Türken in Deutschland: Auf der Suche nach der Heimat?

28. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Partei des türkischen Präsidenten Erdogan versteht es meisterhaft, die Suche vieler Deutsch-Türken nach Heimat und Identität für ihre Ziele auszunutzen. Im Moment eskaliert die Lage, und allem Anschein nach wird sich daran bis zum Tag des Referendums über die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei am 16. April nichts ändern. Präsident Recep Tayyip Erdogan wird weiter provozieren und den Feind außen suchen, um im Inneren die Menschen hinter sich zu scharen.

Während die Niederlande klare Kante zeigen, ist Deutschland noch auf der Suche nach dem richtigen Weg. Immerhin hat das Bundesverfassungsgericht inzwischen grünes Licht dafür gegeben, die umstrittenen Wahlkampfauftritte türkischer Politiker hierzulande zu untersagen, weil diese sich nicht auf das Recht auf Meinungsfreiheit berufen können. Nun ist es an der Bundesregierung, zu entscheiden und den Kommunen die Last der Verantwortung von den Schultern zu nehmen. Der Streit um die Wahlkampfauftritte ist eine Frage der Außenpolitik. Das hat auch das Verfassungsgericht festgestellt.

Unabhängig aber von der weiteren Entwicklung in dieser Sache haben die Diskussionen ein innenpolitisches und gesellschaftliches Problem offenbart, und das hat mit den in Deutschland lebenden Türken zu tun: Was ist es, das sie in großen Scharen einem Mann in die Arme treibt, der aus seinem Land eine Diktatur machen will?

Ratlos steht man davor und fragt sich: Haben diese Menschen die Werte der Demokratie und die damit verbundenen politischen Rechte, von denen doch wir alle profitieren, nicht schätzen gelernt? Haben sie nicht verstanden, wohin Diktaturen führen können?

Das mag so sein, muss aber nicht. Denn vielleicht geht es im Kern ja gar nicht um Politik, wenn Tausende in deutschen Hallen die türkischen Fahnen schwenken. Vielleicht geht es um etwas viel Tieferes. Um die eigene Identität? Um die Suche nach Heimat? Nach Verankerung? Einer Verankerung, die eine große Zahl von Deutsch-Türken offenbar in der deutschen Gesellschaft nicht findet. Fachleute warnen schon seit Langem, dass sich viele von ihnen nicht angenommen, nicht wertgeschätzt fühlen. Sie schwimmen zwischen zwei Kulturen, zwei Identitäten.

Wer dafür die Verantwortung trägt, ist schwer festzumachen. Erdogans Partei AKP jedenfalls versteht es meisterhaft, diese Gemütslage für ihre Ziele auszunutzen. Immerhin erhielt sie 2015 etwa 60 Prozent der Stimmen der in Deutschland lebenden Türken. In der Türkei erreichte sie nur etwa 50 Prozent.

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft und die Politik müssen diese Realitität ernst nehmen. Dazu gehört, auf allen Ebenen die Ohren zu öffnen – übern Gartenzaun und auf politischer Bühne, nicht über »die Türken« zu reden, sondern mit ihnen. Denn es wäre fatal, wenn sich die größte Minderheit in Deutschland innerlich von diesem Land und seinen Werten lossagen würde.

Am Ende muss es so sein wie mit der AfD oder Pegida, deren Ziele ebenso schwer nachvollziehbar sind wie die der Erdogan-Anhänger: Wir müssen sprechen. Nicht als Türken oder Deutsche. Als Menschen. Das ist zwar mühsam, aber der einzige Weg zum Fortbestand des sozialen Friedens.

Annemarie Heibrock

Tschechien: Vom drohenden Ende der Dorfwirtshäuser

22. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Tschechen gelten als das atheistischste Volk Europas. Bei der letzten Volkszählung 2011 erklärten sich etwas mehr als zwei Millionen Menschen für gläubig, das sind gut 20 Prozent der Bevölkerung. Dagegen erklärten 30 Prozent, dass sie weder an Gott noch an eine andere höhere Kraft glauben. Vor allem auf den Dörfern bleiben Kirchen den größten Teil des Jahres geschlossen. Das hat auch Auswirkungen auf die Dorfgemeinschaft. Längst vorbei sind die Zeiten, als sich die Gläubigen nach dem Gottesdienst noch zum Frühschoppen im Wirtshaus trafen.

Auch für nur ein Bier wird ein elektronischer Kassenbeleg fällig. Foto: Petr Špánek

Auch für nur ein Bier wird ein elektronischer Kassenbeleg fällig. Foto: Petr Špánek

Das liegt aber inzwischen nicht mehr nur an der Kirche. Ein staatliches Gesetz geht den Dorfkneipen an den Kragen. Jeder Gast, der auch nur ein Bier getrunken hat, muss seit Dezember einen gedruckten Kassenbeleg bekommen. Und nicht nur das. Der Wirt muss eine elektronische Kasse mit Onlineverbindung haben. Denn alle Umsätze werden in Echtzeit ins Finanzministerium gemeldet, das im Gegenzug bestätigt, dass der Wirt ordnungsgemäß Umsatzsteuer entrichtet. Ausgedacht hat sich das der Finanzminister, weil ihm jedes Jahr Milliarden durch Steuerbetrug entgehen. Der Minister ist zugleich einer der reichsten Tschechen und war vorher einer der erfolgreichsten Unternehmer, der den Eindruck hatte, dass er zwar ehrlich Steuern zahlt, der Staat mit seinem Geld aber ineffizient umgeht. Deshalb ging er in die Politik mit dem Versprechen, den Staat wie eine Firma zu führen. Doch die Kehrseite bekommen die »kleinen Gastwirte« zu spüren. Sie sollen nun ausbaden, was wahrscheinlich am wenigsten sie selbst verbrochen haben. Schon haben die ersten aufgegeben.

Die Anschaffung einer elektronischen Kasse samt Drucker und leistungsfähiger Internetverbindung war ihnen zu aufwändig. Oder sie wollten sich damit auf ihre alten Tage nicht mehr befassen. Sieht man sich manche Kneipe an, erscheint so viel moderne Technik in der Tat anachronistisch.

Eine Dorfkneipe brauchte bisher nicht viel, um zu funktionieren. Hier wird nicht teuer getafelt. Die Umsätze halten sich im Rahmen.

Manche Wirtsleute betreiben Dorfgasthäuser sogar im Nebenberuf oder als Zuverdienst zur Rente. Wie die aktuelle Neuerung am Stammtisch ankommt, kann sich jeder ausrechnen. Doch der hat weniger Einfluss, als ihm gemeinhin zugesprochen wird.

Der Dorfkneipe fehlt die Lobby. Die Stadt bestimmt auch in Tschechien das Geschehen. Dazu kommt, dass besagter Finanzminister sehr populär ist – ein Macher und Aufräumer, so dass viele ihm seine Online-Erfassung durchgehen lassen. In den meisten Gaststätten funktioniert das System reibungslos. Die Gäste merken nichts davon. Es kann höchstens passieren, dass sie zum Zahlen an den Tresen gebeten werden. Tschechien wird moderner und opfert dafür seine letzte Dorfinstanz.

Steffen Neumann

Lebenslänglich wegen »Spionage«

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sudan: Die Freilassung Petr Jašeks aus einem sudanesischen Gefängnis wirft ein Schlaglicht auf die bedrohliche Lage der Christen in dem Land.

Nur vier Tage wollte der tschechische Entwicklungshelfer Petr Jašek im Dezember 2015 in den Sudan reisen. Es wurden 15 Monate daraus. Er hatte schon zur Rückreise eingecheckt, als ihn auf dem Flughafen in Khartum Mitglieder der Sicherheitspolizei NISS abführten. Wegen des Verdachts auf Spionage wurde er monatelang in verschiedenen Gefängnissen festgehalten. Nach einem mehrmonatigen Prozess fiel Ende Januar 2017 das Urteil: lebenslänglich wegen Spionage, Diffamierung des Staates und weiterer Vergehen. Das sind im Sudan 20 Jahre. Ende Februar gelang es dem tschechischen Außenministerium, für ihn von Staatspräsident Umar al-Baschir Be­gnadigung zu erwirken.

Was hatte Jašek getan? »Ziel meiner Reise war, Geld für die Behandlung eines Christen zu übergeben, der bei einer Demonstration großflächige Verbrennungen erlitt. Außerdem traf ich Pfarrer, die mir die Situation der Christen im Sudan schilderten und zerstörte Kirchen zeigten«, schildert Jašek. Der Geldbetrag wurde umgehend an das Krankenhaus übergeben. »Sonst hätte ihn die Geheimpolizei beschlagnahmt«, ist sich Jašek sicher. Zwei Pfarrer und ein Student mussten ihre Treffen mit ihm allerdings teuer bezahlen. Sie wurden wegen der Unterstützung von Jašeks »Spionagetätigkeit« ebenfalls monatelang festgehalten. Einer kam aus Mangel an Beweisen frei, die zwei anderen sitzen bis heute hinter Gittern.

Jašeks Beispiel dokumentiert, unter welchen Bedingungen Christen in dem mehrheitlich muslimisch geprägten Staat leben. 2011 hatte sich der eher christlich geprägte Südsudan in einem Referendum vom Kernland losgesagt. Doch Christen leben im Sudan immer noch in großer Zahl. Unterschiedlichen Angaben zufolge stellen sie bis zu fünf Prozent der Bevölkerung. Die meisten leben in der Hauptstadt Khartum und im Süden. Ihre Lage ist dramatischer denn je. Sudan gehört zu einem der für Christen gefährlichsten Staaten.

»Die Lage hat sich seit der Ausweisung fast aller christlicher Organisationen Anfang 2013 verschlimmert«, bestätigt Jašek, der für die Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK) arbeitet. Damals mussten die Organisationen binnen 24 Stunden das Land verlassen, ihr Besitz wurde konfisziert. Die HMK hatte zwar keine Vertretung dort, aber auch ihre Arbeit wurde erschwert, wie Jašek am eigenen Beispiel erzählt: »Ich bin mit einem Touristenvisum eingereist, war also offiziell nur Tourist. Anders wäre meine Einreise nicht möglich gewesen. Trotzdem verfolgte mich der Geheimdienst auf Schritt und Tritt und wusste von mir alles, wie ich später feststellen musste.« Der Geheimdienst konfrontierte ihn sogar mit Fotos, die mit Wärmebildkamera aufgenommen wurden. »Die haben nichts dem Zufall überlassen«, kommentiert der Nothelfer.

Petr Jašek mit seinen Freunden im Gefängnis Al-Houda. Pastor Hassan Kodi (2. v. l.) und der Student Abdelmoneim Abdalmwlla (ganz rechts) sind bis heute hinter Gittern. Foto: privat

Petr Jašek mit seinen Freunden im Gefängnis Al-Houda. Pastor Hassan Kodi (2. v. l.) und der Student Abdelmoneim Abdalmwlla (ganz rechts) sind bis heute hinter Gittern. Foto: privat

Auf diese Weise konnte er die systematische Zerstörung von Kirchen nicht wie geplant fotografisch festhalten. »Das hätte meine umgehende Verhaftung zur Folge gehabt«, sagt er. Aber er hat sie gesehen. »Unser Anwalt hat uns informiert, dass, allein während ich im Gefängnis saß, 25 Kirchenbauten demoliert wurden.« Von alltäglicher Diskriminierung, zum Beispiel bei der Vergabe von Jobs, gar nicht zu reden. Am stärksten betroffen sind die südlichen Provinzen Blauer Nil und Südkordofan mit dem Nubagebirge. »Hier betreibt Staatschef al-Baschir eine systematische Vertreibung der christlichen Bevölkerung«, sagt Jašek. Offiziell richtet sich der Kampf gegen die Befreiungsarmee nördlicher Südsudan (SLMP-N). »Doch die Bombenziele sind keine militärischen Anlagen, sondern Kirchen«, so Jašek. Das belegt auch ein Brief von Hilfsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch vom September an das UN-Menschenrechtskonzil. Darin sind allein für April und Mai letzten Jahres 101 Fälle von Flächenbombardements auf zivile Objekte, wie Schulen und Krankenhäuser in den genannten Provinzen, dokumentiert.

Die Strategie al-Baschirs ist nicht nur für Jašek klar. Das Staatsgebiet soll von Christen und anderen Religionen gesäubert werden. Seit der Lossagung des Südsudan verstärkte al-Baschir die Umwandlung des Sudan in einen islamisch geprägten Staat auf Basis der Scharia. Diese gilt zwar nicht uneingeschränkt, wie Jašek sagt. In einem Fall wird sie aber strikt angewandt: Wer vom Islam zum Christentum übertritt, wird mit dem Tod bestraft. Weltweit bekannt wurde der Fall der jungen Sudanesin Maryam Ishaq. Sie war von ihrer Mutter christlich erzogen. Die muslimische Familie des Vaters drängte sie aber zur Rückkehr zum Islam und zeigte sie an. Nur mit massiver weltweiter Unterstützung wurde die Todesstrafe verhindert und eine Ausreise Ishaqs und ihrer Familie ermöglicht.

Auch Jašek kennt Christen, die nur durch Flucht Gefängnis oder Tod entgingen. Das ist aber nicht die Intention der HMK. Sie setzt sich für die freie Religionsausübung der Menschen in ihrer Heimat ein. Die ist heute jedoch entfernter denn je. Mehr als 100 Millionen Christen weltweit gelten als verfolgt. Die HMK hilft in 70 Ländern, die meisten davon hat Jašek bereist. »Ich kenne nur eins, wo Christen nicht mehr verfolgt werden. Das ist der Südsudan«, bilanziert der frühere Arzt. Die HMK hilft sehr praktisch, sammelt Geld zur Versorgung der Familien Inhaftierter, Ermordeter oder Vertriebener. Sie besorgt Computer, Megaphone, Autos oder zahlt Raummiete für Versammlungen. Sie schickt Bibeln, und nicht zuletzt informiert sie über die Situation der Christen in den jeweiligen Ländern.

Jašeks Arbeit wird sich in Zukunft ändern. »Ich bin zu bekannt für meine Tätigkeit«, sagt er. Die muss oft im Geheimen ablaufen, weshalb er über vieles nicht offen sprechen kann. Er würde Menschen in Lebensgefahr bringen. Doch ein Gutes hatte seine Verhaftung. Sie sorgte für Aufmerksamkeit. »Noch während meiner Haft konnte Geld für die Familien der mit mir inhaftierten Pastoren gesammelt werden.«

Steffen Neumann

Lebensgefährliche Ferien

8. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Internationaler Frauentag – ein Anlass, die lebensbedrohliche Praxis der Genitalverstümmelung ins Bewusstsein zu rücken, unter der weltweit rund 200 Millionen Mädchen und Frauen leiden; auch in Deutschland sind sie nicht sicher.

Shadia aus dem Sudan gehört zu der wachsenden Zahl von Frauen in der Bundesrepublik, die Opfer einer Genitalverstümmelung wurden. In ihrem Heimatland wurde die 52-Jährige als junge Frau so beschnitten, dass sie seither ständige Schmerzen beim Wasserlassen hatte, von der Menstruation oder Sex ganz zu schweigen. 2015 kam sie nach Deutschland und fand Hilfe bei »Dr. Conny«.

Cornelia Strunz ist Ärztin am Desert Flower Center in Berlin, das beschnittenen Frauen sowohl medizinische Hilfe als auch psychosoziale Unterstützung bietet. »Der Fokus liegt nicht auf der Operation, auch wenn diese dann vielleicht nötig ist«, sagt Strunz. »Neben Beratung und Therapie gibt es auch eine Selbsthilfegruppe, in der die Frauen Rückhalt und Mut gewinnen.«

Und Mut ist nötig. »Die Genitalverstümmelung ist oft ein Tabuthema«, sagt Strunz. »Die meisten Frauen reden nicht darüber, dass sie zu uns kommen. Sie wollen nicht, dass jemand davon erfährt.« Einfacher wird es, wenn die Opfer die Rückendeckung ihres Mannes haben, der ihr Leid einschätzen kann und den Gang zum Arzt mitträgt. Shadia hatte dieses Glück.

Nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation »Terre des Femmes« leben in Deutschland mehr als 48 000 Opfer weiblicher Genitalverstümmelung – Tendenz steigend. Im Vergleich zu 2014 gebe es eine Zunahme von 37 Prozent, erklärt Fachreferentin Charlotte Weil. Das sei vor allem auf verstärkte Migration aus Ländern wie Somalia und Eritrea zurückzuführen, wo diese Art der Beschneidung besonders häufig vorkommt.

Kinder einer Schulklasse in Linkiring im Süden des Senegal malen auf Kalebassen ihre Erlebnisse bei Genitalverstümmelungen. Die Mädchen zeichnen blutige Messer und Scheren, ein Junge malt ein weinendes Mädchen mit blutigem Unterleib. Die Genitalverstümmelung ist im Senegal seit 1999 verboten. Dennoch unterliegt immer noch schätzungsweise ein Viertel der Mädchen der grausamen Praxis. Foto: epd-bild/Alexander Gonschior

Kinder einer Schulklasse in Linkiring im Süden des Senegal malen auf Kalebassen ihre Erlebnisse bei Genitalverstümmelungen. Die Mädchen zeichnen blutige Messer und Scheren, ein Junge malt ein weinendes Mädchen mit blutigem Unterleib. Die Genitalverstümmelung ist im Senegal seit 1999 verboten. Dennoch unterliegt immer noch schätzungsweise ein Viertel der Mädchen der grausamen Praxis. Foto: epd-bild/Alexander Gonschior

Rund 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit sind an ihren Genitalien verstümmelt, die Praxis ist in etwa 30 afrikanischen Ländern verbreitet. Außerhalb Afrikas wird der Eingriff auch in arabischen Ländern wie Oman und dem Jemen sowie in einigen asiatischen Ländern wie Indonesien oder Malaysia vorgenommen.

Doch auch in Deutschland sind Mädchen aus den entsprechenden Gemeinschaften nicht sicher. Mehr als 9 300 Mädchen seien hierzulande in Gefahr, dem lebensgefährlichen Eingriff unterworfen zu werden, sagt Weil. Immer wieder gebe es sogenannte Ferienbeschneidungen: »Sie fliegen in den Sommerferien mit der Tochter oder Enkelin in die Heimat und kommen mit einem verstümmelten Kind zurück.« Auch Beschneiderinnen in Paris oder Amsterdam bieten ihre Dienste an.

Im Kampf gegen die Verstümmelung setzt »Terre des Femmes« vor allem auf Aufklärung über die dramatischen Folgen. Projekte, bei denen Schlüsselpersonen als Multiplikatorinnen gewonnen werden, zeigen durchaus Erfolge. »Wir bekommen Rückmeldung, dass es eine Öffnung bei diesem Tabuthema gibt«, sagt Weil. »Und wir hören von Frauen, die nun ganz klar sagen: Ich wusste das alles nicht. Meine Tochter wird auf keinen Fall beschnitten!«

Großer Bedarf besteht nach Angaben von »Terre des Femmes« nach wie vor bei der Ausbildung von Fachpersonal. Nicht nur medizinische Experten und Sozialarbeiter müssten besser geschult werden, sondern auch Päda­gogen »Damit Erzieher und Lehrer rechtzeitig eingreifen können, um die Mädchen zu schützen.«

Silvia Vogt  (epd)

Fürsprecherin der Frauen

28. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Was ist denn fair?« – unter diesem Motto steht der Weltgebetstag am 3. März. Die Liturgie dazu stammt in diesem Jahr von den Philippinen. Schwester Mary John Mananzan kommt aus Manila und setzt sich für bessere Lebensbedingungen von Frauen ein.

In der Flagge der Philippinen steht die Farbe Rot für Mut, Tapferkeit, Ritterlichkeit und Entschlossenheit. So gesehen ist die 80-jährige Ordensschwester Mary John Mananzan eine echte Filipina. Zeit ihres Lebens setzt sich die Missionsbenediktinerin für Bildung und die Rechte der Frauen ein. Sie arbeitet als Lehrerin, Dekanin, leitete sechs Jahre das St. Scholastica’s College, eine der größten Mädchenschulen in Manila, und prägt die Arbeit von einer Vereinigung von Theologinnen und Theologen der Dritten Welt.

Auf ihre Initiative hin entstand das Institut für Frauenstudien in Manila, deren Direktorin sie ist. Schwester Mary John ist weltweit vernetzt. Befragt nach ihrem stärksten Credo, sagt sie sehr entschieden: »Ich bin eine betende und wirkende Mystikerin, und das ist für mich kein Widerspruch.«

Gottvertrauen und Gerechtigkeitssinn: Mit ihrem Tatendrang hat die 1937 geborene Schwester Mary John Mananzan in den vergangenen Jahrzehnten so viel erreicht, dass sie anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Weltfrauentages 2011 in den Kreis der 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt aufgenommen wurde. Foto: Brigitte Jähnigen

Gottvertrauen und Gerechtigkeitssinn: Mit ihrem Tatendrang hat die 1937 geborene Schwester Mary John Mananzan in den vergangenen Jahrzehnten so viel erreicht, dass sie anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Weltfrauentages 2011 in den Kreis der 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt aufgenommen wurde. Foto: Brigitte Jähnigen

Frauen auf den Philippinen, wo sich 81 Prozent zur römisch-katholischen Konfession bekennen, lebten in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft; zur Genderpolitik gehöre die Aufklärung der Männer. In bisher 500 Seminaren hat Schwester Mary John mit Männern zur Gleichberechtigung der Geschlechter gearbeitet. Begonnen hat sie mit Professoren, Polizisten, Seminaristen, Priestern.

Es sei nicht die Natur des Mannes, Frauen zu unterdrücken, es sei die Prägung durch die patriarchalische Gesellschaft. »Ich habe ihnen gesagt, über Generationen wird an euer Unterbewusstsein weitergegeben, ihr hättet ein absolutes Recht auf den Leib und Geist der Frauen«, berichtet sie. Nur so sei Vergewaltigung möglich. »Die Männer, die die Kurse besucht haben, waren befreit, sie haben erlebt, auch sie dürfen menschlich sein, zart.«

Mary Johns dunkle Augen schimmern warm, wenn sie erzählt. Ihre Bewegungen sind lebhaft, und wenn sie lacht, dann aus vollem Herzen. Und man nimmt ihr sofort ab, dass sie sich auch mit ihrer eigenen Kirche anlegt, wenn sie sagt, dass Frauen bessere Priesterinnen als Männer wären, weil sie weniger engstirnig als diese seien.Schwester Mary John nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn sie über moderne Sklaverei spricht. Auch wenn das Land wirtschaftlich zu den aufstrebenden sogenannten »Next Eleven«-Staaten gehört, arbeiten zehn Millionen Filipinos als Gastarbeiter im Ausland. Die Mehrheit sind Frauen, die mit ihrem Lohn als Krankenschwester, Hausangestellte, Kindermädchen oder im Service ihre Familien in der Heimat unterstützen.

Im Jahre 2009 waren es 17 Milliarden Dollar, die per Überweisung aus dem Ausland in die Präsidialrepublik gingen. »Die Kinder der Frauen, die ins Ausland gehen, bleiben bei den Großeltern zurück, viele Familien zerbrechen, die Schüler, die in unseren Schulen zu psychologischen Beratungen kommen, sind zu 90 Prozent Kinder, deren Eltern im Ausland leben«, sagt Schwester Mary John.

In einer eigenen Fernsehshow hat die Ordensfrau Schicksale von Frauen vorgestellt, die im Ausland misshandelt wurden. »Einer dieser Vorfälle passierte in Riad: Arbeitgeber vergewaltigten ihre philippinischen Angestellten, sie entkamen, flohen auf eine Polizeistation«, berichtet Schwester Mary John. Dort seien sie erneut vergewaltigt und zum Konsulat gebracht worden, wo man ihnen ein Rückflugticket anbot unter der Bedingung, zu Hause als Prostituierte zu arbeiten. »Die Ehemänner haben sie verlassen, die Frauen kümmern sich um ihre Kinder, Arbeit hatten sie nicht«, sagt die 80-Jährige.

Über das katholische Missionswerk Missio wurde beispielsweise ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem die Frauen mit einem kleinen Kredit einen sogenannten Sari-Sari-Shop eröffneten, einen Kiosk. »Darüber bin ich sehr glücklich«, sagt sie.

Doch die eigentliche Ursache der Migration ist ökonomischer Natur. Ein Viertel der Bevölkerung lebt in extremer Armut – Wolkenkratzer und Slums in großer Nähe geben ein Bild der Zerrissenheit der Gesellschaft. Frauen gingen ins Ausland, um ihre Familien zu ernähren. »Mehr Arbeitsplätze zu schaffen, ist politisch nicht gewollt, über die Philippine Overseas Employment Administration (POEA) ist die Regierung an der Arbeitsmigration beteiligt«, nennt Schwester Mary John Fakten. Im Ausland würden den Frauen meist die Pässe weggenommen, manche machten Knochenjobs, immer wieder würden Frauen vergewaltigt, das sei moderne Sklaverei.

Präsident Dutertes Drogen-Krieg mit über 7 000 Todesopfern bringt die Philippinen immer wieder in die Schlagzeilen. »Ich bin für Krieg gegen Drogen, aber mit anderen Methoden«, sagt Schwester Mary John. »Die Kirche hat Hilfe und Beratung angeboten, Selbstjustiz durch Polizisten und Privatpersonen sind keine Wahl«, so die engagierte Ordensfrau.

Das weibliche Selbstbewusstsein zu stärken, dafür sitzen auf den Philippinen Bäuerinnen, Arbeiterinnen und Frauen aus Slums auf der Schulbank. Feministisch-theologische Studien können mit einem akademischen Abschluss gekrönt werden. »Die Frauenbewegung auf den Philippinen ist stark, in ›Gabriela‹, dem nationalen Frauen-Dachverband, sind alle vernetzt, wir sind weit gekommen, aber wir haben noch einen weiten Weg.«

»Nirgendwo gibt es eine Gesellschaft, die die völlige Gleichberechtigung von Frau und Mann kennt«, zieht Schwester Mary John Mananzan Bilanz. Und berichtet von ihrer Gastprofessur an der Johann-Wolfgang- Goethe-Universität Frankfurt am Main im Jahr 2002. Beim Eröffnungsgottesdienst habe sie die jungen Frauen herausgefordert. »Warum habt ihr kein Interesse am Feminismus, eure Großmütter und Mütter haben dafür gekämpft«, habe sie die Zuhörerinnen gefragt. Die anschließende Diskussion sei »heiß« gewesen.

Brigitte Jähnigen

Info: Schwester Mary John Mananzan trat mit 19 Jahren in den Orden der Missionsbenediktinerinnen von Tutzing ein, studierte in Münster und Rom Theologie.

Mal keine Hiobsbotschaften

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein junger Mann entscheidet sich, in Jerusalem Mönch zu werden – und setzt sich damit zwischen alle Stühle.

Es ist leider schon zur Binsenwahrheit geworden: dass es im Heiligen Land sehr unheilig zugeht. Die Nachrichtenlage ist schlecht. Der Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern stockt. Auf beiden Seiten scheinen die Scharfmacher das Sagen zu haben. Und die Religion, so will man meinen, dient in dem Konflikt eher als Brandbeschleuniger denn als Friedensstifter.

Doch es lohnt sich, den Blick einmal wegzulenken von der Nachrichtenlage und zu schauen, was sich jenseits der Eskalation in diesem besonderen Land tut. Da stößt man zum Beispiel auf den deutschen Benediktinermönch Nikodemus. Er hat sich mit 24 Jahren nicht nur für das Mönchsein, sondern auch für ein Leben im Benediktinerkloster »Dormitio Abtei« auf dem Jerusalemer Zionsberg entschieden. In seinem Buch »Zuhause im Niemandsland« erzählt der heute 38-Jährige davon – und von den vielen kleinen Begegnungen und Situationen, die eine neue Sicht eröffnen. Ganz entgegen der gängigen Klischees berichtet Nikodemus von viel Nähe, Herzlichkeit und Solidarität zwischen den Vertretern der drei abrahamitischen Religionen. Nach der Lektüre dieses Buches keimt eine leise Zuversicht auf: dass doch noch nicht alle Wege zum friedlichen Miteinander im Heiligen Land verbaut sind. Und dass es in diesem Konflikt nicht nur ein Schwarz-Weiß-Bild gibt.

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Denn bisweilen fühlt man sich ja als Christ in Deutschland dazu gedrängt, entschieden Partei für eine Seite zu ergreifen: für Israel oder für die Palästinenser. In beiden Fällen lautet das Hauptargument, man müsse klar und deutlich an der Seite der Opfer stehen. Pater Nikodemus verwischt diese scharfen Grenzziehungen auf erfrischende Art. Er erzählt ganz konkret vom Leid und den Ängsten beider Parteien des Konflikts und weckt Mitgefühl mit den Opfern beider Seiten. So formuliert er auch gleich am Anfang den Zweck seines Buches: dass er zu einer Sichtweise einladen will, die weder proisraelisch noch propalästinensisch, sondern pro Mensch sei.

Dabei wäre es auch für Nikodemus nicht schwer, in Resignation oder gar Hass zu verfallen. Denn das aufgeheizte Klima in Jerusalem richtet sich auch gegen Christen. Es geschehe oft, dass er auf seinen Wegen durch Jerusalem von ultraorthodoxen Juden angespuckt werde, schreibt Nikodemus. In seiner Mönchskutte sei er ein wandelndes Feindbild für die strengreligiösen Juden, die Jerusalem für sich allein beanspruchen. Auch die Klostermauern werden regelmäßig mit feindseligen Sprüchen wie »Tod den Christen« beschmiert. Teile der Schwesterkirche am Ort der Brotvermehrung am See Genezareth wurden sogar durch einen Brandanschlag vor zwei Jahren zerstört.

»Die Kirchen von Jerusalem sind momentan auf dem besten Weg, wieder eine Kirche unter dem Kreuz zu werden«, schreibt Nikodemus. Er sieht genau darin seine Aufgabe: ein Zeichen der Liebe zu setzen inmitten des Hasses. »Wenn wir angegriffen werden, weil wir Christen sind, wollen wir darauf auch wie Christen reagieren, nämlich mit der Bereitschaft zur Versöhnung«, schreibt er. Deshalb bauen sie keine Sicherheitszäune um ihre Kirchen, sondern bleiben offen und gastfreundlich.

Und wie durch ein zweites Vermehrungswunder konnten mittlerweile ausreichend Spenden zusammengetragen werden, um den hohen Sachschaden an der Brotvermehrungskirche zu beheben. Israels Staatspräsident Reuven Rivlin sagte bei der Wiedereröffnung des Klosters Tabgha am vergangenen Wochenende: Das sei ein Zeichen dafür, dass der Hass nicht gesiegt hat.

Genau daran möchte Nikodemus mitwirken. Er wünscht sich, dass nicht die Radikalen das Erscheinungsbild einer Religion prägen. Es sei wie beim Fußball, wo man zwischen Fans und Hooligans unterscheiden müsse. Jeder, der im Namen welcher Religion auch immer als Gewalttäter oder Scharfmacher auftrete, habe nichts mit der eigentlichen Religion zu tun. »Wahre Religiosität, die Gott sucht, schenkt nämlich den demütig realistischen Blick, dass der andere genauso geliebt ist wie ich selbst.« Nikodemus zufolge gehe es bei der Religion um Gott- und nicht um Identitätssuche. Also sei nicht die Abgrenzung zu den anderen entscheidend, sondern die Leidenschaft einer persönlichen Gottesbeziehung.

Genau diese Leidenschaft des Glaubens legt Nikodemus an den Tag. Sogar die Gründung einer eigenen Familie hat er dafür geopfert. Immer wieder wird er deshalb von jüdischen Gläubigen angefragt: Warum folgt er nicht dem Vermehrungsgebot der Bibel? Nikodemus antwortet dann: »Wir glauben wie ihr ja an ein Leben bei Gott nach dem Tod. Dann werden wir nicht mehr heiraten oder verheiratet sein. Gott allein genügt dann in jeder Hinsicht. Wir Mönche leben hier auf Erden schon so, als ob wir im Himmel wären.« Und wie auch der Zionsberg, auf dem sein Kloster steht, zum biblischen Symbol der endzeitlichen Völkerzusammenkunft ist, glaubt Nikodemus an das Miteinander der Menschen und Völker. »Wahrscheinlich ist dies der Königsweg jeglicher Friedensbemühungen: den anderen, den Fremden, vor allem als Mitmenschen zu sehen. Und der Königsweg aller Kriegstreiber ist wohl die Dehumanisierung des anderen, des Fremden, dem man sein Menschsein abzusprechen und in ihm ein Monster zu sehen versucht.«

Doch nicht die dauernde Umarmung und demonstrative Nähe der verschiedenen Religionen und Völker sei der Weg zum Frieden. Es käme auf die große Kunst an, aneinander vorbei zu leben. Genau dafür gebe der Alltag in Jerusalem eigentlich ein sehr gelingendes Beispiel. Dieses Buch ist endlich einmal keine Hiobsbotschaft aus dem Heiligen Land.

Stefan Seidel

Pater Nikodemus Schnabel: Zuhause im Niemandsland. Herbig Verlag, 176 S., ISBN 978-3-7766-2744-2, 20 Euro

Unterwegs auf dem Stationenweg

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Europäische Stationenweg zum Reformationsjubiläum knüpft ein Band zwischen 68 Orten. In dieser Ausgabe machen wir Station bei den osteuropäischen Nachbarn.

Von Böhmen über Siebenbürgen bis nach Polen – die Ideen von Martin Luther, Jan Hus und vielen anderen beeinflussen Menschen und Gesellschaften auch östlich der heutigen Grenzen Deutschlands.

Praha (Prag): Schon mehr als 100 Jahre vor Martin Luther, fingen viele Theologen der Prager Universität an, den damaligen Stand der Kirche kritisch zu betrachten. Zum einen wurde die Dekadenz des klerikalen Establish­ments an den Pranger gestellt und mehr Nähe zu den einfachen Menschen gefordert. Gottesdienste auf Tschechisch wurden eingeführt. Zum anderen äußerten Professoren und Prediger wie Jan Hus Zweifel an der Idee einer universellen Kirche, die nach dem Prinzip der Konziliarität funktioniert, und nahmen stattdessen ein Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden in Anspruch. Zahlreiche Events und ein reiches Kulturangebot erinnerten 2015 an Hus’ Hinrichtung, und auch in diesem Jahr wird die böhmische Reformation in einem allgemein europäischen Kontext gefeiert.

Ljubljana (Laibach): Mehrere Ausstellungen über Luther und die Reformation werden ab April in der Burg sowie in der Nationalbibliothek organisiert. Am 8. Juni feiern die Slowenen den Priester Primož Trubar, der im 16. Jahrhundert das erste Buch in slowenischer Sprache schrieb. Am 30. Oktober folgt dann der Reformationstag mit offiziellen Feierlichkeiten und einem Gottesdienst in der Primož-Trubar-Kirche. Martin Luthers Biografie von Volker Leppin wird ebenfalls im Herbst ins Slowenische übersetzt.

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Puconci (Putzendorf): Der kleine Ort im extremen Nordosten Sloweniens mag heute mit nur 6 000 Einwohnern recht unbedeutend erscheinen, doch er war historisch eine der Hochburgen der evangelischen Kultur in dieser Region. Die erste lutherische Kirche wurde hier 1784 erbaut, als der Ort Teil der K.-u.-k.-Monarchie und stark ungarisch geprägt war. Die Mehrheit der Bevölkerung ist bis heute lutherisch.

Sibiu (Hermannstadt): Vor zehn Jahren war die Stadt im Süden Siebenbürgens Europäische Kulturhauptstadt, und das von den Siebenbürger Sachsen im 17. und 18. Jahrhundert gebaute historische Zentrum wurde vollständig und stilvoll renoviert. Die Bilanz des damaligen Bürgermeisters Klaus Johannis fanden die Rumänen so gut, dass sie den Politiker 2014 zum Staatspräsidenten wählten – und damit Geschichte schrieben, denn der deutschstämmige und evangelische Johannis gehört im stark orthodox geprägten Land in doppelter Hinsicht einer Minderheit an. Hermannstadt ist gleichzeitig die Hochburg der Evangelischen Kirche AB (Abkürzung für »Augsburgischen Bekenntnisses«), die trotz der massiven Auswanderung der Siebenbürger Sachsen bis heute eine wichtige kulturelle und zivilgesellschaftliche Rolle spielt.

Debrecen: Die ostungarische Stadt gehört zu den wichtigsten regionalen Zentren des Calvinismus, gut 20 Prozent der Ungarn bekennen sich zu den Lehren der Reformierten Kirche, die in diesem Jahr ihr 450. Jubiläum feiert. Im Juni findet dementsprechend ein feierliches Treffen des Generalkonvents statt, und im Oktober wird der Reformationstag gewürdigt. Eine neue ungarische Übersetzung des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses wird zu diesem Anlass offiziell präsentiert.

Sárvár (Kotenburg): Im Westen Ungarns stand die kleine Stadt am Anfang der Geschichte der ungarischen Reformation und wird auch das »ungarische Wittenberg« genannt. Hier wurde das erste Buch in der Landessprache gedruckt, und auch die erste ungarische Fassung des Neuen Testaments wurde hier 1541 herausgegeben. Mit nur 15 000 Einwohnern hat der Ort heute eher eine historische Bedeutung, aber für die Reformierte Kirche bleibt er ein wichtiger kultureller Bezugspunkt.

Sopron (Ödenburg): An der österreichischen Grenze gelegen, war diese Stadt im Sommer 1989 die Kulisse jener welthistorischen Ereignisse, die einige Monate danach zum Fall der Berliner Mauer führten. Zahlreiche DDR-Flüchtlinge konnten damals über Österreich nach Westdeutschland reisen, weil die ungarischen Grenzbeamten Menschlichkeit und gesunden Verstand zeigten. Ganz anders sieht es hier heute aus: Die rechtspopulistische Regierung von Viktor Orbán lässt Hunderte Schutzbedürftige an der Grenze
erfrieren. Auch die Arbeit der Kirchen, die helfen wollen, wird erschwert. Als wichtiges Zentrum der Reformation hätte Sopron Besseres verdient.

Cieszyn (Teschen): Die kleine Gemeinde im Süden Polens, nah an der heutigen Grenze zu Tschechien, war einer der insgesamt nur sechs Orte im historischen Schlesien, wo trotz offiziellen Katholizismus eine evangelische Kirche gebaut werden durfte. Dies geschah Anfang des 18. Jahrhunderts durch die »Gnade« des Kaisers Jo-
seph I., weshalb die Historiker von »schlesischen Gnadenkirchen« reden. Heute ist das damals gebaute Gotteshaus in Cieszyn das einzige, das noch als evangelische Kirche dient. Auch wenn sie im heutigen, stark katholisch geprägten Polen nur noch eine winzige Minderheit der Bevölkerung darstellen, haben die polnischen Lutheraner hier eine ihrer Diözesen.

Bardejov (Bartfeld): Im Norden der heutigen Slowakei gelegen, zog diese Stadt bereits im späten Mittelalter deutschsprachige Siedler an und wurde noch vor der Reformation dank des intensiven Handels zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Orte der Region. Im Laufe der späteren Geschichte lebten hier in der Regel katholische Slowaken und Ungarn mit evangelischen Deutschen, sowie mit Juden, Ukrainern und Roma zusammen. Wie so oft in Mittel- und Osteuropa war dieses Mit- oder Nebeneinander nicht immer friedlich. Heute wird in Bardejov kein Deutsch mehr gesprochen, aber mehr als sieben Prozent der Bevölkerung bekennt sich immer noch zum evangelischen Glauben. Der Stadtkern gehört zum UNESCO-Kulturerbe.

Wroclaw (Breslau): Die viertgrößte Stadt im heutigen Polen war während der frühen Reformation die Kulisse gewaltiger religiöser und politischer Auseinandersetzungen, in denen der Konflikt zwischen Hussiten und Katholiken ausgetragen wurde und in denen es auch um die Ernennung des evangelischen Theologen Johann Heß zum Pfarrer in der Magdalenenkirche ging. Später wurde die Stadt während des Dreißigjährigen Kriegs zum Teil zerstört. Noch später bedeutete die NS-Herrschaft die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und, in den späten 1940er-Jahren, auch das Ende einer langen deutschsprachigen, evangelisch geprägten Kulturtradition. Heute versucht die Stadt, im Geiste einer europäischen Identität wieder an diesen Multikulturalismus anzuknüpfen. Zahlreiche Events widmen sich 2017 der Reformation und ihrem Erbe.

Silviu Mihai

www.r2017.org/europaeischer-stationenweg

Inklusion auf Afrikanisch

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sein rostiger Rollstuhl fährt durch enge Gänge und über kleine Stufen. Der fünfzehnjährige Kisekka rollt flink durch das kirchliche Krankenhaus am Rand der ugandischen Kleinstadt Mbarara.

Kisekkas grüner Rollstuhl ist eine Gebrauchtspende aus Europa. Auf den Schotterpisten der Umgebung des Krankenhauses kommt das alte Modell an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Die Gummischicht der kleinen Vorderräder ist fast völlig abgenutzt. Die Hinterräder haben kein Profil mehr, der Plastiküberzug des Sitzes hat viele Löcher. Aber noch funktioniert das Ding. »Früher bin ich auf dem Boden gekrochen«, erinnert sich der Junge. »Deshalb habe ich so viele Wunden an den Knien.«

Kisekka bleibt in einem Wartesaal, bis sich die Tür zum Behandlungsraum öffnet. Es ist Cindy, seine Therapeutin. Sie erklärt: »Kisekkas Lähmung ist eine Konsequenz seines eigentlichen Leidens, der Spina bifida, ein offener Rücken. Diese Fehlbildung wirkt sich auf seinen gesamten Unterkörper aus.«

Keine Berührungsängste mehr: Früher wurden Kinder mit Behinderung in Uganda stigmatisiert, heute lernt Kisekka (Mitte) Seite an Seite mit seinen Klassenkameraden. Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt. Fotos: Andreas Boueke

Keine Berührungsängste mehr: Früher wurden Kinder mit Behinderung in Uganda stigmatisiert, heute lernt Kisekka (Mitte) Seite an Seite mit seinen Klassenkameraden. Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt. Fotos: Andreas Boueke

Kisekka ist barfuß. Er trägt eine alte Schuluniform, die einzige, die er besitzt: gelbes Hemd, roter Pulli und kurze Hose. Seine Knie und Schienbeine sehen genauso geschunden aus wie der Rollstuhl. Am Tag zuvor hat der Auspuff eines Taxis die Haut an seinem Bein verschmort. Schwester Cindy verbindet die Wunde neu: »Er hat keinerlei Gefühl in seinen Beinen. Man könnte sie in Feuer legen und trotzdem spürt er nichts.«

Kisekka ist ein Waisenkind. Als er neun Jahre alt war, starben seine Eltern an Tuberkulose. Zwei Jahre lang haben ihn sein älterer Bruder und seine beiden Schwestern ernährt, obwohl sie selbst noch Kinder waren. Die vier Geschwister wohnten zusammen in einer alten Hütte aus Holz und Lehm unter einem dicken Strohdach. Von den Nachbarn bekamen die Kinder keine Hilfe. Die Dorfgemeinschaft hat sie nie richtig aufgenommen. Kisekkas Behinderung galt als Zeichen der Schande. Seine Stimme klingt traurig, wenn er von dieser Zeit erzählt: »Sie haben Angst vor Kindern wie mir. Sie halten uns für nutzlos, für verhext. Sie behaupten, Gott habe uns verflucht, er würde uns nicht akzeptieren. So ein Leben kann nicht gut sein.«

Viele der Narben an seinen Beinen erinnern an diese Jahre, während der er sich nur kriechend bewegen konnte. Als die Organisation OURS auf ihn aufmerksam wurde, war er unterernährt und verwahrlost. Zuerst behandelten die Ärzte seine Wunden und Deformationen. Schon bald ging es ihm deutlich besser. Dann bekam er seinen ersten Rollstuhl und ein Schulstipendium für das Internat der Ruharo Berufsschule, keine fünfhundert Meter von dem Krankenhaus entfernt.

Auf dem staubigen Weg vom Krankenhaus zum Internatsgebäude kommt Kisekka an einem kleinen Bolzplatz vorbei, auf dem einige Jungen mit einem selbst gemachten Ball aus zusammengebundenen Plastiktüten spielen. Die meisten sind barfuß, andere tragen Gummilatschen aus alten Autoreifen. »Tor!«, freut sich Kisekka mit dem Schützen. Nach dem Spiel bieten zwei Jungen ihm an, ihn zu schieben.

Der Direktor der Schule, Chinfred Matota, sitzt auf einem wackeligen Stuhl im Lehrerzimmer. »In unserem Land sind einige Schulen ausgewählt worden, behinderte Kinder zu unterstützen; in Mbarara war das unsere Schule«, erklärt er nicht ohne Stolz. Er berichtet, dass seine Ruharo Berufsschule die einzige Inklusionsschule des Bezirks ist. »Das Bewusstsein aller Kinder hat sich verändert. Sie sehen, dass auch Schüler mit Behinderung gute Leistungen bringen können. Und sie erzählen davon, wenn sie nach Hause fahren. Die Kinder fangen an, miteinander zu spielen. So merken alle, dass sie Freunde sein können.« Kisekka sei einer der besten Schüler seiner Klasse: »Deshalb glaube ich, dass er eine leuchtende Zukunft hat. Vielleicht wird er mal zu einem bekannten Fürsprecher für Kinder mit Behinderungen.«

Nachts schläft Kisekka in einem großen Saal. Zwölf Doppelbetten stehen so eng beieinander, dass kein Platz für Schränke oder Stühle bleibt. Kisekka schläft gerne in dem Saal: »Ich könnte sowieso nicht allein in einem Raum schlafen. Es gibt viele Gefahren, vor denen die anderen mich beschützen können. Manchmal wollen Diebe etwas in der Schule stehlen. Dann machen sie ein Feuer und alle rennen raus. Wenn so was passiert, können meine Kameraden mir helfen und meine Sachen aus dem brennenden Raum retten.«

Auch im Alltag ist Kisekka oft auf die Hilfe seiner Kameraden angewiesen. »Mit dem Essen bekomme ich meist Hilfe. Aber manchmal vergessen sie, meinen Teller mitzunehmen oder sie vergessen, mir ein Brot zu bringen. Wenn es dann nichts mehr in der Küche gibt, muss ich hungrig ins Bett gehen. So ist das halt.«

Mit Mädchen spricht Kisekka so gut wie nie. Im Süden Ugandas ist es nicht üblich, dass Jungen und Mädchen außerhalb des Unterrichts Kontakt haben. Trotzdem weiß die Klassensprecherin Nyakado Sara gut Bescheid über Kisekkas Situation: »Ich würde gerne mit ihm sprechen, aber das geht nicht. Ich bin ein Mädchen und er ist ein Junge. Das würde falsch aussehen.«

In der Ruharo Berufsschule ist der Sozialpädagoge Mana Djosam dafür zuständig, Kinder wie Kisekka unterstützend zu begleiten: »Früher haben die Eltern hier noch gedacht, ihre Kinder würden krank werden, wenn sie ein behindertes Kind berühren. Sie glaubten, es gäbe einen Fluch. Aber mit der Zeit glauben immer weniger Leute solche Sachen. Sie staunen, wenn sie sehen, dass Kisekka etwas bauen kann, am Computer arbeitet, etwas leistet, das dem Land nützt. Ich bin mir sicher, dass das Stigma überwunden werden kann, wenn alle sehen, welches Potenzial in diesen Kindern steckt.«

Andreas Boueke

Ein tief gespaltenes Land

2. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Nach Donald Trumps Amtseinführung und den riesigen Demonstrationen gegen den neuen Präsidenten am Tag danach muss man konstatieren: Harte Realitäten und entgegen­gesetzte Hoffnungen stoßen aufeinander. Trumps »Make America Great Again« fährt auf dünnem Eis.

Die vielen Demonstranten gegen Trump stehen vor der Frage, wie sie mit »diesem Mann« umgehen, der ihrer Ansicht nach gar nicht repräsentativ ist für Amerika. Doch er hat gewonnen. »Frauenrechte sind Menschenrechte« stand auf selbstgemachten Plakaten bei der »Anti-Kundgebung«, ebenso »Finger weg von meinem Körper«, »Mach dich stark für Gleichberechtigung«, »Love Trumps Hate« (Liebe triumphiert über Hass), »Wer schweigt, ist mitverantwortlich« sowie »Wir gehen nicht zurück«. Geschätzte 500 000 kamen zu dem »Women’s March on Washington« in der US-Hauptstadt, mehrheitlich Frauen, meist junge Menschen. Die »überwältigte« U-Bahn ließ Passagiere zeitweilig kostenlos fahren. Eingeladen waren alle, die Solidarität fühlten mit Bevölkerungsteilen, die Trump beleidige und bedrohe. Frauenrechte sind Menschenrechte. In den ganzen USA dürften es rund vier Millionen Demons­tranten gewesen sein.

Zahlen wurden schnell zum Politikum: Trump schimpfte an einem ersten vollen Tag im Amt über »die Medien« mit ihren falschen Angaben. Er befinde sich in einem »Dauerkrieg gegen die Medien, die zu den verlogensten Menschen auf Erden gehören«.

Sie sei überglücklich über Donald Trumps Wahlsieg, sagte hingegen Elizabeth Frattasio. Zusammen mit ihrem Ehemann Seth und ihren beiden Buben kam die Immobilienmaklerin aus Boston zur Amtseinführung. Die Menschen würden wieder mehr Stolz haben auf die USA unter einem starken Präsidenten, sagt Frattasio. Der neue Präsident senke hoffentlich ihre Steuern. Und das mit Trumps Mauer sei ein guter Plan. Ein Land brauche doch Sicherheit.

Bis von Idaho reiste Bunni Farnham zu den Trump-Feierlichkeiten, im Nebenberuf Sekretärin, im »Hauptberuf« Mutter von sechs Kindern. Das Volk sei aufgewacht, lobte Farnham. Christen würden diskriminiert in den USA. Eine Bäckerei werde in den Ruin getrieben, weil sie keinen Hochzeitskuchen backe für eine Homo-Ehe. Doch wenn ein Modedesigner verkünde, er werde die neue First Lady nicht ausstatten, habe das keine Konsequenzen. Unter Trump werde ein anderes Bewusstsein entstehen.

Der Informationsdienst Pew Research Center hat kurz vor der Amtseinführung eine Umfrage vorgelegt: 86 Prozent der US-Amerikaner seien der Ansicht, die USA seien tiefer gespalten als in der Vergangenheit. Nur 24 Prozent vermuteten, die Spaltung werde in den kommenden fünf Jahren nachlassen.

Die christliche Welt, deren Anführer sich gerne sehen als Agenten für Versöhnung, sucht Orientierung. Weiße Evangelikale haben zu rund achtzig Prozent Trump gewählt. Steve Gaines, Präsident des »Südlichen Baptistenverbandes«, der größten protestantischen Kirche, mahnte: Christen müssten »für das Amt des Präsidenten … und den Mann in diesem Amt beten«. Sei man anderer Meinung als Trump, müsse man Differenzen mit Respekt und ohne persönliche Angriffe zur Sprache bringen.

Die protestantischen »Mainline«-Kirchen, zu denen Lutheraner, Methodisten und Presbyterianer zählen, fühlten sich relativ wohl mit Barack Obamas liberalem und sozial engagiertem Protestantismus, beeinflusst von Traditio­nen des afro-amerikanischen Christentums. Bei Trump steht Mainline draußen vor der Tür. Der Nationale Kirchenrat, der größte ökumenische Verband, und die Konferenz Nationaler Schwarzer Kirchen kritisierten mehrere Mitglieder von Trumps Kabinett: Sie versinnbildlichten extremistische und rassistische Ansichten, nicht vereinbar mit Nächstenliebe.

Bei den Protesten am Tag nach der Amtseinführung sah man hier und da Teilnehmer, die sich als Angehörige einer religiösen Gruppierung identifizierten: Doch prominente Rollen, wie »seinerzeit« bei Friedenskundgebungen und Bürgerrechtsaktionen, spielte Religion nicht: Die Aktivisten kommen aus einer Generation und einem Milieu, in denen organisierte Religion nicht sehr wichtig ist.

Dass Trump gewinnen konnte, weil »seine Leute« wählen gingen und seine Gegner weniger, hat die Welt überrascht. Der politische Neuanfang ist geprägt von Ungewissheit. Trump legte bisher wenig Konkretes vor; viele Anhänger vertrauen ihm anscheinend, er werde schon das Richtige tun. Viele Trump-Nicht-Wähler haben Angst. Da ist der autoritäre Stil, Trumps Attacken und sein Bild von einem Amerika, das sehr weiß ist, konservativ, immer auf ihn selber bezogen und kaum berechenbar.

Kurz vor seinem Abschied wollte Obama seine Leute beruhigen. Donald Trump werde sicherlich anders regieren, das sei so nach einem »friedvollen Machtübergang«, sagte Obama. Doch: »Der Weltuntergang kommt nur, wenn der Weltuntergang kommt.« Er glaube an Amerika, an die Menschen in diesem Land, dass »Menschen eher gut sind als schlecht«.

Offensichtlich setzt Obama auch auf Sachzwänge und komplexe Realitäten, die jedem Präsidenten Grenzen aufzeigten. Bei Trump weiß man jedoch weniger als bei wohl allen US-Präsidenten der Vergangenheit, was er tun wird. Wohin ihn sein Glaube führt – nur er könne die Nation retten – und wer und was ihn bremsen kann. Donald Trump ist der Ansicht, wie er das auch in einer Antrittsrede wissen ließ, dass er Anführer ist einer neuen Bewegung hin auf ein anderes Amerika.

Konrad Ege

Das Salz der Erde

24. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Salzkathedrale im kolumbianischen Zipaquirá ist die größte unterirdische Salzkapelle der Welt. Der große Dom umfasst 8500 Quadratmeter und kann rund 8000 Gläubige aufnehmen.

Bergarbeiter haben einen gefährlichen Job. Deshalb ist es kein Wunder, dass sie – gerade in einem katholisch geprägten Land – vor dem Weg in den Schacht häufig um Beistand von oben bitten. Das war auch in der traditionsreichen Salzmine in Zipaquirá so, die sich im kolumbianischen Hochland befindet, etwa fünfzig Kilometer nördlich der Hauptstadt Bogotá. Doch weil sie baufällig war, musste die kleine Wallfahrtskapelle, die sich die Arbeiter der Salzmine selbst gebaut hatten, vor rund 25 Jahren geschlossen werden. Unterstützt von einem Stararchitekten, packten die Minenarbeiter an und bauten sich unter Tage eine neue Gebetsstätte.

Mit Kathedralenführer Juan Carlos Cortes geht es hinab in das unterirdische Gotteshaus, nicht ohne vorher mit Helmen und Stirnlampen ausgerüstet worden zu sein. Durch eine Art Lichtertunnel, dessen Lampen ganz in Rot gehalten sind, gelangen wir an einen Kreuzweg, der die üblichen 14 Stationen umfasst und doch ganz anders gestaltet ist als seine oberirdischen Pendants. Er passt sich perfekt ein in eine unterirdische Landschaft, in der sich zum Teil zehn Meter hohe, zum Teil aber auch 25 Meter hohe Stollen befinden.

Blick in das Hauptschiff der unterirdischen Kathedrale. Das Kreuz ist keine plastische Figur, sondern ein in Salz und Stein geschlagener Hohlraum und entsteht durch eine raffinierte Beleuchtungstechnik. – Foto: Rainer Heubeck

Blick in das Hauptschiff der unterirdischen Kathedrale. Das Kreuz ist keine plastische Figur, sondern ein in Salz und Stein geschlagener Hohlraum und entsteht durch eine raffinierte Beleuchtungstechnik. – Foto: Rainer Heubeck

Die 14 Stationen sind durch einen Gang verbunden und finden sich seitlich davon in Nischen. Jede Station drückt die Passion durch eine ganz eigene Atmosphäre aus. Im Gegensatz zu konventionellen Kreuzwegen ist die Jesus-Figur hier nie direkt präsent, das Leiden Christi wird nur symbolisch dargestellt. Dort, wo Jesus unter der Last seines Kreuzes zu Fall gekommen ist, sind längere und größere Salzkreuze aufgestellt.

Einsamkeit und Meditation, aber auch fester Glaube, der die Todesangst überwindet, werden hier nicht durch Bilder und Skulpturen dargestellt, sondern vor allem durch Lichtstimmungen vermittelt.

Auf dem Weg entlang des Kreuzwegs berichtet Juan Carlos Cortes, der seit dem Jahr 2010 hier als Führer arbeitet, von der spirituellen Bedeutung der einzelnen Stationen sowie von Geschichte und Gegenwart des Salzabbaus. Er weiß viel zu religiösen Fragen, aber auch zu Architektur und Design – und natürlich zum Thema Salz. Den modernen Salzbergbau mit gut befestigten unterirdischen Stollen hat, so erfahren wir, Alexander von Humboldt ab 1801 in Kolumbien eingeführt; doch der Salzreichtum der Region war schon in vorkolumbianischen Zeiten bekannt.

Während die Spanier in Peru und andernorts in Lateinamerika vor allem nach Gold suchten, konzentrierten sie sich im heutigen Kolumbien auf die Gewinnung von Salz. Und das, obgleich die Legende vom sagenhaften »goldenen Mann«, dem »El Dorado«, nicht weit von Zipaquirá entfernt ihren Ursprung hat: Sie hat mit einem Häuptling zu tun, der auf einem mit Goldschätzen beladenen Floß unterwegs war, um seiner Frau und seines Sohnes zu gedenken, die beide in der Lagune ertrunken waren.

Doch nicht nur Gold war in der Vergangenheit ein Symbol für großen Reichtum, auch Salz war früher äußerst begehrt, das zeigen die Worte »Salär« oder »salary«. Ihr Ursprung liegt in der Ration Salz, die römische Soldaten und Ratspersonen erhielten. In der Salzmine von Zipaquirá freilich geht es nicht um Speise- oder Kochsalz, heute werden hier vor allem Industriesalze abgebaut.

An den Kreuzweg schließt sich das Allerheiligste an: drei Schiffe der unterirdischen Salzkathedrale, die zwischen 1992 und 1995 erbaut wurden. Sie sollen die Geburt, das Leben und den Tod Jesu verkörpern. Die zwei Seitenschiffe sind 75 Meter lang, das Hauptschiff sogar 120 Meter: 250 000 Tonnen Gestein und Salzkristall wurden aus dem Fels geschlagen und gesprengt, um den riesigen Hohlraum für diese Kathe­drale zu schaffen, rund achtzig Tonnen Sprengstoff kamen dabei zum Einsatz.

In einem Seitenschiff steht ein Taufbrunnen, ganz aus Salz, und ein Salzrelief, das an die Sixtinische Kapelle erinnert – eine Darstellung von Michel­angelos »Erschaffung des Adam«. Der Hauptraum wird dominiert von einem aus Salz geformten Erzengel Gabriel, und einem 16 Meter hohen Kreuz, das hinter einem Salzaltar nach oben zu ragen scheint. Doch das Kreuz besteht aus Luft und Licht.

Das Hauptschiff der Kathedrale, die bei Oster- und Weihnachtsgottesdiensten brechend voll ist, hat wenig gemein mit einem stillen Andachtsort, an dem die Bergwerks-Kumpel vor dem Schichtantritt um Schutz vor Unfällen bitten. Einen solchen Ort finden wir in einer Nische, in der eine Statue der Heiligen Jungfrau von Guasa aufgestellt ist: Sie steht auf einer Weltkugel und hält ein rotgekleidetes Kind im Arm. Die Jungfrau von Guasa gilt als die eigentliche Schutzpatronin der Minenarbeiter, gelegentlich gibt es auch Zeremonien für sie in der Salzkathedrale.

Rainer Heubeck

Pommes mit Maja

17. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Insekten könnten eines der Lebensmittel der Zukunft sein, darin sind sich Experten für Welternährung einig. Ein Schweizer findet: Warum nicht Bienen?

Sour Soup with Emmentaler – klingt gut, oder? Saure Suppe mit Emmentaler, wer könnte da widerstehen? Nichts würde besser passen zu dem quietschbunten Bretterverschlag, den der Schweizer Daniel Ambühl aufstellt, wenn er seine Spezialitäten bekannt macht – und genauso steht es auch angeschrieben, allerdings mit einem Wort mehr. Tatsächlich verkauft Ambühl nämlich »Saure Suppe mit Bienendrohnen aus dem Emmental«.

»Man erkennt das oft, dass Leute eine Schere im Kopf haben. Sie merken: Das Essen sieht gut aus und riecht auch lecker – und trotzdem müssen viele erst eine Barriere überwinden«, sagt er. Daniel Ambühl, 58 Jahre alt, ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Er glaubt so sehr daran, dass er ein Bienenkochbuch geschrieben hat. Es trägt den Namen »Beezza«, man erfährt darin, wie man Bienenpizza zubereitet, Bienenburger – und für die Pommes dazu die »Majanaise«, die man gewinnt, indem man den Saft von ausgedrückten Larven mit Essig, Öl, Senf und Salz verrührt.

Der Schweizer Daniel Ambühl in seinem bunten Bretterverschlag in Zürich, mit dem er im Sommer über Schweizer Festivals tourt, um Spezialitäten aus seinem Bienenkochbuch bekannt zu machen. Ambühl ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Foto: epd-bild/Luc-Francois Georgi

Der Schweizer Daniel Ambühl in seinem bunten Bretterverschlag in Zürich, mit dem er im Sommer über Schweizer Festivals tourt, um Spezialitäten aus seinem Bienenkochbuch bekannt zu machen. Ambühl ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Foto: epd-bild/Luc-Francois Georgi

Ambühl ist nicht der Einzige, der mehr Insekten auf den Speiseplan der Menschen bringen will. Die Welternährungsorganisation FAO sieht darin eine Methode, die Welternährung zu sichern – schließlich sind in Insekten zahlreiche Nährstoffe und vor allem Proteine enthalten. Gleichzeitig seien sie aber mit wesentlich weniger Aufwand zu produzieren als etwa Fleisch. Das ist wichtig angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums.

Mittlerweile gibt es einen Wettlauf unter Forschern. Es geht nicht darum, ob wir einmal Insekten essen werden, sondern welche. In Teilen von Asien, Afrika und Lateinamerika werden Insekten seit jeher verspeist, insgesamt rund 1 900 verschiedene Arten. Sie tragen laut FAO zur Ernährung von rund zwei Milliarden Menschen bei.

»Bekannt geworden ist das Insektenessen in Europa über den Zoohandel. Dessen Lieferanten haben angefangen zu experimentieren, was auch Menschen schmecken könnte«, sagt Guido Ritter, Ökotrophologe an der Fachhochschule Münster – und bekennender Insektenesser. Heuschrecken und Mehlwürmer: So laute das Programm vieler Zuchtbetriebe.

Was sich in Europa noch im experimentellen Stadium befindet, das ist in Südostasien bereits eine Industrie – und nicht immer nehmen die Züchter es dabei mit Umweltschutzstandards oder nachhaltiger Produktion besonders genau, wie Ambühl sagt: »In Thailand gibt es massenhaft Grillenfarmen. Dort wird Hochproteinfutter verfüttert, das normalerweise Hühner kriegen. Das ist überhaupt nicht durchdacht.«

Ein ähnlicher Ansatz wird Guido Ritter zufolge in Südafrika verfolgt, wo Schlachtabfälle verfüttert würden. »Das würde bei uns nicht gehen, da die Europäische Union (EU) bereits festgelegt hat, dass Insekten in der Zucht so behandelt werden müssen wie andere Tiere auch. Und die dürfen keine Schlachtabfälle bekommen.«

Dass es auch anders geht, will Daniel Ambühl beweisen: Er verwendet in seiner Küche und seinen Kursen ausschließlich die Larven und Puppen der Drohnen, also der männlichen Bienen. Die Jugendform unter anderem deshalb, weil Honigbienen ihren Nachwuchs perfekt abgestimmt versorgen: »Deshalb haben die Tiere keinen Darm­inhalt. Das ist bei anderen Insekten ein Riesenproblem.«

Rund 2 000 bis 3 000 Drohnen werden jedes Jahr in einem Bienenstamm geboren, wie er erklärt. Gebraucht würden sie von Natur aus nur, wenn aus einem benachbarten Volk eine neue Königin hervorgehe und begattet werden müsse. Also gebe es für die Drohnenlarven keine Verwendung, vorhanden seien sie bei einer großen Zahl von Honigproduzenten trotzdem. »Es wäre für Imker überhaupt kein Problem, Drohnenlarven in Bio-Qualität zu produzieren«, sagt Ambühl. Genau genommen sei das oft jetzt schon der Fall. Nur wisse das meistens nicht mal der Imker selbst.

Doch egal, ob man Bienen, Mehlwürmer oder Heuschrecken züchtet: Welcher Europäer will das eigentlich essen? Vielleicht einer, der das Tier nicht in Gänze sieht, findet Ernährungswissenschaftler Ritter. Möglich seien etwa Snacks, Proteinriegel oder auch Burger. »Letztere gibt es schon in den Niederlanden und Belgien. Ich bin sicher: Bald schon wird man im Supermarkt Insektenschnitzel kaufen können.«

Bienenkoch Ambühl sieht das anders: »Man muss sich auf Leute konzentrieren, die wissen, dass wir nicht endlos Fleisch produzieren können. Die akzeptieren ganze Insekten dann viel eher.« Gerade bei jungen und gebildeten Menschen sei das häufig der Fall. »Das ist der Markt. Und nicht Leute, die etwas eigentlich gar nicht wollen«, sagt der Schweizer. »Sour Soup with Emmentaler Kingbees« – warum eigentlich nicht?

Sebastian Stoll

www.beezza.ch

Wenn das Amt den Glauben prüft

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Christentum konvertierte Flüchtlinge werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf die Ernsthaftigkeit ihres Religionswechsels getestet. Mit teilweise äußerst zweifelhaften Methoden.

Wie heißen die beiden Söhne im Gleichnis vom verlorenen Sohn?« Pfarrer Gottfried Martens aus Berlin-Steglitz kann diese Frage nicht beantworten. Sein iranischer Täufling noch weniger. Denn in der Bibel werden die Namen der beiden Söhne überhaupt nicht erwähnt. Der Iraner allerdings könnte deswegen nun in seine Heimat abgeschoben werden. Denn weil er in seiner Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die kürzlich in Berlin stattfand, diese Frage nicht beantworten konnte, glaubte ihm das Amt nicht, dass er wirklich und aus voller Überzeugung zum christlichen Glauben konvertiert ist.

Ein Einzelfall? Mitnichten. Bei dem zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gehörenden Pfarrer Martens häufen sich die Fälle von Konvertiten, die einen negativen Asylbescheid erhalten haben. »Und fast immer finden sich in den Anhörungsprotokollen Belege dafür, dass Anhörer, Dolmetscher und Entscheider, also alle mit dem jeweiligen Fall betrauten Personen, selbst überhaupt keine Ahnung von dem haben, wonach sie fragen«, sagt Martens.

Vom »Schweinefleischfest« bis zu Luthers Geburtsdatum

So verwechselte eine Anhörende das Apostolische Glaubensbekenntnis mit dem Vaterunser. Ein Dolmetscher übersetzte das Osterfest mit dem Begriff »Schweinefleischfest«. Und ein Konvertit scheiterte an der Frage nach dem Geburtstag Martin Luthers – den vermutlich die wenigsten lutherischen Christen in Deutschland auf Anhieb nennen können.

Rund 1 000 iranische und afghanische Flüchtlinge hat Martens in den letzten Jahren getauft. Alle erhielten einen mehrmonatigen Taufunterricht. Alle mussten am Ende eine Prüfung bestehen. Fast alle halten sich auch nach Jahren noch zur Gemeinde, besuchen die Gottesdienste. Den immer wieder erhobenen Vorwurf, die Menschen kämen nur zu ihm, um als Konvertiten ein Bleiberecht zu erhalten, weist Martens entschieden zurück. »Ich habe aber den Eindruck, dass es im BAMF mittlerweile die Maßgabe gibt, Konvertiten besonders streng zu beurteilen«, sagt Martens.

Und die Erfahrungen des Berliner Pfarrers sind kein Einzelfall. Auch in Bayern erleben Kirchenvertreter Ähnliches. Auf der vor Kurzem in Nürnberg tagenden Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Bayerns berichtete Oberkirchenrat Michael Martin nicht nur davon, dass sich in Bayern ebenfalls viele Flüchtlinge in der Landeskirche taufen ließen. Vielmehr führe auch dort das Bundesamt »Glaubensprüfungen« bei Flüchtlingen durch.

»Unbestritten ist: Die Taufe gehört zum Kernbereich kirchlichen Handelns«, sagte Martin vor der Synode. »Als solche ist sie einer staatlichen Überprüfung entzogen.« Aus kirchlicher Sicht halte man fest, dass Glaube mehr sei als die Ansammlung von Faktenwissen. Deshalb könne er überhaupt nicht überprüft werden.

Vor der Synode berichtete Martin davon, dass einem Täufling aus Bayreuth dazu geraten wurde, seinen Glauben bei einer Abschiebung in den Iran doch einfach zu verleugnen. »Es braucht wohl keine große Begründung dafür mehr, dass es so nicht geht«, sagte Martin.

In der anschließenden Debatte äußerte sich auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Heinrich Bedford-Strohm: »Als ich davon gehört habe, war ich entsetzt. Es kann keine Glaubensprüfung durch Menschen geben, die dazu keine Kompetenz haben, und es kann auch nicht angezweifelt werden, dass die Menschen, die von der Kirche getauft werden, aus ernsthaften Motiven getauft werden.« Ähnlich sieht das der Berliner Pfarrer Martens. »Es geht nicht nur um dumme Fragen, es geht hier um einen massiven Eingriff des BAMF in Fragen der kirchlichen Lehre.«

Auf Nachfrage wollte sich das BAMF nicht zu den konkret angesprochenen Fällen äußern. Ein Sprecher betonte jedoch, dass im Rahmen der persönlichen Anhörung die näheren Umstände des Glaubenswechsels geprüft würden. »Die Taufbescheinigung bestätigt, dass ein Glaubensübertritt stattgefunden hat, sie sagt aber nichts darüber aus, wie der Antragsteller seinen neuen Glauben bei Rückkehr in sein Heimatland voraussichtlich leben wird und welche Gefahren sich hieraus ergeben«, sagte der Sprecher. »Die Klärung dieser Frage ist Bestandteil der persönlichen Anhörung.«

Der Entscheider müsse beurteilen, ob der Glaubenswechsel des Antragstellers aus asyltaktischen Gründen oder aus echter Überzeugung erfolgt sei. »Das Bundesamt zweifelt aber den durch Taufbescheinigung nachgewiesenen Glaubenswechsel an sich nicht an«, so der Sprecher. Es werde generell unterstellt, dass eine sorgfältige Taufbegleitung vonseiten der christlichen Gemeinden erfolgt sei. Allerdings werde von einem Konvertiten durchaus erwartet, dass er ausführlich schildern könne, welche Beweggründe er für die Konversion hatte und welche Bedeutung die neue Religion für ihn persönlich habe.

Gespräche zwischen EKD und Bundesamt

Inzwischen ist die EKD wegen der umstrittenen »Glaubensprüfungen« mit dem Bundesamt im Gespräch. Das bestätigte der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, Prälat Martin Dutzmann, auf Nachfrage dieser Zeitung. »Es darf in so einem Verfahren kein ›Glaubensexamen‹ geben«, betont Dutzmann. Gefragt werden könne nur danach, wie der eigene Glaube praktiziert werde – also, ob ein Konvertit etwa regelmäßig den Gottesdienst besuche.

Bundesweit sei zudem eine entsprechende Qualifizierung der Anhörer und Dolmetscher erforderlich. Übersetzer müssten christliche Fachtermini kennen, und Anhörer, die sich mit Konvertiten beschäftigen, sollten über Grundkenntnisse des christlichen Glaubens verfügen. Ein erstes Gespräch darüber mit dem Präsidenten des Bundesamtes, Frank-Jürgen Weise, ist aus Sicht von Dutzmann positiv verlaufen.

Benjamin Lassiwe

Luthers Erben in Namibia

30. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Lutherische Weltbund lädt im 500. Jahr der Reformation  zu seiner Vollversammlung nach Namibia ein. Ein Land, das eng mit der deutschen Geschichte verbunden ist.

Für Gewehre gibt es einen eigenen Schalter auf dem internationalen Flughafen von Windhuk. Die Großwildjäger, laut und schulterklopfend, hatten schon auf dem Zehn-Stunden-Flug nach Namibia von der Lodge geschwärmt, die so schön sei und romantisch wie im Film »Jenseits von Afrika«.

Als sie in die Halle des Flughafens kommen, staunen sie, als wäre schon Weihnachten: Ein großer Chor singt »Ein feste Burg«, so kräftig, dass es ihnen in die Glieder fährt und die Gewehre von den Schultern rutschen. Was für ein Empfang!

Doch der gilt nicht ihnen, sondern einer Delegation der befreundeten braunschweigischen Landeskirche. Domprediger Joachim Hempel erinnert sich an die christlichen Umarmungen ebenso wie an die verstörten Jäger-Gesichter – deren Weltbild nicht mehr passt: Sind wir wirklich in Afrika?

Konfirmation in der Hosianna-Kirche von Windhuk – festlich gekleidete Jugendliche, umrahmt von zweitausend betenden Gemeindemitgliedern. Foto: Paul-Josef Raue

Konfirmation in der Hosianna-Kirche von Windhuk – festlich gekleidete Jugendliche, umrahmt von zweitausend betenden Gemeindemitgliedern. Foto: Paul-Josef Raue

Da stimmt kein Vorurteil mehr: Weder das romantische aus dem Kino vom Leben neben Löwenpaaren und schwarzen Hausdienern noch das politische der Tagesschau von Muslimen, die Deutschland überfremden wollen. Afrika ist anders, auch im Glauben: Auf dem Kontinent, den wir den schwarzen nennen, bekennen sich mehr Menschen zu Christus als zu Mohammed.

Ein Sonntagmorgen in der großen Hosianna-Kirche am Rande von Windhuk: Der Parkplatz ist überfüllt, Ordner weisen ein, Tausend Menschen in der Kirche, Tausend draußen – und ein ständiger Wechsel. Die Kirche ist der wöchentliche Treffpunkt.

Die Frauen, besonders die jungen, haben sich chic gemacht mit bunten Gewändern, weißen Spitzen und fantastischen Hüten, man hört die Predigt, singt im Chor Bachs »O Haupt voll Blut und Wunden«, empfängt das Abendmahl, geht immer wieder nach draußen, um mit Bekannten und Freunden zu reden, und reiht sich in eine lange Schlange ein: Vor dem Altar werden, unter den Blicken der Pfarrer, zwei große Körbe aufgestellt, die schnell mit Geldscheinen gefüllt sind – ein Korb für ein Projekt, der zweite für die Pfarrer und die Arbeit in der Gemeinde. Kirchensteuer auf namibisch.

Nach gut fünf Stunden liest einer der Pfarrer die Liste aller Mitwirkenden vor: Der Abspann wie am Ende eines guten Films – fünf Stunden Gottes– und Menschendienst an einem sonnigen Sonntag in Windhuk.

Namibia ist ein weites Land mit großen Wüsten und wenig Wasser; auf einer Fläche doppelt so groß wie Deutschland leben weniger Menschen als in Berlin. Namibia ist eine Demokratie, repräsentativ, vorbildlich in Afrika, aber trotzdem noch ein zerrissenes Land: Der Riss zwischen Schwarz und Weiß geht auch quer durch die drei lutherischen Kirchen: Die Einheit ist das Ziel, aber ein zähes Projekt, das immerhin schon eine gemeinsame Pastoren-Ausbildung kennt.

Die kleinste der Kirchen ist die deutsche, es ist die Kirche der ehemaligen Kolonialmacht. Die Missionare Luthers baten Bismarck um Schutz und Hilfe; der bat die Engländer um militärischen Schutz, bekam als Antwort: Nein, jede Macht kümmert sich um die eigenen Leute.

Das Deutsche Reich schickte Soldaten, erst wenige zum Schutz der Missionare, später 15 000, die den Stamm der Hereros vernichteten. Zum ersten Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts bekannte sich die deutsche Regierung erst vor einem Jahr.

Wessen Hautfarbe schwarz war, den schützten die Deutschen nicht, auch nicht, als die südafrikanischen Besatzer die Apartheid rigoros durchsetzten. Der Lutherische Weltbund suspendierte sogar die deutsche Kirche in Namibia und unterstützte den Freiheitskampf der Swapo.

Die Geschichte Namibias war eine deutsche Geschichte, und sie ist es bis heute. Wer auf der Autobahn von Windhuk an die Atlantik-Küste fährt, sieht am Straßenrand Menschen, die Steine auf Autos werfen: Die Struggle Kids, die Kinder des Kampfes.

Die »Allgemeine«, seit hundert Jahren die deutschsprachige Zeitung, zeigte vor wenigen Monaten ein Foto mit diesen Kindern, die eine Faust in den Himmel recken und die Autobahn blockieren. Die DDR hatte den von der Swapo aus verschiedenen Flüchtlingslagern zusammengezogenen Kindern in den siebziger Jahren Asyl gewährt, in den dunkelsten Jahren der Apartheid.

Kurz nachdem in Deutschland die Mauer gefallen war, bekam Namibia die Unabhängigkeit: Die Struggle-Kids hatten in Deutschland keine Zukunft mehr, und in Namibia waren sie die Fremden, die schwarzen Deutschen. Sogar mit eigener Sprache, dem Oshi-Deutsch, einer Mischung aus Deutsch und Oshivambo. Auch wenn sie, meist arbeitslos, nur eine kleine radikale Gruppe bilden, sind sie typisch für die Konflikte Namibias.

Die über Jahrhunderte unterdrückten Schwarzen fordern von ihrer Regierung nicht nur Mitleid, sondern auch Landbesitz, fordern Farmen, die zum großen Teil immer noch den Weißen gehören. Die Regierung zögert, will die Fehler wie im Nachbarland Simbabwe vermeiden: Dort hat die gewaltsame Enteignung die Landwirtschaft zusammenbrechen lassen. Namibia versucht den Ausgleich, der allen die Zukunft sichern soll. So wächst mit Namibianern, deren Herkunft deutsch ist, eine neue Farmergeneration heran.

Die Deutschen sind da, sie sind friedlich, haben eine eigene Kirche und einen eigenen Bischof, sie sind die Wohlhabenden im Land, die Farmer, Handwerker, Unternehmer – auch wenn mit Calle Schletwein, dem Finanzminister, nur ein Weißer in der Regierung sitzt. In Windhuk flaniert man durch die Genscher-Straße oder wohnt im Thüringer Hof; der Besuch des Museums von Swakopmund an der Küste ist wie ein Spaziergang durch die deutsche Geschichte.

Im kommenden Jahr, dem Lutherjahr, wird die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes nicht in Wittenberg tagen, sondern in Namibia – als Zeichen für die Weltoffenheit der Erben Luthers. Die deutschen Lutheraner werden sich dann das Flugzeug teilen mit den Großwildjägern, und gemeinsam werden sie wohl auch mit »Ein feste Burg« empfangen werden.

Paul-Josef Raue

Der Lutherische Weltbund (LWB) ist der Dachverband von weltweit 142 lutherischen Kirchen mit mehr als 72 Millionen Mitgliedern. Er wurde 1947 im schwedischen Lund gegründet. Das höchste Gremium des LWB ist die Vollversammlung, die in der Regel alle sechs Jahre zusammentritt.

Die 12. Vollversammlung kommt vom 13. bis 18. Juni in Namibias Hauptstadt Windhuk zusammen. Sie soll im 500. Jahr der Reformation »die ökumenische und globale Dimension der Reformation hervorheben«, wie der LWB betont.

Das Leitwort der Vollversammlung lautet »Befreit durch Gottes Gnade«. Es soll bei der Tagung in drei Unterthemen entfaltet werden: »Erlösung – für Geld nicht zu haben«, »Menschen – für Geld nicht zu haben« und »Schöpfung – für Geld nicht zu haben«

Mitgliedskirchen aus Deutschland:
Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Braunschweig, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schaumburg-Lippe, Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, Evangelische Landeskirche in Württemberg, die Lutherische Klasse der Lippischen Landeskirche, Evangelisch-Lutherische Kirche in Baden


Weil Jesus hier geboren wurde

24. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In Bethlehem ist immer Weihnachten. Menschen aus aller Welt besuchen die kleine Stadt in den Bergen Judäas, weil Jesus hier zur Welt kam.

Die Geburtskirche und die Hirtenfelder werden täglich von Hunderten besichtigt, und die palästinensische Bevölkerung lebt vom Tourismus. Viele Muslime haben das Geschäft mit dem Kind in der Krippe für sich entdeckt. Jahr für Jahr ziehen mehr aus den umliegenden Dörfern nach Bethlehem. Sie bauen Hotels, gründen Souvenirgeschäfte und Restaurants, arbeiten als Schmuckverkäufer, Olivenholzschnitzer und Reiseleiter. Die biblischen Orte sind allgemeines Kulturerbe und das Weihnachtsfest ist zum Volksfest geworden.

Eine schöne Bescherung: Johnny und Marlene Shahwan verteilen jedes Jahr Tausende von Geschenkpäckchen, die im Rahmen der Aktion »Weihnachten im Schuhkarton« weltweit gepackt wurden, an palästinensische Kinder in und um Bethlehem. Foto: Johnny Shahwan

Eine schöne Bescherung: Johnny und Marlene Shahwan verteilen jedes Jahr Tausende von Geschenkpäckchen, die im Rahmen der Aktion »Weihnachten im Schuhkarton« weltweit gepackt wurden, an palästinensische Kinder in und um Bethlehem. Foto: Johnny Shahwan

Werden im Advent die Lichterketten eingeschaltet und riesige Weihnachtsbäume nach amerikanischem Vorbild erleuchtet, sind nur noch wenige palästinensische Christen unter den Feiernden. Und wenn am Heiligabend auf der großen Bühne Chöre aus aller Welt zur Ehre Gottes singen, grölen Tausende Muslime unter den Zuschauern schmutzige Worte dazwischen. Immer mehr Christen bleiben deshalb den Feiern fern.

»Ich erlaube meinen Töchtern nicht, an Heiligabend nach Bethlehem zu gehen«, sagt Abu Fuad, ein Vater von fünf Kindern und traditioneller Christ aus unserer Stadt Beit Jala. Er befürchtet, dass seine Mädchen von Muslimen angemacht werden und es zu Schlägereien kommt. Doch so sehr sich traditionelle Christen aufregen, dass ihnen ihr Weihnachtsfest durch die muslimische Mehrheit ruiniert wird – umso trauriger ist, dass sie selbst kaum noch einen Bezug zum Sinn von Weihnachten haben.

Nur noch wenige Leute kennen die biblischen Geschichten. Für sie bedeutet Weihnachten gut essen und trinken, Kleider kaufen, auf Partys gehen und gesehen werden. Sie leben ihre »christliche« Kultur, aber Auswirkungen auf ihr Leben hat das kaum. Viele Palästinenser leben eh nur für den Augenblick. Sie versuchen, die politischen Konflikte und Einschränkungen zu ignorieren und wollen nicht vertröstet werden auf eine bessere Zukunft, weil sie gar nicht mehr an eine Zukunft in diesem Land glauben. Immer mehr traditionelle Christen wandern deshalb aus.

Mitten in dieser Situation versuchen wir im Beit Al Liqa (Haus der Begegnung), Menschen mit Gottes Wort zu erreichen. Wir sagen den Christen, dass es mehr als fromme Traditionen gibt, nämlich eine persönliche Freundschaft zu Jesus. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind schon in unserem Zentrum zum Glauben gekommen.

Bei einem Sommercamp fragte unsere Mitarbeiterin Melody, ob eines der Kinder ein Gebet sprechen wolle. Da kam ein elfjähriger muslimischer Junge ans Mikrofon und betete: »Herr, danke für das Camp. Bitte schenke doch, dass wir heute alle friedlich miteinander umgehen und es keinen Streit gibt. Und bitte hilf uns, dass wir alle bei den Geschichten gut zuhören. In Jesu Namen. Amen!«

Dieser Junge hatte schon als Kleinkind in unserer Kindertagesstätte von Jesus gehört. Die muslimischen Familien am Ort vertrauen uns und bringen ihre Kinder. Manche sind nur liberal, andere sind offen für Gottes Wort.

Wie jedes Jahr werden wir in diesem Jahr wieder Tausende Geschenke im Rahmen von »Weihnachten im Schuhkarton« an Palästinenserkinder im ganzen Land verteilen. Wir bereiten ihnen Freude und erzählen, dass das Kind in der Krippe auch für sie auf die Erde kam.

Manchmal kommen Kinder und Erwachsene auf uns zu, die mehr hören möchten. Andere sagen: »Vielen Dank für die Geschenke, wir glauben trotzdem nicht an euren Jesus!«
Doch wie immer die Reaktion auch ausfällt – wir hören nicht auf, den Menschen der Provinz Bethlehem von Jesus zu erzählen. Denn diese Menschen liegen uns am Herzen. Und wir sind überzeugt, dass es Jesus genauso geht, schließlich ist Bethlehem ja sein Geburtsort!

Johnny und Marlene Shahwan

Johnny und Marlene Shahwan leben in Beit Jala bei Bethlehem. Johnny ist Palästinenser, gemeinsam mit seiner deutschen Ehefrau Marlene hat er als Mitarbeiter des christlichen Hilfswerkes »DMG interpersonal« in der Stadt Beit Jala ein »Haus der Begegnung« aufgebaut, das Kindern und Erwachsenen ein Ort der Hoffnung ist.

www.dmgint.de

Eine Gemeinde im Sturm

20. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Während der blutigen Aus­einandersetzungen in Kiew stand vor zwei Jahren die Deutsche Lutherische Gemeinde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Harald Krille sprach mit dem früheren sächsischen Oberlandeskirchenrat Martin Lerchner, der derzeit in Kiew Dienst tut, über die Situation heute.

Herr Lerchner, Sie haben als Ruheständler Vertretungsdienste in Kiew übernommen. Wie ist es dazu gekommen?
Lerchner:
Im letzten Jahr hat diese Gemeinde große Verunsicherungen erfahren. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen dem Bischof in Odessa und der Kiewer Gemeinde, der vor einem Jahr den von der EKD entsandten Pfarrer gewaltsam absetzen wollte. Inzwischen hat sich die Kiewer Gemeinde St. Katharina von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) trennen müssen und orientiert sich an der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Dazu kam im Frühjahr 2016 der plötzliche Tod von Pfarrer Schäfer. Die Pfarrstelle, die zurzeit ausgeschrieben ist, soll im Sommer 2017 wieder besetzt werden. Das Kirchenamt der EKD hat deshalb Ruheständler gebeten, für Vertretungsdienste zur Verfügung zu stehen.

Was ist der Hintergrund der Spannungen mit der DELKU?
Lerchner:
Ich kann mich nur auf das verlassen, was andere mir berichtet haben: Im Wesentlichen ist es wohl ein Konflikt mit dem Bischof, der eine hierarchische Führung aufgebaut hat. Bischof Serge Maschewski trifft seine Entscheidungen und erwartet Gehorsam. Wer widerspricht, wird entlassen. Statt in Konflikten zu vermitteln, hat man den Eindruck, dass er es lieber auf Konfrontation ankommen lässt.

Ist Ihnen die Entscheidung leichtgefallen, nach Kiew zu gehen?
Lerchner:
Da ich in den letzten zwölf Jahren meines aktiven Dienstes – zwar sehr gern – nur noch kirchenleitend tätig war, habe ich mich über die Anfrage sehr gefreut. Als ich mich fürs Theologiestudium entschied, wollte ich ja nicht »Kirchenleiter«, sondern Pfarrer werden. Allerdings waren so manche Vorurteile präsent.

   Martin Lerchner versieht derzeit in der Kiewer Katharinengemeinde den Vakanzdienst. Im kommenden Jahr soll die Pfarrstelle wieder regulär besetzt werden. Foto: privat

Martin Lerchner versieht derzeit in der Kiewer Katharinengemeinde den Vakanzdienst. Im kommenden Jahr soll die Pfarrstelle wieder regulär besetzt werden. Foto: privat

Und wie ist es nun in Kiew?
Lerchner:
Kiew ist eine moderne, junge und lebendige Stadt, in der es sich gut leben lässt. Allerdings sind krasse Wohlstandsunterschiede deutlich zu bemerken: auf der einen Seite Kraftfahrzeuge, die eher an Waffen als an Transportmittel erinnern, auf der anderen Seite bettelnde ältere Menschen, denen die Rente nicht zum Leben reicht. Und natürlich habe ich im Laufe der Zeit mitbekommen, dass die kriegerischen Konflikte in der Ostukraine viele Familien persönlich betreffen. Wenn ich es richtig sehe, sind unter den jüngeren Menschen viele, die gut gebildet sind, zum Teil mehrere Sprachen gut beherrschen. Gleichzeitig scheint eine größere Gruppe, vor allem älterer Menschen, nichts Gutes mehr vom Leben zu erwarten. Die Kosten steigen und das Geld reicht nicht, sodass die Unzufriedenheit steigt. Nahezu täglich sind im Stadtgebiet Demonstrationen zu bemerken.

Wie ist die Situation in der Deutschen Lutherischen Gemeinde?
Lerchner:
In Kiew höre ich immer wieder stolz: Wir sind eine deutsche lutherische Gemeinde. Allerdings höre ich das fast immer auf Russisch. Zwar stammen sehr viele der etwa 200 Gemeindeglieder aus deutschen Familien. In Zeiten der kommunistischen Herrschaft war es allerdings kaum möglich, die deutsche Sprache und Kultur und den lutherisch geprägten Glauben weiterzugeben. Und doch sind ein tiefes Wissen und eine ungestüme Sehnsucht wahrzunehmen: Wir sind eine deutsche lutherische Gemeinde. So sind sonntags siebzig bis achtzig Personen regelmäßig im Gottesdienst, in dem Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch gesungen und die Predigt und andere Texte ins Russische übersetzt werden.

Sie predigen nicht auf Russisch?
Lerchner:
Ich bin überaus dankbar dafür, dass die Gemeindesekretärin sehr gut übersetzen kann. Sie ist nicht nur eine Übersetzerin, sondern eine Person, der man eine geistliche Prägung abspürt. Die Gläubigen kommen mit großem geistigem Interesse zum Gottesdienst, in dem alle Altersgruppen vertreten sind. Nach jedem Gottesdienst findet ein Treffen mit bis zu zwanzig Personen statt, die sich mit ihren Erfahrungen und Fragen in dieses Gespräch einbringen. Es gibt zudem einen wöchentlichen Bibelgesprächskreis. Großes Interesse an der Arbeit der Kirchengemeinde und am Pfarrer haben darüber hinaus die zahlreichen Deutschen, die – an der deutschen Schule, im diplomatischen Dienst und in anderen Bereichen – auf Zeit hier mit ihren Familien leben.

Die Gemeinde und ihr damaliger Pfarrer Ralf Haska haben sich in den blutigen Majdan-Auseinandersetzungen Anfang 2014 einen Namen durch ihre parteiübergreifende Hilfe gemacht. Ist von dieser Haltung heute noch etwas zu spüren?
Lerchner:
Diese Erfahrungen haben die Gemeindeglieder sehr geprägt und sie sind mit Recht stolz darauf. Von der Haltung ist zumindest so viel zu spüren, dass die Gemeinde – trotz immenser finanzieller Schwierigkeiten – immer wieder notleidende Menschen unterstützt.

Ein Magnetenleben

14. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Rumänien: Als die ersten Bergleute aus dem siebenbürgischen Schiltal 1997 entlassen wurden, meinte die Regierung, aus den Abfindungsgeldern ließen sich Kleinunternehmen gründen. Firmeninhaber wurden aus den Arbeitern nicht, aber ameisenfleißig arbeiten sie an dem großen Recycling ihrer Region.

Vorne steht ein gelbliches, vierstöckiges Gebäude, das früher als Lagerraum diente. Aus einem Fenster werfen zwei Jungen mit Kapuzenpullis einen vier Meter langen Metallträger. Drei weitere Jungen übernehmen und schmeißen ihn neben die anderen fünf Balken, in den kleinen Anhänger eines gelben Dacia. Aus dem Gebäude dröhnt das monotone Aufschlagen der Hämmer auf Beton und ab und an auf Metall. Staubwolken steigen auf. Drinnen arbeiten 15 bis 20 Menschen. Sie sind Alteisensammler, »Magneten«, wie die Einheimischen sie nennen. Sie kommen früh, um acht oder neun, und bleiben hier bis es dunkel wird und die Recyclinghöfe zumachen. An Recyclinghöfen mangelt es in Petrila nicht. Alle kaufen Altmetall an, vor allem Eisen und Kupfer, aber auch Plastikbehälter, »Kanister«, wie die Einheimischen sagen. Die Recyc­linghöfe übernehmen die Ware, ohne viele Fragen zu stellen.

Das große Geschäft machen andere
Letztes Jahr hat die Regierung die Auflagen verschärft, nachdem an mehreren Orten der Zugverkehr wegen geklauter Kabel, Einfahrtssignale und anderer Metallteile lahmgelegt war. Betreiber von Wertstoffsammelstellen sind jetzt verpflichtet, die persönlichen Daten ihrer Alteisen- und Kupferlieferanten aufzunehmen, um die Herkunft der Metalle verfolgen zu können. Doch niemand kann genau sagen, inwieweit die neuen Bestimmungen in abgelegenen Orten jenseits der Großstädte tatsächlich eingehalten werden.

Ohne Helm und Sicherung zerlegen rumänische Altmetallsammler ein Lagergebäude aus Stahlbeton, um an das begehrte Armierungseisen zu kommen. Wenn sie Glück haben, finden sie auch noch Kupferleitungen im Bauwerk. – Foto: George Poqe Popescu

Ohne Helm und Sicherung zerlegen rumänische Altmetallsammler ein Lagergebäude aus Stahlbeton, um an das begehrte Armierungseisen zu kommen. Wenn sie Glück haben, finden sie auch noch Kupferleitungen im Bauwerk. – Foto: George Poqe Popescu

Das in Rumänien gesammelte Alteisen wird zum größten Teil exportiert. Für jedes angekaufte Kilo zahlen die Recyclinghöfe im Schiltal zwischen 13 und 16 Cent, und sie verkaufen das Metall doppelt so teuer an Großhändler. Der Schrott wechselt dann mehrmals die Hände, bevor er in Constanta auf Schiffe geladen wird und bei den Schmelzwerken in der Türkei und in Deutschland ankommt. Das Geschäft ist sehr lukrativ, vor allem für den größten Spieler auf diesem Markt, die schwäbische Scholz AG, die in Rumänien 1 000 Menschen beschäftigt und 75 Filialen unter den Namen Remat Holding und Remat Invest betreibt.

Das gelbliche Gebäude, das die Magneten abreißen, hat die Mine nach der Wende veräußert, es gehört jetzt einem inzwischen insolventen Unternehmen. Der Hauptgläubiger, die rumänische Sparkasse, hat vor Kurzem eine Vertreterin vor Ort geschickt. Sie hat die Polizei gerufen, aber die Beamten erklärten, dass der magere Haushalt der Kommune keine groß angelegten Dauereinsätze zum Schutz des Gebäudes ermöglicht.

Umgerechnet fünf Euro für einen Tag Schwerstarbeit
Vorne wartet der gelbe Dacia. Drinnen knallen weiter die Hämmer. Zur Not organisieren die Kollegen eine Säge, doch das Gros der Arbeit wird mit dem Hammer erledigt. Wenn der Balken fällt, klopfen sie den Beton ab, bis das Metallskelett freiliegt. Sie schauen, ob jemand unten ist, und werfen das Teil aus dem Fenster. Helm oder Handschuhe trägt keiner, die sind zu teuer für einen Magneten. Wenn er allein arbeitet, kann ein Magnet täglich 20 bis 30 Kilo Alteisen in seiner Karre oder in seinem Sack auf den Recyclinghof bringen. Abends bekommen die Menschen dafür höchstens fünf Euro.

Einige Meter weiter arbeiten drei Männer mit Spitzhacken in einem Graben. Heute haben sie nichts gefunden. »Wir schuften hier wie die Zuchthäusler«, sagt der Älteste und Gesprächigste der Gruppe. »Ich grabe hier nach Alteisen, seitdem ich bei der Umstrukturierung entlassen wurde. Das war 1997.« Er heißt Dorel Ciuci und trägt eine dunkelrote Arbeitshose und eine schwarze Mütze, die seine Halbglatze versteckt. Geboren ist er in Petrosani und aufgewachsen hier, in Petrila. Er hat eine Maurerausbildung. Lange war er bei der Mine angestellt, wo er die Schachtwände ausmauerte. Nach der betriebsbedingten Kündigung war seine Abfindung schnell weg – ebenso wie seine Frau mit den Kindern.

Keine Chance auf eine reguläre Anstellung
Seit der Entlassung hat er keine ordentliche Stelle gefunden, für einen Rentenanspruch ist es zu früh. »Aber wenn du mit 54 Arbeit suchst, guckt dich der Patron an und sagt dir: ›Du bist schon alt, Mann!‹ Oder er stellt dich schwarz ein und nach zwei Monaten fängt er an, dir was vom Pferd zu erzählen, statt dir den Lohn zu zahlen.«

Dem gelblichen Gebäude, das die Jungen gerade abreißen, möchte er lieber fernbleiben, denn er hat Angst, dass die tragende Struktur unkontrolliert zusammenbricht. Stattdessen sucht er mit den beiden jüngeren Kollegen weiter nach Altmetall in Löchern und Gräben. »Wenn du auf Kupfer stößt, machst du mehr Geld. Aber auch mit dem Eisen kannst du Glück haben. Vor zwei Jahren habe ich riesige Zahnräder ausgegraben. Da hatte ich über 100 Euro in einer Stunde.«

Das Problem ist, dass bei den Re­cyclinghöfen die Waagen manipuliert sind, sagt der Mann. Und dass die Polizei die Magneten schikaniert. Sie kommt ab und an und verteilt Strafzettel, die niemand zahlen kann. Dementsprechend können die Magneten keine Bankkonten mehr eröffnen, weil sie unbezahlte Geldstrafen angesammelt haben.

Wenn dann ein Träger plötzlich wegbricht
Gegenüber dem gelblichen Gebäude klopfte Dorel Ciuci an einer Baracke aus Backstein, als sein Glück ihn verließ. Er hatte einen zwölf Meter langen Betonträger gefunden und versuchte, das Armierungseisen herauszubekommen. Knapp einen halben Meter war es noch bis zum Ende des Trägers, als das Betonstück plötzlich nachgab und auf ihn fiel. Er fing an, vor Schmerz zu schreien, »wie ein Verrückter«. Die anderen Magneten, die in der Nähe arbeiteten, sind weggelaufen, aus Angst, dass jemand kommen und Fragen stellen würde.

»Hätte ich dieses Handy nicht dabei gehabt, wäre ich jetzt tot«, erzählt der Mann zwei Wochen später. Noch unter dem Betonbalken hatte er es hinbekommen, die Notrufnummer 112, danach auch die Frau, bei der er wohnt, anzurufen. Fünf oder sechs Jungen waren schnell mit einem Auto angefahren gekommen und hatten ihn herausgezogen, noch bevor der Krankenwagen kam. Sie brachten ihn ins Krankenhaus in Petrosani, wo er drei Tage später operiert wurde.

Behandlung im Krankenhaus nur gegen Bares
Nach der OP, als Ciuci wieder wach war, fragten Arzt und Chefkrankenschwester, ob er eine Versicherung hätte. Er antwortete, dass er keine hätte, und auch kein Geld für die Behandlung. Sie sagten ihm, dass er das Krankenhaus verlassen müsse, wenn er nicht zahlen könne.

Schließlich gewährten sie ihm einen zweiwöchigen Aufenthalt. Sie sagten ihm, dass er jeden Tag eine Spritze mit einem Medikament gegen Blutgerinnung bekommen müsse, sonst sterbe er. Eine Dosis kostet zwei Euro, und die Kosten der dreimonatigen Behandlung werden nicht vom Krankenhaus übernommen.

Eine Woche später besorgte ihm seine Schwester einen Rollstuhl, in dem er schließlich entlassen wurde. Er rollte zur Agentur für Arbeitskräfte und meldete sich offiziell arbeitsunfähig. Das Geld von diesem Amt reicht ihm für 14 Spritzen im Monat. Die Kollegen, die auf dem alten Minengelände graben und klopfen, brachten ihm ab und an etwas zu essen oder ein paar Lei.

Aus dem gelblichen Gebäude haben die Magneten, fleißig wie die Ameisen, inzwischen das ganze Alteisen abtransportiert.

Silviu Mihai

»Wołyń«: Vom Segnen der Sicheln, Beile und Heugabeln

7. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Schmerzhafte Vergangenheit: Der polnische Film »Wołyń« (Wolhynien) sorgt derzeit in der Ukraine für Aufsehen – obwohl ihn kaum jemand gesehen hat.

Das ukrainische »Radio Svoboda« klagt: »Ukrainer werden als Tiere gezeigt, als Barbaren des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie sind noch schlimmer als die deutschen Nazis und die sowjetischen Bolschewisten.« Der Versuch, den Film Mitte Oktober in Kiew zu zeigen, wurde kurzfristig durch das ukrainische Außenministerium unterbunden; man fürchte Ausschreitungen. Bereits vier ukrainische Schauspieler haben sich Mitte November öffentlich für ihr Mitwirken in dem polnischen Streifen entschuldigt.

»Wołyń« von Wojciech Smarzows­ki thematisiert als erster Spielfilm die Massaker, die Ukrainer im Jahre 1943 an der polnischen Bevölkerung im deutsch besetzten Wolhynien (in etwa die heutige nordwestliche Ukraine) verübten. Die ukrainische Partisanengruppe UPA (Ukrainische Aufstandsarmee) sah in den Polen ein Hindernis für einen künftigen eigenen Staat und griff mithilfe ukrainischer Bauern deren Siedlungen im Westen der Ukraine an. Motivation war auch die erlebte Unterdrückung in der polnischen Republik bis 1939. Etwa 100 000 Polen kamen dabei ums Leben, bis zu 20 000 Ukrainer wurden bei polnischen Vergeltungen getötet.

Zwischen den Fronten ukrainischer Aufständischer und deutscher Besatzer: die junge Polin Zosia mit ihrem Kind. – Foto: Sceenshot/Filmtrailer

Zwischen den Fronten ukrainischer Aufständischer und deutscher Besatzer: die junge Polin Zosia mit ihrem Kind. – Foto: Sceenshot/Filmtrailer

Die Geschichte wird im Film aus dem Blickwinkel der jungen Polin Zosia erzählt, die erst fröhlich an einer polnisch-ukrainischen Hochzeit mitfeiert, bis sie mit ihrem Kind durch eine brennende Landschaft taumelt. Was sich Menschen mit landwirtschaftlichen Geräten antun, das Häuten, Köpfen, Aufspießen, zeigt Smarzowski, der für düstere Filme bekannt ist, in grausamer Deutlichkeit. »In der Verteidigung der heiligen nationalen Sache darf man vor nichts zurückschrecken«, lautet dabei das Credo der Ukrainer.

Der Regisseur bemüht sich zwar um Ausgeglichenheit. So werden auch Ukrainer gezeigt, die sich dem Schlachten widersetzen; ebenso wird die polnische Rache an Ukrainern thematisiert. Aber: »Die Wahrheit darf nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden«, fordert Arkadiusz Jakubik, einer der polnischen Hauptdarsteller, dessen Vorfahren selbst aus Wolhynien stammen.

In der Ukraine befürchtet man jedoch gerade dies: dass der polnische Film als letztgültige Wahrheit gesehen werde. Für besonderes Aufsehen sorgt dabei eine Schlüsselszene des Films, in der ein Pope in der griechisch-katholischen Kirche die Sicheln, Beile und Heugabeln segnet, mit denen später die polnischen Messbesucher massakriert werden.

Wolodymyr Wiatrowycz, Leiter des staatlichen »Ukrainischen Instituts für Nationales Gedächtnis« weist dies ebenso wie auch viele ukrainische Medien als unhistorisch zurück. Auch bestreitet der ukrainische Historiker, dass es eine geplante Tötungsaktion der UPA gegen die polnische Landbevölkerung gegeben habe.

Dies ist jedoch für die derzeitige polnische nationalkonservative Regierung der springende Punkt. Sie hat die Massaker von 1943 erst im Juli dieses Jahres offiziell als Völkermord benannt, was der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bedauerte. Der Politiker hatte bereits vor einem Denkmal der Massaker in Warschau niedergekniet, ebenso gab es Versöhnungstreffen von Geistlichen beider Länder.

Doch für die Ukrainer ist das Geschehen in Wolhynien eher Nebenschauplatz. Die Mitglieder der UPA werden vor allem als Helden im Kampf für die Unabhängigkeit gefeiert, ihre Denkmäler von der griechisch-katholischen Kirche geweiht. Das Niederschlagen der UPA dauerte in der Sowjetunion noch bis Mitte der 50er-Jahre. Angesichts des aktuellen Konflikts mit Russland ist der UPA-Mythos heute lebendiger denn je. In der Ukraine soll deshalb auf Initiative eines Schriftstellerverbandes nun ein Gegenfilm gedreht werden, der auf ukrainischen Augenzeugenberichten basiert.

»Mein Film ist kein Historienhandbuch«, wehrte Smarzowski bereits auf einer Vorpremiere im September ab. Dem Autor dieser Zeilen erklärte er, dass auch eine Fassung für das westliche Publikum bestehe, kürzer und mit einer einleitenden Erklärung am Anfang. Der 53-Jährige ist davon überzeugt, dass der Film, der die Gewalt explizit zeigt, dennoch die Versöhnung zwischen Polen und Ukrainern voranbringen würde.

Die damals anwesenden Journalisten und Historiker glaubten allerdings nicht daran. Ihre Skepsis wird durch repräsentative Umfragen bestätigt: Nach einer aktuellen Erhebung denken nur vier Prozent der Polen, dass der Film »Wołyń« die Beziehungen der beiden Völker verbessert.

Allein Nadija Sawtschenko, die ukra­inische Kampfpilotin, welche zwei Jahre in Russland inhaftiert war und derzeit als störrische Abgeordnete im Kiewer Parlament wirkt, sieht es mal wieder anders. »Gut, dass der Film entstanden ist. Über schmerzhafte Angelegenheiten muss man reden.«

Jens Mattern

Versteckte Kreuze und das Schweigen der Unesco

21. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Bild der kreuzlosen Bischöfe auf dem Jerusalemer Tempelberg sorgt für heftige Diskussionen. Ein Kommentar, warum die Demutsgeste so brisant ist.

Die deutschen Bischöfe haben bei ihrer Pilgerreise das Kreuz in einer Region verschwinden lassen, in der Tausende von Christen in jüngster Zeit ihr Leben dafür gelassen haben und Hunderttausende ihr Leben aufs Spiel setzen, weil sie eben dieses Kreuz nicht verstecken wollen. Warum haben Kardinal Reinhard Marx und der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sich nicht mit diesen Menschen solidarisiert und von ihren muslimischen Gesprächspartnern eine eigentlich selbstverständliche Toleranz eingefordert?

Das Bild der kreuzlosen Bischöfe reiht sich zudem nahtlos ein in eine Kampagne, deren jüngstes Produkt ein Unesco-Entscheid zum »besetzten Palästina« darstellt, das wenige Tage vor dem Bischofsbesuch verabschiedet worden war.

Unter der Überschrift »Besetztes Palästina« bemängelt die »Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur« in 41 Paragrafen die Weigerung Israels, einen ständigen Unesco-Vertreter in Ostjerusalem zu genehmigen, bedauert die archäologischen Ausgrabungen Israels in Ostjerusalem und verurteilt »israelische Aggression gegen die muslimische Verwaltungsbehörde (Waqf)«. Zum Tempelberg fordert sie freien Zugang für Muslime und freie Hand für den Waqf in allen Verwaltungs-, Renovierungs- und Restaurierungsangelegenheiten.

Gleichzeitig kritisiert sie israelische Baumaßnahmen im weiteren Umfeld des Areals und bedauert, dass die Al-Aqsa-Moschee und der »Al-Haram Al-Scharif«, das »noble Heiligtum«, wie der Tempelberg von Muslimen in arabischer Sprache bezeichnet wird, von israelischen Rechtsextremisten und »uniformierten Kräften« »gestürmt« worden sei. Ein zweiter und dritter Teil befassen sich dann noch mit der Situation um den Gazastreifen, der Höhle Machpela in Hebron und dem Rahelsgrab in Bethlehem.

Problematisch an diesem Unesco-Beschluss ist nicht, dass er Israel kritisiert. Israels Verwaltung heiliger Stätten darf kritisch begutachtet werden und gewiss gäbe es da auch manches zu verbessern. Skandalös ist – genau wie bei den Kreuzen der deutschen Bischöfe –, was unsichtbar ist, verborgen, nicht genannt, ignoriert oder vielleicht sogar geleugnet wird.

So schwieg die Unesco, als zwei Jahre nach ihrer Gründung 58 Synagogen in Jerusalems Altstadt zerstört wurden. Ein jordanischer Kommandeur verkündete nach der Sprengung der traditionsreichen Hurva-Synagoge: »Zum ersten Mal seit 1 000 Jahren verbleibt kein einziger Jude im Jüdischen Viertel. Kein einziges Gebäude verbleibt intakt. Das macht eine Rückkehr der Juden unmöglich.«

Die Unesco schwieg auch, als die jordanischen Besatzer in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten Juden den Zugang zu ihren heiligsten Stätten aus ideologisch-religiösen Gründen verwehrten.

Das Schweigen der Unesco schreit unablässig zum Himmel, bis hin zum Ausbaggern der Südostecke des Tempelbergs in den Jahren 1999 und 2000. Damals entfernte der Waqf zum Bau einer Moschee 9 000 Tonnen Schutt aus den sogenannten »Ställen Salomos« – ein archäologisches Verbrechen, das mit der Sprengung der Buddha-Statuen durch die Taliban und dem Zerschlagen von archäologischen Schätzen durch den Islamischen Staat vergleichbar ist.

Weil der jüdische Staat Israel derartige Ungeheuerlichkeiten unter seiner Hoheit aus politischen Gründen duldete, könnte man ihm in diesem Fall sogar Komplizenschaft vorwerfen.

Skandalös ist ferner, was die Unesco unter der Überschrift »Besetztes Palästina« nicht sagt. »Das Dokument bezieht sich auf die Jerusalemer Stätte nur mit ihrem arabischen Namen«, jubiliert der katarische Nachrichtensender Al Jazeera. Außerdem wird die Verbindung der Heiligen Schrift von Juden und Christen zu diesem Ort inhaltlich ebenso ignoriert, wie die Jahrhunderte unumstrittener Geschichte, in der ein israelitischer und jüdischer Tempel auf diesem Hügel stand.

»Die jüdische Geschichte: ausgelöscht, konsequent bis in die Sprache. König Salomon hin, Herodes her«, beklagt Georg M. Hafner in der Jüdischen Allgemeinen und bezeichnet den Unesco-Entschluss zum »Besetzten Palästina« als »schamlosen antisemitischen Plot, der seinesgleichen sucht«. Durch den Zusatz »die Besatzungsmacht« wird die Legitimität des Staates Israel, wann immer er namentlich im Unesco-Beschluss genannt wird, ebenso unterhöhlt wie die der nur als »sogenannte« bezeichneten Israelischen Antiken-Behörde.

Die jüngsten Vorgänge um den Jerusalemer Tempelberg werfen eine ganze Reihe von Fragen auf. Was treibt die offizielle Völkergemeinschaft? Haben selbst gebildete Araber überhaupt keine Sorge um ihre Glaubwürdigkeit, wenn historische Tatsachen derart mit Füßen getreten werden?

Sind führende Köpfe der deutschen Christenheit wirklich so wenig informiert, dass sie überhaupt kein Gespür mehr dafür haben, wie unglaubwürdig sie werden, wenn sie sich von politischen Narrativen und religiösen Herrschaftsgefühlen derart instrumentalisieren lassen, dass eigene Wertvorstellungen wertlos werden?

Johannes Gerloff

Diskriminiert, bedroht, verfolgt

14. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Rund 100 Millionen Christen weltweit sind von Diskriminierung und Verfolgung betroffen. Die Hilfsorganisation Open Doors macht seit Jahren darauf aufmerksam. Neu im Fokus: Die Situation christlicher Flüchtlinge in deutschen Asylunterkünften. Harald Krille sprach mit dem Leiter von Open Doors, Markus Rode.

Markus Rode leitet den deutschen Zweig von Open Doors. Foto: Open Doors

Markus Rode leitet den deutschen Zweig von Open Doors. Foto: Open Doors

Herr Rode, das Thema Christenverfolgung ist seit einiger Zeit vermehrt in der Öffentlichkeit präsent. Ist die Verfolgung stärker geworden oder ist nur die Aufmerksamkeit dafür gestiegen?
Rode:
Die Verfolgungsintensität ist in den letzten Jahren stärker geworden. Das können wir aus dem von uns seit Jahren veröffentlichten Weltverfolgungsindex ablesen. Wir stellen fest, dass das Niveau der Gewalt und auch der Verfolgungsintensität zugenommen hat.

Wann kann man überhaupt von Verfolgung sprechen?
Rode:
Wir lehnen uns im Prinzip an die Erklärung der Vereinten Nationen an. Man erkennt aber schnell, dass es letztlich keine valide Definition von Verfolgung gibt, weil sie immer ein subjektives Element hat und fließend ist. Wann fühlt sich ein Mensch wirklich verfolgt? Beginnt Verfolgung schon damit, dass jemand als Christ ausgeschlossen wird, bestimmte Berufe zu erlernen oder unter Druck gesetzt wird, weil er nicht in die Moschee geht?

Wenn beispielsweise in Indien ein Mob von Hinduisten Steine gegen das Haus eines zum Christentum konvertierten Menschen wirft und ihm droht, ihn und seine Kinder zusammenzuschlagen – ist das schon Verfolgung oder ist das »nur« schwere Diskriminierung? Wir sprechen in solchen Fällen von Verfolgung und definieren dann die verschiedenen Formen.

Wie sieht das konkret aus?
Rode:
Wir schauen uns sechs Bereiche an. Das eine ist das Privatleben. Darf ein Mensch seine Religion privat leben, ungestört beten oder die Bibel lesen?

Dann gehen wir in die Ebene der Familien: Hat er die Möglichkeit, auch innerhalb der Familie seinen Glauben zu leben? Oder wird er als Christ von der Familie verstoßen oder sogar direkt verfolgt?

Danach der gesellschaftliche Bereich: Darf ein Christ beispielsweise noch den Dorfbrunnen benutzen? Wird er von der Gemeinschaft diskriminiert oder gar ausgestoßen?

Es folgt die Ebene des Staates: Gibt es verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit? Dürfen Christen am öffentlichen Leben teilhaben oder sind sie Bürger zweiter Klasse?

Die vorletzte Ebene ist das kirchliche beziehungsweise gemeindliche Leben. Also: Dürfen sich Christen versammeln, Gemeindehäuser bauen oder erwerben, öffentlich ihren Glauben bezeugen und Gottesdienste halten?

Und als Letztes erfassen wir physische Gewalttaten. Diese sechs Bereiche gewichten wir alle gleich im Weltverfolgungsindex. Und so können wir im Laufe der Jahre sehen, wie sich aus diesen verschiedenen Bereichen der Gesamtindex eines Landes entwickelt.

Gibt es auch Beispiele von Ländern, wo Verfolgung geringer geworden ist?
Rode:
Das gab es immer mal wieder. Derzeit ergeben sich Verbesserungen im Ranking einzelner Länder eher dadurch, dass die Index-Punkte, also das Level der Verfolgung, in einigen Ländern stärker zugenommen hat, während andere Länder auf dem gleichen Niveau bleiben.

Unter den Flüchtlingen, die aus dem Nahen Osten zu uns kamen und kommen, sind auch Christen. Sie haben dazu eine alarmierende Studie vorgelegt. Wie kamen Sie dazu?
Rode:
Wir haben Hilferufe bekommen von Pastoren und Kirchengemeinden, und Organisationen, die in der Flüchtlingsarbeit engagiert sind, wie etwa dem Zentralrat Orientalischer Christen. Selbst hochrangige Polizeibeamte haben sich vertraulich an uns gewandt. Daraufhin haben wir uns ein Bild gemacht, denn wir sind ja im Dienst der verfolgten Christen weltweit. Dabei hatten wir allerdings bisher Deutschland nie im Fokus.

Und wie haben Sie sich ein Bild gemacht?
Rode:
Indem wir eine Erhebung erstellt haben. Wir haben einen Fragebogen entwickelt und als überkonfessionelles christliches Hilfswerk in unserem bundesweiten Netzwerk nachgefragt, wer einen vertrauensvollen Kontakt zu christlichen Flüchtlingen hat und diese befragen kann. Im Ergebnis bekamen wir zwischen Februar und Mai 231 Rückläufer, in denen Flüchtlinge über Drohungen und Gewalterfahrungen berichteten.

Dabei muss man bedenken, dass die Betroffenen oft Angst haben, über ihre Situation zu sprechen. Deshalb haben Flüchtlinge überwiegend aus Regionen geantwortet, wo Kirchengemeinden ihnen besonderen Schutz gewährten.

Es gab daraufhin die Kritik, es handele sich nur um Einzelfälle, zudem mehrheitlich aus dem Raum Berlin.
Rode:
Obwohl die Kritik unberechtigt war, haben wir die Erhebung deutlich erweitert, auch in Zusammenarbeit mit anderen NGO’s und dem Zentralrat Orientalischer Christen. Wir bekamen bundesweit Rückläufe von 743 christlichen Flüchtlingen sowie von zehn Jesiden, die unsere erste Erhebung bestätigten und von massiven religiös motivierten Übergriffen berichteten.

56 Prozent der Befragten haben Körperverletzungen erlebt, 42 Prozent berichteten von Todes- und Morddrohungen. Über 80 Prozent der Betroffenen haben Angriffe und Drohungen wiederholt erlebt. Das sagt etwas über die Intensität der Verfolgung.

Das klingt, als seien die Flüchtlingsheime voller Extremisten?
Rode:
Nein. Die Muslime, die ja circa 90 Prozent der hier Ankommenden ausmachen, sind keine Extremisten oder gar Terroristen. Aber sie kommen aus Herkunftsländern, die bei uns im Weltverfolgungsindex unter den ersten zehn Platzierten sind, und dort gibt es keine Religionsfreiheit. Das heißt, sie bringen eine religiöse Prägung durch den Islam mit, in der gilt: Christen sind Unreine, Ungläubige. Und besonders die Konversion vom Islam zum Christentum ist nach dem Koran ein todeswürdiges Verbrechen.

Was können Christen und Kirchengemeinden in dieser Situation tun?
Rode:
Wichtig ist, die Flüchtlinge in den Unterkünften zu besuchen, ihnen als Christ zu begegnen und dadurch zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind. Und dass man einen Übersetzer des Vertrauens dabei hat, der dann auch in der Lage ist, den Christen eine Stimme zu geben, und sie in einen Gottesdienst einlädt.

Die Christen brauchen ein Klima des Vertrauens, denn das haben sie in diesen Unterkünften oft überhaupt nicht. Weil sie umgeben sind von muslimischer Security, die bei der Umfrage sogar zu über 20 Prozent nicht als Schutz, sondern als Mittäter erlebt wird. Und auch viele Übersetzer, die aus islamischem Hintergrund kommen, übersetzen bewusst falsch.

Wo sehen Sie die Politik in der Pflicht?
Rode:
Ein Problem ist, dass man in den Asylunterkünften oft verschweigt, dass es religiös motivierte Übergriffe auf Christen und andere Minderheiten gibt, weil das politisch ein heißes Eisen ist. Doch wer dieses Unrecht aus politischen oder anderen Beweggründen verharmlost, verschweigt oder für eigene Zwecke missbraucht, ermutigt die Täter in ihrem Tun und macht sich mitschuldig am Leid der Betroffenen. Deshalb müssen die Politiker jetzt endlich handeln und Schutzmaßnahmen auf den Weg bringen. Einen Forderungskatalog haben wir vorgelegt.

Hintergrund

Open Doors: Die Arbeit des überkonfessionellen Hilfswerkes für verfolgte Christen begann vor mehr als 60 Jahren durch den Holländer Anne van de Bijl, bekannt als »Bruder Andrew«. Der deutsche Zweig hat seine Zentrale in Kelkheim bei Frankfurt/Main.

Die Forderung: In Auswertung ihrer jüngsten Erhebung unter christlichen Flüchtlingen in Asylunterkünften fordert Open Doors unter anderem mehr Präventionsmaßnahmen zum Schutz religiöser Minderheiten während des gesamten Asylprozesses, die regelmäßige Schulung und Sensibilisierung der Mitarbeiter von Flüchtlingsunterkünften und die Bereit­stellung von christlichen Vertrauenspersonen.

www.opendoors.de

Gemeinsam auf dem Weg

8. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein starkes Zeichen: Erstmals nach 499 Jahren der Trennung eröffnen Lutherischer Weltbund (LWB) und Vatikan gemeinsam das Jubiläumsjahr der Reformation.

Bewahre uns Gott, behüte uns Gott …«, singen die Menschen in der Domkirche der schwedischen Universitätsstadt Lund. Dort, wo 1947 der Lutherische Weltbund gegründet wurde, gibt es am Reformationstag erneut ein kirchenhistorisches Ereignis: 499 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers feiern Papst Franziskus und der Präsident des Lutherischen Weltbunds, Bischof Munib Younan, einen Gottesdienst zur Eröffnung des Reformationsjubiläums. Gemeinsam beten sie, gemeinsam singen sie – und gemeinsam umarmen sie sich zum Friedensgruß.

»Wir Katholiken und Lutheraner haben begonnen, auf dem Weg der Versöhnung voranzugehen«, sagt Papst Franziskus. »Wir dürfen uns nicht mit der Spaltung und der Entfremdung abfinden, die durch die Teilung unter uns hervorgerufen wurden.« Dankbar erkenne man an, »dass die Reformation dazu beigetragen hat, die Heilige Schrift mehr ins Zentrum des Lebens der Kirche zu stellen«, sagt Franziskus. Martin Luther habe mit seiner Frage »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?« die entscheidende Frage des menschlichen Lebens gestellt. »Als Lutheraner und Katholiken beten wir gemeinsam in dieser Kathedrale und sind uns bewusst, dass wir getrennt von Gott nichts vollbringen können.«

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Einige Dutzend Kilometer entfernt, in der Arena von Malmö, hat Pastor Thomas Waack aus Eutin in Schleswig-Holstein Platz genommen. Er verfolgt den Gebetsgottesdienst in Lund zusammen mit mehr als Zehntausend Menschen über eine Großbildleinwand. »Ich hoffe, dass es weitere Signale des Aufeinanderzugehens gibt«, sagt Waack. Ähnlich sagt es die dänische Pfarrerin Helle Rosenquist, die für den Gottesdienst extra aus dem Norden Jütlands nach Lund kam: »Ich hoffe, dass die Kontakte zwischen den beiden Kirchen besser werden.«

Und das wurden sie in Lund tatsächlich. Zumindest, wenn man daran denkt, dass Martin Luther den Papst einst noch als »Antichrist« verurteilte. In Lund dagegen bekannten der Generalsekretär des Lutherischen Weltbunds, Martin Junge, und der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, Kardinal Kurt Koch, die Schuld, die die Kirchen mit solchen Äußerungen ebenso wie mit den Glaubenskriegen der frühen Neuzeit auf sich geladen hatten.

Und in einer gemeinsamen Erklärung verpflichten sich Katholiken und Lutheraner zu intensiverer Zusammenarbeit: »Viele Mitglieder unserer Gemeinden sehnen sich danach, gemeinsam die Eucharistie zu empfangen, als konkretes Zeichen völliger Einheit.« In den Blick genommen werden in dem Text vor allem konfessionsverschiedene Ehepaare: Man spüre den Schmerz derer, die ihr ganzes Leben teilten, aber nicht gemeinsam am Tisch des Herrn sein könnten. »Wir sehnen uns danach, diese Wunde im Leib des Herren zu heilen«, heißt es in der Erklärung. »Das ist das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen, die wir voranbringen wollen, auch durch eine Erneuerung unseres Versprechens zum theologischen Dialog.«

Doch über manche Brücken geht Papst Franziskus auch in Lund nicht. Immer noch ist von den Protestanten nur als »kirchliche Gemeinschaften«, nicht als »Kirchen«, die Rede. »Der Papst hat deutlich vermieden, von Kirchen zu sprechen«, sagt der Landesbischof der Nordkirche, Gerhard Ulrich, Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD).

Insgesamt sei der Gottesdienst aber ein »wichtiges ökumenisches Signal« gewesen. »Mir ist wichtig, dass auch die Gemeinden in Deutschland Gottesdienste nach dem Vorbild von Lund feiern«, sagt Ulrich. »Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, als ob mit dem 1. November 2017 die Arbeit getan sei.« Er gehe davon aus, dass zwischen dem LWB und dem Vatikan nun Gespräche über die »Big Points« von Amtsverständnis, Kirchenverständnis und Eucharistie folgen werden.

Der Vizepräsident des Lutherischen Weltbunds, der Württemberger Landesbischof Frank-Otfried July, nannte die Erklärung von Lund ein »starkes Wegzeichen« zur Einheit. »Vielleicht kommt ja auch in der katholischen Kirche künftig der Gedanke stärker zum Tragen, dass die gemeinsame Eucharistie schon auf dem Weg zur Einheit und nicht erst am Ende des Weges gefeiert werden kann.«

Benjamin Lassiwe

Mit Martin Luther in den Staaten

2. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Im öffentlichen Leben spielt das Reformationsjubiläum kaum eine Rolle. Dennoch hat Martin Luther seine Fans und so manchen großen Auftritt jenseits des Atlantiks.

Die »Morgan Library and Museum« (Morgan Bibliothek und Museum) im Herzen von Manhattan gilt in den USA als eine edle Adresse für Künstler und Kunstliebhaber. Seit Anfang Oktober begegnen Besucher dort dem deutschen Reformator Martin Luther oder zumindest seinem Abbild, einem Luther-Porträt des Malers Lucas Cranach. 500 Jahre nach Beginn der Reformation kommt Martin Luther in die USA.

Das Cranach-Porträt sowie Cranachs berühmtes »Christus und Maria«-Gemälde, beheimatet »normalerweise« in der Stiftung Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha, sind Teile von drei Ausstellungen in den USA rund um Martin Luthers Leben und Wirken. Der Reformator ist auch zu Gast im Minneapolis Institute of Art in Minnesota und in der Pitts Theology Library der Chandler School of Theology in Atlanta in Georgia.

Niemals zuvor konnte man in den USA so viele und so kostbare Materialien zu Luther und der Reformation begutachten und bestaunen. Im »Morgan«, einer von dem Bankier John Pierpont Morgan Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffenen Einrichtung, sieht der Besucher Schriftstücke und Handschriften aus Luthers Leben und Wirken, vom Thesenanschlag bis hin zur Bibelübersetzung auf der Wartburg und dem Schaffen in Wittenberg.

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Als »Kronjuwelen« der rund einhundert Exponate gelten unter anderem ein zeitgenössischer Plakatdruck der 95 Thesen, eines der wenigen solchen Druckwerke, die noch existieren. Kurator John McQuillen sagte im Informationsdienst »Religion News Service«, Luther habe sich moderner Vervielfältigungsverfahren bedient. »Es war eine Art ›Tweeten‹ im Stil des 16. Jahrhunderts, diese kurzen Pamphlete, diese kurzen einseitigen Traktate und plakatartigen Holzschnittdrucke«, meint der Kurator.

Bei der Ausstellung in Minnesota (der Staat ist das geografische Zentrum der US-Lutheraner) geht es um den Alltagskontext der Reformation. Zahlreiche archäologische Funde aus Luthers Elternhaus und aus dem Lutherhaus in Wittenberg, darunter ein grün lackiertes Schreibset, das vielleicht gar vom Vielschreiber Luther selber benutzt wurde, sollen damalige Lebensumstände greifbar machen. Und es geht um Martin Luthers Theologie und Frömmigkeit, die bildlich verständlich gemacht werden sollen in dem monumentalen Gothaer Tafelaltar mit seinem biblischen Bilderzyklus.

Schwerpunkt in der Pitts Theological Library der protestantischen Chandler School of Theology ist Lucas Cranachs Gemälde »Gesetz und Gnade« (1536). Das Werk sei »der wichtigste Beitrag der deutschen Reformation zu der bildlichen Kunst«, sagte der Leiter der Bibliothek, M. Patrick Graham. Und es bringe Luthers Rechtfertigungslehre auf den Punkt.

Chandler ist nach eigener Darstellung geprägt von »evangelikaler Frömmigkeit, ökumenischer Offenheit und sozialem Engagement«. Bekannt ist Chandler wegen seiner Theologievorlesungen auch in Gefängnissen. Der deutsche Theologe Jürgen Moltmann hat von 1983 bis 1993 in Chandler gelehrt und wird der Einrichtung einmal sein gesamtes Archiv vermachen.

Ein kleiner Teil von Chandlers Ausstellung befasst sich auch mit Martin Luther King. Es sei in den USA relativ unbekannt, wie viel Einfluss der Bürgerrechtsführer auf den »Freiheitskampf im kommunistischen Ostdeutschland« gehabt habe, steht im Ausstellungskatalog. Besucher sehen dazu Fotos von Kings Aufenthalt in Ostberlin 1964.

Die drei Ausstellungen wurden vom Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, dem Deutschen Historischen Museum Berlin sowie der Stiftung Schloss Friedenstein realisiert. Man wolle die Luther-Ausstellungen nutzen, »um eine möglichst große Zahl von lutherisch geprägten und geschichtlich interessierten Amerikanern für einen Besuch in Thüringen und Sachsen-Anhalt zu begeistern«, sagt Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus Gesellschaft.

In den USA nimmt der 500. Geburtstag weniger gesellschaftlichen Raum ein als in Deutschland. Und so viele Lutheraner gibt es nicht. Die meisten gehören der größten lutherischen Kirche an, der »Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika« (ELCA), die 3,7 Millionen Mitglieder zählt. Daneben gibt es als zweitgrößte lutherische Gemeinschaft die theologisch konservative »Lutherisch Kirche – Missouri-Synode«, zu der 2,3 Millionen Amerikaner gehören. Letztere betreibt auch eine spezielle Internetseite mit vielen Informationen rund um die Reformation sowie Hinweisen auf zahlreiche Veranstaltungen im Jubiläumsjahr.

Und auch die Vermarktung kommt nicht zu kurz: Das Concordia Publishing House bietet in einem Internetshop nicht nur die auch in Deutschland bekannte Playmobil-Figur des Reformators an. Ebenso sind Luther und seine Frau Käthe als Wackelkopfpuppen erhältlich, neben T-Shirts und Frisbee-Scheiben mit Lutherrose und vielem mehr an Nippes rund um 500 Jahre Reformation.

Konrad Ege

http://lutheranreformation.org/
www.cph.org/t-reformation.aspx?

Menschen, von denen niemand weiß

25. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wolgadeutsche – die meisten denken dabei an Lutheraner. Doch ein Drittel waren Katho­liken. Nur noch wenige leben heute in der Wolgaregion, aber sie betreiben eine intensive Seelsorge und Sozialarbeit.

Den Bettlern von Astrachan gehört nur der äußerste Rand des Fußwegs. Still ergeben hocken sie dort. Passanten lassen im Vorübergehen Kleingeld in ihre Hände oder Becher fallen. Mirella Zanon hält sich länger bei ihnen auf, spricht ein paar Worte, reicht ihnen belegte Brote und Tee. Sie kennt ihre Namen und Geschichten.

Jeden Dienstag und Donnerstag fährt sie mit dem Auto durch die 520 000-Einwohner-Stadt an der unteren Wolga. Kommt sie vor der orthodoxen Kirche der Gottesmutter von Kasan an, begrüßen sie dort schon freudig ein halbes Dutzend Obdachlose, Trinker oder alte Mütterchen, deren Rente fürs Essen nicht reicht.

Ein Glas Tee, belegte Brote – und ein gutes Wort: Mirella Zanon (Mitte) besucht zweimal in der Woche die Außenseiter der Gesellschaft auf den Straßen der Großstadt Astrachan im Wolgadelta. Foto: Annemarie Müller

Ein Glas Tee, belegte Brote – und ein gutes Wort: Mirella Zanon (Mitte) besucht zweimal in der Woche die Außenseiter der Gesellschaft auf den Straßen der Großstadt Astrachan im Wolgadelta. Foto: Annemarie Müller

Allzu lang darf Mirella sich nicht aufhalten. Die orthodoxen Priester sehen das nicht gern. Gelegentlich, erzählt die 35-jährige Italienerin, beschimpfen sie sie, versuchen sie zu vertreiben. »Ich weiß nicht, wie lange ich das noch werde machen können. Jeden Tag kann die Polizei auftauchen und mir das verbieten.«

Diakonische Sozialarbeit von Christen ist in Russland die Ausnahme. Mirella ist Katholikin, gehört einer nach dem Konzilspapst Johannes XXIII. benannten, weltweit tätigen Assoziation an. Seit neun Jahren lebt sie am Rand eines Stadtteils fernab der Altstadt, in einem grünen Holzhäuschen – zusammen mit den sieben Menschen, die sie täglich betreut: darunter Kinder, deren Mutter auf Alkohol-Entziehungskur ist, eine psychisch kranke Frau und Jewgeni, ein alter Mann, der im Rollstuhl sitzt. Ärzte haben ihm Ohren, Finger und Zehen amputiert, die ihm in einer Winternacht auf der Straße erfroren waren.

Geistliches Zentrum von Aktiven wie Mirella ist die im 18. Jahrhundert errichtete katholische Kirche »Mariä Himmelfahrt«, eine der drei ältesten in Russland. Von Astrachans Bevölkerung sind über 60 Prozent Russen, zweitgrößte Gruppe sind die Kasachen. Außerdem leben hier Tataren, Armenier, Kalmücken, Menschen aus den Kaukasusrepubliken – mehr als hundert Ethnien. Ohne nennenswerte Konflikte.

Franziskanerpriester aus Weißrussland und Polen leiten die katholische Gemeinde. Unter den knapp 50 Besuchern der Messe sind auch junge Frauen und Männer aus afrikanischen Ländern, die in Astrachan studieren.

Ins Erdgeschoss des Gemeindehauses kommen an jedem Wochentag bis zu 20 Schulkinder aus sozialen Pro­blemfamilien. Die Mitarbeiterinnen von »Antoschka«, dem Kinderzentrum der Caritas, helfen ihnen bei Hausaufgaben, basteln mit ihnen, unternehmen Ausflüge, begleiten sie beim Einkauf und kochen gemeinsam.

In Marx, einer 30 000-Einwohner-Kleinstadt, fast 900 Kilometer die Wolga aufwärts, befindet sich auf dem Gelände der katholischen Christus-König-Gemeinde ein ähnliches Kinderzentrum. Seit gut anderthalb Jahren leitet Bosco Marschner die Pfarrei. Zuvor war der 49-Jährige aus Bautzen Pfarrer in Zittau. Er spricht fließend russisch, auch in der Messe. Am Wochenende fährt er dazu mit dem Auto in drei Außengemeinden. Die in der Gebiets–hauptstadt Pensa liegt 300 Kilometer entfernt.

Im Kinderzentrum von Marx werden ebenso wie in Astrachan benachteiligte Kinder betreut. Foto: Annemarie Müller

Im Kinderzentrum von Marx werden ebenso wie in Astrachan benachteiligte Kinder betreut. Foto: Annemarie Müller

Riesige Entfernungen zu überwinden, gehört auch für Clemens Pickel zum Alltag. Seit 26 Jahren lebt der geborene Sachse von der Mulde, Jahrgang 1961, als katholischer Priester in Russland. Heute ist er Bischof in Saratow, dem einstigen Zentrum der Wolgadeutschen, von denen ein Drittel katholisch waren. Sein Bistum St. Clemens umfasst 47 Pfarreien mit 26 Kirchen – auf einem Gebiet viermal so groß wie die Bundesrepublik.

Die allermeisten Russlanddeutschen sind in die Bundesrepublik übersiedelt. In Saratow gibt es etwa hundert Katholiken, in Marx rund sechzig. Ihr Bevölkerungsanteil liege bei 0,08 Prozent. »Die Gemeinden sind klein«, sagt Bischof Pickel. »Wie eine Familie versammelt um den Priester.« Die Priester und Ordensschwestern stammen aus 21 Ländern.

Seit Mitte der Neunzigerjahre wird in den Gottesdiensten ausschließlich russisch gesprochen. »Die meisten Ehepartner unserer Mitglieder sind orthodox – eine Art Basis-Ökumene.« Wer Russe ist, aber nicht orthodox, werde von manchen als Abtrünniger betrachtet, berichten Gemeindemitglieder. »Ihr seid katholisch – wir sind Christen«, bekommen sie oft zu hören. Der Dialog mit den Orthodoxen in Saratow und Marx sei zwar nicht sonderlich ausgeprägt, sagt Clemens Pickel. »Aber besser als früher.«

Gut für die russischen Katholiken seien Besuche von außerhalb. Solche, wie kürzlich der einer 14-köpfigen Gruppe aus der Katholischen Studentengemeinde in Dresden, meint der Bischof. In Gesprächen hätten vor allem die jungen Leute hier verstanden, dass man in Deutschland den Russen nicht so schlecht gesonnen sei, wie sie oft glaubten. »Russland ist eine große Provinz, wo Menschen leben, die am meisten darunter leiden, dass niemand von ihnen weiß«, so der Bischof.

Tomas Gärtner

Begegnung auf Augenhöhe

17. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Brasilien: Auch deutsche Auswanderer beteiligten sich an der Verdrängung der eingeborenen Indianerstämme. Seit mehr als drei Jahrzehnten stellt sich die Lutherische Kirche in Brasilien dieser Vergangenheit.

Fruchtbares, menschenleeres Land war ihnen versprochen worden: den ersten Siedlern evangelisch-lutherischen Glaubens, die vor fast zweihundert Jahren in Brasilien ankamen. Niemand hatte erwähnt, dass das Land von Indianervölkern bewohnt war. Die portugiesischen Kolonialherren sahen sich selbst als Vertreter einer vornehmeren Rasse und wähnten sich den »Wilden« in jeder Beziehung überlegen.

Die deutschen Einwanderer sahen sich unerwartet in einen Konflikt involviert, der beiden Seiten Unheil brachte: Den Siedlern, die dazu verleitet wurden, eine Rolle zu spielen, die sie selber nicht wollten. Und den indigenen Völkern, die ob der Kraft der Feuerwaffen ihr Land und nicht selten ihr Leben verloren. Dabei prallten auch völlig andere Einstellungen in Bezug auf die Nutzung des Landes aufeinander: Für die Indianervölker dienten die Flüsse und der Wald der extensiven, gemeinsamen Nutzung. Für die Europäer war das Land Privateigentum mit genau abgesteckten Grenzen – intensiv zu beackern und zu bepflanzen.

Die erste größere Welle der deutschen Auswanderer kam 1824 ganz im Süden Brasiliens an. Am 25. Juli erreichten die ersten die Colonia Alemã de São Leopoldo. Es kamen verarmte Bauern und Handwerker evangelisch-lutherischen Bekenntnisses, mittellos – aber mit dem festen Willen, sich eine neue Existenz zu schaffen. 1830 waren schon 3 700 Deutsche da. Vor allem Familien aus Mecklenburg, dem Hunsrück, den nördlichen und westlichen Teilen des heutigen Saarlandes und der Westpfalz hatten sich auf die Reise gemacht.

Doch bis sich überhaupt ansatzweise die Erkenntnis durchsetzt, dass die Ureinwohner und deren Kultur Respekt verdienen, dauerte es fast hundert Jahre. Es war der brasilianische Militär und Entdecker Cândido Rondon, der 1910 eine nationale Stiftung zum Schutz der Indios ins Leben rief. Aber diese – wie auch die seit 1967 bestehende Nachfolgeorganisation FUNAI, die brasilianische Behörde für indigene Angelegenheiten, taten und tun nicht nur Gutes. Ein nicht von der Hand zu weisender Vorwurf lautet, die FUNAI versuche als bevormundende Organisation »menschliche Zoos« zu schaffen.

Eine »Wilde«: Die Danessa-Frau aus dem Amazonasgebiet hat ihr Gesicht traditionell mit Urucum geschminkt, einer roten Paste, die aus zerdrückten Samen des Annatto-Strauches gewonnen wird. Foto: Karl Horat

Eine »Wilde«: Die Danessa-Frau aus dem Amazonasgebiet hat ihr Gesicht traditionell mit Urucum geschminkt, einer roten Paste, die aus zerdrückten Samen des Annatto-Strauches gewonnen wird. Foto: Karl Horat

Im Gegensatz dazu will der 1982 gegründete Indianermissionsrat (COMIN) der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (EKLBB) den Urvölkern partnerschaftlich begegnen. »Indigene Völker haben uns sehr viel zu sagen und zu zeigen«, ist Renate Gierus vom COMIN in São Leopoldo in Rio Grande do Sul überzeugt.

Der Missionsrat hat sich sieben Arbeitsfelder gemeinsam mit den indigenen Völkern gesteckt: Vier im Amazonasgebiet und drei im schon lange kolonialisierten Süden. Schwerpunkte an all diesen Orten sind die Bereiche Erziehung und Gesundheit, Unterstützung bei der Wiederbelebung traditioneller Organisationen der Stämme, Verteidigung der alten Landrechte und die Aufwertung und Unterstützung der traditionellen Formen zur Sicherung des Lebensunterhalts.

Eines der wichtigsten Anliegen ist dabei, dass die Urvölker ihre Sprache behalten können. Der brasilianische Staat will nur Portugiesisch als Landessprache gelten lassen. Aber es gibt 270 indigene Sprachen, 190 davon sind vom Aussterben bedroht. Doch Sprache bedeutet Identität, schützt vor Entwurzelung und gewährleistet, dass Geschichte und Kultur der Vorfahren an die nächste Generation weitergegeben werden können.

»Der erste Schritt zu einem Dialog ist, erst einmal hinzuhören«, sagt der pensionierte COMIN-Pastor Walter Sass. »Die Indianer kommen aus einer Welt, in der es Werte wie ›Eigentum‹ und ›Leistung‹ nicht gibt. Dafür kennen sie ein Einvernehmen mit der Natur, haben eine Beziehung zu Geistern, die das Universum durchdringen.«

Auch im ganz praktischen Bereich ergeben sich Chancen aus dem Austausch mit den Indios: Die Schamanen, die Heiler dieser Völker, wissen um die Wirkung verschiedenster Pflanzen im Regenwald. All die Salben, Tinkturen und Säfte der Indigenen bilden eine reiche Apotheke von Mutter Natur, deren Tür wir uns offenhalten sollten.

Karl Horat

Hoffnungslos optimistisch

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Schimon Peres: »Keine Sorge, ich werde nicht vergessen zu sterben!«, sagte der vor Vitalität sprühende 90-jährige Präsident des Staates Israel vor drei Jahren zu Journalisten. Sein starrsinniger Optimismus war zu allem bereit – außer, sich den finsteren Realitäten des Nahen Ostens zu beugen.

Die Frage, ob er sich von Jassir Arafat hintergangen fühle, dessen Hand er zum Abschluss der Verträge von Oslo geschüttelt hatte – und der im Rückblick bewiesenermaßen gleichzeitig den Terror gegen Israel geschürt hatte –, wischte Peres unwirsch vom Tisch: »Fragen Sie Arafat!« Die Provokation, wie er angesichts des Hasses auf sein Volk so zuversichtlich in die Zukunft sehen und so ungebrochen auf eine bessere Zukunft zuarbeiten könne, beantwortete er in dunkelster Zeit mit den Worten: »Ich habe keine Alternative!«

Jetzt hat sich Israels Profi-Optimist dem Zwang der Natur gebeugt und sein Versprechen, das Sterben nicht zu vergessen, eingelöst: In der Nacht vom 27. auf den 28. September ist Schimon Peres im Alter von 93 Jahren nach einem Schlaganfall und kurzer, schwerer Krankheit verstorben.

Schimon Peres war definitiv der bekannteste und weltweit beliebteste Israeli. Seit 1959 gehörte er der Legislative des Staates Israel an und war damit der am längsten amtierende Parlamentarier des jüdischen Staates. Die Politkarriere des polnisch-stämmigen Sozialdemokraten erstreckte sich über sechs Jahrzehnte. Mit Peres verabschiedete der jüdische Staat den letzten Profipolitiker seiner legendären Gründergeneration.

Optimistisch, aber auch nachdenklich: Schimon Peres als israelischer Präsident während eines Treffens mit einem ausländischen Staatsgast. Foto: picture alliance

Optimistisch, aber auch nachdenklich: Schimon Peres als israelischer Präsident während eines Treffens mit einem ausländischen Staatsgast. Foto: picture alliance

Am 2. August 1923 wurde Szymon Perski in Wiszniew, das heute in Weißrussland liegt, geboren. Im Alter von elf Jahren wanderte er mit seinen Eltern in das britische Mandatsgebiet Palästina ein. Seitdem er 1948 politischer Berater von Staatsgründer David Ben-Gurion war, hatte Schimon Peres praktisch alle hohen politischen Ämter des Staates Israel inne. Im Alter von 29 Jahren war er Generaldirektor des Verteidigungsministeriums, zweimal Premierminister, dreimal Außenminister, zuletzt – von 2007 bis 2014 – Staatspräsident.

Peres wird als »Vater des israelischen Atomprogramms« gehandelt und zog bei einigen der spektakulärsten Militäraktionen Israels, wie etwa der Befreiungsaktion von Entebbe 1976, im Hintergrund die Fäden. Gleichzeitig war er Meister der Geheimdiplomatie, entscheidender Motor des Prozesses von Oslo und erhielt für den Handschlag mit PLO-Chef Jassir Arafat auf dem grünen Rasen vor dem Weißen Haus in Washington im September 1993 gemeinsam mit Jassir Arafat und Jitzchak Rabin den Friedensnobelpreis. Allerdings wurde er von seinen eigenen Leuten dafür auch als »Verbrecher von Oslo« beschimpft.

In Israel ist Schimon Peres als notorischer Träumer bekannt und wurde für seinen »Neuen Nahen Osten« oft verhöhnt. Als frisch gewählter Staatspräsident verkündete er, dass er in seinen 48 Jahren in der Knesset »keinen Augenblick die Hoffnung verloren« hätte. Hoffnung zu vermitteln, sah er auch im hohen Alter als eine seiner vornehmsten Aufgaben. So ließ er es sich auch noch als Ex-Präsident mit über 90 Jahren nicht nehmen, in einem humorvollen Videoclip mit seiner Enkeltochter auf Job-Suche zu gehen und sich etwa als Tankwart filmen zu lassen.

Dabei war das beharrlichste Urgestein der israelischen Politik vor allem als »Loser«, als Verlierer, bekannt. Schimon Peres hatte bis zu seiner Wahl zum Staatspräsidenten am 13. Juni 2007 nie eine Wahl gewonnen. Journalisten witzelten hinter seinem Rücken: »Wir wissen nicht, was im Jahr 2050 sein wird – außer, dass es Wahlen geben und Schimon Peres verlieren wird.« Was wohl als Beweis dafür gelten muss, dass Journalisten schlechte Propheten sind und Träumer manchmal auch nach langer Zeit noch Erfolge erzielen.

Eine der beharrlichsten Journalistenfragen, die den hochbetagten Staatsmann in den vergangenen Jahren begleitete, war wohl die, wann er denn endlich in Rente gehen wolle. In Krisenzeiten hatte er darauf mit nachdenklichem Ernst geantwortet: »Solange ich meinem Volk helfen kann, stehe ich zur Verfügung.« Mit Bravour gelang es Peres, das Vertrauen der israelischen Bevölkerung in das Amt des Präsidenten wiederherzustellen, nachdem sein Vorgänger, Mosche Katzav, wegen Vergewaltigung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Im letzten Abschnitt seines Lebens erwies er sich als großer Staatsmann, indem er das chronisch zerstrittene Volk seines Landes auf souveräne Weise einte. Außenpolitisch war Peres definitiv der erfolgreichste Repräsentant des so vielfach angefeindeten und verleumdeten Staates Israel.

Peres war nicht nur Politiker. Er war belesen und hat Gedichte verfasst. Nicht zufällig zählten die Schriftstellerin Simone de Beauvoir und andere Literaten zu seinen engsten Freunden. Im äußerst korruptionssensiblen und skandalbewussten Israel konnte ihm, im Gegensatz zu anderen Politikern, nie Geldgier, Korruption, unlautere Nähe zu Millionären oder Wirtschaftsmagnaten vorgeworfen werden. Auch Frauengeschichten werden über Peres nicht erzählt.

Sein Privatleben hat Schimon Peres mit Erfolg vor der Öffentlichkeit versteckt. Seine Frau Sonja, die im Januar 2011 im Alter von 87 Jahren verstarb, hielt sich beharrlich im Hintergrund und verweigerte sich auch dann noch dem Rampenlicht der Öffentlichkeit, als ihr Mann Staatspräsident wurde. Peres hinterlässt eine Tochter namens Zvia, sowie zwei Söhne, Jonathan und Nehemia, und sechs Enkel.

Johannes Gerloff

Videoclip mit Peres auf Arbeitssuche (mit deutschen Untertiteln) im Internet:

www.youtube.com/watch?v=__7b9O8k1tw)

Geld sucht Land

3. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Gespenst geht um die Welt, das Gespenst des »Landgrabbings«, wörtlich als Landfassen oder besser noch als Landgrapscherei zu übersetzen.

Geld sucht Land: Weltweit sind seit Jahren Privatinvestoren, Investmentgesellschaften, Konzerne, Holdings und selbst Staaten wie China unterwegs, um sich so viel wie möglich Anteile an einer begrenzten Ressource zu sichern – an Ackerland.

Dabei geht es nur zum Teil um die Sicherstellung der Ernährung. Unter den Investoren sind auch Energiekonzerne, die sich angesichts des zu Ende gehenden fossilen Zeitalters Flächen für den Anbau von Pflanzen zur alternativen Energieerzeugung sichern wollen. Andere Investoren wiederum spekulieren vor allem auf steigende Preise für das Land.

Lange galt dieser großflächige Landkauf als typisches Phänomen für den afrikanischen Kontinent. Doch seit einigen Jahren beobachten Landwirtschaftsexperten und -politiker auch in Europa eine steigende Konzentration von landwirtschaftlicher Nutzfläche in der Hand weniger Eigentümer. Besonders stark in den Staaten Osteuropas, aber auch in Deutschland.

In Europa läuten die Alarmglocken

Im Januar vergangenen Jahres verabschiedete der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss deshalb einen Initiativbericht zum Thema »Jagd nach Agrarland – ein Alarmsignal für Europa und eine Bedrohung für bäuerliche Familienbetriebe«. Darin wird unter anderem ein EU-weites Erfassungs- und Beobachtungssystem für Landkäufe und -verpachtungen gefordert. Zudem sei die »Formulierung eines eindeutigen agrarstrukturellen Leitbildes« für die Europäische Union notwendig.

Für Ackerland werden inzwischen exorbitante Preise geboten – das »Landgrabbing« ist in Deutschland angekommen. Foto: EidBlick/fotolia, Tatjana Balzer/fotolia; Montage: gkz

Für Ackerland werden inzwischen exorbitante Preise geboten – das »Landgrabbing« ist in Deutschland angekommen. Foto: EidBlick/fotolia, Tatjana Balzer/fotolia; Montage: gkz

Denn die zunehmende Konzentration des Ackerlandes in der Hand weniger Personen oder Kapitalgesellschaften hat tief greifende soziale wie wirtschaftliche Folgen. Der Slogan vom »freien Bauern auf eigener Scholle« ist längst weithin eine Farce. In immer mehr Fällen gehört die Scholle nicht mehr dem, der sie bewirtschaftet.

EU-weit waren 2013 nach Angaben von Eurostat bereits 53 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen Pachtland. Wobei Irland mit 17 Prozent das untere Ende markiert. In der Slowakei gehören 96 Prozent der Flächen nicht den Bearbeitern, in Bulgarien 89 Prozent.

Auch Deutschland liegt mit 70 Prozent Pachtfläche bereits deutlich über dem Durchschnitt. Benedikt Haerlin vom Zukunftsinstitut Landwirtschaft in Bochum sieht dabei auch eine Schuld bei der bundeseigenen Bodenverwertungs- und Verwaltungs-GmbH (BVVG). Sie übernahm den Verkauf von nicht an die Alteigentümer zurückgegebenen Agrarflächen aus dem DDR-Staatsbesitz.

In einer im Auftrag der Grünen Europaparlamentarierin Maria Heubuch erstellten Broschüre »Landjäger – Europas Äcker im Ausverkauf« schreibt Haerlin zur Rolle der BVVG: »In den
23 Jahren ihres Wirkens haben sich in den neuen Bundesländern Eigentums- und Agrarstrukturen etabliert, die so nicht einmal zu Feudalzeiten üblich waren und die Dimension des Sozialismus noch übertreffen.«

Doch die »Landjäger« sind weiter unterwegs. Bei so manchem vom Ruin bedrohten Milchbauern kommen sie vorbei. Und an etlichen in wirtschaftliche Schieflage geratenen LPG-Nachfolgebetrieben haben Rechtsanwälte und Ärzte vornehmlich aus den alten Bundesländern die Mehrheitsanteile übernommen. Zwar sieht die Bodenverkehrsordnung vor, dass Acker nur der kaufen kann, der selbst Landwirt ist, doch oft sind Strohmänner unterwegs oder es sind Gesellschaften und Holdings, bei denen die wahren Investoren im Dunkeln bleiben.

Preise und Pachten steigen immer weiter

Für Neueinrichter oder kleine und mittlere Familienbetriebe, die wachsen oder ihren Besitz arrondieren wollen, ist es inzwischen fast unmöglich, Land zu bezahlbaren Preisen zu erwerben. Zahlte man 2005 im Durchschnitt noch weniger als achttausend Euro für einen Hektar Acker, waren es 2014 schon fast 20 000.

Den Spitzenplatz belegte Bayern mit 41 440 Euro, in Mecklenburg-Vorpommern waren immerhin schon 17 539. Preise, die sich auch in den steigenden Pachten niederschlagen und die in keinem Verhältnis zu den erzielbaren Erträgen stehen. Land als Spekulationsobjekt.

Nicht zuletzt deshalb fordert etwa die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft immer wieder das Einschreiten der Politik. Aber auch die Kirchen sind bei ihrer Landverpachtung gefragt, diesen Prozessen gegenzusteuern.

Harald Krille

Die Philosophie der Landjäger
»In hundert Jahren schlägt Ackerboden Gold, das kann ich Ihnen garantieren. Wenn Sie heute eine Unze Gold kaufen, können Sie die jeden Tag besuchen, sie anhimmeln, streicheln und hätscheln und in hundert Jahren werden Sie doch nur eine Unze Gold haben, die in der Zwischenzeit nichts für Sie getan hat. Wenn Sie aber 100 Acre (entspricht rund 40,5 Hektar – d. Red.) Land kaufen, wird es Jahr für Jahr für Sie etwas produzieren. Das Geld können Sie nutzen, um weiteres Land zu kaufen oder was auch immer. Und das Land haben Sie nach hundert Jahren auch noch immer. (…) Sie können aber auch jemand anderen für einen Teil der Ernte die ganze Arbeit machen lassen und sich hundert Jahre zurücklehnen.«

Der US-amerikanische Investment-Guru Warren Buffet in einem Interview mit dem TV Sender CNBC im Jahr 2012.


Von einem, der den Atomkrieg verhinderte

26. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Welt am Abgrund: Vor 33 Jahren verhinderte ein sowjetischer Offizier mit gesundem Menschenverstand einen »Atomkrieg aus Versehen«.

Am 26. September 2016 jährt sich zum dritten Mal der von der UN-Versammlung ausgerufene Internationale Tag für die vollständige Abschaffung von Atomwaffen. Warum am 26. September?

Wir müssen 33 Jahre zurückgehen, ins gefährlichste Jahr des Kalten Krieges. Viele Menschen, auch in Deutschland – hüben und drüben – peinigt die Furcht, dass der sogenannte Ost-West-Konflikt aus der Zone der politischen Machtauseinandersetzung heraustreten und zu einem militärischen Konflikt eskalieren würde: Ein Krieg, in dem der Einsatz von atomaren Waffen auch auf deutschem Boden nicht nur denkbar, sondern auch realisierbar und unabwendbar werden würde.

Das Frühwarnsystem im »Dorf« Serpuchow 15

In dieser Situation spielt sich am 26. September ein Vorgang ab, der ohne Beispiel ist: Der Hauptakteur heißt Stanislaw Petrow. Er ist Jahrgang 1939. Tatort ist Serpuchow 15, ein »Dorf« in der Nähe Moskaus. Dort ist das sowjetische Raketen-Frühwarnsystem untergebracht: in Bunkern auf einem riesigen Gelände von 70 km Durchmesser. Petrow ist Oberstleutnant der sowjetischen Luftwaffe in der Raketen- und Flugabwehr. Seine Aufgabe: mit seinen Untergebenen die Überwachung des sowjetischen Luftraums per Satellit und Computer zu leiten.

Stanislaw Petrow: Der ehemalige Ingenieur im Dienst der Sowjet- armee sitzt im Februar 2013 in einem Hotel in Dresden. In jenem Jahr wurde er mit dem Dresden-Preis geehrt. Foto: picture alliance/ZB/Oliver Killig

Stanislaw Petrow: Der ehemalige Ingenieur im Dienst der Sowjet- armee sitzt im Februar 2013 in einem Hotel in Dresden. In jenem Jahr wurde er mit dem Dresden-Preis geehrt. Foto: picture alliance/ZB/Oliver Killig

Zu seinen Pflichten gehört es, möglichst früh und absolut fehlerfrei einen jederzeit denkbaren Raketenangriff des Westens gegen den Osten festzustellen. Die Nachricht davon muss dann unverzüglich weitergeleitet werden an die argwöhnische politische Führung mit dem Nachfolger Breschnews, Juri Andropow, an der Spitze. Dieser hätte dann den Abschuss der sowjetischen Raketen zu befehlen. Der ganze Ablauf muss innerhalb von fünfzehn bis zwanzig Minuten geschehen. So lange dauert der Raketenflug aus den USA nach Moskau.

Von dem, was am 26. September 1983 passiert, berichtet Petrow so: »Der Alarm ging gegen 0.15 Uhr los, vollkommen unerwartet. Wir hatten das oft geprobt, aber nun war es ernst. Die ganze Festbeleuchtung ging an, die Sirenen heulten, und auf den Bildschirmen blinkte in großen, roten, kyrillischen Buchstaben ›Raketenstart‹ mit maximaler Wahrscheinlichkeit. Es war ein Schock, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich war der Diensthabende, der Älteste und vom Dienstgrad her Ranghöchste, die anderen waren jüngere Offiziere, die dafür zuständig waren, die Raketen scharf zu machen. Sie waren ganz durcheinander geraten und blickten mich an. Alle warteten auf meine Entscheidung.«

Petrow ist zunächst selber ebenso vor Entsetzen erstarrt wie seine Untergebenen. Es gelingt ihm aber, sich zu fassen und seinen Verstand auszurichten: Ein amerikanischer Atomangriff auf die SU würde nicht mit einer einzelnen Rakete beginnen, sondern mit einer Unmenge. Er telefoniert mit dem Generalstab. Noch während dieses Gesprächs »meldete der Computer einen zweiten Raketenstart und dann einen dritten, vierten und fünften«.

Zweifel – und eine intuitive Entscheidung

Dem diensthabenden Offizier bleiben in einem solchen Fall nur wenige Minuten, um die Flugkörper zweifelsfrei zu identifizieren. Danach muss unbedingt Andropow informiert werden. Wenn dieser sich zum Abwehrschlag entschließt, sind sieben Minuten später ein ganzes Rudel sowjetischer Interkontinental-Raketen des Typs SS-18 unterwegs in Richtung Washington, New York und diverser US-Militärbasen in Europa – insbesondere auch in Westdeutschland. Alles wird in Gang gesetzt nach der geltenden Doktrin von der »gesicherten gegenseitigen Zerstörung«.

Aber Oberstleutnant Petrow riskiert Kopf und Kragen und verweigert den Befehl zur Information Andropows. Warum? Eine sachlich überlegte Entscheidung im Kopf war für Petrow undenkbar. »Man kann die Vorgänge unmöglich in ein paar Minuten gründlich analysieren«, erklärt er den Vorfall zwanzig Jahre später. »Man kann sich nur auf seine Intuition verlassen.« Also entscheidet Petrow intuitiv und geht noch einmal von einem Irrtum aus. Er riskiert alles. Einerseits spielt er mit seinem Leben und einer Verurteilung wegen Befehlsverweigerung, andererseits wäre ein nuklearer Schlagabtausch, ein »Atomkrieg aus Versehen«, mit dramatischen Konsequenzen die Folge. Und Petrows Intuition wird bestätigt – Fehlalarm.

Was hat den Fehlalarm ausgelöst? Die späteren Untersuchungen ergeben: Der sowjetische Weltraumsatellit Kosmos 1382 hat Reflexionen von Sonnenstrahlen in der Gegend der amerikanischen Malmstrom-Raketenbasis in Montana für den Schweif einer startenden Rakete gehalten.

Statt eines Dankes aufs Abstellgleis geschoben

Welche Folgen hatte der Fehlalarm für Stanislaw Petrow? Seine Tat – oder besser: seine Nicht-Tat – bleibt zu Zeiten des sowjetischen Sozialismus unbekannt. Für ihn und die Zeugen wird ein strenges Schweigegebot erlassen. Erst 1991 berichtet die Prawda davon.

Nach jenem Ereignis wird Petrow dafür weder gewürdigt noch bestraft. Aber seit seinem eigenmächtigen Handeln gilt er nicht mehr als ein zuverlässiger Offizier. Seine bis dahin ungebrochen verlaufene Karriere endet, indem er auf einen bedeutungslosen Posten versetzt wird. Eine kleine Ehrung bekommt er 1984 wegen seiner »Verdienste um den Aufbau der Raketenstation Serpuchow 15«, nicht für das, wofür er am 26. September 1983 die Verantwortung übernahm.

Auch vereinzelte, weithin unbeachtet gebliebene Ehrungen – zum Beispiel der Dresden-Preis 2013 – konnten nicht mehr verhindern, dass er zu einem gebrochenen Mann wurde, der heute alkoholkrank, psychisch versehrt und physisch krank in der Nähe von Moskau lebt. Ein Arte-Film zeigt ihn als einen manisch-depressiven Patienten, ständig zwischen Depression und krankhaftem Hochgefühl, zwischen Nüchternheit und Betrunkenheit.

An jenem 26. September 1983 musste Stanislaw Petrow seinen Dienst unvorhergesehenerweise in Vertretung eines erkrankten Kollegen wahrnehmen. Hätte dieser kein Fieber gehabt, hätte anstelle Petrows ein anderer die Wache schieben müssen. Zufall? Fügung?

Zufall oder Gottes Fügung?

Eine Arbeitsgruppe des sowjetischen Militärs macht sich im Winter 1983/84 daran, nach den Ursachen jenes Fehlalarms vom 26. September zu suchen. Petrow muss immer wieder auf dieselben Fragen antworten. Insbesondere der Leiter dieser Arbeitsgruppe reizt den Offizier so sehr, dass er nur noch ein: »Das hing vom lieben Gott ab«, hervorbringen kann, womit er den Vorgesetzten noch mehr in Rage bringt.

Petrow erinnert sich: »Nun wurde der wütend wie ein Stier, begann mit den Füßen zu trampeln und sagte: ›Was soll das denn heißen? Das hing vom lieben Gott ab?‹ Wir waren ja ein atheistisches Land. Aber ich entgegnete ihm: ›Andere Informationen habe ich nicht.‹«

Von Malte Heine und Rolf Wischnath

Malte Heine ist Theologiestudent und Rolf Wischnath Honorarprofessor für Dogmatik an der Universität Paderborn.

Der Raub der Heiligen

21. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Kastagnetten und Kirchenglocken: Im Herzen Spaniens ist ein Heiligenfest Ende September besonders spektakulär.

Die Männer mit den zwei Heiligen auf den Schultern machen Tempo. Irgendwo in den Gassen nämlich lauern Diebe, trachten Nachbarn nach den Zwillingsbrüdern auf ihrer von Nelken geschmückten Trage. Kosmas und Damian wollen sie an den Kragen, den Bärtigen mit dem Heiligenschein. Jährlich am 27. September sind sie in Arnedo auf Tour, der kleinen Schuhstadt in La Rioja, Spaniens wichtigster Weinbauprovinz.

Wie immer zum Fest der beiden stehen die Bürger ihren Stadtpatronen Spalier und warten auf die Burschen aus der Nachbarschaft, die ihnen die Heiligen rauben wollen. »Robo de los Santos« heißt der Brauch, einer der ausgefallensten Spaniens. Es ist der religiöse Auftakt zu einem weltlichen Spektakel, zu einer Woche mit Jubel, Trubel und Heiterkeit, zu einer typischen Fiesta eben.

Punkt elf verlassen Kosmas und Damian ihr Domizil, die alte Pfarrkirche hoch über dem Städtchen. Kastagnetten und Glockenklang begleiten ihren Auszug. Im Feststaat sind viele Bürger gekommen, einige gar in Tracht. Richtung Rathaus geht es weiter, durch alte Gassen ins Zentrum Arnedos. Plötzlich aber geraten die Heiligen in Bedrängnis, attackiert ein gutes Dutzend meist junger Burschen die Männer mit der Trage. Doch schnell reagieren die Einheimischen, drängen die Heiligenräuber unsanft ab. »Autrono« rufen sie den Bösewichtern hinterher, den Fremden aus der Nachbarprovinz Navarra, die Kosmas und Damian für sich beanspruchen.

Schützend versammeln sich die Bewohner aus Arnedo in der spanischen Provinz La Rioja beim »Robo de los Santos« um ihre beiden Heiligen Kosmas und Damian. Foto: Günter Schenk

Schützend versammeln sich die Bewohner aus Arnedo in der spanischen Provinz La Rioja beim »Robo de los Santos« um ihre beiden Heiligen Kosmas und Damian. Foto: Günter Schenk

Mindestens seit dem 17. Jahrhundert geht das so, reklamieren die Menschen in Navarra die beiden Heiligen für sich. Denn früher, so erzählt eine Legende, seien Kosmas und Damian in Andosilla zuhause gewesen, wo sie die Bürger Arnedos irgendwann gestohlen hätten. Historisch gibt es dafür keine Belege. Aber bis heute kommen die Navarros Jahr für Jahr noch immer gern nach Arnedo, um lautstark und öffentlich die Rückgabe der Heiligen zu fordern. Schon früh morgens singen sie den beiden ihre Loblieder.

Das Volk Arnedos ist dann meist müde auf dem Heimweg, kehrt zurück von den vielen Festen, mit denen es am Vortag, dem Namenstag der beiden Heiligen, gefeiert hat. Heiße Schokolade und Fettgebackenes warten jetzt auf die Spätheimkehrer, ein Muntermacher nach durchzechter Nacht.

Immer wieder reklamiert das halbe Hundert Burschen aus Navarra die Heiligen für sich. In Liedern und Gedichten tragen sie den Bürgern Arnedos ihre Argumente vor, wie immer witzig und wortreich. Doch die geben Kosmas und Damian nicht frei. »Autrono!«, machen sie die Schönredner nieder, die wenig später die letzte Attacke starten. Es ist der dritte und letzte Raubversuch, mehr sind im Drehbuch des Brauches nicht vorgesehen.

Gegen Mittag kehren Kosmas und Damian stets in die Kirche zurück. Das ist das Startsignal für acht lange Feiertage; für eine spanische Festwoche, die jeden Morgen mit dem Lauf der Stiere startet. Dem traditionellen Encierro, bei dem die Wagemutigsten aus Arnedo kräftigen Bullen vorausrennen, in einem Holzgatter bis zur Arena quer durch die Neustadt.

Mittags brutzeln Fisch und Fleisch in riesigen Pfannen und Töpfen, servieren die sogenannten Penas das Beste aus Küche und Keller. Es sind Gesellschaften, die das Heiligenfest organisieren. Für die Jüngsten gibt es Marionettenspiel, für die Älteren Volkstheater und Stierkampf. Bis tief in die Nacht spielen dann die Orchester, tanzt und singt man auf den Straßen.

Der Raub der Heiligen ist dann längst vergessen. Das kleine Spektakel zum Festbeginn, das Arnedos Kirchweih zum großen Fest hat werden lassen.

Günter Schenk

Die Bärtigen mit dem Heiligenschein

Kosmas und Damian waren der Überlieferung nach Zwillingsbrüder im heutigen Syrien. Als Ärzte hätten sie die Menschen kostenlos behandelt und so zum Christentum bekehrt. Im Gefolge der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian seien sie gefoltert und schließlich enthauptet worden. Auch wenn sichere historische Nachrichten über ihr Wirken fehlen, gilt der bereits um das Jahr 500 belegte Kult um die beiden Heiligen als Beleg für den historischen Kern der vielen über sie verbreiteten Legenden.

Viele Kirchen wurden in ihrem Namen erbaut. Im Mittelalter fanden die Mediziner vor allem in den immer wieder von Epidemien bedrohten Großstädten Verehrung. Um 850 brachte ein Hildesheimer Bischof einen Teil ihrer Reliquien nach Deutschland. Heute finden sich Teile ihre Gebeine auch in Essen und München. Ammen, Ärzten, Apothekern, Drogisten, Friseuren, Krämern und Zuckerbäckern gelten sie als Schutzpatron. Der Gedenktag der beiden Heiligen ist in der römisch-katholischen Kirche der 26. September.


Mit Zeichen und Gebärden zum Verstehen

13. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gebärdenkultur ist ausdrucksstark, tiefgründig und humorvoll. Auf jeden Fall zählt der Stolz auf die eigene Sprache dazu. Denn das Selbstbewusstsein wächst, wenn man sich in seiner Sprache mitteilen und anderen helfen kann.

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

An die 50 Jugendliche aus Deutschland und Norwegen entdeckten im August in Strandheim am Oslofjord verschiedene Ausdrucksformen von Gebärdenkultur: Poesie, Theater, Lieder und vieles mehr. Visuell wurde diskutiert, gelernt und geübt. Nicht überall wird Gebärdensprache gefördert. Und nicht überall haben Gehörlose Möglichkeiten, ihre Sprache zu entwickeln. Deshalb waren die Voraussetzungen bei den Teilnehmenden teilweise sehr unterschiedlich. Doch gemeinsam haben es alle geschafft und jede und jeder konnte abends seine Fähigkeiten auf einer Bühne unter Beweis stellen.

Zudem gab es viele Freizeitaktivitäten – von Fußballspielen bis zu Wikingerschach, Schwimmen oder Klettern, von Kajak- und Kanufahren bis zur Schifffahrt auf dem Oslofjord. Dabei galt stets: gemeinsam statt einsam. Mehr als ein Drittel der deutschen Teilnehmer kam aus Mitteldeutschland: Von Hildburghausen über Triptis, Zwickau und Leipzig bis nach Dres-
den.

Helfen ist ein wichtiger Teil von Gehörlosen- und Gebärdenkultur. Dies gilt nicht nur für Hilfe untereinander, sondern auch gegenüber anderen Menschen. Deshalb wurde ein Erste-Hilfe-Kurs angeboten, um dann als Ersthelfer mutiger zu sein und etwa einen Krankenwagen rufen zu können. Auch wenn die technischen Systeme (Apps auf dem Handy oder dreimal Power-Taste drücken auf dem Smartphone ab Android 5) in Deutschland und Norwegen unterschiedlich entwickelt sind.

Weltweit gibt es mehr als einhundert verschiedene Gebärdensprachen. Spannend war daher die Begegnung über die Grenze verschiedener Sprachen hinweg. Nur wenn es unbedingt notwendig war, wurde gedolmetscht. Für viele Teilnehmer war es die erste Gelegenheit, mit Benutzern einer anderen Gebärdensprache zu kommunizieren. Die meisten haben dabei ihre Liebe zur eigenen Gebärdensprache ganz neu entdeckt.

Die Jugendbegegnung wurde von der norwegischen Gehörlosenkirche, der »Døvekirken«, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge organisiert und durch das EU-Programm »Erasmus-Plus« gefördert. Das Wichtigste an der Woche war, dass die Jugendlichen über sich selbst hinauswuchsen und mit Stolz auf ihre Leistungen wieder nach Hause reisten. Die Hoffnung aller Beteiligten ist es deshalb, dass im August 2017 eine weitere Jugendbegegnung, dann in Eisenach, möglich wird.

Michael Hoffmann und Andreas Konrath

Michael Hoffmann ist Pfarrer der norwegischen Døvekirken, Andreas Konrath ist Landesgehörlosenpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Wo die Pflege etwas gilt

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit Jahren wird bei uns über die Probleme in der Pflege diskutiert. Andere Länder sind längst weiter, wovon sich Diakonie-Präsident Ulrich Lilie kürzlich bei der Diakonie in Norwegen überzeugen konnte.

Vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos hängen im kleinen Sprechzimmer der Haraldsplass Diakonale Stiftelse (Diakoniestiftung Haraldsplatz) im norwegischen Bergen. Sie zeigen norwegische Diakonissen: Junge Frauen, die sich am Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Zwischenkriegszeit und auch noch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg für eine Ausbildung als Krankenschwester entschieden und sich in der Diakoniestiftung einsegnen ließen. Doch mit den Jahren nimmt die Zahl der jungen Frauen auf den Fotos ab. Zum Schluss sind es nur noch drei, die ihre Hände in die Hand des Vorstehers der Einrichtung legen. Das Foto wirkt wie eine Trotzgeste.

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Heute gibt es in der Bergener Stiftung so wie in den meisten Häusern des Kaiserswerther Verbands deutscher Diakonissenmutterhäuser, von dem die Einrichtung im norwegischen Bergen einst gegründet wurde, kaum noch Diakonissen. An Pflegekräften allerdings besteht in Norwegen kein Mangel. Im Gegenteil. »Bei uns ist die Pflege ein akademischer Beruf«, sagt Ingunn Moser, Rektorin der zur norwegischen Diakonie gehörenden Hochschule VID, die sich unter anderem mit der Pflegeausbildung beschäftigt. Wer sich zur Krankenschwester ausbilden lässt, absolviert einen Bachelorstudiengang. Und die Ausbildung ist beliebt: Für 118 Studienplätze gab es an der VID im vergangenen Jahr über 2 000 Bewerber. Bis zu 49 000 Euro im Jahr kann eine Krankenschwester mit allen Zuschlägen in Norwegen verdienen, sagt Ingunn Moser. Örtlichen Fachverbänden ist das noch zu wenig: Sie vergleichen das Gehalt einer Krankenschwester mit dem eines Ingenieurs, denn auch der hat ja schließlich ein Hochschulstudium absolviert.

Die Sozialverbände in Deutschland können von so viel Interesse am Pflegeberuf nur träumen. »Wir bemühen uns um eine generalisierte, akademische Pflegeausbildung«, sagt der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, bei seinem kürzlich erfolgten Besuch in der norwegischen Diakoniestiftung. Immer wieder verwiesen ihn die norwegischen Gastgeber auf Unterschiede: So gibt es im steuerfinanzierten norwegischen Gesundheitssystem keine Krankenkassen. Nur wenige Norweger werden von ihrem Arbeitgeber privat versichert. Ein Einzelzimmer in der geriatrischen Station erhält nicht derjenige, der dafür bezahlt, sondern der, der es am nötigsten braucht, sagt Chefarzt Jan Henrik Rossland. Für Patienten gibt es ein dreistufiges System – für kleinere Krankheiten den von der Kommune bezahlten örtlichen Arzt mit einem klar definierten Versorgungsbezirk, der im Notfall in ein fest definiertes, für den Wohnort des Patienten zuständiges Krankenhaus einweist. Und darüberhinaus dann Spezialversorgung auf der regionalen Ebene.

So ist es auch in der Hospizversorgung geregelt, die in Deutschland ebenfalls ein wichtiges Anliegen der Diakonie darstellt. Landesweit stehen den Norwegern nur knapp über 100 Betten in Palliativstationen zur Verfügung. Dafür gibt es aber die Möglichkeit, sich in Seniorenheimen palliativmedizinisch versorgen zu lassen. »Patienten, die ihre letzten Wochen gerne zu Hause verbringen möchten, erhalten einen Schnellhefter, in dem genau aufgeschrieben ist, wen sie anrufen müssen, wenn es ihnen schlechter geht – und was sie sich wünschen, falls ein Pflegedienst im Zweifel ist«, sagt Marit Huseklepp, die in der »Haralds­plass Diakonale Stiftelse« auf Palliativversorgung spezialisiert ist. »Es ist uns wichtig, dass sich der Patient und seine Angehörigen zu Hause auch sicher fühlen.« Zudem bekommen die Patienten ein Paket mit Schmerzmitteln mit nach Hause – sogar Morphium ist darin enthalten. »Wir wollen, dass die Krankenpfleger die Patienten unkompliziert versorgen können, wenn es darauf ankommt.«

Unkomplizierte Lösungen, wie sie sich die deutschen Sozialverbände wohl auch hierzulande wünschten.

Benjamin Lassiwe

Das Kreuz mit dem Kreuz

30. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die lutherische Kirche in Schweden erlebt derzeit eine in dieser Schärfe ungewöhnliche Auseinandersetzung: Kritiker werfen der Kirchenführung ein Verleugnen des Kreuzes und Unterwürfigkeit gegenüber dem Islam vor.

Begonnen hat der offene Streit mit einer Facebook- und Twitter-Initiative von drei schwedischen Pastorinnen Ende Juli: »Mein Kreuz« sollte ein Zeichen für verfolgte Christen im Nahen Osten setzen. Die Teilnehmer wurden aufgefordert, ihr Kreuz offen zu tragen. Anlass war die Ermordung des französischen Priesters Jacques Hamel in Frankreich.

»Es beunruhigt mich, dass das Kreuz zu einem Distanz schaffenden Zeichen genutzt wird«, schrieb darauf der Pastor und Sprecher der Kirche mit dem Hauptsitz in Uppsala, Gunnar Sjöberg. Er nannte die Aktion auf seinem Internet-Blog sogar »unchristlich«.

Dunkle Wolken über der Altstadt von Stockholm mit der Gertrudiskirche (Mitte), wo sich eine deutschsprachige Gemeinde innerhalb der Schwedischen Kirche trifft. Die lutherische Kirche Schwedens war bis zum Jahr 2000 Staatskirche. Foto: rudi1976 – Fotolia.com

Dunkle Wolken über der Altstadt von Stockholm mit der Gertrudiskirche (Mitte), wo sich eine deutschsprachige Gemeinde innerhalb der Schwedischen Kirche trifft. Die lutherische Kirche Schwedens war bis zum Jahr 2000 Staatskirche. Foto: rudi1976 – Fotolia.com

»Die Schwedische Kirche benimmt sich gegenüber dem Islamismus unterwürfig«, reagierte in einem Leitartikel die sonst so liberale Zeitung »Göteborgs-Posten« auf Sjöbergs Aussagen. Die Kirche sei merkwürdig still bei Gewalttaten von Islamisten, verurteile jedoch stets scharf Gewalt vonseiten Israels, stellte die Zeitung fest.

Ann Heberlein, eine durch TV und Bücher populäre Theologin, wies in der Boulevardzeitung »Expressen« darauf hin, dass bis Juni bereits 13 000 Kirchenmitglieder ausgetreten sind – 10 000 mehr als sonst durchschnittlich. Vor allem träten Menschen in den Sechzigern aus, die in der Kirche keine geistliche Heimat mehr fänden. Die Erzbischöfin Antje Jackelén habe Diskussionen über ein neues Kirchenhandbuch, dessen politische Akzente Kirchenmitgliedern aufstießen, nicht ernst genommen und schweige zu der Ermordung des Priesters in der französischen Kirche und zu der Christenverfolgung im Nahen Osten. »Die Kirche will keine christliche Gemeinschaft mehr leiten«, glaubt Heberlein.

Dazu kommt: Bereits im Frühjahr gab es einige Skandale um Verschwendung von Kirchengeldern, die in den schwedischen Medien breit diskutiert wurden. Die Vorwürfe: Kirchenfunktionäre reisten zu Konferenzen um die Welt und ließen sich private Luxusreisen sponsern. So flogen etwa 99 Personen der Gemeinde Hudding für fünf Tage an den Strand nach Malta, um das »Wir-Gefühl« zu stärken.

»Wir bestellen mal das Teuerste« – diese Mentalität macht die ebenfalls populäre Pastorin Annika Borg in Teilen der Kirche aus. Die Kirche brauche eine neue Leitung und eine neue Reformation, so Borg. Jackelén, eine gebürtige Deutsche, hat sich zu den Vorwürfen bisher nicht direkt geäußert. Auch Sjöberg ist derzeit nicht für einen Kommentar zu erreichen.

Die Chefredakteurin der Zeitschrift »Evangelium«, Sofia Lilly Jönsson, warnte davor, die Erzbischöfin persönlich für Verfehlungen wie die finanziellen Verschwendungen verantwortlich zu machen. Jackelén habe weit weniger Macht als es scheine, die Kirche habe eine »unerhört komplexe Struktur«.

Der Pastor und Künstler Kent Wisti kritisiert dagegen den Konservatismus, den er bei Heberlein zu entdecken meint und weist darauf hin, dass sich die Kirche, im Gegensatz zu Gott, fortlaufend verändere. Die Auseinandersetzung, so Wisti, sei die zwischen »Kreuzrittern und Pilgern«, zwischen »Angst voreinander und Verlangen nacheinander«.

Die aktuelle Debatte um das Kreuz ist indes nur ein weiterer Reibungspunkt auf dem Weg der Kirche in Schweden, der ihre Kritiker eine immer stärkere Verweltlichung und Politisierung vorwerfen. Johanna Andersson, die Pastorin und Initiatorin der Kreuz-Facebookseite, hat vor wenigen Tagen die Konsequenzen gezogen und ihren Austritt aus der Kirche angekündigt. Sie beklagt ein »Mobbing« der Kirchenleitung, die ihr vorwerfe, sie würde gegen Muslime hetzen und wünsche einen »Religionskrieg«.

Der Schwedischen Kirche gehören offiziell noch rund 64 Prozent der Bevölkerung des Landes an. Aber nur 45 Prozent der Schweden glauben laut einer Umfrage an Gott. Dennoch scheint die Frage nach Gott die Gesellschaft mehr umzutreiben als man denkt. Ein Indiz dafür sind unter anderem die philosophischen und theologischen Texte, die man in Schwedens Zeitungen und Zeitschriften weit häufiger lesen kann als etwa in Deutschland.

Jens Mattern

»Wir können die Menschen ja nicht einfach ertrinken lassen«

23. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Dreiste Schlepper und ausgehungerte Flüchtlinge: Nach zwölf Seetagen haben die deutschen Marineschiffe das ganze Elend Afrikas an Bord. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche besuchte jetzt die Soldaten im Mittelmeereinsatz.

Viktor Onyeka erinnert sich: »Ich hatte Angst um mein nacktes Leben.« Der 34-jährige Nigerianer ist Christ – doch in seiner Heimat treiben die islamistischen Terrorbanden des Boko Haram ihr Unwesen. »Meine Mutter und meinen jüngeren Bruder haben sie ermordet, und auf mich wurde geschossen.« Viktor Onyeka entschloss sich zur Flucht, reiste durch den Niger, die Sahara und durch Libyen.

Viktor Onyeka floh vor dem Wüten der Terrorgruppe Boko Haram aus Nigeria und wurde halbtot von den deutschen Marinesoldaten aus dem Mittelmeer geborgen. Foto: Benjamin Lassiwe

Viktor Onyeka floh vor dem Wüten der Terrorgruppe Boko Haram aus Nigeria und wurde halbtot von den deutschen Marinesoldaten aus dem Mittelmeer geborgen. Foto: Benjamin Lassiwe

Heute sitzt Onyeka im Hof eines Flüchtlingsheimes der italienischen Caritas in der Nähe von Cagliari auf Sardinien. Dass er am Leben ist, verdankt er einem deutschen Schiff. »Es waren Deutsche, die mich im Herbst 2014 aus dem Mittelmeer gefischt haben«, sagt Onyeka. Mit unzähligen anderen Menschen hatte er sich auf einem Zodiac-Schlauchboot eingeschifft, 700 US-Dollar an den Schleuser bezahlt. »Viele Menschen waren schon tot, als sie uns endlich gefunden haben.«

Viktor Onyeka ist einer von vielen Zehntausenden, die in den letzten Jahren den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zurückgelegt haben. Tausende andere haben es nicht geschafft, sie erstickten an Abgasen, verdursteten oder ertranken auf sinkenden Booten auf hoher See. Seit dem Herbst 2015 ist deswegen die Deutsche Marine im Mittelmeer im Einsatz. Mit zwei Schiffen, dem Flottentender »Werra« und dem Minenjagdboot »Datteln«, beteiligt sie sich an der Flüchtlingsrettung. »Bis zu 600 Menschen sind an Bord der Boote, die wir hier draußen treffen«, sagt der Kommandant der »Werra«, Korvettenkapitän Mirko Preuß.

Am vergangenen Sonnabend hatte die »Werra« hohen Besuch. Im Hafen von Cagliari war die Mannschaft auf der Back, dem erhöhten Vorschiff, angetreten, die Bootsmannsmatenpfeife ertönte. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, und der evangelische Militärbischof Sigurd Rink kamen an Bord des Schiffes.

»Ich bin gekommen, um Ihnen Danke zu sagen«, sagt Bedford-Strohm. »Danke für Ihren Dienst, danke für das, was Sie hier tun.« Der bayerische Bischof hat kleine Lebkuchenherzen im Gepäck, die er an die Marinesoldaten verteilt. Es sei eine wichtige polizeiliche Funktion, die die deutschen Schiffe im Mittelmeer ausüben. »Denn es ist ein Verbrechen, wenn sich Menschen auf seeuntaugliche Boote setzen müssen und ihren Tod riskieren.«

Lebkuchenherzen hatten der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Militärbischof Sigurd Rink am vergangenen Sonnabend bei ihrem Besuch der deutschen Marineeinheiten auf Sizilien im Gepäck. Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

Lebkuchenherzen hatten der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Militärbischof Sigurd Rink am vergangenen Sonnabend bei ihrem Besuch der deutschen Marineeinheiten auf Sizilien im Gepäck. Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

Als er am Nachmittag einen Gottesdienst auf der Back des Schiffes feiert, wird Bedford-Strohm noch deutlicher: Jenseits aller Diskussionen um die Rolle der Bundeswehr sei der Einsatz im Mittelmeer ein »eindrucksvoller Samariterdienst«. »Die Gefahr ist groß, dass wir im sicheren Deutschland einfach wegsehen«, sagte Bedford-Strohm. »Aber würde Europa hier wegsehen, würde es seine Seele verlieren.« Jeder Tote habe eine persönliche Geschichte, sagte Bedford-Strohm. Um jeden Toten trauerten ein Vater, eine Mutter oder dessen Geschwister. »Für jeden dieser Menschen gelte der erste Satz des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

Dass Flüchtlinge manchmal mehr als 1 000 Euro bezahlen, um auf diesem Wege nach Europa zu kommen, zeige, »dass wir auch legale und sichere Wege benötigen, über die die Menschen nach Europa kommen können«, betonte Bedford-Strohm gegenüber der Kirchenzeitung. »Und wir brauchen Maßnahmen vor Ort, die die Lage in den Herkunftsländern der Menschen stabilisieren.«

An Bord des Schiffes haben die Geistlichen viel Gelegenheit, sich mit den Soldaten zu unterhalten. Zum Beispiel mit Bootsmann Felix S. aus der Nähe von Kiel. Für ihn ist die Flüchtlingsrettung im Mittelmeer der erste Einsatz auf der »Werra«, erst seit Mai ist er an Bord. »Wenn man sieht, wie dankbar die Menschen sind, wenn wir sie hier an Bord nehmen, dann ist das schon ein gutes Gefühl«, sagt der Bootsmann. »Dass dieser Einsatz Sinn macht, steht für mich völlig außer Frage.«

Auch Fregattenkapitän Jan D. aus Husum, der als Rechtsberater auf dem Schiff mitfährt, sieht das so. Im heimatlichen Schleswig-Holstein höre er aber auch andere Meinungen: »Könnt ihr nicht einfach ein paar von denen übersehen?«, würden Freunde in der Heimat manchmal fragen. »Ich sage dann, dass wir die Verpflichtung haben, Menschen in Not zu helfen«, sagt Jan D. »Wir können die Menschen ja nicht einfach ertrinken lassen.«

Einen härteren Umgang pflegt die Besatzung der »Werra« indes, wenn sie Schlepper bei der Arbeit beobachtet. »Wir hatten da ein hochmotorisiertes schnelles Boot, dass zwei Schlauchboote im Schlepp hatte«, berichtet Kapitän Preuß. Der Vorgang wurde von einem Hubschrauber aus gefilmt. Das finnische Boarding-Team, das an Bord der »Werra« eingeschifft ist, enterte das Schlepperboot, die Besatzung wurde in Gewahrsam genommen und im nächsten Hafen den italienischen Behörden übergeben. Denn auch der Kampf gegen die Schleusernetzwerke gehört zum Aufgabenbereich der EU-Mission. Und er wird in dem Maß wichtiger, in dem sich auch private Organisationen der Flüchtlingsrettung im Mittelmeer widmen.

Mittlerweile hätten diese Vereine schon 3 000 Plätze auf ihren Booten zur Verfügung, berichtet der »Werra«-Kapitän. »Aber die Organisationen berichten uns auch von der Dreistigkeit der Schlepperbanden: Wenn die Flüchtlinge an Bord der Helferschiffe seien, kommen die Schakale genannten Schlepper mit ihren Booten und versuchen die benutzten Schlauchboote für den nächsten Einsatz zurück nach Libyen zu bringen.« Auch deswegen sei es wichtig, die leeren Flüchtlingsboote nach der Übernahme ihrer Insassen zu versenken.

Für die Mannschaft ist ein Einsatz wie der auf der »Werra« aber auch belastend. Zwölf Tage ist das Schiff ununterbrochen im Einsatzgebiet. Doch im Unterschied zu anderen Bundeswehreinsätzen im Ausland hat die Besatzung der »Werra« keine Möglichkeit, per Internet mit der Familie daheim zu kommunizieren. Und wenn das Schiff auf See ist, füllt es sich schnell mit dem kompletten Elend Afrikas. »Das sorgt an manchen Tagen auch für gemischte Gefühle«, sagt Jan D.

Die beiden großen Kirchen haben deswegen auch bei diesem Einsatz ihre Militärseelsorger an Bord. Jeweils im Wechsel kommen ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher auf die »Werra«. »Es sind zwar nur wenige Soldaten konfessionell gebunden, aber wir spüren eine große Nachfrage bei unseren Pfarrern«, sagt der evangelische Militärbischof Sigurd Rink. Eine Nachfrage, die so groß ist, dass auch die Kirche an ihre Grenzen kommt. »Die Marine wird als Teilstreitkraft derzeit über Gebühr belastet«, sagt Rink. Viele Einheiten seien überall auf dem Globus im Einsatz. »Aber wir haben nur zwölf Marinepfarrer.«

Derzeit ist auf dem deutschen Tender der katholische Dekan Jochen Folz im Einsatz. Regelmäßig feiert er Andachten auf der »Werra«, bei Hafenaufenthalten nimmt er interessierte Soldaten mit in die Messe. An Bord ist er ein gefragter Gesprächspartner – ob ein Besatzungsmitglied familiäre Probleme hat oder auch bei den ganz normalen Alltagsthemen. Und einmal feierte er sogar schon eine Kindstaufe. »Da hat eine Flüchtlingsfrau aus Nigeria ein Kind bekommen«, sagt Folz. »Als sie erfuhr, dass ich katholischer Priester bin, bat sie um die Taufe.« Gesagt, getan: Aus der Kombüse des Schiffes besorgte sich der Priester eine Sauciere und eine Schüssel, »an Wasser haben wir hier ja keinen Mangel«. Das Kind wurde auf hoher See getauft – und Militärseelsorge und Deutsche Marine waren um eine Episode reicher, die man wohl so nur beim Flüchtlingseinsatz im Mittelmeer erleben kann.

Benjamin Lassiwe

Wohin geht die Reise?

14. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Europa und seine Institutionen sind nicht erst seit dem Votum der Briten zum Austritt aus der EU in eine schwere politische und ökonomische Krise geraten. Ein Theologe zieht kritisch Bilanz.

Die europäischen Bürger sind, wie schon die Umfrageergebnisse des John-Stuart-Mill-Instituts (Heidelberg) zum Freiheitsindex 2013 belegt haben, nicht bloß skeptisch gegenüber der Europäischen Union und ihren Institutionen, sondern misstrauisch gegenüber dem gesamten europäischen Projekt geworden. Der »Brexit« im Juni dieses Jahres war ein Schuss vor den Bug für die EU-Kommission und alle EU-Ideologen. Vieles müsse sich ändern, wird jetzt von einigen Mächtigen schuldbewusst eingeräumt.

Vermutlich wird sich aber fast gar nichts ändern. Zu fest eingefahren sind die unguten Strukturen, die zu diesem Bruch geführt haben. Dass die EU-Kommission versuchte, die CETA-Verhandlungen (Freihandelsabkommen mit Kanada) an sich zu reißen und ohne Berücksichtigung der nationalen Parlamente durchzubringen, beweist hinreichend, wie der europäische Hase unter bisherigen Voraussetzungen läuft.

Bisher deutet nichts auf eine grundsätzliche Kursänderung in Brüssel hin. – Foto: xtock – fotolia.com

Bisher deutet nichts auf eine grundsätzliche Kursänderung in Brüssel hin. – Foto: xtock – fotolia.com

Zwar könnte man – wie Navid Kermani das in einem F.A.Z.-Beitrag gezeigt hat – durchaus eine nicht-völkische und nicht-nationalistische Vision von Europa entwickeln. Dem Europa der Opportunisten und Spießbürger setzt Kermani ein Europa der Visionen gegenüber, das ein demokratisches Gegengewicht zu Russland, zur Türkei und zur arabischen Welt sein könnte. Doch woher soll die Realisierung des Ideals tatsächlich kommen? Wer oder was sorgt für mehr Subsidiarität statt für weitergehende Integration, für mehr Föderalismus statt für weitere Verstärkung des Zentralismus?

Eine Prinzessin, die zum Mythos wurde

Europa ist eigentlich der Name einer phönizischen Prinzessin, die Teil einer mythischen Erzählung war. Stellt nicht »Europa« schon im Ansatz einen Mythos dar? Ein »Mythos« ist eine Erzählung oder auch ein womöglich unbewusstes Gedankengebilde, mit dem Menschen beziehungsweise Kulturen ihr Weltverständnis gesellschaftlich verbindlich zu fassen oder zu fühlen versuchen. Mythen werden »im Menschen gedacht, ohne dass er etwas davon weiß«, erklärt der berühmte Mythenforscher Claude Lévi-Strauss.

Vorsicht vor Totschlag-Argumenten

Wenn in unseren Tagen das Stichwort Europa immer weiter als stechendes Argument für eine zur Vereinheitlichung drängende Europapolitik genannt wird, dann klingt das wie die Berufung auf einen »Mythos Europa«. Hier wird mit subtilen Appellen gearbeitet, ohne dass bewusst zum Ausdruck gebracht wäre, was oder welche Vision im tiefen Grunde gemeint sein soll.

Man brauche ein starkes Europa als Gegengewicht gegenüber Amerika und China, wird oft gesagt. Überhaupt verhindere eine Einheit Europas jegliche Kriegsgefahr auf dem Kontinent, den früher bekanntlich viele Kriege durcheinanderwirbelten und von dem zwei Weltkriege ausgingen. Doch solche Thesen wollen genauer geprüft und bedacht sein; sie können genauso wenig als Totschlag-Argument fungieren wie der umstrittene Satz: »Wenn der Euro scheitert, scheitert Europa.« Die NATO würde genügen, um innereuropäische Kriege zu verhindern.

Dass Europa auch als »christliches Projekt« verstanden werden müsse, hat schon Kardinal Reinhard Marx betont. Aber was wiegt dieses kirchliche Statement im religiösen und weltanschaulichen Pluralismus unserer Zeit noch? Er spricht jedenfalls ganz richtig von einem »Projekt« und erklärt Europa mitnichten zum Selbstzweck. Welch ein »Mythos Europa« ist es denn, der nicht aufhört, energisch gigantische Milliarden-Opfer einzufordern und bürokratische Gängelungen festzulegen?

Entmythologisierung ist angesagt

Andreas Voßkuhle sagte vor einigen Jahren als Bundesverfassungsgerichts­präsident zu Beginn der Eilverhandlung über die Klagen gegen eilige Rettungsfonds- und Fiskalpakt-Beschlüsse: »Europa fordert den demokratischen Verfassungsstaat ebenso, wie der demokratische Verfassungsstaat Europa fordert.« Aber wo steht das eigentlich geschrieben, dass der demokratische Verfassungsstaat ein »Europa« erfordere? Und wenn ja: welch ein Europa? Und was bitte, wenn solche Europa-Forderung – wie schon damals die Kläger in Karlsruhe befürchteten – kraft ihres vereinheitlichenden Zuges am Ende Freiheit und Demokratie eher zu gefährden als zu stützen droht? Wenn der »Mythos Europa« womöglich totalitäre Tendenzen zeitigt, wie er das nicht nur durch diverse penible EU-Regelungen, sondern indirekt auch durch die strategische Förderung der digitalen Revolution längst tut? Bücher wie »Digitale Diktatur«, »Die digitalisierte Freiheit« oder »Smarte Diktatur« decken die politischen Gefahren auf. Fragen über Fragen!

Ich meine jedenfalls nicht, der Euro müsse weiter gerettet werden, damit Europa christlicher werde. Dafür wäre es vielmehr nützlich, erst einmal den unscharfen »Mythos Europa« zu entmythologisieren und den Bürgerinnen und Bürgern genauer und glaubwürdiger als bisher zu sagen, was man meint und will.

Werner Thiede

Pfarrer Dr. Werner Thiede ist außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und Publizist.

www.werner-thiede.de

Seelsorge in allen Facetten

9. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Österreichs Bundesheer ist traditionell multireligiös organisiert. Das gilt auch für die Militärseelsorge.

Die Armee in der Donau-Monarchie war immer ein Schmelztigel für Soldaten verschiedenster Herkunft und unterschiedlichen Glaubens«, meint der Leiter des »Institutes für Religion und Frieden« und zuständiger Militärpfarrer für Oberösterreich, Militärkurat Stefan Gugerel. Das »Institut für Religion und Frieden« ist eine Einrichtung des katholischen Militärordinariats der Republik Österreich. Es wurde 1997 gegründet, um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit sicherheitspolitischen Veränderungen im Hinblick auf die katholische Soziallehre zu fördern. Ganz ökumenisch im selben Gebäude der Wiener Stiftskaserne in der Mariahilferstrasse arbeitet die evangelische Militärseelsorge. Geleitet wird sie von Militärsuperintendent Karl-Reinhart Trauner. Das Pendant zum katholischen Institut ist das evangelische »Institut für militärethische Studien«, kurz IMS.

Angehörige des österreichischen Bundesheeres sind regelmäßig Teilnehmer der internationalen Soldatenwallfahrt  in das französische Lourdes. Foto: Bundesheer/Karlovits

Angehörige des österreichischen Bundesheeres sind regelmäßig Teilnehmer der internationalen Soldatenwallfahrt in das französische Lourdes. Foto: Bundesheer/Karlovits

Mit angewandter Militärethik wollen beide Einrichtungen das Bildungsangebot für das Österreichische Bundesheer bereichern. Im Blickpunkt stehen die Grundwehrdiener und die Berufssoldaten und Offiziere. Seelsorgliche Praxis bedeutet hier, dass die Militärseelsorger zu den in Österreich Angelobungen genannten Vereidigungen eine kurze Ansprache halten und ein Gebet sprechen. Seit einiger Zeit finden diese Angelobungen auch interkonfessionell und sogar interreligiös statt. Dazu gibt es auch einen orthodoxen und seit 2015 einen muslimischen Geistlichen.

Karl-Reinhart Trauner resümiert die Situation im schönsten Wienerisch: »Es woar a bisserl in den vergangenen Jahren verlorengegangen, dass mer so verschiedene Herkünfte erlebt hat, oaber jetzt koan mer alle Facetten beim Bundesheer erleben.«

Für die Grundwehrdienstleistenden wird ein konfessioneller lebenskundlicher Unterricht angeboten. Die Aufgaben des österreichischen Bundesheeres bewegen sich zwischen Auslands- und Assistenzeinsatz. Assistenzeinsätze bedeuten Hilfeleistung bei Elementar­ereignissen und Unglücksfällen sowie Unterstützung zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit im Inneren.

Vater Alexander Lapin leitet die orthodoxe Militärseelsorge im österreichischen Bundesheer. Foto: Bundesheer

Vater Alexander Lapin leitet die orthodoxe Militärseelsorge im österreichischen Bundesheer. Foto: Bundesheer

Momentan sind also auch Soldaten an den Grenzen eingesetzt, um Flüchtlinge zu betreuen. Die Kernaufgabe der Militärseelsorge ist, in jedem Fall dort zu sein, wo Soldaten sind, das heißt, auch im Auslandseinsatz oder aktuell beim Grenzschutz. Militärsuperintendent Trauner sieht im Moment viel Gesprächsbedarf in der Flüchtlingsfrage: »Da mües mer nachbereiten, woas der Einzelne so erlebt hat.« So erlebten Grundwehrdiener manchmal, dass das Essen oder die Kleidung wieder weggeworfen wird. Hinzu kommt gelegentlich auch viel Aggressivität. Die Militärseelsorger bemühen sich in Gesprächen deshalb um eine entspannte Situation. Grundsätzlich dauert der Grundwehrdienst in Österreich sechs Monate.

In der Geschichte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die einst viele Völker vereinte, spielte die Integration anderer Religionen in der Armee schon früh eine Rolle. Bereits 1874 wurde der Rabbiner Alexander Kisch zum ersten Feldrabbiner ernannt. Derzeit erfolgt die religiöse Betreuung der jüdischen Soldaten im Auftrag des Oberrabbiners.

Schlüsselübergabe: 2015 wurde Imam Abdulmedzid Sijamhodzi als muslimischer Militärgeistlicher eingeführt und erhielt symbolisch den Schlüssel zum Gebetsraum. Foto: Bundesheer/Karlovits

Schlüsselübergabe: 2015 wurde Imam Abdulmedzid Sijamhodzi als muslimischer Militärgeistlicher eingeführt und erhielt symbolisch den Schlüssel zum Gebetsraum. Foto: Bundesheer/Karlovits

1881 wurden in der k.u.k. Armee spezielle Vorschriften für die Wahrung der religiösen Bedürfnisse und Gebräuche der muslimischen, bosnischen Wehrpflichtigen erlassen. Bereits 1882 kam es zur Einrichtung einer islamischen Militärseelsorge und sogar zum Bau einer eigenen Militärmoschee. Das römisch-katholische Militärordinariat Österreich wird von Bischof Werner Freistetter geleitet. Zu ihm gehören derzeit 19 hauptamtliche Seelsorger. Schon seit 1969 existiert die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Soldaten, kurz AKS, deren Mitglieder die Militärseelsorger unterstützen.

Die evangelische Militärseelsorge ist im Bundesheer mit sechs evangelischen Militärgeistlichen unter der Leitung von Militärsuperintendent Karl-Reinhart Trauner im Einsatz, darüber hinaus gibt es in allen Bundesländern Pfarrer im Nebenamt sowie eine Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Soldaten (AGES).

Thomas Janda

Krakaus Lutheraner und der katholische Weltjugendtag

1. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Draußen, in der Krakauer Fußgängerzone, singen und tanzen die Jugendlichen aus ganz Europa. »Italia, Italia«, schreit eine Pilgergruppe, die hinter einer überdimensionierten italienischen Flagge vom Wawel zum Marktplatz zieht. Und als Pfarrer Roman Pracki die Türen der Martinskirche öffnet, strömt sofort eine Pilgergruppe aus Pforzheim in das Gebäude. Was bemerkenswert ist, denn die direkt am Fuß des Wawel gelegene Martinskirche ist eine evangelische Kirche. Und Pracki gehört zur Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen.
»Unsere Gemeinde hier in Krakau gibt es seit der Reformation«, berichtet der Theologe eine Etage weiter oben, in seinem Büro, in perfektem Deutsch. Heute lebten 600 Lutheraner in Krakau – ein Drittel stammten aus lutherischen Familien aus Krakau, ein Drittel sei aus dem traditionell lutherisch geprägten Teschener Land zugezogen, ein weiteres Drittel konvertiert. Welt-31-2016»Der Weltjugendtag erinnert mich an unsere Jugendevangelisationen, die wir in einem weit kleineren Maßstab jedes Jahr in Dziegielów anbieten.«

Im Vorfeld des Weltjugendtags hätten die im ökumenischen Rat von Krakau organisierten Minderheitenkirchen, zu denen neben Lutheranern auch Methodisten, Altkatholiken und Orthodoxe gehören, den Katholiken Räume für Veranstaltungen angeboten und gemeinsame Angebote vorgeschlagen. »Daran bestand seitens der Katholiken aber kein Interesse, auch wenn die Ökumene hier in Krakau sonst durchaus funktioniert«, sagt Pracki, der selbst an einer katholischen Hochschule evangelische Liturgik unterrichtet. »So wird der einzige ökumenische Akzent im Programm des Weltjugendtags das Treffen des Papstes mit den Bischöfen der Minderheitenkirchen bleiben – wie schon bei den vergangenen Papstbesuchen in Polen.«

Im persönlichen Kontakt seien die Katholiken in Krakau aber häufig sehr offen für Anliegen der Lutheraner – so gebe es gemeinsame Gottesdienste, speziell auch für Menschen, die in gemischt-konfessionellen Ehen lebten. »Wir sind ja auch eine konservative lutherische Kirche, so wie die Altlutheraner in Deutschland«, sagt Pracki. Und wenn im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Cracowia Sacra« alle Kirchen der Stadt die Türen öffnen, beteiligten sich natürlich auch die Protestanten daran.

Während der Woche des Papstbesuchs finden in der Kirche Orgelkonzerte und Kirchenführungen statt, und natürlich am Sonntag die drei Gottesdienste, die jeden Sonntag gefeiert werden. Was der Weltjugendtag mit Krakau macht? »Es ist auf jeden Fall eine Veranstaltung, die für eine positive Stimmung in der Stadt sorgt und allgemein für das Christentum wirbt«, sagt Pracki. »Und weil Polen ein mehrheitlich katholisches Land ist, haben auch viele Einwohner großes Verständnis für die Jugendlichen – das sieht man etwa in der Straßenbahn, wo die Pilger sofort gefragt werden, wo sie denn herkämen.« Wer mit dem Weltjugendtag nichts zu tun haben wolle, sei ohnehin in Urlaub gefahren.

Benjamin Lassiwe

Türkei: Erdogan und der Gruß der Muslimbrüder

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Als die Muslimbrüder in Ägypten gegen die Absetzung von Präsident Muhammad Mursi durch den Militärputsch des derzeitigen Präsidenten Al Sisi protestierten, sah man es tausendfach auf den Straßen: Statt der zwei Finger des säkularen »Victory« (engl. für Sieg) wurden vier Finger gezeigt, eine schwarze Hand mit eingeschlagenem Daumen auf gelbem Grund. Es war das Zeichen der Muslimbrüder. 2013 wurde Erdogan gefilmt, als er weinend den Tod von Asmaa el Beltagy betrauerte. Die junge Demonstrantin war vor der Rabaa al-Adawiya Moschee in Kairo erschossen worden. »Rabaa« bedeutet auf Arabisch »vier« und deshalb die vier Finger als Zeichen der Solidarität für die Muslimbrüder und die Islamisten. Das Symbol verbreitete sich in der ganzen muslimischen Welt.

Vier Finger mit angewinkeltem Daumen – das Zeichen der Muslimbruderschaft. In Ägypten ist die Organisation verboten und als Terrororganisation eingestuft. Foto: screenshot youtube.com

Vier Finger mit angewinkeltem Daumen – das Zeichen der Muslimbruderschaft. In Ägypten ist die Organisation verboten und als Terrororganisation eingestuft. Foto: screenshot youtube.com

Jetzt, nach dem erfolgreichen Niederschlagen des Militärputsches, trat Erdogan auf, im Maßanzug und mit einem karierten Arbeiterhemd ohne Krawatte. So demonstrierte er »Volksnähe«. Und wieder zeigte der türkische Präsident für alle sichtbar seine Solidarität mit den islamistischen Muslimbrüdern. Zu Beginn seiner Rede, als er sich an »meine lieben Brüder« wandte, winkte er mit seiner Hand, mit vier ausgestreckten Fingern und einem weggedrehten Daumen.

Erdogan hat das Symbol in seiner Rede mehrfach verwendet und gewiss nicht zufällig. In arabischen Medien wird Erdogans stilles Zeichen ausführlich diskutiert. Im Gazastreifen, wo die Hamas, Ableger der ägyptischen Muslimbrüder, herrscht, gab es Jubelfeiern nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei. In Ägypten hingegen reagierte Präsident Al Sisi ungehalten.
Auch im Westen spielen solche Symbole eine große Rolle, wie das V-Zeichen für »Victory«, von Winston Churchill nach dem Zweiten Weltkrieg und später von »Friedensbewegten« in aller Welt verwendet.

In Deutschland kennt jeder die ausgestreckte Hand als Symbol für den Hitlergruß, heute bewusst von der Hisbollah in Beirut und der Hamas sogar mitten in Jerusalem verwendet. Nach der Entführung von drei jungen Israelis im Westjordanland im Juni 2014 war es bei Palästinensern populär, drei Finger hochzuhalten, als Symbol für die drei entführten und ermordeten jungen Israelis.

Und nun macht Erdogan unübersehbar klar, wo er steht. In der arabischen Welt gibt es viele Analphabeten, aber symbolische Handzeichen werden von jedem verstanden. Ob der Westen diese Zeichen der Zeit begreift?

Ulrich W. Sahm

Luthers Erben in Tansania

18. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Leipziger Missionare brachten neben der Bibel vor allem Luthers Tradition des Gemeindegesangs in das damalige Deutsch-Ostafrika. Eine Tradition, die im heutigen Tansania ungeahnte Früchte trägt.

Der Filmtrailer beginnt mit Szenen aus ländlicher Gegend Tansanias, dazu sieht man eingeblendete Fotos aus der Missionsgeschichte. Unterlegt ist das Ganze mit dem Gesang aus einem Bach-Oratorium. Dann erscheint das Gesicht von Kelvin: »Diese Lieder sind wir nicht gewohnt zu singen«, sagt der junge Musiker mit entschuldigendem Lächeln. Schnitt: Vorbereitungen zu einem Chortreffen im südöstlichen Afrika, fröhliche Stimmen, mitreißender Rhythmus, sich im Takt wiegende Menschen in bunten Gewändern. Das ist das Lebensgefühl von Luthers Erben im ehemaligen Deutsch-Ostafrika heute.

Filmemacherin Julia Peters. Foto: Harald Krille

Filmemacherin Julia Peters. Foto: Harald Krille

Die aus Mitteldeutschland stammende und jetzt in Frankfurt lebende Filmemacherin Julia Peters hat diese Art von Gemeindegesang vor einigen Jahren kennengelernt. Bei einer Begegnungsreise mit dem Leipziger Missionswerk, das vor rund 130 Jahren die ersten Missionare in das heutige Tansania entsandte. Nicht, um der damaligen Kolonialmacht, dem Deutschen Reich, zu dienen, sondern allein dem Reich Gottes, wie man ausdrücklich betonte. Im Gepäck hatten die lutherischen Christen nicht nur Gottes Wort, sondern auch Luthers Tradition des Choralgesangs.

Heute gehören zur Evangelisch-Lutherischen Kirche Tansanias rund 5,5 Millionen Menschen. Und es gibt seit 60 Jahren einen der wohl größten Chorwettbewerbe der Welt: 1 500 Chöre treten jährlich gegeneinander an. Zunächst in Vorausscheiden in den Diözesen, die 20 Besten dann im großen Finale. Bestreiten müssen sie dabei einen Pflichtteil und die Kür. Die Pflicht: ein europäischer Choral, der von der Kirchenleitung vorgegeben wird. Die Kür: eine eigene Komposition, in der sie zeigen, wie das Evangelium auch in traditionellen afrikanischen Musikformen seinen Ausdruck finden kann.

Seit Julia Peters die fröhlichen Menschen mit ihrem ebenso hingebungsvollen wie im wahrsten Sinne des Wortes bewegenden Gesang erlebt hat, hat sie einen Traum: Sie will diesem einzigartigen Ausdruck echter Volksfrömmigkeit in einem Dokumentarfilm nachspüren. »Es ist die Chance, etwas über Tansania, über Afrika zu erzählen, ohne die Menschen dort, wie so oft üblich, als die hilflosen Opfer darzustellen«, so die Filmemacherin. Denn so unterschiedlich die Chöre auch sind, was sie eint: Es gibt keine Profis. Alles sind einfache Menschen, musikalische Autodidakten, aber voller Begeisterung und Kreativität. Und voller Glauben, der ihr Leben ebenso wie ihren Gesang prägt.

Wie zum Beispiel Martha, Witwe und Kleinbäuerin in bescheidenen Verhältnissen. Der Glaube und der Gesang gaben ihr in schwerer Zeit die Kraft zum Überleben. Heute leitet sie den Neema-Chor, der aus Menschen ihrer Dorfgemeinschaft besteht und für den sie inzwischen eigene Lieder im Stile des WaGogo komponiert. Oder der Kanaani-Jugendchor aus Arusha, einer Großstadt im Nordosten Tansanias. Kelvin leitet den Chor, der nicht nur musikalisch aktiv ist: Seit einiger Zeit hat der Chor ein eigenes Projekt für Straßenkinder in Arusha initiiert.

Drei Chöre will Julia Peters gemeinsam mit ihrer Partnerin Jutta Feit in diesem Sommer begleiten und filmisch porträtieren, bis hin zum Finale des diesjährigen Wettbewerbs. Premiere für den Film »Luthers Erben – Sing it Loud« soll im kommenden Frühjahr sein. Als Höhepunkt wünscht sie sich im Jahr des Reformationsjubiläums dann eine Kino- und Konzerttour mit dem Jugendchor Kanaani durch Deutschland, bis hin zu den Kirchentagen auf dem Weg und dem Kirchentag in Berlin und Wittenberg.

Doch um das ehrgeizige Projekt zu realisieren, braucht die Filmemacherin zunächst einmal genügend Geld. Sie sucht deshalb Einzelspender oder auch Kirchengemeinden, die das Projekt als Partner begleiten oder vielleicht sogar einen Kino- und Konzertabend im kommenden Jahr organisieren wollen. Auf einer eigenen Internetseite sind außer dem Filmtrailer weitere Angaben zum Projekt und vor allem Kontakt- und Spendenmöglichkeiten angegeben. »›Luthers Erben‹ aus Tansania hätten es wirklich verdient, gerade im kommenden Jahr hier nach Deutschland zu kommen«, ist Julia Peters überzeugt.

Harald Krille

www.singitloud.de

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USA: Die endlose Debatte über Schusswaffen

13. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Es war spektakulär, als im Juni demokratische Kongressabgeordnete im US-Capitol einen Sitzstreik durchführten, um eine Abstimmung zur Schusswaffenkontrolle zu erzwingen. Doch die Debatte steckt fest. Barack Obama hat schon mehr als ein Dutzend Mal Hinterbliebenen von Schusswaffenmassakern kondoliert. Beschwerden über die Waffenindustrie und den Lobbyverband »National Rifle Association« (NRA), der unerbittlich auf das Recht zum Waffenbesitz pocht, haben allerdings nicht viel gebracht. Beide Seiten leben in verschiedenen Welten, fühlen sich als Opfer.

Normalität: Ein Mädchen mit Schnellfeuergewehr beim traditionellen Umzug am Unabhängigkeitstag in Colorado. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS

Normalität: Ein Mädchen mit Schnellfeuergewehr beim traditionellen Umzug am Unabhängigkeitstag in Colorado. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS

Schätzungsweise 300 Millionen Schusswaffen sind in den USA in Privathänden – statistisch beinahe eine pro Person. Etwa ein Drittel der US-Amerikaner lebt in Haushalten mit einer Schusswaffe. Laut dem »Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention«, einer öffentlichen Behörde, sind im Jahr 2013 in den USA 11 208 Menschen mit Schusswaffen getötet worden. Mehr als 20 000 Menschen haben sich mit einer Kugel selbst das Leben genommen.

Der Waffenhandel boomt jedes Mal nach Massenmorden. Viele legale Käufer treibt im Grunde genommen, was auch Schusswaffengegner treibt, die sich über die Waffenvernarrtheit entsetzen: das illusorische Verlangen nach Sicherheit. Selbstschutz wird bei Umfragen als Hauptgrund für den Waffenbesitz genannt. Dabei geht die Kriminalität seit Jahren stark zurück. Aber Bewaffnete verweisen zudem auf die US-Verfassung: Diese garantiere das Recht auf Waffenbesitz.

Tiefes Misstrauen liegt der Debatte zu Grunde. Schusswaffengegner misstrauen den Besitzern, die sich von den Herstellern und der NRA vereinnahmen ließen und einfach nicht verstehen wollten, dass die Todeszahlen so hoch sind, weil Waffen so leicht zugänglich sind. Die Bewaffneten misstrauen dagegen der Regierung und trauen ihr auch zu, Gesetze zu schreiben, die dem gesetzestreuen Amerikaner schaden könnten. Waffenbesitzer sind überwiegend konservativ eingestellte weiße Männer. Frauen bewaffnen sich kaum, und Afroamerikaner viel weniger als Weiße.

Doch trotz ihrer Erfolge beim Abschmettern von Reformen: Schusswaffenbesitz und der Stolz auf die Waffe gehören zu einem Amerika, das an Einfluss verliert. Anfang der achtziger Jahre wohnten noch 50 Prozent der US-Amerikaner in Haushalten mit einer Waffe. Junge Leute schießen heute nicht mehr auf der Jagd, sondern beim Computerspiel auf dem Laptop- oder Smartphonebildschirm.

Verglichen mit Europa ist in den USA die Zahl der Schusswaffenopfer astronomisch hoch. Doch bei aller Empörung: Die Rate ist nach Regierungsangaben seit Anfang der neunziger Jahre stark zurückgegangen, von sieben Morden pro 100 000 Einwohner auf 3,8 Morde. Die USA werden wohl weiter mit ihren Schusswaffenarsenalen leben. Für Kirchen ist die Diskussion schwierig: Denn auch in ihren Bänken sitzen viele Schusswaffenbesitzer.

Konrad Ege

Ein Riss geht durch das Land

5. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Polen: Der katholische Mehrheitsglaube hat die Menschen im Nachbarland noch immer geeint. Doch in den aktuellen politischen Auseinandersetzungen scheint selbst dies nicht mehr zu funktionieren.

Teile und herrsche«, das sei das Motto von Jaroslaw Kaczynski, Vorsitzender der derzeit alleinregierenden Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS), meint Piotr Kandyba. Er selbst ist Mitglied der Partei »Nowoczesna Ryszarda Petru«, zu deutsch »Richard Petrus Moderne« oder auch einfach nur »Die Moderne«. Auf dem Weg vom Büro zur Parteiarbeit nimmt er sich in einem Café Zeit für ein Gespräch. Die Regierung ermuntere die Menschen zu einem aggressiven Verhalten. Der Lokalpolitiker Kandyba werde darum als Parteimitglied des Ökonoms Ryszard Petru als »Bankster« beschimpft. Das schmerzt ihn, da er sich als »sozialliberalen Katholik« sieht, der sich vor Ort auch für die sozial Schwachen engagiert, die sich nun teils gegen ihn wenden. »Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden«, so das Motto des Weltjugendtags, zu dem Papst Franziskus Ende Juli Polen besuchen wird. Im Gastgeberland stehen sich Regierungsgegner und Regierungsbefürworter derzeit jedoch unversöhnlich gegenüber.

Bei Demonstrationen und Protestaktionen kommt es immer wieder zu Gerangel. »Verräter, geht nach Deutschland oder Russland!«, werden Aktivisten des »Komitees zur Verteidigung der Demokratie« (KOD) von Anhängern der PiS angeschrien. Die Partei unter der Leitung von Jaroslaw Kaczynski hat im vergangenen Herbst die Wahlen gewonnen. Seitdem gestaltet sie Polen nach ihren nationalkonservativen Vorstellungen um.

Nicht die Begeisterung über Polens Einzug ins Viertelfinale der Fußball-EM treibt derzeit immer wieder Tausende Polen auf die Straße, sondern die Angst vor einer immer nationalistischeren und europafeindlicheren Politik. Foto: REUTERS/Kacper Pempel

Nicht die Begeisterung über Polens Einzug ins Viertelfinale der Fußball-EM treibt derzeit immer wieder Tausende Polen auf die Straße, sondern die Angst vor einer immer nationalistischeren und europafeindlicheren Politik. Foto: REUTERS/Kacper Pempel

Möchte man mit Gegnern oder Befürwortern der PiS ins Gespräch kommen und gibt sich als Journalist zu erkennen, erntet man oft bei allen erst mal Misstrauen: »Ah, pass auf – wir wissen nicht, auf welcher Seite er ist!« An eine neutrale Berichterstattung scheint kaum noch jemand in Polen zu glauben.

Doch wo ist dann die Mitte, die Brücke zwischen den Polen? Lange galt die Familie als Zuflucht gegenüber einer oft feindselig empfundenen politischen Umgebung. Doch heute: Kommentare zur Politik lassen Familienzusammenkünfte platzen, Eltern löschen ihre Kinder auf Facebook und umgekehrt. Zerwürfnisse, die in anonymer Form kolportiert werden.

Der 46-jährige Kandyba hofft, dass es zu keinem »Maidan«, zu keiner gewaltsamen Auseinandersetzung wie in der Ukraine kommt. Eine Änderung erwartet er – leider – erst, »wenn die umgesetzten Versprechen der Regierung unsere Volkswirtschaft zum Kippen bringen. Wenn die Leute ihre Arbeit verlieren«. Dann, so hofft er, würden viele ihre Fehler einsehen und die Zerstrittenen könnten aufeinander zu gehen. Da er in einem internationalen Konzern arbeitet, gleichzeitig offen für das KOD wirbt, sieht er sich als eine Ausnahme: Die meisten Angestellten hätten sich bereits aus der politischen Arbeit verabschiedet, da sie um ihre Stelle fürchten.

Von der katholischen Kirche, dem einst großen gemeinsamen Nenner Polens, ist Kandyba enttäuscht. Sie versäume es, die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen. In der Kirche in seinem Heimatstädtchen Piaseczno bei Warschau würde bei der Messe den KOD-Engagierten sogar der Friedensgruß verweigert.

Dies wird Ende Juli hoffentlich nicht passieren. Der Besuch des Papstes in Polen wird seit Februar durch von ihm ernannte 76 polnische »Missionare der Barmherzigkeit« vorbereitet. Die Geistlichen haben sogar die besondere Ermächtigung, von Sünden loszusprechen, von denen sonst nur der Apostolische Stuhl freisprechen darf.

Einer von ihnen, der auch im staatlichen Fernsehen TVP mitwirkt, erklärte sich einverstanden, ein Interview zu geben. Die Kirche nach Franziskus sei ein »Feldlazarett«, bei dem jeder sich holen könne, was er brauche. Die Kirche dürfe sich nicht vor dem Menschen verschließen. Doch dann ist er über die seiner Meinung nach zu politischen Fragen ungehalten. Eine Autorisierung des Interviews entfällt im Nachhinein.

Von einem gespaltenen Land will der Geistliche indes auch nichts wissen: »Als Missionar der Barmherzigkeit fahre ich durch Polen von Süden nach Norden. Ich bin in unterschiedlichen Gemeinden, in unterschiedlichen Gemeinschaften, die sehr mit der Kirche verbunden, oder auch überhaupt nicht mit der Kirche verbunden sind. Es ist ein Polen, ein wunderbares Polen, eine polnische Gesellschaft, ein Volk Gottes.«

Dennoch steht bereits fest, dass er nach dem Papstbesuch seine Arbeit im Staatsfernsehen aufgeben muss. Intendant Jacek Kurski und ein Teil der Bischöfe störten sich an einer zu liberalen Ausrichtung, so jedenfalls die These liberaler polnischer Medien.

Jens Mattern

Portugal: Zwiespältige Erfahrungen in Sachen Ökumene

29. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In Deutschland halten sich die Zahlen der Katholiken und Protestanten in etwa die Waage und stehen einer fast gleich großen Zahl religionsloser Menschen (jeweils rund ein Drittel) gegenüber. Da ist es durchaus üblich, dass man sich als Christen gegenseitig wahrnimmt und Gemeinsamkeiten sucht. Das geschieht mit Unterschieden, aber grundsätzlich doch mit positiver Tendenz. Ende Mai machten sich 25 Leserinnen und Leser der Kirchenzeitungen »Glaube+Heimat« aus Thüringen und »Der Sonntag« aus Sachsen auf Leserreise nach Portugal.

Für Protestanten die Andacht verboten: die Erscheinungs­kapelle im portugiesischen Wallfahrtsort Fatima – Foto: Hanfried Victor

Für Protestanten die Andacht verboten: die Erscheinungs­kapelle im portugiesischen Wallfahrtsort Fatima – Foto: Hanfried Victor

Das Interesse an dem überaus katholisch geprägten Land und seinen Verhältnissen war groß. In Portugal ist die Bevölkerung zumindestens 85 bis 90 Prozent katholisch, lediglich 1,2 Prozent nennen sich protestantisch. Andachten der Reisegruppe an zwei renommierten Wallfahrtsorten (Braga und Fatima) wurden angemeldet, eine Begegnung mit dem katholischen Bischof Lissabons, Manuel Clemente, bestätigt. Hinzu kamen Begegnungen mit zwei deutschsprachigen evangelischen Gemeinden (Lissabon und Carvoeiro). Es versprach interessant zu werden – und wurde doch enttäuschend.

Die Reiseleiterin, die uns jeden Tag bei Andachten erlebte, unseren Gesang im Bus aufmerksam verfolgte, stellte am letzten Tag erstaunt fest: »Ach, ihr seid also auch getauft! Ich dachte bisher, Protestanten sind eine Sekte.« In Fatima, dem berühmten Wallfahrtsort, wurde uns als Protestanten eine zuvor genehmigte Andacht in der Erscheinungskapelle verwehrt und nur mit Bauchschmerzen das Halten derselben in der neuen Kirche für 9 000 Besucher, der »Igreja da Santissima Trindade«, gestattet. »Aber bitte nutzen Sie nicht den Altar!«, so die Mahnung.

In Lissabon freuten wir uns auf die Begegnung mit dem katholischen Bischof. Zum verabredeten Termin hieß es, der Bischof sei noch in einem anderen Gespräch. Die Gruppe vor uns habe sich verspätet und viele Fragen. Wieder und wieder wurden wir vertröstet. Nach über einer Stunde vergeblichen Wartens verließen wir enttäuscht und unverrichteter Dinge den Palast.

Anders erlebten wir die beiden deutschsprachigen evangelischen Gemeinden. Wir wurden erwartet und freundlich empfangen, haben miteinander gesungen, gebetet und uns ausgetauscht. Die evangelische Pfarrerin in Lissabon erzählte uns dabei, dass sie jüngst auch im Rahmen der Visitation der katholischen Gemeinde vom katholischen Visitationsteam besucht worden sei. Sie wertete dies als Zeichen guten Miteinanders. In Carvoeiro berichtete der evangelische Pfarrer, wie dankbar er ist, für seine kleine Gemeinde die katholische Kapelle nutzen zu können. Das sei aber ein singuläres Erleben. Überall sonst an der Algarve würde ihm für Taufen oder Hochzeiten die Nutzung katholischer Kirchen verwehrt. Ist Ökumene nur dann angesagt, wenn man in der Minderheit ist und irgendwie zusammenhalten muss? Oder ist Ökumene ein grundlegendes Anliegen? Papst Franziskus zumindest scheint zu letzterem zu tendieren.

Hanfried Victor

Der Autor ist evangelischer Pfarrer i. R. aus Thüringen.

Die lutherische Welt blickt 2017 nach Namibia

22. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Namibia: In Windhoek eröffneten die Lutheraner jetzt den Endspurt zur Vollversammlung in einem Jahr

Aus deutscher Perspektive dreht sich in Sachen Reformationsjubiläum alles um Wittenberg. Doch die weltweite Konfessionsgemeinschaft der Lutheraner feiert im Südwesten des afrikanischen Kontinents.

Creation is not for sale«, singt der Gospelchor, der auf einer kleinen Bühne in den Gärten vor dem Parlament in Windhoek, Namibia, Aufstellung genommen hat. »Die Schöpfung ist nicht verkäuflich. Menschen sind nicht verkäuflich. Erlösung ist nicht verkäuflich.« Unter den hohen Bäumen des Parks haben gut 500 Menschen Platz genommen. Prominenz ist darunter, wie der stellvertretende Präsident des Landes, Nickey Yambo. Oder der frühere Bischof und heutige Minister für Armutsbekämpfung, Zephania Kameeta. Er ist es, der wenige Minuten später in einer alten Öllampe ein Feuer entzündet. »Es ist mir eine große Freude und ein Privileg, die Vorbereitungsphase für die 12. Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds zu eröffnen«, sagt Kameeta, der zugleich Mitglied im Rat des Lutherischen Weltbundes (LWB) ist.

Globale Erinnerung an die Reformation

Vom 10. bis 17. Mai 2017 wollen Delegierte aus allen 145 Mitgliedskirchen des LWB, die immerhin für 72 Millio­nen Lutheraner stehen, in Namibia zusammenkommen. Ihr Treffen soll im Jahr des Reformationsjubiläums unter dem Motto »Befreit durch Gottes Gnade« stehen. Und die damit verbundenen Unterthemen sind die Liedzeilen des Gospelchors: Die Unverkäuflichkeit von Schöpfung, Menschheit und Erlösung.

Die »heiße Phase« der Vorbereitungen habe begonnen, erklärte der frühere Bischof Zephania Kameeta, Mitglied im Rat des LWB, und entzündete bei den Feierlichkeiten im namibischen Windhoek eine Sturmlaterne.  Foto: DNK/LWB, Florian Hübner

Die »heiße Phase« der Vorbereitungen habe begonnen, erklärte der frühere Bischof Zephania Kameeta, Mitglied im Rat des LWB, und entzündete bei den Feierlichkeiten im namibischen Windhoek eine Sturmlaterne. Foto: DNK/LWB, Florian Hübner

»Namibia wird der Ort für die globale Erinnerung an die Reformation sein«, sagt Kameeta. Dass sich die weltweiten Lutheraner dazu nicht in Wittenberg, sondern ausgerechnet in Afrika treffen, hat mehrere Gründe. Zum einen ist da die heute durchaus kritisch gesehene, jahrelange Unterstützung der namibischen Befreiungsbewegung SWAPO durch den Lutherischen Weltbund. Dessen Stipendienprogramme erleichterten nach der Erlangung der Unabhängigkeit vielen Namibiern den Einstieg in Wirtschaft und Politik. »Wir wollen dem LWB ein Schaufenster in das Land bieten, das sie unterstützt haben«, sagt der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN), Shekutaamba Nambala.

Das lutherischste Land in ganz Afrika

Zum anderen ist das 2,3 Millionen Einwohner zählende Namibia schlicht das am meisten lutherisch geprägte Land auf dem schwarzen Kontinent – auf dem zudem bisher nur eine einzige Vollversammlung des LWB stattgefunden hat. Rund 1,1 Millionen Einwohner gehören einer der drei lutherischen Kirchen des Landes an: der auf die finnische Mission zurückgehenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN), die rund 700 000 Gemeindeglieder hat; der auf die rheinische Mission zurückgehenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Namibia (ELKRN), die etwas mehr als 400 000 Gemeindeglieder zählt; und der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN-DELK), der rund 5 000 Gemeindeglieder angehören.

Alle drei Kirchen haben eine gemeinsame Kirchenleitung, sehen sich aber als selbstständige lutherische Kirchen an – und wollen an diesem Zustand trotz teils großem Druck aus Deutschland auch nichts ändern. »Wir reden hier nicht über eine gemeinsame Kirche«, sagt der Generalsekretär der ELKRN, Petrus Kaariseb. »Wir arbeiten aber eng zusammen.«
So kooperieren die drei Kirchen etwa bei einem gemeinsamen Programm zur Nothilfe in dem von einer Dürrewelle geplagten Land. Die beiden afrikaanssprachigen Kirchen unterhalten ein gemeinsames theologisches Seminar. In der Innenstadt von Windhoek wurde die »Inner City Congregation« gegründet, eine gemeinsame, englischsprachige Gemeinde, die allen drei Kirchen angehört. Und in der kleinen deutschsprachigen Kirche übernimmt der eigentlich zur ELKIN gehörende, frühere Generalsekretär des Namibischen Kirchenrates, Ngeno Nakamnela, seit einigen Wochen eine Vertretung in einer vakanten Gemeinde.

»Trotzdem nehme ich auch wahr, dass die Kirchen nicht wirklich der Einheit verpflichtet sind«, sagt der Diakoniepfarrer der ELKIN, Gerson Neliva. Und auch der Bischof der ELKIN-DELK, Burgert Brand, spricht davon, dass es zwischen den Kirchen zuweilen Kommunikationsprobleme gebe.

Im Hintergrund steht dabei noch immer die Zeit des Apartheidregimes. Dass der farbige Nakamnela als Vakanzvertreter an einem Pfarrkonvent der ELKIN-DELK teilnimmt, wäre vor 30 Jahren unmöglich gewesen. Und oft wird gerade der deutschsprachigen Kirche vorgeworfen, sich nicht entschieden genug gegen die Apartheid positioniert zu haben. 1984 wurde die ELKIN-DELK deswegen vom Lutherischen Weltbund suspendiert – eine Entscheidung, die der LWB als »Erziehungsmaßnahme« deklarierte.

Schweres Erbe: Kolonialzeit und Apartheidregime

»In Namibia wurde es als Rausschmiss empfunden«, sagt Brand. Auch das Verhältnis zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bezeichnet der Bischof als »ambivalent«. Zwar habe die Partnerschaft mit Deutschland selbst in der Zeit der LWB-Suspendierung gehalten. Doch dass manche EKD-Vertreter von der »weißen Kirche« Namibias sprechen, und die deutschsprachigen Namibier zumindest unterschwellig für alle Gräueltaten der Geschichte Namibias verantwortlich machen, stößt in der Kirche auf Unverständnis und Empörung. Brand spricht gar von einem »eurozentristischen, paternalistischen Blick« der EKD. »Wir sind Namibier, die deutsch sprechen«, sagt Brand.

Tatsächlich setzt sich auch die ELKIN-DELK kritisch mit der Kolonialgeschichte Namibias auseinander: Über einer Gedenktafel in der Windhoeker Christuskirche, in der der Toten der Kolonialkriege gedacht wird, soll nach dem Vorbild einer Kirche aus Wilhelmshaven eine Plexiglasplatte angebracht werden, die darauf aufmerksam machen soll, dass man heute aller Toten aller Kriege gedenkt.

Und natürlich unterstützt auch die ELKIN-DELK zahlreiche Projekte zur Bekämpfung der Armut im Land – etwa das Wohnheim »Hephata« in der größten Armensiedlung Windhoeks, in Kattutura, wo Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung aufopferungsvoll betreut werden. »Wenn wir von ›Liebe deinen Nächsten‹ predigen, ist doch völlig klar, dass damit die Menschen in den Armutsvierteln gemeint sind«, sagt der Pastor der Küstengemeinden rund um Swakopmund, Klaus-Peter Tietz.

Herausforderung bei Finanzen und Logistik

Eine enge Kooperation findet sich auch in der Vorbereitung der Vollversammlung des LWB. Das 15-köpfige Planungsteam besteht aus Mitgliedern aller drei Kirchen. Doch der schlechte Wechselkurs des namibischen Dollars stellt die Verantwortlichen vor immer größere Herausforderungen. »Wir müssen 64 000 Euro für die Vollversammlung selber aufbringen«, sagt Hartmut Diehl, der zum Planungskomitee gehört. Als die Vorbereitungen begannen, stand der Namibia-Dollar im Verhältnis zum Euro noch bei 1:12, mittlerweile ist der an den südafrikanischen Rand gekoppelte Wechselkurs bei 1:17 angekommen.

Für die Namibier wird die Vollversammlung damit immer teurer. Zudem ist eine Vollversammlung des LWB in einer Stadt wie Windhoek, die über kein öffentliches Nahverkehrssystem verfügt, auch eine logistische Herausforderung. Doch die Namibier haben sie angenommen. »Wir wollen der Versammlung den Geist Namibias mitgeben«, sagt Emma Nangolo vom örtlichen Planungskomitee. »Und wir wollen das Lutherische in Namibia sichtbar machen.«

Benjamin Lassiwe

www.lwfassembly.org

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