Mitte der 50er-Jahre. Angesichts des aktuellen Konflikts mit Russland ist der UPA-Mythos heute lebendiger denn je. In der Ukraine soll deshalb auf Initiative eines Schriftstellerverbandes nun ein Gegenfilm gedreht werden, der auf ukrainischen Augenzeugenberichten basiert.

»Mein Film ist kein Historienhandbuch«, wehrte Smarzowski bereits auf einer Vorpremiere im September ab. Dem Autor dieser Zeilen erklärte er, dass auch eine Fassung für das westliche Publikum bestehe, kürzer und mit einer einleitenden Erklärung am Anfang. Der 53-Jährige ist davon überzeugt, dass der Film, der die Gewalt explizit zeigt, dennoch die Versöhnung zwischen Polen und Ukrainern voranbringen würde.

Die damals anwesenden Journalisten und Historiker glaubten allerdings nicht daran. Ihre Skepsis wird durch repräsentative Umfragen bestätigt: Nach einer aktuellen Erhebung denken nur vier Prozent der Polen, dass der Film »Wołyń« die Beziehungen der beiden Völker verbessert.

Allein Nadija Sawtschenko, die ukra­inische Kampfpilotin, welche zwei Jahre in Russland inhaftiert war und derzeit als störrische Abgeordnete im Kiewer Parlament wirkt, sieht es mal wieder anders. »Gut, dass der Film entstanden ist. Über schmerzhafte Angelegenheiten muss man reden.«

Jens Mattern

Versteckte Kreuze und das Schweigen der Unesco

21. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Bild der kreuzlosen Bischöfe auf dem Jerusalemer Tempelberg sorgt für heftige Diskussionen. Ein Kommentar, warum die Demutsgeste so brisant ist.

Die deutschen Bischöfe haben bei ihrer Pilgerreise das Kreuz in einer Region verschwinden lassen, in der Tausende von Christen in jüngster Zeit ihr Leben dafür gelassen haben und Hunderttausende ihr Leben aufs Spiel setzen, weil sie eben dieses Kreuz nicht verstecken wollen. Warum haben Kardinal Reinhard Marx und der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sich nicht mit diesen Menschen solidarisiert und von ihren muslimischen Gesprächspartnern eine eigentlich selbstverständliche Toleranz eingefordert?

Das Bild der kreuzlosen Bischöfe reiht sich zudem nahtlos ein in eine Kampagne, deren jüngstes Produkt ein Unesco-Entscheid zum »besetzten Palästina« darstellt, das wenige Tage vor dem Bischofsbesuch verabschiedet worden war.

Unter der Überschrift »Besetztes Palästina« bemängelt die »Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur« in 41 Paragrafen die Weigerung Israels, einen ständigen Unesco-Vertreter in Ostjerusalem zu genehmigen, bedauert die archäologischen Ausgrabungen Israels in Ostjerusalem und verurteilt »israelische Aggression gegen die muslimische Verwaltungsbehörde (Waqf)«. Zum Tempelberg fordert sie freien Zugang für Muslime und freie Hand für den Waqf in allen Verwaltungs-, Renovierungs- und Restaurierungsangelegenheiten.

Gleichzeitig kritisiert sie israelische Baumaßnahmen im weiteren Umfeld des Areals und bedauert, dass die Al-Aqsa-Moschee und der »Al-Haram Al-Scharif«, das »noble Heiligtum«, wie der Tempelberg von Muslimen in arabischer Sprache bezeichnet wird, von israelischen Rechtsextremisten und »uniformierten Kräften« »gestürmt« worden sei. Ein zweiter und dritter Teil befassen sich dann noch mit der Situation um den Gazastreifen, der Höhle Machpela in Hebron und dem Rahelsgrab in Bethlehem.

Problematisch an diesem Unesco-Beschluss ist nicht, dass er Israel kritisiert. Israels Verwaltung heiliger Stätten darf kritisch begutachtet werden und gewiss gäbe es da auch manches zu verbessern. Skandalös ist – genau wie bei den Kreuzen der deutschen Bischöfe –, was unsichtbar ist, verborgen, nicht genannt, ignoriert oder vielleicht sogar geleugnet wird.

So schwieg die Unesco, als zwei Jahre nach ihrer Gründung 58 Synagogen in Jerusalems Altstadt zerstört wurden. Ein jordanischer Kommandeur verkündete nach der Sprengung der traditionsreichen Hurva-Synagoge: »Zum ersten Mal seit 1 000 Jahren verbleibt kein einziger Jude im Jüdischen Viertel. Kein einziges Gebäude verbleibt intakt. Das macht eine Rückkehr der Juden unmöglich.«

Die Unesco schwieg auch, als die jordanischen Besatzer in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten Juden den Zugang zu ihren heiligsten Stätten aus ideologisch-religiösen Gründen verwehrten.

Das Schweigen der Unesco schreit unablässig zum Himmel, bis hin zum Ausbaggern der Südostecke des Tempelbergs in den Jahren 1999 und 2000. Damals entfernte der Waqf zum Bau einer Moschee 9 000 Tonnen Schutt aus den sogenannten »Ställen Salomos« – ein archäologisches Verbrechen, das mit der Sprengung der Buddha-Statuen durch die Taliban und dem Zerschlagen von archäologischen Schätzen durch den Islamischen Staat vergleichbar ist.

Weil der jüdische Staat Israel derartige Ungeheuerlichkeiten unter seiner Hoheit aus politischen Gründen duldete, könnte man ihm in diesem Fall sogar Komplizenschaft vorwerfen.

Skandalös ist ferner, was die Unesco unter der Überschrift »Besetztes Palästina« nicht sagt. »Das Dokument bezieht sich auf die Jerusalemer Stätte nur mit ihrem arabischen Namen«, jubiliert der katarische Nachrichtensender Al Jazeera. Außerdem wird die Verbindung der Heiligen Schrift von Juden und Christen zu diesem Ort inhaltlich ebenso ignoriert, wie die Jahrhunderte unumstrittener Geschichte, in der ein israelitischer und jüdischer Tempel auf diesem Hügel stand.

»Die jüdische Geschichte: ausgelöscht, konsequent bis in die Sprache. König Salomon hin, Herodes her«, beklagt Georg M. Hafner in der Jüdischen Allgemeinen und bezeichnet den Unesco-Entschluss zum »Besetzten Palästina« als »schamlosen antisemitischen Plot, der seinesgleichen sucht«. Durch den Zusatz »die Besatzungsmacht« wird die Legitimität des Staates Israel, wann immer er namentlich im Unesco-Beschluss genannt wird, ebenso unterhöhlt wie die der nur als »sogenannte« bezeichneten Israelischen Antiken-Behörde.

Die jüngsten Vorgänge um den Jerusalemer Tempelberg werfen eine ganze Reihe von Fragen auf. Was treibt die offizielle Völkergemeinschaft? Haben selbst gebildete Araber überhaupt keine Sorge um ihre Glaubwürdigkeit, wenn historische Tatsachen derart mit Füßen getreten werden?

Sind führende Köpfe der deutschen Christenheit wirklich so wenig informiert, dass sie überhaupt kein Gespür mehr dafür haben, wie unglaubwürdig sie werden, wenn sie sich von politischen Narrativen und religiösen Herrschaftsgefühlen derart instrumentalisieren lassen, dass eigene Wertvorstellungen wertlos werden?

Johannes Gerloff

Diskriminiert, bedroht, verfolgt

14. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Rund 100 Millionen Christen weltweit sind von Diskriminierung und Verfolgung betroffen. Die Hilfsorganisation Open Doors macht seit Jahren darauf aufmerksam. Neu im Fokus: Die Situation christlicher Flüchtlinge in deutschen Asylunterkünften. Harald Krille sprach mit dem Leiter von Open Doors, Markus Rode.

Markus Rode leitet den deutschen Zweig von Open Doors. Foto: Open Doors

Markus Rode leitet den deutschen Zweig von Open Doors. Foto: Open Doors

Herr Rode, das Thema Christenverfolgung ist seit einiger Zeit vermehrt in der Öffentlichkeit präsent. Ist die Verfolgung stärker geworden oder ist nur die Aufmerksamkeit dafür gestiegen?
Rode:
Die Verfolgungsintensität ist in den letzten Jahren stärker geworden. Das können wir aus dem von uns seit Jahren veröffentlichten Weltverfolgungsindex ablesen. Wir stellen fest, dass das Niveau der Gewalt und auch der Verfolgungsintensität zugenommen hat.

Wann kann man überhaupt von Verfolgung sprechen?
Rode:
Wir lehnen uns im Prinzip an die Erklärung der Vereinten Nationen an. Man erkennt aber schnell, dass es letztlich keine valide Definition von Verfolgung gibt, weil sie immer ein subjektives Element hat und fließend ist. Wann fühlt sich ein Mensch wirklich verfolgt? Beginnt Verfolgung schon damit, dass jemand als Christ ausgeschlossen wird, bestimmte Berufe zu erlernen oder unter Druck gesetzt wird, weil er nicht in die Moschee geht?

Wenn beispielsweise in Indien ein Mob von Hinduisten Steine gegen das Haus eines zum Christentum konvertierten Menschen wirft und ihm droht, ihn und seine Kinder zusammenzuschlagen – ist das schon Verfolgung oder ist das »nur« schwere Diskriminierung? Wir sprechen in solchen Fällen von Verfolgung und definieren dann die verschiedenen Formen.

Wie sieht das konkret aus?
Rode:
Wir schauen uns sechs Bereiche an. Das eine ist das Privatleben. Darf ein Mensch seine Religion privat leben, ungestört beten oder die Bibel lesen?

Dann gehen wir in die Ebene der Familien: Hat er die Möglichkeit, auch innerhalb der Familie seinen Glauben zu leben? Oder wird er als Christ von der Familie verstoßen oder sogar direkt verfolgt?

Danach der gesellschaftliche Bereich: Darf ein Christ beispielsweise noch den Dorfbrunnen benutzen? Wird er von der Gemeinschaft diskriminiert oder gar ausgestoßen?

Es folgt die Ebene des Staates: Gibt es verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit? Dürfen Christen am öffentlichen Leben teilhaben oder sind sie Bürger zweiter Klasse?

Die vorletzte Ebene ist das kirchliche beziehungsweise gemeindliche Leben. Also: Dürfen sich Christen versammeln, Gemeindehäuser bauen oder erwerben, öffentlich ihren Glauben bezeugen und Gottesdienste halten?

Und als Letztes erfassen wir physische Gewalttaten. Diese sechs Bereiche gewichten wir alle gleich im Weltverfolgungsindex. Und so können wir im Laufe der Jahre sehen, wie sich aus diesen verschiedenen Bereichen der Gesamtindex eines Landes entwickelt.

Gibt es auch Beispiele von Ländern, wo Verfolgung geringer geworden ist?
Rode:
Das gab es immer mal wieder. Derzeit ergeben sich Verbesserungen im Ranking einzelner Länder eher dadurch, dass die Index-Punkte, also das Level der Verfolgung, in einigen Ländern stärker zugenommen hat, während andere Länder auf dem gleichen Niveau bleiben.

Unter den Flüchtlingen, die aus dem Nahen Osten zu uns kamen und kommen, sind auch Christen. Sie haben dazu eine alarmierende Studie vorgelegt. Wie kamen Sie dazu?
Rode:
Wir haben Hilferufe bekommen von Pastoren und Kirchengemeinden, und Organisationen, die in der Flüchtlingsarbeit engagiert sind, wie etwa dem Zentralrat Orientalischer Christen. Selbst hochrangige Polizeibeamte haben sich vertraulich an uns gewandt. Daraufhin haben wir uns ein Bild gemacht, denn wir sind ja im Dienst der verfolgten Christen weltweit. Dabei hatten wir allerdings bisher Deutschland nie im Fokus.

Und wie haben Sie sich ein Bild gemacht?
Rode:
Indem wir eine Erhebung erstellt haben. Wir haben einen Fragebogen entwickelt und als überkonfessionelles christliches Hilfswerk in unserem bundesweiten Netzwerk nachgefragt, wer einen vertrauensvollen Kontakt zu christlichen Flüchtlingen hat und diese befragen kann. Im Ergebnis bekamen wir zwischen Februar und Mai 231 Rückläufer, in denen Flüchtlinge über Drohungen und Gewalterfahrungen berichteten.

Dabei muss man bedenken, dass die Betroffenen oft Angst haben, über ihre Situation zu sprechen. Deshalb haben Flüchtlinge überwiegend aus Regionen geantwortet, wo Kirchengemeinden ihnen besonderen Schutz gewährten.

Es gab daraufhin die Kritik, es handele sich nur um Einzelfälle, zudem mehrheitlich aus dem Raum Berlin.
Rode:
Obwohl die Kritik unberechtigt war, haben wir die Erhebung deutlich erweitert, auch in Zusammenarbeit mit anderen NGO’s und dem Zentralrat Orientalischer Christen. Wir bekamen bundesweit Rückläufe von 743 christlichen Flüchtlingen sowie von zehn Jesiden, die unsere erste Erhebung bestätigten und von massiven religiös motivierten Übergriffen berichteten.

56 Prozent der Befragten haben Körperverletzungen erlebt, 42 Prozent berichteten von Todes- und Morddrohungen. Über 80 Prozent der Betroffenen haben Angriffe und Drohungen wiederholt erlebt. Das sagt etwas über die Intensität der Verfolgung.

Das klingt, als seien die Flüchtlingsheime voller Extremisten?
Rode:
Nein. Die Muslime, die ja circa 90 Prozent der hier Ankommenden ausmachen, sind keine Extremisten oder gar Terroristen. Aber sie kommen aus Herkunftsländern, die bei uns im Weltverfolgungsindex unter den ersten zehn Platzierten sind, und dort gibt es keine Religionsfreiheit. Das heißt, sie bringen eine religiöse Prägung durch den Islam mit, in der gilt: Christen sind Unreine, Ungläubige. Und besonders die Konversion vom Islam zum Christentum ist nach dem Koran ein todeswürdiges Verbrechen.

Was können Christen und Kirchengemeinden in dieser Situation tun?
Rode:
Wichtig ist, die Flüchtlinge in den Unterkünften zu besuchen, ihnen als Christ zu begegnen und dadurch zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind. Und dass man einen Übersetzer des Vertrauens dabei hat, der dann auch in der Lage ist, den Christen eine Stimme zu geben, und sie in einen Gottesdienst einlädt.

Die Christen brauchen ein Klima des Vertrauens, denn das haben sie in diesen Unterkünften oft überhaupt nicht. Weil sie umgeben sind von muslimischer Security, die bei der Umfrage sogar zu über 20 Prozent nicht als Schutz, sondern als Mittäter erlebt wird. Und auch viele Übersetzer, die aus islamischem Hintergrund kommen, übersetzen bewusst falsch.

Wo sehen Sie die Politik in der Pflicht?
Rode:
Ein Problem ist, dass man in den Asylunterkünften oft verschweigt, dass es religiös motivierte Übergriffe auf Christen und andere Minderheiten gibt, weil das politisch ein heißes Eisen ist. Doch wer dieses Unrecht aus politischen oder anderen Beweggründen verharmlost, verschweigt oder für eigene Zwecke missbraucht, ermutigt die Täter in ihrem Tun und macht sich mitschuldig am Leid der Betroffenen. Deshalb müssen die Politiker jetzt endlich handeln und Schutzmaßnahmen auf den Weg bringen. Einen Forderungskatalog haben wir vorgelegt.

Hintergrund

Open Doors: Die Arbeit des überkonfessionellen Hilfswerkes für verfolgte Christen begann vor mehr als 60 Jahren durch den Holländer Anne van de Bijl, bekannt als »Bruder Andrew«. Der deutsche Zweig hat seine Zentrale in Kelkheim bei Frankfurt/Main.

Die Forderung: In Auswertung ihrer jüngsten Erhebung unter christlichen Flüchtlingen in Asylunterkünften fordert Open Doors unter anderem mehr Präventionsmaßnahmen zum Schutz religiöser Minderheiten während des gesamten Asylprozesses, die regelmäßige Schulung und Sensibilisierung der Mitarbeiter von Flüchtlingsunterkünften und die Bereit­stellung von christlichen Vertrauenspersonen.

www.opendoors.de

Gemeinsam auf dem Weg

8. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein starkes Zeichen: Erstmals nach 499 Jahren der Trennung eröffnen Lutherischer Weltbund (LWB) und Vatikan gemeinsam das Jubiläumsjahr der Reformation.

Bewahre uns Gott, behüte uns Gott …«, singen die Menschen in der Domkirche der schwedischen Universitätsstadt Lund. Dort, wo 1947 der Lutherische Weltbund gegründet wurde, gibt es am Reformationstag erneut ein kirchenhistorisches Ereignis: 499 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers feiern Papst Franziskus und der Präsident des Lutherischen Weltbunds, Bischof Munib Younan, einen Gottesdienst zur Eröffnung des Reformationsjubiläums. Gemeinsam beten sie, gemeinsam singen sie – und gemeinsam umarmen sie sich zum Friedensgruß.

»Wir Katholiken und Lutheraner haben begonnen, auf dem Weg der Versöhnung voranzugehen«, sagt Papst Franziskus. »Wir dürfen uns nicht mit der Spaltung und der Entfremdung abfinden, die durch die Teilung unter uns hervorgerufen wurden.« Dankbar erkenne man an, »dass die Reformation dazu beigetragen hat, die Heilige Schrift mehr ins Zentrum des Lebens der Kirche zu stellen«, sagt Franziskus. Martin Luther habe mit seiner Frage »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?« die entscheidende Frage des menschlichen Lebens gestellt. »Als Lutheraner und Katholiken beten wir gemeinsam in dieser Kathedrale und sind uns bewusst, dass wir getrennt von Gott nichts vollbringen können.«

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Einige Dutzend Kilometer entfernt, in der Arena von Malmö, hat Pastor Thomas Waack aus Eutin in Schleswig-Holstein Platz genommen. Er verfolgt den Gebetsgottesdienst in Lund zusammen mit mehr als Zehntausend Menschen über eine Großbildleinwand. »Ich hoffe, dass es weitere Signale des Aufeinanderzugehens gibt«, sagt Waack. Ähnlich sagt es die dänische Pfarrerin Helle Rosenquist, die für den Gottesdienst extra aus dem Norden Jütlands nach Lund kam: »Ich hoffe, dass die Kontakte zwischen den beiden Kirchen besser werden.«

Und das wurden sie in Lund tatsächlich. Zumindest, wenn man daran denkt, dass Martin Luther den Papst einst noch als »Antichrist« verurteilte. In Lund dagegen bekannten der Generalsekretär des Lutherischen Weltbunds, Martin Junge, und der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, Kardinal Kurt Koch, die Schuld, die die Kirchen mit solchen Äußerungen ebenso wie mit den Glaubenskriegen der frühen Neuzeit auf sich geladen hatten.

Und in einer gemeinsamen Erklärung verpflichten sich Katholiken und Lutheraner zu intensiverer Zusammenarbeit: »Viele Mitglieder unserer Gemeinden sehnen sich danach, gemeinsam die Eucharistie zu empfangen, als konkretes Zeichen völliger Einheit.« In den Blick genommen werden in dem Text vor allem konfessionsverschiedene Ehepaare: Man spüre den Schmerz derer, die ihr ganzes Leben teilten, aber nicht gemeinsam am Tisch des Herrn sein könnten. »Wir sehnen uns danach, diese Wunde im Leib des Herren zu heilen«, heißt es in der Erklärung. »Das ist das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen, die wir voranbringen wollen, auch durch eine Erneuerung unseres Versprechens zum theologischen Dialog.«

Doch über manche Brücken geht Papst Franziskus auch in Lund nicht. Immer noch ist von den Protestanten nur als »kirchliche Gemeinschaften«, nicht als »Kirchen«, die Rede. »Der Papst hat deutlich vermieden, von Kirchen zu sprechen«, sagt der Landesbischof der Nordkirche, Gerhard Ulrich, Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD).

Insgesamt sei der Gottesdienst aber ein »wichtiges ökumenisches Signal« gewesen. »Mir ist wichtig, dass auch die Gemeinden in Deutschland Gottesdienste nach dem Vorbild von Lund feiern«, sagt Ulrich. »Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, als ob mit dem 1. November 2017 die Arbeit getan sei.« Er gehe davon aus, dass zwischen dem LWB und dem Vatikan nun Gespräche über die »Big Points« von Amtsverständnis, Kirchenverständnis und Eucharistie folgen werden.

Der Vizepräsident des Lutherischen Weltbunds, der Württemberger Landesbischof Frank-Otfried July, nannte die Erklärung von Lund ein »starkes Wegzeichen« zur Einheit. »Vielleicht kommt ja auch in der katholischen Kirche künftig der Gedanke stärker zum Tragen, dass die gemeinsame Eucharistie schon auf dem Weg zur Einheit und nicht erst am Ende des Weges gefeiert werden kann.«

Benjamin Lassiwe

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