Die uramerikanische Religion

5. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Durch den Wahlkampf rückt die Glaubensgemeinschaft der Mormonen in den Blickpunkt

Der republikanische US-­Präsidentschaftskandidat Mitt Romney ist nicht nur Multimillionär, sondern auch prominenter Vertreter einer eigenwilligen Religionsgemeinschaft: der Mormonen.

Kein US-Präsidentschaftswahlkampf ohne Debatte über den ­religiösen Glauben der Anwärter. 2008 nahm man Barack Obamas kontroversen Pastor unter die Lupe. Vier Jahre davor George W. Bushs Angaben über seine Bekehrung Dank Billy Graham. 2012 ist Mitt Romney dran, der nach wie vor Spitzenreiter unter den republikanischen Kandidaten ist. Der Multimillionär und frühere Gouverneur von Massachusetts (2002–06) wäre der erste mormonische Präsident der USA. Das muss verdaut werden. Mormonen machen nur zwei Prozent der US-Bevölkerung aus.

Man kennt sie. Immer zu zweit, weißes Hemd, dunkle Hose, kurze Haare, oft per Fahrrad unterwegs. Die jungen Männer sind Missionare der »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage«, wie die Mormonen »richtig« heißen. In der ganzen Welt klopfen sie an Türen. Ihre weltweit rund 14 Millionen Mitglieder zählende Glaubensgemeinschaft verpflichtet zu diesem 18 bis 24 Monate langen Dienst. Gegenwärtig sind nach kirchlichen Angaben 53000 Missionare ­tätig, 450 davon in Deutschland. Auch Romney missionierte in seinen jungen Jahren.

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Erfolgreicher Finanz-Geschäftsmann und frommer Mormone: Mitt Romney will Präsident der USA werden. – Foto: picture alliance/dpa/Jeff Kowalsky

Willard Mitt Romney nimmt seinen Glauben offenbar ernst. Von 1981 bis 1986 war er Bischof einer Gemeinde und von 1986 bis 1994 Präsident des »Pfahls« von Boston in Massachusetts – einem Verband vom Gemeinden, vergleichbar mit einer Diözese. Im Präsidentschaftswahlkampf ist das Mormonentum ein Bremser: Viele US-Amerikaner wissen wenig über den Glauben, kennen selber kaum Mormonen, und gehen auf Distanz zu einer Religion, die manche Riten hinter verschlossenen Türen durchführt und bis 1890 Polygamie praktizierte. Auch Romneys Urgroßvater hatte noch mehrere Frauen.

Das Mormonentum ist eine durch und durch amerikanische Religion, entstanden im Jahr 1830 im Bundesstaat New York zu einer Zeit dramatischen spirituellen Umbruchs. Erweckungsprediger gründeten neue Kirchen und Gemeinschaften, vor allem im Nordosten der USA, warnten vor der Hölle und dem Weltuntergang. Da war es gar nicht so ungewöhnlich, dass der Bauernsohn Joseph Smith behauptete, ein Engel namens Moroni habe ihm eine neue Heilige Schrift übergeben. Die »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage« gründet sich seitdem auf dieses Buch Mormon, und die auf die angeblich »unvollständige« christliche Bibel.

Die Konflikte mit Gesellschaft und Politik waren vorprogrammiert, allein wegen der Vielehe und wegen wirtschaftlicher Streitigkeiten. Die Mormonen riefen bewaffnete Milizen ins Leben, wurden aber immer ­weiter nach Westen vertrieben. 1844 kandidierte Smith (zu dem Zeitpunkt mehr als dreißig Ehefrauen) für die US-Präsidentschaft. Im selben Jahr wurde er jedoch von einer anti-mormonischen Meute erschossen. Die Mormonen zogen weiter ins unwegsame Utah.

Heute sind die Mormonen, nach den Katholiken, dem Südlichen Baptistenverband und den Methodisten die viertgrößte US-amerikanische Kirche. Die meisten protestantischen Kirchen sind freilich der Ansicht, Mormonen seien keine Christen. Romney werde die Mormonen »weltweit legitimieren«, befürchtete der baptistische Theologe Philip Roberts in der »New York Times«. Und man wisse nicht, ob ein Präsident Romney auf die Kirchenführung in Salt Lake City hören werde, warnen Skeptiker. Echos von 1960, als John F. Kennedy Präsident wurde und manche Protestanten warnten, der erste Katholik im Weißen Haus werde »auf Rom hören«.

Das Leben der Mormonen konzentriert sich auf Familie (»die zentrale Einheit im Plan Gottes«) und Kirche, man bleibt gesellschaftlich etwas abgeschottet in Utah und im Westen der USA. Knapp drei Viertel der erwachsenen Mormonen sind verheiratet, verglichen mit 54 Prozent der »restlichen« US-Bevölkerung. Man lebt konservativ, engagiert sich politisch und wählt mit großer Mehrheit republikanisch. Die Männer haben das Sagen. Wohlhabender und gebildeter als der Durchschnitt, pflegten die Mormonen »traditionelle Werte« schon lange bevor konservative Evangelikale diesen Begriff zum Kampfwort machten.

Allmählich gewöhnt sich die Nation offenbar an Mormonen in der Politik. Fünf der 100 US-Senatoren sind Mormonen, auch der Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, Harry Reid. Natürlich freuten sich die Mormonen über Romneys Erfolg, kommentierte die mormonische Bloggerin Joanna Brooks. Aber der Erfolg mache auch nervös. Nun falle das Schlaglicht auf die schwierigen Kapitel der Kirchengeschichte: Die Vielehe, dass bis in die 70er Jahre Schwarze keine Priesterämter bekleiden durften, und die exklusiv männliche Kirchenhierarchie.

Konrad Ege

Sind Mormonen Christen?

Sie nennen sich »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage«. Darin ist der Anspruch ausgedrückt, die wahre Kirche Jesu Christi zu repräsentieren. Mormonen nehmen Bezug auf viele Begriffe und Vorstellungen, wie sie auch in der übrigen Christenheit von Bedeutung sind. Aber sie stellen der Bibel neue Offenbarungen zur Seite und interpretieren viele Dinge in grundlegend anderer Weise. Es wird überliefert, dass dem späteren Kirchengründer Joseph Smith der Engel Moroni gezeigt habe, wo goldene Platten mit einer Geheimschrift vergraben sind.

Daraus hat Smith in einem visionären Vorgang das Buch Mormon »übersetzt«. Dieses gilt aus Sicht der Gemeinschaft als der Bibel gleich gestellte Offenbarungsquelle. Hinzu kommen weitere Heilige Schriften wie »Die köstliche Perle« und »Lehre und Bündnisse«. Grundsätzlich ist aus der Sicht der Mormonen die göttliche Offenbarung nicht mit der Bibel abgeschlossen, sondern kann ständig weitergehen. Jeder amtierende Präsident der Mormonenkirche hat das Recht, neue Offenbarungen zu empfangen. Darum trägt er den Titel »Prophet«.

In diesem Umgang mit den Heiligen Schriften zeigt sich ein Grundprinzip mormonischer Heilslehre: die Vorstellung einer ständigen Entwicklung. Dies betrifft sogar Gott, der seinem Wesen nach lediglich ein erhöhter Mensch sei, der sich erst zu Gott entwickelt habe. Gott gilt auch nicht als der Schöpfer der Materie, sondern er habe sie lediglich geordnet. Der Weg zum Heil führt nicht über die Rechtfertigung durch den Glauben, sondern nur wer die göttlichen »Gesetze und Verordnungen« erfüllt, kann selig werden, heißt es in den »Glaubensartikeln«.

Ein Teil dieser Verordnungen wird in den mormonischen Tempeln nach geheim gehaltenen Ritualen durchgeführt. Dazu gehört u.a. die Versiegelung der Ehe, damit sie auch nach dem Tod in der himmlischen Welt gültig bleibt. Bekannter ist die Praxis der stellvertretenden Taufe für verstorbene nichtmormonische Familienangehörige.

Zu diesem Zweck wird von Mormonen umfangreiche Ahnenforschung betrieben.

In Freiberg in Sachsen steht bereits seit 1985 ein Mormonentempel – seinerzeit der erste im Ostblock. Mit der Erlaubnis zu dessen Bau wollte die DDR-Führung demonstrieren, dass religiöse Minderheiten nicht völlig unterdrückt werden. 2002 wurde er noch einmal erweitert und vergrößert. In Deutschland gibt es etwa 36000 Mormonen. In den Bundesländern Hessen und Berlin haben sie den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

Zu anderen Kirchen gibt es keine ökumenischen Kontakte – sind die Mormonen doch der Meinung, dass die Urkirche nach dem Tod der Apostel untergegangen ist und erst 1830 mit ihrer eigenen Organisation wieder neu begründet wurde. Wegen der stark unterschiedlichen Vorstellungen ist die mormonische Taufe von den anderen Kirchen nicht als christliche Taufe anerkannt. Mormonen selbst empfinden sich dennoch als Christen.

Harald Lamprecht
Der Autor ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der sächsischen Landeskirche.

Die wiedererfundene Gemeinde

4. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Moldau: In Chisinau ist die deutsche evangelische Kirche verschwunden, doch Einheimische haben sie wiederbelebt

Eigentlich gibt es seit dem Zweiten Weltkrieg keine Deutschen mehr im früheren Bessarabien. Doch in der moldauischen Hauptstadt ­ertönen seit einigen Jahren wieder deutsche Choräle.

Anna Dragan empfängt ihre Gäste im Tiefparterre des Plattenbaus. Der schlichte Saal wirkt aufgeräumt, auf den Plastiktischen stehen Kaffee und Kekse. Von der lauten, staubigen Straße aus sehen die Räume eher wie ein kleiner Laden oder wie ein Lokal aus. »Willkommen in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Sankt-Nikolai«, erklärt die energische Frau in feierlichem Ton. Sie stolpert manchmal über die deutschen Worte, aber hat Spaß an der Sprache. Anna Dragan kommt ursprünglich aus einem Bulgaren-Dorf im Süden der Republik Moldau, doch heute ist sie das Herz der Deutschen Gesellschaft »Einigkeit«.

Ältere Paare kommen und setzen sich auf Holzbänke und Klappstühle. Anna Dragan verteilt Gesangbücher für die kurze Andacht vor dem Gemeinschaftstreffen. Von den rund 50 Mitgliedern der Gemeinde sind an diesem Freitagnachmittag nur 15 gekommen. »Jeden Montag bieten wir aber auch Deutschunterricht, vor allem für die jüngere Generation«, ­berichtet die Anna. Gepredigt wird ­jedoch auf Russisch, denn das ist die Sprache, die alle hier verstehen.

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Gottesdienst im Tiefparterre des Plattenbaus: Pfarrer Valentin Dragan, der einzige evangelische Geistliche in der Moldau, zwischen den Ministranten Aleksei Kopper und Daniel Tertetschni, beim Dankgebet für die Spenden. – Foto: Dagmar Gester

Nach der Perestroika die eigenen Wurzeln entdeckt

Anna Dragans Mann, Valentin, ist seit acht Jahren der Pfarrer der Gemeinde – und der einzige evangelische Pfarrer in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldau. Seine Muttersprache ist der rumänische Dialekt der Moldauer, im Alltag spricht er, wie die meisten seiner Landsleute, Russisch. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeitserklärung seines kleinen Landes erfuhr Dragan, der früher als Techniker in ­einer Fabrik arbeitete, Näheres über seine Familie. Dragans Großmutter hieß Sophie Jeworski und ihr Vater – Wilhelm. Sie waren Bessarabiendeutsche. »Kurz darauf habe ich angefangen, Deutsch zu lernen«, erinnert sich Dragan.

Die Provinz Bessarabien, ein Streifen zwischen den Flüssen Pruth und Dnjestr, gehörte im 19. Jahrhundert zum Russischen Reich, die Zaren ­freuten sich über die deutschen Siedler, die vor allem aus Württemberg ­kamen. Die erste evangelische Gemeinde in Chisinau wurde 1827 gegründet und die ursprüngliche Sankt-Nikolai-Kirche wurde elf Jahre später eingeweiht.

»Vor dem Zweiten Weltkrieg betrachteten viele Bevölkerungsgruppen Bessarabien als ihre Heimat. Das Gebiet glich einem Flickenteppich, wo sich Juden, Rumänen, Polen, Ukrainer, Deutsche und Roma begegneten«, beschreibt der Bukarester Historiker Lucian Boia die Ausgangslage. Doch nach dem Hitler-Stalin-Pakt wurde die Provinz, die seit 1918 ein Teil Rumäniens war, von der Roten Armee besetzt.

Deutsche wurden Opfer des Hitler-Stalin-Paktes

Fast alle 100000 Deutschstämmigen verließen 1940 ihre Häuser und Bauernhöfe und folgten dem offiziellen Aufruf »Heim ins Reich«. Dragans Großmutter gehörte zu den ganz ­wenigen, die damals der Bevölkerungspolitik der Nazis nicht folgte – weil ihr Mann, Feodor Sotirca, in seinem Heimatdorf Floresti bleiben wollte. »Er war Moldauer und es war ihm egal, in welchem Land sein Dorf lag«, erinnert sich Dragans Mutter Evghenia.

Nach dem Krieg wurde Bessarabien wieder zur Sowjetrepublik Moldau. Feodor Sotirca, seine Frau Sophie und ihre Tochter Evghenia wurden wegen »Verrats« nach Sibirien deportiert. Erst nach Stalins Tod konnte die Familie nach Floresti zurückkehren. Die alte Sankt-Nikolai-Kirche wurde geschlossen und später abgerissen, an ihrer Stelle steht heute der Präsidentenpalast.

Im Februar 2000 wurde die Gemeinde dann allerdings wieder gegründet und ist inzwischen offiziell anerkannt. »Damals waren wir vielleicht 20 Leute und nur die ältesten hatten je in ihrem Leben eine Evangelische Kirche gesehen oder überhaupt jemals einem Gottesdienst beigewohnt«, erinnert sich Pfarrer Dragan. »Mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus begannen viele ehemalige Sowjetbürger, nicht nur bei uns in der Moldau, nach einer neuen Identität zu suchen. Zugehörigkeiten wurden wiederentdeckt – oder wiedererfunden«, erklärt die Historikerin Diana Dumitru, die an der Staatsuniversität in Chisinau zeitgenössische Geschichte unterrichtet.

Valentin Dragan wollte immer mehr über seine Familie erfahren und interessierte sich für Theologie. Er wollte evangelisch werden. Heute ­feiert er jeden zweiten Sonntag um 10 Uhr den Gottesdienst. Zusammen mit seiner Frau fährt er bereits zwei Stunden vorher zu dem Tiefparterre, das in einem der anonymen Plattenbauviertel der moldauischen Hauptstadt liegt. Der Saal muss jedes Mal umfunktioniert werden:

Valentin und Anna Dragan räumen die Plastiktische weg, reihen die Holzbänke ordentlich hintereinander und bereiten sich für die Zeremonie vor. »Seit sieben Jahren stellen wir Anträge bei der Hauptstadtverwaltung, um ein kleines Grundstück zu bekommen. Dann könnten wir vielleicht mit unseren ­bescheidenen Mitteln eine kleine Kapelle bauen. Doch bis heute ist nichts passiert«, beschwert sich der Pfarrer.

Kleine und arme Gemeinde, aber mit Sozialprojekt

Unter der Woche wird das Tiefparterre zum Speisesaal. Gut zehn Bedürftige aus der Nachbarschaft, vor allem Rentner und Behinderte, bekommen montags bis freitags eine warme Mahlzeit. »Vor ein paar Jahren hatten wir genug Geld für 20 Leute, doch die Kosten von Energie und Lebensmitteln sind mittlerweile so gestiegen, dass wir es nicht mehr schaffen«, sagt Anna Dragan, die 2005 die Idee für dieses kleine Sozialprojekt hatte.

Gilt doch die Republik Moldau mit einem monatlichen Durchschnittslohn von 150 Euro nach wie vor als ärmstes Land Europas. »Viele unserer Mitglieder sind ältere Leute, die von einer Rente von 80 Euro im Monat ­leben müssen. »Wir haben es gerade nicht leicht, aber das ist nicht Sibirien. Unsere Eltern haben schon schwierigere Zeiten erlebt«, sagt Anna Dragan zuversichtlich.

Silviu Mihai

»Der Geist ist’s, der lebendig macht«

Die Bibel lesen und verstehen – Gedanken zur Auslegung der Heiligen Schrift

Die mittelalterliche Kirche lehrte einen vierfachen Schriftsinn und stellte zunehmend die kirchliche Lehrentwicklung neben oder gar über die Bibel. Dem widerspricht Luther mit seinen berühmten Worten »sola scriptura«. Allein die Bibel soll der Maßstab für Glaubensfragen sein.
Trotz dieses Grundsatzes gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Bibel auszulegen. Die Methode, die bei einer Bibelinterpretation angewendet wird, ist oft Anlass für theologische Streitigkeiten.

Da gibt es das bekannte Jesus-Wort aus der Bergpredigt (Matthäus 5,18): »Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.« Die darauf folgende Radikalisierung eines Teils der Zehn Gebote unterstreicht das Bestreben, die Bibel wörtlich zu nehmen. Das biblische Wort soll nicht durch verschiedenes Hin- und Herreden weich gespült werden.

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Symbol des Heiligen Geistes: die Taube - hier in einer Darstellung auf dem sogenannten Heilig-Geist-Fenster im Petersdom in Rom. – Foto: Archiv

Einige Verse weiter lesen wir (5,32) »… wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe.« Unsere kirchliche Praxis ist anders. Auch folgende Maßgabe aus der Zeit Jesu ist schon viele Jahrhunderte in der Kirche nicht mehr üblich: »Wenn einer stirbt und hat keine Kinder, so soll sein Bruder die Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen erwecken.« (Matthäus 22,24; vgl. 5. Mose 25,5f). Es gibt viele Bestimmungen im 3. Mose, die für uns Christen nicht mehr relevant sind, wie zum Beispiel die Beschneidung (12,3).

Wer legt nun fest, welche Anliegen der Schrift wörtlich zu nehmen sind und welche nicht? Soll es dafür eine menschliche Institution geben? Oder darf das jeder für sich selbst festlegen? Nach dem Grundsatz von »sola scriptura« wollen wir in der Bibel weiter schauen.

Im Johannesevangelium (6) kommt es zu einer Auseinandersetzung darüber, wie Brot und Wein in Jesus Christus zu verstehen sind. Wir lesen die provokanten Sätze von Jesus: »Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige ­Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken« (6,54). Das ist selbst den Jüngern zu viel, sodass ­Jesus die Deutung gibt: »Der Geist ist’s, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben« (6,63).

Der Heilige Geist schenkt die tiefere Bedeutung, der Buchstabensinn ist nur unnützes Fleisch in diesem Bild. Diesen Gedanken der tieferen Bedeutung greift auch Martin Luther auf. Der Maßstab für die Bibel selbst ist das, was Christum treibt. So schreibt Luther in der Vorrede des ­Jakobus- und Judasbriefes (1522) »Auch ist das der rechte prufesteyn alle bucher zu taddelln [beurteilen] wen[n] man sihet ob sie Christu[m] treyben odder nit.«

Der barmherzige Gott steht im ­Vordergrund der Verkündigung Jesu. Und er selbst wird durch die Barmherzigkeit Gottes zu dem Christus, der unser Heil bringt.

Folglich kommt es bei der Auslegung der Heiligen Schrift darauf an, zu ergründen, worin die Barmherzigkeit Gottes besteht, wodurch sie neues Leben stiftet und Neuanfänge des Glaubens ermöglicht. Das ist die Mitte der Heiligen Schrift, die in dem Doppelgebot der Liebe einen wichtigen Ausdruck findet (Matthäus 22,37-40). Eine solche Bibelinterpretation wird der reformatorischen Theologie des »sola scriptura« gerecht.

Der Glaubende ist bei der Bibel­interpretation herausgefordert, den tieferen Sinn der Heiligen Schrift zu ergründen, der den Geist Gottes lebendig werden lässt. Das kann auch bedeuten, dass wir uns von überlieferten kirchlichen Einschätzungen verabschieden müssen.
Immer dann, wenn die Kirche einseitig mit Gesetzen und nicht mit der Barmherzigkeit agierte, hat sie die Menschenherzen verloren. Das war nach dem 1. Weltkrieg so, als nach der Umstrukturierung der Finanzen nur noch diejenigen Mitglied der Kirche sein konnten, die die Kirchensteuer bezahlten. Das war auch in der Auseinandersetzung mit der Jugendweihe so, als man meinte, zwischen echten und unechten Konfirmanden unterscheiden zu müssen.

Luther selbst konnte auch die Bibel kritisieren. Die bekannteste Redewendung ist die über den Jakobusbrief als »stroherne Epistel«, weil dieser Brief stärker die Werkgerechtigkeit betont, als es die übrigen neutestamentlichen Schriften tun. Wir haben mit der Barmherzigkeit Gottes zu prüfen, ob biblische Urteile auf vergleichbare Situationen heute noch zutreffen. Dabei kann uns die Bibelforschung helfen, den konkreten Kontext eines Bibeltextes zu beleuchten.

Jede Generation wird immer wieder neu um die Wahrheit des biblischen Zeugnisses ringen.

Reinhard Junghans
Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Leipzig.

Ein Drama in fünf Akten

2. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden zeigt eine Ausstellung über Leidenschaften

Sie führen zu Kriegen und aufreibenden Nachbarschafts-Fehden, sie stacheln zu Höchstleistungen an und zu den größten Gemeinheiten: Die Leidenschaften. Ohne sie wäre das Leben kaum vorstellbar. Selbst der blasseste Langweiler pflegt noch irgendeine heimliche Vorliebe. Nach Ausstellungen über Glück, Schlaf oder Arbeit wendet sich das Deutsche ­Hygiene-Museum Dresden einer weiteren Seite des menschlichen Lebens zu; seiner unberechenbaren Gefühlswelt.

Die Sonderschau »Die Leidenschaften. Ein Drama in fünf Akten« bietet einen kulturgeschichtlichen Überblick über den Ausbruch von Emotionen bis zu deren Beherrschung. Sie wolle die Geschichte der Leidenschaften über 3000 Jahre von der Antike bis zur Gegenwart erzählen, sagt die in Australien geborene Kuratorin, Catherine Nichols. Sie spricht zwar von einem »verworrenen Feld«. Aber: »Wenn wir gut zusammen leben wollen, ist es das Thema«, betont sie.

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Das lebensgroße Modell eines Krokodils, es hängt über einem Esstisch, symbolisiert die im Menschen schlummernde Bestie. – Foto: Deutsches Hygienemusieum

Nichols trug für die 800 Quadratmeter Ausstellungsfläche knapp 400 Exponate zusammen. Zu den 87 Leihgebern aus dem In- und Ausland zählen das Victoria & Albert Museum in London, das Historische Museum Luzern und das Jüdische Museum Frankfurt/Main. Die Exponate – vom Filmausschnitt einer leidenschaftlichen Kussszene mit Burt Lancaster und Deborah Kerr über Apparaturen aus der Gefühlsforschung bis zum Tatwerkzeug eines Affektmordes – illustrieren positive Leidenschaften wie Liebe, Begierde, Freude, Staunen und negative wie Hass, Zorn, Angst, Scham, Trauer, Neid und Ekel.

Wie es sich für die großen Gefühle gehört und im Titel bereits anklingt, verlegte Nichols ihre Ausstellung in die Welt des Theaters. Sie arbeitete mit der französisch-iranischen Opernregisseurin Mariame Clément und der Berliner Bühnenbildnerin Julia Hansen zusammen. Die Besucher durchschreiten am Anfang einen ­Bühnenvorhang und kommen an fünf Bühnenbildern vorbei. Sie sehen eine immer wiederkehrende, gut bürger­liche Wohnung; Küche, Bad, Schlafzimmer, Wohnzimmer.

Zunächst sieht die Wohnung pingelig aufgeräumt aus, im zweiten Bild schleicht sich langsam Unordnung ein und im dritten bricht das Chaos aus. Die Räume symbolisieren, wie sich Konflikte zusammenbrauen und dann voll ausbrechen. Kuratorin Nichols spricht von einem »verspielten Umgang mit den Leidenschaften, wie man es vom Theater kennt«.

In der Tat wird die 0815-Wohnung von vielen überraschenden Exponaten dekoriert. Das lebensgroße Modell eines Krokodils symbolisiert die im Menschen schlummernde Bestie. Später stehen die Möbel auf einer schiefen Ebene. Alles scheint ins Rutschen zu kommen und die Leidenschaften zeigen sich mit ihrer ganzen zerstörerischen Wucht.

Die Möbel sind zertrümmert, eine Gipsleiche liegt da, die Titelseite einer Zeitung vom Tag nach dem Erfurter Amoklauf im Jahr 2002. Auch Exemplare der Schuhsammlung des Barons Peter Ludwig Heinrich von Block finden sich im Chaos. Der ehemalige ­Inspektor des Dresdner Grünen Gewölbes veruntreute in seiner Sammelleidenschaft königliche Schätze und kam in Festungshaft.

Doch nach dem Sturm kehrt wieder Ruhe ein, der analytische Blick auf die Leidenschaften gewinnt wieder die Oberhand. Wie gehen wir mit ihnen um, wie halten wir sie im Zaum? Eine Rolle spielen dabei unter anderem Religion und Erziehung mit ihrem System aus Strafe und Lob. Daneben gibt es aber auch Räume, in denen Leidenschaften ausgelebt werden dürfen, das eheliche Schlafzimmer, Sportstadien oder das Theater.

Im letzen Akt mit dem Titel »Auf­lösung« bringen die Ausstellungsmacher eine mögliche weitere Leidenschaft ins Spiel, die Mitleidenschaft. »Nur indem wir fühlen, können wir auch mitfühlen«, sagt Kuratorin Nichols. Ein Perspektivwechsel bietet scheinbar frische Luft und Raum für Nachdenklichkeit. Kunstrasen, Parkbänke, ein Haus, in das der Besucher nun von außen blickt. Wie zeigt sich Mitmenschlichkeit, die letztlich die Gesellschaft zusammenhält?

Auf einer Litfaßsäule ist von Gotthold Ephraim Lessing zu lesen: »Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste«. Es gehe nicht um eine Utopie, sagt Nichols. »Mitleid ist aber nur dann gut, wenn man auch handelt«, betont sie.

Die Ausstellung ist bis 30. Dezember dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Marius Zippe (epd)

www.dhmd.de

Israel braucht eine Vision vom Frieden

27. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie der palästinensische Pfarrer Mitri Raheb auf die Kritik an der Vergabe des Deutschen Medienpreises reagiert

Die Auszeichnung des palästinensischen Pfarrers Mitri Raheb mit dem Deutschen Medienpreis stößt bei der Deutsch-Israelischen Gesellschaft sowie in christlich-jüdischen Orga­nisationen auf Kritik. Dem Theologen wird vorgeworfen, »judenfeindliche Stereotypen neu zu beleben«, weil er 2010 gesagt habe, das Jesus Palästinenser und kein Jude sei. Am 24. Februar wird er in Baden-Baden für seinen Einsatz zur Verständigung von Christen, Juden und Muslimen geehrt. Mit ihm sprach Benjamin Lassiwe in Berlin.

Mitri Raheb ist lutherischer Pfarrer in Bethlehem.

Mitri Raheb ist lutherischer Pfarrer in Bethlehem.

Herr Raheb, wie sieht die Situation der arabischen Christen in Palästina aus?
Raheb:Die Situation ist schwierig, weil die israelische Besatzung seit 1964 weitergeht. Der sogenannte arabische Frühling hat die ganze Region aufgewühlt, und die Auswanderung lässt die Zahl der Christen abnehmen. Das alles sorgt dafür, dass die Lage nicht sehr ruhig ist.

Vor welchen Aufgaben stehen die Christen der Region?
Raheb:Für die Christen ist es eine ganz wichtige Aufgabe, zu einer gemeinsamen Position zu kommen. Denn die Region braucht eine Vision. Israel braucht eine Vision vom Frieden. Die Palästinenser brauchen eine Vision, wie ihr Leben in Würde sein kann. Die ganze Region sucht nach ­einer neuen Vision von einer pluralistischen Zivilgesellschaft, in der es Rechtsstaatlichkeit und Freiheit, Pres­se- und Religionsfreiheit gibt.

Das »Kairos-Papier«, das Sie mitverfasst haben, enthält auch einen Boykottaufruf für israelische Produkte – passt das zu einer Gesellschaft von Freiheit und Demokratie?
Raheb:Klar, weil wir im Kairos-Dokument dazu aufrufen, Sachen zu boykottieren, die die Besatzung unterstützen. Wir rufen nicht zum Boykott von Israel auf, sondern von Sachen, die die israelische Besatzung unterstützen. Das muss man unterscheiden. Und der Grundsatz dafür ist der mündige Bürger. Er muss Entscheidungen treffen, mit seinem Gewissen beurteilen können, ob das, was er kauft, den falschen Leuten zugutekommt.

Sie sollen in einem Vortrag gesagt haben, dass Jesus Palästinenser und kein Jude gewesen sei.
Raheb:Nein, nein, nein. Das können Sie nirgendwo lesen. Das habe ich ­nirgendwo gesagt. Das ist ein falsches Verständnis von Geschichte. Das ist eine Verleumdung.

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen den christlichen Palästinensern und der jüdischen Mehrheitsbevölkerung in Israel?
Raheb: Ich denke, die Christen sind kein Thema für die jüdische Mehrheit. Ich persönlich glaube, dass Juden, Christen und Muslime auch sehr gut zusammenarbeiten können. Wir sind nicht dazu verdammt, in den Krieg miteinander zu ziehen. Auch weigere ich mich, zu sagen, dass der Konflikt um Palästina ein religiöser Konflikt ist, also den Krieg als einen Krieg zwischen Juden und Muslimen oder Juden und Christen zu sehen. Das ist nicht so. Diese Hetzkampagne gegen mich wurde nicht von Juden gestartet, sondern von christlichen Zionisten.

Was heißt christlicher Zionismus, und wo sehen Sie da die Gefahren?
Raheb:Die Gefahr des christlichen Zionismus ist es, Israel für theologische Zwecke zu instrumentalisieren. Also einen Philosemitismus zu pflegen, der im Grunde genommen antisemitisch ist. Für diesen christlichen Zionismus sind wir der Stolperstein: Denn wenn es uns als palästinensische Christen nicht gäbe, dann können Sie den Konflikt um Palästina als Konflikt zwischen Judentum und ­Islam definieren. Unsere Existenz ­hingegen sagt, dass der Nahostkonflikt ein politischer Konflikt ist. Und ein politischer Konflikt ist lösbar, es braucht keine Wunder dafür. Aber ­genau das wollen die christlichen ­Zionisten nicht: Sie unterstützen Israel, weil sie sich, wie ein Buchtitel heißt, nach Armageddon sehnen.

Wie bewerten Sie die Kritik, die etwa christlich-jüdische Gesellschaften an Ihrer Person äußern?
Raheb:Mich ärgert, dass diese Leute keine sachliche Diskussion geführt haben. Sie haben keine meiner Schriften richtig zitiert. Ich habe alle meine Predigten und die meisten Vorträge ins Internet gestellt. Ich habe über 14 Bücher geschrieben – auf die man ­eingehen kann. Das haben sie nicht getan. Sie haben Verleumdungen aufgestellt und Sachen gesagt, die ich nicht gesagt habe. Sie wollen aus Deutschland ein Schlachtfeld von pro-israelischen und pro-palästinensischen Gruppen machen. Aber darauf lasse ich mich nicht ein. Ich glaube, unsere ganze Arbeit in Bethlehem hat gezeigt, dass wir versuchen, Räume der Hoffnung in einer hoffnungslosen Situation zu schaffen. Darauf konzentrieren wir uns auch in ­Zukunft.

Die zweite Chance

27. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Joachim Gauck – Foto: J. Patrick Fischer

Der evangelische Theologe Joachim Gauck wird der erste Bundespräsident mit DDR-Biografie

Die zweite Chance zum Einzug in Schloss Bellevue hatte Joachim Gauck kaum mehr erwartet. Er hatte am Sonntag Termine in Wien. »Ich bin noch nicht einmal gewaschen«, bekundete der 72-Jährige am Sonntagabend freimütig bei der Pressekonferenz im Bundeskanzleramt in Berlin. Im Taxi von der Fahrt zum Flughafen habe ihn der Anruf von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erreicht.

Dort präsentierten ihn die Parteivorsitzenden von Union, FDP, SPD und Grünen zwei Tage nach dem Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff als ihren gemeinsamen Kandidaten für die Nachfolge. Nachdem der ehemalige Stasi-Beauftragte Gauck im Sommer 2010 als Opposi­tionskandidat dem rund 20 Jahre jüngeren Wulff in der Bundesversammlung unterlegen war, gilt nun als sicher, dass der 72-Jährige zum elften Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland gewählt wird.

Der evangelische Theologe Gauck wird der erste Bundespräsident mit DDR-Biografie. Dass dies auch seine Agenda als Präsident prägen wird, machte er schon bei der Vorstellung am Sonntagabend deutlich. Ihm sei wichtig, dass die Menschen in Deutschland wieder lernen, dass sie »in einem guten Land« leben. Die Freiheit gebe ihnen »wunderbare Möglichkeiten« zu einem erfüllten ­Leben, sagte Gauck sichtlich bewegt. »Die Idee der Freiheit in Verantwortung« – das sei Gaucks Thema, sagte Merkel, die trotz ihrer Entscheidung für Wulff vor zwei Jahren aus ihrer Sympathie für Gauck nie einen Hehl gemacht hat.

Biografie und deutsche Geschichte gehen bei Gauck, der das Ende des Zweiten Weltkrieges als Fünfjähriger erlebt hat, Hand in Hand. Der Kandidat für das höchste Amt im Staat hat die Einschränkung persönlicher Freiheit am eigenen Leib erlebt. 1951 wird sein Vater vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und für vier Jahre in ein Arbeitslager nach Sibirien verschleppt. Das Erlebnis prägt Gaucks Haltung zur DDR. Er wird Pastor und wählt damit einen Beruf, der ihn in Distanz zur staatlichen Doktrin leben lässt.

In seiner Geburtsstadt Rostock wird er, der nie einer oppositionellen Gruppe angehört hat, im Herbst 1989 zu einem der Köpfe des kirchlichen Protests. Der parteilose Gauck ist kein eingefleischter Politiker. Zwar kandidiert er 1990 für das »Bündnis 90« bei der ­ersten freien DDR-Volkskammerwahl. Als Abgeordneter leitet er später den Parlamentsausschuss zur Kontrolle der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, schließlich wird er zum ersten Beauftragten für die Stasi-Unterlagen berufen – und leitet die quasi nach ihm benannte Gauck-Behörde bis 2000.

In den vergangenen Jahren war Gauck, der seit 1991 getrennt von seiner Frau lebt und vier erwachsene Kinder hat, vor allem als Vortragsreisender in Deutschland unterwegs. Er referierte beispielsweise über die deutschen Verhältnisse in Ost und West. Themen für den Vorsitzenden des Vereins »Gegen das Vergessen – Für Demokratie« sind allerdings immer wieder auch die Verbrechen der NS-Diktatur und das Demokratiebewusstsein in Deutschland.

Bei seiner nur vier Wochen währenden Kandidatur gegen Wulff im Sommer 2010 habe ihn der Zuspruch aus der Bevölkerung überrascht, sagte er danach. Umfragen zufolge ist die Zustimmung ungebrochen. Und im zweiten Anlauf hat er nun auch Schwarz-Gelb von sich überzeugt.

Barbara Schneider und Karsten Frerichs (epd)

Nicht perfekt, aber schön genug

26. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

»7 Wochen ohne Meckern über Bauch, Beine und Co.« – Ein ungewöhnliches Experiment nicht nur für die Fastenzeit

Spieglein, Spieglein an der Wand …«. Frauen und Mädchen nehmen sich meist kritisch unter die Lupe. Das Ergebnis ist selten ein zufriedener Blick, sondern oft das selbstkritische, in extremen Fällen das selbstzerstörerische Urteil: »Mangelhaft! So, wie ich bin, bin ich nicht schön genug.«

Laut einer Studie der Kosmetik­industrie finden sich nur zwei Prozent aller Frauen in Deutschland schön. Über neunzig Prozent aller Mädchen würden mindestens einen Aspekt ihres Erscheinungsbildes ändern, wenn sie das könnten. Der Busen zu klein oder zu groß, die Lippen nicht voll genug, die Nase zu lang. Oberstes Schönheitsmerkmal ist das (Leicht)­Gewicht. Schönheit fängt frühestes bei Konfektionsgröße 38 an. Mehr ist von Übel.

Julia Warkentin (38) boykottiert ihre Waage. Sie hat sich verabschiedet vom täglichen Kontrollblick auf die Waage. Mit Geschmack und erhobenen Hauptes trägt sie Konfektionsgröße 44. Vom Versuch, sich um eine oder zwei Kleidergrößen runterzuhungern, hat sie sich verabschiedet. Aber den bedauernden Blick in den Spiegel kennt die Kulturwissenschaftlerin nur allzu gut. Der endete bei ihr genau wie bei den allermeisten Frauen: Mit dem Gefühl, nicht mithalten zu können mit den Bildern der Models in den Katalogen und Zeitschriften.

Julia Warkentin hat gelernt, sich nicht länger dem Diktat eines von ­Medien vermittelten Körperbildes zu beugen. »Ich habe geübt, mich so zu mögen und anzunehmen wie ich bin. Nicht perfekt, aber gut genug«, sagt sie.

»Ich habe angefangen, mich ganz bewusst im Spiegel anzuschauen und mich an den Sachen zu freuen, die ich gut an mir finde«, beschreibt sie einen wichtigen Schritt auf ihrem Weg, Freundschaft mit dem eigenen Körper zu schließen.

Auf diesem Weg möchte sie möglichst viele Menschen, Frauen und Männer, mitnehmen. Julia Warkentin schlägt vor, dazu die Zeit vor Ostern zu nutzen, die traditionell als Fastenzeit gilt. In ihrem gerade erschienenen Fastenkalender geht es nicht um eine Blitzdiät, eher um ein Langzeitprogramm. Ihr Vorschlag lautet, aus dem gewohnten Trott von Selbstkritik und Unzufriedenheit auszubrechen und auszuprobieren, wie sich das anfühlen kann, »7 Wochen ohne Meckern über Bauch, Beine und Co.« zu leben. Statt wie früher in der Fastenzeit auf Fleisch und Eier oder, wie heute weit verbreitet, auf ­Süßes oder Alkohol zu verzichten, lädt sie ein, sieben Wochen lang ­negative Gedanken über das eigene Aussehen zu vermeiden und gezielt zu trainieren, Ja zu sich selbst zu ­sagen.

Julia Warkentin gibt für jeden Tag zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag eine Anregung, die helfen soll, Freundschaft mit sich selbst zu schließen und die eigene Schönheit zu entdecken.

Das Fastenexperiment beginnt mit einer Bestandsaufnah­me. Welche Sätze und Gefühle bestimmen mein Denken über mich? Wie wohl fühle ich mich in meiner Haut? Klar, dass die möglichst ehrlich beantwortet werden sollte. Am besten in einem Fastentagebuch.

Glaube Alltag-09

Sich klarzumachen, dass man Kalorien zum Überleben braucht, statt jede Kalorie als Feind anzusehen, ist eine weitere Anregung. Julia Warkentins Rezeptvorschläge machen Appetit darauf, sich selbst nicht weiterhin täglich Bewertungen, Komplexe und Mäkeleien zu servieren: Stattdessen: den Kampf ums Gewicht sieben ­Wochen lang aussetzen und jede Mahlzeit bewusst genießen und auf die Signale des Körpers achten!

Zugegebenermaßen lang ist der Weg, sich mit den Eigenheiten und Körperteilen zu versöhnen, die man sich selbst wohl kaum so ausgesucht hätte, wenn man gefragt worden wäre. »Das fühlt sich an, wie einem Feind die Hand zu reichen«, weiß Julia Warkentin. Ist aber aus ihrer Sicht nötig, weil die permanente Unzufriedenheit sonst Kraft und Energie raubt.

Julia Warkentins 47 Impulse laden mit Witz, Einfühlungsvermögen und Tiefgang zu einem veränderten Blick aufs Leben und sich selbst ein. Dabei macht sie keinen Hehl daraus, wo für sie die eigentliche Quelle der Selbstannahme ist: Im Glauben daran, eine geliebte Tochter Gottes zu sein. Und als solche – ausgestattet mit königlicher Würde – durch den Tag zu gehen. Besser gesagt: zu schreiten! Und wenn es Rückschläge in alte Muster gibt? Wenn Aschenputtel statt Königstochter zum Vorschein kommt, weil Umlernen gar nicht so einfach ist? »Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen!«

Karin Vorländer

Warkentin, Julia: 7 Wochen ohne Meckern über Bauch, Beine & Co. Der etwas andere Fastenkalender, Neukirchener Aussaat, 80 S., ISBN 978-3-7615-5913-0, 8,99 Euro

Nachträglich bewerten – frühzeitig erkennen – nachsichtig bleiben

25. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Moral: Kaum jemand hat eine solch weiße Weste, dass er berechtigt wäre, einen anderen gnadenlos zu verurteilen

Wie werden wir Politikern, Schriftstellern und anderen Persönlichkeiten gerecht, ­deren Fehler und Verirrungen offensichtlich sind? Ein Zwischenruf aus aktuellem Anlass, vor dem Hintergrund der monatelangen Kritik an Christian Wulff, der nun am 17. Februar als Bundespräsident zurückgetreten ist.

Mehrfach wurde ich gebeten, zum 100. Geburtstag von Erwin Strittmatter im September dieses Jahres ihn in seiner Geburtsstadt Spremberg zu würdigen. Ich hab das abschlägig beschieden, wiewohl dieser Autor durch seine ­verschwiegene Vergangenheit nicht vollends »erledigt« ist. »Ihr, die ihr ­auftauchen werdet aus der Flut, gedenkt unserer mit Nachsicht«, schrieb Brecht uns Nachgeborenen bereits 1938 ins Stammbuch.

Wir selber werden immer ehrlich sein müssen gegenüber unserer eigenen Lebensgeschichte, eigenen Irrtümern, Fehlgriffen, kleineren oder größeren Versäumnissen. Wir werden im Blick auf Menschen, die wir verehren, die uns Lehrer oder Vorbilder geworden sind, darauf verzichten müssen, sie zu Heiligen zu stilisieren.

Es gibt ganz wenige, die sich durch Tun oder Lassen nicht mitschuldig ­gemacht oder die nicht an kollektiven Irrtümern teilgehabt hätten – zumal in Deutschland mit seinem Für-Gott-Kaiser-und-Vaterland-Pathos im Ersten Weltkrieg. Mein Großvater, ein Lehrer, war auch patriotisch mitgezogen gegen den Erbfeind – und blieb seit August 1914 verschollen, irgendwo verschüttet an der Front.

Meine eigene große Verwandtschaft durchforstend, stoße ich durchaus auf fanatisch überzeugte Kleinbürger. Mein Bruder findet eine begeisterte Postkarte, die mein Vater an seine Mutter 1932 geschickt hatte: Goebbels hätte wunderbar geredet, es gehe aufwärts, schreibt er da. Er gehörte zu denen, die groß geworden sind mit der Schmach der deutschen Niederlage, der Knebelung des Versailler Vertrages, alleinig zugeschobener Schuld an der Urkatastrophe des Jahrhunderts mit Verlust aller Ersparnisse in der Inflation.

Mein Vater wurde kein Nazi, aber wie nahe war er dran gewesen? Wer Menschen verstehen will, muss die Zeitumstände, in denen Menschen gedacht und gehandelt haben mit berücksichtigen, sonst kommt es zu übermoralisierenden Fehlschlüssen.

Das Reichstagsgebäude in Berlin, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestages, ist ein Ort geschichtlicher Ereignisse. Hier tritt die Bundesversammlung in der ­Regel aller fünf Jahre zur Wahl des deutschen Bundespräsidenten zusammen. Bei vorzeitiger ­Beendigung der Amtszeit des Bundespräsidenten, wie im Falle Christian Wulffs, der am 17. Februar als Bundespräsident zurückgetreten ist, tritt die Bundesversammlung spätestens 30 Tage nach dem Rücktrittstermin zur Wahl des Nachfolgers zusammen. Joachim Gauck soll am 18. März zum neuen Bundespräsidenten gewählt werden. Foto: ddp images

Das Reichstagsgebäude in Berlin, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestages, ist ein Ort geschichtlicher Ereignisse. Hier tritt die Bundesversammlung in der ­Regel aller fünf Jahre zur Wahl des deutschen Bundespräsidenten zusammen. Bei vorzeitiger ­Beendigung der Amtszeit des Bundespräsidenten, wie im Falle Christian Wulffs, der am 17. Februar als Bundespräsident zurückgetreten ist, tritt die Bundesversammlung spätestens 30 Tage nach dem Rücktrittstermin zur Wahl des Nachfolgers zusammen. Joachim Gauck soll am 18. März zum neuen Bundespräsidenten gewählt werden. Foto: ddp images

Und wer das Glück hatte, nicht in diktatorischen Systemen leben und bestehen zu müssen, sollte alle Steine in der Tasche behalten, die er werfen könnte. Nichtsdestotrotz muss von heute aus auch bewertet werden, wer was warum wem angetan hat, wer die Menschenrechte mit Füßen getreten hat. Zum Beispiel Strittmatter: Dass er die Mitgliedschaft bei der Polizei, die auf dem Balkan gegen Partisanen ­gewütet hat, sogar seiner Frau Eva ­verschwieg, gehört zu den belastenden Dingen, die wir nicht mehr klären können, die uns aber erschüttern, weil Strittmatter sich sei­ne Biografie zurechtgebogen und auch zurechtgelogen hat.

Aber ist das ganze Lebenswerk Erwin Strittmatters davon so betroffen, dass es erledigt ist? Ist nicht »Der Laden« ein großartiges Epos über das vergangene Jahrhundert? Hatte auch er sich nicht allmählich befreit aus enger stalinistischer Ästhetik seiner ganz frühen Jahre? Und hatte nicht der »Wundertäter Band III« schon alles ­offengelegt, was wir heute Stasiismus nennen, der zuerst – dissidentische – Kommunisten selber traf?

Wie leicht wird in den Medien mit einem Relativsatz eine Person und ihr Lebenswerk »erledigt«. Also: Walter Jens, der vor der Erinnerung in die ­Demenz flüchtete. Günter Grass, der 55 Jahre seine SS-Mitgliedschaft verschwiegen hat (war es nicht der 17-Jährige, der zur Waffen-SS gegangen war?). Und die meisten (West-)Kommentatoren können, wenn sie von Christa Wolf reden, nicht auf den ­Relativsatz verzichten: » … die als IM Margarete für die Stasi gearbeitet hat.« Manche fügen noch das abschwächende Wort »kurzzeitig« ein.

Warum aber sagt man nicht, wenn man ­Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger erwähnt, gleich im Relativsatz »der Mitglied der NSDAP gewesen war« oder Theodor Heuss, »der dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hatte« oder Franz Fühmann, »der ein blindgläubiger Nazijunge gewesen ist«?

Der Publizist Hans-Dieter Schütt, der nun 20 Jahre zeigt, was Wandlung ist und der als ein geistig Befreiter lebt und denkt, bleibt fast immer mit dem Relativsatz verbunden: »… der als Chefredakteuer der Jungen Welt einen schrecklichen Kommentar über den Abuladse-Film ›Die Reue‹ geschrieben hat.« Stigma. Stigma. Stigma. Nichts verjährt, nichts relativiert sich, nichts wird wieder gut gemacht?

Wir werden Menschen nicht gerecht, wenn wir ihren blinden oder schmutzigen Fleck einfach mit einem Relativsatz an ihren Namen anfügen und ihm damit etwas anhängen, was jederzeit sichtbar bleiben soll, um ­sodann – günstigenfalls – doch eine Würdigung anzufügen. Wie tief unser Volk in eine faschistische, rassistische, militaristische, nationalistische, antisemitische Stimmung verwoben war, dem müssen wir uns weiter stellen und können auch im Relativsatz sagen, dass wir uns dem in den letzten 65 Jahren ehrlich, manchmal selbstbeschädigend, gestellt haben und dass es uns immer noch schwerfällt, ein deutsches Nationalgefühl zu entwickeln, weil Deutschsein überschattet bleibt von dem, was sich mit Auschwitz verbindet.

Menschen gerecht zu werden heißt, sie zu würdigen mit ihren Verirrungen, die weder verschwiegen noch beschönigt werden. Wir sind keine Helden, wir sind keine Heiligen, wir sind keine Weiße-Westen-Träger, die berechtigt wären, einen moralischen Finger gnadenlos steif auf andere auszustrecken. Es gibt das Recht, ein anderer zu werden. Glücklicherweise.

Wer allerdings, wie Christian Wulff, sein kleinlich-persönlich-gieriges Privilegien-Imperium dadurch salvieren zu können meinte, indem er sagte, dass er »sich entschuldigt«, hatte nicht verstanden, worum es ging. Indem Wulff als Bundespräsident zurückgetreten ist und aus dem Schloss Bellevue auszieht, wird der Würde und dem Anspruch dieses Amtes wieder Raum gegeben für eine(n), der (die) das glaubwürdig ausfüllen kann. Auch Wulff hat ein Recht, ein anderer zu werden.

Nur ohne dieses Amt. Freilich: Jedermann und zu jeder Zeit gilt die Mahnung aus dem Johannes-Evangelium: »Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.« Das heißt nicht, dass Schuld verwischt wird oder strafrechtlich Relevantes übergangen wird, wohl aber wird der hypermoralische Selbstanspruch infrage gestellt, mit dem die einen über die anderen aburteilend herfallen zu dürfen meinen.

Denken wir Deutsche immer daran, wem wir entronnen sind und dass wir vom politischen Übel der 13 Jahre Nazismus nicht aus eigener Kraft ­freigekommen sind. Frühzeitiges Erkennen von Gefahren für Menschenrechte und Rechtstaat sind nötig. ­Bürger und Bürgerinnen selbst sind der ­Verfassungsschutz, während dieses »Organ« sich so unfähig erwiesen hat, dass es überflüssig ist und durch seine V-Leute im Lager der Mörder selber zur Gefahr geworden ist.

Friedrich Schorlemmer

Bachsche Musik – komponierte Theologie

24. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Tagung: Wie Johann Sebastian Bach zu den Ideen Martin Luthers stand und sie in Musik umsetzte

Im Rahmen des Themenjahres »Reformation und Musik« beschäftigt sich ein Symposium mit lutherischer Theologie und Bachscher Musik. »Bach als Lutheraner«, so das Thema vom 24. bis 28. Februar in Eisenach.

Persönlich begegnen konnten sich die beiden prominenten Männer nicht. Als Johann Sebastian Bach am 21. März 1685 geboren wurde, war Martin Luther bereits 139 Jahre tot. Er starb am 18. Februar 1546. Dennoch sind die zwei großen Namen eng miteinander verbunden. Luther liebte die Musik. Sie war für ihn »nach Gottes Wort der höchste Schatz auf Erden«. Er wusste auch, dass ­Musik es vermag, das vom Verstand aufgenommene Wort mit dem Gefühl zu verbinden und so das Herz zu berühren. »Die Noten machen den Text lebendig.«

Wie kein anderer Reformer setzte Luther auf die Macht der Musik und nutzte sie zur Verbreitung seiner Lehre. »Luthers Lieder haben mehr Seelen verdorben als seine Schriften und Reden«, klagte deshalb 1620 der Jesuit Adam Contzen. Luther rückte den ­Gemeinde- und Chorgesang ins Zentrum des lutherischen Gottesdienstes und schuf so die Voraussetzung für Bachs spätere Tätigkeit als Kantor und Organist. Der Musiker ist dem Theologen in dessen Texten begegnet.

Von den 37 Kirchenliedern, die Luther schuf, hat Bach mindestens 30 vertont. Seine Musik sei komponierte Theologie, so Corinna Dahlgrün, Professorin für Praktische Theologie an der Universität Jena.

Die getanzte Version von Bachs »Kunst der Fuge« mit dem Ballettensemble des Landestheaters Eisenach. Foto: Carola Hölting

Die getanzte Version von Bachs »Kunst der Fuge« mit dem Ballettensemble des Landestheaters Eisenach. Foto: Carola Hölting

»Johann Sebastian Bach war ein großartiger Musiker und Tonkünstler, der theologische Grundanliegen Martin Luthers in einzigartiger Vollendung zum Klingen brachte«, würdigt Christopher Spehr das Wirken des Komponisten. Der Professor für Kirchengeschichte an der Universität Jena wird auf dem Symposium in ­Eisenach einen Vortrag halten: »Wortgewalt und Sprachgestalt. Bach als ­Interpret Martin Luthers«. Dabei beleuchtet er unter anderem, wie sich Bach von ­Luthers Schriften – über ­Luthers Bibel und den Kleinen Katechismus hinaus – inspirieren ließ.

Auf dem Symposium werden Experten die Wirkungsgeschichte Bachscher Musik, ihre Rezeption im Jazz und in der avantgardistischen Szene bedenken und erörtern, wie das Erbe von Bach und Luther als Impulsgeber für die europäische Musikkultur erlebt und weitergeführt werden kann. In Vorträgen, Workshops, Konzerten und Gottesdiensten solle der Austausch zwischen Theologie und Musik angeregt, akademischer Diskurs mit praktischer Erfahrung verknüpft werden, so Corinna Dahlgrün. Neben ihr sind als Referenten unter anderen Martin Petzoldt, Vorsitzender der Neuen Bachgesellschaft und Christfried Brödel, Rektor und Professor für Chorleitung an der Hochschule für Kirchenmusik Dresden, eingeladen.

Das Symposium richtet sich an Kirchenmusiker, Pfarrer, Musikwissenschaftler und Studenten sowie an alle Liebhaber der Musik Bachs. Organisiert wird die Tagung von der Universität Jena und dem Kirchenkreis ­Eisenach-Gerstungen.

Der Veranstaltungsort Eisenach soll den Theologen und den Musiker symbolisch miteinander verbinden. Hier besuchte Luther die Lateinschule, erhielt Unterricht in Musiktheorie und musikalischer Praxis, sang im Gottesdienst der Georgenkirche und in der Eisenacher Kurrende und gehörte zum Schülerkreis um die Patrizierfamilie Cotta, in dem geselliges Singen von Liedern und mehrstimmigen Motetten gepflegt wurde.

Vom 4. Mai 1521 bis 1. März 1522 übersetzte Luther auf der Wartburg das Neue Testament ins Deutsche. In Eisenach wurde Johann Sebastian geboren. Er besuchte die gleiche Lateinschule wie einst Martin Luther und sang ebenfalls in der Eisenacher Kurrende sowie im Chorus musicus der Georgenkirche. In der Stadt erhielt Bach Unterricht in Luthers ­Katechismus und den ersten Musikunterricht.

Zum Rahmenprogramm des Symposiums gehört eine Ausstellung »Luther und (Bachs) Musik« im Bachhaus Eisenach. Sie thematisiert Luthers Liebe zur Musik und würdigt seinen Beitrag zur Musikgeschichte. »Das Gesangbuch ist die vielleicht schönste Erfindung der Reformation«, so Jörg Hansen, Geschäftsführer und Direktor des Bachhauses. Stolz berichtet er, dass die Ausstellung eine Rarität präsentiert: das erste deutsche Gesangbuch, das 1524 gedruckte »Achtliederbuch«, es ist eines von weltweit zwei Exemplaren. Daneben werden weitere Gesangbücher gezeigt, das von Luther herausgegebene »Wittenberger Gesangbuch« in der Auflage von 1535 ­sowie das »Babstsche« von 1545.

Eine weitere Ausstellung im Eise­nacher Lutherhaus widmet sich den Kantaten Georg Philipp Telemanns. Er wirkte vor 300 Jahren, von 1708 bis 1712, als Konzert- und Kapellmeister in Eisenach. Hier schuf er protestantische Kirchenkantaten und entwickelte dabei Strukturen, die Bach und andere Musiker aufgenommen haben. Eisenach gilt damit als »Geburtsstätte« der neueren protestantischen Kirchenkantate.

Die Schau »Im Kirchenstyle hatte er seines Gleichen nicht« wolle zeigen, wie eng der Austausch zwischen Bach und Telemann war, erklärt Barbara Harnisch, Geschäftsführerin des Wartburg Verlages GmbH, zu dem das Eisenacher Lutherhaus gehört. Gezeigt werden Textbücher der für Eisenach komponierten Kantatenjahrgänge, die als Leihgaben aus zahlreichen Archiven Deutschlands kommen sowie Gemälde, Kupferstiche, Gesangbücher, Dokumente und andere Gegenstände der Telemann-Zeit.

Sabine Kuschel

Veranstaltungen
Höhepunkte im musikalischen Programm des Symposiums sind ein Festkonzert mit dem international renommierten Vokalensemble »amarcord« und die getanzte Version Bachs »Kunst der Fuge« sowie Henning Frederichs »Passionserzählung der Maria Magdalena« von 1985, aufgeführt von der Meißner Kantorei 1961.

Die Ausstellung »Luther und (Bachs) Musik vom 24. Februar bis 11. November im Bachhaus Eisenach ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Die Ausstellung »Im Kirchenstyle hatte er seines Gleichen nicht« vom 25. Februar bis 16. November im Lutherhaus Eisenach ist täglich 10 bis 17 Uhr zu sehen.

www.bach-als-lutheraner.de

Liebe ist uns ins Herz geschrieben

22. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ethik des Reiches Gottes: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst

Philippe ist seit einem Gleitschirm-Unfall ab dem vierten Halswirbelkörper abwärts gelähmt. Seinen Lebensmut hat er trotzdem nicht verloren, aber er braucht Menschen, die sich rund um die Uhr um ihn kümmern. Und er ist reich. Als er einen neuen Pfleger sucht, steht der gerade aus dem Gefängnis entlassene Driss in seinem Wohnzimmer. Er möchte eigentlich nur einen Stempel dafür haben, dass er sich vorgestellt hat, um weiterhin Arbeitslosenunterstützung zu erhalten.

Doch Philippe lässt ihn so schnell nicht gehen. Er fühlt sich von der lockeren Art des jungen Senegalesen aus der Pariser Vorstadt angezogen. Als Driss seine Wohnung verliert, nimmt er den Job, auch weil er bei Philippe ein paar luxuriöse Zimmer beziehen kann.

Nach und nach krempelt Driss das Leben des Adeligen um und zwischen beiden entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft.
Seit Mitte Januar steht der Film »Ziemlich beste Freunde« an der Spitze der deutschen Kinocharts. Das Schöne: Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit und erzählt die Geschichte des ehemaligen Geschäftsführers des Champagnerherstellers Pommery, Philippe Pozzo di Borgo, der 1993 bei einem Gleitschirmflug abstürzte und sich dabei so schwer an der Wirbelsäule verletzte, dass er seitdem vom Hals abwärts querschnittsgelähmt ist.

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Szene aus dem Film »Ziemlich beste Freunde« – Foto: Gaumont Distribution

Der Algerier Abdel Yasmin Sellou pflegte den Unternehmer zehn Jahre lang, sie wurden Freunde und unternahmen zusammen viele gemeinsame Reisen. Im Film gesteht Philippe einem befreundeten Geschäftsmann, warum er Driss eingestellt hat: »Weil er kein Mitleid mit mir hat.« Tatsächlich hatte Driss zunächst keinerlei Motivation, dem Schwerbehinderten zu helfen. Er tat es dennoch – unbekümmert, unbeschwert.

Szenenwechsel: Jerusalem vor 2000 Jahren. Ein Schriftgelehrter tritt auf Jesus zu und fragt ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!«

Das sogenannte Doppelgebot der Liebe gehört zum Urgestein der christlichen Überlieferung, als Hauptstück des Glaubens. Doch Jesus hat dieses Gebot nicht selbst erfunden. Seine Antwort besteht aus einer Kombination zweier Zitate aus dem Alten Testament. »Du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben …« (5. Mose 6,5) und »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18).

Jesus schöpft also aus seinem Glauben als Jude, als Kenner der Schrift. Was ist also das Besondere daran? Dass Jesus den Begriff des »Nächsten« vom jüdischen Volksgenossen auf die ganze Menschheit ausweitet? Man kann beim Liebesgebot keinen Keil zwischen Jesus und das Judentum treiben, um einen »christlichen Mehrwert« sicherzustellen. Was ist dann das Besondere an Jesus? Es ist die radikale Konzentration und Intensität, mit der Jesus die Liebe thematisiert. Er machte mehrmals deutlich, dass man in bestimmten Situationen um des Menschen willen Gebote brechen muss. Er heilte einen Mann am Sabbat (Markus 3,1ff), er erlaubte seinen Jüngern am Sabbat Ähren auszuraufen (Markus 2,23ff).

Liebe zu Gott heißt Absage an Heuchelei und Mammondienst (Matthäus 6) und konkretisiert sich in Umkehr und Nachfolge. Die Liebe zum Nächsten schließt die unbedingte Bereitschaft zum Geben und Vergeben ein sowie williges Erleiden von Unrecht (Matthäus 5,21f, 38f). Der Begriff des Nächsten wird nicht theoretisch erörtert, es ist der in Not geratene Mensch (Lukas 10,29ff).

Einen zweiten Aspekt desselben entfaltet Matthäus im 6. Kapitel (Verse 1-18). Alles steht im Licht Gottes, aber gerade darum hat das bloß Äußerliche keinen Wert mehr. Was zählt, ist das Innere, ist das Herz. Da ist keine Innerlichkeit gemeint, die sich nicht ins Werk, nicht in die Tat umsetzte. Gemeint ist vielmehr eine Lauterkeit, die sich nicht um den äußeren Effekt, nicht um die Fassade kümmert.

Das christlich-jüdische Liebesgebot spielt in dem sehenswerten französischen Kinofilm vordergründig keine Rolle. Aber der Film macht klar: Nächstenliebe verwirklicht sich nicht, weil sie geboten ist, sondern weil sie von Gott in unser Herz geschrieben ist. Wir müssen sie nur zulassen. Gott kommt auf uns zu, er tritt in unser Leben ein. Er lässt uns Menschen begegnen. Jeden Tag. Diese Selbstverständlichkeit kann zur Überraschung, zum Abenteuer werden, so wie zwischen Philippe und Driss.

Helmut Frank

Worte können Berge versetzen

18. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Sprache und Literatur zur Lutherzeit

Der Sachse hat eine schnelle Zunge, der Bayer brüllt wie ein Ochse … und versteht den Sachsen nicht, so wenig wie die Nachteule die Elster; und doch werden beide mit Recht Deutsche genannt.« An der von dem Zisterzienser Peter von Zittau um 1300 beschriebenen Situation hatte sich auch zu Luthers Zeiten kaum ­etwas geändert. Das Frühneuhochdeutsch, wie man die Sprache des 14. bis 16. Jahrhunderts nennt, war ein Sammelsurium verschiedener regionaler Dialekte; eine einheitliche, für alle gleichermaßen verständliche Spra­che fehlte.

Nur das Latein war überregional gültig; es war Kirchen-, Amts-, Geschäfts- und Gelehrtensprache. Luther lernte es und es blieb bis zu seinem 30. Lebensjahr seine »Berufssprache«. Erst als er zu der Überzeugung gelangte, dass ein jeder das Recht habe, das Wort Gottes in einer ihm verständlichen Sprache zu hören – eine Forderung, die schon Karl der Große gestellt hatte – wandte er sich den Quellen zu.

»Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen.«

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In der deutschen Sprache erreichte »die Wittenbergisch Nachtigall«, wie ihn Hans Sachs nannte, eine Meisterschaft und Wortgewalt, die ebenso Berge versetzen konnte wie sie Gemüter zart anrührte. Nicht zuletzt deshalb wurde das Deutsch der Luther-Bibel – sie ist das meistübersetzte Buch der Weltliteratur – zu einer Hauptsäule unseres heutigen Deutsch. Durch den Buchdruck hatten sich schon vorher regionale Varianten einer deutschen Literatursprache herausgebildet: das »gemeine Deutsch« im bayrisch-oberdeutschen Raum mit den Zentren Augsburg, Nürnberg und Straßburg – hier erschien 1466 die erste deutschsprachige Bibel – und das von Luther favorisierte Ostmitteldeutsch im Raum Erfurt, Leipzig, Wittenberg.

Auch das städtische Kanzleiwesen und der weiträumige Handel trugen das Ihre zur Herausbildung einer Nationalsprache bei, die schließlich Ende des 18. Jahrhunderts, eine gültige Norm gar erst 1901 mit Konrad Duden, entstand.

Zu Luthers Zeit dominierten lateinische Dichtungen und Schriften den Buchmarkt. Bezeichnend ist, dass die erste deutsche Dichterkrönung 1487 dem Erzhumanisten Konrad Celtis galt, der sich ausschließlich des Lateins bediente. Auch die erste aufsehenerregende Dichtung der deutschen Literaturgeschichte, die sog. »Dunkelmännerbriefe« (1515/17), waren in Latein abgefasst. Die Satire auf die römische Kirche gilt als »humoristisches Glanzstück der Narrenliteratur«, für Luther aber war die ins Lächerliche gezogene antirömische Kritik nur das Werk eines »Hanswurst«.

Wir wissen nicht, wie Luther über das Narrenwesen seiner Zeit dachte, gilt doch die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert als die Blütezeit der Narrenfestspiele, der Narrenaufzüge und der Narrenliteratur. Mit Sebastian Brants »Narrenschiff« (1494) erreichte erstmals eine Dichtung in deutscher Sprache europäische Geltung. Mit Beispielen aus der Bibel und aus der ­klassischen Literatur ebenso unterlegt wie von moralischen Exkursen begleitet, erfuhr das »Narrenschiff« insbesondere in der Reformationszeit große Beachtung.

Das literarische Spektrum der Lutherzeit war jedoch nicht auf Bibeldrucke, humanistische und reformatorische Schriften und Narrenliteratur beschränkt. Schon 1472 hatte Albrecht von Eyb mit seinem »Ehebüchlein. Ob einem manne sey zunemen ein ­eelichs weyb oder nicht« einen Bestseller verfasst, der ständig neue Auflagen erlebte. Ohne theologische oder moralische Systematik, dafür aber ­unterhaltsam-pragmatisch, arbeitete Eyb damit der protestantischen Ehekonzeption vor, der sich Luther später annahm.

Die lehrhafte Dichtung war in unterschiedlichen Formen vertreten. Im »Grobianus« wurde gutes Benehmen bei Tische gelehrt, Sebastian Franck, der ein Luther ebenbürdiges kräftiges Deutsch schrieb, brillierte 1528 mit dem Traktat »Von dem greulichen Laster der Trunkenheit«. Der einstige Mitstreiter Luthers, Johann Agricola, sammelte und erläuterte 300 bzw. 750 deutsche Sprichwörter (1529/1541) und die Fabeln des Äsop wurden in ­ihrer unterhaltenden Belehrung neu entdeckt. Auch Luther legte 1530 eine deutsche Übersetzung Äsopscher Fabeln vor.

Der Meistersang erlebte ebenso wie das Fastnachtspiel mit dem Nürnberger Schusterpoeten Hans Sachs an der Spitze seine Blütezeit und das deutsche Volkslied wurde als geistliches und weltliches Lied entdeckt. Das Volksbuch, in Prosa verfasste Historien, erscheint als Gegenstück zur gelehrten Literatur. Erhielt mit dem ersten Volksbuch von »Till Eulenspiegel« (1510/11) die Figur des Narren schlechthin ihre ewige Gestalt, so war die »Historia von D. Johann Fausten« (1587) ein Sammelsurium von Belehrungen, Schwänken und okkulten Geschichten um eine historische Figur.

Das Faust-Thema aber gehörte »unmittelbar zur Dialektik der lutherischen Reformation« (H. Mayer), führt es doch das Streben des Renaissancemenschen nach Erkenntnis der Welt im Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Scharlatanerie vor.

Sylvia Weigelt
Die Autorin ist Historikerin.

Weltgebetstag hat Malaysia im Fokus

17. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Foto: Thomas Paulsteiner/Mission Eine Welt

Foto: Thomas Paulsteiner/Mission Eine Welt


 
Christinnen aus dem südostasiatischen Malaysia haben den diesjährigen Weltgebetstag der Frauen am 2. März vorbereitet. Unter dem Motto »Steht auf für Gerechtigkeit« geht es um die Stärkung der Rechte von Hausangestellten in dem wirtschaftlich aufstrebenden Land. In einer Petition, die der malaysischen Regierung übergeben werden soll, wird arbeitsrechtlicher Schutz und eine staatliche Anerkennung für Hausangestellte gefordert.

Erst im Sommer 2011 war eine Demokratiebewegung unterdrückt worden. Und obwohl offiziell ­Religionsfreiheit im islamischen Malaysia herrscht, werden Christen und andere Minderheiten Einschränkungen auferlegt.

Zum Weltgebetstag laden Christinnen aller Konfessionen aus mehr als 170 Ländern ein. Damit gilt der Weltgebetstag als größte ökumenische Laienbewegung weltweit.

www.weltgebetstag.de

»… dann hätten wir der Menschheit einen großen Dienst getan«

16. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Die Ökumene nach dem Papstbesuch und das Reformationsjubiläum 2017 – im Gespräch mit Bischof Gerhard Ludwig Müller

Am 24. Februar jährt sich zum 475. Mal die Unterzeichnung der Schmalkaldischen Artikel. Sie gehören bis heute zu den grundlegenden lutherischen Bekenntnisschriften.
Harald Krille sprach aus diesem Anlass mit dem Vorsitzenden der Ökumenekommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Gerhard Ludwig Müller.

Herr Bischof Müller, ich zitiere aus den Schmalkaldischen Artikeln: »Denn so wenig wir den Teufel selber als einen Herrn oder Gott anbeten können, so wenig können wir auch seinen Apostel, den Papst oder Endchristen, in seiner Herrschaft als Haupt oder Herrn ertragen.« Und kurz später fährt Luther fort: »Darum dürfen wir hier nicht seine Füße küssen und sagen, ihr seid mein gnädiger Herr, sondern wie in Sacharja der Engel zum Teufel sprach, Gott strafe dich Satan.« Wenn Sie das heute hören, was löst das bei Ihnen aus?

Müller: Ja, das ist eine offizielle lutherische Bekenntnisschrift. Diese Formulierung reicht allerdings sehr weit in die Zeit heftigster Auseinandersetzungen zurück. Wir wissen, dass Luther sehr ungerecht werden konnte und in allem und jedem, das ihm und seiner Meinung ­widersprach, den Teufel persönlich am Werk sah.

Aber wir leben heute im ökumenischen Zeitalter und sollten uns auf das ursprüngliche Kernanliegen Luthers konzentrieren, das uns verbindet: die Frage nach dem persönlichen, gnädigen Gott. Der Papst hat dies im Erfurter Augustinerkloster aufgegriffen. Und in den Schmalkaldischen Artikeln ist in den ersten Abschnitten Gott sei Dank auch davon die Rede, dass wir in den hohen Artikeln der göttlichen Majestät – also etwa in der Trinitätslehre, der Christologie, der Menschwerdung Gottes – eins sind.

Gerhard Ludwig Müller ist seit 2002 Bischof der Diözese Regensburg. Zuvor war Müller, der 1977 mit einer Arbeit über den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer promovierte, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in München. Müller ist Vorsitzender der Ökumenekommission, stellvertretender Vorsitzender der ­Glaubenskommission und Mitglied der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. Foto: Harald Krille

Gerhard Ludwig Müller ist seit 2002 Bischof der Diözese Regensburg. Zuvor war Müller, der 1977 mit einer Arbeit über den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer promovierte, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in München. Müller ist Vorsitzender der Ökumenekommission, stellvertretender Vorsitzender der ­Glaubenskommission und Mitglied der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. Foto: Harald Krille

Immerhin haben Sie im vergangenen Jahr gefordert, dass die Lutheraner sich für diese Antichrist-Vorwürfe an den Papst entschuldigen sollten …

Müller: Ich hab das etwas ironisch gemeint vor allem im Hinblick auf die Forderungen, die katholische Kirche solle die Exkommunikation Luthers endlich aufheben. Abgesehen davon, dass das kirchenrechtlich gar nicht geht, weil die Exkommunikation eine Beugestrafe ist und sich nur auf Lebende bezieht: Ich bin mit vielen der Meinung, dass man das Verhältnis katholisch-evangelisch nicht nur einseitig aus der Sichtweise des 16. Jahrhunderts sehen kann, wo dann nur wir auf der Anklagebank sitzen.

Man sollte zumindest sehen, dass es auch bei Luther problematische Seiten gab. »Ec­clesia semper reformanda« – die Kirche, die sich immer wieder selbst in Christus erneuert – bezieht sich auch darauf, dass wir immer neu Maß nehmen müssen an der Nachfolge Jesu Christi und jeder im täglichen Vaterunser beten muss: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir ­vergeben unseren Schuldigern.«

Warum brauchen wir eine Einheit? Wir könnten es doch auch mit dem Alten Fritz halten – jeder soll nach seiner Façon selig werden – und am Ende sehen wir, wie Gott darüber urteilt.

Müller: Der Alte Fritz gilt in militärischen Dingen als Experte, aber in Glaubensfragen ist er ein schlechter Ratgeber. Wir sind der gemeinsamen Wahrheit verpflichtet, so wie sie uns nach unserem gemeinsamen Verständnis aus der Offenbarung Gottes heraus zukommt. Natürlich kann es und soll es Verschiedenheiten geben. Das Pfingstereignis zeigt, dass jeder das Evangelium in seiner Sprache, sozusagen seiner »Kultur« hörte. Aber sie waren trotzdem »ein Herz und eine Seele«.

Sie waren geeint in der Lehre der Apostel, im Brotbrechen, im Gebet, in der Gemeinschaft. Und so muss es eben auch in der Kirche deutlich werden: ein Herr, ein Gott, ein Glaube, eine Taufe. In den wesentlichen Fragen des Bekenntnisses und des sakramentalen Lebens muss es nach unserem ­Verständnis eine Einheit geben. Da geht es nicht nur um das Verständnis von ­Eucharistie beziehungsweise Abendmahl.

Wenn für uns beispielsweise die Ehe ein Sakrament ist, für die Evangelischen aber nicht, dann kann das eigentlich nicht unvermittelt nebeneinanderstehen. Doch wie es der Papst in der ­Predigt über Johannes 17 in Erfurt sagte: Die Einheit mit Gott und Gemeinschaft im Glauben, Bekennen und Beten ist letztlich der Wille Christi.

Von diesem »ein Herz und eine Seele« scheinen wir weit entfernt. Nach dem Papstbesuch hat sich unter den Protestanten Enttäuschung breitgemacht. Haben Sie Verständnis dafür?

Müller: Nein, eigentlich nicht. Sicher muss man sagen, dass auch Äußerungen über die Medien dazu beigetragen ­haben, unrealistische Erwartungen zu wecken, die dann zwangsläufig nur enttäuscht werden können. Aber von kirchenleitenden und theologisch gebildeten Persönlichkeiten darf man schon erwarten, dass sie die Tiefe des ­Ereignisses erspüren und die Erfurter ­Begegnung in dem Kloster, in dem Luther zu seinen für ihn fundamentalen Einsichten kam, als die ökumenische Sensation des Jahrhunderts, ja überhaupt der letzten 500 Jahre begreifen.

Sie arbeiten auch in der Kommission Weltkirche mit. Ist das ökumenische Gespräch in Deutschland Vorreiter oder hinkt es eher hinterher?

Müller:Deutschland ist das Ursprungsland der Reformation und damit auch der Kirchenspaltung und wir haben eine starke theologische Tradition. Aber die deutschen Kirchen der Reformation sind manchmal nicht auf dem Stand, auf dem die Weltökumene sich befindet. Zum Beispiel sind uns die Lutheraner Skandinaviens in vielen Dingen viel näher und der ökumenische Prozess ist dort weiter vorangeschritten. Denken Sie nur an die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 in Augsburg: Es waren 160 deutsche evangelische Theologieprofessoren, die ein Jahr zuvor dagegen opponierten …

Gehen wir noch weiter voran oder haben wir eine ökumenische »Eiszeit«?

Müller: Solche globale Einschätzungen sind schwierig. Es gibt immer die schöne bunte Mischung. Da gibt es einen liberalen Katholizismus, der den Glauben auf eine Kulturerscheinung reduziert, dem die Realpräsenz in der Eucharistie nicht so wichtig ist wie ein klangvolles Hochamt mit Weihrauch. Und es gibt die ­liberalen Evangelischen, für die sich der Protestantismus auf das »gegen den Papst und Rom« und überhaupt »gegen Autoritäten sein« reduziert. Da wird Ökumene überflüssig.

Ökumene ist für uns nur interessant mit evangelischen Christen, die mit uns die Grundüberzeugung teilen, dass die Offenbarung Gottes in Christus nicht ein Mythos ist, nicht eine schöne literarische Fiktion aus dem ersten Jahrhundert, aus der man vielleicht noch ein paar moralische Lehren und Prinzipien ziehen kann. Und da sind wir in den letzten Jahren durchaus auch zu einem tieferen gegenseitigen Verständnis gekommen.

Wie sehen Sie im Blick auf die Ökumene das Reformationsjubiläum 2017?

Müller: Ich hoffe, dass dieses Reforma­tionsjubiläum ökumenisch genutzt wird und nicht nur aus Negativfolien aufgebaut wird. Nach dem Motto: Die katholische Kirche hat alles verdorben, doch dann kam Luther als Lichtgestalt wie der Phönix aus der Asche. Wenn man ökumenisch die Kirchengeschichte der letzten 500 Jahre betrachtet, wird man sagen müssen, es gab auf beiden Seiten viel Licht, aber auch viel Schatten. Nur Licht gibt es allein bei Jesus Christus, unserem gemeinsamen Herrn und Heiland.

Wie könnte das Reformationsgedenken denn praktisch gemeinsam begangen werden – einfach mitfeiern kommt für die katholische Seite ja kaum infrage?

Müller: Nein, wir können schwer das feiern, was zur Spaltung der ­Kirche führte. Aber wir könnten vielleicht gemeinsam in einen Prozess der »Healing of Memories« – Heilung der Erinnerungen – einsteigen. Wir könnten uns gegenseitig von unseren Verletzungen erzählen, die eigenen Quellen etwas kritischer lesen, unsere Schuld voreinander bekennen und uns der Tragik der Spaltung der Christenheit bewusst werden, die Luther eigentlich gar nicht wollte.

Dann könnten wir das Jahr 2017 nutzen, um das ursprüngliche Anliegen Luthers, die Gottesfrage, und ein gemeinsames Bekenntnis zu Jesus Christus als wahren Gott und wahren Menschen, als Messias aus den Juden und als Heiland der Heiden in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn wir das hinbekämen, nämlich ein großes gemeinsames Christusbekenntnis mit den Christen der ganzen Welt, dann hätten wir der Menschheit einen großen Dienst getan!

Hintergrund:

Die Schmalkaldischen Artikel
Im Februar 1537 stellte Luther auf der Bundesversammlung des 1530 gegründeten Schmalkaldischen Bundes die im Auftrag des sächsischen Kurfürsten verfassten Schmalkaldischen Artikel vor. Sie sollten den Glaubensgenossen zur Vorbereitung auf ein vom Papst ­ursprünglich nach Mantua einberufenes Konzil dienen. Nicht zuletzt aus Angst, nach seinem Tod könnten die Anhänger der Reformation seine Lehren verwässern und dem Papst gegenüber Entgegenkommen zeigen, fasste Luther die Schrift in großer Schärfe ab.

Seine schroffen und jeden Kompromiss ausschließenden Formulierungen führten dazu, dass die führenden protestantischen Theologen die Artikel am 24. Februar 1537 in der südwestthüringischen Kleinstadt teilweise nur unter Vorbehalt unterzeichneten und die Mitglieder des Bundes sie als nicht geeignet für das Konzil erachteten. Dennoch wurden die Schmalkaldischen Artikel 1544 in die Reihe der bis heute gültigen Bekenntnisschriften der lutherischen Kirchen aufgenommen.

(GKZ)

Mit Gott über Mauern springen

13. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag


Was Nächstenliebe mit der eigenen Angst zu tun hat.

Schon abends kaum den nächsten Tag erwarten können, mit Freude und Elan die Aufgaben anpacken und immer guter Laune sein: Ja, das wär’s!

Jeder von uns kennt Tage, an denen es uns vor dem Aufstehen graut. Ich denke an Menschen im Bekanntenkreis: Bei Marion sind es die vielen unerledigten Dinge, die sich wie ein unüberwindlicher Berg vor ihr auftürmen.

Selbst- und Gottvertrauen: Wenn Gott für mich ist, wer kann gegen mich sein?

Selbst- und Gottvertrauen: Wenn Gott für mich ist, wer kann gegen mich sein?

Bei Peter ist es ein Termin beim Chef, der vielleicht die Kündigung ­bedeutet; gehen doch seit Tagen Gerüchte um, dass die Belegschaft seiner Firma verkleinert werden soll. Manfred ist bereits arbeitslos und erhält auf alle seine Bewerbungen seit ­Monaten nur eine Absage nach der anderen.

Das Beschwerliche überwinden – Die erste Bedingung für die Selbstmotivation heißt: »Überwinde, was dich demotivieren will!« Für Marion wäre es gut, zu wissen, dass die angestauten Arbeiten nicht immer so groß sind, wie sie scheinen. Psychologen haben herausgefunden, dass sich dieser Eindruck durch das wiederholte Aufschieben entwickelt. Unerledigte Aufgaben sind einfach demotivierend an sich. Motivierend wirk, wenn ich die Aufgaben einzeln sehe, sie ordne und gewichte.

Peter hat dagegen seine Situation nicht mehr allein in der Hand. Die ­Befürchtung, dass sein Arbeitsplatz bedroht ist, ist keineswegs übertrieben. Er wäre gut beraten, einmal zu prüfen, wie sehr er seinen Selbstwert mit seiner Arbeit verknüpft. Je mehr er sich über seine berufliche Position definiert, umso mehr Angst wird ihn umtreiben. Er würde sich weniger ohnmächtig fühlen, wenn er sich eine Strategie für den Fall des Falles überlegt hätte. Das letzte Wort ist ja noch nicht gesprochen.

Als Christ würde ich Peter gerne davon überzeugen, dass sein Selbstwert nicht von Menschen abhängt, sondern von Gott: Wir sind geliebt, gewollt und begabt. Das kann uns niemand nehmen.

Sich selbst bejahen, auf die eigenen Stärken besinnen und positiv über sich selbst denken. Eigentlich geht es darum, ein Gebot Gottes ernst zu nehmen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Habe ich gelernt, mir Gutes zu gönnen und mich für das Erreichen eines Zieles zu belohnen?

Für Manfred ist es vielleicht nicht leicht, alle diese Ratschläge zu beherzigen. Selbstmotivation hat ihre Grenzen und zwar dort, wo unsere menschlichen Möglichkeiten aufhören. Wer in aussichtslosen Situationen steckt, sollte darauf achten, sich nicht aufzugeben.
Warum? Weil nicht immer aussichtslos ist, was aussichtslos scheint.

Es gibt in der Bibel die Geschichte von David und Goliat. Die Heere der Israeliten und der Philister standen sich 40 Tage lang gegenüber. Goliat, ein riesenhafter Hüne der Philister, forderte die Israeliten zweimal täglich unter Hohn und Spott zum Zweikampf heraus. Er wollte den Krieg auf diesem Weg entscheiden. Keiner der Israeliten traute sich, bis David kam. David war noch ein Junge, zu schwach, um auch nur eine Rüstung zu tragen. Aber David stellte sich dem Riesen entgegen, weil Gott ihm half, eine andere Perspektive einzunehmen.

Was wäre, wenn wir sicher wären, dass die Umstände von jemandem kontrolliert werden, der das Beste für uns im Blick hat? Ich selbst habe es mir zur Gewohnheit gemacht, vor schwierigen Gesprächen zu beten und im Geiste zwei Bibelworte für mich in Anspruch zu nehmen: Wenn Gott für mich ist, wer kann dann gegen mich sein? » (vgl. Römer 8, 31) und »Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen!« (Psalm 18, Vers 30) Diese Zusagen Gottes haben mich noch jedes Mal besonders widerstandsfähig gemacht.

Iris Bollerhoff

Wunder am laufenden Band – man muss es nur glauben

12. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Brasilien: Traditionelle Lutheraner und Katholiken stehen einem bizarr-religiösen Umfeld gegenüber.
 
Die evangelikalen Gruppen und Sekten des riesigen ­Tropenlands sind in unzählige Richtungen ­gespalten, ­konkurrieren ­erbittert ­mit­einander, ­funktionieren wie Wirtschaftsunternehmen und boomen – oder gehen pleite.
 

Gotteshäuser nur für Surfer oder nur für Fans von Hardrock und HipHop, nur für Homosexuelle, für Fußballer oder Free-Fight-Boxwett­bewerbe vorm Altar mit einem »Bischof« als Ringrichter – geht das? In Brasilien nun schon seit über einem Jahrzehnt.

Renommierte Universitätstheologen wie Edin Abumansur in Sao Paulo haben allergrößte Mühe, neueste Phänomene und Tendenzen zu erfassen, sprechen mit ­Ironie und Galgenhumor von einem regelrechten »Markt der Religionen«, mit »Produkten« für bestimmte Zielgruppen und einer hemmungslosen Kommerzialisierung heiliger christlicher Werte.

»Die in der Verfassung garantierte Religionsfreiheit bedeutet in der Praxis, dass jedermann eine neue Glaubensrichtung ausrufen, sich von heute auf morgen zum Pastor, Bischof, Apostel erklären kann – denn eine theologische Ausbildung wird nicht verlangt«, so Abumansur.

Sie gehören auf den Straßen Sao Paulos und anderer Städte Brasiliens zum täglichen Erscheinungsbild: Prediger der ­unüberschaubaren Fülle an protestantischen Kirchen, Sekten und Gruppen. Foto: Klaus Hart

Sie gehören auf den Straßen Sao Paulos und anderer Städte Brasiliens zum täglichen Erscheinungsbild: Prediger der ­unüberschaubaren Fülle an protestantischen Kirchen, Sekten und Gruppen. Foto: Klaus Hart

»Eine neue Kirche zu eröffnen ist einfacher, als eine Kneipe aufzumachen«, konstatiert sein Kollege Ricardo Mariano. Der durchaus existierende Scharlatanerie-Paragraf wird nicht angewandt, ständig sind daher selbsternannte Geistliche solcher Sektenkirchen in den Polizeiberichten: Ein »Bischof« hatte mit zwei weiteren Pastoren einen Jungen missbraucht und dann lebendig verbrannt, Sektenführer morden, kooperieren mit dem organisierten Verbrechen, verstecken in ihren Kirchen sogar Drogengangster sowie Waffen.

Ex-Banditen machen als spektakuläre Sektenprediger Furore – und landen wegen schwerer Straftaten erneut im Knast. In Kirchenräumen werden sogar Maschinengewehre gefunden. Verfahren gegen Sektenchefs wegen Bandenbildung, Geldwäsche und Betrug sind häufig. Doch befragte fanatische Anhänger erklären einem in Sao Paulo oder Rio de Janeiro dazu empört: »Alles gar nicht wahr – dahinter steckt der Satan!«

Derzeit zirkulieren immer mehr Menschen zwischen den Kirchen, treten aus, treten ein, erläutert Religionsexperte Abumansur. »Denn häufig lauert in unseren Städten gleich auf der anderen Straßenseite die Konkurrenz – und wirbt marktschreierisch für ihr Produkt.«
Evangelikal-charismatische Gruppen überraschen oft auch architektonisch: Letzte Woche noch ein Supermarkt, Kino, Fabrikhalle oder Garage – jetzt auf einmal Stätte der Teufelsaustreibung und ekstatischer Wunderheilungen. Man kann sie bei YouTube anklicken, im Sekten-TV live verfolgen: Blinde werden sehend, Querschnittsgelähmte stehen aus den Rollstühlen auf, Ungezählte erklären sich befreit von Aids oder Krebs – man muss es nur glauben … Und: Je höher die Spende, umso größer die Heilungschancen, wird den Gläubigen eingehämmert.

Selbst FIFA-Weltfußballer Kaká von Real Madrid war lange Zugpferd und wichtiger Finanzier der Sektenkirche »Renascer em Cristo« (Wiedergeburt in Christus), heiratete, predigte im Haupttempel in Sao Paulo. 2010 trat er überraschend aus, nachdem die beiden schwerreichen Sektenführer in den USA Gefängnisstrafen verbüßten, der Haupttempel gar mitten im Gottesdienst zusammenkrachte – neun Tote, Dutzende von Schwerverletzten. Massenaustritte folgten – von den landesweit über 1100 Renascer-Tempeln sind nicht einmal mehr 300 übrig.

Dafür ist die »Weltkirche der Macht Gottes« derzeit Star und Aufsteiger unter den Evangelikalen. Der Chef und selbst ernannte »Apostel« Valdemiro Santiago und seine Pastoren wissen, wie man bei Messen mit 10000 Gläubigen, meist aus der wenig gebildeten Unterschicht, Emotionen hochkocht. Kein Wunder – alle haben zuvor ihr Handwerk bei der einst führenden »Universalkirche vom Reich Gottes« gelernt, waren dort angestellt.

Die katholische Bischofskonferenz im größten katholischen Land meint, dass Sektenanhänger, die in die Mittelschicht aufsteigen, sich mehr bilden und daraufhin kritischer werden, sich von den evangelikalen Kirchen abwenden – der katholischen Kirche aber annähern. Religionsexperte Abumansur ist skeptisch. »Es gibt schließlich auch evangelikale Kirchen für die Mittelschicht, die Zulauf haben.« Aber auch er bestätigt: »Wer sozial aufsteigt, möchte eine Kirche, die weniger mit Wunderheilung, magischen Elementen arbeitet und eine besser ausformulierte Theologie besitzt.«

Seine Prognose ist dennoch, dass Brasilien mehrheitlich katholisch bleibt. »Der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung dürfte sich bei 65 Prozent stabilisieren.« Brasilien hat derzeit knapp 192 Millionen Einwohner. Die Zahl der Lutheraner wird auf rund eine Million (rund 0,5 Prozent), die der Katholiken auf etwa 134 Millionen (rund 70 Prozent) geschätzt. Bei den Sektenkirchen schwanken die Zahlen zwischen 26 Millionen und 50 Millionen Anhängern, was einen Anteil zwischen rund 13,5 und 26 Prozent entspricht.

Klaus Hart

Frau Musica im Dienste von Hass und Gewalt

10. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Rechtsextremismus: Sachsen und Thüringen sind seit Jahren Hochburgen der Neonazi-Musikszene – Rattenfängerei und Millionenumsätze.

Nicht nur die Reformatoren nutzten einst die Musik, wie das derzeitige Themenjahr zur Reformationsdekade aufzeigt. Mit Hilfe von Musik verbreiten heute auch rechte Ungeister ihre christen- und menschenfeindlichen Ideen.


Einstiegsdroge: Die »Schulhof-CD« wurde seit 2004 hunderttausendfach von der NPD kostenlos verteilt. Foto: picture-alliance

Einstiegsdroge: Die »Schulhof-CD« wurde seit 2004 hunderttausendfach von der NPD kostenlos verteilt. (Foto: picture-alliance)

»Wir wollen euren Jesus nicht, das alte Judenschwein / Denn zu Kreuze kriechen kann nichts für Arier sein / Walvater Wotan soll unser Herrgott sein / Walvater Wotan wird Germanien befrei‘n«, grölt die Berliner Rechtsrockband »Landser« in ihrem Song »Odin«. Seit der Wiedervereinigung, die einen Nationalismus-Schub mit sich brachte, sind derartige Lieder in ganz Deutschland zu hören.

Das Fatale daran: Oft ist ihr menschenverachtender Rassismus beim ersten Hören gar nicht gleich zu erkennen. Denn die Texte sind aufgrund schlechter Arrangements für Außenstehende häufig kaum zu verstehen – oder sie sind in gefällige Melodien ­bekannter Popsongs verpackt: Aus »Männer« von Herbert Grönemeyer machte ein Neonazi-Bandprojekt namens »Die lustigen Zillertaler« ein Hetzlied: »Zecken sind geisteskrank. Zecken schreien ›Nazis raus!‹. Zecken sind furchtbar dämlich. Sie quatschen dich voll vom Holocaust.« Wobei mit »Zecken« all jene gemeint sind, die aus Sicht der Nazis politisch links stehen. Und was mit denen passieren soll, macht die CD-Hülle deutlich, indem sie einen Galgen zeigt.

Neuheidentum und Gewaltverherrlichung

Doch es geht noch härter: Die Musikstile »Hatecore« (Kunstwort aus engl. »Hass« und »Hardcore«) und »National Socialist Black Metal« (NSBM) sind eine einzige Gewaltorgie und nehmen besonders Juden und Christen ins Visier: »Ich nehme jede Tat in Kauf, dunkle Nacht ein Menschenschrei, die Tat ist vollbracht, das Stöhnen vorbei«, so das Lied »Todesweihe« der Band »Magog« aus dem sächsischen Pirna.

Der Geraer Band »Totenburg« gefiel dieses Lied offenbar so gut, dass sie es 2006 in einem fränkischen Gasthof nachsang. Ihr Sänger Jens Fröhlich erklärte später offen, was derartige Lieder bezwecken: »Feindbilder schüren, wie die Flammen in der Glut.« Das Motto des damaligen Konzerts: »Töten für Wotan!«

Viel gefälliger kommen hingegen Nazi-Liedermacher wie Frank Rennicke daher. Der sechsfache Vater und ehemalige Jugendführer der 1994 verbotenen »Wiking-Jugend« ist ein gern gesehener Gast auf NPD-Veranstaltungen. Inzwischen selbst NPD-Mitglied, bringt er es deutschlandweit auf bis zu 40 Konzerte pro Jahr – auch wenn das musikalische Niveau seiner Lieder und Texte eher dürftig ist. Doch mit seinen Balladen auf den Hitler-Stellvertreter Heß oder die »heldenhafte« Wehrmacht trifft er den Geschmack nicht nur der NPDler. Und nachdem das Bundesverfassungsgericht 2008 seine mehrfache Verurteilung wegen Volksverhetzung aufhob, kürte ihn die NPD sogar zum Kandidaten fürs Amt des Bundespräsidenten.

Seit Anfang der 1990er Jahre wurden die Hass- und Gewaltpredigten der Rechtsrock-Bands auch immer wieder zur Saat, aus der Mord und Totschlag erwuchs: Die Mörder von Omar Ben Noui (Guben 1999) hatten sich ebenso mit Musik der Band »Landser« aufgeputscht wie die von Alberto Adriano (Dessau 2000). Das führte zwar dazu, dass – erstmals in der bundesdeutschen Rechtsgeschichte – die Band als kriminelle Vereinigung eingestuft und ihr Sänger Michael Regner alias »Lunikoff« eine mehrjährige Haftstrafe verbüßen musste. Andererseits steigerte es die Popularität der Band ungemein: Ihre Songs kursieren heute allein ­unter ostdeutschen Schülern zehntausendfach, wie der Berliner Rechtsextremismus-Experte Michael Weiss einschätzt.

Spitzenreiter bei rechtsextremen Konzerten ist laut Verfassungsschutz seit Jahren Sachsen, dicht gefolgt von Thüringen. Und hier ist es vor allem die Stadt Gera, die traurige Berühmtheit erlangt hat. In der von Abwanderung geprägten Stadt tummeln sich gleich sechs Neonazi-Bands, und zwei einschlägige Versandhandelsfirmen setzen jährlich mehr als Hunderttausend Euro um.

Ähnliches gilt für das sächsische Chemnitz und Sachsen-Anhalts Hauptstadt Magdeburg. Deutschlandweit ist der Rechtsrock mittlerweile ein Millionengeschäft.

Doch Gera hat noch ein weiteres Problem: Hier findet seit 2003 fast jedes Jahr die Veranstaltung »Rock für Deutschland« statt, auf der sich bis zu 4000 Neonazis treffen. Und da die NPD als Veranstalter das Ganze als »politische Kundgebung« deklariert, hat die Stadt bisher kaum eine Handhabe dagegen.

Ursprünglich war Rechtsrock ein Produkt der rechtsextremen Skinhead-Szene, das heißt der »Nazi-Glatzen«. Doch inzwischen hat längst auch die NPD entdeckt, dass sich damit Nachwuchs rekrutieren lässt: Die »Schulhof-CD« mit einer Mischung aus rechtsextremen Balladen, Popsongs und »Hatecore« wird von ihr seit 2004 Jahr für Jahr kostenlos vor Schulen verteilt – Spitzenauflage: 200000 Exemplare.

Doch rechtsextreme Musik bedient inzwischen nicht nur alle Altersgruppen und Vorlieben, sie ist – dank des Musik-Netzwerkes »Blood & Honour« (»Blut & Ehre«) auch international bestens verbunden: Diese Organisation mit den »Hammerskins« als militantem Arm ist in 25 Ländern vertreten.

In Deutschland gilt zwar seit dem Jahre 2000 ein Verbot. Aber nicht erst die Morde der Terrorzelle »Nationalsozialistischer Untergrund« haben gezeigt, dass ihre Strukturen auch hierzulande weiterhin funktionieren. Die Mitglieder, zumeist führende Köpfe in der Neonazi-Szene, kennen sich: Man trifft sich auf Konzerten in Ungarn, lässt CDs in Tschechien produzieren, betreibt Websites auf Servern in den USA und lädt Bands aus England, Schweden usw. zu sich ein.

Die gesamte Gesellschaft ist bereits durchsetzt


»Das Netzwerk war nie weg«, ist sich Danilo Starosta vom Kulturbüro Sachsen sicher. Sein Büro schreibe seit ­Jahren darüber, aber: »Keiner wollte es hören; die Mär von den Einzelkämpfern war viel bequemer.« Jetzt sei die Politik endlich dabei zu erkennen, dass die Neonazi-Szene mit ihrer ­Musik eine soziale Bewegung sei, die bereits die gesamte Gesellschaft durchsetzt habe.

Was tun gegen die Hass-Musik? Geras Stadtjugendpfarrer Michael Kleim gibt nicht auf: »Kirchliche Jugendarbeit kann immunisieren, aufklären, wachrütteln. Und gelebter Glaube ist ein wirksames Gegenmittel gegen braunen Ungeist.« Eine Geraer Podiumsdiskussion kürzlich zum Thema »Rechter Terror« war so gut besucht wie lange nicht, darunter auch von einigen Konservativen. Das lässt hoffen.

Rainer Borsdorf

Hinweis: Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat eine Reihe von Broschüren zum Thema Rechtsextremismus herausgegeben. Darunter »Symbole und Zeichen der Rechtsextremisten« sowie »Rechtsextremistische Musik«. Beide können auf der Internetseite der Behörde bestellt bzw. kostenlos heruntergeladen werden:
www.verfassungsschutz.de

Singen zu Ehren Gottes

9. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Motettenkonzert in der Leipziger Thomaskirche. Foto: ACCENTUS Music

Motettenkonzert in der Leipziger Thomaskirche. Foto: ACCENTUS Music


Dokumentarfilm zeigt den außergewöhnlichen Alltag der Thomaner.

Seit fast 800 Jahren singen sie »zu Ehren Gottes«, derzeit tun es 94 Jungen und junge Männer des weltberühmten Leipziger Thomanerchores. Ein solches Jubiläum gilt es zu feiern, Anlass für einen Film, der über den Zeitraum eines Jahres den Chor begleitet und dabei unter anderem Momente des Anfangs und des Abschieds dokumentiert. Kinder werden in den Chor aufgenommen, junge Männer verlassen ihn, in jedem Falle existenzielle Herausforderungen. Was die Kinder im Chor mit seinen anachronistisch anmutenden Regeln des Internates erleben, wird sie prägen. Sie werden sich ein- und unterordnen, sonst ist es nicht möglich zu bestehen in diesem geschlossenen System mit 15 Minuten fürs Mittagessen, der »einzigartigen Welt zwischen Motette, Internat und Fußballplatz«, in der das Leben »geprägt ist von Erfolg und Leistungsdruck, Zweifel und Stolz, Heimweh und echter Freundschaft«.

Wenn sie den Chor verlassen, können sie nicht einfach hinter sich lassen, was sie in neun Jahren geprägt hat. Es sei schön gewesen, habe ihn zu dem gemacht, was er jetzt sei, sagt ein 18-Jähriger. Aber jetzt gehe es erst richtig los, er müsse das, was er erfahren hat »so einsetzen, dass man wirklich vollständig wird«.

Alle, Kinder und Jugendliche, die im Film zu Wort kommen, drücken sich gewählt aus, kritische Töne gibt es nur selten, Verdruss gar nicht. Manches klingt wie ein vorbereitetes Statement. Einmal nur in fast 100 Minuten begehrt einer auf. Für die Tournee nach Südamerika war er vorgesehen und musste dann doch in Leipzig bleiben. Nur die Besten reisen. Aber, fügt der Junge hinzu, man höre ja, dass es gar nicht so toll sein solle dort.

Thomaskantor Georg Christoph Biller nennt die Mitglieder des Chores »Thomasser« und gibt zu, dass er auch manchmal böse werden müsse. Um zu demonstrieren, wie kumpelhaft er auch sein kann, fragt er einen Steppke wie es um die Liebe bestellt sei. »Thomasser« wohnen im Internat in »Stuben«, ein »Dispi« ist ein Sänger, der wegen eines Vergehens dispensiert wurde.

Es ist ein Vorteil des Films, viele Augenblicksmomente völlig unkommentiert zu zeigen, so kann man auch unangenehme Formen arroganter Altershierarchie entdecken oder übersehen. Über pubertäre Herablassungen den anderen Schülerinnen und Schülern des Thomas-Gymnasiums gegenüber mag man lächeln oder auch nicht. Bei so viel Disziplin und Einsehen vergisst man fast, dass der Film ein Jahr der Thomaner während der Umbauphase des Alumnats begleitet und vieles sich in Provisorien abspielen muss.

Einmal stellt der Thomaskantor die Frage, ob seine »Thomasser« in »Christo Jesu« seien. Ohne »Gretchenfrage« geht es nicht in einem solchen Film. Musikalität, stimmliche Qualitäten und Intelligenz, nicht Taufscheine sind Voraussetzungen für die Aufnahme in den Chor, dessen Hauptaufgabe es aber ist, geistliche Musik aller Epochen, besonders die des großen Thomaskantors Johann Sebastian Bach zu singen und das auch nicht vornehmlich auf Konzertpodien, sondern in Kirchen, im liturgischen Rahmen der Motetten am Freitag, der Kantaten am Sonnabend oder in den Gottesdiensten der Leipziger Thomaskirche.

Manche Jungen kamen ­getauft und christlich erzogen in den Chor und haben nach neun Jahren mit dem Glauben abgeschlossen. ­Andere finden ihn und verlassen als Getaufte den Chor. Dass die tiefe Religiosität der Passionen Bachs Sänger und Zuhörende, Gläubige oder Nichtgläubige ergreifen, bewegen und sogar verändern kann, über Glauben und Verstehen hinausreicht, davon vermittelt der Film einiges.

Man mag diesen Film sehen und unterschiedlich darauf reagieren. »Die Thomaner« mit »Herz und Mund und Tat und Leben«, wie es im Untertitel heißt, sind ein Chor, den erlebt man, wenn er singt. Dazu sollte man doch am besten in die Thomaskirche gehen.

Boris Michael Gruhl

Die Thomaner. Herz und Mund und Tat und Leben.
Ein Film von Paul Smaczny und Günter Atteln,
ACCENTUS Music UG Leipzig in Koproduktion mit dem MDR,
Länge: 113 min, Kinostart: 16. Februar

Schiffbrüche in biblischen Zeiten

7. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Mehr als heute waren die Seefahrer damals den Launen des Wetters ausgeliefert

Glaube-Alltag-06

Paulus erleidet Schiffbruch vor derr Insel Malta – Darstellung auf einem Mosaik nach einem Bild des Renaissance-Künstlers Nicolò Circignani, genannt "il Pomarancio".

Kreuzfahrten waren in biblischen Zeiten nicht bekannt. Wohl aber Schiffbrüche und die Ängste und Nöte, die sie auslösten.

Keine Kreuzfahrtschiffe, sondern Handelsschiffe durchkreuzten die Meere. Sie transportierten Steine und Stoffe, Gewürze und Nahrung, Tiere und Menschen. Noch mehr als heute waren die Seefahrer in ihren einfachen Schiffen den Launen des Wetters ausgeliefert. Einige Handelsschiffe »zerschellten«. Ihrer Angst begegneten die Seeleute mit Vertrauen auf Gott. Wer in solchen bedrohlichen Stürmen und Wellentürmen zum Herrn schrie, den führte er aus Ängsten, indem er den Sturm stillte und sie »zum erwünschten Lande brachte«. (Psalm 107, 23-32; 1 Könige 22,49)

Eine der berühmten biblischen Schiffsgeschichten handelt von Jona. Dieser Prophet versucht, vor Gott zu fliehen – kein aussichtsreiches Unterfangen, betete doch schon der Psalmist: »Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen.« Jona besteigt ein Schiff, doch Gott vereitelt Jonas Fluchtpläne mit einem heftigen »Ungewitter«.

Die Seeleute versuchen, ans rettende Ufer zu rudern – »aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an«. Auf eigenen Wunsch hin werfen die Seeleute Jona über Bord, der Prophet wird als menschlicher Ballast geopfert. Doch Gott rettet ihn, indem er »einen großen Fisch« kommen lässt, der den Flüchtling verschlingt und nach drei Tagen und Nächten an Land ausspeit. (Jona 1-2; Psalm 139, 9f.)

Die phönizische Hafenstadt Tyrus, »sehr reich und herrlich geworden«, war eigentlich ein Verbündeter und Handelspartner Israels. Dennoch prophezeite der Prophet Hesekiel ihr den Untergang. Dafür verwendet er Bilder, die die schifffahrtserfahrenen Menschen verstanden. Hesekiel schildert ein Angst einflößendes Schiffbruchsszenario, das dem Untergang der Titanic in nichts nachsteht. (Hesekiel 27)

Dass jemand in seinem Leben »Schiffbruch erleidet« ist eine bis heute gebräuchliche Redewendung für eine gescheiterte Existenz. In der Bibel verwendet sie der Apostel Paulus. Diejenigen, die gegen ihr Gewissen handeln, erleiden Schiffbruch am Glauben, erklärt Paulus und hat dabei Christen im Blick, die der Geldgier ­erliegen. Das menschliche Leben ­vergleicht er mit einem Schiff, das von »jedem Wind einer Lehre bewegt« werde und »umhertreibt«. (1. Timotheus 1,19; Epheser 4,14)

Mehrmals mussten Jesus und seine Jüngerschar den See Genezareth überqueren. Das Gewässer sieht friedlich aus, ist aber gefährlich. Als Jesus unterwegs war, erhob sich »ein großer Windwirbel«, der die Wellen ins Boot schwappen ließ. Während seine Jünger panisch das Wasser aus dem Boot schöpften, schlief Jesus seelenruhig auf einem Kissen weiter. Ängstlich ­wecken die Jünger ihren »Meister« und werfen ihm vor, er kümmere sich nicht um sie in dieser Notsituation. Sofort stand Jesus auf, »bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme!« Tatsächlich legte sich der Wind »und es entstand eine große Stille«. (Markus 4,35-41)

Viele tausend Seemeilen hatte der Heidenmissionar Paulus auf seinen Reisen zurückgelegt. Nun war der Apostel als Gefangener an Bord eines Segelschiffes. In Rom sollte ihm der Prozess gemacht werden. Dem heftigen Wind entkam der Kapitän, indem er im Schutze Zyperns an der (heute türkischen) Küste entlangschipperte.

In Myra steigt Paulus unter Aufsicht des Hauptmanns Julius auf ein anderes Schiff um; an Kreta ging es vorbei mitten hinein in gewaltige Nordoststürme. Dramatische Szenen spielten sich ab: Ladung wurde über Bord geworfen, das Schiff trieb tagelang manövrierunfähig in der Adria. Schließlich erlitten sie Schiffbruch auf einer Sandbank vor Malta. Alle 276 Mann überlebten. Für den Vielreisenden Paulus selbst war es bereits der vierte Schiffbruch. (Apostelgeschichte 27; 2. Korinther 11,25)

In den Endzeitvisionen des Sehers Johannes spielt das Meer eine wichtige Rolle. Ein fürchterliches Monster steigt aus dem Meer, es hat zehn bekronte Hörner und sieben Köpfe. Dann gießt ein apokalyptischer Engel seine Schale ins Meer, woraufhin sich das Wasser in Blut verwandelt und alles Leben im Meer vernichtet wird. Weitere sieben Engel sorgen mit lautem Posaunenschall für Horror. Als der zweite sein Instrument bläst, wird ein Drittel aller Schiffe vernichtet. Das Endzeitgrauen endet mit der Aussicht auf das »neue Jerusalem«, in dem Gott alle Tränen abwischen wird. Zwei wichtige Dinge wird es in dieser neuen Welt nicht mehr geben: die Nacht und das Meer. Und damit auch keine Schiffbrüche. (Offenbarung 8,8f.; 13,1; 16,3; 21,1)

Uwe Birnstein

Leben in der Unterwelt

6. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

»In Darkness« erzählt die Geschichte vom Überlebenskampf einer Gruppe Juden in der Kanalisation

In der von Nazis besetzten polnischen Stadt Lvov (Lemberg) herrscht 1943 Armut. Die Schwachen plündern die Schwächeren, die Armen bestehlen die, die noch weniger haben. Juden werden auf der Straße exekutiert, die Nazis räumen die Ghettos. Leopold Socha, ein polnischer Kanalarbeiter und Gelegenheitsdieb kämpft um das Überleben seiner Frau und seiner Tochter. Eines Tages entdeckt er eine Gruppe von Juden, die versucht, der bevorstehenden Auflösung des Lvov’er Ghettos durch Flucht in die Kanalisation zu entkommen.

Socha versteckt sie gegen Geld im Labyrinth der Kanalisation. Am 9. Februar kommt der Film »In Darkness – Eine wahre Geschichte« in die Kinos. Das Drama der polnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Agnieszka Holland erzählt die wahre Geschichte des Polen Leopold Socha, der unter Einsatz seines eigenen Lebens und das seiner Familie während des Zweiten Weltkrieges Juden über viele Monate in der Kanalisation von Lvov Schutz gewährte. In der Realität hatten sich dort 20 Juden versteckt. Zwölf von ihnen haben es irgendwann nicht mehr ausgehalten und sind ans Tageslicht zurückgekehrt. Von ihnen hat keiner den Krieg überlebt.

Leben in der Unterwelt

Leben in der Unterwelt

Der Film der Produzenten von Schmidtz Katze Filmkollektiv aus Halle und Berlin ist für den Oscar nominiert.

Die Geschichte wird in den Originalsprachen Polnisch, Deutsch, Jiddisch und Ukrainisch erzählt. Benno Fürmann spielt den Juden Mundek Margulies, der in der Kanalisation die große Liebe findet. Maria Schrader und Herbert Knaup sind das reiche Ehepaar Chiger, Eltern der ­beiden Kinder, von denen das Mädchen Krystyna als letzte noch lebende Zeugin der Geschichte heute in den USA lebt. Den Helden Leopold Socha spielt der polnische Schauspieler Robert Wiekie­wicz.

Das Leben für die kleine Gruppe Juden in der Unterwelt ist menschenunwürdig. Zwischen Ratten versuchen sie, sich trotzdem einen menschlichen Alltag aufzubauen und so normal wie möglich zu ­leben.

Der Großteil des Filmes spielt in der Kanalisation. Die Dreharbeiten dort waren nach Angaben der Protagonisten eine Herausforderung, ebenso die Imitation des Abwassersystems. Gedreht wurde in echten Abwasserkanälen von Lvov und in einer Halle am Stadtrand von Leipzig, wo aus Holz die Kanalisation samt Gullydeckeln, einströmendem Wasser und Dunkelheit nachgebaut worden war.

Eine Filmkritik würdigt Agnieszka ­Hollands polnischen Oscar-Beitrag »In Darkness« als ein so unprätentiöses wie unbequemes Holocaust-Drama, das zur historischen Auseinandersetzung jenseits von Allgemeinplätzen und vorschnellen Vereinfachungen einlade.

(GKZ)

Rosen für Europa, Mais für die USA

3. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

»Land Grabbing«: Internationale Unternehmen bewirtschaften in Entwicklungsländern riesige Flächen

Rosen für Europa, Mais für die USA

Oft das Ende vom Lied: riesige Monokulturen und Chemieeinsatz – wie hier auf einer Sojaplantage in Paraguay. Foto: epd-bild/Heiner Heine

Während die Hälfte der Menschen in Äthiopien hungert, züchtet eine indische Firma dort auf riesigen Plantagen Rosen für Europa.

Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern weichen wegen der hohen Bodenpreise in ihrer Heimat zunehmend in Entwicklungsländer aus. Dabei werden vielfach über die Köpfe der Kleinbauern hinweg lukrative Verkaufs- und Pachtverträge zwischen den Regierungen und den Investoren abgeschlossen. Die Bauern verlieren ihr Land, oft auch ihr Zuhause.

Denn die Eigentumsverhältnisse in Entwicklungsländern sind oft nicht ausreichend geregelt. Selbst wenn die Menschen seit Generationen ein Grundstück bewohnen und bewirtschaften, können sie es selten nachweisen. Und viele Regierungspolitiker wollen von den Geschäften mit Großinvestoren profitieren. So bedrohen ausländische Investitionen vielfach das Leben der Einwohner, statt wie erhofft zu Aufschwung und Entwicklung zu führen. Die Kritiker sprechen von »Land Grabbing« (Landnahme).

Knapp die Hälfte der Fläche, die ausländische Großinvestoren in Beschlag nahmen, diene dem Anbau von Pflanzen für Agrar-Treibstoffe, erklärt der südafrikanische Wissenschaftler Ward Anseeuw. Die Philippinen sind nach seiner Statistik der Staat mit dem meisten Land Grabbing: 4,7 Millionen Hektar, eine Fläche von der Größe Niedersachsens, die etwas weniger als ein Drittel der gesamten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche der Philippinen ausmacht.

In Madagaskar werden 2,6 Millionen Hektar, in Äthiopien 2,3 Millionen Hektar durch ausländische Investoren bewirtschaftet. Anseeuw erstellt zusammen mit Michael Taylor von der »International Land Coalition«, die sich für die Landrechte der Armen einsetzt, eine Datenbank zu Land Grabbing.

Der Landrechte-Experte der UN-Landwirtschafts- und Ernährungs­organisation (FAO), Paul Mathieu, spricht von einer Strategie der Industrieländer, ihre landwirtschaftliche Produktion auszulagern. Um die negativen Auswirkungen zu dämpfen, arbeitet die FAO an Richtlinien.

»Das Menschenrecht auf Nahrung steht seit Jahrzehnten auf dem Papier, wurde aber nie richtig umgesetzt«, beklagt der stellvertretende FAO-Generaldirektor Alexander Müller. Länder, in denen die Bevölkerung hungere, exportierten dennoch Agrarprodukte. Dass es weltweit noch viel ungenutzten Boden gebe, weist Müller als Fehleinschätzung zurück. Alle nutzbaren Flächen würden bewirtschaftet, besonders in Entwicklungsländern herrsche deshalb ein reger »Verdrängungswettbewerb«.

Die FAO wendet sich nicht generell gegen Landkauf durch Großinvestoren, spiegelt die UN-Organisation doch die Interessen aller ihrer 191 Mitgliedsstaaten wider. Es gibt jedoch schwierige Debatten und heftigen Streit.

Der Inder Sai Ramakrishna Karuturi ist mit seiner Rosenzucht in Äthiopien reich geworden. Rund 311000 Hektar Land lässt er bewirtschaften und neben Blumen Reis, Mais, Palmöl und Zuckerrohr im großen Stil anbauen – weiteres Wachstum ist geplant.
Die Investoren betonen die Vorteile für die Entwicklungsländer.

Sie werben damit, dass sie Arbeitsplätze schaffen und nach gewissen ökologischen Standards anbauen. Denn in der westlichen Welt gehört nachhaltiges Wirtschaften und die Achtung der Menschenrechte zum guten Ton. Doch der ehemalige Grünen-Politiker Müller warnt: »In vielen Bereichen sind hehre Absichtserklärungen und tägliches Handeln nicht immer in Einklang zu bringen.«

Im Unterschied zu Müller sieht Landrechte-Experte Mathieu Investitionen in Agrarflächen als Chance, wenn transparente und faire Verträge abgeschlossen werden, die auch überwacht werden. Afrika brauche dringend mehr Investitionen und Arbeitsplätze. »Wenn nichts geschieht, wie in den letzten 10, 20 Jahren, und weiterhin zu wenig in den Agrarsektor investiert wird, wäre das ein katastrophales Szenario«, warnt Mathieu. »Die Zeiten für billige Investitionen in Land sind ­ohnehin bald vorbei.« Denn der Wettbewerb um Land treibe auch in den Entwicklungsländern die Bodenpreise nach oben.

Bettina Gabbe (epd)

Selbst ein Akteur auf dem Markt

2. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Wirtschaft: »Theologische Tage« in Halle fragten nach der Rolle der Kirche zwischen Kapital und kirchlichem Auftrag

Der Kapitalismus steckt in der Krise.  Selbst Wirtschaftsvertreter wissen um die Schwachpunkte.  Auch die Kirche kommt nicht umhin, sich mit ihrer Rolle auf dem Markt auseinanderzusetzen.

Der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Institutes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. »Wir«, sagt Gerhard Wegner, »brauchen eine grundlegende Veränderung des Wirtschaftssystems.« So, wie es jetzt aufgestellt ist, seien die Zukunftsperspektiven nicht besonders gut. Eine Ursache der gegenwärtigen Krise sieht der Wirtschaftsfachmann und Sozialethiker in der dominierenden Rolle des Geldes und im Auseinanderklaffen von Real- und Finanzwirtschaft. »Derzeit«, weist Wegner nach, »geht es nur noch um die Vermehrung des Geldes.« Mit allen negativen Begleiterscheinungen.

Zugleich hält sich der Theologe aber auch nicht mit Selbstkritik zurück. Die Kirche dürfe ihre Positionierung nicht nur auf das Soziale verkürzen, sondern müsse auch das ökonomische Geschehen in den Blick nehmen, findet Wegner. Ein fairer Wettbewerb etwa könne weltweit gesehen durchaus sinnvoll sein. Als Negativbeispiel nennt er die Agrarsubventionen in der EU, die die armen Länder benachteiligen würden.

Zwei Tage lang stehen wirtschaftliche Fragen im Mittelpunkt der Theologischen Tage der Martin-Luther-Universität in Halle. Unter dem Motto »Zwischen Angebot und Nachfrage. Kirche – Markt – Macht« geht es um jüdisch-christliche Wertvorstellungen zu Geld, Zinswesen und zur ­Wirtschaft sowie um die Frage, ob diese religiösen Orientierungsangebote überhaupt noch zeitgemäß sind.

Blickpunkt-06Neben dem Leiter des Sozialwissenschaftlichen Institutes spricht der Tübinger Theologieprofessor Eilert Herms über Markt und Macht im Selbstverständnis der Kirche, der frühere Bischof Axel Noack fragt nach unternehmerischem Handeln aus christlicher Sicht und der Hallenser Professor für systematische Theologie Jörg Dierken befasst sich in einem Workshop mit Kapitalismus und Marktzerstörung in christlicher Perspektive.

Die traditionsreichen Theologischen Tage greifen damit ein Thema auf, das durch die Krise des Euro und der globalen Finanzsysteme derzeit in aller Munde ist und die Medien beherrscht. Wenn ganze Staaten ins Taumeln geraten, könnten sich die Kirchen nicht einfach zurücklehnen, heißt es dazu in Halle.

Tatsächlich gehört sie selbst zu den »nicht ganz kleinen Akteuren« (Wegner) und unterliegt mit ihrem Geld den Regeln des Marktes. Allein die Pensions­kassen aller Landeskirchen umfassen derzeit etwa 15 Milliarden Euro. Für den Leiter des Sozialwissenschaftlichen Ins­titutes kann das nur eines bedeuten:

Die Kirche müsse sich fragen, ob sie sich dem Markt angleichen oder andere Strukturen entwickeln wolle. Dass der Umgang mit dem Geld dabei immer wichtiger wird, darauf weist auch der frühere Magdeburger Propst Matthias Sens hin. So habe die mitteldeutsche Kirche Ende des vergangenen Jahres ethische Kriterien zur Kapitalanlage beschlossen, sagt er in der anschließenden Diskussion.

Doch grundlegend ändern lässt sich das Wirtschaftssystem damit nicht, das vor allem auf Wachstum angelegt ist. Wichtig sei es deshalb zu fragen, woran künftig der Wohlstand gemessen werden soll, findet Wegner. Dagegen plädiert der Hallenser Theologie-Professor Jörg Dierken für mehr Realitätssinn in der Debatte und wirft einen kritischen Blick auf die lange Tradition des Antikapitalismus im Luthertum.

So seien August Hermann Francke oder Johann Hinrich Wichern auch große Unternehmer gewesen, durch deren Handeln etwas Positives für andere herausgekommen sei. Nach seiner Ansicht haben Theologie und Ökonomie eine ganze Menge miteinander zu tun. »Religion ist der Umgang mit der Endlichkeit, in der Ökonomie geht es um den Umgang mit der Knappheit.« Zudem könne auch wirtschaftliches Handeln als Lebenssinnquelle verstanden werden, so Dierken.

Einen Schritt weiter geht der Tübinger Soziologe Christoph Deutschmann, der sich in seinem Beitrag mit der »dämonischen Qualität des Geldes« befasst. Seit dem 19. Jahrhundert hätte der Markt eine quasi religiöse Rolle erhalten. »Heute ist Geld weit mehr als ein harmloses Tauschmittel«, zeigt er sich überzeugt. Auch in der Idee des Marktes sieht Deutschmann keineswegs ein Naturgesetz.

Vielmehr handele es sich um einen Glauben, der in direkter Konkurrenz zur christlichen Religion stehe. »Der Marktgott ist kein gütiger Gott, sondern ein ­Dämon!« Dabei sei der Kapitalismus nicht per se amoralisch, stellt der Soziologe klar. Das Argument der liberalen Theorie, der Markt führe zu globaler Gerechtigkeit, sei nicht völlig falsch. »Aber wir sollten uns vor einer Marktgläubigkeit hüten.« Heute stehe die Aufgabe, wie sich die »Entgrenzung des Marktes« ­wieder rückgängig machen lasse. »Das«, findet Deutschmann, »kann auch eine Aufgabe der Kirche sein.«

Martin Hanusch

Wenn die Welt zu Ende geht?! – Na und

30. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Was gegen Angst und Depression hilft und aus der Krise führt

»Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.« Paul Gerhardt – Foto: MEV

Die Welt ist voller schlechter Nachrichten. Fragen bedrängen uns: Wird mich im Alter jemand pflegen? Gibt es dann überhaupt noch eine Rente, von der man auch leben kann? Werden wir, unsere Kinder und Enkel sauberes Wasser haben? Genügend Arbeit oder genügend bezahlte Arbeit? Das sind bedrängende Fragen, wichtige Fragen. Wer hier zu schnell zum Jesus-Zitat »Sorget euch nicht um den morgigen Tag« (Matthäus 6,34) greift, übersieht, dass wir nicht auf Kosten des morgigen Tages leben dürfen. Für die Zukunft gilt: Keine Sorge, aber Fürsorge bestimmt!

Die Forschung hat gezeigt: Wenn ich begreife, dass ich dem Chaos nicht nur untätig zusehen muss, legen sich Ängste. Es ist nämlich nicht das zu erwartende Geschehen, was uns Angst macht und lähmt, sondern die Hilflosigkeit angesichts solcher Ereignisse. Wer sich hilflos fühlt, wird depressiv und sorgenvoll. Wer sich herausgefordert fühlt, wird dagegen mutig und kreativ. Der bedeutende Depressionsforscher Martin Seligmann nannte die Depression sogar »erlernte Hilflosigkeit«.

Jeder kann das selbst beobachten: Beifahrer zu sein ist viel stressiger als selbst am Steuer zu sitzen – obwohl das Risiko für beide gleich ist. Mit anderen Worten: Menschen, die glauben, dass das Wohl und Wehe ihres Lebens von ihrem Denken und Handeln abhängig ist, sind gesünder und leben besser. Nicht das Schicksal oder die Sterne, nicht die anonymen Mächtigen, nicht die Banken oder die Politik entscheiden, ob mein Leben wichtig und sinnvoll ist – sondern: Wie ich lebe, entscheidet darüber, ob mein Leben gelingt.

Das Gegenteil dazu bildet eine Einstellung, die sich sorgenvoll, aber hilflos ausliefert. Nach dem Motto »Da kann man eh nichts machen«. Aber diese Haltung übersieht: Gott lebt uns nicht – er hat uns Leben gegeben, damit wir es leben. Wir sind keine Marionetten eines himmlischen Puppenspielers, sondern Dialogpartner des Höchsten! Paul Gerhardt hat recht: »Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.« Und: »Auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn«. Aber das heißt auch: Wenn es Wege gibt, muss ich die gehen.

Wenn wir uns also – durch globale Medien bestens über jedes Horrorszenario informiert – geschlagen geben, kommt die Angst. Und schnell fühlen wir uns überwältigt, ohnmächtig, ängstlich grübelnd blicken wir in eine düstere Zukunft. Das ist vielleicht der Zeitgeist: »Es geht eh alles den Bach runter – nimm mit, was du kriegen kannst«. Paulus fordert – ganz im Gegenteil dazu – auf, sich nicht den gesellschaftlichen Trends anzupassen – »seid nicht gleichförmig dieser Welt« –, sondern »werdet verwandelt«. Und das »durch die Erneuerung eures Sinnes« (Römer 12,2).

Wie kann ich mein Denken erneuern? Zuerst einmal sind die Krisen, die uns emotional erschlagen, meistens irgendwelche anonymen Monster. Anstatt uns Ideen für unser Leben heute zu geben, machen diese Monster uns handlungsunfähig. Trauen Sie sich einmal, nicht zu erstarren, sondern weiter zu denken: Was ist, wenn ich keine Rente mehr bekomme? Dann muss ich sehr bescheiden leben. Dann muss ich lernen, mich an den Dingen zu freuen, die da sind. Alle wirklich wichtigen Dinge im Leben aber kann der Mensch sich nicht kaufen. Also könnte ich jetzt schon üben, meine Lebensfreude konsumunabhängiger zu gestalten.

Und ganz mutig: Was ist, wenn die Welt zu Ende geht? Dann wartet Gottes neue Welt. Und da ich dort Bürgerrecht habe, kann ich mich darauf schon jetzt vorbereiten. Entscheiden Sie, wie Sie die Freundschaft mit dem Herrn der neuen Welt heute schon pflegen. Lernen Sie tanzen und singen. Besuchen Sie Gefangene, kleiden Nackte und speisen Hungrige.

Wenn wir unser Denken nicht mehr zwanghaft auf das Bewahren unseres Lebensstandards fixieren – geschieht »verwandelt werden«. Wer loslassen kann, wird gelassen. Der KZ-Überlebende Viktor Frankl beobachtete:

Wer den Sinn seines Lebens im Glück sucht, wird es niemals finden. Wer den Sinn seines Lebens aber in dem sucht, was größer ist als er selbst, wird dabei auch sein Glück finden. Jesus sagte es ganz ähnlich: »Wer sein Leben liebt, wird es verlieren. Aber wer sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es für das ewige Leben erhalten« (Johannes 12,25).

Ulrich Giesekus

Der Autor ist Professor für Psychologie und Counseling (psychosoziale Beratung) an der Internationalen Hochschule Liebenzell und führt eine Praxis für psychologische Beratung.

Der neue Stradivari

28. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Porträt: Für Martin Schleske ist der Geigenbau ein Gleichnis für den Weg des Menschen zu Gott

Martin Schleske aus dem bayerischen Stockdorf gilt als einer der besten Geigenbauer der Gegenwart. Daneben begeistert er als Schriftsteller seine Leser.

Martin Schleske ist ein geschickter Handwerker und ein Mann der akribischen Wissenschaft zugleich. – Foto: privat

Einst, so lautet die Legende, suchten die alten Meister ihr Tonholz, indem sie am Ufer der Gebirgsflüsse standen und auf das Aneinanderschlagen der Baumstämme hörten, die talwärts geflößt wurden. Am Klang erkannten sie, welches die wahren »Sänger« des Waldes waren. So nennen die Geigenbauer jene raren Stämme, die für die Herstellung hochwertiger Musikinstrumente geeignet sind. Bergfichte muss es sein, gewachsen im kargen Alpenboden, mit gleichmäßigen Jahrringen.

Das Holz soll ein geringes Gewicht, aber dennoch hohe Festigkeit haben und wie ein kleines Glöckchen klingen, wenn man an den richtigen Stellen dagegen klopft.

Mit dieser Anekdote beginnt Martin Schleskes Buch »Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens«. Der Instrumentenmacher mit Weltruf erläutert darin die ganze Entstehungsgeschichte einer Geige, angefangen beim Holzschlag an der Waldgrenze und endend im Konzertsaal. Er gewährt einen seltenen Einblick in eine Handwerkskunst, die schon immer eine geheimnisvolle Aura umgab, nicht erst seit für antike Violinen von Stradivari & Co. Millionensummen bezahlt werden.

Doch nicht Schleskes Fachwissen ist es, welches das schriftstellerische Debüt zu einer herausragenden Lektüre macht. Denn wie der Untertitel schon ankündigt, geht es dem Autor um mehr. Für den tiefgläubigen Tontüftler stellt der Geigenbau ein Gleichnis für den Weg des Menschen zu Gott dar. Jeder Arbeitsschritt bekommt dabei eine symbolische Bedeutung.

Ähnlich wie aus dem rohen Holz in der Werkstatt ein kostbarer Klangkörper wird, ist für Schleske jeder Einzelne dazu berufen, ein Instrument Gottes zu sein. »Glück bedeutet dann, dass der Weisheit Gottes durch uns etwas Gutes geglückt ist«, heißt es in dem Buch.
Diesen Prozess der Verwandlung beschreibt der 46-Jährige auf berührende und poetische Weise anhand vieler persönlicher Erfahrungen und Einsichten. Außerdem hat der Verlag ein Kalenderbuch für sieben Jahre mit dem Titel »KlangBilder. Werkstattgedanken« herausgebracht. Es enthält teilweise veränderte, teilweise neue kurze Texte von Schleske neben kunstvollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der international bekannten Berliner Fotografin Donata Wenders.

Heute wie damals wird in den Ateliers der Violinenbauer nicht nur mit frommem Berufsethos, sondern ebenso mit unermüdlichem Forschergeist nach dem vollkommenen Klang gesucht. Während die Großen der Barockzeit schon komplizierte geometrische Formen für die Wölbungen ihrer Geigendecken entwarfen, ist inzwischen vielerorts modernste Technik mit im Spiel.

Das gilt auch für Martin Schleskes Werkstatt. Direkt an seinen Arbeitsraum grenzt ein kleines Akustiklabor, in dem er die Resonanzen jeder entstehenden Geige präzise misst und analysiert. Der hochgewachsene Brillenträger mit der Mütze auf dem Kopf ist ein geschickter Handwerker und ein Mann der akribischen Wissenschaft zugleich, mit abgeschlossener Zweitausbildung als Diplomphysiker.

Zwar werden gute Streichinstrumente bis heute ausschließlich von Hand geschnitzt und gefertigt. Doch daneben hat jeder Meister seine individuellen Tricks, um die Klangqualität zu verbessern. So gelangen beispielsweise kurzwellige Lichtstrahlen, Sauerstoffgemische oder Ozon zum Einsatz, um die Holzstruktur zu beeinflussen. Die genauen Methoden sind stets geheim.

Nur ein Instrument bleibt trotz aller Tüftelei in vieler Hinsicht unschlagbar, wie Martin Schleske bei seiner Tätigkeit immer wieder erkennen musste, und das ist die menschliche Stimme.

Als er jüngst eine Arie von Maria Callas mit einem speziellen Computerprogramm untersuchte, stellte sich heraus, dass die Operndiva in einem Vibrato bis zu zehnmal pro Sekunde die Obertöne ihres Gesangs veränderte. Dazu ist kein herkömmlicher Klangkörper der Welt fähig. Deshalb zählt es zu den wichtigsten Vorhaben von Schleskes privater Forschung, den Klangcharakter seiner Streichinstrumente immer mehr demjenigen der Stimme anzupassen. Vollständig wird Martin Schleske sein Ziel allerdings kaum je erreichen. Denn der Mensch ist eben doch aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt. Und Gott ein außergewöhnlich guter Werkmeister.

Fabian Kramer

Buchtipps
Schleske, Martin: Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens, Kösel-Verlag, 352 S., ISBN 978-3-466-36883-9, 21,95 Euro
Schleske, Martin: KlangBilder. Werkstattgedanken – Ein Kalendertagebuch für 7 Jahre aus der Geigenbauwerkstatt von Martin Schleske mit 52 Fotografien von Donata Wender, Kösel-Verlag, 224 S., ISBN 978-3-466-37026-9, 19,99 Euro

Als Pfarrerin im Urlaubsparadies

27. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Pfarrerin Eva Gabra – Foto: epd-bild

Ägypten: Hurghada am Roten Meer – Treffpunkt für Rentner, Urlauber, Abenteurer und verkrachte Existenzen

In der ägyptischen Touristenhochburg Hurghada gibt es seit dem Sommer eine Pfarrstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Du bist ein Volltreffer«, singen die Kinder im Kreis. Es ist ihr Lieblingslied beim Kinderbrunch. So heißt der deutschsprachige evangelische Kindergottesdienst im ägyptischen Touristenzentrum Hurghada am Roten Meer. Eva Gabra ist seit Sommer vergangenen Jahres Auslandspfarrerin der Evangelischen Kirche in Deutschland in Hurghada.

Die Zeiten sind nicht leicht. Die ägyptischen Christen, die Kopten, werden angegriffen und verfolgt, mehr als Hunderttausend sollen im vergangenen Jahr das Land verlassen haben. Die deutschsprachigen Christen in Hurghada, für die Eva Gabra zuständig ist, wurden von den Anfeindungen aber bisher nicht getroffen.

Die 29-Jährige mit dem blonden Pferdeschwanz ist Pfarrerin einer Gemeinde, die offiziell noch gar nicht existiert. Aber die deutschsprachigen evangelischen Christen in Hurghada sind schon lange sehr aktiv. »Bisher hatten wir keine theologische Anleitung, aber ich habe ab und zu meinen Vater angerufen, der ist Pfarrer in Deutschland und hat mir dann ein paar Tipps gegeben«, sagt Beke Hoppe, die den Kinderbrunch mitorganisiert hat.

»Wir leben in einem Land, in dem Religion eine große Rolle spielt. Da fragt man sich automatisch, an was man eigentlich selber glaubt und wo man hingehört«, konstatiert Hoppe. Kein Wunder also, dass Eva Gabra herzlich empfangen wird. »Ich habe das Gefühl, offene Türen einzurennen«, sagt die Pfarrerin, die in Wuppertal, Heidelberg und Kairo studiert hat.

Dennoch steht sie vor großen Herausforderungen, denn in den Auslandskirchen sind evangelische Christen nicht automatisch Mitglied, sie müssen eintreten und bezahlen. Das erfordert Überzeugungsarbeit. Auch hat sie bisher keinen Raum: So schiebt sie entweder die Sofas zur Seite und lädt zu sich ins Wohnzimmer ein oder sie feiert ihre Gottesdienste im Garten des deutschen Honorarkonsulats.

Es gilt, Brücken zu schlagen, denn Hurghadas Deutsche könnten unterschiedlicher nicht sein: »Dies ist ein Ort, der viele Abenteurer anlockt. Manche schaffen es hier, aber es gibt auch verkrachte Existenzen«, weiß die Pfarrerin zu berichten.

Der Honorarkonsul von Hurghada, Peter Jürgen Ely, schätzt, dass rund 7000 Deutsche dauerhaft in Hurghada und Umgebung leben. Viele von ihnen arbeiten in Hotels und Tauchschulen. Doch der Tourismus steckt seit der Revolution in der Krise. Viele aus der Branche machen sich Sorgen um die Zukunft – auch, weil die Salafisten, die bei den Parlamentswahlen zur zweitstärksten Kraft wurden, den Touristen Alkohol und Bikini verbieten wollen. Wer will dann noch Urlaub in Hurghada machen?

Nicht alle leben vom Tourismus. Viele Deutsche in Hurghada sind Rentner, die in der Sonne ihren Lebensabend verbringen. Hinzu kommen deutsche Frauen, die sich im Urlaub in einen Ägypter verliebt haben und geblieben sind. »Viele der Frauen sind wegen der Ehe zum Islam übergetreten, andere sind Christinnen geblieben. Das Zusammenleben mit ihren muslimischen Männern wirft bei ihnen jedoch die Frage auf, was das Christentum eigentlich ausmacht«, sagt Eva Gabra. Sie hat deswegen mit diesen Frauen bereits im November einen Glaubenskurs gemacht: Es ging um die Grundlagen des Christentums und darum, was die Christen im Alltag von den Muslimen unterscheidet.

Gabra hat sich in ihrem Studium auf christlich-islamischen Dialog spezialisiert und weiß, was es heißt, eine Ehe zwischen den Kulturen zu führen. Auch ihr Mann ist Ägypter. Sie hat ihn allerdings an der theologischen Fakultät kennengelernt. Auch David Gabra ist Pfarrer. Er betreut die evangelisch-koptische Gemeinde von Hurghada.

Zu Eva Gabras Gemeinde sollen aber nicht nur die in Hurghada lebenden Deutschen gehören. Auch mit Touristenseelsorge hat die Evangelische Kirche in Deutschland die Pfarrerin beauftragt. Doch wie fängt man das an? Hurghada ist ein Ferienort, der auf billigen Massentourismus setzt. Die meisten kommen her, weil sie mit Vollpension am Strand liegen wollen. Eine Pastorin haben sie nicht gebucht. »Andererseits ist der Urlaub auch ein Moment, in dem die Menschen zur Besinnung kommen und sich die Fragen des Lebens stellen. Dabei können sie vielleicht Begleitung gebrauchen«, sagt Eva Gabra.

Julia Gerlach (epd)

Dem Vergessen einen Strich durch die Rechnung machen

26. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Holocaustgedenktag: Bis heute arbeitet Yad Vashem daran, den Opfern ein Denkmal und einen Namen zu geben

Yad Vashem, die zentrale ­Holocaustgedenkstätte des Staates Israel, ist ein Muss für jeden Israelbesucher. Der Ort steht sowohl für das Erinnern wie auch für die wissenschaftliche Erforschung der Judenvernichtung.

In der Halle der Namen: Auch die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Sabine von Schorlemer, ­besuchte im März 2010 während ihres Israelaufenthaltes die Gedenkstätte Yad Vashem. Foto: Johannes Gerloff

Kein führender Politiker oder hochrangiger Geistlicher kann es sich leisten, den jüdischen Staat zu besuchen, ohne einen Kranz in der Halle des Gedenkens neben der ewigen Flamme niederzulegen oder sich in der Halle der Namen fotografieren zu lassen. Niemand bleibt unberührt beim Gang durch das Museum, das sich wie ein Pfeil durch den Bergrücken im Westen Jerusalems bohrt und die Geschichte des nationalsozialistischen Völkermords nachzeichnet. Der Name der Gedenkstätte ist dem biblischen Buch des Propheten Jesaja entnommen, wo der Gott ­Israels verspricht, Menschen »in meinem Hause und in meinen Mauern ›Yad Vashem‹ – ein Denkmal und einen Namen« – zu geben. (Jesaja 56,5)

Seit 1955 sammelt und archiviert Yad Vashem die Namen von Holocaustopfern. Von den schätzungswei­se sechs Millionen Holocaustopfern sind mehr als vier Millionen namentlich registriert. Zwei Millionen Namen fehlen noch. Debbie Berman gehört zu denen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diese Namen ausfindig zu machen. Seit 2006 arbeitet sie in Yad Vashem, heute als Projekt-Koordinatorin für die Erhaltung der Namen von Opfern der Schoah, wie der Holocaust auf Hebräisch genannt wird. Die modern-orthodoxe Mutter von vier Kindern betrachtet ihren Wettlauf ­gegen die Zeit und das Vergessen als Familienprojekt, als Mission und ganz einfach als Vorrecht.

Bermans Eltern und Großeltern sind selbst Holocaustüberlebende. Aber keiner wollte erzählen, was sie in den Konzentrationslagern, auf der Flucht oder im jahrelangen Versteck durchgemacht haben. »Emma Salgo war voller Leben, Freude und Lachen«, erklärt Debbie Berman das Schweigen ihrer Großmutter, »das wollte sie uns weitergeben – nicht die Geschichten von Verfolgung, Qual und Tod.« Deshalb hat sie ihren Kindern und Enkeln nie erzählt, was sie im Arbeitslager Kaufring, einer Außenstelle des KZ Dachau, erlebt hat. Im November 1944 wurde sie dorthin deportiert. Ihrem Mann Chaim war die Flucht in die Schweiz gelungen. Die Kinder, Robbi und Schoschanna, wurden in Budapest versteckt.

Dass Überlebende der Schoah nicht über die Vergangenheit reden wollen, ist nicht ungewöhnlich. Eine Antwort auf die Frage nach dem Grund dafür ist nicht leicht zu finden. »Viele haben nie wirklich um ihre Lieben trauern können. Der Verlust war einfach überwältigend«, meint Debbie Berman, »manchmal kann eine einzige Person 50, 60 oder gar 80 Namen aus dem engeren Verwandtenkreis nennen, die in der Schoah ihr Leben verloren haben.«

Manche hoffen immer noch, vermisste Familienmitglieder und Freun­de wiederzufinden. Berman hilft Überlebenden, Fragebögen zu vermissten Schoahopfern auszufüllen. »Den Satz ›Mendel ist tot‹ zu denken, auszusprechen, aufzuschreiben und dann auch noch eine Unterschrift unter ein Formular zu machen, erscheint ihnen oft unmöglich«, erzählt die junge Frau aus ihrer Arbeit. Aber dann ist es ­immer wieder doch eine gewaltige ­Erleichterung für diese Menschen, die jahrzehntelang eine unglaubliche, ­erdrückende Last mit sich herumgetragen haben. »Wir nennen die Zeugnisbögen auch ›virtuelle Grabsteine‹«, erklärt Berman.

»Es ist wichtig, dass da ein Name steht, wenn möglich ein Foto; dass die Erinnerungen ausgesprochen und aufgeschrieben werden, um so dem Bemühen der Deutschen, uns zu einer Nummer zu degradieren, uns zu vernichten, unseren Namen auszuradieren, einen Strich durch die Rechnung zu machen.«

Berman berichtet, dass ihre eigene Mutter anfangs auch nicht erzählen wollte. »Ich erinnere mich an nichts. Ich weiß nichts Wesentliches«, hatte sie immer wieder betont. Doch dann fuhren Mutter und Tochter nach Budapest, wo die Mutter als kleines Mädchen vor den Nazi-Schergen versteckt worden war. »Intuitiv kannte sie sich aus, wusste genau wo der Bahnhof sein musste«, erlebte Debbie Berman. Schließlich umfassten die ­Erinnerungen der Mutter 13 Seiten – und die Erinnerungen wurden bestätigt. Das Online-Archiv von Yad Vashem fand Verbindungen zu weiteren Verwandten und stellte fest, dass Debbies Urgroßmutter, Theresa Salgo-Rottenberg, eine Erinnerungsseite für ihren Sohn eingereicht hatte.

Debbies Vater, Simon Deutsch, wurde wie die Mutter von Nichtjuden gerettet. Debbie kennt die Namen der Retter ihrer Eltern. Es war der Portugiese Sousa Mendes, der ihrem Vater nach der Flucht aus dem von Deutschen besetzten Antwerpen das Überleben und einen Neuanfang im fernen Amerika ermöglichte. In den Archiven von Yad Vashem begegnete Berman schließlich noch einem Onkel ihres Vaters, dem Künstler Carol Deutsch. Seine Tochter Ingrid hatte in einem Versteck überlebt und 99 Illustrationen biblischer Geschichten ihres Vaters gerettet. Sie werden jetzt in der Gedenkstätte ausgestellt.

Immer wieder kommt es vor, dass Berman miterleben darf, wie Menschen Tote suchen und Lebende finden – etwa Liora Tamir, die als Vollwaise in der sowjetischen Gulagstadt Workuta und später in einem Waisenhaus in Leningrad aufwuchs. Tamir lebte in der Annahme, ihre gesamte Familie sei ausgerottet. Bis eines Tages ihre Tochter Ilana durch Nachforschungen herausfand, dass ein Onkel von Liora, Simcha Shikler, 1956 einen Eintrag in Yad Vashem veranlasst hatte. So wurde der Frau, die sich mutterseelenallein glaubte, »eine Familie geboren«, wie ihre Tochter Ilana im Rückblick formulierte.

Auf wunderbareweise überlebte die ganze Familie von Debbie Berman und wurde nach dem Krieg wiedervereint. Die Großmutter hatte es irgendwie geschafft, durch die gesamte Leidenszeit im Konzentrationslager ein kleines rosa Kleid ihrer Tochter zu bewahren. »Es war ein Hoffnungsschimmer inmitten des erlebten Albtraums.« Bevor Debbie 1992 nach Israel einwanderte, schenkte die Mutter ihr das rosa Kleidchen. »Ich habe es all diese Jahre aufbewahrt und dann einmal meiner kleinen Tochter Emma, die nach ihrer Großmutter genannt wurde, angezogen«, erzählt sie heute.

»Als ich meine eigene Tochter in diesem Kleidchen spielen und lachen sah, wurde mir plötzlich klar, was für ein Schmerz es für meine Großmutter gewesen sein muss, so lange und unter solchen Umständen von ihren Kindern getrennt sein zu müssen.« 2010 feierte Emma Berman ihren zwölften Geburtstag, ihre Bat-Mizwa. Aus diesem Anlass vermachte die Familie das geschichtsträchtige Familienkleidungsstück der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. »Ich denke, hier ist es am besten aufgehoben«, meint Debbie.

Johannes Gerloff

Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Überlebenden des größten nationalsozialistischen Vernichtungslagers in Auschwitz-Birkenau. Mit einer Proklamation des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog wurde am 3. Januar 1996 der 27. Januar in Deutschland offiziell zum »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus« erhoben. »Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen«, hieß es in der Proklamation.

Im Jahr 2005 erklärte zudem die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Holocaustgedenktag.
In Israel selbst ist der Jom haScho’a ein israelischer Nationalfeiertag. Er beginnt mit dem Sonnenuntergang am 27. Nisan des jüdischen Kalenders und endet am folgenden Abend. Nach dem gregorianischen Kalender fällt der Tag in diesem Jahr auf den 19. April.
(GKZ)

www.yadvashem.org/
www.yad-vashem.de

Glaubens-Façon und preußischer Mehrwert

22. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Der Sozialethiker Wolfgang Huber über Friedrich II., preußische Tugenden und religiöse Toleranz

Wolfgang Huber, Jahrgang 1942, ist evangelischer Theologe und Sozialethiker. Er war von 1993 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und von 2003 bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Huber ist unter anderem Mitglied im Nationalen Ethikrat und Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Garnisonkirche in Potsdam. Foto: picture-alliance

Wolfgang Huber, Jahrgang 1942, ist evangelischer Theologe und Sozialethiker. Er war von 1993 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und von 2003 bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Huber ist unter anderem Mitglied im Nationalen Ethikrat und Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Garnisonkirche in Potsdam. Foto: picture-alliance

Am 24. Januar jährt sich zum 300. Mal der Geburtstag des späteren preußischen Königs Friedrich II. Er steht ebenso für das Preußentum mit seinen umstrittenen Tugenden wie für einen aufgeklärten Absolutismus. Harald Krille sprach darüber mit Wolfgang Huber.

Herr Professor Huber, in der DDR galten Friedrich II. und die preußischen Tugenden weithin als Synonym für Militarismus und alles Böse. Gibt es gute Gründe für eine Renaissance des Alten Fritzen?
Huber: Zunächst muss man sagen, dass die Rezeption der Geschichte Preußens in der DDR außerordentlich widersprüchlich war. Einerseits wollte man ein Feindbild haben, von dem man sich abgrenzen konnte, und brachte deswegen den preußischen Militarismus und den Hitlerfaschismus ganz nahe zusammen. Und auf der anderen Seite wollte man gerne das kulturelle Erbe auf die eigenen Mühlen lenken. Deshalb hat man beispielsweise den Alten Fritz unter den Linden in Berlin wieder aufgestellt. Statt eines solchen zwiespältigen Verhältnisses sollten wir uns um eine kritische Aneignung der Tradition bemühen.

Friedrich II. war eine Persönlichkeit, die eindrucksvolle Züge hatte, die sich jedoch auch in einer Weise am militärischen Ruhm orientierte, die wir heute kritisch sehen. Aber ohne jeden Zweifel handelt es sich um eine herausragende und geschichtsprägende Gestalt. Friedrich II. hat Preußen nahezu ein halbes Jahrhundert regiert. Und dieses Preußen sah danach völlig anders aus. Er hat auf seine Weise dazu beigetragen, dass Preußen zu einem Kulturstaat geworden ist. Deswegen können wir gar nicht an ihm vorbei, denn die Spuren dieser kulturellen Prägung begegnen uns auf Schritt und Tritt.

Stichwort »kritische Aneignung«: Was taugt denn aus der preußischen Tradition für Demokraten im Rechtsstaat?
Huber: Aus dieser Tradition taugen vor allem zwei preußische Tugenden, die in meinen Augen ganz in den Vordergrund gerückt werden sollten:

Verlässlichkeit und Toleranz. Verlässlichkeit ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich Vertrauen bilden kann. Und Offenheit für den Anderen, für den Fremden ist eine Grundvoraussetzung für den Respekt vor der Glaubensüberzeugung auch derjenigen, die anders glauben als ich selbst. Diese beiden Tugenden sind für die Demokratie sehr wichtig. Sie taugen auch als kritische Maßstäbe im Blick auf Auswüchse in der Wirtschaft oder auf den Finanzmärkten, die wir gegenwärtig beobachten; sie können uns in der Gestaltung einer pluralistischen Gesellschaft hilfreich sein.

Viele verstehen die religiöse Toleranz Friedrichs II. und seinen berühmten Satz, »jeder soll nach seiner Façon selig werden«, eher als Ausdruck einer religiösen Gleichgültigkeit …
Huber: Es wird erzählt, dass Friedrich II. gelegentlich hinzugefügt haben soll: »Jeder soll nach seiner Façon selig werden, Hauptsache die Kerle haben überhaupt Religion.« So wurstig das klingt und so distanziert auch das eigene Verhältnis des Voltaire-Freundes zur Religion gewesen ist, so deutlich hat er doch ein Bewusstsein davon gehabt, dass der Mensch auf einen Bezugspunkt außerhalb seiner selbst angewiesen ist. Das ist ein Hinweis darauf, dass Menschen verarmen, wenn ihr Glaube verkümmert.

Außerdem: Die Preußen haben im Blick auf einwandernde Menschen anderer Konfession diese Glaubensüberzeugungen eben nicht zur Privatsache erklärt. Sie nahmen auch deren Religion und konfessionelle Prägung wichtig und sorgten dafür, dass sie ihren Glauben frei leben konnten. Das ist etwas anderes als Gleichgültigkeit.

Zu den preußischen Tugenden gehören auch solche Begriffe wie Treue, Gehorsam und Disziplin, die nicht zuletzt im Dritten Reich fürchterlich missbraucht wurden. Kann man heute wieder unbefangen vom Wert preußischer Tugenden sprechen?
Huber: Wenn unbefangen unkritisch bedeutet, dann kann man das natürlich nicht. Wenn man aber durch eine kritische Analyse der Wirkungsgeschichte hindurch wieder fragt, was denn eigentlich der Kern dieser preußischen Tugenden ist, dann kann man im Blick auf diesen Kern wieder ein Stück Unbefangenheit entwickeln. Denn dann merkt man, dass das Zerrbild eines preußischen Militarismus nicht unbedingt dem Kern preußischer Tugenden entspricht.

Was wären denn außer Verlässlichkeit und Toleranz aneignungswerte Kernwerte?
Huber: Ich will ein Stichwort nennen, das sehr modern klingt, aber in Wirklichkeit schon viel länger aktuell ist – nämlich die Tugend der Nachhaltigkeit. Wenn Sie anschauen, welche Kultivierungsleistung beispielsweise die Ansiedlung holländischer Bauern im Oderbruch zur Folge hatte, dann sehen Sie daran, dass in diesem Land mit seinen durchaus kärglichen Lebensbedingungen nicht nur an kurzfristigen Profit gedacht wurde. Es war die Zeit Friedrich des Großen, in der das Wort Nachhaltigkeit zum ersten Mal verwendet wird.

Zugegeben: nicht von einem Preußen, sondern von dem sächsischen Forstmeister Hans Carl von Carlowitz. Aber wir ­wissen, dass zur selben Zeit auch in Preußen in der Landwirtschaft genau der gleiche Gedanke vorangetrieben wurde: Nämlich den Ackerboden so zu bewirtschaften, dass die Erträge auch für die nächste Generation sichergestellt werden. Diese Art von ­Tugend haben wir lange Zeit sträflich vernachlässigt.

Wo würden Sie den Unterschied sehen zwischen den sogenannten preußischen Tugenden und den klassischen Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung oder den christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe?
Huber: Der Unterschied scheint mir die größere Alltagsnähe der preußischen Tugenden zu sein. Hier werden praktische Maßstäbe des persönlichen Verhaltens ins Zentrum gerückt, Maßstäbe, an denen der Einzelne sich orientieren kann und in denen er ­einen verlässlichen Kompass für die persönlichen Entscheidungen im Alltag hat. Es geht um gelebten Anstand im täglichen Miteinander. Sowohl die sogenannten Kardinaltugenden als auch die christlichen Tugenden sind im Vergleich dazu eher so etwas wie grundlegende Voraussetzungen.

Ein zeitgenössisches französisches Sprichwort lautet: »Preuße zu sein ist eine Ehre, aber kein Vergnügen« …
Huber: (lacht) Ja, man muss sicher auch die kritische Frage stellen, ob die Erfahrung von Glück, die Freude am Leben, die Muße zum Feiern in der preußischen Lebensauffassung den wünschenswerten Raum hatte. Bei Friedrich II. hat es an diesen Dimensionen eigentlich nicht gefehlt. Denken Sie an seine große Begeisterung für die Musik, denken Sie an die Gastlichkeit, die am preußischen Hof durchaus vorhanden war.

Oder denken Sie an die Gestaltung Potsdams und seiner Parkanlagen, in denen ein Stück mediterrane Lebensfreude auftaucht. Aber es gehört sicher zur kritischen Aneignung mitzureflektieren, dass die Hochschätzung der Arbeit nur dann ein Maß bleibt, wenn auch die Grenzen der Arbeit geachtet ­werden, und dass Pflicht nur dann mit Augenmaß betrachtet wird, wenn auch die Bereitschaft zur Freude an der Schönheit des Lebens vorhanden ist.

Sie haben Glaube, Hoffnung, Liebe eher als grundlegende Voraussetzungen bezeichnet – und für den pietistisch geprägten Vater Friedrichs II., Friedrich Wilhelm I., waren sie es besonders. Können preußische Tugenden überhaupt auf Dauer ohne Rückbindung an solche Voraussetzungen gelebt werden?
Huber: Sie verarmen sicher, wenn man sie nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Nützlichkeit für das eigene Leben und das eigene Fortkommen anschaut, statt unter dem Aspekt, dass ich für mein anvertrautes Leben, meine anvertrauten Gaben und für meine Mitmenschen Verantwortung vor Gott habe und ihm rechenschaftspflichtig bin. Das kann nicht in dem Sinn gemeint sein, dass Menschen, die nicht an Gott glauben, kein gutes und an Tugenden orientiertes Leben führen könnten.

Aber die Frage nach dem entscheidenden Grund und Halt für mein Leben, die Fähigkeit neu anzufangen, wenn etwas misslungen ist, wenn man gescheitert ist, wenn man Schuld auf sich geladen hat – das sind Glaubensfragen, ohne die allen Tugenden eine entscheidende Basis fehlt. Sie gehören unmittelbar zu unserem Leben; deshalb verweist unser Gespräch über Tugenden unmittelbar auf die Dimension des Glaubens. Und deshalb möchte ich jedem Menschen wünschen, dass er die Verwurzelung eines verantwortlichen Lebens in der Beziehung zu Gott verstehen und sich selber aneignen kann.

Flöte spielender Kriegsherr

21. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Jubiläum: Vor 300 Jahren wurde Friedrich der Große, der König von Preußen geboren, er gilt als Repräsentant des aufgeklärten Absolutismus

Berlin und Brandenburg ­feiern 2012 den 300. Geburtstag Friedrich des Großen.
Der preußische König ging als Inbegriff eines aufgeklärten Monarchen in die Geschichte ein. Doch der ­Herrscher­alltag sah anders aus.

Seine Taufe war die letzte, die im Berliner Stadtschloss mit barockem Pomp gefeiert wurde. Als Friedrich II. vor 300 Jahren am 24. Januar 1712 geboren wurde, da wollte sich sein Großvater und erster preußischer König eine solche »Solennität« (Feierlichkeit) noch nicht nehmen lassen. Der Täufling wurde bei dem Zeremoniell nicht nur mit dem Segen Gottes versehen, sondern gleich auch mit dem Orden vom Schwarzen Adler dekoriert, dem höchsten preußischen Orden.

Mit Thomas Mann, Adolf Hitler und Erich Honecker könnte die Schar seiner späteren Verehrer unterschiedlicher nicht sein, von den Preußen-Enthusiasten heutiger Tage ganz zu schweigen. Hingegen verbannte Helmut Schmidt eine Friedrich-Büste aus seinem Büro, als er 1969 Verteidigungsminister wurde. Mit dem »Alexander dem Großen im Taschenformat« wollte der Sozialdemokrat nichts zu tun haben.

Schon Zeitgenosse Friedrich Schiller mochte »diesen Charakter nicht lieb gewinnen«. Nicht erst mit einem Zeitabstand von zwei Jahrhunderten konnten die Widersprüche zwischen Schein und Sein, zwischen politischem Anspruch und Wirklichkeit ins Auge stechen. Kein anderer Monarch hatte sich bis dato so zu den Ideen der Aufklärung bekannt, sich gar als Flöte spielender »Philosoph auf dem Thron« verstanden und Freundschaften zu Intellektuellen geknüpft – wie Friedrich zu Voltaire.

1781, acht Jahre vor der Französischen Revolution, schreibt der damals schon mehr als vier Jahrzehnte regierende preußische König, »dass alle Monarchien durch den Reichtum verderbt worden sind«. Die Gesetze seien dazu da, »die Schwachen vor der Bedrückung durch die Starken zu schützen«. Schon zuvor hatte Friedrich erklärt, der Fürst sei »nur der erste Diener des Staates«.

Bereits vier Tage nach seiner Thronbesteigung hatte er die Folter abgeschafft, nur nicht für Hochverrat. Weitere zwei Tage später hob Friedrich auch die Zensur auf. Ein halbes Jahr danach, als er ohne Kriegserklärung Schlesien überfiel, führte er sie jedoch wieder ein.
Durch die Annexion soll sein Land zur Großmacht aufsteigen, was Friedrich auf friedlichem Wege nicht erreichen kann. Das Preußen des Jahres 1740 ist dafür zu schwach, ein rückständiger Flickenteppich.

Im Keller des Berliner Schlosses liegt allerdings ein Staatsschatz von acht Millionen Goldtalern, und die Armee ist von seinem Vater Friedrich Wilhelm I. gut ausgebildet. In jungen Jahren hatte der »Soldatenkönig« selbst den Kronprinz zum Spiel mit Zinnsoldaten und Pistolen gezwungen. Wenn sich Friedrich beim Abfeuern von Kanonen als »hasenfüßiges Kind« zeigte, verachtete der Vater ihn. Dieser Drill führte dann auch zur ­Auflehnung gegen den Vater und zu der Tragödie um die Fluchtpläne mit Freund Hans Hermann von Katte, für die dieser hingerichtet wurde.

Im fünfjährigen Schlesien-Krieg zeigt der neue König dann keine Abneigung mehr gegenüber dem Militär. Beim Triumphzug durch Berlin rufen ihn Claqueure zu »Friedrich dem Großen« aus. Es folgen Reformen nach innen. Der König kümmert sich persönlich um die Bauern, macht den Oderbruch urbar. Es entsteht der Mythos vom fürsorglichen Landesherren. Die Leibeigenschaft schafft Friedrich aber nicht ab. Knechte wie auch Juden dürfen nicht »nach ihrer Façon« leben.

Nach den jüngst veröffentlichten »Schatullrechnungen« war es auch mit einer angeblichen Sparsamkeit nicht so weit her. Seine berühmten Windspiel-Hunde, neben denen er unbedingt begraben werden wollte, waren ihm pro Jahr 20 Taler wert – es war das Jahresgehalt seiner Klofrau. Und um auch im Januar sein Lieblingsobst verspeisen zu können, gab er für Kirschen 396 Taler aus.

Es sind nicht die einzigen Kosten, die dem Staat entstehen. Friedrichs »Siebenjähriger Krieg« (1756–1763) gegen Österreich, Russland und Frankreich wird nicht nur zum finanziellen Desaster.

Ganze Landstriche werden verwüstet, mit einer Million Toten verliert das Land proportional mehr Einwohner als Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Nur der frühe Tod der russischen Zarin rettet Friedrich. Um die zerrütteten Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen, reduziert er sogar heimlich den Edelmetallanteil. Der Monarch wird zum Falschmünzer.

Der Krieg bringt Friedrich an den Rand der Selbsttötung. Fast hätte er zu den 18 giftigen Opiumpillen gegriffen, die er ständig um den Hals trägt. Doch der Tod ereilt ihn erst mehr als zwei Jahrzehnte später. Friedrich, schwerkrank und unter wachsender Atemnot leidend, stirbt in einer Augustnacht 1786 in einem Sessel des von ihm erbauten Lieblingsschlosses Sanssouci in Potsdam. Seine Gemahlin, mit der er keine Kinder hatte und die er auch schon mal als »Kuh« angesprochen haben soll, hatte er ein halbes Jahr zuvor das letzte Mal gesehen.

Nicht nur in ihren Augen dürfte Friedrich »das alte Ekel« gewesen sein. Die Trauer nach seinem Tod hielt sich offenbar in engen Grenzen: »Alle Welt beglückwünschte sich«, ­notierte einer seiner letzten Besucher, der französische Marquis de Mirabeau. »Kein Bedauern wird laut.«

Jürgen Heilig, (epd)

Ohne Reue Geld leihen und verleihen

20. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Der biblische Ratgeber für Kreditgeber und -nehmer

Ja, man kann viel falsch machen bei Krediten. Die Bibel gibt wertvolle Tipps, wie der private und geschäftliche Leihverkehr ohne weitreichende Folgen bleiben kann.

Foto: MEV

Foto: MEV

Du sollst Geld verleihen! (5. Mose 15,7-10; Lukas 6,34f.)
Zumindest wenn es sich um arme Mitmenschen handelt, gilt: Ein Mensch sollte Geld verleihen, und zwar so, »dass das Herz nicht verdrießt«. Der Grund ist nicht nur, jemandem aus der Patsche zu helfen, sondern um von Gott gesegnet zu werden. Hier vertritt die Bibel an einigen Stellen eine lupenreine Werkgerechtigkeit. Jesus treibt die Tugend des Leihens auf die Spitze und hinterfragt private Verleiher wie die gesamte ­Kreditwirtschaft: »Leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft!« Wer Geld leiht, sollte also nicht automatisch ­davon ausgehen, das Verliehene zurückzubekommen; das sei vielmehr das Gebaren der »Sünder, »damit sie das Gleiche bekommen«.

Vorsicht bei Bürgschaften! Bei Geld hört die Freundschaft für einige Menschen nicht auf. Gerät ein Freund in Not, stellen sie sich als Bürgen für dessen Kredit zur Verfügung. Ein löbliches, aber riskantes Verhalten. Denn wenn der Freund seinen Kredit nicht bedienen kann, bittet der Geldverleiher den Bürgen zur Kasse. Das konnte schon vor 3000 Jahren fatale Folgen haben. Aus diesem Grund warnte der weise und ­lebenserfahrene König Salomo davor, Bürgschaften zu übernehmen. »Sei nicht einer von denen, die mit ihrer Hand haften und für Schulden Bürge werden; denn wenn du nicht bezahlen kannst, so wird man dir dein Bett unter dir wegnehmen.« (Sprüche 22,26f.)

Erlasse die Schulden! (5 Mose 15,2; 1 Makkabäer 15,8)
Eine nette Geste oder pure Taktik? Eher das Zweite: Dass der Seleukidenkönig Antiochus dem jüdischen Makkabäerfürsten Simon die Schulden ­erlässt, hatte Hintersinn. Er wollte ihn als Verbündeten gegen einen Widersacher gewinnen. Wie hingegen ein selbstloser Schuldenerlass aussehen kann, schildert das Gesetz des Mose. Es fordert die gläubigen Gläubiger auf, alle sieben Jahre den Nächsten die Schulden zu erlassen. Einfach so, um Gottes willen.

Nimm von Armen keine Zinsen! (3 Mose 25,35-37; 5 Mose 23,20f.; Sprüche 28,8; Sirach 29,2)
Verleihen ist gut. Zinsen nehmen im Prinzip auch. Allerdings soll man Arme vor der demütigenden Prozedur des Zinsenzahlens bewahren. Die Bibel begründet das nicht mit moralischem Zeigefinger, sondern theologisch: »Du sollst dich vor deinem Gott fürchten, dass dein Bruder neben dir leben könne!« Gott habe sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft geführt – deswegen solle man sich seinem bedürftigen Nächsten gegenüber auch in befreiender Weise verhalten. Das kann auch so geschehen, dass eingenommene Zinsen hilfsbereiten Mitmenschen gespendet werden.

Leg dein Geld gewinnbringend an! (Lukas 19,11-27)
Dies Gleichnis Jesu könnte ein Werbespruch für jeden Anlageberater sein. Vor seiner Abreise händigt ein Fürst jedem seiner zehn Knechte einen Geldbetrag in Höhe von einem Pfund aus mit der Aufforderung, damit zu handeln. Nach seiner Rückkehr ist er neugierig. Der erste Knecht hat das ihm anvertraute Pfund verzehnt-, der zweite verfünffacht. Die beiden kassieren dickes Lob vom Fürsten und erhalten machtvolle Positionen in seinem Reich. Der Dritte allerdings reicht dem Fürst sein Originalpfund zurück; aus Angst, etwas falsch machen zu können, hatte er es liebevoll in einem Tuch aufbewahrt. Erbost herrscht der Fürst den Knecht an, warum er das Geld denn nicht zur Bank gegeben hätte. Als Strafe nimmt er dem vorsichtigen Knecht das eine Pfund und gibt es dem erfolgreichsten Geldanleger.

Leihe Mächtigen nichts! (Sprüche 22,7; Sirach 8,15)
Wer dem Rat des Jesus Sirach folgt, dürfte eigentlich keine Staatsanleihen kaufen. Denn ein Staat ist selbstverständlich mächtiger als ein einzelner Geldanleger. Auch mit seiner Prognose ist das weise Bibelbuch am Puls der Zeit: »Leihst du ihm aber etwas, so schreib es gleich ab.« Das Risiko ist groß, dass der Mächtige das Geld nicht zurückzahlt, sei es aus Willkür, sei es, weil er pleite ist. Dass es Griechenland so ergehen könnte, wusste der Apostel Paulus allerdings noch nicht, als in Athen »sein Geist ergrimmte«. (Apostelgeschichte 17,16) Und andersherum, sollte man sich von Mächtigen leihen? Tunlichst nicht, meint Salomo – denn »wer borgt, ist des Gläubigers Knecht«.

Uwe Birnstein

Zum Weiterlesen
Bauer, Dietrich: Geldgeschichten der Bibel, Deutsche Bibelgesellschaft, 168 S., ISBN 978-3-438-04806-6, 8,50 Euro

Großfarmer jubeln bereits

19. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Brasilien: Eine umstrittene Gesetzesnovelle soll die Schutzbestimmungen für den Regenwald lockern

Umstritten: Die Abstimmung im brasilianischen Senat über die Novelle des Waldgesetzes wurde von Protesten der ­Umweltschützer begleitet. Doch die Wirtschaftsinteressen setzen sich durch. Foto: picture-alliance/Pedro Ladeira

Umstritten: Die Abstimmung im brasilianischen Senat über die Novelle des Waldgesetzes wurde von Protesten der ­Umweltschützer begleitet. Doch die Wirtschaftsinteressen setzen sich durch. Foto: picture-alliance/Pedro Ladeira

Umweltschützer in Brasilien laufen Sturm. Denn eine Mehrheit im Parlament will den Schutz des Regenwaldes lockern. Und die Großfarmer jubeln schon.

Brasiliens neues, heftig umstrittenes Waldgesetz hat kurz vor Ende des vergangenen Jahres eine wichtige Hürde genommen: Der Senat verabschiedete seine umkämpfte Novelle. 59 der 67 anwesenden Vertreter des Oberhauses billigten die Reform, gegen die Brasiliens Umweltbewegung seit Monaten Sturm läuft. Sie befürchtet, dass die Zerstörung hochsensibler ökologischer Schutzgebiete im ganzen Land lega­lisiert wird.

Für die armen Urwaldbewohner und die Umwelt setzten sich hingegen zwei Senatoren der oppositionellen »Partei für Sozialismus und Freiheit« aus Amazonien ein. Sie stimmten mit Nein, »im Namen all jener, die bei der Verteidigung des Urwalds ihr Leben gelassen haben«, so die Senatoren. Die Novelle muss nun vom Parlament erneut bestätigt und dann von der Präsidentin Dilma Rousseff unterzeichnet werden.

Vor der Unterzeichnung des Gesetzes hätte die Präsidentin allerdings noch die Möglichkeit, ihr Veto gegen umstrittene Passagen einzulegen. Im Wahlkampf 2010 hatte sie öffentlich gelobt, keinem Gesetz zuzustimmen, das etwa eine Amnestie für Waldzerstörer enthält. Genau dies zeichnet sich jetzt ab: Die Novelle sieht unter anderem Straffreiheit für jene Landbesitzer vor, die vor Juli 2008 die ­gesetzlich vorgeschriebenen Schutzgebiete auf ihren Ländereien zerstört haben und sie nun wieder aufforsten. Alle, deren Landbesitz aber weniger als 440 Hektar umfasst, sollen von dieser Auflage befreit werden.

Um das Gesetz unter Dach und Fach zu bringen, hatte sich die Regierung mit Großfarmern bereits geeinigt. Senator Jorge Viana von Rousseffs Arbeiterpartei, ein früherer Mitstreiter der Umweltschützer Chico Mendes und Marina Silva, koordinierte jetzt die Senatsnovelle. »Wir ­beginnen eine neue Geschichte«, sagte Viana, dank des neuen Gesetzes würden in den kommenden 20 Jahren jeweils 20000 Quadratkilometer wieder aufgeforstet.

Das sehen Kritiker allerdings anders. Der Agrarökonom José Eli da Veiga sagt düster voraus, das neue ­Gesetz werde vor allem den »Billig­export von Naturressourcen aus Amazonien« in Form von Rindfleisch beflügeln. Damit widerspreche es den Zielen der brasilianischen Klimapolitik und den Bestrebungen, sagte da Veiga.

Auch die größte internationale ­Naturschutzorganisation, der World Wide Fund For Nature (WWF), reagiert entsetzt. Er befürchtet, dass die geplanten Lockerungen insgesamt zur Zerstörung von rund 76,5 Millionen Hektar Regenwald führen. Dies entspräche der Fläche von Deutschland, Österreich und Italien zusammen. »Der brasilianische Staat ist vor der Agrarlobby eingeknickt«, resümiert Eberhard Brandes, Vorstand von WWF-Deutschland.

Die Aufweichung des Waldgesetzes betrifft aber nicht nur den Regenwald im Amazonasgebiet. Im ganzen Land sollen Schutzgebiete an Flussufern zum Teil erheblich verringert und die landwirtschaftliche Nutzung an Berghängen und Kuppen ausgeweitet werden. Dabei kommt es schon jetzt bei heftigen Regenfällen in dicht besiedelten Gebieten regelmäßig zu großen Erdrutschen mit zahlreichen Todesopfern. Auch weil im kommenden Juni ein großer UN-Umweltgipfel »Rio+20« in Rio de Janeiro stattfindet, hoffen Umweltschützer nun auf das Veto der Präsidentin.

Gerhard Dilger, (epd)

86 Takte Friedensvision

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Einstudierung: Motette »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen«

Wer sich in einen Selbstversuch begibt, ist Überzeugungstäter. Auf Ludger Vollmer trifft dies zu. Der Vollblutmusiker und Christ gehört zu jenen 20 Komponisten, deren Werke sich im druckfrischen Luther-Chorbuch finden.

Der renommierte Künstler Ludger Vollmer probt mit dem Weimarer Madrigalchor. Fotos: Maik Schuck

Zum Auftakt des Themenjahres »Reformation und Musik« erschien zu Jahresbeginn das »Luther-Chorbuch«, eine Initiative verschie­dener Thüringer Musikverbände und ­Institutionen. Zeitgenössische Komponisten lieferten Beiträge zu Luther-Texten. Da die Werke für Laienchöre gedacht sind, studiert Ludger Vollmer seine Komposition mit dem Madrigalchor Weimar selbst ein und wird auch die Uraufführung im Rahmen des Festaktes am 18. Januar, um 19.30 Uhr, in der Erfurter Thomaskirche leiten. Derzeit laufen die Proben.

Mittwochabend, in einem Seminarraum der Bauhausuniversität Weimar: Die Tische sind übereinandergestellt, die Stühle zusammengesucht, das alte Klavier zurechtgerückt. Es wird eng, wenn alle der gut 40 Sängerinnen und Sänger da sind. Sie kommen sozusagen in alter Verbundenheit hierher, auch wenn optimale Probenbedingungen anders aussehen.

Bis 1992 gehörte der Madrigalchor zur Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar. Und er ist der jetzigen Universität als Verein dankbar, in diesem Raum kostenlos proben zu können. Inzwischen ist die Dominanz der Bauberufe im Chor gewichen, die Altersspanne reicht vom Studenten bis zum Senioren – der Chor ist ein Stück Leben nach dem Arbeitsalltag.

»Lasst uns mal einen Durchlauf wagen, dann hören wir gleich, wo noch Arbeit ist.« Ludger Vollmer steht aufmunternd vorm Chor. – Schon nach den ersten Takten wird klar: Eine zusätzliche Wochenendprobe ist unabdingbar. »Ihr Tenöre, hört doch mal auf den Sopran. Ensemble-Singen heißt, ein inneres Bewusstsein zu entwickeln, Töne weiterzureichen. Singt euch gegenseitig an, wenn’s hilft!« Es hilft, diese Hürde ist genommen. Die nächste liegt beim Bass. »Der Registerwechsel ist für euch schwer, ich weiß das.

Aber beim Komponieren ist das nun mal so.« Es klingt fast wie eine Entschuldigung, aber die hat Ludger Vollmer hier nicht mehr nötig. Schon nach der ersten Probe im Dezember vergangenen Jahres war die anfängliche Skepsis und Befangenheit des Chores in Leistungsbereitschaft gewechselt. Da steht einer vorn, dessen Intensität mitzureißen vermag und der ohne jede Attitüde überzeugen will.

Ludger Vollmer lebt in Weimar. Seit 1993 arbeitet er als freischaffender Komponist und Musiker. International renommierte Künstler führen seine Werke auf, das Oeuvre reicht von Opern, Filmmusiken bis zu Streichquartetten, in Europa, Australien, den USA und Fernost wird er als Komponist gefeiert. »Es ist nur ein kleines Stück, was wir hier machen, aber es steht viel dahinter.« Und zur Demonstration eilt Vollmer im Weimarer Seminarraum zur Wand, umreißt mit großer Gebärde die riesigen Tempelsteine in Jerusalem. »Die lassen sich nicht verrücken, das muss man hören, wenn ihr vom Berg singt, ›da des Herren Haus fest steht‹. Das ist keine Kammermusik, da muss ein Klang sein, dass die Thomaskirche wackelt!«

Musik und besonders jene, die mit einem frei gewählten Text verbunden ist, wird zu einem persönlichen Bekenntnis ihres Schöpfers. Ludger Vollmer hat seiner Motette »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen« das Bibelwort aus Jesaja 2, Verse 1 bis 4, in der Übersetzung von Martin Luther zugrunde gelegt. Der 1961 in Berlin-Köpenick Geborene studierte von 1984 bis 1990 Violine, Viola und Komposition in Leipzig.

Bei den friedlichen Demonstrationen war er dabei, sah die aufmarschierten Kampfgruppen im Herbst 1989. Das sei ein Grund, weshalb er diese Friedensprophezeiung gewählt habe. Der andere: die Eindrücke 2010 in Israel. Ein Arbeitsstipendium des Thüringer Kultusministeriums hatte ihm einen längeren Aufenthalt in Israel ermöglicht als Vorstudium für die Oper »Crusades«. Sie beschäftigt sich mit den Spätfolgen der Kreuzzüge. »Ich wollte wissen, warum es damals wie heute religiös motivierte Kriege gibt.«

Seine nächtlichen Erlebnisse in der Grabeskirche von Jerusalem, wo er den liturgischen Gesängen der armenischen Christen lauschte, fanden Eingang in die Motette, die eine Art musikalische Studie für sein Opernprojekt darstellt.

Der Komponist Ludger Vollmer.

Der Komponist Ludger Vollmer.

Ludger Vollmer ist Katholik. Für ihn ist Luther ein spirituelles Genie und ein Held, dessen emotionale ­Bindung an Gott ihn tief beeindruckt. »Ich möchte, dass Zuhörer wie Ausführende diese beiden Aspekte auch in meiner Komposition erspüren und emotional ergriffen werden. Für Luther war die Musik ein wichtiges Mittel, Gott zu preisen, und keines der Ablenkung. Das hat auch einen starken Widerhall in der katholischen Kirche gefunden.« Vollmer freut sich sehr, zum Luther-Chorbuch einen Beitrag leisten zu dürfen.

»Für uns ist das Projekt eine große Herausforderung und eine einzigartige Chance, ein zeitgenössisches Stück gemeinsam mit dem Komponisten zu erarbeiten. Die Kraft der Musik und des Textes und der Geschichten dahinter sind eine bereichernde Erfahrung und Motivation«, so Uta Tannhäuser vom Vorstand des Madrigalchores.

»Ich bedanke mich für die schweißtreibende Probe«, sagt Ludger Vollmer leicht erschöpft, aber mit fröhlichem Gesicht. Die Choristen räumen wieder ein, stellen Pappmodelle von Häusern und Städten zurück. Es geht auf halb elf zu. Sie haben fast eine Stunde länger als normal geprobt. Die Zeit verflog, die Begeisterung aber bleibt.

Uta Schäfer

Lang, Peter Helmut (Hg.): »…ich kann nicht anders«. 20 neue Kompositionen für gemischten Chor zum Themenjahr »Reformation und Musik« 2012, Strube Verlag, 127 S., ISBN 978-3-89912-158-2, Einzelpreis: 15 Euro, Staffelpreise möglich

Danke, dass mir Gott Kraft gegeben hat

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Betrachtung: Gedanken zur Jahreslosung 2012, die den Schwachen Stärke zuspricht

Stark sein ist in. Aber nicht jede und jeder hat die Kraft, die er oder sie sich wünscht. Manchmal entwickelt einer Kräfte, die ihm niemand ­zugetraut hätte. Und auch die scheinbar Schwächsten, können Stärke beweisen.

Foto: BilderBox.com

Foto: BilderBox.com

Schon immer habe ich die Starken besonders bewundert. Ach, diese Kräftigen mit ihrem breiten Rücken und den gespannten Muskeln! Schon als Kind war ich fasziniert von Männern, die große Gewichte stemmen und Lokomotiven ziehen konnten. Ich liebte Pippi Langstrumpf, die ein ausgewachsenes Pferd in die Höhe hob. Und natürlich habe ich sie beneidet. Das hätte ich auch gern geschafft!

Auf dem Rummelplatz stand ich immer lange bei der Hau–den–Lukas–Maschine. Nur die kräftigsten Männer schafften es, das Glöckchen oben bimmeln zu lassen. Mein Vater konnte das nicht. Auch der kluge Herr Doktor aus unserem Dorf hatte keine Chance. Aber der Willi mit seinem struppigen Vollbart – der bekam das spielend hin! Der Willi, der jeden Tag in den Wald ging, um Bäume zu fällen. Der holte nur einmal kurz aus – und schon krachte der Bolzen an das Glöckchen oben. Das war dann aber kein leises »Bim«, es war ein solcher Schlag, dass man um die Glocke fürchten musste. Willi durfte deshalb auch nur einmal zuschlagen. Der Besitzer hatte Angst um seine Maschine.

Aber da war noch ein Anderer.

Der hatte eine ebenso unglaubliche Stärke. Und das konnte ich eigentlich gar nicht glauben. Bei dem hätte ich das niemals erwartet.

Das war nämlich der Wolfgang. Der Wolfgang, den wir so gern gehänselt haben. Wie oft sind wir hinter ihm her­gelaufen und haben gerufen: »Wolfgang, Wolfgang, schaukel dich. Wolfgang, Wolfgang, brüll doch mal!« Die Kinder nannten ihn den »blöden Wolf«. »Der hat sie nicht alle«, sagten sie. »Bei dem ist nur Grütze im Kopf.« Und dann versuchten sie, ihn zu necken: »Wolfgang, sag doch mal ›Rotznase!‹« Und wenn sie Glück hatten, dann stammelte der arme Kerl: »Otzase« und lachte. Mein Onkel hatte mir verboten, mitzumachen. Aber ich habe es trotzdem getan. Auch ich habe gerufen: »Wolfgang, Wolfgang, schaukel dich!«

Dann beugte er nämlich seinen Oberkörper rhythmisch so weit nach beiden Seiten, dass es aussah wie bei einem Uhrpendel. Und alle haben ­gelacht. Ich auch.

Der Wolfgang lebte einfach so mit uns im Dorf. Er war halt dabei. Er schaukelte sich durch sein Leben.

Einmal im Jahr kam der Rummel. Dann war der Wolfgang nicht zu halten. Der Rummel – das war seine Welt: Die Karussells, die Schießbuden, die Gespensterbahn und vor allem: Die Hau–den–Lukas–Maschine. Also lief der Wolfgang im Sauseschritt die drei Kilometer in die Stadt. Keiner konnte ihn aufhalten. Niemand konnte ihn überholen.

Er sagte dann keine komischen Worte und schaukelte auch nicht. Er lief und lief bis er da war. Seine Mutter gab ihm immer genug Geld mit für zwei, drei Stunden. So hockte er dann mit einem seligen Gesicht auf dem Kettenkarussell und ließ die Beine baumeln. Er fuhr durch die Gespensterbahn und lachte die Geister aus. Er sagte »Wuckertatte« am Zuckerwattestand.

Und dann – ja dann ging er zur Hau–den–Lukas–Maschine. Aber der Besitzer sagte: »Na, mein Junge, das ist hier nichts für dich. Das schaffen nur die ganz Starken. Das musst du erst gar nicht versuchen.«

Ja, diese Worte weiß ich noch. Und beim ersten Mal war ich mir auch sicher, dass der Mann recht hatte. Wie sollte einer, den sie alle den »blöden Wolf« nannten, diesen Bolzen nach oben bekommen? Das schafften nur der Willi aus unserm Dorf und eine Handvoll Starke aus der Stadt. Die ­Maschine war mit Absicht so schwer eingestellt. Der Besitzer wollte seine Preise am liebsten behalten.

Und dann kam also der besondere Wolfgang aus meinem Dorf und alles grinste. So einer ohne Grips im Kopf – der kann das nicht. So einer, der ­dasteht wie ein Schaukelstuhl, der ­bekommt nicht mal den Hammer hoch. Nein, so ein Schwacher kann nicht stark sein. Das geht nun wirklich nicht.

Wolfgang bezahlte und hörte auf zu schaukeln. Er nahm den Hammer, der so schwer war, dass wir Kinder ihn nicht anheben konnten. Und dann ließ ihn der Wolfgang herabsausen. Plötzlich machte es »bing« da oben und noch mal »bing« und noch mal, bis der Besitzer rief: »He, Junge, du hast nur für zweimal bezahlt. Such dir deinen Preis aus!«

Aber da schritten die anderen ein. Das ließen sie nicht durchgehen. Denn man durfte so oft schlagen, wie es »bing« machte. Danach richtete sich die Größe des Preises. Und der Wolfgang hat es siebenmal geschafft. Siebenmal das Glöckchen klingen ­lassen! Und deshalb bekam er den Hauptpreis. Er konnte wählen zwischen einem Riesenteddy, einer Stoppuhr und einem Baukasten. Jedes Mal nahm er den Teddy, der ihm von den Füßen bis zum Bauch reichte. Und damit lief er ganz stolz über den ganzen Rummel.

Man sah den Wolfgang auf dem Kettenkarussell sitzen. Er hielt den Teddy auf dem Schoß. Wenn der Besitzer gnädig war, saß der Teddy sogar in einem extra Sitz neben Wolfgang. Und die Jungs aus meiner Schule lachten nicht mehr. Das ging ja nicht. Sie staunten noch. Sicher, das hat nicht lange angehalten. Irgendwann ging es mit dem Necken wieder los. Aber jetzt war auch Bewunderung dabei. Und Neid. Natürlich wollte keiner so komisch werden wie der Wolfgang. Aber so stark schon.

Ich ­natürlich auch. Klar. Einmal zur Hau–den–Lukas–Maschine gehen und siebenmal hintereinander das Glöckchen bimmeln lassen! Ein Lebenstraum für den kleinen Jungen, der nicht so richtig groß geworden ist. Geschafft habe ich es nie.

Ob mich das traurig macht? Ja

und nein. Ich hätte diese Kraft ganz gern. Daran hat sich nichts geändert. Natürlich kann ich jetzt besser mit diesem Wunsch umgehen. Aber es wurmt mich trotzdem. Denn der Traum ist geblieben, dass in mir schwachem Kerl einmal diese Kraft mächtig wäre. Ist sie nicht und wird sie wohl auch nie.

Aber vielleicht habe ich eine andere Kraft. Vielleicht liegt sie in meiner Fantasie. Oder darin, dass ich Menschen wie den Wolfgang mag. Dass ich sie lieb habe und niemals wieder etwas Gemeines hinter ihnen her rufen würde. Und dass ich versuche, meinen Konfirmanden die Achtung vor dem Wolfgang zu lehren. Vielleicht ist das meine Stärke, dass ich wahrnehme, welche göttliche Kraft in diesen Schwachen mächtig ist? Ja, das könnte sein. Ich denke, dass wir alle eine Stärke in uns haben. Jeder seine eigene, besondere. Vielleicht sogar dort, wo wir schwach sind.

Denn Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Dass wir uns manchmal nach ganz anderen Kräften sehnen, das bleibt trotzdem. Ich komme zum Beispiel immer noch schlecht an einer »Hau–den–Lukas–Maschine« vorbei. Aber wenn ich dann den Wolfgang wieder vor mir sehe, denke ich: Es ist gut, dass du das kannst, du kleiner Schaukelkönig meiner Kindheit. Dass gerade dir diese Kraft gegeben ist.

»Ach, Wolfgang, kannst du noch mal den Bolzen nach oben jagen? Kannst du noch mal das Glöckchen klingen lassen? Wenigstens in der Erinnerung. Na komm, bitte!« Und dann passiert es tatsächlich. In meinem Kopf. In meinem Erinnern. Ich sehe ihn, höre das »bing« und bin glücklich. Und danke Gott, dass er mir diese Kraft gegeben hat: Die Kraft der Fantasie und der Erinnerung. Was für eine kostbare Gabe!

»Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.«

Thomas Perlick
Der Autor ist Pfarrer im südwestthüringischen Römhild.

Die neue Super-Kirche im Norden

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Strukturwandel: Die Kirchenparlamentarier aus Mecklenburg, Pommern und Nordelbien stimmten der Fusion zu

Erst gab es stehenden Applaus, dann ein lautes »Großer Gott, wir loben dich!«: Am vergangenen Sonnabend wurde die letzte Hürde zur Fusion der Kirchen im Norden genommen.

Spontan stimmte ein Mitglied der »Verfassunggebenden Synode« der neuen Nordkirche den alten Choral an, als Präses Heiner Möhring im großen Tagungssaal der Yachthafenresidenz in Warnemünde-Hohe Düne die Ergebnisse der endgültigen und finalen Abstimmung über die Bildung der gemeinsamen Landeskirche in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern verkündet hatte:

Von den 255 anwesenden Synodalen stimmten 227 in dritter Lesung für die Verfassung der neuen Kirche. 22 votierten dagegen, sechs enthielten sich. »Nun sind wir diesen Schritt gegangen, haben diesen Schritt geschafft, Gott sei Dank!«, sagte der Vorsitzende der gemeinsamen Kirchenleitung, Schleswigs Bischof Gerhard Ulrich, in einer ersten Reaktion.

Damit wird es zum Pfingstfest 2012 nur noch eine einzige evangelische Landeskirche in Norddeutschland mit 2,3 Millionen Gemeindegliedern zwischen Usedom und Helgoland geben. Die 478 Jahre alte Pommersche Evangelische Kirche, die 465 Jahre alte Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs und die 35 Jahre alte Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche sind dann Geschichte.

Mit einem vom Fernsehen übertragenen Festgottesdienst im Ratzeburger Dom soll dann die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland gegründet werden. »Wer etwas Neues anfangen will, muss altes loslassen«, sagte Ulrich. Die neue Nordkirche sei eine historische Zäsur, die »von Bedeutung für die Entwicklung des Protestantismus in unserem Land und für das Zusammenwachsen zwischen Ost und West« sei, so der Bischof.

Erstmals »Barmer Erklärung« als offizielle Grundlage
 
Offiziell verhandelt wurde über den Zusammenschluss bereits seit 2007. Damals war klar: Alleine würden die damals noch 200000 beziehungsweise 100000 Gemeindeglieder zählenden Kirchen in Mecklenburg und Vorpommern langfristig nicht überleben können. Schon die demografische Entwicklung im Nordosten sprach gegen eine fortgesetzte Selbstständigkeit. Doch Versuche, lediglich die mecklenburgische und die pommersche Kirche zu fusionieren, scheiterten an der Mentalität vor Ort. Mit dem direkten Nachbarn ging es nicht. Die ganz große Lösung musste her.

Dazu mussten zahlreiche Probleme aus dem Weg geräumt werden: Kirchenleitungen, Verhandlungskommissionen und Synoden haben sich darauf geeinigt, dass es künftig einen Landesbischof mit Sitz in Schwerin und drei Sprengelbischöfe mit Sitz in Schleswig, Greifswald und Hamburg geben wird. Das in den beteiligten Kirchen noch unterschiedlich geregelte Arbeitsrecht – in Nordelbien gibt es einen Tarifvertrag, in den Kirchen Mecklenburg-Vorpommerns den in den meisten anderen Landeskirchen üblichen »Dritten Weg« – soll erst in sechs Jahren vereinheitlicht werden.

<Und auch in der Theologie ist die neue Kirche eine Besonderheit: »Die neue Nordkirche nimmt in ihrer Präambel ausdrücklich Bezug auf die ›Barmer Theologische Erklärung‹ von 1938«, sagt Bischof Ulrich. Damit ist sie die erste lutherische Kirche weltweit, die dieses Grundlagendokument der Bekennenden Kirche in ihrer Verfassung als theologische Grundlage anerkennt.

Doch selbst auf der finalen Synode in Warnemünde konnten nicht alle zustimmen: Die Gebrüder Mahlburg – der eine pommerscher, der andere mecklenburgischer Synodaler – und der mecklenburgische Synodale Lutz Decker machten ihre Ablehnung offen deutlich. Sie hätten sich eine langsamere Fusion gewünscht. »Natürlich bin ich auch ein kleines bisschen traurig«, sagte Decker hinterher. Doch auch er wolle sich nun auf den Weg in die Nordkirche machen und die gemeinsame Kirche kritisch begleiten.

Eine Gelegenheit dazu fand sich schnell. Denn in Warnemünde erlebte die neue Nordkirche auch ihre erste Krise. Die Überleitung der vier Bischöfe (zwei in Nordelbien sowie je einer aus Pommern und Mecklenburg) in die neue Kirche, eigentlich nur eine Formalie, scheiterte im ersten Anlauf. Die erforderliche Zweidrittelmehrheit war verfehlt. Schuld daran war nach Ansicht vieler Synodaler die Debatte um die Amtszeitverlängerung des pommerschen Bischofs Hans-Jürgen Abromeit.

Bis zuletzt noch Streit um die Bischöfe
 
Denn Abromeit ist nur bis 2013 als Bischof gewählt. Und eine »geistliche Vertrauensfrage«, die der Bischof im November vor der Landessynode in Züssow stellte, machte deutlich, dass ein gutes Drittel seiner Landessynode nicht hinter ihm steht. Trotzdem entschied sich der Bischofswahlausschuss der pommerschen Kirche, ihn bis 2018 zu verlängern. Seine Gegner beantragten daraufhin eine pommersche Sondersynode, die in Warnemünde bis tief in die Nacht tagte.

Ein mit den Worten »Die Synode steht zu ihrem Bischof« beginnender Beschluss, der der Verlängerung zustimmte, fand dann zwar wiederum die Zustimmung von zwei Dritteln der Synode. Immerhin ein Drittel stimmte weiterhin dagegen oder enthielt sich. Nun musste auch die gemeinsame Nordkirchensynode eine Nachtsitzung einlegen – im zweiten Anlauf einigten sich die Kirchenparlamentarier dann doch noch darauf, alle ihre Bischöfe mit in die Nordkirche zu nehmen. »Es wäre ein Desaster geworden, wenn wir die Debatte nicht in dieser Form aufgearbeitet hätten«, sagte die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs.

So herrschte am Ende auch in Warnemünde wieder eitel Sonnenschein. Mit einem lautstark gesungenen »Vertraut den neuen Wegen« des Jenaer Theologieprofessors Klaus-Peter Hertzsch gingen die Synodalen auseinander – um sich zum Pfingstfest zur Kirchengründung in Ratzeburg wieder zu treffen. Für alle sichtbar wird die neue Kirche spätestens 2013: Der dann in Hamburg stattfindende Deutsche Evangelische Kirchentag wird von der gesamten Nordkirche gemeinsam vorbereitet.

In Bewegung ist die Kirchenlandschaft bereits seit 2009. Damals kam der Zusammenschluss der Thüringer Kirche und der Kirchenprovinz Sachsen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland mit rund 900000 Mitgliedern zustande. Eine erste Neugliederung der östlichen Kirchen lag damals schon fünf Jahre zurück. Zum 1. Januar 2004 hatten sich die Berlin-Brandenburgische Kirche und die Kirche der schlesischen Oberlausitz zur Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz mit derzeit rund 1,1 Millionen Mitgliedern zusammengeschlossen.

Benjamin Lassiwe
 
www.kirche-im-norden.de

Zum politischen Handeln ermutigen

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Der Fernsehsender »SAT 7« trägt die Botschaft von Christus in die arabisch sprechende Welt

Die Satellitentechnik macht es möglich, dass christliches Fernsehen überall im Nahen Osten und in Nordafrika zu empfangen ist. »SAT 7« heißt der Sender, der derzeit vor ganz neuen Aufgaben steht.

Die elektronischen Augen gen Himmel gerichtet: Blick auf die Wohnhäuser auf der Nil-Insel Zamalek in Kairo mit ihrem Wald von Satellitenschüsseln. Foto:picture alliance/ZB/Matthias Tödt

Die elektronischen Augen gen Himmel gerichtet: Blick auf die Wohnhäuser auf der Nil-Insel Zamalek in Kairo mit ihrem Wald von Satellitenschüsseln. Foto:picture alliance/ZB/Matthias Tödt

Weißer Schnee, geschmückte Tannenbäume und blonde Kinder, die die Weihnachtsgeschichte erleben: Was in den vergangenen Wochen über die Bildschirme in den Wohnstuben des Nahen Ostens flimmerte, hat auf den ersten Blick mit den Ländern des Vorderen Orients nicht viel zu tun. Es war ein TV-Adventskalender aus Norwegen, den das christliche Fernsehprogramm »SAT 7« eingekauft und übersetzt hat.

»Natürlich mussten wir im Vorspann erklären, was Schnee ist«, lacht Kurt Johansen. Der Däne ist Europa-Referent des Fernsehsenders, der 1995 von dem Briten Terence Ascott gegründet wurde, und mittlerweile aus Studios in Kairo, Beirut und Zypern auf vier Kanälen christliche Fernsehprogramme in arabischer, ­türkischer und persischer Sprache sendet.

Zwischen acht und zehn Millionen Menschen zwischen Marokko und dem Iran schalten die Sendungen regelmäßig ein. Eingekaufte Sendungen wie der norwegische Adventskalender sind dabei die Ausnahme. Immerhin 70 Prozent der Programme werden in enger Zusammenarbeit mit einheimischen Kirchen vor Ort produziert, etwa gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land. Deren palästinensischer Bischof Munib Younan, der auch Präsident des Lutherischen Weltbundes ist, gehört ebenso zum Vorstand des Senders wie der in Bethlehem ansässige Pfarrer Mitri Raheb.

Wobei sich durch die arabische ­Revolution auch für »SAT 7« viel geändert hat. »Nichts ist mehr, wie es war«, sagt Kurt Johansen. Die Christen im Nahen Osten seien einerseits in Ländern wie Ägypten stark unter Druck geraten, andererseits habe »SAT 7« zum ersten Mal überhaupt einen Fernsehgottesdienst aus Algerien übertragen. Bislang hätten sich christliche Gemeinden in dem nordafrikanischen Land aus Angst vor Verfolgung geweigert, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Und während der Sender früher jeden Bezug zur Politik krampfhaft zu vermeiden suchte, bemühe sich »SAT 7« nun, die Christen der ­Region zum politischen Engagement und mit speziell produzierten Videoclips zum Verbleib in ihren Heimatländern zu motivieren. Denn allein im vergangenen Jahr hätten rund 100000 Christen aus dem Nahen Osten ihre Heimatregion verlassen.

Auch verstärke »SAT 7« Johansen zufolge den Anteil der Live-Sendungen: Ein Programm mit dem Titel »Licht und Salz« stelle demnach aktuelle politische Ereignisse aus Sicht der arabischen Kirchen dar. »Früher hatten die Christen der Region entweder keine Möglichkeit, zur Wahl zu gehen oder sie sind zu Hause geblieben«, so Johansen. Durch politisches Engagement könnten jedoch die Lebensverhältnisse in den arabischen Ländern auch für Christen besser werden.

»Wir reden heute deutlich offener über die Situation der Christen im ­Nahen Osten als früher«, bekennt der Europa-Referent. Dabei sei es »SAT 7« wichtig, keinen Hass gegen die Regierungen zu erzeugen, sondern auch mit Muslimen im Dialog zu bleiben. »Wir ergreifen keine Partei, wir vermitteln«, so Johansen.

Finanziert werden die Programme von »SAT 7« überwiegend durch Spenden aus Europa und Nordamerika. Rund eine Million Euro pro Jahr kommen allein aus Skandinavien, wo nicht nur die Kirchen, sondern auch die Regierungen »SAT 7« unterstützen. Denn manche Programme des Senders, etwa Sendungen über Gesundheitsvorsorge oder ein Alphabetisierungskurs für Erwachsene, werden etwa von der norwegischen Regierung als Entwicklungshilfe gefördert.

In Deutschland wird das Fernsehprogramm dagegen bisher nur von Kirchen und kirchlichen Werken ­unterstützt. Zu den Förderern zählen etwa die Landeskirchen Bayerns und Württembergs, die Evangelisch-methodistische Kirche, das Nordelbische Missionszentrum und verschiedene andere landeskirchliche Missionswerke.

Benjamin Lassiwe

www.sat7.org (nur in Englisch)

Wenn Musik predigt

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Friedrich Hänssler, der im März 85 Jahre alt wird, leitete als Theologe und Musikwissenschaftler jahrzehntelang den vom Vater übernommenen Verlag und machte ihn zu einem der führenden christlichen Verlagshäuser in Deutschland. Foto: privat

Friedrich Hänssler, der im März 85 Jahre alt wird, leitete als Theologe und Musikwissenschaftler jahrzehntelang den vom Vater übernommenen Verlag und machte ihn zu einem der führenden christlichen Verlagshäuser in Deutschland. Foto: privat


 
Interview: Friedrich Hänssler und sein Verlag stehen bis heute vor allem für exquisite geistliche Musik

Unter den Verlegern christlicher Musik war er einer der bedeutendsten: Friedrich Hänssler, langjähriger Inhaber des gleichnamigen, heute zur Stiftung Christliche Medien gehörenden Verlags. Zusammen mit dem Dirigenten Helmuth Rilling brachte er eine Ausgabe sämtlicher Bachwerke auf CD auf den Markt. Zum Jahr der Kirchenmusik hat Benjamin Lassiwe mit ihm gesprochen.

Herr Hänssler, welche Musik hören Sie privat am Liebsten?
Hänssler: Im Laufe der Zeit hat sich natürlich mein recht breit angelegter Musikgeschmack immer wieder einmal gewandelt. Aber am Liebsten höre und beschäftige ich mich mit Johann Sebastian Bach. Das war dann auch der Grund für die Gesamtausgabe seiner Werke auf 172 CDs, die wir mit Helmuth Rilling aufgenommen haben. Meine erste selbst gekaufte Schallplatte war allerdings die »Psalmensymphonie« von Igor Strawinsky.

Was fasziniert Sie so an Johann Sebastian Bach?
Hänssler: Eigentlich alles: seine Kompositionsweise, die kunstvolle Durchführung der musikalischen Themen in seinen Instrumentalwerken, der wunderschöne Klang seiner Musikstücke. Aber vor allem erkenne ich in seinem geistlichen Werk eine ganz starke Bindung an die Bibel: Bach lebte mit seiner Lutherbibel, das sieht jeder, der das Glück hatte, sich einmal seine in den USA wieder aufgefundene Bibel ansehen zu dürfen. Sie ist voller Unterstreichungen und persönlicher Bemerkungen. Und nicht umsonst hat ja auch der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom Bach als den fünften Evangelisten bezeichnet. Denn Bach hat mit seiner Musik gepredigt: Vor allem seine Kantaten legen durch Text, Wort und Musik das Sonntagsevangelium oder die Epistel nicht weniger aus als es der Prediger tut.

Warum war und ist Johann Sebastian Bach so erfolgreich?
Hänssler: Ehrlicherweise muss man sagen, dass Bach zu Lebzeiten nicht sonderlich erfolgreich war. Er war ein brillanter Orgelspieler und ein gefürchteter Prüfer neu errichteter Orgeln. Aber seine Genialität als Komponist wurde erst viel später erkannt. Von seinen rund 200 erhaltenen Kantaten wurde nur eine einzige zu seinen Lebzeiten gedruckt. Und von seinem »Musikalischen Opfer«, das er dem preußischen König Friedrich II. in Berlin gewidmet hatte, wurden bis 1756, also bis sechs Jahre nach seinem Tod, nur 30 Exemplare verkauft.

Heute gilt er als Genie. Was geschieht mit Ihnen, wenn Sie Bach hören?
Hänssler: Die Musik Bachs spricht mich ganz persönlich an. Sie strahlt eine unwahrscheinliche Ruhe aus, etwas wirklich friedvolles, und das auch in ihren schnellsten Passagen. Und umgekehrt ist es etwas so Konstruiertes, etwas so planvoll Komponiertes, dass selbst moderne Jazzmusiker heute am Beispiel von Bach studieren, wie man komponiert.

Umgekehrt sind viele geistliche Choräle aus alten Zeiten heute vergessen …
Hänssler: Es ist nichts so beständig, wie die Veränderung. Das gilt auch für geistliche Lieder. Bei der unerbittlichen Sichtung, die die Zeit über die Jahrhunderte hinweg vornimmt, bleibt eben nur beste Qualität übrig. Wahrscheinlich liegt es aber auch ­daran, dass die Choräle eines Paul Gerhardt und eines Philipp Nicolai und anderer durch schwere Lebenssituationen zu echten Glaubenszeugnissen geworden und bis heute auch geblieben sind.

Ihr Verlag hat stets auch moderne Kirchenlieder herausgebracht. Was ist denn nun besser? Ein Dieter Trautwein von heute oder ein Paul Gerhardt von damals?
Hänssler: Ich würde das nicht vergleichen wollen. Singen geistlicher Musik ist nicht nur Lob, Bekenntnis und Verkündigung, sondern auch Antwort auf das verkündigte Wort. Und diese Antwort wird von jeder neuen Generation neu formuliert. Das führt oft zu einer persönlicheren Identifikation mit den Texten.

Jahrhundertelang hat es in allen Kirchen ähnliche Lieder gegeben – warum geht es heute so stark auseinander? Warum singen die einen Kirchentagslieder von Fritz Baltruweit und die anderen Lobpreissongs?
Hänssler: Das ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Ich will jetzt nicht den Begriff der Parallelgesellschaften verwenden, aber vielleicht liegt es daran, dass sich die Kirchen stärker auseinanderentwickelt haben. In den Landeskirchen waren die Kirchentage wichtige Ereignisse für die Kirchenmusik. Ihr Liedgut ist in die Gemeinden eingezogen. Die Freikirchen und ähnliche Gruppierungen hingegen waren eher kirchentagsabstinent. Sie waren mehr mit den USA verbunden, und haben von dort viele Impulse übernommen: im Musikstil wie in den Texten.

Was sind denn die Herausforderungen für die Kirchenmusik im Jahr der Kirchenmusik?
Hänssler: Die Aufgabe der Kirchenmusik ist schwerer geworden – denn überall ertönt der Ruf, dass die Gottesdienste verlebendigt werden sollen. Dabei steht so vieles im Angebot, vom ganz banalen, wohl nur gut gemeinten, manchmal mit großer Einbildung vorgetragenen, aber nicht guten, bis zur Exklusivität mancher Superspezialisten, die nur Kunstverständnis zelebrieren. Meiner Ansicht nach ist die Aufgabe der Kirchenmusik, die Kriterien, die das Neue Testament uns vorgegeben hat, wieder neu zu beachten: hin zur Gemeinde, hin zu Gott und hin zum Nächsten. Martin Luther gibt uns da eine Leitlinie, wie das zu geschehen hat: »Es muss beides, Text und Noten, Accent, Weise und Gebärde aus rechter Muttersprache und Stimme kommen.«

Und was wünscht sich der Musikverleger im Jahr der Kirchenmusik?
Hänssler: Wünschen würde ich mir zunächst einmal, dass generell wieder viel mehr gesungen wird. Im Gottesdienst, in der Familie, auch in der Schule. Die ständige Berieselung mit Musikkonserven ist für das Singen keinesfalls förderlich. Ich sehe einen gewissen Niedergang bei Jugendchören, einen steigenden Altersdurchschnitt bei Laienchören, auch bei Kirchenchören.

Nur bei der Gospelmusik gibt es ein großes Wachstum – sie entspricht den Lebensäußerungen mancher Menschen heute vielleicht mehr. Entscheidend scheint mir, dass zeitgenössische Dichter und Komponisten und Ausführende Formen finden, bei denen sie vom Bibelwort erfüllt sind, dass sie dessen Bote sein möchten – ein Bote, der nicht nur eine Order überbringt, sondern sich persönlich damit identifiziert.

Mit Judenstern und KZ-Jacken

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Der Konflikt zwischen ultraorthodoxen und liberalen Israelis nimmt groteske Formen an

Mit dem nationalsozialistischen Judenstern an der Brust demonstrieren ultraorthodoxe Juden in Jerusalem. Sie fühlen sich verfolgt, weil die Mehrheitsgesellschaft ihre Forderungen etwa nach Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit nicht akzeptiert. Foto: picture alliance/epa/Jim Hollander

Mit dem nationalsozialistischen Judenstern an der Brust demonstrieren ultraorthodoxe Juden in Jerusalem. Sie fühlen sich verfolgt, weil die Mehrheitsgesellschaft ihre Forderungen etwa nach Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit nicht akzeptiert. Foto: picture alliance/epa/Jim Hollander


Schon lange schwelt in der israelischen Gesellschaft der Konflikt zwischen den Vertretern des ultraorthodoxen Judentums und den Vorstellungen vieler Israelis von einer liberalen Gesellschaft. Derzeit eskaliert er.

Der Streit zwischen den radikal religiösen und weltlichen Israelis nimmt immer groteskere Züge an. In schwarz-weiß gestreiften KZ-Anzügen und mit dem gelben Judenstern am Revers und erhobenen Händen zogen einige von insgesamt rund 1000 ultraorthodoxen Männern und Kindern am vergangenen Wochenende in Jerusalem auf die Straße – gegen die »Verdrängung der Charedim«, wie sie sich nennen.

In Nazideutschland habe man die Juden physisch verfolgt, in Israel gehe es um die ideologische Verfolgung der Ultraorthodoxen, rechtfertigten einige Demonstranten den Missbrauch der Symbole. Auslöser für den eskalierenden Konflikt war eine Reihe von Übergriffen radikaler frommer Juden gegen Mädchen und Frauen. Auf ihren Druck hin wurden Frauen etwa aufgefordert, im Bus separate hintere Plätze einzunehmen.

Dürfen Frauen auch vorn im Bus sitzen?
Am 27. Dezember hatten sich zum ersten Mal einige Tausend weltliche Israelis versammelt, um gegen die von den Ultraorthodoxen ­vorangetriebene Verdrängung der Frauen aus dem öffentlichen Leben zu demonstrieren. Beide Lager haben dabei ihre Helden. Der Protest am vergangenen Sonnabendabend galt der Solidarität mit dem ultraorthodoxen Rabbi Schmuel Weisfisch, der am 1. Januar eine zweijährige Gefängnishaft antreten musste, weil er einen Computerladen verwüstete. Sein gläubiger Mitstreiter Schlomo Fuchs steht seit einigen Tagen unter Hausarrest, nachdem er die Soldatin Doron Matalon eine »Hure« schimpfte, weil sie sich weigerte, seiner Aufforderung nachzukommen und in den hinteren Teil des Busses umzuziehen. Dutzende Bewunderer begleiteten ihn vor Gericht.

Umgekehrt gehört für die Liberalen Tanja Rosenblit zu den Heldinnen, die dem massiven Druck frommer Männer standhielten und sich nicht von ihren Plätzen vertreiben ließen. Genauso wie die achtjährige Schülerin Naama Margolese, die von mehreren erwachsenen Männern beschimpft und sogar angespuckt worden war, weil sie ihren Vorstellungen von keuscher Bekleidung nicht entsprach. Der Übergriff auf das zierliche Kind löste die ersten großen weltlichen Proteste aus. Auch orthodoxe Juden und sogar einige Charedim waren unter den Demonstranten, ihnen waren die Radikalen zu weit gegangen.

Liberale Juden warnen vor der »Verschwarzung«
»Mit den frauenfeindlichen Übergriffen haben sie eine rote Linie überschritten«, erklärt Ram Vromen, Mitgründer des »Forums zum Schutz des weltlichen Charakters in den Nachbarschaften landesweit«, der erklärtermaßen gegen die »Verschwarzung« israelischer Ortschaften und Städte kämpft. Vromen warnt schon lange auf einer Internetseite, bei Diskussionsveranstaltungen und Demonstrationen vor dem schleichenden und steten Vormarsch der Frommen. »Gut, dass die Liberalen endlich aus ihrem Phlegmatismus aufgewacht sind.«

Obschon seine Gruppe nur von Weltlichen gegründet wurde, spricht für Vromen nichts gegen eine Zusammenarbeit mit Religiösen. »Für uns spielt es keine Rolle, ob jemand eine Kipa auf dem Kopf trägt«, sagt er. »Wichtig ist, ob er einen religiös­fundamentalistischen Staat will oder einen liberalen.« Die Tatsache, dass in einem Land, das schon vor über 40 Jahren von einer Frau regiert wurde, heute Frauen um die vorderen Sitzplätze in öffentlichen Verkehrsmitteln kämpfen müssen, scheint paradox. Schuld daran sind vor allem demografische Veränderungen seit den Tagen Golda Meirs. Jeder vierte Schulanfänger stammt heute aus dem ultraorthodoxen Sektor.

Zunehmende Radikalisierung der Ultraorthodoxen
»Die Charedim glauben, dass sie über größere politische Macht verfügen«, sagt Vromen. »Sie erleben in letzter Zeit eine Radikalisierung.« Nirgends werden die Gegensätze deutlicher als in der Knesset (Parlament). Die Oppositionsführerin ist eine Frau und die Führung der Arbeitspartei liegt ebenso in den Händen einer Frau. Dennoch gibt es Parteien, in denen Frauen gar nicht erst zugelassen werden. Die beiden Koalitionsparteien Schass und Agudat Israel etwa sind frauenfreie Organisationen.

Schon signalisieren Meinungsumfragen den jüngsten Demonstrationen folgend einen Popularitätsschub für die Politikerinnen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu unternimmt derweil eine Gratwanderung. Einerseits spricht er sich für Gleichberechtigung aus, zum anderen will er seine ultra­orthodoxen Regierungspartner nicht verprellen. Die Rabbiner in Israel, die für eine Abkühlung der erhitzten Gemüter sorgen könnten, bleiben bisher stumm.

In Deutschland äußert sich derweil der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, kritisch zur jüngsten Instrumentalisierung des Nationalsozialistischen Völkermordes durch die Ultraorthodoxen. »Die Bilder haben mich schockiert«, so Graumann gegenüber dem »Kölner Stadt-Anzeiger«. Er schäme sich dafür, dass ausgerechnet Juden ein »Zerrbild des Holocaust« lieferten. Das sei »geschichtslos und geschmacklos«.

Susanne Knaul (epd)

Schöpfung ohne Schöpfer?

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Glaube und Naturwissenschaft: Eine theologische Beleuchtung gegenwärtiger naturwissenschaftlicher Spekulationen

»Kosmischer Christus«: Christus als Schöpfer und Architekt des Universums in einer gotischen Miniaturmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Repro: akg-images

»Kosmischer Christus«: Christus als Schöpfer und Architekt des Universums in einer gotischen Miniaturmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Repro: akg-images

Sollte das christliche Credo am Ende sein? Wenn es nach dem derzeit wohl bekanntesten Physiker der Welt, dem britischen Cambridge-Professor Stephen Hawking ginge, entstand das Universum von allein.

In seinem Buch »Der große Entwurf. Eine neue Erklärung des Universums« (2010) scheuten sich der Astrophysiker Steven Hawking aus Cambridge, seines Zeichens Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, und der US-amerikanische Co-Autor Leonard Mlodinow in keiner Weise, Gott den Schöpfer als unnötig auszugeben.

1988 hatte Hawking noch in seinem Bestseller »Eine kurze Geschichte der Zeit« auf das Finden der »Weltformel« spekuliert mit den Worten: »… dann würden wir Gottes Plan kennen.« Jetzt aber streitet er den Gedanken an einen göttlichen Plan oder Schöpfer vollends als überflüssig ab: Es sei »nicht nötig, einen Gott heraufzubeschwören, der das blaue Zündpapier in Brand und das Universum in Gang setzt.«

Dabei tun er und sein Kollege so, als sei nun eine neue Erklärung des Weltalls auf den Tisch gekommen. Tatsächlich ist jedoch der Gedanke einer Selbstsetzung des Kosmos’ in der modernen Naturwissenschaft sogar schon älter als Hawkings Buch von 1988. Bereits 1973 trat der US-amerikanische Physikprofessor Edward Tryon mit der These hervor, das All sei aus dem Vakuum des leeren Raumes per Quantenfluktuation hervorgegangen. Rund ein Jahrzehnt später publizierte dessen Oxforder Kollege Peter W. Atkins ein Buch unter dem Titel »Schöpfung ohne Schöpfer. Was war vor dem Urknall?«.

Die damals mehr als heute provozierende These lautete, dass die Raumzeit im Zuge ihres selbsttätigen Aufbaus ihren eigenen Staub erzeuge: »Das Universum kann aus nichts entstehen. Ohne Eingriff. Durch Zufall.«

Auch wenn der Naturwissenschaftler sich mit solchen Formulierungen mindestens ansatzweise auf geisteswissenschaftliches Gebiet begab, sah es doch so aus, als habe er nicht anders gekonnt und als sei es Angelegenheit der Geisteswissenschaften, die Konsequenzen aus dem naturwissenschaftlichen Befund zu ziehen. Dabei lässt sich Atkins schon im Blick auf seine eigene Argumentation kritisieren. Zur Durchführung seiner Annahme einer Weltentstehung aus dem Nichts braucht er immerhin »zwei Zutaten« – eigentlich sogar drei. Die dritte, von ihm gar nicht ausdrücklich aufgezählte, war nämlich die These, dass die Naturwissenschaft verlässlich über den Urknall hinaus spekulieren könne.

Wer allerdings – wie einst Atkins und heute Hawking – den »Big Bang« vor 13,7 Milliarden Jahren als nur einen besonders drastischen von vielen Phasenübergängen im Universum deuten will, geht von nicht wirklich bewiesenen ­Voraussetzungen aus. Einstweilen muss es offenbleiben, ob sich das Weltall zyklisch ausdehnt und wieder zusammenzieht, wie das analog vor allem die indische Religiosität und von ihr abgeleitete esoterische Weltanschauungen annehmen oder ob von einem singulären Urknall auszugehen ist, von dem ab es sich in dauernder Ausdehnung befindet.

Die gewagten ­naturwissenschaftlichen Spekulationen über eine Zeit noch »vor« dem Urknall entsprechen den mathematisch gestützten Überlegungen und Fantasien über weitere Universen, also ein »Multiversum«. Der Oxforder Mathematikprofessor und Wissenschaftsphilosoph John Lennox hält gegenüber Hawking fest: »Die Theorie vom Multiversum ist allerdings unter Wissenschaftlern sehr umstritten.«

Wenn naturwissenschaftliche Spekulationen in durchaus »meta-physisch« anmutender Manier »hinter« den Urknall zurückzudenken versuchen, drängt sich ihnen in der Regel folgendes Bild auf: Aus dem untersten denkbaren Kältegrad heraus bildeten sich immer wieder einmal scherbenartig erste Wirklichkeitspunkte.

So lehrte es schon Atkins, der hierfür ­allerdings »zwei Zutaten« benennt, die er benötigt, um ein derartiges Zustandekommen des Urknalls zu erklären: ­»Erstens brauchen wir die Punkte, die sich zu den Zeit und Raum bestimmenden Mustern zusammenfinden. Zweitens brauchen wir die Punkte, die von der Zeitstruktur in ihre Gegensätze zerlegt werden. Die Zeit verleiht den Punkten Leben; die Punkte verleihen der Zeit Leben. Die Zeit brachte die Punkte in die Welt, und die Punkte brachten die Zeit in die Welt. Das ist der kosmische Reißverschluss, der unser Universum zusammenhält.«

Bereits die Formulierung dieser Sätze zeigt, dass hier mehr spekuliert als bewiesen wird. Atkins vermag nicht plausibel darzulegen, wodurch das Entstehen anfänglicher Punkte und damit auch der Zeit aus dem Gar-Nichts bedingt gewesen sein soll – denn ein Werden aus dem »Fast-Nichts« erklärt in der entscheidenden Hinsicht auch fast nichts. Deshalb schlägt der italienische Physikprofessor Maurizio Gasperini, der wie Atkins von einem langen Werden des Alls schon vor dem Urknall ausgeht, stringtheoretisch vor, den Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel heute folgendermaßen umzuformulieren: »Am Anfang erschuf Gott die Hintergrundfelder und die Materiequellen. Und die Quellen waren ohne Druck und eingebettet in den flachen Raum …«

Selbst ein Vertreter des hinter den Urknall zurückgehenden Modells macht sich also bewusst, dass die Annahme eines Schöpfers sinnvoll ist. Atkins’ Zutaten hingegen sind wackelige Hypothesen, die auf den Glaubenscharakter seiner Hauptthese hindeuten. Gewiss kann der Naturwissenschaftler auf die Realität quantenphysikalischer Sprünge aus dem Nichts – also außerhalb des Kausalitätsgesetzes – und auf die Bildung spontaner Fluktuationen verweisen. Doch nach wie vor bleibt die gerade auch geisteswissenschaftlich zu stellende Grundfrage bestehen, warum überhaupt etwas ist und nicht nichts. Denn quantenmechanische Gesetze werfen wiederum das Problem ihrer eigenen Ursprünglichkeit »im Anfang« auf.

Das bestätigt auch das Buch des US-amerikanischen Physikprofessors Alan H. Guth mit dem Titel »Die Geburt des Kosmos aus dem Nichts« (1997). Der Autor muss nach allen Darlegungen schließlich einräumen, dass »sämtliche Versuche, die Entstehung des Universums aus dem Nichts physikalisch erklären zu wollen, äußerst spekulativ sind«.

Er schließt sein letztes Kapitel mit den Worten: »Wenn sich aber die Entstehung des Universums als quantenmechanischer Prozess beschreiben lässt, dann bliebe immer noch ein großes Rätsel unserer Existenz: Was bestimmt die Gesetze der Physik?«

Genau diese Frage stellt sich auch, wenn Hawking argumentiert, die Existenz der Schwerkraft bedeute, dass die Entstehung des Universums unvermeidlich gewesen sei. Mit Recht hält ihm Lennox entgegen: »Aber wie kam es überhaupt zur Schwerkraft? Welche schöpferische Kraft steckt hinter ihrer Existenz?

Die Hoffnung mancher Naturwissenschaftler unserer Zeit, die Welt in ihrem Sosein bald einmal restlos erklären zu können, ist nichts als blanker Materialismus. Sie ist Ausdruck einer bestimmten Glaubenshaltung – eben einer negativen. Das zeigt auch Alexander Unzickers Buch »Vom Urknall zum Durchknall« (2010) auf, indem es die zahlreichen Spekulationsblasen in der modernen Physik auf erfrischende Weise als das demaskiert, was sie sind.

Die Wirklichkeit könnte indes viel interessanter sein: Getragen sein von einem letzten, guten Sinn, der sich freilich aus guten Gründen so verborgen hält, dass seine Wahrheit vorläufig nur durch Offenbarung erkannt werden kann. Positiver wie negativer Glaube bleiben aber – erkenntnistheoretisch gesehen – Spekulation. Und Spekulationen kritisch wie konstruktiv zu bearbeiten, ist primär eine geisteswissenschaftliche Angelegenheit.

Ob das All sozusagen autonom aus dem Nichts entstanden ist oder ob sich sein Werden aus dem Nichts dem Wort eines göttlichen Schöpfers verdankt, lässt sich nur im existenziellen Setzen auf bestimmte Perspektiven von Sinn oder Unsinn entscheiden. Dem modernen ­Autonomiegefühl entsprechen zweifellos die Entwürfe einer »autonomen« Entstehung des Universums am ehesten. Doch ihre Akzeptanz ergibt sich für manche namhafte Physiker keineswegs zwangsläufig, die es weiterhin mit der religiösen Annahme eines Schöpfergottes halten.

Der Theologe und Publizist Werner Thiede ist Referent beim Regionalbischof im bayerischen Kirchenkreis Regensburg und lehrt als außerplanmäßiger Professor Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Der Theologe und Publizist Werner Thiede ist Referent beim Regionalbischof im bayerischen Kirchenkreis Regensburg und lehrt als außerplanmäßiger Professor Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.


Wen sollte das laut Brian Greene »elegante Universum« in der Tiefe seines Geistes erfreuen, wenn es bei aller Eleganz ein sinnkaltes Gebilde darstellt, das modernsten Spekulationen zufolge nicht nur in endlose Kälte ausliefe, sondern auch aus endloser Kälte geboren wäre? »Für mich als Christen verstärkt die Schönheit der wissenschaftlichen Gesetze meinen Glauben an einen intelligenten Schöpfer«, bekräftigt Lennox. Und der deutsche Physikprofessor Jürgen ­Audretsch unterstreicht: »Die Vorstellung eines Gottes als Verursacher des Seins widerspricht der Kosmologie nicht.«

Ein Glaube liegt solchen Aussagen gewiss zugrunde. Doch auch der Glaube an die Möglichkeit einer »Weltformel« ist ein – wenn man so will: irrationaler – Vertrauensakt. Intellektuell redlich betonen Jean Guitto sowie Grichka und Igor Bogdanov in ihrem Buch »Gott und die Wissenschaft« (1993) nämlich: »Heute, an den seltsamen und beweglichen Grenzen, die die Quantentheorie gezogen hat, machen Physiker die Erfahrung eines Agnostizismus neuer Art: Die Realität ist nicht erkennbar; sie ist verschleiert und wird es immer bleiben.« Auch für den Astrophysiker Robert Jastrow steht fest, dass die Naturwissenschaft »niemals den Vorhang vor dem Mysterium der Schöpfung herunterreißen wird«.

Auf diesem Hintergrund hat das Credo der Christen weiterhin sein Recht. Und zwar sowohl mit seinem ersten Artikel als auch mit den anderen beiden, die von der Entfaltung des unbekannten Gottes in seiner Offenbarungsgeschichte handeln. Die Rede vom »kosmischen Christus« etwa bezieht sich auf alle drei Glaubensartikel. Wenn sich Naturwissenschaftler schon in Glaubensfragen einmischen, sollten sie bedenken, dass auch sie bei letzten Fragen nicht ohne Elemente irgendwelchen Glaubens auskommen.

Werner Thiede

Heute findet mein Leben statt

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille

Zwischen Alltagstrott und Überraschungen: Vom Charme und von der Schönheit des Alltäglichen

Nun hat er uns wieder: der Alltag. Und der hat bei den meisten Menschen überhaupt keinen guten Ruf. Zu Unrecht, wie ich finde. Alltag kann guttun. Denn wir leben nicht von Höhenflügen und Höhepunkten. »Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von Feiertagen«, pflegte meine Großmutter zu sagen.

Dass wir uns auf das Vertraute, auf das Normale, eben auf den Alltag freuen, das merken wir womöglich erst, wenn dieser Alltag plötzlich ausfällt. Wir machen diese Erfahrung etwa bei einem Krankenhausaufenthalt oder dann, wenn wir uns unfreiwillig für längere Zeit an einem Ort aufhalten müssen, der nicht unser ­Zuhause ist. Plötzlich erscheint uns der vertraute Alltag als lebens- und erstrebenswert. Aber wenn der vorher ersehnte Alltag wieder da ist, wird er, je länger er anhält, zunehmend in ein schlechtes Licht gestellt. Alltag eben. »Wie geht’s?« – »Es muss.«

Auf der Suche nach Alltagszufriedenheit
Aber wäre es nicht geradezu töricht, wenn wir den Alltag zum schlechteren Teil unseres Lebens erklärten? Denn meistens ist Alltag. Das Verhältnis ist sechs zu eins: Sechs Tage Alltag, ein Tag Sonntag. Und womöglich ein paar Tage Urlaub. Was kann helfen, den Charme und die Schönheit des Alltags zu entdecken und ihn so zu gestalten, dass er als schön erlebt wird?

Charme und Schönheit des Alltäglichen, das ist zu allererst die Lebenskunst der Dankbarkeit in kleinen Dingen. Ich beschränke mich auf ein einziges Beispiel, den Wocheneinkauf. Ich empfinde bei einem solchen Einkauf immer neues Staunen. Es hat keine Generation vor uns gegeben, die aus einer solchen Fülle schöpfen konnte. Selbst bei knappem Budget sind die meisten Menschen hierzulan­de von diesem Segen nicht rundweg ausgeschlossen.

Jeder sechste Weltbürger kann von solchen paradiesischen Verhältnissen nicht einmal träumen. Und es ist nicht mein Verdienst, dass ich hier und heute lebe. Das habe ich mir nicht aussuchen können, das ist mir zugefallen. Könnte dieser Zufall nicht dankbar und demütig zugleich machen? Bin ich es den Armen nicht geradezu schuldig, »alltagszufrieden« zu sein? Die Güter des Alltags dankbar genießen und in dem mir möglichen Maß zu teilen?

Dieser Tag ist einmalig und ein kostbarer
Den Alltag schätzen lernen, könnte auch heißen: Ich entdecke, wie kostbar und zerbrechlich das Leben ist. Dieser All-Tag ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Ein Tag, an dem ich leben darf. Dieser einmalige Tag ist es wert, dass ich ihn nicht gering schätze. Was ich heute tue oder lasse, gehört unverlierbar zu meinem Lebensschatz. Dieser Tag ist es wert, dass ich ihn nicht nur hinter mich bringe. Wie wäre es, ihn am Morgen bewusst zu begrüßen? Bewusst aus dem Fenster und in den Spiegel zu schauen? Ich bin da – und die Welt um mich her ist auch da – immer noch und immer neu.

So im Heute zu leben, könnte auch heißen: Ich hänge nicht in der Vergangenheit herum und flüchte nicht ins Morgen. Denn weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft kann ich im Mindesten verfügen! Das Vergangene entzieht sich meiner nachträglichen Beeinflussung; und das Zukünftige ist für unsere vielen Wünsche wie auch unsere vielen Sorgen stocktaub.

Das eigene Leben bewohnen: Alltagsrituale schaffen
Der Alltag mit seiner Vorhersehbarkeit lässt mich in meinem eigenen Leben Platz nehmen und macht das Leben bewohnbar. Wer im Alltag angekommen ist, kann sich »erden« und den ­eigenen Ort finden. Und dabei geht es um mehr als den Ort, an dem ich arbeite und lebe. Es geht um das Bewohnen des eigenen Alltags und die Beheimatung im eigenen Dasein.

Es gibt die eigentümliche Schönheit einer verlässlichen Form, einer guten Ordnung und eines eingeübten Rhythmuses. Alltagsrituale können helfen, den Tag, die Woche und das Jahr zu gestalten: Die bewusst genossene Tasse Kaffee oder Tee am Morgen. Die kleine Pause nach dem Mittagessen, der abendliche abschließende Spaziergang, die einzelne Rose und die Kerze auf dem Tisch zum Wochenausklang, die Brötchen am Samstagmorgen, der Sonntag, an dem Zeit zum Durchatmen ist.

Jeder hat andere Gewohnheiten, in jeder Familie gibt es andere gute Sitten, die dem Alltag Struktur und Glanz geben können. Den Alltag würdigen, das könnte heißen: sich in der Kunst zu üben, dem eigenen Leben einen stillen Glanz zu verleihen und mit dem Alltag so liebevoll gestaltend und formend umzugehen wie das ein Kunsthandwerker bei seinem Werk tut. Dabei ist es mit dem vertrauten Alltags-Rhythmus wie in der Musik: Lebendig wird sie durch überraschende Pausen, Taktwechsel und Synkopen. Auch die Melodie des Alltags braucht die Ausnahme von der Regel, damit sie klingt.

Der Langeweile das Handwerk legen
Wenn man sich langweilt, sobald weder die Arbeit ruft noch das Unterhaltsame lockt, findet man sich selbst offenbar ausgesprochen langweilig. In solchen Fällen kann folgende Übung Wunder wirken. Ich lade dazu ein, immer dann, wenn man den Alltag »zum Weglaufen« erlebt, sich für eine halbe Stunde auf einen Stuhl zu setzen, in aufrechter, achtsamer Haltung – ohne Radio, ohne Fernseher –, auf den eigenen Atem zu achten, und sich dem »puren Dasein« zuzuwenden.

»Ich bin da« – nichts fehlt! Ich kehre ein bei mir, beim Leben selbst. Ich setze mich einfach still hin und … komme bei mir an. Ich werde mir selbst zur Heimat, zu einem geliebten und liebenswerten Platz im Universum. Es versetzt der Langeweile den Todesstoß, wenn sie mitbekommt: Wer in der Lage ist, Einkehr zu halten dort, wo gar nichts los ist, bei dem hat soeben ein Fest begonnen. Aber man muss es üben. Einen Stuhl hat ja jeder zu Hause!

Wenn aber der Alltag gelegentlich wehtut …
Aber hat alle Lebenskunst nicht dort ihre Grenze, wo sich Leid oder Krankheit oder ein schwieriges Schicksal einstellen? Wenn sich das Widrige einstellt, muss man manchmal regelrecht ein wenig »feierlich« werden. Das haben wir als Kinder immer dann erlebt, wenn wir krank waren. Auf einmal kamen wir in den Genuss von ein paar schönen Dingen, die es sonst nicht gab.

Wir bekamen Plätzchen und heißen Tee und kalte Wickel und Besuch. Und vielleicht wurde uns etwas vorgelesen. Wenn schwere Tage kommen, muss man wieder lernen, feierlich mit dem Leben umzugehen! Dazu gehört, sich von allem Ballast, auch vom Terminballast zu lösen. Viele Menschen erfahren ihr Leben deshalb als unbewohnbar, weil sie sich chronisch überfordern!

Es gibt den krankmachenden Alltag, zu dem es freilich selten ohne unsere eigene Mitverantwortung kommt. Aber es gibt auch das ganz normale Krankwerden, wofür ein eigentümlicher Ausdruck in der deutschen Sprache uns rät, »krankzufeiern«. Diese Weisheit lässt sich schlecht beziehen auf schwerste Krankheiten, Krisen oder wirkliche Horrorerfahrungen, das wäre zynisch. Aber für dasjenige Maß an Leiden, das in der einen oder anderen Weise eben auch zum Alltag gehört, lässt sich so eine Spur finden, sich mit dem Unangenehmen zu arrangieren.

Karin Vorländer

Heute mit Hoffnung leben

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ganz im Jetzt, in der Gegenwart ankommen – Gedanken zum Jahresbeginn

Foto: MEV

Foto: MEV

Wer am Silvesterabend auf die Uhr schaut, tut das mit einem anderen Blick als sonst. In der Neujahrsnacht kommt in den Blick, dass meine Zeit nicht immer weiterläuft, sondern dass sie auch einmal ausläuft, dass sie endlich ist. Das könnte Anlass zur Angst oder zur Sorge oder zur Rastlosigkeit sein. Wie viel Zeit bleibt mir noch? Oder: Wie kann ich in der verbleibenden Zeit möglichst viel erleben, schaffen, erledigen?

Der Jahresbeginn könnte Anlass sein, die Zeit und das eigene Leben neu zu verstehen: Gott sei Dank, dass es mich gibt. Gott sei Dank, dass ich dieses neue Jahr, und den neuen Tag sehen, erleben und gestalten darf. Die Zeit als Gelegenheit verstehen. Als Gelegenheit, ganz und gar im Heute zu leben. Wie wäre es, eine Spiritualität des Gegenwärtigseins einzuüben?

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht nicht darum, dass die Vergangenheit gleichgültig wäre. Sie ist die Würde und die Bürde unseres Lebens. Sie ist das Bewährte, das Bestandene und Überstandene, das unserem Leben Tiefgang gibt. Auch die Zukunft ist keineswegs gleichgültig.

Im Heute zu leben, das ist ein Grundthema vieler spiritueller Traditionen. Die großen Meister sagen: »Hänge nicht in der Vergangenheit herum und flüchte nicht ins Morgen. Weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft kannst du im Mindesten verfügen! Das Vergangene entzieht sich unserer nachträglichen Beeinflussung; und das Zukünftige ist für unsere vielen Wünsche wie auch unsere vielen Sorgen stocktaub.«

Wer im Heute leben möchte, muss üben, nicht bitter zu sein über das, was gewesen ist. Es geht darum, weder zu beschönigen noch zu verdrängen, was nicht gut gewesen ist. Alles, was gewesen ist, gehört zu meinem Leben, macht es einmalig und unverwechselbar, macht seine Würde und seine Bürde aus.

Es gibt Menschen, die die Wunden der Vergangenheit nicht heilen lassen. Sie fühlen sich gekränkt, weil sie schlechte Startbedingungen hatten, in unglücklichen Verhältnissen aufgewachsen sind, weil sie nicht die Zuwendung, Liebe und Zärtlichkeit bekommen haben, die sie gebraucht hätten. Oder sie sind von Menschen enttäuscht worden. Sie können denen nicht verzeihen, die sie verletzt haben. Sie können Gott nicht verzeihen, der ihnen diese Vergangenheit zugemutet hat. Wie befreiend könnte es sein, die Verbitterung loszulassen. Aufhören, mich an die Vergangenheit zu klammern, die eigene Verletztheit, die eigene Wut ansehen, sie annehmen und sie dann loslassen.

Nur, was ich angenommen habe, kann ich auch irgendwann abgeben und womöglich auch vergeben. Wer trägt eigentlich die Last, wenn man jemanden »etwas nachträgt«? Loslassen und vergeben, das erfordert zuallererst den Willen, solche Seelenarbeit zu leisten. Sie braucht Zeit, und gar nicht selten die Unterstützung und Hilfe eines vertrauenswürdigen Menschen.

Das Gestern ist vorbei, das Morgen ist noch nicht geboren. Wo wir in Reue, Trauer oder dem Zorn über das, was gestern war, leben, fehlt die Energie und die Aufmerksamkeit für das Heute.

Ob wir morgen noch leben, liegt nicht in unserer Hand. Aber ob wir üben, in Dankbarkeit, Gottvertrauen, Vergebung und Liebe jeden Tag als geschenkten Tag wahrzunehmen, das liegt sehr wohl in unserer Hand. Eine solche Lebenshaltung, die bewusst auf das Gute und Gelingende sieht, will geübt sein. So wie es die Geschichte von dem alten Grafen erzählt: Zu Tagesbeginn jedes Tages steckte er sich eine Handvoll Bohnen in die linke ­Jackentasche. Immer dann, wenn er etwas erlebte, das seinen Tag hell machte, einen freundlichen Gruß, ein Kinderlächeln, eine gute Mahlzeit, ließ er eine Bohne in die rechte ­Jackentasche wandern. Am Abend zählte er die »Hoffnungszeichen am Weg«. Schon eine Bohne genügte, damit der Tag für ihn ein guter Tag war.

Hoffnung im spirituellen Sinn beruht nicht auf angeborenem Optimismus, nach dem Motto »alles wird gut«. Sie will geübt und erworben werden.

Die Bibel mit ihren Verheißungen und Bildern von der neuen Welt, in der alle Tränen getrocknet werden, ist eine einzige große Hoffnungsgeschichte. Sie lädt ein, unter dem Blick der Güte Gottes zu leben, unter dem Menschen aufblühen und angesehen sind. Heute zu leben heißt nicht zuletzt, dem normalen Alltagstun Sinn abzuringen. Dabei geht es nicht um das Tun des Außergewöhnlichen, sondern darum, Schönheit und Wert des Alltäglichen zu entdecken.

Karin Vorländer

Am Fuße des Vesuvs

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Ausstellung: Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zeigt Kunst und Alltag in der antiken Stadt Pompeji

Ösen in Form von Sirenenköpfen, die zu einem Eimer römischer Herkunft gehörten. Sie wurden bei Grabungen in Quetzdölsdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gefunden. Foto: Klaus-Peter Voigt

Ösen in Form von Sirenenköpfen, die zu einem Eimer römischer Herkunft gehörten. Sie wurden bei Grabungen in Quetzdölsdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gefunden. Foto: Klaus-Peter Voigt


Die neue Landesausstellung Sachsen-Anhalts steht unter dem Titel »Pompeji – Nola – Herculaneum. Katastrophen am Vesuv«. Sie zeichnet das römische Leben am Hang des Vulkans nach.

Vesuv, das Wort allein weckt Assoziationen. Neapel und sein Feuer speiender Berg sind ein Begriff für Leid und Urgewalten. Gerade einmal 140 Meter höher als der Brocken hat der einzige auf dem europäischen Festland noch tätige Vulkan Geschichte geschrieben. Seit 1944 schlummert er in trügerischer Ruhe. Faszination ging von ihm zu allen Zeiten aus. Die Menschen an seinem Fuß blickten stets in Sorge auf den Krater.

Schon die Neandertaler erlebten vermutlich an den Hängen des Vesuvs Explosionen. Frühe Siedlungen aus der Bronzezeit wurden durch Asche und Lava verschüttet. Historiker und Archäologen sehen in solchen Funden nahezu einen Glücksfall, für die Menschen, die sich nicht retten konnten, waren die Ausbrüche eine Katastrophe. Das Hallesche Landesmuseum für Vorgeschichte greift das spannende Thema auf.

Die Ausstellung »Pompeji« widmet sich den zahlreichen Artefakten, die ein nahezu vollständiges Bild römischer Alltagskultur der Zeit 79 vor Christus widerspiegeln. Nur scheinbar ist zu diesem Thema alles gesagt. Die Wissenschaftler aus Sachsen-Anhalt blieben nicht bei der puren Rezeption der damaligen Ereignisse, sie wollten etwas Eigenständiges schaffen. So erlebt der Betrachter nicht eine der klassischen Wanderexpositionen zu diesem Thema, sondern eine Schau mit 600 originalen Exponaten vom kleinen Glasgefäß bis zu kompletten Räumen. Viele sind Leihgaben unter anderem aus dem Nationalmuseum in Neapel.

Die Zusammenarbeit mit den Machern des Projektes sei »hervorragend und fruchtbar« gewesen, sagt dessen Direktorin Valeria Sampaola. Sie lobt die dreijährige Vorbereitung und freut sich, dass im Land von Johann Joachim Winckelmann, des in Stendal geborenen Begründers der wissenschaftlichen Archäologie, historische Bezüge in die Antike dargestellt werden.

Und in der Tat, Parallelen finden sich an vielen Stellen zum Mitteldeutschen Raum. Erstmals wird in solcher Deutlichkeit gezeigt, dass die ganze Region zur Zeit des Untergangs von Pompeji enge Kontakte mit Italien verbanden. Das Grab einer reichen Germanin, entdeckt 2008 in einem Urnengräberfeld bei Profen im Burgenlandkreis und nun erstmals öffentlich gezeigt, belegt solche Beziehungen.

In ihre Urne hatten unsere Altvorderen ihren prachtvollen Goldschmuck gelegt. Und eine Kette aus dieser Bestattung findet eine Entsprechung in Funden der Städte am Vesuv. Selbst ein kleines Achatgefäß aus Kleinjena belegt frühe Handelsbeziehungen, wenn es auf sein Gegenstück aus Italien trifft.

Die Inszenierung der gesamten Ausstellung ist gelungen. Konzentration auf das Wesentliche, im richtigen Licht präsentierte Objekte, die Darstellung ganzer Gebäudeteile mit großformatigen und qualitativ hochwertigen Fotos sowie originalen Stücken lässt Geschichte nachvollziehbar werden. Nichts setzt allein auf den Schaueffekt um seiner selbst willen.

Fußabdrücke, die flüchtende Menschen des Dorfes Nola um 1900 vor Christus bei einem Vulkanausbruch hinterließen, sind zu sehen. Aber auch die Abdrücke von Menschen, die Pompeji nicht mehr rechtzeitig verlassen konnten. Beeindruckend die Casa del Menandro (Haus des Menander), denn dieses Haus wurde komplett ausgegraben und nun in einer bislang außerhalb Italiens in solcher Vielfalt nie gezeigten Fülle vorgestellt. Eines der größten repräsentativen Häuser Pompejis lässt ein wenig vom Alltag erahnen.

Ein Korkmodell erleichtert die Orientierung. Möbelbeschläge, Amphoren, und fantastisch erhaltene Silbergefäße belegen den Reichtum der Bewohner. Im Zentrum finden sich gehobene Wohn- und Empfangsräume. Gladiatorenspiele waren Bestandteil des Lebens im antiken Rom. Verzierte Helme und Beinschienen aus einer Kaserne der untergegangenen Stadt dienen als Beleg für die unterschiedlichen Gattungen der Kämpfer.

Als Korrespondenzstandort der Ausstellung empfiehlt sich nahezu das Schloss Wörlitz. Vom 21. April bis zum 26. August werden dort »Fremde Welten ganz nah« zu sehen sein. Eine logische Folge, denn dieser Ort und das ganze Dessau-Wörlitzer-Gartenreich hat ein Stückweit das Interesse am Vesuv und der Antike nach Sachsen-Anhalt getragen. Fürst Franz bestieg 1766 selbst den Vesuv.

Seine Grandtour führte ihn durch Europa, er besuchte Pompeji und Herculaneum. Seine Eindrücke fanden später Eingang in seine Anlagen. Der künstliche Vulkan auf der Insel Stein – am 24. August soll er wieder einmal »ausbrechen« – gehört zu den Nachwirkungen der Entdeckerreise. Mit ihm begann die Antikenrezeption nördlich der ­Alpen. In seinen Schlössern geht ein Großteil der Ausstattung auf diese Zeit zurück. Die Nachahmung der Villa Hamilton gehört dazu. Das Gebäude mit dem angrenzenden Vulkan ruht auf neun Pfeilern.

Klaus-Peter Voigt

Die Ausstellung »Pompeji – Nola – Herculaneum. Katastrophen am Vesuv« ist bis zum 8. Juni 2012 im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen. Sie ist dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr und am Wochenende von 10 bis 18 Uhr ­geöffnet.

»Haltet durch, seid stark«

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Reportage: Christen zwischen Angst und Hoffnung  – die Kopten verstehen sich als die ursprünglichen Ägypter

Den Blick fest auf das Kreuz gerichtet: Bruder Joaquin im Kloster St. Bischoi. Foto: Andreas Boueke

Den Blick fest auf das Kreuz gerichtet: Bruder Joaquin im Kloster St. Bischoi. Foto: Andreas Boueke


Seit Jahrhunderten sind die koptischen Christen Ägyptens unterdrückt und benachteiligt. Die Hoffnungen, dass sich infolge der »Arabellion« etwas ändert, schwinden zusehends.

Der Evangelist Matthäus berichtet davon, wie Maria, Josef und der Neugeborene Jesus auf ihrer Flucht vor den Schergen des Herodes nach Ägypten gezogen sind. Dabei sollen sie auch durch die unwirtliche Gegend von Wadi el-Natrun gekommen sein. Zahlreiche Kultstätten erinnern an die Reise. Schon zu Beginn des vierten Jahrhunderts haben sich christliche Eremiten in diese Klöster und Kirchen zurückgezogen. Heute ist die Wüstenlandschaft Wadi al-Natrun eine Hochburg christlichen Lebens in Ägypten.

Die meisten Christen in Ägypten sind Kopten. Das Wort Kopt kommt von Aigyptios. Deshalb sagen viele Kopten, sie seien die ursprünglichen Ägypter. Die Araber sind erst im Jahr 620 nach Christus in das Nildelta gekommen.

Das wohl älteste koptische Kloster ist das von el Baramus. Hier lebt ein junger Mönch, der seinen Namen nicht nennen möchte. Aber über sein Leben gibt er Auskunft: »Ich verlasse das Kloster nur sehr, sehr selten. In zwölf Jahren bin ich dreimal raus gegangen. Ich habe dieses Leben selbst gewählt. Deshalb empfinde ich es nicht als eine Beeinträchtigung meiner Freiheit.«

In den Klöstern von Wadi el-Natrun leben heute mehrere hundert Mönche in selbst auferlegter Armut und Enthaltsamkeit. Ihr Leben ist geprägt von Ritualen und Bräuchen. Die Mönche spüren nur wenig von den umwälzenden Ereignissen, die die ägyptische Gesellschaft zurzeit erlebt. »Wir kümmern uns nicht um Politik.

Aber immer mal wieder kommen Leute von außerhalb, die uns Nachrichten bringen. Wir haben eine Meinung, so wie jeder Mensch. Ich glaube, dass die Islamisierung des Landes zunimmt. Es gibt jetzt zwar mehr Freiheiten, aber nicht für Christen«, so der junge Mönch.

Bei den Demonstrationen im Januar des vergangenen Jahres gegen den Despoten Mubarak haben Kopten und Moslems Schulter an Schulter protestiert. Doch die Solidarität lässt nach. Die politischen und sozialen Umwälzungen haben neue Freiheiten für die Bevölkerung gebracht. Dazu gehört aber auch die Freiheit, ungestraft religiöse Minderheiten zu diskriminieren. In Ägypten leben weit über 80 Millionen Menschen. Nur rund fünf Millionen von ihnen sind Kopten.

Gewalttätige Übergriffe gegen christliche Gemeinden gab es auch während der 30jährigen Herrschaft Hosni Mubaraks. Doch die Berichterstattung darüber wurde häufig unterdrückt. Seit der Revolution sind solche Informationen weitgehend frei verfügbar.

Deshalb wissen die Kopten im ganzen Land genau, dass im Laufe der vergangenen Monate viele Kirchen in Brand gesetzt und Dutzende ihrer Glaubensbrüder ermordet wurden. Zu solchen Gewaltausbrüchen kommt es besonders dann, wenn Christen Selbstbewusstsein zeigen und gegen die latente Einschränkung ihrer Religionsfreiheit protestieren.

Diese Diskriminierung hat Tradition in Ägypten. Selbst der ehemalige Präsident und Friedensnobelpreisträger Anwar as-Sadat gilt als Gegner der Religionsfreiheit für Christen. Im Jahr 1981 verbannte er den koptischen Papst in das Kloster Sankt Bischoi. Erst vier Jahre später wurde das Oberhaupt der orthodoxen Kopten von Sadats Nachfolger Mubarak freigelassen.

St. Bischoi ist jetzt die zweite Residenz des koptischen Papstes Shenouda. Auch 120 Mönche leben in dem Kloster. Einer von ihnen ist Bruder Joaquin. Er sitzt auf einem Bett aus Holzplanken in einem kargen Raum, der nicht größer ist als fünf Quadratmeter. »Dies ist eine Mönchszelle aus dem neunten Jahrhundert«, sagt Bruder Joaquin. Während sich die Menschen in Ägypten auf grundlegende Veränderungen einstellen müssen, bleibt das Leben der Mönche in den Klöstern weitgehend gleich.

»Das System für uns ist jeden Tag dasselbe. Wir beten für die Menschen, die draußen leben. Außerdem haben wir täglich ein spirituelles Programm zu leisten, in dem wir für den Frieden beten.«

In der Kirche der Heiligen Barbara im alten Zentrum Kairos endet gerade ein Gottesdienst. Der Priester Sarabamoni Zaki ist in sein luxuriös ausgestattetes Büro gegangen. Der Mann hat einen langen, grauen Bart. Früher war er gut rasiert. Er meint, die Situation der Kopten habe sich durch die Revolution spürbar verändert: »Seit dem 25. Januar haben einige Christen Angst. Wir wissen nicht, was geschehen wird. Der moslemische Flügel bemüht sich heftig um die Macht. So etwas haben wir in den vergangenen 30 Jahren noch nicht erlebt.«

Die meisten koptischen Würdenträger sagen, sie seien froh darüber, dass es der Bevölkerung gelungen ist, Mubarak zu stürzen. Aber sie vermissen auch einige Vorzüge des alten Regimes. »Ich würde nicht sagen, er war gut oder er war schlecht. Aber es gab nicht diese Unsicherheit, unter der wir jetzt leiden. Wir verstehen, dass dies eine Übergangsphase ist. Aber wie wird das Ende dieser Phase aussehen? Nur Gott weiß das.«

Der Priester macht sich Sorgen um die Zukunft der Kopten in Ägypten. Trotzdem sieht er keinen Grund, sich zu verstecken: »Den jungen Leuten sage ich: Haltet durch, seid stark. Ihr müsst euch unter die Moslems mischen und mit ihnen zusammen leben. Habt keine Angst. Macht sie zu euren Freunden und erklärt ihnen eure Sorgen. Werdet nie wütend oder nervös. Seid respektvoll und sprecht friedlich.«

Andreas Boueke

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