Siegel als Beruhigungspille
27. August 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Fairer Handel: Das Nischendasein hat er längst verlassen – doch nicht alles was glänzt ist auch pures Gold
Fair und Bio ist in Deutschland zur Massenerscheinung geworden. In den Weltläden ist man darüber nicht nur erfreut. Denn die Standards sinken.
Fairer Handel bewegt sich auf Erfolgskurs. Vergangenes Jahr haben die Bundesbürger für fair gehandelte Produkte rund 322 Millionen Euro ausgegeben, ermittelte das Forum Fairer Handel. So viel wie nie zuvor. In den vergangenen fünf Jahren ist diese Summe rasant gestiegen – auf mehr als das Dreifache.
Solvejg Spirling im Eine-Welt-Laden in Jena spürt den Aufwärtstrend. »Trotz der allgemeinen Wirtschafts- und Finanzkrise haben wir keinen Einbruch gehabt«, sagt sie. »Die Leute geben für fair gehandelte Produkte immer mehr Geld aus.« Außer ihren treuesten Kunden – den Rentnern – kämen häufiger als bisher Käufer aus der Mittelschicht, die sehr anspruchsvoll seien und viel Wert auf Qualität legten. »Es sind diejenigen, die bewusster einkaufen gehen«, meint Solvejg Spirling. Auffällig sei: »Sie sind genauer informiert, fragen intensiver und gezielter. Da muss ich als Verkäuferin mich viel detaillierter als noch vor Jahren bei Kaffee, Tee und Schokolade auskennen.«
Immer mehr Siegel, doch die Standards sinken
Ein Sprecher des Forums Fairer Handel führt diesen Positivtrend auf die hohe Glaubwürdigkeit des fairen Handels zurück. Darauf deuteten auch jüngste Befragungen von Konsumenten hin. Für zwei Drittel von ihnen sei die »richtige Verwendung des Geldes« ein sehr wichtiger Grund, sich für fair gehandelte Produkte zu entscheiden. Ebenso wichtig wie der Ausschluss ausbeuterischer Kinderarbeit bei der Produktion.
»Mit den Begriffen Fair und Bio kann heute fast jeder etwas anfangen«, sagt Claudia Greifenhahn, Geschäftsführerin des Ladencafés »aha«, zu dem drei Weltläden in Dresden gehören. In dieser Hinsicht hätten die Kampagnen und die jahrelange Arbeit viel bewirkt. Im Osten Deutschlands seit 1990, im Westen etwas länger. Dort waren die ersten Weltläden vor 40 Jahren gegründet worden – aus dem »Dritte-Welt-Handel« heraus, einer Aktion der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend und des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ).
Und doch: So recht freuen, dass Fair und Bio aus dem Nischendasein heraus und zur Massenerscheinung geworden sind, kann sich Claudia Greifenhahn nicht. Am wenigsten über die Siegel. Die seien ursprünglich entwickelt worden, um den Käufern schnell und unkompliziert faire und ökologische Produktionsbedingungen anzuzeigen. Doch dann passierte das, was Claudia Greifenhahn am Beispiel von Textilien erklärt: Für Naturtextilien gab es erst ein Siegel des Internationalen Verbandes der Textilwirtschaft (IVN), in den Abstufungen »better« und »best«. »Die Anforderungen waren sehr streng.« Dann stieg die Nachfrage. »Um der gerecht zu werden, wurde GOTS eingeführt, Global Organic Textile Standards, ein neues Öko-Siegel, allerdings mit lascheren Kriterien. Die haben größere Kompromisse gemacht.«
Was aber der Käufer in der Regel nicht wisse. »Der greift zu diesen Produkten im sicheren Gefühl, etwas Gutes zu tun. Das Siegel zeigt ihm ja, dass er nicht mehr nachfragen muss.« Derweil schmückten immer mehr Firmen ihre Produkte mit solchen Siegeln – Firmen, denen am positiven Werbeeffekt zur Umsatzsteigerung mehr gelegen sei als am Schutz der Umwelt.
Auch BDKJ-Bundesvorsitzender Dirk Tänzler fordert, sicherzustellen, dass Konzerne das Fair-Trade-Siegel nicht als »Feigenblatt für menschenverachtende Unternehmenspolitik missbrauchen«.
Auch regionale Produkte sind »öko« und »fair«
Claudia Greifenhahn sieht dafür wenig Chancen. Sie ist der Ansicht: »Den Käufern werden damit nur die Augen verkleistert. Diese Siegel sind der falsche Weg.« Als Beruhigungspille könnten sie die Aufklärung im Weltladen jedenfalls nicht ersetzen. Für die Dresdner Geschäfte haben sie und ihre Mitarbeiter eine eigene Kennzeichnung entwickelt: ein Schild in Rot steht für »fair«, gelb für »ökologisch und fair«, grün für »Öko-Standard« und blau für »konventionell«.
Zudem setzen sie nicht mehr nur auf Waren aus Entwicklungsländern und auf neues Denken bei den Bewertungskriterien. »Wir haben Produkte kleiner Firmen im Erzgebirge im Angebot, die etwa Schmuck aus Recyclingmaterial oder Leinenkleider herstellen und dafür arbeitslose Näherinnen beschäftigen. Die haben kein Siegel. Wir aber bewerten dieses in der Region Produzierte als öko und fair. Auch, weil wir uns mit eigenen Augen davon überzeugen können.«
Tomas Gärtner
Googles Blick in Nachbars Garten
20. August 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Während das Online-Kartendienst Street View in Deutschland umstritten ist, sind die Google-Autos mit Kamera in Europa auf Registriertour unterwegs.
Von Tanja Tricarico
Ein schrilles Piepsen reicht aus und der Fahrgast ist registriert. Name, Alter, Adresse, Reiseziel. 460000 Mal am Tag erfasst das Brüsseler Verkehrsunternehmen STIB die Reiserouten seiner Fahrgäste. Die Chips auf der Monatskarte funktionieren per Funk, der Inhaber kann jederzeit geortet werden. Und gesichtet. Seitdem die belgische Regierung im November 2009 ein verschärftes Gesetz zur Videoüberwachung verabschiedet hat, hat STIB die Zahl der Kameras deutlich erhöht.

Fahrzeuge für Google Street View mit Spezialkamera stehen in Bereitschaft auf einem Parkplatz in Wien, Österreich. (Foto: epd-bild)
Wer Anonymität sucht, ist in Brüssel fehl am Platz. Was für die Pendler in öffentlichen Verkehrsmitteln gilt, findet längst auch am Grande Place, in den Königsgärten oder am Atomium statt. Für den Online-Kartendienst Street View macht Google seit 2009 Fotoaufnahmen von Sehenswürdigkeiten, von Restaurants, von Geschäften oder Parks und schickt sie durchs digitale Netz. Zu sehen sind auch Spaziergänger oder EU-Beamte in der Mittagspause.
Der unabhängige Ausschuss für den Schutz des Privatlebens (ASP) ist eine der wenigen belgischen Initiativen, die den laxen Umgang mit der Privatsphäre anprangern. »Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht unsere personenbezogenen Daten offenlegen oder sie geprüft, ausgewählt und gespeichert werden«, sagt der Präsident des Ausschusses, Willem Debeuckelaere. Der Ausschuss beobachtet genau, was auf den dreidimensionalen Stadtplänen von Brüssel, Antwerpen oder Lüttich zu sehen ist und wie weit Google den Blick in die belgischen Wohnzimmer der Welt preisgibt.
Paris gehörte zu den ersten europäischen Hauptstädten, in denen die dunklen Google-Autos mit Kamera auf dem Dach unterwegs waren. In einem Pilotprojekt wurden 2008 Bilder vom Eiffelturm und Champs-Elysées geschossen und ins Netz gestellt. Rom und London folgten kurz darauf.
Auch Spanien, die Niederlande, Italien, Ungarn oder Portugal haben kein Problem mit Googles Blick in Nachbars Garten. »Wer nichts zu verbergen hat, muss auch nichts fürchten«, heißt es aus dem Büro des spanischen Datenschutzbeauftragten. »Wer sich über Webcams der ganzen Welt zeigt und auf Facebook seinen Gemütszustand veröffentlicht, sollte keine Angst vor Street View haben«, teilt das französische Büro mit.
Doch von Einigkeit unter den europäischen Datenschützern kann keine Rede sein. Nur zwölf von 27 EU-Ländern haben Googles Kartendienst erlaubt. Den größten Widerstand gibt es in Österreich, Griechenland und Deutschland.
Ob Street View zugelassen wird, bleibt jedem Staat selbst überlassen. Doch die Weitergabe der Bilder oder deren Verknüpfung mit persönlichen Angaben betrifft den Datenschutz und damit EU-Recht.
Problematisch wird es vor allem, wenn einzelne Menschen zu erkennen sind. »Wir haben hohe Anforderungen an den Datenschutz«, sagt EU-Justizkommissarin Viviane Reding. »Ich erwarte, dass Google sich an die Spielregeln hält.«
Googles Fotodienst ist nur ein Beispiel für Europas Weg zum gläsernen Kontinent. Der Datenschutzexperte und Grünen-Abgeordnete im Europäischen Parlament, Jan Philipp Albrecht, hat keinen Zweifel daran, dass die Weitergabe von Daten EU-weit erleichtert wird. »Der Kampf gegen Terroristen, gegen Verbrechen und Flüchtlingsströme gehört zu den dringendsten Angelegenheiten im EU-Kommissariat für Justiz und Inneres«, sagt Albrecht. Fingerabdrücke, Reiseprofile oder persönliche Daten von Schwerverbrechern oder Asylbewerbern sind bereits europaweit zugänglich.
»Der Datenschutz bleibt auf der Strecke«, sagt Grünen-Parlamentarier Albrecht. Die aktuelle EU-Richtlinie zum Datenschutz stammt aus dem Jahre 1995. Das Ringen um eine neue gemeinsame Vorgabe wird für die Staaten zur Zerreißprobe. Im Herbst will das EU-Parlament die Verhandlungen wieder aufnehmen. »Der Schutz des Privatlebens und die größtmögliche Sicherheit für die Bevölkerung sind kein Widerspruch«, sagt der oberste Datenschutzbeauftragte der EU, Peter Hustinx. »Beides ist vereinbar.«
Bis ein Kompromiss gefunden wird, sammelt die STIB in Brüssel weiterhin Routen und Fahrzeiten ihrer Fahrgäste. Die Bevölkerung nimmt es gelassen. Die Belgische Liga für Menschenrechte hat die Funk-Monatskarte der STIB für den Orwell Award nominiert und sie damit »zum Besten vom Schlimmsten im Bereich der neuen Technologien« gekürt. (epd)
»I like Germany – es ist gut hier zu sein«
15. August 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Bischof Giegere Wenge aus Papua- Neuguinea liegt die Ausbildung der Jugend sehr am Herzen. (Foto: Armin Kühne)
Neuguinea verstehe sich als christliches Land, erzählt er. Als es 1975 seine Unabhängigkeit erklärte, wurde das in der Verfassung festgeschrieben. 1,3 Millionen der 6,5 Millionen Einwohner sind Lutheraner. Ende des 19. Jahrhunderts sind die ersten Missionare ins Land gekommen – zunächst aus dem bayerischen Neuendettelsau, später aus Leipzig. »Sie haben bis in die 1960er Jahre die pastorale Arbeit in unserer Kirche geleistet«, so der Bischof. Erst danach habe die Kirche auch Einheimische ausgebildet. Heute tun 1000 Pfarrer in dem drittgrößten Inselstaat der Welt Dienst.
Gut ausgebildete Mitarbeiter sind dem Bischof wichtig. Und dafür zählt er auf die Unterstützung seiner Partner in Deutschland. Drei Deutsche sind zurzeit als Ausbilder und Lehrer in Papua-Neuguinea: die Pfarrer Rolf Strobelt und Uwe Hummel als Dozenten am Theologischen Seminar Ogelbeng in Mount Hagen und Robert Vogel, um die Computer der Kirche zu betreuen und die Mitarbeiter dafür zu schulen.
Überhaupt ist die Fürsorge für seine Mitarbeiter ein großes Anliegen des Bischofs. »Sie bekommen wenig Geld und können sich deshalb nicht hundertprozentig ihren Aufgaben widmen«, erzählt er. Denn die Pfarrer werden von ihren Gemeinden bezahlt und die haben selbst wenig. Dazu kommt, dass sich die Menschen in Papua-Neuguinea von dem ernähren, was auf dem eigenen Land wächst. »Aber die Pfarrer werden ausgesendet und verlassen ihre Heimat.«
Dass seine Kirche wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen muss, ist dem Bischof bewusst. Hilfe von den deutschen Partnern erwartet er vor allem bei einzelnen Projekten wie der Aktion »Licht ins dunkle Tal«, bei der 3000 Solarlampen mit Hilfe von Spenden aus Deutschland in die entlegenen Dörfer des Hochlands gebracht und dort montiert wurden. Neuestes Projekt ist die Anschaffung von Musikinstrumenten für die Jugendarbeit. Dafür ist das Jugenddankopfer der Evangelischen Jugend Sachsens von 2009 bestimmt. Überhaupt liegt die Jugendarbeit dem Bischof sehr am Herzen. Die Kirche lege sehr viel Wert darauf, dass Jugendliche nicht nur eine gute Ausbildung erhielten, sondern auch eine christliche Erziehung, sagt er. Dabei unterstütze die Regierung die Schulen in kirchlicher Trägerschaft.
Dass die Frauen in seinem Land noch unter strukturellen Ungerechtigkeiten leiden, ist dem Bischof besonders bewusst. Es sei eine sehr von Männern dominierte Gesellschaft. »Dass muss geändert werden«, so Bischof Wenge. Immerhin könnten Frauen unterdessen auch eine theologische Ausbildung absolvieren. Ins Pfarramt ordiniert werden sie jedoch noch nicht. »Das muss Schritt für Schritt passieren.« Überstürztes Handeln nützte den Frauen nichts.
Christine Reuther
Tiefe Wunden bis heute
29. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Josef Benesch von der evangelischen St.-Salvator-Gemeinde Prag am Altstädter Ring berichtet gern über seine Erfahrungen und Recherchen zur Kirchenpolitik der tschechischen Kommunisten. Fotos: Andreas Kirschke
Prag: Die Kommunisten setzten den tschechischen Kirchen hart zu – doch es gibt wieder lebendige Gemeinden
Tschechien gilt heute als eines der atheistischsten Länder Europas. Der protestantische Pfarrer Josef Benesch sieht das auch als eine Folge der kommunistischen Diktatur.
Josef Benesch beschreibt tiefe Wunden. »75 Prozent der Prager sind heute atheistisch. Vielen fehlen grundsätzliche Kenntnisse über den Glauben«, erläutert der Pfarrer der evangelischen St.-Salvator-Kirchengemeinde Prag die Folgen des Stalinismus. Die Teilnehmer der Bildungsreise »Tschechien. Geschichte, Politik und Kultur« – organisiert von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und der deutsch-tschechischen Brücke/Most-Stiftung – hören hoch gespannt zu. Es geht um Kirche im Stalinismus und um Kirche heute.
Druck und Repression besonders gegen Katholiken
»1949 löste die Staatsmacht in Tschechien sämtliche Klöster auf. Ihre rund 40000 Nonnen und Mönche wurden verhaftet. Oder sie mussten emigrieren. Auch 2000 katholische Priester kamen in Haft«, schildert Josef Benesch. Bei seinen Recherchen in Bibliotheken stieß er auf einen Brief. Der stammte von einem Vertreter des Zentralkomitees der damaligen Kommunistischen Partei: »Wir müssen gleich die Hierarchie attackieren. Dann wird die Kirche von allein verschwinden«, zitiert der Pfarrer sinngemäß die Haltung der Partei- und Staatsmacht gegenüber den Katholiken. Gegen die zahlenmäßig kleineren protestantischen Kirchen ging man anders vor. Die Pfarrer durften bleiben. Doch der Staat ließ sie streng überwachen.
Und er übte immer mehr Druck aus. Bald wurden alle kirchlichen Kinderferienlager verboten. Ab 1955 gab es im heutigen Tschechien auch keinen Religionsunterricht mehr. Angst, Einschüchterung und Unterwanderung war die Taktik der Staatsmacht. Vor allem aber wurden sämtliche Kirchen sowie christlichen Spitäler, Altenheime und Kinderheime enteignet. »Im Unterschied zu Ostdeutschland setzte man hier bei uns Enteignung und Verstaatlichung komplett durch«, so der Pfarrer. »Unsere Kirche – die Kirche des Heiligen Salvator – wurde 1952 enteignet.«
Ursprünglich war sie die erste Jesuitenkirche in Prag. Seit 1578 erfolgte ihr Bau, unterbrochen durch den Dreißigjährigen Krieg. Nach Auflösung des Jesuitenordens gehörten die Gebäude der Kirche zur Karls-Universität. In der St.-Salvator-Kirche predigten berühmte Persönlichkeiten wie der Philosoph und Mathematiker Bernhard Bolzano. 1990 kam es zur Wiederaufnahme der Studentenseelsorge. 2004 wurde hier die erste akademische Pfarrei der Tschechischen Republik unter Dr. Tomaš Halik errichtet. Heute ist Josef Benesch gemeinsam mit Svatopluk Karásek Pfarrer in der Gemeinde.
»Wir mussten viel Druck ausüben, um unsere Kirche zurückzuerhalten«, schildert er. In den 40 Jahren Stalinismus verlor die Gemeinde die Hälfte ihrer Mitglieder. Warum die Kommunisten gerade in Tschechien so radikal und unerbittlich gegen die Kirche vorgingen? Josef Benesch holt tiefer aus. »Es gab hohe Sympathie für die Sowjetunion. Viele Künstler, Wissenschaftler, Ärzte, Schriftsteller waren Mitglied der Partei«, erzählt er. Viele – zu viele – haben geschwiegen. Und ein totalitäres Regime, das keinen Widerstand kennt, kann alles verwirklichen.«
Bis heute wird den Kirchen ihr Vermögen vorenthalten
Heute gehören 700 Christen und Sympathisanten zur Gemeinde. Jeden Sonntag füllt sich die Kirche. Mindestens 200 kommen dann zum Gottesdienst. »Die Gemeinde hat wieder ein sehr lebendiges Glaubensleben«, betont Josef Benesch, seit 2006 Pfarrer in der St.-Salvator-Gemeinde. »Es kommen viele junge Familien, Jugendliche und auch Senioren. Das ist ein gutes Zeichen.« Die St.-Salvator-Gemeinde gehört zur Gemeinschaft der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB). »Wir fühlen uns als kontinuierliche Nachfolger der hussitischen Bewegung und der böhmischen Brüder aus dem 14. Jahrhundert«, betont Josef Benesch.
Viele andere Prager Kirchengemeinden haben noch offene Forderungen aus der Zeit der Enteignungen. »Die katholische Kirche schlägt vor, dass der Staat 50 bis 60 Jahre für katholische und evangelische Priester das monatliche Gehalt bezahlt und dass dann die endgültige Trennung von Staat und Kirche erfolgt«, so Josef Benesch. »Doch bisher gibt es darüber keine Einigung.« Der Pfarrer hält das für eine Verzögerungstaktik der Regierenden. Er selbst erhält sein Gehalt nach wie vor vom Staat. »Das ist nicht sehr viel«, lacht er. »Pfarrer sein heute – das ist ein Martyrium. Die Finanzierung gelingt nur aus mehreren Quellen.«
Die Gemeinde hat auch mit Deutschland Verbindungen. Einige Gemeindeglieder wanderten im Zuge der Reformation nach Dresden aus. Dort wurden sie später heimisch in der evangelisch-lutherischen Johanneskirchengemeinde in Dresden-Johannstadt-Striesen. »Bis 1930 hatten die Zugewanderten sogar das Recht auf einen eigenen tschechischen Pfarrer«, so Josef Benesch. Heute sind beide Gemeinden – St.-Salvator- und Johanneskirche – Partnergemeinden.
Von Andreas Kirschke
Ein »würdevoller Tod« oder hässliche Tierquälerei?
23. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Als nationales Kulturgut verteidigt, als Tierquälerei verpönt entzweit er die Gemüter: Stierkampf in der Plaza de Toros, der Stierkampfarena. Foto: epd-bild
Spanien: Die Stierkampfsaison hat begonnen – und mit ihr lebt die Diskussion über das Ritual erneut auf.
Er hat eine jahrhundertelange Tradition – und er ist wie kaum ein anderes Ritual ein Dorn im Auge von Tierschützern: der Stierkampf im Süden Europas.
Es ist ein Bild wie aus dem Paradies. Sechs Stiere liegen im Schatten unter einer alten Steineiche. Das Gras auf den Weiden ringsum steht hoch, im Winter hat es viel geschneit, und aus der Sierra de Guardarama vor Madrid fließt viel Wasser herunter. »So gut wie diesen Kampfstieren geht es keinem Masttier«, sagt Manuel Sanz überzeugt. Er züchtet in Colmenar Viejo bei Madrid Kampfstiere und hat kein Verständnis für die Gegner des Stierkampfs, die in diesem Frühjahr erneut eine Debatte über das blutige Ritual in Gang gesetzt haben. In der Region Katalonien diskutiert das Parlament schon seit Langem über ein Verbot.
Der Tag hat für Manuel Sanz früh begonnen. Zwei Jungstiere sind mit den Hörnern aufeinander los, haben dabei eine Mauer durchbrochen, die die Weide begrenzt. Mit einem Geländewagen und laut hupend und rufend hat er sie schließlich wieder zu den anderen Tieren zurückgetrieben. »Zum Glück passiert das nicht ständig«, sagt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
»Im Schlachthof würden sie viel mehr leiden«
Auf der 400 Hektar großen Finca leben seine knapp 40 Stiere, nach Jahrgängen getrennt. Manuel Sanz füllt die Futterstellen auf, jeder Stier hat einen eigenen Trog. »Gerste, Mais, Hafer, Bohnen, Soja und ein Vitaminzusatz«, erklärt der Züchter. Währenddessen spricht er mit den Tieren, mal langsam und leise, dann ruft er wieder laut.
Fremden gegenüber sind die Tiere misstrauisch. »Die machen nichts«, versichert Sanz selbst, als die rund 400 Kilo schweren Tiere den Kopf senken und ihre Hörner zeigen. »Nur in der Arena greifen sie an, sie verteidigen sich ja, es geht um ihr Leben. Ein solcher Tod nach 20, 25 Minuten ist würdevoll«, ist der Züchter überzeugt. »Im Schlachthof hätten sie diese Möglichkeit nicht. Darum sage ich ja, dass sie dort mehr leiden.« Aber den Kritikern könne man das nicht erklären.
Manuel Sanz meint die Stierkampfgegner, die immer heftiger gegen die »fiesta nacional« protestieren. Im nordostspanischen Katalonien streiten die Parlamentarier seit Monaten über ein Verbot, bald soll die Entscheidung fallen. Die Anhörung im Parlament war der Spiegel eines sich schon seit Jahren wiederholenden Rituals, bei dem die Argumente längst ausgetauscht sind. Ein echter Dialog scheint kaum möglich: Für die einen ist Stierkampf eine Tierquälerei, für die anderen Hochkultur und ein Zeichen spanischer Identität. Die Frage, ob das ritualisierte Töten in der Arena ethisch zu rechtfertigen ist, hat die Fronten längst verhärtet.
Gegner sprechen von »Schule der Brutalität«
»So eine Schule der Brutalität darf niemals zum Kulturgut erklärt werden«, verlangten jüngst Teilnehmer einer Demonstration in der Madrider Innenstadt. Sie kritisierten die Pläne einiger spanischer Regionalregierungen, den Stierkampf als Kulturgut zu schützen und forderten, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier grundsätzlich zu überprüfen.
Dabei gäbe es durchaus Ansatzpunkte für einen Dialog. Kaum etwas verachten etwa die Anhänger des Stierkampfs mehr, als ängstliche Toreros, deren zaghaftes Verhalten das Leiden des Stiers unnötig verlängert. So steht der Torero beim Töten des Tiers unmittelbar vor ihm, um ihm den Degen durch die Schulterblätter bis ins Herz zu stechen, während der Stier auf ihn zuläuft. Dreht sich der Torero zu früh weg, trifft er die fragliche Stelle nicht. »Das ist Tierquälerei«, schrieb darum auch einmal »El País« in einer Stierkampfkritik über einen Kampf, bei dem der Torero immer wieder vergeblich zum Töten ansetzte.
Aber auch Manuel Sanz ist von der Haltung der Tier- und Umweltschützer nicht so weit entfernt, wenn er über Landschaftsschutz und ausufernde Bebauungspläne spricht. Früher hätten die Züchter von Colmenar Viejo die Stiere aus der Madrider Sierra bis nach Madrid zu Fuß getrieben, erzählt er. Dafür benutzten sie die »Cañadas Reales«, königliche Viehwege, die König Alfons der Weise schon im 13. Jahrhundert unter Schutz gestellt hatte. Doch inzwischen werden diese traditionellen Wege immer mehr verbaut, verlaufen durch geschlossene Ortschaften. »Mit Kampfstieren kann man da nicht mehr durch«, sagt der Züchter.
Der Widerspruch zwischen der Fürsorge für die Tiere und dem Kampf in der Arena löst sich für Außenstehende schwer auf. Vier Jahre zieht Manuel Sanz die Kampfstiere auf, sorgt sich darum, dass es ihnen gut geht, spricht mit ihnen. Aber wenn in der Arena ihr Blut fließt, sieht er keinen Grund für Mitleid. »Wenn sie in den Schlachthof kämen, das würde mich sehr schmerzen«, sagt er, und erklärt: »Diese Tiere sind nicht dafür da, im Schlachthof zu sterben. Sie sind dafür gemacht, in der Arena zu sterben.« (epd)
Hans-Günter Kellner
»Apokalyptische Zerstörung« von Gotteshäusern
16. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Zerstörte Fresken, abgefräste Engelsköpfe: Ioannis Eliades, Direktor des Byzantinischen Museums von Nikosia, betrachtet fassungslos die Zerstörungen in der Muttergottes-Kirche von Trachóni im Nordteil Zyperns. Foto: Giorgio Tzimurtas
Die orthodoxe Kirche von Zypern ist in großer Sorge über die Auslöschung ihres christlichen Kulturerbes im Norden der geteilten Insel.
Von Giorgio Tzimurtas
Tiefe Risse schlängeln sich durch das Mauerwerk der Muttergottes-Kirche. Marode Balken stützen nur noch mühevoll das Dach des Arkadengangs. Auf dem Hof des Gotteshauses liegen zerschlagene Marmorkreuze mit den Namen von Toten. Der beißende Geruch von Vogeldreck durchzieht das Innere. Vom Templon, der hölzernen Wand zwischen Gemeinderaum und Allerheiligstem, ist nur noch ein Gerüst übrig.
Der Zustand der Muttergottes-Kirche in Trachóni ist kein Einzelfall im türkisch besetzten Norden Zyperns. Rund 550 christliche Gotteshäuser sind nach Zählungen der orthodoxen Kirche hier seit der Invasion türkischer Truppen im Jahr 1974 zerstört, zweckentfremdet und systematisch geplündert worden.
Kirchen wurden Viehställe, Diskotheken oder Ruinen
»Alles, was irgendwie zu verwerten war, wurde entwendet. Holz, Kabel, Kerzenhalter«, sagt Ioannis Eliades während er die Muttergottes-Kirche durchschreitet. Der Direktor des Byzantinischen Museums von Nikosia lehnt sich an das Rudiment des Templon und blickt entsetzt auf einen Engelskopf, dessen Gesicht abgefräst wurde. Der 42-jährige Eliades gehört zu jenen 160000 griechischen Zypren, die von Ankaras Armee in den Süden vertrieben wurden. Auf dem eroberten Gebiet wurde 1983 die »Türkische Republik Nordzypern« ausgerufen. Sie ist international nicht anerkannt.
Das Territorium wurde zum Ort eines beispiellosen Vandalismus gegen das christliche Erbe der Insel: Kirchen sind hier Viehställe, Leichenkammern, Lagerhallen, Diskotheken, Teil militärischer Anlagen oder Ruinen. Kunstdiebe brachten sakrale Schätze von weltweit herausragender Bedeutung auf internationale Auktions- oder auf Schwarzmärkte.
Eliades ist mit seinem aus Griechenland stammenden Kollegen Professor. Dr. Charalambos Chotzakoglou der Leiter eines kleinen Teams unter der Ägide des orthodoxen Kykko-Klosters im Süden, das die Zerstörung dokumentiert. Das Ziel: Im Falle einer Wiedervereinigung soll die Restaurierung der Kirchen beginnen.
Die Datenbank der Wissenschaftler, die auch alle verfügbaren Aufnahmen aus den Jahren vor 1974 enthält, dient zugleich der Beweisführung: Wenn aus dem besetzten Nordteil gestohlene Kunstschätze irgendwo auf der Welt auftauchen, soll anhand der Fotos die Herkunft der Preziosen zweifelsfrei belegt werden. Die Aufnahmen zeigen, wie Heiligengesichter von Schmugglern aus den Wanddarstellungen herausgeschlagen wurden, wie einst prachtvoll ausgemalte Innenräume der Fresken völlig entkleidet und mit Graffiti verunstaltet sind.
15000 Ikonen, erklärt Eliades, seien aus den Kirchen im türkisch okkupierten Norden gestohlen, etliche Mosaike und Fresken von kunsthistorischem Weltrang von den Wänden der Gotteshäuser entfernt worden. Fahnder des Bayerischen Landeskriminalamtes (BLKA) entdeckten im Oktober 1997 und im Februar 1998 bei Razzien in drei Münchener Wohnungen eines türkischen Staatsbürgers sakrale Kunst aus dem besetzten Teil Zyperns. Darunter ein Mosaik-Fragment, das den Apostel Thomas zeigt. Der Schätzwert: acht Millionen Euro.
Kunstschätze lagern bei der bayerischen Polizei
Es stammt aus der Muttergottes-Kirche Kanakaria im Dorf Lykranthome. Die beschlagnahmten Kunstschätze lagern seither in der Asservatenkammer des BLKA. Spektakulär war auch ein langjähriger Prozess in den USA gegen die Kunsthändlerin Peg Goldberg, durch den es der Republik Zypern und der orthodoxen Kirche der Insel 1989 gelang, kostbare Fragmente aus der Kanakaria-Kirche wiederzuerlangen.
Als »Symbol der systematischen Plünderung und barbarischen Zerstörung des christlichen Kulturerbes« im Norden, bezeichnet Chotzakoglou das byzantinische Antiphonitis-Kloster im Dorf Kalograia. Dort »sind die Fresken der Kirche aus dem 12. und 15. Jahrhundert in kleine Teile geschnitten worden, um sie einfacher an Privatsammler zu verkaufen«.
Die Fotografien der Forscher veranschaulichen: »Die Zerstörung ist nahezu total und sie betrifft nicht
nur die orthodoxen Kirchen und Klöster, sondern auch jene der Maroniten, Armenier, Latiner und Pro-
testanten sowie einen jüdischen Friedhof«, lautet das Fazit von Chotzakoglou. Was er und sein Team sahen, bezeichnet der Archäologe als »apokalyptisch«.
Papst Benedikt XVI. wurde während seines Zypernbesuchs Anfang Juni vom orthodoxen Erzbischof der Insel, Chryssostomos II., über das Ausmaß der Zerstörung von Gotteshäusern im Norden der Insel informiert. Eliades führte den Pontifex durch eine Sonderausstellung des Byzantinischen Museums, zeigte ihm auch zurückerlangte Kunstwerke, die in Deutschland entdeckt wurden. Ebenso berichtete Eliades dem Oberhaupt der katholischen Kirche über die noch in München lagernden Kunstschätze. Der Papst bat ihn um ein »Memo« zum Thema.
Bislang verhinderte eine komplizierte Rechtslage die Rückführung der sichergestellten Kostbarkeiten von München nach Zypern. Benedikt XVI. will den Erzbischof von München-Freising, Reinhard Marx, bitten, sich in der Angelegenheit kundig zu machen. Für Eliades ist dies eine hoffnungsvolle Entwicklung.
Gebete, Kettenfett und Motorenklang
9. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Stilles Gedenken an den Gräbern des Ersten Weltkrieges und PS-Schau in der Sankt Petersburger Innenstadt – beides gehörte zum ersten christlichen Bikertreffen Russlands. Fotos: privat
Russlands erstes christliches Bikertreffen – deutsche und russische Zweiradfans besuchen Kriegsgräber
Die Ängste waren groß: Mehrere Hundert Motorradfahrer, in Russland nicht gerade als besonders zurückhaltende Verkehrsteilnehmer bekannt. Dann auch noch eine Invasion von Bikern aus Deutschland in die Newastadt. Und das ausgerechnet unmittelbar vor den Feierlichkeiten zum Jahrestag des faschistischen Überfalls auf die ehemalige Sowjetunion. Kein Wunder, dass die Behörden von Sankt Petersburg kritisch auf die Idee von Pfarrer Matthias Zierold von der lutherischen Petrikirche und Vater Wjatscheslaw von der orthodoxen Kirche reagierten. Eine Sternfahrt russischer und deutscher Motorradfahrer nach Sankt Peterburg mit einem großen gemeinsamen Gottesdienst hatten die beiden zweiradbegeisterten Geistlichen im Sinn.
Am Ende aber staunten die Sankt Petersburger nicht schlecht: Rund 100 russische und ebenso viele deutsche Liebhaber der »heißen Öfen« waren am 20. Juni mit ihren Maschinen angereist und trafen sich friedlich in
der Stadt. Schwierigkeiten gab es dennoch: mit einem gemeinsamen Gottesdienst nach Vorbild des berühmten Motorradfahrergottesdienstes (MoGo) in Hamburg – übrigens der Partnerstadt von Sankt Petersburg.
»Njet«, sagten die Verantwortlichen der russisch-orthodoxen Kirche, gemeinsame Gottesdienste mit Lutheranern sind nicht zugelassen. Doch Oberpriester Wjatscheslaw Charinow, der eine Gemeinde in Sankt Peterburg leitet, fand mit dem aus Thüringen in die Newastadt gekommenen Pfarrer Zierold eine andere Lösung: Einen Motorradkorso durch die Hauptstraßen und eine anschließende Fahrt der Versöhnung zu den Gräberstätten des vergangenen Weltkriegs.
Und so steuerte die röhrende Armada zuerst in Richtung Ladogasee, zum einstigen russischen Brückenkopf Newskaja Dubroka. Bei der Verteidigung dieser für die belagerte Stadt überlebensnotwendigen Stellung gaben mehrere Hunderttausend Sowjetsoldaten ihr Leben. Hier zelebrierte Vater Wjatscheslaw eine orthodoxe Andacht. Anschließend ging es gemeinsam zum deutschen Soldatenfriedhof in Sologubowka. Hier ruhen unter der Obhut des Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge etwa 100000 deutsche Soldaten.
Besondere Überraschung: Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen, die sich schon in ihrer Heimatstadt regelmäßig am MoGo beteiligt, spendete hier gemeinsam mit Matthias Zierold im Anschluss an eine gemeinsame Kranzniederlegung den Segen für die Biker.
Für Zierold ist klar, dass dieses erste nicht das letzte christliche Bikertreffen in Russland gewesen ist. Markiere die unkonventionelle Aktion, bei allen Schwierigkeiten im Vorfeld, doch zugleich einen Durchbruch im Miteinander von Protestanten und Orthodoxen im Land.
Harald Krille
Niederlande: »Lockjuden« gegen Antisemitismus?
1. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Allerdings meldet kaum ein Opfer diese Vorfälle bei der Polizei, aus Angst oder Resignation, dass diese doch nichts tun kann. Die Folge ist aber, dass es kaum konkrete Zahlen über den Umfang von Antisemitismus gibt und vor allem, dass die Täter nie gefasst werden. Die Polizei hat noch nicht einmal eine Handhabe, um sie aufzuspüren. Hier soll nun der »Lockjude« helfen. Polizisten sollen sich als Juden verkleiden und in die Viertel von Amsterdam begeben, in denen Juden sich am unsichersten fühlen. Sobald der »Lockjude« beschimpft wird, gäbe es einen konkreten Anlass, um Täter strafrechtlich zu verfolgen. Die Stadt Amsterdam prüft diesen Vorschlag nun.
Die Initiative kommt aus unverdächtiger Ecke, und das ist in den Niederlanden nicht unwichtig, vor allem nachdem der Rechtspopulist Geert Wilders mit seiner Anti-Islampartei für die Freiheit im Juni einen großen Wahlsieg eingefahren hat.
Der sozialdemokratische Abgeordnete Ahmed Marcouch hatte die Idee. Marcouch stammt selbst aus Marokko und war lange Bürgermeister in einem wegen straffälliger und randalierender Marokkaner berüchtigten Stadtteil von Amsterdam. Dort hat er sich einen Namen gemacht, mit unkonventionellen Methoden Tabus zu brechen. Nun will er den latenten Antisemitismus in muslimischen Gemeinschaften angehen.
Die Stadt Amsterdam nimmt dies ernst, und auch das ist gut. Denn hier leben die meisten der rund 40000 niederländischen Juden, und sie sollen sich absolut sicher fühlen. Das Mittel eines polizeilichen Köders ist
in den Niederlanden nicht neu. Es gab etwa den »Lockhomo«, dem es gelang einen berüchtigten Kriminellen zu fassen, der Homosexuelle körperlich misshandelte. In Gouda wurde eine »Lockoma« eingesetzt, um einer Bande von Taschendieben auf die Spur zu kommen, die es auf alte Frauen abgesehen hatte. In beiden Fällen war der Lockvogel erfolgreich.
Dennoch – im Falle des Antisemitismus ist dieses Mittel bedenklich. Bei den antisemitischen Vorfällen geht es nicht um einen Serientäter, sondern um eine anti-jüdische Stimmung in bestimmten Stadtteilen. Ein als Jude verkleideter Polizist aber könnte gezielt jemanden zu Straftaten verleiten. Und das ist verboten. Außerdem ist die Ursache der antisemitischen Vorfälle häufig kein tief sitzender Judenhass. Anlass ist meist die israelische Politik im Nahen Osten. Die Zunahme der verbalen Gewalt ist auch eine direkte Reaktion auf den Angriff Israels auf den Hilfskonvoi für Gaza. Juden werden dafür stellvertretend verantwortlich gemacht.
Es ist sehr die Frage, ob das Strafrecht das geeignete Mittel ist, diesen Automatismus zu durchbrechen. Aufklärung, politische Bildung, Geschichtsunterricht in Schulen und Moscheen ist sicher der weitaus längere und schwierigere Weg, aber am Ende wirkungsvoller. Denn wenn man einen »Lockjuden« einsetzen muss, ist es meistens schon zu spät.
Annette Birschel
Eine Ahnung von jüdischem Leben vor dem Holocaust
24. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Spontanes Konzert auf der Straße: Beim Jüdischen Festival in Krakau erklingt Musik nicht nur von offiziellen Bühnen. Foto: Uwe von Seltmann
Judentum: In Krakau findet vom 25. Juni bis 4. Juli zum 20. Mal das Jüdische Kulturfestival statt
Was 1988 als ein Untergrund-Treffen begonnen hat, ist mittlerweile zu einem der größten und bedeutendsten jüdischen Festivals der Erde geworden.
Von Uwe von Seltmann
Erwartet werden vom 25. Juni bis
4. Juli wieder Zehntausende Besucher, die bis aus Israel, Australien oder den USA nach Krakau reisen, um die über 200 Konzerte, Workshops, Führungen, Vorträge und Ausstellungen zu besuchen. So wie Joe aus New York, der abends in einem Café von der »unglaublichen Atmosphäre« in Kazimierz schwärmt. Er komme jedes Jahr zum Festival, erzählt der 40-jährige Wissenschaftler, der auf dem Kopf eine Kippa trägt, die Kopfbedeckung der gläubigen Juden. Das Krakauer Festival sei »einzigartig«, nirgendwo anders könne man »so viele spannende Leute«, Juden wie Nichtjuden, an einem »solch fantastischen Ort« treffen.
Wie das Zusammenfügen
einer gerissenen Kette
Die vielfältigen persönlichen Begegnungen und der »magische Ort« seien es wohl auch, die das Krakauer zu »mehr als einem Klezmer-Festival« machten und es von den anderen unterscheide, sagt Janusz Makuch, Gründer und Direktor des Festivals. Im Stadtteil Kazimierz, einem der Zentren des polnischen Judentums, hatten die Nationalsozialisten das jüdische Leben komplett ausgelöscht, die meisten der über 60000 Krakauer Juden ermordet. In dem Viertel, das zu kommunistischen Zeiten völlig verfallen war, geschehe etwas »Mystisches«, sagt der 50-Jährige. Die Energie der Menschen, die hier einst gelebt hätten, sei bis heute zu spüren. Und vor allem während des Festivals, wenn Juden aus aller Welt nach Kazimierz kommen, werde eine »gerissene Kette wieder zusammengefügt«. Er sei sich sicher, dass die ermordeten Juden aus Kazimierz »eine Art Erlaubnis« erteilt hätten »für das, was wir hier machen«.
Makuch selbst wuchs ohne Kenntnisse über das Judentum auf, denn im kommunistischen Polen sollte nichts an das jüdische Erbe erinnern. »Bis zum Alter von 13 oder 14 Jahren wusste ich absolut nichts über die jüdische Kultur«, sagt er. Aber dann erfuhr er, dass vor dem Zweiten Weltkrieg die Hälfte der Bewohner seiner Heimatstadt Pulawy Juden waren. Insgesamt lebten in Polen vor dem Krieg über drei Millionen Juden, etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Heute sind es rund 30000. Die acht Jüdischen Gemeinden in Polen zählen rund 4000 Mitglieder, in Krakau sind es keine 200.
Musiker und Künstler
kommen aus aller Welt
Als Makuch zum Studium nach Krakau kam, intensivierte er seine Forschungen über die vernichtete Kultur, traf wenige Gleichgesinnte und organisierte 1988 mit einem Freund in einem Theater das erste Festival. 1990 berichtete erstmals die New York Times über das Fest und schrieb: »Deutsche und Polen reden über Juden.« Ein Artikel mit Folgen, denn eine breite Öffentlichkeit wurde aufmerksam – und Makuch wusste, dass er »etwas ändern« musste: »Ein jüdisches Festival muss von Juden gestaltet werden«, sagte er sich. Makuch reiste unermüdlich umher und konnte mehr und mehr renommierte jüdische Künstler nach Kazimierz locken. Sie kommen inzwischen – wie ihr Publikum – aus aller Welt, leiten Workshops über hebräische Kalligrafie oder chassidischen Tanz, zeigen ihre Filme oder Gemälde. Höhepunkt ist das achtstündige Open-Air-Konzert auf dem Szerokaplatz, das live im polnischen Fernsehen übertragen wird und 15000 Besucher zum Tanzen, Feiern und Mitsingen bringt. Unter ihnen wird auch wieder Katarzyna Weintraub sein. »Das Festival«, sagt die Journalistin, »vermittelt eine Ahnung, wie das Leben mit den Juden früher war, und wie es sein könnte, wenn es den Holocaust nicht gegeben hätte.«
Seit Anfang an dabei ist Leopold Kozlowski-Kleinman, der als lebende Legende der Klezmermusik gilt. Er hatte den Holocaust überlebt und war nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Kazimierz gekommen. »Es herrschte eine unglaubliche Dunkelheit, alles war öde und leer«, erinnert sich der über der 90-Jährige. So nahm er damals sein Akkordeon und spielte zwischen den leeren Häusern das jüdische Volkslied »Meine jiddische Mame«. »Ich wollte die Steine zum Leben erwecken.« 65 Jahre später wird er die »Jiddische Mame« wieder spielen: zum Abschlusskonzert am 4. Juli in der prächtigen Tempel-Synagoge.
www.jewishfestival.pl
»Gott ist Mensch geworden unter den Armen«
18. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Porträt: Die ökumenische Stiftung »Cristo Vive« engagiert sich in Chile für Gesundheit und Bildung
Die Nonne Karoline Mayer aus Deutschland unterstützt seit Jahren die Bewohner eines Elendsviertels in Santiago de Chile beim Kampf um Arbeit, Brot und Menschenwürde.

Schwester Karoline Mayer erhielt schon viele Auszeichnungen – darunter 2001 ehrenhalber die chilenische Staatsbürgerschaft. Foto: Christo vive
Schwester Karoline gründete sie 1990, kurz nach dem Ende der Militärdiktatur. Zu der Stiftung gehören Kindertagesstätten und Berufsbildungszentren, Polikliniken, ein Tageszentrum für Drogenkranke und – eine Seltenheit in Chile – eine Werkstatt für Behinderte. Über sich und ihre Mitarbeiter sagt Schwester Karoline: »Wir kommen nicht, um in Recoleta zu herrschen, um irgendetwas für uns aufzubauen, sondern um mit den Menschen Dinge zu tun, bei denen sie ihr Leben in die Hand nehmen und auf ihre eigenen Füße kommen.«
Elendshütten am Rande der modernen Großstadt
Schwester Karoline ist eine zierliche Frau mit weißen Haaren und lebhaften blauen Augen. Wenn sie ihre kräftige Stimme erhebt, ahnt man, welche Energie in ihr steckt. Die braucht sie, um immer aufs Neue in Recoleta zu bestehen. Vor der majestätischen Kulisse der Anden, die sich unweit der chilenischen Hauptstadt erheben, haben die Menschen mit einfachen Mitteln Hütten und Häuschen gebaut. Es gab Zeiten, da weigerten sich die Taxifahrer von Santiago, jemanden nach Recoleta zu fahren. Gewalt herrschte, Drogensüchtige begingen Überfälle, um die nächste Dosis zu bezahlen.
Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt – auch dank der Stiftung »Cristo Vive«. Doch noch immer leben bis zu 20 Personen in mancher Hütte, die kaum größer ist als 50 Quadratmeter. Jetzt kämpfen die Menschen in Recoleta mit den Folgen des Erdbebens. Ende Februar hatte es viele Häuser zerstört und die Stromleitungen beschädigt.
Menschen misstrauten der Institution Kirche
In Recoleta arbeitet in einer Großfamilie oft nur eine einzige Person: die Mama. Ihre Jüngsten kann sie in den Kindergarten »Naciente« bringen, der zur Stiftung »Cristo Vive« gehört. In dem gelb, rot und blau angestrichenen Gebäude spielen Zwei- bis Fünfjährige. »Naciente« bedeutet Geburt. »Wir nehmen die Ärmsten der Armen auf«, sagt die Chilenin Aurelia Arredondo, die den Kindergarten leitet.
Anfangs begegneten die Menschen in Recoleta der Nonne aus Deutschland und ihren Helfern mit Misstrauen. »Die Kirche war für sie damals eine mächtige Institution, die sie beherrschte und mit der sie nicht viel zu tun haben wollten«, erinnert sich Schwester Karoline an die frühen Siebziger. Auch ihr Orden, die Steyler Missionsschwestern, betrachtete ihren Einsatz im Elendsviertel mit Skepsis. Die Steyler Missionsschwestern sahen ihre Aufgabe in jener Zeit vor allem darin, die Oberschicht Chiles zu missionieren.
Karoline jedoch bat ihren Orden sogar um Erlaubnis, in eine kleine Holzhütte mitten in Recoleta zu ziehen. Die Holzpritsche, auf der sie nachts schlief, wurde tagsüber zum Behandlungstisch, auf dem die gelernte Krankenschwester ihre Patienten behandelte. Nach vielen Diskussionen verließ Schwester Karoline schließlich den Orden. Bei den Bewohnern von Recoleta erkämpfte sie sich Respekt, erst recht, als sie nach dem Militärputsch von 1973 im Land blieb, um den Armen (und manchem Regimegegner) aktiv beizustehen. »Es war der ganze Sinn meines Lebens, unter den Menschen dort zu sein«, sagt sie. »Ich wollte ihnen nahebringen, was unser Glaube ist, dass nämlich Gott Mensch geworden ist unter den Armen.«
Schwester Karoline lebt heute in der Arbeitersiedlung Quinta Bella, die zu Recoleta gehört. Ihr wichtigstes Projekt – neben der Beseitigung der Erdbebenschäden – ist die Berufsausbildung, die ihre Stiftung anbietet. Sie setzt sich dafür ein, dass das chilenische Erziehungsministerium Berufsabschlüsse grundsätzlich zertifiziert und Geld für die Ausbildung zahlt. »Beruf ist in Chile nur etwas für Akademiker«, sagt sie. Eine Lehre – wie in Deutschland – gebe es nicht. »Handwerkliche, körperliche Arbeit wird als etwas Minderwertiges angesehen.«
Berufsausbildung ist das wichtigste Anliegen
Unter dem Dach von »Cristo Vive« wurden seit 1992 mehr als 11000 junge Menschen ausgebildet – im Handwerk, zu Krankenpflegern, Servicekräften in der Gastronomie. Das staatliche Bildungssystem, das während der Diktatur zusammengekürzt wurde, hatte ihnen kaum eine Chance gewährt. Viele brachen die Schule ab, lebten auf der Straße. Das Berufsbildungszentrum nahm sie trotzdem auf. Seine Abschlüsse werden von den Arbeitgebern geschätzt. »Gut ausgebildete Handwerker werden in Chile gesucht«, sagt Schwester Karoline. »Der Verdienst ist enorm gestiegen. Manche bekommen sogar mehr als Akademiker.«
Von Josefine Janert
»Glaubt an euch – zweifelt nicht«
10. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Idol mit der Nummer 10: Jay Jay Okocha im Zweikampf mit dem Kameruner Nationalspieler Njitap Geremi (l.) bei der 22. Afrika-Meisterschaft im Jahr 2000
Nigerias berühmtester Nationalspieler betreibt in der Hauptstadt seines Heimatlandes eine Bar – und kümmert sich zumindest medial um die Nationalmannschaft.
Bescheidenheit gehört nicht zu den Eigenschaften, die man Nigerianern nachsagt. Dave Arohson, der an der Bar von »No. 10« in Lagos arbeitet, ist keine Ausnahme. »No. 10 ist ein einzigartiger Platz, vor allem, wenn man Klasse schätzt und globalen Standard.« Arohson kann stundenlang von dem Lokal schwärmen, seinen Kellnern und den angeblich schusssicheren Fenstern. Doch der wahre Grund, warum im »No. 10« so viele Menschen andächtig Cocktails schlürfen, ist ein ganz anderer: der Besitzer, die Fußball-Legende Jay Jay Okocha.
Er ist der berühmteste Nationalspieler, den Nigeria je hatte. Der 1973 geborene Okocha, dessen eigentliche Vorname Augustine Azuka lauten, führte die »Super-Adler« zu ihren größten Erfolgen: 1994 gewann sein Team den Afrika-Cup, 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta Gold. Dreimal, 1994, 1998 und 2002 nahm Okocha, der seine Karriere mit 17 beim saarländischen Drittligisten Neunkirchen begann, an einer WM-Endrunde teil. Seine Trikot-Nummer war immer die gleiche: 10. Nach ihr hat Jay Jay Okocha sein Restaurant benannt.
Auf der Karte stehen Shrimps, Foie Gras und Champagner. Auch Okocha übt sich nicht in Bescheidenheit. Ihm nimmt das keiner übel. Im Februar etwa, Nigeria hatte den blamablen Auftritt des Nationalteams beim Afrika-Cup in Angola noch nicht überwunden, forderte Okocha: »Wir brauchen einen ausländischen Coach, einen Trainer von der Qualität, wie ihn die Spieler aus ihren Clubs kennen.« Zunehmend unter Druck, trennte sich die Verbandsspitze vom bisherigen Trainer Shaibu Amodu und brachte kurz darauf praktisch alle Trainerberühmtheiten als Nachfolger ins Spiel.
Ein Schwede machte das Rennen: Lars Lagerbäck. Der hatte zwar bisher wenig Chancen mit seinen Spielern – fast alle in Europa unter Vertrag – zu trainieren, wurde aber von Nigerias neuem Präsidenten Goodluck Jonathan mit den Worten nach Südafrika geschickt: »Bringen Sie die goldene Trophäe mit nach Hause.«
Selbst Nigerianer halten das für unbescheiden. »Wir können froh sein, wenn wir es eine Runde weiter schaffen«, glaubt ein Taxifahrer in Abuja, der sich als Jameson vorstellt. Andere sind optimistischer. »Quatsch, wir werden natürlich Weltmeister, so wie einst fast mit Jay Jay«, prahlt sein Kollege Richard.
Zumindest hat Nigerias Elf in Südafrika inzwischen ein Dach über dem Kopf: Das war zwischenzeitlich alles andere als sicher. Vom »Hampshire-Gate« sprechen die Nigerianer, benannt nach dem Hampshire-Motel, das gleich an einer Autobahn am Stadtrand von Durban liegt und Zimmer hat, die dreckig und vorwiegend von Moskitos und Flöhen bewohnt sein sollen. Hier quartierte Nigerias Fußballverband die Nationalelf ein. Trainieren sollten die Spieler auf einer Tartanbahn der nahen Grundschule.
Als eine nigerianische Tageszeitung Bilder des Skandalmotels veröffentlichte, flog der Sportminister persönlich nach Durban und stornierte die Buchung – trotz gut 100000 Euro Vertragsstrafe. Hintergrund der Hotelwahl war vermutlich die Praxis der FIFA, 400 US-Dollar pro Nacht und Spieler an den nationalen Fußballverband zu überweisen. Weil das heruntergekommene »Hotel Hampshire« nicht einmal halb so viel kostete, konnten Verbandsmanager offenbar ein hübsches Sümmchen abzweigen. Bewiesen ist dies indes nicht.
Auch Jay Jay Okocha ist inzwischen in Südafrika eingetroffen. Mit dem Team sprechen darf er aber nicht, bedauert Okocha. »Ich hätte gerne unser Team beraten, aber der Nationale Fußballverband glaubt, dass ich dafür nicht qualifiziert genug bin«, erklärte Okocha vor seiner Abreise lakonisch. Als Rat gab er seinem Team über die Medien dennoch mit: »Glaubt an euch und zweifelt nicht.«
Von Marc Engelhardt (epd)
»Wir haben alles verloren«
4. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Polen: Das Wasser geht, die Schäden bleiben – Caritas und Diakonie appellieren an internationale Hilfe

Ohnmächtig mussten Tausende Polen zusehen, wie ihre bescheidene Habe im steigenden Wasser verschwand – wie diese Bewohner eines Holzhauses in Plock in Zentralpolen. Foto: picture alliance
Erst langsam wird in Polen das ganze Ausmaß der Schäden durch die Flut sichtbar. Doch fest steht: Tausende haben ihre Existenz verloren. Solidarität ist gefordert.
Eine weißhaarige Frau kniet auf einem Weg und betet inbrünstig. Links und rechts wächst saftiges und hohes Gras, die Sonne scheint. Doch die Idylle trügt: Nur wenige Meter von der Frau entfernt hat das Unheil seinen Lauf genommen: Ein Damm der Weichsel ist gebrochen und das schmutzigbraune Wasser des sonst so trägen Flusses strömt ungehindert über die Wiesen und Felder bis ins nächste Dorf. »Gott, nur du hast die Kraft, die schreckliche Flut zu stoppen«, wird die Frau im Fernsehsender TVN zitiert. Das immer wieder gezeigte Bild von der knienden und betenden Frau ist zum Symbol für die Hochwasserkatastrophe in Polen geworden, zum Sinnbild für die Ohnmacht des Menschen gegenüber den Naturgewalten.
Viele verloren das Vieh und technisches Gerät
»Wir haben alles verloren«, ist immer wieder zu hören und zu lesen. Der Kampf von Zehntausenden Feuerwehrleuten, Soldaten und auch mehreren Hundert Häftlingen gegen die Wassermassen war an vielen Orten vergebens. Das eigentliche Ausmaß der Flut entlang der Flüsse Weichsel, Oder und Warthe wird erst allmählich sichtbar: Seit Mitte Mai hat sie 21 Menschen das Leben gekostet und Tausende ihrer Existenz beraubt. Experten schätzen den materiellen Schaden auf rund zehn Milliarden Złoty, rund 2,5 Milliarden Euro.
Unter den Betroffenen seien zahlreiche arme und kinderreiche Familien sowie alleinstehende Menschen, berichtet die polnische Diakonie. Neben ihrer persönlichen Habe hätten viele auch ihr Vieh und das landwirtschaftliche Gerät verloren. Dies bedrohe die Lebensgrundlage der Betroffenen. Erschwerend kommt hinzu, dass etliche Gebiete von Hochwasser betroffen sind, die jahrzehntelang von Überschwemmungen verschont geblieben waren. »Die Menschen hier sind mit der Situation vollkommen überfordert. Die meisten von ihnen wollen trotz der Bedrohung ihre Häuser nicht verlassen und warten zu lange ab«, schildert Katarzyna Sekula von der Caritas Polen ihre Erfahrungen.
Caritas und Diakonie haben an die polnische Regierung appelliert, den Opfern schnell und unbürokratisch zu helfen, und einen internationalen Aufruf zur Hilfe gesandt. Dieser Aufruf ist nicht auf taube Ohren gestoßen, denn die Katastrophenhilfe der Diakonie in Deutschland, die schon bei den dramatischen Hochwassern 1997 und 2001 eng mit der polnischen Diakonie zusammenarbeitete, hat umgehend Unterstützung zugesagt. Auch die sächsische Landeskirche hat 10000 Euro Soforthilfe für die Flutopfer im Nachbarland bereitgestellt. Benötigt werden vor allem Trocknungsgeräte und Reinigungsmittel zur Säuberung der überfluteten Häuser, damit diese schnellstmöglich wieder bezogen werden können. Außerdem will die Diakonie Polen die Geschädigten mit Schaufeln, Gummistiefeln und Kleidung versorgen.
Freud und Leid liegen oft dicht beieinander
Des einen Freud war während der Katastrophe häufig des anderen Leid. So blieben beispielsweise die Stadtviertel Kazimierz und Podgorze in der alten Königsstadt Krakau von den Wassermassen verschont, weil kurz vorher ein Damm der Weichsel gebrochen war – überflutet wurden andere Viertel. In einem Dorf südlich von Krakau wurde die eine Hälfte eines Doppelhauses weggespült, während die andere unversehrt stehen blieb. »Das ist nicht zu fassen«, sagt ein junger Mann, »so viel Ungerechtigkeit.« Das Haus seiner Eltern sei überflutet worden, er musste seine Wohnung am Stadtrand von Krakau verlassen. Und nicht einmal einen Kilometer entfernt gehe das Leben seinen normalen Gang. Wer nicht selbst betroffen sei, könne gar nicht ermessen, was das bedeute, wenn plötzlich alles weggeschwemmt werde, was man sich aufgebaut habe. »Da verlierst du den Boden unter den Füßen«, sagt er.
Pfarrer Marian Niemiec aus dem schlesischen Oppeln hatte hingegen eine gute Nachricht zu verkünden: Im Gegensatz zur großen Flut 1997 war die evangelische Kirche diesmal verschont geblieben. Er dankte übers Internet allen, die beim vorsorglichen Evakuieren des Gebäudes geholfen hatten. Nun könne wieder alles eingeräumt werden. »Wir werden das mit großer Freude tun«, schließt er.
Von Uwe von Seltmann
Glaube und Sozialarbeit
28. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Sachsen auf Kuba: Christine Müller (r.) im Gespräch mit einer Bäuerin aus einem von »Brot für die Welt« geförderten Projekt zur Selbstversorgung. Foto: Britta Schmidt
Mit Kuba verbindet mancher nur Zigarren, Orangen oder den Cocktail Pina Colada. Eine sächsische Studienreise hat kürzlich erlebt, wie evangelische Kubaner dort aktiv sind.
Von Katharina Weyandt
Dr. Ofelia Ortega ist Pfarrerin der Presbyterianischen Kirche Kubas, einer der großen unter den 54 verschiedenen protestantischen Richtungen. Sie kennenzulernen, hat die achtköpfige Gruppe besonders beeindruckt. Sie lebt auf dem Gelände des theologischen Seminars in Matanzas im Nordwesten der Insel, das sie mehrere Jahre lang geleitet hat. Zuvor arbeitete sie zehn Jahre lang beim Ökumenischen Weltkirchenrat in Genf, dessen Präsidentin für die Karibik und Lateinamerika sie ist.
Im Seminar besuchen zurzeit fast 180 Frauen und 100 Männer theologische Kurse, von der Weiterbildung für Lehrer bis zum Studium für künftige Pfarrer und Pfarrerinnen. Auch Lutheraner, Episkopale, Adventisten und Pfingstkirchen gehören zu den 14 Trägerkirchen des Seminars; selbst Katholiken, welche die überwiegende Mehrheit der kubanischen Christen bilden, wirken mit. Finanziert wird es im Wesentlichen aus dem Ausland, etwa von der Berliner Mission. Hier wird nicht nur theoretisch studiert, sondern auch an praktischen Beispielen gearbeitet.
Ofelia hat auf dem Gelände des Seminars einen Ökolandbau ins Leben gerufen, der Obst und Gemüse für die Küche des Seminars, für soziale Einrichtungen und zum Verkauf an Arme produziert. Die Bewohner des angrenzenden Stadtviertels unterstützte sie dabei, ein Zentrum aufzubauen, wo sie sich treffen können, und einen Spielplatz anzulegen. »Mein ganzes Leben habe ich Glaube und Sozialarbeit zusammengebracht«, erzählt sie. Vor zwei Jahren wurde sie ins Parlament gewählt, in dem keine konkurrierenden Parteien, sondern auf Vorschlag von Organisationen Gewählte Sitze bekommen.
Wollen den kubanischen Sozialismus verbessern
Nachdem sie zwei Monate durch ihren 80 Kilometer entfernten Wahlbezirk gereist war, nur Fragen stellte und ihren kirchlichen Hintergrund betonte, bekam sie fast 97 Prozent der Stimmen. Beachtlich angesichts dessen, dass fast die Hälfte der Bevölkerung konfessionslos ist. Zudem hängen der Santeria an, einer Mischreligion aus den Kulten der afrikanischen Sklavenbevölkerung, welche die spanischen Kolonisatoren nach der Ausrottung der Indios ins Land holten, und christlichen Elementen.
Neben Ofelia ist Pfarrer Raul Suarez, der Gründer und Leiter des Martin-Luther-King-Zentrums in Havanna, der einzige Christ im Parlament. Das Zentrum, aus einer Baptistengemeinde entstanden, strahlt inzwischen in 56 Projekte aus, die mit Menschen in Elendsvierteln an den besseren Lebensbedingungen arbeiten. Ziel ist, den Sozialismus Kubas zu verändern.
Christine Müller, sächsische Beauftragte für Kirchlichen Entwicklungsdienst, und Leiterin der Reise, ist lange mit beiden befreundet. 1992 lernte sie Raul bei der ersten EKD-weiten Kuba-Tagung kennen, zwei Jahre später reiste sie als Jugendvertreterin das erste Mal nach Havanna. Seitdem hat sie die politischen Veränderungen verfolgt. 1961 hatte Fidel Castro mit seiner Revolutionsregierung die Kirchen enteignet. Erst 1992 nach einem Treffen von Castro und den Kirchen wurde in einer Verfassungsänderung Religionsfreiheit gewährt.
Erleichterungen seit dem Papstbesuch
Seit dem Papstbesuch 1998 gab es weitere Erleichterungen, zum Beispiel Weihnachten als offizieller Feiertag. Dazu eine weitere Geschichte von Ofelia: »Mein Traum war, Weihnachten in einem großen Raum mit allen in Matanzas öffentlich zu feiern. Die Stadtverwaltung lehnte ab. Ich überlegte, bei der nächsten Parlamentssitzung Fidel zu frage. Mein Mann riet ab. Aber dann saß ich zufällig beim Mittagessen neben ihm, und als er mich fragte, wie es mir gehe, antwortete ich: »Schlecht«. Auf seine Frage nach dem Grund erzählte ich, dass wir keinen Raum für eine Weihnachtsfeier bekämen. Ich war gerade wieder zu Hause, als die Stadtverwaltung anrief, dass doch ein Theater für das Fest zur Verfügung stünde.«
Kontakt: Arbeitsstelle Eine Welt in der
Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, Christine Müller, Paul-List-Straße 19, 04103 Leipzig
Telefon (0341) 9940-655, Telefax -690,
Website: www.arbeitsstelle-eine-welt.de
Eine Kirche im Staub
20. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Die Jugend soll aufstehen um die Welt zu verändern, lautet die Botschaft der Pfingstler in Guatemala. Fotos: Andreas Boueke
Reportage: Kein Wohlstandsevangelium – in Guatemala stehen die Missionare der Pfingstler den Ärmsten bei
Pfingstkirchen sind die weltweit am stärksten wachsende christliche Konfessionsgruppe. Meist gelten sie als fundamentalistisch und reaktionär. Doch das stimmt nur noch bedingt.
Die holprige Straße ohne Asphalt führt bis zu einer Ansammlung wackliger Bretterhütten, schäbiger Lehmhäuser und weniger Bauten aus unverputzten Steinen. Die Siedlung Las Huertas liegt in einer kargen Einöde im Osten des kleinen, mittelamerikanischen Landes Guatemala. Es gibt keine Abwasserkanäle, keine Straßenbeleuchtung, keine Gesundheitsstation und keine Rechtssicherheit.
Zweimal im Monat kommt die junge Frau Ester Raxón in diesen verstaubten Ort, um den Aufbau der Jugendarbeit der lokalen Pfingstgemeinde zu unterstützen. Sie sitzt auf einer Lehmstufe am Eingang der Kirche und beobachtet zwei Jungen, die im Staub des Vorplatzes mit selbst gebastelten Autos aus Draht spielen. Neben ihr grunzt ein Schwein, hinter ihr piepsen Küken. »Die Armut ist extrem«, klagt Ester Raxón. »Gerade die Kinder haben viele Probleme, auch mit sexuellen und psychischen Misshandlungen. Viele der Kleinsten sind deutlich unterernährt.«
Konservativ im Sinne von wertebewahrend
Der Vorgesetze von Ester Raxón, Samuel Regalado, ist in der Missionsverwaltung der Asambleas de Dios beschäftigt, der mit weltweit 60 Millionen Mitgliedern größten Kirche der Pfingstbewegung. International ist sie unter ihrem englischen Namen »Assemblies of Good« bekannt. Er sitzt in einem spartanisch ausgestatteten Büro der »Zone 3« von Guatemala-Stadt – keine besonders exklusive Adresse. An manchen Tagen trägt der Wind den Gestank der nahe gelegenen Müllhalde herüber.
Samuel Regalado bezeichnet sich selbst als konservativ, in dem Sinne, dass er christliche Werte bewahren will. Er sieht seine Aufgabe darin, der Jugend klare moralische und ethische Werte zu vermitteln. Politisches Engagement lehnt er für sich ab: »Unsere Lehre besagt, dass die Kirche unpolitisch sein soll. Aber wir motivieren die Leute dazu, ihr Wahlrecht auszuüben, auch wenn wir nie eine spezifische Partei unterstützen würden.« Dennoch vermittelt Regaldo eine Botschaft, die den gesellschaftlichen Status quo infrage stellt: »Wir müssen den Jugendlichen und den Kindern beibringen, dass sie aufwachen müssen, dass sie nicht dieselbe Mentalität ihrer Großeltern und ihrer Eltern haben sollen, die apathisch geblieben sind. Die Jugend soll aufstreben und eine Front bilden, um der Welt Veränderung zu bringen.«
Derzeit erlebt kein anderer religiöser Sektor ein schnelleres Wachstum als die charismatischen Pfingstler. Im Zuge des Anstiegs ihrer Mitgliederzahlen kommt es zu einer deutlichen inhaltlichen Ausdifferenzierung innerhalb der Pfingstbewegung. Noch vor wenigen Jahren galten Pfingstler per se als konservativ, untheologisch und anti-ökumenisch. Heute gibt es große Pfingstkirchen, die sich politisch eindeutig links positionieren; Bibelinstitute, die Schrifttexte neu interpretieren wollen, um ihre aktuelle Relevanz zu verdeutlichen; Pastoren, die sich in breiten Allianzen mit anderen Protestanten und selbst mit Katholiken zusammenschließen.
Die Kirche gibt Menschen Würde und Selbstvertrauen
José Muñoz, ein älterer Mann, sitzt auf einem Stuhl und lässt die Arme baumeln. Eben noch hat er einige Girlanden an die Decke der Kirche der Siedlung Las Huertas gehängt. Jetzt macht er eine Pause. Er war dabei, als die Gemeinde vor vier Jahren gegründet wurde: »Unsere Kirche macht diese Arbeit in Orten, in denen es kein Geld gibt. Wenn du versuchst, mit der Religion Geschäfte zu machen, verlieren die Leute das Vertrauen.«
Eigentlich sollte der Gottesdienst schon vor einer Stunde begonnen haben. Doch noch immer kommen mehr Leute und plaudern in den Gängen. Endlich nimmt ein junger Mann das Mikrofon in die Hand. Es beginnt der erste Akt des Gottesdienstes: der Lobgesang.
Pastor Carlos Morales stand eben noch am Eingang der Kirche und begrüßte die ankommenden Gemeindemitglieder mit einem herzlichen Händedruck und einigen persönlichen Worten. Dann aber hat er sich zurückgezogen, um vor seiner Predigt zur Ruhe zu kommen. Er sitzt auf einem alten Baumstumpf hinter den Wellblechplatten der Rückwand der Kirche. »Wir wollen erreichen, dass die Menschen in den Gemeinden ein Leben in Würde führen können, so wie es Jesus Christus gelehrt hat. Ein Leben mit Werten, moralischen Prinzipien, mit Gerechtigkeit, besonders für die junge Generation.«
Der Pastor ist überzeugt davon, dass seine Kirche in diesem gesellschaftlichen Prozess einen wichtigen Beitrag leisten kann, indem sie das Selbstvertrauen ihrer Gemeindemitglieder stärkt: »Für sie ist die Kirche ein Ort, der sie motiviert. Das ändert ihre Vision. Sie sagen: ›Wauw! All die Jahre über habe ich vereinzelt gelebt. Ich habe mich selbst als eine Person angesehen, die nicht wichtig ist, die nichts leisten kann. Aber hier finde ich einen Ort, an dem ich geschätzt werde.‹ Diese Erfahrung stimuliert und ändert das Bewusstsein der Leute.«
Aus den ehemals kleinen, vorwiegend jenseitsbezogenen Pfingstgemeinden ist eine pluralistische, in allen sozialen Schichten verankerte, theologisch ausdifferenzierte Bewegung geworden, die das Gesicht der globalen Christenheit deutlich verändert hat.
Andreas Boueke
Gerechtigkeit als Gewinn
13. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Ethische Geldanlage: Christen und Kirchen aus Mitteldeutschland investieren in Kredite für die Ärmsten
Durchschnittlich zwei Prozent Dividende bietet Oikocredit. Immer mehr Anlegern reicht das angesichts des ethischen Mehrwertes.

Mehr als ein Fisch für den Eigenbedarf: Mit einem Kleinkredit konnten beispielsweise indische Tsunamiopfer als Kleinunternehmer sogar einen eigenen Vertrieb und Export für ihre Fänge aufbauen. Foto: epd-bild/Stefan Trappe
Wenn die Kirchengemeinde der Leipziger Stadtteile Plaußig und Hohenheida am Ende eines Jahres die Zinsen ihres Vermögens ausrechnet, dann lässt sich der Gewinn nicht nur in Zahlen messen. Sondern auch daran, dass Frauen wie die Rosenzüchterin Saida Caizalitin im weit entfernten Ecuador endlich Arbeit mit fairen Löhnen haben und ihren Kindern die Schule bezahlen können. Oder dass die Bäuerin Safia Musa Mchomba in Tansania nun mit Holz handeln kann, um das Leben ihrer Familie zu sichern. All das ist nur möglich, weil sie und ihre Firmen so wie 17,5 Millionen Menschen in armen Ländern Kredite erhalten von Christen, Kirchen und Kirchgemeinden, wie zum Beispiel Plaußig-Hohenheida. Die Gemeinde hat eine fünfstellige Summe ihres Vermögens bei der ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit angelegt, die 1975 auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen gegründet wurde und ihren Sitz in den Niederlanden hat.
»Wir wollen das Geld unserer Kirchengemeinde mehren, aber auch danach fragen, auf welchem Weg es sich vermehrt«, sagt der Plaußiger Pfarrer Markus Deckert. Das Geld, mit dem seine Kirchengemeinde vor sechs Jahren Anteile der Entwicklungsgenossenschaft gekauft hat, bringt seitdem zwei Prozent Dividende. Denn 98 Prozent der armen Kreditnehmer sind erfolgreich und zahlen ihre Raten zuverlässig zurück. Als Pfarrer Markus Deckert vorübergehend einen Teil seiner privaten Oikocredit-Anteile wieder verkaufen wollte, ging auch das ohne Probleme.
Immer mehr Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen entscheiden sich für diese Investition in Menschen. Die Landeskirchen von Sachsen, von Anhalt sowie die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland besitzen Anteile. Zehn Kirchenkreise, 31 Kirchengemeinden und 601 Einzelpersonen sind derzeit Mitglieder des Oikocredit-Förderkreises im östlichen Deutschland und haben fast fünf Millionen Euro angelegt. Und es werden immer mehr.
»Als Kirche sind wir in der Verantwortung, nach Alternativen zu suchen – gerade nach den Erfahrungen der Bankenkrise«, sagt der Mühlhäuser Superintendent Andreas Piontek. »Und es ist unser Auftrag als Kirche, nicht nur Moral zu fordern, sondern für die Ärmsten der Armen etwas zu tun, um ein Stückchen Hoffnung zu säen.« 6000 Euro hat der Kirchenkreis Mühlhausen bei Oikocredit angelegt.
Der Anstoß dazu kam aus Gemeinden der Region. Sie fragten danach, wie sie selbst umweltfreundlicher und sozial gerechter handeln könnten. Vor einem Jahr widmete sich diesem Thema in Mühlhausen gar die Synode des größten Kirchenkreises der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und initiierte die Kampagne »Bleib dran«. Zehn Kirchengemeinden der ländlich geprägten Gegend sind mittlerweile Mitglied bei Oikocredit, Tendenz steigend. »Das ist eine richtige Bewegung geworden«, sagt Superintendent Piontek. »Natürlich ist eine Geldanlage immer ein Risiko. Aber die von Oikocredit ausgegebenen Kleinstkredite sind relativ sicher im Vergleich zur Politik der großen Banken, wie wir in der Krise gesehen haben.«
Es geht nicht allein um das Risiko für die Anleger. Viel größer ist das Risiko für jene Menschen, die unter der Profitmaximierung leiden, die oft hinter den Zinsen vieler Banken steht – oder die nicht die Chance eines Kredits bekommen. »Vom Geldbesitz wird die Menschenwürde abhängig gemacht«, sagt der Dresdner Friedrich Brachmann, der seit vielen Jahren Mitglied des Oikocredit-Förderkreises ist. »Das Gefühl der Ohnmacht und der Wut gegenüber dieser Herrschaft des Geldes lässt sich durch Oikocredit etwas abbauen. Denn dort werden die Nicht-Kreditwürdigen zu Wirtschaftspartnern und Geschwistern.«
Andreas Roth
Land im Auf- und Umbruch
7. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Eine Welt
Vietnam: Eine Mischung aus kommunistischer Vergangenheit, wirtschaftlichem Boom und asiatischer Kultur
Vietnamkrieg, Solidaritätsaktionen, Vertragsarbeiter – Vietnam war früher in den östlichen Bundesländern in aller Munde. Doch über Land, Menschen und Kultur weiß man bis heute wenig.Der Tourismus ist als Chance erkannt. Ausländisch finanzierte Hotelpaläste entstehen an den Stränden des Südchinesischen Meeres. Überall müht sich viel Personal, benutzte Teller werden sofort weggeräumt, Servietten dem Gast umgelegt, frisch gepflückte Blüten liegen auf den Betten. Arbeitslosigkeit oder Rentenprobleme kann es nicht geben, weil keine Verwaltung sie registriert. Jede Familie kümmert sich selber um ihre Angehörigen. Hoan, in Dresden promovierter Physiker, arbeitet als Reiseführer. Er sagt: Ob Beamte oder Bauern – keiner kann von einem Job allein leben.
Der Bus fährt im endlosen Strom wimmelnder Mopeds. Bunt nebeneinander stehen kleine oder hoch aufgeschossene Häuser auf dem schmalen Grundriss einer Wohnung. Die meisten haben nur vorn eine Fassade: Baldachine, gläserne Oberlichttürmchen, tempelartige Aufbauten, barocke Balustraden. Überall hocken Vietnamesen davor, bieten Waren an, trinken Wasser oder Tee. Man lebt draußen. Hin und wieder eine Pagode, selten eine Kirche.
Jesuiten brachten dielateinische Schrift
In Hanois berühmter Jadekaiser-Pagode liegt das Personal auf dem Ladentisch und unterhält sich rauchend neben den Betenden. Niemand versteht die buddhistischen Weisheiten in chinesischer Schrift an den Wänden. Seit 1945 wird Latein geschrieben. Dieses späte Erbe der Jesuitenmission ist Anschluss an die Welt und spiritueller Traditionsabbruch zugleich.
Wir wollen wissen, wie es den Christen geht. Der erste Kirchenvertreter ist sehr zurückhaltend. Er bittet darum, seine Einrichtung nicht zu nennen. Als wir durch den kleinen Ort Tu Phong kommen, halten wir spontan an einer großen Kirche. Der ältere Pfarrer empfängt uns gern zum Tee und erzählt von seiner Diözese: Von sechs Millionen Einwohnern gehören 125000 zu 300 römisch-katholischen Gemeinden, betreut von 50 Priestern. 2005 fuhr der Weihbischof nach Frankreich und sammelte dort Spenden. 2007 war die neue Kirche fertig. Nebenan führen Dominikanerinnen ein Waisenhaus und kümmern sich um minderjährige Schwangere.
In Saigon gibt es ein Sozialprojekt der deutschen Caritas. Eine graugrüne Garage vis-à-vis einer bunten Kirche dient als Sterbehaus. Hier liegen 14 aidskranke Frauen und Männer auf Campingliegen. Zum Raum gehört eine Toilette ohne Tür.
Auf dem Kühlschrank thront ein Fernseher, an der Wand Kruzifix und Kalenderposter. Unter dem Vordach zwei Gasflammen für die Versorgung. Laute Musik, Autolärm und Abgase dringen in den offenen Raum. Wir stehen zwischen den Betten und hören Statistisches: jede Viertelstunde eine Infektion, Drogenmilieu und Prostituierte. Wir halten Fürbitte für einen Sterbenden. Er ist Anfang zwanzig. Auch für ihn gilt das wichtigste asiatische Gebot: das Gesicht wahren.
Theologische Ausbildung mit Ratzinger-Werken
Im kommunistisch orientierten Norden war 1955 kirchlicher Besitz enteignet und Mission verboten worden. 650000 katholische Christen, fast die Hälfte, wurden in den Süden vertrieben. Dort waren sie überproportional in Regierung und Behörden vertreten. Nach der Wiedervereinigung mussten auch viele Christen in Umerziehungslager.
Im Zentrum Saigons, der früheren Hauptstadt des Südens, treffen wir Khoa Nguyen, einen Franziskanermönch. Wir haben nichts zu verbergen, sagt der junge Pater. Im Norden seien die Menschen ängstlicher und ernster. Die Christen dort hätten starken Glauben und wenig Bildung, im Süden sei es umgekehrt. Der agile Franziskaner ist vor acht Jahren aus New York zurückgekehrt und bildet nun junge Theologen aus. Den amerikanischen Pass hat er behalten.
In der Theologie sei noch mehr Fühlen als Denken, sagt er. Deshalb übersetzt er die Werke von Joseph Ratzinger. Sechs bis sieben Prozent der Bevölkerung seien Christen. Er verweist auch auf Baptisten, Episkopalisten und Mennoniten. Und er kenne einen evangelischen Arzt in den Bergen; dort wüchsen die protestantischen Gruppierungen. Interreligiösen Dialog gebe es mit Buddhisten und Cao Dai, in deren Gotteshaus wir ein Mittagsgebet miterlebten. Diese junge vietnamesische Religion verbindet alle »fünf Wege«: konfuzianischen Humanismus, christlichen Gottesglauben, daoistische Verehrung von Schutzgeistern und Feen, Buddha und die Lehre von Dai Dao, dem Großen Weg, der alles vereint.
Christliche Bildungsarbeit ist in Vietnam nicht erlaubt und an kirchliche Schulen nicht zu denken. Doch wird ein Kindergarten von Benediktinerinnen geduldet. 150 Seminaristen werden in Saigon derzeit zu Priestern ausgebildet. Zusammen mit den 170 Studenten in Hanoi sind das insgesamt mehr, als es jetzt Pfarrer gibt. Pater Khoa ist froh, dass sich seit Kurzem der Staat nicht mehr in die Auswahl einmischt. Die Kirche wachse zwar nicht proportional zur Bevölkerung, aber nach innen.
Draußen auf dem großen Hofplatz wird derweil unter sengender Sonne eine Bühne aufgebaut. Es ist Sonntag der Barmherzigkeit und zu einer missionarischen Veranstaltung werden 5000 Teilnehmende erwartet.
Aribert Rothe
Euphorie und Enttäuschung
30. April 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Reportage: Südafrika vor dem Sportereignis des Jahres – die Fußball-Weltmeisterschaft hat zwei Gesichter
Stolz erfüllt die Mehrheit Südafrikaner im Blick auf die WM – auch wenn längst nicht alle von dem Ereignis profitieren.

Begeisterung: Für die Kinder in den Townships am Rande der großen Städte Südafrikas gehört Fußball zum Alltag. Das Geld für einen Stadionbesuch während der WM dürften freilich die wenigsten haben. Foto: epd-bild/Hanno Gutmann
Die junge Frau, Anfang 20, ist dem Ziel der Träume von Millionen Fußballfans weltweit ganz nah. Die Südafrikanerin, die sich schlicht mit ihrem Vornamen Beverly vorstellt, hat einen Job bei der Firma, die die Anlagen rings um das Soccer City Stadion nahe Soweto gestaltet hat. Südafrika hat sich schön gemacht für das Highlight des Jahres 2010 – die Fußball-WM vom 11. Juni bis 11. Juli.
Während Beverly den Wasserschlauch auf ein frisch gepflanztes Bäumchen hält, spannen sich neben ihr die Stadionwände wie eine Reptilienhaut glänzend in der südafrikanischen Sonne, im Hintergrund die imposante Skyline von Johannesburg. »Ja klar bin ich dabei«, sagt Beverly selbstbewusst über die Weltmeisterschaft. Wie teuer die Tickets sind, nein, das weiß sie nicht genau, und wie man dran kommt, auch nicht. Aber die junge Frau hofft auf ein Wunder – wie so viele in Südafrika.
Sie sind stolz darauf, dass die Fußball-Weltmeisterschaft in ihrem Land zu Gast ist, das erste Mal in Afrika überhaupt. Und wenige Wochen vor dem Anpfiff ist die Hoffnung noch groß, dass das Jahrhundertereignis auch sie streifen möge wie eine Fee, die das Unmögliche möglich macht: mehr Jobs, Strom und Wasser, bessere Häuser, und vielleicht sogar im Stadion dabei zu sein, wenn die südafrikanische Nationalelf Bafana Bafana spielt.
»Wir wissen natürlich, dass die WM nicht alle Erwartungen erfüllen kann. Sie kommt und geht und kann die Lebensbedingungen der Menschen nicht verändern, es ist unfair, all diese Erwartungen aufzubauen«, meint der Präsident des Südafrikanischen Kirchenrates, Tinyiko Sam Maluleke. Die WM sei zweifellos ein »Elite-Projekt«, das nur den Reichen Gewinn bringe, kritisiert der Theologieprofessor.
Doch er erwartet 16 Jahre nach dem Ende der Apartheid auch positive Effekte: »Wir sind eine junge Demokratie«, sagt Maluleke. »Deshalb brauchen wir viel Bestätigung – und die WM sagt uns: Man kann euch vertrauen, sogar das größte Sportereignis der Welt kann man euch anvertrauen.« Das sei inspirierend für alle.
Allerdings zeigt die bevorstehende Fußball-WM auch ein hässliches Gesicht: »Es gibt schon jetzt keine Armen und Obdachlosen in den Innenstädten mehr. Sie zahlen den Preis für eine perfekte Fassade«, kritisiert der methodistische Pfarrer Paul Verryn die Politik vieler Kommunen.
Seine Innenstadtkirche in Johannesburg ist seit Jahren Zufluchtsort für Obdachlose und Tausende von Flüchtlingen aus Simbabwe. Vor Kurzem wurde der streitbare Theologe Verryn von seinem Bischofsamt suspendiert, weil er gegen die Anweisungen und die Disziplin seiner Kirche verstoßen haben soll.
Vor der Fußball-WM beobachtet er regelrechte Säuberungsaktionen, die auch viele kleine Straßenhändler betreffen. »Man will kein Weltklasse-Event in einer verslumten Stadt begehen, deshalb hat die Polizei die Armen in die Unsichtbarkeit verbannt. Die WM geht auf Kosten der Menschlichkeit«, urteilt Verryn.
Ähnlich bittere Erfahrungen machten auch Bewohner der Armensiedlung Umlazi in Durban. Dort haben Bulldozer schon im Januar 2009 an einem Samstagmorgen ihre Häuser und Hütten niedergewalzt, um Platz zu schaffen, denn im benachbarten King Zwelithini Stadion sollte ursprünglich während der WM trainiert werden. Jetzt leben die 500 Vertriebenen weit weg in engen Wellblechbaracken.
»Für die herrschende Klasse ist 2010 ein attraktiver Investitionspunkt, aber es ist kein Projekt für die Armen und ihre Entwicklung«, meint die linke Ökonomin Mohau Pheko. In ihrer Radiosendung »Africa Talks« beim landesweiten Sender SABC kommen Kritiker zu Wort, denn Pheko findet die WM zu teuer für Südafrika: »Wir können es uns nicht leisten, so viel Geld für ein Prestigeprojekt auszugeben, das auf Kosten der Entwicklung geht.«
Pheko versteht sich als Anwältin der kleinen Leute, von denen aber viele vor allem stolz auf die WM sind. So wie Beverly, die hofft, dass sich für sie und ihre Freunde die Tore von Soccer City öffnen. Wer weiß, vielleicht klappt es ja, denn international läuft der Kartenverkauf schleppend.
Bettina von Clausewitz (epd)
Wiedererstandenes geistliches Zentrum
23. April 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Im tschechischen Osek sorgte der jetzt verstorbene Bernhard Thebes für einen klösterlichen Neuanfang

Der verstorbene Abt Bernhard vor seinem Lebenswerk – dem neuerstandenen Kloster im tschechischen Osek. Foto: Doris Morgenstern
Ein vorerst letztes Mal sorgte Bernhard Thebes für großen Zulauf. Am Mittwoch nach Ostern wurde der Leichnam des 47. Abtes vom Zisterzienserkloster im nordböhmischen Osek (Ossegg) in die Krypta der Klosterkirche gelegt. Hunderte Menschen nicht nur aus Tschechien und Deutschland waren gekommen, um sich in dem kleinen Ort zwischen Teplice und Litvinov am tschechischen Fuße des Erzgebirges von ihm zu verabschieden.
»Mein Lebensziel ist es, das Kloster Osek wiederzubeleben«, hatte Bernhard noch kurz vor seinem Tod beteuert. Vor fast zwei Jahren hatte ihn das fortschreitende Alter zum Umzug in ein Pflegeheim in Goppeln bei Dresden gezwungen. Damit wurde der Konvent von Osek aufgelöst. Denn so viel Bernhard in Osek geglückt ist, genug Brüder, die ihm nachfolgten, blieben ihm verwehrt. Nur ein Mönch fand sich in den fast 20 Jahren seit er in das Kloster gekommen war.
Zu wenig – der Bruder wurde in ein anderes Kloster abberufen. Dennoch: »Er hat dem Kloster Osek eine neue Perspektive gegeben«, würdigte ihn der Bischof von Litomerice (Leitmeritz), Jan Baxant. Das begann bereits mit seinem Eintritt in den Zisterzienserorden. Den Wunsch dafür hatte in ihm nämlich ein vertriebener Mönch aus der damaligen Tschechoslowakei geweckt. 1960 wurde seine Profess auf das 1196 gegründete Kloster Osek überschrieben und kurz darauf begann er in Nordrhein-Westfalen ein Kloster für den nach 1945 vertriebenen Konvent aufzubauen. Den entscheidenden Schritt tat er 1990, als er sich als gewählter Abt in Osek niederließ.
»Abt Bernhard ist der Same, der in die Erde gelegt ist. Er wird unsichtbar wachsen und Frucht bringen«, prophezeite Äbtissin Theresa Brenninkmeijer, Präses der zu Osek gehörenden Frauenkongregation. Manches ist bereits sichtbar: Als Bernhard nach Osek kam, stand er vor dem Nichts. Ein einziger beheizter Raum diente ihm zum Leben. Auch wenn noch viel am Kloster zu tun ist, sein heutiger Zustand ist mit 1990 nicht zu vergleichen.
Und er hat viele Menschen um sich geschart, die sein Erbe weitertragen. Allein 700 Mitglieder zählen die tschechischen und deutschen Freundeskreise über Konfessionsgrenzen hinweg. Kloster Osek wird ein geistliches Zentrum bleiben. Wer hier den Garten pflegt, Geld spendet oder mit einem Konzert auftritt, der tut dies gerade deswegen. »Alles Wesentliche ist meist unsichtbar«, hatte Bischof Baxant eingangs Antoine de Saint-Exupéry zitiert und bezog es auch auf Bernhards Leben. Größer kann sich ein Lebensziel nicht erfüllen.
Steffen Neumann
www.kloster-projekte-osek.info
Eine Schule für den Frieden
16. April 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Neve Shalom: Seit 1979 gibt es ein Friedensdorf, in dem Israelis und Palästinenser gemeinsam leben und lernen

Der mühsame Weg der Verständigung beim Reden miteinander und dem Hören aufeinander: jüdische und palästinen- sische Jugendliche im gemeinsamen Disput in Neve Shalom. Fotos: Neve Shalom
Es gibt im Nahen Osten nicht nur eine Spirale aus Hass und Gewalt. Es gibt auch Initiativen die zeigen,
dass es anders geht. Ein Beispiel ist das Friedensdorf Neve Shalom.
Ein Dorf in Israel: Weiß getünchte Häuser, Schatten spendende Bäume, herumtollende Kinder, in der Nachbarschaft Olivenhaine. Das Ortsschild: ein Regenbogen, der die Straße überspannt. Auf halbem Wege zwischen Jerusalem und Tel Aviv liegt das Dorf mit dem etwas sperrigen Namen »Neve Shalom/Wahat al-Salam«, was die Dorfbewohner gerne mit »Quelle des Friedens« übersetzen.
Und dann, nur vier Kilometer entfernt, der brutale Kontrast. Acht Meter hohe Betonmauern mit Wachtürmen, Stacheldraht, schussbereite Soldaten am Checkpoint: Die Grenze zum Westjordanland, die Nahtstelle zweier Völker also, die sich erbitterte Kämpfe liefern und sich so ineinander verbissen haben, dass ein Zusammenleben schier unmöglich scheint.
Mittendrin in dieser geballten Ladung an Hass und Gewalt ein Dorf, in dem seit über dreißig Jahren Israelis und Palästinenser friedlich miteinander leben. Eine Insel der Glückseligkeit? »Wir leben mit dem Konflikt, nicht neben ihm«, betont Evi Guggenheim-Shbeta, und fügt hinzu: »Wie unsinnig dieser Krieg doch ist! Letzten Endes wird doch verhandelt werden müssen und zu einem Abkommen gefunden werden. Wenn nur ein winziger Bruchteil des Geldes, das jetzt in diesen Krieg investiert wird, in Friedensarbeit investiert würde!«
Evi Guggenheim ist Jüdin und entstammt einer traditionsbewussten Familie, die vor dem NS-Regime in die Schweiz floh. Als 19-Jährige wanderte sie von Zürich nach Israel aus und heiratete dort den muslimischen Palästinenser Eyas Shbeta, dessen Familie 1948 von den Juden vertrieben und enteignet wurde. Beide gehören zu den Pionieren des Friedensdorfes, das einmalig ist in Israel. Durch ihre Liebe leben beide bis heute vor, wie die Traumata von Hass und Gewalt überwunden werden können.
Doch gegründet wurde das Dorf nicht von ihnen, sondern von Bruno Hussar. Der konvertierte 1935 vom Judentum zum katholischen Glauben und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Dominikaner-Priester in Jerusalem, wo er die Konflikte zwischen jüdischen Israelis und palästinensischen Arabern hautnah miterlebte. So reifte in ihm der Entschluss, eine »School for Peace« (Friedensschule) zu gründen – als Kontrast zu den staatlichen Militärakademien. Denn: »Auch der Frieden ist eine Kunst, die gelernt werden muss.« Doch vom Traum bis zur Verwirklichung sollten noch neun Jahre voller Widerstände vergehen.
Aber 1979 konnte endlich die erste jüdisch-arabische Jugendbegegnung auf einem Brachland stattfinden, das Hussar vom Trappistenkloster Latroun pachtete. Seitdem haben mehr als 40000 israelische Juden und palästinensische Araber an den Begegnungen und Kursen der »School for Peace« teilgenommen. Und obwohl die Schule mehrfach internationale Friedenspreise erhielt, wird sie bis heute vom Staat Israel finanziell nicht gefördert. Die benachbarte Grundschule hingegen, die ebenfalls zum Friedensdorf gehört, wurde 1993 staatlich anerkannt und erhält seitdem wenigstens 25 Prozent ihres Schulgeldes erstattet.
Aus dem einstigen Brachland entstand unter unsäglichen Mühen ein ganzes Dorf, in dem inzwischen über 50 Familien wohnen. Und ständig kommen neue hinzu, doch nicht jeder der zahlreichen Bewerber wird aufgenommen: »Wir wollen Leute, die hinter der Idee des gemeinsamen Lebens von Juden und Arabern stehen«, betont Frau Guggenheim-Shbeta.
Auch wird streng auf die jüdisch-arabische Parität in allen Lebensbereichen geachtet: »Wir wollen gleiche Grundlagen für alle schaffen und das Ungleichgewicht der Kräfte beseitigen«, meint der Lehrer Abdelsalam Najjar, dessen Alltagserfahrung als palästinensischer Araber außerhalb des Dorfes eine ganz andere ist: »Ich versuche, auch am Checkpoint den Soldaten gegenüber als gleichwertiger Mensch aufzutreten«, umschreibt er die Diskriminierung, der sich dort viele Palästinenser ausgesetzt fühlen.
Frieden könne nach der Erfahrung Najjars nur entstehen, wenn beide Seiten ihre Energie statt in Gewalttätigkeiten in friedensstiftende Aktionen stecken würden. »Das gelingt aber nur, wenn wir den anderen als Partner und nicht als Feind zu akzeptieren lernen.«
Von Rainer Borsdorf
Weitere Informationen und einen Rundbrief in deutscher Sprache gibt es bei: Freunde von Neve Shalom/Wahat al Salam e.V., Sonnenrain 30, 53757 Sankt Augustin, Telefon (02241) 331153, Fax (02241) 396549, E-Mail
www.nswas.org
In Erwartung des Endzeitkampfes
10. April 2010 von Gemeinsame Redaktion
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USA: Paramilitärische Gruppen im Umfeld des religiös-rechtsradikalen Fundamentalismus sind auf dem Vormarsch
Amerikas selbst ernannte »Gotteskrieger«: eine hochgefährliche Mischung aus religiöser Spinnerei und politischem Radikalismus ge-
paart mit Gewaltbereitschaft.
Im US-amerikanischen Bundesstaat Michigan sind am letzten Märzwochenende neun Mitglieder einer angeblich biblisch motivierten paramilitärischen Gruppe festgenommen worden. Die acht Männer und eine Frau hätten Anschläge auf Polizisten geplant in der Erwartung, sie könnten dadurch einen »weitverbreiteten Aufstand gegen die Regierung« einleiten, hieß es in der am Montag vorgelegten Anklageschrift.
Die Gruppe mit dem selber erfundenen Namen »Hutaree«, der »christlicher Krieger« bedeuten soll: Ein Kult, verrückt, brandgefährlich? Schwer bewaffnet waren sie auf jeden Fall, die Krieger aus Michigan, einem von der Rezession schwer geplagten Staat im Mittleren Westen. Die Anklageschrift beschrieb einen Plan, dass »Hutaree« zuerst einen einzelnen Polizisten ermorden würde. Bei einem folgenden Anschlag auf die Beerdigung sollten möglichst viele Kollegen des Opfers in den Tod gerissen werden.
Nach Angaben des Extremismusexperten Michael Barkun von der Syracuse Universität (Bundesstaat New York) erwartete »Hutaree« den Weltuntergang. In der US-Regierung sähen sie den »Antichristus«, den es zu vernichten gelte, sagte Barkun der Zeitung »Detroit Free Press«. »Jesus wollte, dass wir bereit sind, uns mit dem Schwert« gegen den Antichristus zu verteidigen, hieß es auf der Webseite der Gruppe. Laut Staatsanwaltschaft wollte die »Hutaree«-Miliz »Krieg führen« gegen die Regierung, die sich dem Aufbau einer »Neuen Weltordnung« verschrieben habe. Die Polizisten seien die »Fußsoldaten« der Regierung.
Bereit zum Krieg gegen den Antichristen
»Hutaree« sei ein »Beispiel für radikale und extremistische Randgruppen, die in unserer Gesellschaft präsent sind«, sagte der für die Festnahmen zuständige FBI-Beamte. »Hutarees« extreme Regierungsfeindlichkeit und Endzeitglauben haben tatsächlich Tradition in den USA. Die gefährliche Brühe kocht hoch zu Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung. Diese kommt gerade zum Ausdruck in heftigen Protesten gegen Präsident Barack Obama und »die Regierung«. Heute sei die politische Konstellation besonders explosiv, weil »das Gesicht der Regierung ein schwarzes Gesicht ist«, sagte Mark Potok von der Extremismusforschungsgruppe »Southern Poverty Law Center«.
Rechtsextreme Milizen in einem Jahr verdoppelt
Das SPLC befasst sich mit Trends in der rechtsextremistischen Szene. Auch während der Amtszeit von Präsident Bill Clinton (1993-2001) bildeten sehr weit rechts stehende Aktivisten paramilitärische Gruppen, selbst ernannte »Milizen«, die sich »notfalls« auch mit der Waffe für die amerikanische Verfassung und das christliche Erbe der Nation einsetzen wollten. 1995 sprengte der mit rechtsextremen Gruppen sympathisierende Golfkriegsveteran Timothy McVeigh das US-Regierungsgebäude in Oklahoma City in die Luft. 168 Menschen kamen ums Leben. Unter dem Republikaner George W. Bush wurde es ruhig um die bewaffneten Rechten, aber seit Barack Obamas Wahl finden sie starken Zulauf. Nach Angaben des »Southern Poverty Law Center« existierten 2009 127 rechtsextreme Milizen, mehr als doppelt so viele wie 2008.
Und es hat schon mehrere rechtsextreme Anschläge gegeben. Im Februar 2010 steuerte ein Regierungsgegner sein Privatflugzeug aus Protest in ein Büro der Steuerbehörde IRS im texanischen Austin. Ein Angestellter und der Selbstmordattentäter kamen ums Leben. Im April vergangenen Jahres erschoss ein 22-Jähriger mit Verbindungen zur rassistischen Stormfront-Szene drei Polizisten, die angeblich seine Schusswaffen beschlagnahmen wollten. Stormfront ist eine englischsprachige Website mit rassistischen und neonazistischen Ideologien. Sie wurde 1995 von dem ehemaligen Ku-Klux-Klan-Mitglied Don Black gegründet.
Auch Scott Roeder, der vergangenes Jahr den Abtreibungsarzt Dr. George Tiller ermordete, sympathisierte mit den rechtsextremen »Freemen«-Gruppen, deren Anhänger keine Steuern zahlen. Schon 1996 war Roeder mit Material zum Bombenbauen im Kofferraum erwischt worden. Das »Hutaree«-Verfahren dürfte sich viele Monate hinziehen. Den Häftlingen drohen jahrzehntelange Gefängnisstrafen. Der Justiz gehe es nicht um die Glaubensstruktur der Angeklagten, sagte Staatsanwältin Barbara McQuade. Nur um das, was sie hätten tun wollen.
Von Konrad Ege
Im Schatten der Finanztragödie
4. April 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Griechenland: Ein Land vor dem fiskalischen Kollaps – Widerstand gegen Sparpaket – auch die Kirche unter Druck
Trauriges Osterfest: Die Griechen sollen sparen und mehr Steuern zahlen. Doch dagegen wehren sich alle – auch die Kirchen.

Lautstarker Protest: Demonstranten in Thessaloniki geben anlässlich des Nationalfeiertages ihrem Unmut gegen die Sparpläne Ausdruck. Foto: Giorgio Tzimurtas
Die Emotionen kochen hoch. »Die Kapitalisten sollen für die Krise zahlen«, skandieren linksgerichtete Protestler in der nordgriechischen Hafenmetropole Thessaloniki. Sie sind zu Hunderten gekommen, strecken die Fäuste aus. Zwei weitere Gruppen, Vertreter von Gewerkschaften der Lehrer und Krankenhausärzte, fordern auf ihren Transparenten von der Regierung: »Nehmt die Sparpläne zurück«. Die Demonstranten stimmen in einen gemeinsamen Sprechchor ein: »Geld für Bildung, Geld für Gesundheit. Nicht für Waffen, nicht für die Reichen«.
Mit ihren Stimmen kämpfen sie gegen Lautsprecher an, die die gesperrte Schnellstraße am Meeresufer mit Marschmusik beschallen. Es ist der 25. März, der griechische Nationalfeiertag. Wie überall im Land paradieren auch in der Millionenstadt Thessaloniki Schüler- und Trachtengruppen sowie Militär- und Veteraneneinheiten auf einer Strecke von mehreren Kilometern. Die lautstarken Demonstranten am Ort des traditionellen Massenspektakels verdeutlichen: Die Feier der nationalen Einheit und Freiheit, die historisch sowie kalendarisch eng mit dem Osterfest verbunden ist, wird in diesem Jahr von der griechischen Finanztragödie überschattet.
Das Land hat jahrelang über seine Verhältnisse gelebt. Jetzt droht der Bankrott. Der Staat hat Schulden in Höhe von 300 Milliarden Euro angehäuft. Pro Kopf der Bevölkerung sind das rund 27000 Euro. (Im Vergleich: In Deutschland beträgt die Staatsverschuldung pro Kopf nach Angaben des Bundes der Steuerzahler derzeit rund 20650 Euro.)
Die Kassen sind leer. Die Gründe dafür vielfältig: Ob konservative oder sozialistische Partei – wer an der Macht war, blähte die öffentliche Verwaltung immer weiter auf. Jeder zehnte der rund elf Millionen Griechen ist im Staatsdienst tätig. Die Situation verschärfte sich durch laxe Bestimmungen zum Renteneintrittsalter und ganz besonders durch die ausufernde Schattenwirtschaft. Ihr Volumen beläuft sich nach Expertenschätzungen auf 65 Milliarden Euro. Korruption, vor allem im Gesundheitswesen, gehört zur Tagesordnung. Mangelnde Kontrollen bei den Angaben zur Einkommenssteuer ermunterten zur massenhaften Steuerhinterziehung. Das Haushaltsdefizit beträgt dramatische 12,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Nach den Stabilitätskriterien des Euro darf es nur bei drei Prozent liegen.
Gefälschte Statistiken und hinterzogene Steuern
Griechenland hatte sich 2002 mit gefälschten Statistiken die Aufnahme in die europäische Gemeinschaftswährung erschummelt. Die EU-Kommission kniff lange beide Augen zu. Erst kurz vor dem Kollaps regte sich Brüssel. Die sozialistische Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou musste ein erstes Sparprogramm noch einmal nachbessern.
Die Grundzüge: Erhöhung der Mehrwertsteuer von 19 auf 21 Prozent, Anhebung der Steuern auf Einkommen und Immobilien, Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst, Einfrieren der Renten und Staatsgehälter. Bis 2011 will Athen das Haushaltsdefizit auf 8,9 Prozent drücken.
Allerdings: Der Widerstand im Land ist erheblich. Vor allem linke Gewerkschaften machen lautstark Druck, drohen immer wieder aufs Neue mit Streiks. Ihre Argumente: Die Maßnahmen der Regierung treffen die Falschen. Statt der Wohlhabenden würden vor allem die unteren und mittleren Einkommensempfänger belastet. Jene, die zuvor brav ihre Steuern gezahlt hätten. Außerdem werde der Konsum abgewürgt, die Wirtschaft trocken gelegt. Eine Befürchtung, die in der gesamten Bevölkerung weitverbreitet ist.
Sollte sich diese Sorge bewahrheiten, droht auch ein Einbruch der Exporte der anderen EU-Länder in Richtung Ägäis. Besonders jener aus Deutschland, dem Haupthandelspartner der Hellenen. Umso mehr zeigen sich die Griechen enttäuscht über das lange Gezerre für eine EU-Lösung zur Bewältigung der Krise – und über die Welle der Empörung, die sich über die griechischen Verhältnisse ausbreitet.
Auch die Kirche soll sich finanziell mitbeteiligen
Nach dem Brüsseler Gipfelbeschluss vom Abend des 25. März steht fest: Hilfe der Euro-Länder gibt es nur im äußersten Notfall, als »Ultima Ratio«, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel es durchsetzte. Und: Der Beschluss muss einstimmig sein. Die Rettungskredite sollen gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) vergeben werden, zu Preisen des Kapitalmarktes.
Regierungschef Papandreou zeigte sich erleichtert. Doch: Da seit Jahrzehnten Zukunftsinvestitionen ausgeblieben sind und ein neuer Aufschwung nicht in Sicht ist, droht weiterhin die totale Pleite. In diesem Fall, so lautet eine gängige Meinung, komme es zum Ausverkauf des Landes, was im Interesse bestimmter Wirtschaftskreise in der EU und in den USA sei: Eine Verschwörungstheorie als Verdrängungsmechanismus für die Selbstverschuldung der Misere.
Papandreou trifft derweil nicht nur auf den Widerstand der Gewerkschaften, sondern auch der orthodoxen Kirche. Sie wehrt sich gegen eine Sonderbesteuerung. Kirchenoberhaupt Hieronymus fordert die Regierung zum Dialog über »gerechte« neue fiskalische Belastungen auf. Unterstützung in der Bevölkerung hat er hierfür wiederum kaum. Viele Griechen sehen die Kirche – sie ist nach dem Staat der zweitgrößte Grundbesitzer des Landes – in der Pflicht. Vor wenigen Tagen versammelten sich Demonstranten vor der Panagouda-Kirche in Thessaloniki. Auf einem ihrer Plakate stand: »Christus hätte alles gegeben.«
Giorgio Tzimurtas
Partnerschaft auf Augenhöhe
27. März 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Mission heute: Hans-Georg Tannhäuser ist im Leipziger Missionswerk neuer Referent für Papua-Neuguinea
Die protestantische Kirche in Papua-Neuguinea ist nicht zuletzt durch deutsche Missionare entstanden. Heute hat das Leipziger Missionswerk (LMW) feste Verbindungen in das Pazifikland.

Aidsaufklärung gehört zu den sozialdiakonischen Projekten der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Papua-Neuguinea, Unterstützung kommt dazu auch aus Leipzig. Fotos: LMW
Seit November des vergangenen Jahres ist der sächsische Pfarrer Hans-Georg Tannhäuser als neuer Referent für Papua-Neuguinea beim Leipziger Missionswerk tätig. Zu dem seit 1975 unabhängigen Land hat der 1958 im vogtländischen Klingenthal Geborene allerdings schon länger gute Beziehungen. Immerhin war er von 1994 bis 1998 als Missionar des LMW im südlichen Hochland des Landes tätig. Nicht als Missionar im klassischen Sinne, der mit der Bibel in der Hand Heiden bekehrt und zugleich die westliche Kultur verbreitet. Vielmehr unterstützte Tannhäuser die Aus- und Weiterbildung einheimischer Christen innerhalb der örtlichen LMW-Partnerkirche.
Zur Partnerkirche, der Evangelisch-Lutherische Kirche von Papua-Neuguinea (Evangelical Lutheran Church of Papua New Guinea – ELC-PNG), gehören rund eine Million der insgesamt etwa 5,9 Millionen Einwohner. Sie ist damit die größte lutherische Kirche Asiens und gehört seit 1976 zum Lutherischen Weltbund. Ihr Einfluss in der Gesellschaft sei hoch und ihr öffentlicher Ruf gut, berichtet Tannhäuser. Das hänge damit zusammen, dass sich die ELC-PNG durch sozial-diakonische Projekte stark für gesellschaftliche Belange und Probleme engagiert.
Insgesamt rechnet man, dass heute ca. 60 Prozent der Bevölkerung protestantischen Kirchen angehören. Rund 30 Prozent gehören zur katholischen Kirche. Im Gegensatz zu mancher Kritik aus den nördlichen Ländern, in der Mission als »kulturzerstörend« gesehen wird, sähen die Papua-Neuguineer diese erfolgreiche Glaubensverbreitung überaus positiv, berichtet Tannhäuser. Sie habe einen wichtigen Beitrag zur Gemeinschaftsbildung im Lande geleistet. Denn die Gesellschaft besteht bis heute aus fast 800 unterschiedlichen Ethnien mit fast ebenso vielen Sprachen. Ein ungesunder Ahnenglaube, Angst vor bösen Geistern und eine Kultur der gegenseitigen Rache seien der Grund für die selbst gewählte Isolation von Clans und Stämmen in den Tälern gewesen, so Tannhäuser. Der andere Stamm, das andere Dorf wurde als Feind, als Konkurrent gesehen. Für das Zurückdrängen dieser Kultur durch das Christentum und dessen Sicht des Nächsten als gottgeliebten Menschen und Bruder seien die Einheimischen bis heute dankbar.
»Eine echte Partnerschaft auf Augenhöhe leben«, nennt der Referent denn auch als Leitbild der weiteren Hilfe des LMW für die Partnerkirche. Ein Schwerpunkt wird dabei in den nächsten Jahren die Aus- und Weiterbildung bleiben. Sechs Ausbildungsstellen der Partnerkirche, in denen Pfarrer, Jugendarbeiter und Mitarbeiterinnen für die Frauenarbeit geschult werden, erhalten konkrete Förderung. »Technik im Dienst des Evangeliums« heißt ein weiterer Schwerpunkt, bei dem es vor allem um Unterstützung im Computerbereich geht. Mit Robert Vogel ist seit rund zwei Jahren ein junger sächsischer IT-Techniker im Land tätig, da auch in Papua-Neuguinea die Vernetzung von Projekten und Mitarbeitern über das Internet immer wichtiger wird. Und bei dem besonders von sächsischen Christen unterstützten Projekt »Solarlampen für Hochgebirgsdörfer« fühlt sich das Missionswerk auch nach Abschluss für die Folgekosten verantwortlich. Dazu gehöre etwa der Austausch defekter Akkumulatoren.
Doch Partnerschaft ist keine Einbahnstraße. Die Leipziger erwarten deshalb im kommenden Jahr Besuch aus verschiedenen Partnerländern, auch aus »PNG«. Im Rahmen des Projektes »Mission to the North« werden die Gäste zum 175-jährigen Bestehen des LMW im Jahr 2011 einen Blick hinter die Kulissen der deutschen Kirchen werfen und ihre Beobachtungen und Erfahrungen zum Thema Mission einbringen. »Da können wir mit Sicherheit viel lernen«, ist Tannhäuser überzeugt.
Harald Krille
Weder Dschihad noch Kreuzzug
19. März 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Nigeria: Der Grund für die Massaker ist eine fatale Mischung aus Armut und Politikversagen
Was steckt hinter den Unruhen rund um die zentralnigerianische Stadt Jos, denen am Wochenende 6. und 7. März erneut Hunderte Menschen zum Opfer fielen?

Zu den rund 500 Toten der jüngsten Unruhen in Nigeria gehören viele Frauen und Kinder – »alle die, die nicht schnell genug weglaufen konnten«, wie ein Augenzeuge berichtete. Foto: picture alliance/dpa
Für die Überlebenden in Dogo Nahawa, einem Dorf nicht weit von der nigerianischen Stadt Jos entfernt, steht fest, wer hinter dem Massaker in der Nacht zum Sonntag steckt. »Ich habe die Täter flüstern hören, während ich mich mit meinem Baby im Haus versteckt habe«, sagt Peter, einer der Überlebenden. »Sie haben Haussa gesprochen und Arabisch und gesagt: Da drin sind noch Ungläubige, zündet das Haus an.« Während andere einem regelrechten Blutbad zum Opfer fielen, konnte Peter fliehen. »Es waren die Haussa-Fulani, sie wollten Rache üben für einen Überfall auf ihr eigenes Dorf.«
Moslem gegen Christen und genauso umgekehrt
Rund 500 Menschen in drei Dörfern kamen bei den zeitgleich ausgeführten Überfällen ums Leben, sagen Beobachter. »Die meisten sind Christen«, so Polizeisprecher Mohammed Lerama. »49 Verdächtige werden angeklagt, fast alle sind Fulani.« Seine Aussagen scheinen Informationsminister Gregory Yenlong zu bestätigen, der konstatierte: »Es handelt sich um eine ethnische Säuberungsaktion gegen die Berom.«
Berom gegen Haussa-Fulani, Muslime gegen Christen: Wer in Jos, der Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaates Plateau, nach Tätern und Opfern fragt, hört immer wieder die gleichen Vorwürfe. Hier, an der Nahtstelle zwischen dem mehrheitlich christlichen Süden und dem überwiegend muslimischen Norden Nigerias, hat Religion eine ganz besondere Bedeutung. Radikale Dschihadisten predigen hier ebenso wie kreuzzüglerische Missionare. Zu denen zählt Tassie Ghata von »Gnade und Licht International« sich zwar nicht. Trotzdem macht sie eine muslimische Verschwörung für die Kämpfe verantwortlich, die Mitte Januar begonnen haben.
»Was hier passiert, das ist ein Heiliger Krieg gegen uns Christen und die einheimischen Stämme, ein Dschihad«, so Ghata. Zwar rate sie Christen von Angriffen auf Muslime ab. »Aber ich rate niemanden davon ab, sich zur Wehr zu setzen.« Genau solche Äußerungen macht Umar Farouk von der muslimischen Bürgerbewegung »Jamaat Nazrel Islam« für den Ausbruch der Gewalt verantwortlich. »Ende Dezember haben Prediger in einer Pfingstkirche im Gottesdienst behauptet, die Muslime würden bereits Waffen sammeln.«
Farouk dementierte, doch das Gerücht war in der Welt. Nicht zufällig, sagt er. Und ist selbst nicht weniger radikal als die Christin, die er kritisiert: »Was wir hier von den Christen gesehen haben, ist der Versuch ethnischer Säuberungen, die wollen uns vertreiben.« Da sei es kein Wunder, gibt Farouk zu, dass muslimische Jugendliche sich organisieren und zurückschlagen würden.
Moderate Stimmen sind selten in Jos. Eine gehört Ogoh Alubo, einem Soziologieprofessor an der Universität. Er hält die ethnische Komponente des Konflikts für bedeutend, weil rückständige Gesetze »Einheimischen« Vorrechte gegenüber Zugezogenen oder »Siedlern« garantieren. »Ich lebe seit 1983 in Jos und meine Kinder sind alle hier geboren«, beschreibt Alubo die Lage am eigenen Beispiel. »Aber ich und selbst meine Kinder gelten als Siedler: deshalb haben sie keine Stipendien bekommen, sie können nicht in der Verwaltung arbeiten und bekommen kein politisches Amt.«
Das Problem sei, dass nirgends definiert sei, wer einheimisch sei und wer nicht. »Die Brom nennen die traditionell aus dem Norden kommenden Haussa-Fulani Siedler, aber die Haussa-Fulani sagen: Wir waren hier, seit Jos vor 100 Jahren gegründet wurde, wir sind Einheimische.«
Es geht um Stämme, Religion, Armut und Macht
Das allein, gibt der Professor zu bedenken, sei nicht der einzige Grund. »Es geht hier nicht um Dschihad noch um Kreuzzug, es geht um Armut und Macht.« In den vergangenen Jahren sei der größte Arbeitgeber der Stadt in die Pleite gerutscht, es gebe immer weniger Jobs. Ackerland werde immer knapper. »Die immer ärmere Bevölkerung entzweit sich, angefacht von Politikern, die damit bei ihrer Wählerschaft punkten wollen.«
Darin, dass das Versagen von Politik und Staat für das inzwischen zehnjährige Schwelen des Konflikts verantwortlich ist, sind sich Muslime und Christen, Fulani und Berom einig. »Unsere Politiker sind Lügner, sie heizen die Unruhen an, damit sie die wahren Probleme nicht angehen müssen«, wettert der Muslim Farouk. Und die christliche Missionarin Ghata stimmt zu: »Den Politikern geht es nur um Macht, Geld, Land, wir müssen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen.« (epd)
Marc Engelhardt
Verbissener Krieg der »Häuslebauer«
12. März 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Provokation in Stein und Beton: das von rechtsgerichteten jüdischen Siedlern im arabischen Stadtteil Silwan errichtete Hochhaus. Foto: Ulrich W. Sahm
Wohnhäuser – eigentlich Symbol friedlicher Existenz, sind im Nahen Osten eine Waffe im Kampf um Herrschaftsansprüche geworden. Ein Beispiel aus Jerusalem.
Ich fühle mich wohl hier und habe keine Angst. Meine Kinder sind hier glücklich«, sagt ein bärtiger Israeli mit der Kipa frommer Juden auf dem Kopf. Fernsehgerecht steht er vor einer flatternden israelischen Flagge auf dem Dach des siebenstöckigen Hochhauses »Beth Jehonatan« mitten im Silwan. Doch die Journalisten dürfen ihn nicht fotografieren.
Silwan ist ein arabisches Stadtviertel Jerusalems mit 40000 Einwohnern und klebt am Steilhang gegenüber dem Tempelberg. Obgleich sich der Mann »sicher« fühlt, hängt an keiner der 30 Wohnungstüren ein Namensschild, aus »Sicherheitsgründen«. Im Erdgeschoss, hinter einer Panzertür, sitzen schwerbewaffnete Sicherheitsleute. Mit Kameras wird die Umgebung ständig beobachtet. Am Sonntag wurde ein Jeep dieser Sicherheitsleute beschossen. Provokativ haben die rechtsgerichteten jüdischen Bewohner eine 20 Meter lange israelische Flagge an die Fassade des Hochhauses genietet und es nach Jonathan Pollard benannt. Der spionierte für Israel und sitzt seit 1987 in den USA im Gefängnis. Der Sprecher der Organisation »Priesterkrone«, Daniel Luria, erzählt mit hassverzerrtem Gesicht, wie 1882 Juden aus dem Jemen die ersten Häuser in Silwan errichteten, aber 1929 bei einem Pogrom vertrieben wurden. Dazu hatte Jerusalems Mufti, Hadsch Amin el Husseini, aufgerufen. »Und jetzt unternehmen wir alles, damit Juden wieder in Silwan leben.«
Illegal und ohne Rücksicht werden Häuser gebaut
Wenige Hundert Meter entfernt, zu Füßen der David-Stadt, wo Archäologen Befestigungen und unterirdische Wasserwerke aus der Zeit des Königs David ausgraben, empfangen Palästinenser die Journalisten in einem Zelt für »Palästinensisches Kulturerbe«. Die Stadtverwaltung habe beschlossen, alle illegal – ohne Baugenehmigung – errichteten Häuser in Silwan und im »Bustan«, in der Bibel als »Königsgarten« erwähnt, abreißen zu wollen, klagt Siad Abu Diab, ein Sprecher der vom Abriss ihrer Häuser bedrohten Araber. »Wie kann man behaupten, dass unsere Häuser illegal sind. Wir zahlen doch Stadtsteuern.«
Der Königsgarten war bis 1967 weitgehend frei von Häusern. Ohne Rücksicht auf archäologische Stätten oder Landschaftsplanung betreiben die Palästinenser eine gezielte »Siedlungspolitik«, genauso wie rechtsgerichtete Juden sich mitten in arabische Viertel einnisten. In einer im palästinensischen Zelt ausgeteilten Broschüre heißt es, dass Jerusalems Stadtverwaltung einen »kolonialen Angriff« gestartet habe, um die Stadt zu »verjuden«. Peinlich berührt muss Abu Diab allerdings gestehen, dass die illegalen Häuser an das Strom- und Wassernetz angeschlossen sind, und dass die Stadtverwaltung sogar eine Schule für die Kinder errichtet habe.
»Wir zahlen die Stadtsteuern, um unseren Ausweis nicht zu verlieren …« Gemeint ist der israelische Ausweis. Mit dem können sie sich frei in Israel bewegen und arbeiten. Das komplette israelische Sozialnetz mit Kranken-, Arbeitslosen- und Altersversicherung steht ihnen offen. Um keinen Preis in der Welt wollen sie in die autonomen Palästinensergebiete abgeschoben werden, wo es das alles nicht gibt.
Dennoch boykottieren Jerusalems Palästinenser seit 1967 die Stadtratswahlen, »um nicht die israelische Besatzung zu legitimieren«, so Abu Diab, fordern aber volle Gleichberechtigung. Der Wahlboykott bedeutet, dass rund 250000 Araber Jerusalems, ein Drittel der Stadtbewohner, nicht im Stadtrat vertreten sind. Von den jüdischen Stadträten erwarten sie dennoch Gelder für die arabischen Stadtviertel.
Bisher scheiterte jede Suche nach Kompromissen
Unter Bürgermeister Nir Barkat ist die Frage der illegalen Häuser in Silwan zur Zerreißprobe geworden. Ihr Abriss auf richterliches Geheiß würde das Pulverfass Jerusalem zur Explosion bringen, aber »Recht und Ordnung« wieder herstellen. Auch »Jehonathan Haus« müsste auf vier Stockwerke gestutzt oder ganz abgerissen werden. Aber das könnte Bürgermeister Barkat das Amt kosten.
Die Stadträtin Naomi Zur erzählte von der Möglichkeit, illegale Häuser zu legalisieren, »denn es ist doch sinnlos, sie abzureißen und dann mit Baugenehmigung wieder neu zu errichten«. Abgerissen sollten nur Häuser werden, die einem öffentlichen Park im Wege stehen oder mitten auf einer Straße gebaut wurden. Für Palästinenser wie Abu Diab wäre auch das eine »Kriegserklärung«. Alle Versuche der Stadtverwaltung, mit den Bewohnern von Silwan einen Kompromiss auszuhandeln, sind bisher gescheitert.
Seit dem Herbst kommt es alle paar Wochen zu Gewaltausbrüchen, etwa weil radikale Palästinenser eine französische Touristengruppe auf dem Tempelberg für »rechtsradikale Siedler« hielten, oder weil die israelische Regierung biblische Grabstätten in Hebron und bei Bethlehem, also im palästinensischen Gebiet, zum »israelischen Nationalerbe« erklärt hatte. Jetzt liefert Barkat einen neuen Auslöser für palästinensische Gewalt, weil ein Teil der Häuser im »Bustan« doch abgerissen werden soll, um Ausgrabungen zu ermöglichen und einen städtischen Park einzurichten. Barkat will die Bewohner freilich nicht abschieben oder vertreiben, sondern in Silwan selber umziehen lassen.
Von Ulrich W. Sahm, er arbeitet als freier Journalist in Jerusalem.
Kleine Hände ernten Kaffee
6. März 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Guatemala: Nur durch die Mitarbeit der Kinder können die Tagelöhner auf den Kaffeeplantagen überleben
Kaffeekult ist »in«: Verschiedene Sorten, unterschiedliche Röstungen, moderne Espressoautomaten sorgen für guten Geschmack – aber längst nicht immer für ein gutes Gewissen.

Kinderarbeit gehört zum Alltag auf Guatemalas Kaffeeplantagen. In diesen Tagen endet die diesjährige Erntesaison. Foto: Andreas Boueke
Die Hose des achtjährigen Miguel, hat mehrere Löcher, eins direkt über der linken Pobacke. Entweder hat er das noch nicht bemerkt oder es ist ihm egal. Wenn er sich reckt und streckt, um an die hohen Kirschen der Kaffeepflanzen zu gelangen, kann man sowieso sehen, dass er keine Unterhose trägt. »Manchmal sind wir richtig wütend,« schimpft er. »Es gibt Tage, da haben wir nicht genug zu essen. Dann tut uns der Magen weh.«
Miguel erntet Kaffee auf der Finca San Jaime im Osten des mittelamerikanischen Landes Guatemala. Bei der Ernte hat er sich einen Unterarm blutig gekratzt. Nun sitzt er im Schatten eines Kaffeestrauchs und leckt über die Wunde. »Manchmal hängen nur wenige Kirschen am Strauch,« sagt er. »Dann strengst du dich fast umsonst an.«
Miguels Bruder, der vierzehnjährige José, wischt sich mit einem schmutzigen Handrücken den Schweiß aus der Stirn. Er findet es nicht in Ordnung, dass kleine Kinder in der Hitze stehen und Kaffee ernten müssen. »Aber nur wenn wir alle zusammen arbeiten, wird es uns vielleicht eines Tages besser gehen,« glaubt er.
Der Fincabesitzer
Josés Mutter, Doña Marta, hält es für normal, dass alle ihre Kinder von klein auf arbeiten. Auch Doña Marta hat schon als kleines Mädchen gearbeitet. »Wir kämpfen mit den Kindern ums Überleben. Es geht ja nicht anders. Die Kleinen müssen das Arbeiten lernen, um Geld zu verdienen« Während Doña Marta spricht, schaut sie schüchtern auf den Boden. An ihren schmutzigen, mit Risswunden übersäten Füßen trägt sie einfache Plastiksandalen mit kaputten Riemen. »Ich sage meinen Kindern, dass sie hart sein müssen. Das tut mir weh, aber so ist das Leben.«
Dem Besitzer der Finca San Jaime, Don Jaime Bonifaz, gehören zahlreiche Ländereien im Westen Guatemalas. Er ist 64 Jahre alt, hat graues Haar und einen auffällig dicken Bauch. Aber er ist fitt und unternehmungslustig. Auf seinen Reisen nach Europa und in die USA verhandelt er mit Geschäftspartnern und genießt das Nachtleben von Miami und Rotterdam. Die Finca San Jaime ist der zentrale Standort des Landbesitzes von Jaime Bonifaz. Dort betreibt er auch eine Weiterverarbeitungsanlage für Kaffee, von der aus jedes Jahr rund fünfzigtausend Sack Kaffee in die Welt geschickt werden.
Der Lohn
Die Tagelöhner auf der Finca San Jaime bekommen 36 Quetzal für das Pflücken von vier Kisten voll Kaffeekirschen. Das sind etwa drei Euro für hundert Pfund. Soviel kann ein ausdauernder Arbeiter an einem Tag pflücken, aber nur, wenn die Bedingungen günstig sind. Mit der Hilfe seiner Kinder schafft er natürlich mehr.
Doña Marta und ihre beiden Söhnen haben an diesem Tag nur knapp zwei Euro verdient. José ist enttäuscht. »Es werden so 24, 26 Quetzal sein, obwohl wir zu dritt gepflückt haben. Aber zum Essen brauchen wir fast 30, 40 Quetzales. Es reicht also nicht.«
Ein Liter Milch kostet in Guatemala fast einen Euro. Auch Fleisch ist teuer. Das kann sich Doña Marta nur selten leisten. Dafür sind frisches Obst und Gemüse günstig. Aber der Warenkorb für eine ausreichende Ernährung, so wie ihn das Kinderhilfswerk UNICEF beschreibt, steht Doña Marta nie zur Verfügung. Sie verdient ja nicht einmal den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, und selbst der liegt weit unter dem Existenzminimum.
Der Verwaltungsassistent der Finca, Don Camilo, gesteht unumwunden ein, dass er den Tagelöhnern zu wenig zahlt: »Sie bekommen weniger als den Mindestlohn und das auch nur während der Erntezeit. Den Rest des Jahres gibt es keine Arbeit. So gesehen geht es ihnen hier zur Zeit noch gut. Richtig hart wird es erst wieder, wenn die Ernte vorbei ist.«
Kurz bevor die Sonne untergeht schleppen die Erntearbeiter ihre gefüllten Säcke aus allen Winkeln der Kaffeefelder bis zu einer Wegkreuzung, an der sie sich in eine Wartereihe hinter einem Lastwagen stellen. Auf der Ladefläche steht Don Camilo mit einem Schreibblock unterm Arm. Darin sind alle Familien registriert, die auf der Finca arbeiten. Hinter den Namen trägt er die jeweiligen Ernteergebnisse ein. Meist entscheidet Don Camilo nach Augenmaß über das Gewicht der Kaffeesäcke. Doch wenn er es genau wissen will, werden die Kaffeekirschen nach und nach in eine Holzkiste gefüllt, in die angeblich genau 25 Pfund passen.
Der faire Handel
Der junge Mann räumt ein, dass er nicht immer das exakte Gewicht in sein Heftchen notiert: »Wenn sich jemand nicht ordentlich benimmt, schreibe ich nicht alles auf. Zum Beispiel versuchen manche, mich reinzulegen, so wie der Mann dort drüben. Er hat gesagt, in seinem Sack seien fünf Kästen voll. Wir haben das überprüft. Es waren nur vier. Er wollte uns also bestehlen.« Die meisten Pflücker können weder lesen noch rechnen. Außerdem wissen sie, dass es sich nicht lohnt, einen Streit anzufangen.
In Deutschland interessieren sich zunehmend mehr Kaffeekonsumenten für die Arbeitsbedingungen der Erntearbeiter auf den Plantagen. In einigen Fällen kaufen die Betreiberfirmen der Kaffeebars die Bohnen direkt bei Kleinbauerkooperativen in den Anbauländern. So werden Zwischenhändler ausgeschaltet und die Produzenten bekommen einen sehr viel besseren Preis ausbezahlt. Ähnlich funktioniert das Prinzip des fair gehandelten Kaffees mit dem TransFair-Gütesiegel.
TransFair-Produkte werden heute in den meisten Supermarktketten sogar angeboten. So haben die Konsumenten in Deutschland die Möglichkeit, die Lebensbedingungen einiger kleiner Kaffeeproduzenten und ihrer Familien deutlich zu verbessern. Doch noch immer ist der faire Handel letztlich nicht viel mehr als eine kleine Marktnische. In Deutschland gibt es ihn sein 1970, mit dem mageren Ergebnis, dass heute zwei bis drei Prozent des Kaffees fair gehandelt wird.
Andreas Boueke
Zuflucht in den USA gefunden
26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Schulverweigerer: Das politische Asyl für Schulverweigerer weckt Interesse bei weiteren deutschen Eltern
In den USA gang und gäbe, in Deutschland verboten: Schulunterricht zu Hause. Das US-Asyl für eine deutsche Familie könnte jetzt zum Vorbild für weitere Schulverweigerer werden.

Immer wieder wollen einzelne Eltern ihre Kinder selbst unterrrichten, statt sie in eine Schule zu schicken. Foto: Ignacio Leonardi (sxc.hu)
Seit dem Urteil Ende Januar hätten mehrere Deutsche bei ihm angerufen, um sich über den Asylprozess zu informieren, bestätigt Michael Donnelly. Donnelly, Mitarbeiter der »Home School Legal Defense Association«, eines Rechtshilfeverbandes für Heimschülerfamilien, ist Anwalt der Eheleute Hannelore und Uwe Romeike aus dem baden-württembergischen Bissingen, die ihre Kinder aus »religiösen und Gewissensgründen« zu Hause unterrichten wollen und Zuflucht in den Vereinigten Staaten gesucht haben.
Die Romeikes waren im Sommer 2008 mit ihren fünf Kindern in die USA gekommen, um zu tun, was in Deutschland verboten ist, in den USA aber weit verbreitet: ihre Kinder selbst zu unterrichten. Nach Ansicht der Eheleute entsprechen die Schulbücher nicht ihren christlichen Werten. Sie fühlten sich verfolgt, weil die deutschen Behörden die Schulpflicht mit Bußgeldbescheiden durchsetzen wollten. Einwanderungsrichter Lawrence Burman gab ihrem Asylantrag statt. Die deutsche Haltung verstoße gegen »alles, woran wir als Amerikaner glauben«, zitiert die »Defense Association« den Richter. Man könne nicht verlangen, dass sich jedes Land nach der amerikanischen Verfassung richte, sagte Burman. Aber die Welt wäre »wohl besser«, wäre das der Fall.
Rund zwei Millionen Kinder werden nach Angaben des Erziehungswissenschaftlers Robert Kunzman von der Indiana University in Bloomington (Indiana) in den USA gegenwärtig zu Hause unterrichtet. Vermutlich liege die Zahl sogar höher, viele »Homeschool«-Eltern misstrauten Untersuchungen und hielten sich bedeckt. Aber nicht immer sei Heimunterricht in den USA so weit verbreitet gewesen, erklärt Anwalt Donnelly. Noch vor 30 Jahren hätten es »Homeschooler« in den USA so schwer gehabt wie heute Schulverweigerer in Deutschland. Man habe sich die Freiheit zur Heimerziehung von Bundesstaat zu Bundesstaat erkämpfen müssen.
Es gebe keine »typische Heimschulfamilie«, sagt Kunzman. Die Mehrheit sei konservativ christlich. Aber auch grundsätzlich autoritätsskeptische Eltern entschieden sich bisweilen zum Unterricht daheim. Gemeinsam hätten »Homeschooler« die »philosophische Überzeugung«, dass Eltern das Recht haben, selbst über die Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden.
Viele sehen Heimunterricht als ein Grundrecht an
Leider gebe es keine verlässlichen Daten über die Auswirkungen des »Home Schooling«, sagte Kunzman. Die »Home School Legal Defense Association« präsentiere eine Untersuchung, dass die von Eltern unterrichteten Kinder bei standardisierten Tests besser abschnitten als Schüler in staatlichen Einrichtungen. Aber diese Untersuchung sei nicht repräsentativ, und die Tests seien von den Eltern selbst vorgenommen worden.
Oft sind Heimschul-Eltern hoch gebildet, und sie organisieren mit Gleichgesinnten Kooperativen und Netzwerke zum Lernen. Andererseits setzen manche Bundesstaaten fast gar keine Kriterien für die Unterrichtsqualität. So müssen in Tennessee, wo die Romeikes nun leben, Eltern nur einen mit dem deutschen Hauptschulabschluss vergleichbaren High-School-Abschluss haben, wollen sie ihre Kinder unterrichten. Ausnahmen gibt es für gläubige Eltern. Stehen die zu Hause lehrenden Eltern nämlich in Verbindung mit einer kirchlichen Schule, brauchen sie laut Gesetz überhaupt keine Schulbildung für das Unterrichten ihrer Kinder bis zur achten Klasse. Danach wird ein High-School-Abschluss verlangt. Bei der Lehrplanwahl hält sich der Staat fast vollkommen raus.
Nach Ansicht von Diplom-Ingenieur Hanno Berg, Vater von sechs Kindern und Eigentümer zweier Läden für Homeschooler in Alpharetta (Georgia), ist Heimunterricht ein Grundrecht. Berg hat besonderes Verständnis für die Romeikes, ist er doch selbst 1992 aus Lüdenscheid in die USA ausgewandert, um seine Kinder zu Hause zu unterrichten. Berg brauchte damals kein Asylverfahren. Seine Aufenthaltsgenehmigung erhielt er über seine US-amerikanische Ehefrau Margaret. Dem zu Hause unterrichteten Nachwuchs gehe es bestens: Der älteste Sohn diene als Soldat in der US-Armee, der zweitälteste sei Offizier und gerade vom Einsatz in Afghanistan zurück. Es mache einfach keinen Sinn für Deutschland, das Heimschulmodell zu verbieten – und das würde gegen Grundrechte verstoßen. (epd)
Konrad Ege
Die Bombardierung Dresdens – Tragödie und Rettung
18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Holocaustgedenken: Ein neues Projekt ermöglicht Gespräche zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen

Michal Salomonovic im Bethaus der Jüdischen Gemeinde Ostrava (Ostrau). In dem Buch auf der rechten Seite, links unten, ein Bild seines Vaters, der von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Stutthof ermordet wurde. Foto: Steffen Neumann
Der tschechische Jude Michal Salomonovic überlebte vier Konzentrationslager und die Zerstörung Dresdens. Am 13. Februar war er wieder in der Stadt.
Michal Salomonovic hat begonnen, zu erzählen, als es immer weniger wurden, die das erlebt hatten. Er spricht vor tschechischen Schülern, und auch vor deutschen Jugendlichen aus Dresden. Möglich ist das durch ein neues deutsch-tschechisches Projekt der Dresdner Brücke/Most-Stiftung mit dem Collegium Bohemicum aus Usti nad Labem, das Gespräche zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen vermittelt. Salomonovic kommt aber nicht nur deswegen nach Dresden. Mit der Stadt und ihrer Zerstörung verbin-
det ihn seine ganz persönliche Geschichte.
Es ist die Kindheit als jüdischer Häftling der Nationalsozialisten. Bereits im Oktober 1939, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wird sein Vater mit einem der ersten organisierten Transporte von Juden überhaupt aus dem heimatlichen Ostrava ins polnische Nisko geschafft. Der Versuch, hier ein jüdisches Lager aufzubauen, misslingt. Der Vater darf zurückkehren und die Familie übersiedelt nach Prag. Doch dieser Schritt bringt ihnen kein Glück. Als dann mit der Konzentration der Juden an einzelnen Orten begonnen wird, sind sie wieder die ersten. Am 3. November 1941 bringt sie ein Transport ins Ghetto nach Litzmannstadt (Lodz). »Wir waren 1000 Menschen, ganze Familien, nur 46 haben den Krieg überlebt«, sagt Salomonovic leise, freundlich und bestimmt.
Die Freundlichkeit in Salomonovics Stimme irritiert. Als ob er seine Zuhörer vor der Grausamkeit, die er erlebt hat, in Schutz nehmen möchte. Und doch sagt er es bestimmt. In Litzmannstadt entschied sich sein Schicksal. Als sie im Ghetto ankamen, war er acht Jahre alt, die Grundschule musste er nach einem Jahr abbrechen. Während sein Vater ihm einen Platz in der Metallfabrik besorgen konnte, musste sich sein dreijähriger Bruder Josef verstecken. »Kinder und Alte wurden zuerst aussortiert und in den Tod geschickt«, begründet Salomonovic die Vorsicht.
Die Arbeit in der Fabrik brachte ihm jeden Tag eine Suppe zusätzlich. »Der Hunger war allgegenwärtig, wir lebten immer bis zum nächsten Bissen.« Für die Suppe musste der Junge zwölf Stunden an sieben Tagen der Woche arbeiten. In der ganzen Zeit ging ein Transport nach dem anderen Richtung Auschwitz ab. Die Arbeiter im Werk wurden verschont, bis das Ghetto im August 1944 aufgelöst und die restlichen Insassen ebenfalls nach Auschwitz deportiert wurden.
Nach etwa einer Woche Aufenthalt im Todeslager geschah das Wunder, die Gruppe brach samt mobiler Munitionsfabrik wieder auf. Neues Ziel war das Konzentrationslager Stutthof. Das Wunder hatte eine einfache Erklärung. Die Führung solcher Werke lag in den Händen von hochrangigen Nationalsozialisten, die dafür Sorge trugen, dass sie über genügend »arbeitsfähiges« Personal verfügten. Dass diese Sorge zynischer Eigennutz war und keine Lebensgarantie bedeutete, musste Salomonovic kurz darauf schmerzlich feststellen. In Stutthof fragten die SS-Aufseher, wer Vitamine braucht. Wer krank war, wurde gnadenlos umgebracht. Sein Vater sagte ihm: »Ich melde mich und gebe sie dann dir.« Michal sah den Vater zum letzten Mal. »Er hatte den Deutschen immer geglaubt«, beschreibt Salomonovic heute das Verhängnis seines Vaters.
Die Front rückte näher und bestimmte erneut den weiteren Weg. So landeten sie in Dresden, einer der wenigen deutschen Großstädte, die bis dahin vom Krieg verschont wurden. Hier befand sich ein wichtiges Eisenbahnkreuz, und konnte die Kriegswirtschaft ungestört auf Hochtouren produzieren. Die Arbeitskraft dafür stellten Zwangsarbeiter und jüdische Häftlinge wie Salomonovic, weshalb das Konzentrationslager Flossenbürg immer mehr Außenstellen in und um Dresden ansiedelte. »Wir wurden von Stutthof nach Dresden in offenen Waggons transportiert. Es war Winter, ungefähr so kalt wie jetzt«, fährt Salomonovic fort. Vom Bahnhof ging es zu Fuß in die Schandauer Straße. Eine Tabakfabrik wurde zum Munitionsbetrieb umfunktioniert.
Hier in den weitläufigen Kellergewölben überlebten sie den Bombenangriff im Februar 1945, der für die Familie Tragödie und Rettung zugleich war. Denn die herannahenden Flieger verhinderten, dass die SS Salomonovics Bruder Josef, den sie am Tag zuvor bei einer Kontrolle entdeckt hatten, umbrachte. »Dieser Angriff war schrecklich. Jedes Mal, wenn ich ein Flugzeug hörte, bekam ich vor Angst Durchfall«, erinnert sich Michal Salomonovic. Sie hatten Glück, in Dresden-Striesen fielen nur Brandbomben, die den Keller nicht erreichten.
Nachdem sie noch wochenlang zu Aufräumarbeiten eingesetzt wurden, gelang ihnen auf dem nachfolgenden Todesmarsch nach Bayern in Böhmen die Flucht. Nach dem Krieg kam Salomonovic immer wieder nach Dresden, das zu seiner Heimatstadt Ostrava eine Partnerschaft pflegt. Das Erinnern und Gedenken an Holocaust und Krieg ist ihm ein besonderes Anliegen. Deshalb kam er gerade zum Jahrestag des Luftangriffs, den Rechtsextreme seit Jahren zur Verharmlosung der Geschichte missbrauchen.
Steffen Neumann
USA: Die »Tea Party« auf der Suche nach einem Programm
11. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Die »Tea Party« bringt mit ihrer angestauten Wut die »geordnete« politische Welt der USA durcheinander. Obwohl niemand weiß, ob die rechtspopulistische »Tee Partei« Standbein hat oder ob sie zersplittern wird bei der Suche nach einem Programm und einem Führer.
Uns reicht’s, war das Leitmotiv beim ersten Parteitag am Wochenende in Nashville. Wir wollen »unser Land« zurück! Von Barack Hussein Obama, der jede Gelegenheit nutze, »die Verfassung zu zerstören, bevor wir sie retten können«, forderte der Eröffnungsredner Tom Tancredo, ein ehemaliger republikanischer Kongressabgeordneter.
Die »Tea Partei« nimmt ihren Namen von einer Protestaktion 1773 in Boston gegen die britische Kolonialmacht. Ein paar Dutzend amerikanische Rebellen kippten kistenweise Tee in den Hafen aus Protest gegen die hohe Teesteuer. Die Aktion gilt als Mitauslöser des Unabhängigkeitskrieges, der ein paar Jahre danach zur Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika führte. Man gehe in den Fußstapfen der damaligen Freiheitskämpfer, heißt es in der modernen »Tea Party«, kämpfe man doch auch heute um »Freiheit« von einer Regierung, die das Volk übertrieben besteuere, und zu viele Vorschriften mache – Obama besonders durch seine Gesundheitsreform.
Die Wut der »Tea-Party«-Aktivisten ist nicht so leicht zu erklären. Sicher gibt es weit auseinandergehende Meinungen zur Gesundheitsreform. Aber dem Präsidenten Landesverrat vorwerfen – er wolle die Verfassung zerstören? In den »Tea Party« versammeln sich frustrierte Bürger aus der Mittelschicht, die Angst haben, ihre »amerikanische Lebensweise« sei vom Aussterben bedroht. Und die überzeugt sind, dass sich »die Elite«, besonders die »Wall Street Liberalen« in der Demokratischen Partei, aber auch die dem »Establishment« verpflichtete Führung der Republikanischen Partei, nicht um den »Normalbürger« kümmere.
»Ganz von selber« ist die »Tea Party« nicht entstanden. Anheizer waren und sind rechte Geldgeber und Kommentatoren bei Rupert Murdochs konservativem FOX-Fernsehsender, die intensiv und linientreu über die Aktivisten berichten. Und nicht zu übersehen ist, dass man Obama offenbar besonders hasst, weil er einen Vater aus Kenia und eine Mutter aus Kansas hat. Viele Aktivisten halten Obama für einen illegitimen Präsidenten, und glauben an die eindeutig widerlegte Mär, er sei nicht einmal in den USA geboren. Fast ohne Ausnahme sind die »Tea-Party«-Aktivisten weiß.
Der weiße Grundton kommt oft durch. Etwa, wenn Ex-Gouverneurin Sarah Palin vom »wirklichen Amerika« spricht, das man nicht in den Großstädten finde (wo überproportional Schwarze und andere Minderheiten wohnen). Oder als der Redner Tancredo den »Kult des Multikulturalismus« anprangerte und behauptete, Obama habe nur gewonnen, weil Wähler keine »politischen Bildungs- und Lesetests« mehr machen müssten. Mit den Tests hatten weiße Politiker vor der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre Afro-Amerikaner vom Urnengang abgehalten. Während die »Tea Party« sehr gut weiß, was sie hasst und ablehnt, fehlt es freilich noch an einem Programm für das, was man gerne möchte.
Konrad Ege
Blutvergießen in Nigeria
4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Die Straßen von Jos nach den Unruhen: An zerstörten Geschäften und ausgebrannten Autos vorbei trägt ein Mann einen Sack Hirse nach Hause. Foto: picture alliance/dpa/George Esiri
Nigeria: Im Grenzgebiet zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden eskalieren Spannungen
Mehr als 200 Menschenleben kosteten die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen in der nigerianischen Stadt Jos.
Als vor zwei Wochen die Ausgangssperre zum ersten Mal seit Tagen aufgehoben wurde, blieben die Straßen in Jos in Zentralnigeria dennoch leer. »Wir haben nichts mehr zu essen im Haus, irgendwann müssen wir rausgehen«, sagt ein Bewohner der Stadt, die zuvor von Unruhen erschüttert wurde. »Aber ich habe Angst, dass wieder geschossen wird.« Seinen Namen will der Christ lieber nicht genannt wissen.
Spätestens seit 2001, als bei Unruhen zwischen Christen und Muslimen mehr als 1000 Menschen starben, ist Jos für Konflikte zwischen Religionsgemeinschaften berüchtigt. Kreuzzughaft anmutende christliche Missionsbewegungen sind in Jos ebenso zu Hause wie islamistische Kampfgruppen. Ihre Zielgruppen sind die Masse an Jugendlichen aus armen Familien unter den rund 860000 Einwohnern der Stadt, denen der Staat keine Perspektive bietet.
Was genau die jüngsten Unruhen ausgelöst hat, ist ungewiss. Womöglich stimmt die Geschichte, die Alhadschi Kabir Mohammed, ein muslimischer Bewohner von Jos, in der Presse erzählt. »Ich habe mein Haus wiederaufgebaut, das in den letzten Unruhen vor gut einem Jahr zerstört wurde«, so Mohammed. »Auf einmal kamen christliche Jugendliche auf Motorrädern und befahlen mir, zu verschwinden.« Von da an, sagte Mohammed, habe die Lage sich hochgeschaukelt. Irgendwann brannten Kirchen, Moscheen und Häuser, und Tote lagen auf den Straßen.
Andere sprechen von vorbereiteten Angriffen auf Christen nach der Sonntagsmesse. »Das war geplant, unsere Jugendlichen haben sich nur verteidigt«, erklärt Pfarrer Pandang Yamsat, der der »Kirche Christi« vorsteht, mit drei Millionen Mitgliedern eine der größten Glaubensgemeinschaften in der Region. Er sieht in den neuerlichen Unruhen eine Taktik, mit der Muslime Christen aus Jos vertreiben wollten. »Die Muslime wollen das Land alleine regieren, aber das geht nicht, es gehört Christen und Muslimen gleichermaßen.«
Nicht alle Christen teilen die Einschätzung von wütenden Kirchenführern wie Yamsat. »Die Auseinandersetzungen haben sehr wenig mit Religion zu tun«, sagt etwa Ignatius Kaigama, der katholische Erzbischof von Jos. Er setzt sich seit Langem für den Dialog zwischen Christen und Muslimen ein. »Religion wird instrumentalisiert, um ethnische und politische Interessen leichter durchzusetzen.« Kaigama warnt zudem vor der Macht von Gerüchten. Denen zufolge sollte auch seine Gemeinde angegriffen und die Kathedrale angezündet worden sein: »Das stimmt alles nicht, wer so etwas verbreitet, der lügt.«
Die wirklichen Ursachen des Konflikts sind sozialer Natur, meint auch der Muslim Shamaki Grad von der Menschenrechtsliga in Jos: »Nach den letzten Unruhen Ende 2008 sind die versprochenen Entschädigungszahlungen vom Staat nie geflossen. Die Leute sind arm und hoffnungslos, sie gehen aus Frust erneut auf die Straße.« Hinzu kommt: »Frühere Ausschreitungen sind nie aufgeklärt worden, niemand wurde verhaftet«, sagt Grad. »Deshalb gibt es hier ein Gefühl der Straflosigkeit.«
Nigerias Vizepräsident Goodluck Jonathan hat außer dem Militär auch den Chef des Geheimdiensts nach Jos entsandt. Er will präzise Informationen. Die Angst ist groß, dass sich die Gewalt wie ein Flächenbrand ausbreitet. In den umliegenden Bundesstaaten haben die Behörden die Polizei in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Offenbar zurecht: Nur wenige Stunden, nach dem im Zentrum von Jos Ruhe eingekehrt war, meldeten Bewohner neue Ausschreitungen in den Außenbezirken. Und in Pankshin, einer gut 100 Kilometer entfernten Stadt, wurde von brennenden Regierungsgebäuden berichtet. (epd)
Von Marc Engelhardt
Die Lage bleibt ernst
28. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Christenverfolgung: Ein Gespräch mit Markus Rode von »Open Doors«
Immer am Jahresanfang veröffentlicht das christliche Hilfswerk »Open Doors« seinen Weltverfolgungsindex.
Benjamin Lassiwe sprach darüber mit Markus Rode.

Markus Rode ist Leiter des überkonfessionellen Hilfswerkes »Open Doors«-Deutschland. Foto: Open Doors
Herr Rode, wie steht es zu Beginn des Jahres 2010 um die Religionsfreiheit?
Rode: Besorgniserregend. Besonders Christen in Nordkorea und in streng islamischen Ländern spüren keine Veränderung. Im Gegenteil: Nordkorea ist zum achten Mal in Folge mit Platz 1 der schlimmste Christenverfolgerstaat weltweit. Cirka 70000 Christen sind aufgrund ihres Glaubens im Arbeitslager. Unter den ersten zehn Ländern im Index sind acht islamisch geprägte Länder. Wir erleben einerseits, dass viele Muslime etwa im Iran oder auch Algerien am christlichen Glauben interessiert sind und Christen werden. Doch andererseits sind gerade in diesen Ländern der Druck und die Verfolgung von ehemaligen Muslimen hoch. Denn die persönliche Entscheidung eines Muslims, seine Religion zu wechseln, wird von religiösen Eiferern und häufig der Familie des Konvertiten nicht respektiert.
Was hat sich beim Weltverfolgungsindex im Vergleich zum letzten Jahr verändert?
Rode: In der islamischen Welt spüren wir massive Verschlechterungen. Der jetzige Drittplatzierte Saudi-Arabien ist von Platz zwei des Index abgelöst worden vom Iran. Dort gab es Verhaftungswellen, bei denen die Geheimpolizei Wohnhäuser gestürmt hat und 85 Christen wegen ihres Glaubens inhaftiert und misshandelt hat. Dramatisches hören wir auch aus Mauretanien, mit der größten Veränderung im Index. Zehn Positionen von 18 auf acht rückte das islamische nordafrikanische Land unter die ersten zehn schlimmsten Verfolgerstaaten. Voriges Jahr wurde dort ein ausländischer, christlicher Entwicklungshelfer von Islamisten ermordet.
Wie kommen Sie an solche Informationen – Länder wie Nordkorea sind ja gemeinhin abgeschottet?
Rode: Als Hilfswerk berichten wir nicht nur über verfolgte Christen, wir unterstützen sie auch. Das sind unsere Arbeitsgebiete. Zu Christen in Nordkorea beispielsweise unterhalten wir enge Kontakte, die sich im Laufe der Jahre – wir sind seit Mitte der 1990er Jahre dort aktiv – verdichtet haben. Dadurch erfahren wir auch, welche Hilfe für die Gemeinden dringend benötigt wird. Die Informationen kommen aus erster Hand und zuverlässigen Quellen.
Sind Sie in allen Ländern ihres Indexes aktiv?
Rode: Wir sind in über 50 Ländern aktiv, doch nicht aus allen können wir über die Projekte berichten, um die Christen vor Ort nicht zu gefährden.
Aber das ist ja genau die Frage: Nutzt es verfolgten Christen wirklich, wenn ein ausländisches Hilfswerk im eigenen Land eine Untergrundorganisation aufbaut?
Rode: Kirchenleiter vor Ort kennen ihr Land und die Bedürfnisse der Gemeinden am besten. Daher arbeiten wir mit ihnen, aber auch mit einheimischen Organisationen und Kirchen zusammen. Unsere Mitarbeiter sind einheimische Christen, die selbst Verfolgung erlebt haben. Wir entsenden keine Missionare etwa nach Nordkorea, die dann da eine Organisation aufbauen. Das war nie unsere Arbeitsweise. Sondern wir sprechen mit verfolgten Christen und unterstützen sie bei ihrem Dienst.
Wo hat sich die Situation der Christen denn verbessert?
Rode: Wenngleich sich die Situation in Algerien de facto nicht verändert hat, hat sie sich doch beruhigt. Das
ist auch dem internationalen Protest geschuldet. Die algerische Kirche wächst – was für Ärger unter den einheimischen Muslimen sorgt. Nachdem nach Erlass eines neuen Gesetzes viele Kirchen geschlossen wurden, haben Christen im Ausland und Politiker massiv protestiert. Oder Indien: 2008 hatte die Verfolgung von Christen im Bundesstaat Orissa einen Höhepunkt erreicht. Zwar kommt es in Indien weiterhin fast täglich zu Angriffen auf Christen, aber ein zweites Orissa gab es nicht.
Haiti: Der Kampf ums Überleben
21. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Warten auf Hilfe: Überlebende Kinder der Erdbebenkatastrophe in dem Karibikstaat Haiti vor einer Lebensmittelausgabestelle der Welthungerhilfe in Petionville. (Foto: picture alliance/landov)
Nach dem verheerenden Erdbeben am 12. Januar in Haiti arbeiten internationale Helfer fieberhaft daran, die Versorgung der Überlebenden zu verbessern. Auch eine Woche nach dem Beben herrschen weiter chaotische Zustände im Katastrophengebiet, viele Schwerverletzte warteten vergeblich auf medizinische Behandlung.
Die haitianische Regierung befürchtet bis zu 200.000 Tote. 250.000 Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt, 1,5 Millionen sind obdachlos. Behindert werden die Rettungsarbeiten nicht zuletzt durch das administrative Chaos.
Mehrere Minister sind vermisst, wahrscheinlich wurden auch sie Opfer des Bebens. Und nicht nur der Präsidentenpalast, auch Behörden und Verwaltungsgebäude sind großteils zerstört.
Die Missionare Volker und Annette Schnüll, die im Auftrag der Deutsche Missionsgemeinschaft (DMG) mit Sitz in Sinsheim seit Jahren in Haiti tätig sind, schildern die Situation auf der DMG-Internetseite als geradezu »apokalyptisch«. Durch die zentralistische Organisation des Landes wirkten sich die schweren Zerstörungen in der Hauptstadt Port-au-Prince besonders verheerend auch für die unzerstörten Regionen aus.
»Nichts kommt rein oder raus – keine Leute, keine Güter, nichts – außer über Port-au-Prince. Was dort nicht ankommt, fehlt irgendwann überall: Nahrung (fast alles wird eingeführt), Medikamente, Werkzeuge, Gas, Treibstoff … Mit Diesel wird in den meisten Orten der Strom produziert, ohne Diesel kein Strom«, so das Ehepaar. Aus seiner Sicht komme der Wiederaufbau des Landes einem vollständigen Neustart gleich.
Auf den zunehmenden Treibstoffmangel verweisen auch andere Organisationen. Viele Fahrzeuge und Helikopter könnten deshalb nicht eingesetzt werden, bestätigt Elisabeth Byrs, Sprecherin des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA), gegenüber dem Evangelischen Pressedienst.
Auch Martin Ruppenthal, Regionalbeauftragter der Christoffel-Blindenmission (CBM) mit Sitz in Bensheim, die in Haiti insgesamt sieben Hilfsprojekte betreut, berichtet aus der haitianischen Hauptstadt: »Das noch verfügbare Benzin wird verwendet, um die Generatoren der Krankenhäuser anzutreiben. Zwei Tage reicht es noch, dann kann nicht mehr operiert werden.«
Und das, wo in den Krankenhäusern des Landes so schon dramatische Zustände herrschen: »Der Konkurrenzkampf der Menschen hier ist fürchterlich. Sobald einer im OP ist, müssen die Angehörigen das Bett hüten, sonst ist es bei seiner Rückkehr aus dem OP besetzt«, heißt es etwa in einem ersten Bericht des Teams des DMG-Missionsarztes Eckehart Wolff aus Port-au-Prince.
Zudem fehlen nach Angaben der Diakonie Katastrophenhilfe Medikamente und medizinisches Personal. Gemeinsam mit Caritas international schickte die Diakonie deshalb am Montag ein Flugzeug mit Hilfsgütern nach Port-au-Prince. Darunter sind medizinische Nothilfepakete für 80000 Menschen, Zelte, Nahrungsmittel sowie Tabletten zur Wasserreinigung. Die Verteilung erfolgt mit lokalen Partnerorganisationen und den Partnern im globalen kirchlichen Hilfsnetzwerk ACT (Kirchen helfen gemeinsam).
Mit Haiti hat die Katastrophe das mit Abstand ärmste Land des amerikanischen Kontinents getroffen. Etwas kleiner als Belgien und mit 9,6 Millionen Einwohnern ist Haiti damit dichter besiedelt als Deutschland. Vier von fünf Haitianern leben unter der Armutsschwelle und müssen mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen. Die Bevölkerung bekennt sich mehrheitlich zum katholischen Glauben.
Harald Krille/epd
Wie man konkret helfen kann:
Die Landeskirchen und die Diakonischen Werke in Mitteldeutschland rufen dringend zur Unterstützung der Opfer des Erbebens in Haiti auf.
Die Diakonie Sachsen bittet um Spenden auf das Konto 100 100 100 bei der Landeskirchlichen Kreditgenossenschaft Sachsen (LKG), BLZ 850 951 64, Kennwort: Haiti Erdbebenhilfe
Die Diakonie Mitteldeutschland als Landesverband für Sachsen-Anhalt, Thüringen sowie Teilen Brandenburgs und Sachsens bittet um Spenden auf das Konto 800 8000, bei der Evangelische Kreditgenossenschaft Kassel,
BLZ 520 604 10, Kennwort: Erdbebenopfer Haiti.
Martin Luther in Down Under
15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Umgeben von Hochhäusern fällt sie dennoch auf: Sydneys deutsche lutherische Martin-Luther-Kirche an der Goulburn Street, wurde 1883 eingeweiht.
Freitags ist »Tag der offenen Tür«. Hier treffen wir die Kirchenvorsteherin Lotti Mardehl, die seit fast 30 Jahren in der dreieinhalb Millionenstadt lebt. Dreihundert Deutschsprachige seien als Gemeindeglieder eingetragen, berichtet die Lehrerin. Hinzu kommen aber noch solche, die kurzzeitig hier leben: Studenten, Praktikanten, Vertreter deutscher Firmen und Diplomaten.
Die Kerngemeinde besteht jedoch aus deutschen Heimatvertriebenen, die sich nach dem Krieg ganz neu orientierten und nach Australien auswanderten. Die deutschsprachigen Gemeinden in Sydney und Melbourne waren für sie die ersten Anlaufstellen bei Hilfe und Integration. Inzwischen sind diese Stützen der Gemeinde alt geworden. Lotti Mardehl nennt ein Beispiel: Die Säuberung der Kirche wurde früher abwechselnd unentgeltlich durchgeführt – jetzt erledigt das eine bezahlte Reinigungskraft. Und da die Kinder der meisten Gemeindemitglieder mit Australiern verheiratet sind und nicht am Ort leben, hat die Kirchengemeinde inzwischen ein eigenes Seniorenpflegeheim gebaut.
Sonntags ist Gottesdienst. Allerdings erst um elf Uhr. Die Besucher kommen aus einem Umkreis von bis zu 40 Kilometern. Sie nehmen nicht nur die hohen Fahrtkosten auf sich. Es sind auch Brückenzoll oder Tunnelgebühren zu entrichten. Und selbst am Sonntag kann man im Umfeld der Kirche nicht gratis parken. »Manche springen vom Kirchenkaffee auf, um wieder die Parkuhr zu füttern«, erklärt Mardehl. Der beengte Platz vor der Kirche ist auch einer der Gründe, weshalb nur wenige Trauungen hier stattfinden. Die Brautleute möchten ein anderes Umfeld für den schönsten Tag ihres Lebens: eines, bei dem die Gäste nach der Trauzeremonie auf einer Wiese zusammensitzen können.
Der Gemeindepfarrer ist zugleich Religionslehrer an der Deutschen Schule. Dadurch hat er Kontakt zu Jugendlichen, die dann auch in der Martin-Luther-Kirche konfirmiert werden möchten. Und nur zwei Häuser weiter gibt es ein Begegnungszentrum: die Martin-Luther-Stube. Hier kommen Jugendliche und junge Erwachsene regelmäßig zusammen.
Die deutsche Kirchengemeinde in Sydney hat eine lange Tradition. 1850 wurde zum ersten Mal ein evangelischer Gottesdienst in der Stadt gehalten. Der Pastor unterrichtete auch Mathematik und Sprachen und trug den Nachnamen Goethe. Formell gegründet wurde die Gemeinde aber erst 16 Jahre später, und weitere 17 Jahre musste die Gemeinde auf ein eigenes Gotteshaus warten.
In der Zeit des Ersten Weltkriegs konnte die Gemeinde trotz mancher Widerstände an ihren deutschsprachigen Gottesdiensten festhalten. Der Zweite Weltkrieg jedoch brachte einschneidende Veränderungen, weil die Pflege deutscher Sprache und Kultur in Australien verboten wurde.
Orte mit deutschen Namen wurden zwangsweise umbenannt, Deutsche und Deutschstämmige interniert. Die Kirche wurde als Lagerhalle und Quartier der australischen Armee genutzt. Eineinhalb Jahre nach Kriegsende bekam die Gemeinde dann die Kirche zurück. Der 1939 eingeführte Pastor konnte sein Amt unter eingeschränkten Bedingungen wieder aufnehmen.
Die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entsandten Pfarrer bleiben in der Regel zwischen sechs und zehn Jahren in Sydney. Pastor Dirk Wnendt ist allerdings gerade nach einem Jahr aus persönlichen Gründen wieder nach Bayern zurückgegangen. Nun muss die Gemeinde erst Mal mit einem Ruheständler, der zuvor in Davos tätig gewesen ist, vorlieb nehmen. Danach, so hoffen Kirchenvorsteher und Gemeindeglieder, wird dann wieder mehr Beständigkeit in die Gemeinde einkehren. Das Gehalt des Pfarrers muss übrigens von der Gemeinde selbst aufgebracht werden. Jedes Gemeindeglied zahlt so viel es kann. Doch: »In Zeiten der allgemeinen Rezession wird das auch immer weniger«, seufzt Mardehl.
Ilsemarie Straub-Klein
Deutsche Lutherische Kirche, 90 Goulburn Street, Sydney,
Telefon (02)97385733, E-Mail: pastor@kirche-sydney.org.au
Die Geister, die ich rief …
7. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Uganda: US-Evangelikale verurteilen den Plan für ein Anti-Homo-Gesetz – und sind doch die geistigen Urheber
Nach der internationalen Empörung über das geplante Anti-Homosexuellen-Gesetz in Uganda haben auch konservative evangelikale Christen in den USA das Vorhaben verurteilt.
Dabei haben sie selbst mit ihrer homofeindlichen Einstellung den Boden für das Gesetz bereitet. Der Entwurf entstand, nachdem in der Hauptstadt Kampala im März 2009 ein Seminar von evangelikalen Christen aus den USA stattgefunden hatte, in dem die Heilung von Homosexualität gepredigt wurde. Mit dabei: der ugandische Parlamentarier David Bahati, der die Vorlage im Oktober im Parlament einbrachte.
Export des evangelikalen Kulturkriegs nach Afrika
Sollte das Gesetz, das auch die Todesstrafe vorsieht, inkraft treten, würde Uganda zu den gefährlichsten Länder für Homosexuelle gehören. Der aus Sambia stammende anglikanische Pastor Kapya Kaoma sagte dem epd, konservative Evangelikale hätten ihren »Kulturkrieg« gegen Homosexualität nach Afrika exportiert, vor allem nach Uganda, Kenia und Nigeria. Beim US-Politikforschungsinstitut »Political Research Associates« veröffentlichte Kaoma eine Studie über die engen Verbindungen US-amerikanischer Kirchen zu Anti-Homosexuellen-Kampagnen in Afrika.
Bei ihrer Verurteilung von Homosexualität hätten die US-Amerikaner die Macht ihrer Worte vielleicht unterschätzt, sagte Kaoma. In den USA würden homosexuell orientierte Menschen durch Gesetze geschützt, in Afrika vielerorts aber nicht. Die Warnungen aus den USA gälten »vielen Afrikanern als Evangelium, nicht als Meinung«.
Nach dem Gesetzesentwurf soll für HIV-positive Menschen, die gleichgeschlechtlichen Sex haben, die Todesstrafe eingeführt werden, ebenso wie für Schwule und Lesben, die wiederholt gegen das Verbot von Homosexualität verstoßen. Zudem würde die »Propagierung von Homosexualität« unter Strafe gestellt. Jeder, der ihm bekannte Lesben, Schwule oder Homo-Aktivisten nicht anzeigt, würde sich strafbar machen und könnte zu drei Jahren Haft verurteilt werden. Homosexuellen, die des gleichgeschlechtlichen Sex für schuldig befunden werden, droht mindestens eine lebenslange Haftstrafe.
Der Entwurf löste eine Welle internationaler Empörung aus. Auch US-Außenministerin Hillary Clinton kritisierte das Vorhaben scharf. Medienberichten zufolge könnte das Gesetz bald vom Parlament beschlossen werden. Ugandas Präsident Yoweri Museveni kündigte allerdings wiederholt sein Veto an. US-Außenministeriumssprecher Jon Tollefson sagte, Museveni habe US-Diplomaten versprochen, das Gesetz zu stoppen. Bereits jetzt können nach ugandischem Recht sexuelle Akte, die »gegen die Natur verstoßen« mit einer bis zu 14-jährigen Haft bestraft werden.
Distanzierung nach anfänglichem Zögern
Nach anfänglichem Zögern sprachen sich nun mehrere konservative US-Evangelikale gegen das Gesetz aus, darunter republikanische Politiker, die Mitglieder des evangelikalen Verbandes »The Fellowship« sind. Dieser Gruppe gehörte angeblich auch Ugandas Präsident Yoweri Museveni an. Der evangelikale Prediger Rick Warren, der dem Wochenmagazin »Time« zufolge »immensen Einfluss« auf Ugandas politische Elite genießt, kritisierte das Vorhaben ebenfalls nach heftiger Kritik von Menschenrechtlern. Der Pastor der kalifornischen Megakirche »Saddleback Church« ist nicht Fellowship-Mitglied.
Warren setzt sich in Afrika für Aids-Kranke ein. Er hat Homosexualität wiederholt als gegen die Natur bezeichnet. In einer Weihnachtsbotschaft an Pastoren in Uganda nannte Warren den Gesetzentwurf jedoch »ungerecht, extrem und unchristlich«. Gleichzeitig sagte Warren, Jesus habe bekräftigt, was Moses geschrieben habe, nämlich, dass die »Ehe etwas für einen Mann und eine Frau« sei.
Bei den Befürwortern des Gesetzes stieß Warrens Botschaft auf Ablehnung. Warren habe doch selbst betont, man müsse Sündhaftes bekämpfen, schrieben sie in einer Antwort. Sie beklagten, »das Übel der Homosexualität« werde in den USA zunehmend akzeptiert, wie die Wahl der lesbischen Mary Glasspool zur Bischöfin der anglikanischen US-Episkopalkirche zeige.
Nach Ansicht von Pastor Kaoma weiteten konservative US-Evangelikale in den vergangenen Jahren ihren Einfluss in Afrika stark aus – etwa durch Missionare, Bibelschulen, Rundfunksendungen, Entwicklungshilfeprogramme und die gezielte Förderung konservativer afrikanischer Geistlicher. (epd)
Konrad Ege
Statt Tanne eine Casuarina
24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Indien: Weihnachten auf dem Subkontinent – ein Besuch im Mädchenheim der Tamilischen Kirche

Lichtertanz zum Weihnachtsfest: Im Kinderheim »Bethlehem« der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südindien wohnen rund 50 Mädchen und erhalten eine Ausbildung. Foto: LMW
Indien gilt als ein besonders spirituelles Land. Die Christen bilden dabei nur eine kleine Minderheit. Dennoch gilt Weihnachten als offizieller Feiertag.
Merry Christmas«, ruft es aus den Lautsprechern. Indien feiert Weihnachten. Bei 80,5 Prozent Hindus und 13,4 Prozent Moslems sind die 2,3 Prozent Christen in Indien eine Minderheit. Trotzdem sind die Weihnachtstage von der Regierung anerkannte Feiertage.
Auch das Mädchenheim der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Pattukottai, Südindien, bereitet sich für die Festtage vor. Um die 50 Mädchen leben in diesem Internat, um eine fundierte Ausbildung zu bekommen. Ihre Eltern sind arm, manche sind Waisen. Alle sind aufgeregt in der Weihnachtszeit. Seit Anfang Oktober sind alle mit den Vorbereitungen beschäftigt. Tänze und das Krippenspiel werden eingeübt, die Dekoration wird gebastelt. Sterne und Weihnachtsbilder finden ihren Platz in der Festhalle. Jedes Kind ist in die Vorbereitung mit eingebunden.
Janet und Lili gehören mit einigen anderen Kindern dem Kirchenchor an. Jetzt, zwei Wochen vor dem Fest beginnen die »Choral-Rounds«, das Weihnachtsliedersingen. Der Chor geht von Haus zu Haus und singt Weihnachtslieder. In jedem Haus werden die Sänger bewirtet mit Tee, Kaffee und Süßem. Zehn bis 15 Familien werden pro Abend besucht, so dass die ganze Gemeinde in den Genuss des Mini-Chorkonzertes kommt. Auch wenn Janet und Lili am Ende fast heiser vom vielen Singen sind, genießen sie doch diese Aufgabe.
Die Köchin Radha und drei Mädchen sind für drei Tage Helferinnen des »Sweetmakers«. Der Süßigkeitenhersteller baut den großen Kochtopf auf. Während er schon den Teig anrührt, füllen Radha und die Mädchen 30 Liter Öl in den Kochtopf. Das Mysore Pack, ein süßes Konfekt aus Kichererbsenmehl, und die salzigen Murukku aus Reismehl müssen im Öl zum Ausbacken schwimmen. Zu Weihnachten werden die Süßigkeiten nicht nur gegessen, sie werden auch an Nachbarn und Arme, egal ob Christen, Hindus oder Moslems verteilt. Der Geruch im Heim verbreitet sich und allen läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Man kann Weihnachten deutlich riechen.
Julie und Malathi dürfen mit anderen Kindern den Weihnachtsbaum schmücken. Natürlich findet sich keine Tanne in Indien, aber der Casuarina-Baum, der einer Kiefer ähnelt, ist ein fantastischer Weihnachtsbaum.
Weihnachtskarten, Luftballons, Girlanden und Sterne aus den Vorjahren finden ihren Platz am Baum.
Dann beginnt die Weihnachtsfeier des Mädchenheimes. Alle Eltern, Lehrer, die Nachbarn sind eingeladen, um die Feier mitzuerleben. Die Mädchen haben seit Oktober für das Programm geprobt. Der Stocktanz, der indische Tempeltanz, der Lichtertanz und die modernen Tänze werden mit Begeisterung vom Publikum aufgenommen. Das Krippenspiel ist der Höhepunkt: Die drei heiligen Könige kommen in goldenen Gewändern zur Krippe und bestaunen die Menschwerdung Gottes. Die Weihnachtsfeier endet mit der Verteilung der Geschenke – Süßigkeiten und ein neues Kleid. In jedem »Weihnachtshaus« in Indien schenken die Eltern ihren Kindern neue Kleidung, so sie in der Lage dazu sind. Die Eltern der Kinder aus dem Heim können das meist nicht. So ist die Freude umso größer, dass die Mädchen vom Kinderheim ein neues Kleid bekommen. Alle zeigen sich stolz untereinander ihre Geschenke.
Dann wird es Zeit für die meisten Mädchen sich von den Erzieherinnen zu verabschieden. Sie gehen in die Weihnachtsferien. Die Waisen bleiben im Heim. Das ist aber nicht nur traurig. Denn auf sie warten eine weitere Weihnachtsfeier im kleinen Kreis und die legendäre Talentshow. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte.
Von Ute Penzel
Italien: Eine höchst umstrittene »White Christmas«
17. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Die norditalienische Kleinstadt Coccaglio hat mit einer Kontrollaktion gegen Zuwanderer unter dem Motto »White Christmas« Proteste von Kirche, Gewerkschaften und Parlamentariern ausgelöst. Die von der Lega Nord regierte Kommune in der Nähe von Brescia kontrolliert mit der »Operation Weiße Weihnachten« bis Heiligabend den Aufenthaltsstatus von Zuwanderern. Falls diese abgelaufene Papiere vorweisen, verlieren sie ihren Wohnsitz.
Nach Auffassung des für Sicherheit zuständigen Stadtrats von Coccaglio, Claudio Abiendi, ist Weihnachten »nicht das Fest des Willkommens, sondern der christlichen Tradition, unserer Identität«. Bürgermeister Franco Claretti äußerte allerdings vorsichtig Verständnis für die Proteste. Die Bezeichnung »Operation Weiße Weihnachten« für Ausländerkontrollen sei »unglücklich«, gestand er ein. Der Name sollte demnach allein auf den Abschluss der Aktion am 24. Dezember hinweisen. Eine Anspielung auf die Hautfarbe derjenigen, die Weihnachten feiern, sei damit keineswegs gemeint. Die Stadtverwaltung setzt sich Claretti zufolge für die Integration von Zuwanderern ein, allerdings »auf der Grundlage genauer Zahlen«. Die Ausländerkontrollen dienen demnach einer statistischen Erhebung und nicht der Diskriminierung.
Claretti verteidigt die »Operation White Christmas« unter Hinweis auf Unterstützung seines Parteifreunds Roberto Maroni aus Rom. Der Innenminister habe die Aktion mit Vorschlägen für eine Umsetzung ohne juristische Schwierigkeiten unterstützt. Offenbar warnte er dabei nur vor juristischen Risiken, nicht vor der ungewollten Negativwerbung.
Während der Vatikan das Vorgehen der Behörden in der Kleinstadt kritisierte, verteidigte der örtliche Pfarrer den zuständigen Bürgermeister und den für Sicherheit zuständigen Stadtrat: »Coccaglio ist nicht rassistisch.«
Bürgermeister der Lega Nord machten zuletzt nicht nur durch Ausländerkontrollen in Coccaglio von sich reden, sondern auch durch die Aufforderung in San Martino dall’Argine bei Mantova illegale Zuwanderer anzuzeigen. Für die Fraktionsvorsitzende der Demokraten im Senat, Anna Finocchiaro, demonstriert die ehemalige Separatistenpartei damit ein »ausländerfeindliches, rassistisches und gewalttätiges Bild unseres Landes«.
Auf Druck der Lega Nord hatte Italien erst im Frühjahr gegen heftigen Widerstand aus Opposition und Teilen der Regierung den Straftatbestand der illegalen Einwanderung eingeführt. Nicht erst seitdem stellt sich die politische Stiftung des rechtsnationalen Kammerpräsidenten Gianfranco Fini von der Regierungspartei »Volk der Freiheit«, die Fondatione Farefuturo, in Zuwanderungsfragen auf die Seite der Opposition. Sie bezeichnete die Ausländerrazzia von Coccaglio schlicht als »vulgäre Instrumentalisierung« des Weihnachtsfests.
Bettina Gabbe
Nur 18 Zentimeter bis zum Untergang
10. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Noch bis zum 18. Dezember tagt in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen der Welt-Klimagipfel. Eine Nation allerdings fehlt am Verhandlungstisch, obwohl sie bedroht ist wie kaum eine andere: die Malediven.

Proben für den Ernstfall: Am 17. Oktober stiegen der maledivische Präsident Mohammed Nasheed und sein Kabinett in Taucheranzüge, um eine Kabinettssitzung unter Wasser abzuhalten. Foto: picture-alliance/dpa
Wir können uns die Teilnahme schlicht nicht leisten, unser Haushaltsdefizit war noch nie so hoch wie heute«, begründet der Präsident der Inselgruppe, Mohammed Nasheed, die Entscheidung. Das wenige Geld, das die Regierung trotz der globalen Wirtschaftskrise noch hat, ist wichtigeren Dingen vorbehalten. An erster Stelle einem Fonds, mit dem Nasheed ein neues Land für die rund 300000 Bewohner der Malediven kaufen will.
Denn den Trauminseln im Indischen Ozean, gelegen zwischen dem indischen Subkontinent und Afrikas Ostküste, droht der Untergang. Der höchste Punkt der gut 1000 Inseln liegt nur 2,4 Meter über dem Meeresspiegel. Das UN-Umweltprogramm (UNEP) geht davon aus, dass ein klimabedingter Anstieg des Meeresspiegels von nur 18 Zentimetern bereits weite Teile der Malediven unbewohnbar machen würde – die 60 Zentimeter, die manche Klimaforscher bis zum Jahr 2100 voraussagen, würden die Nation praktisch komplett verschwinden lassen.
Kein Wunder, dass Nasheed zu den lautstärksten Befürwortern eines verbindlichen Klimaabkommens gehört, über das in Kopenhagen verhandelt wird. »Wenn wir uns in Kopenhagen nicht auf eine Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad einigen, werden wir sterben«, warnt Nasheed, der Anfang des Monats einen Appell der vom Klimawandel bedrohten Nationen initiiert hat. »Was wir brauchen, ist ein Überlebenspakt, keinen Selbstmordpakt«, heißt es darin.
Um Öffentlichkeit für sein Anliegen zu schaffen, schreckt Nasheed vor nichts zurück. Mitte Oktober ließ der Präsident sein Kabinett in Taucheranzüge steigen, um bei einer Sitzung unter Wasser eine Erklärung zu ver-
abschieden, die zur Reduktion von Treibhausgasen in der industrialisierten Welt aufruft. Die Bilder gingen um die Welt. »Wenn die Malediven nicht gerettet werden, glaube ich kaum, dass es für den Rest der Welt noch Hoffnung geben wird«, verkündete der klatschnasse Präsident kurz danach.
Auch wenn die Regierung bereits für Landkäufe in Indien oder Australien spart, um die Bevölkerung notfalls umsiedeln zu können, hat man die Hoffnung auf den Malediven noch nicht aufgegeben. Auf einer kleinen Insel nördlich der Hauptstadt Male’ entsteht in den kommenden anderthalb Jahren die erste Windkraftanlage der Malediven, die die Hälfte des Strombedarfs decken soll.
»Wir tun das, weil wir ein Umweltbewusstsein haben«, so Nasheed, der von allen Entwicklungsländern Kohlendioxid-Neutralität fordert. »Wenn die, die am wenigsten haben, das meiste tun, welche Ausflucht gibt es dann noch für die Reichen, weiter untätig zu bleiben?« In zehn Jahren, so Nasheeds Vision, sollen die Malediven der erste CO2-neutrale Staat sein. Die Windanlage allein soll den Treibhausgasausstoß der Inselgruppe um ein Viertel senken.
Allzu groß scheint das Vertrauen der Insulaner auf erfolgreiche Klimaverhandlungen nicht zu sein. Davon zeugt Hulhumale’, eine Insel im Norden der Hauptstadt. Die Bewohner nennen sie schlicht »die Zukunft der Malediven«. Auf fast zwei Quadratkilometern sind hier seit 1997 Korallenschutt und Sand aufgeschüttet worden, bis das Atoll durchgehend auf zwei Metern über dem Meeresspiegel angehoben war. Erste Apartmentblocks, Läden und Moscheen stehen bereits. Bis 2020 soll hier ein Sechstel der Bevölkerung leben, vergleichsweise sicher vor dem Anstieg des Meeresspiegels. Eine Erweiterung ist bereits in Planung: Dann sollen 100000 Menschen auf der Rettungsinsel Unterschlupf finden.
(epd) Marc Engelhardt
Griechenland: Kirchlicher Protest gegen Sondersteuer
3. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Leere öffentliche Kassen und ein riesiger Schuldenberg – in Griechenland ist die Finanzlage hochgradig dramatisch. Höhere und neue Steuern sollen nach dem Willen der seit Oktober regierenden Sozialisten helfen, den Kollaps abzuwenden. Zu den anvisierten fiskalischen Neuerungen zählt auch eine einmalige Abgabe auf Immobilien. Besonders betroffen hiervon ist die griechisch-orthodoxe Kirche. Sie ist nach dem Staat der größte Land- und Hausbesitzer.
Der Klerus läuft Sturm gegen das »Unrecht«. Die Sondersteuer soll für die Kirche bei Grundstücken mit einem Wert ab 600000 Euro um 0,3 Prozent über dem Normalsatz liegen. »Weder Krieg noch eine Katastrophe« seien die Ursache für die aktuelle Situation, sondern allein eine missglückte Wirtschaftspolitik, sagt Erzbischof Theoklitos von Ioannina, oberster kirchlicher Finanzverwalter. Er stellt klar: »Wir weigern uns, für die Fehler anderer Leute zu zahlen.«
Nach den Plänen von Ministerpräsident Georgios Papandreou soll mit der Immobilien-Steuer die staatliche Unterstützung für arme Familien mitfinanziert werden. Die Regierung rechnet mit rund einer Milliarde Euro an Einnahmen. Die orthodoxe Kirche aber kontert, dass sie bereits »ein großes karitatives Werk« erbringe, dessen Fortbestehen nun bedroht sei. Sie unterhalte mehr als 800 Einrichtungen wie Waisenhäuser, Kindergärten, Kliniken oder Tafeln für Armenspeisungen. Erzbischof Theoklitos wirft der Regierung vor: »Sie nehmen es von den Bedürftigen für die Bedürftigen.«
Wenn schon die Steuer, dann solle die Kirche auch nur den normalen Satz zahlen. Und: Die Abgabe solle nur auf das Immobilienvermögen erhoben werden, das von der Kirche auch genutzt werden könne. Theoklitos erinnert zudem daran, dass der griechische Staat die Kirche schon mehrmals zur Ader gelassen habe. Zuletzt im Jahr 1952, als der bis heute gültige Staat-Kirche-Vertrag geschlossen wurde.
Das aktuelle Immobilienvermögen der orthodoxen Kirche Griechenlands belaufe sich auf rund 702 Millionen Euro, gab Theoklitos bekannt. Das Aktienvermögen bezifferte er auf neun Millionen Euro. Sollte es zur Auferlegung neuer Steuern kommen, würden die Körperschaften der Kirche vor dem Bankrott stehen, klagte der kirchliche Chef-Kassenwart. Doch auch der Staat hat gravierende Probleme: Das Haushaltsdefizit beträgt
12 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die Regierung hält sich mit öffentlichen Reaktionen auf die Position der Kirche noch bedeckt. Doch hitzige Debatten scheinen gewiss.
Giorgio Tzimurtas
Im Rollstuhl und voll im Geschäft
26. November 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Brot für die Welt: Hilfe zur Selbsthilfe – Mikrokredit verhilft Behindertem in Simbabwe zu Telefonladen
Richman Sinyoro sprüht vor Tatendrang. Dabei haben es Behinderte im politischen und wirtschaftlichen Chaos seiner Heimat Simbabwe besonders schwer.

Mit Energie in ein selbstbestimmtes Leben: Richman Sinyoro auf den Straßen von Bulawayo im südafrikanischen Simbabwe, im Hintergrund seine Frau Ntokozo Ngwenya, die ebenfalls behindert ist. Foto: epd-bild
Oft werden Behinderte in Afrika diskriminiert, und für viele Abergläubische hat Behinderung mit Hexerei zu tun. Doch der 43-Jährige im Rollstuhl, der mit Hilfe der evangelischen Hilfsorganisation »Brot für die Welt« eine eigene Firma in Simbabwe gegründet hat, steckt nicht auf.
Seine Frau Ntokozo Ngwenya mitgezählt, beschäftigt er schon drei Angestellte. »Und das Schulgeld für meine Kinder kann ich auch bezahlen«, berichtet der fünffache Vater bei einem Besuch in Bremen. Als Dreijähriger war Sinyoro an Kinderlähmung erkrankt. Seither kann er nur noch den Oberkörper und die Arme richtig bewegen und einsetzen.
Es wird geschätzt, dass etwa zehn Prozent der rund 12,4 Millionen Menschen in Simbabwe behindert sind. Für sie gibt es unter dem autoritären Präsidenten Robert Mugabe von Regierungsseite kaum Hilfen. Deshalb arbeitet »Brot für die Welt« seit mehr als 20 Jahren eng mit der nichtstaatlichen »Jairos Jiri Association« zusammen, die derzeit landesweit in Kliniken, Schulen und Zentren etwa 5000 behinderte Menschen fördert.
Auf seiner Deutschlandreise informiert Sinyoro über Kleinstkredite. Denn es war ein Mikro-Darlehen in Höhe von umgerechnet etwa 80 Euro, der ihm den Aufbau einer neuen Existenz ermöglichte. »Jairos Jiri hat mich ausgebildet und mir einen Job in einer Textilfirma vermittelt. Ich habe dort hart gearbeitet, aber immer zu wenig verdient. Meine Kinder konnten nicht zur Schule gehen«, sagt er.
Sinyoro sitzt zwar immer noch im Rollstuhl, ist aber auch voll im Geschäft: In der Provinzhauptstadt Bulawayo gründete er einen Telefonladen: »Die Menschen haben keine eigenen Anschlüsse zu Hause und wollen trotzdem zu jeder Tageszeit telefonieren. Also muss ich für sie da sein.« Den Call-Shop verband er mit einer Schneiderei und konnte den Kredit bald zurückzahlen. »Spitzenqualität in Schneiderei und Telefonie« steht als Slogan an seinem Geschäft.
Mit dem zurückgezahlten Mikrokredit wurde der nächste Existenzgründer gefördert. Die Lage in Simbabwe ist weiter schwierig, die Regierung gespalten. Nachdem eine galoppierende Inflation den Wert des Simbabwe-Dollars auffraß, zeigen Stabilisierungsmaßnahmen erste Wirkung. Gezahlt wird nun mit US-Dollars, dem südafrikanischen Rand oder dem botswanischen Pula. Die Regale vieler Geschäfte sind wieder voll, aber die Waren bleiben für viele Menschen unerschwinglich.
Trotzdem schmiedet Sinyoro Zukunftspläne. Eine weitere Telefonanlage und zwei Industrienähmaschinen stehen bereit. »Sobald Geld da ist, lege ich los«, hat er sich vorgenommen und betont: »Ich will zeigen, dass es sich lohnt, behinderten Menschen eine Chance zu geben.«
Dieter Sell (epd)
»Essen gehört nicht in den Müllcontainer«
Die 51. Spendenaktion von »Brot für die Welt« startet am 1. Advent mit einem Festgottesdienst in München. Sie steht unter dem Motto »Es ist genug für alle da«. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass vor allem die Menschen in den Industrieländern ihren Lebensstil ändern müssten, so »Brot«-Direktorin Cornelia Füllkrug-Weitzel.Essen gehöre nicht in den Müllcontainer, sondern »in die Bäuche der Hungernden«, setzt sie hinzu.
Spendenkonten:
Diakonisches Werk Mitteldeutschland, Evangelische Kreditgenossenschaft (EKK), BLZ 52060410, Konto 8008000Diakonisches Werk Sachsen, Landeskirchliche Kreditgenossenschaft (LKG), BLZ 85095164, Konto 100100100
Stichwort »Brot für die Welt« angeben sowie (falls benötigt) Name und Anschrift für die Spendenquittung.
Von der Pleiße auf den Ölberg
19. November 2009 von Gemeinsame Redaktion
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Begegnung in Jerusalem: Ein Leipziger Malermeister restauriert den Festsaal der Himmelfahrtskirche

Als Leipziger in Jerusalem: Malermeister und Restaurator Wolf-Christian Heindorf mit Sohn Peter vor der Auferstehungskirche. Foto: Harald Krille
Wolf-Christian Heindorf weiß genau, worauf es ankommt: »Die Farben dürfen nicht decken, sie müssen lasierend wirken.« Und: »Es geht gar nicht um Perfektion im Detail, sondern um den perfekten Gesamteindruck«, erklärt er im hellen Sonnenschein auf dem Jerusalemer Ölberg. Der Leipziger Malermeister und Restaurator gilt in der Messestadt seit Jahren als Spezialist für die Restaurierung von Gebäuden aus der Zeit des Historismus. Die hat Leipzig reichlich zu bieten, so dass Heindorf bisher, außer einem Auftrag in Bernburg, noch nie außerhalb gearbeitet hat.
Seit wenigen Wochen aber ist er mit seinem 21-jährigen Sohn Peter und drei weiteren Mitarbeitern in Jerusalem beschäftigt. Ihre Aufgabe: Bis Weihnachten soll der Festsaal der von Kaiser Wilhelm II. als Zeichen der Präsenz des deutschen Protestantismus im Heiligen Land gestifteten Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg im alten Glanz erstrahlen. »Mein erster Auslandsauftrag und dann gleich hier, wo sozusagen alles begann«, zeigt sich der Meister begeistert. Für den evangelischen Christen ist es mehr als nur ein gewöhnlicher Auftrag.
Begonnen hatte alles mit einem Anruf der Leipziger Kulturstiftung im Frühjahr diesen Jahres. Deren Geschäftsführer Wolfgang Hocquél hatte anlässlich eines Besuches in Jerusalem dem Leiter des evangelischen Zentrums auf dem Ölberg, Pfarrer Michael Wohlrab, Unterstützung bei der Sanierung des Saales zugesagt. Während die Kirche schon Ende der 80-er Jahre von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) restauriert wurde, zeigte der Saal noch die Folgen des Erdbebens von 1927. In Jerusalem fehlte es vor allem an Spezialisten für die Restaurierung anspruchsvoller Ausmalungen aus der Zeit des deutschen Historismus. Und auch an den benötigten Materialien. Deshalb flog Wolf-Christian Heindorf im Mai nach Israel, erstellte zunächst eine Befundsanalyse, eine Kalkulation – »na und dann wurde da eben ein Auftrag draus«, so der Restaurator.
»Meine Frau hat allerdings erst mal die Hände über den Kopf zusammengeschlagen«, berichtet er. »Sie wissen schon, die Medienhysterie von wegen Gewalt und Terror …« Nach einer gemeinsamen Urlaubswoche in Jerusalem war sie dann aber überzeugt, dass es dort nicht gefährlicher als in Leipzig ist und der Auftrag natürlich eine große Chance bietet. Seitdem hält sie ihrem Mann zu Hause den Rücken frei. »Denn ich musste natürlich auch einige lukrative Aufträge in Leipzig absagen«, konstatiert Heindorf.
Der Festsaal soll als Teil des Evangelischen Pilger- und Begegnungszentrums der Kaiserin Auguste Victoria-Stiftung als repräsentativer Raum für Empfänge, Vorträge oder Theaterabende zur Verfügung stehen. Wobei sich die Verantwortlichen der EKD im Heiligen Land besonders dem Gespräch und der Begegnung zwischen Juden, Christen und Moslems verpflichtet sehen. Im restaurierten Saal wird dann auch wieder das inzwischen in Deutschland restaurierte großformatige Barbarossa-Gemälde des Leipziger Künstlers Max Seeliger (1865–1920) seinen Ehrenplatz einnehmen.
Bis dahin ist für die fünf Leipziger Restauratoren allerdings noch viel zu tun. Dennoch: »Wir halten Sonntagsruhe wie in der Heimat«, betont der Meister. Am Sonnabend wird in der Regel ein halber Tag für einen kleinen Kulturausflug in Jerusalem und der Umgebung genutzt, am Sonntag steht meist eine größere Unternehmung auf dem Programm. »Demnächst wollen wir uns mal die Bauhausarchitektur in Tel Aviv ansehen, verrät Heindorf noch, bevor er mit seinem Sohn wieder auf das Gerüst muss. Denn auf Termintreue kommt es dem Meister schließlich auch an.
Harald Krille
Kalaschnikow für einen Sack Mais
13. November 2009 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Eine Welt
Berichtet: In Afrikas Kriegen tragen oft Kindersoldaten die AK 47 – Erfinder Michail Kalaschnikow wird 90
Sie ist ein wahrhaft globaler Akteur: Kein bewaffneter Konflikt der letzten Jahrzehnte fand in der Welt ohne das russische Sturmgewehr statt.

»Kinderleicht« zu bedienen: Ein 12-jähriger Junge mit einer AK 47 – das Bild entstand 2003 im Kongo. Foto: picture-alliance/dpa/dpaweb
1947 ging das Sturmgewehr in Produktion. Mehr als 60 Jahre später ist es immer noch in fast allen Krisenherden der Erde im Einsatz. »Niemand weiß wirklich genau, wie viele AK-47 im Umlauf sind«, sagt Wolf-Christian Paes vom Internationalen Konversionszentrum (BICC) in Bonn. Denn zahlreiche Länder bauten die Waffe in den vergangenen Jahrzehnten nach. Es gibt Produkte mit Lizenz, ohne Lizenz, nachgebaute Gewehre, das Nachfolgemodell AK-74. Schätzungen gehen von 60 bis 100 Millionen Kalaschnikows auf der Welt aus.
Handfeuerwaffen sind »Massenvernichtungswaffen«
Unter den mehr als 500 Millionen Kleinwaffen weltweit ist sie damit das am meisten verbreitete Sturmgewehr – und beteiligt am Tod vieler Menschen. »Die meisten Opfer in Konflikten werden durch Kleinwaffen getötet«, sagt Andreas Rister, Experte für Kinder in Konflikten bei der Hilfsorganisation »terre des hommes«. Sie seien die eigentlichen »Massenvernichtungswaffen«.
Nach UN-Angaben kommen täglich zwischen 800 und 1000 Menschen durch Kleinwaffen um. Und weil diese Revolver, Gewehre und Maschinenpistolen leicht sind, machen sie auch Kinder zu Tätern: Mehr als 300000 Minderjährige werden weltweit als Kindersoldaten eingesetzt.
Daran hatte Michail Kalaschnikow sicher nicht gedacht, als er 1941 im Lazarett lag und grübelte, wie er eine neue Waffe erfinden könnte. Sein Panzer war von der deutschen Wehrmacht zerstört, er selbst verletzt worden. Die Zeit der Genesung nutzte er, um ein neues Gewehr zu entwickeln. Er studierte Fachliteratur, diskutierte mit Bettnachbarn über die Vor- und Nachteile verschiedener Waffenmodelle.
Kalaschnikow wurde am 10. November 1919 in dem Dorf Kurja in der Altai-Region geboren. Er war eines von insgesamt 18 Kindern. Die Familie litt unter dem kommunistischen Terror, sie wurde nach Sibirien deportiert. Doch Kalaschnikow gelingt der langsame Aufstieg in der Sowjetunion. Im Zweiten Weltkrieg bringt er es erst zum Oberfeldwebel und Panzerkommandanten, durch die Konstruktion »seiner Waffe« wird er berühmt.
Technisch überholt, aber unverwüstlich
Die AK-47 galt bei den Militärs als perfekt. Sie funktioniert bei Kälte und bei Hitze, im Sumpf und in der Sahara, ist einfach zu bedienen und leicht zu reinigen. »Heute gibt es natürlich längst modernere Waffen, aber die Ka-
laschnikow ist Jahrzehnte haltbar, und deshalb immer noch so verbreitet«, erläutert Wolf-Christian Paes. Zudem sei sie billig. In einigen Ländern koste die AK-47 1500 US-Dollar, in anderen 300 Dollar oder weniger. Nach Angaben des Kinderhilfswerks UNICEF bezahlt man für eine Kalaschnikow in Nord-Uganda so viel wie für ein Huhn, in Angola bekomme man die Waffe für den Gegenwert eines Sackes Mais.
Michael Swoboda, Geschäftsführer der Firma German Sport Guns in Ense-Höingen bei Arnsberg in Nordrhein-Westfalen, glaubt, dass Kalaschnikow diese Entwicklung nicht gewollt habe. Er hat den russischen Konstrukteur im Dezember 2007 selbst getroffen. »Er kam zu uns ins Sauerland, um sich zu überzeugen, dass wir nur für zivile Zwecke produzieren«, erzählt Swoboda. Seitdem darf das Unternehmen unter dem Namen »Kalaschnikow« ein Sportgewehr herstellen.
Es ist die einzige Lizenz für Neuproduktionen weltweit. Auch eine kleine Ironie der Geschichte: Um Deutschland zu besiegen, ersann der von der deutschen Armee verletzte Kalaschnikow im Lazarett die Entwicklung einer modernen Waffe. Jetzt baut eine Firma aus dem Land des einstigen Gegners »sein Gewehr« für zivile Zwecke nach. (epd)
Von Michael Ruffert









