Rosen für Europa, Mais für die USA

3. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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»Land Grabbing«: Internationale Unternehmen bewirtschaften in Entwicklungsländern riesige Flächen

Rosen für Europa, Mais für die USA

Oft das Ende vom Lied: riesige Monokulturen und Chemieeinsatz – wie hier auf einer Sojaplantage in Paraguay. Foto: epd-bild/Heiner Heine

Während die Hälfte der Menschen in Äthiopien hungert, züchtet eine indische Firma dort auf riesigen Plantagen Rosen für Europa.

Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern weichen wegen der hohen Bodenpreise in ihrer Heimat zunehmend in Entwicklungsländer aus. Dabei werden vielfach über die Köpfe der Kleinbauern hinweg lukrative Verkaufs- und Pachtverträge zwischen den Regierungen und den Investoren abgeschlossen. Die Bauern verlieren ihr Land, oft auch ihr Zuhause.

Denn die Eigentumsverhältnisse in Entwicklungsländern sind oft nicht ausreichend geregelt. Selbst wenn die Menschen seit Generationen ein Grundstück bewohnen und bewirtschaften, können sie es selten nachweisen. Und viele Regierungspolitiker wollen von den Geschäften mit Großinvestoren profitieren. So bedrohen ausländische Investitionen vielfach das Leben der Einwohner, statt wie erhofft zu Aufschwung und Entwicklung zu führen. Die Kritiker sprechen von »Land Grabbing« (Landnahme).

Knapp die Hälfte der Fläche, die ausländische Großinvestoren in Beschlag nahmen, diene dem Anbau von Pflanzen für Agrar-Treibstoffe, erklärt der südafrikanische Wissenschaftler Ward Anseeuw. Die Philippinen sind nach seiner Statistik der Staat mit dem meisten Land Grabbing: 4,7 Millionen Hektar, eine Fläche von der Größe Niedersachsens, die etwas weniger als ein Drittel der gesamten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche der Philippinen ausmacht.

In Madagaskar werden 2,6 Millionen Hektar, in Äthiopien 2,3 Millionen Hektar durch ausländische Investoren bewirtschaftet. Anseeuw erstellt zusammen mit Michael Taylor von der »International Land Coalition«, die sich für die Landrechte der Armen einsetzt, eine Datenbank zu Land Grabbing.

Der Landrechte-Experte der UN-Landwirtschafts- und Ernährungs­organisation (FAO), Paul Mathieu, spricht von einer Strategie der Industrieländer, ihre landwirtschaftliche Produktion auszulagern. Um die negativen Auswirkungen zu dämpfen, arbeitet die FAO an Richtlinien.

»Das Menschenrecht auf Nahrung steht seit Jahrzehnten auf dem Papier, wurde aber nie richtig umgesetzt«, beklagt der stellvertretende FAO-Generaldirektor Alexander Müller. Länder, in denen die Bevölkerung hungere, exportierten dennoch Agrarprodukte. Dass es weltweit noch viel ungenutzten Boden gebe, weist Müller als Fehleinschätzung zurück. Alle nutzbaren Flächen würden bewirtschaftet, besonders in Entwicklungsländern herrsche deshalb ein reger »Verdrängungswettbewerb«.

Die FAO wendet sich nicht generell gegen Landkauf durch Großinvestoren, spiegelt die UN-Organisation doch die Interessen aller ihrer 191 Mitgliedsstaaten wider. Es gibt jedoch schwierige Debatten und heftigen Streit.

Der Inder Sai Ramakrishna Karuturi ist mit seiner Rosenzucht in Äthiopien reich geworden. Rund 311000 Hektar Land lässt er bewirtschaften und neben Blumen Reis, Mais, Palmöl und Zuckerrohr im großen Stil anbauen – weiteres Wachstum ist geplant.
Die Investoren betonen die Vorteile für die Entwicklungsländer.

Sie werben damit, dass sie Arbeitsplätze schaffen und nach gewissen ökologischen Standards anbauen. Denn in der westlichen Welt gehört nachhaltiges Wirtschaften und die Achtung der Menschenrechte zum guten Ton. Doch der ehemalige Grünen-Politiker Müller warnt: »In vielen Bereichen sind hehre Absichtserklärungen und tägliches Handeln nicht immer in Einklang zu bringen.«

Im Unterschied zu Müller sieht Landrechte-Experte Mathieu Investitionen in Agrarflächen als Chance, wenn transparente und faire Verträge abgeschlossen werden, die auch überwacht werden. Afrika brauche dringend mehr Investitionen und Arbeitsplätze. »Wenn nichts geschieht, wie in den letzten 10, 20 Jahren, und weiterhin zu wenig in den Agrarsektor investiert wird, wäre das ein katastrophales Szenario«, warnt Mathieu. »Die Zeiten für billige Investitionen in Land sind ­ohnehin bald vorbei.« Denn der Wettbewerb um Land treibe auch in den Entwicklungsländern die Bodenpreise nach oben.

Bettina Gabbe (epd)

Als Pfarrerin im Urlaubsparadies

27. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Pfarrerin Eva Gabra – Foto: epd-bild

Ägypten: Hurghada am Roten Meer – Treffpunkt für Rentner, Urlauber, Abenteurer und verkrachte Existenzen

In der ägyptischen Touristenhochburg Hurghada gibt es seit dem Sommer eine Pfarrstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Du bist ein Volltreffer«, singen die Kinder im Kreis. Es ist ihr Lieblingslied beim Kinderbrunch. So heißt der deutschsprachige evangelische Kindergottesdienst im ägyptischen Touristenzentrum Hurghada am Roten Meer. Eva Gabra ist seit Sommer vergangenen Jahres Auslandspfarrerin der Evangelischen Kirche in Deutschland in Hurghada.

Die Zeiten sind nicht leicht. Die ägyptischen Christen, die Kopten, werden angegriffen und verfolgt, mehr als Hunderttausend sollen im vergangenen Jahr das Land verlassen haben. Die deutschsprachigen Christen in Hurghada, für die Eva Gabra zuständig ist, wurden von den Anfeindungen aber bisher nicht getroffen.

Die 29-Jährige mit dem blonden Pferdeschwanz ist Pfarrerin einer Gemeinde, die offiziell noch gar nicht existiert. Aber die deutschsprachigen evangelischen Christen in Hurghada sind schon lange sehr aktiv. »Bisher hatten wir keine theologische Anleitung, aber ich habe ab und zu meinen Vater angerufen, der ist Pfarrer in Deutschland und hat mir dann ein paar Tipps gegeben«, sagt Beke Hoppe, die den Kinderbrunch mitorganisiert hat.

»Wir leben in einem Land, in dem Religion eine große Rolle spielt. Da fragt man sich automatisch, an was man eigentlich selber glaubt und wo man hingehört«, konstatiert Hoppe. Kein Wunder also, dass Eva Gabra herzlich empfangen wird. »Ich habe das Gefühl, offene Türen einzurennen«, sagt die Pfarrerin, die in Wuppertal, Heidelberg und Kairo studiert hat.

Dennoch steht sie vor großen Herausforderungen, denn in den Auslandskirchen sind evangelische Christen nicht automatisch Mitglied, sie müssen eintreten und bezahlen. Das erfordert Überzeugungsarbeit. Auch hat sie bisher keinen Raum: So schiebt sie entweder die Sofas zur Seite und lädt zu sich ins Wohnzimmer ein oder sie feiert ihre Gottesdienste im Garten des deutschen Honorarkonsulats.

Es gilt, Brücken zu schlagen, denn Hurghadas Deutsche könnten unterschiedlicher nicht sein: »Dies ist ein Ort, der viele Abenteurer anlockt. Manche schaffen es hier, aber es gibt auch verkrachte Existenzen«, weiß die Pfarrerin zu berichten.

Der Honorarkonsul von Hurghada, Peter Jürgen Ely, schätzt, dass rund 7000 Deutsche dauerhaft in Hurghada und Umgebung leben. Viele von ihnen arbeiten in Hotels und Tauchschulen. Doch der Tourismus steckt seit der Revolution in der Krise. Viele aus der Branche machen sich Sorgen um die Zukunft – auch, weil die Salafisten, die bei den Parlamentswahlen zur zweitstärksten Kraft wurden, den Touristen Alkohol und Bikini verbieten wollen. Wer will dann noch Urlaub in Hurghada machen?

Nicht alle leben vom Tourismus. Viele Deutsche in Hurghada sind Rentner, die in der Sonne ihren Lebensabend verbringen. Hinzu kommen deutsche Frauen, die sich im Urlaub in einen Ägypter verliebt haben und geblieben sind. »Viele der Frauen sind wegen der Ehe zum Islam übergetreten, andere sind Christinnen geblieben. Das Zusammenleben mit ihren muslimischen Männern wirft bei ihnen jedoch die Frage auf, was das Christentum eigentlich ausmacht«, sagt Eva Gabra. Sie hat deswegen mit diesen Frauen bereits im November einen Glaubenskurs gemacht: Es ging um die Grundlagen des Christentums und darum, was die Christen im Alltag von den Muslimen unterscheidet.

Gabra hat sich in ihrem Studium auf christlich-islamischen Dialog spezialisiert und weiß, was es heißt, eine Ehe zwischen den Kulturen zu führen. Auch ihr Mann ist Ägypter. Sie hat ihn allerdings an der theologischen Fakultät kennengelernt. Auch David Gabra ist Pfarrer. Er betreut die evangelisch-koptische Gemeinde von Hurghada.

Zu Eva Gabras Gemeinde sollen aber nicht nur die in Hurghada lebenden Deutschen gehören. Auch mit Touristenseelsorge hat die Evangelische Kirche in Deutschland die Pfarrerin beauftragt. Doch wie fängt man das an? Hurghada ist ein Ferienort, der auf billigen Massentourismus setzt. Die meisten kommen her, weil sie mit Vollpension am Strand liegen wollen. Eine Pastorin haben sie nicht gebucht. »Andererseits ist der Urlaub auch ein Moment, in dem die Menschen zur Besinnung kommen und sich die Fragen des Lebens stellen. Dabei können sie vielleicht Begleitung gebrauchen«, sagt Eva Gabra.

Julia Gerlach (epd)

Großfarmer jubeln bereits

19. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Brasilien: Eine umstrittene Gesetzesnovelle soll die Schutzbestimmungen für den Regenwald lockern

Umstritten: Die Abstimmung im brasilianischen Senat über die Novelle des Waldgesetzes wurde von Protesten der ­Umweltschützer begleitet. Doch die Wirtschaftsinteressen setzen sich durch. Foto: picture-alliance/Pedro Ladeira

Umstritten: Die Abstimmung im brasilianischen Senat über die Novelle des Waldgesetzes wurde von Protesten der ­Umweltschützer begleitet. Doch die Wirtschaftsinteressen setzen sich durch. Foto: picture-alliance/Pedro Ladeira

Umweltschützer in Brasilien laufen Sturm. Denn eine Mehrheit im Parlament will den Schutz des Regenwaldes lockern. Und die Großfarmer jubeln schon.

Brasiliens neues, heftig umstrittenes Waldgesetz hat kurz vor Ende des vergangenen Jahres eine wichtige Hürde genommen: Der Senat verabschiedete seine umkämpfte Novelle. 59 der 67 anwesenden Vertreter des Oberhauses billigten die Reform, gegen die Brasiliens Umweltbewegung seit Monaten Sturm läuft. Sie befürchtet, dass die Zerstörung hochsensibler ökologischer Schutzgebiete im ganzen Land lega­lisiert wird.

Für die armen Urwaldbewohner und die Umwelt setzten sich hingegen zwei Senatoren der oppositionellen »Partei für Sozialismus und Freiheit« aus Amazonien ein. Sie stimmten mit Nein, »im Namen all jener, die bei der Verteidigung des Urwalds ihr Leben gelassen haben«, so die Senatoren. Die Novelle muss nun vom Parlament erneut bestätigt und dann von der Präsidentin Dilma Rousseff unterzeichnet werden.

Vor der Unterzeichnung des Gesetzes hätte die Präsidentin allerdings noch die Möglichkeit, ihr Veto gegen umstrittene Passagen einzulegen. Im Wahlkampf 2010 hatte sie öffentlich gelobt, keinem Gesetz zuzustimmen, das etwa eine Amnestie für Waldzerstörer enthält. Genau dies zeichnet sich jetzt ab: Die Novelle sieht unter anderem Straffreiheit für jene Landbesitzer vor, die vor Juli 2008 die ­gesetzlich vorgeschriebenen Schutzgebiete auf ihren Ländereien zerstört haben und sie nun wieder aufforsten. Alle, deren Landbesitz aber weniger als 440 Hektar umfasst, sollen von dieser Auflage befreit werden.

Um das Gesetz unter Dach und Fach zu bringen, hatte sich die Regierung mit Großfarmern bereits geeinigt. Senator Jorge Viana von Rousseffs Arbeiterpartei, ein früherer Mitstreiter der Umweltschützer Chico Mendes und Marina Silva, koordinierte jetzt die Senatsnovelle. »Wir ­beginnen eine neue Geschichte«, sagte Viana, dank des neuen Gesetzes würden in den kommenden 20 Jahren jeweils 20000 Quadratkilometer wieder aufgeforstet.

Das sehen Kritiker allerdings anders. Der Agrarökonom José Eli da Veiga sagt düster voraus, das neue ­Gesetz werde vor allem den »Billig­export von Naturressourcen aus Amazonien« in Form von Rindfleisch beflügeln. Damit widerspreche es den Zielen der brasilianischen Klimapolitik und den Bestrebungen, sagte da Veiga.

Auch die größte internationale ­Naturschutzorganisation, der World Wide Fund For Nature (WWF), reagiert entsetzt. Er befürchtet, dass die geplanten Lockerungen insgesamt zur Zerstörung von rund 76,5 Millionen Hektar Regenwald führen. Dies entspräche der Fläche von Deutschland, Österreich und Italien zusammen. »Der brasilianische Staat ist vor der Agrarlobby eingeknickt«, resümiert Eberhard Brandes, Vorstand von WWF-Deutschland.

Die Aufweichung des Waldgesetzes betrifft aber nicht nur den Regenwald im Amazonasgebiet. Im ganzen Land sollen Schutzgebiete an Flussufern zum Teil erheblich verringert und die landwirtschaftliche Nutzung an Berghängen und Kuppen ausgeweitet werden. Dabei kommt es schon jetzt bei heftigen Regenfällen in dicht besiedelten Gebieten regelmäßig zu großen Erdrutschen mit zahlreichen Todesopfern. Auch weil im kommenden Juni ein großer UN-Umweltgipfel »Rio+20« in Rio de Janeiro stattfindet, hoffen Umweltschützer nun auf das Veto der Präsidentin.

Gerhard Dilger, (epd)

Zum politischen Handeln ermutigen

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Der Fernsehsender »SAT 7« trägt die Botschaft von Christus in die arabisch sprechende Welt

Die Satellitentechnik macht es möglich, dass christliches Fernsehen überall im Nahen Osten und in Nordafrika zu empfangen ist. »SAT 7« heißt der Sender, der derzeit vor ganz neuen Aufgaben steht.

Die elektronischen Augen gen Himmel gerichtet: Blick auf die Wohnhäuser auf der Nil-Insel Zamalek in Kairo mit ihrem Wald von Satellitenschüsseln. Foto:picture alliance/ZB/Matthias Tödt

Die elektronischen Augen gen Himmel gerichtet: Blick auf die Wohnhäuser auf der Nil-Insel Zamalek in Kairo mit ihrem Wald von Satellitenschüsseln. Foto:picture alliance/ZB/Matthias Tödt

Weißer Schnee, geschmückte Tannenbäume und blonde Kinder, die die Weihnachtsgeschichte erleben: Was in den vergangenen Wochen über die Bildschirme in den Wohnstuben des Nahen Ostens flimmerte, hat auf den ersten Blick mit den Ländern des Vorderen Orients nicht viel zu tun. Es war ein TV-Adventskalender aus Norwegen, den das christliche Fernsehprogramm »SAT 7« eingekauft und übersetzt hat.

»Natürlich mussten wir im Vorspann erklären, was Schnee ist«, lacht Kurt Johansen. Der Däne ist Europa-Referent des Fernsehsenders, der 1995 von dem Briten Terence Ascott gegründet wurde, und mittlerweile aus Studios in Kairo, Beirut und Zypern auf vier Kanälen christliche Fernsehprogramme in arabischer, ­türkischer und persischer Sprache sendet.

Zwischen acht und zehn Millionen Menschen zwischen Marokko und dem Iran schalten die Sendungen regelmäßig ein. Eingekaufte Sendungen wie der norwegische Adventskalender sind dabei die Ausnahme. Immerhin 70 Prozent der Programme werden in enger Zusammenarbeit mit einheimischen Kirchen vor Ort produziert, etwa gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land. Deren palästinensischer Bischof Munib Younan, der auch Präsident des Lutherischen Weltbundes ist, gehört ebenso zum Vorstand des Senders wie der in Bethlehem ansässige Pfarrer Mitri Raheb.

Wobei sich durch die arabische ­Revolution auch für »SAT 7« viel geändert hat. »Nichts ist mehr, wie es war«, sagt Kurt Johansen. Die Christen im Nahen Osten seien einerseits in Ländern wie Ägypten stark unter Druck geraten, andererseits habe »SAT 7« zum ersten Mal überhaupt einen Fernsehgottesdienst aus Algerien übertragen. Bislang hätten sich christliche Gemeinden in dem nordafrikanischen Land aus Angst vor Verfolgung geweigert, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Und während der Sender früher jeden Bezug zur Politik krampfhaft zu vermeiden suchte, bemühe sich »SAT 7« nun, die Christen der ­Region zum politischen Engagement und mit speziell produzierten Videoclips zum Verbleib in ihren Heimatländern zu motivieren. Denn allein im vergangenen Jahr hätten rund 100000 Christen aus dem Nahen Osten ihre Heimatregion verlassen.

Auch verstärke »SAT 7« Johansen zufolge den Anteil der Live-Sendungen: Ein Programm mit dem Titel »Licht und Salz« stelle demnach aktuelle politische Ereignisse aus Sicht der arabischen Kirchen dar. »Früher hatten die Christen der Region entweder keine Möglichkeit, zur Wahl zu gehen oder sie sind zu Hause geblieben«, so Johansen. Durch politisches Engagement könnten jedoch die Lebensverhältnisse in den arabischen Ländern auch für Christen besser werden.

»Wir reden heute deutlich offener über die Situation der Christen im ­Nahen Osten als früher«, bekennt der Europa-Referent. Dabei sei es »SAT 7« wichtig, keinen Hass gegen die Regierungen zu erzeugen, sondern auch mit Muslimen im Dialog zu bleiben. »Wir ergreifen keine Partei, wir vermitteln«, so Johansen.

Finanziert werden die Programme von »SAT 7« überwiegend durch Spenden aus Europa und Nordamerika. Rund eine Million Euro pro Jahr kommen allein aus Skandinavien, wo nicht nur die Kirchen, sondern auch die Regierungen »SAT 7« unterstützen. Denn manche Programme des Senders, etwa Sendungen über Gesundheitsvorsorge oder ein Alphabetisierungskurs für Erwachsene, werden etwa von der norwegischen Regierung als Entwicklungshilfe gefördert.

In Deutschland wird das Fernsehprogramm dagegen bisher nur von Kirchen und kirchlichen Werken ­unterstützt. Zu den Förderern zählen etwa die Landeskirchen Bayerns und Württembergs, die Evangelisch-methodistische Kirche, das Nordelbische Missionszentrum und verschiedene andere landeskirchliche Missionswerke.

Benjamin Lassiwe

www.sat7.org (nur in Englisch)

Mit Judenstern und KZ-Jacken

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Der Konflikt zwischen ultraorthodoxen und liberalen Israelis nimmt groteske Formen an

Mit dem nationalsozialistischen Judenstern an der Brust demonstrieren ultraorthodoxe Juden in Jerusalem. Sie fühlen sich verfolgt, weil die Mehrheitsgesellschaft ihre Forderungen etwa nach Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit nicht akzeptiert. Foto: picture alliance/epa/Jim Hollander

Mit dem nationalsozialistischen Judenstern an der Brust demonstrieren ultraorthodoxe Juden in Jerusalem. Sie fühlen sich verfolgt, weil die Mehrheitsgesellschaft ihre Forderungen etwa nach Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit nicht akzeptiert. Foto: picture alliance/epa/Jim Hollander


Schon lange schwelt in der israelischen Gesellschaft der Konflikt zwischen den Vertretern des ultraorthodoxen Judentums und den Vorstellungen vieler Israelis von einer liberalen Gesellschaft. Derzeit eskaliert er.

Der Streit zwischen den radikal religiösen und weltlichen Israelis nimmt immer groteskere Züge an. In schwarz-weiß gestreiften KZ-Anzügen und mit dem gelben Judenstern am Revers und erhobenen Händen zogen einige von insgesamt rund 1000 ultraorthodoxen Männern und Kindern am vergangenen Wochenende in Jerusalem auf die Straße – gegen die »Verdrängung der Charedim«, wie sie sich nennen.

In Nazideutschland habe man die Juden physisch verfolgt, in Israel gehe es um die ideologische Verfolgung der Ultraorthodoxen, rechtfertigten einige Demonstranten den Missbrauch der Symbole. Auslöser für den eskalierenden Konflikt war eine Reihe von Übergriffen radikaler frommer Juden gegen Mädchen und Frauen. Auf ihren Druck hin wurden Frauen etwa aufgefordert, im Bus separate hintere Plätze einzunehmen.

Dürfen Frauen auch vorn im Bus sitzen?
Am 27. Dezember hatten sich zum ersten Mal einige Tausend weltliche Israelis versammelt, um gegen die von den Ultraorthodoxen ­vorangetriebene Verdrängung der Frauen aus dem öffentlichen Leben zu demonstrieren. Beide Lager haben dabei ihre Helden. Der Protest am vergangenen Sonnabendabend galt der Solidarität mit dem ultraorthodoxen Rabbi Schmuel Weisfisch, der am 1. Januar eine zweijährige Gefängnishaft antreten musste, weil er einen Computerladen verwüstete. Sein gläubiger Mitstreiter Schlomo Fuchs steht seit einigen Tagen unter Hausarrest, nachdem er die Soldatin Doron Matalon eine »Hure« schimpfte, weil sie sich weigerte, seiner Aufforderung nachzukommen und in den hinteren Teil des Busses umzuziehen. Dutzende Bewunderer begleiteten ihn vor Gericht.

Umgekehrt gehört für die Liberalen Tanja Rosenblit zu den Heldinnen, die dem massiven Druck frommer Männer standhielten und sich nicht von ihren Plätzen vertreiben ließen. Genauso wie die achtjährige Schülerin Naama Margolese, die von mehreren erwachsenen Männern beschimpft und sogar angespuckt worden war, weil sie ihren Vorstellungen von keuscher Bekleidung nicht entsprach. Der Übergriff auf das zierliche Kind löste die ersten großen weltlichen Proteste aus. Auch orthodoxe Juden und sogar einige Charedim waren unter den Demonstranten, ihnen waren die Radikalen zu weit gegangen.

Liberale Juden warnen vor der »Verschwarzung«
»Mit den frauenfeindlichen Übergriffen haben sie eine rote Linie überschritten«, erklärt Ram Vromen, Mitgründer des »Forums zum Schutz des weltlichen Charakters in den Nachbarschaften landesweit«, der erklärtermaßen gegen die »Verschwarzung« israelischer Ortschaften und Städte kämpft. Vromen warnt schon lange auf einer Internetseite, bei Diskussionsveranstaltungen und Demonstrationen vor dem schleichenden und steten Vormarsch der Frommen. »Gut, dass die Liberalen endlich aus ihrem Phlegmatismus aufgewacht sind.«

Obschon seine Gruppe nur von Weltlichen gegründet wurde, spricht für Vromen nichts gegen eine Zusammenarbeit mit Religiösen. »Für uns spielt es keine Rolle, ob jemand eine Kipa auf dem Kopf trägt«, sagt er. »Wichtig ist, ob er einen religiös­fundamentalistischen Staat will oder einen liberalen.« Die Tatsache, dass in einem Land, das schon vor über 40 Jahren von einer Frau regiert wurde, heute Frauen um die vorderen Sitzplätze in öffentlichen Verkehrsmitteln kämpfen müssen, scheint paradox. Schuld daran sind vor allem demografische Veränderungen seit den Tagen Golda Meirs. Jeder vierte Schulanfänger stammt heute aus dem ultraorthodoxen Sektor.

Zunehmende Radikalisierung der Ultraorthodoxen
»Die Charedim glauben, dass sie über größere politische Macht verfügen«, sagt Vromen. »Sie erleben in letzter Zeit eine Radikalisierung.« Nirgends werden die Gegensätze deutlicher als in der Knesset (Parlament). Die Oppositionsführerin ist eine Frau und die Führung der Arbeitspartei liegt ebenso in den Händen einer Frau. Dennoch gibt es Parteien, in denen Frauen gar nicht erst zugelassen werden. Die beiden Koalitionsparteien Schass und Agudat Israel etwa sind frauenfreie Organisationen.

Schon signalisieren Meinungsumfragen den jüngsten Demonstrationen folgend einen Popularitätsschub für die Politikerinnen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu unternimmt derweil eine Gratwanderung. Einerseits spricht er sich für Gleichberechtigung aus, zum anderen will er seine ultra­orthodoxen Regierungspartner nicht verprellen. Die Rabbiner in Israel, die für eine Abkühlung der erhitzten Gemüter sorgen könnten, bleiben bisher stumm.

In Deutschland äußert sich derweil der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, kritisch zur jüngsten Instrumentalisierung des Nationalsozialistischen Völkermordes durch die Ultraorthodoxen. »Die Bilder haben mich schockiert«, so Graumann gegenüber dem »Kölner Stadt-Anzeiger«. Er schäme sich dafür, dass ausgerechnet Juden ein »Zerrbild des Holocaust« lieferten. Das sei »geschichtslos und geschmacklos«.

Susanne Knaul (epd)

»Haltet durch, seid stark«

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Christen zwischen Angst und Hoffnung  – die Kopten verstehen sich als die ursprünglichen Ägypter

Den Blick fest auf das Kreuz gerichtet: Bruder Joaquin im Kloster St. Bischoi. Foto: Andreas Boueke

Den Blick fest auf das Kreuz gerichtet: Bruder Joaquin im Kloster St. Bischoi. Foto: Andreas Boueke


Seit Jahrhunderten sind die koptischen Christen Ägyptens unterdrückt und benachteiligt. Die Hoffnungen, dass sich infolge der »Arabellion« etwas ändert, schwinden zusehends.

Der Evangelist Matthäus berichtet davon, wie Maria, Josef und der Neugeborene Jesus auf ihrer Flucht vor den Schergen des Herodes nach Ägypten gezogen sind. Dabei sollen sie auch durch die unwirtliche Gegend von Wadi el-Natrun gekommen sein. Zahlreiche Kultstätten erinnern an die Reise. Schon zu Beginn des vierten Jahrhunderts haben sich christliche Eremiten in diese Klöster und Kirchen zurückgezogen. Heute ist die Wüstenlandschaft Wadi al-Natrun eine Hochburg christlichen Lebens in Ägypten.

Die meisten Christen in Ägypten sind Kopten. Das Wort Kopt kommt von Aigyptios. Deshalb sagen viele Kopten, sie seien die ursprünglichen Ägypter. Die Araber sind erst im Jahr 620 nach Christus in das Nildelta gekommen.

Das wohl älteste koptische Kloster ist das von el Baramus. Hier lebt ein junger Mönch, der seinen Namen nicht nennen möchte. Aber über sein Leben gibt er Auskunft: »Ich verlasse das Kloster nur sehr, sehr selten. In zwölf Jahren bin ich dreimal raus gegangen. Ich habe dieses Leben selbst gewählt. Deshalb empfinde ich es nicht als eine Beeinträchtigung meiner Freiheit.«

In den Klöstern von Wadi el-Natrun leben heute mehrere hundert Mönche in selbst auferlegter Armut und Enthaltsamkeit. Ihr Leben ist geprägt von Ritualen und Bräuchen. Die Mönche spüren nur wenig von den umwälzenden Ereignissen, die die ägyptische Gesellschaft zurzeit erlebt. »Wir kümmern uns nicht um Politik.

Aber immer mal wieder kommen Leute von außerhalb, die uns Nachrichten bringen. Wir haben eine Meinung, so wie jeder Mensch. Ich glaube, dass die Islamisierung des Landes zunimmt. Es gibt jetzt zwar mehr Freiheiten, aber nicht für Christen«, so der junge Mönch.

Bei den Demonstrationen im Januar des vergangenen Jahres gegen den Despoten Mubarak haben Kopten und Moslems Schulter an Schulter protestiert. Doch die Solidarität lässt nach. Die politischen und sozialen Umwälzungen haben neue Freiheiten für die Bevölkerung gebracht. Dazu gehört aber auch die Freiheit, ungestraft religiöse Minderheiten zu diskriminieren. In Ägypten leben weit über 80 Millionen Menschen. Nur rund fünf Millionen von ihnen sind Kopten.

Gewalttätige Übergriffe gegen christliche Gemeinden gab es auch während der 30jährigen Herrschaft Hosni Mubaraks. Doch die Berichterstattung darüber wurde häufig unterdrückt. Seit der Revolution sind solche Informationen weitgehend frei verfügbar.

Deshalb wissen die Kopten im ganzen Land genau, dass im Laufe der vergangenen Monate viele Kirchen in Brand gesetzt und Dutzende ihrer Glaubensbrüder ermordet wurden. Zu solchen Gewaltausbrüchen kommt es besonders dann, wenn Christen Selbstbewusstsein zeigen und gegen die latente Einschränkung ihrer Religionsfreiheit protestieren.

Diese Diskriminierung hat Tradition in Ägypten. Selbst der ehemalige Präsident und Friedensnobelpreisträger Anwar as-Sadat gilt als Gegner der Religionsfreiheit für Christen. Im Jahr 1981 verbannte er den koptischen Papst in das Kloster Sankt Bischoi. Erst vier Jahre später wurde das Oberhaupt der orthodoxen Kopten von Sadats Nachfolger Mubarak freigelassen.

St. Bischoi ist jetzt die zweite Residenz des koptischen Papstes Shenouda. Auch 120 Mönche leben in dem Kloster. Einer von ihnen ist Bruder Joaquin. Er sitzt auf einem Bett aus Holzplanken in einem kargen Raum, der nicht größer ist als fünf Quadratmeter. »Dies ist eine Mönchszelle aus dem neunten Jahrhundert«, sagt Bruder Joaquin. Während sich die Menschen in Ägypten auf grundlegende Veränderungen einstellen müssen, bleibt das Leben der Mönche in den Klöstern weitgehend gleich.

»Das System für uns ist jeden Tag dasselbe. Wir beten für die Menschen, die draußen leben. Außerdem haben wir täglich ein spirituelles Programm zu leisten, in dem wir für den Frieden beten.«

In der Kirche der Heiligen Barbara im alten Zentrum Kairos endet gerade ein Gottesdienst. Der Priester Sarabamoni Zaki ist in sein luxuriös ausgestattetes Büro gegangen. Der Mann hat einen langen, grauen Bart. Früher war er gut rasiert. Er meint, die Situation der Kopten habe sich durch die Revolution spürbar verändert: »Seit dem 25. Januar haben einige Christen Angst. Wir wissen nicht, was geschehen wird. Der moslemische Flügel bemüht sich heftig um die Macht. So etwas haben wir in den vergangenen 30 Jahren noch nicht erlebt.«

Die meisten koptischen Würdenträger sagen, sie seien froh darüber, dass es der Bevölkerung gelungen ist, Mubarak zu stürzen. Aber sie vermissen auch einige Vorzüge des alten Regimes. »Ich würde nicht sagen, er war gut oder er war schlecht. Aber es gab nicht diese Unsicherheit, unter der wir jetzt leiden. Wir verstehen, dass dies eine Übergangsphase ist. Aber wie wird das Ende dieser Phase aussehen? Nur Gott weiß das.«

Der Priester macht sich Sorgen um die Zukunft der Kopten in Ägypten. Trotzdem sieht er keinen Grund, sich zu verstecken: »Den jungen Leuten sage ich: Haltet durch, seid stark. Ihr müsst euch unter die Moslems mischen und mit ihnen zusammen leben. Habt keine Angst. Macht sie zu euren Freunden und erklärt ihnen eure Sorgen. Werdet nie wütend oder nervös. Seid respektvoll und sprecht friedlich.«

Andreas Boueke

Wo alles begann

24. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Frau berührt den Stern in der Geburtsgrotte unter der Geburtskirche in Bethlehem. Er trägt die Inschrift »Hic de ­Virgine Maria Jesus Christus natus est« - »Hier wurde von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren«.	Foto: epd-bild/Kobi Wolf.

Eine Frau berührt den Stern in der Geburtsgrotte unter der Geburtskirche in Bethlehem. Er trägt die Inschrift »Hic de ­Virgine Maria Jesus Christus natus est« - »Hier wurde von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren«. Foto: epd-bild/Kobi Wolf.


 

Bethlehem: Hier soll nach der Tradition in einer als Stall genutzten Grotte Maria den Heiland geboren haben.


 
Wo sie steht, soll sich einst die Geburt des Friedefürsten ereignet haben. Doch bis heute geht es in und um die Geburtskirche in Bethlehem mitunter alles andere als friedlich zu.

 
Im vierten Jahrhundert nach Christus machte die byzantinische Königinmutter Helena eine Reise ins Heilige Land und lokalisierte dabei die meisten traditionellen Heiligen Stätten – so etwa den Berg Sinai, die Grabeskirche und die Geburtsgrotte Jesu. Zwischen 327 und 333 ließ Kaiser Konstantin eine erste Basilika bauen. Als im 7. Jahrhundert die Perser alle Kirchen des Landes dem Erdboden gleichmachten, blieb die Geburtskirche verschont. Der persische Kommandeur soll von einem Fresko der Drei Weisen aus dem Morgenland so beeindruckt gewesen sein, dass er das christliche Gotteshaus stehen ließ: Die drei Magier waren persisch gekleidet.
 
Bis in die jüngste Zeit hinein hat die Geburtskirche eine bewegte Geschichte und ist Gegenstand des Streites christlicher Konfessionen. Mitte des 19. Jahrhunderts war sie einer der Hauptgründe dafür, dass die Franzosen in den Krimkrieg gegen Russland einstiegen. Auch während der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzungen wurde sie immer wieder Schauplatz von Kämpfen. Im Frühjahr 2002 verschanzte sich eine Gruppe militanter Palästinenser in dem Gebäude und wurde von der israelischen Armee belagert.
 
Die heutige, im fünften Jahrhundert errichtete Kirche, gehört zu den wenigen vollständig erhaltenen Bauten aus der frühen Christenheit und hat für viele Menschen eine geradezu mystische Ausstrahlung. Selbst muslimische Frauen kommen, stecken ihre Finger in kreuzförmige Löcher einer der uralten Säulen und bitten um Fruchtbarkeit. Palästinensische Christen bringen ihre Neugeborenen an den Geburtsort des Herrn. Sie versprechen sich davon einen besonderen Segen.
 
Zankapfel der Politik und der Konfessionen

Zu Weihnachten geht es in Bethlehem hoch her. Am späten Vormittag des 24. Dezember wird der lateinische Patriarch, der seinen Sitz in Jerusalem hat, von Bevölkerung und Geistlichkeit Bethlehems pompös vor der Geburtskirche empfangen. Aus der katholischen Katharinenkirche, direkt neben der orthodoxen Basilika gelegen, wird am Heiligabend die Christvesper weltweit im Fernsehen übertragen.
 
Nachdem der Moslem Jasser Arafat zum Weihnachtsfest 1995 an diesen Festivitäten teilgenommen hatte, erlebten sie eine zunehmende Politisierung. Zu Ehren des PLO-Vorsitzenden wurde damals ein Modell des Felsendoms auf dem Dach der Geburtskirche platziert, was Beobachter als Demonstration der Herrschaft des Islam über die heiligste christliche Stätte ­interpretierten. Erstmals in der Geschichte der Geburtskirche hing eine Nationalflagge, die palästinensische, an der Kirchenmauer – was weder unter den Türken, noch unter Briten, Jordaniern oder Israelis jemals der Fall gewesen war.
 
Auch ohne Weltpolitik bietet das Areal genug Zündstoff für Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen christlichen Denominationen, die Anspruch auf die Geburtsgrotte Jesu erheben. Besonders zu Festzeiten wird jeder Tritt einer Prozession, die genaue Länge von Gottesdienstzeiten, jeder Besenstrich eines Mönchs beim Hausputz vor dem Fest, mit eisernem Ernst durchfochten. Deshalb haben die britischen Kolonialherren 1929 jede Einzelheit im sogenannten »Status quo« schriftlich dokumentiert, nachdem dieser 1856 in Paris festgelegt und auf dem Berliner Kongress 1878 und im Vertrag von Versailles 1919 noch einmal bestätigt worden war.
 
Zwar konnten die römischen Katholiken (Lateiner) mit Dokumenten aus dem 17. und 18. Jahrhundert
ihre uralten Ansprüche »beweisen«. Durchgesetzt haben sich aber die ­Orthodoxen, die heute das alleinige Recht besitzen, im Hauptschiff der kreuzförmigen Kirche Prozessionen abhalten zu dürfen. Die Armenier, die im nördlichen Querschiff sitzen, dürfen das Hauptschiff nur auf dem Weg in ihren Bereich durchqueren. Und die Lateiner, die den Krippenaltar in der Grotte besitzen, haben nur Durchgangsrechte vom Haupteingang zum Eingang ihres Konvents, und von ihrer Kirche in einer geraden Linie durch das nördliche Querschiff zur Nordtür der Grotte.
 
Sie dürfen keinerlei religiöse Zeremonien in der Basilika durchführen und dürfen dort auch nicht putzen. Die eifrigen Nachfolger des Friedefürsten kämpfen um jeden Quadratzentimeter, um jedes Quäntchen Staub, um jedes Jota Rechtsanspruch. Was zuweilen bis zu blutigen Schlägereien führt. Die Staatsmacht wird in solchen Fällen zur Schlichtung gerufen. Vor einigen Jahren war das noch die israelische Militärregierung, heute ist es die Palästinensische Autonomiebehörde.
 
Die westliche Christenheit kümmert der kleinliche Streit um den Geburtsort Jesu nur wenig. Sie feiert Weihnachten am 24. Dezember – und am Abend dieses Tages sind die Lateiner Alleindarsteller in der Geburtskirche. Die evangelischen Lutheraner haben ihre Weihnachtskirche Luftlinie ein paar Hundert Meter entfernt auf der anderen Seite der Altstadt von Bethlehem und erheben keinen Besitzanspruch auf den angeblich originalen Geburtsort Jesu. Und die orthodoxen Ostkirchen feiern das Christfest erst am 6. Januar.
 
Der wichtige Großputz, beim dem jeder Besenstrich ein Akt von weltpolitischer Bedeutung ist, weil es weniger um Sauberkeit als um Besitzansprüche geht, ist ein Streitpunkt ­zwischen Gläubigen der Ostkirchen. Auch er findet erst im Januar statt, wenn für die Westkirche das Weihnachtsfest schon längst im Rummel von Silvester und Jahreswechsel verklungen ist.
 
Johannes Gerloff

Griechische Weihnacht: Fest ohne Hoffnung

16. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Mildes Wetter, dennoch harte Zeiten – immer mehr Hellenen kehren ihrer Heimat den Rücken zu

Die Gespenster der Schuldenkrise inspirieren auch griechische Graffiti-Künstler – wie hier auf einem Ladentor in der Hauptstadt Athen. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Aristidis Vafeiadakis

Die Gespenster der Schuldenkrise inspirieren auch griechische Graffiti-Künstler – wie hier auf einem Ladentor in der Hauptstadt Athen. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Aristidis Vafeiadakis


Die Krise in Griechenland wird immer drastischer. Die Wirtschaft liegt brach. Angesichts der Perspektivlosigkeit denken viele Menschen
an Auswanderung – nicht nur die ganz jungen.

Das Wetter ist mild. In den letzten Tagen vor Weihnachten ist das ungewöhnlich für Nordgriechenland. Die Bewohner sind zu dieser Jahreszeit einen rauen Seewind gewohnt. Vor allem in der Hafenstadt Thessaloniki tobt er sich aus. Ganz ­anders in diesem Jahr: Bei angenehmen 13 Grad und Sonnenschein herrscht dichtes Gedränge in der Innenstadt.

Die Massen ziehen an den Schaufenstern entlang, trotz der Krisen­situation herrscht in der Millionenmetropole noch Kauflaune – so als wolle man sich und seinen Liebsten ein letztes Mal etwas gönnen. Dennoch: Von einem regen Konsum vor dem Fest kann allerdings keine Rede sein. Etliche Beschäftigte warten seit Monaten auf ihre Bezahlung. Andere mussten Gehaltskürzungen von mehreren Hundert Euro hinnehmen. Oder sie waren vom massiven Stellenabbau in ihrer Firma betroffen. Wer noch regelmäßig rund 1200 Euro im Monat bekommt, kann sich glücklich schätzen. Die Lebenshaltungskosten sind denen in Deutschland vergleichbar.

»Ausverkauf« – Vorzeichen für kältere Tage

 
Dass die Zeiten sich radikal geändert haben, tritt auch in der City von ­Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands, deutlich zutage. Geschäftsleute klagen über einbrechende Umsätze. An beinah allen Läden gibt es Schilder, die mit Extrem-Rabatten locken. Preisnachlässe bis zu 50 Prozent sind die Regel. Bargeld muss dringend in die Kassen. Auch solche Hinweise sind zuhauf ausgehängt: »Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe« oder »Zu vermieten«. Täglich mehren sich diese Ankündigungen.

Vorzeichen kälterer Tage, Zeiten sozialer Härte. Weihnachten ist in Griechenland in diesem Jahr ein Fest ohne Hoffnung. Für die elf Millionen Hellenen, die zu 98 Prozent orthodox sind, ist es eine notwendige Auszeit vor den massiven Sorgen des Alltags. Die Angst vor Jobverlust, sozialem Abstieg und anhaltender Perspektiv­losigkeit geht um. Viele sehen eine Chance nur noch im Auswandern, auch wenn sie schon ein gesetzteres Alter erreicht haben.

Zu ihnen gehört der 46-jährige ­Kriton Grigoriou. Sein Ziel lautet: Melbourne in Australien. »Ich habe ein Touristenvisum für den Sommer, werde bei einem Verwandten wohnen und mich nach Arbeit umsehen«, berichtet er nüchtern. Die Lage in Griechenland sei »sehr schlecht« – und Aussicht auf zügige Besserung gebe es nicht.

Grigoriou hat in den USA und in England studiert. Sport und Tourismus-Management. Lange hat er in ­einem Reiseunternehmen gearbeitet, dann wurde ihm infolge der Krise gekündigt. Er schlug sich als Aufseher im Byzantinischen Museum von Thessaloniki durch, doch seit einem Monat ist er wieder arbeitslos. »Ein halbes Jahr lang erhalte ich den Einheitssatz von 450 Euro staatlicher Unterstützung«, sagt er.
Die Arbeitslosenhilfe ist in Griechenland zeitlich nach der Beschäftigungsdauer gestaffelt. Maximal wird sie ein Jahr lang gezahlt. Danach fallen viele ins Bodenlose. Sozialhilfe gibt es in Griechenland nicht.

Grigoriou sieht in der Übersiedlung auf den fünften Kontinent seine einzige Möglichkeit, wirtschaftlich wieder Fuß zu fassen. Die Zeit drängt. Er erklärt: »Einwandern kann man in Australien nur bis zum 50. Lebensjahr. Vorausgesetzt, dass man einen Beruf hat, bei dem Nachfrage besteht.« Das gelte besonders für Ärzte, Mechaniker, Pflegekräfte und eben Tourismus-Experten. Mulmig sei ihm schon zumute angesichts des Wechsels in eine neue Welt. Doch immerhin spricht er fließend Englisch und hat seine berufliche Ausbildung im angelsächsischen Ausland absolviert.

Heute gehen Fachkräfte – morgen fehlen sie dem Land

 
Der Abzug von Fachkräften – er könnte die Lage in Griechenland ­verschlimmern. Grigoriou weiß allein aus seinem Freundeskreis von vier Personen, die ihr Glück in einem anderen EU-Land suchen wollen. Der Tourismus gilt zwar als jene Branche, in der Griechenland gute Entwicklungschancen hat. Doch Grigoriou, der vom Fach ist, sagt entnervt: »Ich habe allein im letzten Jahr 250 Bewerbungen geschrieben und keine einzige Antwort erhalten.«

Die Wirtschaft liegt am Boden. Und viele befürchten, dass es wegen der Sparauflagen der Regierung noch schlimmer wird. Loukas Papademos, neuer parteiloser Regierungschef, musste als ersten Akt seiner Amtszeit per Unterschrift ein Bekenntnis zum Konsolidierungskurs des Landes abgeben – Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte es gefordert. Auch von den Chefs der Koalitionsparteien, den ­Vorsitzenden der Sozialisten, Konservativen und Rechtspopulisten. Die Schreiben galten als eine der Voraussetzungen für weitere EU-Hilfen.

In Griechenland teilen sich die Meinungen über den Einfluss und die Kontrolle der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) über den Haushalt des Landes. Viele sprechen auch von einer zu großen deutschen Dominanz. Andere wiederum sehen gerade in der EU-Führungsrolle Deutschlands die einzige Rettung – nicht nur für das eigene Land. Kriton Grigoriou ist dieser Auffassung: »Die Nachrichten überstürzen sich. Man weiß nicht mehr, was man glauben soll und kann. Fest steht: Ich bin für ein vereintes Europa.« Wie sich die Lage im alten Kontinent entwickelt, wird er aber aus dem fernen Australien beobachten.

Gorgio Tzimurtas

Wege ins »Gelobte Land«

13. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Bis heute wandern Juden aus aller Welt nach Israel ein – drei Beispiele aus drei Generationen

Symbol für die Sehnsucht nach Jerusalem: Die Westmauer des früheren Tempels in Jerusalem gilt Juden aus aller Welt als heiliger Ort des Gebets. Fotos: Harald Krille (3), Reinhard Heubner (1)

Symbol für die Sehnsucht nach Jerusalem: Die Westmauer des früheren Tempels in Jerusalem gilt Juden aus aller Welt als heiliger Ort des Gebets. Fotos: Harald Krille (3), Reinhard Heubner (1)


Auslöser war der zunehmende Antisemitismus in Europa: Ende des 19. Jahrhunderts entstand der moderne Zionismus – der Traum vom freien jüdischen Leben im eigenen Land.

Henry Stern gestikuliert unter einem Olivenbaum im Kibbuz Lavi, nahe des Sees Genezareth. Er erzählt von einer amerikanischen Reisegruppe, die ihn fragte, wie es komme, dass die Kibbuzim immer in den schönsten Parks gebaut wurden? »Als wir 1949 als junge Männer hier ankamen, gab es nur Steine und Geröll, zwei oder drei Olivenbäume, kein Wasser«, erinnert sich der heute 86-Jährige.

Zehn Jahre zuvor war der in Stuttgart geborene Henry im Alter von 14 Jahren im Rahmen einer Kinderevakuierung gerade noch aus Deutschland herausgekommen. Er kam nach England, bereitete sich dort in einem Farmkurs auf die »Alija«, die Auswanderung ins »Gelobte Land«, vor. Viel hat die britische Farmausbildung nicht geholfen. »Immerhin – wir haben gelernt, wie eine Kuh aussieht«, schmunzelt Henry Stern. »Der junge Staat unterstützte uns so gut es ging, aber wir mussten unsere Erfahrungen durch Versuch und Irrtum machen.«

Henry Stern

Henry Stern


Von den Mühen der Anfangszeit ist nichts mehr zu spüren: 1000 Kühe, 600000 Hühner, 800 Menschen, eine eigene Möbelfabrik und ein Gästehaus in idyllischer Parklandschaft. Aber auch Schutzräume und Bunker in allen Häusern, Kindergärten, Schulen gehören heute zur Heimat von Henry. 4000 Raketen feuerte die Hisbollah im Libanon vor fünf Jahren auf den Norden Israels. Dennoch gibt sich Henry Stern gelassen: »Wir wissen im Nahen Osten doch nie, was morgen passiert«.

Hadar Samalo gehört zu den fast 100000 äthiopischen Juden, die seit den 80er Jahren in teils spektakulären Aktionen aus Not, Verfolgung und Bürgerkrieg evakuiert wurden. Die sogenannten Falascha führen sich selbst auf die Begegnung des biblischen Königs Salomo mit der Königin aus Saba zurück. Den Juden gelten sie als Nachkommen des Stammes Dan. Fest steht, dass sie über Jahrhunderte eine archaische Form des Judentums bewahrten. Und die große Sehnsucht, eines Tages nach Hause, nach Zion zu kommen.

Hadar Samalo

Hadar Samalo


Die heute 44-jährige Hadar wusste nichts vom Staat Israel, als sie sich 1984 auf den Weg macht. Aber es sollte irgendwie im Sudan die Möglichkeit bestehen, ins »Gelobte Land« zu ­kommen, »dem Land, wo Milch und Honig fließen«. Gemeinsam mit zwölf anderen jungen Leuten vertraut sie sich bezahlten Führern an, wird von ihnen verraten, von Räubern überfallen. Irgendwie schafft sie es bis in ein Flüchtlingslager des Roten Kreuzes im Sudan.

Dort wird sie von Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad entdeckt und auf damals noch geheimen Wegen nach Israel gebracht. Lange braucht sie, um sich im modernen Land Israel zurecht zu finden. Kulturen prallen aufeinander. Heute ist sie selbst Leiterin eines Aufnahmezentrums für afghanische Einwanderer in der Nähe von Jerusalem. Wurden ihre übersteigerten Erwartungen an »Zion« nicht enttäuscht? »Nein, ich bin froh und glücklich«, bekennt Hadar Samalo. Die einzige Enttäuschung sei die Erfahrung, dass es säkulare Juden gibt, die die Gebote nicht halten.

Arye Sharuz Shalicar

Arye Sharuz Shalicar


Zu diesen eher säkularen Juden ­gehört auch der 1977 geborene Arye Sharuz Shalicar. Der heutige Sprecher der israelischen Armee im Range eines Hauptmanns, der fließend zehn Sprachen spricht und Politikwissenschaften und Geschichte studierte, kam vor zehn Jahren nach Israel. Zuvor musste der Sohn iranischer Juden, die vor dem Ajatollah-Regime geflohen waren, wegen ­seiner Abstammung erleben, wie er durch Berlins Straßen gejagt wurde. Nicht von unbelehrbaren Deutschen, sondern von jungen Muslimen. »Diesen neuen muslimischen Antisemitismus in den Straßen Deutschlands habe ich jahrelang am eigenen Leib zu spüren bekommen«, erinnert er sich bitter.

Seine Erfahrungen hat er in dem Buch mit dem Titel »Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude« aufgeschrieben. »Für Deutsche war ich ein Türke, für die Türken und Araber ein verhasster Jude, hier in Israel bin ich als Jude endlich zu Hause – ob ich in die Synagoge gehe oder nicht, hier bin ich Mensch unter Menschen.«

Das ist es auch, was für Reuven Rozen im Mittelpunkt steht. Der Sohn dänischer Juden, die einst mit einem Fischkutter vor der SS flohen, ist einer der leitenden Mitarbeiter des Keren Hayessod. Die Stiftung fördert seit 1920 den Aufbau des Landes und die Integration der Neubürger. Zu den Unterstützern gehören nicht zuletzt Christen in Deutschland (siehe unten). »Jeder Jude auf der Welt kann und soll wissen, dass er jederzeit in ­Israel eine Heimat hat«, so das Credo von Reuven.

www.kh-uia.org.il

Harald Krille
 

»Jesus ist ohne Israel nicht zu haben«

 
Warum Christen Israel unterstützen – drei Fragen an Wilfried Gotter von den Sächsischen Israelfreunden

Eine der größten Israel-Unterstützer-Gruppen im mitteldeutschen Raum sind die Sächsischen Israelfreunde. Soeben wurden sie für ihren Einsatz sogar vom israelischen Parlament geehrt. Drei Fragen an den Geschäftsführer Wilfried Gotter.

Seit wann gibt es die Sächsischen Israelfreunde und was ist das Anliegen des Vereins?
Gotter: Die Sächsischen Israelfreunde wurden nach dem 50. Geburtstag des Staates Israel 1998 gegründet. Auslöser war eine erste große Konferenz in Chemnitz mit fast 6000 Teilnehmern. Seither fanden 15 Sächsische Israelkonferenzen statt. Da Israel in der ­Bibel kein Nebenthema für irgend­welche Spezialisten ist, lohnt es, sich kontinuierlich damit zu beschäftigen. Schwerpunkte unseres Tuns sind die Versöhnungs- und Bildungsarbeit im Blick auf Israel und das Judentum. Dazu gehört etwa auch die Unterstützung von Holocaust-Über­lebenden und Terroropfern. Und wir ermutigen zum Gebet für Israel. Die nächste ­Israelkonferenz findet übrigens am 17. Mai 2012 im Bildungs- und Begegnungszentrum im vogtländischen Reichenbach statt.

Wilfried Gotter ist Geschäftsführer der Sächsischen Israelfreunde e.V.

Wilfried Gotter ist Geschäftsführer der Sächsischen Israelfreunde e.V.


Die Sächsischen Israelfreunde unterstützen unter anderem die Organisation Keren Hajessod. Warum eine dem Zionismus verpflichtete Gruppe?
Gotter: Christen sind eingepfropft in den edlen Ölbaum Israel: »Nicht du trägst die Wurzel sondern die Wurzel trägt dich.« Man lese dazu den Römerbrief. Da der Jude Jesus ebenfalls Zionist war, wäre es verwunderlich, wenn wir es nicht wären. Wenn man Christ ist, kommt man an Jesus und seinem Land nicht vorbei. Jesus ist ohne Israel nicht zu haben. Geistlich und weltpolitisch haben wir als Christenheit keine Zukunft ohne Israel. Und noch eins ist wichtig: Das jüdische Volk ist das Gerichtskriterium Gottes für die nichtjüdischen Völker, siehe beim Propheten Joel. (Joel 4,1-4)
 
Und wie schätzen die Sächsischen ­Israelfreunde die Arbeit des Keren Hajessod ein?
Gotter: Aus der eben beschriebenen Sicht war und ist es uns eine große Freude, nach unseren Möglichkeiten den Keren Hajessod, der zu den drei großen Säulen der Unterstützung ­Israels gilt, zu helfen. Der Segen fliest zurück – denn wer Israel segnet, soll gesegnet sein! Übrigens die anderen zwei Säulen, die Jewish Agency, die ­offizielle Einwanderungsorganisation Israels, und den Jüdischen Nationalfonds, Keren Kayemeth Leisrael (KKL), unterstützen wir ebenfalls. Beispielsweise durch Baumpflanzungen in der Wüste. Vertreter dieser Organisationen sind natürlich auch auf unseren Konferenzen anwesend.

www.zum-leben.de

Nur der Tod befreit von den Schulden

Polen: Krankheit, Arbeitsverlust, überzogene Kredite – die Spirale des materiellen und sozialen Abstiegs.
 

Polen gehört zwar nicht zur Euro-Zone, hat aber auch eine Krise. Denn immer mehr Menschen sind hoffnungslos überschuldet. Einer der prominentesten: der ­frühere Fernsehmoderator Tadeusz Broś.

Die Initialen an seiner Jacke erinnerten noch an einstige Glanzzeiten beim Staatsfernsehen: Tadeusz Broś.

Die Initialen an seiner Jacke erinnerten noch an einstige Glanzzeiten beim Staatsfernsehen: Tadeusz Broś.

Sein Gesicht mit dem zuversichtlichen Lächeln erschien vor kurzem wieder in den Medien. So wollte er in Erinnerung bleiben. Tadeusz Broś, der beliebte Fernsehjournalist der 80er- und 90er-Jahre ist mit 62 Jahren an ­einem Schlaganfall gestorben. Millionen schauten seine Talkshows, am bekanntesten wurde er durch die Moderation von »Teleranek«, der Kindersendung des staatlichen Fernsehens TVP am Sonntagmorgen.

Doch der Tadeusz Broś der letzten Jahre verkörperte etwas ganz anderes – die Misere des neuen Polens: eine Verschuldung ohne Ausweg und ein sozialer Abstieg ohne Beispiel. Wer ihn in den letzten zwei Jahren traf, traf einen gebeugten Mann mit schlohweißem Haar und verfaulten Zähnen, der sich zum Interview auf eine Suppe einladen musste. Er revanchierte sich dann mit einem Foto aus alten, besseren Zeiten.

Schuld war der Alkohol, munkelten manche, Schuld haben die Schulden, meinte Broś. Vor einigen Jahren kaufte er sich eine Wohnung im Warschauer Stadtteil Praga, nahm dafür umgerechnet 50000 Euro Schulden auf. Dann wurde er länger krank, zudem hatte die rechtskonservative Partei »Recht und Gerechtigkeit« 2006 das Staatsfernsehen übernommen, und diese warf missliebige Redakteure hinaus.

Nach seiner Entlassung im Jahre 2007 fand er keine Arbeit mehr beim Fernsehen. Er, der mit dem Staatsfernsehen Reisereportagen in der ganzen Welt gedreht hatte, lebte einfach weiter auf der Überholspur, überzog Kreditkarten und kam den Zinszahlungen nicht nach. »Wenn Du nicht zahlst, wirst Du’s bereuen«, leuchtete es schließlich in roten Lettern aus den Mahnbriefen der Inkassofirmen.

Er bereute längst. Die Schulden waren auf umgerechnet 150.000 Euro angewachsen. Er verdingte sich als Taxifahrer, Wachmann, im Supermarkt. Dort lernte er die Realitäten dieser Jobs kennen – die Demütigung, an ­einer Kasse zu stehen und bei der Abrechnung beschissen zu werden. Zuletzt arbeitete er in einem Callcenter.

Viele Menschen, denen er begegnete, glaubten ihm die Not nicht, sondern witterten versteckte Kameras. Jemand aus der Fernsehwelt konnte einfach nicht so tief absteigen.

In einer Sache stand er noch einmal ein wenig in der Öffentlichkeit – Broś war der erste Pole, der Privatinsolvenz anmeldete, und einer der wenigen Schuldner, der öffentlich dazu stand, einer zu sein.

Dabei sind es viele: Über zwei Millionen Polen haben mittlerweile Schwierigkeiten, geliehenes Geld zurückzahlen. Das Volumen der rückständigen Kredite ist innerhalb von zwei Jahren von rund drei Milliarden Euro (2009) auf acht Milliarden angewachsen.

Schuldner in Polen können seit zwei Jahren Privatinsolvenz anmelden. Doch die Prozedur gilt als eine der komplexesten und restriktivsten in Europa, so die Zeitung »Gazeta ­Wyborcza«. Darum haben angeblich bislang nur zwanzig Polen die Privatinsolvenz durchsetzen können.

Weitaus sichtbarer als die Hilfsangebote ist landauf landab die Verführung: Spots, in denen Konsum-Kredite wie Schokoriegel angeboten werden, dominieren noch immer die TV-Reklame. Es wird Schnelligkeit und Unkompliziertheit versprochen, wenn auch die Banken mit der Kreditvergabe nun etwas vorsichtiger agieren.

Tadeusz Broś, der Kredite mit Krediten bezahlte, gab auch der Werbung eine Teilschuld an seinem Schicksal, ein sogenannter »Lebenslänglicher« zu sein: »Nur der Tod«, meinte er letztes Jahr, »macht ein Ende mit meiner Verschuldung.« Vor wenigen Wochen hat sich seine Ahnung erfüllt.

Jens Mattern

»Rettet unsere Revolution«

25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Ägypten: Die Gewalt zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in Kairo hält an

Kreuz und Halbmond zieren die ägyptische Fahne, die Demonstranten am Montag, 21. November, in Kairo den mit Tränengas und Gummigeschossen angreifenden Polizisten entgegenhalten. Tausende Ägypter sind in der Hauptstadt und anderen Städten auf den Straßen, um ein Ende der Militärherrschaft  zu fordern. Foto: picture alliance

Kreuz und Halbmond zieren die ägyptische Fahne, die Demonstranten am Montag, 21. November, in Kairo den mit Tränengas und Gummigeschossen angreifenden Polizisten entgegenhalten. Tausende Ägypter sind in der Hauptstadt und anderen Städten auf den Straßen, um ein Ende der Militärherrschaft zu fordern. Foto: picture alliance


Am 28. November sollen die Parlamentswahlen in Ägypten beginnen. Doch eine Woche zuvor gibt es wieder gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten.

Die Stimmung erinnert viele an die Tage der Revolution im ­Januar. Seit dem vergangenen Wochenende ist die ägyptische Hauptstadt Kairo erneut Schauplatz von Kämpfen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Friedliche Proteste schlugen am Sonnabend in Gewalt um. Aktivisten warfen Steine und Molotow-Cocktails, die Polizei setz­te Tränengas und Gummigeschos­se ein. Am Montag gingen die gewaltsamen Auseinandersetzungen weiter, mindestens 20 Menschen starben, meldete der britische Sender BBC am Vormittag. Die Aktivisten sprechen von mehr als 1500 Verletzten.

Im Januar hatten die Demonstranten nach 18 Tagen des Protestes Präsident Husni Mubarak zum Rücktritt ­gezwungen. Doch wirklichen politischen Wandel hat es aus ihrer Sicht seitdem nicht gegeben. »Das System ist noch das alte. Die Revolution muss weitergehen«, sagt die Studentin Salmar Mohammed.

Am Freitag hatten sich mehrere Zehntausend Aktivisten zu einer Demonstration unter dem Slogan »Rettet unsere Revolution« versammelt. Auch islamische Gruppierungen beteiligten sich in großer Zahl. Zunächst protestierten sie friedlich, doch dann kam es zu Kämpfen, als die Polizei ein Zeltlager der Aktivisten auf dem Tahrir-Platz räumte. Auch in anderen ägyptischen Städten wird seitdem demonstriert.

Viele Aktivisten sprechen bereits von einer neuen Revolution. »Wir sind enttäuscht, denn es hat sich viel zu wenig geändert. Die Generäle haben die Macht übernommen, doch sie führen Ägypten nicht wie versprochen zur Demokratie, sondern regieren schlimmer als Mubarak«, sagt der ­Demonstrant Scherif Hassan. »Wir wollen, dass die Militärregierung ­aufhört, Zivilisten vor Militärgerichte zu stellen und endlich einen Termin nennt, wann sie die Macht an eine ­zivile Regierung abgibt.«

In den vergangenen Wochen ist der Frust vieler Ägypten über die Generäle zunehmend gewachsen. Mehrere Blogger wurden festgenommen, und die Bürger leiden unter der Wirtschaftskrise und der steigenden Kriminalität. »Der Militärrat hat im politischen Spektrum massiv an Unterstützung verloren«, sagt auch Stephan Roll, Ägypten-Experte der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik. Eine erneute Massenbewegung erwartet er in nächster Zukunft dennoch nicht. Gerade in ländlichen Gebieten schätzen nach Rolls Ansicht viele Ägypter das Militär als einzige Ordnungsmacht.

In der ägyptischen Presse wird diskutiert, ob die für den 28. November geplanten Wahlen wegen der Unruhen verschoben werden. Bisher dementierte die Regierung das. Die Muslimbruderschaft, deren Partei gute Siegchancen eingeräumt werden, hat vor einer Verschiebung der Abstimmung gewarnt. Auch Roll glaubt, dass das Militär die Wahlen wie geplant abhalten will.

Die Armee wolle die unpopuläre direkte Verantwortung für den politischen und wirtschaftlichen Wandel so schnell wie möglich abgeben. ­Dennoch hätten die Generäle kein ­Interesse an einer starken Demokratie. Aber auch die Aktivisten sind seiner Ansicht nach nicht bereit, das Feld zu räumen. Wenn die Situation weiter eskaliere, sei nicht auszuschließen, dass die Wahlen doch verschoben würden.

Einige Demonstranten wittern eine Verschwörung. »Vielleicht hat die Regierung diese neue Krise angezettelt, um einen Vorwand zu haben, die Wahlen abzusagen«, sagt Mahmoud M., der einen Kopfverband trägt und sich am Rande des Tahrir-Platzes ­ausruht. »Im Grunde ist es auch egal, denn die Wahlen sind bloßes Theater.«

Tatsächlich sind viele Ägypter misstrauisch, denn die Vertreter des alten Regimes wurden nicht von der Wahl ausgeschlossen. Sie verfügen über Macht und Geld und könnten im Parlament eine starke Fraktion stellen. Viele Aktivisten befürchten, dass die Regierung Mubarak so auf ganz legalem Weg wieder zu Macht kommt.

Julia Gerlach und Jasmin Maxwell
(epd)

Hauptsache es gibt eine »schöne Leich«

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Das »Wiener Blut« und der Tod – Kurioses und Nachdenkliches im Bestattungsmuseum der Donaustadt

Letzte Ruhestätte für Fußballfans: Die Urne in Form des runden Leders kam ­anlässlich der Fußball-EM 2008 auf den Markt.	Foto: Ulrich Traub

Letzte Ruhestätte für Fußballfans: Die Urne in Form des runden Leders kam ­anlässlich der Fußball-EM 2008 auf den Markt. Foto: Ulrich Traub


»Bei uns liegen Sie richtig!« So begrüßt Wittigo Keller seine Gäste im Wiener ­Bestattungsmuseum, das in seiner Art durchaus ­einzig­artig ist.

Das jährliche Probeliegen in ­einem Sarg stoße immer auf großes Interesse, erfährt der verblüffte Besucher. Es scheint noch etwas dran zu sein am besonderen Verhältnis der Wiener zum Tod. 1967 wurde das Museum als weltweit erstes seiner Art gegründet. Und es ist ein Unikum geblieben. Das garantiert Wittigo Keller, Ethnologe und Designer, der sich seit einem Vierteljahrhundert der Sammlung und ihrer ­Vermittlung verschrieben hat.

Rund Tausend Exponate zeigt das Museum – von einer Leichendroschke über Postkartenserien, die zu besonderen Begräbnissen gedruckt wurden, bis zu Galauniformen von Sargträgern und Kutschern. Es gibt historische Dokumente, dazu Bibeln, Kreuze und Madonnenstatuen, Sargverzierungen und Urnen, von denen das wie ein Fußball geformte Modell ins Auge fällt. »Sie wurde zur Europa-Meisterschaft 2008 auf den Markt gebracht«, erklärt der Museumschef.

Im Zentrum der Ausstellung steht das Phänomen der »schönen Leich«, womit kein gut aussehender Dahingeschiedener gemeint ist, sondern eine pompöse Bestattungszeremonie. »Dafür nahmen sich die Wiener gerne einen Tag frei«, schmunzelt Keller – wobei nicht von Angehörigen, sondern von Schaulustigen die Rede ist. Zeitungsannoncen belegen, dass Fensterplätze zu Höchstpreisen vermietet wurden: ein todsicheres Geschäft. Der Trauerzug wurde als gesellschaftliches Ereignis angesehen. Für weniger Betuchte gab es Fachgeschäfte, in denen man seine Trauerkleidung, in der man schließlich nicht zweimal gesehen werden wollte, leihen konnte.

Im Wien der Monarchie, erzählt Wittigo Keller, sei der Tod ­all­gegenwärtig gewesen. »Aufwendige Feierlichkeiten waren eine Spezialität der Habsburger.« Aber im späteren 19. Jahrhundert gehörte die »schöne Leich« dann auch zum Selbstverständnis des Bürgertums. Häufig wurde ein ganzes Leben für diese letzte Etappe gespart. Hinter der Inszenierung stand, laut Keller, ein ganz und gar weltlicher Wunsch: »Bitte behaltet mich in guter Erinnerung.«

Als Zeremonienmeister des Spektakels fungierten die »Pompfüneberer«. Diese Bezeichnung haben die Wiener dem Französischen entlehnt. Pompes Funèbres ist ein Bestattungsunternehmen. »Heute spricht man von Ritualbestattern«, so der Wissenschaftler. »Die Wiener setzten sich nicht mit dem Tod auseinander, sondern mit der Art ihrer Bestattung.« Das Begräbnis diente zur Unterstreichung des sozialen Status. »Das ist in anderen Kulturen nicht so«, resümiert er.

Da kann es nicht verwundern, dass der Klappsarg nur kurz zum Einsatz gekommen ist. Ende des 18. Jahrhunderts sorgte der reformerisch veranlagte Kaiser Josef II. mit diesem Modell für einen Aufschrei in der Bevölkerung. Eine schnöde Kiste als Durchgangsstation, die nur dazu diente, die Dahingeschiedenen in die Grube plumpsen zu lassen. Sind nicht vor dem Tod alle gleich? Mag sein, aber mit Ausnahme der Wiener. Der Kaiser musste sein Dekret zurücknehmen.

Auch andere Exponate sind kurios: Ein Wecker, dessen Schnur vom Handgelenk des Verstorbenen bis ins Zimmer des Totengräbers reichte, sollte im Fall der Fälle eine schnelle Rettung ermöglichen. »Die Scheintod-Hysterie grassierte seinerzeit«, erläutert Wittigo Keller. Und weil das so war, gab es für Persönlichkeiten, die lieber auf Nummer sicher gehen wollten, das doppelschneidige Herzstichmesser. Da ging selbst der stärkste Scheintod k. o.

Ein Modell der schwarzen Leichenstraßenbahn, die zeitweise in Wien durch die Gassen ratterte und Särge zum Zentralfriedhof transportierte, sorgt für ungläubiges Staunen. Und wer glaubt, dass auf den Fotos aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Lebende zu sehen sind, täuscht sich. Zu dieser Zeit blühte die Totenfotografie. Leichen wurden ins Studio verfrachtet, wo sie in voller Montur ins rechte Licht gerückt wurden. Der Museumschef klärt auf: »Da hier niemand gewackelt hat, bereiteten die langen Belichtungszeiten auch kein Problem mehr.«

Sogar die Kleinsten wurden mit der »schönen Leich« vertraut gemacht – zum Beispiel mit einem Ausschneidebogen zum Bemalen, der einen stattlichen Trauerzug zeigt. Auch Wittigo Keller ist mit einem von ihm entworfenen Sitzsarg, der eine Gemäldevorlage des Surrealisten René Magritte aufgreift, im Museum vertreten. Bestattet wurde noch niemand darin – selbst in Wien nicht.

www.bestattungsmuseum.at

Ulrich Traub

Zeichen des Glaubens und der Freiheit

12. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Sogar zur Hochzeit kommen Brautpaare mit ihren Eltern und Gästen zur Gedenkstätte. Foto: Günter Schenk.

Sogar zur Hochzeit kommen Brautpaare mit ihren Eltern und Gästen zur Gedenkstätte. Foto: Günter Schenk.


Litauen: Der »Berg der Kreuze« ist zum wichtigsten Pilgerort im Baltikum geworden

Die ersten Kreuze wurden Mitte des 19. Jahrhunderts für das Seelenheil der im Kampf gegen die Russen ­gefallenen Freiheitskämpfer aufgestellt. Seither erlebt das »Litauische Golgota« eine wechselvolle Geschichte.

Mitten in Litauen, nur ein paar Autominuten nördlich des Industriestädtchens Siauliai, recken sich mehr als Hunderttausend Kreuze in den Himmel. Alte und neue, große und kleine. Kreuze in allen Farben: aus Holz, Metall, Stein, Plastik und Pappe. Manche sind riesig, andere ganz winzig. Dicht an dicht stehen die Zeichen des Glaubens auf einem kaum zehn Meter hohen Hügel, den die Einheimischen stolz »Kryziu Kalnas« nennen: Berg der Kreuze. Es ist ein heiliger Ort und Stätte des Gedenkens – ­inzwischen aber auch eine der wichtigsten touristischen Attraktionen im Baltikum.

Es ist Sonnabend und wie oft drängen sich Brautpaare und andere Festgesellschaften an der Gedenkstätte. Längst nämlich gehört es für viele ­Familien Litauens zum guten Ton, zu Hochzeit und Geburt ein Kreuz zu ­stiften. Andere schleppen sie zum ­Zeichen des Dankes nach schweren Krankheiten an, nach überstandenen Operationen oder Unglücksfällen.

Zehntausende von Kreuzen stehen inzwischen zusammen. Viele stammen von den Souvenirhändlern, die zu Füßen der Pilgerstätte ihre Stände neben dem Parkplatz aufgeschlagen haben. Andere haben die Menschen von weither mitgebracht. Manche Kreuze tragen einfache Inschriften. Namen, die an in Sibirien verschollene Angehörige erinnern oder an viel zu früh verstorbene Kleinkinder. Andere sind Schuldbekenntnisse, so wie das Kreuz eines Deutschen, der um Vergebung für den Holocaust bittet.

Eine Treppe führt den Besucher zum Gipfel. Keine zehn Meter ist er hoch. Von oben reicht der Blick weit ins flache Land. Schmale Trampelpfade führen kreuz und quer durch die Reihen der Kreuze. Schlicht und einfach sind die meisten, viele aber auch kunstvoll gedrechselt und mit Schnitzereien verziert. Und immer wieder finden sich im Meer der Kreuze die Schmerzensmutter und der leidende Christus. »Litauisches Golgota«, heißt der Erinnerungsort deshalb heute auch noch.

Um seine Geschichte ranken sich viele Legenden. Eine erzählt von einem Vater, der am Bett seiner kranken Tochter eingeschlafen war. Im Traum sei ihm eine Frau erschienen, die ihm auftrug, ein Kreuz aufzustellen. Der Mann tat wie ihm geheißen – und fand bei seiner Rückkehr nach Hause seine Tochter gesundet. Schnell, so heißt es in Litauen, habe sich die Geschichte rumgesprochen und andere dazu bewogen, in Notsituationen ebenfalls ein Kreuz zu pflanzen.

Realistischer sind die Historiker, welche die ersten Kreuze vor den Toren der Stadt Siauliai Mitte des 19. Jahrhunderts verorten. Nach Aufständen gegen den Zaren hätte man Kerzen und Kreuze für das Seelenheil der im Kampf gegen die Russen gefallenen Freiheitskämpfer aufgestellt. Ende des 19. Jahrhunderts wurden so bereits rund 150 Kreuze gezählt, war der Kreuzberg schon ein bekannter Wallfahrtsort. Eine nationale Pilgerstätte, die Glaubensbekenntnis und Freiheitskampf vereinte. Noch mehr Kreuze kamen nach dem Zweiten Weltkrieg hinzu, nachdem die Rote Armee das zuvor für kurze Zeit unabhängige Land wieder besetzt hatte und viele Menschen aus den umliegenden Dörfern nach Sibirien deportierte.

Der Berg der Kreuze wurde so zum Erinnerungsort für Folteropfer und Verschleppte. Sehr zum Unmut der Sowjets, die schon bald darauf beschlossen, den heiligen Ort aufzulösen. Denn mit dem Berg der Kreuze sahen die Militärmachthaber ihre Autorität infrage gestellt. Im April 1961 walzten ihre Planierraupen das Gelände platt. Doch Tage später standen mehr Kreuze als zuvor da. Es war der Auftakt zu einem langen und verbissenen »Krieg der Kreuze«, der fast 20 Jahre währte. Immer wieder vernichteten die Kommunisten, was die Christen an Glaubenssymbolen auf den Hügel stellten. Vor allem Priester schmuggelten die oft schweren, von Kunsthandwerkern gefertigten Kreuze an den betrunkenen oder eingeschlafenen Wachen vorbei an den heiligen Ort.

Ende der 1980er Jahre, im Zeichen von Perestroika und Glasnost, wurde das Gelände weniger streng kontrolliert, stieg die Zahl der Kreuze sprunghaft an. 1990 wollte man schon 40000 Kreuze gezählt haben. Noch mehr wurden es im Januar 1991, als auf dem Höhepunkt des Unabhängigkeitskampfes mehr als ein Dutzend Litauer von russischen Spezialtruppen vor dem Fernsehturm in der Hauptstadt Vilnius erschossen wurden und Tausende ihre Trauer am Berg der Kreuze sichtbar zum Ausdruck brachten. Wenig später war Litauen unabhängig, der »Berg der Kreuze« neuer Pilgerort und Symbol der neuen Freiheit.

1993 stattete ihm Papst Johannes Paul II. einen Besuch ab, bei dem er die Franziskaner mit der Betreuung des Ortes betraute und sie ermunterte, hier ein Kloster zu errichten. Zur Jahrtausendwende war der zweistöckige Bau mit seinen 16 Mönchszellen fertig. Ein »Haus der Stille«, ein Ort des Gebetes und der Kontemplation – mit einem großen Glasfenster zum Meer der Kreuze hin. Wie viel es inzwischen sind, weiß niemand genau. Anfangs der 1990er Jahre versuchten Studenten der Universität Vilnius, sie zu zählen. Bei 50000 gaben sie auf, was Litauens Christen als einen weiteren Beweis werteten, dass man Gott mit dem Verstand allein nie begreifen könne.

Günter Schenk

Friedhofskultur auf Skandinavisch

9. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: An diesem Wochenende ist Totengedenken – Gottesäcker mit viel weniger Regeln als in Deutschland.

Pflegeleicht und wenig Regeln: Die Friedhofsvorschriften in Norwegen zwingen niemanden, aus Angst vor der Überforderung durch die Grabpflege auf ­anonyme Grabfelder auszuweichen. Foto: Michael Hoffmann.

Pflegeleicht und wenig Regeln: Die Friedhofsvorschriften in Norwegen zwingen niemanden, aus Angst vor der Überforderung durch die Grabpflege auf ­anonyme Grabfelder auszuweichen. Foto: Michael Hoffmann.


Am ersten Wochenende im November besuchen die Skandinavier die Gräber ­ihrer Lieben. Es ist der »Alle helgens dag«, das einzige große kirchliche Fest des Herbstes.

Der »Alle helgens dag« ist aus dem katholischen Fest Allerheiligen hervorgegangen, das auch als das Osterfest des Herbstes bezeichnet wird. Dieses Fest wird in orthodoxen Kirchen am ersten Sonntag nach Pfingsten und in der römisch-katholischen und der anglikanischen Kirche am 1. November gefeiert.

Es wurde ursprünglich zum Gedenken an alle Märtyrer begangen, die keinen eigenen Feiertag haben. Der in Halle geborene Arzt Johann Friedrich Struensee (1737–1772) verlegte 1770 als Regent des Königs von Dänemark-Norwegen den Feiertag im Rahmen einer Feiertagsreduktion.

In Dänemark und Norwegen wird er nun am ersten Sonntag im November und in Schweden einen Tag früher ­gefeiert. Inhaltlich entspricht er eher dem ­Allerseelentag, der in der katholischen Kirche am 2. November begangen wird und dem evangelisch-deutschen Ewigkeitssonntag: Es wird der im vergangenen Jahr Verstorbenen gedacht.

Alle Friedhöfe in Norwegen sind kirchliche Friedhöfe, auch wenn es in einigen Städten inzwischen muslimische Grabfelder gibt. Die Vorschriften für Beerdigungen sind sehr übersichtlich: Es gibt ein Gesetz. Dieses schreibt vor, in der Regel innerhalb von acht Tagen nach dem Todesfall zu beerdigen und es sichert, dass ein ­einfaches Grab in der Kommune des Wohnsitzes 20 Jahre kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

»Kultur ist lebendig, sie entwickelt und verändert sich. Dies gilt auch für christliche Friedhofskultur«

 
Es gibt eine Vorschrift zum Gesetz, das die Normen für die Einrichtung von Friedhöfen, die Abmessungen von Gräbern, einen Sargzwang, Regeln für die Behandlung von Särgen und Urnen, den Betrieb von Krematorien und insgesamt acht Paragrafen über Grabsteine auf Gräbern enthält.

Es soll in der Regel nur ein Grabstein pro Grab aufgestellt werden. Text, Fotografien, Verzierungen und Symbole sollen zurückhaltend eingesetzt und normalerweise nur die Namen der dort Beerdigten verzeichnet werden. Der Stein muss aus einem Material sein, das das norwegische Wetter und das Rasenmähen auf dem Friedhof verträgt, und er darf nicht zu groß sein.

Ein Gewicht von 300 Kilogramm soll nicht überschritten werden. Doch Ausnahmen sind möglich, so lange der Stein entsprechend der Vorschriften mit einem Fundament und Bolzen gegen Umfallen gesichert ist. Weitere Vorschriften gibt es nicht. Trotzdem ist der Friedhof ein Platz des stillen Gedenkens und kein Platz des Wettbewerbs.

Im Gegensatz zu deutschen Friedhöfen sind die Gräber meist nicht gegeneinander abgegrenzt. Manche, aber nicht alle, nutzen die Fläche eines A3-Blattes vor dem Grabstein für Blumen und Grabschmuck. Der Rest des Grabes ist mit Rasen überwachsen und wird von der Kirchengemeinde mit dem Rasenmäher gepflegt.

Kaum ein alter Mensch muss sich, aus Angst davor, seine Angehö­rigen mit der Grabpflege zu überfordern, für ein anonymes Grab entscheiden. Ich habe in Deutschland den Schmerz von Menschen erlebt, deren Angehörige in einem anonymen Grabfeld auf einem städtischen Friedhof weit weg beerdigt wurden, und die nun kein Grab haben um ihre Trauer auszudrücken.

Oft wünschten sich die Verstorbenen, die selbst viele Jahre lang Gräber aufopferungsvoll gepflegt hatten, für sich selbst ein einfach zu pflegendes Grab: Ohne regelmäßiges Harken und Bepflanzen, ein Ort für Andacht und stilles Gedenken. Doch dafür war auf dem kirchlichen Friedhof vor Ort kein Raum.

Ich verstehe, dass kirchliche Friedhöfe auch als solche zu erkennen sein sollen. Doch wer hat entschieden, dass es nur die eine christliche Friedhofskultur gibt? Warum ist es nicht möglich, einen Blick nach Herrnhut zur Brüder-Unität, ins katholische Bayern oder gar über die Landesgrenzen hinaus zu werfen? Vielleicht steckt hinter den oft detaillierten Friedhofsordnungen aber auch ein deutsches Bedürfnis, alle denkbaren und undenkbaren Möglichkeiten zu regeln?

Kultur ist lebendig, sie entwickelt und verändert sich. Dies gilt auch für christliche Friedhofskultur. Jeder Versuch, sie unverändert in einem engen Korsett zu konservieren, muss auf Dauer scheitern. Ich bin in meinen zehn Jahren als Pfarrer in Norwegen noch mit keiner Friedhofssatzung in Berührung gekommen. Mein persönlicher Entschluss steht übrigens auch fest: Ich möchte in einem einfachen norwegischen Grab beerdigt werden und nicht in einem engen deutschen kirchenbürokratischen Korsett.

Michael Hoffmann

Michael Hoffmann ist Pfarrer im norwegischen Haram und Fjørtoft.

Protestantische Pflänzchen

31. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Skanderbeg-Platz im Herzen Tiranas ist nach dem Nationalhelden Gjergj Kastrioti (deutsch Georg Kastriota, 1405–1468), Skanderbeg benannt. Er gilt als Verteidiger des Landes gegen die türkischen Heere. Erst zehn Jahre nach seinem Tod konnten die Osmanen das Land für 400 Jahre erobern und islamisieren. Foto: epd-bild/Egmont Strigl

Der Skanderbeg-Platz im Herzen Tiranas ist nach dem Nationalhelden Gjergj Kastrioti (deutsch Georg Kastriota, 1405–1468), Skanderbeg benannt. Er gilt als Verteidiger des Landes gegen die türkischen Heere. Erst zehn Jahre nach seinem Tod konnten die Osmanen das Land für 400 Jahre erobern und islamisieren. Foto: epd-bild/Egmont Strigl

 

Albanien: Das Land war einst orthodox, wurde später islamisch und dann per Gesetz zum atheistischen Staat

 
Nach Jahren des gesetzlich verordneten Atheismus beginnen evangelische Kirchen in Albanien Fuß zu fassen – allerdings nicht ohne Konflikte.
 
Haxhi Murati, der in einem christlichen Zentrum in Tiranas Problembezirk Bathore als Sozialarbeiter tätig ist, weiß, dass Albanien ursprünglich christlich war. Erst später seien die Osmanen gekommen und hätten den Islam mitgebracht, sagt er. In der kommunistischen Zeit, unter dem Diktator Enver Hoxha, war gar keine Religion erlaubt, denn der große Führer hatte sein Land per Gesetz zum einzigen atheistischen Staat auf der Welt erklärt.

In Haxhi Muratis Dorf gab es früher zehn Kirchen und Moscheen. Einige wurden Museen. Aber manchmal hat man abends dort gebetet, erinnert er sich.

Neu für Haxhi Murati ist, dass der evangelische Glauben in Albanien Fuß gefasst hat. Das ist für ihn auch deshalb erstaunlich, weil es früher nur orthodoxe und katholische Kirchen gab. Dabei weiß er aus eigener Erfahrung, dass das Engagement der Protestanten nicht nur aus Kirche und Gebet besteht: Sein Sozialprojekt wird aus Mitteln der Herrnhuter Missionshilfe finanziert. Die kleine evangelische Freikirche mit sächsischen Wurzeln und einer großen Vergangenheit als Missionskirche ist eine der evangelischen Kirchen aus Deutschland, die sich seit den Umbrüchen der 90er Jah­re in dem kleinen Land engagieren.

In einer alten Villa, fast im Zentrum Tiranas, befindet sich heute der Sitz der Evangelischen Allianz Albaniens, einer Art Dachorganisation der evangelischen Kirchen. Auf dem schönen Grundstück ist auch ein Gästehaus mit einfachen Zimmern. Erst im Mai letzten Jahres wurden die Kirchen evangelischer Prägung vom albanischen Staat endlich als rechtliche Körperschaft anerkannt.

Über diesen langen Weg weiß ­Austin McCaskill von der christlichen Stiftung AEP (Albanian Encouragement Project – Albanian Ermutigung Projekt) bestens Bescheid. Der Amerikaner ist seit sechs Jahren als einer der Geschäftsführer der Stiftung im Land und war vorher Anwalt in den USA. Die Kirchen aus dem evangelischen Spektrum hätten sich nur unter Vorbehalten und auch dem Widerstand von Orthodoxen und der Katholiken etablieren können. Dabei sei Hilfe von außen, vor allem aus Deutschland und den USA gekommen, berichtet er.

Der deutsche Botschafter habe sich schon vor Jahren beim albanischen Parlament für die evangelischen Christen eingesetzt.

Politischen Druck hätten auch die Amerikaner ausgeübt. In den USA gibt es einen jährlichen Bericht zur Religionsfreiheit in der Welt. Darin wurden die Auswirkungen des Religionsgesetzes in Albanien angeprangert, durch das alle Religionsgemeinschaften – Orthodoxe, Katholiken, Moslems und Bektashi (eine Variante des Islam) – anerkannt worden. Nur die Protestanten nicht.

Erst nach langen Verhandlungen gelang es, mit der albanischen Regierung einen Vertrag zu schließen, der nicht nur die Ausübung ihrer Religion zulässt, sondern zum Beispiel auch Steuerfragen regelt. Zum protestantischen Spektrum in Albanien gehören heute Pfingstler, unabhängige evangelikale Gemeinden, Baptisten, Mennoniten, Methodisten, Moraven (Herrnhuter) und zahlreiche weitere Gruppen.

Doch auch hier sind kleinere Konflikte vorprogrammiert. 300 evangelische Missionare aus mehr als 30 Ländern und 70 verschiedene Missionsorganisationen arbeiten in Albanien, verrät Austin McCaskill. Doch trotz der Vielfalt achte man einander. »Einheit in Verschiedenheit« sei ein ­dringendes Motto.

Die Herrnhuter hätten dabei einen guten Ruf, weil sie über Konfessionsgrenzen hinaus soziale Arbeit machen, zum Beispiel auch Muslime in ihre vier Sozialprojekte im ganzen Land integrieren. Haxhi Murati in Bathore wiederum weiß das nur zu gut, denn er stammt selbst aus ­einer muslimischen Familie.

Andreas Herrmann

Jubel mit bitterem Beigeschmack

21. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Vorläufiges Ende eines Dramas – der entführte israelische Soldat Gilad Schalit ist wieder bei seiner Familie.


Fast fünfeinhalb Jahre kämpfte Noam Schalit um die Freilassung seines Sohnes aus der Geiselhaft. (Foto: israility.com)

Fast fünfeinhalb Jahre kämpfte Noam Schalit um die Freilassung seines Sohnes aus der Geiselhaft. (Foto: israility.com)

1027 rechtskräftig verurteilte arabische Gewalttäter gegen eine einzige israelische ­Geisel – Hintergründe zum wohl spektakulärsten Gefangenentausch der Geschichte.

Familie Schalit kann aufatmen. Nach 1491 Tagen in Hamas-Geiselhaft kehrt der heute 25-jährige Gilad nach Hause zurück.

Ein halbes Jahrzehnt haben Noam und Aviva um ihren Sohn gekämpft.

Die Tage waren lang, die Nächte zermürbend.

Keinen Aufwand haben sie gescheut, kaum einen relevanten Politiker außer Acht gelassen, um zu verhindern, dass der gefangene Soldat in Vergessenheit geriet. Jetzt dürfen sie ihn endlich in die Arme schließen.

In den vergangenen fünfeinhalb Jahren ist Gilad Schalit zudem Sohn einer ganzen Nation geworden. Israel hat mit der Familie gebangt. Jetzt jubelt das Volk über die Heimkehr des verlorenen Sohnes.

Doch diese Freude ist nicht ungebrochen. Sie hat einen bitteren Beigeschmack. 1027 arabische Terroristen werden für einen israelischen Soldaten auf freien Fuß gesetzt.

Zeitgleich mit der Entlassung Schalits kommen in einer ersten Aktion 450 Männer und 27 Frauen frei. 280 von ihnen sind zu mindestens lebenslänglicher Haft verurteilt. Gemeinsam zeichnen sie für den Tod von etwa 600 Israelis ­verantwortlich.

Verzweifelt haben Angehörige von Terroropfern bis zum letzten Augenblick und bis vor dem Obersten Gericht Israels versucht, den Deal zu verhindern.

Tatsächlich wird wohl erst im Rückblick und mit beträchtlichem Abstand klar erkennbar sein, was den jüdischen Staat der Freikauf eines einzelnen Soldaten gekostet haben wird. »Kein Staat der Welt hätte so etwas ­getan«, meint der Schriftsteller Eyal Megged, der sich für die Freilassung Schalits eingesetzt hat und die Entscheidung der Regierung Netanjahu unterstützt.

Der Schalit-Deal schafft einen gefährlichen Präzedenzfall: Welcher radikale Massenmörder sollte jetzt nicht hoffen dürfen?

Tatsächlich werden bereits Stimmen aus dem rechten politischen Spektrum in Israel laut, die eine Begnadigung von jüdischen Terroristen fordern, die arabisches Blut an ihren Händen haben. Auch an Jonathan Pollard wird in diesem Zusammenhang erinnert, der seit mehr als einem Viertel Jahrhundert eine Strafe für Spionage für den Staat Israel in einem US-amerikanischen Gefängnis verbüßt.

Mit großer Sorge beobachtet man, wie der Staat Israel erpressbar wird.

Die Hamas hat bereits angekündigt, auch die verbleibenden 5000 Palästinenser in israelischer Haft freipressen zu wollen. Der Wert eines einzelnen jüdischen Soldatenlebens scheint ins Unermessliche gestiegen zu sein. Palästinensische Islamisten haben verstanden: Israelis entführen lohnt sich. »Sind wir zu Geiseln einer unaufhaltsamen Zugeständnis-Spirale geworden?«, fragt ein Beobachter.

Dabei hatte schon Rabbi Meir von Rothenburg Lösegeldzahlungen abgelehnt, die zu weiteren Entführungen ermutigen – und dafür mit seinem ­Leben bezahlt. Er starb 1293 nach sieben Jahren in Geiselhaft. 1307 wurde sein Leichnam von einem Frankfurter Kaufmann für 20000 Pfund Silber ausgelöst, damit Meir in Worms begraben werden konnte. Der Fall des deutschen Rabbis wurde in den vergangenen Jahren in Israel im Zusammenhang mit der Gefangenschaft Schalits heiß diskutiert.

Nach dem Schalit-Deal ist jetzt erstmals seit Jahren kein israelischer Soldat mehr in fremder Geiselhaft.

­Juristen und Gesetzgeber beraten darüber, die Preise für die Auslösung von Geiseln gesetzlich zu limitieren. Und: Wer tot ist, kann nicht mehr freigehandelt werden. Deshalb fordern nicht wenige Stimmen die Todesstrafe für verurteilte Massenmörder.

Während des Gazafeldzugs 2008/2009 ­hatten israelische Soldaten in Anti-Guerillakampfeinheiten sich abgesprochen, auf die eigenen Kameraden zu schießen, sollte sich dadurch ein »zweiter Gilad Schalit« verhindern lassen. Die offensichtliche Verzweiflung treibt beängstigende Blüten. Welche Früchte wird sie tragen?

Die Entführung von Gilad Schalit und seine Freilassung fordern einen hohen Preis von der israelischen ­Gesellschaft, von den israelisch-­palästinensischen Beziehungen, vom gesamten Nahen Osten und seinen Menschen.

Einen Preis, dessen letztendliche Höhe wohl erst in einigen Jahren erkennbar sein wird. Es ist die große Herausforderung israelischer Politiker, in naher Zukunft wirksame Maßnahmen zu ergreifen, die der ­Deflation arabischer Menschenleben und der gleichzeitigen Inflation des Wertes von jüdischem Leben Einhalt gebieten – ohne dadurch die Werte zu gefährden, die einer freiheitlichen Demokratie zugrunde liegen.

Johannes Gerloff (Jerusalem)

Trolle, Elfen, Lutheraner

14. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Naturgewalten: Die berühmten Islandponys vor der Silhouette des aktiven Vulkans Eyjafjoell, dessen Aschewolke im Frühjahr vergangenen Jahres halb Europa überzog.	 Foto: picture alliance/abacaPhoto

Naturgewalten: Die berühmten Islandponys vor der Silhouette des aktiven Vulkans Eyjafjoell, dessen Aschewolke im Frühjahr vergangenen Jahres halb Europa überzog.
Foto: picture alliance/abacaPhoto


Gewaltige Natur, Vulkane und Geysire prägen Island und die Vorstellungen seiner Menschen. Ein Blick in die ­religiöse Welt der Bewohner des diesjährigen Gastlandes der Frankfurter Buchmesse.

Island, bietet neben grandioser Landschaften manch andere merkwürdige Erfahrung. Fährt man beispielsweise den »Elfenhügelweg« entlang, muss man das Tempo drosseln, denn die Straße wurde verengt.

Die Erklärung: In dem unscheinbaren Steinhaufen, um den die Straße herumgeführt wurde, sollen Elfen wohnen.

Nicht nur, dass die Isländer ihre Computer wörtlich übersetzt »Zahlen-Prophetinnen« nennen, in diesem rauen Land sollen neben Menschen und Tieren auch unsichtbare Wesen leben. Von Elfen und Trollen hört man da, vom »verborgenen Volk«, das in Steinen wohnt und das nur ganz selten ein Mensch zu Gesicht bekommt.

Ist etwas dran an diesen Erzählungen oder sind es nur originelle Geschichten für esoterikbegeisterte Touristen?

Für die Touristen wird die Klavierlehrerin Erla Stefansdottir, die überzeugt ist, Elfen sehen zu können, schon einmal zur »Isländischen Elfenministerin« befördert. Und die ganz Wissbegierigen können eine Elfenschule besuchen, in der man in einem Nachmittagskurs zum Beispiel über die Unterschiede zwischen Elfen, Trollen aufgeklärt wird.

So lernt man beispielsweise, dass Trolle zu Stein ­erstarren, wenn sie nicht rechtzeitig vor Sonnenaufgang wieder in ihren Verstecken verschwinden, und dass das »verborgene Volk« den Menschen sehr ähnlich sieht, während Elfen eher kleine zarte Wesen mit spitzen Ohren sein sollen.

Fast alle Isländer sind lutherische Christen und obwohl die meisten Einwohner des Landes in der Hauptstadt Reykjavik ein modernes Leben führen, schließen nur wenige die Existenz unsichtbarer Wesen kategorisch aus. Die alten Sagen und Märchen gehören in der durch die uralte isländische ­Sprache geprägten Kultur zum Leben.

Christentum und heidnische Überlieferung scheinen einander in vielen ­Sagen kaum auszuschließen.

Einige Geschichten erzählen sogar davon, wie auch unsichtbare Wesen sich zum Christentum bekehren.

Und eine Legende beschreibt die Herkunft des »verborgenen Volkes« folgendermaßen: Eines Tages besuchte Gott Adam und Eva. Eva wollte Gott zeigen, was für gelungene Kinder sie hatte und wusch den Nachwuchs vor dem Besuch noch schnell. Doch als erst die Hälfte der Kinderschar gebadet war, tauchte Gott schon auf. Eva versuchte die Schmutzfinken vor Gott zu verstecken, doch der sagte nur »Was vor mir verborgen wird, soll auch den Menschen verborgen sein.« Seitdem sind diese Kinder für die Menschen unsichtbar und Leben in Steinen, Hügeln und Felsspalten.

Auf die Frage, wie die Kirche mit diesem Volksglauben umgehe, antwortet Kristján Valur Ingólfsson, Pastor der evangelisch-lutherischen Kirche Islands jedoch gelassen: »Der spielt eigentlich im wirklichen Leben keine Rolle. Aber die Touristen lieben es.«

Dennoch kann es in Island tatsächlich vorkommen, dass Straßen kurzerhand um Steinhaufen herumgeführt werden, dass Felsbrocken eine Hausnummer bekommen oder dass Bauvorhaben gestoppt werden, wenn sich Missgeschicke oder Unfälle auf der Baustelle häufen.

Manchmal werden dann Elfenseherinnen wie Erla Stefansdottir zu Rate gezogen, damit sie Auskunft darüber geben, ob in dem Hügel, der gerade abgetragen werden sollte, nicht vielleicht doch ein Troll wohnt, der angesichts der drohenden Beseitigung seines Heims in Wut geraten ist.

Mag manch einer das auch belächeln, fest steht, dass Felsformationen, die der Legende nach von unsichtbaren Wesen bewohnt werden, in Island zum Kulturgut gezählt werden und daher auch durch Bauvorhaben nicht einfach zerstört werden dürfen.

In vielen Legenden fordern Elfen und Trolle die Menschen auf, nicht unnütz in die natürlichen Gegebenheiten einzugreifen.

Das Leben auf ­einer Vulkaninsel, auf der der Boden plötzlich beben oder sich auftun und heißes Wasser spucken kann und auf der immer wieder ganze Landstriche durch Vulkanausbrüche verschluckt werden, lehrte die Menschen von Beginn an, dass nichts so sicher ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Es lehrt, auf die Natur zu hören und respektvoll mit ihr umzugehen.

Und wer einmal durch die überwältigende Einsamkeit karger Lavaebenen und grün bemooster Felsen gewandert ist, wer zwischen nebelbedeckten Wasserläufen und beim Blick in den endlosen Himmel über dem Atlantik die Zeit vergisst, der kann erfahren, wovon die Isländer wirklich sprechen, wenn sie von Elfen erzählen.

Sonja Poppe

Island ist Ehrengast der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt, die seit Mittwoch für Fachbesucher und an diesem Wochenende, 15. und 16. Oktober, auch für die Öffentlichkeit geöffnet ist.
www.buchmesse.de
www.sagenhaftes-island.is/de

Die Flitterwochen sind vorbei

10. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Richtig eingesetzt, können Mikrokredite nach wie vor eine Hilfe zur Selbsthilfe sein: Diese Frau im indischen Bundesstaat Andra Pradesh hat sich damit beispielsweise erfolgreich eine kleines Dorfgeschäft aufgebaut. (Foto: epd-bild/Stefan Trappe)

Richtig eingesetzt, können Mikrokredite nach wie vor eine Hilfe zur Selbsthilfe sein: Diese Frau im indischen Bundesstaat Andra Pradesh hat sich damit beispielsweise erfolgreich eine kleines Dorfgeschäft aufgebaut.
(Foto: epd-bild/Stefan Trappe)


Entwicklungshilfe: Lange galten Mikrokredite als Wundermittel gegen Armut – doch ihr Ruf ist angeschlagen.
 
Mit Selbstmorden verschuldeter Frauen im indischen Bundesstaat Andra Pradesh geriet ein Erfolgsprojekt der Entwicklungshilfe ins ­Wanken: Mikrokredite.
 

Sie sind für Menschen in Entwicklungsländern gedacht, denen keine der großen Banken hilft. Es geht um wenige Dollar, etwa für Saatgut, eine Nähmaschine oder die Einrichtung eines kleinen Ladens.

Gerade in Deutschland zeigten sich viele von der Idee begeistert. Doch aus sozialen Banken wurden mancherorts Kredithaie.

Die gesamte Branche der Mikrofinanzen – Kredite, Versicherungen oder auch Sparangebote für Arme – geriet in Verruf. Experten versuchen sich nun in der Ehrenrettung.

2,7 Milliarden Menschen weltweit kommen nach Angaben des Bundesentwicklungsministeriums nicht an grundlegende Finanzdienstleistungen heran.

Das Ministerium hält an Mikrokrediten fest, Deutschland zählt zu den führenden Geberländern in diesem Bereich. Allerdings herrsche bei dem Thema derzeit ein »Kommunikationsproblem«, räumt Susanne Dorasil, Leiterin des Referats Wirtschaftspolitik im Ministerium, ein.

Tilman Ehrbeck sieht das ähnlich: Die Idee der Mikrokredite, für die der Bank-Pionier Mohammed Yunus 2006 den Friedensnobelpreis gewann, klingt »verführerisch einfach«, sagt er – zu einfach angesichts eines komplexen Bereichs mit vielen Angeboten. Umso größer war die Enttäuschung vieler, als Probleme auftauchten.

Ehrbeck ist Geschäftsführer der Beratergruppe CGAP, die im Auftrag der Weltbank zum Bereich Mikrofinanz arbeitet. Aus Ehrbecks Sicht entstand die Krise speziell der Mikrokredite aus dem enormen Erfolg: »Bei dem rasanten Wachstum kam die verantwortungsvolle Kreditvergabe oft zu kurz.«

Auch Ben Simmes, Direktor der Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit, sieht das sehr schnelle Wachstum und die Profitgier mancher Anbieter als eine der Ursachen für die Mikrokredit-Krise. »Die Flitterwochen sind vorbei«, fasst er die Situation der Branche zusammen. Simmes sieht weitere Probleme: Mangelnde Ausbildung bei Mitarbeitern der Mikrofinanzinstitutionen, harte Konkurrenz, die teils mehrfache Überschuldung der Kunden und die fehlende Transparenz im Sektor.

»Aus diesen Erfahrungen müssen wir lernen«, sagt Simmes. Es müsse geprüft werden, wie sozial die Mikrofinanzanbieter wirklich noch seien. ­Oikocredit begrüßt deshalb auch einen entsprechenden Gesetzesentwurf der indischen Regierung, durch den Kreditnehmer besser geschützt werden sollen.

Günther Kastner, Gründer der Anlageberatung Absolute Portfolio Management GmbH, hält das Bild der Mikrofinanzen als Mittel gegen die ­Armut in der Welt für falsch. »Für uns Investoren ist die Armutsbekämpfung gar nicht vordergründig«, erklärt der Geschäftsführer der Vermögensverwaltung.

In extrem verarmten Regionen könnten Mikrokredite und ähnliche Angebote gar nicht funktionieren, weil es an Infrastruktur und Menschen mit Erfahrung im Unternehmertum fehle. So hätten einige Institute Mikrofinanz in Gebieten ange­boten, in denen andere Formen der Entwicklungshilfe zunächst einmal nötiger seien.

»Es sind nicht nur Kredite wichtig, sondern auch unterstützende Angebote«, betont deshalb auch Jan Binder, Pressesprecher von Opportunity International Deutschland. Die christliche Stiftung bietet ihren Kreditnehmern beispielsweise begleitende Kurse in Buchhaltung an.

Und: Zu Mikrofinanzen gehören auch Sparbücher und Versicherungen für Arme. Damit können sich zum Beispiel Bauern gegen Ernteausfälle oder Händler gegen Krankheit absichern.

Der Mikrofinanz-Experte Jim Reiff von Opportunity International kritisierte deshalb Vorschläge, Kredite künftig ausschließlich für die Gründung einer Existenz anzubieten. Auch Kredite für die Renovierung von Häusern oder für das Schulgeld der Kinder seien unter Umständen sinnvoll. Man müsse aber mit dem Kreditnehmer abklären, in welchen Raten und über welchen Zeitraum er das Geld zurückzahlen könne.

Die Krise der Branche sieht Reiff deshalb auch als Chance für eine Neuausrichtung: »Der Fokus muss wieder darauf gelegt werden, was am besten für die Kunden ist, und nicht, was den meisten Profit für die Investoren bringt.«

Ann Kathrin Sost (epd/GKZ)

Die Wurzeln des Grauens

Guatemaltekische Soldaten auf Patrouille in einem Armenviertel der Hauptstadt Guatemala-City. Auch 15 Jahre nach dem Bürgerkrieg sind die früheren Gewalttaten des Militärs im Kampf gegen echte oder vermeintliche Rebellen den Menschen gegenwärtig. (Foto: picture-alliance/dpa/Tomas Bravo)

Guatemaltekische Soldaten auf Patrouille in einem Armenviertel der Hauptstadt Guatemala-City. Auch 15 Jahre nach dem Bürgerkrieg sind die früheren Gewalttaten des Militärs im Kampf gegen echte oder vermeintliche Rebellen den Menschen gegenwärtig. (Foto: picture-alliance/dpa/Tomas Bravo)


Guatemala: Die Aufarbeitung von Gewalt und Terror der Militärdiktatur ist noch lange nicht abgeschlossen.
 
Vor 15 Jahren endete der ­blutige Bürgerkrieg in Guatemala. Er kostete mindestens 200.000 Menschenleben. Ein ehemaliger Soldat bricht sein Schweigen und berichtet über seine Erlebnisse.
 

Rodrigo Sic ist heute 46 Jahre alt. Seine Muttersprache ist Achí, eine der 22 Mayasprachen, die bis heute in Guatemala gesprochen werden. Er erinnert sich, dass er schon in seiner Jugend von der Mutter manchmal gewarnt wurde: »Heute darfst du nicht raus, weil die Soldaten Jungen fangen.« An solchen Tagen zog die Armee durch die Dörfer um Jugendliche zu »rekrutieren«.

Doch es half nichts: »Im Jahr 1982 kam ein Militärkommissar zu unserer Hütte und brachte einen Einberufungsbefehl.« Mit 700 anderen Jungen musste er sich vor dem Rathaus einfinden.

»Einen Tag und einen Nacht lang wurden wir eingesperrt. Draußen flehten die Mütter, dass sie ihnen ihre Söhne zurückgeben. Aber niemand schenkte ihnen Beachtung.« Mit LKWs ging es in eine Militärstation in die Stadt Salama. Dort begann für Sic ein Albtraum mit schreienden Vorgesetzen und brutalen Erniedrigungen.

Schreiende Ausbilder und drakonische Strafen

Ohne zu essen mussten die Rekruten stundenlang wie Enten laufen, auf den Knien mit den Händen auf den Schultern. Sie wurden in den Schlamm getreten, mit eiskaltem Wasser abgespritzt. »Das war die Begrüßung in der Armee. Viele wurden bewusstlos. Sie gaben uns Stiefel und alte Hemden. Jetzt waren wir Soldaten«, erzählt Sic.

»Ihr feigen Hühner! Indios! Guerilleros!« – schreiende Vorgesetze gehörten zum Ausbildungsalltag, ebenso wie drakonische Strafen. Und die Rekruten wurden in Foltertechniken ausgebildet. »Uns wurde gesagt: ›Wenn deine Mutter zu den kommunistischen Rebellen gehört, dann musst du sie töten.‹«

Der Grundsatz lautete: »Befehle werden nicht diskutiert, sondern ausgeführt.«

Mit Gewalt und Terror gegen vermeintliche Feinde

Drei Monate dauerte für Sic und seine Kameraden das »Training«, das vor allem aggressive Kämpfer aus ihnen machen sollte. Dann wurde Sic in den Ort Mazatenango versetzt. Dort sollten die Soldaten fünf Tage lang durch die Wälder ziehen und nach dem Feind, nach »Rebellen« suchen.

Doch es wurden drei Monate Kampfeinsatz daraus.

Erschütternde Szenen muss der junge Soldat miterleben: »Wir suchten nach ›Informanten‹ der Rebellen. Einmal kam ein Mann auf uns zu. Er war etwa vierzig Jahre alt und fragte freundlich, wie viele wir wären. Nur deshalb wurde er zu unseren Anführern gebracht. Sie haben ihm die Fingernägel ausgerissen und ihn kopfüber in eine Tonne gesteckt. Er hat nicht lange ausgehalten. Um Mitternacht war er tot, nur weil er gefragt hat, wie viele wir sind.«

Oder wie in einer anderen Gegend eine Frau zu den Soldaten kommt, um sich über ihren Mann zu beschweren, weil er sie geschlagen hatte. »Der Soldat, der gerade auf Wache war, sagte zu ihr: ›Na gut, ich rede mal mit ihm.‹ Aber dann hat er sie ins Gebüsch gezogen und die anderen gerufen. 24 Soldaten. Sie alle haben die Frau vergewaltigt. Danach durfte sie nach Hause gehen.«

Als am nächsten Tag der Vorgesetzte von der Vergewaltigung erfuhr, rief er den Soldaten zu sich. Er musste die Hose runterziehen »und bekam eine brennende Zigarette zwischen die Beide gedrückt«, weiß Rodrigo Sic zu berichten. Der Soldat sei zwar rumgesprungen, aber eine weitere Strafe bekam er nicht.

Die Saat der Gewalt geht in der Gesellschaft auf

Am 31. Juli 1983 kam für Sic endlich der Tag der Entlassung, »ohne Geld, ohne nichts«. Lange Zeit konnte er nicht schlafen, nicht arbeiten. »Ich habe mich auf die Straße gesetzt und wenn ich konnte, habe ich mich betrunken, um alles zu vergessen.« Es war sein kleiner Bruder, der ihm eines Tages Geld gab, um eine Ausbildung machen zu können. So gelang ihm langsam auch die Verarbeitung des Erlebten.

Doch nicht allen gelingt dies: »Viele Soldaten haben dasselbe erlebt wie ich. Sie behandeln heute ihre Söhne genauso wie man uns damals behandelt hat. Sie leiden noch immer«, ist Rodrigo Sic überzeugt.

In den traumatischen Erlebnissen so vieler Menschen in Guatemala sieht er auch die Ursache für die bis heute anhaltende Welle von Gewalt und Kriminalität im Land: »Die Leute sind voller Hass, die Kinder des Kriegs, die vergewaltigten Frauen, alle, die das erlebt haben. Damals wurde die Saat gesät, aus der noch mehr Gewalt hervorgeht.«

Sic hat dies alles überlebt und hinter sich gelassen, weil er ein Ziel hatte: Er wollte Lehrer werden. Die Ausbildung und die Arbeit als Lehrer haben ihm geholfen, eine sinnvolle Aufgabe zu finden. Doch die Erinnerungen ­belasten noch immer sein Gewissen. Deshalb hat er angefangen, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Der Arbeitstitel des Buches lautet: »Der Albtraum«.

Andreas Boueke

Christen halten (noch) zu Assad

24. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Syrien: Die Kirchen des Landes beteiligen sich bisher kaum an den Protesten gegen die Regierung.

Syrische Pro-Assad-Demonstranten bekunden am 10. September in Damaskus ihre Verbundenheit mit dem Regime. Auch viele Christen des Landes sehen in ihm einen Garanten ihrer relativen Freiheit. (Foto: picture alliance)

Syrische Pro-Assad-Demonstranten bekunden am 10. September in Damaskus ihre Verbundenheit mit dem Regime. Auch viele Christen des Landes sehen in ihm einen Garanten ihrer relativen Freiheit. (Foto: picture alliance)

Syriens Christen fürchten ein Chaos wie im Irak mehr als die Diktatur von Staatspräsident Baschar al-Assad.


»Wir haben keine Angst vor dem ­Islam. Wir fürchten ein Chaos wie im Irak.« Der Wortführer der syrischen Christen, Patriarch Gregorius III. (früher als Lutfi Laham Erzbischof von Jerusalem) von der mit Rom unierten Melkitischen Griechisch-Katholischen Kirche, hat offene Briefe an Regierungen in Europa und den USA geschickt mit der Bitte, sich in Syrien nicht einzumischen.

Die rund zwei Millionen Christen in Syrien halten sich bedeckt und unterstützen das ­Regime des Präsidenten Baschar al-Assad. Während zunehmend westliche Politiker ihrer Abscheu über Massaker in Syrien mit immer schärferen Worten Ausdruck verleihen, die Türkei offen mit Krieg droht, haben erste arabische Länder sogar ihre Botschafter abgezogen.

Allerdings: Erzbischof Gregorius III. hat vom Libanon aus gegenüber dem deutschen Programm von Radio Vatikan sein »Beileid für die Toten beider Seiten« ausgesprochen.

Das war ein gewagter Schritt, den er gegenüber den syrischen Staatsmedien nicht getan hätte. Denn das offizielle Syrien sieht in den toten Zivilisten »Terroristen«, denen kein Beileid gebührt, da sie Angehörige von Armee und Polizei ermorden.

Gemäß den dürftigen und unzuverlässigen Informationen aus dem abgeschotteten Staat scheinen sich Christen nicht an den Demonstrationen zu beteiligen. Der syrisch-orthodoxe Patriarch Ignatius Zakka I. hat sich sogar offen zum Befürworter Assads erklärt.

Die Treue zu Assad hat für die christliche Minderheit einen guten Grund. Ähnlich wie im Irak unter ­Saddam Hussein definiert sich Syrien unter dem Regime der Baath-Partei als »weltlich«. Den religiösen Minderheiten, allen voran den Christen, wird Religionsfreiheit gewährt.

Die Gläubigen genießen eine weitgehende Gleichberechtigung und Autonomie. Zwar muss in Syrien laut Verfassung der Präsident ein Moslem sein, aber Christen dienen als Offiziere in der ­syrischen Armee ebenso wie Drusen und Kurden. So genießen die Christen deutlich mehr Freiheiten als in den meisten anderen arabischen Staaten.

Für Gregorius III. ist der Irak ein abschreckendes Beispiel. Unter dem Schreckensregime des Saddam Hussein konnten die Christen weitgehend »in Frieden« überleben. Seit dessen Sturz haben muslimische Gruppen durch Überfälle und Selbstmordattentate für eine Massenflucht von Christen aus dem Zweistromland gesorgt. Hunderttausende flohen in die Türkei und nach Syrien.

Einige syrische Bischöfe beginnen angeblich, hinter vorgehaltener Hand in Privatgesprächen das Blutvergießen infrage zu stellen, seitdem Katar und Saudi Arabien ihre Botschafter abgezogen haben, die Wirtschaft zugrunde geht und damit das Elend der Bevölkerung zunimmt.

Aber auch der Vatikan hält sich bisher bedeckt und schließt sich nicht dem Chor der ­westlichen und arabischen Politiker an, die mit »Erschütterung« und »Abscheu« die Massaker in Syrien verurteilen.

Beim Angelus-Gebet im Juli ­äußerte Papst Benedikt XVI. »tiefe Besorgnis« und meinte neutral, dass »Waffen nirgendwo Probleme gelöst hätten«. Ohne Gaddafi oder Assad ­namentlich zu nennen, rief der Papst zum »Dialog« zwischen der Bevölkerung und den Behörden in Libyen und Syrien »für eine friedliche Koexistenz« auf.

Ulrich W. Sahm

Ökumene wird schwieriger

16. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Bischof Reinhard Guib über die Zukunft der Christen in Siebenbürgen.

Reinhard Guib ist seit Ende 2010 Bischof der Evangelischen Kirche »Augsburgischen Bekenntnisses« (A. B.) in Rumänien. Über die ­Situation der Gemeinden und die Beziehungen zur ­Orthodoxen Kirche sprach mit ihm Jürgen Henkel in Hermannstadt/Sibiu.

Reinhard Guib (49) stammt aus Mediasch in Sieben- bürgen. Er studierte evangelische Theologie  in Hermannstadt. Nach seiner Wahl zum Bischof wurde er im Dezember 2010 in sein Amt eingeführt. (Foto: Jürgen Henkel)

Reinhard Guib (49) stammt aus Mediasch in Sieben- bürgen. Er studierte evangelische Theologie in Hermannstadt. Nach seiner Wahl zum Bischof wurde er im Dezember 2010 in sein Amt eingeführt. (Foto: Jürgen Henkel)

Herr Bischof, was waren die Schwerpunkte Ihrer Arbeit bisher?
Guib: Mein erster Schwerpunkt war das Kennenlernen der genauen Arbeitsabläufe hier im Bischofsamt. Wichtig war für mich von Anfang an aber auch, den Kontakt zu den Partnern unserer Landeskirche im In- und Ausland zu pflegen. Genauso wichtig war es, die Verbindung zu den Gemeinden zu halten. Ich komme ja aus dem Gemeindedienst und bin nahe an den Gemeinden dran, das will ich auch als Bischof bleiben.

Wie nehmen Sie die Lage in den ­Diasporagemeinden wahr?
Guib: Wir wollen als Kirchenleitung sehr stark in den Gemeinden präsent sein und mit dem Landeskirchenkurator und dem Bischofsvikar eine nach der anderen sowie die Pfarrerinnen und Pfarrer besuchen. Wir wollen so das geistliche Leben und die Probleme vor Ort zu uns sprechen lassen und dabei darauf schauen, wo Verbesserungen möglich sind. Dabei geht es auch um die Entlastung von Verwaltung.

Welche Perspektive haben solche kleinen Diasporagemeinden mit drei oder vier Seelen überhaupt noch?
Guib: Die Perspektive ist, dass sie sich zusammenschließen mit anderen ganz kleinen Gemeinden, damit sie zu größeren und stärkeren Gemeinden werden. Die Siebenbürger Sachsen haben ein stark von der Gemeinschaft geprägtes Denken.

In den letzten 20 Jahren haben wir durch die Auswanderung gelernt, über die oft engen Ortsgrenzen hinauszuschauen und die Gemeinschaft überregional zu pflegen. Unsere traditionellen Nachbarschaften in den Dörfern können dabei zu einem Modell für regionale Nachbarschaften werden bis hin zu gemeinsamen Regionalgottesdiensten.

Im Mediascher Kirchenbezirk haben wir das gut gelebt. So kann das in der ganzen Kirche laufen. Das ist ein Modell, das uns helfen kann, eine Betreuung dieser Gemeinden zu gewährleisten, damit diese auch immer einen Ansprechpartner haben.

Wie wurde Ihre Wahl in der Ökumene im orthodox geprägten Rumänien aufgenommen?

Guib: Wir haben hier sehr gute Beziehungen zur Reformierten und zur ­Katholischen Kirche, insgesamt auch zur Orthodoxen Kirche. Wir haben das jetzt seit meinem Amtsantritt noch nicht vertiefen können, weil es große innerkirchliche Aufgaben zu lösen gab.

Wir stehen in einem Prozess und wollen ein Konzept »Zukunft Kirche« entwickeln. Dabei wollen wir schauen, welches unsere Grundlagen und Schwerpunkte in den nächsten zehn Jahren sein sollen.

Wir sind im Moment mit uns selbst mehr beschäftigt als mit den ökumenischen Partnern. Das wird sich in der Zukunft aber auch wieder ändern. So planen wir ein Partnerschaftsabkommen auf der sozialen Ebene mit der Orthodoxen Kirche.

Die ökumenische Lage ist dadurch schwieriger geworden. Die Orthodoxe Kirche hält sich bei gemein­samen Veranstaltungen und Gottesdiensten mittlerweile sehr zurück. Auch außerhalb des Abendmahlsgottesdienstes teilt sie das liturgische Gebet und ­Gottesdienste mit uns nicht mehr, sondern ist höchstens als Zuschauer dabei. Das ist eine Position, mit der wir und die anderen ­Kirchen in Rumänien sehr schwer zurechtkommen.

Es gibt einen sehr ­starken traditionalis­tischen Flügel in der Orthodoxen ­Kirche, dem solche Beschlüsse Rechnung tragen. Dabei ist der Patriarch sehr ökumenisch ­gesinnt.

Nun gibt es auch in Ihrer Kirche starke Flügelkämpfe zwischen Konservativen und Liberalen. Wie wollen Sie die Kirche zusammenhalten?

Guib: Das ist ein schwieriges Unterfangen. Wichtig ist, dass wir eine Linie haben, ein Gesamtkonzept, an dem wir uns orientieren, das alle mittragen können. Es wird immer Brüder oder Schwestern geben, die eine andere ­Linie haben wollen. Wir hoffen aber, dass wir diese mit ins Boot holen ­können. Ich befürchte derzeit keine Spaltungen.

In Deutschland und international gibt es heiße Debatten in den luthe­rischen Kirchen zu Reizthemen wie Homosexualität oder Gender-Theorien. Welcher Beitrag ist von Ihrer Kirche hier künftig zu erwarten?

Guib: Wir haben uns noch nicht ausführlich mit diesen schwierigen Fragen beschäftigt. Wir wollen nun erst dieses Konzept erarbeiten, das offen sein soll für die Zukunft, sicher auch für neue Gedanken.

Aber das heißt nicht, dass wir unser Proprium, das evangelische Bekenntnis und was ­damit zusammenhängt, verleugnen wollen. Wir wollen schon eine klare Position beziehen. Ein wichtiger Punkt ist, dass wir stärker in der Öffentlichkeit präsent sein wollen mit Stellungnahmen.

Was wollen Sie gegen den großen Unterschied zwischen ganz armen und sehr reichen Gemeinden unternehmen?

Guib: Wir planen einen Solidaritätsbeitrag, der für alle Gemeinden je nach finanziellen Möglichkeiten geleistet werden soll. So sollen die ­großen Stadtgemeinden zum Beispiel bei Verkaufserlösen von Immobilien mehr abgeben an die armen Diasporagemeinden. Es soll bei Einkommen, das in der Gemeinde bleibt, für arme Gemeinden und Bezirke, die finanziell schwach dastehen, etwas abgeführt werden, auch damit künftig der Unterschied zwischen einem Dorfpfarrer und einem Landpfarrer nicht mehr so eklatant ist wie zurzeit.

Wie würden Sie die Frömmigkeit Ihrer Gemeindeglieder mit einem Satz charakterisieren?

Guib: Sie haben ein tiefes Gottvertrauen, das unerschütterlich ist in allem, was kommt, und ein sehr stark auf Gemeinschaft ausgerichtetes Denken. Dafür bin ich sehr dankbar, denn diese Gemeinschaft wirkt ja auch in die weltweite Kirche hinein.

Prostitution für einen Hotdog

11. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Brasilien: Die Kirche attackiert grassierenden Sextourismus und damit verbundenen Kindesmissbrauch.
 
Die Bischöfe fordern von der Regierung angesichts neuer gravierender Fälle von ­Sextourismus Gegenmaßnahmen. Massenelend zähle zu den Hauptursachen sexueller Ausbeutung.
 

Die riesige Flussinsel »Ilha de Marajó« im Delta des Rio Amazonas wird in der deutschen Tourismuswerbung als paradiesisch gerühmt – malerische Strände, idyllische Fischerdörfchen. »Ich lebe im Delta und schaue genauer hin, ­empöre mich über pures Elend und Seuchen«, sagt Bischof Flavio Giovenale in der Diözese Abaetetuba. »Von den rund 15000 Inselbewohnern erkrankten seit Jahresbeginn über 12000 an Malaria – doch medizinische Betreuung fehlt! Hilfsgelder werden häufig abgezweigt, kriminelle Organisationen sind sehr aktiv.«

Neuerdings wird Sextourismus zumindest auf Airport-Plakaten der Regierung als Verbrechen gebrandmarkt.  (Foto: Klaus Hart)

Neuerdings wird Sextourismus zumindest auf Airport-Plakaten der Regierung als Verbrechen gebrandmarkt. (Foto: Klaus Hart)

Giovenale machte in Brasilien bereits Schlagzeilen, weil er den Sextourismus ganz Amazoniens anprangerte, deshalb Morddrohungen bekam, Bewachung brauchte. »Korrupte Politiker, Justiz und Polizeibeamte sind beteiligt!«

Er weiß, dass seine Worte viele ­Europäer schockieren. »Es ist trist – Menschen prostituieren sich für einen Hotdog, aus Hunger. Die Misere ist so groß, dass oft als völlig normal gilt, wenn sich Familienmitglieder feilbieten.«

Nur selten greift die Bundespolizei ein. Jetzt wurde eine Bande aus Nordamerikanern und Brasilianern verhaftet, die gar Amazonas-Sexreisen mit Indiomädchen verkaufte. »Viele Leute haben an solchem Tourismus großes wirtschaftliches Interesse und propagieren Brasilien daher als karnevaleskes Land, wo alles erlaubt ist.«

Neuerdings wird Sextourismus zumindest auf Airport-Plakaten der ­Regierung als Verbrechen gebrandmarkt. »Das finde ich positiv.«

Brasilien reagierte damit auf jahrelange Proteste der Kirche, denen sich selbst die UNO anschloss.

Die ­Bischöfe erreichten sogar einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der sich viele konkrete Vorschläge gegen sexuelle Ausbeutung, gegen Menschenhandel, Zwangsprostitution brasilianischer Frauen und Männer in Mitteleuropa anhören musste. Opfer des Sextourismus sind auch immer mehr Kinder.

Die Anklagen machen stutzig – bekämpft Brasiliens Regierung nicht seit acht Jahren erfolgreich die Misere?

»Das Anti-Hunger-Programm der Regierung hat krasses Elend verringert, doch wegen der hohen Preise reichen die Hilfen nicht. Eine Familie mit mehr als drei Kindern erhält monatlich umgerechnet höchstens 50 Euro, eine mit zwei Kindern nur an die 20 Euro. Davon kann man unmöglich leben.«

Bislang galt Thailand als wichtigste Sextourismus-Destination – Ermittler in den USA sehen ebenso wie im Frauenhandel inzwischen Brasilien an erster Stelle.

Giovenale: »Wir sind in einer komplizierten Situation, die uns ängstigt. Als Kirche leisten wir Präventionsarbeit, vermitteln christliche Werte – haben aber nicht die Macht, diese Probleme allein zu lösen – der Staat muss aktiv gegen das Verbrechen vorgehen, was aber nicht geschieht.«

Im Delta des Rio Amazonas liegen unzählige Inseln, die sich gut als Verstecke eignen, doch es gibt nicht einmal eine Wasserschutzpolizei.

»Das ist hier wie Niemandsland – der Staat ist nicht präsent, auch illegale Waffenhändler und die Drogenmafia haben freie Hand«, analysiert Giovenales Amazonas-Amtsbruder, Bischof José Luiz Azcona, der sich wegen seiner Anzeigen gegen sexuelle Ausbeutung ebenfalls viele Feinde machte, Morddrohungen erhält. Auch Giovenale hat die polizeiliche Bewachung nach einiger Zeit stoppen lassen.

»Für mich war das ein Unding. Die Polizei beschützt den Bischof – doch die Gläubigen bleiben schutzlos – so geht das nicht!«

Monique Laroche, kirchliche Expertin für Sextourismus, leitet Ausstiegsprojekte für Prostituierte. »Manche absolvieren einen berufsbildenden Kurs, finden hinterher aber keine Arbeit – und da sie von irgendetwas leben müssen, kehren sie in die Prostitution und zu den Drogen zurück.«

Sie ärgert, dass sexueller Missbrauch verharmlost werde. »Selbst im Fernsehen wird es so dargestellt, als sei Prostitution ein lukrativer Beruf der Zukunft, mit Glamour und Kick. Gerade wenig gebildete Mädchen der Unterschicht denken dann, wenn Prostitution also weder negativ noch problematisch ist, gehe ich eben auf den Strich.«

Doch dann, so analysiert Monique Laroche, sitzen sie regelrecht in der Falle, werden von einer Zuhältermafia beherrscht. »Prostitution zerstört die geistige und körperliche Gesundheit – wir sehen viel Grauenhaftes, Deprimierendes auf diesem Menschenmarkt.«

Klaus Hart

Die Menschen erwarten, dass die Kirche für sie da ist

1. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Demokratietest für die Gläubigen – eine Staatskirche auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

 

In Norwegen hat bis dato die lutherische Kirche den Status einer Staatskirche. Doch das soll sich mit der bevorstehenden Kirchenwahl ändern.
 

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Rund 80 Prozent der Einwohner Norwegens sind Mitglieder der evangelisch-lutherischen Volkskirche »Den norske kyrkja«. Am 12. September haben sie die Wahl. Sie dürfen nicht nur ihre Vertreter für die Kommunal- und Regionalparlamente, sondern auch für die Kirchgemeinde- und Bistumsräte wählen. Die kirchlichen Wahllokale befinden sich häufig Tür an Tür mit den staatlichen. Dies geschieht auf Anweisung des Staates, denn die Kirche ist de facto noch immer eine Staatskirche.

Der Staat finanziert die Gehälter der Pfarrer und der anderen Angestellten der elf Bistümer. Die Kosten der lokalen kirchlichen Arbeit tragen fast ganz die Kommunen. Der Staat ­ernennt im Gegenzug aber auch die Bischöfe und mischt sich durchaus in theologische Fragen ein.
Deshalb ist diese Kirchenwahl so wichtig, auch wenn es bereits die zweite innerhalb von zwei Jahren ist: Sie ist nämlich ein Demokratietest für die Kirche.

Die Kirche soll das Wählen lernen, deshalb wurde 2009 gemeinsam mit den Parlamentswahlen gewählt und dann gründlich evaluiert: Während 1997 nur drei Prozent und 2005 etwas mehr als vier Prozent der Kirchenmitglieder zur Wahl gingen, waren es 2009 immerhin schon 13 Prozent.

Doch es gab Schwachstellen: Weil etwa die Kandidatenlisten für die Wahlen zu den Bistumsräten und ­damit auch zum »Kyrkjemø« genannten Kirchenparlament alphabetisch sortiert waren, war es für Herrn und Frau Andersen wesentlich einfacher gewählt zu werden als für Frau Øygard oder Aartun, da viele einfach nichts an den Stimmzetteln veränderten und somit die ersten Kandidaten der Liste wählten. Æ, Ø, und AA beziehungsweise Å sind nun einmal die letzten Buchstaben des norwegischen Alphabetes.

Doch grundsätzlich haben sich alle Parteien darauf verständigt, dass die Kirche eine Glaubensgemeinschaft und kein staatliches Religionswesen sein soll. Besteht die Kirche den Demokratietest, darf sie sich in Zukunft stärker selbst verwalten, ihre Bischöfe selbst wählen und der evangelisch-­lutherische Glaube wird nicht mehr Staatsreligion sein.

17 Prozent Wahlbeteiligung sind zwar keine explizite Bedingung des Staates, werden aber von der Kirche angestrebt. Dazu werden Anzeigen geschaltet und es wird fleißig plakatiert.

Norwegen kennt keine Kirchensteuer. Die Volkskirche wird durch den Staatshaushalt und die kommunalen Haushalte finanziert. Alle anderen Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften erhalten sowohl auf staatlicher als auch auf kommunaler Ebene einen Zuschuss, der dem entspricht, was die Volkskirche pro Mitglied vom Staat ­erhält. Niemand verlässt die Kirche also aus finanziellen Gründen und die absolute Mitgliederzahl geht auch nur leicht zurück.

Die prozentuale Mitgliederzahl nimmt allerdings kontinuierlich ab, denn die Volkskirche ist vor allem eine norwegische Kirche. Man muss getauft sein und entweder norwegischer Staatsbürger oder in Norwegen wohnhaft sein, um Mitglied sein zu können.

Ist man nicht in der Kirche in Norwegen getauft, muss man aktiv eintreten. Den vielen Einwanderern ist dies nicht bekannt. Deshalb gelten zum Beispiel die meisten deutschen Einwanderer laut Statistik als konfes­sionslos, auch wenn sie evangelisch oder katholisch sind.

Das Wappen der Norwegischen Kirche.

Das Wappen der Norwegischen Kirche.

Doch auch, wenn jemand darum weiß, kann noch einiges schiefgehen: Als ich nach Norwegen zog, trat ich als Student ordnungsgemäß in die Kirche ein, auch wenn es einige Zeit dauerte bis man das entsprechende Formular gefunden hatte. Ich erhielt eine Eintrittsbestätigung und konnte später in der norwegischen Kirche zum Pfarrer ordiniert werden.

Als ich dann als Gemeindepfarrer nach zwei Jahren im Amt bei meiner ersten Kirchenwahl das Mitgliedsregister überprüfte, musste ich feststellen, dass ich dort nicht als Mitglied geführt wurde. Erst nach einem Anruf war ich dann endlich Mitglied der Kirche, für die ich ­arbeite.

Eine Weltanschauung zu haben ist nach norwegischer Sicht ein Grundbedürfnis des Menschen und wichtig für eine funktionierende Gesellschaft.

Deshalb betreibt der Staat eine aktiv stützende Religionspolitik. Und die Menschen erwarten, dass die Kirche für sie da ist: zur Taufe, Konfirmation und auf jeden Fall zur Beerdigung.

Doch auch in persönlichen, lokalen und nationalen Krisen ist vielen die Kirche wichtig. Es gibt häufig einen engagierten Gemeindekern. Aber darüber hinaus ist es oft schwierig, die Menschen zu mobilisieren.

Ob dies bei der ­anstehenden Wahl gelingt? Doch: Wie hoch ist eigentlich die Wahlbeteiligung bei Gemeindekirchenratswahlen in den deutschen Landeskirchen, die doch schon bald 100 Jahre vom Staat unabhängig sind?

Michael Hoffmann

Der Autor stammt aus Sachsen und ist ­Gemeindepfarrer in den norwegischen Gemeinden Haram und Fjø.

Ein Fest der Seele und des Kommerzes

28. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Die traditionelle Wallfahrt von Warschau nach Tschenstochau fand in diesem Sommer zum 300. Mal statt. Doch Pilger ziehen das ganze Jahr über zur Schwarzen Madonna – ein Boom, der auch wirtschaftliche Bedeutung hat.	(Foto: Jens Mattern)

Die traditionelle Wallfahrt von Warschau nach Tschenstochau fand in diesem Sommer zum 300. Mal statt. Doch Pilger ziehen das ganze Jahr über zur Schwarzen Madonna – ein Boom, der auch wirtschaftliche Bedeutung hat. (Foto: Jens Mattern)


Polen: Im August und September ziehen die Hauptscharen der Pilger zur »Schwarzen Madonna« nach Tschenstochau.


Im katholischen Polen hat Pilgern eine lange Tradition. Im Mittelpunkt steht dabei das Nationalheiligtum auf dem Klarenberg.

Gitarren spielen auf, Marienlieder erklingen und die Glocken der Kirchen auf der »Krakauer Vorstadtstraße« läuten. Aus Megaphonen tönen Anweisungen, nach denen sich die Menschen mit den ­Hals­tüchern, Rucksäcken und unterschiedlichstem Wanderschuhwerk zu einer Gruppe formieren. Dann rückt ein Pilgerzug mit rund 200 Menschen los. Insgesamt sind 2000 auf dem Platz vor der St.-Anna-Kirche in der Warschauer Altstadt versammelt.

Anfang August begann in Warschau wieder der große Aufbruch zur Schwarzen Madonna, dem berühmten Abbild der Gottesmutter im Wallfahrtsort im schlesischen Częstochowa/Tschenstochau. »300 Jahre mit Maria auf der Pilgerschaft des Glaubens«, heißt der Leitspruch der diesjährigen Pilgerfahrt, die nunmehr zum 300. Mal stattfindet.

Im Jahre 1711 liefen Pauliner-Mönche von Warschau erstmals als Geste des Dankes die Strecke bis zum Kloster Jasna Góra (Heller Berg oder auch Klarenberg). Eine jahrelange Typhus-Epidemie in der Königsstadt war damals endlich vorbei: Die Schwarze Madonna hatte ihre Fürbitten erhört.

Rund 85000 liefen dieses Jahr Strecken von bis zu über 600 Kilometern, um an Mariä Himmelfahrt (15. August) den Hellen Berg zu erreichen. Doch in Tschenstochau ist eigentlich immer Pilgerzeit.

Während in Polen das Vertrauen in die Kirche rapide abnimmt, erfreut sich das Wallfahren einer immer größeren Beliebtheit. Es sind jedoch vornehmlich nicht die Armen, die sprichwörtlichen »Mühseligen und Beladenen«, die sich über den sommerlichen Asphalt quälen.

Das Pilgern zu Fuß ist eine Angelegenheit der gebildeten Schicht, deren Vertreter in der Welt der Banken aber auch in den beiden konservativen Parteien das Sagen haben.

Mittelschicht-Wallfahrt, gesponsert von Toyota

Dass nun Tausende von zahlungskräftigen Pilgern die Landstraßen bevölkern, macht sie auch als Konsumenten interessant. Dies beginnt schon bei der Landbevölkerung, die traditionell kostenlos Tische mit Essen an den Straßenrand stellte. Doch das ist vorbei.

Heutzutage wird von den mit Mobiltelefon und Navigationsgeräten ausgerüsteten Wallfahrern Geld verlangt. Aber auch die kirchlichen Ausrichter gehen mit der Zeit: Die größte Pilgerorganisation, die »Warschauer Oberbischöfliche Akademische Pilgerfahrt«, hatte jüngst Toyota als Sponsor gewonnen: »Ihre Fahrzeuge bringen das Gepäck an die Schlafstellen, auf ihren Karosserien haben sie Slogans, die die Pilger begrüßen, erklärt Priester Piotr Jawoski.

»Emotionalisierte Kundenbindung« würde man das in der Fachsprache der Werbung nennen. Davon träumt auch die Stadt Tschenstochau. Die Pilgerströme, die, durch 70 Gemeindepolizisten gebändigt und von mehreren Krankenwagen betreut, die maroden Straßen verstopfen, würden nicht genug Geld für die Stadt abwerfen.

So klagt der Stadtrat, dem ein Bürgermeister der Linkspartei SLD vorsteht. Trotz Protests der konservativen Parteien will die Stadt nun eine Kopfsteuer von umgerechnet 50 Cent auf die Pilger erheben und dabei auch – wie gewagt! – die Bischöfe abkassieren.

Bislang galt, dass das Geld der ­Pilger vornehmlich dem Klerus zukommt: 800 Übernachtungsplätze offeriert das Paulinerkloster, von den 4500 weiteren Betten in der Stadt ­gehören über die Hälfte dem Klerus. Auch befindet sich das Kloster in harter Konkurrenz zu den vielen Buden mit Devotionalien, die teils in China hergestellte Artikel vertreiben.

Die Pauliner selbst betreiben die Geschäftskette »Clarmontana«, welche die kleinen Familienbetriebe angeblich gern verbieten würden.

Pilgern – ein wachsender »Wirtschaftszweig«

Pilgern ist in Polen durchaus ein ­eigener »Wirtschaftszweig«. Neben Tschenstochau werden gern weitere Ziele im In- und Ausland anvisiert: Etwa sieben Millionen, rund 15 Prozent der Bevölkerung, reisen jährlich zu heiligen Stätten.

Und trotz Wirtschaftskrise verzeichnen Pilgerreisebüros jüngst einen Anstieg von 30 Prozent beim »Religionstourismus«.

Doch das Zentrum der polnischen Katholiken bleibt der Helle Berg, der auch jenseits des Augusts Konjunktur hat. Dann reisen die Pilgerscharen nach Berufsgruppen geordnet zur Fürbitte an.

Anfang September bitten die Landwirte um den Segen der ­Gottesmutter, danach sind die Zöllner und Finanzbeamten dran. Im Mai ­baten bereits die Bankkaufleute um eine günstige Konjunktur. Seit der Wirtschaftskrise, so bemerkte das Fachblatt »puls biznesu«, hat speziell diese Pilgergruppe sehr stark zugenommen.

Jens Mattern

Auf einmal ist alles anders

19. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Argentinien: Seit Wochen leidet der Süden Argentiniens unter dem Ascheregen des Vulkans Puyehue.

Was wie Wintersportidylle aussieht, ist die von Vulkanasche überdeckte Landschaft in der Region San Martin de Los Andes. (Foto: GAW)

Was wie Wintersportidylle aussieht, ist die von Vulkanasche überdeckte Landschaft in der Region San Martin de Los Andes. (Foto: GAW)


Der Ausbruch eines isländischen Vulkans und seine ­Folgen für den Flugverkehr beschäftigte im vergangenen Jahr ganz Europa. In Südamerika spielt sich, kaum ­beachtet, Ähnliches ab.

Seit 1997 arbeitet Rainer Kalmbach im Süden Argentiniens als Pfarrer der Evangelischen Kirche am La Plata. Seine Diasporagemeinde reicht vom Rio Negro bis hinunter nach Feuerland und umfasst praktisch ganz Patagonien. Das Gebiet der Gemeinde ist größer als Mitteleuropa. Reiner Kalmbach: »Das bedeutet, dass ich ständig unterwegs bin – jeden Monat ungefähr 6000 Kilometer mit dem Auto.«

Der Hauptsitz der Gemeinde befindet sich in Allen, im Tal des Rio Negro, einem der größten Obstanbaugebiete der Welt. Ein weiteres Zentrum der Gemeinde ist San Martin de Los Andes.

Die 25000-Einwohner-Stadt liegt 540 Kilometer südöstlich von Allen in einem beliebten argentinischen Wintersportgebiet. Die Mitglieder der kleinen Missionsgemeinde in San Martin de los Andes treffen sich in Privaträumen, träumen aber von einem eigenen Gemeinderaum – als Treffpunkt und als sichtbares Zeichen des Gemeinde-Seins.

Vor Kurzem konnte die Gemeinde ein günstiges Grundstück kaufen, hat selbst gespart und auch das Gustav-Adolf-Werk (GAW) in Deutschland um Unterstützung gebeten.

Eigentlich sollte in diesen Tagen mit dem Bau des Gemeinderaumes begonnen werden. Doch auf einmal ist alles anders.

San Martin de Los Andes und die gesamte Region liegen seit Wochen unter einer etwa einen halben Meter dicken Ascheschicht begraben.

Seit Anfang Juni spuckt der chilenische Vulkan Puyehue Asche. Die Erde kommt nach dem schweren Beben in Chile im Februar 2010 nicht zur Ruhe. Von der mächtigen Aschewolke des Puyehue ist vor allem Argentinien betroffen, doch auch in Südafrika und Australien führte sie schon zu Ausfällen im Luftverkehr.

In San Martin de Los Andes und der gesamten betroffenen Region sind bereits mehr als eine Million Schafe verendet, weil das Gras mit Asche zugedeckt und das Wasser vergiftet ist.

Die Region lebt vom Tourismus, eigentlich sollte jetzt die Skisaison beginnen. Doch statt von Schnee ist alles mit Asche bedeckt. Feiner Aschenebel trübt die Luft und behindert die Sicht.

Reiner Kalmbach, der trotz der Asche regelmäßig in San Martin de Los Andes ist: »Die Situation ist schlimm. Die Vulkanologen prognostizieren, dass der Puyehue vor Ende August/Anfang September nicht zur Ruhe kommen wird.

5000 Arbeitsplätze sind allein in San Martin de Los Andes schon jetzt verloren gegangen.« So musste beispielsweise auch eine Familie, die zur Gemeinde gehört und von der Vermietung ihrer fünf Ferienbungalows lebt, ihren Betrieb schließen.

Die evangelische Gemeinde in San Martin de Los Andes hat indes einer Genossenschaft von Kleinbauern 5000 Euro gespendet für den Kauf dringend benötigter Futtermittel.

5000 Euro, das ist ungefähr die Hälfte des Geldes, das die Gemeinde für den Bau ihres Gemeinderaumes angespart hatte und dessen Grundsteinlegung wegen des Ascheregens nunmehr verschoben ist.

Wann der Bau beginnen kann ist ungewiss.

Irgendwann hört der Ascheregen auf, wird aufgeräumt und dann soll die Gemeinde ihren ­Gemeinderaum bauen können – um sich zu treffen, um auf Gottes Wort zu hören und um trotz des eigenen Mangels solidarisch zu sein mit anderen.

Enno Haaks

Enno Haaks ist Generalsekretär des in Leipzig ansässigen Gustav-Adolf-Werks (GAW). Als Diasporawerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland unterstützt es evangelische Minderheiten in 35 Ländern.

Die andere Seite Chinas

13. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Übung macht den Meister: Gemeinsam mit freiwilligen Helfern aus Deutschland lernen Kinder im Süden Chinas die Grundregeln der Hygiene. Zahnbürsten und -creme sowie Seife und Handtücher werden in China selbst gesammelt. (Foto: baumhaus-projekt.de)

Übung macht den Meister: Gemeinsam mit freiwilligen Helfern aus Deutschland lernen Kinder im Süden Chinas die Grundregeln der Hygiene. Zahnbürsten und -creme sowie Seife und Handtücher werden in China selbst gesammelt. (Foto: baumhaus-projekt.de)


Deutsche Freiwillige versuchen im Reich der Mitte, Nothilfe im eigenen Land zu organisieren.


Chinas Wirtschaftswachstum ist verblüffend. Doch die Entwicklung verläuft asynchron: Neben florierenden Großstädten und Regionen mit stetig steigendem ­Lebensstandard gibt es ­Gebiete mit bitterer Armut.

Neben den pulsierenden Großstädten wie Peking oder Schanghai hat China auch eine andere Seite zu bieten: Die kargen Ebenen der sibirischen Steppe, die Unendlichkeit der Wüste Gobi und die tropische Schönheit der Flusstäler Yunnans. Yunnan ist eine der ärmsten Provinzen Chinas. Sie liegt ganz im Süden, angrenzend an Vietnam, Laos und Myanmar. Den meisten Europäern ist die Region aufgrund des Teeanbaus bekannt. In China selbst jedoch ist Yunnan ein Symbol für kulturelle Vielfalt, aber auch für bittere Armut.

Die meisten Menschen außerhalb der Großstädte leben traditionell wie ihre Urahnen. In den Bergen spricht kaum jemand Hochchinesisch und fließendes Wasser gibt es aus Bächen ein paar Hundert Meter weiter unten; zu erreichen nur über schmale Pfade an den Berghängen entlang. Das Bergwasser wirkt sauber und klar, ist aber häufig durch Fäkalien oder Abfälle verseucht. Besonders die Kinder leiden darunter: Viele von ihnen haben krätzeähnlichen Ausschlag.

Ein weiterer Grund für schlechte Hygiene ist die fehlende Bildung. Kinder der armen Bevölkerungsschicht bekommen, wenn überhaupt, nur eine grundlegende Schulbildung. Ihre Familien können das Schulgeld für eine weiterführende Schule nicht aufbringen und brauchen zudem die ­Kinder als Hilfe bei der Feldarbeit.

Auf den Straßen der Kleinstädte ­Yunnans sieht man viele Kinder im Grundschulalter, die zur Unterstützung der Familie Müll sammeln.

In der Region Nujiang, der auto­nomen Region der Lisu-Minderheit, wurden daher einige Projekte ins ­Leben gerufen, um die Lage der ­Menschen, vor allem jedoch der Kinder zu verbessern: Because They Are Children (»Weil sie Kinder sind«) ist ein von deutschen Freiwilligen initiiertes Patenschaftsprogramm der Peter Jochimsen Stiftung. Dabei werden sowohl chinesische als auch ausländische Paten für Kinder aus armen Verhältnissen gesucht.

Es geht in erster Linie um den Kontakt zwischen Pate und Kind. E-Mail beziehungsweise Briefkontakt ist erwünscht und wird von den Freiwilligen vor Ort angeregt und unterstützt. Sie besuchen auch in regelmäßigen Abständen alle Patenkinder. Dabei wird überprüft, was diese wirklich benötigen. So ist es den Paten möglich, zweckgebundene Spenden für die jeweiligen Bedürfnisse der Kinder zu geben, ihm etwa auch den Besuch weiterführender Schulen zu ermöglichen.


Hilfe durch Zahnbürsten und gebrauchte Kleidung


Weil in der kurzen Grundschulzeit nur das Allernötigste vermittelt wird, kommen Themen wie etwa Erziehung zur Hygiene nicht vor. Ein anderes Projekt der Freiwilligen aus ganz Deutschland hat sich deshalb des ­Hygienenotstandes angenommen.

In Zusammenarbeit mit dem wohlhabenderen Teil der einheimischen ­Bevölkerung sowie kleinstädtischen Supermärkten und Hotels werden Zahnbürsten, Zahnpasta, Seife und Handtücher gesammelt. Diese Artikel werden dann in den Grundschulen der Bergregion verteilt. Und natürlich wird dabei erklärt, wie wichtig es ist, sich die Hände zu waschen und die Zähne zu putzen.

Da praktisches Beispiel die beste Form der Vermittlung ist, üben die deutschen Freiwilligen gemeinsam mit den einheimischen Kindern den richtigen Gebrauch von Zahnbürste und Zahncreme. Unterstützend werden Plakate mit Bildern und Erläuterungen in den Schulen ausgehängt.

Ein weiteres Projekt nimmt sich des Kleidermangels der armen Bevölkerung an. Auch wenn das Klima in den Tälern Yunnans tropisch ist – die Winter in den Höhenlagen der Bergbewohner sind streng. Die Schüler in den Bergschulen, aber auch in den ­Internaten der Städte haben in der ­Regel nur eine dünne Decke zum Schlafen, eine Hose, ein Hemd und ein rotes Halstuch. Deswegen haben die Freiwilligen in Yunnan gemeinsam mit Freiwilligen in der Großstadt Tsingtau an der Ostküste Chinas ein Kleiderprojekt ins Leben gerufen.

Auf öffentlichen Plätzen der wohlhabenden Hafenstadt, die zu den wirtschaftlichen Wachstumsregionen gehört, werden Kleidersammlungen ­durch­geführt. Die gesammelten Kleidungsstücke werden gewaschen und dann in den Schulen der abgelegenen Dörfer verteilt. Ein Gemeinschaftsprojekt von Chinesen und Deutschen, das schon deutlich zu einer Verbesserung der Situation beigetragen hat.

Mechthild Sasse

Mechthild Sasse stammt aus Leipzig und war nach dem Abitur ein Jahr lang im ­Rahmen des »weltwärts«-Programms der Bundesregierung in China.

Katastrophe des Wegschauens

5. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Für Cornelia Füllkrug-­Weitzel, die Leiterin der evangelischen Hilfswerke »Brot für die Welt« und ­Diakonie Katastrophenhilfe, ist im Blick auf Ostafrika schnelles Handeln nötig. ­Elvira Treffinger sprach mit ihr.


Cornelia Füllkrug-Weitzel (Foto: Brot für die Welt)

Cornelia Füllkrug-Weitzel (Foto: Brot für die Welt)

Frau Füllkrug-Weitzel, aus Ostafrika kommen schreckliche Bilder von abgemagerten Menschen. Zwölf Millionen Männer, Frauen und Kinder sind von Hunger bedroht. Bahnt sich dort eine riesige Katastrophe mit vielen Toten an?
Füllkrug-Weitzel: Anbahnen scheint mir das falsche Wort. Die Katastrophe hat längst begonnen, Menschen und Herden sterben schon in der Region, die die größte Dürre seit 60 Jahren verzeichnet. Eine Dürre, die zum Beispiel in Somalia und im Sudan Menschen trifft, die durch Jahrzehnte gewaltsamer Konflikte, Zerstörung und Flucht ohnehin extrem arm, geschwächt und wenig widerstandsfähig sind.

In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts bewegten dramatische Hungersnöte am Horn von Afrika die Welt. Hat man daraus nichts gelernt?
Füllkrug-Weitzel: Leider muss man sagen: Es ist zu wenig geschehen! Die Gewaltkonflikte am Horn von Afrika haben nicht nur keine Gelegenheit gelassen, in Entwicklung – das heißt in Bildung, die Stärkung der Menschenrechte, die soziale Infrastruktur und in Einkommensmöglichkeiten – zu investieren. Sie haben im Gegenteil die Voraussetzungen dafür noch weiter ruiniert.

Schon länger wären entschiedene Anstrengungen zur Anpassung an die Erderwärmung notwendig gewesen. Denn dass die Region im Zuge des Klimawandels zunehmend mehr unter Dürren, unmäßigen und ­un­regelmäßigen Regenfällen leiden würde, war abzusehen. Jetzt muss zugleich mit der Nothilfe auch an langfristigen, nachhaltigen Lösungen gearbeitet werden.

In Kenia leben bereits mehrere Hunderttausend Somalier im größten Flüchtlingslager der Welt. Wie können die Menschen in den Dürregebieten gerettet werden?
Füllkrug-Weitzel: Tatsächlich ist jetzt kurzfristig in sehr großem Stil internationale Hilfe bei der Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln notwendig. Die ausländischen Summen, die bisher in die Unterstützung der Menschen in der Region geflossen sind, sind lächerlich. Die größte Katastrophe ist das Vergessen und Wegschauen. Jetzt ist es an der Zeit, das zu ändern! Wir brauchen Spenden und Zusagen der Regierungen des Westens, die Mittel für die UN-Hilfswerke aufzustocken.

Die Krieg führenden Parteien in Süd- und Zentral-Somalia, wo die Dürre besonders dramatisch in den fruchtbarsten Gebieten des Landes wütet, müssen dazu gebracht werden, freien Zugang für humanitäre Helfer zu garantieren und deren Neutralität zu akzeptieren. Wir und unsere Partner werden weiterhin nicht bereit sein, unsere Hilfe politisch instrumentalisieren zu lassen. Alle Menschen, die hungern in der Region – egal welcher religiösen, ethnischen oder politischen Zugehörigkeit – brauchen Hilfe!

Spendenkonten

Diakonie Mitteldeutschland, Konto 800 8000 bei der Evangelischen Kreditgenossenschaft, BLZ 52060410, Kennwort: Ostafrika

Diakonie Sachsen, Konto 100100100 bei der LKG Sachsen – Bank für Kirche und Diakonie, BLZ 35060190, Kennwort: Ostafrika

Wie viel Bio ist im Biosprit?

29. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Energiepolitik: Ein Blick ins Ethanol-Herstellerland Brasilien zeigt die Folgen des Hungers nach Kraftstoff.

Rauchpilze über dem Rio Sao Francisco: Auf brasilianischen Zuckerrohrplantagen werden vor der Ernte die Seitenblätter abgefackelt. Aus dem  Zuckerrohr wird vor allem Bioethanol hergestellt. (Foto: Klaus Hart)

Rauchpilze über dem Rio Sao Francisco: Auf brasilianischen Zuckerrohrplantagen werden vor der Ernte die Seitenblätter abgefackelt. Aus dem Zuckerrohr wird vor allem Bioethanol hergestellt. (Foto: Klaus Hart)

Eine Mehrheit der Deutschen lehnt den sogenannten Biosprit E10 nach wie vor ab – zumeist aus Sorge um ihr Auto. Doch es gibt weit ­gewichtigere Argumente ­gegen den neuen Kraftstoff.

Wer derzeit Urlaub in Brasilien macht, wo aus Zuckerrohr die E10-Beimischung Ethanol erzeugt wird, sieht Flächenbrände bis zum Horizont – ob um die Megacity Sao Paulo oder im nordöstlichen Küsten-Teilstaat Alagoas. Über vier Meter hohe Flammenwände fressen sich dort auf breiter Front an die Straße heran, Asphalt wird zu Matsch und dichte, ätzende Rauchwolken verdunkeln die Sonne.

José Teixeira Rodrigues muss höllisch aufpassen. Fährt der Franziskaner zum Kloster Penedo zurück und gerät in das Flammenmeer, den giftigen Qualm, wäre das sein Ende. Wie das Schicksal ungezählter Tiere, die links und rechts der Fahrbahn lebendig verbrennen.

Monokultur, Agrargifte und weitere Regenwaldabholzung

»Wie zur Kolonialzeit werden kurz vor der Zuckerrohrernte die Seitenblätter abgefackelt – ein Verbrechen auch gegen den Klimaschutz«, empört sich Pater Rodrigues. Sogar im Kloster direkt am Rio Sao Francisco hat er den Brandgeruch in der Nase – denn gleich zwei Zucker- und Ethanolfabriken stehen jetzt nahe der uralten Bischofsstadt Penedo.

»Auch wegen der Brände ist die Lage hier trist – die Zuckerbarone beherrschen die ganze Region politisch und machen mit der Umwelt, was sie wollen. Obwohl wir von der Kirche viel Aufklärungsarbeit leisten, fehlt es den Menschen an Umweltbewusstsein. Denn dieser Teilstaat hat die höchste Rate an Analphabetismus und Arbeitslosigkeit.«

Früher gab es am Rio Sao Francisco dichte Uferwälder mit bis zu 60 Meter hohen Bäumen, unglaublich viele exotische Vögel und Säugetiere, Fische und Langusten im Überfluss. Doch dann wurde zugunsten des ­Zuckerrohranbaus massiv abgeholzt, immer mehr Agrargift in den Rio Sao Francisco gespült.

Um Penedo verschwanden 30 Fischarten komplett, die Fänge gehen um 90 Prozent zurück.

Roberto Malvezzi, landesweit bekanntester Umweltexperte der Kirche, nennt Zuckerrohr daher eine umweltschädliche Monokultur: »Ethanol aus Zuckerrohr ist kein sauberer Kraftstoff. Immer wieder brechen Plantagenarbeiter an Überanstrengung tot zusammen. Um die Anbauflächen zu erweitern, wird abgeholzt, vertreibt das exportorientierte Agrobusiness Indiostämme und Kleinbauern sogar durch Terror und Mord. Hinter moderner Fassade verstecken Großfirmen nur zu oft Sklavenarbeit.«

Plantagenbrände geraten zunehmend außer Kontrolle

Mehrere Tausend Kilometer weiter südlich, im Teilstaat Sao Paulo, machen die Plantagenbrände derzeit laut Mario Mantovani, Präsident der Umweltstiftung »SOS Mata Atlantica«, die Naturschutzgebiete kaputt. Denn das Feuer gerät außer Kontrolle, frisst sich in Schutzzonen und Wälder.

»Alle denkbaren Vorteile von Ethanol werden allein durch das Abfackeln aufgehoben. Der Ausstoß an Dioxin und ­klimaschädlichen Gasen ist immens. Die Gesundheitsposten bei Sao Paulo sind voll von Leuten, die schwere Atemprobleme haben, Sauerstoffbehandlungen brauchen.«

2007 löste der Dominikaner Frei Betto mit seiner provozierenden Formel »Biosprit ist Todessprit« in Europa sogar Parlamentsdebatten aus. Der viel gerühmte Öko-Treibstoff soll Armen und Hungernden rund um den Erdball den Tod bringen?

Viele hielten Frei Bettos These für überdreht, realitätsfremd. Dass viele Lebensmittel in Brasilien teurer als in Deutschland sind, unerschwinglich für Arme, wird verdrängt.

Derzeit gibt es erneut ­brutale Preissprünge – und spürbare Klimaveränderungen wegen massiver Abholzung im Amazonasgebiet.

Erneutes Nachfragen deshalb im Dominikanerkloster Sao Paulo bei Frei Betto, der zu Brasiliens führenden Intellektuellen gehört und zahlreiche in- und ausländische Menschenrechts- und Literaturpreise erhielt.

»Ja – die Landnutzung für Zuckerrohr bewirkt den Tod vieler Menschen! Wenn man die Ackerfläche für Nahrungsmittel verkleinert, steigen deren Preise, sterben viele Menschen, die sich keine guten Grundnahrungsmittel leisten können.«

Frei Betto zitiert UNO-Daten, wonach die Zahl der chronisch Hungernden in der ganzen Welt auf über eine Milliarde anwuchs. Aber sicherlich ist doch Brasilien, immerhin achtgrößte Wirtschaftsnation der Welt, davon ausgenommen?

Frei Betto bleib dabei: »Biosprit ist Todessprit«

Frei Betto verneint: »Unsere Regierung räumt offiziell ein, dass es noch 16,2 Millionen Hungernde in absolutem Elend gibt – doch aus meiner Sicht sind es doppelt so viele!« Zwei Jahre hatte er im Präsidentenpalast von Brasilia sein Büro nur einige Türen vom damaligen Staatschef Lula da Silva entfernt, arbeitete für das Anti-Hunger-Programm. Als es zum Stimmenkaufprogramm deformiert wird, Bedürftige von Regierungsalmosen abhängig macht, legt Frei Betto den Posten nieder.

Brasilien ist weit weg, muss uns in Deutschland das wirklich interessieren? »Bei Euch redet alles von Klimaänderung, Treibhaus-Effekt. Ethanol aus Zuckerrohr wie im E10 treibt ihn voran«, kontert der Dominikaner und hat wissenschaftliche Studien parat: Wegen der Zuckerrohrplantagen wurden riesige Urwaldgebiete Amazoniens abgeholzt, was das ökologische Gleichgewicht in Nord- und Südamerika schädigt, sich auf die ganze Welt negativ auswirkt. Denn Amazoniens Regenwald ist der größte des Planeten. Und die Regenfälle, ob im Süden Floridas oder Argentiniens, hängen von der Verdunstung in Amazonien ab.

Die Megacity Sao Paulo zählt über 2000 rasch wachsende Slums. Auch das hat für Frei Betto mit Ethanol, mit E10 zu tun – denn mehr Zuckerrohranbau bewirkte Vertreibung von Kleinbauern, Landarbeitern: »Ein Heer von Arbeitslosen zieht im Lande umher und verdingt sich bei der Zuckerrohrernte, haust den Rest der Zeit aber in Slums mit Drogen, Gewalt, Prostitution.«

Klaus Hart

Lateinische Gebete und bayerische Blasmusik

27. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Spontaner Papst: Trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen am Pfingstfest bricht Papst Benedikt XVI. immer wieder aus dem Ring seiner Personenschützer aus, um während seines Ein- und Auszuges im Peterdom unter dem Beifall der ­Gottesdienstbesucher Kinder zu segnen.  Fotos: Harald Krille

Spontaner Papst: Trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen am Pfingstfest bricht Papst Benedikt XVI. immer wieder aus dem Ring seiner Personenschützer aus, um während seines Ein- und Auszuges im Peterdom unter dem Beifall der ­Gottesdienstbesucher Kinder zu segnen. Fotos: Harald Krille


Reportage: Rom – die »Ewige Stadt« ist Zentrum der katholischen Weltkirche und täglich Ziel tausender Pilger.

Im September besucht das Oberhaupt der katholischen Kirche und zugleich Staatsoberhaupt des Vatikanstaates Deutschland. Im Vorfeld sammelten zwei Journalisten in ökumenischer Eintracht Eindrücke vom Leben im Zentrum der Weltkirche.

Auf der Via della Conciliazione geht am späten Nachmittag des Pfingstsonnabends gar nichts mehr. Trotz mehrerer Fahrspuren steht der Verkehr, unser Taxi mittendrin. Die prachtvolle »Straße der Versöhnung« führt direkt von Engelsburg und Tiberbrücke zum Petersplatz und Petersdom, dessen Kuppel sich am Ende der Blickachse majestätisch erhebt. 1937 ließ der faschistische Diktator Benito Mussolini die Schneise durch das dicht bebaute mittelalter­liche Handwerkerquartier, das Borgo, schlagen. Damit erfüllte er einen alten Wunsch der Päpste und bedankte sich zugleich für die 1929 unterzeichneten Lateranverträge. Mit ihnen wurde der Frieden zwischen dem Papst und dem jungen italienischen Nationalstaat besiegelt. Zugleich sind sie die Grundlage der bis heute weltweit anerkannten völkerrechtlichen Unabhängigkeit und Souveränität des Kirchenstaates.

Der Papst in allen Varianten
Links und rechts der Conciliazione reihen sich die Eingänge zu diversen exterritorialen Gebäuden des Vatikans. Das päpstliche Presseamt hat hier seinen Sitz, um die Ecke herum bei der Engelsburg sind die Redaktionsräume von Radio Vatikan. Wappenschilder markieren die Sitze diverser Botschaften, die praktisch alle Länder, auch muslimische, am Heiligen Stuhl unterhalten. Durchmischt wird das ganze von Hotels, Gaststätten und vor allem Souvenirläden. Die Bandbreite des Angebotes reicht von handwerklich und künstlerisch hochwertigen Kreuzen, Monstranzen und Leuchtern bis zur Plastikkrippe mit Maria, Josef und dem Jesuskind in der Schneekugel.

Dazwischen der Papst in allen Varianten: auf Teppichen, als Anstecknadel, als Plastikpuppe. Und weil gerade der Vorgänger von Benedikt XVI., der polnischstämmige ­Johannes Paul II. selig gesprochen wurde, ist auch dieser allgegenwärtig. Selbst beide zusammen sind zu haben – auf einem Frühstückstellerchen. Die Preise, so das Gefühl, steigen mit zunehmender Nähe zum Petersplatz …

Rom-Wallfahrt der Pferdezüchter
Doch uns steht der Sinn nicht nach Shopping, wir wollen zum Vatikan. Also aussteigen und zu Fuß weiter. Wir trauen unseren Ohren nicht: Aus Richtung Petersplatz erklingt gut bayerische Marsch- und Volksmusik. Ungläubiges Staunen: Pferdewagen mit Fässern Münchner Brauereien ­beladen, andere mit den Modellen bayerischer Kirchen, sind für das Verkehrschaos verantwortlich. Dazwischen Blaskapellen, Reiterformationen und Trachtengruppen. Schrill kreischt eine Schar asiatischer Touristinnen auf, als einer der Kutscher über ihren Köpfen wieder und wieder seine Peitsche knallen lässt. Der Zug quält sich rund um den Petersplatz durch die unübersehbare Menge von Schaulustigen. Dicht gefolgt von den dröhnenden Fahrzeugen der Stadtreinigung, die jeden Pferdeapfel sogleich wegkehren. 42 Pferde und sechs ­Gespanne, so erfahren wir später, gehören zur Rom-Wallfahrt des Bayerischen Pferdezuchtverbandes. Begleitet von fünf Musikgruppen aus Deutschland, Österreich und Italien.

Wir müssen zum Bronzetor am rechten Ende der Kolonnaden, dem Haupteingang zum päpstlichen Palast. Dort sind die bestellten Eintrittskarten für die Messe mit dem »Heiligen Vater« am Pfingstsonntag für uns hinterlegt. Zwar ist der Besuch von Gottesdiensten oder der Generalaudienz am Mittwoch auf dem Petersplatz kostenlos. Aber selbst für Sankt Peter, die größte Kirche der Welt, die immerhin bis zu 60000 Gläubigen Platz bietet, gibt die »Präfektur des päpstlichen Hauses« Billetts für die Teilnahme aus. Wie viele Pilger jährlich nach Rom kommen, vermag niemand mit Sicherheit zu sagen. Zudem: Wer ist Pilger und wer »nur« normaler Tourist? Die Stadt Rom zählte im vergangenen Jahr 20 Millionen Übernachtungsgäste – mithin im Durchschnitt rund 55000 pro Tag. Tendenz steigend.

Militärisches Korps des Vatikans
Zwei Schweizer Gardisten in maßgeschneiderter Renaissanceuniform bewachen mit mächtiger Hellebarde das Bronzetor wie auch jeden anderen Eingang in den Vatikan. 110 Mann stark ist das einzige militärische Korps des Vatikans für die unmittelbare Sicherheit des Papstes und seiner Gebäude zuständig. Die Prunkgewänder dienen der Repräsentation – ansonsten tragen sie schlichte blaue Uniformen, sind in Nahkampf und Personenschutz trainiert, tragen Pfefferspray und moderne Schusswaffen bei sich. Sie werden den Papst auch bei seinem Deutschlandbesuch begleiten – dann aber in Zivil.

Daneben gibt es die Vatikanische Gendarmerie, die alle Polizeiaufgaben wahrnimmt. Großen Widerhall fand vor einiger Zeit die Meldung, dass der nur 0,44 Quadratkilometer große Kirchenstaat bezogen auf seine wenigen Hundert Bewohnern die höchste ­Kriminalitätsrate der Welt habe. In die Statistik fallen eben auch alle Taschendiebstähle auf dem täglich von Tausenden besuchten Petersplatz.

Offizielle Amtssprache ist übrigens Latein – doch darin werden nur die ­offiziellen Dokumente abgefasst. Verkehrsprache ist Italienisch. Immerhin aber soll es in einem Gebäude nicht weit von der Peterskirche den wohl weltweit einzigen Bankautomaten mit wahlweise lateinischer Menüführung geben … Und die weltweit meistfrequentierte Apotheke befindet sich hinter den Mauern des Kirchenstaates: Wer ein Rezept für ein in Italien sonst nicht oder nur wesentlich teurer erhältliches Medikament vorweisen kann, bekommt so Einlass in die sonst verschlossene Stadt und die päpstliche Apotheke.

»Sicher ist sicher«, sagen wir uns und frühstücken am Sonntag schon um sieben Uhr. 20 Minuten vor acht Uhr sind wir mit unseren Eintrittskarten auf dem Petersplatz, 9.30 Uhr soll die Messe beginnen. Es erwartet uns eine fünfreihige Warteschlange, die bereits das halbe Rund des wahrlich nicht kleinen Platzes füllt. Der Begriff Weltkirche wird greifbar: Afrikaner, Asiaten, Nord- und Südamerikaner, Ost und Westeuropäer gehören zur Warteschar. Unmittelbar vor und hinter uns sind deutsche Pilger. Die Stimmung ist gelöst – bis sich eine italienische Gruppe von der Seite untermischen will. »Nix da! Hinten, hinten, sonst Patschi, Patschi!«, droht ein frommer Germane lautstark.

Pilgergruppen aus aller Welt
Nach dem Gottesdienst, den Tausen­de per Videoleinwand auf dem Petersplatz verfolgen, ist die römische Luft schon wieder von Peitschenknall und »Dicke-Backen-Musik« erfüllt. Die Pferde-Pilger aus Bayern und ihre begleitenden Blaskapellen nehmen Aufstellung für das mittägliche Angelusgebet des Papstes, dass er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers im obersten Stock des vatikanischen Palastes hält. Nach dem Gebet begrüßt er die größten Pilgergruppen in ihren Landessprachen. Während Brasilianer, Slowaken und US-Amerikaner zur Antwort jubeln und winken, intonieren die deutschen Kapellen das ökumenische »Großer Gott, wir loben dich«. »Danke für die schöne Musik aus meiner Heimat«, antwortet Benedikt, und: »Vergelt’s Gott!«


Von Harald Krille und Matthias Holluba

Harald Krille, Chefredakteur der Gemeinsamen Redaktion der evangelischen Kirchenzeitungen in Mitteldeutschland, und Matthias Holluba, Chefredakteur vom »Tag des Herrn«, der katholischen Bistumszeitung für die Bistümer Erfurt, Magdeburg und Dresden-Meißen, besuchten Pfingsten gemeinsam Rom und den Vatikan.

Buchtipp für weitere Hintergrundinfos zum Vatikan: Erbacher, Jürgen (Hg): Der Vatikan – Das Lexikon, St. Benno-Verlag, 474 S., ISBN 978-3-7462-2752-8, 9,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

USA: Eine Nation im demografischen Wandel

20. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Hoch oben auf einem Kran weht die rot-weiß-blaue Nationalflagge der USA. Aus übergroßen Lautsprechern tönt Patriotismus pur, die Hymne des Country-Sängers Lee Greenwood, »I am proud to be an American« (ich bin stolz, Amerikaner zu sein). Imbissbuden verkaufen Hamburger und Hotdogs. Hunderte Junge, Alte und Kinder sitzen auf ­Decken und Klappstühlen oder einfach im Gras in Erwartung der Hauptattraktion: In der Abenddämmerung explodieren schließlich die Feuerwerke. Es funkelt, knallt und blitzt. Denn es ist der 4. Juli. So oder so ähnlich wird überall in den USA der Geburtstag der Nation gefeiert.

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten von Amerika gegründet. Von weißen, englisch-sprechenden Siedlern aus Europa.

Bei »meiner« Geburtstagsparty in College Park im Bundesstaat Maryland fällt auf: Viele Feiernde sprechen spanisch. Sie stammen aus Mexiko und Mittelamerika. Einwanderer der ersten und zweiten Generation. Die USA befinden sich im demografischen Wandel: Man muss die Bilder in den Köpfen revidieren, dass »der Amerikaner« weiß ist. Dass die USA so etwas sind wie ein britischer oder mittel­europäischer Ableger auf einem anderen Kontinent. Etwa im Jahr 2040, in knapp drei Jahrzehnten, schätzt die Statistikbehörde »Census Bureau«, werden Nicht-Weiße, also Latinos, Afroamerikaner und aus der Dritten Welt stammende Menschen, mehr als die Hälfte der US-Gesamtbevölkerung ausmachen.

Gründe sind Einwanderung und Geburtenraten: Einwanderung aus Lateinamerika, der Karibik, aus Asien und aus Afrika. Die Einwanderer sind im Schnitt deutlich jünger als die ­weißen US-Amerikaner und haben folglich auch mehr Kinder. Nach jüngsten Erhebungen des »Census Bureau« machen »Minderheiten«-­Babys gegenwärtig mehr die Hälfte der Neugeborenen der USA aus. In zehn Bundesstaaten, darunter Kalifornien, Texas, Florida und Maryland stellen die »Minderheiten« zusammen bereits die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen.

Im weißen Amerika wird gerungen, ob man das als Bedrohung sehen will oder als Bereicherung und als Chance, die Nation neu zu erfinden. Es geht nicht nur um gesellschaftliche Vorurteile, sondern letztendlich um die politische Macht. Man sah’s bereits bei den letzten Präsidentschaftswahlen: Barack Obama wäre ohne
die Stimmen der Afroamerikaner und der Latinos (66 Prozent wählten Obama) nicht Präsident geworden. Nur 43 Prozent der Weißen stimmten für Obama. Die sich von den vielen »Ausländern« bedroht Fühlenden fordern drakonische Gesetze gegen »Illegale«, obwohl ohne gültige Papiere Eingewanderte nur einen kleinen Teil des »ausländischen« Zuwachses ausmachen.

Das kann hässlich werden. Im Bundesstaat Alabama beispielsweise wurde es unter Strafe gestellt, einen »Illegalen« im Auto mitzunehmen. Kann heißen: Eine in den USA geborene junge Frau (wg. Geburt ist sie ­automatisch Bürgerin) macht sich strafbar, fährt sie ihre illegal in die USA gekommene Mutter zum Einkaufen. Doch viele weiße US-Amerikaner, vor allem die jungen, sehen die Bevölkerungsdynamik gelassener. Welche Hautfarbe man hat, wo man herkommt, ist den Jungen nicht mehr so wichtig. Immer häufiger sieht man »gemischte« junge Paare. Bei den Erhebungen des »Census Bureau« weigern sich immer mehr Menschen, sich nur einer Rasse zuzuordnen. Und: 54 Prozent der weißen Wähler zwischen 18 und 29 Jahren stimmten für Obama.

Konrad Ege

Griechenlands Gefühlslage: Keine Luft mehr zum Atmen

12. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Giorgio Tzimurtas ­berichtet  für ­unsere ­Zeitung aus ­Griechenland.

Giorgio Tzimurtas ­berichtet für ­unsere ­Zeitung aus ­Griechenland.

Es herrscht die große Depression in Griechenland – wirtschaftlich und psychologisch. Geschäfte gehen Pleite, in der Bevölkerung machen sich Angst und Verzweiflung breit. Die Sparauflagen, die das Land erfüllen muss um Kredite vom Hilfsprogramm der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu erhalten, sind hart. Und sie werden als erbarmungslos empfunden, weil sie Opfer verlangen, ohne eine Zukunftsperspektive zu bieten. Der Konsum wird abgewürgt, für staatliche Investitionen ist kein Raum. Es droht das Kaputtsparen.

Keine Luft zum Atmen – so ist die Gefühlslage unter den Menschen. Viele von Ihnen gehen zur Arbeit, obwohl sie seit Monaten nicht bezahlt werden. Rentner müssen herbe Einschnitte verkraften. »Es trifft die Falschen. Es trifft einseitig die Schwachen«, hört man immer wieder. Und trotz aller Lähmung im Krisenschock – auch Wut kommt auf. Immer mehr Angehörige der Mittelschicht gehen auf die Straße, um zu demonstrieren. Ihr Vorwurf an die sozialistische Regierung unter Giorgos Papandreou: Die einst durch das marode System Privilegierten werden weiter begünstigt, die Redlichen aber geschröpft.

Auch gegen die EU und den IWF richtet sich ein ausgeprägter Groll. Die Gewissheit ist verbreitet, dass sich das Hilfspaket zu sehr nach den Kategorien Schuld und Sühne ausrichtet – und keine nachhaltige Rettung ermöglicht. Dass sie viel zu lange sehr weit über ihre Verhältnisse gelebt ­haben, dass dies zum Kollaps führen musste – diese Einsicht verbreitet sich, nach anfänglicher Abwehrhaltung, unter den Hellenen. Doch der EU und dem IWF werfen sie vor, beim Schnüren des Hilfspakets vor allem in ­Richtung Finanzmärkte geschaut zu haben. Um sie zu beruhigen, seien Sparpläne entworfen worden, die letztlich das Land wieder in Richtung Ruin drängen können. Verschlimmert habe sich die Lage, weil Bundeskanzlerin Angela Merkel immer wieder gezaudert habe – aus innenpolitischen Gründen. Mit dem Effekt, dass ­Spekulanten weiter auf die hellenische Staatspleite wetten konnten.

Dennoch: Wenn Straßenschlachten in Athen zwischen Demonstranten und Polizei weltweit in den Nachrichten zu sehen sind, dann geben sie einen falschen Eindruck wieder. Griechenland versinkt nicht im Chaos der Gewalt. Es sind radikale Gruppen, die um die Macht der Bilder in den Medien wissen. Sie nutzen die Situation. Der Staat soll als hilflos dargestellt werden, im Ausland soll sich die öffentliche Meinung gegen Griechenland richten. Das Ziel der randalierenden Radikalen lautet: Umsturz.

Für Griechenland ist eine Rettung möglich, wenn das zweite Hilfspaket auf lange Sicht angelegt wird, die Schuldenlast erträglich bleibt. Und ohne eine gleichzeitige Reform staatlicher Strukturen sowie einer effektiveren Steuerbehörde wird es nicht gehen.

Giorgio Tzimurtas

Etwas in Bewegung gesetzt

4. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Gottvertrauen gelernt: Rolf Strobelt mit einheimischen Mitarbeitern bei ­einer der wochenlangen Touren durch unwegsames Gelände. Foto:privat

Das Gottvertrauen gelernt: Rolf Strobelt mit einheimischen Mitarbeitern bei ­einer der wochenlangen Touren durch unwegsames Gelände. Foto:privat

Er ist der älteste Überseemitarbeiter des Leipziger Missionswerkes. 20 Jahre hat er anderen gegeben – und selbst gelernt. Denn nur so funktioniert heute Mission.

Es ist der letzte Rundbrief von vielen, die Rolf Strobelt 20 Jahre lang regelmäßig aus Papua-Neuguinea nach Deutschland schrieb. Nun muss er Worte für den Abschied finden: »Es kommt jetzt immer öfter vor, dass ich mir die Naturkonzerte des Morgens mit Wehmut anhöre.« Wenige Wochen später im Haus des Leipziger Missionswerkes (LMW) freut sich Strobelt, mit Gahanema Siniwin aus Papua-Neuguinea zu sprechen. Sie ist Teilnehmerin beim »Mission to the North«-Programm des LMW und gerade für zwei Monate in Sachsen zu Besuch. Dann zeigt er stolz auf eine schwarz-rot-gelbe Blumenkette, die er von Siniwin zur Begrüßung in Deutschland geschenkt bekommen hat – beide Länder vereinen die gleichen Farben auf ihren Flaggen. Strobelt muss nachdenken. »Es ist ein gewaltiger Schritt«, sagt er.

Ein gewaltiger Schritt, das war auch sein Weg als Missionar. Schon während seines Theologiestudiums in Leipzig steht für ihn fest, dass er missionarisch tätig sein will. Dann, kurz nach der friedlichen Revolution, wird der damals 32-Jährige vom Bayerischen Missionswerk in die Evangelisch-Lutherische Kirche Papua-Neuguineas entsandt. Dort soll der gelernte Krankenpfleger ein Krankenhaus im westlichen Hochland leiten. »Am Anfang, wenn man aus Deutschland kommt, will man alles perfekt machen«, erinnert er sich an die Anfangsjahre. »Aber mit der Zeit wird man abgeschliffen. Die Probleme der Menschen dort sind existenziell. Man lernt mit ihnen zusammen zu arbeiten, sie zu verstehen.«

1994 wird Rolf Strobelt nach Rabaul auf die Insel East New Britain versetzt. Schon kurz nach seiner Ankunft bricht der nahe gelegene Vulkan Tavurvur aus. Aus Strobelts Aufgabe, sich um das geistliche Leben in den verschiedenen Kirchgemeinden zu kümmern, wird zunächst ein Hilfseinsatz im Krisengebiet. Von der Stadt wechselt er 1999 in eine schwer erreichbare Station im Kirchenkreis Nomane. Dort bildet er kirchliches Personal aus, leistet Drogen- und Aids-Prävention, baut diakonische Hilfe für Kranke und Menschen mit Behinderung auf. 2007 wechselt er erneut und arbeitet bis 2011 als Dozent am Theologischen Seminar Ogelbeng.

Es sind vier Stationen in 20 Jahren, die seine Vorstellung von Mission geprägt haben: »Man denkt immer, dort, wo man gerade ist, wird man ganz dringend gebraucht. Aber es gibt immer Orte, an denen man noch dringender benötigt wird.« Mission bedeute deshalb, erst einmal etwas in Bewegung zu setzen, damit es von den Einheimischen fortgesetzt werden kann.

In Papua-Neuguinea leben rund fünf Millionen Menschen. Etwa eine Million gehören zur Evangelical Lutheran Church of Papua New Guinea (ELC-PNG), die nach der katholischen die zweitgrößte Kirche des Landes und die größte lutherische Kirche Asiens ist. »Es ist ein junges Land, aber die Jugend findet keine Arbeit.« Die Menschen hätten gespürt, dass sich durch die Hilfe der Kirche etwas entwickelt: Schulen, Krankenhäuser, Flugplätze wurden gebaut. »Von manchem Christ wird deshalb bedauert, dass die Überseemitarbeiter wieder gegangen sind.« Missionsarbeit, da ist sich Rolf Strobelt sicher, braucht Kontinuität in der Aufklärungsarbeit und Entwicklungshilfe und besonders in der theologischen Weiterbildung.

Es fiel ihm deshalb nicht leicht, ­denen den Rücken zu kehren, deren Rücken er jahrelang gestärkt hat. Nur mit Uwe Hummel als Nachfolger war es einfacher. Und schließlich war es seine bewusste Entscheidung. Der ­gebürtige Sosaer möchte wieder näher bei seinen Eltern im Erzgebirge sein. »Es war an der Zeit zurückzukommen, um etwas von der Unterstützung wiederzugeben, die ich jahrelang von hier erhalten habe«, sagt Rolf Strobelt.

Was nimmt er mit aus 20 Jahren in Papua-Neuguinea? »Von den Einheimischen habe ich dieses Gottvertrauen gelernt. Hier in Deutschland funktioniert ja alles. Aber wenn du wochenlang zu Fuß unterwegs bist in unwegsamen Gebieten ohne Infrastruktur, dann bist du einfach froh, lebend zurückzukommen.« Jetzt werde er die Annehmlichkeiten genießen, die seine Heimat zu bieten hat, und Rolf Strobelt ist gespannt auf neue Aufgaben, in die er seinen schwarz-rot-gelben Schatz an Erfahrungen in Zukunft einbringen kann.

Maxie Thielemann

www.lmw-mission.de

Zwischen Ruhm und Linientreue

24. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Lassen sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen: Zwar verloren die ­Koreanerinnen im Mai 0:2 gegen die deutsche Frauen-Elf, dennoch gelten sie als starker Gegner. Hier Un Ju Kim im Duell mit Simone Laudehr. (Foto: picture alliance/Augenklick/Kunz/Moray)

Lassen sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen: Zwar verloren die ­Koreanerinnen im Mai 0:2 gegen die deutsche Frauen-Elf, dennoch gelten sie als starker Gegner. Hier Un Ju Kim im Duell mit Simone Laudehr. (Foto: picture alliance/Augenklick/Kunz/Moray)


Frauenfußball: Die nordkoreanischen Fußballerinnen gehören hierzulande zu den eher unbekannten Heldinnen.

In Nordkorea werden sie als Heldinnen gefeiert, haben Privilegien und schaffen, was ihren männlichen Kollegen nicht gelingt: die Stadien zu füllen.

In Deutschland eilt der nordkorea­nischen Frauenfußball-Nationalmannschaft der Ruf der mysteriösen Unbekannten ­voraus. Vor der an diesem Sonntag ­beginnenden Weltmeisterschaft in Deutschland tauchte die Mannschaft komplett von der Öffentlichkeit abgeschirmt mal hier, mal dort auf. Informationen über Aufenthaltsorte sind spärlich, Kontakt zu den Spielerinnen unmöglich.

Nach der 2:0-Niederlage im Testspiel gegen Deutschland in Ingolstadt im Mai beschrieb ihr Trainer Kwang Min Kim die Frauen als jung und teilweise sehr unerfahren. Ansonsten ließ er die meisten Fragen unbeantwortet, was die Gerüchte über die Spielerinnen weiter schürt.

Wilde Spekulationen über sklavenähnliche Haltung und hämische Kommentare zu den ­ähn­lichen Haarschnitten begleiten die Sportlerinnen. Doch auf dem Rasen traut man den Nordkoreanerinnen ­einiges zu: Die Weltranglisten-Achten und dreifachen Asienmeisterinnen zählen zum Favoritenkreis.

Nach Vorstellung vieler Westler ­beruht dieser Erfolg auf einem unmenschlichen Drill und der Androhung von Arbeitslager bei Misserfolg.

Ein ganz anderes Bild zeichnet die österreichische Regisseurin Brigitte Weich, die einen Film über vier Frauen aus der nordkoreanischen Nationalmannschaft gedreht hat. »Ich hatte nie den Eindruck, dass sie in ­irgendeinem Moment zu irgendetwas gezwungen wurden«, betont Weich, die die Spielerinnen sechs Jahre lang begleitete.

Der Koreanist Rüdiger Frank ­er­läutert: »Der Sport bietet in einer ­ansonsten sehr einengenden Gesellschaft ­einen Entfaltungsraum und schafft Möglichkeiten für Erfolgserlebnisse.« Der Nordkorea-Kenner Nicholas ­Bonner ist sich sicher, dass dies die Spielerinnen zu hohen Leistungen anspornt. »Sie trainieren sehr hart, weil sie zur Weltspitze gehören wollen, sie werden bis an ihre Grenzen gebracht, aber nicht weiter.«

Der in China lebende Brite führt mit seiner Reiseagentur Touristengruppen in das isolierte Land. »Fußball ist der unangefochtene Lieblingssport in Nordkorea«, betont Bonner, der an einem Film über die Männermannschaft beteiligt war, die 1966 in England mit einem Überraschungssieg über Italien in das WM-Viertel­finale gelangte. »Aber heutzutage will niemand zu den Männerspielen gehen, nur bei den Frauen sind die Stadien voll.«

Die Frauen seien besser und auch öfter auf den Titelseiten, erzählt Bonner. »Fußball ist einer der Bereiche, in denen die Geschlechter gleichberechtigt sind.«

Auch Weich zeigt in ihrem Film »Hana, dul, sed« (Eins, zwei drei), der seit zwei Wochen in den deutschen Kinos läuft, dass der Frauenfußball in dem autoritär regierten, kommunistischen Land weit mehr ist als reine Staatsdoktrin.

Gleichzeitig habe diese staatliche Förderung in einem Land mit ausgesprochen konservativen Geschlechterrollen zur Emanzipation beigetragen. »In diesem speziellen Fall hat es genützt, plötzlich dürfen diese Frauen machen, was sie wollen«, sagt Weich. Den Fußballerinnen komme eine wichtige Vorbildfunktion zu.

Dennoch verstehen sich die Spielerinnen als Botschafterinnen ihres Landes und sehen ihre Aufgabe darin, dem »geliebten Führer«, Staatschef Kim Jong Il, Freude zu bereiten. Dass sie Hosen tragen auf dem Platz, später heiraten und insgesamt mehr Freiheit genießen als andere Nordkoreanerinnen, ändert Weich zufolge nichts an ihrer Linientreue.

Entsprechend schockiert sei sie bei ihrem ersten Dreh in Nordkorea gewesen, nachdem sie die Frauen mehrmals bei internationalen Turnieren getroffen hatte, sagt Weich. »Ich konnte die beiden Bilder nicht überein kriegen zwischen den führer­verehrenden, ergebenen Bürgerinnen in Pjöngjang und den fröhlichen, toughen Frauen, mit denen wir rund um die Welt gereist waren und tolle Dinge erlebt hatten.«

Allein schon der in der Heimat jederzeit am Revers getragene ­An­stecker mit dem Konterfei des Staatschefs Kim Jong Il habe sie ­irritiert.

Seit wenigen Tagen sind die Frauen wieder in Deutschland. Während der Vorbereitung in Leipzig war wenig von ihnen zu sehen, auch ein Testspiel gegen England in Halle findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Doch am kommenden Dienstag, 28. Juni, werden die Asiatinnen in Dresden zu ihrer ersten Vorrundenbegegnung antreten. Ihr Gegner ist ausgerechnet das Team aus den ideologisch so verhassten USA.

Natalia Matter (epd)

18. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Die nigerianische Spielerin Onome Ebi im November vergangenen Jahres im Zweikampf mit Birgit Prinz von der Deutschen Nationalmannschaft. In dem Länderspiel verloren die Nigerianerinnen allerdings mit 0:8. (Foto: imago sportfotodienst)

Die nigerianische Spielerin Onome Ebi im November vergangenen Jahres im Zweikampf mit Birgit Prinz von der Deutschen Nationalmannschaft. In dem Länderspiel verloren die Nigerianerinnen allerdings mit 0:8. (Foto: imago sportfotodienst)

Glaube und Sport: Nigerias Fußballerinnen kämpfen für Tore, Gleichberechtigung und religiöse Toleranz

Christinnen und Muslimas spielen gemeinsam in der ­nigerianischen ­Frauen­fußball-Nationalmannschaft. Und zumindest in Afrika kommt an den Super Falcons niemand vorbei.

Auf dem Trainingsgelände neben dem modernen Bau, der wie ein Fremdkörper aus der Silhouette der mit rotem Sand bedeckten Ebene heraussticht, machen sich die Frauen warm. Es ist später Nachmittag und nicht mehr so heiß. Ein paar Bäume spenden Schatten und dienen gleichzeitig als Kleiderhaken für Trainingsjacken und Rucksäcke.

Achtmal gewann die Nationalmannschaft Nigerias den Africa-Cup. Jetzt bereiten sich die Sportlerinnen auf die Weltmeisterschaft in Deutschland vor.

Das Training beginnt auch dieses Mal mit einem muslimischen und christlichen Gebet. Die Spielerinnen stellen sich im Kreis auf und halten sich an den Händen. Die Situation ist ruhig, fast andächtig.

Dann ertönt der Pfiff von Coach Eucharia Uche.

Heute steht Fitness auf dem Programm. Doch immer wieder klingelt das Handy der Trainerin, die als Pionierin im nigerianischen Frauenfußball gilt. »Moment, es geht gleich weiter«, ruft sie dann und kümmert sie sich um Flüge, Visa und Hotelunterkünfte für ihre Mannschaft. »Man muss viel ­improvisieren in Nigeria«, erklärt sie schmunzelnd.

Jedes Kind in Nigeria kennt die Super Falcons. Die Mannschaft mit den Stürmer-Stars Perpetua Nkwocha und Stella Mbachu ist der ganze Stolz der Fußballnation Nigeria.

Bei der WM 2011 wird Nigeria neben Äquatorialguinea Afrika vertreten. »Wir verstehen uns als Botschafterinnen unseres Kontinents«, sagt Trainerin Uche stolz.

»Die Mannschaft hat unheimlich Potenzial«, sagt auch Thomas ­Obliers, der als sportlicher Leiter das Team für die WM fit machen soll. Auch die Schmach der 8:0-Niederlage im Freundschaftsspiel gegen Deutsch­land im vergangenen Jahr soll so wieder wettgemacht werden.

Obliers, der bis vor Kurzem noch die Bundesliga-Frauen von Bad Neuenahr trainierte, hat den Spielerinnen deshalb ein hartes Fitnesstraining verordnet. »Das Spiel muss schneller werden«, mahnt der 43-Jährige. Was besser klappt als in Deutschland sind die Hilfsbereitschaft und Solidarität unter den Spielerinnen, hat Obliers festgestellt.

Nigeria ist ein gespaltenes Land – religiös, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Die meisten Spielerinnen der Nationalelf kommen aus dem christlichen Süden. Fast alle Stars starteten ihre Karriere in so bekannten Clubs wie Rivers Angels und Delta Queens in den ölreichen südlichen Bundesstaaten. Mehrere National-Spielerinnen sind heute Profis in schwedischen Clubs.

Muslimische Mädchen müssten härter darum kämpfen, Fußball spielen zu dürfen, meint auch Coach Uche. Oftmals müsse der Trainer das Gespräch mit der Familie suchen und das Familienoberhaupt überzeugen. Auch in der Nationalmannschaft sind sie deutlich in der Unterzahl. »Aber die Zahl der weiblichen Fußballspieler wächst überall in Afrika.«

»Nigeria ist noch eine männer­dominierte Gesellschaft«, räumt auch der ehemalige Fußball-Profi Stanley Akpu ein. »Aber der Fußball eint unser Land.« Im Gegensatz zur Politik spiele Religion auf dem Fußballfeld keine Rolle, meint Akpu, der gerade eine ­Organisation aufbaut, die Nachwuchskicker fördern soll.

Viele Nigerianer sehen im Fußball nicht nur ein soziales, sondern auch ein politisches Ventil. »Der Fußball macht uns vor, dass es möglich ist, für ein gleiches Ziel zu kämpfen, egal welcher Religion oder welchem Stamm man angehört«, sagt Akpu.

Wenn die Falcons auf dem ­Flug­hafen ankommen oder ein Hotel beziehen, werden die Frauen und ihre resolute Trainerin von Fans umlagert. Doch auch wenn die sportliche Bilanz der Super Falcons die des Männer-Nationalteams übertrifft, bei Sponsoring und Medienpräsenz haben sie das Nachsehen.

So wurde kürzlich bekannt, dass die Gehaltszahlungen des nigerianischen Fußballverbandes an Uche seit knapp zwei Jahren ausstehen. »Eine unschöne Situation«, gab ein Funktionär zerknirscht zu und ­versprach eine Nachzahlung.

Bei der WM in Deutschland warten auf die Super Falcons in der Gruppe A schwere Gegner wie Deutschland (30. Juni), Kanada und Frankreich. Aber den Sprung ins Viertelfinale wollen die Nigerianerinnen unbedingt schaffen.

Susann Kreutzmann (epd)

Die Frauen-Fußball-WM in Deutschland

Die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen beginnen am 26. Juni in Sinsheim (Nigeria – Frankreich) und Berlin (Deutschland – Kanada).

Einziger Austragungsort im mitteldeutschen Raum ist Dresden. Dort treffen am 28. Juni die Frauen der USA auf ihre Gegnerinnen aus Nordkorea, am 1. Juli spielen die Mannschaften von Neuseeland und England gegeneinander, am 5. Juni steht die Begegnung Kanada – Nigeria auf dem Spielplan. Danach wird Dresden noch einmal am 10. Juli Austragungsort eines Spiels im ­Viertel­finale sein.

Das Finale läuft am 17. Juli in Frankfurt am Main.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bietet wieder für Gemeinden die Möglichkeit des kostenlosen »Public Viewing« der von ARD und ZDF übertragenen Spiele an.

Zudem gibt es ein Materialheft unter dem Titel »Gemeinsam fiebern, freuen, feiern« mit Anregungen für die Gestaltung von Gemeindeabenden, Gottesdiensten oder den Konfirmandenunterricht. Es kann kostenlos angefordert werden beim Kirchenamt der EKD, Herrenhäuser Straße 12, 30419 Hannover, Fax 0511/2796-722.

Europäische Begegnungen in Dresden

10. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zu Gast in Dresden: Oliver Engelhardt mit Viktoria Czetö, Zsoltné Papp und Norbert Czetö (v.l.n.r.) aus Ungarn im Zentrum Mittel- und Osteuropa. Auf der Karte haben Besucher die Partnerschaften zwischen deutschen und osteuropäischen Kirchgemeinden eingezeichnet. Foto: Bernd Heinze

Zu Gast in Dresden: Oliver Engelhardt mit Viktoria Czetö, Zsoltné Papp und Norbert Czetö (v.l.n.r.) aus Ungarn im Zentrum Mittel- und Osteuropa. Auf der Karte haben Besucher die Partnerschaften zwischen deutschen und osteuropäischen Kirchgemeinden eingezeichnet. Foto: Bernd Heinze



Faschistischer Raubkrieg, ­gemeinsames Leiden unter der kommunistischen ­Diktatur – es gibt vieles, was die Staaten Mittel- und Osteuropas ebenso trennt wie vereint.

Freiheit ist, wenn wir sagen, wir wollen heute in Wien einen Kaffee trinken und wir können es einfach tun«, sagt Andreas Bölcsföldi. Der Budapester Studentenpfarrer sitzt mit Renate und Manfred Kießig aus Störmthal bei Leipzig und den unga­rischen Theologiestudenten Viktoria und Norbert Czetö an einem Tisch. Sie diskutieren, was ihnen Freiheit bedeutet und kommen zuerst auf die Wende zu sprechen.

Dieser Blick auf 1989 ist beim »Café Freiheit« im Begegnungszentrum Mittel- und Osteuropa auch von den ­Moderatoren Arne Draeger und Ulrike Kind gewollt. Für einen ersten inhaltlichen Impuls haben sie zwei prominente Gäste eingeladen: die Brandenburger Beauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe, und den Staatsminister für soziale Integration aus Budapest, Zoltán Balog. Dann malen und schreiben die Gäste aus Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Deutschland verschiedene Symbole der Freiheit auf: die Taube ebenso wie die Banane oder ein Loch in einer Mauer.

Beim Begegnungszentrum in der Neustädter Dreikönigskirche ist die europäische Geschichte ein bestimmendes Thema. »Es ist spannend, weil Staaten in Mittel- und Osteuropa teilweise eine schwierige Geschichte auch miteinander haben«, sagt Arne Draeger, der die Veranstaltungen mit vorbereitet hat. »Junge Leute gehen mittlerweile viel unbefangener damit um und halten ihren Großeltern auch gerne mal den Spiegel vor die Augen, wenn es um Schuldfragen geht.«

Kirchentag im Kirchentag könnte man das Begegnungszentrum Mittel- und Osteuropa nennen. Denn es wurde gemeinsam mit den Christlichen Begegnungstagen gestaltet und diese bezeichnet Mitorganisator Oliver Engelhardt auch als »kleinen mitteleuropäischen Kirchentag«.

Seit 1991 laden dazu alle drei Jahre Kirchgemeinden aus je einer grenznahen Stadt in Deutschland, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn oder Österreich in ihre Heimat ein. In diesem Rhythmus bot es sich an, das mitteleuropäische Treffen 2011 in den Dresdner Kirchentag zu integrieren. Oliver Engelhardt ist zufrieden, »auch wenn bei den jetzigen Veranstaltungen natürlich deutsche Besucher in der Mehrzahl sind und wir den Blick etwas weiter Richtung Osten geweitet haben.«

Zum Beispiel Richtung Weißrussland. In dem bewegenden Dokumentarfilm »Running start« zeigt die junge Filmemacherin und Schauspielerin Ljuba Zhuromskaya aus Minsk, wie junge Oppositionelle in ­ihrer Heimat vom Staat unter Druck gesetzt und aus den Universitäten ­verbannt werden und wie sie trotzdem weitermachen.

»Ich versuche, nicht mehr dagegen zu kämpfen, sondern etwas Positives entgegenzusetzen«, sagt Zhuromskaya. Beim anschließenden Gespräch mit Natallia Vasilevich, Direktorin des Kultur- und Bildungszentrums Ecumena in Minsk und politische Aktivistin, wurden die Kraft und die gleichzeitige Ausweg­losigkeit junger Menschen in Weißrussland unter Präsident Alexander Lukaschenko klar.

Maxie Thielemann

Zwischen zwei Regierungen

3. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Naher Osten: Kholoud Daibes ist in der palästinensischen Autonomieverwaltung Ministerin für Tourismus.
Dr. Kholoud Daibes Abu Dayyeh ist seit gut vier Jahren Chefin im palästinensischen Tourismusministerium und die ­einzige christliche Ministerin in der Regierung der Palästinenser. (Foto: epd-bild/Debbie Hill)

Dr. Kholoud Daibes Abu Dayyeh ist seit gut vier Jahren Chefin im palästinensischen Tourismusministerium und die ­einzige christliche Ministerin in der Regierung der Palästinenser. (Foto: epd-bild/Debbie Hill)


In der männerbetonten Welt des Nahen Ostens ist sie eine doppelte Seltenheit: als Frau und als Christin.

Kholoud Daibes begrüßt energisch ihre Kollegen und gibt ­ihrer Sekretärin schon im Flur erste Anweisungen für den Tag. Dann weht sie förmlich in ihr Büro, eilt an den Schreibtisch. Seit gut vier Jahren ist die bekennende Protestantin ­Chefin im palästinensischen Tourismusministerium. Sie ist das einzige christliche Kabinettsmitglied in der Regierung der Palästinenser.

Zurzeit könnte jeder Tag der letzte für sie im Amt sein. Denn die Fatah-Bewegung des palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas und die im Gazastreifen herrschende Hamas haben sich auf die Bildung einer »Regierung der nationalen Einheit« geeinigt. Das könnte auch einen kompletten Wechsel der Minister bedeuten.

Die 46-Jährige ist kurzärmelig gekleidet, dezent geschminkt, trägt die Haare offen. Ihre Amtszeit kann sich sehen lassen: Sie brachte die Zahl der Besucher bis auf zwei Millionen im vergangenen Jahr und damit aus dem Stillstand heraus, der nach der Intifada folgte.

Die Bewegungsfreiheit für Palästinenser und Touristen ist besser geworden und auch die Kooperation mit Israel, trotz aller Abstriche. Noch immer aber bleiben viele touristische ­Attraktionen im 1967 von Israel besetzten Gebiet für die Palästinenser unerreichbar. Das Tote Meer gehört dazu und das Jordantal. »Die Israelis weigern sich, uns als gleichwertige Partner anzuerkennen«, schimpft die Ministerin. »Wenn es im Tourismus schon nicht klappt, wie soll es dann bei den großen, politischen Verhandlungen funktionieren?«

Kholoud Daibes spricht fließend deutsch. Schon ab der ersten Klasse lernte sie die fremde Sprache zunächst an der Martin-Luther-Schule in Jerusalem und später in der traditionsreichen evangelischen Schule Talitha Kumi, wo sie Abitur machte und wo heute ihre drei Kinder deutsche Vokabeln pauken. Ab 1982 ging es für Daibes mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Hannover zum Architekturstudium mit anschließender Dissertation.

Zur Politik kam die Architektin mit Schwerpunkt Denkmalpflege völlig unerwartet Anfang 2007. Damals suchten die frisch zur Regierung der Nationalen Einheit verbündeten Fraktionen Hamas und Fatah nach parteiunabhängigen Experten wie Daibes. Kaum drei Monate dauerte das Bündnis von Hamas und Fatah damals, bis die ideologischen Diskrepanzen und Machtkämpfe in blutigen Auseinandersetzungen endeten. In Ramallah wurde die bis heute amtierende Notstandsregierung gegründet. Daibes behielt ihren Posten als Tourismus­ministerin und übernahm außerdem für zwei Jahre das Frauenministerium.

Die enge Zusammenarbeit mit Männern hatte die junge Architektin schon in ihrem früheren Beruf erlebt, auf den Baustellen. Mit den islamistischen Politikern habe es keine besonderen Probleme gegeben, sagt sie. Die Protestantin findet es ärgerlich, wenn Leute sich darüber wundern, dass es überhaupt christliche Palästinenser gibt. »Wir sind die Christen, die zu Jesu Zeiten hier waren«, ruft sie. »Wir sind die, die sonntags in den Kirchen beten, die für andere nur eine Touristenattraktion sind.«

Obwohl heute nur noch 50000 Christen in den Palästinensergebieten leben, bleibt ihnen in Regierung, Parlament und zahlreichen Ortsverwaltungen eine Präsenz garantiert. Der Bürgermeister von Bethlehem etwa muss Christ sein, auch wenn die Stadt längst keine christliche Mehrheit mehr hat. Dasselbe gilt für Ramallah. »Man muss die Politiker hier nicht überzeugen«, sagt Daibes. »Die wichtige Rolle, die die Christen bei der Entwicklung des Heiligen Landes gespielt haben, wird sehr wohl anerkannt.«

Susanne Knaul (epd)

Im Zeichen der Versöhnung

27. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ökumene: Die Orthodoxe Akademie Kreta wirbt seit mehr als 40 Jahren für eine Verständigung der Religionen.
 
Vor 70 Jahren begann die Deutsche Wehrmacht mit dem »Unternehmen Merkur« die Eroberung Kretas. Sie kostete Tausende ­Menschenleben – auch unter der ­Zivilbevölkerung.

 
Jedes Jahr Mitte Mai gedenken auf der griechischen Insel Kreta die Bewohner des Beginns des Eroberungsfeldzuges deutscher Wehrmachtsoldaten auf dem Eiland. Viele Bewohner der Mittelmeerinsel haben bei den harten Kämpfen und der nachfolgenden Besatzung Familienangehörige verloren.

Doch sieben Jahrzehnte nach dem Nazi-Angriff scheinen viele Wunden verheilt. Viel hat dazu auch die Orthodoxe Akademie Kreta in den vergangenen 40 Jahren beigetragen: Mit dem Ziel der Versöhnung lädt sie jährlich Politiker, Kirchenvertreter, Umweltexperten und Griechenlandreisende zum Austausch der Religionen und gegenseitigem Kennenlernen ein.

Am 20. Mai 1941 griff die Deutsche Wehrmacht Kreta in der Bucht von Suda an. In den größenwahnsinnigen Planungen der Nazis sollte die Insel zu einer Aufmarschbasis für die Eroberung Ägyptens werden. Dafür mussten Tausende junger Männer ihr Leben lassen, die seit 1971 auf dem ­deutschen Soldatenfriedhof Maleme an der Nordküste Kretas liegen: 4465 deutsche Soldaten sind dort bestattet. Während der deutschen Besatzung bis zum 9. Mai 1945 wurden im Gegenzug mehrere Tausend kretische Zivilisten als Partisanen hingerichtet, ganze Dörfer komplett zerstört.

Die Orthodoxe Akademie Kreta: Mit dem Ziel der Versöhnung lädt sie jährlich Politiker, Kirchenvertreter, Umweltexperten und Griechenlandreisende zum Austausch ein. (Foto: epd-bild/Ralf Schick)

Die Orthodoxe Akademie Kreta: Mit dem Ziel der Versöhnung lädt sie jährlich Politiker, Kirchenvertreter, Umweltexperten und Griechenlandreisende zum Austausch ein. (Foto: epd-bild/Ralf Schick)

»Fast eine ganze Generation wuchs hier ohne Väter auf«, sagt Georgios Vlantis, heutiger Studienleiter der 1968 erbauten Akademie nahe der früheren kretischen Hauptstadt Chania. Dass heute der deutsche Soldatenfriedhof von griechischen Frauen und Männern im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gepflegt wird, ist genauso wenig selbstverständlich wie die vielen Begegnungen zwischen Kretern und Deutschen, zwischen orthodoxen und nichtorthodoxen Christen.

»Wir wollten mit der Akademie ein Zeichen der Versöhnung setzen«, sagt Alexandros Papaderos, Mitbegründer und Generaldirektor der Orthodoxen Akademie. »Unser Ziel war und ist es, den Dialog zwischen Orthodoxie und den anderen Kirchen, Christentum und den anderen Religionen, Kirche und Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur zu fördern«, betont Papaderos.

Die Begegnungen und der Austausch ist Papaderos zufolge ein Geschenk. »Wir können einander nur verstehen, wenn wir voneinander wissen«, sagt auch Anastassios Ossipidis, der zusammen mit der Orthodoxen Akademie christliche Begegnungsreisen organisiert, »um den Dialog zwischen Christen zu fördern«.

Gemeinsam etwa mit der Evangelischen Akademie Loccum unterstützt die Orthodoxe Akademie auch ein ­europäisches Jugendbildungsprojekt. Mehrere Hundert Jugendliche aus Niedersachsen, aber auch aus anderen Bundesländern kommen seit zwei Jahrzehnten immer wieder auf die ­Insel, um in der Nähe der Akademie beim Aufbau eines Projektgeländes mitzuhelfen.

Enge Kontakte gibt es auch zur Evangelischen Akademie Bad Boll, die finanziell maßgeblich zur Entstehung der kretischen Bildungseinrichtung beitrug.

Jährlich lädt die Akademie zu wissenschaftlichen und theologischen Kongressen und Tagungen ein. Im März fand eine Begegnung im bilateralen theologischen Dialog zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel statt, bei der die Beziehungen zwischen Kirche und Staat im Mittelpunkt stand.

Die Akademie ist heute eine der bedeutendsten kirchlichen Einrichtungen Griechenlands. Die griechisch-orthodoxe Kirche in Kreta hat eine Sonderstellung, denn sie gehört zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel und nicht zur orthodoxen Kirche Griechenlands.

Ralf Schick (epd)

Polen: Frauen im grünen Collarhemd

23. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Theologisch haben Polens Lutheraner eigentlich keine Einwände gegen Frauen im Pfarramt. Dennoch gibt es Argumente dagegen zuhauf.
 
Die Arbeit machen sie, die Ordination bleibt ihnen versagt: Halina Radacz ist eine der rund 20 Diakoninnen der polnischen Lutheraner. (Foto: Maja Pauska)

Die Arbeit machen sie, die Ordination bleibt ihnen versagt: Halina Radacz ist eine der rund 20 Diakoninnen der polnischen Lutheraner. (Foto: Maja Pauska)

»Die Frauen wollen das doch selbst nicht!«, ist ein Argument, das bisweilen auftaucht, wenn es wieder hoch hergeht wegen der nicht vorhandenen Frauenordi­nation bei den Lutheranern in Polen.

Halina Radacz, Diakonin der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, kann darüber nur den Kopf schütteln. Manchmal weiß man nicht, ob es zum Weinen oder schon zum Lachen ist. Zum Beispiel, wenn die Direktorin ­einer großen Schule argumentiert, das Amt des Pfarrers wäre zu viel Verantwortung für eine Frau.

Halina Radacz selbst wäre lieber schon heute als morgen eine ordinierte Pfarrerin mit allen Rechten. Denn die Arbeit tut sie ja jetzt schon. Sie ist eine der rund 20 Diakoninnen, die in der polnischen Kirche das grüne Collarhemd tragen, in den Gemeinden taufen und predigen. Nur das Abendmahl dürfen sie nicht einsetzen.

26 Jahre sind seit ihrem Theologiestudium vergangen, Zyrardów ist ihre dritte Gemeinde. Diese Gemeinde hatte vor drei Jahren die Kirchen­leitung darum gebeten, dass ihre »Pfarrer-Diakonin« endlich ordiniert werde, doch im Herbst 2010 erteilte die Synode dem Wunsch nach der ­Ordination von Frauen eine Absage.

Das war ein trauriger Tiefpunkt auf ­einem langen Weg.

Auf das Frauenforum und auf die Frauenkommission ihrer Kirche ist Halina Radacz stolz. Die beiden Strukturen sind im Frühjahr 1991 entstanden. 2011 kann das 20-jährige Jubiläum gefeiert werden.

Denn Grund zum Feiern gibt es auch ohne die Ordination.

Das Forum und die Kommission haben es geschafft, Themen, die Frauen bewegen, in die Öffentlichkeit und bis in die Synoden hineinzutragen. Dank ihnen sowie der Theologinnenkonferenz, die von deutschen Partnern, dem Gustav-Adolf-Werk und dem Evangelischen Bund, unterstützt wird, haben polnische Lutheranerinnen Strukturen und Institutionen, in denen sie sich aussprechen und neue Initiativen starten können.

Das Bewusstsein wandelt sich, wenn auch langsam.

Als Beispiel holt Halina Radacz ein Exemplar von »Zwiastun« hervor. Früher, sagt sie, wäre es undenkbar gewesen, dass die Kirchenzeitschrift eine Pfarrerin im Talar abgebildet hätte. Heute ist es Normalität. Wie wichtig das Bild in den Medien ist, weiß sie selbst am besten. In ihrem zweiten Beruf – das Gehalt der Diakonin gewährleistet nicht das finanzielle Überleben einer Familie – ist sie Journalistin und Kirchenredakteurin des Zweiten Programms der Telewizja Polska.

»Wie viele Talente haben wir schon weggeworfen?«, fragt Halina Radacz, wenn sie an die über 70 Frauen denkt, die in Warschau das Theologiestudium absolviert haben. Freilich arbeiten einige Theologinnen als Pfarrerinnen – in Deutschland oder in England zum Beispiel.

Die Diskussion über die Frauenordination ist in der Kirche ­einerseits mit dem Synodenbeschluss abgeschlossen, und bleibt anderseits doch ein Dauerbrenner.

Das 20. Frauenforum der lutherischen Kirche, das als Jubiläumsforum vom 23.-25. September 2011 in Warschau stattfinden wird, fasst das ­Problem weiter und nennt es zugleich beim Namen: strukturelle Gewalt. Die Diskussion über die Frauenordination brachte in der Kirche den Konsens hervor, dass es keine theologischen Gründe dagegen gibt, nur die Tradition und das katholische Umfeld sprächen dagegen.

Mit ihren zwiespältigen Erfahrungen sind die Polinnen in Mittelosteuropa nicht allein. Auf dem bevorstehenden 33. Evangelischen Kirchentag in Dresden vom 1. bis 5. Juni erhalten die Theologinnen und Pfarrerinnen aus verschiedenen Kirchen ein Podium für ihre Fragestellungen: »Theologinnen auf dem ›Abstellgleis‹? Frauen­ordination in Mittel- und Osteuropa«.

Diakonin Halina Radacz aus Polen wird dabei sein – im grünen Collarhemd.

Maaja Pauska

Hinweis: Die Veranstaltung mit Halina ­Radacz findet am Freitag, 3. Juni, von 16.30 bis 18 Uhr im »Zentrum Frauen« des Kirchentags statt (Programmheft Seite 206).

Vernetzung in Sachen Frieden

16. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Friedensdekade: Basisgruppen und Kirchenprominenz aus aller Welt treffen sich in Kingston auf Jamaika.
 

Zehn Jahre lang rief der Weltkirchenrat seine Mitglieder im Rahmen der »Dekade zur Überwindung von Gewalt« zum besonderen Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit auf. Nun soll Bilanz gezogen werden.

Symbol zur Überwindung von Gewalt: George Tagba, ein ehemaliger Offizier der Nationalpatriotischen Front Liberias, zeigte die aus Patronenhülsen gefertigten Kreuze bei der Eröffnung der Friedensdekade am 4. Februar 2001 in der ­Berliner Kaiser-Wilhelm-Kirche. (Foto: epd-bild/Norbert Neetz)

Symbol zur Überwindung von Gewalt: George Tagba, ein ehemaliger Offizier der Nationalpatriotischen Front Liberias, zeigte die aus Patronenhülsen gefertigten Kreuze bei der Eröffnung der Friedensdekade am 4. Februar 2001 in der ­Berliner Kaiser-Wilhelm-Kirche. (Foto: epd-bild/Norbert Neetz)


Seit Wochen herrscht in Libyen ein blutiger Bürgerkrieg. Im Nahen Osten dauert der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis an. Und die Situation in der Elfenbeinküste ist weiterhin angespannt. Wenn sich ab 17. Mai auf der karibischen ­Insel Jamaika Christen aus aller Welt zu einer groß angelegten Friedenskonferenz, einer sogenannten Friedenskonvokation, versammeln, werden dort Konflikte wie diese auf die Tagesordnung kommen.

Mit der Konferenz findet die »Dekade zur Überwindung von Gewalt«, die im Jahr 2001 mit einem Gottesdienst in Berlin eingeläutet worden war, ihren Abschluss. Zehn Jahre lang hatte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), dem mehr als 560 Millionen Christen in 349 Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften aus über 110 Ländern angehören, dabei immer wieder Gewalt und Konflikte thematisiert: die Konflikte in Palästina ebenso wie im Südsudan, angesprochen wurden aber auch deutsche Waffenexporte oder häusliche Gewalt.

Während der Dekade fand ein ­Austausch zwischen den ÖRK-Mitgliedskirchen statt. So organisierte der Weltkirchenrat von 2008 bis 2010 regelmäßig Solidaritätsbesuche in Partnerkirchen weltweit.

International ­besetzte Teams sollten dabei mit den Menschen vor Ort als sogenannte ­Lebendige Briefe ins Gespräch über Projekte zu Gewaltprävention, Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit in dem jeweiligen Land kommen.

Das Treffen in Jamaika ist ein Großaufkommen friedensbewegter Akteure aus dem kirchlichen Bereich. Rund 1000 Teilnehmer werden erwartet: Von homosexuellen Gruppen über schwarzafrikanische Frauen bis hin zu indonesischen Kirchenmitgliedern, die sich im interreligiösen Bereich engagieren. Mit dabei sind Lutheraner, Anglikaner und Orthodoxe aber auch Quäker und Mennoniten.

Ein bisschen klingt die Teilnehmerliste mit Vertretern zahlreicher Basisgruppen wie ein christliches Weltsozialforum.

Zudem ist bei der Konferenz auf ­Jamaika reichlich Kirchenprominenz vertreten: Auf der offiziellen Rednerliste steht unter anderem der russische Metropolit Hilarion und die deutsche Ex-Bischöfin Margot Käßmann, die zur Eröffnung sprechen wird.

Angemeldet sind der Erzbischof der armenischen Kirche im Irak sowie der Präsident der Allafrikanischen Kirchenkonferenz. Erwartet wird zudem der älteste Sohn des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King.

Es ist ein breites Themenspektrum, das bei dem Treffen in Jamaika auf die Tagesordnung kommt. Auf dem Programm stehen die großen Schlagworte »Frieden mit der Gemeinschaft«, »Frieden zwischen den Völkern«, »Frieden in der Wirtschaft« und »Frieden mit der Erde«.

Thematisiert werden sollen Rassismus und Sexismus im Alltag, Umweltzerstörung und Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit und Armut sowie internationale Konflikte und Kriege. Für den 22. Mai ist ein Gebet für den Frieden geplant.

Bei dem Treffen soll eine Bilanz der Friedensarbeit in den Kirchen weltweit gezogen werden, sagt der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland, Martin Schindehütte, der als einer von rund 100 deutschen Teilnehmern zu dem Treffen in die Karibik reisen wird. Und der mennonitische Theologe Fernando Enns sagt: »Wenn wir Frieden schaffen wollen, müssen wir uns vernetzen.« Der Professor, der als einer der Initiatoren der Friedensdekade gilt, hofft, dass von der Konvokation ein »starkes Signal« ausgeht – an die Kirchen selbst und auch an die politischen Kräfte.

In dieser Hinsicht ist wohl auch die Wahl des Tagungsortes als Signal gedacht. War doch der Inselstaat in den zurückliegenden Jahren immer wieder wegen seiner hohen Kriminalitätsrate in den Medien. Zuletzt tobten vor rund einem Jahr in der jamaikanischen Hauptstadt tagelang Unruhen zwischen Polizei und Drogen-Kriminellen. Immer wieder kommt es in dem Land auch zu Gewaltexzessen gegen Homosexuelle.

Barbara Schneider (epd)

Nur mit Rock und Kopftuch

10. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Wenn Stefanie Fendler in ihrer brüderisch geprägten Gemeinde von Nowosibirsk einen Gottesdienst hält, gehört unter den Talar ein Rock und auf den Kopf ein Tuch. Neben dem traditionellen Gottesdienst in Deutsch bietet das Pastorenehepaar aber auch zeitgemäße Gottesdienste in Russisch. Foto: privat

Wenn Stefanie Fendler in ihrer brüderisch geprägten Gemeinde von Nowosibirsk einen Gottesdienst hält, gehört unter den Talar ein Rock und auf den Kopf ein Tuch. Neben dem traditionellen Gottesdienst in Deutsch bietet das Pastorenehepaar aber auch zeitgemäße Gottesdienste in Russisch. Foto: privat


Sibirien: Ein Kirchenbezirk so groß wie Westeuropa – Besuch bei dem deutschen Pfarrerehepaar von Nowosibirsk



Frauen waren in der Zeit des Kommunismus in Russland für die Bewahrung deutscher lutherischer Tradition ­unerlässlich – aber als ­Pastorinnen haben sie bis heute ­einen schweren Stand.

Drei blonde Kinder im Grundschulalter stürzen sich auf die Kekse und den Tee. Russland war nicht ihre erste Wahl, sagt Pfarrerin und Mutter Stefanie Fendler. Eigentlich wollte sie zurück nach Afrika, wo sie vor ihrem Studium als Freiwillige gearbeitet hatte. Dennoch folgte das Ehepaar dem Ruf nach Sibirien und reiste mit dem zwei Monate alten Erstgeborenen aus.

Zehn Jahre arbeitet sie bereits in Russland im Dienst der Evangelisch-Lutherischen Hermannsburger Mission, bei der sie als Theologin ausgebildet wurde. Laut Vertrag besetzt sie allein die Stelle. Tatsächlich aber teilt sie sich die Arbeit mit ihrem Mann Michael. Dieser ist ebenfalls Theologe und absolvierte sein Vikariat in der bayrischen Landeskirche.

Die Pionierarbeit reizte die beiden an ihrer ersten Pfarrstelle in der südsibirischen Region Chakassien. Sie sollten dort eine Gemeinde in der Hauptstadt Abakan am Jenissei gründen. Als einzige Europäer standen sie schnell im Fokus der Aufmerksamkeit. Bald waren sie mit sämtlichen einflussreichen Personen bekannt, was sie aktiv für ihren Missionsauftrag nutzten.

Zum Start in Nowosibirsk gab es gleich einen Eklat

Nach sechs Jahren folgte Stefanie einem neuen herausfordernden Ruf ins westsibirische Nowosibirsk. Die evangelische Gemeinde dort bestand ausschließlich aus alten Leuten. Von den ursprünglich leitenden 30 Brüdern war nur noch ein über 70-Jähriger übrig. »Es begann mit einem Skandal«, erzählt Michael. Zur Einführung habe der konservative Bischof anstelle der obligatorischen Dankesrede über die Frauenordination gewettert. »Womit er uns eigentlich einen Dienst erwiesen hat«, sagt Michael, denn die Gemeinde sei aufgestanden und habe ihre neue Pastorin vor dem Bischof verteidigt.

Bis zu Stefanies Amtseinsetzung hatte die Gemeinde Lesegottesdienste gefeiert. Die Texte stammten aus dem Werk des »Wolgapredigers« Carl Blum (1841–1906), dessen mehr als 100 Jahre alte Predigten die Gemeinde mittlerweile auswendig kannte. »Die sehr große geistliche Erfahrung, die die Gemeinde durch das letzte Jahrhundert des Kommunismus hindurch trug, ist ein Schatz in einem unheimlich alten Gefäß. Und dieses zerbröselt nun vor unseren Augen«, erzählen die Fendlers. Doch Form und Inhalt seien extrem stark verschmolzen, was die Weitergabe des Glaubens an Jüngere unmöglich mache. Für Außenstehende sind die sehr traditionellen Gottesdienste gänzlich unverständlich – nicht zuletzt, weil sie seit jeher auf Deutsch gehalten werden.

Darum bietet das Pfarrerpaar seit drei Jahren zusätzlich zu dem tradi­tionellen deutschsprachigen Gottesdienst jeden Sonntag einen zeitgemäßeren auf Russisch an. Insbesondere wollen sie die Kinder und Enkel der Russlanddeutschen gewinnen, die systembedingt nur noch Russisch sprechen. Zehn neue Gemeindemitglieder gäbe es schon, vier davon seien Enkel der alten Kirchgänger, so die Geistlichen.

Russische Gemeinden sind wie sibirisches Holz
Michael Fendler arbeitet seit 2004 ­ehrenamtlich als lutherischer Propst. Er betreut die Pfarrer und weitflächig verteilten kleinen Gemeinden der ­Region Mittelsibirien. Dieser Bezirk entspricht der Größe Westeuropas. Für Stefanie als Frau ist es schwieriger, in ihrem Dienst als Pfarrerin voll akzeptiert zu werden. Also legte sie ihren Nasenstecker ab und zieht im traditionellen Gottesdienst Kopftuch und Rock an. Sie wirkt müde, wenn sie über das Thema der Akzeptanz von Frauen als Pastorinnen spricht und meint, Gott hätte doch zu Pfingsten nur ganze Flammen verteilt, keine halben und auch keine größeren und kleineren.

Wir sitzen immer noch am Tisch. Michael zieht ein großes Blech Pizza aus dem Ofen. Er erzählt von einem Holzhändler, jetzt Pastor, der russische Gemeinden mit sibirischem Holz vergleicht: »Sie wachsen langsam, aber mit guter Qualität.« Michael ist beeindruckt von der Opferbereitschaft, mit der viele Christen in Russland treu ihren Glauben leben.

Die Rote-Bete-Pizza auf dem Tisch ist eine gelungene Mischung aus russischer und italienischer Küche. Im Sommer dieses Jahres kehren Fendlers nach Deutschland zurück, um ihre Kinder dort ins Gymnasium zu schicken. »Es war eine reiche Zeit, und eine gute Vorbereitung«, meint Michael, denn weite Wege zwischen kleinen Gemeinden seien zukünftig auch in Deutschland absehbar.

Von Raphaela und Katharina Helbig

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