Christen inmitten von Christen

16. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Nirgendwo sonst in Griechenland leben so viele Protestanten beisammen wie in Katerini. Der Kontakt mit der orthodoxen Kirche ist bis heute nicht immer einfach für sie.

Wer sich mit Paris Papageorgiou unterhält, braucht Geduld. »Es ist leichter für uns geworden«, sagt er, aber dann muss er schon wieder ein paar Hände schütteln, ehe er weitersprechen kann. Papageorgiou steht im Eingangsportal der evangelischen Kirche in Katerini an der Ostküste Griechenlands. Es ist Sonntag, kurz nach zwölf, der Gottesdienst gerade vorüber. Die Gemeindemitglieder drängen aus dem schlichten Inneren der Kirche ins Sonnenlicht, vorbei an Papageorgiou. Weil der Pfarrer an diesem Tag verreist ist, verabschiedet er als Mitglied des Ältestenrats die Kirchgänger.

»Die Gesellschaft ist toleranter geworden, für uns macht das vieles leichter«, sagt Papageorgiou und nickt weiter den hinauseilenden Gottesdienstbesuchern zu. Die Protestanten in Katerini leben als Christen inmitten von Christen – eine winzige Minderheit. Nach offiziellen Zahlen gehören 98 Prozent der elf Millionen Griechen der orthodoxen Konfession an, die Zahl der Protestanten wird auf 30 000 geschätzt. Die evangelische Gemeinde in Katerini ist eine von wenigen im Land – und eine der größten.

»Es gibt zwar evangelische Kirchen in Griechenland, die mehr Mitglieder haben, aber hier wohnen die meisten Protestanten in einem Stadtgebiet beisammen«, erklärt Papegeorgiou auf Deutsch, er hat einige Semester Archäologie in Heidelberg studiert. Im Stadtteil Evangelika leben rund 900 Gemeindemitglieder.

Verlassen liegen die Straßen mit ihren kastenförmigen Wohnblocks am Sonntagmittag da. Nur der Platz vor der Kirche – ein gepflegtes, beiges Gebäude mit Turm – ist nach dem Gottesdienst voller Menschen. Erwachsene stehen beisammen, Jugendliche sitzen etwas abseits. Ab und zu kreuzt ein Vogel den Himmel.

Griechische Rarität: Die evangelische Kirche in Katerini und ihre große Zahl an protestantischen Gemeindemitgliedern. Foto: epd-bild

Griechische Rarität: Die evangelische Kirche in Katerini und ihre große Zahl an protestantischen Gemeindemitgliedern. Foto: epd-bild

Die Kirche bauten die evangelischen Christen, kaum waren sie in Katerini ansässig geworden. Ein knappes Jahrhundert liegt das zurück. Nach dem griechisch-türkischen Krieg vereinbarten beide Staaten Anfang der 1920er-Jahre einen »Bevölkerungsaustausch«. Rund 500 000 Menschen wurden aus Griechenland in die Türkei vertrieben und umgekehrt 1,2 Millionen Griechen, die in der Türkei lebten, nach Griechenland abgeschoben. Darunter waren auch Protestanten, ein guter Teil von ihnen ließ sich in Katerini nieder.

Es sei heute nichts dabei, evangelisch zu sein, sagt ein etwa 15 Jahre altes Mädchen in Shorts, das vor der Kirche in einer Runde von Gleichaltrigen sitzt. Die anderen nicken, dann wenden sie sich wieder ihren Handys zu.

Bis dahin aber war es ein weiter Weg. »Als Minderheit, die noch dazu aus dem Ausland kam, standen Protestanten lange unter dem Verdacht, von ausländischen Mächten gesteuert zu sein«, erzählt Papageorgiou – vor allem nach dem Bürgerkrieg in den späten 1940er-Jahren. Mit der Stadt habe es immer wieder Streit um das Grundstück neben der Kirche gegeben, und in den 1960er-Jahren sei Katerini sogar eine Zeit lang ohne Pastor gewesen.

Nachdem der Pfarrer – ein Zypriot mit britischem Pass – einmal ausgereist war, habe man ihn aus Misstrauen nicht wieder ins Land gelassen. Mit dem Kollaps der griechischen Militärjunta 1974 sei es jedoch immer besser geworden. »Nicht jeder akzeptiert uns, aber mit der Demokratie kehrte auch die Toleranz zurück«, erklärt Papageorgiou. Seine Nichte zum Beispiel sei mit einem Orthodoxen verheiratet, und ein jeder von ihnen habe seine Konfession beibehalten.

Doch nicht immer scheinen die Konfessionen ganz ohne Polemik auszukommen. Zwei Autostunden entfernt liegen die »schwebenden« Klöster von Meteora, Touristenmagnete, die auch aus dem James-Bond-Film »In tödlicher Mission« bekannt sind. Dort wird im Kloster Agia Triada das Buch »Was ist Orthodoxie?« in mehreren Sprachen verkauft.
Darin werden vor allem die Unterschiede zwischen den Konfessionen betont. Die Protestanten seien mit Frauen im Pfarramt und der Segnung homosexueller Beziehungen nicht nur zu »extremen Entscheidungen« gelangt, heißt es in der deutschen Ausgabe, sondern bewiesen damit auch, sich zu einer »rein humanistischen Organisation« zu bekennen.

Mit Gott hätten sie nichts zu tun. Die orthodoxe »Kirche von Griechenland« hat sich auf eine Anfrage des Evangelischen Pressedienstes zu den Beziehungen mit den Protestanten nicht geäußert.

Andreas Müller, Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Kiel, weiß um die schwierige Rolle der Protestanten im Umfeld einer orthodoxen Mehrheit. »Religion und kulturelle Identität sind in Griechenland derart verbunden, dass viele nicht verstehen, dass es auch nicht-orthodoxe Griechen gibt«, sagt der Griechenland-Experte. Das erschwere auch die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen.

Der Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Katerini, Ioannis Yphandides, bleibt dennoch optimistisch. Dass es irgendwann gemeinsame Gottesdienste gebe, werde er zwar nicht mehr erleben, meint der 64-Jährige am Telefon. Dennoch gehe es voran. Offiziell existiert zumindest ein ökumenisches Projekt: die griechische Bibelgesellschaft. Dort tauschen sich Orthodoxe, Protestanten und Katholiken seit 1992 aus und verteilen gemeinsam die Bibel.

Und im vergangenen Jahr war mit Metropolit Georgios aus Katerini bei einem Konzert kurz vor Ostern zum ersten Mal überhaupt ein Vorsteher der Orthodoxen in der protestantischen Kirche zu Gast.

Julia Lauer  (epd)

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Fremd auf eigenem Land

10. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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West Papua: Himmelschreiendes Unrecht in der indonesischen Provinz Papua Barat. Die Weltgemeinschaft nimmt kaum Notiz davon. Aktivisten und Kirche treten für die Menschenrechte in ihrem Land ein.

Nur ein Fall unter vielen: Zwischen Sorong und Manokwari im indonesischen Westteil der Insel werden einheimische Bauern durch Behörden von ihren Ländereien vertrieben. Darauf sollen Plantagen für lukratives Palmöl entstehen. Wer dagegen protestiert, läuft Gefahr, eingesperrt, gefoltert oder gar ermordet zu werden. »Jeden Tag, jede Woche haben wir solche Probleme«, erzählt eine Menschenrechtsaktivistin aus Papua, die sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung stark macht.

Ständig kommt es in Papua zu brutalen Menschenrechtsverletzungen durch Militärs und Polizei. Das beklagen nicht nur Menschenrechtler aus der abgehängten Region am östlichen Rand des riesigen pazifischen Inselstaates Indonesien, sondern auch Amnesty International und andere internationale Organisationen.

Seit 1963 ist die ehemalige holländische Kolonie gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung von der Zentralregierung in Jakarta annektiert. Seither beutet Indonesien den Rohstoffreichtum Papuas aus, siedelte vor allem muslimische Bewohner aus übervölkerten indonesischen Inseln wie Java, Sumatra und Sulawesi dort an.

Die rund vier Millionen Einwohner, in der Mehrheit Christen, werden um ihr Landrecht gebracht, damit Konzerne die Wälder für riesige Palmölplantagen abholzen können. In Minen werden wertvolle Mineralien wie Gold abgebaut. Die Umweltfolgen sind katastrophal.

Die Insel Neuguinea ist in den indonesischen Westteil und in das unabhängige Land Papua Neuguinea im Osten geteilt. West Papua leidet seit mehr als 50 Jahren unter der indonesischen Besatzung. Foto: privat

Die Insel Neuguinea ist in den indonesischen Westteil und in das unabhängige Land Papua Neuguinea im Osten geteilt. West Papua leidet seit mehr als 50 Jahren unter der indonesischen Besatzung. Foto: privat

Mit Gewalt unterdrückt die Regierung bis heute den Freiheitswillen der indigenen Bevölkerung. Allein das Hissen der Morgensternflagge, dem verbotenen Symbol der Unabhängigkeitsbewegung von Papua, reiche aus, ins Gefängnis geworfen oder getötet zu werden, berichtet ein einheimischer Pfarrer. »Sehr häufig verschwinden Menschen einfach«, sagt der Mann, der sich in der Menschenrechtsarbeit engagiert.

Bisher hätten Christen und Muslime gut zusammengelebt, erzählt Andreas Mofu, der Präsident der rund 800 000 Mitglieder zählenden evangelischen Kirche in Papua. Doch seit geraumer Zeit schürten ins Land einsickernde radikal-muslimische Gruppen Konflikte zwischen den Religionen. Einige Kirchenführer in Papua bezeichneten das Vorgehen des indonesischen Staates als rassistisch motivierten Völkermord, sagt Norman Voß vom Westpapua-Netzwerk. Die Lage der Menschenrechte im von Indonesien annektierten Westteil der Insel Neuguinea sei »sehr ernst und hat sich trotz Kritik der Vereinten Nationen nicht verbessert«, beklagt er.

Die indonesische Zentralregierung setze die umfangreichen Empfehlungen der Vereinten Nationen zu den Menschenrechten weitgehend nicht um. Die Gewalt durch indonesische Sicherheitskräfte treffe fasst ausschließlich indigene Papuas, berichtet Voß. Im vergangenen Jahr seien nach Angaben der Organisation International Coalition for Papua (ICP) zehn Papuas getötet, 175 gefoltert oder misshandelt und 599 Menschen aus politischen Gründen inhaftiert worden; acht Journalisten seien angegriffen oder bei ihrer Arbeit behindert worden. Ausländische Journalisten könnten nach wie vor nicht frei in die Region reisen und von dort berichten.

Voß kritisiert auch, dass Deutschland Waffenlieferungen an Indonesien nicht unterbinde. Der Bundesregierung sei bekannt, dass das indonesische Militär Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung verübe und unabhängige Beobachter nicht ins Land gelassen würden. Die auswärtigen Beziehungen Deutschlands seien von wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen geprägt.

Derzeit verhandele die EU ein Freihandelsabkommen mit Indonesien. Die Bundesregierung sollte offener und stärker als bisher Kritik an den Zuständen in Papua äußern und Waffenverkäufe einstellen, appelliert Voß. Die Kirchen in Deutschland könnten eine wichtige Rolle dabei spielen, die politischen Seiten des Papua-Konflikts an einen Tisch zu bringen. Auch Amnesty International setzt auf die Vermittlerrolle der Kirchen, die vor Ort ihr eigenes Netzwerk hätten: »Es ist wichtig, dass sie auch als Partner für die Menschenrechtsaktivisten vor Ort agieren, da die Region sehr isoliert ist.« Die Kirchen hätten Kontakte zu den Menschen und könnten dadurch gut einschätzen, was benötigt werde.

Für die Menschenrechte der Bevölkerung in Papua setzt sich auch die evangelische Kirche des Landes ein. Übergriffe von Behörden und andere Unrechtsfälle werden dokumentiert, Berichte an internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen geschickt. Auch werden Gewaltopfer betreut und von Anwälten vor Gericht vertreten. Aktivisten gehen in die entlegenen Stammesdörfer in den Urwald und klären die Bewohner über ihre Rechte auf. Ziel ist es dabei stets, friedliche Lösungen zwischen allen Konfliktparteien zu finden. Zudem kartografieren kirchliche Mitarbeiter den Landbesitz der Einwohner, um sie vor dem unberechtigten Zugriff des Staates zu schützen.

Menschenrechtler in Papua sind sich der ständigen Gefahr um Leib und Leben bewusst. Auch persönlich sei sie schon wegen ihres Engagements von indonesischen Sicherheitskräften bedroht worden, erzählt eine Aktivistin. »Doch wer hilft sonst unseren Leuten, wenn wir Angst haben?«

Alexander Lang (epd)

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Keiner feiert Ostern spektakulärer

1. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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In Jerusalem ist in diesen Tagen einiges los. Die israelische Polizei ist mit Sondereinheiten im Einsatz. Orthodoxe Christen begehen das Osterfest in ganz besonderer Weise.

Die Gläubigen schubsen und stoßen, wollen möglichst nah ans Heilige Grab. Manche stehen seit dem frühen Morgen hier, nicht wenige haben in der Kirche auf Hockern oder in Schlafsäcken übernachtet. Seit Stunden intonieren einheimische Christen unter Trommelbegleitung Choräle.

Nun bahnen sich Vertreter der Behörden dank Ellenbogengewalt einen Weg durch die Menge. Sie repräsentieren die römische Besatzungsmacht zur Zeit Jesu. So wie diese gemäß der Heiligen Schrift das Grab Jesu verschloss, verfahren nun die Gesandten des israelischen Staates. Mittels Wachs versiegeln sie das Grab, nachdem sie in diesem nach versteckten Anzündern wie etwa Streichhölzern gesucht haben. Betrug soll ausgeschlossen werden.

Kurz nach 13 Uhr erscheint die hohe Geistlichkeit. Das Drängeln und Schieben wird fast zur Schlacht. Viele versuchen, einen der Kleriker zu berühren. Nach Gebet und Prozession betritt der »griechisch-orthodoxe Patriarch der Heiligen Stadt Jerusalem« Theophilos III. die Ädikula, das Heilige Grab.

Die Menge stimmt das Kyrie Eleison an. Den Grabeingang bewacht nun der neutrale »Lateinische«, sprich römisch-katholische Küster – sozusagen als Schiedsrichter und Wächter des Status Quo, des in dieser Kirche seit 1852 gültigen Reglements. Auf Arabisch, Armenisch, Griechisch, Russisch, Koptisch und in anderen Sprachen murmeln Gläubige ihre Gebete. Fast jeder hält eine 33er-Kerze in der Hand, die selbst palästinensisch-muslimische Händler im Basar feilbieten – sie symbolisiert das Todesalter Jesu.

Jedes Jahr am Karsamstag nach julianischem Kalender, den die einheimischen Christen Sabbt in-Nuur (Lichtsamstag) nennen, versammeln sich Abertausende von Gläubigen und tauchen mit dem Warten auf das Licht in dieses Ritual des 4. Jahrhunderts ein. Orthodoxe Christen glauben, dass das Jahr, in dem es ausbleibt, das letzte in der Geschichte der Menschheit sein wird.

Die Spannung steigt. Nach etwa zwanzig Minuten tritt der »Grieche«, wie man in Jerusalemer Kirchenkreisen sagt, mit zwei Bündeln 33er-Kerzen aus der Ädikula auf. Freudenschreie und Jauchzer ertönen. Die architektonisch so verwirrende Kirche, im Wesentlichen ein Kreuzfahrerbau mit Teilen der konstantinischen Basilika, hallt vom Jubel wider, als sei ein längst herbeigesehntes Tor im Fußballstadion gefallen.

Jubeln ist das eine. Daneben gilt es, schnell die eigene Kerze anzuzünden. Dabei setzt bei manchen der Verstand aus. Ohne Rücksicht auf die Umstehenden strecken sie ihre Kerze über die Köpfe anderer, um sie zu entzünden. Binnen Sekunden wird die Kirche zum Lichtermeer, spürbar steigt die Temperatur. Das Heilige Feuer wird in Windeseile weitergegeben, auf den Vorplatz der Basilika, von dort in die Altstadt und weiter nach Bethlehem. Es fliegt sogar via Sondermaschine zur Ostervigil nach Moskau.

Wie kommt es zum »Lichtwunder«? Diodoros, Patriarch von 1980 bis 2000, hat einmal Einblicke in das Lichtgeheimnis gewährt: »Ich suche mir meinen Weg durch die Dunkelheit hin zur Grabkammer und knie nieder. Da spreche ich bestimmte Gebete (…) und warte. Manchmal mag es ein paar Minuten dauern, aber normalerweise geschieht das Wunder sofort (…). Aus dem Stein, auf dem Jesus geruht hatte, strömt ein undefinierbares Licht hervor. (…) Das Licht verhält sich jedes Jahr unterschiedlich. Manchmal umhüllt es nur die Grabbank, andere Male erhellt es die ganze Grabkammer, sodass sogar Menschen, die draußen stehen, sehen können, wie die Grabeskapelle mit Licht erfüllt wird. (…) Ab einem bestimmten Punkt steigt das Licht empor und bildet eine Säule; (…), sodass ich meine Kerzen daran anzünden kann. Nachdem ich das Heilige Licht empfangen habe, trete ich hinaus und reiche die Flamme zuerst an den armenischen Patriarchen weiter und dann an den koptischen – und anschließend an alle Menschen, die sich in der Kirche befinden.«

Viele orthodoxe Christen aus Jerusalem oder Nazareth, aber auch hagere Russen, junge Schönheiten aus Athen oder stämmige Omas aus Zypern nehmen alles auf sich, um einmal dabei zu sein.

Nach Kar- und Ostertagen im Heiligen Land gefragt, antwortet Pater Gregor Geiger, Pilgerführer und Dozent an der ordenseigenen Hochschule Studium Biblicum Franciscanum in Jerusalems Via Dolorosa: »Es sind schöne Liturgien, obwohl die Kirchen eng sind und oft dunkel. Es kommen Menschen zusammen, die keine gemeinsame Sprache haben, aber die beim Gottesdienstfeiern nicht auf die Uhr schauen. Sie haben ihre Freude an innigen Gottesdiensten. Deutsche können von hier den Mut mitnehmen, den Glauben vor der Umgebung zu zeigen.«

Johannes Zang

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Weltweite Mission ist alternativlos

27. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Ist es noch notwendig zu missionieren? Diese provokante Frage wird dem Direktor des Leipziger Missionswerks oft gegestellt. Und er hat eine klare Antwort.

Sie lautet: Ja! Denn solange der Missionsauftrag Jesu nicht erfüllt ist, besteht die Notwendigkeit für Mission fort. »Zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit« (Lukas 4,18) – lautet dieser Auftrag Jesu konkret.
Solange wir in einer Welt der Diskriminierung, der Ungerechtigkeit, des Krieges, der Zerstörung von Umwelt und Natur leben, besteht die Notwendigkeit von Mission. An den Rändern und bei den Marginalisierten beginnt Gottes Verwandlung der Welt. Dabei ist Marginalisierung nicht auf Armut begrenzt, und die Gefangenschaft des Menschen kommt in ganz verschiedenen Formen daher.

In der neuen Missionserklärung des Weltrats der Kirchen von 2012/2013 spielt das Thema der »Mission von den Marginalisierten und von den Rändern her« eine zentrale Rolle: Jenseits jeglicher paternalistisch geprägten Fürsorge bestimmen die Menschen, die an den Rand gedrückt und marginalisiert werden, die Themen der Weltmission. Deshalb wunderte es nicht, dass die Weltmissionskonferenz vor zwei Wochen Raum dafür bereitstellte, Stimmen aus Situationen der Marginalisierung zu Wort kommen zu lassen.

So zum Beispiel Adi Mariana Waqa, eine junge Studentin aus Fidschi, von der Insel Taveuni: »Ich gehöre zu den Völkern des Pazifischen Ozeans, die reich sind an Geschichte, Spiritualität, Tradition und Wissen. Seit zweihundert Jahren nun ankert die Kirche in unseren Gewässern, bringt uns die Gute Nachricht von Christus und verändert unsere religiöse Landschaft.«

Marginalisierung heute erlebt Mariana Waqa im vom Menschen gemachten Klimawandel, der ihre Welt zu vernichten droht, was bereits in zunehmenden und gewaltvoller werdenden tropischen Wirbelstürmen zu spüren ist. Marginalisierung aber findet statt auch im Bestreben internationaler Firmen, die Risikotechnologie des Tiefseebergbaus einzusetzen. Vor der Küste Papua-Neuguineas sollen im kommenden Jahr die ersten Tiefsee-Baustellen verwirklicht werden.

Mission und Klimawandel: Das Atoll Tarawa gehört zum pazifischen Inselstaat Kiribati. Berechnungen zufolge könnte das Gebiet 2050 größtenteils nicht mehr bewohnbar und spätestens 2070 überschwemmt sein. Foto: Government of Kiribati/CC BY 3.0

Mission und Klimawandel: Das Atoll Tarawa gehört zum pazifischen Inselstaat Kiribati. Berechnungen zufolge könnte das Gebiet 2050 größtenteils nicht mehr bewohnbar und spätestens 2070 überschwemmt sein. Foto: Government of Kiribati/CC BY 3.0

Abgesehen von den unberechenbaren ökologischen Folgen und Risiken, greift diese Technologie in den kulturell-spirituellen Lebensraum der Menschen im pazifischen Raum ein, wie es schon einmal im Zuge des Kolonialismus geschehen ist. Auch davon spricht Mariana Waqa: Dass das Evangelium unter den Flügeln des Kolonialismus zu den Menschen des Pazifiks gebracht wurde. Das führte zu einer umfassenden Verurteilung der einheimischen Kultur, Spiritualität und Religiosität als wild, lasziv und barbarisch.

Arusha, der Ort an dem die Weltmissionskonferenz in diesem Jahr stattfand, ist für die Leipziger Mission besonders in dieser Perspektive ein schmerzlicher Ort sowie ein heilsames Mahnmal. Nach zehn Jahren intensiver Debatte in Leipzig, ob man überhaupt Missionare in das deutsche Kolonialgebiet in Ostafrika entsenden soll, kamen vor 125 Jahren die Leipziger als erste deutsche Missionare am Fuß des Kilimandscharo an. Drei Jahre später, 1896, sollte die Ausweitung der Arbeit zum benachbarten Berg Meru erfolgen.

Ewald Ovir und Karl Segebrock wurden vom Häuptling der Wameru, eingeladen und erhielten einen Bauplatz für die Missionsstation zugewiesen. Wenige Tage später lagerte eine deutsche Militärtruppe in der Nähe. Ein nächtlicher Angriff agitierter, jugendlicher Kämpfer auf diese Militärtruppe konnte abgewehrt werden; auf ihrer Flucht aber töten sie die beiden Leipziger Missionare. Darauf hin führte die deutsche Kolonialtruppe eine Strafaktion durch, bei der viele Männer der Warusha und Wameru getötet, Kinder und Frauen vertrieben, Vieh und Land konfisziert wurden.

Mit dem Bau einer befestigen Militärstation, die den Grundstein der heutigen Stadt Arusha bildet, wurde die verbleibende Bevölkerung zwangsweise dauerhaft in die koloniale Gesellschaft integriert.

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Beziehungen von Leipzig nach Tansania 1993 bat der tansanische Bischof Paulo Akyoo um Vergebung für die Ermordung der Missionare durch dessen Vorfahren. »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« – reagierte darauf hin Joachim Schlegel, der damalige Direktor der Leipziger Mission und brachte damit die eigene schuldhafte Verstrickung in das koloniale Agieren Deutschlands zur Sprache.

Die Weltmissionskonferenz in Aru-sha war ein wichtiger Ort, um die Strukturen der Macht und die Situationen der Marginalisierung von Menschen bewusst zu machen. Die Leipziger Mission unterstützt deshalb Partner in der lutherischen Kirche in Papua-Neuguinea in ihrem Bestreben, den Tiefseebergbau an ihrer Küste kritisch ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zu rücken und die Zivilgesellschaft zum Widerstand zu mobilisieren.

Das also ist eure Mission? Ja, das ist die Mission Gottes, an der wir als Christinnen und Christen, als Kirche in Deutschland und weltweit, als Missionswerk teilhaben wollen. Dass Gott bei den Marginalisierten beginnend die Welt verwandelt, darin herrscht große Einigkeit bei den auf der Weltmissionskonferenz anwesenden Kirchen und Missionsgesellschaften aus aller Herren Länder und allen Schattierungen des Christentums. Indem wir uns für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzen, legen wir Zeugnis von Jesus, dem Christus, dem Heiland ab: Er kam nicht als Gewaltherrscher in die Welt. Sein Missionsauftrag entspricht seiner ärmlichen Geburt im Viehstall und seinem elenden Ende als gekreuzigter Verbrecher ebenso wie seinem heilenden Lebensweg an den Rändern der Gesellschaft seiner Zeit.

Dabei wollen wir den Ruf Jesu, ihm nachzufolgen, verbreiten und Menschen in seine Nachfolge einladen, damit der Auftrag für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zum Ziel gelangt. Wir haben das Ziel, dass alle Menschen Anteil bekommen am Leben in Fülle, das Gott für uns geschaffen hat und das er uns verheisst.

In Solidarität mit Christen und Kirchen weltweit müssen wir uns in Deutschland zwei Fragen stellen: Wo sind bei uns Bereiche der Marginalisierung, wo werden bei uns Menschen an den Rand gedrängt und wo nimmt bei uns Gottes Mission ihren verwandelnden Anfang?

Und wo haben wir als Kirche einer Wohlstandsgesellschaft Anteil daran, dass Menschen bei uns und anderswo an den Rand gedrückt werden? Wo müssen wir uns – wie schmerzhaft auch immer es sein mag – von Gottes verwandelnder Mission ergreifen lassen?

Diese Mission Gottes findet nicht nur in anderen Ländern und am Ende der Welt statt, sondern vor unserer Haustür, in unserer Heimat.

Ravinder Salooja

Der Autor ist Pfarrer und Direktor des Leipziger Missionswerkes. Sein Vater stammt aus Indien.

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Ausreise oder Gefängnis

20. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Ab dem 1. April droht Temesgen Asfaha die Abschiebung aus Israel – wie weiteren Tausenden Afrikanern. Er will sich widersetzen und riskiert damit eine Gefängnisstrafe. Es sei denn, ein neues Gerichtsurteil zeigt Folgen.

Gleich im Anschluss an seine Nachtschicht in einem Restaurant ist Temesgen Asfaha zum Meldeamt gefahren. Seit fünf Stunden steht der junge Eritreer in der Schlange der unterbesetzten Behörde in Bnei Berak bei Tel Aviv. Schon in wenigen Tagen läuft sein Visum für Israel ab. »Ich bin sicher, dass ich einen Ausreisebefehl bekomme«, sagt der hochgewachsene orthodoxe Christ, der vor acht Jahren aus Eritrea floh, müde.

Asfaha ist einer von rund 20 000 Migranten in Israel, denen noch wenige Wochen bleiben, um zwischen Ausreise oder Gefängnis zu entscheiden. Insgesamt leben in Israel rund 40 000 offiziell als »Infiltranten« bezeichnete Afrikaner, die zumeist aus Eritrea und dem Sudan stammen, darunter 5 000 Kinder.

Ausharren: Afrikanische Asylbewerber warten stundenlang vor der Migrantenbehörde in Bnei Berak bei Tel Aviv und kochen Tee. Fotos: Debbie Hill

Ausharren: Afrikanische Asylbewerber warten stundenlang vor der Migrantenbehörde in Bnei Berak bei Tel Aviv und kochen Tee. Fotos: Debbie Hill

Die umstrittene Abschiebung betrifft vorläufig nur alleinstehende Männer, die Israel ausstattet mit 3 500 Dollar (rund 2 800 Euro) und einem One-Way-Ticket in die Ungewissheit. »Der Staat Israel hat Vorkehrungen getroffen, die es Ihnen erlauben, Israel zu verlassen und in ein sicheres Drittland zu reisen«, heißt es in einem zweiseitigen Anschreiben auf Hebräisch. In welches Land die Reise geht, wird nicht erwähnt, nur dass dort »eine stabile Regierung« herrscht. Inoffiziell sind Ruanda und Uganda im Gespräch. Versprochen werden zudem eine »befristete Aufenthaltserlaubnis« und die Möglichkeit zu arbeiten. Das Dokument endet mit den Worten: »Viel Glück«.

Auf keinen Fall will Asfaha freiwillig ausreisen, auch wenn die Alternative Gefängnis bedeutet. »In Ruanda bin ich Freiwild.« Der 25-Jährige mit kurz geschnittenem Haar, Vollbart und silbernem Kettchen um den Hals hat sichtlich Angst. »Ich habe schon genug mitgemacht, damals im Sinai.« Den musste er auf seiner Flucht Richtung Israel durchqueren. Zwei Monate hielten ihn Beduinenbanden in einem Kerker angekettet fest und misshandelten ihn, bis seine Familie ein Lösegeld von 3 000 Dollar zahlte.

Nach Eritrea kann er nicht zurück. Dort gilt er als fahnenflüchtig, riskiert Strafe und den Armeedienst, der ihn einst in die Flucht trieb. Zwölf Jahre und länger zwingt das diktatorische Regime junge Männer und Frauen zum Dienst an der Waffe.

Zum ersten Mal erkannte ein Gericht in Jerusalem jüngst einen eritreischen Deserteur als Asylbewerber an. Es bestehe »begründete Angst vor einer Verfolgung», hieß es im Urteil. Die Hotline für Migranten in Tel Aviv hofft, dass dies bahnbrechend für Tausende Eritreer sein könnte, deren Asylanträge zuvor abgelehnt wurden. In den vergangenen Tagen wurden der Hotline zufolge allerdings die ersten sieben eritreischen Flüchtlinge von einem Camp in eine Haftanstalt verlegt. 600 hätten ihren Abschiebungsbescheid erhalten. Asfaha glaubt nicht daran, dass ihm Israel Asyl gewähren wird. »Keiner von uns will ewig hier bleiben«, sagt er. Was er sich wünsche, sei lediglich eine temporäre Aufenthaltsgenehmigung.

Laut Urteil des Obersten Gerichts in Jerusalem darf Israel Flüchtlinge erst abschieben, wenn es ein Land gibt, das bereit ist, sie aufzunehmen. Die ruandische Regierung erklärte, sie sei entschlossen, Menschen im Exil zu unterstützten. Man werde aber nur diejenigen aufnehmen, die »freiwillig und ohne Zwang kommen«. Ein geheimes Abkommen mit Israel, von dem in Jerusalem wiederholt die Rede war, gebe es nicht.

Je näher der Stichtag 1. April für den Beginn der Abschiebungen rückt, desto stärker regt sich Protest. An einem Wochenende Ende Februar gingen etwa 20 000 Menschen in Tel Aviv auf die Straße. Israelische Menschenrechtler kündigten an, bedrohte Geflüchtete bei sich zu verstecken. Piloten der israelischen Fluggesellschaft El-Al wollen den Transport der Migranten ins Ungewisse verweigern, und renommierte Autoren, wie Amos Oz und David Grossman, appellieren an die Regierung, »moralisch, menschlich und mit Mitgefühl« zu handeln. Auch Migranten selbst protestieren immer wieder. Lieber ins Gefängnis als in die Ungewissheit, sagen viele.

Soweit will es Rabbi Susan Silverman jedoch nicht kommen lassen. Inspiriert von der Geschichte der Anne Frank, die sich mit Hilfe von Nachbarn in Amsterdam über Jahre vor den Nazis versteckt hielt, appelliert die Aktivistin an Israelis, die Menschen in Not bei sich zu verstecken, sollte es ernst werden. Auch der frühere Oberrabbiner Meir Lau, selbst Holocaust-Überlebender und Vorsitzender der Gedenkstätte Yad Vashem, rief dazu auf, den Geflüchteten gegenüber Mitgefühl und Erbarmen zu zeigen. Die Erfahrungen des jüdischen Volkes »unterstreicht diese Verpflichtung«.

Eine Umfrage des Israelischen Demokratie-Instituts zeigt, dass zwei Drittel der israelischen Bevölkerung den Deportationsplan der Regierung befürworten (69 Prozent der jüdischen und 50 Prozent der arabischen Israeli). Gut die Hälfte der jüdischen Befragten sieht in der eigenen Geschichte der Verfolgungen keine besondere Verpflichtung, die afrikanischen Geflüchteten in Israel aufzunehmen.

Susanne Knaul  (epd)

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Das Gesicht Gottes im Krieg

14. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Syrien: Der Krieg geht im März in sein achtes Jahr. Karin Maria Fenbert sprach mit dem maronitisch-katholischen Erzbischof Joseph Tobji
aus Aleppo über die aktuelle Situation in seinem Heimatland.

Erzbischof Tobji, Ihre Erwählung zum maronitischen Erzbischof fiel mitten in eine der schwersten Phasen des Krieges. Was gibt Ihnen Kraft?
Tobji:
Als ich zum Bischof geweiht wurde, habe ich mit Tränen in den Augen gesagt: »Herr, was hast du mit mir vor?« Es ist wirklich der Herr allein, der entscheidet. Ich selbst bin nur ein kleiner Teil von Gottes Plan.

Was steckt Ihrer Meinung nach hinter dem Drama in Syrien, das jetzt seit sieben Jahren andauert?
Tobji:
Syrien lässt sich mit einer Torte vergleichen. Jeder politische Machthaber in Ost und West hätte gern ein Stück davon. Denn Syrien hat eine wichtige strategische Position: Wichtige Erdöl- und Gasleitungen durchziehen unser Land, die vom arabischen Raum bis nach Europa reichen. Die Nationen, die diese Torte wollen, halten sich weitgehend zurück. Aber trotzdem ist es ihnen gelungen, in Syrien Einfluss zu nehmen. Zum Bespiel, indem die Religionen instrumentalisiert worden sind.

Ein Lichtblick im Syrienkrieg war die Waffenruhe, die im Dezember 2016 für Aleppo ausgerufen wurde. Davor teilte eine lebensgefährliche Ost- und West-Linie die Stadt. Hält die Waffenruhe auch gut 15 Monate später noch an?
Tobji:
Ja, seither ist es weitgehend ruhig geblieben in Aleppo. Es ist wie ein Aufatmen, nachdem wir über Jahre hinweg so viel Leid erlitten haben. Das heißt aber nicht, dass der Krieg vorbei ist: In der Region wurde und wird nach wie vor gekämpft, wie aktuell in Afrin, das nur etwa 20 Kilometer von Aleppo entfernt liegt.

Wie kann man sich die aktuelle Situation in Aleppo vorstellen?
Tobji:
Die Lage ist nach wie vor ernst, aber es gibt kleine Verbesserungen. Die wichtigste ist, dass es jetzt wieder für ein paar Stunden am Tag Strom gibt. Während der Kämpfe lebten wir im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln. Einige Bewohner fangen an, ihre Wohnhäuser wiederaufzubauen. Auch der Wiederaufbau der Kirchen kommt in Gang. Andere haben auch schon damit begonnen, kleine Unternehmen aufzubauen. Es ist sehr mühselig, eine Arbeit zu finden. Denn auch die gesamte Infrastruktur ist zerstört. Unsere Wirtschaft ist in der Rezession. Die Inflation ist enorm. Es ist schwer, die Zukunft zu planen.

Den Auftrag stets vor Augen: Trotz zerstörter Bischofskirche in Aleppo und getöteten oder geflohenen Gemeindemitgliedern hält Erzbischof Joseph Tobji an seiner Berufung fest, Gottes Volk in Syrien zu dienen. Fotos: Kirche in Not

Den Auftrag stets vor Augen: Trotz zerstörter Bischofskirche in Aleppo und getöteten oder geflohenen Gemeindemitgliedern hält Erzbischof Joseph Tobji an seiner Berufung fest, Gottes Volk in Syrien zu dienen. Fotos: Kirche in Not

Was haben die sechs Jahre der Kämpfe in Aleppo mit dem Glauben der Christen gemacht?
Tobji:
Nach den traumatischen Kriegserlebnissen stehen die Christen am Scheideweg. Einige haben ihren Glauben verloren. Sie sahen Gott als Wundertäter, der verhindern muss, dass eine Bombe auf ihr Wohnhaus stürzt. Diese Menschen sagen: »Ihr habt uns doch gelehrt, dass Gott gut, barmherzig und allmächtig ist. Wieso schweigt er jetzt?«

Was erwidern Sie?
Tobji:
Meine Antwort lautet: Der Krieg lehrt uns, das andere Gesicht Gottes zu sehen. Gott ist Mensch geworden, ein Gott, der weint, der leidet, der am Kreuz hängt – und völlig unschuldig ist. Dieser Gott will unser Heil, unser Glück. Dieses Glück kann man nicht einfach durch Wunder herstellen. Nein, das Glück entsteht nur dann, wenn wir unseren Weg gemeinsam gehen, gemeinsam mit Christus unser Kreuz tragen und gemeinsam die Nächstenliebe praktizieren. Und ich bin sehr froh, dass die Mehrheit der Christen diesem Weg folgt.

Das heißt, die schreckliche Erfahrung des Krieges hat auch sehr viele Christen in ihrem Glauben gestärkt?
Tobji:
Ja, immer wieder treffe ich unglaublich beeindruckende Menschen, ganz einfache Leute. Die Terroristen des »Islamischen Staates« haben ihnen das Messer an die Kehle gehalten, um sie zu zwingen, dem christlichen Glauben abzuschwören. Diese Menschen haben gesagt: »Nein, niemals! Ihr könnt meinen Leib vernichten, aber nicht meine Seele.« Sie sind Gott treu geblieben.

Beeindruckende Glaubenserfahrungen – mitten im Krieg …
Tobji:
Ich sage ganz offen: Auch ich habe durch den Krieg eine Bekehrung erfahren! Es ist eine Bekehrung durch Tränen. Im Krieg muss man immer bereit sein für den Tod. Diese Bereitschaft geschieht durch Gebet, Beichte, Reue. Diese Bereitschaft war mein persönliches Bekehrungserlebnis.

Sie sind erst 2015 zum Bischof geweiht worden. Vorher hätte durchaus noch die Möglichkeit bestanden, Syrien zu verlassen. Warum sind Sie geblieben?
Tobji:
Weil es mein Auftrag ist! Ich bin in Syrien geboren, um dort Gottes Volk zu dienen. Ich musste Gott gehorchen. Sonst hätte ich seine Herde ohne Hirten gelassen und damit große Schuld auf mich geladen.

Karin Maria Fenbert ist Geschäftsführerin des weltweit agierenden päpstlichen Hilfswerks »Kirche in Not«. Seit Kriegsausbruch engagiert sich die Organisation für die christliche Bevölkerung Syriens.

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Der Traum vom Paradies

6. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Weltgebetstag 2018 haben Frauen aus Surinam vorbereitet. In der Hauptstadt, Paramaribo, liegen die Moschee und die Synagoge direkt nebeneinander. Ein Symbol für das friedliche Miteinander, auf das viele Surinamer stolz sind.

Der Taxifahrer ist hindustanisch, im Supermarkt steht eine Chinesin an der Kasse, in der Warung – einem Imbiss – wird javanisches Essen angeboten, an der Straße verkauft eine Indianerin Cassavafladen, die kreolische Lehrerin unterrichtet Holländisch und unter den breit ausladenden Ästen eines großen Baumes spielen Marronkinder – Marrons sind die Nachfahren entlaufender Sklaven – zwischen den bescheidenen Häusern. Am Sonntag im Gottesdienst kommen meist drei oder mehr verschiedene Sprachen vor.

Verschiedene Völker, verschiedene Gebräuche, verschiedene Sprachen treffen sich in Surinam im Sranan, der von allen gesprochenen Sprache des Alltags. Das Niederländische ist nach wie vor die Amtssprache. Das Leben in Surinam zeigt, dass es geht, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen eine multikulturelle Gesellschaft bilden können. Respekt vor dem anderen ist ein hohes Gut. Auf die gelebte Vielfalt im Neben- und Miteinander ist man zu Recht stolz. Wenn Surinamer eine Botschaft formulieren sollten, dann wäre es wohl die Idee einer Gemeinschaft, in der dennoch jeder das Recht hat, seine Besonderheiten zu leben. Einheit in Vielfalt.

In den Werbebroschüren der Reisebüros kann man ungefähr so etwas lesen: Wer die Natur liebt, kann sein Herz an Surinam verlieren. Es ist eines der weltweit grünsten Länder, weite unberührte Wälder, majestätische Flüsse, exotische Flora und Fauna, freundliche Menschen, die noch im Einklang mit der Natur leben.

Und ja, so ist es im Binnenland, weit weg vom Lärm der Städte, wo nachts die Sterne heller glitzern als anderswo, und wo das, was ist, einfach nur deshalb gut und richtig ist, weil es ohne irgendeinen Zweck erfüllen zu müssen einfach eben ist – auch man selbst kann einfach sein, und es ist gut. Man kommt Gott in seiner Schöpfung nah. Das ist ein gutes Gefühl und etwas, wonach viele von uns sich als Menschen und Christen sehnen: im Einklang mit sich und der Welt zu sein. Und siehe, es war sehr gut.

Idyllisch: Das Dorf Afobaka am Brokopondo-Stausee. Er gehört zu den größten Talsperren der Welt.  Foto: Hilke Maunder

Idyllisch: Das Dorf Afobaka am Brokopondo-Stausee. Er gehört zu den größten Talsperren der Welt. Foto: Hilke Maunder

Eine junge Lehrerin aus einer großen deutschen Stadt kam nach Surinam. Sie wollte »etwas tun«, nicht nur als Tourist das Land besehen. Und es gab etwas zu tun für sie – in der Stadt bei der Erarbeitung von Lehrmaterial für die Grundschule. Aber der Höhepunkt ihrer Reise war doch ein Besuch in einem Indianerdorf, ganz weit weg, an der Grenze zu Brasilien, wo man nur schwer oder gar nicht hinkommt. Sie ist mit einem kleinen Flugzeug dahin geflogen, dahin, wo das Leben noch einfach und ursprünglich ist. Als sei sie auf der Suche nach ihren Ursprüngen, sich selbst oder nach Gott. Ihre surinamischen Gastgeber waren noch nie so weit im Hinterland.

Sei es diese junge Frau, sei es der Tourist, der eine Woche in einer »Urwaldlodge« bucht, sei es der Mitarbeiter einer Nicht-Regierungsorganisation, sei es der ausländische Mitarbeiter einer Firma – sie alle zieht es ins Binnenland, dahin wo das Leben noch einfach und ursprünglich ist. Als seien sie alle auf der Suche nach ihren Ursprüngen, sich selbst oder nach Gott. An den Autos der Menschen in Paramaribo sieht man selten oder nie den typischen roten Staub von einer Fahrt über die Lateritpisten des Binnenlandes, weil sie da so gut wie nie hinfahren.

In einer Zeit endloser kriegerischer Auseinandersetzungen in aller Welt und der Überflutung mit Anleitungen zum Glück ist solches Sehnen nach einem heilen Paradies nur allzu verständlich. Und vielleicht ist es auch gerade dies Lebensgefühl, aus dem heraus Surinam das Thema »Schöpfung« für den Weltgebetstag zugewiesen bekommen hat.

Einheit in Vielfalt zu leben, im Einklang mit der Schöpfung, wo keiner zu kurz kommt, und ein jeder seine Würde hat, so wie Gott ihn gedacht hat, das könnte ein gemeinsamer surinamisch-deutscher Traum werden.

Dorothea Rohde

Dorothea Rohde wohnt mit ihrer Familie seit anderthalb Jahren in Surinam. Sie ist Pfarrerin der Brüdergemeine Immanuel in Paramaribo und Mitarbeiterin am Theologischen Seminar.

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Ägypten: Krieg gegen den Terror

27. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Verfolgte Christen: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ruft jährlich dazu auf, am zweiten Sonntag der Passionszeit (Reminiszere) für bedrängte und verfolgte Christen zu beten. Schwerpunkt der Fürbitte diesmal ist die Situation der Christen in Ägypten.

Sonntagmorgen in der Kirche zur Heiligen Maria in Kairo direkt am Nil. Die Sonne glitzert auf dem träge dahinfließenden Strom. Weihrauch mischt sich mit den Resten des Morgennebels. »Für mich ist dies ein magischer Ort und einer, an dem ich mich sicher fühle, trotz allem«, sagt Marina G., eine junge Frau mit zwei Kleinkindern an der Hand. Die reich verzierte Kirche ist bis auf den letzten Stehplatz gefüllt und auch auf der Terrasse am Nil drängen sich die Betenden.

Die ägyptischen Kopten sind eine Abspaltung der Griechisch-Orthodoxen Kirche. Viele Lied- und Gebetstexte sind auf Koptisch, einer Sprache, die dem Pharaonischen ähneln soll. Die Predigt allerdings hält der Priester im ägyptischen Dialekt, dass die Gläubigen ihr folgen können.

Der Schein trügt: Trotz benachbarter Gotteshäuser ist das Verhältnis der Muslime und Christen zueinander schwierig. Foto: Julia Gerlach

Der Schein trügt: Trotz benachbarter Gotteshäuser ist das Verhältnis der Muslime und Christen zueinander schwierig. Foto: Julia Gerlach

Es sind aufmunternde Worte. Er bittet die Gläubigen, Geduld zu haben und die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht aufzugeben: »Wir müssen zusammenstehen und an unserem Glauben festhalten. Es ist eine Zeit der Prüfung und wir dürfen jetzt nicht nachlassen«, dringt die warme Stimme des Priesters durch den Lautsprecher. »Er weiß, was uns bewegt«, sagt Marina G. »Mich tröstet es und tatsächlich sind wir alle einmal wieder eng zusammengerückt. Wir verkriechen uns hier hinter unseren Mauern«, ergänzt sie. In den vergangenen Jahren habe sie manchmal Hoffnung gehabt, dass sich das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen in Ägypten doch noch verbessern könnte, doch derzeit ist sie eher pessimistisch.

Tatsächlich war das vergangene Jahr 2017 besonders blutig. Im Februar riefen radikale Gruppen, die auf der Sinai-Halbinsel gegen Regierungstruppen kämpften, zum Kampf gegen die Christen auf: Sieben Menschen wurden ermordet und Hunderte Christen flohen daraufhin in andere Teile Ägyptens. Kurz darauf, am Palmsonntag, kamen bei einem Doppelanschlag auf eine Kirche in Tanta und die Sankt-Markus-Kathedrale von Alexandria mindestens 70 Menschen ums Leben.

Hinzukommen unzählige Zwischenfälle: Angriffe auf Häuser und Geschäfte, Vertreibungen einzelner Familien aus oberägyptischen Dörfern, Ermordungen. Immer wieder flammt die Gewalt auf. Oft reicht ein Gerücht, dass etwa die Christen dort heimlich eine Kirche bauen, und schon kommt es zu Übergriffen.

Kirchbau ist eines der umstrittenen Themen. Seit Jahrzehnten fordern die ägyptischen Christen ein neues Gesetz, dass sie legal Kirchen bauen können. Im vergangenen Jahr wurde ein solches Gesetz verabschiedet, allerdings geht es vielen Christen nicht weit genug. Das letzte Wort für die Baugenehmigung haben die lokalen Gouverneure und sie können – wenn sie den sozialen Frieden in Gefahr sehen – auch »nein« sagen. Das Gesetz gilt als Geschenk des Präsidenten Abdelfattah al-Sisi an die Christen. Das allerdings macht die Sache besonders schwierig.

Ein Rückblick: Seit Jahrzehnten kommt es immer wieder zu Übergriffen auf Christen in Ägypten. Abhängig ist dies von der Politik der jeweiligen Regierung – Seit 1952 regiert am Nil das Militär fast durchgehend. Eine Rolle spielt auch die Stärke der islamistischen Bewegungen, die gegen die Regierung kämpfen und die Christen oft angreifen, nicht nur, weil sie andersgläubig sind, sondern auch, um die Regierung international in Verruf zu bringen.

2011 in den Tagen der Revolution auf dem Tahrirplatz in Kairo passierte etwas, was viele nie für möglich gehalten hätten: Christen und Muslime standen Seite an Seite, beteten und demonstrierten zusammen.

Mit dem Sturz von Mubarak wurden die Angriffe auf Christen schlimmer denn je und als 2012 mit Mohammed Mursi ein Muslimbruder zum Präsidenten gewählt wurde, hatten die Christen Angst. Deshalb unterstützten viele von ihnen Abdelfattah al-Sisi, der 2013 Mursi absetzte. Es kam zu extrem blutigen Racheakten. Mehr als 100 Kirchen und christliche Einrichtungen wurden im August 2013 angegriffen. Die neue Regierung ging mit großer Härte gegen die islamistische Bewegung vor und die Gewalt eskalierte. Je brutaler der Kampf, desto stärker gerieten auch die Christen ins Visier. Mehrfach hat der sogenannte Islamische Staat »IS« gedroht, ägyptische Christen zu töten.

Schwierige Zeiten für die Christen am Nil. Dabei hat das Christentum in Ägypten uralte Wurzeln. Im Jahr 60 gründete der Evangelist Markus in Alexandria die erste Kirche. In vielen Kirchen Ägyptens finden sich Bilder der Heiligen Familie, die auf der Flucht vor König Herodes mit einem Esel nach Ägypten zog. Diese Flucht spielt für die ägyptischen Christen eine wichtige Rolle und es gibt zahlreiche Pilgerstätten, die hierzu im Bezug stehen. So wurde auch die Kirche der Heiligen Maria am Nil auf einer Grotte erbaut, in der Maria und Josef mit ihrem Baby gerastet haben sollen. Im Vorbeigehen bekreuzigen sich die Gläubigen.

Julia Gerlach

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Hoffnung für Kinder

21. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Aus dem Erzgebirge nach Odessa: Seit fast 20 Jahren wohnt Nicole Borisuk in der Ukraine. Bereits während des Studiums entdeckte sie ihre Leidenschaft, Straßenkindern zu  helfen. Praktische Hilfe ist für sie der Ausdruck ihres Christseins.

Die letzten rund 20 Kilometer nach Petrivka haben es in sich. In das Dorf in der Südukraine führt eine denkwürdige Schotterpiste, auf der schon so manches nicht geländetaugliche Fahrzeug kapituliert haben dürfte. Petrivka selbst ist ein unscheinbarer kleiner Ort wie vermutlich viele in den Weiten des Landes, ungefähr 70 Kilometer von Odessa entfernt. Das Besondere dort ist eine soziale Einrichtung, die es in dieser Art in der Ukraine nur selten gibt: ein Tageszentrum für Kinder und Jugendliche, die in wirtschaftlich und sozial schwierigen Verhältnissen aufwachsen und in ihrem Leben bislang wenig Liebe erfahren haben.

Gegründet hat das Heim – ebenso wie zwei weitere in einem sozialen Brennpunktviertel Odessas – die aus dem Erzgebirge stammende Nicole Borisuk gemeinsam mit ihrem ukrainischen Mann Vyacheslav; Kindern am Rande der Gesellschaft wollen sie Geborgenheit, ein verlässliches Fundament und eine Lebensperspektive vermitteln. Die Frage liegt nahe, was eine Deutsche eigentlich dazu bewegt, sich ausgerechnet in der Ukraine für vom Schicksal nicht begünstigte Kinder zu engagieren.

Straßenkinder in Odessa, einer der Jungen versteckt sein Gesicht hinter einer Zeitung. Foto: picture-alliance/dpa

Straßenkinder in Odessa, einer der Jungen versteckt sein Gesicht hinter einer Zeitung. Foto: picture-alliance/dpa

Wenn Nicole Borisuk ihre Geschichte erzählt, kommt sie schnell auf ein prägendes Ereignis in ihrem eigenen Leben zu sprechen: Ihrem Vater war es gelungen, mit Hilfe des christlichen Glaubens und einer tragenden Gemeinschaft in der evangelischen Kirche seine Alkoholabhängigkeit dauerhaft zu besiegen – für Nicole und ihre gesamte Familie ein Wendepunkt. Ihr Christsein hat sie stets praktisch verstanden, und so nahm sie nach dem Abitur zielstrebig ein Studium der Sozialpädagogik auf. Dabei entdeckte sie ihr besonderes Interesse für Straßenkinder, machte Praktika in der Mongolei, in Hongkong und in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und lernte dabei, Kindern ohne ein Dach über dem Kopf adäquate Hilfe zu leisten.

Nach dem Diplom siedelte sie 1999 ganz nach Kiew über. In ihrem Projekt lernte sie ihren Mann kennen, nach der Heirat zogen sie nach Odessa. Den ersten Schritt zu eigenen Strukturen bedeutete die Gründung des Vereins »Lebendige Hoffnung«, zusammen mit einem Förderverein in Sachsen, der die Finanzierung aus Deutschland ermöglichen sollte. 2001 gelang es dem Ehepaar, in einem Problemviertel Odessas ein eigenes Haus für zunächst zwölf Kinder zu eröffnen, die dort täglich ab der Mittagszeit Hausaufgabenbetreuung und weitere Lernangebote samt einem warmen Essen erhielten.

Beiden war es von Anfang an wichtig, Kindern aller Glaubensrichtungen und auch aus atheistischen Elternhäusern Bildung und Wissen in Gesundheitsfragen zu vermitteln wie auch eigene christliche Werte vorzuleben. Nach mühevollen ersten Jahren kamen 30 bis 40 Kinder täglich, und viele von ihnen haben einen guten Weg eingeschlagen, wie Nicole Borisuk nicht ohne Stolz hinzufügt.

Bald ergaben sich auch überkonfessionelle Kooperationen mit Kirchen in der Ukraine und vor allem im Ausland, die zur Finanzierung des Projekts beitrugen und es teilweise immer noch tun. Zu den Unterstützern zählen in Deutschland auf katholischer Seite Kirchengemeinden im Erzgebirge, auf evangelischer beispielsweise die Landeskirche Bayern, der Martin-Luther-Verein Neuendettelsau oder das Diakonische Werk Württemberg. Weiter bestehen gute Verbindungen zur Luxemburger All Nations Church oder zu Interdiac in Teˇšín/Tschechien.

So konnten die Borisuks 2009 ein zweites Haus in Odessa eröffnen, diesmal ein Familienzentrum, um das Umfeld der Kinder stärker einzubinden. Der Gründung des Hauses in Petrivka noch einmal vier Jahre später ging eine Initiative von Lokalpolitikern voraus, da auf dem Land oft besondere Not herrsche. In der Tat sind jenseits der Städte die Probleme mitunter noch verbreiteter: Nicole Borisuk erzählt von Familien in Petrivka, in denen sich ein Kind mit mehreren Personen ein Bett teilen muss, die ohne Sanitäranlagen oder in einem Haus ohne Dielen auf dem nackten Erdboden leben. Nicht selten sind Kinder nach der Schule sich selbst überlassen, weil die Eltern in der Stadt arbeiten. Oft spielen auch Krankheit, Alkohol und Drogen eine negative Rolle.

»Lebendige Hoffnung« beherbergt in dem ehemaligen Kindergartengebäude, das staatliche Stellen mietfrei zur Verfügung stellen, ganzjährig nun bis zu 50 Kinder in Tagesbetreuung. »Für die Kinder ist emotional entscheidend, dass sie Verlässlichkeit und Kontinuität erfahren. Wir erwarten von ihnen aber auch eine gewisse eigene Verbindlichkeit. Wer etwa die Schule schwänzt, darf nicht ins Zentrum kommen.« Die Zusammenarbeit mit dem sozialen Umfeld sei dabei integraler Bestandteil der Betreuung. Die Hilfen, die jedes einzelne Kind der drei Zentren erhält, bestimmt der individuelle Bedarf: Von psychologischer Betreuung bis hin zu Musikstunden ist viel möglich. Die Deutsche arbeitet mit einem 15-köpfigen Team, wovon sechs Mitarbeiter fest angestellt sind, die anderen helfen ehrenamtlich. Dank der internationalen Kontakte leisten zudem immer wieder Freiwillige ein Jahr Dienst in Odessa.

Nicole Borisuk ist sich bewusst, dass gesellschaftliche Ungleichheit und Korruption die Probleme, mit denen sie jeden Tag konfrontiert wird, erheblich mitverursachen. Zugleich sieht sie auch, dass die Menschen oft Gemeinsinn zeigen und das wenige, das sie haben, gerne teilen – dies gibt ihr die Hoffnung, dass es in der Ukraine allmählich gerechter zugehen wird.

Malte Heidemann

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Frieden statt Wiedervereinigung

12. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Die überraschende Teilnahme einer gemeinsamen koreanischen Mannschaft aus Nord und Süd bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang wird allgemein in der Welt begrüßt. Doch in Südkorea selbst gibt es viel Skepsis. Die Gräben zwischen beiden Staaten sind tief.

Nach Monaten der sich verschärfenden Kriegsdrohungen Nordkoreas wirkte die Nachricht wie ein Befreiungsschlag: Der »Oberste Führer« Kim Jong-un ging auf den Vorschlag einer gemeinsamen Olympiamannschaft mit Sportlern aus Nord- und Südkorea ein. Während in Deutschland wohl weitgehend Freude über diese Entwicklung herrscht, sehen die Menschen in Südkorea die Situation mit wesentlich gemischteren Gefühlen.

»Vor allem unter der älteren Bevölkerung herrscht eine große Skepsis und Angst vor einer schleichenden Vereinnahmung durch den Norden«, beschreibt Hyun-Jeong Kim die Situation. Diese Menschen sind es auch, die von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden, als sie in den Wochen vor der Eröffnung der Winterspiele an diesem Freitag auf die Straße gingen, um gegen diesen Schritt der Annäherung zu demonstrieren.

Für Frau Kim, die im einstigen Westberlin geboren wurde, den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands hautnah miterlebte, sind es auch die äußeren Umstände der gemeinsamen Mannschaft, die skeptisch machen: So seien zum einen die Sportler selbst von der Politik nicht gefragt worden. Zum anderen werden die Aktiven des Nordens von einer großen Gruppe Betreuer und Funktionäre sowie von noch größeren offiziellen Fangruppen begleitet. Zur Finanzierung des Ganzen trägt der Norden allerdings keinen Cent bei.

Hyun-Jeong Kim lebt inzwischen seit 14 Jahren in Südkorea und wird bei den Olympischen Spielen unter anderem für einen britischen Fernsehsender als Dolmetscherin arbeiten. Als eines der Hauptprobleme auf der koreanischen Halbinsel sieht sie die jahrzehntelange, völlig gegenseitige Isolation der Menschen in beiden Staaten. Anders als im einst geteilten Deutschland gibt es praktisch keine persönlichen Kontakte, gibt es kein Gefühl der Gemeinsamkeit mehr. Verantwortlich dafür ist freilich nicht nur die im Norden herrschende absolute Diktatur. Auch in Südkorea stellt das »Nationale Sicherheitsgesetz« jeden Kontakt in den Norden unter Strafe, gilt das Radio oder Fernsehen des Nordens als »Feindsender«.

»Ja, wir wurden in der Schule regelrecht zum Hass auf den Norden erzogen«, erinnert sich Jona Kim. Der südkoreanische protestantische Pastor leitet seit 2005 die kleine koreanische Gemeinde in Weimar. Und er erinnert an die traumatischen Erfahrungen, als 1950 das kommunistische Regime aus dem Norden mit seiner Armee den Süden fast vollständig überrannte: »Anders als in Deutschland wurden wir nicht von den Alliierten gegen unseren Willen geteilt, wir haben einen grausamen, blutigen Krieg gegenei­nander geführt, der viele Wunden bei den Menschen hinterlassen hat.« Ein Krieg, der offiziell bis heute andauert. Lediglich der Waffenstillstand vom 27. Juli 1953 bietet den fragilen Rahmen für den derzeitigen Status quo.

Auch in Pastor Kims Brust wohnen zwei Seelen. Auf der einen Seite freut er sich über die unerwartete Chance der Annäherung zwischen Nord und Süd. Auf der anderen Seite hält er die gemeinsame Mannschaft für einen übereilten Schritt. »Wir müssen realistisch sein, wir sind zwei Staaten, die nebeneinander existieren. Deshalb sollte es auch zwei Mannschaften nebeneinander geben.«

Innerhalb dieser zwei Staaten haben sich inzwischen auch zwei äußerst unterschiedliche Kulturen, völlig verschiedene Denk- und Lebensweisen entwickelt. Dies haben, so Pastor Kim, etliche südkoreanische Kirchengemeinden hautnah erlebt, als sie sich in den 1990er-Jahren der inzwischen Millionen zählenden Zahl von Flüchtlingen aus dem Norden annahmen. Bei vielen sei die Euphorie mittlerweile einer tiefen Resignation ob der Schwierigkeiten der Integration gewichen.

Dem Gedanken oder Wunsch nach einer baldigen Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel erteilt Jona Kim eine deutlich Absage. Nicht nur, weil die berechtigte Angst besteht, eine Wiedervereinigung nach deutschem Vorbild würde selbst die relativ starke Wirtschaftskraft des Südens heillos überfordern. »Das Erste und Wichtigste, was wir brauchen, ist ein stabiler Frieden«, so sein Credo. Nur auf der Basis eines friedlichen Nebeneinanders könne es eine Annäherung der Menschen geben, könne Vertrauen wachsen. Auch wenn auf beiden Seiten der Wille zur Versöhnung wachse, sei eine Wiedervereinigung in Freiheit und Demokratie vorstellbar, so Kim.

Für den Pastor ist dies vor allem auch eine geistliche Herausforderung. Deshalb hat für Jona Kim das Gebet um eine innere Veränderung im Herzen seines Volkes und für eine Öffnung und Veränderung der nordkoreanischen Diktatur höchste Priorität. Dass er in Deutschland immer wieder auf Menschen stößt, die für Nordkorea beten, sieht er als »ein Wunder« an, für das er von Herzen dankbar ist.

Harald Krille

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»Hier hat niemand die Türkei bedroht«

6. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Türkische Truppen greifen mit deutschen Panzern seit Tagen das vornehmlich von Kurden bewohnte Gebiet um Afrin im Norden Syriens an. Harald Krille sprach darüber mit Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen.

Herr Sido, türkische Truppen marschieren im Norden Syriens ein und die Bundesregierung spricht dabei inzwischen von berechtigten Sicherheitsinteressen der Türkei. Was geht dort eigentlich ab?
Sido:
Das, was die Bundesregierung sagt, macht mich regelrecht sauer. Die Türkei hat überhaupt kein Recht, diese Region anzugreifen. Die Türkei greift ein anderes Land an, dessen Bevölkerung müde ist vom jahrelangen Bürgerkrieg. Die Region Afrin war zudem eine relativ stabile, ruhige Region in Syrien. Viele Flüchtlinge aus den heißen Bürgerkriegsgebieten haben sich dort niedergelassen, etwa aus Aleppo.

Humanitäre Helfer sind besorgt über das Schicksal von rund 324 000 Menschen in der Region Afrin im Nordwesten Syriens. Das Handyfoto zeigt Mitarbeiter des kurdischen Roten Halbmonds im Einsatz. Foto: privat

Humanitäre Helfer sind besorgt über das Schicksal von rund 324 000 Menschen in der Region Afrin im Nordwesten Syriens. Das Handyfoto zeigt Mitarbeiter des kurdischen Roten Halbmonds im Einsatz. Foto: privat

Ich weiß nicht, was Herr Gabriel oder Frau Merkel mit ihrer Äußerung über die Sicherheitsinteressen meinen. Die in der Region um Afrin lebenden Kurden, Araber, Aleviten und Jesiden sowie die wenigen konvertierten Christen dort haben die Türkei zu keinem Zeitpunkt bedroht.

Die Türkei spricht aber dezidiert von Terrorbekämpfung.
Sido:
Die türkischen Politiker haben die deutsche Bundesregierung und alle Deutschen auch als Nazis bezeichnet. Die türkische Regierung hat noch vor ein paar Jahren die Existenz einer kurdischen Ethnie geleugnet. Die türkische Regierung leugnet bis heute den Massenmord an armenischen Christen im Osmanischen Reich. Wie kann man dieser türkischen Regierung glauben? Das ist lächerlich.

Vor wenigen Tagen erreichte ein Hilferuf der protestantischen Gemeinde von Afrin die Weltöffentlichkeit (siehe Kasten). Wie viele Christen leben dort?
Sido:
Die Menschen in der Region sind zu rund 95 Prozent kurdischer Abstammung und sind heute sunnitische Muslime. In der Vergangenheit aber gehörten die Kurden in Afrin mehrheitlich zur alevitischen Glaubensrichtung oder zu den Jesiden. Nach dem Vormarsch des »Islamischen Staates« (IS) mit seinen Gräueltaten hatte ein Teil der Menschen, der Muslime die Nase voll vom radikalen Islam. Sie haben sich dem Christentum zugewandt. Das sind etwa 190 Familien mit zirka 500 bis 1 000 Angehörigen. Dazu kommen sicher noch einige altansässige Christen unter den Flüchtlingen aus den Bürgerkriegsregionen.

Und die werden von der Mehrheit akzeptiert?
Sido:
Das ist ja gerade das Besondere an dieser Region, dass hier ein gemäßigter Islam vorherrscht. Die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert, dass der Nachbar zum Christentum konvertiert, ohne ihn dann am nächsten Morgen zu köpfen. Die Christen haben ihre eigene Kirche in Afrin gebaut, der Weihnachtsgottesdienst wurde im Internet und von Voice of America übertragen. Meine eigene Mutter wohnt dort. Sie ist eine sehr konservative Muslima. Aber sie duldet, dass ihr Nachbar Christ werden darf. Sie duldet, dass ihr Sohn sich im fernen Deutschland für die Christen einsetzt, ohne ihn auszustoßen. Und Herr Erdogan, der Freund von Frau Merkel, greift genau diese Menschen an mit Flugzeugen, mit Panzern, mit Raketenwerfern.

Das Makabre daran ist, dass Deutschland auf der einen Seite die kurdischen Kämpfer im Nordirak mit deutschen Waffen ausgerüstet hat, dass andererseits die türkische Armee jetzt mit deutschen Panzern diese Offensive gegen Kurden betreibt.
Sido:
Um es klar zu sagen: Die Kurden in Syrien wollen keine Waffen. Sie wollen das Ende der Kämpfe, sie wollen, dass die Türkei diese Region nicht angreift. Wir als Menschenrechtsorganisation sind grundsätzlich gegen Waffenlieferungen, egal an welche Gruppe, egal an welchen Staat. Deshalb fordern wir einen Stopp aller Waffenlieferungen, auch solcher an die Türkei. Denn dieser Staat führt einen Vernichtungsfeldzug gegen eine friedliche Bevölkerung.

Was ist in diesem Zusammenhang von der »Freien Syrischen Armee« zu halten, deren Kampf die Türkei angeblich unterstützt?
Sido:
Es gibt keine »Freie Syrische Armee« (FSA). Die FSA ist ein Deckmantel, unter dem sich radikale islamistische Gruppen tummeln. Wenn diese Gruppen sich in Marsch setzen, hört man Rufe »Allahu Akbar«, also »Allah ist groß«. Sie rufen »Vernichtung den Ungläubigen«. Wenn man ihre Programme anschaut, ich habe mich gerade extra noch einmal damit beschäftigt, dann ist ihr Ziel klar: Sie wollen einen Scharia-Staat.

Was würden Sie sich von den Christen und den Kirchen in Deutschland wünschen?
Sido:
Ich mache den beiden großen Kirchen in Deutschland den Vorwurf, dass sie sich bisher nicht oder kaum für den Schutz der Kurden in Afrin eingesetzt haben. Ausgerechnet die Kurden, die Glaubensfreiheit für Christen, Jesiden, Aleviten und andere akzeptieren und fördern werden jetzt von der Türkei angegriffen. Wenn diese tolerante muslimische kurdische Bevölkerung vernichtet wird, dann ist es mit der Glaubensfreiheit auch
dort vorbei.

Dr. Kamal Sido ist sunnitischer Kurde und stammt aus Afrim. Der Historiker und Orien­talist leitet seit 2006 das Nahostreferat der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen.

www.gfbv.de

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»Kirchen sind die Seelen des Ortes«

30. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Sudetenland: Für viele der ehemals vertriebenen Deutschen sind die Kirchen im deutsch-tschechischen Grenzgebiet ein Herzensanliegen. Doch es gibt auch Tschechen, die die alten Gotteshäuser erhalten wollen – als Beitrag zur Heimatpflege.

Als Alois Ehrl die Kirche von Hamry nach vielen Jahrzehnten wiedersah, stand es schlimm um sie: Katholisch war fast niemand mehr in dem Örtchen im Böhmerwald in Tschechien, die Kirche war einsturzgefährdet, so lange war sie vernachlässigt worden.

Ehrl ist katholischer Pfarrer im Ruhestand, er wurde 1945 in Hamry geboren – kurz vor der Vertreibung der Deutschen aus den einstigen Sudetengebieten. Danach lebte er mit seinen Eltern in der Gegend von Nürnberg. Als der Eiserne Vorhang fiel und er endlich wieder zurückreiste in seinen Geburtsort, setzte es sich Ehrl zum Ziel, die dortige Kirche zu retten.

Was seither passiert ist, gleicht einem Wunder: Die Kirche ist renoviert, der Ort wächst und gedeiht, und rund um den zentralen Platz sind inzwischen alle Häuser herausgeputzt. »Auch in einer säkularen Umgebung, wo es nur wenige Christen gibt, ist die Kirche so etwas wie die Seele eines Orts«, sagt Alois Ehrl. »Das darf man nicht unterschätzen.«

Im tschechischen Grenzgebiet, aus dem die Sudetendeutschen vertrieben wurden, gibt es Hunderte alter Kirchen, Kapellen und Friedhöfe – und nicht in allen Fällen gibt es ein Happy End wie in Hamry. Viele Sakraldenkmäler müssten dringend saniert werden, aber es kümmert sich niemand darum. Tschechien ist ein wenig religiöses Land: Bei der letzten Volkszählung von 2011 bekannten sich nur knapp zwölf Prozent zu einer christlichen Kirche, die meisten von ihnen zur römisch-katholischen.

Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet gibt es eine Unzahl an Kirchen und Kapellen. Immer mehr präsentieren sich im schmucken Glanz, wie die Kapelle Schenkenhan bei Bad Wurzelsdorf/Kořenov im Isergebirge. Foto: fotolia/LianeM

Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet gibt es eine Unzahl an Kirchen und Kapellen. Immer mehr präsentieren sich im schmucken Glanz, wie die Kapelle Schenkenhan bei Bad Wurzelsdorf/Kořenov im Isergebirge. Foto: fotolia/LianeM

»Der Blick auf das Grenzland ändert sich aber derzeit radikal«, sagt Jakub Ded, Vorsitzender des tschechischen Denkmalpflege-Vereins Omnium: »Lange haben die Tschechen die alten Denkmäler für ein Problem der Deutschen gehalten. Jetzt nehmen sie sich der Aufgaben selbst an.«

Tatsächlich haben noch in den 90er Jahren vor allem Sudetendeutsche die Kirchen renoviert. Es waren Leute wie Alois Ehrl, der mit einem Verein namens »Glaube und Heimat« viele Millionen Spendengelder sammelte und damit die heruntergekommenen Denkmäler rettete.
Heute sind es vor allem Initiativen von Tschechen, die solche Kirchen erhalten wollen – nicht wegen ihrer religiösen Bedeutung, sondern ganz säkular als Beitrag zur Heimatpflege. »Die Menschen, die nach der Vertreibung der Sudetendeutschen in der Region angesiedelt worden sind, hatten lange keine Wurzeln geschlagen«, sagt Jakub Ded.

Das ändere sich jetzt: »Man sagt immer so schön, dass die Menschen einen Ort als ›ihren Ort‹ wahrnehmen, sobald sie dort jemanden auf dem Friedhof begraben haben. Genau darin lag lange Jahre das Problem: Wir brauchen erst die zweite, dritte Generation, bis sich jemand der Denkmäler annimmt.« Das sei nun der Fall – genau in dem Moment, in dem jene Generation von Sudetendeutschen allmählich stirbt, die die Vertreibung noch selbst erlebt hat.

Neu sind indes die Verwendungen für die Gotteshäuser, die nicht mehr zu einer intakten Gemeinde gehören: In Cesky Krumlov etwa wurde ein altes Kloster zur Heimat eines Theater-Ensembles, das dort probt und Aufführungen anbietet – ein seltenes Beispiel für eine gelungene Nutzung.

»Alle Initiativen versuchen ansonsten im Wesentlichen das Gleiche«, bilanziert Jakub Ded: »Einmal pro Jahr veranstalten sie einen großen Gottesdienst, ansonsten Konzerte und Ausstellungen. Das ist ein wenig problematisch: Wir wissen inzwischen, wie man Kirchen renoviert und auch, wo man Geld dafür bekommt – aber wir wissen nicht, wie man sie danach verwendet.« Denn trotz solcher Programmpunkte blieben die Gotteshäuser eben doch die längste Zeit des Jahres ungenutzt und verschlossen.

Eine besondere Bedeutung wächst den Kirchen trotz aller Probleme zu: Sie würden zu einem Ort des deutsch-tschechischen Austauschs – und der sei gerade im einstigen Sudetengebiet von großer Bedeutung, sagt Zuzana Finger. Sie ist Denkmalpflegerin bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Für die Sudetendeutschen seien die Kirchen oft ein Herzensanliegen, weil sie das einzige Erinnerungszeichen an das untergegangene Gemeindeleben seien.

»Aber aus der ursprünglich nostalgischen Beziehung sind inzwischen Projektpartnerschaften entstanden: Die Tschechen und die Deutschen arbeiten zusammen. Darüber bleiben beide Seiten auch lange nach der Renovierung miteinander verbunden – es entsteht etwas Neues, das es vorher nicht gab«, sagt sie.

Das spürt auch Alois Ehrl immer wieder, der die Renovierung der Kirche in seinem Heimatort Hamry initiiert hatte. Nicht nur, dass die herausgeputzte Kirche das ganze Dorf aufwerte und die Renovierung von Nachbarhäusern zur Folge gehabt habe – »wir haben im Mikrokosmos des kleinen Böhmerwald-Ortes etwas ausgelöst«, ist er sich sicher. Die Tschechen grillen für die früheren deutschen Bewohner, sie feiern gemeinsam Feste. Ehrls Bilanz: »Die Kirche ist ein gutes Medium, um etwas Positives anzustoßen in der Verständigung von zwei Nachbarvölkern.«

Kilian Kirchgeßner

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Fluch und Segen

23. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Afrika wehrt sich gegen abgelegte Klamotten aus Europa: Zur Stärkung der heimischen Wirtschaft und des nationalen Selbstbewusstseins.

In Ruanda heißen sie »Chagua«, in Kenia »Mitumba«: Gebrauchte Pullis, Shirts und Hosen aus Europa und Nordamerika stellen in vielen Ländern Afrikas einen eigenen Wirtschaftszweig dar. Sie werden auf unzähligen Märkten verkauft. Jedes Jahr wird abgelegte Kleidung im Wert von rund einer Milliarde Euro nach Afrika verschifft, etwa ein Drittel davon nach Ostafrika. Doch dort wollen einige Länder nun dem Altkleidergeschäft ein Ende machen.

»Wir produzieren Baumwolle, Wolle und Leder, die zur Produktion von Kleidung verwendet werden«, erklärte etwa der tansanische Präsident John Magufuli im vergangenen Jahr. »Warum sollten wir Leder als Rohstoff exportieren und dafür schlechte, gebrauchte Schuhe importieren, die nach drei oder vier Tagen durchgelaufen sind?«

Altkleider-Spenden haben in Afrika zum Niedergang der lokalen Industrie beigetragen. In Ghana zum Beispiel arbeiteten in den 1960er-Jahren rund 25 000 Beschäftigte in mehr als 20 großen Fabriken. Das westafrikanische Land produzierte für den eigenen, den regionalen und den Weltmarkt. Die lokalen Produkte im »Kaba and Slit«-Stil – mit den farbigen, langen, taillierten Kleidern für Frauen – waren gefragt. Heute arbeiten weniger als 2 500 Menschen in vier Fabriken.

Gleichzeitig ist der Ruf nach einem Einfuhrverbot für Altkleider Zeichen eines stärkeren Selbstbewusstseins afrikanischer Länder und für die Regierungen eine Frage von Ehre und Würde. Er verstehe nicht, warum seine Landsleute in abgetragener Kleidung herumlaufen sollen, sagte der tansanische Präsident. Ruandas Präsident Paul Kagame erklärte jüngst, afrikanische Länder sollten eine eigene Industrie aufbauen.

Kleider machen Leute: Auf dem Old-Soweto Kleidermarkt in Lusaka, Sambia, werden – wie auf unzähligen Märkten in anderen afrikanischen Ländern auch – die gebrauchten Kleidungsstücke aus den Altkleidersammlungen Europas verkauft. Einige ostafrikanische Länder wollen den Import beenden und planen Einfuhrverbote. Doch der Widerstand ist groß, denn vom Geschäft mit der Kleidung profitieren viele. Foto: epd-bild

Kleider machen Leute: Auf dem Old-Soweto Kleidermarkt in Lusaka, Sambia, werden – wie auf unzähligen Märkten in anderen afrikanischen Ländern auch – die gebrauchten Kleidungsstücke aus den Altkleidersammlungen Europas verkauft. Einige ostafrikanische Länder wollen den Import beenden und planen Einfuhrverbote. Doch der Widerstand ist groß, denn vom Geschäft mit der Kleidung profitieren viele. Foto: epd-bild

Doch das Vorhaben eines Einfuhrverbots stößt auf Widerstand. Kenia hat sich bereits aus dem Plan zurückgezogen. Industrie-Staatssekretär Adan Mohamed sagte im Mai, man wolle die eigene Industrie zwar stärken, dies aber nicht mit einem Importverbot erzwingen. Eine Rolle dürften dabei auch die USA gespielt haben, die mit der Aufhebung einer wichtigen Handelsvereinbarung gedroht hatten. Die USA befürchten, das Verbot könnte eigene Firmen schädigen, die Altkleider exportieren.

Auch Experten sind skeptisch. Eine Politik mit dem Ziel, Importware durch Eigenproduktion zu ersetzen, habe in der Vergangenheit oft eher zu enttäuschenden Ergebnissen mit niedrigerem Wirtschaftswachstum und höheren Preisen geführt, erklärt Linda Calabrese von der Londoner Denkfabrik Overseas Development Institute (ODI). Zudem würde wohl vor allem der arme Teil der Bevölkerung den Preis zahlen. Viele sind angewiesen auf günstige gebrauchte Kleidungsstücke, die oft nur etwa einen Dollar kosten. Zukünftig müssten sie auf neue Produkte umsteigen.

Calabrese empfiehlt deshalb eine andere Politik, um die heimische Industrie zu unterstützen, zum Beispiel durch die Verbesserung von Infrastruktur oder das Senken von Steuern. Ein Einfuhrverbot für Altkleider sei eine teure Politik mit wenig langfristigen Vorteilen, schreibt Calabrese in einer Analyse.

Andere Experten warnen zudem vor Nebeneffekten, wie dem Anschub von illegalem Handel oder dem Verlust von Importzöllen und Arbeitsplätzen. »Durch ein Verbot müssten afrikanischen Staaten auf Einnahmen in Millionenhöhe verzichten«, erklärt Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. »Mittlerweile hängen aber eine ganze Industrie und mehrere hunderttausend Arbeitsplätze an dem Geschäft mit Altkleidern, von Händlern, Transportunternehmern, Schneidern bis hin zu Tagelöhnern.«

Kannengießer sieht die wahre Konkurrenz nicht aus Europa oder Nordamerika: Die afrikanische Industrie habe vor allem mit Billigprodukten aus Asien zu kämpfen. »Da ist die Second-Hand-Ware für Menschen mit geringem Einkommen eindeutig die bessere Alternative, denn sie ist oft noch günstiger und qualitativ oft besser.«

Benjamin Dürr

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Der Erzbischof auf Sendung

16. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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In Rumänien hat sich eine lebendige orthodoxe Medienlandschaft etabliert: Laienchristen gestalten höchst erfolgreiche Zeitschriften, die Kirche hat einen eigenen TV-Sender.

Der ehrwürdige orthodoxe Erzbischof und Metropolit Andrei von Klausenburg – rumänisch Cluj-Napoca – nimmt Platz. Aber nicht auf dem Bischofsthron in seiner gewaltigen Kathedrale, sondern auf einem schmalen Stapelstuhl in einem engen Aufnahmestudio von nur wenigen Quadratmetern Fläche. Ihm gegenüber sitzt die Redakteurin Simona Vlasa und stellt Fragen zu Glauben und Spiritualität. Vor sich hat der 68-jährige Bischof ein Mikrofon. Das Aufnahmegerät läuft und registriert seine Aussagen so aufmerksam wie sonst die Gläubigen in Kirchen und Klöstern seine Predigten.

Was auf den ersten Blick nach einem Interview zu einem besonderen Anlass aussieht, ist in Klausenburg seit Gründung des Bistumssenders »Renasterea« (Wiedergeburt) 1999 längst etwas Alltägliches. Und nicht nur dort: Im siebenbürgischen Erzbistum Vad, Feleac und Cluj gibt es wie in vier weiteren Bistümern der rumänischen Orthodoxen Kirche kircheneigene Radiosender.

Erzbischöfe wie Metropolit Andrei von Klausenburg gehen regelmäßig auf Sendung, um den Hörern den orthodoxen Glauben zu vermitteln und christliche Lebenshilfe zu bieten. »Für uns ist das auch eine missionarische Gelegenheit in einer Zeit, in der das Christentum sich neu behaupten muss«, sagt Metropolit Andrei dazu.

»Die orthodoxen Radiosender sind sehr beliebt. Es gibt hier keinen Skandal- und Sensationsjournalismus, sondern ernsthafte Informationen zu wichtigen religiösen und kulturellen Themen, dazu auch Gesundheits- und Glaubensratgeber. Unsere Hörerschaft ist sehr unterschiedlich, alle Altersstufen und viele Intellektuelle hören die kirchlichen Sender als echte Alternative vor allem zu den sonstigen privaten Programmen«, hält die Radiojournalistin Vlasa fest und kritisiert damit gleichzeitig die weit verbreitete Boulevardisierung der rumänischen Medien.

Kirchliche Radiomacher: Metropolit und Erzbischof Andrei  von Klausenburg im Interview mit der Redakteurin Simona Vlasa beim Kirchensender »Renasterea«. 87 Prozent der Rumänen gehören der Orthodoxen Kirche an, Kloster- wie Gemeindegottesdienste sind in der Regel überfüllt. Foto: Jürgen Henkel

Kirchliche Radiomacher: Metropolit und Erzbischof Andrei von Klausenburg im Interview mit der Redakteurin Simona Vlasa beim Kirchensender »Renasterea«. 87 Prozent der Rumänen gehören der Orthodoxen Kirche an, Kloster- wie Gemeindegottesdienste sind in der Regel überfüllt. Foto: Jürgen Henkel

Zehn Redakteure und weitere Korrespondenten kümmern sich um das Programm. Es wird 24 Stunden gesendet, nachts laufen Wiederholungen. Religiöse Themen und Informationen über kirchliche Aktivitäten von der Pfarrei bis zum Patriarchat spielen beim orthodoxen Kirchenfunk naturgemäß eine große Rolle. Aber auch Nachrichten- und Folkloresendungen laufen regelmäßig über den Äther. An Sonn- und Feiertagen wie an Werktagen wird stets die mindestens zwei Stunden dauernde Messe sowie die Abendandacht live übertragen. Besonders wichtig ist Simona Vlasa das »ABC des Glaubens«, eine Sendung, die Verkündigung und Glaubensbildung verbindet.

Eigener TV-Sender des Patriarchats

In Rumänien hat sich in den knapp 30 Jahren seit der Wende eine lebendige und äußerst bunte orthodoxe Medienlandschaft etabliert. »Die rumänische Orthodoxe Kirche ist die einzige Orthodoxe Kirche mit einem eigenen TV-Sender«, sagt Vasile Banescu. Er ist Pressesprecher des Patriarchats und gestaltet auch selbst TV-Sendungen.

Die Kirche lässt sich das eigene Medienzentrum einiges kosten. Rund 80 Redakteure, Kameraleute und Techniker arbeiten nach seinen Worten allein bei dem orthodoxen Fernsehsender, der vom Patriarchat und allen Bistümern finanziert wird. Neben der Nachrichtenredaktion gibt es die Ressorts Religion, Kultur und Soziales sowie eine eigene Onlineredaktion.

Das naturgemäß kirchennahe Programm bietet viele Interviews mit bekannten Geistlichen oder Intellektuellen. Besonders interessant ist das »Jurnal Trinitas«, das täglich aus allen Bistümern der Kirche berichtet und das breite Spektrum des kirchlichen Lebens aufgreift.

Die Amtskirche und ihre Bischöfe wie auch Laien sind beim Aufbau der orthodoxen Medienlandschaft gleichermaßen initiativ geworden, was in der hierarchiebetonten orthodoxen Kirche keineswegs selbstverständlich ist. »Die Kirche hat uns geholfen, indem sie unsere Arbeit nicht behindert hat«, hält dazu schmunzelnd Razvan Bucuroiu aus Bukarest fest. Er ist Chefredakteur mehrerer Laienzeitschriften, die er selbst ins Leben gerufen hat und die sich heute erfolgreich als Nischenprodukte auf dem Markt behaupten.

Auf 80 professionell gestalteten Hochglanzseiten berichten die beiden Zeitschriften monatlich von christlichen Themen aus Rumänien und aller Welt. Fünf Redakteure sind hier tätig, allesamt Laienchristen. Es zählt kein Priester oder Theologe dazu.

Höhere verkaufte Auflage als der »Playboy«

Nicht ohne Stolz berichtet Bucuroiu, dass ausgerechnet sein monatlich erscheinendes Glaubensmagazin das »Playboy«-Magazin an verkaufter Auflage in Rumänien regelmäßig übertrifft. Das Heft hat eine Auflage von 10 000 Exemplaren und rund 1 000 Abonnenten, es wird im Zeitschriftenhandel, in Klöstern und christlichen Buchhandlungen und sogar an Tankstellen verkauft.

Der 1963 geborene Bucuroiu kam über Umwege zum Journalismus: »Bukarest ist keine Stadt, die eine religiös sehr attraktive Landschaft bietet. Christlicher Journalismus ist hier unbequem, aber nach über 40 Jahren Kommunismus war es wichtig, dass auch wieder eine lebendige christliche Laienpresse entsteht«, sagt der gebürtige Bukarester.

2008 gründete er die »Vereinigung der christlichen Journalisten und Publizisten Rumäniens« (AZEC), deren Vorsitzender er bis heute ist und die rund 100 Mitglieder hat. »Die offiziell-kirchliche Presse und die von engagierten Laien gemachten Zeitschriften ergänzen sich gut und sind wirklich komplementär«, hält Bucuroiu fest.

Vor allem Mönchtum und Spiritualität stehen im Mittelpunkt der Journale. Reportagen und Bilderserien über Klöster und charismatische Mönchsväter und Nonnen aus Rumänien, Griechenland, Georgien und Ägypten, aber auch Israel, und die Rubrik über die in der orthodoxen Frömmigkeit beliebten Kirchenväter sind echte Renner bei den Lesern.

Das Vertrauen in die Kirchen ist immer noch groß – trotz des bei Kritikern umstrittenen Baus der riesigen neuen Patriarchatskathedrale in Bukarest und mancher Skandale der letzten Jahre. Auf diese gehen die Kirchensender und -zeitungen nicht groß ein.

Jürgen Henke

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Ein schöner Name, der nach Hoffnung klingt

9. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Geschichte aus Sri Lanka: Premalatha schenkte ihrem Sohn Osanda das Leben, als sie dreißig war. Davor war ihr Leben ein Albtraum, dunkel und zerrissen wie das Land, in dem sie lebt und in dem sie wie durch ein Wunder einen Bürgerkrieg überstand, der ein Vierteljahrhundert lang nicht enden wollte.

Wer in ihr Gesicht schaut, entdeckt noch die Schrecken, die unauslöschbar sind. In Premalathas Erinnerungen flackern die Bilder, die Bilder des Krieges: Soldaten stürmen ihr Dorf, schießen wild in die Häuser, nehmen Flüchtende als Zielscheiben, rennen in das Haus ihrer Familie, brennen es nieder, brennen alles nieder. Ihr Vater rafft sie, rafft ihre drei Geschwister, rennt mit der Mutter zum nahen Fluss, rennt in die Fluten, flieht, flieht, hinter sich das brennende Dorf.

Das sind die letzten Bilder, an die sich Premalatha von ihrer Heimat erinnert: Der rote Schein der brennenden Hütten. Die letzten Geräusche sind das Gehämmer der Maschinengewehre, sind Schreie – und sie glaubt, darin die Schreie ihrer Freundinnen zu hören, endlos. Erst später sagt man ihr, dass Tiger-Soldaten in ihr Dorf gekommen waren, um es zu befreien, um das ganze Land zu befreien. Aber sie hört nur noch die Schreie, ist gefangen in ihren Albträumen. Nur manchmal flackert das alte Leben auf: die schöne Kindheit in ihrem Dorf auf einer Insel.

Einige Jahre später: Ein anderes Dorf, oben im Norden der Insel, die damals noch Ceylon hieß. Denesh ist ein junger, achtzehnjähriger Mann. Er sieht Soldaten, die sein Dorf stürmen, es niederbrennen, seinen Vater töten. Es sind Regierungstruppen, die sagen, sie wollten es von den Tiger-Rebellen befreien.

Wieder einige Jahre später kreuzen sich zwei Lebenswege, die sich nicht kreuzen sollten: Premalatha aus dem Süden trifft Denesh aus dem Norden, dem Tamilen-Land der Rebellen. Was nicht vorgesehen ist im historischen Drehbuch der Insel: Die beiden verlieben sich. Und Premalatha heiratet Denesh. Aus der Geschichte würde Holly- oder Bollywood ein Filmmärchen produzieren, ein modernes mit Schmerz, aber Happyend. Aber die Geschichte ist so wenig märchenhaft wie die Zeit, in der sie geschieht. Es war ein Krieg, zwei Fronten – über 25 Jahre.

Premalatha mit ihrem einzigen Sohn Osanda. Foto: Paul-Josef Raue

Premalatha mit ihrem einzigen Sohn Osanda. Foto: Paul-Josef Raue

Hätte Premalatha nicht die Kraft eines Kindes gehabt, wäre sie nach der Flucht in die Verzweiflung gestürzt. Die Familie hatte alles verloren, ihr Haus, ihre Sachen, ihre Heimat. Ihr Vater, gerade dem Krieg entkommen, stirbt wenig später an Krebs. Die Mutter kann die Kinder nicht mehr ernähren, heiratet wieder. Der neue Mann ist das Zerrbild eines Vaters: Er schlägt sie, misshandelt sie, trinkt; mehr sagt Premalatha nicht, sie senkt den Kopf. Hilflos war sie und bleibt es in der Erinnerung. Ihre Mutter schickt sie zu einer Lehrer-Familie, wo sie helfen kann und zur Schule gehen soll. Doch die neue Familie denkt nicht daran, sie zur Schule zu schicken. 15 Jahre lang putzt und kocht sie, aber lernt weder schreiben noch lesen noch rechnen. Dann bekommt die junge Premalatha Arbeit in einer Sisalfabrik und flechtet Seile, nebenbei jobbt sie in Haushalten, mal ein paar Monate, mal ein halbes Jahr – bis sie in das Haus eines Barbiers kommt. Er hat ein schönes Haus, in dem auch ein junger Mann wohnt, Denesh rufen sie ihn, der das Handwerk lernt: Haare schneiden, Bärte rasieren, das lange Haar der Frauen in Form bringen.

Die Wege kreuzen sich: Sie mögen sich, sie lieben sich, sie heiraten, mieten ein Haus und eine Garage, in der Denesh einen Frisör-Salon eröffnet. Über ihre Vergangenheit sprechen sie nicht, nicht über den Krieg, der gerade zu Ende gegangen ist, nicht über die Fronten und die verfeindeten Lager, nicht über Mord und Vernichtung und der Schrecken, den Menschen über Menschen brachten.

Sie kommen über die Runden: Mal erscheint im Salon am Tag ein Dutzend Kunden, mal ein halbes. Es reicht, um die Mieten zu bezahlen, 30 Dollar für den Salon, 21 Dollar für das Haus mit drei kleinen Räumen, einer Küche und einem Garten. Sie kommen zurecht mit den Leuten in dem Dorf, das ihre neue Heimat ist: Norden und Süden, Rebellen und Regierung, das war einmal.

Mitten im Dorf treffen sich alle in einem Haus, essen zusammen, erzählen und tratschen, basteln aus Blumen und Ästen kleine Kunstartikel, bewirten gerne Gäste. Es ist, auch ohne Facebook, ein soziales Netz, das alle auffängt. Nur die Hebamme schaut ab und an auf ihr iPhone, das für sie ein Werkzeug ist: Sie notiert sich alle Daten der Schwangeren, kontrolliert, hilft und schenkt den Frauen Sicherheit, die früh ihre Kinder bekommen.

Premalatha wird lange Zeit nicht schwanger, es ist als ob der Alb ihrer Erinnerungen kein neues Leben duldet. Erst als sie ihren 30. Geburtstag feiert, schenkt sie einem Jungen das Leben: Er bekommt einen Namen, der schön klingen soll wie ein Wunder: Osanda. »Bei den Alten«, erzählt die Hebamme, »suchte man in den Namen einen Sinn, heute soll er einfach nur gut klingen – wie Osanda mit den drei Vokalen.«

Als ob der Alb die Mutter nicht aus seinen Fängen lassen will, verharrt Premalatha in ihrer Melancholie, hadert mit dem Schicksal als verspätete Mutter und plagt sich mit ihren Gedanken: Was denken die anderen Frauen über mich, die mit 30 und wenig später schon Großmütter sind? Premalatha weint, wenigstens das kann sie wieder.

Sie fühlt sich eigentlich nicht alt, nicht zu alt: Sie will lesen und schreiben lernen, das was alle im Dorf längst beherrschen. Sie träumt von einem eigenen Haus. Sie überwindet ihre Scheu und schließt sich Frauen an, die sich regelmäßig treffen und das trainieren, was wir Selbstbewusstsein nennen: Was kann ich? Was will ich? Wie komme ich zu einem eigenen Verdienst? Und vielleicht sogar: Wer bin ich? Das Kinderhilfswerk Plan Sri Lanka organisiert die Gruppe, in der Premalatha auch lesen und schreiben lernt, ganz langsam, mit über dreißig Jahren im Gepäck des Lebens.

Eine Liebe in Zeiten eines Bürgerkrieges, der eine Generation lang tobte und Hunderttausenden das Leben kostete, eine Liebe mit ein wenig Glück, mit ein wenig Hoffnung und mit den Schatten der Erinnerung, die wie dunkle Vögel durch die Träume fliegen. Was wir nüchtern ein Trauma nennen, sind diese Vögel.

Die Frau des Friseurs hat einen Sohn geboren und gab ihm einen schönen Namen, der wie Zukunft klingt und Hoffnung.

Paul-Josef Raue

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Zwischen allen Stühlen: Christen im Heiligen Land

1. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Bethlehem – auch zu diesem Weihnachtsfest ist die Geburtsstadt Jesu von Nazareth weltweit in aller christlicher Munde. Jeder weiß, dass der Erlöser dort geboren wurde und sich ein Welten bewegendes Ereignis zwischen Himmel und Erde abgespielt hat. Aber kaum einer weiß, wie es den Christen dort heute geht.

Beim Blick auf das von Israelis und Palästinensern bewohnte Heilige Land werden oft nur zwei Parteien wahrgenommen: Juden und Muslime. Doch seit Anbeginn leben in diesem Geburtsland des Christentums auch Christen – palästinensische Christen. Heute beläuft sich ihre Zahl auf rund 170 000, aufgeteilt auf zahlreiche Denominationen – diesseits und jenseits der Grünen Linie zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten.

Obwohl Christen nur einen Anteil von etwa einem Prozent an der palästinensischen Gesellschaft haben, ist ihre Bedeutung groß. Nicht nur, dass sie zentrale heilige Stätten in Bethlehem oder Jerusalem pflegen. Auch bekleiden sie oft hohe Ämter in der palästinensischen Regierung und prägen einen Teil der Kultur. Prominente Palästinenser, wie der Autor und Musiker Edward Said oder der Maler Sliman Mansour, sind Christen. Ein Drittel der Krankenversorgung in Palästina leisten christliche Einrichtungen.

Doch die Christen sitzen zwischen allen Stühlen, wie der Autor und Pilgerführer Johannes Zang in seinem Buch »Begegnungen mit Christen im Heiligen Land« schreibt. Obwohl sie so viele Kirchen betreiben und so viele Pilger ins Land locken, werden die Christen kaum geachtet. Von Israel werden sie als Palästinenser behandelt – und allzuoft benachteiligt. Und von der muslimischen Mehrheitsgesellschaft werden sie in den vergangenen Jahren auch zunehmend kritischer beäugt, es kommt immer wieder zu Gewaltausbrüchen.

Die Christenheit im Heiligen Land sei vielfach verwundet, schreibt Zang und kritisiert vor allem die beschwerliche Lage der Palästinenser infolge der mittlerweile 50 Jahre andauernden israelischen Militärbesatzung. »Da ist die sichtbare, blutige Besatzung und der blutige Kampf gegen sie – mit Toten und Verletzten, seelischen und körperlichen Krüppeln. Da ist die sichtbare, unblutige Besatzung – mit Kontrollpunkten und Straßensperren aller Art, mit Landenteignung und dem System der Passierscheine. Zum Dritten gibt es die weitgehend unblutige Besatzung – dazu gehören das Zurückhalten von Steuereinnahmen, die Lähmung des Bankenverkehrs (…).« Auch Bethlehem ächzt unter der Besatzung. Der lutherische Pfarrer von Jesu Geburtsstadt, Mitri Raheb, sagt: »Bethlehem, die Wiege der Christenheit, ist zu einem großen Gefängnis geworden.«

Zang, Johannes: Begegnungen mit Christen im Heiligen Land. Ihre Geschichte und ihr Alltag, Echter Verlag 2017, 144 Seiten, 14,90 Euro

Zang, Johannes: Begegnungen mit Christen im Heiligen Land. Ihre Geschichte und ihr Alltag, Echter Verlag 2017, 144 Seiten, 14,90 Euro

Trotzdem bietet die Begegnung mit Christen im Heiligen Land eine große Chance. Von ihnen kann der Pilger einen differenzierten Blick auf die Geschichte und Gegenwart des Landes gewinnen. In ihren Gottesdiensten lebt zum Teil die Tradition der Urchristen weiter. Und in christlichen Einrichtungen, wie dem Begegnungszentrum in Bethlehem, kann man etwas über die spannende kulturelle Prägung palästinensischer Christen erfahren.

Johannes Zang hat einen ungemein aufschlussreichen Reiseführer der anderen Art geschrieben. Hier finden sich zahlreiche »Geheimtipps« für christliche Pilger – Orte und Begegnungsmöglichkeiten jenseits der bekannten Touristenpfade. Insbesondere Reiseleiter sowie Interessierte, die einen neuen Blick auf das Heilige Land werfen möchten, werden von diesem Buch profitieren.

Stefan Seidel

Zang, Johannes: Begegnungen mit Christen im Heiligen Land. Ihre Geschichte und ihr Alltag, Echter Verlag 2017, 144 Seiten, 14,90 Euro

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Weihnachten kam Nathanda

27. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Simbabwe: Einst die Korn­kammer Afrikas, gilt das Land nach 30 Jahren Diktatur unter Robert Mugabe als eines der ärmsten Länder der Welt. Gibt es Hoffnung unter dem neuen Präsidenten Emmerson Mnangagwa?

In den Dörfern, Familien und Schulen herrscht Gewalt – vor allem gegen Mädchen und Frauen. So ist die Telefonnummer 116 ein Zeichen für Hilfe und Hoffnung: Der Kinder-Notruf, den alle in Simbabwe kennen und den fast eine halbe Million Betroffene im Jahr nutzen.

Weihnachten sahen sie Nathanda zum ersten Mal, ein Mädchen, gerade mal 15 Jahre jung, ein einziges Bündel Angst. Drei Jahre lang hatten sie nur ihre Stimme gehört, manchmal zwanzig Mal am Tag. 116 hatte sie gewählt, diese Telefonnummer war Teil ihres Lebens geworden.

Wer 116 wählt, eine kostenlose Nummer, landet in einer Villa von Harare, in der einst ein britischer Offizier gewohnt haben mag. Da hieß Harare noch Salisbury, und Simbabwe war Teil der britischen Kolonie Rhodesien im Süden Afrikas. Harare ist heute die Hauptstadt von Simbabwe, des eigentlich reichen Landes, in dem viele Menschen arm sind.

»116 – a cry for help«, ein Schrei um Hilfe – ist der Slogan des Kinder-Notrufs Childline, bei dem landesweit 250 Mitarbeiter ehrenamtlich arbeiten und zuerst einmal zuhören –
wie bei Nathanda. Sie rief dort jahrelang an. Es war einer dieser erstickten Schreie von Menschen, die auf Hilfe hoffen, aber nicht den Mut finden, zu erzählen.

Drei Jahre nahm sie Anlauf

Drei Jahre lang versuchte sie es. Die Mitarbeiter, die sie über ihre Kopfhörer hörten, lockten sie, ermunterten sie: Was willst du, Nathanda? Was bedrückt dich? Wie können wir dir helfen? Dürfen wir dich besuchen? Nein. Nathanda weinte nur – manchmal zwanzig Mal am Tag.

Eines Tages öffneten sich plötzlich die Tore der Erinnerung. Nathanda rief an und erzählte von ihrem Onkel, der sie immer wieder vergewaltigt, schon seit Jahren, der sie schon vergewaltigt hatte, da war sie gerade mal zehn. Es ist die Geschichte von Zehntausenden in Simbawe, diesem Land der verlorenen Kinder.

Weihnachten kam sie endlich, hatte ihr schönes rotes Kleid angezogen, Weihnachten traute sich Nathanda zu der Villa im grünen Viertel von Harare. Sie schellte am Tor – und lief gleich wieder weg. Sie beobachtete das Haus aus sicherer Distanz, schellte wieder und lief davon. Die Mitarbeiter gingen auf die Straße, aber sahen nur das rote Kleid, das aus dem Versteck leuchtete.

Nach dem vierten Schellen kam sie ins Haus, erzählte die komplette Geschichte ihres Leidens; erzählte, dass sie weder aus noch ein weiß, seitdem ihr Onkel sie auch zur Prostitution zwinge. Die Mitarbeiter von Childline hören nicht nur zu, sie helfen. Sie führten auch Nathanda ins Leben zurück: Heute ist sie verheiratet und Mutter von Zwillingen. Sie hat die Dämonen der Vergangenheit verscheucht. Ihr Onkel ist zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

»Wir wissen, was im Land wirklich los ist«, sagt Maureen Kambarami von Childline, »wir sagen es auch öffentlich. Die Regierung nutzt unsere Statistiken.« Sie zeigt auf Säulen und Torten und Linien, die ausgedruckt an der Wand hängen. Statistiken der Schande.

Zuhören und helfen: In der Zentrale des Kinder-Notrufs nehmen Ehrenamtliche die Hilferufe der Kinder aus  dem ganzen Land auf und organisieren schnell Hilfe. Foto: Paul-Josef Raue

Zuhören und helfen: In der Zentrale des Kinder-Notrufs nehmen Ehrenamtliche die Hilferufe der Kinder aus dem ganzen Land auf und organisieren schnell Hilfe. Foto: Paul-Josef Raue

Fast 40 000 Anrufe allein im Dezember: Zwei von drei Anrufern berichten von Gewalt, am meisten von sexueller Gewalt, vor allem gegen Mädchen, aber auch von Prügel und Folter – selbst von versuchtem Mord wie am 3. Juni: Um 11.30 Uhr kam der Anruf aus einer abgelegenen Siedlung nahe Triangel, einem Dorf im Süden, wo es heiß ist und trocken: Ein Nachbar sieht, wie ein Mann mit einer Axt auf Peter, seinen Neffen, schlägt, wie von Sinnen. Der 14-jährige Peter blutet heftig, schreit. Ein Bein liegt, abgetrennt, auf dem Boden.

Der Notruf-Mitarbeiter alarmiert sofort die Ambulanz, die nur langsam auf den schlechten Straßen vorankommt. Was sie dann sieht, überfordert alle. »Was soll ich nur tun?«, ruft einer, fotografiert mit seinem Smartphone den blutüberströmten Kopf und das Bein und sendet das Bild zu einem Hospital in Harare. Er bekommt Rat übers Telefon, und der Krankenhaus-Chirurg sagt nachher: »Das Smartphone hat dem Jungen das Leben gerettet. So konnten wir der Ambulanz zeigen, wie sie mit dem Jungen umgehen sollen.« In der Nacht kommt Peter mit dem Flugzeug ins Hospital nach Harare. Nur langsam heilen die Wunden und Peter erzählt, er wolle gerne Lehrer werden.

Was war geschehen? Die Eltern, arme Leute, hatten Peter zu seinem Onkel geschickt, wo er als Hirte arbeiten konnte. Er spielt gerade draußen und hört, wie der Onkel mit seiner Cousine schimpft, die ihm einen Tee aufbrühen soll. Die Cousine läuft aus dem Haus, der Onkel verfolgt sie, sieht Peter und greift zur Axt.

Gewalt-Exzesse gegen Kinder und Frauen sind ein Tabu in Simbabwe: Man schaut weg, man spricht nicht über das, was in den Hütten nebenan passiert, man schmiedet ein Nachbarschafts-Schweige-Kartell, um den Zusammenhalt der Familie und des Dorfes nicht zu gefährden. Peters Onkel haben dann aber die Nachbarn aufgespürt und der Polizei übergeben und erzählt, dass er zuvor schon zwei andere Kinder misshandelt hatte.

Ein Gericht für die Kinder

»Es geht um Gerechtigkeit«, sagt Cletus Mhenhe, Richter in Mutasa. Er kennt die versteckte Gewalt in seinem Distrikt und will die Gesellschaft verändern, in der die Clans die Macht besitzen, in der Vetternwirtschaft herrscht und falsch verstandene Solidarität. Zivilcourage will der Richter fördern und die Angst besiegen: Die Täter sollen vor Gericht erscheinen, sie sollen bestraft werden und nicht weiter misshandeln und vergewaltigen.

Das Gesetz ist auf Seiten der Kinder, die Strafen für die Täter sind hoch. »Doch viele Fälle kommen erst gar nicht zu mir«, ahnt der Richter Mhenhe. Von seinem Gerichtsgebäude, auf einem Hügel gelegen, schauen Gerechte wie Ungerechte in eine idyllische fruchtbare Gebirgslandschaft mit Seen und Wäldern. Der Richter hatte einen Traum: Ein neues Gericht in der Provinz, damit Täter, Opfer und Zeugen – oft zusammen – nicht mehr den einzigen Bus zum Gericht in der Distrikthauptstadt nehmen müssen.

Sein Traum wird wahr, und er ist zufrieden – nicht, weil er eine eigene Dusche hat und eine eigene moderne Toilette, sondern wegen eines kleinen Zimmers mit Spielsachen neben seinem Richtertisch. Es ist durch eine Glasscheibe abgetrennt, dahinter spielen die Kinder, die gedemütigt wurden, misshandelt, gefoltert, vergewaltigt, meist von Verwandten und Freunden. Hier erzählen sie dem Richter während der Verhandlung, was sie erlebt haben – ohne ihren Vergewaltiger zu sehen, zu hören, ohne seine Nähe
zu spüren.

»Das Gericht nahe dem Tatort ist so sinnvoll«, sagt Richter Mhenhe, »die Verhandlungen können schnell nach der Tat stattfinden, denn Kinder vergessen schnell. Die Nachbarn, das Dorf, die Gemeinschaft haben kurze Wege und schauen der Verhandlung zu: Das stärkt sie, das ermuntert sie, nicht mehr zu allem zu schweigen. Es geht um Gerechtigkeit.« So viele Fälle wie in den vergangenen zwei Jahren hat er noch nie verhandelt.

Paul-Josef Raue

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Wem gehört Jerusalem

17. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Stadt der drei Religionen« ist der Titel, der Jerusalem ständig von Neuem verpasst wird. Dahinter steckt die Vorstellung, dass diese Stadt auf dem Bergrücken zwischen Mittelmeer und syrisch-afrikanischem Grabenbruch Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen heilig sei.

Auch Donald Trump bemühte dieses Klischee, wenn er betonte: »Jerusalem muss ein Ort bleiben, wo Juden an der Westmauer beten, Christen den Kreuzweg abmarschieren und wo Muslime in der AlAqsa-Moschee Gottesdienst feiern.«

Zunächst sind Jerusalem und der Berg in seinem Herzen, auf dem heute der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel steht, dem jüdischen Volk heilig. Dort hat Abraham seinen Sohn auf den Altar gelegt (1. Mose 22). Dorthin hat Mose den israelitischen Kult zentralisiert (5. Mose 12). Dort hat Salomo seinen Tempel gebaut und gebetet: »Auch wenn ein Fremder aus fernem Lande kommt, um zu diesem Hause hin zu beten, so wollest du hören« (1. Könige 8). Nach biblischer Vorstellung sollte Jerusalem von Anfang an nicht nur geistliches Zentrum Israels, sondern »Bethaus für alle Völker« sein (Jesaja 56,7).

Für das jüdische Volk war und ist Jerusalem so bedeutend, dass es kein Tischgebet, keinen Gottesdienst, kein Fest und keine Hochzeit gibt, in dem dieser Stadt nicht gedacht und um ihre Wiederherstellung gebetet würde.

Martin Luther hatte die Zentralität Jerusalems und des Landes Israel für den jüdischen Glauben erkannt. Wenn er in seinem Brief »Wider die Sabbater« im Jahr 1538, die Juden zu diskreditieren suchte, dann führte er ihre gebrochene Beziehung zu Jerusalem vor. Der deutsche Reformator spottete: »So lasst sie noch hinfaren jns land und gen Jerusalem, Tempel bawen, Priesterthum, Fuerstenthum und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs widerumb Jueden werden und das Land besitzen. Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auff den ferssen nach sehen daher komen und auch Jueden werden« (Weimarer Ausgabe 50,323,36-324,8).

Luther fühlte sich in seiner Analyse sicher. Er meinte, sich so weit aus dem Fenster seiner dogmatischen Burg lehnen zu können, dass er prophezeite, selbst Jude zu werden, würden die Juden jemals in ihr Land und nach Jerusalem zurückkehren.

Damit verkündete er aber gleichzeitig, dass das irdische Jerusalem und das Land Israel für das Christentum keine Bedeutung mehr haben. Luther war Teil einer Christenheit, die das geistliche Zentrum der Welt von Jerusalem weg verlegte nach Antiochien, Byzanz, Rom, Wittenberg, Genf oder Los Angeles.

Blick auf die heilige Stadt durch das Fenster der Kirche »Dominus Flevit«. Das Altarkreuz weist auf die Grabeskirche (mit zwei Kuppeln), links daneben der Felsendom und der Kirchturm der evangelischen Erlöserkirche. Foto: epd-bild

Blick auf die heilige Stadt durch das Fenster der Kirche »Dominus Flevit«. Das Altarkreuz weist auf die Grabeskirche (mit zwei Kuppeln), links daneben der Felsendom und der Kirchturm der evangelischen Erlöserkirche. Foto: epd-bild

Historisch gesehen kamen die ersten westlichen Christen Mitte des 19. Jahrhunderts als Missionare nach Jerusalem. Und der erste lateinische Patriarch wurde installiert, »um das protestantische Treiben zu neutralisieren«.

Meiner Beobachtung nach kommen bis heute Christen nur selten nach Jerusalem, um von dort Weisung zu erfahren. Vielmehr kommen sie, um von ihrem jeweiligen geistlichen Zentrum aus, Jerusalem und Israel zu sagen, was Sache ist.

Und wie wichtig ist Jerusalem für den Islam? Zunächst einmal ist richtig, dass Jerusalem namentlich kein einziges Mal im Koran erwähnt wird. Erst sechs Jahre nach dem Tode Mohammeds wurde die Stadt im Jahre 638 n. Chr. unter dem Kalifen Omar Ibn al-Khattab von Muslimen erobert. Historiker haben guten Grund zu der Vermutung, dass der letzte Prophet des Islam »die Heilige« nie betreten hat.

In Sure 2 wird Jerusalem im Koran dann allerdings doch noch erwähnt, indirekt. Dort schreibt Mohammed seinen Anhängern eine neue Gebetsrichtung vor. Er macht die Gebetsrichtung zum Merkmal des rechten Glaubens. Ausdrücklich im Gegensatz zu Juden und Christen ist Muslimen geboten, in Richtung Mekka zu beten. Allah achte auf die Gebetsrichtung der Menschen, weiß der Beduinenfürst, und unterscheide daran die Rechtgläubigen von den Frevlern.

Wer die im Orient äußerst wichtige Körpersprache versteht, weiß was es bedeutet, wenn Zigtausende von Muslimen in der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem fünfmal am Tag beten und dabei ihren »Allerwertesten« in Richtung auf den Ort richten, der von der Bibel als »Allerheiligstes« bezeichnet wird.

Und wieder bestätigt die Geschichte diese religiöse Einstellung. Von 638 bis 1967 war Jerusalem mit kurzen Unterbrechungen in muslimischer Hand. Kein einziges Mal war es Hauptstadt eines islamischen Staates oder auch nur einer moslemischen Provinz. Das ist bemerkenswert, weil am 2. Juni 1964 die »Palestine Liberation Organization« (PLO) im Hotel Intercontinental – dem heutigen Seven Arches Hotel – auf dem Ölberg gegründet wurde.

Damals war die Altstadt Jerusalems mit allen heiligen Stätten nicht unter israelischer, sondern unter arabischer Herrschaft. Trotzdem dachte niemand daran, »die Heilige« als Hauptstadt eines Palästinenserstaates zu fordern. Im Grundlagendokument der PLO, der sogenannten »palästinensischen National-Charta«, wird Jerusalem kein einziges Mal erwähnt.

Es gibt Lösungen für das Jerusalem-Problem. Allerdings nur, wenn alle Beteiligten weniger hysterisch und dafür historisch exakter an die Frage herangehen.

Juden, Christen, aber auch Muslime müssen gleichermaßen zur Toleranz angehalten werden. Es wäre wünschenswert, dass jüdische, christliche und muslimische Heilige Stätten gleichermaßen für Andersgläubige jederzeit frei zugänglich wären.

Es ist Tatsache, dass mir der Zugang zur jüdischen Westmauer noch nie und zu keiner Zeit verwehrt wurde, während das auf dem Haram asch-Scharif, wie der Tempelberg von Muslimen genannt wird, und zu christlichen heiligen Stätten schon mehrfach der Fall war.

Vielleicht wäre ein erster Schritt in Richtung Deeskalation, Mythen im Heiligen Land als solche zu erkennen? Vielleicht hülfe eine Entmythologisierung Jerusalems der Befriedung der Region? Und vielleicht könnten wir Christen damit beginnen, indem wir die ganze Angelegenheit ruhig und mit beherrschten Emotionen diskutieren.

Johannes Gerloff

Johannes Gerloff – Journalist und Theologe – lebt in Jerusalem und ist Autor mehrerer Bücher über Israel und den Nahen Osten.

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Boten aus Sachsen für die Welt

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Herrnhuter Sterne machen sich gerade in diesen Tagen weltweit auf die Reise. Ihre Schlichtheit und ihr warmes Leuchten finden Gefallen weit über ihren kleinen Ursprungsort in der Oberlausitz hinaus.

Das war schon vor 100 Jahren so und auch in den aktuellen Zeiten der Marktwirtschaft hat sich das Sinnbild für eine weihnachtliche Tradition international gut entwickelt. Vor allem die Niederlande, Dänemark, Schweiz oder Österreich sind aktuell ein sehr starker Markt, informiert die Herrnhuter Sterne GmbH. Zum einen natürlich aufgrund des deutschsprachigen Raumes zum anderen aber aufgrund von vorhandenen Brüdergemeinen in diesen Ländern.
Seit einigen Jahren arbeitet die Sterne-Manufaktur darüber hinaus auch mit einem Partner in Amerika zusammen, der die Marke vor Ort auf eigenen Messen in den USA und in Kanada vertritt. Im anglofonen Raum machen die Sterne aber auch noch weitere Reisen – bis nach Neuseeland und Australien.

Weltumspannend: Die Herrnhuter Sterne leuchten auch auf diesem Weihnachtsmarkt in Vancouver an der kanadischen Pazifikküste. Fotos: Herrnhuter Sterne GmbH

Weltumspannend: Die Herrnhuter Sterne leuchten auch auf diesem Weihnachtsmarkt in Vancouver an der kanadischen Pazifikküste. Fotos: Herrnhuter Sterne GmbH

Zunehmend interessant ist ebenfalls Russland. In der Heimat von Väterchen Frost scheint man Gefallen gefunden zu haben am warmen Licht aus Herrnhut. Hier wird mit eigenen Vertriebspartnern zusammengearbeitet, die inzwischen auch selbst Onlineshops betreiben.

Selbst vertreten sind die Mitarbeiter aus Herrnhut in diesem Jahr auf den Weihnachtsmärkten in Kopenhagen und Breslau und auch London war schon einmal im Programm. Über den amerikanischen Vertreter verkauft man auch in Philadelphia sowie in Quebec und Vancouver (Kanada).

Etwa 10 bis 15 Prozent des Gesamtumsatzes werden im Auslandsgeschäft gemacht. Bei einer Jahresproduktion von 600 000 Sternen ist das eine gute fünfstellige Zahl.
Dieses Auslandsgeschäft hat Geschichte. Schon in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts bekam das damals junge Unternehmen über die Missionsagentur einen Großauftrag: 3 600 Sterne für die USA. Welt-2-49-2017Eine Order aus Holland folgte kurz darauf. In den Folgejahren gingen die Sterne dann nach Spanien, Dänemark, England, Schweden, Norwegen, die Tschechoslowakei und sogar nach Ägypten, Argentinien und die Karibik. In letzterer gibt es bis heute sehr viele Gemeinden der weltweiten Herrnhuter Kirche und auch schon vorher müssen Herrnhuter Missionare solche Sterne mitgenommen haben. Davon zeugen historische Fotos von Missionsstationen in Südafrika, Surinam, Nicaragua und Labrador.

Dann allerdings verlor sich das weltweite Leuchten. Die politische Lage und der Zweite Weltkrieg wirkten sich negativ auf das Exportgeschäft aus, weil kaum noch europäische Handlungsreisende ins ostsächsische Herrnhut kamen. 1939 wurde die Produktion der Sterne ganz eingestellt. Wehrwirtschaft war wichtiger.

Erst in den 1950er-Jahren tauchten die Weihnachtsboten aus Papier in Gelb, Weiß und Rot mit verschiedenen Farbkombinationen dann wieder auf. Wichtigstes Exportland damals: die Bundesrepublik Deutschland. Später folgten Holland und die Schweiz. Auch den großen wetterfesten Kirchenstern, der heute in vielen Kirchen trotz Sturm oder Regen schon von Weitem erinnert, dass bald Weihnachten ist, gab es ab 1954 wieder. Außerdem wurden Verträge mit Vertretern für Italien und Frankreich geschlossen.

Der Herrnhuter Stern entwickelte sich zu DDR-Zeiten auch zu einem wichtigen Devisenbringer, der für die einheimische Bevölkerung ein sehr rares Objekt wurde. Beziehungen in die Sternelei waren wichtig, wollte man so einen begehrten Lichterzeuger ergattern, der heute wieder seine ganze Pracht und Vielfalt entwickelt. Am meisten verkauft sich aber dennoch der traditionelle Papierstern, 60 Zentimeter im Umfang mit gelben Spitzen und rotem Kern.

Aber auch die Kunststoffsterne für den Außenbereich werden immer beliebter. Sie gibt es in einer kleineren Version auch in den Farben Türkis oder Blau. USA-Reisende behaupten in diesem Zusammenhang, dass sie die Sterne auch schon als Illumination bei amerikanischen Sommerfesten gesehen haben wollen.

Zum Stern und seinen weltweiten Geschichten treffen in Herrnhut auch im Zeitalter schneller Bilder immer noch einfache Kundenzuschriften ein. Der ein oder andere habe dabei neue Ideen und Vorschläge, was man noch herstellen könnte, erzählt Marketingleiterin Jacqueline Schröpel. Viele senden auch Bilder, wie sie den Stern dekoriert haben.

Ein junger Mann, der aus der Oberlausitz nach Jerusalem gezogen ist, berichtete zum Beispiel kürzlich, dass er dort seinen Adventsstern aufgehängt hat. Dieser leuchte nun in Richtung Ölberg.

Andreas Herrmann

www.herrnhuter-sterne.de

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Zweieinhalb Minuten vor Zwölf

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Früher war mehr Friedens­bewegung – auch in der Atommacht USA ringt sie um Relevanz. Die Zeit der großen Opposition gegen Kriege und nukleare Waffenarsenale scheint dort vorbei zu sein.

Millionen hatten in den 1980er- Jahren gegen Ronald Reagans Aufrüstung demonstriert und wohl auch Millionen gegen George W. Bushs Irakkrieg. Nach der Nordkorea »Feuer und Wut«-Rede von Donald Trump ging kaum jemand auf die Straße. Doch Meckern über die »lahme« Friedensbewegung ist vielleicht nicht ganz angebracht. Lawrence Wittner ist emeritierter Geschichtsprofessor an der »State University of New York« in Albany im Bundesstaat New York. Er hat viel über die Geschichte von Friedens- und Anti-Kriegsbewegungen geschrieben.

Ja, die Friedensbewegung in den USA sei gegenwärtig auf einem Tiefpunkt, sagte Wittner, doch er befürworte einen realistischen Rückblick. Aktivisten hätten immer nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausgemacht und trotzdem einiges erreicht.

Denn manchmal lassen sich Konsequenzen von Protest nicht sofort absehen, wie folgende Anekdote zeige: Es war 1961. John F. Kennedy war Präsident, Lawrence Wittner Student in New York City – friedensbewegt, obwohl »Friedensbewegung« damals alles andere war als eine Massenbewegung. In Erinnerung an diese Zeit schrieb Wittner kürzlich: Nachdem die Sowjetunion angekündigt hatte, sie werde sich vom Moratorium für atmosphärische Atomwaffentests zurückziehen, sei er mit ein paar Dutzend Gleichgesinnten nach Washington gefahren, um gegen Tests zu protestieren (Randbemerkung: Um Regierungsmitarbeiter im Weißen Haus zu beeindrucken, habe er eigens einen Anzug getragen und ein Schild »Kennedy: Äffen Sie nicht die Russen nach!«).

Die Atomkriegsuhr soll  verdeutlichen, wie groß das derzeitige Risiko einer globalen Katastrophe, insbesondere eines Nuklearkrieges, ist. Foto: Taily – stock.adobe.com

Die Atomkriegsuhr soll verdeutlichen, wie groß das derzeitige Risiko einer globalen Katastrophe, insbesondere eines Nuklearkrieges, ist. Foto: Taily – stock.adobe.com

Es war nur eine kleine Demonstration, aber als Wittner Mitte der 1990er-Jahre in der Kennedy-Bibliothek in Boston recherchierte, stieß er auf folgende Aussagen des damaligen stellvertretenden Direktors der US-Rüstungskontrollbehörde, Adrian Fisher. Kennedy habe auf die Moratoriumsaufkündigung der Sowjetunion nicht sofort mit einem amerikanischen Test reagiert, denn Bürger seien wohl skeptisch gewesen. »Wir hatten Leute, die vor dem Weißen Haus protestierten«, so Fisher; die Frage »Müssen wir das tun, nur weil die Russen es auch tun?« habe offenbar viele bewegt – erst Ende April begannen die USA mit atmosphärischen Tests. Doch im Herbst 1963 schlossen die Sowjetunion, die USA und Großbritannien einen Vertrag zum Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre.

In der Ära Trump konzentriere sich die beträchtliche Opposition nicht auf die Themen Krieg und Frieden, sondern auf soziale und gesellschaftliche Anliegen wie Rassismus, Diskriminierung und wirtschaftliche Gerechtigkeit, so Wittner.

Barry Ladendorf, Vietnamkriegsveteran und Präsident des Verbandes »Veteranen für Frieden«, sieht einen Generationsunterschied. Viele Friedensaktivisten seien Menschen, die sich an Vietnam und Reagan erinnerten. Und doch sehe er bei seiner Arbeit, dass Donald Trump viele Menschen aktiviere, sagte Ladendorf.

Neu und schwierig sei freilich die »Stimmung einer Verehrung des Militärs«, die sich in den USA breitgemacht habe. Ladendorf sprach von einem »falschen Patriotismus«. Das habe auch mit der Professionalisierung des Militärs zu tun. Die wenigsten Menschen hätten wirklich Kontakt zu Menschen in Uniform.

Erstmals seit Jahren wird in diesem Herbst allerdings im politischen Washington über Atomwaffen diskutiert. Es war Mitte November, bei einer Sitzung des außenpolitischen Ausschusses im Senat: Die Politiker befassten sich mit der Frage, wer in den USA über den Einsatz von Atomwaffen entscheidet, und ob dieser Prozess abgeändert werden sollte. Entscheider ist der Präsident. So ziemlich im Alleingang.

In diesem Zusammenhang warnte der demokratische Senator Chris Murphy: Er sei besorgt, dass Trump »instabil« und »schwankungsanfällig« sei, und den Einsatz von Atomwaffen befehlen könnte entgegen der wirklichen Sicherheitsinteressen der USA.

Nach Einschätzung des Wissenschaftlermagazins »Bulletin of the Atomic Scientists« (»Berichtsblatt der Atomwissenschaftler«) steht die symbolische Atomkriegsuhr, die »Weltuntergangsuhr« (»doomsday clock«), gegenwärtig auf zweieinhalb Minuten vor Mitternacht. So nah wie noch nie.

John Mecklin ist Chefredakteur des Bulletins. Die Zahl der Online-Leser sei im vergangenen Jahr um 60 Prozent gestiegen, erklärte Mecklin. Es bestehe »enormes Interesse« an Fragen zu Krieg und Frieden, »doch das allein schafft keine guten Bilder fürs Fernsehen«. Die Hälfte der Leser seien unter 34 Jahre alt.

Mecklin glaubt an die Möglichkeit zur Veränderung und erinnert an den bewegenden Spielfilm von 1983 »Der Tag danach« über die verheerenden Folgen eines fiktiven Atomkrieges auf die USA. Der habe zahllose Menschen wachgerüttelt.

100 Millionen US-Amerikaner sahen den Film, auch Ronald Reagan im Weißen Haus. Später wurde er im Fernsehen in der Sowjetunion gezeigt.

Konrad Ege

thebulletin.org/timeline

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Letzte Ruhe im Zitronenhain

27. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Unweit der Stierkampfarena: Der älteste protestantische Friedhof im katholischen Spanien ist in Andalusien zu finden.

Wie immer sonntags, hat sich Malagas anglikanische Gemeinde zum Gottesdienst in der Friedhofskapelle versammelt. Ein kleiner Tempel, in dem viel gesungen und gebetet, vor allem aber auch gelacht wird. Die Toten ringsum stört das nicht. Viele sind vermutlich froh gewesen, im katholischen Spanien überhaupt einen Grabplatz gefunden zu haben. Für Protestanten nämlich gab es nicht nur in Malaga jahrhundertelang keinen Friedhof. »In der Regel wurden deren Leichen«, erzählt eine Stadtführerin, »am Sandstrand mit dem Kopf nach oben eingegraben. Wenn die Hunde schneller waren als das Meer, erledigten sie den Rest«.

Eine furchtbare Vorstellung. Und eine schwere Hypothek für alle Nicht-Katholiken in Spaniens Süden, wo sich Anfang des 19. Jahrhunderts eine kleine protestantische Kolonie – vorwiegend englische Geschäftsträger und Unternehmer – angesiedelt hatte. William Mark, von 1824 bis 1836 britischer Konsul in Malaga, erwarb deshalb 1830 einen Zitronenhain außerhalb der Stadt, um seine protestantischen Landsleute würdevoll zu beerdigen. Ein Jahr später war es so weit: Spanien hatte seinen ersten protestantischen Friedhof.

Ende des Jahrzehnts kam die Friedhofskapelle hinzu. Ein Tempel mit dorischen Säulen, in der die Church of England heute ihre Gottesdienste feiert. 1865 schließlich wurde der Friedhofseingang im gotischen Stil mit zwei von Löwen gesäumten Pfeilern neu gefasst. Der Friedhof selbst ist heute Eigentum einer Stiftung, die auch für seinen Unterhalt sorgt. Dazu trägt auch das kleine Eintrittsgeld bei, das Besucher vor ihrem Rundgang am Eingang entrichten.

Neue Gräber nämlich werden seit Jahren nicht mehr ausgehoben, sodass der Stiftung Einnahmen aus einem Friedhofsbetrieb fehlen.

2012 wurde der erste protestantische Friedhof Spaniens zum geschützten Kulturgut erklärt, zum Zeugen kleiner und großer Geschichte. Zum Touristenziel inzwischen auch, bietet er doch, keine fünf Fußminuten vom geschäftigen Strand der sechstgrößten spanischen Stadt entfernt, eine Oase der Ruhe. Eingebettet in grüner Natur ruhen mehr als Tausend Tote auf dem leicht ansteigenden Gelände in kleinen und großen Gräbern jeder Stilart – vom Klassizismus über Neogotik bis zum Jugendstil.

»Cementerio Inglés« heißt Spaniens ältester protestantischer Friedhof, auch bekannt als Cemetery of St. George. Er liegt am Anfang der »Avenida de Príes« im Stadtteil Limonar – ganz im Osten von Malaga, nahe der Stierkampfarena. Fotos: Günter Schenk

»Cementerio Inglés« heißt Spaniens ältester protestantischer Friedhof, auch bekannt als Cemetery of St. George. Er liegt am Anfang der »Avenida de Príes« im Stadtteil Limonar – ganz im Osten von Malaga, nahe der Stierkampfarena. Fotos: Günter Schenk

Der erste Prominente, der auf dem Friedhof seine letzte Ruhe fand, war der irische Lieutnant Robert Boyd (1805 – 1831). Er gehörte zu den halben Hundert Männer um General Torrijos, die Anfang der 1830er-Jahre einen Putsch gegen den absolutistischen spanischen König Ferdinand VII. planten.

Weil man ihr Vorhaben aber verriet, wurden sie an Malagas Playa San Andres hingerichtet. Während an die Katholiken der Verschwörung heute ein Denkmal auf der »Plaza de la Merced« erinnert, wurde Boyd auf dem seinerzeit neuen Friedhof begraben. Boyd ist nicht der einzig Prominente, der in Malaga seinen ewigen Frieden gefunden hat. Auch der spanische Dichter Jorge Guillén (1893 – 1984) und der britische Schriftsteller Edward Fitzgerald Brenan (1894 – 1987) mit seiner Frau sind hier begraben.

Deutsche Besucher suchen aber meist die Gräber ihrer Landsleute auf, die im Winter des Jahres 1900 vor der Küste Malagas einen schrecklichen Tod fanden: Beim Untergang des Schulschiffes »Gneisenau« starben mindestens 40 der rund 450 Marinesoldaten. Kaum einer, der heute an Malagas Stränden Urlaub macht, ahnt, welche Kraft das Mittelmeer entfesseln kann. So wie an jenem Dezembertag, als ein Wettersturz die Besatzung des Schulschiffes dazu zwang, ihren Ankerplatz vor der Küste aufzugeben, wo die Gneisenau im Rahmen ihrer Afrika-Mission lag. Bei Windstärke 8 war an Segelsetzen nicht mehr zu denken – und die alte Dampfmaschine konnte dem Sturm nicht trotzen. Mit voller Wucht wurde das Schiff auf die Hafenmole geworfen, wo es zerbrach und innerhalb einer guten halben Stunde gesunken ist. Hunderte von Spaniern kamen den Gestrandeten zwar schnell zu Hilfe, für mindestens 40 Männer der Schiffsbesatzung aber war es zu spät. Auch 12 Spanier ließen bei der Hilfsaktion ihr Leben, weshalb Deutschland 1909 der Stadt zum Dank eine eiserne Fußgängerbrücke über den Fluss Guadalmedina schenkte.

Karl Kretschmann – Kapitän »der schwimmenden Repräsentanz des Deutschen Kaiserreiches«, wie das Schiff einmal genannt wurde – liegt heute in einem monumentalen Grab auf Malagas protestantischem Friedhof. Den Vorwurf, trotz Unwetterwarnung nicht rechtzeitig den schützenden Hafen aufgesucht zu haben, musste er mit ins Grab nehmen. Wenig weiter liegt ein weiteres Mitglied der Schiffsführung, Karl Theodor Tutmann aus Dresden. »Die Liebe höret nimmer auf«, steht auf seinem Grab, »so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und das Erkenntnis aufhören wird« –
ein Spruch aus dem ersten Korintherbrief Vers 13/8.

Ohne große Sprüche, schlicht und einfach, sind die Schiffsjungen in Malaga begraben, der jüngste nicht einmal 15 Jahre alt.

Günter Schenk

Der »Cementerio Inglés« ist täglich außer montags von 10 bis 14 Uhr geöffnet.
www.cementerioinglesmalaga.org

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Malta: Wenn die Kirche zum Kreditinstitut wird

20. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Insel ist voll, hieß es noch vor zwei Jahren. Das bevölkerungsreichste Land der EU war vermutlich das einzige mit einer wirklichen Flüchtlingskrise. Die Insel mit einer Fläche von Rügen und 430 000 Einwohnern – 6,5 mal so viel, wie das Eiland in der Ostsee – führte lange die Asylstatistik in der Europäischen Union an.

Jeden Morgen standen und stehen diejenigen am Straßenrand, die es über das Meer von Libyen auf die Insel geschafft haben und bieten ihre Arbeitskraft für Niedrigstlöhne an. Denn einmal auf Malta gestrandet, kommen sie – mittellos – nicht mehr weg.

Menschenkette der Hilfe: Sonntags nach dem Gottesdienst werden Lebensmittelspenden an Bedürftige verteilt. Pastorin Kim Hurst (rechts) packt tatkräftig mit an. Foto: Willi Wild

Menschenkette der Hilfe: Sonntags nach dem Gottesdienst werden Lebensmittelspenden an Bedürftige verteilt. Pastorin Kim Hurst (rechts) packt tatkräftig mit an. Foto: Willi Wild

Die Lage hat sich mittlerweile entspannt. Italien fängt die Boote bereits vor der Küste Libyens ab und bringt die Flüchtlinge entweder wieder zurück oder nach Kalabrien und Sizilien. Schätzungen zufolge, sagt Kim Hurst, Pastorin der schottischen St. Andrews Gemeinde in Valletta, sind aber, zum Teil schon seit mehreren Jahren, derzeit rund 9000 Flüchtlinge im Land. Sie zu integrieren, haben sich die Kirchen zur Aufgabe gemacht.

Ein Aktionsbündnis hat sich über Konfessionsgrenzen hinausgehend gegründet, initiiert vom ehemaligen Referenten für Entwicklungspolitik im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Oberkirchenrat Wilfried Steen. Am Beginn seines Ruhestands hat er für zwei Jahre die Pfarrstelle der Evangelisch-Ökumenischen Andreas Gemeinde auf Malta übernommen.

Noel Cauchi, Vorsitzender des Gemeindekirchenrats, sitzt von Anfang an mit am runden Tisch. »Die Hilfen sind nötig«, sagt er. »Malta ist teuer geworden, die Mieten sind explodiert.« Anfänglich gab es keine Programme zur Integration. Mittlerweile werden regelmäßig Nahrungsmittelpakete für Bedürftige gepackt. 80 Familien können jede Woche unterstützt werden. Die schottische St. Andrews Church vermittelt Mikrokredite an Flüchtlinge. Bis zu 2500 Euro werden für den Einstieg in die Selbstständigkeit oder aber für ein Studium verliehen. Sobald Geld verdient werde, so die Abmachung, wird der Kredit wieder zurückgezahlt.

»Es funktioniert«, sagt Kim Hurst. Die Kirche habe sich Fachleute geholt und sei mittlerweile sogar als Bank öffentlich anerkannt. Im Keller des Kirchengebäudes in der Altstadt Vallettas hat man Räume für die Beratung eingerichtet. Restaurants, Bäckereien oder kleine Läden sind dadurch bereits entstanden.

Willi Wild

OKR i. R. Wilfried Steen ist Reisebegleiter der Leserreise nach Malta vom 8. bis 15. Mai 2018. Dabei sind unter anderem eine ökumenische Begegnung in der Andreas Gemeinde und Informationen über die Flüchtlingsarbeit der Kirchen vorgesehen. Informationen und Anmeldung: Telefon (0 36 43) 24 61 20

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Verfolgte Christen weltweit

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Religionsfreiheit: Die Zahl der verfolgten Christen lässt sich nicht exakt erfassen. So sind die genannten 200 Millionen durchaus umstritten. Fakt ist aber: Christen werden in vielen Ländern ihres Glaubens wegen diskriminiert, verhaftet, manchmal sogar getötet. Der Weltgebetstag rückt diese Tatsache am 12. November ins Blickfeld.

Als das evangelikale Hilfswerk Open Doors im Januar seinen Weltverfolgungsindex veröffentlichte, stellten Kritiker die Verdoppelung der Zahl infrage und bemängelten die Nachprüfbarkeit. Er bezweifele, dass es sich bei den genannten Zahlen immer um eine »konkrete Christenverfolgung« handele, äußerte beispielsweise der Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werks, Enno Haaks: Oft gehe es darum, dass Christen in ihrer Religionsausübung beschränkt sind oder keine Religionsfreiheit haben. Eine Definitionssache also? Positiv bewertete Haaks seinerzeit, »dass es Open Doors gelungen ist, auf die Situation von verfolgten Christen hinzuweisen, die in bestimmten Kontexten unter problematischen Bedingungen wirklich existieren«.

Karte: Open Doors/Foto: jameschipper/Gestaltung: Adrienne Uebbing

Im Fokus: die beiden Länder Eritrea und Jemen, die in diesem Jahr ins Zentrum des »Weltgebetstages für verfolgte Christen« rücken. Karte: Open Doors/Foto: jameschipper/Gestaltung: Adrienne Uebbing

Und das ist das erklärte Anliegen des Weltgebetstages, an dem laut Open Doors Christen und Gemeinden aus über 100 Ländern auf allen Kontinenten teilnehmen. In diesem Jahr hat die Hilfsorganisation zwei Länder, die sich am Horn von Afrika, getrennt durch das Rote Meer, quasi gegenüberliegen, ins Zentrum gerückt: Eritrea und den Jemen.

Eritrea

Auf den ersten Blick mag die prekäre Situation für Christen in Eritrea erstaunen. Denn hier machen Christen rund die Hälfte der rund 5,5 Millionen Einwohner aus. Jedoch: Lediglich den Mitgliedern der staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften – der eritre­isch-orthodoxen, der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche sowie Anhängern des Islams – ist es gestattet, ihre Religion auszuüben. Alle anderen gelten als illegal.

Seit Eritrea 1993 unabhängig wurde, regiert das autoritäre Regime unter Präsident Isayas Afewerki. Jede Form von nicht-registrierten Organisationen, Widerspruch und Meinungsfreiheit sind verboten. Auch die »legalen Kirchen« werden staatlich kontrolliert, nicht genehme Leiter von der Regierung abgesetzt. Sie rekrutiert Spitzel, um alle christlichen Aktivitäten zu überwachen.

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten – sie werden als »Agenten des Westens« betrachtet – Christen aus traditionellen Kirchen oder mit muslimischem oder orthodoxem Hintergrund und Christen aus protestantischen Freikirchen sind laut Open Doors besonders stark von Verfolgung betroffen. Sie treffen sich in Untergrundgemeinden und riskieren, verhaftet und unter schlimmen Bedingungen inhaftiert zu werden. So wurden beispielsweise laut einem Bericht von Amnesty International (AI) Angehörige staatlich verbotener Minderheitenkirchen bei extremer Hitze unter Erstickungsgefahr in Frachtcontainern gefangen gehalten. Inhaftierte, die ihren Glauben praktizierten und deren Religionsgemeinschaft nicht anerkannt ist, haben laut AI weder Zugang zu einem Rechtsbeistand noch dürfen sie Besuch erhalten. Viele seien bereits seit weit über einem Jahrzehnt inhaftiert.

In besonderem Maß von Verfolgung betroffen seien Konvertiten, die die Eritreisch-Orthodoxe Kirche verlassen und sich protestantischen Freikirchen anschließen sowie christliche Konvertiten aus dem Islam, so Open Doors. Abgesehen von der Verfolgung durch den Staat erfährt die erste Gruppe Verfolgung durch die orthodoxe Kirche, die zweite durch ihre Familien und die muslimische Gesellschaft.

Eine weitere »Quelle der Verfolgung« ist laut Open Doors das Fehlen eines zivilen Wehrersatzdienstes für diejenigen, die aus Gewissensgründen keinen Dienst mit der Waffe leisten wollen. Der Militärdienst – für Frauen und Männer über 18 Jahren obligatorisch, aber de facto werden auch Minderjährige eingezogen – dauert 18 Monate, wird aber häufig auf unbestimmte Zeit verlängert.

Jemen

Anders stellt sich die grundsätzliche Situation im Jemen dar: Hier bilden Christen eine fast verschwindende Minderheit: 99,1 Prozent der Einwohner sind Muslime, Schätzungen zufolge leben im Jemen nur 3 000 bis 6 000 Christen. Das »Land der Königin von Saba« ist eigentlich landwirtschaftlich fruchtbar und reich an Bodenschätzen. Doch im Jemen herrscht ein verheerender Krieg, der zwischen islamisch-extremistischen Gruppen ausgetragen wird und sich auf verschiedene Stämme ausgebreitet hat. Al Kaida und der »Islamische Staat« (IS) nutzen das Chaos, um ihre Gebiete zu erweitern. Die gesamte Infrastruktur ist inzwischen zerstört. Der Jemen befindet sich in einer dramatischen Notlage, die Hungerkrise dort gilt als eine der schlimmsten weltweit.

Vor diesem Hintergrund mutet erstaunlich an, dass die Zahl der christlichen Untergrundgemeinden im Jemen wächst – wie Linus Pfister in einem Beitrag für das von der Deutschen Evangelischen Allianz herausgegebene Heft zum Weltgebetstag schreibt: »Der jüngste Krieg hat alle ausländischen Christen vertrieben, die Verfolgung der einheimischen Christen verstärkt und erste christliche Märtyrer verursacht. (…) Doch Leiter der jemenitischen Christen sagen: ›Wir Christen wissen, dass leiden für Jesus dazugehört; das haben uns die ausländischen und einheimischen Märtyrer in unserem Land gezeigt. Wir wollen von ihnen lernen und im Glauben stark werden.‹ Als einheimische Christen verbreiten sie Hoffnung, leisten humanitäre Hilfe und sind ein Zeugnis der Liebe Gottes.« Innerhalb der letzten zwei Kriegsjahre habe sich die Untergrundkirche verdreifacht und wachse weiter, so Pfister.

Adrienne Uebbing

www.weltverfolgungsindex.de

www.ead.de/gebet/gebetstag-fuer-verfolgte-christen

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Luther bei den Katholiken

6. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Chile: 12 000 Kilometer von Wittenberg entfernt wird nicht nur das Reformationsjubiläum groß gefeiert. Der 31. Oktober ist sogar seit mehreren Jahren staatlicher Feiertag.

Es mag verwundern, dass der Reformationstag in einem sehr katholisch geprägten Land wie Chile im Feiertagskalender steht. Und in der ersten Verfassung des Landes aus dem Jahr 1812 wird auch betont, dass Chile katholisch ist »und für immer sein wird«. Doch wenige Jahrzehnte später brachten deutsche Siedler nicht nur ihre Hoffnungen von einem besseren Leben mit nach Chile, sondern auch Luthers Kleinen Katechismus, ihre Gesangbücher und ihren Glauben.

Heute gibt es zwei lutherische Kirchen im Land »am anderen Ende der Welt«. Das ist allerdings nicht Ausdruck der großen Zahl ihrer Mitglieder, sondern einer Spaltung, die in den 1970er- Jahren stattfand. Die unterschiedliche Bewertung der Präsidenten Augusto Pinochet und des von ihm durch einen Militärputsch gewaltsam abgesetzten Salvador Allende spaltete damals das ganze Land und leider auch die lutherischen Christinnen und Christen.

Das große Ziel, im 500. Jahr die beiden Kirchen wieder zu vereinigen oder wenigstens unter einem gemeinsamen strukturellen Dach zusammenzuführen, ist trotz intensiver Bemühungen im Mai gescheitert. Alte Wunden und neue Ängste verhindern immer noch, dass man gemeinsam Zeugnis gibt – vom lutherischen Glauben, aber auch davon, dass Versöhnung möglich ist.

Lutherrose für die Pfarrerin: Nicole Oehler bekommt ein selbst gestaltetes Geschenk von den Schülerinnen des Colegio Belén O’Higgins. Foto: Versöhnungsgemeinde Santiago de Chile

Lutherrose für die Pfarrerin: Nicole Oehler bekommt ein selbst gestaltetes Geschenk von den Schülerinnen des Colegio Belén O’Higgins. Foto: Versöhnungsgemeinde Santiago de Chile

Unsere Gemeinde trägt die Versöhnung im Namen und wir sind traurig, dass es nicht gelungen ist, diesen Schritt aufeinander zuzugehen. Wir haben uns aber trotzdem nicht davon abhalten lassen, zahlreiche Aktionen zum Reformationsjubiläum gemeinsam mit der anderen Kirche zu veranstalten: Filme und Vorträge, Diskussionsreihen und Ausstellungen standen dabei auf dem Programm. Außerdem haben wir als Versöhnungsgemeinde versucht, nicht nur Geschichte und Theologie Luthers und seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter lebendig werden zu lassen, sondern vor allem auch mit dem Leben heute zu verknüpfen.

So fand zum Beispiel ein großes Luther-Essen in unserer Kirche »Zum Guten Hirten« statt. Mit gutem Essen, Wein, Bier, dem chilenischen Nationalgetränk Pisco Sour und vielen Infos rund um die Reformation. Wir haben dabei unseren Glauben diskutiert und an den Tischen unter anderem Werbekampagnen entwickelt – zum Beispiel mit der Fragestellung: »Warum ist es gut, heute in Chile lutherisch zu sein?«

In unserem Sozialprojekt, einer Schule für 400 Kinder im armen Süden der chilenischen Hauptstadt Santiago, fanden vor zwei Wochen Projekttage statt. Hier stand eines der »4 solus« im Mittelpunkt: die Schrift. Jede Klasse bearbeitete ein Thema rund um die Bibel und Martin Luthers Entdeckungen in ihr. Tolle Werke sind dabei entstanden, die an einem Ausstellungstag der Schulöffentlichkeit und weiteren Interessierten präsentiert wurden.

Foto: Aus dem Fotoalbum der Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile: Banner an der Kirche – »Wir feiern 500 Jahre Reformation!«

Foto: Aus dem Fotoalbum der Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile: Banner an der Kirche – »Wir feiern 500 Jahre Reformation!«

Ausgerechnet in diesem Jubiläumsjahr wurde der nationale Feiertag in Chile auf den 27. Oktober vorverlegt. Das macht deutlich, dass er hier eben der »Tag der evangelischen und protestantischen Kirchen« (»Día Nacional de las Iglesias Evangélicas y Protestantes«) und nicht der Reformationstag ist. Denn damit sind weniger wir Lutheraner, die Reformierten oder Methodisten gemeint, sondern die hier in den letzten Jahren stark gewachsenen Freikirchen (evangélicos). Zu ihnen gehören knapp 20 Prozent der Bevölkerung, dagegen nur einige Zehntausend zu den lutherischen Gemeinden.

Nichtsdestotrotz hat es sich Staatspräsidentin Michelle Bachelet nicht nehmen lassen, am »echten« Reformationstag am 31. Oktober zu uns in die Kirche zu kommen, wo beide lutherische Kirchen gemeinsam (!) an Luther erinnern. Bereits am vergangenen Sonntag hat unsere Gemeinde einen Reformationsgottesdienst in deutscher Sprache unter dem Motto »Ein feste Burg ist unser Gott« gefeiert.

Pfarrer Johannes Merkel

Der Autor wuchs in Moritzburg auf und hat in Leipzig Theologie studiert. Seit 2014 sind er und seine Frau Nicole Oehler, Pfarrer in Chile.

www.lareconciliacion.cl/de

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Ökumene in der »Ewigen Stadt«

2. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Protestant in Rom: Hier ist Jens-Martin Kruse seit 2008 Pfarrer der evangelischen Christuskirche. Vor seinem Amtsantritt als Hauptpastor der Hamburger Petrikirche stellte er sich den Fragen von Willi Wild.

Begegnung: Papst Franziskus bei seinem Besuch in der evangelischen Christuskirche mit Pfarrer Kruse. Fotos: epd-bild

Begegnung: Papst Franziskus bei seinem Besuch in der evangelischen Christuskirche mit Pfarrer Kruse. Fotos: epd-bild

Wie sieht Ihre persönliche ökumenische Bilanz im Reformationsjahr aus?
Kruse:
Die Ökumene ist die entscheidende Dimension 2017 gewesen. Es hat angefangen mit dem großen ökumenischen Gottesdienst in Lund am 31. Oktober 2016 mit Papst Franziskus und Bischof Younan vom Lutherischen Weltbund. Und das hat im Grunde genommen das ganze Jahr 2017 unter ein ökumenisches Vorzeichen gestellt. Das hat sich niemand vorher vorstellen können. Das hat auch keiner zu hoffen gewagt, dass dieses Jahr 2017 in Italien einen ökumenischen Impuls gibt, wie wir das jetzt staunend erleben.

Was ist passiert?
Kruse:
Die öffentliche Aufmerksamkeit für diese ganz kleine evangelische Gemeinde hier in Rom mit 500 Gemeindemitgliedern in dem großen Meer der römisch-katholischen Kirche ist ganz erstaunlich. Ob es das Fernsehen ist, ob es das Radio ist, ob es die Printmedien sind, ob es die Universitäten sind oder die Gemeinden, überall ist ein ganz großes und sehr ehrliches, wohlwollendes Interesse an Martin Luther.

Ich hätte jemand einstellen können, der sich nur um die Anfragen kümmert. Bislang ist Luther hier nicht vorgekommen. Auch mit dem Namen konnten bis vor Kurzem die wenigsten etwas anfangen. Jetzt erlebe ich neugieriges offenes Interesse: Wer war Luther? Was zeichnet die Reformation aus? Und wer seid ihr eigentlich, ihr Evangelischen?

Aus Rücksicht auf die katholische Kirche wurde aus dem Lutherjahr ein Christusfest. Für die Kritiker hat man damit den Reformator und die Reformation weichgespült.
Kruse: I
ch finde, es ist eine Stärke für die evangelische, aber auch für die katholische Kirche, dass man dieses Jahr gemeinsam als Christusfest feiert. Und ich hab überhaupt keine Angst oder Sorge, dass eine der beiden Kirchen irgendwie etwas weichspülen würde oder etwas nicht klar genug wäre – im Gegenteil. Also von außen gesehen mit Blick auch von Rom oder den Blick der römisch-katholischen Weltkirche auf die ganze Welt, brauchen wir genau dieses ökumenische Zeugnis heute.

Wäre nach Ihrer Einschätzung mehr Ökumene drin gewesen?
Kruse:
Dass dieses Jahr in einer großen Übereinstimmung und Gemeinsamkeit von evangelischen und katholischen Kirchen gefeiert wird, ist per se erst mal ein sehr positives Zeugnis. Mein Eindruck ist, dass man aufgrund dieses positiven Verlaufs durchaus noch mehr aus diesem Jahr 2017 rausholen könnte. Man sollte sich nicht zufrieden zurücklehnen, sondern die Verpflichtung, den Auftrag für mehr Ökumene angehen.

Was heißt das konkret?
Kruse:
Stichwort »Gemeinsames Abendmahl für konfessionsverbindende Ehen« – der Schwung des Jahres 2017 sollte genutzt werden, um zu konkreten Vereinbarungen zu kommen.

Warum ist das gemeinsame Abendmahl so wichtig?
Kruse:
Zum einen ist es ein sichtbares Zeichen der Einheit der Christenheit. Außerdem leiden die konfessionsverbindenden Ehepaare ganz existenziell darunter, dass wir als Kirchen noch nicht mehr Einheit haben. Deshalb ist es wichtig, dass dieser Not abgeholfen wird.

Ist eine Lösung in Sicht?
Kruse:
Es gibt eine berechtigte Hoffnung, mit guten Gründen, dass wir nicht über Jahrzehnte reden, sondern über Monate und wenige Jahre. Das gemeinsame Abendmahl ist eben auch innerkatholisch denkbar und vom Kirchenrecht her heute schon abgedeckt.

Im Grunde braucht es weder theologisch noch kirchenrechtlich viel, um zu einer Vereinbarung zu kommen. Papst Franziskus hat dazu ausdrücklich Mut gemacht. Und da darf man diesen Papst sehr ernst nehmen. Es ist gut, nicht zu drängen, aber deutlich zu machen, dass wir darauf zugehen.

Wie halten Sie es in Ihren Abendmahlsgottesdiensten?
Kruse:
Sowohl in evangelischen als auch katholischen Kirchen gilt die Gastfreundschaft. Es ist gängige Praxis – auch in Rom –, dass niemand vom Tisch des Herrn abgewiesen wird. Wichtig ist, dass zukünftig keiner mehr ein schlechtes Gewissen dabei haben muss.

Menschen ist es gelungen die Trennung herbeizuführen, dann müssten sie doch auch die Einheit wieder hinbekommen, oder?
Kruse:
Das ist richtig, nur dürfen wir uns nicht überheben. Mit unseren menschlichen Kräften gelingt uns Einheit eher selten. Deshalb ist die geistliche Ökumene, das Gebet um Einheit, die Gebetswoche für die Einheit der Christen eben tatsächlich so was wie die Herzkammer der Ökumene. Das lässt uns nicht aus der Pflicht, all das zu tun, was uns möglich ist. Aber ohne den Beistand des Heiligen Geistes kommen wir an der Stelle nicht weiter.

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»Die Welt ist ein schöner Ort«

22. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Abenteuerliche Reise: Dennis Kailing hat 41 Länder auf zwei Rädern durchquert und viel über andere Menschen und sich selbst gelernt.

Eine Reise von 1 000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt, sagt Laotse. Oder in Dennis Kailings Fall: mit dem ersten Tritt. Am 24. Juni 2015 hat er seinen Eltern im hessischen Gelnhausen Tschüss gesagt, sich auf sein Fahrrad gesetzt und ist losgefahren: mit 30 Kilo Gepäck, verteilt auf sechs Taschen, einmal um die ganze Welt. Gut zwei Jahre später ist der inzwischen 27-Jährige zurück und rollt mit demselben Rad zum Interview. Im Eiscafé wird er von einer schwanzwedelnden Boxerhündin begrüßt und erzählt, dass er inzwischen überhaupt keine Angst mehr vor Hunden habe. Unterwegs seien ihm oft Hunde bellend hinterhergelaufen. »Erst bin ich mit dem Rad abgehauen, doch irgendwann habe ich gelernt, mit ihnen zu kommunizieren. Ich bin abgestiegen und habe mich vor ihnen aufgebaut«, erzählt der 1,94 Meter große Gelnhäuser. Das habe tatsächlich gewirkt.

Aber vor allem über die Kommunikation zwischen Menschen hat er viel gelernt. Sich mit Gesten verständigen, wenn es auf Englisch oder Spanisch nicht möglich war, »die menschlichen Grundbedürfnisse wie Schlafen und Essen sind überall gleich«, sagt er. Nicht alles glauben, vor allem nicht, was andere selbst nur vom Hörensagen kennen. Freundlich bleiben und weiterverhandeln, wenn das Gegenüber abwehrt oder aggressiv wird. Er hat viel nachgedacht, wenn er auf dem Rad saß. »Nirgends sonst sind die Gedanken so klar und frei«, urteilt Dennis Kailing. Er hat durchgeatmet, statt sich zu ärgern, wenn es ewig dauerte, ein Visum zu bekommen, oder der Berg sich endlos zog. Hat harte Phasen durchgehalten wie die 2 500 Kilometer durchs menschenleere australische Outback bei zermürbendem Gegenwind oder den Dauerregen und die Kälte in den ecuadorianischen Anden.

Der junge Mann mit dem Basecap wirkt gelassen und freundlich. Er scheint in sich zu ruhen, doch ein paar Sensoren bleiben immer auf die Außenwelt gerichtet. Genau diese Mischung aus entspannter Ruhe und Aufmerksamkeit hat ihm in einigen brenzligen Situationen Unannehmlichkeiten erspart. »Naivität ist schlecht«, sagt er. Zwar sei er immer mit einem Lächeln auf die Menschen zugegangen, doch wenn ihm etwas komisch vorkam, hörte er auf sein Bauchgefühl. Das bewahrte ihn in Honduras davor, von einer Kinderbande ausgeraubt zu werden und vor Trickdieben in Bolivien, die sich in der Nähe der argentinischen Grenze
als Migrationsbehörde ausgaben.

Luftsprünge: Dennis Kailing in der Salar de Uyuni in Bolivien – mit mehr als 10 000 Quadrat­kilometern die größte Salzpfanne der Erde. Fotos: Dennis Kailing

Luftsprünge: Dennis Kailing in der Salar de Uyuni in Bolivien – mit mehr als 10 000 Quadrat­kilometern die größte Salzpfanne der Erde. Fotos: Dennis Kailing

Einmal zeltete er in einem Garten in Costa Rica. Über das Gelände waren angeleinte Hunde verteilt, ein Bus mit zehn Männern kam an und Dennis schwante, dass er bei Menschenschmugglern gelandet war. Ihm wurde mulmig, doch die Sache ging gut aus.

Er traf Menschen unterschiedlichster Religionen. In Indien durfte er in einem katholischen Internat übernachten. »Ich beobachtete 20 indische Mädchen, die eine halbe Stunde lang das ›Ave Maria‹ aufsagten«, erzählt er. »Da wurde mir klar: Es ist Zufall, welcher Religion wir angehören. Wären die Mädchen ein Dorf weiter geboren worden, wären sie Hindus gewesen.«

In Dennis Kailings Familie spielt Religion eine wichtige Rolle. Seine Mutter Martina engagiert sich im Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde, ein Onkel ist Pfarrer. Seine Mutter reagierte übrigens ziemlich cool auf den Plan ihres Sohnes, die Welt auf dem Fahrrad zu erkunden. Dennis trug sich zwar schon einige Zeit mit dem Gedanken, setzte ihn dann aber recht spontan um, nachdem die Firma seines damaligen Arbeitgebers pleite gegangen war. Als er wenige Wochen vor dem Start erzählte, er sei gerade beim Tropenarzt zum Impfen gewesen, drehte die Mutter sich zum Vater um und sagte trocken: »Ich glaube, er meint’s ernst.«

Sich selbst beschreibt Dennis als nicht sehr religiös. Ihn stören »die vielen Regeln. Die Gedanken sind doch frei!« Sein Verhältnis zum Transzendenten fasst er lieber in den Begriff der Spiritualität. »Das Paradies findet im Kopf statt«, ist eine Erkenntnis, die er auf seiner Weltreise gewonnen hat. Er konzentriert sich auf das, was gut läuft. Besinnt sich auf seine Stärken, wenn es gilt, Schwierigkeiten zu überwinden und etwas zu erreichen.

In den unzähligen Stunden auf dem Rad hat er auch über grundsätzliche Fragen nachgedacht, die Menschen aller Religionen bewegen: Warum sind wir hier? Was macht ein gutes Leben aus? Das Geld ist es jedenfalls nicht, ist seine Antwort. Sondern? »Sicherheit, ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen. Das einfache Leben.« Das hat er schätzen gelernt. »In Spanien traf ich eine Frau, die ihren eigenen Staat ausgerufen hat«, erzählt er. »Sie will Paradise-Coaches ausbilden, weil sie der Überzeugung ist, dass wir auf Erden bereits im Paradies leben.«

Mehr als einmal hat er großes Glück gehabt. Oder einen Schutzengel, der seinen Flügel über ihn breitete, auch wenn er es niemals so ausdrücken würde. Auf Bali fuhr ihn ein Motorradfahrer über den Haufen und haute anschließend ab. »Vermutlich war er betrunken und hatte Angst, mir Geld zahlen zu müssen«, sagt Dennis. Er trug lediglich Prellungen und Schürfwunden davon. Das Rad konnte für 20 Euro repariert werden.

Als ihm in einem mexikanischen Dorf das Handy geklaut wurde, sprach sich das sofort herum. Er durfte bei einer Familie übernachten, auch das wusste schnell die ganze Nachbarschaft. Am nächsten Morgen kam eine Frau aus der Dorfkirche und brachte ihm das Handy. Die Diebe hatten wohl ein schlechtes Gewissen bekommen und es auf dem Altar abgelegt. Die Oma seiner Gastfamilie wusste es besser: »Diós«, Gott, habe es zurückgebracht.

43 600 Kilometer ist Dennis insgesamt geradelt, hat 41 Länder durchquert und 294 895 Höhenmeter überwunden. 63 platte Reifen hat der studierte Bauingenieur geflickt und sich bei Reparaturen in Werkstätten einiges für die nächsten Pannen abgeschaut. Vor der Reise fuhr er ungefähr einmal die Woche Rad. Nach drei Tagen unterwegs hatte er solche Knieschmerzen, dass er kaum laufen konnte. Er reduzierte die Länge der Tagestouren und sein Körper gewöhnte sich an die Belastung. »Ab Wien wusste ich, dass mein Körper mitspielt«, sagt er. Sportlich war er schon immer, in seinem Heimatort hat er im Basketballklub in der Regionalliga gespielt.

»Die Welt ist ein schöner Ort«, ist eine der Wahrheiten, die er von der Weltumradlung mitgebracht hat. Und er hat erlebt, »wie friedvoll die Welt auch ist«. »In den Fernsehnachrichten wird das Bild einer Welt voller Kriege und Katastrophen vermittelt, da stimmen die Verhältnisse einfach nicht.«

Uta Grossmann

www.dennis-cycles-the-world.com

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Das gelobte Land?

17. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Junge Israeli haben die Auswanderung nach Deutschland entdeckt, so scheint es.

Gut 70 Jahre nach dem Holocaust leben Schätzungen zufolge rund 20 000 zugewanderte Israeli im Land der Täter. »Israeli kommen wegen der Uni, dem Beruf oder der Liebe nach Deutschland«, sagt Adi Hagin. Bei der Wirtschaftsjournalistin war es Letzteres. Sie lernte einen Deutschen kennen und zog nach zwei Jahren Fernbeziehung vor drei Jahren aus Tel Aviv nach Frankfurt am Main.

Die junge Frau war schon als Kind mit der Familie nach Deutschland gereist und hatte beruflich in Berlin zu tun. »Ich fühle mich hier willkommen«, sagt sie. Kulturell fühlt sie sich nahe, da ihre Vorfahren als »Aschkenasim« aus Europa stammten. Mit der Familie ihres Mannes gebe es keinerlei Pro­bleme, da sie und ihr Mann säkular eingestellt seien. Ganz praktisch spreche für Deutschland: »In Israel wäre eine säkulare Heirat nicht möglich.«

»Ich bin nicht religiös, das Jüdischsein ist meine kulturelle Herkunft«, sagt Hagin. Kontakt zur jüdischen Gemeinde pflegt sie daher nicht: »Ich fühle mich einem israelischen Araber näher als einem in Deutschland aufgewachsenen Juden.« Allerdings fragt sie sich, wie sie später ihren Kindern erklären soll, dass die Vorfahren des Vaters Täter und die der Mutter deren Opfer waren.

»Morcolade«: Der Israeli Mordechai Barak (37) in seinem Café in Frankfurt am Main. Foto: epd-bild

»Morcolade«: Der Israeli Mordechai Barak (37) in seinem Café in Frankfurt am Main. Foto: epd-bild

In Israel hat Hagin nach eigenen Worten an gewaltfreien Protestaktionen gegen die Besetzung palästinensischer Gebiete teilgenommen. Mit ihrer Heimat geht sie hart ins Gericht: »Ich könnte wegen des Rassismus gegen Nichtjuden jetzt nicht in Israel leben.« Dennoch hält sie fest: »Tel Aviv wird immer meine Heimat sein.«

Hagin sei durchaus typisch für die Israeli, die in den vergangenen Jahren in die Bundesrepublik eingewandert sind, sagt die Wuppertaler Sozialwissenschaftlerin Dani Kranz. Sie hat anhand von 800 Befragungen und demografischen Daten eine Studie darüber erstellt. Die große Mehrheit sei jünger als 40, habe einen Hochschulabschluss, sei säkular eingestellt, politisch »moderat bis links« und habe europäische Vorfahren. Gut die Hälfte habe Vorfahren, die den Holocaust erlebt und überlebt hätten. 30 Prozent seien Nachkommen deutscher Juden.

Das am häufigsten in Kranz’ Studie genannte Motiv für eine Einwanderung nach Deutschland sind die Berufsmöglichkeiten, gefolgt von Entdeckerlust und Interesse an deutscher Kultur. An dritter Stelle nennen die Befragten die Bildungsmöglichkeiten. Entsprechend stehe bei den Gründen für die Auswanderung aus Israel die negative Einschätzung der beruflichen Entwicklung ganz oben. Ihr folgen die Unzufriedenheit über den Einfluss der Religion auf das Privatleben in Israel sowie über die politische Situation und Unsicherheit.

Der Zuzug aus Israel ist nach Kranz’ Untersuchungen vor allem seit 2009 steil nach oben gegangen. Bei den begehrten Städten lag Stand Ende 2015 Berlin mit 6 900 israelischen Einwanderern vorn, gefolgt von München mit 1 500 und Frankfurt mit 1 200. Mehr als 80 Prozent der Befragten gaben an, dass es für sie nicht schwer sei, in Deutschland zu leben, trotz des Wissens, dass während der NS-Diktatur sechs Millionen Juden ermordet wurden. Viele hätten deutsche Freunde, mehr als die Hälfte der verheirateten Israeli sei mit Deutschen verheiratet.

Allerdings berichtet auch ein Fünftel der Befragten von Erfahrungen mit Antisemitismus – häufig in Bezug auf israelfeindliche Einstellungen. Die israelischen Migranten säßen in Israel wie in Deutschland politisch zwischen den Stühlen, erläutert Kranz. In Israel fühlten sie sich als säkulare Linke heimatlos. In Deutschland unterstütze die Rechte die von den Migranten meist abgelehnte, rechtsnationalistische israelische Regierung, während die deutsche Linke die eingewanderten Israeli wegen der Politik der israelischen Regierung angreife.

Mordechai Barak kam als Kommunikationswissenschaftler vor neun Jahren nach Frankfurt, um eine Stelle bei einer Fluggesellschaft anzutreten. An Deutschland gefallen ihm Wetter und Mentalität: »In Israel ist es nicht nur heißer, auch schneller und hektischer – in Deutschland geht es ruhiger zu.« Vor eineinhalb Jahren stieg Barak beruflich um: »Ich machte meinen Traum wahr.« Er eröffnete in Frankfurt ein Café mit angeschlossener Bäckerei. Den Namen setzte er aus seinem Spitznamen und Schokolade zusammen: Café Morcolade. Ein Café trage zu seinem Wunsch nach Weltfrieden bei, ist Barak überzeugt: »Schokolade und Kuchen entspannen Körper und Geist.« In seinem Café gibt es deutschen Kuchen und israelische gefüllte Teigtaschen oder süße Hörnchen. Der Kundenzulauf belohnt seine Fusion der Kulturen, inzwischen bestellt auch ein anderes Café seine Leckereien. Mordechai Barak hat inzwischen einen deutschen und einen israelischen Pass – und feiert die deutschen und israelischen Feste gleichermaßen.

Jens Bayer-Gimm (epd)

Wahlergebnis alarmiert jüdische Gemeinden
Der sächsische Landesverband der Jüdischen Gemeinden warnt nach der Bundestagswahl vor einem »Ruck nach rechtsaußen«. Es sollte »Konsens aller Demokraten werden, dass scheinbar unbekümmerte Zugriffe auf das geistige Reservoir der verhängnisvollen Nazivergangenheit kein Teil einer Lösung für Probleme sein dürfen«, heißt es in einer Erklärung des Präsidiums des Landesverbandes. Es sei »höchste Zeit, gemeinsam aktiv zu werden«.

Die jüdischen Gemeinden hätten »in den vergangenen Jahren nicht nur einmal davor gewarnt, dass Fremdenhass, nationalistische und rassistische Parolen sowie Rückgriffe auf nationalsozialistische Sprachelemente« nicht überhört oder kleingeredet werden dürften, heißt es weiter. Dies seien »Anzeichen von gesellschaftlichen Veränderungen und Polarisierungen«, auf die Politiker, demokra­tische Parteien und die Zivilgesellschaft reagieren müssten.

Zugleich sieht das Präsidium die Notwendigkeit, »die Ursachen für die Unzufriedenheit so vieler Bürger zu ergründen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und nach Lösungen für deren Probleme zu suchen«. Dass in vielen Wahlkreisen in Sachsen die AfD die meisten Stimmen erhielt, sei für die jüdische Gemeinschaft »äußerst alarmierend«. (epd)

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Estland: Gemeinde als geistliche Heimat

9. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte«, klingt es aus dem Kellergeschoss des modernen Eckhauses. »Hierher«, das ist in diesem Fall das estnische Tallinn. Und in dem Eckhaus nahe des Hafens versammelt sich die deutschsprachige Evangelisch-Lutherische Erlösergemeinde, die dort seit dem vergangenen Jahr beheimatet ist.

Das Zuhause der Evangelisch-Lutherischen Deutschen Erlöser­gemeinde in Tallinn. Foto: privat

Das Zuhause der Evangelisch-Lutherischen Deutschen Erlöser­gemeinde in Tallinn. Foto: privat

Normalerweise treffen sie sich in der schwedischen St. Michaelskirche, doch als mitten in der Urlaubszeit die Teilnehmer einer sächsischen Jugendfreizeit und einer Delegationsreise der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Estland zu Gast sind, haben sie Pech: Die schwedische Kirche ist geschlossen, der Gottesdienst muss in den etwas beengten Gemeinderäumen stattfinden.

Und manches ist für Augen und Ohren der Besucher fremd: Zu Beginn der Liturgie findet ein ausführliches Schuldbekenntniss statt, mehrfach kniet der Pastor vor dem Altar, und auch Kyrie und Gloria erklingen zu ungewohnten Melodien.

Doch die deutsche Gemeinde in Tallinn ist eben keine klassische Auslandsgemeinde der EKD, erklärt Pastor Matthias Burghardt nach dem Gottesdienst. Die deutschen Protestanten treffen sich unter dem Dach der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK) – und feiern eine einheimische Liturgie.

Zur Gemeinde gehören rund 120 Mitglieder, die über das ganze Land verteilt leben. Gottesdienste werden auch in Tartu und Harpsalu gefeiert. Und etwa 40 Prozent der Gemeindeglieder seien in Estland geboren worden, berichtet der Pfarrer. »Zu uns gehören Deutschbalten, Russlanddeutsche, deutsche Fachkräfte, Esten und Russen.« Alle fänden in der Gemeinde eine geistliche Heimat.

Lutherische Gottesdienste gab es in Reval bereits 1523, ein Jahr später wurde die Stadt offiziell lutherisch. Bis zum Zweiten Weltkrieg fanden regelmäßig deutsche Gottesdienste statt, mit der Zwangsumsiedlung der Baltendeutschen infolge des Hitler-Stalin-Paktes fand diese Tradition ein Ende. 1991, nach dem Ende der sowjetischen Herrschaft, war die Gemeinde neu gegründet worden. »Für estnische Verhältnisse sind wir eine Dorfgemeinde, aber wir können sagen, dass alle deutschsprachigen Protestanten in Estland wenigstens von unserer Existenz wissen.« Burghardt freut sich besonders, zur EELK zu gehören. »Das gibt mir mehr Freiheiten, als sie in einer Auslandsgemeinde der EKD möglich wären.«

Die EELK selbst schätzt Burghardt als kleine, konfessionelle lutherische Kirche. Im Unterschied zu den benachbarten Letten werde in Estland die Frauenordination praktiziert, rund 30 Prozent der Pfarrerschaft sei weiblich. »In der Kirche werden seit rund 50 Jahren Frauen ordiniert«, sagt Burghardt. »Es wäre eine schlimme Selbstamputation am Leib Christi, würde man das, wie in Lettland, wieder rückgängig machen.« Auch Beziehungen zur konservativen Missouri-Synode gebe es in Estland nicht – im Gegensatz zu Lettland. Verzichtet wird allerdings auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. »Dafür hat unsere Kirche kein Mandat«, sagt Burghardt, »man muss mit dem Segen vorsichtig umgehen.«

Benjamin Lassiwe

www.stmikael.ee

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Unsere fatale Lust auf Brust

3. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Das globale Huhn: Nieder­ländische Hähnchenfüße in Kamerun, deutsche Hühnerherzen in Togo – weil wir Europäer das zarte Brustfilet des Hähnchens lieben, landen die übrigen Fleischteile seit den 1990er-Jahren zunehmend auf afrikanischen Märkten.

Der Preiskampf um das billigste Schnitzel und die günstigste Hähnchenkeule in den Discountermärkten hat bei uns in Europa dazu geführt, dass wir uns fast schon täglich die edelsten Fleischteile, wie Hähnchen- oder Schweinefilet, leisten können. Andere Teile, die noch billiger sind, finden immer weniger Absatz. Ganze Hühner sind nur selten in den Auslagen der Supermärkte zu finden.

Dies hat nicht nur Folgen für Tiere und Menschen in Deutschland. Die intensive Haltung und Mast haben zu einer Übersättigung des Marktes geführt, der nur noch funktioniert, wenn zumindest die billigen Restteile in Märkte außerhalb der EU exportiert werden. Auf der anderen Seite wäre der enorme Anstieg der Fleischproduktion ohne den massiven Import von Futtermitteln nicht möglich.

Die Reste der Reste unseres Wohlstands: Auf den afrikanischen Märkten landen Hühnerfüße und -flügel – bei den Dumpingpreisen der Fleischimporte haben die lokalen Geflügelzüchter das Nachsehen. Foto: Francisco Mari

Die Reste der Reste unseres Wohlstands: Auf den afrikanischen Märkten landen Hühnerfüße und -flügel – bei den Dumpingpreisen der Fleischimporte haben die lokalen Geflügelzüchter das Nachsehen. Foto: Francisco Mari

So kommt das Futter für unser Huhn zu großen Teilen aus Südamerika. Dort wird immer mehr Wald für den Sojaanbau gerodet oder Land für Nahrungsmittel umgewidmet. Dabei scheuen sich die Sojabarone in Paraguay oder Argentinien nicht, arme Bauern von ihrem Land zu vertreiben. Auf riesigen Feldern wird unter Einsatz von genverändertem Saatgut und Tonnen von Pestiziden Soja für die europäische Tiermast produziert.

Gleichzeitig verursacht unser Luxus, nur noch das Hähnchenfilet auf den Teller zu bringen, Unmengen von Resten, wie Hähnchenschenkel, Rückenteil oder Flügel. Diese Reste gehen auf Exportmärkte: Russland, China und der Nahe Osten nehmen viel davon zu guten Preisen ab. Aber bei Weitem nicht alles. Und so landet immer mehr Geflügelfleisch, sozusagen die Reste der Reste, in Afrika. Im vergangenen Jahr hat die EU ihre Exporte von Geflügelfleisch nach Afrika auf 680 Millionen Kilogramm erhöht. Das ist ein Anstieg von zehn Prozent gegenüber 2015. Da der Verkauf der in Europa begehrten Hähnchenfilets bereits gewinnbringend ist, wurden die Ausfuhrpreise von Hähnchenteilen auf durchschnittlich 0,75 Euro pro Kilogramm gedrückt.

Natürlich freute sich zunächst die städtische Bevölkerung in Afrika über die billigen Hähnchenschenkel. Aber nicht lange, denn die fehlenden Kühlketten und ständige Stromausfälle machen aus den gefrorenen Teilen auf offenen Marktständen bei 30 Grad Hitze hervorragende Brutstätten für Salmonellen. Die Folgen des billigen Fleischimports sind katastrophal: Kleinbauern in Afrika, die sich mit eigener Hühnerhaltung einen kleinen Zusatzerwerb aufbauen, können ihre Tiere zu solchen Dumpingpreisen nicht mehr verkaufen. Besonders Bäuerinnen, die sich meist um die Tiere kümmern, fehlen die Bargeldeinnahmen für Schulgeld, Medikamente oder Transport. Und ist nach einiger Zeit das lokale Fleischangebot von den Märkten verschwunden, werden die Preise, wie in Ghana geschehen, verdreifacht.

Dabei könnten mit den rund 500 Millionen Euro, die Afrika für Fleisch­importe zahlt, Hunderttausende Arbeitsplätze in der Hühnermast, im Futtermittelanbau, im Zwischenhandel und in der Schlachtung geschaffen werden.

In Liberia kommt nach Ebola und Bürgerkrieg die Tierhaltung nicht wieder auf die Beine, weil zum Beispiel Geflügelfleisch aus Europa für nur 0,48 Euro pro Kilogramm importiert wird. Auf dem Markt in der Hauptstadt Monrovia kostet ein Kilo Hähnchenschenkel allerdings 2,50 Euro – die Verbraucher haben also nichts davon. So machen Importeure und die EU-Schlachtindustrie das große Geschäft auf dem Rücken der Kleinmäster in Afrika.

Es ist trotzdem nicht einfach für afrikanische Staaten, den Import zu verbieten und ihre Landwirtschaft vor Billigprodukten zu schützen. Einmal gibt es, wie in Liberia, nicht sofort lokale Alternativen, zweitens sind die Schutzregeln des Welthandels für arme Länder nicht so einfach anzuwenden. Nun bietet die EU Afrika neue Handelsverträge an, die es den afrikanischen Staaten noch schwieriger machen, schon bestehende Billigimporte zu beschränken: die EU–Afrika-Wirtschaftspartnerschaftsabkommen.

In Kamerun hat übrigens eine breite Bürgerbewegung schon vor 10 Jahren die Regierung dazu gezwungen, die Handelsregeln zu brechen und den Import von EU-Hähnchenteilen zu verbieten. Das lokale Geflügelangebot hat sich daraufhin verzehnfacht und der Preis ist stabil geblieben. Auch so kann man Arbeitsplätze schaffen und Menschen bei sich eine Zukunft bieten.

Neue faire Handelsbeziehungen zu Afrika sind notwendig, aber das Exportproblem ließe sich auch lösen, wenn sich Fleischproduktion und -konsum bei uns verändern, was auf Kosten der Menschen in Südamerika und Afrika geht. Wir können mit unserem bewussten Einkauf konkret zur Verbesserung beitragen, denn nicht nur der Preis ist ausschlaggebend. Es geht auch um die Fragen: Wo kommt das Huhn her? Wie wurde es gehalten? Und was kann ich eigentlich alles kochen aus einem Huhn? Wie wäre es bei kühler werdenden Temperaturen mal mit einer selbstgekochten Suppe aus einem ganzen Suppenhuhn?

Francisco Mari

Der Autor ist Referent für Welternährung, Agrarhandel und Meerespolitik bei »Brot für die Welt«; er lebte mehrere Jahre in Kamerun und ist Autor des Buches »Das globale Huhn«.

www.brot-fuer-die-welt.de/themen/haehnchenexport/

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Wir haben alles verloren, aber offene Türen gefunden

25. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Alles war perfekt: Er arbeitete als Assistenzprofessor an der Universität in Aleppo, seine Frau als Kinderärztin mit eigener Praxis. Zwei kleine Kinder, Haus, Auto. »Wir hatten alles«, sagt Salim Jallouf. Bis in Syrien der Krieg ausbrach.

Die christliche Familie fürchtete um ihr Leben. Nicht nur wegen ihrer Religion. »Die Bomben töten dich, egal ob Christ oder Moslem«, betont der Ingenieurwissenschaftler.

Einmal explodierte ein Sprengkörper mitten in seinem Garten und zerstörte das Klettergerüst, auf dem die Zwillingsmädchen kurz vorher gespielt hatten. Auf den Straßen waren Schüsse zu hören. Hinzu kam die Angst vor Entführungen. Auf der Straße marschierten islamistische Terroristen. Der Familienvater wollte nur noch eins: raus aus Syrien, seine Familie in Sicherheit bringen.

Ein Flüchtlingsschicksal: Der Ingenieurwissenschaftler Salim Jallouf floh mit seiner Familie vor dem Krieg in Syrien. Dank eines Stipendiums kann er seine Arbeit an der TU Darmstadt fortsetzen. Foto: epd-bild

Ein Flüchtlingsschicksal: Der Ingenieurwissenschaftler Salim Jallouf floh mit seiner Familie vor dem Krieg in Syrien. Dank eines Stipendiums kann er seine Arbeit an der TU Darmstadt fortsetzen. Foto: epd-bild

In seiner Not schrieb Jallouf an Freunde und Kollegen überall in der Welt, hundert E-Mails. Niemand konnte helfen. Bis in seinem Postfach die Antwort eines Professors aus Frankreich aufpoppte, der ihm vom »Scholar Rescue Fund« erzählte. Der Stipendien-Fonds fördert Forscher aus der ganzen Welt, die in ihren Heimatländern in Gefahr sind – und ermöglicht ihnen einen Gastaufenthalt im Ausland. Damit konnte Jallouf seine Arbeit an der Technischen Universität Darmstadt fortsetzen. Ohne Angst. Vor einem halben Jahr ist seine zweijährige Förderzeit ausgelaufen, seitdem arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Maschinenbau, Fachgebiet Konstruktiver Leichtbau und Bauweisen. Sein aktuelles Projekt läuft drei Jahre. Und es gibt die Aussicht, dass er seine Habilitation schreibt. »Ich bin sehr glücklich«, sagt Jallouf. Seine Töchter haben die neue Sprache schnell gelernt, nach den Ferien kommen sie in die Grundschule. Seine Frau arbeitet bei der Diakonie ehrenamtlich als Kinderärztin, lernt fleißig Deutsch. Und auch er selbst will jetzt endlich mehr Zeit für seinen Sprachkurs aufbringen. »In der Zukunft wird Deutschland unsere Heimat sein«, sagt der 48-Jährige.

Es gibt mehrere Organisationen weltweit, die bedrohte Akademiker an eine Partneruniversität vermitteln oder ihnen einen Forschungsaufenthalt im Ausland finanzieren. Die Organisation hat seit 2002 mehr als 700 Wissenschaftler aus 56 Ländern unterstützt. Aktuell erhalten 104 Menschen ein Stipendium, davon arbeiten sieben an einer Universität in Deutschland. Es gibt die Hoffnung, sagt eine Sprecherin in New York, dass sich die Bedingungen in ihrer Heimat in dieser Zeit verbessern und die Wissenschaftler nach Hause zurückkehren können. »Und dabei helfen, die durch Krieg, Unterdrückung und Angst verwüsteten Universitäten und Gesellschaften wieder aufzubauen.« Oder sie können den Auslandsaufenthalt nutzen, um eine längerfristige Lösung zu finden.

Bei Jallouf scheint das geklappt zu haben. Die Zusage des »Scholar Rescue Fund« sei damals wie ein Licht im Dunkeln gewesen, berichtet er. »Mit ihrer Hilfe konnte ich raus aus Syrien.« An seiner Uni in Aleppo seien damals viele Kollegen von einem Tag auf den nächsten nicht mehr aufgetaucht. Wer konnte, verließ das Land. Jallouf war es erst einmal egal, wohin. So kam die Familie nach Deutschland. Purer Zufall. Es gefällt ihnen hier: »Ein wunderschönes Land«, sagt Jallouf, »und eine tolle Universität.« Sein Fazit: »Wir haben alles verloren, aber offene Türen gefunden.«

Kathrin Hedtke  (epd)

Tag des Flüchtlings
Die jährlich stattfindende Interkulturelle Woche (IKW) ist eine Initiative der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie. Die IKW findet dieses Jahr vom 24. bis 30. September unter dem Motto »Vielfalt verbindet« statt.
Das Motto zum Tag des Flüchtlings am 29. September 2017 lautet: »Flüchtlingsrechte sind Menschenrechte«.

www.interkulturellewoche.de


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Von Gott erhoben?

18. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Gottgewollter Reichtum: Das Wohlstandsevangelium passt zum »American Dream« – jedem Menschen, der es verdient, verspricht es Gesundheit, geordnete Verhältnisse und materiellen Erfolg. Trump ist ein Anhänger dieser Lehre.

Der Mann im Weißen Haus ist ein Novum für Theologen und Religionsforscher: Donald Trump sei der erste US-Präsident, »dessen einzige religiöse Impulse vom amerikanischen Wohlstandsevangelium kommen«, analysierte die Historikerin Kate Bowler. Noch nie habe diese Glaubenslehre mit dem Kerngedanken, materielle Güter seien Beweis für Gottes Gunst, einen mächtigen Fürsprecher gehabt in den Korridoren der Macht.

Bowler von der Duke Universität in Nord Carolina ist Autorin des Buches »Blessed: A History of the American Prosperity Gospel« (Gesegnet: Die Geschichte des amerikanischen Wohlstandsevangeliums). Das Wohlstandsevangelium sei »sehr viel weiter verbreitet« als gemeinhin angenommen, sagte Bowler bei einer Religionskonferenz. Da können »gestandene« Theologen noch so oft sagen, dass der Gekreuzigte keine Luxusvillen versprochen habe.

Eine Heimat haben Versionen des Wohlstandsevangeliums in vielen Megakirchen und manchen pfingstkirchlich und evangelikal orientierten Gemeinden. Und offenbar auch bei Trump-Wählern. Häufiger Trump-Wahlkampfredner war der afro-amerikanische Pastor Mark Burns aus Süd Carolina. Gott habe ihn von der Armut und Lebensmittelmarken und Sozialwohnungen zu einem Leben im Wohlstand geführt, erzählte Burns. Jesus wolle doch, dass es seinen Jüngern gut gehe. Donald Trump repräsentiere diesen Wunsch.

Ansichtssache? »Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme«, heißt es im Neuen Testament (Markus 10, Vers 25) – mit diesem Bibelzitat kritisieren Gegner das Wohlstandsevangelium. In den USA hat diese theologische Lehre sehr viele Anhänger. Foto: JohnKwan – stock.adobe.com

Ansichtssache? »Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme«, heißt es im Neuen Testament (Markus 10, Vers 25) – mit diesem Bibelzitat kritisieren Gegner das Wohlstandsevangelium. In den USA hat diese theologische Lehre sehr viele Anhänger. Foto: JohnKwan – stock.adobe.com

Als dessen »spirituelle Beraterin« gilt die (wie der Präsident zum dritten Mal verheiratete) Fernsehpredigerin und Megakirchenpastorin Paula White, die mit strahlender Zuversicht verkündet, Gott verheiße Gläubigen ein Leben im Überfluss. Gott habe Menschen den »freien Willen gegeben«, sodass sie sich für Glück entscheiden könnten. Man müsse positiv denken und Chancen ergreifen.

Die Pastorin vom New Destiny Christian Center in Apopka in Florida, angeblich mit einem Apartment im Trump Tower in Manhattan, ist nach eigenen Angaben seit 16 Jahren mit Trump persönlich bekannt. Bei der Amtseinführung sprach White ein Gebet. Auf Fotos von Trumps evangelikalem Beraterkreis fällt die schick gekleidete blonde Frau auf unter all den grauen Männern. In einer Talkshow sagte sie jüngst, Gott habe Trump erhoben: »Wer gegen den Plan Gottes kämpft, kämpft gegen die Hand Gottes.«

Das Wohlstandsevangelium, das sich zusehends auch in Westafrika ausbreitet, passt zum amerikanischen Selbstimage, die Nation sei etwas Besonderes und könne erreichen, was sie erreichen wolle. Es sei »eine Ritualisierung des amerikanischen Traums von aufsteigender Mobilität«, bei dem man bei »richtigem Glauben« mit allen Problemen fertig werden könne, erläuterte Bowler.

Zur Prominenz kam das »prosperity gospel«, bekannt auch als das Evangelium von Gesundheit und Reichtum, in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Prediger heilten. Fernsehsendungen verbreiteten die vermeintliche Hoffnung. Dass der Prediger einen opulenten Lebensstil führte, bestätigte seine Botschaft.

Als junger Mann hat Trump mit seinen Eltern Predigten des New Yorker Selbsthilfepublizisten Norman Vincent Peale besucht, dem zufolge »positives Denken« aus Wünschen Realität macht. Donald sei begeistert gewesen, zitierte die »Washington Post«. Peale »konnte 90 Minuten lang sprechen und die Zuhörer haben sich aufgeregt, als er Schluss machte«.

Einer der bekanntesten Prediger aus dem Spektrum des Wohlstandsevangeliums ist Joel Osteen, ein »wahrer Freund«, wie Trump einmal twitterte. Seine mit 16 000 Sitzplätzen ausgestattete Lakewood Church in Houston ist eines der größten Gotteshäuser in den USA. Während der Flutkatastrophe »Harvey« Ende August bekam Osteen Image-Probleme: Seine Kirche habe anfangs ihre Türen nicht aufgemacht für vor den Wassermassen bedrohte Menschen, hieß es in Medienberichten.

Die Religionswissenschaftlerin Anthea Butler erläuterte in der »New York Times«: Der »spektakulär reiche« Osteen hätte seine Kirche doch frühzeitig als ein Logistikzentrum für die Stadt zur Verfügung stellen oder Obdach anbieten können. Stattdessen habe er Twitter-Botschaften verbreitet, man dürfte nicht »zum Zweifel und zur Furcht hin treiben« und müsse »verankert bleiben in der Hoffnung«.

Naturkatastrophen seien außerordentlich schwierige Krisen für Menschen wie Osteen (und Trump), schrieb Butler.

»In Ihnen steckt ein Gewinner«, verheißt Osteen Lesern seiner Büchern. »Sie wurden dazu geschaffen, erfolgreich zu sein.« Diese Botschaft ist schwer zu vermitteln an Evakuierte, die um ihre Wohnungen bangen und den in den Fluten abgesoffenen Pkw, und nicht mehr haben als die nassen Kleider am Leib.

Osteen hat die Kritik in den Medien gekontert, mit seinem gewohnten Charme und freundlichem Lächeln. Die Stadt Houston habe Lakewood gar nicht um Obdachgewährung gebeten, sagte er im NBC Fernsehen. »Wir wären ein Zufluchtsort geworden, wenn sie uns zuerst gefragt hätten.« Lakewood sei Verteilungszentrum für Hilfsgüter, und »wir werden noch in fünf Jahren hier sein, um diesen Menschen zu helfen«. Er fühle sich gut dabei.

Der Präsident reiste zweimal ins texanische Katastrophengebiet. Er brachte eine ausgesprochen positive Botschaft. Der Wiederaufbau werde viel schneller gehen als erwartet, sagte Trump. Und die Anstrengungen seien »eine wunderbare Sache. Sogar für die Nation und die Welt beim Zuschauen, es war wunderbar.«

Konrad Ege

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Ein Land mit vielen Herren

12. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Kann Europa darauf bauen? Libyen ist zerrissen zwischen zwei Regierungen und vielen Milizen – ein verlässlicher Verhandlungspartner sieht anders aus.

Libyen steht seit einigen Jahren ganz oben auf der Prioritätenliste europäischer Diplomatie. Nicht erst seit dem Pariser Migrationsgipfel Ende August. Als Transitland für Hunderttausende Afrikaner, die nach Europa wollen, spielt es aus europäischer Sicht eine Schlüsselrolle bei der Regelung der Migration. Allerdings kann trotz aller diplomatischer Bemühungen von Libyen als Einheit auch weiterhin keine Rede sein, zumindest nicht von einem libyschen Staat, der als Verhandlungspartner verlässlich oder auch nur ansprechbar wäre.

Daran hat der viel beachtete Vorstoß von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Juli nichts geändert. Dabei bekam er seinerzeit immerhin die beiden wichtigsten Gegenspieler des libyschen Machtkampfs in einen Raum: In einem Schlösschen außerhalb von Paris brachte Macron Fayez al-Sarradsch, den Chef der libyschen »Einheitsregierung«, und seinen Rivalen General Khalifa Haftar zusammen, den Befehlshaber der libyschen Armee. Die beiden einigten sich auf ein Abkommen mit zehn Unterpunkten.

Demnach wollen sie sich nicht nur für einen Waffenstillstand, die Vorbereitung von Neuwahlen und den Aufbau eines demokratischen Rechtsstaats einsetzen, sondern auch gegen Schmuggel jeglicher Art vorgehen – also auch Grenzen und Migration kontrollieren. Konkrete Schritte zur Umsetzung der ehrgeizigen Ziele fehlen allerdings, und ihre Unterschriften setzten die beiden Herren auch nicht unter das Papier.

Aber selbst das hätte das libysche Problem nicht gelöst. Denn seit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi 2011 ist das riesige nordafrikanische Land mit seinen sechs Millionen Einwohnern politisch ein Flickenteppich. Außer den zwei Regierungen, in denen Haftar und al-Sarradsch die tragenden Rollen spielen, konkurrieren Dutzende Milizen um die Macht. In jeder Stadt hat eine andere Gruppe mit anderen Zielen das Sagen, jede Gruppe hat eigene Kampfbrigaden. Ein wichtiger Faktor ist außerdem die Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS), die beim Menschenschmuggel mitmischt.

Selbst ein Etappensieg gegen den IS im Dezember 2016 hat die Lage nicht stabilisiert. Sieben Monate hatte die Offensive gedauert, bis Milizen aus der zentrallibyschen Stadt Misrata die Küstenstadt Sirte im Osten des Landes unter ihre Kontrolle brachten. Unterstützt wurden die Milizionäre von der US-Luftwaffe nach einer Bitte der international anerkannten »Einheitsregierung« von Premier al-Sarradsch in Tripolis. Die Milizen von Misrata unterstellten sich zumindest offiziell seiner Regierung.

Aber eine »Einheitsregierung« führt al-Sarradsch bis heute nicht. Faktisch gibt es weiterhin die Gegenregierung in Tobruk im Osten, in der General Haftar der starke Mann ist. Die beiden Regierungen verhalten sich auch gegenüber Europa regelmäßig widersprüchlich. Nach einer Ankündigung Italiens, Libyen habe für die eigenen Hoheitsgewässer um Unterstützung italienischer Marineeinheiten gebeten, drohte Haftar, er werde jedes italienische Schiff zurückschlagen, das in libysche Gewässer einfahre.

Al-Sarradschs Regierung wiederum sorgte jüngst für Verunsicherung unter Rettungsorganisationen mit seiner Ankündigung, die Kontrollen auf internationalen Gewässern auszuweiten. Mehrere Hilfsorganisationen, die Flüchtlinge im Mittelmeer retten, stellten zumindest zeitweise ihre Arbeit ein unter Verweis auf Sicherheitsrisiken für die Helfer.
Mehrere Retter sind nach eigenen Angaben in der Vergangenheit von der libyschen Küstenwache angegriffen worden. Hinzu kommt, dass afrikanische Migranten nicht nur auf See ihr Leben verlieren, sondern auch schon auf dem libyschen Festland – dort also, wo Politiker von CDU und SPD sogenannte »Auffanglager« für Migranten einrichten wollen. Die Regierung von Premierminister al-Sarradsch hat nur über den geringsten Teil des Landes annähernd Kontrolle. Etliche Territorialherren halten die afrikanischen Ausländer in sogenannten »Gefängnissen« oder »Safe Houses« fest. Dort werden sie oft schwer misshandelt oder finanziell erpresst, einige sogar hingerichtet. Das berichten Über-
lebende.

Solche Erkenntnisse finden sich auch in einem Bericht, den die deutsche Botschaft im Niger für die Bundesregierung erstellte, und der bereits Ende Januar bekannt wurde.

Bettina Rühl (epd)

Zukunft mit Kamm und Schere

4. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Perspektiven gegen die Hoffnungslosigkeit: Langzeitflüchtlinge aus Somalia schaffen sich durch ein Projekt des Lutherischen Weltbundes eine neue Existenzgrundlage in Äthiopien.

Wenn ich alles gelernt habe, werde ich eine Schneiderei aufmachen, um meine Familie zu ernähren«, sagt Faiza Mahmud Said. Die ältere Frau mit dem gelben Kopftuch schneidet unterschiedlich geformte Stücke aus weißem Papier. Es ist einer der ersten Tage der Schneiderausbildung für die somalischen Flüchtlinge im Lager Awubere bei Jijiga im Osten Äthiopiens. Mit den in diesem Workshop erworbenen Fähigkeiten sollen die Teilnehmenden in die Lage versetzt werden, sich eine unabhängige Einkommensquelle zu schaffen.

Ein von der Welt vergessener Ort: Zwei Flüchtlingslager, Awubere und Sheder, liegen diesseits und jenseits einer Gastgemeinschaft und eines Flusses, der nur in der Regenzeit Wasser führt. Die wasserarme Gegend befindet sich in der Nähe der Grenze zu Somalia. Die einzige gepflasterte Straße ist eine Aneinanderreihung von Checkpoints. Ansonsten scheint in dem Gebiet hauptsächlich eine somalische Züchtung kleiner schwarzer Schafe mit weißen Köpfen zu leben.

Wie die meisten der 15 000 somalischen Flüchtlinge in den beiden Lagern ist Faiza Mahmud Said seit fast zehn Jahren hier. Nahrungsmittel werden einmal im Monat verteilt. »Das Essen reicht nur für zwei Wochen«, sagt sie. »Danach waschen wir als Tagelöhne­rinnen für die Gastgemeinschaft Kleider oder heben Gräben aus. Unsere Kinder gehen zur Schule, aber es gibt hier keine Arbeitsmöglichkeiten für sie.« Die Situation der somalischen Flüchtlinge in Äthiopien findet nur wenig internationale Aufmerksamkeit und noch weniger finanzielle Unterstützung.

Strahlen um die Wette: Suhai Ismael Abuker mit einer Kundin in ihrem Friseursalon. Fotos: LWB/Cornelia Kästner

Strahlen um die Wette: Suhai Ismael Abuker mit einer Kundin in ihrem Friseursalon. Fotos: LWB/Cornelia Kästner

Der Lutherische Weltbund (LWB) ist seit vier Jahrzehnten in Äthiopien präsent. Er kam 1973 auf Bitten der Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus (ÄEKMY) ins Land. Durch Projekte wie das in Jijiga zielt der LWB darauf ab, die Langzeitflüchtlinge und ihre Gastgeber mit einer Existenzgrundlage zu versorgen und ihre Abhängigkeit von Hilfsleistungen zu verringern. Darüber hinaus bietet das Projekt Ausbildung und Qualifikationen, von denen die Flüchtlinge profitieren, unabhängig davon wo sie in Zukunft leben werden. Die Unterstützung und Ausbildungsmöglichkeiten nützen auch Mitgliedern der Gastgemeinschaft, die direkt neben den Flüchtlingslagern wohnen.

Während viele Männer die Ausbildung zum Herrenfriseur wählen, entscheiden sich die meisten Frauen fürs Schneidern oder Frisieren. »Ich habe etwa 10 bis 15 Kundinnen pro Woche«, sagt Suhai Ismael Abuker. Die 19-Jährige hat mit der Hilfe des LWB zu Hause einen Kosmetik- und Frisiersalon eröffnet, weil die auf dem Marktplatz errichteten Salons vorläufig keine Stromversorgung haben. »Viele Kundinnen kommen am Monatsende, wenn die Rationen verteilt werden und die Familien wieder Geld haben«, sagt sie. Frisuren und Henna für Hochzeiten stehen hoch im Kurs. Im Lager ist es wie in jeder anderen äthiopischen Stadt: Kinder werden geboren, wachsen auf, heiraten und gründen neue Familien.

Wie Said unterstützt auch Abuker ihre Familie mit dem Geld, das sie verdient. Sie strebt an, ihren Betrieb zu vergrößern. Zurzeit stellt ihr Einkommen jedoch nur einen kleinen Beitrag zum Familienbudget dar. Die meisten ihrer Kundinnen wollen Henna-Tätowierungen – damit verdient sie pro verzierter Hand oder verziertem Fuß 50 Birr (weniger als 2 Dollar).
Keiner der Bewohner der Lager Awubere und Sheder rechnet mit einer schnellen Heimkehr. »Somalia ist nicht sicher, es ist nicht ein Ort, an den man zurückkehren kann«, sagt Yusuf Abdulrahman Hasan, ein junger Mann, der 2009 in Äthiopien ankam und sich jetzt beim LWB als Herrenfriseur ausbilden lässt. Als Jugendlicher war er vor den Bomben der Al-Shabaab-Miliz geflohen. Aus den Nachrichten weiß er, dass sich die Lage noch verschlechtert hat. Hasan hat vor, seine Zeit als Flüchtling dazu zu nutzen, eine abgeschlossene Ausbildung und Berufserfahrung zu erwerben, während er auf eine Möglichkeit zur Rückkehr wartet.

Nicht alle sind so optimistisch. Da ihre Situation seit zehn oder mehr Jahren unverändert ist, träumen besonders die jungen Flüchtlinge davon, in die USA umgesiedelt zu werden. Diese Möglichkeit wird jedoch immer unwahrscheinlicher, und so sprechen sie darüber, einen anderen Weg zu nehmen: nach Libyen und von da aus übers Mittelmeer. »Wir wissen, dass es gefährlich ist«, sagt eine junge Frau. »Wir wollen es trotzdem wagen. Wir haben hier keine Zukunft, ohne Arbeit oder Geld.« Ihre Tante ist nach Europa gegangen. Sie hat zuletzt von ihr gehört, als sie in Libyen angekommen war. Das war vor vier Jahren. Der Traum von einem besseren Leben im Norden ist dennoch stärker als das Wissen, dass Tausende von Menschen auf der Reise nach Europa umkommen.

Das Existenzgründungsprojekt bietet auch denen, die fortwollen, eine Perspektive. »Es erkennt die Tatsache an, dass die Flüchtlinge, mit denen wir arbeiten, lange Zeit hier sein werden«, sagt Sophia Gebreyes, die LWB-Ländervertreterin in Äthiopien. »In dieser langwierigen Flüchtlingssituation bietet das Projekt auch ein festes Einkommen. Es ermöglicht den Familien, hier ein würdigeres Leben zu führen, und macht die gefährliche Reise nach Europa weniger attraktiv.«

Suhai Ismael Abuker, die junge Frau mit dem Kosmetik- und Frisiersalon, träumt bereits davon, in Addis Abeba, der äthiopischen Hauptstadt, ein Geschäft zu eröffnen. »Hier sehe ich Frieden«, sagt sie. »Wenn es eine Möglichkeit gibt, ja, dann werde ich bleiben.«

Cornelia Kästner

https://de.lutheranworld.org/de

Aus Iman wird ein Christ

28. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ganz in Weiß steht der junge Mann am Taufstein der Herderkirche in Weimar. Im Hintergrund der Cranachaltar. Iman ist 25 Jahre alt, er kommt aus dem Iran.

Für seine Taufe hat sich Iman eigens weiße Kleidung gekauft. Ein Traum geht für den jungen Mann in Erfüllung. Seit vielen Jahren hatte er sich für Jesus und den christlichen Glauben interessiert. Nun, so sagt er mit einem breiten Lächeln, gehöre er endlich ganz zu Jesus. Auf der Taufkerze vor ihm steht sein Name. Ein schönes Gefühl.

Schon im Iran hatte Iman von Jesus Christus gehört. Allerdings war es für ihn dort noch deutlich schwieriger, den christlichen Glauben kennenzulernen. Und nicht selten gefährlich. Ein Leben als Christ in der Öffentlichkeit war beinahe unmöglich. Mit seiner Gitarre in der Hand lernt er noch im Iran die ersten Christen kennen. Sie treffen sich in privaten Häusern und erzählen sich die Geschichten von Jesus. Iman hört sie das erste Mal und wird neugierig. Er sagt: »Ich habe Gott damals ganz neu kennengelernt.« Noch heute leuchten ihm die Augen.

Nach seiner Flucht stehen ihm die Kirchentüren nun weit offen. Seit November 2015 ist er in Deutschland, in Weimar lebt er seit dem Sommer 2016. Er genießt die Ruhe in den Kirchen. Eines Tages sitzt er im Gottesdienst in der Herderkirche. Im Anschluss spricht ihn der Weimarer Superintendent Henrich Herbst an, es beginnt ein langer gemeinsamer Weg. Mit einem Freund kommt Iman regelmäßig zu ihm. Sie reden über den Glauben und Iman entschließt sich, sich taufen zu lassen. Herbst führt die beiden jungen Iraner an die christliche Gemeinde heran, erzählt ihnen von Jesus und vom christlichen Glauben. Sie ringen miteinander, mit ihren Geschichten und mit ihren Bildern von Gott. Der Weg führt bis hinauf in die Gedenkstätte nach Buchenwald und zur Einsicht, dass der christliche Glaube auch im Judentum wurzelt.

Iman und sein Freund beweisen einen langen Atem. Sie fragen nach, sie saugen alles auf, was sie hören. Iman sagt: »Man muss Jesus mit dem Herzen kennenlernen.« Heute gehört Iman zur Jungen Gemeinde in Weimar, mit seiner Musik und seiner Fröhlichkeit bereichert er jede Woche die jungen Menschen.

In vielen Kirchengemeinden erbitten Asylsuchende die Taufe. Belastbare Zahlen oder Statistiken gibt es nicht, da die Herkunft der Täuflinge nicht eigens erfasst wird. Einzelne Kirchenkreise sprechen auf Nachfrage von weniger als zehn Taufen pro Jahr. Und doch stellt die Taufe von Asylsuchenden Pfarrer und Gemeinden vor besondere Herausforderungen. Da gilt es zunächst häufig eine Sprachbarriere zu überwinden. Über den eigenen Glauben zu reden ist nicht leicht, erst recht nicht in einer fremden Sprache. Religiöse Begriffe und Symbole sind meist ganz anders geprägt, zum Teil auch mit schwierigen Erfahrungen besetzt.

Manchmal müssen auch Zerrbilder korrigiert werden, etwa, dass der christliche Glaube ein Vielgötterglaube sei. Nicht selten ist der Wechsel hin zum christlichen Glauben auch eine Abwendung und Entfremdung von einer religiösen Prägung, aus der die Menschen geflohen sind.

Darin unterscheidet sich die Situation der Asylsuchenden markant von den anderen Taufbewerbern in Mitteleuropa. Sie fragen nicht: Gibt es einen Gott oder nicht? Sie fragen vielmehr: Wer ist dieser Gott und was ist seine Botschaft? Immer wieder werden die Erfahrungen in den Herkunftsländern und von der Flucht zum Thema in den Taufgesprächen.

Henrich Herbst plädiert für eine behutsame Begleitung der Taufbewerber. Es brauche vor allem Zeit und den Blick auf die individuelle Situation des Asylsuchenden. In diese Richtung weist auch eine Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland, die bereits 2013 veröffentlicht wurde. Darin wird auch empfohlen, die Tragweite einer möglichen Taufe und Konversion zum Christentum offen anzusprechen. So drohen den Asylsuchenden nicht selten erhebliche gesellschaftliche Nachteile und Gefahren in ihren Herkunftsländern. Aus der Taufe ergibt sich für die Kirchengemeinden damit auch eine Verantwortung für die Täuflinge, nicht nur für die Begleitung in den Asylverfahren.

Inzwischen liegt die Taufe für Iman schon wieder zwei Monate zurück. Viele seiner Freunde haben ihm gratuliert. Mit Dankbarkeit blickt er zurück. Die Gespräche mit Superintendent Henrich Herbst und den neuen Freunden in der Kirchengemeinde gehen indes weiter. Die Taufe ist für Iman ein Meilenstein, aber nicht der Abschluss.

Ramón Seliger

Hintergrund: Handreichung und Fachtag
In ihrer Handreichung »Zum Umgang mit Taufbegehren von Asylsuchenden« von 2013 verweist die EKD darauf, dass für die Gemeinden eine besondere Verantwortung für das Leben der neuen Gemeindemitglieder erwachse. Den Täuflingen muss auch vonseiten der Kirche deutlich gemacht werden, dass im Falle einer Rückkehr der Getauften in ihre Herkunftsländer mitunter mit Nachteilen und auch mit Gefahr für Leib und Leben zu rechnen ist und auch, dass durch die Taufe keine positiven Auswirkungen auf das laufende Asylverfahren garantiert werden können.

www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/taufbegehren_von_asylsuchenden_2013.pdf

Fachtag Migration: »Taufe und Konversion im Asylverfahren«, 28. Oktober im Augustinerkloster Erfurt; Anmeldung: 03 91/53 46-3 91, E-Mail: kerstin.hensch@ekmd.de


Süd-Nord-Gefälle

17. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Christ sein – das macht in wenigen Ländern einen so großen Unterschied aus wie in Nord- und Südkorea. Die einen werden in ihrer Religionsfreiheit beschränkt, die anderen stellen seit kurzem die Mehrheitsreligion. Gerüchte über christliches Leben und Sterben in Nordkorea gibt’s viele – Bibelverbote, Umerziehungslager, Fake-Gottesdienste, um nur ein paar zu nennen. So sieht das alltägliche protestantische Christentum auf der koreanischen Halbinsel aus.

Montag, fünf Uhr morgens in Deutschland: die Schichtarbeiter denken an Feierabend und ihr weiches, kuscheliges Bett. Diejenigen, die gerade auf dem Weg zur Arbeit sind oder vor wenigen Stunden angefangen haben, gähnen vielleicht noch hinter vorgehaltener Hand und die meisten anderen liegen noch in ihren Betten und schlafen. Hinter den Kirchenfenstern brennt kein Licht.

Montag, fünf Uhr morgens in Südkorea: Die Kirchen sind hell erleuchtet, Gesang und Gebet dringen abwechselnd nach draußen. Die Morgenandacht ist in Südkorea nach Einschätzungen von Chang-bae Byun, dem Generalsekretär der Presbyterianischen Kirche von Südkorea, für viele ein wichtiges Ritual für den Start in den Tag. Und nicht nur das: Allgemein gibt es in Südkorea in einer Woche viel mehr Gottesdienste als in so manchen deutschen Kirchen. “Der Gottesdienst am Sonntagmorgen wird von 60 bis 70 Prozent der Gemeindemitglieder regelmäßig besucht”, schätzt Pfarrer Kwon Ho Rhee. Dann gebe es noch weitere Gottesdienste am Abend oder Nachmittag, die zwar etwas schlechter, aber prinzipiell nicht schlecht besucht seien. “Zusätzlich veranstalten wir dann noch die Mittwochsandacht abends, die Gebetsstunde freitags und natürlich jeden Morgen in aller Frühe die Morgenandacht”, zählt er auf und ist sichtlich stolz über das fromme Engagement der Gläubigen in seiner Heimat. Die Unterschiede zu Deutschland seien prinzipiell nicht besonders groß – die Liturgie sei ähnlich, so Rhee, nur die Stellung der Fürbitten sei in Südkorea anders: während sie dort vor der Predigt gesprochen werden, ist es in Deutschland üblich, sie nach der Predigt zu sprechen.

Kernaufgabe: der Gesellschaft dienen

Grundsätzlich sei Südkorea jedoch eine sehr säkularisierte Gesellschaft, in der Religion und Glaube in der Öffentlichkeit keine große Rolle spielen würden. Im kirchlichen Leben und im Alltag der Christen sehe es jedoch ganz anders aus. “Die drei Säulen des südkoreanischen, protestantischen Christentums sind der Besuch des Sonntagsgottesdienstes, die finanzielle Unterstützung der Kirche und die diakonische Arbeit in den Gemeinden”, erklärt Pfarrer Chang-bae Byun, der Generalsekretär der presbyterianischen Kirche in Südkorea. Unter seiner Aufsicht stehen rund 2,8 Millionen Gläubige in 8043 Kirchengemeinden – mehr als in der größten deutschen Landeskirche. “Die Kirche in Südkorea sieht sich als Diener der Gesellschaft an und arbeitet für sie und das hat eine ungeheure Anziehung auf die Menschen”, erklärt er.

Kreuz mit südkoreanischer Flagge vor der Yoido Full Gospel Church in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Die Pfingstkirche auf der Insel Yoido, dem Finanzzentrum Seouls, ist die weltgrößte Kirche und bietet den Gläubigen 15 000 Sitzplätze. Jeden Sonntag werden nacheinander sieben Gottesdienste gefeiert. Foto: epd-bild

Kreuz mit südkoreanischer Flagge vor der Yoido Full Gospel Church in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Die Pfingstkirche auf der Insel Yoido, dem Finanzzentrum Seouls, ist die weltgrößte Kirche und bietet den Gläubigen 15 000 Sitzplätze. Jeden Sonntag werden nacheinander sieben Gottesdienste gefeiert. Foto: epd-bild

Allein die presbyterianische Kirche von Südkorea unterhält mehr als 100 diakonische Einrichtungen, dazu kommen noch Krankenhäuser, Universitäten, Schulen und auch eine Wochenzeitung – und das alles ohne Kirchensteuer. Die gibt es in Südkorea nämlich nicht, die Kirchen finanzieren sich ausschließlich über Kollekte und Spenden. “Viele Menschen spenden freiwillig den Zehnten und insgesamt stehen viele Kirchen so finanziell besser da als die deutschen Landeskirchen mit der Kirchensteuer”, so Rhee, der im Augenblick in Stuttgart als Bildungsreferent mit dem Schwerpunkt Asien in der Evangelischen Mission in Solidarität arbeitet. Das große Engagement der Konfessionen habe aber auch eine Kehrseite. “Es fehlt eine institutionelle Vereinigung, die die Bemühungen gezielt koordiniert. Jeder will ein eigenes Krankenhaus oder eine eigene Schule betreiben, um so seine eigene Kirche zu vergrößern, mehr Ansehen und auch mehr Geld zu erhalten. Dieser Wettbewerb ist aber nicht immer im Sinn und Nutzen der Gesellschaft. Und so gerät manchmal die Kernaufgabe – nämlich der Gesellschaft zu dienen und ihr so das Evangelium zu vermitteln – aus dem Blick”, kritisiert Pfarrer Kwon Ho Rhee.

Insgesamt rund 20 Minuten der Zeit wird gesungen und in fast jedem Gottesdienst wirkt ein Chor mit. Die Lieder sind überwiegend klassisch-europäisch oder amerikanisch geprägt – Überreste aus der Zeit der Missionierung, die dort im Süden der Halbinsel noch in mehreren Bereichen weiter fortwirkt. “Die koreanische Spiritualität ist vom Konfuzianismus, Buddhismus und Schamanismus geprägt – formell finden sich diese Einflüsse in unserem kirchlich-religiösen Leben aber nicht wieder”, beklagt Rhee. In den Liedern und auch in der Liturgie spiegle sich der ganz speziell südkoreanische kulturelle Hintergrund noch nicht wieder, man habe in diesem Bereich noch keine eigene Identität gefunden. “Wir sind noch sehr abhängig von abendländischen Einflüssen. Dabei sind all diese anderen Einflüsse ein wesentlicher Teil der koreanischen Kultur und das muss angenommen und ins christliche Leben integriert werden” sagt Rhee.

Säkularisiertes Südkorea

Über 1.000 Jahre war Südkorea aus religiöser Sicht ein buddhistisch geprägtes Land. Seit 2015 ist das offiziell nicht mehr so. Ein Zensus ergab, dass von den 51 Millionen Südkoreanern rund 13,3 Millionen christlichen Glaubens sind – im Vergleich zu 7,6 Millionen Buddhisten. Grob unterteilen sich die südkoreanischen Christen in 9,5 Millionen Protestanten und 3,5 Katholiken. Jedoch zersplittert sich der südkoreanische Protestantismus in rund 200 verschiedene Denominationen, von denen 60 bis 70 Prozent presbyterianisch sind. “Mein Heimatland ist nach außen hin nicht sehr christlich, auch wenn es mittlerweile die größte Religion ist”, sagt Pfarrer Kwon Ho Rhee. Er weist stattdessen auf den sehr stark säkularisierten Charakter des Landes hin. Jedoch sei zum Beispiel die große Wertschätzung für Bildung in Südkorea definitiv auf die Arbeit der protestantischen Missionare zurückzuführen. “Das beeinflusst unsere Gesellschaft bis heute”, so Rhee. Und Generalsekretär Byun sieht auch christlichen Einfluss auf die Politik seines Landes – allerdings noch nicht in so großem Umfang wie beim Buddhismus. “Die hatten ja auch über 1.000 Jahre mehr Zeit dafür”, scherzt er.

Die Entwicklung des Protestantismus in dieser Region ist beeindruckend, denn ihn gibt es erst seit Ende des 19. Jahrhunderts auf der koreanischen Halbinsel: Als besonders erfolgreich gelten die Presbyterianer, die 1885 den ersten ordinierten Missionar ins Land schickten. Im heute nordkoreanischen Pjöngjang, das damals den Beinamen “Jerusalem des Osten” trug, entwickelte sich zum Zentrum des koreanischen Protestantismus und erlebte seit 1907 eine enorme Erweckungsbewegung, die schnell das ganze Land ergriff. “Die Koreaner”, so Rhee, “haben das Christentum selbst für sich entdeckt. Die christliche Mission war ein Zeichen der Moderne, ein Zeichen der Überwindung des japanischen Imperialismus durch die von den Missionaren mitgebrachte Technik.” Außerdem haben die Missionare eine Infrastruktur aus Krankenhäusern, Kindergärten, Schulen und noch vielem mehr aufgebaut, was die Bevölkerung für sie eingenommen habe.

Christen als Unterstützer der Demokratie

Zwischen 1910 und 1945 war die koreanische Halbinsel eine japanische Kolonie – während die Christen in vielen anderen Ländern, in denen sie missionierten, als Unterdrücker und Eroberer empfunden wurden, war es dort anders: Die Christen waren Unterstützer der Demokratie- und Unabhängigkeitsbewegung und verdienten sich so ein hervorragendes Images. So wuchs die Zahl der Gemeindemitglieder bis 1939 auf mehr als 360.000 an. Durch die zunehmende Unterdrück und die Auswirkungen des Krieges verringerte sich die Zahl der Christen aber innerhalb von knapp sechs Jahren wieder auf 200.000 auf der gesamten koreanischen Halbinsel.

Mit der Befreiung von den Japanern, die im Norden von den Russen und im Süden von den Amerikanern entwaffnet wurden, und der folgenden Teilung der Halbinsel wurde das Schicksal des Protestantismus entschieden. “Am Anfang war im kommunistischen Nordkorea noch die Devise: Solange das Christentum nicht Gegner des bestehenden Systems wird, wird es toleriert”, sagt Lutz Drescher, der selbst bereits fünf Mal in Nordkorea war. Hintergrund dieser vorläufigen Toleranz war unter anderem die Tatsache, dass Staatsgründer Kim Il Sung aus einer christlichen Familie stammte. Sein Großvater mütterlicherseits war protestantischer Geistlicher, seine Mutter Kang Ban-sok war Christin und Kim Il Sung selbst hatte eine christliche Schule besucht. “Es kam aber erwartungsgemäß ziemlich schnell zum Gegensatz”, erklärt Drescher. Das Ergebnis: Kim Il Sung verurteilte Priester und Gläubige entweder zum Tode oder ließ sie in Arbeitslager sperren – ein sehr düsteres Kapitel in der Geschichte des nordkoreanischen Christentums. “Und der Koreakrieg zwischen 1950 und 1953 hat dem Christentum in Nordkorea quasi den Todesstoß verpasst, weil die christlichen Amerikaner aus nordkoreanischer Sicht das Land in Schutt und Asche gelegt haben”, erklärt Drescher weiter.

Die meisten Protestanten seien in den Süden geflohen, nur ungefähr 1.000 blieben zurück und wurden jahrelang unterdrückt. “Erst ab ungefähr 1972 gab es in Nordkorea wieder so etwas wie christliches Leben”, schildert Drescher, “Die Familie von Kim Il Sungs Mutter wollte nämlich wieder Gottesdienst feiern und das Regime hatte ein Interesse daran zu zeigen, dass sie Religionsfreiheit tolerieren.” Deswegen behaupten einige, dass die Kirchen im Land eben nicht der Aufrechterhaltung des Christentums, sondern nur der Propaganda dienen. Im Weltverfolgungsindex für Christen von Open Doors belegt Nordkorea schon seit Jahren den ersten Platz, auch wenn Experten wie Lutz Drescher die Menschen dazu anhalten, diese Zahlen und Aussagen mit einer gewissen Portion Skepsis zu betrachten.

Missionierung unerwünscht

Der Nordkoreanische Christenbund ist die offizielle Dachorganisation nordkoreanischer Christen. Insgesamt gibt es Schätzungen zufolge rund 10.000 evangelische Christen im von Kim Jong Un regierten Nordkorea. Sie beten entweder in einer der zwei evangelischen Kirchen in Pjöngjang oder gehören einer der rund 500 Hausgemeinden im ganzen Land an. Prinzipiell gebe es zwar auch vereinzelt Nordkoreaner, die zum Christentum konvertiert sind, aber die Mehrheit der Christen im Land stellen Familien, die bereits seit Generationen christlich sind. “Das liegt auch daran, dass Missionieren, besonders von außen, aber auch von innen, in Nordkorea unter drakonischen Strafen verboten ist. Wenn Christen wegen ihres Glaubens in Arbeits- oder Umerziehungslager geschickt werden, so wie es spätere Flüchtlinge beschrieben haben, dann hat das häufig weniger mit ihrem Glauben an sich zu tun als mit ihrer Missionierungsarbeit”, sagt Paul Oppenheim, früherer Asien-Referent der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Der Protestantismus mit seinen engen Verbindungen zu Südkorea und den USA stehe da im besonderen verdacht, nicht nur religiöse Inhalte verbreiten zu wollen.

Doch obwohl das Christentum in Nordkorea sozusagen durch die Familie “weitervererbt” wird, hat Lutz Drescher bei seinen Besuchen in Nordkorea nie Kinder in den Gemeinden gesehen – so etwas wie einen Kindergottesdienst oder ähnliche Angebote scheint es nicht zu geben. “Das Leben in Nordkorea ist sehr stark reglementiert und in ganz, ganz engen Grenzen ist das religiöse Leben gestattet. Das beschränkt sich aber auf den Besuch des sonntäglichen Gottesdiensts”, sagt auch Oppenheim, der selbst bereits drei Mal das Land besucht hat. Und gerade die Gottesdienste in den Kirchen seien umstritten: Manche ausländischen Besucher behaupten, es sei nichts weiter als eine Show, die für ausländische Gäste abgezogen werde, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die länger im Land leben, sind hingegen der Meinung, dass es sich bei den Gottesdiensten um echte Lobpreisungen des Herrn handelt. “Es ist sehr, sehr schwierig, Dinge in diesem Land zu verifizieren”, erzählt Oppenheim und fährt fort, “das, was sie sehen, kann die Wirklichkeit sein, muss aber nicht.”

Auch Lutz Drescher weiß, wie schwierig es ist, belastbare Aussagen über das christliche Leben in Nordkorea zu treffen. Es gäbe viele Gerüchte, denen niemand widerspreche und deren Wahrheitsgehalt nur schwer nachprüfbar sei. Dazu zählen auch die christlichen Untergrundgemeinden, die es angeblich im Land gebe. Das halten aber sowohl Drescher als auch Oppenheim beruhend auf ihrer jahrzehntelangen Erfahrung für sehr unwahrscheinlich. “Nordkorea ist ein typisches nationales Sicherheitsregime, da sind die Kontrollen viel zu hoch, als dass sich da tatsächlich mehrere Untergrundgemeinden bilden könnten”, so Drescher. Schon in den offiziellen Gemeinden könne man davon ausgehen, dass ein Drittel der Leute dort sei, um die anderen zwei Drittel auszuspionieren. Wer einen Gottesdienst in Nordkorea besucht, dem werden laut Lutz Drescher zwei ungewöhnliche Dinge auffallen: “In allen nordkoreanischen Gebäuden hängt ein Bild von Kim Jong Un und Erwachsene Nordkoreaner tragen eigentlich immer einen kleinen Button mit dem Bildnis des Staatsgründers Kim Il Sung auf der Brust – in den Kirchen hingegen werden sie kein Bild finden und während des Gottesdienst legen die Gläubigen den Button ab. Und das wird von der Staatsführung so hingenommen.”

Bibelbesitz in Nordkorea nicht per se problematisch

Dass der Besitz der Bibel in Nordkorea verboten sei, ist ein weiteres Gerücht, dass sich sehr hartnäckig hält und dass sich laut Oppenheim und Drescher nur schwer zerstreuen lasse, weil viele Menschen ein festes Bild von Nordkorea hätten, dass sie nicht an die Wirklichkeit anpassen wollen. “In Nordkorea wurden ungefähr 30.000 bis 40.000 Bibeln gedruckt und wer Mitglied einer eingetragenen Gemeinde ist, bekommt auch ein Buch ausgehändigt. Da muss nichts geschmuggelt werden. Anders sieht es schon wieder aus, wenn man kein Mitglied einer Gemeinde ist, dann könnte es schon schwieriger sein, an eine Bibel zu kommen. Das weiß ich aber nicht mit letzter Sicherheit”, sagt Oppenheim. Es gebe in Nordkorea auch ein eigenes Gesangbuch, das größtenteils Lieder aus der amerikanischen Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts umfasse. “Natürlich steht da nirgendwo ein Verfasser”, so Lutz Drescher – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Und über die chinesische Grenze, so Drescher, werden auf Sticks jedoch auch Predigten und christliche Literatur geschmuggelt.

Die Ausbildung der nordkoreanischen Pfarrer findet in einem theologischen Seminar statt, das von südkoreanischen Geistlichen geleitet wird. Dort werden zehn bis zwölf Nordkoreaner fünf Jahre berufsbegleitend ausgebildet. “Und erst wenn der eine Jahrgang fertig ist, wird ein neuer zugelassen”, schildert Drescher. Er selbst hat von 1987 bis 1995 in einem Armenviertel in einer südkoreanischen Basisgemeinde gearbeitet, war von 2001 bis 2016 Verbindungsreferent für Asien der Evangelischen Mission in Solidarität und begleitete die vier nordkoreanischen Delegierten, die zur Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen nach Leipzig gereist sind.

Aus Waffenstillstand soll Frieden werden

“Sollte es eine Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea geben, würden die Kirchen nur so aus dem Boden sprießen”, ist sich Lutz Drescher sicher. Die Nordkoreaner seien sehr spirituelle, fromme Menschen, die das seit Jahren in einen Führerkult um ihren Staatschef ausleben. Bis dahin sei der Weg aber noch lang. Vorher wäre es schon hilfreich, wenn aus dem mittlerweile seit 64 Jahren andauernden Waffenstillstandsvertrag zwischen Nord- und Südkorea ein Friedensvertrag würde. “Dann gibt es auch echte Hoffnung darauf, dass sich die Menschenrechtslage in dem Land verbessert”, so Drescher überzeugt. Denn im Augenblick gehe es den Nordkoreanern nicht gut, sie würden ein sehr einfaches und gleichzeitig sehr hartes Leben führen und die ständige Bedrohung von außen, so wie sie sie wahrnehmen, stärke den Zusammenhalt und schweiße sie enger zusammen.

Diese Wahrnehmung unterstrich auch Ri Jongro von der christlichen Föderation Nordkoreas in seiner Rede vor den Delegierten der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. In ihr bezeichnete er die Handlungen der USA als “selbstherrlich und willkürlich” und kritisierte die Sanktionen, die das Leben in seiner Heimat einschränkten – selbst Kinderspielzeug stehe auf den Sanktionslisten. “Die Situation wird immer schwieriger und gefährlicher”, so Jongro, meint damit aber nicht die nordkoreanischen Raketentest, sondern die Militärmanöver der Vereinigten Staaten. “Die USA brechen internationales Recht und wir sind zur Selbstverteidigung gezwungen Es wird immer mehr Spannungen geben auf der koreanischen Halbinsel geben und wir werden beschuldigt, daran schuld zu sein”, echauffiert sich der Nordkoreaner weiter. Aus seiner Sicht sei Frieden nicht möglich, solange die USA so weitermachen wie bisher. Zumindest in dieser letzten Feststellung sind sich Ri Jongro und Lutz Drescher einig: auch aus seiner Sicht seien ein sofortiges Ende der gemeinsamen Militärübungen der Vereinigten Staaten und Südkoreas sowie mittelfristig der Abzug der amerikanischen Truppen von der koreanischen Halbinsel ein wichtiger Schritt in Richtung Frieden. Der südkoreanische Delegierte Lee Jaechun sagte, für eine friedliche Koexistenz beider Länder seien viele kleine Schritte nötig. Eine Möglichkeit dazu sei eine breite Volksbewegung ohne Beteiligung der Großmächte.

An diese Volksbewegung, die für Frieden auf der koreanischen Halbinsel sorgen kann, glaubt auch die junge Südkoreanerin Ahee Kim, deren Großvater während des Koreakrieges aus Nordkorea in den Süden geflohen ist. Ihre entfernten Verwandten im Nachbarland kennt sie nicht. “Ich träume von der Wiedervereinigung. Sie wird kommen, wenn die Nordkoreaner aufstehen und friedlich für die Freiheit demonstrieren”, erzählt sie. Bis dahin sei es ihr Ziel, sich für die nordkoreanischen Flüchtlinge in ihrer Heimat einzusetzen. Nach ihrer Flucht werden die nämlich erstmal drei Monate lang verhört und dann auf das Leben in Südkorea vorbereitet, das sich gänzlich von dem in ihrer Heimat unterscheidet.

“Farben symbolisieren die Situation ganz gut: das eine Land ist rot, das andere blau und die Flüchtlinge sind lila – sie passen in keine Gesellschaft rein, stechen überall heraus”, so Kim. Nordkoreanische Geflüchtete würden viel Diskriminierung erfahren “Die deutsche Geschichte gibt mir Hoffnung für Korea: es war schon einmal möglich, ein Volk nach Jahrzehnten der Trennung durch Mauern, Stacheldraht und unterschiedlichen Ideologien wiederzuvereinigen und hoffentlich wird es für meine Heimat auch möglich sein – irgendwann.” (evangelisch.de)

Lena Ohm

Teresa und ihr »Mix-Mix«-Laden

15. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor Ort erfahren, wie faire Geldanlagen aus Mitteldeutschland bei Frauen auf den Philippinen Früchte tragen – das war die Intention der Reise, zu der Vertreter der Entwicklungsgenossenschaft »Oikocredit« Anfang dieses Jahres aufbrachen.

Vor über 40 Jahren wurde auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen »Oikocredit« gegründet. Einmal im Jahr bietet die Entwicklungsgenossenschaft ihren ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden die Chance, Partnerorganisationen und Endkunden zu besuchen.

Weltweit sind es 70 Länder, in denen »Oikocredit« Mikrofinanzinstitutionen, Genossenschaften und kleine bis mittlere Unternehmen fördert. »Oikocredit« vergibt selbst keine Mikrokredite an Kunden, sondern unterhält vor Ort Länderbüros, in denen Mitarbeitende die insgesamt 801 Partnerorganisationen mit Finanzierung und Beratung unterstützen. Eine dieser Organisationen, die wir im Rahmen unserer Studienreise besuchten, ist die »Negros Women for Tomorrow Foundation« (NWTF). Drei Philippinas riefen sie 1986 ins Leben mit dem Ziel, ein karikatives Schulspeisungsprogramm auf der Insel Negros aufzubauen.

Daraus hat sich in der Zwischenzeit eine Stiftung mit mehr als 100 Niederlassungen auf den Visayas, der zentral gelegenen Inselgruppe der Philippinen, entwickelt. Über 60 Prozent der Kredite, die NWTF vergibt, werden als Mikrokredite an Gruppen von jeweils fünf Frauen vergeben, die einander beraten und solidarisch füreinander bürgen.

Das Programm nennt sich »Dungganon«, was mit »ich bin ehrenhaft« übersetzt werden kann. Es dient der Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen und ihren Familien. In wöchentlichen Nachbarschaftstreffen werden Kreditvergabe und Rückzahlungen vom NWTF-Fachpersonal koordiniert. Die sogenannten »laonofficer« sind ehemals oft selbst Empfängerinnen von Kleinkrediten gewesen und kennen die Bedürfnisse und Lebensumstände ihrer Kundinnen sehr gut. Und so ist es nicht verwunderlich, dass neben dem Finanziellen der Erfahrungsaustausch der Frauen und persönliche Themen auf der Tagesordnung der Treffen stehen.

Von Ananas bis Zahnpasta – alles erhältlich bei Teresa Tomaro. Fotos: Nicolas Villaume

Von Ananas bis Zahnpasta – alles erhältlich bei Teresa Tomaro. Fotos: Nicolas Villaume

Die Kundinnen werden von NWTF sorgfältig ausgewählt und beraten, damit die mit dem Kredit finanzierte Tätigkeit dauerhaft ein Einkommen für die Familien generiert und nicht umgekehrt der Kredit aus dem Familieneinkommen finanziert werden muss.

Ein weiterer Bonus ist das vielfältige Sozialprogramm. Davon kann auch Teresa Tomaro (43) berichten: »Ich habe sehr von den Programmen von NWTF profitiert, neben der finanziellen vor allem auch von der sozialen Unterstützung. Es gibt für alle Kundinnen samt Familien ein Versicherungs- und Gesundheitspaket. Daher bin und bleibe ich auch Kundin von NWTF. Wir bekommen hier vor Ort Training, Schulungen und Beratungen für Buchhaltung, Marketing, Budgetierung und Management«, erzählt sie freudig.

Teresa Tomaro begann 2002 als Kundin von NWTF mit einem Kredit von umgerechnet knapp 60 Euro. Sie lebt im 1 000-Seelen-Dorf St. Rita auf Bacolod. Der Ort besteht zum Großteil aus Bambusunterkünften ohne Toiletten, die Wasserzufuhr kommt über Pumpen im Hof. Die Hütten muten auf den ersten Blick vielleicht idyllisch an, aber wenn die Erde bebt oder es regnet und stürmt bieten sie wenig Schutz.

Die 43-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder. Sie betreibt einen Sari-Sari Shop; das heißt übersetzt Mix-Mix, also ein Kaufladen, in dem man alles Notwendige bekommt. Den Laden, der auf ihrem Grundstück liegt, hält sie täglich von 5 bis 20 Uhr geöffnet – außer sonntags, wenn das ganze Dorf zum katholischen Gottesdienst geht. Ihr Mann ist dank der Kredite Truckfahrer, er macht Lieferungen für den Shop und bietet weitere Transporte an.

Treffen der Frauen von St. Rita im Community Center. Hier machen sie ihre Abrechnungen, tauschen sich aus, beten und singen gemeinsam.

Treffen der Frauen von St. Rita im Community Center. Hier machen sie ihre Abrechnungen, tauschen sich aus, beten und singen gemeinsam.

Teresa Tomaro führt uns stolz umher, erzählt von ihrem Arbeitsalltag und den Effekten ihres Kleinkredits: »Von meinem ersten Profit haben wir den Boden unseres Hauses zementieren lassen. Darüber hinaus bin ich froh und dankbar, dass unsere Kinder jetzt zur Schule gehen können. Zwar kostet der Schulbesuch hier kein Geld, aber die Uniform, der Transport, die Bücher und Mahlzeiten konnten wir uns zuvor nicht leisten. Meine Älteste arbeitet nebenbei auch im Shop mit.« Sie ist ein Vorbild in der Nachbarschaft: »Da wir immer als fünfköpfige Frauengruppe einen Kredit bekommen, hat sich auch das Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühl untereinander toll entwickelt. Ich rate meinen Freundinnen: Man braucht viel Geduld und muss es sehr ernst nehmen, den Kredit nur für das Geschäft einzusetzen!«

Damit schaffen es 30 Prozent der Kundinnen, innerhalb von fünf Jahren über die Armutsgrenze von 1,25 Dollar pro Tag zu kommen. So können sie für ihre Grundbedürfnisse aus eigener Kraft sorgen: ein festes Dach, Bildung, Kleidung, Hygiene, Nahrung – und sich auch kleine Wünsche erfüllen, die über das Notwendige hinausgehen: »Auf meinen Fernseher möchte ich nicht mehr verzichten«, lacht Teresa Tomaro.

Lena Husemann

Die Autorin ist Geschäftsführerin des »Oikocredit«-Förderkreises Mitteldeutschland. Sie berichtet gerne bei Gemeinde­veranstaltungen über ihre Philippinenreise und »Oikocredit«, Telefon (03 91) 59 77 70 36

www.mitteldeutschland.oikocredit.de

Weltumspannender Klang

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Beim 5. Weltglockengeläut erklingt am 5. August in einer Liveschaltung die Glocke der Kirche von Kotagiri im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, die 1908 im thüringischen Apolda gegossen wurde.

Zu erleben ist dies auf der Bühne der Thüringer Landesgartenschau »Blütezeit Apolda« und im Internet. Als Moderator und Akteur »vor Ort« in Südindien konnte Daniel Schad gewonnen werden, dessen Urgroßeltern zur Zeit der aufwendigen Glockenanlieferung als Missionare in Kotagiri tätig waren.

Daniel Schad ist als Violinist der Staatskapelle Halle tätig und Vorsitzender des 2009 gegründeten Vereins »Straße der Musik«, der die reichhaltige Musikgeschichte Mitteldeutschlands (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken will. Eine dafür erstellte Komponisten-Liste seit der Reformationszeit umfasst 1 632 Namen!

Schad ist jedoch nicht nur als Musikhistoriker aktiv, sondern erforscht auch die Geschichte seiner Vorfahren. So hat er unter dem Titel »Erinnerungen aus meinem Leben« die Familienchronik der Leipziger und Basler Missionarsfrau Susanna Schad in Indien veröffentlicht. Darin beschreibt seine Urgroßmutter unter anderem das Kennenlernen ihres Mannes, des Missionars Friedrich Schad, die Vorbereitungen zur Reise nach Indien, die Vorfreude auf die Hochzeit in Madras sowie die Geburt der fünf Töchter und des Sohnes in Indien. Die detailreichen Aufzeichnungen leisten einen authentischen Beitrag zur protestantischen Missionsgeschichte.

Impressionen aus einer anderen Zeit: Susanna Schad mit den Zwillingen Bettina und Philipp, dem Großvater von Daniel Schad (Foto links, um 1907), in der von zwei Einheimischen gezogenen Rikscha. Die Missions-Kirche in Kotagiri, wie sie um 1900 aussah (Foto oben). Fotos: Familien-Archiv und Basler Missions Archiv

Impressionen aus einer anderen Zeit: Susanna Schad mit den Zwillingen Bettina und Philipp, dem Großvater von Daniel Schad (Foto links, um 1907), in der von zwei Einheimischen gezogenen Rikscha. Die Missions-Kirche in Kotagiri, wie sie um 1900 aussah (Foto oben). Fotos: Familien-Archiv und Basler Missions Archiv

Aus seinem umfangreichen Archiv stellte Daniel Schad der Kirchenzeitung einen Bericht seines Urgroßvaters zur Verfügung, der uns am damaligen Geschehen unmittelbar teilhaben lässt: »Die Glocke ist tadellos angekommen. Sie hat die lange Reise ausgezeichnet überstanden, hängt bereits auf ihrem Gerüst und erfreut uns alle durch ihren wunderschönen vollen Ton. An Himmelfahrt, an welchem Tage wir auch unser jährliches Missionsfest feiern, hat sie für uns zum ersten Mal geläutet und der Jubel und die Freude über dieses schöne Meisterwerk waren allgemein.«

Über die Ankunft der Apoldaer Glocke im Jahr 1908 schreibt er: »Am 23. Mai, einem Samstag, mittags um 12 Uhr, fuhr der Ochsenwagen langsam herein, der die Glockenkiste von Mettuplayam am Fuß der Berge zu uns heraufzubefördern hatte. Wir hatten uns gerade eben zu Tische setzen wollen, aber nun war es mit dem Essen vorbei, denn jetzt musste die Kiste erst abgeladen, die Glocke ausgepackt, von vier starken Männern auf die Veranda getragen, ihr Ton geprüft und sie nach allen Seiten bewundert werden. Das Gerücht hatte sich schnell verbreitet, und vom Samstagnachmittag an kamen und gingen die Menschen immerzu, um das Wunderwerk anzustaunen und zu loben.

Am Montag ging es dann an den Bau des Glockengerüstes. Maurer, Tischler und Schmiede, Heiden und Christen halfen zusammen, ein erfahrener Ältester beaufsichtigte das Ganze, und am Mittwochnachmittag waren wir endlich so weit, dass wir die Glocke aufhängen konnten. Im Triumph wurde sie geholt und den Kirchberg hinaufgetragen und zu aller Freude gelang dann auch das letzte und schwierigste Stück der Arbeit noch. Um drei Uhr nachmittags hing sie oben hellglänzend im Schein der Sonne. Dann ging es ans Schmücken des Gerüstes mit Blumen, Farren (Farnen) und Girlanden. Um vier Uhr versammelten sich alle zur Glockenfeier …«

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Franz Schilling die Glocke und den Transport nach Indien seinerzeit zu einem Vorzugspreis von 362,55 Mark ermöglichte.

Michael von Hintzenstern

Musikalische Lesung aus der Susanna-Schad-Biografie mit Daniel Schad: 11. August, 19.30 Uhr, Leipziger Missionshaus

www.weltglockengelaeut.de

Live-Stream:
www.livestream.com/salveworld

Herzenssache »Kinderhilfe«

31. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Spannung auf das, was sie erwartet, ist allen ins Gesicht geschrieben: Eva, Dietrich, Karin und Tabea sind vier von 27 Freiwilligen, die der Ostthüringer Verein Kinderhilfe Westafrika ab September nach Benin und Ghana entsendet.

Im letzten Vorbereitungsseminar vor ihrem Einsatz wird noch einmal alles besprochen, es wird aufgeklärt, diskutiert und gezeigt, was die jungen Leute in der Ferne erwartet. Der Ort des Seminars, das Gemeindezentrum der Evangelischen Christengemeinde in Gera-Ernsee gleicht in diesen Tagen einer internationalen Konferenz. Ein Sprachengewirr aus Deutsch, Englisch und Französisch umgibt die Freiwilligen, Verantwortlichen und die Gäste aus Westafrika, die zu einer Partnerkonferenz nach Deutschland gekommen sind. Vertreter von insgesamt zehn afrikanischen Partnerorganisationen aus vier Ländern pflegen auf Seminaren den Dialog auf Augenhöhe und lernen Land und Kultur der Freiwilligen aus Deutschland kennen. Richtig passend erweist sich, dass parallel zu den Seminaren in Gera-Ernsee der 10. Jahrestag der Kinderhilfe Westafrika begangen werden kann.

Vorfreude: Eva Stübiger, Dietrich Neubert, Karin Gräßer und Tabea Heck (v. li.) beim letzten Vorbereitungsseminar Mitte Juli in Gera-Ernsee. Alle vier kommen aus den neuen Bundesländern, sind in Plauen, Bad Brambach und Jena zu Hause. Ihre Einsatzländer werden Ghana und Benin sein. Foto: Wolfgang Hesse

Vorfreude: Eva Stübiger, Dietrich Neubert, Karin Gräßer und Tabea Heck (v. li.) beim letzten Vorbereitungsseminar Mitte Juli in Gera-Ernsee. Alle vier kommen aus den neuen Bundesländern, sind in Plauen, Bad Brambach und Jena zu Hause. Ihre Einsatzländer werden Ghana und Benin sein. Foto: Wolfgang Hesse

Doch wie hat das alles angefangen? Die Wurzeln der Arbeit in Afrika liegen in Burkina Faso und fast 20 Jahre zurück. Rein zufällig lernte Torsten Krauße aus Kahmer, einem Ortsteil von Mohlsdorf-Teichwolframsdorf im Thüringer Landkreis Greiz, Pastor Moise Oubda und seine Frau Elisabeth kennen. Dieses Zusammentreffen bildete die Basis einer wunderbaren Freundschaft, die bis heute anhält.

Von Elisabeth Oubda erfuhr Torsten Krauße von einem Projekt, das sie im Jahre 2001 in Bobo Dioulasso (Burkina Faso) aufgebaut hat. Es ist das Dorcas Center, ein christliches Hilfszentrum für Frauen und Kinder. Hier werden Mädchen und junge Frauen zu Schneiderinnen ausgebildet, Waisenkinder und Straßenjungs betreut und ein Kindergarten betrieben. Torsten Krauße war von diesem Programm fasziniert und wollte seinen Freunden in Burkina Faso helfen. »Wir mussten einfach etwas machen«, erinnert er sich.

Heute, zehn Jahre nach der Gründung des Vereins Kinderhilfe Westafrika, ist diese Vision Wirklichkeit geworden. Die intensive Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen vor Ort erstreckt sich inzwischen neben Burkina Faso auch auf Benin, Ghana und Nigeria. Seit acht Jahren entsendet der Verein Freiwillige zu den Organisationen in Westafrika.

Möglich wird das durch die Zusammenarbeit mit der Entsendeorganisation »weltwärts« und Engagement Global, einem Ansprechpartner im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Eva Stübiger, Tabea Heck, Karin Gräßer und Dietrich Neubert gehören zu den Freiwilligen, die 2017 die Arbeit in Westafrika fortsetzen. Alle vier kommen aus den neuen Bundesländern, sind in Plauen, Bad Brambach und Jena zu Hause.

Für Tabea (18), Eva (18) und Karin (19) beginnt mit diesem Einsatz nach der Schule ein neuer Lebensabschnitt. Gerade noch in den Abiturprüfungen, stehen sie vor einer neuen Herausforderung. »Auf diesen Freiwilligendienst von Kinderhilfe Westafrika sind Karin und ich im christlichen Jugendmagazin Teensmag aufmerksam geworden«, erinnert sich Tabea. Eva aus Bad Brambach erfuhr davon von ihrem Pfarrer, der die Organisation bereits kannte. Für Dietrich Neubert ist der Freiwilligendienst in Westafrika eine konsequente Fortsetzung seiner Arbeit in sozialen Einrichtungen. Dieser Herausforderung möchte sich der 26-Jährige jetzt gern stellen.

Eva hat sich für Benin entschieden. Sie liebt Französisch und weiß, dass es in Benin die Amtssprache ist. Die anderen drei werden nach Ghana gehen, wo vorwiegend Englisch gesprochen wird. Anfänglich, so schätzen alle, sind sie mit den schulischen Sprachkenntnissen gut vorbereitet. Das haben die Gespräche mit den Partnerorganisationen bestätigt. Dennoch gilt für jeden Einzelnen, der in diese neue Umgebung kommt: »Learning by Doing«. Während des Vorbereitungsseminars haben sich die Freiwilligen ausführlich mit den Projekten beschäftigt, in denen sie arbeiten werden.

Es ist eine gute Vorbereitung, die die Freiwilligen von der Entsendeorganisation bekommen. Keiner wird auf sich allein gestellt sein. Sie sind immer zu zweit im Land, wohnen mitunter bei den leitenden Pfarrern und bekommen Betreuer zur Seite gestellt, die sie stets erreichen können. Eigentlich ist alles rund, könnte man denken – doch die vier jungen Menschen haben Respekt vor dem, was sie erwartet. Für Tabea, Eva und Karin ist es das erste Mal, dass sie so lange Zeit auf sich gestellt sind und ihre gewohnte Umgebung verlassen. »Mittlerweile überwiegt die Vorfreude gegenüber der anfänglichen Angst. Das Vorbereitungsseminar hat mich motiviert«, sagt Eva.

Für Torsten Krauße und die anderen haupt- und ehrenamtlichen Helfer der Kinderhilfe Westafrika gehört der christliche Glaube zu ihrem Leben und bildet das Fundament ihrer Arbeit. Es sind vor allem christliche Partnerorganisationen in Afrika, die der Verein unterstützt. Gerade die Pfarrer in den Dörfern und Städten sind diejenigen, die etwas für die Menschen vor Ort tun. Anders als bei uns stehen die christlichen Zentren und die Gemeinden im Mittelpunkt des Zusammenlebens.

Dies wird ganz besonders beim Entsendegottesdienst in Gera-Ernsee sichtbar. Die tiefe Verbundenheit zu Gott schwingt bei allem mit, was in diesen zwei Stunden passiert. Mit großer Begeisterung berichten die afrikanischen Gäste von ihrer Arbeit. Immer wieder kommt ein Halleluja über ihre Lippen. Dankbar schauen sie auf das zurück, was der Herr durch ihr Werk getan hat und dass man ohne die Unterstützung der Kinderhilfe Westafrika nicht so weit wäre.

In den Ausbildungsprojekten in Ghana werden Tabea, Karin und Dietrich arbeiten. Sie werden in sogenannten Extra Classes beim Unterricht helfen und Fächer wie Englisch, Mathematik und Informatik unterrichten. Eva wird im College Sion, einem Gymnasium in Benin, beim Deutsch- und Informatikunterricht helfen. Direktor Rene Sobabé ist von dort gekommen und berichtet, dass im vorrangig muslimischen Norden Benins durch Bildung den Kindern und Jugendlichen geholfen werde, sich aus traditionellen familiären Strukturen zu lösen.

Für die jungen Frauen aus Mitteldeutschland gehört Gott ganz selbstverständlich zu ihrem Leben. Eva nimmt ihren Glauben als ein Stück Heimat mit nach Benin. Sie ist gespannt, wie dort die Religion gelebt wird. Als Christen möchten Tabea und Karin in Afrika gemeinsam im Glauben wachsen. Dietrich hingegen sieht sich nicht als frommen oder gläubigen Menschen. Dennoch möchte er das Leben im Glauben vor Ort respektieren, offen und in Demut den Menschen begegnen.

Für Tabea ist es wichtig, dass die Kinderhilfe Westafrika eine christliche Organisation ist, »das macht schon einen großen Unterschied zu anderen Hilfsorganisationen weltweit und hilft mir, mit dem Herzen dabei zu sein«.

Wolfgang Hesse

www.kinderhilfe-westafrika.de

Iran: Haft und Peitschenhiebe für christliche Konvertiten

25. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Jahr 2012 entging Pfarrer Youcef Nadarkhani im Iran nur knapp der Todesstrafe, die ein Gericht 2010 wegen Apostasie (»Abfall vom Islam«) gegen ihn verhängt hatte. Jetzt ist Nadarkhani wieder ins Visier der iranischen Justiz geraten und am 24. Juni zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) erklärte, ist der Hintergrund der Verurteilung die erfolgreiche Mitarbeit des ehemaligen Muslims an der Gründung inoffizieller Hausgemeinden. Außerdem werde er beschuldigt, »Zionist« zu sein. Wie es im Urteil heißt, das seinem Anwalt am 6. Juli zugestellt wurde, muss Pfarrer Nadarkhani nach Verbüßung seiner Haft weitere zwei Jahre zur Verbannung in Nikshahr im äußersten Süden der Islamischen Republik – rund 2 000 Straßenkilometer entfernt von seiner Familie und seiner Gemeinde.

»Sein Anwalt hat zumindest auf dem Papier noch die Möglichkeit, innerhalb von 20 Tagen gegen das Urteil vom 6. Juli Berufung einzulegen«, erklärte IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin. Die Justiz der Islamischen Republik sei jedoch dafür bekannt, dass sie nicht nur internationales Recht missachte, sondern sogar das eigene, iranische Recht.

Zusammen mit Youcef Nadarkhani wurden laut IGFM weitere christliche Konvertiten zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. In drei Fällen beinhaltete das Strafmaß zudem jeweils 80 Peitschenhiebe wegen des Trinkens von Wein beim Abendmahl.

Der 40-jährige Youcef Nadarkhani lebt wie die anderen Verurteilten in Rasht, der Hauptstadt der Provinz Gilan im Norden des Irans am Kaspischen Meer. Er ist verheiratet und Vater zweier Söhne. Im Alter von 19 Jahren konvertierte er vom Islam zum Christentum. Seit 2001 ist er Pfarrer in einem Netzwerk von Hauskirchen, zu der auch die Freikirche »Church of Iran« gehört, eine der größten Hauskirchen im Iran. Zudem war er bis zu seiner Verhaftung Gemeindeleiter einer 400 Mitglieder großen Gemeinde.

Das erste Mal wurde Nadarkhani 2006 verhaftet. Die Vorwürfe schon damals: Apostasie (Abfall vom Islam – ein Straftatbestand, der nach dem islamischen Recht im Iran mit dem Tode bestraft werden kann) und Evangelisierung. Seinerzeit kam er ohne Verurteilung frei. Doch in den nächsten Jahren folgten weitere Verhaftungen, auch seine Frau Fatemeh Pasandideh wurde inhaftiert. Die Behörden drohten, den Eltern das Erziehungsrecht zu entziehen und ihre Kinder einer muslimischen Familie zuzuführen.

Weltweite Bekanntheit erlangte Nadarkhani 2010, als ihn ein islamisches Revolutionsgericht wegen Apos­tasie und Evangelisierung zum Tod durch den Strang verurteilte. »Der einzige Weg, dieses Urteil außer Kraft zu setzen, wäre die Lossagung von seinem Glauben gewesen«, heißt es dazu beim IGFM. Wäre die Todesstrafe vollstreckt worden, wäre Nadarkhani seit Jahren der erste Konvertit gewesen, der offiziell aufgrund seines christlichen Glaubens hingerichtet worden wäre.

Die Verurteilung löste internationale Proteste aus. Im September 2012 wurde der Pfarrer freigelassen, aber laut IGFM seither weiter drangsaliert, weil er seine Gemeindearbeit nicht aufgab. Nun also die Verurteilung zu zehn Jahren Haft und zwei Jahren Verbannung.

Adrienne Uebbing

www.igfm.de/iran/aktuelle-appelle/

Deutscher Gottesdienst im »Temple«

19. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche im Urlaub erlebt man ganz anders, bilanziert Andreas Braun: »Da nimmt die Schwellenangst ab.« Seit drei Jahren lädt der evangelische Pfarrer im Sommer zum deutschsprachigen Gottesdienst in das französische Soulac-sur-Mer bei Bordeaux ein.

Veranstaltet werden diese Gottesdienste zusammen mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Braun sieht das Angebot als Dienst am Touristen. Oft loben ihn die Urlauber, mittlerweile kündigen sogar die meisten örtlichen Tourismus-Ämter die Gottesdienste an: »Das Label EKD hilft uns dabei sehr«, so Braun.

»Soulac-sur-Mer liegt auf der ›Route du Médoc‹«, erklärt Andreas Braun. Diese Weinstraße führt, einige Kilometer bevor die Gironde bei Le-Verdon ins Meer fließt, nach Soulac. Der Ort hat knapp 3000 Einwohner. Was hat ihn hierhin verschlagen? »Ich habe zunächst in Tübingen und Heidelberg studiert«, erzählt der 57-Jährige. »Dazwischen war ich ein halbes Jahr Student in Paris. Und ein Jahr Vikar im Hinterland von Montpellier. Als ich mein Studium in Baden abschloss, sind viele Kandidaten in der badischen Landeskirche geblieben, wo man nicht wusste, wohin mit all den Absolventen. Wenige sind ins Ausland gegangen. Etwa nach Frankreich, wo ich den Eindruck hatte, dass die Kirche mich herzlich willkommen hieß.«

Treffpunkt in den Sommermonaten für Touristen und Einheimische gleichermaßen: »Le temple de Soulac-sur-Mer«, die kleine evangelische Kirche des Badeortes am Atlantik. – Foto: Holger Wetjen

Treffpunkt in den Sommermonaten für Touristen und Einheimische gleichermaßen: »Le temple de Soulac-sur-Mer«, die kleine evangelische Kirche des Badeortes am Atlantik. – Foto: Holger Wetjen

Das war vor fünfundzwanzig Jahren. Später hat Andreas Braun die Pfarrerin der deutschsprachigen Gemeinde von Toulouse kennengelernt: Gesine Bertaux. Infolge dieser Bekanntschaft sind dann in den nächsten Jahren immer wieder Pfarrer aus der EKD auch nach Soulac gekommen und haben Gottesdienst gehalten. In der kleinen evangelischen Kirche, deren Bau die Gemeinde 1939 durch Spenden finanziert hat.

Diese Kirche ist einer der Gründe, warum Andreas Braun in seiner französischen Wahlheimat EKD-Gottesdienste anbietet. Der andere: der starke Touristenstrom im Sommer. Während der großen Reisewellen im Juli und August halten sich in Soulac und den benachbarten Urlaubsorten Lacanau und Montalivet jedes Jahr stets zwischen 80000 und 90000 Menschen in der Region auf.

Warum es gerade Urlauber sind, die zu ihm kommen? »Im Urlaub sagt man leichter mal: ›Hey, wir gehen mal wieder in den Gottesdienst!‹«

Die deutschsprachigen Gottesdienste ziehen viele kirchenferne Protestanten an. Und die EKD stellt Andreas Braun einen Urlaubsseelsorger an die Seite.

In den letzten Jahren seien Gläubige fast aller Konfessionen nach Soulac gekommen: Pfingstler, Liberale, Baptisten und Lutheraner. Schon zu den französischen Gottesdiensten – sie finden auch im Sommer weiterhin jeden Sonntag um 10.30 Uhr statt – kämen Franzosen, Holländer, Belgier, Schweizer, Mexikaner oder Brasilianer.

»Ich kann mir vorstellen, dass die Holländer oder Schweizer, die Deutschen oder auch Skandinavier sich im deutschsprachigen Gottesdienst besonders wohlfühlen, da das Kirchenbewusstsein vergleichbar ist.« Das liege daran, dass etwa in Holland die Kirche ganz ähnlich organisiert sei wie in Deutschland: als Landeskirche und Volkskirche.

Aber es kämen jedes Jahr auch Franzosen in den deutschen Gottesdienst. Protestanten aus der Gemeindeleitung und andere. Andreas Braun hat als Pfarrer aus Deutschland das Renommee, ein »echter Protestant« zu sein. Immer wieder fragen ihn Kollegen aus den benachbarten Kirchen: »Andreas, willst du nicht mal kommen und bei uns predigen? Damit meine Leute mal einen echten Protestanten sehen!«

Immerhin sei das Médoc dünn besät an Protestanten. In diesem 10000 Quadratkilometer großen Landstrich, der von Verdon im Norden bis in die südlichen Lande reiche, seien es nur etwa 1700 Menschen, an die der Pfarrbrief der evangelischen Gemeinde ausgehändigt werde. Die meisten Mitgliedsfamilien lebten in konfessioneller Mischung: Protestanten seien verheiratet mit Katholiken. Insgesamt zähle Frankreich heute zwischen 1,5 und 1,8 Millionen Protestanten, wenn man alle Konfessionen, Freikirchen und Gemeindearten zusammenrechne.

Die Protestantisch-Unierte Kirche Frankreichs, zu der die Gemeinde von Soulac gehört, definiere sich als pluralistische Kirche: Das sei in Frankreich ein Novum. Denn in Frankreich kenne man die Kirche vom Katholizismus her noch immer als einen Ort, wo gesagt werde: »Das und das musst du glauben.« Dazu stelle die protestantische Kirche einen Kontrast mit ihrem Pluralismus, den viele überraschend fänden.

Parallel zu den Gottesdiensten (29. Juli bis 19. August, immer sonnabends um 19.30 Uhr) zieht in diesem Sommer auch der Reformator selbst an den Atlantik – in Form der Ausstellung »Luther öffnet der Moderne die Türen«. »Diese Ausstellung der Evangelischen Kirche Frankreichs hatte schon in Bordeaux, Lyon, Marseille und vielen anderen Orten Erfolg«, erklärt Braun. »Darum wollen wir sie vom 11. bis 20. August in Soulac-sur-Mer wieder zeigen.«

Holger Wetjen

www.ekd.de/urlaubsseelsorge

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