Kleine Hände ernten Kaffee
6. März 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Guatemala: Nur durch die Mitarbeit der Kinder können die Tagelöhner auf den Kaffeeplantagen überleben
Kaffeekult ist »in«: Verschiedene Sorten, unterschiedliche Röstungen, moderne Espressoautomaten sorgen für guten Geschmack – aber längst nicht immer für ein gutes Gewissen.

Kinderarbeit gehört zum Alltag auf Guatemalas Kaffeeplantagen. In diesen Tagen endet die diesjährige Erntesaison. Foto: Andreas Boueke
Die Hose des achtjährigen Miguel, hat mehrere Löcher, eins direkt über der linken Pobacke. Entweder hat er das noch nicht bemerkt oder es ist ihm egal. Wenn er sich reckt und streckt, um an die hohen Kirschen der Kaffeepflanzen zu gelangen, kann man sowieso sehen, dass er keine Unterhose trägt. »Manchmal sind wir richtig wütend,« schimpft er. »Es gibt Tage, da haben wir nicht genug zu essen. Dann tut uns der Magen weh.«
Miguel erntet Kaffee auf der Finca San Jaime im Osten des mittelamerikanischen Landes Guatemala. Bei der Ernte hat er sich einen Unterarm blutig gekratzt. Nun sitzt er im Schatten eines Kaffeestrauchs und leckt über die Wunde. »Manchmal hängen nur wenige Kirschen am Strauch,« sagt er. »Dann strengst du dich fast umsonst an.«
Miguels Bruder, der vierzehnjährige José, wischt sich mit einem schmutzigen Handrücken den Schweiß aus der Stirn. Er findet es nicht in Ordnung, dass kleine Kinder in der Hitze stehen und Kaffee ernten müssen. »Aber nur wenn wir alle zusammen arbeiten, wird es uns vielleicht eines Tages besser gehen,« glaubt er.
Der Fincabesitzer
Josés Mutter, Doña Marta, hält es für normal, dass alle ihre Kinder von klein auf arbeiten. Auch Doña Marta hat schon als kleines Mädchen gearbeitet. »Wir kämpfen mit den Kindern ums Überleben. Es geht ja nicht anders. Die Kleinen müssen das Arbeiten lernen, um Geld zu verdienen« Während Doña Marta spricht, schaut sie schüchtern auf den Boden. An ihren schmutzigen, mit Risswunden übersäten Füßen trägt sie einfache Plastiksandalen mit kaputten Riemen. »Ich sage meinen Kindern, dass sie hart sein müssen. Das tut mir weh, aber so ist das Leben.«
Dem Besitzer der Finca San Jaime, Don Jaime Bonifaz, gehören zahlreiche Ländereien im Westen Guatemalas. Er ist 64 Jahre alt, hat graues Haar und einen auffällig dicken Bauch. Aber er ist fitt und unternehmungslustig. Auf seinen Reisen nach Europa und in die USA verhandelt er mit Geschäftspartnern und genießt das Nachtleben von Miami und Rotterdam. Die Finca San Jaime ist der zentrale Standort des Landbesitzes von Jaime Bonifaz. Dort betreibt er auch eine Weiterverarbeitungsanlage für Kaffee, von der aus jedes Jahr rund fünfzigtausend Sack Kaffee in die Welt geschickt werden.
Der Lohn
Die Tagelöhner auf der Finca San Jaime bekommen 36 Quetzal für das Pflücken von vier Kisten voll Kaffeekirschen. Das sind etwa drei Euro für hundert Pfund. Soviel kann ein ausdauernder Arbeiter an einem Tag pflücken, aber nur, wenn die Bedingungen günstig sind. Mit der Hilfe seiner Kinder schafft er natürlich mehr.
Doña Marta und ihre beiden Söhnen haben an diesem Tag nur knapp zwei Euro verdient. José ist enttäuscht. »Es werden so 24, 26 Quetzal sein, obwohl wir zu dritt gepflückt haben. Aber zum Essen brauchen wir fast 30, 40 Quetzales. Es reicht also nicht.«
Ein Liter Milch kostet in Guatemala fast einen Euro. Auch Fleisch ist teuer. Das kann sich Doña Marta nur selten leisten. Dafür sind frisches Obst und Gemüse günstig. Aber der Warenkorb für eine ausreichende Ernährung, so wie ihn das Kinderhilfswerk UNICEF beschreibt, steht Doña Marta nie zur Verfügung. Sie verdient ja nicht einmal den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, und selbst der liegt weit unter dem Existenzminimum.
Der Verwaltungsassistent der Finca, Don Camilo, gesteht unumwunden ein, dass er den Tagelöhnern zu wenig zahlt: »Sie bekommen weniger als den Mindestlohn und das auch nur während der Erntezeit. Den Rest des Jahres gibt es keine Arbeit. So gesehen geht es ihnen hier zur Zeit noch gut. Richtig hart wird es erst wieder, wenn die Ernte vorbei ist.«
Kurz bevor die Sonne untergeht schleppen die Erntearbeiter ihre gefüllten Säcke aus allen Winkeln der Kaffeefelder bis zu einer Wegkreuzung, an der sie sich in eine Wartereihe hinter einem Lastwagen stellen. Auf der Ladefläche steht Don Camilo mit einem Schreibblock unterm Arm. Darin sind alle Familien registriert, die auf der Finca arbeiten. Hinter den Namen trägt er die jeweiligen Ernteergebnisse ein. Meist entscheidet Don Camilo nach Augenmaß über das Gewicht der Kaffeesäcke. Doch wenn er es genau wissen will, werden die Kaffeekirschen nach und nach in eine Holzkiste gefüllt, in die angeblich genau 25 Pfund passen.
Der faire Handel
Der junge Mann räumt ein, dass er nicht immer das exakte Gewicht in sein Heftchen notiert: »Wenn sich jemand nicht ordentlich benimmt, schreibe ich nicht alles auf. Zum Beispiel versuchen manche, mich reinzulegen, so wie der Mann dort drüben. Er hat gesagt, in seinem Sack seien fünf Kästen voll. Wir haben das überprüft. Es waren nur vier. Er wollte uns also bestehlen.« Die meisten Pflücker können weder lesen noch rechnen. Außerdem wissen sie, dass es sich nicht lohnt, einen Streit anzufangen.
In Deutschland interessieren sich zunehmend mehr Kaffeekonsumenten für die Arbeitsbedingungen der Erntearbeiter auf den Plantagen. In einigen Fällen kaufen die Betreiberfirmen der Kaffeebars die Bohnen direkt bei Kleinbauerkooperativen in den Anbauländern. So werden Zwischenhändler ausgeschaltet und die Produzenten bekommen einen sehr viel besseren Preis ausbezahlt. Ähnlich funktioniert das Prinzip des fair gehandelten Kaffees mit dem TransFair-Gütesiegel.
TransFair-Produkte werden heute in den meisten Supermarktketten sogar angeboten. So haben die Konsumenten in Deutschland die Möglichkeit, die Lebensbedingungen einiger kleiner Kaffeeproduzenten und ihrer Familien deutlich zu verbessern. Doch noch immer ist der faire Handel letztlich nicht viel mehr als eine kleine Marktnische. In Deutschland gibt es ihn sein 1970, mit dem mageren Ergebnis, dass heute zwei bis drei Prozent des Kaffees fair gehandelt wird.
Andreas Boueke
Zuflucht in den USA gefunden
26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Schulverweigerer: Das politische Asyl für Schulverweigerer weckt Interesse bei weiteren deutschen Eltern
In den USA gang und gäbe, in Deutschland verboten: Schulunterricht zu Hause. Das US-Asyl für eine deutsche Familie könnte jetzt zum Vorbild für weitere Schulverweigerer werden.

Immer wieder wollen einzelne Eltern ihre Kinder selbst unterrrichten, statt sie in eine Schule zu schicken. Foto: Ignacio Leonardi (sxc.hu)
Seit dem Urteil Ende Januar hätten mehrere Deutsche bei ihm angerufen, um sich über den Asylprozess zu informieren, bestätigt Michael Donnelly. Donnelly, Mitarbeiter der »Home School Legal Defense Association«, eines Rechtshilfeverbandes für Heimschülerfamilien, ist Anwalt der Eheleute Hannelore und Uwe Romeike aus dem baden-württembergischen Bissingen, die ihre Kinder aus »religiösen und Gewissensgründen« zu Hause unterrichten wollen und Zuflucht in den Vereinigten Staaten gesucht haben.
Die Romeikes waren im Sommer 2008 mit ihren fünf Kindern in die USA gekommen, um zu tun, was in Deutschland verboten ist, in den USA aber weit verbreitet: ihre Kinder selbst zu unterrichten. Nach Ansicht der Eheleute entsprechen die Schulbücher nicht ihren christlichen Werten. Sie fühlten sich verfolgt, weil die deutschen Behörden die Schulpflicht mit Bußgeldbescheiden durchsetzen wollten. Einwanderungsrichter Lawrence Burman gab ihrem Asylantrag statt. Die deutsche Haltung verstoße gegen »alles, woran wir als Amerikaner glauben«, zitiert die »Defense Association« den Richter. Man könne nicht verlangen, dass sich jedes Land nach der amerikanischen Verfassung richte, sagte Burman. Aber die Welt wäre »wohl besser«, wäre das der Fall.
Rund zwei Millionen Kinder werden nach Angaben des Erziehungswissenschaftlers Robert Kunzman von der Indiana University in Bloomington (Indiana) in den USA gegenwärtig zu Hause unterrichtet. Vermutlich liege die Zahl sogar höher, viele »Homeschool«-Eltern misstrauten Untersuchungen und hielten sich bedeckt. Aber nicht immer sei Heimunterricht in den USA so weit verbreitet gewesen, erklärt Anwalt Donnelly. Noch vor 30 Jahren hätten es »Homeschooler« in den USA so schwer gehabt wie heute Schulverweigerer in Deutschland. Man habe sich die Freiheit zur Heimerziehung von Bundesstaat zu Bundesstaat erkämpfen müssen.
Es gebe keine »typische Heimschulfamilie«, sagt Kunzman. Die Mehrheit sei konservativ christlich. Aber auch grundsätzlich autoritätsskeptische Eltern entschieden sich bisweilen zum Unterricht daheim. Gemeinsam hätten »Homeschooler« die »philosophische Überzeugung«, dass Eltern das Recht haben, selbst über die Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden.
Viele sehen Heimunterricht als ein Grundrecht an
Leider gebe es keine verlässlichen Daten über die Auswirkungen des »Home Schooling«, sagte Kunzman. Die »Home School Legal Defense Association« präsentiere eine Untersuchung, dass die von Eltern unterrichteten Kinder bei standardisierten Tests besser abschnitten als Schüler in staatlichen Einrichtungen. Aber diese Untersuchung sei nicht repräsentativ, und die Tests seien von den Eltern selbst vorgenommen worden.
Oft sind Heimschul-Eltern hoch gebildet, und sie organisieren mit Gleichgesinnten Kooperativen und Netzwerke zum Lernen. Andererseits setzen manche Bundesstaaten fast gar keine Kriterien für die Unterrichtsqualität. So müssen in Tennessee, wo die Romeikes nun leben, Eltern nur einen mit dem deutschen Hauptschulabschluss vergleichbaren High-School-Abschluss haben, wollen sie ihre Kinder unterrichten. Ausnahmen gibt es für gläubige Eltern. Stehen die zu Hause lehrenden Eltern nämlich in Verbindung mit einer kirchlichen Schule, brauchen sie laut Gesetz überhaupt keine Schulbildung für das Unterrichten ihrer Kinder bis zur achten Klasse. Danach wird ein High-School-Abschluss verlangt. Bei der Lehrplanwahl hält sich der Staat fast vollkommen raus.
Nach Ansicht von Diplom-Ingenieur Hanno Berg, Vater von sechs Kindern und Eigentümer zweier Läden für Homeschooler in Alpharetta (Georgia), ist Heimunterricht ein Grundrecht. Berg hat besonderes Verständnis für die Romeikes, ist er doch selbst 1992 aus Lüdenscheid in die USA ausgewandert, um seine Kinder zu Hause zu unterrichten. Berg brauchte damals kein Asylverfahren. Seine Aufenthaltsgenehmigung erhielt er über seine US-amerikanische Ehefrau Margaret. Dem zu Hause unterrichteten Nachwuchs gehe es bestens: Der älteste Sohn diene als Soldat in der US-Armee, der zweitälteste sei Offizier und gerade vom Einsatz in Afghanistan zurück. Es mache einfach keinen Sinn für Deutschland, das Heimschulmodell zu verbieten – und das würde gegen Grundrechte verstoßen. (epd)
Konrad Ege
Die Bombardierung Dresdens – Tragödie und Rettung
18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Holocaustgedenken: Ein neues Projekt ermöglicht Gespräche zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen

Michal Salomonovic im Bethaus der Jüdischen Gemeinde Ostrava (Ostrau). In dem Buch auf der rechten Seite, links unten, ein Bild seines Vaters, der von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Stutthof ermordet wurde. Foto: Steffen Neumann
Der tschechische Jude Michal Salomonovic überlebte vier Konzentrationslager und die Zerstörung Dresdens. Am 13. Februar war er wieder in der Stadt.
Michal Salomonovic hat begonnen, zu erzählen, als es immer weniger wurden, die das erlebt hatten. Er spricht vor tschechischen Schülern, und auch vor deutschen Jugendlichen aus Dresden. Möglich ist das durch ein neues deutsch-tschechisches Projekt der Dresdner Brücke/Most-Stiftung mit dem Collegium Bohemicum aus Usti nad Labem, das Gespräche zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen vermittelt. Salomonovic kommt aber nicht nur deswegen nach Dresden. Mit der Stadt und ihrer Zerstörung verbin-
det ihn seine ganz persönliche Geschichte.
Es ist die Kindheit als jüdischer Häftling der Nationalsozialisten. Bereits im Oktober 1939, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wird sein Vater mit einem der ersten organisierten Transporte von Juden überhaupt aus dem heimatlichen Ostrava ins polnische Nisko geschafft. Der Versuch, hier ein jüdisches Lager aufzubauen, misslingt. Der Vater darf zurückkehren und die Familie übersiedelt nach Prag. Doch dieser Schritt bringt ihnen kein Glück. Als dann mit der Konzentration der Juden an einzelnen Orten begonnen wird, sind sie wieder die ersten. Am 3. November 1941 bringt sie ein Transport ins Ghetto nach Litzmannstadt (Lodz). »Wir waren 1000 Menschen, ganze Familien, nur 46 haben den Krieg überlebt«, sagt Salomonovic leise, freundlich und bestimmt.
Die Freundlichkeit in Salomonovics Stimme irritiert. Als ob er seine Zuhörer vor der Grausamkeit, die er erlebt hat, in Schutz nehmen möchte. Und doch sagt er es bestimmt. In Litzmannstadt entschied sich sein Schicksal. Als sie im Ghetto ankamen, war er acht Jahre alt, die Grundschule musste er nach einem Jahr abbrechen. Während sein Vater ihm einen Platz in der Metallfabrik besorgen konnte, musste sich sein dreijähriger Bruder Josef verstecken. »Kinder und Alte wurden zuerst aussortiert und in den Tod geschickt«, begründet Salomonovic die Vorsicht.
Die Arbeit in der Fabrik brachte ihm jeden Tag eine Suppe zusätzlich. »Der Hunger war allgegenwärtig, wir lebten immer bis zum nächsten Bissen.« Für die Suppe musste der Junge zwölf Stunden an sieben Tagen der Woche arbeiten. In der ganzen Zeit ging ein Transport nach dem anderen Richtung Auschwitz ab. Die Arbeiter im Werk wurden verschont, bis das Ghetto im August 1944 aufgelöst und die restlichen Insassen ebenfalls nach Auschwitz deportiert wurden.
Nach etwa einer Woche Aufenthalt im Todeslager geschah das Wunder, die Gruppe brach samt mobiler Munitionsfabrik wieder auf. Neues Ziel war das Konzentrationslager Stutthof. Das Wunder hatte eine einfache Erklärung. Die Führung solcher Werke lag in den Händen von hochrangigen Nationalsozialisten, die dafür Sorge trugen, dass sie über genügend »arbeitsfähiges« Personal verfügten. Dass diese Sorge zynischer Eigennutz war und keine Lebensgarantie bedeutete, musste Salomonovic kurz darauf schmerzlich feststellen. In Stutthof fragten die SS-Aufseher, wer Vitamine braucht. Wer krank war, wurde gnadenlos umgebracht. Sein Vater sagte ihm: »Ich melde mich und gebe sie dann dir.« Michal sah den Vater zum letzten Mal. »Er hatte den Deutschen immer geglaubt«, beschreibt Salomonovic heute das Verhängnis seines Vaters.
Die Front rückte näher und bestimmte erneut den weiteren Weg. So landeten sie in Dresden, einer der wenigen deutschen Großstädte, die bis dahin vom Krieg verschont wurden. Hier befand sich ein wichtiges Eisenbahnkreuz, und konnte die Kriegswirtschaft ungestört auf Hochtouren produzieren. Die Arbeitskraft dafür stellten Zwangsarbeiter und jüdische Häftlinge wie Salomonovic, weshalb das Konzentrationslager Flossenbürg immer mehr Außenstellen in und um Dresden ansiedelte. »Wir wurden von Stutthof nach Dresden in offenen Waggons transportiert. Es war Winter, ungefähr so kalt wie jetzt«, fährt Salomonovic fort. Vom Bahnhof ging es zu Fuß in die Schandauer Straße. Eine Tabakfabrik wurde zum Munitionsbetrieb umfunktioniert.
Hier in den weitläufigen Kellergewölben überlebten sie den Bombenangriff im Februar 1945, der für die Familie Tragödie und Rettung zugleich war. Denn die herannahenden Flieger verhinderten, dass die SS Salomonovics Bruder Josef, den sie am Tag zuvor bei einer Kontrolle entdeckt hatten, umbrachte. »Dieser Angriff war schrecklich. Jedes Mal, wenn ich ein Flugzeug hörte, bekam ich vor Angst Durchfall«, erinnert sich Michal Salomonovic. Sie hatten Glück, in Dresden-Striesen fielen nur Brandbomben, die den Keller nicht erreichten.
Nachdem sie noch wochenlang zu Aufräumarbeiten eingesetzt wurden, gelang ihnen auf dem nachfolgenden Todesmarsch nach Bayern in Böhmen die Flucht. Nach dem Krieg kam Salomonovic immer wieder nach Dresden, das zu seiner Heimatstadt Ostrava eine Partnerschaft pflegt. Das Erinnern und Gedenken an Holocaust und Krieg ist ihm ein besonderes Anliegen. Deshalb kam er gerade zum Jahrestag des Luftangriffs, den Rechtsextreme seit Jahren zur Verharmlosung der Geschichte missbrauchen.
Steffen Neumann
USA: Die »Tea Party« auf der Suche nach einem Programm
11. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Die »Tea Party« bringt mit ihrer angestauten Wut die »geordnete« politische Welt der USA durcheinander. Obwohl niemand weiß, ob die rechtspopulistische »Tee Partei« Standbein hat oder ob sie zersplittern wird bei der Suche nach einem Programm und einem Führer.
Uns reicht’s, war das Leitmotiv beim ersten Parteitag am Wochenende in Nashville. Wir wollen »unser Land« zurück! Von Barack Hussein Obama, der jede Gelegenheit nutze, »die Verfassung zu zerstören, bevor wir sie retten können«, forderte der Eröffnungsredner Tom Tancredo, ein ehemaliger republikanischer Kongressabgeordneter.
Die »Tea Partei« nimmt ihren Namen von einer Protestaktion 1773 in Boston gegen die britische Kolonialmacht. Ein paar Dutzend amerikanische Rebellen kippten kistenweise Tee in den Hafen aus Protest gegen die hohe Teesteuer. Die Aktion gilt als Mitauslöser des Unabhängigkeitskrieges, der ein paar Jahre danach zur Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika führte. Man gehe in den Fußstapfen der damaligen Freiheitskämpfer, heißt es in der modernen »Tea Party«, kämpfe man doch auch heute um »Freiheit« von einer Regierung, die das Volk übertrieben besteuere, und zu viele Vorschriften mache – Obama besonders durch seine Gesundheitsreform.
Die Wut der »Tea-Party«-Aktivisten ist nicht so leicht zu erklären. Sicher gibt es weit auseinandergehende Meinungen zur Gesundheitsreform. Aber dem Präsidenten Landesverrat vorwerfen – er wolle die Verfassung zerstören? In den »Tea Party« versammeln sich frustrierte Bürger aus der Mittelschicht, die Angst haben, ihre »amerikanische Lebensweise« sei vom Aussterben bedroht. Und die überzeugt sind, dass sich »die Elite«, besonders die »Wall Street Liberalen« in der Demokratischen Partei, aber auch die dem »Establishment« verpflichtete Führung der Republikanischen Partei, nicht um den »Normalbürger« kümmere.
»Ganz von selber« ist die »Tea Party« nicht entstanden. Anheizer waren und sind rechte Geldgeber und Kommentatoren bei Rupert Murdochs konservativem FOX-Fernsehsender, die intensiv und linientreu über die Aktivisten berichten. Und nicht zu übersehen ist, dass man Obama offenbar besonders hasst, weil er einen Vater aus Kenia und eine Mutter aus Kansas hat. Viele Aktivisten halten Obama für einen illegitimen Präsidenten, und glauben an die eindeutig widerlegte Mär, er sei nicht einmal in den USA geboren. Fast ohne Ausnahme sind die »Tea-Party«-Aktivisten weiß.
Der weiße Grundton kommt oft durch. Etwa, wenn Ex-Gouverneurin Sarah Palin vom »wirklichen Amerika« spricht, das man nicht in den Großstädten finde (wo überproportional Schwarze und andere Minderheiten wohnen). Oder als der Redner Tancredo den »Kult des Multikulturalismus« anprangerte und behauptete, Obama habe nur gewonnen, weil Wähler keine »politischen Bildungs- und Lesetests« mehr machen müssten. Mit den Tests hatten weiße Politiker vor der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre Afro-Amerikaner vom Urnengang abgehalten. Während die »Tea Party« sehr gut weiß, was sie hasst und ablehnt, fehlt es freilich noch an einem Programm für das, was man gerne möchte.
Konrad Ege
Blutvergießen in Nigeria
4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Die Straßen von Jos nach den Unruhen: An zerstörten Geschäften und ausgebrannten Autos vorbei trägt ein Mann einen Sack Hirse nach Hause. Foto: picture alliance/dpa/George Esiri
Nigeria: Im Grenzgebiet zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden eskalieren Spannungen
Mehr als 200 Menschenleben kosteten die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen in der nigerianischen Stadt Jos.
Als vor zwei Wochen die Ausgangssperre zum ersten Mal seit Tagen aufgehoben wurde, blieben die Straßen in Jos in Zentralnigeria dennoch leer. »Wir haben nichts mehr zu essen im Haus, irgendwann müssen wir rausgehen«, sagt ein Bewohner der Stadt, die zuvor von Unruhen erschüttert wurde. »Aber ich habe Angst, dass wieder geschossen wird.« Seinen Namen will der Christ lieber nicht genannt wissen.
Spätestens seit 2001, als bei Unruhen zwischen Christen und Muslimen mehr als 1000 Menschen starben, ist Jos für Konflikte zwischen Religionsgemeinschaften berüchtigt. Kreuzzughaft anmutende christliche Missionsbewegungen sind in Jos ebenso zu Hause wie islamistische Kampfgruppen. Ihre Zielgruppen sind die Masse an Jugendlichen aus armen Familien unter den rund 860000 Einwohnern der Stadt, denen der Staat keine Perspektive bietet.
Was genau die jüngsten Unruhen ausgelöst hat, ist ungewiss. Womöglich stimmt die Geschichte, die Alhadschi Kabir Mohammed, ein muslimischer Bewohner von Jos, in der Presse erzählt. »Ich habe mein Haus wiederaufgebaut, das in den letzten Unruhen vor gut einem Jahr zerstört wurde«, so Mohammed. »Auf einmal kamen christliche Jugendliche auf Motorrädern und befahlen mir, zu verschwinden.« Von da an, sagte Mohammed, habe die Lage sich hochgeschaukelt. Irgendwann brannten Kirchen, Moscheen und Häuser, und Tote lagen auf den Straßen.
Andere sprechen von vorbereiteten Angriffen auf Christen nach der Sonntagsmesse. »Das war geplant, unsere Jugendlichen haben sich nur verteidigt«, erklärt Pfarrer Pandang Yamsat, der der »Kirche Christi« vorsteht, mit drei Millionen Mitgliedern eine der größten Glaubensgemeinschaften in der Region. Er sieht in den neuerlichen Unruhen eine Taktik, mit der Muslime Christen aus Jos vertreiben wollten. »Die Muslime wollen das Land alleine regieren, aber das geht nicht, es gehört Christen und Muslimen gleichermaßen.«
Nicht alle Christen teilen die Einschätzung von wütenden Kirchenführern wie Yamsat. »Die Auseinandersetzungen haben sehr wenig mit Religion zu tun«, sagt etwa Ignatius Kaigama, der katholische Erzbischof von Jos. Er setzt sich seit Langem für den Dialog zwischen Christen und Muslimen ein. »Religion wird instrumentalisiert, um ethnische und politische Interessen leichter durchzusetzen.« Kaigama warnt zudem vor der Macht von Gerüchten. Denen zufolge sollte auch seine Gemeinde angegriffen und die Kathedrale angezündet worden sein: »Das stimmt alles nicht, wer so etwas verbreitet, der lügt.«
Die wirklichen Ursachen des Konflikts sind sozialer Natur, meint auch der Muslim Shamaki Grad von der Menschenrechtsliga in Jos: »Nach den letzten Unruhen Ende 2008 sind die versprochenen Entschädigungszahlungen vom Staat nie geflossen. Die Leute sind arm und hoffnungslos, sie gehen aus Frust erneut auf die Straße.« Hinzu kommt: »Frühere Ausschreitungen sind nie aufgeklärt worden, niemand wurde verhaftet«, sagt Grad. »Deshalb gibt es hier ein Gefühl der Straflosigkeit.«
Nigerias Vizepräsident Goodluck Jonathan hat außer dem Militär auch den Chef des Geheimdiensts nach Jos entsandt. Er will präzise Informationen. Die Angst ist groß, dass sich die Gewalt wie ein Flächenbrand ausbreitet. In den umliegenden Bundesstaaten haben die Behörden die Polizei in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Offenbar zurecht: Nur wenige Stunden, nach dem im Zentrum von Jos Ruhe eingekehrt war, meldeten Bewohner neue Ausschreitungen in den Außenbezirken. Und in Pankshin, einer gut 100 Kilometer entfernten Stadt, wurde von brennenden Regierungsgebäuden berichtet. (epd)
Von Marc Engelhardt
Die Lage bleibt ernst
28. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Christenverfolgung: Ein Gespräch mit Markus Rode von »Open Doors«
Immer am Jahresanfang veröffentlicht das christliche Hilfswerk »Open Doors« seinen Weltverfolgungsindex.
Benjamin Lassiwe sprach darüber mit Markus Rode.

Markus Rode ist Leiter des überkonfessionellen Hilfswerkes »Open Doors«-Deutschland. Foto: Open Doors
Herr Rode, wie steht es zu Beginn des Jahres 2010 um die Religionsfreiheit?
Rode: Besorgniserregend. Besonders Christen in Nordkorea und in streng islamischen Ländern spüren keine Veränderung. Im Gegenteil: Nordkorea ist zum achten Mal in Folge mit Platz 1 der schlimmste Christenverfolgerstaat weltweit. Cirka 70000 Christen sind aufgrund ihres Glaubens im Arbeitslager. Unter den ersten zehn Ländern im Index sind acht islamisch geprägte Länder. Wir erleben einerseits, dass viele Muslime etwa im Iran oder auch Algerien am christlichen Glauben interessiert sind und Christen werden. Doch andererseits sind gerade in diesen Ländern der Druck und die Verfolgung von ehemaligen Muslimen hoch. Denn die persönliche Entscheidung eines Muslims, seine Religion zu wechseln, wird von religiösen Eiferern und häufig der Familie des Konvertiten nicht respektiert.
Was hat sich beim Weltverfolgungsindex im Vergleich zum letzten Jahr verändert?
Rode: In der islamischen Welt spüren wir massive Verschlechterungen. Der jetzige Drittplatzierte Saudi-Arabien ist von Platz zwei des Index abgelöst worden vom Iran. Dort gab es Verhaftungswellen, bei denen die Geheimpolizei Wohnhäuser gestürmt hat und 85 Christen wegen ihres Glaubens inhaftiert und misshandelt hat. Dramatisches hören wir auch aus Mauretanien, mit der größten Veränderung im Index. Zehn Positionen von 18 auf acht rückte das islamische nordafrikanische Land unter die ersten zehn schlimmsten Verfolgerstaaten. Voriges Jahr wurde dort ein ausländischer, christlicher Entwicklungshelfer von Islamisten ermordet.
Wie kommen Sie an solche Informationen – Länder wie Nordkorea sind ja gemeinhin abgeschottet?
Rode: Als Hilfswerk berichten wir nicht nur über verfolgte Christen, wir unterstützen sie auch. Das sind unsere Arbeitsgebiete. Zu Christen in Nordkorea beispielsweise unterhalten wir enge Kontakte, die sich im Laufe der Jahre – wir sind seit Mitte der 1990er Jahre dort aktiv – verdichtet haben. Dadurch erfahren wir auch, welche Hilfe für die Gemeinden dringend benötigt wird. Die Informationen kommen aus erster Hand und zuverlässigen Quellen.
Sind Sie in allen Ländern ihres Indexes aktiv?
Rode: Wir sind in über 50 Ländern aktiv, doch nicht aus allen können wir über die Projekte berichten, um die Christen vor Ort nicht zu gefährden.
Aber das ist ja genau die Frage: Nutzt es verfolgten Christen wirklich, wenn ein ausländisches Hilfswerk im eigenen Land eine Untergrundorganisation aufbaut?
Rode: Kirchenleiter vor Ort kennen ihr Land und die Bedürfnisse der Gemeinden am besten. Daher arbeiten wir mit ihnen, aber auch mit einheimischen Organisationen und Kirchen zusammen. Unsere Mitarbeiter sind einheimische Christen, die selbst Verfolgung erlebt haben. Wir entsenden keine Missionare etwa nach Nordkorea, die dann da eine Organisation aufbauen. Das war nie unsere Arbeitsweise. Sondern wir sprechen mit verfolgten Christen und unterstützen sie bei ihrem Dienst.
Wo hat sich die Situation der Christen denn verbessert?
Rode: Wenngleich sich die Situation in Algerien de facto nicht verändert hat, hat sie sich doch beruhigt. Das
ist auch dem internationalen Protest geschuldet. Die algerische Kirche wächst – was für Ärger unter den einheimischen Muslimen sorgt. Nachdem nach Erlass eines neuen Gesetzes viele Kirchen geschlossen wurden, haben Christen im Ausland und Politiker massiv protestiert. Oder Indien: 2008 hatte die Verfolgung von Christen im Bundesstaat Orissa einen Höhepunkt erreicht. Zwar kommt es in Indien weiterhin fast täglich zu Angriffen auf Christen, aber ein zweites Orissa gab es nicht.
Haiti: Der Kampf ums Überleben
21. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Warten auf Hilfe: Überlebende Kinder der Erdbebenkatastrophe in dem Karibikstaat Haiti vor einer Lebensmittelausgabestelle der Welthungerhilfe in Petionville. (Foto: picture alliance/landov)
Nach dem verheerenden Erdbeben am 12. Januar in Haiti arbeiten internationale Helfer fieberhaft daran, die Versorgung der Überlebenden zu verbessern. Auch eine Woche nach dem Beben herrschen weiter chaotische Zustände im Katastrophengebiet, viele Schwerverletzte warteten vergeblich auf medizinische Behandlung.
Die haitianische Regierung befürchtet bis zu 200.000 Tote. 250.000 Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt, 1,5 Millionen sind obdachlos. Behindert werden die Rettungsarbeiten nicht zuletzt durch das administrative Chaos.
Mehrere Minister sind vermisst, wahrscheinlich wurden auch sie Opfer des Bebens. Und nicht nur der Präsidentenpalast, auch Behörden und Verwaltungsgebäude sind großteils zerstört.
Die Missionare Volker und Annette Schnüll, die im Auftrag der Deutsche Missionsgemeinschaft (DMG) mit Sitz in Sinsheim seit Jahren in Haiti tätig sind, schildern die Situation auf der DMG-Internetseite als geradezu »apokalyptisch«. Durch die zentralistische Organisation des Landes wirkten sich die schweren Zerstörungen in der Hauptstadt Port-au-Prince besonders verheerend auch für die unzerstörten Regionen aus.
»Nichts kommt rein oder raus – keine Leute, keine Güter, nichts – außer über Port-au-Prince. Was dort nicht ankommt, fehlt irgendwann überall: Nahrung (fast alles wird eingeführt), Medikamente, Werkzeuge, Gas, Treibstoff … Mit Diesel wird in den meisten Orten der Strom produziert, ohne Diesel kein Strom«, so das Ehepaar. Aus seiner Sicht komme der Wiederaufbau des Landes einem vollständigen Neustart gleich.
Auf den zunehmenden Treibstoffmangel verweisen auch andere Organisationen. Viele Fahrzeuge und Helikopter könnten deshalb nicht eingesetzt werden, bestätigt Elisabeth Byrs, Sprecherin des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA), gegenüber dem Evangelischen Pressedienst.
Auch Martin Ruppenthal, Regionalbeauftragter der Christoffel-Blindenmission (CBM) mit Sitz in Bensheim, die in Haiti insgesamt sieben Hilfsprojekte betreut, berichtet aus der haitianischen Hauptstadt: »Das noch verfügbare Benzin wird verwendet, um die Generatoren der Krankenhäuser anzutreiben. Zwei Tage reicht es noch, dann kann nicht mehr operiert werden.«
Und das, wo in den Krankenhäusern des Landes so schon dramatische Zustände herrschen: »Der Konkurrenzkampf der Menschen hier ist fürchterlich. Sobald einer im OP ist, müssen die Angehörigen das Bett hüten, sonst ist es bei seiner Rückkehr aus dem OP besetzt«, heißt es etwa in einem ersten Bericht des Teams des DMG-Missionsarztes Eckehart Wolff aus Port-au-Prince.
Zudem fehlen nach Angaben der Diakonie Katastrophenhilfe Medikamente und medizinisches Personal. Gemeinsam mit Caritas international schickte die Diakonie deshalb am Montag ein Flugzeug mit Hilfsgütern nach Port-au-Prince. Darunter sind medizinische Nothilfepakete für 80000 Menschen, Zelte, Nahrungsmittel sowie Tabletten zur Wasserreinigung. Die Verteilung erfolgt mit lokalen Partnerorganisationen und den Partnern im globalen kirchlichen Hilfsnetzwerk ACT (Kirchen helfen gemeinsam).
Mit Haiti hat die Katastrophe das mit Abstand ärmste Land des amerikanischen Kontinents getroffen. Etwas kleiner als Belgien und mit 9,6 Millionen Einwohnern ist Haiti damit dichter besiedelt als Deutschland. Vier von fünf Haitianern leben unter der Armutsschwelle und müssen mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen. Die Bevölkerung bekennt sich mehrheitlich zum katholischen Glauben.
Harald Krille/epd
Wie man konkret helfen kann:
Die Landeskirchen und die Diakonischen Werke in Mitteldeutschland rufen dringend zur Unterstützung der Opfer des Erbebens in Haiti auf.
Die Diakonie Sachsen bittet um Spenden auf das Konto 100 100 100 bei der Landeskirchlichen Kreditgenossenschaft Sachsen (LKG), BLZ 850 951 64, Kennwort: Haiti Erdbebenhilfe
Die Diakonie Mitteldeutschland als Landesverband für Sachsen-Anhalt, Thüringen sowie Teilen Brandenburgs und Sachsens bittet um Spenden auf das Konto 800 8000, bei der Evangelische Kreditgenossenschaft Kassel,
BLZ 520 604 10, Kennwort: Erdbebenopfer Haiti.
Martin Luther in Down Under
15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Umgeben von Hochhäusern fällt sie dennoch auf: Sydneys deutsche lutherische Martin-Luther-Kirche an der Goulburn Street, wurde 1883 eingeweiht.
Freitags ist »Tag der offenen Tür«. Hier treffen wir die Kirchenvorsteherin Lotti Mardehl, die seit fast 30 Jahren in der dreieinhalb Millionenstadt lebt. Dreihundert Deutschsprachige seien als Gemeindeglieder eingetragen, berichtet die Lehrerin. Hinzu kommen aber noch solche, die kurzzeitig hier leben: Studenten, Praktikanten, Vertreter deutscher Firmen und Diplomaten.
Die Kerngemeinde besteht jedoch aus deutschen Heimatvertriebenen, die sich nach dem Krieg ganz neu orientierten und nach Australien auswanderten. Die deutschsprachigen Gemeinden in Sydney und Melbourne waren für sie die ersten Anlaufstellen bei Hilfe und Integration. Inzwischen sind diese Stützen der Gemeinde alt geworden. Lotti Mardehl nennt ein Beispiel: Die Säuberung der Kirche wurde früher abwechselnd unentgeltlich durchgeführt – jetzt erledigt das eine bezahlte Reinigungskraft. Und da die Kinder der meisten Gemeindemitglieder mit Australiern verheiratet sind und nicht am Ort leben, hat die Kirchengemeinde inzwischen ein eigenes Seniorenpflegeheim gebaut.
Sonntags ist Gottesdienst. Allerdings erst um elf Uhr. Die Besucher kommen aus einem Umkreis von bis zu 40 Kilometern. Sie nehmen nicht nur die hohen Fahrtkosten auf sich. Es sind auch Brückenzoll oder Tunnelgebühren zu entrichten. Und selbst am Sonntag kann man im Umfeld der Kirche nicht gratis parken. »Manche springen vom Kirchenkaffee auf, um wieder die Parkuhr zu füttern«, erklärt Mardehl. Der beengte Platz vor der Kirche ist auch einer der Gründe, weshalb nur wenige Trauungen hier stattfinden. Die Brautleute möchten ein anderes Umfeld für den schönsten Tag ihres Lebens: eines, bei dem die Gäste nach der Trauzeremonie auf einer Wiese zusammensitzen können.
Der Gemeindepfarrer ist zugleich Religionslehrer an der Deutschen Schule. Dadurch hat er Kontakt zu Jugendlichen, die dann auch in der Martin-Luther-Kirche konfirmiert werden möchten. Und nur zwei Häuser weiter gibt es ein Begegnungszentrum: die Martin-Luther-Stube. Hier kommen Jugendliche und junge Erwachsene regelmäßig zusammen.
Die deutsche Kirchengemeinde in Sydney hat eine lange Tradition. 1850 wurde zum ersten Mal ein evangelischer Gottesdienst in der Stadt gehalten. Der Pastor unterrichtete auch Mathematik und Sprachen und trug den Nachnamen Goethe. Formell gegründet wurde die Gemeinde aber erst 16 Jahre später, und weitere 17 Jahre musste die Gemeinde auf ein eigenes Gotteshaus warten.
In der Zeit des Ersten Weltkriegs konnte die Gemeinde trotz mancher Widerstände an ihren deutschsprachigen Gottesdiensten festhalten. Der Zweite Weltkrieg jedoch brachte einschneidende Veränderungen, weil die Pflege deutscher Sprache und Kultur in Australien verboten wurde.
Orte mit deutschen Namen wurden zwangsweise umbenannt, Deutsche und Deutschstämmige interniert. Die Kirche wurde als Lagerhalle und Quartier der australischen Armee genutzt. Eineinhalb Jahre nach Kriegsende bekam die Gemeinde dann die Kirche zurück. Der 1939 eingeführte Pastor konnte sein Amt unter eingeschränkten Bedingungen wieder aufnehmen.
Die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entsandten Pfarrer bleiben in der Regel zwischen sechs und zehn Jahren in Sydney. Pastor Dirk Wnendt ist allerdings gerade nach einem Jahr aus persönlichen Gründen wieder nach Bayern zurückgegangen. Nun muss die Gemeinde erst Mal mit einem Ruheständler, der zuvor in Davos tätig gewesen ist, vorlieb nehmen. Danach, so hoffen Kirchenvorsteher und Gemeindeglieder, wird dann wieder mehr Beständigkeit in die Gemeinde einkehren. Das Gehalt des Pfarrers muss übrigens von der Gemeinde selbst aufgebracht werden. Jedes Gemeindeglied zahlt so viel es kann. Doch: »In Zeiten der allgemeinen Rezession wird das auch immer weniger«, seufzt Mardehl.
Ilsemarie Straub-Klein
Deutsche Lutherische Kirche, 90 Goulburn Street, Sydney,
Telefon (02)97385733, E-Mail: pastor@kirche-sydney.org.au
Die Geister, die ich rief …
7. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Uganda: US-Evangelikale verurteilen den Plan für ein Anti-Homo-Gesetz – und sind doch die geistigen Urheber
Nach der internationalen Empörung über das geplante Anti-Homosexuellen-Gesetz in Uganda haben auch konservative evangelikale Christen in den USA das Vorhaben verurteilt.
Dabei haben sie selbst mit ihrer homofeindlichen Einstellung den Boden für das Gesetz bereitet. Der Entwurf entstand, nachdem in der Hauptstadt Kampala im März 2009 ein Seminar von evangelikalen Christen aus den USA stattgefunden hatte, in dem die Heilung von Homosexualität gepredigt wurde. Mit dabei: der ugandische Parlamentarier David Bahati, der die Vorlage im Oktober im Parlament einbrachte.
Export des evangelikalen Kulturkriegs nach Afrika
Sollte das Gesetz, das auch die Todesstrafe vorsieht, inkraft treten, würde Uganda zu den gefährlichsten Länder für Homosexuelle gehören. Der aus Sambia stammende anglikanische Pastor Kapya Kaoma sagte dem epd, konservative Evangelikale hätten ihren »Kulturkrieg« gegen Homosexualität nach Afrika exportiert, vor allem nach Uganda, Kenia und Nigeria. Beim US-Politikforschungsinstitut »Political Research Associates« veröffentlichte Kaoma eine Studie über die engen Verbindungen US-amerikanischer Kirchen zu Anti-Homosexuellen-Kampagnen in Afrika.
Bei ihrer Verurteilung von Homosexualität hätten die US-Amerikaner die Macht ihrer Worte vielleicht unterschätzt, sagte Kaoma. In den USA würden homosexuell orientierte Menschen durch Gesetze geschützt, in Afrika vielerorts aber nicht. Die Warnungen aus den USA gälten »vielen Afrikanern als Evangelium, nicht als Meinung«.
Nach dem Gesetzesentwurf soll für HIV-positive Menschen, die gleichgeschlechtlichen Sex haben, die Todesstrafe eingeführt werden, ebenso wie für Schwule und Lesben, die wiederholt gegen das Verbot von Homosexualität verstoßen. Zudem würde die »Propagierung von Homosexualität« unter Strafe gestellt. Jeder, der ihm bekannte Lesben, Schwule oder Homo-Aktivisten nicht anzeigt, würde sich strafbar machen und könnte zu drei Jahren Haft verurteilt werden. Homosexuellen, die des gleichgeschlechtlichen Sex für schuldig befunden werden, droht mindestens eine lebenslange Haftstrafe.
Der Entwurf löste eine Welle internationaler Empörung aus. Auch US-Außenministerin Hillary Clinton kritisierte das Vorhaben scharf. Medienberichten zufolge könnte das Gesetz bald vom Parlament beschlossen werden. Ugandas Präsident Yoweri Museveni kündigte allerdings wiederholt sein Veto an. US-Außenministeriumssprecher Jon Tollefson sagte, Museveni habe US-Diplomaten versprochen, das Gesetz zu stoppen. Bereits jetzt können nach ugandischem Recht sexuelle Akte, die »gegen die Natur verstoßen« mit einer bis zu 14-jährigen Haft bestraft werden.
Distanzierung nach anfänglichem Zögern
Nach anfänglichem Zögern sprachen sich nun mehrere konservative US-Evangelikale gegen das Gesetz aus, darunter republikanische Politiker, die Mitglieder des evangelikalen Verbandes »The Fellowship« sind. Dieser Gruppe gehörte angeblich auch Ugandas Präsident Yoweri Museveni an. Der evangelikale Prediger Rick Warren, der dem Wochenmagazin »Time« zufolge »immensen Einfluss« auf Ugandas politische Elite genießt, kritisierte das Vorhaben ebenfalls nach heftiger Kritik von Menschenrechtlern. Der Pastor der kalifornischen Megakirche »Saddleback Church« ist nicht Fellowship-Mitglied.
Warren setzt sich in Afrika für Aids-Kranke ein. Er hat Homosexualität wiederholt als gegen die Natur bezeichnet. In einer Weihnachtsbotschaft an Pastoren in Uganda nannte Warren den Gesetzentwurf jedoch »ungerecht, extrem und unchristlich«. Gleichzeitig sagte Warren, Jesus habe bekräftigt, was Moses geschrieben habe, nämlich, dass die »Ehe etwas für einen Mann und eine Frau« sei.
Bei den Befürwortern des Gesetzes stieß Warrens Botschaft auf Ablehnung. Warren habe doch selbst betont, man müsse Sündhaftes bekämpfen, schrieben sie in einer Antwort. Sie beklagten, »das Übel der Homosexualität« werde in den USA zunehmend akzeptiert, wie die Wahl der lesbischen Mary Glasspool zur Bischöfin der anglikanischen US-Episkopalkirche zeige.
Nach Ansicht von Pastor Kaoma weiteten konservative US-Evangelikale in den vergangenen Jahren ihren Einfluss in Afrika stark aus – etwa durch Missionare, Bibelschulen, Rundfunksendungen, Entwicklungshilfeprogramme und die gezielte Förderung konservativer afrikanischer Geistlicher. (epd)
Konrad Ege
Statt Tanne eine Casuarina
24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Indien: Weihnachten auf dem Subkontinent – ein Besuch im Mädchenheim der Tamilischen Kirche

Lichtertanz zum Weihnachtsfest: Im Kinderheim »Bethlehem« der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südindien wohnen rund 50 Mädchen und erhalten eine Ausbildung. Foto: LMW
Indien gilt als ein besonders spirituelles Land. Die Christen bilden dabei nur eine kleine Minderheit. Dennoch gilt Weihnachten als offizieller Feiertag.
Merry Christmas«, ruft es aus den Lautsprechern. Indien feiert Weihnachten. Bei 80,5 Prozent Hindus und 13,4 Prozent Moslems sind die 2,3 Prozent Christen in Indien eine Minderheit. Trotzdem sind die Weihnachtstage von der Regierung anerkannte Feiertage.
Auch das Mädchenheim der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Pattukottai, Südindien, bereitet sich für die Festtage vor. Um die 50 Mädchen leben in diesem Internat, um eine fundierte Ausbildung zu bekommen. Ihre Eltern sind arm, manche sind Waisen. Alle sind aufgeregt in der Weihnachtszeit. Seit Anfang Oktober sind alle mit den Vorbereitungen beschäftigt. Tänze und das Krippenspiel werden eingeübt, die Dekoration wird gebastelt. Sterne und Weihnachtsbilder finden ihren Platz in der Festhalle. Jedes Kind ist in die Vorbereitung mit eingebunden.
Janet und Lili gehören mit einigen anderen Kindern dem Kirchenchor an. Jetzt, zwei Wochen vor dem Fest beginnen die »Choral-Rounds«, das Weihnachtsliedersingen. Der Chor geht von Haus zu Haus und singt Weihnachtslieder. In jedem Haus werden die Sänger bewirtet mit Tee, Kaffee und Süßem. Zehn bis 15 Familien werden pro Abend besucht, so dass die ganze Gemeinde in den Genuss des Mini-Chorkonzertes kommt. Auch wenn Janet und Lili am Ende fast heiser vom vielen Singen sind, genießen sie doch diese Aufgabe.
Die Köchin Radha und drei Mädchen sind für drei Tage Helferinnen des »Sweetmakers«. Der Süßigkeitenhersteller baut den großen Kochtopf auf. Während er schon den Teig anrührt, füllen Radha und die Mädchen 30 Liter Öl in den Kochtopf. Das Mysore Pack, ein süßes Konfekt aus Kichererbsenmehl, und die salzigen Murukku aus Reismehl müssen im Öl zum Ausbacken schwimmen. Zu Weihnachten werden die Süßigkeiten nicht nur gegessen, sie werden auch an Nachbarn und Arme, egal ob Christen, Hindus oder Moslems verteilt. Der Geruch im Heim verbreitet sich und allen läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Man kann Weihnachten deutlich riechen.
Julie und Malathi dürfen mit anderen Kindern den Weihnachtsbaum schmücken. Natürlich findet sich keine Tanne in Indien, aber der Casuarina-Baum, der einer Kiefer ähnelt, ist ein fantastischer Weihnachtsbaum.
Weihnachtskarten, Luftballons, Girlanden und Sterne aus den Vorjahren finden ihren Platz am Baum.
Dann beginnt die Weihnachtsfeier des Mädchenheimes. Alle Eltern, Lehrer, die Nachbarn sind eingeladen, um die Feier mitzuerleben. Die Mädchen haben seit Oktober für das Programm geprobt. Der Stocktanz, der indische Tempeltanz, der Lichtertanz und die modernen Tänze werden mit Begeisterung vom Publikum aufgenommen. Das Krippenspiel ist der Höhepunkt: Die drei heiligen Könige kommen in goldenen Gewändern zur Krippe und bestaunen die Menschwerdung Gottes. Die Weihnachtsfeier endet mit der Verteilung der Geschenke – Süßigkeiten und ein neues Kleid. In jedem »Weihnachtshaus« in Indien schenken die Eltern ihren Kindern neue Kleidung, so sie in der Lage dazu sind. Die Eltern der Kinder aus dem Heim können das meist nicht. So ist die Freude umso größer, dass die Mädchen vom Kinderheim ein neues Kleid bekommen. Alle zeigen sich stolz untereinander ihre Geschenke.
Dann wird es Zeit für die meisten Mädchen sich von den Erzieherinnen zu verabschieden. Sie gehen in die Weihnachtsferien. Die Waisen bleiben im Heim. Das ist aber nicht nur traurig. Denn auf sie warten eine weitere Weihnachtsfeier im kleinen Kreis und die legendäre Talentshow. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte.
Von Ute Penzel
Italien: Eine höchst umstrittene »White Christmas«
17. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Die norditalienische Kleinstadt Coccaglio hat mit einer Kontrollaktion gegen Zuwanderer unter dem Motto »White Christmas« Proteste von Kirche, Gewerkschaften und Parlamentariern ausgelöst. Die von der Lega Nord regierte Kommune in der Nähe von Brescia kontrolliert mit der »Operation Weiße Weihnachten« bis Heiligabend den Aufenthaltsstatus von Zuwanderern. Falls diese abgelaufene Papiere vorweisen, verlieren sie ihren Wohnsitz.
Nach Auffassung des für Sicherheit zuständigen Stadtrats von Coccaglio, Claudio Abiendi, ist Weihnachten »nicht das Fest des Willkommens, sondern der christlichen Tradition, unserer Identität«. Bürgermeister Franco Claretti äußerte allerdings vorsichtig Verständnis für die Proteste. Die Bezeichnung »Operation Weiße Weihnachten« für Ausländerkontrollen sei »unglücklich«, gestand er ein. Der Name sollte demnach allein auf den Abschluss der Aktion am 24. Dezember hinweisen. Eine Anspielung auf die Hautfarbe derjenigen, die Weihnachten feiern, sei damit keineswegs gemeint. Die Stadtverwaltung setzt sich Claretti zufolge für die Integration von Zuwanderern ein, allerdings »auf der Grundlage genauer Zahlen«. Die Ausländerkontrollen dienen demnach einer statistischen Erhebung und nicht der Diskriminierung.
Claretti verteidigt die »Operation White Christmas« unter Hinweis auf Unterstützung seines Parteifreunds Roberto Maroni aus Rom. Der Innenminister habe die Aktion mit Vorschlägen für eine Umsetzung ohne juristische Schwierigkeiten unterstützt. Offenbar warnte er dabei nur vor juristischen Risiken, nicht vor der ungewollten Negativwerbung.
Während der Vatikan das Vorgehen der Behörden in der Kleinstadt kritisierte, verteidigte der örtliche Pfarrer den zuständigen Bürgermeister und den für Sicherheit zuständigen Stadtrat: »Coccaglio ist nicht rassistisch.«
Bürgermeister der Lega Nord machten zuletzt nicht nur durch Ausländerkontrollen in Coccaglio von sich reden, sondern auch durch die Aufforderung in San Martino dall’Argine bei Mantova illegale Zuwanderer anzuzeigen. Für die Fraktionsvorsitzende der Demokraten im Senat, Anna Finocchiaro, demonstriert die ehemalige Separatistenpartei damit ein »ausländerfeindliches, rassistisches und gewalttätiges Bild unseres Landes«.
Auf Druck der Lega Nord hatte Italien erst im Frühjahr gegen heftigen Widerstand aus Opposition und Teilen der Regierung den Straftatbestand der illegalen Einwanderung eingeführt. Nicht erst seitdem stellt sich die politische Stiftung des rechtsnationalen Kammerpräsidenten Gianfranco Fini von der Regierungspartei »Volk der Freiheit«, die Fondatione Farefuturo, in Zuwanderungsfragen auf die Seite der Opposition. Sie bezeichnete die Ausländerrazzia von Coccaglio schlicht als »vulgäre Instrumentalisierung« des Weihnachtsfests.
Bettina Gabbe
Nur 18 Zentimeter bis zum Untergang
10. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Noch bis zum 18. Dezember tagt in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen der Welt-Klimagipfel. Eine Nation allerdings fehlt am Verhandlungstisch, obwohl sie bedroht ist wie kaum eine andere: die Malediven.

Proben für den Ernstfall: Am 17. Oktober stiegen der maledivische Präsident Mohammed Nasheed und sein Kabinett in Taucheranzüge, um eine Kabinettssitzung unter Wasser abzuhalten. Foto: picture-alliance/dpa
Wir können uns die Teilnahme schlicht nicht leisten, unser Haushaltsdefizit war noch nie so hoch wie heute«, begründet der Präsident der Inselgruppe, Mohammed Nasheed, die Entscheidung. Das wenige Geld, das die Regierung trotz der globalen Wirtschaftskrise noch hat, ist wichtigeren Dingen vorbehalten. An erster Stelle einem Fonds, mit dem Nasheed ein neues Land für die rund 300000 Bewohner der Malediven kaufen will.
Denn den Trauminseln im Indischen Ozean, gelegen zwischen dem indischen Subkontinent und Afrikas Ostküste, droht der Untergang. Der höchste Punkt der gut 1000 Inseln liegt nur 2,4 Meter über dem Meeresspiegel. Das UN-Umweltprogramm (UNEP) geht davon aus, dass ein klimabedingter Anstieg des Meeresspiegels von nur 18 Zentimetern bereits weite Teile der Malediven unbewohnbar machen würde – die 60 Zentimeter, die manche Klimaforscher bis zum Jahr 2100 voraussagen, würden die Nation praktisch komplett verschwinden lassen.
Kein Wunder, dass Nasheed zu den lautstärksten Befürwortern eines verbindlichen Klimaabkommens gehört, über das in Kopenhagen verhandelt wird. »Wenn wir uns in Kopenhagen nicht auf eine Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad einigen, werden wir sterben«, warnt Nasheed, der Anfang des Monats einen Appell der vom Klimawandel bedrohten Nationen initiiert hat. »Was wir brauchen, ist ein Überlebenspakt, keinen Selbstmordpakt«, heißt es darin.
Um Öffentlichkeit für sein Anliegen zu schaffen, schreckt Nasheed vor nichts zurück. Mitte Oktober ließ der Präsident sein Kabinett in Taucheranzüge steigen, um bei einer Sitzung unter Wasser eine Erklärung zu ver-
abschieden, die zur Reduktion von Treibhausgasen in der industrialisierten Welt aufruft. Die Bilder gingen um die Welt. »Wenn die Malediven nicht gerettet werden, glaube ich kaum, dass es für den Rest der Welt noch Hoffnung geben wird«, verkündete der klatschnasse Präsident kurz danach.
Auch wenn die Regierung bereits für Landkäufe in Indien oder Australien spart, um die Bevölkerung notfalls umsiedeln zu können, hat man die Hoffnung auf den Malediven noch nicht aufgegeben. Auf einer kleinen Insel nördlich der Hauptstadt Male’ entsteht in den kommenden anderthalb Jahren die erste Windkraftanlage der Malediven, die die Hälfte des Strombedarfs decken soll.
»Wir tun das, weil wir ein Umweltbewusstsein haben«, so Nasheed, der von allen Entwicklungsländern Kohlendioxid-Neutralität fordert. »Wenn die, die am wenigsten haben, das meiste tun, welche Ausflucht gibt es dann noch für die Reichen, weiter untätig zu bleiben?« In zehn Jahren, so Nasheeds Vision, sollen die Malediven der erste CO2-neutrale Staat sein. Die Windanlage allein soll den Treibhausgasausstoß der Inselgruppe um ein Viertel senken.
Allzu groß scheint das Vertrauen der Insulaner auf erfolgreiche Klimaverhandlungen nicht zu sein. Davon zeugt Hulhumale’, eine Insel im Norden der Hauptstadt. Die Bewohner nennen sie schlicht »die Zukunft der Malediven«. Auf fast zwei Quadratkilometern sind hier seit 1997 Korallenschutt und Sand aufgeschüttet worden, bis das Atoll durchgehend auf zwei Metern über dem Meeresspiegel angehoben war. Erste Apartmentblocks, Läden und Moscheen stehen bereits. Bis 2020 soll hier ein Sechstel der Bevölkerung leben, vergleichsweise sicher vor dem Anstieg des Meeresspiegels. Eine Erweiterung ist bereits in Planung: Dann sollen 100000 Menschen auf der Rettungsinsel Unterschlupf finden.
(epd) Marc Engelhardt
Griechenland: Kirchlicher Protest gegen Sondersteuer
3. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Leere öffentliche Kassen und ein riesiger Schuldenberg – in Griechenland ist die Finanzlage hochgradig dramatisch. Höhere und neue Steuern sollen nach dem Willen der seit Oktober regierenden Sozialisten helfen, den Kollaps abzuwenden. Zu den anvisierten fiskalischen Neuerungen zählt auch eine einmalige Abgabe auf Immobilien. Besonders betroffen hiervon ist die griechisch-orthodoxe Kirche. Sie ist nach dem Staat der größte Land- und Hausbesitzer.
Der Klerus läuft Sturm gegen das »Unrecht«. Die Sondersteuer soll für die Kirche bei Grundstücken mit einem Wert ab 600000 Euro um 0,3 Prozent über dem Normalsatz liegen. »Weder Krieg noch eine Katastrophe« seien die Ursache für die aktuelle Situation, sondern allein eine missglückte Wirtschaftspolitik, sagt Erzbischof Theoklitos von Ioannina, oberster kirchlicher Finanzverwalter. Er stellt klar: »Wir weigern uns, für die Fehler anderer Leute zu zahlen.«
Nach den Plänen von Ministerpräsident Georgios Papandreou soll mit der Immobilien-Steuer die staatliche Unterstützung für arme Familien mitfinanziert werden. Die Regierung rechnet mit rund einer Milliarde Euro an Einnahmen. Die orthodoxe Kirche aber kontert, dass sie bereits »ein großes karitatives Werk« erbringe, dessen Fortbestehen nun bedroht sei. Sie unterhalte mehr als 800 Einrichtungen wie Waisenhäuser, Kindergärten, Kliniken oder Tafeln für Armenspeisungen. Erzbischof Theoklitos wirft der Regierung vor: »Sie nehmen es von den Bedürftigen für die Bedürftigen.«
Wenn schon die Steuer, dann solle die Kirche auch nur den normalen Satz zahlen. Und: Die Abgabe solle nur auf das Immobilienvermögen erhoben werden, das von der Kirche auch genutzt werden könne. Theoklitos erinnert zudem daran, dass der griechische Staat die Kirche schon mehrmals zur Ader gelassen habe. Zuletzt im Jahr 1952, als der bis heute gültige Staat-Kirche-Vertrag geschlossen wurde.
Das aktuelle Immobilienvermögen der orthodoxen Kirche Griechenlands belaufe sich auf rund 702 Millionen Euro, gab Theoklitos bekannt. Das Aktienvermögen bezifferte er auf neun Millionen Euro. Sollte es zur Auferlegung neuer Steuern kommen, würden die Körperschaften der Kirche vor dem Bankrott stehen, klagte der kirchliche Chef-Kassenwart. Doch auch der Staat hat gravierende Probleme: Das Haushaltsdefizit beträgt
12 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die Regierung hält sich mit öffentlichen Reaktionen auf die Position der Kirche noch bedeckt. Doch hitzige Debatten scheinen gewiss.
Giorgio Tzimurtas
Im Rollstuhl und voll im Geschäft
26. November 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Brot für die Welt: Hilfe zur Selbsthilfe – Mikrokredit verhilft Behindertem in Simbabwe zu Telefonladen
Richman Sinyoro sprüht vor Tatendrang. Dabei haben es Behinderte im politischen und wirtschaftlichen Chaos seiner Heimat Simbabwe besonders schwer.

Mit Energie in ein selbstbestimmtes Leben: Richman Sinyoro auf den Straßen von Bulawayo im südafrikanischen Simbabwe, im Hintergrund seine Frau Ntokozo Ngwenya, die ebenfalls behindert ist. Foto: epd-bild
Oft werden Behinderte in Afrika diskriminiert, und für viele Abergläubische hat Behinderung mit Hexerei zu tun. Doch der 43-Jährige im Rollstuhl, der mit Hilfe der evangelischen Hilfsorganisation »Brot für die Welt« eine eigene Firma in Simbabwe gegründet hat, steckt nicht auf.
Seine Frau Ntokozo Ngwenya mitgezählt, beschäftigt er schon drei Angestellte. »Und das Schulgeld für meine Kinder kann ich auch bezahlen«, berichtet der fünffache Vater bei einem Besuch in Bremen. Als Dreijähriger war Sinyoro an Kinderlähmung erkrankt. Seither kann er nur noch den Oberkörper und die Arme richtig bewegen und einsetzen.
Es wird geschätzt, dass etwa zehn Prozent der rund 12,4 Millionen Menschen in Simbabwe behindert sind. Für sie gibt es unter dem autoritären Präsidenten Robert Mugabe von Regierungsseite kaum Hilfen. Deshalb arbeitet »Brot für die Welt« seit mehr als 20 Jahren eng mit der nichtstaatlichen »Jairos Jiri Association« zusammen, die derzeit landesweit in Kliniken, Schulen und Zentren etwa 5000 behinderte Menschen fördert.
Auf seiner Deutschlandreise informiert Sinyoro über Kleinstkredite. Denn es war ein Mikro-Darlehen in Höhe von umgerechnet etwa 80 Euro, der ihm den Aufbau einer neuen Existenz ermöglichte. »Jairos Jiri hat mich ausgebildet und mir einen Job in einer Textilfirma vermittelt. Ich habe dort hart gearbeitet, aber immer zu wenig verdient. Meine Kinder konnten nicht zur Schule gehen«, sagt er.
Sinyoro sitzt zwar immer noch im Rollstuhl, ist aber auch voll im Geschäft: In der Provinzhauptstadt Bulawayo gründete er einen Telefonladen: »Die Menschen haben keine eigenen Anschlüsse zu Hause und wollen trotzdem zu jeder Tageszeit telefonieren. Also muss ich für sie da sein.« Den Call-Shop verband er mit einer Schneiderei und konnte den Kredit bald zurückzahlen. »Spitzenqualität in Schneiderei und Telefonie« steht als Slogan an seinem Geschäft.
Mit dem zurückgezahlten Mikrokredit wurde der nächste Existenzgründer gefördert. Die Lage in Simbabwe ist weiter schwierig, die Regierung gespalten. Nachdem eine galoppierende Inflation den Wert des Simbabwe-Dollars auffraß, zeigen Stabilisierungsmaßnahmen erste Wirkung. Gezahlt wird nun mit US-Dollars, dem südafrikanischen Rand oder dem botswanischen Pula. Die Regale vieler Geschäfte sind wieder voll, aber die Waren bleiben für viele Menschen unerschwinglich.
Trotzdem schmiedet Sinyoro Zukunftspläne. Eine weitere Telefonanlage und zwei Industrienähmaschinen stehen bereit. »Sobald Geld da ist, lege ich los«, hat er sich vorgenommen und betont: »Ich will zeigen, dass es sich lohnt, behinderten Menschen eine Chance zu geben.«
Dieter Sell (epd)
»Essen gehört nicht in den Müllcontainer«
Die 51. Spendenaktion von »Brot für die Welt« startet am 1. Advent mit einem Festgottesdienst in München. Sie steht unter dem Motto »Es ist genug für alle da«. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass vor allem die Menschen in den Industrieländern ihren Lebensstil ändern müssten, so »Brot«-Direktorin Cornelia Füllkrug-Weitzel.Essen gehöre nicht in den Müllcontainer, sondern »in die Bäuche der Hungernden«, setzt sie hinzu.
Spendenkonten:
Diakonisches Werk Mitteldeutschland, Evangelische Kreditgenossenschaft (EKK), BLZ 52060410, Konto 8008000Diakonisches Werk Sachsen, Landeskirchliche Kreditgenossenschaft (LKG), BLZ 85095164, Konto 100100100
Stichwort »Brot für die Welt« angeben sowie (falls benötigt) Name und Anschrift für die Spendenquittung.
Von der Pleiße auf den Ölberg
19. November 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Begegnung in Jerusalem: Ein Leipziger Malermeister restauriert den Festsaal der Himmelfahrtskirche

Als Leipziger in Jerusalem: Malermeister und Restaurator Wolf-Christian Heindorf mit Sohn Peter vor der Auferstehungskirche. Foto: Harald Krille
Wolf-Christian Heindorf weiß genau, worauf es ankommt: »Die Farben dürfen nicht decken, sie müssen lasierend wirken.« Und: »Es geht gar nicht um Perfektion im Detail, sondern um den perfekten Gesamteindruck«, erklärt er im hellen Sonnenschein auf dem Jerusalemer Ölberg. Der Leipziger Malermeister und Restaurator gilt in der Messestadt seit Jahren als Spezialist für die Restaurierung von Gebäuden aus der Zeit des Historismus. Die hat Leipzig reichlich zu bieten, so dass Heindorf bisher, außer einem Auftrag in Bernburg, noch nie außerhalb gearbeitet hat.
Seit wenigen Wochen aber ist er mit seinem 21-jährigen Sohn Peter und drei weiteren Mitarbeitern in Jerusalem beschäftigt. Ihre Aufgabe: Bis Weihnachten soll der Festsaal der von Kaiser Wilhelm II. als Zeichen der Präsenz des deutschen Protestantismus im Heiligen Land gestifteten Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg im alten Glanz erstrahlen. »Mein erster Auslandsauftrag und dann gleich hier, wo sozusagen alles begann«, zeigt sich der Meister begeistert. Für den evangelischen Christen ist es mehr als nur ein gewöhnlicher Auftrag.
Begonnen hatte alles mit einem Anruf der Leipziger Kulturstiftung im Frühjahr diesen Jahres. Deren Geschäftsführer Wolfgang Hocquél hatte anlässlich eines Besuches in Jerusalem dem Leiter des evangelischen Zentrums auf dem Ölberg, Pfarrer Michael Wohlrab, Unterstützung bei der Sanierung des Saales zugesagt. Während die Kirche schon Ende der 80-er Jahre von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) restauriert wurde, zeigte der Saal noch die Folgen des Erdbebens von 1927. In Jerusalem fehlte es vor allem an Spezialisten für die Restaurierung anspruchsvoller Ausmalungen aus der Zeit des deutschen Historismus. Und auch an den benötigten Materialien. Deshalb flog Wolf-Christian Heindorf im Mai nach Israel, erstellte zunächst eine Befundsanalyse, eine Kalkulation – »na und dann wurde da eben ein Auftrag draus«, so der Restaurator.
»Meine Frau hat allerdings erst mal die Hände über den Kopf zusammengeschlagen«, berichtet er. »Sie wissen schon, die Medienhysterie von wegen Gewalt und Terror …« Nach einer gemeinsamen Urlaubswoche in Jerusalem war sie dann aber überzeugt, dass es dort nicht gefährlicher als in Leipzig ist und der Auftrag natürlich eine große Chance bietet. Seitdem hält sie ihrem Mann zu Hause den Rücken frei. »Denn ich musste natürlich auch einige lukrative Aufträge in Leipzig absagen«, konstatiert Heindorf.
Der Festsaal soll als Teil des Evangelischen Pilger- und Begegnungszentrums der Kaiserin Auguste Victoria-Stiftung als repräsentativer Raum für Empfänge, Vorträge oder Theaterabende zur Verfügung stehen. Wobei sich die Verantwortlichen der EKD im Heiligen Land besonders dem Gespräch und der Begegnung zwischen Juden, Christen und Moslems verpflichtet sehen. Im restaurierten Saal wird dann auch wieder das inzwischen in Deutschland restaurierte großformatige Barbarossa-Gemälde des Leipziger Künstlers Max Seeliger (1865–1920) seinen Ehrenplatz einnehmen.
Bis dahin ist für die fünf Leipziger Restauratoren allerdings noch viel zu tun. Dennoch: »Wir halten Sonntagsruhe wie in der Heimat«, betont der Meister. Am Sonnabend wird in der Regel ein halber Tag für einen kleinen Kulturausflug in Jerusalem und der Umgebung genutzt, am Sonntag steht meist eine größere Unternehmung auf dem Programm. »Demnächst wollen wir uns mal die Bauhausarchitektur in Tel Aviv ansehen, verrät Heindorf noch, bevor er mit seinem Sohn wieder auf das Gerüst muss. Denn auf Termintreue kommt es dem Meister schließlich auch an.
Harald Krille
Kalaschnikow für einen Sack Mais
13. November 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Berichtet: In Afrikas Kriegen tragen oft Kindersoldaten die AK 47 – Erfinder Michail Kalaschnikow wird 90
Sie ist ein wahrhaft globaler Akteur: Kein bewaffneter Konflikt der letzten Jahrzehnte fand in der Welt ohne das russische Sturmgewehr statt.

»Kinderleicht« zu bedienen: Ein 12-jähriger Junge mit einer AK 47 – das Bild entstand 2003 im Kongo. Foto: picture-alliance/dpa/dpaweb
1947 ging das Sturmgewehr in Produktion. Mehr als 60 Jahre später ist es immer noch in fast allen Krisenherden der Erde im Einsatz. »Niemand weiß wirklich genau, wie viele AK-47 im Umlauf sind«, sagt Wolf-Christian Paes vom Internationalen Konversionszentrum (BICC) in Bonn. Denn zahlreiche Länder bauten die Waffe in den vergangenen Jahrzehnten nach. Es gibt Produkte mit Lizenz, ohne Lizenz, nachgebaute Gewehre, das Nachfolgemodell AK-74. Schätzungen gehen von 60 bis 100 Millionen Kalaschnikows auf der Welt aus.
Handfeuerwaffen sind »Massenvernichtungswaffen«
Unter den mehr als 500 Millionen Kleinwaffen weltweit ist sie damit das am meisten verbreitete Sturmgewehr – und beteiligt am Tod vieler Menschen. »Die meisten Opfer in Konflikten werden durch Kleinwaffen getötet«, sagt Andreas Rister, Experte für Kinder in Konflikten bei der Hilfsorganisation »terre des hommes«. Sie seien die eigentlichen »Massenvernichtungswaffen«.
Nach UN-Angaben kommen täglich zwischen 800 und 1000 Menschen durch Kleinwaffen um. Und weil diese Revolver, Gewehre und Maschinenpistolen leicht sind, machen sie auch Kinder zu Tätern: Mehr als 300000 Minderjährige werden weltweit als Kindersoldaten eingesetzt.
Daran hatte Michail Kalaschnikow sicher nicht gedacht, als er 1941 im Lazarett lag und grübelte, wie er eine neue Waffe erfinden könnte. Sein Panzer war von der deutschen Wehrmacht zerstört, er selbst verletzt worden. Die Zeit der Genesung nutzte er, um ein neues Gewehr zu entwickeln. Er studierte Fachliteratur, diskutierte mit Bettnachbarn über die Vor- und Nachteile verschiedener Waffenmodelle.
Kalaschnikow wurde am 10. November 1919 in dem Dorf Kurja in der Altai-Region geboren. Er war eines von insgesamt 18 Kindern. Die Familie litt unter dem kommunistischen Terror, sie wurde nach Sibirien deportiert. Doch Kalaschnikow gelingt der langsame Aufstieg in der Sowjetunion. Im Zweiten Weltkrieg bringt er es erst zum Oberfeldwebel und Panzerkommandanten, durch die Konstruktion »seiner Waffe« wird er berühmt.
Technisch überholt, aber unverwüstlich
Die AK-47 galt bei den Militärs als perfekt. Sie funktioniert bei Kälte und bei Hitze, im Sumpf und in der Sahara, ist einfach zu bedienen und leicht zu reinigen. »Heute gibt es natürlich längst modernere Waffen, aber die Ka-
laschnikow ist Jahrzehnte haltbar, und deshalb immer noch so verbreitet«, erläutert Wolf-Christian Paes. Zudem sei sie billig. In einigen Ländern koste die AK-47 1500 US-Dollar, in anderen 300 Dollar oder weniger. Nach Angaben des Kinderhilfswerks UNICEF bezahlt man für eine Kalaschnikow in Nord-Uganda so viel wie für ein Huhn, in Angola bekomme man die Waffe für den Gegenwert eines Sackes Mais.
Michael Swoboda, Geschäftsführer der Firma German Sport Guns in Ense-Höingen bei Arnsberg in Nordrhein-Westfalen, glaubt, dass Kalaschnikow diese Entwicklung nicht gewollt habe. Er hat den russischen Konstrukteur im Dezember 2007 selbst getroffen. »Er kam zu uns ins Sauerland, um sich zu überzeugen, dass wir nur für zivile Zwecke produzieren«, erzählt Swoboda. Seitdem darf das Unternehmen unter dem Namen »Kalaschnikow« ein Sportgewehr herstellen.
Es ist die einzige Lizenz für Neuproduktionen weltweit. Auch eine kleine Ironie der Geschichte: Um Deutschland zu besiegen, ersann der von der deutschen Armee verletzte Kalaschnikow im Lazarett die Entwicklung einer modernen Waffe. Jetzt baut eine Firma aus dem Land des einstigen Gegners »sein Gewehr« für zivile Zwecke nach. (epd)
Von Michael Ruffert
Großbritannien: Kirche zwischen Teufel und Beelzebub
6. November 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Karl Pechatscheck berichtet für unsere Zeitung aus Großbritannien.
Da hat wohl einer in England nicht so genau hingeguckt, bei Matthäus 6, Vers 24. Denn dort heißt es eben gerade nicht: »Ihr sollt Gott und den Menschen durch den Mammon dienen.« Was mag wohl Vertreter der anglikanischen Kirche bewogen haben, sich jetzt öffentlich gegen die neue Europäische Richtlinie zur Regulierung der berüchtigten Hedgefonds zu wenden? Ein echtes Eigentor, möchte man meinen, lädt diese Forderung doch gerade dazu ein, sich des reichen einschlägigen Zitatenschatzes aus Neuem wie Altem Testament mit Empörung oder gar Häme zu bedienen.
Das aber, so verständlich es scheinen mag, ginge genauso am Kern des Problems vorbei, wie die absurde Argumentation der Kirchenfinanziers von Canterbury und York selbst. Die fürchten, so sagen sie, dass die Grundlage für ihre kirchliche Wohltätigkeit in Gefahr sei, wenn man kirchliches Geld nicht mehr optimal – will heißen risikoreich – aber mit hohem Zinsertrag anlegen könne, oder wenn gar die besten Fondsmanager aus Europa abwanderten. Deshalb solle man ihnen und eben auch den kirchlichen Managern mehr Spielraum zugestehen, als die EU jetzt vorsieht.
Recht kurz gegriffen, das Argument. War es doch gerade der übergroße und unkontrollierte Spielraum der Manager, der viele Menschen aktuell in Armut brachte, die jetzt womöglich auf die Wohltätigkeit auch der Anglikanischen Kirche angewiesen sind. Womit sich der Kreis schließt: Der Fondsmanager verursacht die Armut, gegen die die Anglikanische Kirche hilft, auf der Basis von Erträgen, die der Fondsmanager optimieren soll. Der sprichwörtliche Teufel also, der durch Beelzebub ausgetrieben werden soll, um noch einmal das Neue Testament (Lukas 11, Vers 15) zu Wort kommen zu lassen.
Das Problem liegt natürlich tiefer. Niemand wird den Kirchen das Recht und die Pflicht bestreiten wollen, mit ihren Geldern sorgsam umzugehen, auch und gerade um da aktionsfähig zu bleiben, wo die Not der Menschen drückend und bedrückend ist. Die Kirchen müssen sich in dieser Welt, so wie sie nun einmal ist, einrichten. Sich nicht der gängigen finanztechnischen Strukturen zu bedienen, wäre sträflicher Leichtsinn. Hat sie aber auch etwas zu sagen, zu diesem einen Teufel, dem Mammon, der womöglich schon wieder dabei ist, die nächste Spielrunde an den Börsen dieser Welt zu eröffnen? Die christlichen Kirchen haben sich oft mit viel Mut gegen Strömungen des Zeitgeistes gewendet, wenn es um den Kern ihrer Botschaft ging, die sie bedroht sahen durch Hedonismus und Gier, durch Geiz und Rücksichtslosigkeit. Sind es aber nicht gerade diese apokalyptischen Reiter des internationalen Finanzmarkts, gegen die jetzt zu predigen wäre?
Karl Pechatscheck
Vergessene Minderheit
30. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Evangelische Deutsche im Banat: Pfarrer legt 380 Kilometer zu den Sonntagsgottesdiensten zurück
Wenn von deutschen Gemeinden in Rumänien die Rede ist, denkt jeder zuerst an die traditionsreichen evangelischen Siebenbürger Sachsen. Kaum jemand weiß, dass es im Banat auch evangelische Gemeinden deutscher Provenienz gibt.

Auswanderer aus Birda in der alten Heimat zur Kirchweih. Foto: Jürgen Henkel
Manchmal weiß Walter Sinn aus Semlak im Banat selbst nicht mehr so genau, was er ist: Pfarrer oder Fahrer. Wenn der 50-jährige Pfarrer der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses (A. B.) in Rumänien zu seinen Gemeinden fährt, um dort Gottesdienste zu halten, dann kommen schon einmal 380 Kilometer und drei Gottesdienste an einem Sonntag zusammen. Der Seelsorger betreut rund 200 evangelische Deutsche im Banat, jener Region, in deren Metropole Temeswar die Revolution gegen Diktator Ceausescu 1989 ihren Ausgang nahm.
Was sich auf den ersten Blick wie eine traumhafte Zahl an Seelen pro Pfarrer anhört, erweist sich bei näherem Hinsehen als Flickenteppich. Die Gemeinden erstrecken sich von Semlak an der rumänisch-ungarischen Grenze aus über das halbe Banat. Dazu gehören die Orte Engelsbrunn, Liebling, Birda, Klopodia und Kleinschemlak. Zum Vergleich: Die Orthodoxe Kirche hat in diesem Gebiet vier Bistümer.
Auch in diesen Gemeinden hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts ihre Spuren hinterlassen. Lebten 1940 noch über 4000 Gemeindeglieder allein in der Gemeinde Liebling, so flohen im September 1944 binnen weniger Stunden über 2000 Deutsche vor der anrückenden Roten Armee nach Deutschland. Die Lebensbedingungen der Diktatur unter Ceausescu führten dazu, dass ab den 70er Jahren auch noch die restlichen Gemeindeglieder fast vollständig ausgewandert sind. Nach einem Geheimabkommen des Diktators mit Bundeskanzler Helmut Schmidt zahlte die Bundesregierung dem Regime ein Kopfgeld von 8000 Mark pro Auswanderer. Die Freiheit nach 1989 nutzten viele ebenfalls zur Auswanderung. Heute zählt die Gemeinde 30 Seelen.
Seit 1985 ist Sinn nun in Semlak. Heute hat der Pfarrer 120 Seelen im Ort zu betreuen, rund 80 in den anderen Gemeinden. Wobei die Situation nicht überall so endzeitlich ist wie in Engelsbrunn, wo mit Elisabeth Müller und Maria Krumbacher gerade noch zwei alte Frauen leben, beide weit über 70 Jahre alt.
Bis zur Wende gab es immer vier bis sechs evangelische Pfarrer im Banat. Die meisten sind ebenfalls ausgewandert, sehr zum Kummer der Gemeindeglieder. Pfarrer Sinn hat sich bewusst zum Bleiben entschlossen und dient seinen Gemeinden hier zu einem Bruchteil des Gehalts, das er heute als Pfarrer oder mit einer anderen Arbeit in Deutschland verdienen würde. »Ich muss hier als Seelsorger die Stellung halten und fühle mich verpflichtet, dieses Amt auszuüben, solange es noch geht«, sagt er dazu. Die verbliebenen Deutschen stört es durchaus, dass sie von manchen Ausgewanderten doppeldeutig als »die Zurückgebliebenen« tituliert werden und sie ihr Bleiben begründen müssen.
Es gibt kaum Kinder und Jugendliche, der Pfarrer hält mangels »Kundschaft« keinen Religions- und Konfirmandenunterricht. Alle zwei oder drei Jahre gibt es eine Taufe oder Trauung, dann meist schon aus konfessionellen Mischehen. Neben den Evangelischen leben Orthodoxe, Katholiken und Reformierte vor Ort, die Beziehungen der Kirchen untereinander sind gut. Über Arbeitsmangel braucht sich der Pfarrer trotz der niedrigen Seelenzahlen nicht zu beklagen. Er ist nicht nur Prediger, Seelsorger und Fahrer, sondern auch Handwerker und »Mädchen für alles«, denn die finanzielle Lage der Gemeinden, die mit niedrigen Kirchenbeiträgen zurechtkommen müssen, erlaubt es nicht, immer professionelle Firmen zu beauftragen. Walter Sinn sieht seine Rolle nicht als kirchlicher Konkursverwalter: »Noch leben die Gemeinden wie ein heiliger Rest und wir müssen die Kirchen noch nicht zusperren.« Schmunzelnd verweist er auf Engelsbrunn: »Dort habe ich meist 100 Prozent Gottesdienstbesucher, denn beide Frauen kommen zum Gottesdienst.« Und es werden sogar Kirchen renoviert, auch mit finanzieller Hilfe der ausgewanderten Gemeindeglieder.
Die Renovierung der Kirchen trotz des Niedergangs der Gemeinden hat für Pfarrer Sinn auch eine kulturhistorische Bedeutung: »Die Kirchen sind ein Kulturgut, das nicht zugrunde gehen darf. Wir haben die Aufgabe, diese Kulturgüter aufrechtzuerhalten und zu pflegen, solange es geht. Sie sind ein Beweis der Existenz der Deutschen in diesem Land«, sagt er.
Einen Kampf führt der Geistliche auch um die Rückgabe von enteigneten Gebäuden und Grund. Die Bürgermeisterin von Semlak, Letitia Stoian, verhindert mit allen Mitteln die korrekte Rückgabe, die den Gemeinden dringend benötigte finanzielle Einkünfte bringen würden. Sie missachtet sogar entsprechende Gerichtsbeschlüsse und deklariert Kircheneigentum kurzerhand zu »öffentlichem Besitz«. Jetzt ermittelt die rumänische Antikorruptionsbehörde DNA und der kämpferische Pfarrer hat sogar Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eingereicht. »Unsere Bürgermeisterin ist kommunistischer als es Ceausescu war«, schimpft er.
Von Jürgen Henkel
Dänemark: Im Königreich tobt ein Glockenstreit
22. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Benjamin Lassiwe berichtet für unsere Zeitung aus Dänemark.
Doch das Glockenläuten in Dänemark ist seit alters her geregelt. Das »Danske Lov« von 1683 schreibt den Kirchengemeinden bis heute vor, beim Aufgang der Sonne und ihrem Untergang die Glocken zu läuten. Außerdem läuten die Kirchenglocken bei Gottesdiensten oder bei Beerdigungen, wobei jeweils 100 bis 150 Glockenschläge vorgeschrieben sind. »Kirchenglocken dürfen nicht für weltliche Zwecke benutzt werden«, erklärte die dänische Kirchenministerin Birthe Rønn Hornbech der Kopenhagener Tageszeitung »Politiken«. Ausnahmen seien Gefahrensituationen, etwa eine Mobilmachung oder eine Brandkatastrophe. Für ein Glockenläuten zum Klimagipfel hätte ihr Ministerium eine Genehmigung erteilen müssen – dies sei aber bislang nicht geschehen.
Dabei droht den dänischen Glocken auch von anderer Stelle Ungemach. Der Kirchenausschuss des dänischen Parlaments will demnächst überprüfen, ob das Glockenläuten mit einer zu großen Lärmbelästigung verbunden sei. Bislang betrachte das dänische Umweltministerium das Geläute ähnlich wie die Sirene eines Einsatzfahrzeugs als »gesellschaftlich akzeptierter Lärm«, schreibt das in Kopenhagen erscheinende »Kristeligt Dagblad«. Nun aber wollen verschiedene dänische Politiker das Geläut reduzieren. Kirchenglocken sollten nicht lauter sein dürfen als Rockkonzerte oder Autobahnen, meint etwa die kirchenpolitische Sprecherin der sozialliberalen »Radikalen Venstre«-Partei, Bente Dahl. »Wir befinden uns heute in einer anderen Situation als 1683, und die Kirchen sollten den gleichen Regeln unterworfen werden wie alle anderen auch.«
Den Lektor für praktische Theologie an der Universität Kopenhagen, Hans Ravn Iversen, überrascht das indes nicht. »Wir diskutieren über die Frage, wie viel Platz für die Religion in der Gesellschaft ist«, sagte er dem »Kristeligt Dagblad«. »Der Grund dafür, dass so viele Politiker über das Thema Kirchenglocken diskutieren, ist doch, dass sie keine Lust auf Minarette von Moscheen haben – da können wir doch genauso gut die Glocken stilllegen, damit wir alle Ruhe haben.« Enden werde das allerdings damit, dass alle »vor Langweile sterben – anstatt dass wir uns eingestehen, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft mit zahlreichen Traditionen leben, die alle ein Recht haben, im öffentlichen Raum präsent zu sein.«
Benjamin Lassiwe
Privatschulen für Arme
15. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Bericht: Mikrokredite für die Bildung – private Alternativen ergänzen in Ghana das staatliche Schulsystem

Comfort Amofahs ganzer Stolz: Das neue Wellblechdach ihrer Schule konnte sie Dank eines Mikrokredits finanzieren. Fotos: Uwe Pollmann
Hierzulande haben sie den Ruch des Elitären. Doch in Westafrika gibt es Privatschulen für Arme.
Und die zahlen sogar gern einen kleinen Obolus.
God bless our homeland Ghana!« Rund 150 Kinder schmettern beim Morgenappell auf einem sandigen Schulhof die Nationalhymne. Dann marschieren sie stolz und mit schwingenden Armen in die Klassen eines einfachen Holzgebäudes. Die kleine Schule im Dorf Bonuso in Zentralghana ist die Einzige weit und breit. Gegründet wurde sie vor fünf Jahren von der 64-jährigen Comfort Amofah.
»Ich wollte meiner Gemeinde und meinem Land helfen«, sagt die Witwe, die früher als Bäckerin gearbeitet hat. »Ich wollte den Eltern eine Schule für ihre Kinder bieten.« Denn öffentliche Schulen sind in dem 23-Millionen-Einwohner-Land Ghana in Westafrika hoffnungslos überfüllt. 50 bis 80 Kinder sitzen in einer Klasse, sagt Comfort Amofah, deshalb brauche man mehr Schulen.
»Ich wollte meinem Land helfen«
Mit acht Kindern begann die kleine, resolut auftretende Frau: »Anfangs habe ich sie von zu Hause abgeholt, manchmal noch angezogen und dann mitgenommen in das Haus eines Verwandten. Aber als es mehr wurden, mussten wir dort raus und ich habe diese Schule aufgebaut.«

Kleine Klassen, mehr Zuwendung, besserer Lernerfolg
Es gibt mittlerweile Hunderte kleiner Privatschulen in Ghana. Viele können erst dadurch bestehen, dass sie günstige Kredite bekommen. Diese erhalten sie von der ghanaischen Mikrofinanzorganisation Sinapi in Kooperation mit der christlichen Organisation Opportunity International. »Die meisten Schulen hier haben nichts, nicht mal Bücher«, sagt Sinapi-Chef, Aaron Opoku-Ahene. »Aber mit etwas Unterstützung können sie das kaufen und sich erweitern.« Viele Menschen auf dem Land hätten so Zugang zu besserer Bildung.
In der staatlichen Schulbehörde in der Hauptstadt Accra kann der Leiter dem nur beipflichten. James Nii-Okaiga Dinsey berichtet, dass in den letzten Jahren immer mehr Schüler in die öffentlichen Schulen gesteckt wurden. Doch der Platz blieb gleich. »Die Privatschulen sind eine wichtige Ergänzung. Die Regierung kann nicht allen schulpflichtigen Kindern eine Schulbildung bieten.« Auch das UN-Millenniumsziel, allen Kindern bis 2015 den Zugang zu einer Schule zu ermöglichen, sei ohne die engagierten Schulgründer nicht zu erreichen.
Wichtiger Schritt zu den UN-Millenniumszielen
Und dann ergänzt Dinsey ungefragt: »Viele dieser Schulen sind besser als unsere.« Das sei aber auch kein Wunder, denn der Bildungsetat sei zu klein. Der Behördenleiter bestätigt damit Studien des britischen Bildungsexperten Professor James Tooley, der in Afrika und Asien festgestellt hat, dass Privatschulen in Slums erstaunliche Bildungserfolge erzielen.
Gefördert werden die Kreditprogramme der ghanaischen Mikrofinanzierer darum auch von Opportunity International Deutschland mit Sitz in Bielefeld. Ghana sei Vorreiter, sagt Geschäftsführer Stefan Knüppel. Auch in Uganda, Kenia, Malawi, Indien und auf den Philippinen fördere man solche Programme.
Knüppel, ein Ex-Manager (der vor einigen Jahren aus einem großen Unternehmen ausgestiegen ist), weiß, dass Bildung ein öffentliches Gut ist: »Eigentlich geht das nicht, dass man für Grundbildung Geld zahlen muss. Aber wenn der Staat dazu nicht in der Lage ist, müssen private Initiativen einspringen.« Die Alternative wäre, dass die Kinder in überfüllten Klassen sitzen oder gar nichts lernen.
Um die Privatschulen für Arme fit zu machen im Bildungswettbewerb, bietet Opportunity in Ghana den Schulgründern einen Austausch untereinander an. Auch Comfort Amofah spricht viel mit anderen Schulen. Mit ihrer Dorfschule ist sie aber noch nicht zufrieden. Mit der Hilfe der Mikrofinanzierer will sie »ein richtiges Schulgebäude aus Stein« bauen. Wenn der jetzige Kredit abbezahlt sei, wolle sie einen neuen aufnehmen. »Dann soll es richtige Klassenräume, Toiletten, einen Computerraum und ein Büro geben.«
Sagt es und ist schon wieder draußen auf dem Schulhof. Denn es ist bereits Mittagszeit in der Dorfschule in Bonuso und die Schüler sind hungrig. Schon steht die drahtige Frau am Essenstand, den zwei Mütter leiten, und hält all ihre Schützlinge zunächst zum Händewaschen an.
Uwe Pollmann
Der Feindschaft verweigert
8. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Porträt: Der palästinensisch-christliche Friedensaktivist Daoud Nassar will auf jeden Fall gewaltfrei bleiben
Auf dem väterlichen Land lädt Daoud Nassar zu Friedensbegegnungen ein. Doch seit Jahren muss er um dieses Erbe vor Gerichten kämpfen.

Hält an der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit fest: Daoud Nassar, Foto: Johannes Zang
Daoud – zu Deutsch David – besitzt ein 42 Hektar großes Stück Land südlich von Bethlehem, 950 Meter über dem Meeresspiegel. Von dort lässt sich das nach Westen abfallende Plateau des West-Jordanlandes überblicken, bei guter Sicht ist das Mittelmeer zu erkennen.
Daouds Großvater Daher – daher der Name Dahers Weinberg für das umkämpfte Land – hat dieses 1916 von einem palästinensischen Bauern aus Nahalin gekauft. Später zog er mit seiner Familie dorthin. Sie lebten in einer Höhle und begannen, Bäume zu pflanzen, von Granatapfel über Mandel bis zu Feigen und Oliven sowie Rebstöcke.
Einen ersten Einschnitt in die Ruhe auf dem Weinberg brachte das Jahr 1990. Daoud hörte, dass israelisches Militär und jüdische Siedler auf seinem Grundstück gewesen seien, stellte Nachforschungen an und erfuhr, dass das gesamte Gebiet um Dahers Weinberg Staatsland sei; binnen 45 Tagen könne gegen den Bescheid Widerspruch eingelegt werden. Seitdem hat Daoud Nassar keine Ruhe mehr, geht bei Rechtsanwälten ein und aus, muss vor dem Militärgericht erscheinen, Zeugen beschaffen und Gutachten anfertigen lassen. Selbst für das Aufstellen eines Zeltes benötigt er die Zustimmung der Militärbehörde, da sein Grundstück im C-Gebiet des West-Jordanlandes liegt, wo die palästinensische Behörde nichts und Israel alles zu sagen hat.
Einmal teilte diese Behörde ihm mit: »Ein großer Teil des Landes ist nicht kultiviert, was kultiviert ist, gehört euch, der Rest fällt an den Staat.« Daoud musste Augenzeugen bringen, um die Bearbeitung des Landes nachzuweisen. Er gewann 50 Angehörige, Nachbarn und Freunde, um auszusagen. Zwischen vier und fünf Stunden mussten sie in der Hitze warten, dann teilte man ihnen mit: »Heute haben wir keine Zeit mehr. Kommt morgen wieder.« Daoud gelang es, die Zeugen nochmals zu motivieren. Wieder organisierte er einen Bus zur Militärbehörde. Es habe knifflige Fragen gegeben, erzählt Daoud. Seine Mutter sei vier Stunden lang verhört worden.
Zusätzlich zum Kampf mit Israels Gerichten kommen die Übergriffe israelisch-jüdischer Siedler der nahe gelegenen Siedlung Neve Daniel: Einmal rissen sie frisch gepflanzte Ölbäume aus und zerstörten Wassertanks, ein andermal planierten sie mit Bulldozern eine Straße durch sein Grundstück, sie hielten Daouds Mutter auch schon einmal eine Waffe an die Schläfe.
An manchen Tagen sagt Daoud Nassar Sätze wie: »Es gibt keine Gerechtigkeit« oder »Es geht nur darum, uns müde zu machen. Die Israelis wollen, dass wir mit der Zeit aufgeben.« Der Kampf um sein Land hat ihn bisher 140000 US-Dollar gekostet. Doch der 38-Jährige denkt nicht ans Aufgeben und will auch nicht verbittern. Im Gegenteil, er sucht nach Möglichkeiten der Begegnung. Zu Beginn des 2. Palästinenseraufstandes (2. Intifada) begann er das Projekt »Zelt der Völker«. Dazu gehören beispielsweise internationale Jugendcamps.
Gemeinsame landwirtschaftliche Feldarbeit, Baumpflanzaktionen prägen diese Wochen ebenso wie gemeinsame Sportaktivitäten und die abendlichen Diskussionsrunden am Lagerfeuer. Damit hat Daoud die Vision seines Vaters umzusetzen begonnen: einen Ort für Menschen, vor allem Jugendliche, zu schaffen, einen Raum für Begegnungen zwischen Kulturen und Religionen. Wer das Grundstück betritt, wird mit der Botschaft auf einem großen Stein begrüßt: »Wir weigern uns, Feinde zu sein.«
In Zeiten, die ungewisser gar nicht sein könnten, bringt Daoud Nassar Christen und Muslime zusammen, manchmal auch Israelis und Palästinenser. Das beflügelt ihn, dann kommen ihm solche Sätze über die Lippen: »Wir haben eine Chance zu gewinnen. Eines Tages muss die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen. Daran glaube ich.«
Von Johannes Zang
Keine schnellen Lösungen
1. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Diskussion: Hilfswerke stehen in der Kritik – sie tun angeblich zu wenig gegen die Genitalverstümmelung
Das Ritual der Beschneidung gehört jährlich für hunderttausende afrikanischer Mädchen zum Erwachsenwerden. Wie sollen Hilfswerke mit dem archaischen Brauch der Genitalverstümmelung umgehen?

Zum traditionellen Stolz von Maasai-Frauen gehört auch das Ritual der Genitalbeschneidung. Weithin wird von den Betroffenen der Zusammenhang zwischen dem Eingriff und späteren Komplikationen nicht erkannt. Foto: epd-bild/Martin Moxter
Das jedenfalls musste eine Patin in Norwegen im Brief ihres Patenmädchens lesen, berichtet Ines Laufer von der Hamburger »Task Force zur effektiven Prävention von Genitalverstümmelung«.
Denn auch die Mädchen in den Patenschaftsprogrammen deutscher Entwicklungshilfeorganisationen seien nicht davor geschützt, dass ihre Eltern ihre Klitoris und die Schamlippen herausschneiden lassen, um sie an der Entwicklung einer eigenständigen Sexualität zu hindern. Zumeist unter unverantwortlichen hygienischen Bedingungen und natürlich ohne Narkose. »Wir schätzen, dass bis zu 400000 Patenmädchen in der Dritten Welt jährlich Opfer von Beschneidung werden«, so Laufer.
Forderung: Hilfswerke sollen mehr Druck ausüben
Zusammen mit Vertretern anderer Organisationen, darunter auch der kirchenkritischen Giordano-Bruno-Stiftung, stellte Laufer kürzlich die Kampagne »Patenmaedchen.de« vor, die die Paten in Deutschland mit Plakaten, einem Radiospot und einer Internetseite dazu auffordert, gegen die Genitalverstümmelung der Kinder in den Entwicklungsländern vorzugehen. »Wir wollen, dass es bei Organisationen wie World Vision, der Kindernothilfe oder Plan International zur Vorbedingung für eine Patenschaft wird, dass Patenmädchen nicht beschnitten werden«, sagt Laufer. »Wir wollen einen nachhaltigen und nachweisbaren Schutz der Patenmädchen.«
Ähnlich argumentiert auch Simone Schwarz von der Leipziger Organisation »Tabu«: »Ich hatte vor zwei Jahren von Plan International ein Patenmädchen im Niger vermittelt bekommen«, berichtet sie. Auf die Frage, ob das Kind ebenfalls beschnitten werde, erhielt sie ausweichende Antworten. »Ich dachte, so eine große Organisation hat enorme Einflussmöglichkeiten – aber heute gehe ich davon aus, dass Plan International gar kein Interesse hat, beim Thema Genitalverstümmelung etwas zu verändern.«
Vertreter der betroffenen Hilfswerke weisen diese Anschuldigungen energisch zurück »Plan International hat in fünf Ländern 3,5 Millionen Euro in Projekte gegen Genitalverstümmelung investiert«, sagt die Gender-Referentin dieses Hilfswerks, Anja Stuckert. Die Forderung, Hilfswerke sollten den Verzicht auf Genitalverstümmelung zur Bedingung für die Übernahme einer Partnerschaft machen, lehnt sie dagegen ab. »Wir können den Menschen in der Dritten Welt nicht einfach Vorschriften machen.«
Ähnlich äußert sich die Pressesprecherin des christlichen Hilfswerks World Vision, Iris Manner: »Unser Ziel sind gesellschaftliche Veränderungen zum Wohl der Kinder.« Dazu sei aber ein Dialog mit der Gesellschaft in den Entwicklungsländern nötig. Ein Hilfswerk wie World Vision könne Alternativen zu »schädlichen Traditionen«, wie der Genitalverstümmelung, vorschlagen, sagt Manner. »Aber wir können nicht einfach voraussetzen, dass unsere Werte für die ganze Welt verbindlich sind.«
Aufklärungsarbeit betreibt auch die Duisburger Kindernothilfe. Ein Beispiel dafür findet sich in Äthiopien, berichtet Pressesprecher Sascha Decker. Dort habe das Hilfswerk seit dem Jahr 2000 rund 747000 Euro in zwei je vierjährige Projekte zum Kampf gegen Genitalverstümmelung investiert. Über 1,2 Millionen Menschen wurden damit erreicht. »In der Region, in der wir tätig waren, werden heute nur noch 25 Prozent aller Mädchen beschnitten«, sagt Decker. 2005 seien es noch 62 Prozent gewesen. »Es braucht nachhaltige Aufklärungsarbeit, damit sich etwas ändert.«
Mit erhobenem Zeigefinger ändert man keine Tradition
Ähnlich argumentiert das Evangelisch-Lutherische Missionswerk in Leipzig. Es vermittelt zwar keine Kinderpatenschaften, unterstützt aber vor allem die lutherische Kirche im ostafrikanischen Tansania. »In etwa vier der 20 Diözesen der Partnerkirche sind wir mit dem Problem konfrontiert«, berichtet Tilmann Krause, Afrikareferent des Hilfswerks. Der Brauch sei dort besonders unter den nomadisch lebenden Völkern, allen voran den Maasai, verbreitet. »Sowohl wir als auch die Kirchenleitungen vor Ort sind für das Thema seit Langem sen-
sibilisiert«, konstatiert Krause. Doch »Traditionen ändert man nicht mit dem erhobenen Zeigefinger oder gar mit der Drohung verweigerter Hilfe«, betont Krause. Um die Situation langfristig zu ändern, seien beispielsweise auch alternative Einnahmequellen für die traditionellen Beschneiderinnen notwendig.
Vor allem aber, so Krause, muss die Aufklärungsarbeit durch die afrikanischen Christen selbst geschehen. Und die tun dies durchaus recht drastisch: So wurden bereits in etlichen Gemeinden vor den versammelten Frauen und Männern schonungslose Dokumentarbilder oder sogar -filme des Rituals gezeigt. Mit der Wirkung, dass die Männer selbst plötzlich den Wert dieser Tradition hinterfragt hätten. Mit schnellen und einfachen Patentrezepten, so die übereinstimmende Überzeugung der Hilfswerkexperten, ist das Problem jedenfalls nicht zu lösen.
Von Benjamin Lassiwe
und Harald Krille
Michael und die Schlacht ums Licht
25. September 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Dank sei dem Erzengel, der laut der Legende selbst den Bau befahl: Heute gehört das Felsenkloster im Atlantik zum Weltkulturerbe.

Die Klosterinsel Mont-Saint-Michel im Wattenmeer vor der normannischen Küste wird von rund 3,5 Millionen Menschen im Jahr besucht – darunter wieder zunehmend mehr christliche Pilger. (Foto: Walter G. Allgoewer/JOKER)
Jeder im Leben ist ein Pilger mit einem Ziel vor Augen«, sagt John Cowley, »und schließlich kommt man am Ende eines langen Weges an.« 75 Jahre ist er alt. Ein Pilger aus Leidenschaft, seit Tagen unterwegs nach Mont-Saint-Michel. Zu Frankreichs populärster Pilgerstätte, der mehr als Tausend Jahre alten Glaubens-Festung im Atlantik.
Vor drei Wochen ist John in England gestartet. Gut 250 Kilometer Fußmarsch liegen hinter ihm und seinen Freunden, zehn Engländern und acht Franzosen. Eine christliche Gemeinschaft aus Anglikanern und Katholiken, die das Pilgern verbindet. Jetzt sitzen sie an langen Tischen zusammen in einem großen Zelt am Rand der Bucht gegenüber dem Klosterberg. Auf Papptellern servieren Helfer Hähnchen mit Brot. Rotwein und Bier gibt es in Plastikbechern.
Französisch und englisch wird gesprochen, Verständigungsprobleme kennt die Gruppe keine. Die Wallfahrer gehören zur »Association les Chemins du Mont-Saint-Michel«, einer vor einem guten Jahrzehnt gegründeten Gemeinschaft, die sich der Wiederentdeckung alter Pilgerwege zum Mont-Saint-Michel widmet. Schließlich war die Klosterinsel neben Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela das wichtigste Pilgerziel des Mittelalters.
Mit der Ebbe kommt die Touristenflut
Schon früh sind am Michaelstag, dem 29. September, die Parkplätze zu Füßen der Festung belegt. Bis 18 Uhr spätestens, mahnen große Schilder, müssten sie wieder geräumt sein, andernfalls drohe die Flut die Blechkisten zu verschlucken. Bis zu 14 Meter beträgt hier der Tidenhub, der Unterschied zwischen hohem und niedrigem Wasserstand. Jetzt aber ist Ebbe, wälzen sich Tausende von Touristen im dichten Nebel Richtung Abtei, mitten durch eine enge Gasse, vollgepackt mit Kneipen und Souvenirläden.
Auf halbem Weg nach oben liegt die Pfarrkirche des Inseldörfchens. In ihrer Seitenkapelle reckt sich der heilige Michael in Silber, umrahmt von einem Meer brennender Kerzen. Im Hinterzimmer segnet ein Priester kleine Holzfiguren des Erzengels. Treppen führen hoch zum alten Benediktinerkloster, das die Insel überragt. Brüder und Schwestern der »Gemeinschaft von Jerusalem« sind hier inzwischen eingezogen. Halbtags arbeiten sie in einem Beruf, der ihnen den Lebensunterhalt sichert, den Rest widmen sie kontemplativem Gebet. Schwestern und Brüder leben getrennt, gebetet und gefeiert aber wird gemeinsam.
Auch am Michaelstag. Zum großen Gottesdienst ruft die Glocke, die wie seit Jahrhunderten per Seil geläutet wird. Spärlich ist der Festschmuck, ein paar Blumen, daneben Kerzen, meditativ die Orgelklänge. Ganz langsam zieht der Weihrauch Richtung Himmel.
Die echten Pilger ziehen barfuß durch das Watt
In seiner Predigt erinnert der Ordensvorsteher an den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, an die »Schlacht für das Licht und den Glauben«, der sich Sankt Michael verpflichtet fühlt. Fast aufs Stichwort schickt die Sonne ihre ersten Strahlen, hellt kurz das Kirchenschiff auf, in dem eine hölzerne Statue des Erzengels steht. Brot und Wein werden schließlich zur Kommunion gereicht.
Auch für die japanischen Touristen, die heute einen Großteil der mehr als drei Millionen Besucher jährlich auf dem Mont-Saint-Michel stellen. Vom heiligen Michael freilich erfahren sie kaum etwas auf ihrer Ausflugstour, dafür viel über Architektur und Lage der Inselkirche. Draußen bietet sich bei gutem, windigen Wetter einer der schönsten Blicke Frankreichs: über die Meeresbucht, die langsam zu Versanden droht. Ein neuer Gezeitendamm, der im nächsten Jahrzehnt fertig wird, soll das verhindern. Dann auch sollen die inselnahen Parkplätze verschwunden sein, wird eine Stelzenbrücke anstelle des festen Dammes den Mont-Saint-Michel mit dem Festland verbinden.
Hinten am Horizont nähern sich Hunderte von Pilgern. Barfuß sind sie am Festtag zum Mont-Saint-Michel unterwegs. Bei dichtem Nebel sind sie losgelaufen, jetzt zwingt sie die Septembersonne aus Pullovern und Anoraks. Von der Abtei-Terrasse nehmen sie die Japaner mit ihren Teleobjektiven ins Visier. Mittags hat auch die französisch-britische Pilgergruppe ihr Ziel erreicht. John, der Senior, ist glücklich und zufrieden. »Die Tour hat sich gelohnt.« Für ihn war nicht der Weg das Ziel, so wie für die vielen jungen Pilger, die sich heute aus sportlichem Ehrgeiz auf die große Wanderschaft gemacht haben. »Sie kennen die Antwort auf das Leben noch nicht«, sagt John, der schon viele Wallfahrten hinter sich hat, zum Abschied.
Günter Schenk
»Ich spürte, hier hat Gott gewirkt«
18. September 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Erinnerung: Pfarrer Lajos Békefy betreute im August 1989 deutsche Ausreisewillige in Ungarn
Monate vor dem Sturz der Berliner Mauer bekam der Eiserne Vorhang in Ungarn ein Loch, durch das die wartenden Ostdeutschen schlüpften. Fast vergessen: Betreut wurden sie auch von den ungarischen Kirchen.

Nichts wie weg: Eine DDR-Bürgerin kratzt im Sommer 1989 in Ungarn das verhasste DDR-Schild vom Auto. Foto: picture-alliance/dpa
Lajos Békefy war damals mit dabei. Der Pastor der reformierten Kirche Ungarns war als Seelsorger im Lager Csillebérc tätig. Als die Zahl der DDR-Flüchtlinge immer weiter stieg, hatte der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen in Ungarn, László Lehel, eine Sondersitzung einberufen. Die Kirchen wollten sich für die Menschen aus Ostdeutschland einsetzen. »Wenn ich mich heute an diese Zeit erinnere, spüre ich noch immer die Aufregung und die Spannung von damals«, sagt Békefy. Ende August lebten 2000 Menschen in den Zelten des Flüchtlingslagers Csillebérc. »Die Mauer hatte einen Riss, aber bis zur zweiten und endgültigen Öffnung der Grenzen mussten die Menschen eine Zwangspause einlegen«, beschreibt der Pfarrer die Situation jener Tage.
Einstweilen wurden die Flüchtlinge vom Roten Kreuz, den Maltesern und der Diakonie mit Lebensmitteln unterstützt. In einer Halle richteten die Geistlichen eine provisorische Kirche ein, stellten Bänke auf und einen Altar. Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland besorgte eine transportable Orgel, und brachte sie nach Ungarn. Regelmäßig feierten Lajos Békefy und drei katholische, lutherische und freikirchliche Geistliche Andachten, Gottesdienste und sogar Taufen.
Die Suche nach der »zukünftigen Stadt«
»Die Menschen hatten schwere Fragen«, erinnert sich Békefy. »Werden wir ausgewiesen oder in die DDR zurückgeschickt? Was passiert zu Hause, mit unseren Eltern und Verwandten? Können wir mit unseren Babys und Kleinkindern hier in den Zelten die Herbstnächte aushalten, die immer kühler werden?« Doch die Gottesdienste gaben Hoffnung. »Ein Wort aus dem biblischen Hebräerbrief entwickelte sich zu einer Art Lagerlosung«, berichtet Békefy. »Es lautete: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern suchen die Zukünftige.«
Die Pfarrer freilich motivierte ein anderes Bibelwort: »Gastfrei zu sein, vergesst nicht. Denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.« Im Auftrag der Flüchtlinge riefen sie Verwandte in der DDR an, brachten Briefe zur Post und begleiteten Menschen ins Krankenhaus. Doch die Seelsorger spürten auch die Angst, die über allen lag: »Die Flüchtlinge erzählten von Menschen, die absichtlich Desinformationen verbreiteten«, erinnert sich der Pfarrer. »Man fürchtete die Stasi.« Viele Flüchtlinge blieben deswegen schweigsam.
Andere freilich berichteten den Seelsorgern von ihren Zweifeln am Sozialismus. »Die DDR und ihre Vertreter behandeln uns wie Kleinkinder«, sagte etwa ein Ingenieur aus Dresden zu Békefy. »Sie wollen mir sagen, was ich darf oder nicht, was ich denken soll und was nicht – von dieser Bevormundung habe ich genug.« Eine Frau berichtete, unter dem »Honecker-Regime« fühle sie sich eingesperrt wie im Gefängnis. »In der DDR konnte ich nicht mehr richtig atmen, keine Luft mehr bekommen.« »Die Menschen spürten den Ruf der Freiheit, den man weder begraben, einmauern oder erwürgen kann«, resümiert der Seelsorger und fügt hinzu: »Freiheit gehört so elementar zum Menschsein dazu, wie die Luft, das Wasser oder das Licht.«
Am 10. September dann geschah, was das Schicksal der Menschen ändern sollte. Die Verhandlungen zwischen dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow waren vorangekommen. Kurz nach dem Abendgottesdienst in der Lagerkirche erreichte die Menschen die erlösende Botschaft: Das ungarische Staatsfernsehen berichtete, dass die Menschen in den Westen ausreisen durften.
»Was danach geschah, kann man einfach nicht beschreiben oder richtig wiedergeben«, erinnert sich Lajos Békefy. »Da entstand blitzschnell eine Freudennacht, in der alle Menschen Geschwister wurden.« Während die Menschen draußen feierten, ging Békefy ein letztes Mal in die leere Lagerkirche. »Meine Augen waren voller Tränen, denn ich spürte die Einmaligkeit dieser Stunde. Ich spürte, hier hat Gott gewirkt.«
Von Benjamin Lassiwe
Traum vom eigenen Gotteshaus
11. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Im Jahr 1939 fand in der Nikolaikirche in Tallinn der letzte deutsche Gottesdienst statt. Matthias Burghardt möchte gern der erste deutsche Pfarrer im 21. Jahrhundert sein, der in der estnischen Kirche predigt.

Pfarrer Matthias Burghardt vor dem Turm der ehemals deutschen Nikolaikirche. (Foto: Annika Falk)
Burghardt ist kein Auslandspfarrer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sondern angestellt bei der Eesti Evangeelne Luterlik Kirik (EELK), der estnischen Amtskirche. Seine Frau Anne, eine gebürtige Estin, arbeitet am Theologischen Institut in Tallinn. Der vierjährige Sohn Karl Otto besucht den estnischen Kindergarten. Matthias Burghardt fühlt sich wohl auf der »Insel der Gleichberechtigung«, wie er den baltischen Staat nennt. Um perfekt in die estnische Bevölkerung integriert zu sein, möchte er Russisch lernen. 25 Prozent der knapp 1,4 Millionen Einwohner Estlands sind Russen.
Matthias Burghardt hat in Marburg und Kiel studiert, sein Vikariat in Braunschweig absolviert und zwei Jahre in Riga gearbeitet. In Estland betreut er eine Gemeinde, die aus Deutschbalten, Russlanddeutschen und deutschen Fachkräften besteht. »Hier gab es 50 Jahre keine Möglichkeit der Gemeindearbeit«, sagt Burghardt. »Da ist einiges nachzuholen.« Der Pfarrer feiert Kindergottesdienst, bietet Bibelstunden an und leitet zwei Hauskreise. Eine eigene Kirche hat die Gemeinde nicht. Gottesdienste feiert sie in der schwedischen Kirche.
Doch immer, wenn der Pfarrer an der ehemals deutschen Nikolaikirche vorbeigeht, beginnt er zu träumen. Seit 1939 wurden hier keine deutschen Gottesdienste mehr abgehalten. Das Pfarrhaus der deutschen Gemeinde stand direkt neben der Kirche, viel früher befand sich hier wahrscheinlich ein Kloster. Matthias Burghardt strebt an, das deutsche Gemeindehaus wieder aufzubauen und in der Kirche zu predigen.
Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist der Pfarrer seit zwei Jahren Religions- und Philosophielehrer am englischen Gymnasium, arbeitet als Hilfspfarrer in einer estnischen Gemeinde und ist Synodenmitglied der estnischen Kirche. Neben Deutsch, Englisch und Niederländisch spricht Burghardt mittlerweile fließend Estnisch und Lettisch. Zurück möchte er nicht mehr: »Ich schätze den speziellen Humor mit Hang zur Selbstironie und den ausgeprägten Individualismus der Menschen.«
Annika Falk
»Ein gemeinsames Geschenk und eine Herausforderung«
3. September 2009 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Eine Welt
Interview: Der künftige Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK).
Der norwegische Lutheraner Olav Fykse Tveit leitet ab kommendem Jahr die wichtigste Dachorganisation der nichtkatholischen Christenheit. Benjamin Lassiwe sprach mit ihm über die Herausforderungen des ÖRK.

Gilt als ausgeglichene Persönlichkeit und erfahrener Kirchendiplomat: Der 48-jährige Olav Fykse Tveit wird neuer ÖRK-Generalsekretär. Sein Doppelname wird übrigens »Füchse-Tväit« gesprochen. (Foto: Benjamin Lassiwe)
Herr Fykse Tveit, 2017 feiern die Protestanten das 500. Jubiläum von Martin Luthers Wittenberger Thesenanschlag. Die katholische Kirche ist bisher kein Mitglied im ÖRK. Wo wird 500 Jahre nach der Reformation die Ökumene stehen?
Fykse Tveit: Ich denke, dass 2017 ein wirklich ökumenisches Jubiläum sein sollte. Wir sollten diese Gelegenheit nutzen, um zu sehen, dass die Reformation nicht nur der Beginn des Protestantismus, sondern auch eine Wiederentdeckung des Evangeliums war. 2017 feiern wir unseren gemeinsamen Schatz des Evangeliums. Denn das Evangelium ist schließlich die Basis aller ökumenischer Beziehungen – auch wenn das in der weltweiten Ökumene noch längst nicht hinreichend herausgearbeitet ist. Ich hoffe deswegen, dass sich der ÖRK 2017 darüber klar ist, dass das Evangelium ein Band der Einheit zwischen den Kirchen und Kriterium für gegenseitige Anerkennung ist.
Hoffen Sie auf ein gemeinsames Abendmahl von Protestanten und Katholiken?
Fykse Tveit: Ich denke, dass sich Katholiken und Protestanten noch viel mehr annähern können, als es bisher geschehen ist. Und ich denke, dass ein gemeinsames Abendmahl möglich ist, ja. Denn wir haben schon ein großes gemeinsames Verständnis darüber, was die Sakramente eigentlich sind. Uns trennt die Frage, wer einer Sakramentsfeier vorsteht, und in welchem Verhältnis diese Person zur Kirchenstruktur steht. Ich denke, dass diese Frage schwierig ist. Aber wir können daran weiterarbeiten, wenn wir es für wichtig halten, dass wir durch das gemeinsame Feiern der heiligen Sakramente ein gemeinsames Zeugnis geben.
Eine ökumenische Herausforderung sind die neuen evangelikalen und pfingstkirchlichen Bewegungen in vielen Ländern der Erde. Wie soll der ÖRK damit umgehen?
Fykse Tveit: Ich denke, bei manchen Fragen können wir noch sehr viel stärker zusammenarbeiten. Ich bin nicht sicher, ob es zu einer vollen Mitgliedschaft der Pfingstkirchen im ÖRK kommen wird. Aber ich hoffe, dass der ÖRK das Potenzial sieht, das in ihrem Verständnis des Evangeliums zu finden ist. Und ich sehe, dass sich auch die Pfingstkirchen immer stärker mit Themen wie Frieden und Gerechtigkeit beschäftigen – während Evangelisation und Mission auch bei uns wieder stärker auf die Tagesordnung kommen.
War die ökumenische Bewegung in den letzten Jahren zu politisch?
Fykse Tveit: Das ist zumindest das Bild, das die Pfingstler und Evangelikalen von ihr hatten. Deswegen hatten sie Probleme, sich ihr anzuschließen. Persönlich glaube ich, dass die ökumenische Bewegung sowohl die Verkündigung des Evangeliums als auch das politische Zeugnis in der Welt betreiben sollte. Ich denke, heute sehen es auch Pfingstler und Evangelikale differenzierter. Es ist kein »entweder – oder« mehr, wie noch vor ein paar Jahren.
Spannungen gibt es im ÖRK auch mit den Orthodoxen. Zum Beispiel haben sie durchgesetzt, dass keine ökumenischen Gottesdienste mehr im ÖRK gefeiert werden.
Fykse Tveit: Wir haben nun über mehrere Jahre das Verhältnis der Orthodoxen zum ÖRK diskutiert. Neue Herausforderungen sind entstanden. Aber wir dürfen nicht zu dem Schluss kommen, dass wir nun weniger gemeinsam beten, als wir es schon getan haben. Die ökumenische Bewegung gründet sich auf dem Gebet Christi. Deswegen muss sie gemeinsam beten können. Es bleibt eine Herausforderung, dafür eine gemeinsame Form zu finden, mit der wir alle zufrieden sein können. Das ist keine leichte Aufgabe, aber wir müssen sie angehen. Und dann denke ich, dass die theologischen Fragen der orthodoxen Kirchen ernst genommen werden müssen. Aber als Protestanten müssen wir auch zurückfragen: Zum Beispiel, was es bedeutet, dass auch wir Kirchen sind. Wir haben die gleichen Bekenntnisse, immerhin zwei Sakramente und das gleiche Evangelium – wir müssen nach der Bedeutung dieser Gemeinsamkeiten fragen.
Besonders problematisch ist die Situation von Christen in vielen islamischen Ländern. Muss sich der ÖRK nicht auch dieser Herausforderung stellen?
Fykse Tveit: Der ÖRK muss sich intensiv mit dem Islam beschäftigen. Er darf die Kirchen in mehrheitlich muslimischen Ländern in ihrem Zusammenleben mit Muslimen nicht allein lassen. Auch in Europa wird es zunehmend wichtiger, wie wir mit muslimischen Nachbarn umgehen. Für Kirchen etwa im Nahen Osten ist es wichtig, im Umgang mit den Muslimen die Unterstützung der weltweiten Kirchen zu haben. Aber wir dürfen nicht durch unbedachte Äußerungen Spannungen verstärken. In Norwegen hat die lutherische Kirche zusammen mit Vertretern der Muslime festgehalten, dass wir uns gemeinsam für die Religionsfreiheit einsetzen – ein Recht, dass den Wechsel der eigenen Religion ausdrücklich mit einschließt.
Amerikaner und Europäer sind nach wie vor die wichtigsten Finanziers des ÖRK. Muss das Folgen für die Strukturen des ÖRK haben?
Fykse Tveit: Ich denke, dass der ÖRK die Realität widerspiegeln muss. Sowohl bei der Frage, wer mehr Ressourcen hat, als auch bei der Frage, wer mehr Bedarf für eine globale Institution hat, wer es nötig hat, das seine Stimme in einem globalen Kontext gehört werden muss. Als Mitglieds-
kirchen unterstützen wir ein gemeinsames, globales Projekt – der ÖRK ist unser gemeinsames Geschenk und unsere gemeinsame Herausforderung.
Gibt es etwas spezifisch Norwegisches, was Sie in Ihre Arbeit an der Spitze des ÖRK einbringen möchten?
Fykse Tveit: Es gibt keine spezielle norwegische Agenda, im Sinn, dass wir irgendetwas für uns Norweger erreichen müssten. Aber wenn wir etwas zu einem gut funktionierenden ÖRK beitragen können, und andere Kirchen in der Welt davon profitieren können, dann freut uns das. Wir hatten als kleines Land nie eine Geschichte des Kolonialismus, wohl aber immer eine Geschichte des miteinander Teilens und von anderen Empfangens. Als ÖRK-Generalsekretär möchte ich mich wohl dafür einsetzen, diese Perspektive in der Zusammenarbeit der Kirchen zu verstärken.
»Die Zeit ist zu kurz, um zu vergessen«
27. August 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Porträt: Der 89-Jährige Jakub Müller kümmert sich um den jüdischen Friedhof in Nowy Sącz

»Ich habe nicht ausgesehen wie ein Jude«: Jakub Müller gelang als Einzigem seiner weitverzweigten Familie die Flucht vor der Gestapo und dem Vernichtungslager. Fotos: Gabriela Maciejowska
Er ist Zeitzeuge des Einmarsches der deutschen Armee in Polen – und er überlebte als Einziger seiner Familie den danach hereinbrechenden Vernichtungsfeldzug gegen die jüdische Bevölkerung.
An den Einmarsch der Deutschen erinnert sich Jakub Müller noch genau. Es war in den Morgenstunden des 6. September 1939, einem Mittwoch, als die Kavallerie der 2. Gebirgsdivision in die südpolnische Stadt Nowy Sącz einzog. »Keine Kämpfe, kein Bombardement, und die Offiziere haben sogar mit den Leuten geredet«, sagt Müller, der damals 19 Jahre alt war, und fügt seufzend hinzu: »Wenn die Deutschen sich immer so verhalten hätten …« Doch schon nach wenigen Tagen änderte sich die Lage: Mit der Gestapo sei auch die »Gehenna«, die Hölle, gekommen. »Wir wussten, was Hitler machen wollte, aber wir konnten es nicht glauben«, erinnert sich Müller und beginnt von Heinrich Hamann zu erzählen, der für ihn der Inbegriff des Bösen ist.
Augenzeuge der Mordlustund der Vernichtung
SS-Obersturmführer Heinrich Hamann, der als Gestapochef von Nowy Sącz ein Schreckensregiment errichtete, war einer der übelsten Nazi-Schergen: verantwortlich für die Deportation von 15000 Juden ins Vernichtungslager Belzec, unter ihnen Müllers Eltern und fünf Geschwister. Hunderte von Juden hat er eigenhändig erschossen, sodass ihm sogar sein eigener Schwager, ebenfalls ein SS-Mann, Einhalt gebieten wollte. »Genug der Schweinerei!«, habe der gerufen – Müller sagt diesen Satz auf Deutsch –, woraufhin Hamann selbst seinen Schwager erschossen habe. Er sei froh, dass er 1966 im Prozess gegen Hamann als Zeuge aussagen und dazu beitragen konnte, dass Hamann zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde, sagt Müller.
Überlebt hat Müller die Judenvernichtung auf abenteuerliche Weise. Bis heute beginne er zu zittern, wenn er an seinem ersten Versteck im damaligen Ghetto vorbeikomme, erzählt er, auch wenn das Haus schon lange nicht mehr existiere. Als das Versteck entdeckt wurde, konnte er in letzter Sekunde fliehen. Über zwei Jahre irrte er in dem unwegsamen Gelände des Gebirges umher, übernachtete unter freiem Himmel, in Ställen und Scheunen. »Ich habe gute Leute getroffen«, erinnert er sich und weist auf seine wasserblauen Augen. »Ich habe nicht ausgesehen wie ein Jude.«
Seit 63 Jahren erfüllt Müller sein Gelübde
Halb verhungert kam Müller nach dem Krieg nach Nowy Sącz zurück. Er blieb, weil ihm die Kraft fehlte weiterzuziehen, heiratete 1948 eine junge Polin, die seinen jüdischen Glauben annahm, und setzte sein Gelübde in die Tat um: Wenn er die Nazi-Barbarei überlebe, so sein Versprechen gegenüber Gott, werde er sich um alles kümmern, was an Jüdischem in Sanz – so der jiddische Name der Stadt – übrig geblieben sei. »Die Zeit ist zu kurz, um zu vergessen«, sagt Müller.
Und so trägt er seit 1946 Sorge um den rund drei Hektar großen jüdischen Friedhof, der von den Nationalsozialisten erst als Hinrichtungsplatz geschändet und später zerstört und nach dem Krieg von den Kommunisten als Viehmarkt missbraucht wurde. Viele der rund 300 geretteten Grabsteine hat Müller eigenhändig wieder aufgerichtet, und auch das Ohel (Grabhaus) für den legendären Wunderrabbi Chaim Halbersztam und dessen Familie hat er gebaut. Müller deutet auf einen der neueren Grabsteine: Hier habe er die letzte Jüdin begraben, sagt der 89-Jährige. »Es hätten zehn sein müssen, aber ich war allein.«
70 Jahre nach dem Überfall Deutschlands auf Polen ist Müller der letzte und einzige Jude in der 75000-Einwohner-Stadt. 1939 lebten in Nowy Sącz über 14000 Juden, rund ein Drittel der Bewohner. Müllers Familie spiegelt die jüdische Geschichte der Stadt wider: Sieben Generationen waren in Sanz ansässig, das von 1772 bis 1918 zur Habsburger Monarchie gehörte und auf Deutsch Neu-Sandez genannt wurde. Müllers Vater hatte
im 1. Weltkrieg in der kaiserlich-und königlichen Armee gedient. Insgesamt zählte die weitverzweigte Familie rund 200 Mitglieder – die Schoah überlebt hat nur einer: Jakub Müller.
Der Friedhof ist ihm auch ein Herzensanliegen geblieben, als er 1968 als Folge der staatlich verordneten antisemitischen Aktionen mit seiner Frau und den beiden Kindern Polen doch noch verlassen musste. In Schweden fand die Familie ein Exil, doch Müller kehrt alljährlich nach dem Pessach-Fest für ein halbes Jahr nach Nowy Sącz zurück. »Trotz allem: Ich liebe diese Stadt«, sagt er.
Das letzte Projekt harrt der Vollendung
Einige Hundert seien es, die in den Sommermonaten den Friedhof aufsuchen, berichtet Müller. Die meisten von ihnen seien Chassidim, Nachfahren oder Anhänger der Sanzer oder Bobower Wunderrebben. Und wie zur Bestätigung seiner Worte hält ein Bus, aus dem 15 Chassidim – streng religiöse Juden – aus London aussteigen. Sie richten Grüße aus und bestürmen Müller schon am Eingang – auf Jiddisch – mit Fragen, einer deutet auf den Rohbau neben dem Tor: »Woss is doss far a hois?«
Müller antwortet bereitwillig, denn das Gebäude ist sein letztes Projekt: Ein Haus mit einer kleinen Wohnung und Räumen, in denen sich die Besucher ausruhen und auch ihre rituellen Reinigungen vornehmen können. Unermüdlich wirbt Müller in der ganzen Welt dafür um Spenden, doch ihm fehlen noch umgerechnet rund 45000 Euro.
»Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir Gott noch gibt«, sagt er und stellt die Frage, auf die er keine Antwort findet: »Was wird aus dem Friedhof, wenn ich nicht mehr bin?«
Von Uwe von Seltmann
Bankverbindung von Jakub Müller für sein Friedhofsprojekt:
Bank Pekao Nowy Sącz
Swift: PKOPPLPW
I-Ban: PL 94 1240 4748 1111 0000 4876 2542
Gerechtigkeit für Pepe
20. August 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Guatemala: Der Kampf gegen die Straflosigkeit für Taten der Drogenmafia ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel
Vor knapp drei Jahren berichtete die Kirchenzeitung erstmals über den Mord an Pepe Méndez. Seitdem hat Vater Amílcar Méndez versucht, die Hintergründe der Bluttat vom 17. August 2007 aufzuklären.

»Gerechtigkeit für Pepe!«, fordern dessen Eltern und Menschenrechtsaktivisten bis zum heutigen Tag vergeblich. Foto: Andreas Boueke
Korrupte Beamte in Regierung und Polizei
Keine zweihundert Meter vom Tatort entfernt liegt das Hauptgebäude des internationalen Flughafens von Guatemala-Stadt. Arbeitskollegen von Pepe berichten, kurz vor seinem Tod habe der damalige Generaldirektor des Flughafens persönlich versucht, ihn zu entlassen. Pepe hatte aufgrund von technischen Kriterien eine nächtliche Starterlaubnis verweigert. Es stellte sich heraus, dass das Flugzeug Eigentum eines persönlichen Freundes des Flughafendirektors war. Der Flieger konnte dennoch starten, mitten in der Nacht, ohne die Erlaubnis aus dem Kontrollturm und ohne die vorgeschriebene Frachtüberprüfung. Weil Pepe nachweisen konnte, dass er vorschriftsmäßig gehandelt hatte, konnte er sich gegen die Entlassung wehren. Wenig später war er tot.
Der ehemalige Direktor des Flughafens, Manuel Moreno Botrán, ist Mitglied einer der reichsten und mächtigsten Familien des Landes. Mehrere Personen in seinem Umfeld werden verdächtigt, mit kolumbianischen Drogenkartellen in Verbindung zu stehen. Sein persönlicher Anwalt ist vor wenigen Monaten von einem Killerkommando hingerichtet worden. Die Polizei geht von einem Streit zwischen Drogenbanden aus. Auch über Pepes damaligen direkten Vorgesetzten gibt es stapelweise Akten, die ihn mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung bringen. Das weiß auch der neue Flughafendirektor. »Dieser Mann arbeitet nicht mehr hier. Als ich gekommen bin, habe ich ihn entlassen, weil er unter Verdacht steht.«
Viele Details über illegale Aktivitäten auf dem Flughafen sind bekannt, ohne dass jemand etwas unternimmt. Zu einer unabhängigen Untersuchung kommt es nahezu nie. Der neue Flughafendirektor behauptet, er wolle das ändern. Doch: Wer in Guatemala versucht, etwas gegen das organisierte Verbrechen zu unternehmen, lebt in Angst. Auch die Familie von Pepe. Seine kleine Schwester Ana Maria wurde kürzlich am Telefon bedroht: »Sie fragten nach meinem Vater. Ich habe gesagt, dass ich seine Tochter bin. Daraufhin haben sie mich angeschrieen. Sie sagten mir, sie seien vor unserem Haus. ›Gleich wird es Klingeln. Wir sind bewaffnet und wollen deinen Vater.‹ Ich habe aufgelegt. Sie haben immer wieder angerufen. Fünf Minuten später haben sie heftig gegen die Haustür getreten. Ich habe die Polizei gerufen, aber niemand ist gekommen.«
Die Polizei in Guatemala ist unterbesetzt und miserabel ausgestattet. Die Staatsanwaltschaft auch. Zudem befolgen viele Staatsanwälte die Regeln der unantastbaren Mitglieder der einflussreichen Oberschicht Guatemalas. Der bis vor Kurzem für den Mord an Pepe zuständige Ermittler der Staatsanwaltschaft, Héctor Canastuj hat sich immer geweigert, den ehemaligen Direktor des Flughafens oder seine engsten Vertrauten auch nur zu einem Gespräch vorzuladen.
Keine Ermittlungen gegen einflussreiche Familien
Guatemala gilt als Durchgangsstation für Kokain aus Kolumbien, das vor allem nach Nordamerika transportiert wird. Im Fall von Pepe gibt es zahlreiche Hinweise, die in Richtung der Kokainmafia deuten. Doch Héctor Canastuj zieht es vor, diese Spuren zu ignorieren. So sind fast zwei Jahre vergangen, ohne dass die Staatsanwaltschaft die relevanten Dokumente verdächtiger Flüge angeschaut hätte, die zu Konflikten zwischen Pepe und seinen Vorgesetzten geführt haben. Amílcar Méndez ist frustriert: »Sie haben nicht eine einzige Sache gemacht, um die Hintermänner des Mordes an meinem Sohn zu identifizieren, diejenigen, die beauftragt und bezahlt haben.«
Dabei könnte Amílcar Méndez eigentlich stolz auf das Erreichte sein. Mit seiner Hartnäckigkeit ist er so weit gekommen, dass der Tatverdächtige Omar Gudiel als Mörder verurteilt wurde. Doch die Schwester des Opfers, Rocio, ist sich sicher, dass der junge Mann einen Auftrag ausgeführt hat: »Es ist offensichtlich, dass er von einflussreichen Leuten finanziell unterstützt wird. Womöglich waren diese Leute sogar daran interessiert, dass
er schuldig gesprochen wurde. Es könnte sein, dass er die Rolle des Sündenbocks übernommen hat.«
Nicht ein einziger wichtiger Boss der Drogenkartelle sitzt in Guatemala im Gefängnis. Einige ihrer Namen sind bekannt und werden sogar in Medienberichten genannt. Diese Personen pflegen beste Beziehungen zur Polizei, zum Justizapparat und zur Regierung. Sie bleiben straflos, egal wie viele Morde sie in Auftrag geben.
Von Andreas Boueke
Heiligtum am Kranhaken
13. August 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Reportage: Vor der Kulisse von Klagemauer und Felsendom in Jerusalem steht das weltweit größte Tempelmodell
Durch die Lüfte kam der neue Tempel am 4. Augusttag des Jahres 2009 geschwebt. Es ist das größte bisher gebaute Modell des 70 nach Christus von den Römern zerstörten herodianischen Baus.

Begeistert von der eigenen Perfektion: Michael Osanis (r.) mit dem Direktor der Talmudschule »Esh HaTorah«, Ephraim Shore, vor dem Modell. Foto: Johannes Gerloff
Man diskutierte über die Ausrichtung und entschied sich dann gegen die historische West-Ost-Achse für die »praktischere« Ost-West-Ausrichtung. »So können die Besucher das Stück besser betrachten«, erklärte Ephraim Shore, Direktor der »Esh HaTorah«-Talmudschule.
Komplett im Maßstab 1:60
Michael Osanis kann seine Herkunft nicht verbergen. Mit schwerem russischem Akzent erklärt er den neugierigen Journalisten: »Ich kann nicht reden!« Unbeholfen fuchtelt er mit den Händen. »Ich kann bauen. Wie geschrieben steht: Macht einen Tempel und ich werde in eurer Mitte wohnen!« »Machen, sollen wir den Tempel, selber Hand anlegen, Steine aus Jerusalem verwenden – nicht aus Thailand importieren«, erklärt der Mann, der 1990 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel eingewandert ist. Selbst Hand angelegt hat er in diesem Falle höchst erfolgreich.
Ein Jahr lang hat Osanis an diesem, bislang aufwendigsten aller Modelle des alten jüdischen Heiligtums gebaut. Das Ganze hat einen Grundriss von ein mal drei Metern und ist dem Tempel, den König Herodes im ersten Jahrhundert vor Christus zu einem der sieben Weltwunder der Antike ausgebaut hat, maßstabsgetreu 1:60 nachgebaut. Bereits im Jahre 70 nach Christus wurde der herodianische Tempel von den Römern wieder zerstört. Seither betrauert das jüdische Volk den Verlust seines einst so prunkvollen geistlichen Zentrums.
Nicht ohne Stolz verkünden die neuen Besitzer, dass dies »das größte Tempelmodell« sei, »das jemals gebaut wurde«. Michael Osanis hat sich autodidaktisch ein enormes Wissen über die Details der antiken Tempel angeeignet. Die Vorlage für seinen Nachbau »finden Sie in der Mischna, im Traktat Middot«, erklärt der wortkarge Bastler, der sich zudem auf Ergänzungen des Jerusalemer Tempelinstituts verlassen hat. Rabbiner, die Experten in Sachen Tempelbau sind, haben ihn während der gesamten Bauzeit beraten.
Eine besondere Einzigartigkeit des »Esh HaTorah«-Modells ist, dass sich das gesamte Heiligtum durch eine hydraulische Vorrichtung anheben lässt. So kann der Betrachter einen Blick ins Innere des Heiligtums werfen. Im Allerheiligsten stehen der siebenarmige Leuchter, der Schaubrottisch, der Räucheraltar und die Bundeslade. Ein ausgeklügeltes Beleuchtungssystem unterstützt Reiseführer bei den Erklärungen des historischen Baus und des Gottesdienstes.
Beruf: Tempel(modell)bauer
Wie der etwas linkisch wirkende Jude zu seiner außergewöhnlichen Berufung gekommen ist, will er nicht so recht verraten: »Zufällig … Es ist nicht meine Schuld … Es überfiel mich, legte sich auf mein Herz … und hat mich seit 1995 nicht mehr losgelassen. Jeden Tag lege ich einen Stein für den Tempel. Das ist mein Beruf, den Tempel zu bauen – und wenn es einmal die Möglichkeit geben sollte, den echten Tempel zu bauen, werde ich der Erste sein – der erste Arbeiter, nicht Direktor, nicht Architekt. Ich will Hand anlegen, den Stein der Ecke legen …« Die Wortfetzen ergeben eine Vision, den Lebenstraum des Michael Osanis, dessen detailgetreue Tempelmodelle mittlerweile außer in Jerusalem auch in Moskau und New York stehen.
Wie viel die Herstellung gekostet hat, wollen weder der Künstler noch die Vertreter der Talmudschule verraten. Aber alle Materialien sind »vom Feinsten«, gibt Ephraim Shore dann doch preis. »Alles ist echt: Gold, Silber, Marmor, Jerusalemstein …« Und: »Es war sehr, sehr teuer!«
Fast eintausend Jahre lang hat auf dem Tempelberg im Zentrum der Heiligen Stadt ein jüdischer Tempel gestanden, betont Shore, dort wo heute der muslimische Felsendom und die Al-Aksa-Moschee stehen. Hellwach erscheint die Messiaserwartung des jüdischen Volkes. Den »echten« Tempelneubau soll der Tradition zufolge erst der erwartete Erlöser realisieren. Bis dahin müssen sich gläubige Juden mit Modellen begnügen.
Rabbi Hillel Weinberg, geistlicher Leiter der »Yeshivat Esh HaTorah«, erklärt die aktuelle Bedeutung des Tempelmodells auf dem Dach vor dem Tempelberg: »Der Prophet lehrt uns, dass Gebete von Juden – und Nichtjuden! –, die ihr Herz auf dieses Heiligtum hin ausrichten, Wohlgefallen beim Allmächtigen finden.
Bis zum heutigen Tag war es schwierig, sich das Heiligtum im Gebet vorzustellen«, erklärt der bärtige Geistliche mit dem großen, schwarzen Hut: »Doch jetzt, wo wir dieses Modell haben, fällt es viel leichter, unsere Gebete auf das Allerheiligste auszurichten.« Das kurze Grußwort des Rabbiners nimmt fließend Gebetsform an: »Und wir hoffen, dass alle Juden durch das Heiligtum beten können, dass der Tempel gebaut werden möge, schnell in unseren Tagen, Amen und Amen!«
Lebendige Messiaserwartung
Auf 300000 Besucher pro Jahr hofft Ephraim Shore, wenn am 1. Dezember 2009 diese Attraktion auf den Dächern Jerusalems der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Der orthodoxe Israeli mit dem amerikanischen Akzent wünscht sich, dass dadurch »Juden, Christen und Muslime« aus aller Welt »einen Eindruck von der Heiligkeit, Spiritualität und Schönheit dieses Ortes bekommen« – und sie vor allem die tiefe Verbindung des jüdischen Volkes zu diesem Berg erkennen mögen.
Von Johannes Gerloff
Zwischen Sonne, Glocken und Zikaden
6. August 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Durch den jüngsten Terroranschlag sind die spanischen Mittelmeerinseln in aller Munde. Weniger bekannt ist, dass es auf den Balearen seit langem eine deutschsprachige Kirchengemeinde gibt.

Kirche auf der Urlaubsinsel: die Kathedrale von Palma de Mallorca. Quelle: Silvia Zöller
Seit 2005 leitet der 55-jährige Weinhold die deutschsprachige evangelische Auslandsgemeinde auf den Balearen. Nicht nur für die rund 400 ständigen Gemeindemitglieder ist der frühere Sportpfarrer der EKD zuständig, der bei mehreren olympischen Spielen deutsche Sportler seelsorgerisch betreute, sondern auch für die rund 4,5 Millionen deutschsprachigen Touristen, die jährlich die Sonneninseln im Mittelmeer besuchen. Neben regelmäßigen Gottesdiensten in fünf verschiedenen Kirchen auf Mallorca und auf Ibiza steht Weinhold auch Menschen in Notsituationen bei – etwa nach dem jüngsten Terroranschlag. So wurde am vergangenen Sonntag der toten Polizisten und ihrer Angehörigen gedacht und anschließend zur Gesprächsrunde zum Thema Terrorismus eingeladen. Doch auch in den schönsten Stunden des Lebens werden die Pfarrer aufgesucht: »In diesem Jahr haben sich rund hundert Paare für Trauungen angemeldet«, sagt Weinhold.
Hier trauen sich auch Kirchenferne zur Trauung
Fast wie auf Bestellung klingelt das Telefon im Pfarrbüro, das nur wenige Minuten vom berühmt-berüchtigten Ballermann-Strand Playa de Palma in Arenal liegt, und ein Paar aus Deutschland fragt wegen eines Hochzeitstermins nach. Gemeindesekretärin Traudl Müller erläutert die Konditionen: Mindestens einer der Brautleute muss Mitglied der evangelischen Kirche sein; da sich die Auslandsgemeinde selbst finanzieren muss, wird um eine Spende in Höhe von 400 Euro gebeten. Kurz darauf klingelt wieder das Telefon, ein anderes Paar stellt die gleichen Fragen. »Das ist normal, das geht den ganzen Tag so«, sagt die geduldige Mitarbeiterin.
Wer sich auf Mallorca das Ja-Wort geben möchte, muss sich rund ein drei Viertel Jahr vorher anmelden, wenn die Trauung in einer Kirche oder in einer Hauskapelle stattfinden soll – die Termine sind rar, zumal die deutsche Gemeinde keine eigene Kirche hat und in katholischen Gotteshäusern auf der Insel Gast ist. »Wer flexibel ist, kann auch kurzfristig getraut werden«, so der Pfarrer, der auch schon den Bund des Lebens in Innenhöfen, unterm Olivenbaum oder sogar am Strand zelebriert hat. Allerdings: »Wir machen keine Clownerien mit.« Für Weinhold ist erstaunlich, wie viele Menschen in beruflich verantwortlichen Stellen ohne eine ausgeprägte Bindung zur Kirche sich hier für eine Trauung vor dem Altar entschließen – vielleicht auch, weil die Schwellen auf Mallorca möglicherweise niedriger liegen.
40000 Autokilometer im Dienst der Gemeinde
Neben Traugesprächen bringt aber auch die Betreuung der rund 400 ständigen Gemeindemitglieder vor allem eines für Klaus-Peter Weinhold mit sich: Autofahren. Rund 40000 Kilometer fährt er jährlich dienstlich auf der 100 Kilometer langen und fast 80 Kilometer breiten Insel. Am letzten Sonntag im Monat steigt er außerdem ins Flugzeug, um auch auf Ibiza einen Gottesdienst zu halten. Neben etwa zwanzig Seebestattungen pro Jahr geleitet der 55-Jährige ebenso viele Menschen bei Erdbestattungen auf ihrem letzten Weg. Unterstützung erfährt er zurzeit von Pfarrer im Ruhestand Bernd Böhme, der von März bis Dezember neben Weinhold auf Mallorca predigt. Drei angehende Studentinnen, die im Rahmen eines freiwilligen diakonischen Jahres im Ausland Senioren und Kinder der Gemeinde betreuen und zahlreiche weitere Ehrenamtliche aus der Gemeinde helfen bei kirchlichen Aktivitäten.
Ein Traumjob oder eine Knochenmühle? »Die Arbeit hier hat hohe Anforderungen, weil die Menschen aus unterschiedlichen Kulturen kommen, unterschiedliche Frömmigkeitsformen haben und auch das Klima von stürmisch kalt im Winter bis heiß im Sommer variiert«, holt Weinhold aus, »aber es sind Erfahrungen, für die man reich bezahlt wird mit Einblicken in die Vielfalt des Lebens.« Schon jetzt steht für den früheren Kirchenrat der nordelbischen Kirche fest, dass er seinen – wie bei Auslandsgemeinden üblich – auf sechs Jahre befristeten Vertrag 2011 um drei weitere Jahre verlängern möchte.
Von Silvia Zöller
Iran: Ehemalige Muslima wie Aussätzige gemieden
30. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Foto: Daniel Cubillas, sxc.hu
Nadereh legt den Telefonhörer auf. Sie ist froh über das Gespräch mit ihren Eltern. Denn seit langem liegt ein tiefer Graben zwischen ihnen. Vor neun Jahren wurde die einst glühende Islam-Anhängerin Christin. Damit begann für die heute 35-Jährige ein Leben geprägt von Feindschaft, Demütigung und Überwachung. Ihren richtigen Namen will sie nicht in der Zeitung gedruckt sehen. Sie wird beobachtet. Von der Geheimpolizei, Nachbarn und wer weiß von wem noch. Ihre Hausgemeinde trifft sich nur heimlich. »Wir telefonieren nicht untereinander. E-Mails schreiben wir uns seit langem nicht mehr«, erzählt sie. Man kann nie wissen, wann die Polizei vor der Tür steht und alle mitnimmt. Wieder und wieder verhören sie Geheimpolizisten. Sie drohen mit Folter, wollen wissen, zu wem sie Kontakt hat. »Einmal kamen sie während der Arbeit und nahmen mich fest. Es war schrecklich.«
Wie viele der Demonstranten in Iran wünscht auch sie sich den Wandel. Unter Präsident Ahmadinedschad wurde es für Christen immer schlimmer. Besonders ehemalige Muslime spüren das. Festnahmen und Razzien in Hausgemeinden sollen einschüchtern. Wer den Islam verlässt, wird hart bestraft – wenn er nicht umkehrt. Männer sollen sterben und Frauen lebenslang hinter Gitter: So sieht es ein verschärftes Strafrecht für Apostasie (Abfall vom Glauben) vor. Noch muss der Wächterrat dem zustimmen. Bestraft würden dann Iraner, die ihre Religion selbst gewählt haben. Und davon soll es immer mehr geben: Satelliten senden christliche Programme in die islamische Republik. Im Internet berichten Konvertiten von ihrer Bekehrung; Muslime suchen nach Erklärungen, wenn sie von Jesus träumen. Wie Nadereh sprechen sie darüber mit Christen oder beginnen, in der Bibel zu lesen.
Wie viele Konvertiten es im Iran gibt, weiß niemand genau. Von der insgesamt viertel Million Christen könnten es ca. 100000 sein, schätzt Open Doors. Darunter einst strenge Islam-Verfechter wie Nadereh. Ihre Eltern und Brüder wollten den neuen Glauben aus ihr herausprügeln. Schande brachte sie über die Familie. Doch sie kehrte nicht um, sondern zog schweren Herzens aus. Von einem Managerposten versetzte man sie an eine schlechter bezahlte Position. In einem Rundschreiben teilte die Firmenleitung allen Angestellten mit: Nadereh ist unrein. Fortan sollte niemand mehr mit ihr sprechen, sie berühren, mit ihr essen.
Da geschätzt für ihren liebevollen Umgang mit Menschen, besuchen sie Kollegen heimlich daheim. »Sie sind neugierig und ich erzähle ihnen dann von Jesus.« Jede Woche telefoniert sie mit ihren Eltern. Einmal im Jahr kommen sie zu Besuch. »Dass ich den Islam verlassen habe, wollen sie nicht akzeptieren«, erzählt sie. »Doch einmal sagten sie, ich sei ein besserer Mensch geworden. Ich spürte, wie schwer es ihnen fiel, mir das zu sagen.«
Romy Schneider
www.opendoors-de.org
Ein äthiopischer Bonhoeffer
23. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Erinnert: Der afrikanische Kirchenführer und Märtyrer Gudina Tumsa wurde am 28. Juli vor 30 Jahren ermordet
Weil für ihn Weltliches und Geistliches untrennbar zusammengehörte kam er in Konflikte mit dem Kaiser wie der sozialistischen Diktatur.

Der vor 30 Jahren ermordete Generalsekretär der Mekane-Yesus-Kirche, Gudina Tumsa. Foto: Archiv
Der äthiopische Kaiser Haile Selassie war 1974 gestürzt worden. Die Militärregierung rief 1975 den Sozialismus aus. Anfang 1977 übernahm Mengistu Haile Mariam nach der Ermordung seines Rivalen Teferi Benti die ganze Macht. Damals begann der Rote Terror. Die Leichen von Oppositionellen lagen zur Abschreckung auf den Straßen Addis Abebas. Die sozialistische Militärdiktatur bedeutete für den Volksstamm der Oromo wie für die vielen anderen nicht-amharischen Völker eine Fortsetzung des amharischen Zentralismus des einzigen afrikanischen Kolonialreiches. Neu war, dass jetzt auch Christentum und Islam unterdrückt wurden. Hunderte von Kirchengebäuden der lutherischen Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus (EECMY) wurden umfunktioniert oder zerstört, Kirchenälteste und Pfarrer verhaftet, gefoltert, getötet. Gudina wandte sich öffentlich gegen die Verletzungen der Menschenrechte und die Einschränkung kirchlicher Tätigkeit. Er engagierte sich für die Unterstützung der Verfolgten und Flüchtlinge, darunter viele Oromo. Und er ließ sich als einer der führenden Köpfe der Oromo nicht vom Regime für dessen Zwecke kooptieren.
DDR-Bischof setzte sich für den Verhafteten ein
Am 28. Juli ist es 30 Jahre her, dass Gudina Tumsa von der sozialistischen Militärdiktatur ermordet wurde, in der Nacht seiner Entführung nach einer Bibelstunde. Seine Frau wurde mit ihm verhaftet. Sie überlebte zehn Jahre im Gefängnis. Seine Kinder, drei Töchter und ein Sohn, konnten sich nach Deutschland ins Exil retten. Die Regierung behauptete, er sei entweder im Exil oder im Busch. 13 Jahre lang hielt sie diese Lügenversion aufrecht. Die Kirchen weltweit nahmen ihn in ihre Fürbitten auf. Durch das Berliner Missionswerk wurden Kampagnen zu seiner Freilassung durchgeführt, amnesty international eingeschaltet. Bischof Werner Krusche und Oberkirchenrat Gerhard Linn vom Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR setzten sich in der äthiopischen Botschaft in Ost-Berlin – sehr zum Verdruss des Staatssekretariats für Kirchenfragen – für Gudina Tumsa ein.
Für Gudina der sich unter anderem während eines dreijährigen Studienaufenthaltes in den USA mit Martin Luther King und Bonhoeffer beschäftigte, konnte der Mensch nicht aufgespalten werden in religiös-geistlich und weltlich-politisch: »Es ist unmöglich für einen Afrikaner, das Weltliche vom Religiösen zu trennen, Geist vom Leib, Glauben von Entwicklung. … Afrikanische Kirchen unserer Zeit müssen eine ›Confessio Africana‹ entwickeln, relevant für die afrikanische gesellschaftliche, politische und ideologische Wirklichkeit.«
Schon in Zeiten des Kaisers hatte Gudina deswegen auf der Generalversammlung der Kirche 1972 die ausstehende Landreform zum Thema gemacht. Wegen der Verweigerung politischer Reformen hörte er auf, im Gottesdienst für den Kaiser zu beten – eine geistlich-politische Demonstration.
Theologie der Befreiung kontra Marxismus-Ideologie
Den von den Militärs ausgerufenen Sozialismus hat er vor Beginn des Roten Terrors 1977 zunächst als Chance für mehr Gerechtigkeit für die Armen und für die Gleichberechtigung aller Völker Äthiopiens gesehen. In der eigenen Kirche wollte er einen Anfang machen. Er forderte Anhebung der unteren Gehälter und Reduktion der oberen. Er setzte sich dafür ein, Menschen der verschiedenen Völker Äthiopiens in kirchlichen Führungspositionen zu berücksichtigen und die Sprachen aller Völker als gleichberechtigt anzuerkennen – statt der Vorherrschaft des Amharischen.
Doch seine Theologie der Befreiung wies ebenso den Totalanspruch des Marxismus zurück: »Das Evangelium von Jesus Christus ist die Macht Gottes, die jeden rettet, der daran glaubt. Es ist die Macht, die von ewiger Verdammnis rettet, von wirtschaftlicher Ausbeutung, von politischer Unterdrückung. … Das Evangelium von Christus kann nie ersetzt werden durch irgendeine der Ideologien, die die Menschen in den vergangenen Jahrhunderten erfunden haben. … Nationalismus hat einen eigenen Stellenwert, aber kann nie das Evangelium von Jesus Christus ersetzen.« (Aus Gudinas Memorandum an seine Kirche, 1975)
Nach Gudinas Tod kamen noch zwölf Jahre einer immer brutaleren Diktatur. Auch danach blieb Äthiopien ein Unrechtsstaat. Gudina wurde wie Bonhoeffer zum Märtyrer.
Von Gerd Decke
Gerd Decke war von 1993 bis 2005 Horn-von-Afrika-Referent des Berliner Missionswerks und ist Mit-Herausgeber der Schriften Gudinas durch die Gudina-Tumsa-Stiftung.
»Brot«: Spendenrückgang auch in Mitteldeutschland
16. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Quelle: epd-bild
Damit freilich hat die kleine anhaltische Landeskirche immer noch ein deutlich besseres Spendenergebnis erzielt, als die größere West-Kirche von Schaumburg-Lippe, die im vergangenen Jahr auf lediglich 98704 Euro kam. Die größten Verluste verzeichnete »Brot für die Welt« im Übrigen in der westfälischen Landeskirche, deren Spendenergebnis von 4,2 auf 3,3 Millionen Euro sank, sowie bei den evangelischen Freikirchen, von denen einige die Spenden des vergangenen Jahres allerdings zum Stichtag noch nicht überwiesen hatten.
Vor Journalisten in Berlin warnte die Direktorin des Hilfswerks, Pfarrerin Cornelia Füllkrug-Weitzel, vor den Folgen des Klimawandels für die Entwicklungsländer. »Wenn wir die Finanz- und Wirtschaftskrise eine Jahrhundertkrise nennen, geht es beim Klimawandel um eine Jahrtausendkrise«, sagte die Brot-für-die-Welt-Direktorin. »Die in den letzten Jahrzehnten geförderten Entwicklungsfortschritte werden durch den Klimawandel erbarmungslos zerstört.« »Brot für die Welt« habe daher den Kampf gegen den Klimawandel zu einem Schwerpunkt der eigenen Arbeit erhoben. In Bangladesch, der Südpazifikregion und der Sahelzone bemühe man sich um eine Anpassung der örtlichen Landwirtschaft an die Folgen des Klimawandels.
»Teilweise ist die Bodenzerstörung aber auch schon so weit fortgeschritten, dass Landwirtschaft nicht mehr möglich ist«, sagte Füllkrug-Weitzel. Allein in der Hauptstadt von Bangladesch, Dhaka, würden deswegen täglich Hunderte Familien als Klimaflüchtlinge stranden. Ihre Zahl werde in den nächsten Jahren zunehmen.
Benjamin Lassiwe
»Den Gestank kann sich keiner vorstellen«
13. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Interview: Der Arzt Wahid Mounir arbeitet in Kairo mit sogenannten »Müllmenschen«
Mit den »garbage collectors« will keiner in der ägyptischen Gesellschaft etwas zu tun haben. Mitten in einem der größten Müllsammler-Gebiete nahe Kairo betreibt Wahid Mounir eine Klinik. Annika Falk sprach mit dem Arzt und koptischen Christen.

»Ich bin kein Araber, ich bin Ägypter«, sagt der Arzt Wahid Mounir stolz von sich. Der koptische Christ wehrt sich dagegen, dass die Christen in Ägypten als verschwindende Minderheit dargestellt werden. Foto: Uwe Winkler
Mounir: Darüber gibt es nur Schätzungen. Statistiken fehlen, denn gäbe es sie, wüsste die Regierung offiziell, wie viele Krankenhäuser, soziale Einrichtungen und Schulen sie für diese Anzahl an Menschen schaffen müsste. Alleine in Mokattam, dem Gebiet, in dem ich arbeite, leben geschätzte 200000 Müllsammler. Ohne sie wäre Kairo eine Insel des Mülls. Aber die Menschen werden nicht als Menschen gesehen. Von der Gesellschaft werden sie ignoriert, deshalb sorgt die Kirche für sie. Fast 95 Prozent der Müllsammler sind Christen.
Auch Schweinezüchter sind meist Christen. Was geschah vor wenigen Wochen während der Schweinegrippe in Ägypten?
Mounir: Nach dem Bekanntwerden des ersten Schweinegrippe-Falls wurde innerhalb von 24 Stunden eine Erklärung abgegeben. Das Parlament entschied, alle Schweine in Ägypten zu töten. Das Problem sind dabei aber nicht die Schweine, da man sich nicht dadurch ansteckt, indem man Schweinefleisch isst, sondern die Übertragung erfolgt von Mensch zu Mensch.
Diese Regelung war also ein Angriff auf die Christen im Land. Die koptischen Christen befinden sich im muslimischen Ägypten in einer Minderheit …
Mounir: … als eine Minderheit würde ich uns nicht bezeichnen. Das würde bedeuten, dass Ägypten nicht unser Land ist. Christen waren aber einmal die wirklichen Einwohner Ägyptens, bis das Land von den Moslems eingenommen wurde. Heute gibt es wesentlich weniger Christen als Moslems, nur 25 Prozent der 80 Millionen starken Bevölkerung. Unser Präsident spricht manchmal davon, dass wir nur zwei Millionen sind.
Wie werden Christen in Ihrem Land behandelt?
Mounir: Manchmal werden Menschen verhaftet, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind. Manche werden einfach abtransportiert und wir wissen nicht, was mit ih-
nen geschieht. Ein weiteres Problem ist, dass Europäer, Amerikaner, Kanadier oder Australier denken, dass ein Ägypter Moslem und Araber ist. Aber ich bin kein Araber, ich bin Ägypter.
Neben den Konflikten zwischen den Kulturen und Konfessionen hat Ägypten ein Problem, da es riesige Müllsammler-Gebiete gibt. Wie kam es dazu?
Mounir: Viele zogen bereits in den 60er Jahren vom Land in den Großraum Kairo oder in die Nähe der Pyramiden nach Gizeh. Es gab allerdings keine Arbeit und zu wenige Wohnungen. Zu dieser Zeit hatte Kairo kein Müllverwertungssystem, also sammelten die Zugewanderten den Müll. Die aussortierten Dinge verkauften sie. Ihre Häuser richteten sie mit Sachen ein, die sie auf den Müllhalden fanden. So entwickelte sich das Geschäft der Müllsammler. Früher waren sie ausschließlich Christen, heute ziehen auch viele Moslems in diese Gebiete.
Mitten in dieser Region betreiben Sie seit 1993 eine Klinik, um den Menschen zu helfen. Vor drei Jahren standen Sie beinahe vor dem Aus …
Mounir: Mein medizinisches Sozialzentrum Sankt Simon ist der einzige Hilfsdienst für zigtausende Menschen. 2006 hatte ich keine finanziellen Hilfsmittel mehr, um die Klinik zu managen. Dazu kam, dass einer unserer größten Unterstützer Bischof in Los Angeles wurde. Er nahm fast alle Mitarbeiter, die für uns gearbeitet und von der Kirche bezahlt wurden, mit in die USA. Wir starteten dann das Projekt »Zero«, fingen sprichwörtlich von Null an. Jetzt sortieren die Menschen bei uns Müll, recyceln ihn und wir verkaufen die Dinge weiter. Mittlerweile habe ich wieder 30 Mitarbeiter. Ich bezahle sie von den geringen Einnahmen. Außerdem betreiben wir eine Vorschule.
Sie haben im Ausland einige Unterstützer, auch in Deutschland. Mitglieder des Naomi-Vereins und Schwestern des Trinitatis-Rings aus Leipzig haben Sie im Frühjahr besucht. Wie haben Sie den Besuch erlebt?
Mounir: Schwester Gudrun und die anderen Reisenden haben unzählige Fragen gestellt. Und sie haben Geld gesammelt für unser Projekt. Am meisten beeindruckt alle Besucher der Geruch. Man kann versuchen, die Region zu beschreiben, aber den Gestank kann sich keiner vorstellen. Daneben aber beeindruckt, dass diese Menschen immer lächeln. Sie sollten von der Gesellschaft endlich auch als Menschen wahrgenommen werden.
Kontakt:
Naomi e.V.,
Elsteraue 3, 04159 Leipzig
Telefon (0341)9610975,
E-Mail: jmd@naomi-leipzig.de
Internet: www.naomi-leipzig.de
Harmlose Träumerei oder Öl ins Feuer?
3. Juli 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Bericht: Die neuen »Tempelritter« – eine bizarre jüdische Gruppe will den Jerusalemer Tempel aufbauen!
Im Jahr 70 wurde der letzte jüdische Tempel in Jerusalem, dessen Bau bzw. Umbau auf Herodes den Großen zurückging, durch die Römer zerstört. Jetzt will eine Gruppe einen neuen Tempel errichten.

Am ursprünglichen Standort des jüdischen Tempels steht heute der Felsendom. Foto: KNA-Bild
Die Stimmung passte großartig: Die untergehende Frühsommersonne tauchte die Mauern der Altstadt von Jerusalem in ein goldenes Licht. Im Hintergrund klimperte eine Harfe klassische und moderne, israelische Melodien. Zu Thunfischsandwich und Orangensaft präsentierten Rabbi Juval Scherlow, Joav Frankel und der Künstler-Architekt Ascher Oskar Fröhlich ein riesiges Ölgemälde im Konrad-Adenauer-Konferenzzentrum des Jerusalemer Stadtteils Mischkenot Scha’ananim.
Traum von Harmonie in »Öl auf Leinwand«
Im Vordergrund des monumentalen Bildes von Ascher Fröhlich singen, musizieren und tanzen Menschen, die offensichtlich unterschiedliche Volks- und Religionsgruppen repräsentieren. Einmütig sind sie vereint zwischen dem islamischen Felsendom und einem Gebäude, das den gängigen Vorstellungen des herodianischen Tempels entspricht. Im Hintergrund strömen durch das geöffnete Goldene Tor Menschenmassen auf den Platz. Das ganze Bild der Religionsharmonie steht unter einem Regenbogen – dem Zeichen des Bundes, den Gott mit Noah geschlossen hat (1. Mose 9,12ff).
Fünf Jahre lang haben Joav Frankel und sein Team geforscht, ob es nach jüdischer Tradition möglich wäre, den Tempelneubau um einige Meter nach Norden zu verlegen, das heißt, den Originalstandort des jüdischen Heiligtums den Moslems zu überlassen. Nach Beratungen mit »wichtigen Rabbinern in Israel« ist er zu der Überzeugung gekommen, dass es nach dem jüdischen Gesetz möglich wäre, den Tempel nicht am ursprünglichen Standort zu bauen. Denn an der Stelle sowohl des salomonischen als auch herodianischen Tempels steht heute der Felsendom. Um diesen Ort – auf dem Ölgemälde Fröhlichs wäre er einige Hundert Meter nördlich des Felsendoms – zu finden, wäre das Auftreten eines Propheten notwendig, der den genauen Ort bezeichnen müsste. Und natürlich müsste dieser Prophet von einer Mehrheit der jüdischen Welt anerkannt werden.
Nein, konkrete Bauanweisungen wollen sie nicht geben, betonen die Initiatoren – wobei es Frankel aber doch wichtig ist, dass der Künstler, der das Bild gemalt hat, Architekt sei. Ausdrücklich soll es nur darum gehen, den »Heiligen Berg Gottes« von einem Ort der Auseinandersetzung zu einem »Haus des Gebets für alle Völker« (Jesaja 56,7) zu transformieren. So sollen »die höchste Mission von Judentum, Christentum und Islam und der ursprüngliche Zweck des Tempels« erfüllt werden. Die ganze Welt soll
den einen Gott gemeinsam in Frieden anbeten.
Bislang bezeichnen Juden und Christen das Zentrum Jerusalems als »Tempelberg«. Muslime, die eine historische Existenz des jüdischen Tempels vehement bestreiten, bezeichnen den Platz, auf dem heute die Al-Aksa-Moschee und der Felsendom stehen, dagegen als »Haram A-Scharif«, als »edles Heiligtum«. Nach Ansicht Frankels waren es der römische »Cäsar und seine Nachfahren durch die Geschichte«, die den Streitgeist unter die Völker gebracht und so den Tempelberg zu einem Ort der Auseinandersetzung gemacht haben.
Friedensvision mit fraglicher Tendenz
Wie die Mutation vom Zankapfel zur Friedenspfeife praktisch aussehen soll, lassen Frankel & Co. offen. Deshalb wurden auf dem Fröhlich-Bild die eigentlichen topografischen Gegebenheiten Jerusalems auch bewusst verdreht. Einzelheiten der Beziehungen zwischen den Religionen, etwa in den Bereichen der Liturgie oder Theologie, wollen die Tempelvisionäre ausdrücklich ausklammern. Man will ja Frieden und nicht Krieg stiften.
Eine gewisse Tendenz – ob von den Initiatoren des Bildes intendiert oder nicht – gibt das Gemälde indes aber doch vor. So ist innerhalb des Tempelareals kein Mensch als Vertreter der Christenheit ausdrücklich erkennbar, etwa durch Priesterkragen oder Ordensbekleidung. Die Grabeskirche, das Allerheiligste des Christentums, steht draußen vor der Ummauerung des Wunschtempels – die Mauer wurde zu diesem Zweck vom Künstler von Ost nach West verlegt. Die der Wirklichkeit widersprechende Komposition des Bildes bringt eindrücklich zum Ausdruck, was der sephardische Oberrabbiner Josef Azran auf vorausgegangener Podiumsdiskussion gesagt hatte: »In einer Moschee darf ich beten, in einer Kirche könnte ich das niemals!«
Und auch innerhalb des Heiligtums wird auf dem Gemälde eine Tendenz sichtbar. Die Menschen auf der linken Seite des Bildes stehen unter einem eigentümlich grün-finsteren Einfluss, der vom islamischen Felsendom ausgeht – ganz im Gegensatz zur heutigen Realität, in der sich die Goldkuppel des ältesten islamischen Bauwerks die meiste Zeit des Jahres den Touristen in strahlendem Sonnenlicht präsentiert. Der Strom des Lebens, den der Prophet Hesekiel (Kapitel 47) beschreibt und der ganz bewusst in das Bild mit aufgenommen wurde, geht dagegen vom lichtvollen jüdischen Heiligtum auf der rechten Seite des Gemäldes aus.
Ist das alles Zufall – oder ein »freud’scher Vermaler« der jüdischen Visionäre? »Das ist wie beim Schachspiel«, hatte Joav Frankel im Fragenteil seiner Projektvorstellung erklärt: »Man opfert die Königin, um das Spiel zu gewinnen.« Fraglich ist, ob Christen und Muslime ausreichend kompromissbereit sein werden, um sich auf dieses Spiel einzulassen. Keineswegs Zufall war indes, dass sich die stets freundlich lächelnden christlichen, muslimischen und sogar jüdischen Dialogpartner vor der Präsentation des Bildes verabschiedet hatten.
Endzeitträumerei oder Kriegstreiberei?
Ob die Vorstellungen Frankels sich in der heutigen Realität als weltfremde Endzeitträumerei erweisen wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht werden sie von den unmittelbar Betroffenen ja nur freundlich-mitleidig belächelt. Das wäre der beste Fall. Das Bild von Fröhlich könnte aber auch zur Initialzündung für eine neue Runde der Gewalt werden. Möglicherweise werden gewisse Zeitgenossen auf skurrile Endzeitschwärmer in Jerusalem genauso wenig humorvoll reagieren, wie auf schamlos-kritische Karikaturisten in Kopenhagen. Seit der römische Prokurator Pilatus das Blut jüdischer Pilger mit ihren Opfern vermischt hat (Lukas 13,1), hat die Begeisterung für diesen Berg im Zentrum der Stadt Jerusalem Hunderttausenden von Menschen das Leben gekostet. Das Blutvergießen reicht bis in die jüngste Gegenwart.
Johannes Gerloff
Schweiz: Freidenker am Ende doch noch erfolgreich?
18. Juni 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Die größte Kirchenzeitschrift der Schweiz – »reformiert.« – darf bei Schweizer Verkehrsbetrieben nicht mehr werben. Grund: Die Verkehrsbetriebe – unter ihnen die Postauto Schweiz – wollen keine »religiöse Werbung« in ihren Fahrzeugen mehr dulden.

Das umstrittene Plakat der schweizerischen Kirchenzeitung.
Hintergrund der restriktiven Maßnahme ist eine Entscheidung der Verkehrsbetriebe mehrerer Schweizer Städte, die Plakate der Freidenker Vereinigung der Schweiz (FVS), nicht aufzuhängen. Die Freidenker wollten im Februar – analog zur Werbekampagne in Deutschland – in Bussen und Straßenbahnen mit dem Slogan werben: »Wahrscheinlich gibt es keinen Gott. Kein Grund zur Sorge, genieß das Leben.« Die Verkehrsbetriebe lehnten ab, weil sie keine Werbung wollten, die gegen weitverbreitete religiöse Überzeugungen der Bürger verstieß.
Es sollte eine Ablehnung mit ungeahnten Folgen werden. Denn als der Verlag der kantonalen Berner Ausgabe der Zeitschrift »reformiert.« eine Plakatkampagne für das Juni-Thema des Blattes lancieren wollte, zögerte die zuständige Plakatgesellschaft plötzlich. Die Werbeverbote hatten in der Zwischenzeit eine größere Debatte zum Thema »religiöse Werbung« vom Zaun gebrochen. Als die Redaktion von »reformiert.« bei »Bernmobil«, den Verkehrsbetriebe der Stadt Bern, nachfragte, meinte deren Sprecherin: »Die Direktion hat aufgrund dieser Debatte entschieden, inskünftig keinerlei Werbung mit religiösem Inhalt mehr zuzulassen.« Die Redaktion stellt jetzt betroffen fest: »Obwohl ›reformiert.‹ Eine Zeitschrift ist – eine zudem, die redaktionell unabhängig ist und durchaus kritisch über Kirche und Religion berichtet –, fällt sie offenbar bei ›Bernmobil‹ unter eine Art ›Lex Freidenker‹.«
Ob die Botschaft des Plakates bei dieser Entscheidung mitgespielt hat? Es enthält nicht nur in großen Lettern das Thema der Juni-Ausgabe der Zeitung »Die Kirche am Ende. Am Ende die Kirche?«, sondern darüber noch fetter die Worte »ogottogott!«, wobei die »o« rot ausgefüllt sind.
Bei den Verkehrsbetrieben scheint somit folgende Logik gespielt zu haben: Wenn wir schon Plakate verbieten, die Gott infrage stellen, dürfen wir aus Gründen der Fairness auch keine Plakate aushängen, die direkt für »Gott« werben. Sonst wäre unsere Neutralität gegenüber den Auftraggebern verletzt. Die Kirchen und ihre Publikationen werden nicht mehr als Träger einer staatstragenden Kultur wahrgenommen, sondern als religiöse Organisation, die in Konkurrenz zu andern – auch Organisationen mit einer atheistischen Philosophie – stehen. Ob das den Kirchen passt oder nicht. Oh Gott, oh Gott!
Der Verlag wird jetzt die Plakate auf Plakatsäulen und in einigen Verkehrsbetrieben aufhängen, die das immer noch gestatten und hofft, dass die Entscheidung bei den übrigen Verkehrsbetrieben nicht in Stein gemeißelt sei.
Fritz Imhof
Weniger Geld, weniger Mitarbeiter
11. Juni 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Nachgefragt: Was bedeuten die Kirchenfusionen für das traditionsreiche Leipziger Missionswerk?
Auch wenn die Existenz des Leipziger Missionswerks nicht in Gefahr ist – es muss sich auf neue Arbeits-
bedingungen einstellen.
Das Evangelisch-Lutherische Missionswerk in Leipzig (LMW) wurde bisher von den Landeskirchen Sachsens, Mecklenburgs und Thüringens getragen. Seit 1. Januar 2009 ist die aus der Fusion von Thüringen und der Kirchenprovinz Sachsen entstandene Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) Mitträger des Werkes. Durch die Pläne zur Pfingsten 2012 startenden Nordkirche überdenkt auch Mecklenburg die Kooperation. »Ich rechne fest mit einem Ausstieg«, so Michael Hanfstängel, der Direktor des LMW.
Andreas Flade drückt es vorsichtiger aus: »Im Rahmen der geplanten Kirche im Norden ist vorgesehen, dass alle drei beteiligten Kirchen ein gemeinsames Missionswerk anstreben«, so der Mecklenburger Oberkirchenrat. »Dies könnte den Ausstieg Mecklenburgs aus der Trägerschaft bedeuten.« Michael Hanfstängel entgegnet: »Wir müssen dann einen sozialverträglichen Ausstieg verhandeln.« Eine Überbrückung von drei Jahren durch finanzielle Zuschüsse könne er sich vorstellen.
Steigen die Mecklenburger aus, fehlen dem Missionswerk 138000 Euro. Im Sparen ist es geübt, 110000 Euro innerhalb von drei Jahren wurden aus dem Haushalt gekürzt. Missionarsstellen, die befristet sind, sollen nicht verlängert oder neu besetzt werden. Auch die Stelle des Ausländerbeauftragten kann nicht neu besetzt werden. Der Archivarin wurde betriebsbedingt gekündigt und eine Stelle in der Buchhaltung wird wegfallen.
Strukturfragen müssen geklärt werden
Mitte Mai tagte der Missionsausschuss, bestehend aus Vertretern der Landeskirchen, des Freundes- und Förderkreises und gewählten Mitgliedern aus den Bereichen Weltdienst und Theologische Fakultät. Eine Kommission setzt sich nun mit der Satzungsänderung und der Neuverteilung der Sitze auseinander. »Bis die Gesamtzahl der Entsandten aus der EKM geklärt ist, nehme ich an den Sitzungen teil«, so der Magdeburger Oberkirchenrat und Missionsbeauftragte Christoph Hartmann, der als ständiger Gast nicht stimmberechtigt ist.
Im Missionsausschuss wurde außerdem bestimmt, dass die Stelle des Papua Neuguinea-Referenten neu vergeben wird, allerdings zahlt Sachsen einen Großteil der befristeten Stelle. »Der sächsischen Landeskirche sind alle drei Partnerkirchen gleich wichtig«, freut sich Missionsdirektor Hanfstängel.
Denn nicht nur die Strukturen, auch die inhaltliche Ausrichtung verändert sich durch die Fusion der EKM. Die Tansaniaarbeit wird verstärkt, da die Traditionen dieser Arbeit aus beiden Landeskirchen zusammengeführt wurden. Der EKM-Tansaniafonds beinhaltet rund 300000 Euro pro Jahr.
Bisher wurden vom Missionswerk fünf lutherische Diözesen im Norden Tansanias unterstützt. Durch die starke Tansaniaarbeit der Kirchenprovinz begleitet das Werk seit 2009 auch sechs Diözesen im Süden Tansanias. »Diese Partnerschaften haben hohe Qualität und viel Tiefgang, da sie von unten, also von den Gemeinden und Kirchenkreisen, organisiert werden«, so Hanfstängel.
Auf dem Weg zu einem Zentrum der Ökumene?
Für die Zukunft sieht der Direktor Mission nicht als Einbahnstraße, sondern als gleichberechtigtes Programm zu beiden Seiten. Mittlerweile seien in Tansania und Papua Neuguinea mehr als doppelt so viele Menschen getauft als in den ostdeutschen Bundesländern. Seit vier Jahren kommen durch das Programm »Mission to the North« (Mission in den Norden) Menschen aus den Partnerkirchen nach Deutschland. »Sie bringen durch ihre oft auch unbequemen Fragen Denkprozesse in Gang«, konstatiert Hanfstängel. »Sie sagen uns, dass wir unseren Glauben nicht verstecken sollen – der Schwerpunkt der Arbeit dreht sich also um.«
Außerdem wirbt Hanfstängel für eine Neuorganisierung – hin zum Ökumenezentrum, das alle kirchlichen Werke, die sich mit »Eine Welt«-Themen auseinandersetzen, unter einem Dach bündelt. Diese Änderungen werden wohl nicht bis zum 175. Jubiläum des Missionswerkes 2011 eintreten, aber vielleicht in fünf bis zehn Jahren.
Annika Falk
Ein fröhlicher Geburtstag
4. Juni 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Kuba: Protestantische Lieder in den Straßen Havannas – Christen auf Kuba leben zwischen Hoffnung und Angst
Besonders seit den 90er Jahren wachsen auf der traditionell katholischen Karibikinsel auch die evangelischen Gemeinden.

Armut und liebevoll gepflegte alte amerikanische Straßenkreuzer gehören ebenso zum Alltag auf Kubas Straßen wie Gastfreundschaft und Lebensfreude. Foto: epd-bild/Rolf Schulten
Die Dunkelheit der Nacht verleiht den eng bewohnten Stadteilen der kubanischen Hauptstadt Havanna eine unbestreitbar romantische Atmosphäre. Plötzlich ertönt ein melodisches Summen. Gitarren werden gestimmt. Dann beginnt der Gesang von zehn talentierten Stimmen: »Zum Geburtstag viel Glück!« Ein morsches Holzfenster wird geöffnet. Die Silhouette eines schwarzen Kopfs taucht auf, mit leuchtenden Augen und einem freudigen, weißen Lachen. Der Gesang geht weiter: »Alles Gute liebe Analie, zum Geburtstag viel Glück!«
Evangelikale Kirchen sind auf dem Vormarsch
Vor einigen Jahren hat sich Analie einer evangelikalen Kirche angeschlossen. Wie überall in Lateinamerika wächst die evangelikale Bewegung auch auf Kuba. Heute engagiert sich Analie für den Aufbau einer christlichen Jugendgruppe. Sie sagt, ihr Glaube gebe ihr die Kraft, die sie im Alltag braucht, um die Entbehrungen hinzunehmen. Wie gerne würde sie zum Geburtstag eine Umarmung ihrer Mutter bekommen. Doch seit zwei Jahren kann sie nicht mehr in ihren Heimatort fahren. Dafür reicht das Geld nicht.
Vor der Revolution im Jahr 1959 waren die meisten Kubaner Katholiken, doch nur zehn Prozent von ihnen waren regelmäßige Kirchgänger. Die Protestanten bildeten eine kleine Minderheit, die vorwiegend auf dem Land lebte und zu den ärmeren Teilen der Gesellschaft gehörte. Als sich die Revolutionsregierung dem Marxismus-Leninismus zuwendete und die Partei nur noch Atheisten in ihren Reihen aufnahm, wurde das Leben für Christen schwieriger. 140 katholische Priester wurden des Landes verwiesen, 400 gingen freiwillig ins Exil. Die meisten Protestanten jedoch blieben auf Kuba. In den kompromisslosen Zeiten der 70er und 80er Jahre war es ihnen verboten, in die kommunistische Partei einzutreten. Bestimmte Studiengänge an den Universitäten, vornehmlich in den humanistischen Fächern, blieben für Christen geschlossen.
Heute ist Analies 25. Geburtstag. Sie eilt die Treppenstufen hinunter zur Straße, um ihre Freunde zu umarmen, insbesondere Giosvani, einen Jungen mit asiatischen Gesichtszügen und einem großen Talent im Umgang mit der Gitarre. Zudem hat er die Gabe, gute Laune zu verbreiten. »Wir preisen den Herrn«, erklärt er. »Wir danken ihm für Analie. Sie ist eine bemerkenswerte Frau.«
Vorsichtige Reformen und neue Freiheiten
Viele der protestantischen Gemeinden Kubas sind im Laufe der 90er Jahre entstanden. Von der Regierung wird diese Zeit als »periodo especial«, spezieller Zeitabschnitt, bezeichnet. Damals ist der Kommunismus als Staatspolitik fast im gesamten Rest der Welt verschwunden. Die kubanische Regierung verlor ihren wichtigsten Alliierten, die Sowjetunion. Damals suchten viele Kubaner Unterstützung in der Religion. Einige hofften auf konkrete Hilfen durch die evangelikalen Gruppierungen, die gute Kontakte zu kanadischen und US-amerikanischen Missionaren pflegten.
Analie hat ihre Familie in der kubanischen Provinz Camagüey schon als Jugendliche verlassen, um in der Hauptstadt Havanna zur Schule gehen zu können. Wegen ihres schauspielerischen Talents hat der Staat ihr schon früh ein Stipendium gegeben. Heute arbeitet sie als Schauspielerin und ist bekannt für ihre Professionalität in der Ausübung der Kunst. Sie verdient das übliche Gehalt von 280 kubanischen Pesos, etwa 12 Euro im Monat. Sie ist zufrieden mit dem, was sie in ihrem Beruf erreicht hat: »Ich bin Afrokubanerin. Meine Hautfarbe war nie ein Problem. Hier auf Kuba ist es nicht wichtig, woher du kommst. Bauern oder Arbeiter, Männer oder Frauen, alle haben die gleichen Möglichkeiten. Das ist etwas, worauf wir Kubaner stolz sein können.«
Seitdem die Verfassung 1992 überarbeitet wurde, hat sich vieles geändert in der Beziehung zwischen der kubanischen Regierung und den christlichen Kirchen. Vermerke, die den Staat als marxistisch-leninistisch bezeichnen, wurden getilgt. Die Trennung zwischen Staat und Kirche führte zu einer Öffnung der Zivilgesellschaft für Christen. Innerhalb weniger Jahre vervielfachte sich die Zahl der protestantischen Kirchgänger, was auch auf aggressive Missionsbemühungen aus Nordamerika zurückzuführen ist. Immer mehr evangelikale Glaubensrichtungen wie die Adventisten und die Pfingstbewegung breiteten sich aus. Heute sind offiziell rund 300000 protestantische Christen auf Kuba registriert.
Mit den politischen Reformen sind die Möglichkeiten der Kirchen zur Evangelisation größer geworden. Hier und da werden Missionsveranstaltungen in öffentlichen Sälen oder Stadien genehmigt und jeden Sonntag kann man im staatlichen Rundfunk zwei Ansprachen von protestantischen Predigern hören.
Dennoch: Die Angst vor Repressionen bleibt
Es ist Zeit für Geburtstagsgeschenke. Analie bekommt eine Zahnbürste, ein Kästchen Streichhölzer, einen Bleistift und als besondere Überraschung, eine parfümierte Seife. Freudestrahlend atmet sie den Duft ein und fühlt sich reich beschenkt.
Wenig später verabschiedet sie sich mit einem Kuss auf die Wange. Sie ist schon fast in der Dunkelheit verschwunden, als sie sich noch einmal umdreht. Mit besorgtem Gesicht sagt sie: »Wenn du etwas veröffentlichst, erwähne bitte nicht unsere wirklichen Namen. Keiner von uns hätte dir ein Interview geben sollen. Für uns ist das ein großes Risiko. Du wirst Kuba verlassen, aber wir werden bleiben. Ich kann es mir nicht leisten, meine Arbeit zu verlieren. Ich bitte dich, identifizier uns nicht.«
Andreas Boueke
Kirchen so groß wie Stadthallen
29. Mai 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Für die rund 80000 Lutheraner in Polen bedeuten die Feierlichkeiten einen wichtigen Höhepunkt – und sind auch ein kleiner Schritt für die zaghafte Ökumene.

Die Gnadenkirchen im heutigen Polen stehen dieses Jahr im Mittelpunkt von Feierlichkeiten der Lutheraner Polens - hier die Kirche Jelenia Gora (Hirschberg) Foto: Steffen Giersch
Das Gotteshaus gleicht in seinen Ausmaßen fast einer Stadthalle. Wer die Kirche »Zum Kreuz Christi« im rund 50 Kilometer von der heutigen deutsch-polnischen Grenze entfernten Jelenia Gora (Hirschberg) betritt, dürfte aber nicht nur von der Größe des Hauses mit seinen 4000 Sitzplätzen überwältigt sein. Den Besucher ziehen auch monumentale Decken-Fresken, ein barocker Altar sowie eine der größten und bedeutendsten schlesischen Orgeln in den Bann.
Kaum zu glauben, dass die heutige katholische Garnisonkirche mit mehreren Beichtstühlen und Bildnissen von Papst Johannes Paul II. die längste Zeit ihrer Geschichte, nämlich bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, evangelisch war. Das nach dem Vorbild der Stockholmer Katharinenkirche errichtete Gebäude gilt als die bedeutendste der ehemals sechs protestantischen Gnadenkirchen in Schlesien. Deren Bau startete vor 300 Jahren.
Nach Einschätzung der Kunsthistorikerin Andrea Langer mehrten die Sakralbauten nicht nur die geringe Zahl protestantischer Zentren. In hohem Maß dienten sie auch dem Prestigebedürfnis ihrer evangelischen Auftraggeber aus Handel und Adel, die zum Teil überregional bedeutsame Künstler engagierten.
Gegenreformation und Druck durch die Schweden
Wie die zum UNESCO-Welterbe gehörenden schlesischen Friedenskirchen verdanken auch die Gnadenkirchen ihre Entstehung den Schweden. Die militärisch gut gerüstete Nordmacht trotzte den katholischen Habsburgern in der »Altranstädter Konvention« von 1707 Vergünstigungen für die schlesischen Protestanten ab. In Nachverhandlungen stimmte der Habsburger Joseph I. sogar dem Bau neuer Gotteshäuser zu und das – wie er meinte – lediglich aus rein kaiserlicher Gnade.
Für die von der Gegenreformation bedrängten Protestanten kam es mit der Konvention zu merklichen Erleichterungen. Außer Hirschberg bauten auch die über ganz Schlesien verteilten Städte Militsch, Teschen und Landeshut Gnadenkirchen aus Stein oder Fachwerk. Sie waren für Gläubige aus einem weiten Gebiet bestimmt und boten deswegen Tausende Plätze. Zwei weitere Gotteshäuser in Sagan und Freystadt überstanden zwar sämtliche Kriege, wurden aber 1965 und 1975 bis auf die Türme gesprengt.
In den kommenden Monaten stehen in den vier verbliebenen Gnadenkirchen die 300-jährigen Jubiläen für Baugenehmigung oder Grundstein legung an. Die Feste sind für die schlesischen Lutheraner ein Höhepunkt in diesem Jahr, bestätigt Pfarrvikar David Mendrok von der evangelischen Gemeinde in Wroclaw (Breslau).
Eröffnet wurden die Festveranstaltungen in der vergangenen Woche in Teschen (Cieszyn). Dazu gehörte unter anderem ein zweitägiges Geschichtsseminar, ein Umzug in der Stadt sowie am vergangenen Sonntag ein großes Festprogramm mit Gottesdienst. Mit 7000 Lutheranern gilt die in den schlesischen Beskiden direkt an der Grenze zu Tschechien gelegene Kleinstadt als die Hochburg der insgesamt 80000 Mitglieder zählenden Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen.
Zudem ist die Teschener Jesuskirche mit ihren 8000 Plätzen die einzige Gnadenkirche, die noch von einer evangelischen Gemeinde genutzt wird. Pfarrvikar Mendrok bezeichnet sie als lutherische Mutterkirche in Polen. Die 300-Jahr-Feiern werden am 1. Juni in Hirschberg fortgesetzt. In der Stadt am Fuße des Riesengebirges sind eine Prozession sowie ein ökumenischer Gottesdienst in der Gnaden kirche geplant, die auch zur deutsch-polnisch-tschechischen Touristenroute »Via Sacra« gehört.
Zu den dortigen Initiatoren der Feier zählt der 80-jährige Paul Gerhard Eberlein aus Schwäbisch Gmünd. Der Pfarrer und ehemalige Hirschberger gehörte bis 1945 der evangelischen Gemeinde der Gnadenkirche an und wurde später vertrieben. Dass in dem heutigen katholischen Gotteshaus eine deutsch-polnische Feier vorbereitet wird, bezeichnet er als »großen Erfolg«. Für die katholische Seite »ist das schwieriger als für uns«, betont Eberlein.
Nur noch eine Kirche in protestantischer Nutzung
Auch in den Militscher und Landeshuter Gnadenkirchen erinnern im Juni und Oktober ökumenische Festgottesdienste an den Baustart im Jahr 1709. Die Feiern können allerdings kaum verdecken, dass die Kirchen in den zurückliegenden Jahrhunderten ihr Gesicht verändert haben. Zu Eingriffen kam es vor allem nach 1945.
In der Landeshuter Kirche wurden Altar, Kanzel, Orgel, Glocke und Uhr abgebaut. Teile der Ausstattung kamen nach Angaben der Kunsthistorikerin Andrea Langer in eine Warschauer Kirche. Ähnliches ereignete sich auch in Militsch. Langer berichtet zudem, dass die Fachwerkkirche in Freystadt vor ihrer Zerstörung als Lager für kanadische Weizenhilfs lieferungen an Polen diente. (epd)
Marius Zippe
Beten in der eigenen Sprache
7. April 2009 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Eine Welt
Bericht: Die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein hat auch eine selbstständige Kirchenstruktur

Minderheit: Langst finden nicht mehr alle Dänen in Deutschland den Weg in ihre Kirche. Foto: Benjamin Lassiwe
Ein kleiner Glockenstuhl auf dem Rasen, ein schmiedeeisernes Kreuz an der Hauswand. Davor weht der Dannebrog, die Nationalfahne Dänemarks: die dänische Kirche im deutschen Städtchen Leck.
Das Ende der 1950er Jahre gebaute Gemeindezentrum ist die Heimat einer von insgesamt 35 Kirchengemeinden, die heute die »Dansk Kirke i Sydslesvig« bilden. Nach jahrzehntelangen nationalen Konflikten, die im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 und der gemeinsamen Eroberung Schleswigs durch Preußen und Österreicher gipfelten, war die deutsch-dänische Grenze in ihrer heutigen Form nach dem Ersten Weltkrieg festgelegt worden. Auf beiden Seiten bildeten sich Minderheiten: Deutsche in Nordschleswig und Dänen in Südschleswig.
Und es entstanden kirchliche Strukturen, die diesen Verhältnissen Rechnung trugen: In Nordschleswig werden die dort lebenden Deutschen von der mit der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche verbundenen »Nordschleswigschen Gemeinde« sowie vier von der dänischen Volkskirche angestellten deutschen Pfarrern betreut. Südlich der Grenze, von Flensburg bis zum Nord-Ostsee-Kanal, gibt es die vom dänischen Staat und der Volkskirche unterstützte »Dänische Kirche von Südschleswig«.
»Natürlich sprechen wir im Gottesdienst dänisch«, sagt der Pastor in Leck, Jörgen Holm. Wenn Pastoren wie Holm oder sein Flensburger Kollege Preben K. Mogensen in ihre Gemeinde blicken, sehen sie den »harten Kern« der landesweit rund 50000 Mitglieder zählenden dänischen Minderheit vor sich. »Wer unsere Gottesdienste besucht, für den ist die dänische Sprache so wichtig, dass er sogar in ihr betet«, sagt Mogensen.
Zwischen sechs und acht Prozent seiner rund 750 Gemeindeglieder begrüßt Mogensen in einem normalen Sonntagsgottesdienst. Damit liegt die Gemeinde deutlich über dem Durchschnitt der EKD und der dänischen Volkskirche, mit einer protestantischen Freikirche allerdings kann sie sich trotz ähnlicher Strukturen nicht vergleichen. »Die dänische Minderheit ist nicht religiöser als der Rest der Bevölkerung«, sagt Mogensen. »Wenn trotzdem mehr Menschen in den Gottesdienst kommen, dann liegt das daran, dass sich die Menschen in unserer Kirche engagieren, weil sie dänisch ist, und man sich für Anliegen der Minderheit als Teil der Minderheit eben engagiert.« Den dänischen Pastor freut so etwas natürlich. Dennoch: Während früher so gut wie alle Jugendlichen dänischer Schulen zur Konfirmation gingen, sei die Zahl der Konfirmanden heute durchaus »verbesserungsfähig«.
Doch auch mit der Sprache hapert es zuweilen. »Wir haben immer wieder Amtshandlungen in Familien, bei denen Teile der Familie kein Dänisch können«, sagt Hans Parmann, ehemaliger Pfarrer der dänischen Ansgar-Kirche in Schleswig. Schon seit vielen Jahren bemüht sich der Theologe zusammen mit einer Handvoll Mitstreitern deswegen um die deutsche Übersetzung dänischer Kirchenlieder.
Einen Gottesdienst nur mit dänischen Übersetzungen deutscher Lieder kann er sich ebenso wenig vorstellen, wie eine Gemeinde, von der nur ein kleiner Teil überhaupt versteht, was gesungen wird. Zusammen mit einigen Kollegen gründete er daher in den 1970er Jahren die Grundtvig-Werkstatt. Mittlerweile haben die Pastoren mehr als 100 Texte übersetzt und in einem kleinen Buch herausgegeben. »Manches können wir allerdings auch nicht ändern«, sagt Parmann. »Vor Gud han er så fast en borg« – die dänische Version von Martin Luthers »Ein feste Burg ist unser Gott« – kann nicht zusammen mit dem deutschen Text gesungen werden: Die in Dänemark verbreitete Melodie weicht an etlichen Stellen von der deutschen Version ab.
Dennoch ist das zweisprachige Gesangbuch bezeichnend für die gute Zusammenarbeit, die es heute vielerorts zwischen Minderheit und Mehrheit gibt. »Wenn ein neuer Pfarrer zu uns kommt, wird er dem Schleswiger Bischof der Nordelbischen Kirche vorgestellt«, sagt Jytte Nickelsen, die die »Dansk Kirke i Sydslesvig« als Geschäftsführerin leitet. Das geschieht, weil es seit 1968 ein Kirchengesetz gibt, dass die Bestätigung der dänischen Pfarrer durch den Schleswiger Bischof fordert, auch wenn sie weiterhin in Dänemark, bei der Dänischen Seemanns- und Auslandskirche angestellt sind.
Doch auch menschlich steht man sich im Norden nahe. So war der Lutheraner Hans-Christian Knut der erste deutsche Bischof, der beim Kirchentag der dänischen Minderheitenkirche im vergangenen Jahr im Gottesdienst die Predigt hielt – und das auch noch auf Deutsch. »Früher wäre so etwas in der Minderheit undenkbar gewesen, jetzt erhielt Knuth stehenden Applaus«, berichtet Nickelsen.
Doch ein Zusammengehen, etwa der dänischen Minderheitenkirche mit den Nordelbiern, bleibt selbst im Zeitalter protestantischer Fusionitis trotz aller guten Nachbarschaft für den dänischen Pfarrer schlicht undenkbar: »Für uns Dänen ist die eigene Kirche einfach ein Teil der Identität.«
Von Benjamin Lassiwe
Wer über Kenntnisse in einer skandinavischen Sprache verfügt, erhält weitere Infos zur Dansk Kirke i Sydslesvig im Internet:




