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	<title>Mitteldeutsche Kirchenzeitungen &#187; Gemeinsame Redaktion</title>
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		<title>Schiffbrüche in biblischen Zeiten</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Feb 2012 08:30:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gemeinsame Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Glaube und Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[biblische Schiffsgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Jona]]></category>
		<category><![CDATA[Kreuzfahrten]]></category>

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		<description><![CDATA[Mehr als heute waren die Seefahrer damals den Launen des Wetters ausgeliefert
Kreuzfahrten waren in biblischen Zeiten nicht bekannt. Wohl aber Schiffbrüche und die Ängste und Nöte, die sie auslösten.
Keine Kreuzfahrtschiffe, sondern Handelsschiffe durchkreuzten die Meere. Sie transportierten Steine und Stoffe, Gewürze und Nahrung, Tiere und Menschen. Noch mehr als heute waren die Seefahrer in ihren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Mehr als heute waren die Seefahrer damals den Launen des Wetters ausgeliefert</strong></p>
<div id="attachment_5237" class="wp-caption alignleft" style="width: 610px"><img class="size-full wp-image-5237" title="Glaube-Alltag-06" src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2012/02/Glaube-Alltag-06.jpg" alt="Glaube-Alltag-06" width="600" height="423" /><p class="wp-caption-text">Paulus erleidet Schiffbruch vor derr Insel Malta – Darstellung auf einem Mosaik nach einem Bild des Renaissance-Künstlers Nicolò Circignani, genannt &quot;il Pomarancio&quot;.</p></div>
<p>Kreuzfahrten waren in biblischen Zeiten nicht bekannt. Wohl aber Schiffbrüche und die Ängste und Nöte, die sie auslösten.</p>
<p>Keine Kreuzfahrtschiffe, sondern Handelsschiffe durchkreuzten die Meere. Sie transportierten Steine und Stoffe, Gewürze und Nahrung, Tiere und Menschen. Noch mehr als heute waren die Seefahrer in ihren einfachen Schiffen den Launen des Wetters ausgeliefert. Einige Handelsschiffe »zerschellten«. Ihrer Angst begegneten die Seeleute mit Vertrauen auf Gott. Wer in solchen bedrohlichen Stürmen und Wellentürmen zum Herrn schrie, den führte er aus Ängsten, indem er den Sturm stillte und sie »zum erwünschten Lande brachte«. (Psalm 107, 23-32; 1 Könige 22,49)</p>
<p>Eine der berühmten biblischen Schiffsgeschichten handelt von Jona. Dieser Prophet versucht, vor Gott zu fliehen&#xA0;– kein aussichtsreiches Unterfangen, betete doch schon der Psalmist: »Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen.« Jona besteigt ein Schiff, doch Gott vereitelt Jonas Fluchtpläne mit einem heftigen »Ungewitter«.</p>
<p>Die Seeleute versuchen, ans rettende Ufer zu rudern&#xA0;– »aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an«. Auf eigenen Wunsch hin werfen die Seeleute Jona über Bord, der Prophet wird als menschlicher Ballast geopfert. Doch Gott rettet ihn, indem er »einen großen Fisch« kommen lässt, der den Flüchtling verschlingt und nach drei Tagen und Nächten an Land ausspeit. (Jona 1-2; Psalm 139, 9f.)</p>
<p>Die phönizische Hafenstadt Tyrus, »sehr reich und herrlich geworden«, war eigentlich ein Verbündeter und Handelspartner Israels. Dennoch prophezeite der Prophet Hesekiel ihr den Untergang. Dafür verwendet er Bilder, die die schifffahrtserfahrenen Menschen verstanden. Hesekiel schildert ein Angst einflößendes Schiffbruchsszenario, das dem Untergang der Titanic in nichts nachsteht. (Hesekiel 27)</p>
<p>Dass jemand in seinem Leben »Schiffbruch erleidet« ist eine bis heute gebräuchliche Redewendung für eine gescheiterte Existenz. In der Bibel verwendet sie der Apostel Paulus. Diejenigen, die gegen ihr Gewissen handeln, erleiden Schiffbruch am Glauben, erklärt Paulus und hat dabei Christen im Blick, die der Geldgier ­erliegen. Das menschliche Leben ­vergleicht er mit einem Schiff, das von »jedem Wind einer Lehre bewegt« werde und »umhertreibt«. (1. Timotheus 1,19; Epheser 4,14)</p>
<p>Mehrmals mussten Jesus und seine Jüngerschar den See Genezareth überqueren. Das Gewässer sieht friedlich aus, ist aber gefährlich. Als Jesus unterwegs war, erhob sich »ein großer Windwirbel«, der die Wellen ins Boot schwappen ließ. Während seine Jünger panisch das Wasser aus dem Boot schöpften, schlief Jesus seelenruhig auf einem Kissen weiter. Ängstlich ­wecken die Jünger ihren »Meister« und werfen ihm vor, er kümmere sich nicht um sie in dieser Notsituation. Sofort stand Jesus auf, »bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme!« Tatsächlich legte sich der Wind »und es entstand eine große Stille«. (Markus 4,35-41)</p>
<p>Viele tausend Seemeilen hatte der Heidenmissionar Paulus auf seinen Reisen zurückgelegt. Nun war der Apostel als Gefangener an Bord eines Segelschiffes. In Rom sollte ihm der Prozess gemacht werden. Dem heftigen Wind entkam der Kapitän, indem er im Schutze Zyperns an der (heute türkischen) Küste entlangschipperte.</p>
<p>In Myra steigt Paulus unter Aufsicht des Hauptmanns Julius auf ein anderes Schiff um; an Kreta ging es vorbei mitten hinein in gewaltige Nordoststürme. Dramatische Szenen spielten sich ab: Ladung wurde über Bord geworfen, das Schiff trieb tagelang manövrierunfähig in der Adria. Schließlich erlitten sie Schiffbruch auf einer Sandbank vor Malta. Alle 276 Mann überlebten. Für den Vielreisenden Paulus selbst war es bereits der vierte Schiffbruch. (Apostelgeschichte 27; 2. Korinther 11,25)</p>
<p>In den Endzeitvisionen des Sehers Johannes spielt das Meer eine wichtige Rolle. Ein fürchterliches Monster steigt aus dem Meer, es hat zehn bekronte Hörner und sieben Köpfe. Dann gießt ein apokalyptischer Engel seine Schale ins Meer, woraufhin sich das Wasser in Blut verwandelt und alles Leben im Meer vernichtet wird. Weitere sieben Engel sorgen mit lautem Posaunenschall für Horror. Als der zweite sein Instrument bläst, wird ein Drittel aller Schiffe vernichtet. Das Endzeitgrauen endet mit der Aussicht auf das »neue Jerusalem«, in dem Gott alle Tränen abwischen wird. Zwei wichtige Dinge wird es in dieser neuen Welt nicht mehr geben: die Nacht und das Meer. Und damit auch keine Schiffbrüche. (Offenbarung 8,8f.; 13,1; 16,3; 21,1)</p>
<p><em>Uwe Birnstein</em></p>
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		<title>Leben in der Unterwelt</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 07:00:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gemeinsame Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[In Darkness]]></category>
		<category><![CDATA[Judentum]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Schmidtz Katze Filmkollektiv]]></category>

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		<description><![CDATA[»In Darkness« erzählt die Geschichte vom Überlebenskampf einer Gruppe Juden in der Kanalisation
In der von Nazis besetzten polnischen Stadt Lvov (Lemberg) herrscht 1943 Armut. Die Schwachen plündern die Schwächeren, die Armen bestehlen die, die noch weniger haben. Juden werden auf der Straße exekutiert, die Nazis räumen die Ghettos. Leopold Socha, ein polnischer Kanalarbeiter und Gelegenheitsdieb [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>»In Darkness« erzählt die Geschichte vom Überlebenskampf einer Gruppe Juden in der Kanalisation</strong></p>
<p>In der von Nazis besetzten polnischen Stadt Lvov (Lemberg) herrscht 1943 Armut. Die Schwachen plündern die Schwächeren, die Armen bestehlen die, die noch weniger haben. Juden werden auf der Straße exekutiert, die Nazis räumen die Ghettos. Leopold Socha, ein polnischer Kanalarbeiter und Gelegenheitsdieb kämpft um das Überleben seiner Frau und seiner Tochter. Eines Tages entdeckt er eine Gruppe von Juden, die versucht, der bevorstehenden Auflösung des Lvov’er Ghettos durch Flucht in die Kanalisation zu entkommen.</p>
<p>Socha versteckt sie gegen Geld im Labyrinth der Kanalisation. Am 9.&#xA0;Februar kommt der Film »In Darkness&#xA0;– Eine wahre Geschichte« in die Kinos. Das Drama der polnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Agnieszka Holland erzählt die wahre Geschichte des Polen Leopold Socha, der unter Einsatz seines eigenen Lebens und das seiner Familie während des Zweiten Weltkrieges Juden über viele Monate in der Kanalisation von Lvov Schutz gewährte. In der Realität hatten sich dort 20 Juden versteckt. Zwölf von ihnen haben es irgendwann nicht mehr ausgehalten und sind ans Tageslicht zurückgekehrt. Von ihnen hat keiner den Krieg überlebt.</p>
<div id="attachment_5241" class="wp-caption alignleft" style="width: 460px"><img class="size-full wp-image-5241" title="Kultur-06" src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2012/02/Kultur-06.jpg" alt="Leben in der Unterwelt" width="450" height="300" /><p class="wp-caption-text">Leben in der Unterwelt</p></div>
<p>Der Film der Produzenten von Schmidtz Katze Filmkollektiv aus Halle und Berlin ist für den Oscar nominiert.</p>
<p>Die Geschichte wird in den Originalsprachen Polnisch, Deutsch, Jiddisch und Ukrainisch erzählt. Benno Fürmann spielt den Juden Mundek Margulies, der in der Kanalisation die große Liebe findet. Maria Schrader und Herbert Knaup sind das reiche Ehepaar Chiger, Eltern der ­beiden Kinder, von denen das Mädchen Krystyna als letzte noch lebende Zeugin der Geschichte heute in den USA lebt. Den Helden Leopold Socha spielt der polnische Schauspieler Robert Wiekie­wicz.</p>
<p>Das Leben für die kleine Gruppe Juden in der Unterwelt ist menschenunwürdig. Zwischen Ratten versuchen sie, sich trotzdem einen menschlichen Alltag aufzubauen und so normal wie möglich zu ­leben.</p>
<p>Der Großteil des Filmes spielt in der Kanalisation. Die Dreharbeiten dort waren nach Angaben der Protagonisten eine Herausforderung, ebenso die Imitation des Abwassersystems. Gedreht wurde in echten Abwasserkanälen von Lvov und in einer Halle am Stadtrand von Leipzig, wo aus Holz die Kanalisation samt Gullydeckeln, einströmendem Wasser und Dunkelheit nachgebaut worden war.</p>
<p>Eine Filmkritik würdigt Agnieszka ­Hollands polnischen Oscar-Beitrag »In Darkness« als ein so unprätentiöses wie unbequemes Holocaust-Drama, das zur historischen Auseinandersetzung jenseits von Allgemeinplätzen und vorschnellen Vereinfachungen einlade.</p>
<p><em>(GKZ)</em></p>
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		<title>Rosen für Europa, Mais für die USA</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Feb 2012 09:00:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gemeinsame Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Eine Welt]]></category>
		<category><![CDATA[Entwicklungsländer]]></category>
		<category><![CDATA[Land Grabbing]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Paul Mathieu]]></category>

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		<description><![CDATA[»Land Grabbing«: Internationale Unternehmen bewirtschaften in Entwicklungsländern riesige Flächen
Während die Hälfte der Menschen in Äthiopien hungert, züchtet eine indische Firma dort auf riesigen Plantagen Rosen für Europa.
Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern weichen wegen der hohen Bodenpreise in ihrer Heimat zunehmend in Entwicklungsländer aus. Dabei werden vielfach über die Köpfe der Kleinbauern hinweg lukrative Verkaufs- und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>»Land Grabbing«: Internationale Unternehmen bewirtschaften in Entwicklungsländern riesige Flächen</strong></p>
<div id="attachment_5244" class="wp-caption alignright" style="width: 610px"><img class="size-full wp-image-5244 " title="Eine-Welt-06" src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2012/02/Eine-Welt-06.jpg" alt="Rosen für Europa, Mais für die USA" width="600" height="233" /><p class="wp-caption-text">Oft das Ende vom Lied: riesige Monokulturen und Chemieeinsatz – wie hier auf einer Sojaplantage in Paraguay. Foto: epd-bild/Heiner Heine</p></div>
<p>Während die Hälfte der Menschen in Äthiopien hungert, züchtet eine indische Firma dort auf riesigen Plantagen Rosen für Europa.</p>
<p>Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern weichen wegen der hohen Bodenpreise in ihrer Heimat zunehmend in Entwicklungsländer aus. Dabei werden vielfach über die Köpfe der Kleinbauern hinweg lukrative Verkaufs- und Pachtverträge zwischen den Regierungen und den Investoren abgeschlossen. Die Bauern verlieren ihr Land, oft auch ihr Zuhause.</p>
<p>Denn die Eigentumsverhältnisse in Entwicklungsländern sind oft nicht ausreichend geregelt. Selbst wenn die Menschen seit Generationen ein Grundstück bewohnen und bewirtschaften, können sie es selten nachweisen. Und viele Regierungspolitiker wollen von den Geschäften mit Großinvestoren profitieren. So bedrohen ausländische Investitionen vielfach das Leben der Einwohner, statt wie erhofft zu Aufschwung und Entwicklung zu führen. Die Kritiker sprechen von »Land Grabbing« (Landnahme).</p>
<p>Knapp die Hälfte der Fläche, die ausländische Großinvestoren in Beschlag nahmen, diene dem Anbau von Pflanzen für Agrar-Treibstoffe, erklärt der südafrikanische Wissenschaftler Ward Anseeuw. Die Philippinen sind nach seiner Statistik der Staat mit dem meisten Land Grabbing: 4,7 Millionen Hektar, eine Fläche von der Größe Niedersachsens, die etwas weniger als ein Drittel der gesamten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche der Philippinen ausmacht.</p>
<p>In Madagaskar werden 2,6 Millionen Hektar, in Äthiopien 2,3 Millionen Hektar durch ausländische Investoren bewirtschaftet. Anseeuw erstellt zusammen mit Michael Taylor von der »International Land Coalition«, die sich für die Landrechte der Armen einsetzt, eine Datenbank zu Land Grabbing.</p>
<p>Der Landrechte-Experte der UN-Landwirtschafts- und Ernährungs­organisation (FAO), Paul Mathieu, spricht von einer Strategie der Industrieländer, ihre landwirtschaftliche Produktion auszulagern. Um die negativen Auswirkungen zu dämpfen, arbeitet die FAO an Richtlinien.</p>
<p>»Das Menschenrecht auf Nahrung steht seit Jahrzehnten auf dem Papier, wurde aber nie richtig umgesetzt«, beklagt der stellvertretende FAO-Generaldirektor Alexander Müller. Länder, in denen die Bevölkerung hungere, exportierten dennoch Agrarprodukte. Dass es weltweit noch viel ungenutzten Boden gebe, weist Müller als Fehleinschätzung zurück. Alle nutzbaren Flächen würden bewirtschaftet, besonders in Entwicklungsländern herrsche deshalb ein reger »Verdrängungswettbewerb«.</p>
<p>Die FAO wendet sich nicht generell gegen Landkauf durch Großinvestoren, spiegelt die UN-Organisation doch die Interessen aller ihrer 191 Mitgliedsstaaten wider. Es gibt jedoch schwierige Debatten und heftigen Streit.</p>
<p>Der Inder Sai Ramakrishna Karuturi ist mit seiner Rosenzucht in Äthiopien reich geworden. Rund 311000 Hektar Land lässt er bewirtschaften und neben Blumen Reis, Mais, Palmöl und Zuckerrohr im großen Stil anbauen&#xA0;– weiteres Wachstum ist geplant.<br />
Die Investoren betonen die Vorteile für die Entwicklungsländer.</p>
<p>Sie werben damit, dass sie Arbeitsplätze schaffen und nach gewissen ökologischen Standards anbauen. Denn in der westlichen Welt gehört nachhaltiges Wirtschaften und die Achtung der Menschenrechte zum guten Ton. Doch der ehemalige Grünen-Politiker Müller warnt: »In vielen Bereichen sind hehre Absichtserklärungen und tägliches Handeln nicht immer in Einklang zu bringen.«</p>
<p>Im Unterschied zu Müller sieht Landrechte-Experte Mathieu Investitionen in Agrarflächen als Chance, wenn transparente und faire Verträge abgeschlossen werden, die auch überwacht werden. Afrika brauche dringend mehr Investitionen und Arbeitsplätze. »Wenn nichts geschieht, wie in den letzten 10, 20 Jahren, und weiterhin zu wenig in den Agrarsektor investiert wird, wäre das ein katastrophales Szenario«, warnt Mathieu. »Die Zeiten für billige Investitionen in Land sind ­ohnehin bald vorbei.« Denn der Wettbewerb um Land treibe auch in den Entwicklungsländern die Bodenpreise nach oben.</p>
<p><em>Bettina Gabbe (epd)</em></p>
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		<title>Selbst ein Akteur auf dem Markt</title>
		<link>http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/2012/02/02/selbst-ein-akteur-auf-dem-markt/</link>
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		<pubDate>Thu, 02 Feb 2012 13:32:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gemeinsame Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Blickpunkt]]></category>
		<category><![CDATA[Axel Noack]]></category>
		<category><![CDATA[Evangelischen Kirche in Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Johann Hinrich Wichern]]></category>
		<category><![CDATA[Jörg Dierken]]></category>
		<category><![CDATA[Martin-Luther-Universität]]></category>
		<category><![CDATA[Theologischen Tage]]></category>

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		<description><![CDATA[Wirtschaft: »Theologische Tage« in Halle fragten nach der Rolle der Kirche zwischen Kapital und kirchlichem Auftrag
Der Kapitalismus steckt in der Krise.  Selbst Wirtschaftsvertreter wissen um die Schwachpunkte.  Auch die Kirche kommt nicht umhin, sich mit ihrer Rolle auf dem Markt auseinanderzusetzen.
Der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Institutes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hält mit seiner Meinung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wirtschaft: »Theologische Tage« in Halle fragten nach der Rolle der Kirche zwischen Kapital und kirchlichem Auftrag</strong></p>
<p><em>Der Kapitalismus steckt in der Krise.  Selbst Wirtschaftsvertreter wissen um die Schwachpunkte.  Auch die Kirche kommt nicht umhin, sich mit ihrer Rolle auf dem Markt auseinanderzusetzen.</em></p>
<p>Der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Institutes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. »Wir«, sagt Gerhard Wegner, »brauchen eine grundlegende Veränderung des Wirtschaftssystems.« So, wie es jetzt aufgestellt ist, seien die Zukunftsperspektiven nicht besonders gut. Eine Ursache der gegenwärtigen Krise sieht der Wirtschaftsfachmann und Sozialethiker in der dominierenden Rolle des Geldes und im Auseinanderklaffen von Real- und Finanzwirtschaft. »Derzeit«, weist Wegner nach, »geht es nur noch um die Vermehrung des Geldes.« Mit allen negativen Begleiterscheinungen.</p>
<p>Zugleich hält sich der Theologe aber auch nicht mit Selbstkritik zurück. Die Kirche dürfe ihre Positionierung nicht nur auf das Soziale verkürzen, sondern müsse auch das ökonomische Geschehen in den Blick nehmen, findet Wegner. Ein fairer Wettbewerb etwa könne weltweit gesehen durchaus sinnvoll sein. Als Negativbeispiel nennt er die Agrarsubventionen in der EU, die die armen Länder benachteiligen würden.</p>
<p>Zwei Tage lang stehen wirtschaftliche Fragen im Mittelpunkt der Theologischen Tage der Martin-Luther-Universität in Halle. Unter dem Motto »Zwischen Angebot und Nachfrage. Kirche&#xA0;– Markt&#xA0;– Macht« geht es um jüdisch-christliche Wertvorstellungen zu Geld, Zinswesen und zur ­Wirtschaft sowie um die Frage, ob diese religiösen Orientierungsangebote überhaupt noch zeitgemäß sind.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-5233" title="Blickpunkt-06" src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2012/02/Blickpunkt-06.jpg" alt="Blickpunkt-06" width="320" height="600" />Neben dem Leiter des Sozialwissenschaftlichen Institutes spricht der Tübinger Theologieprofessor Eilert Herms über Markt und Macht im Selbstverständnis der Kirche, der frühere Bischof Axel Noack fragt nach unternehmerischem Handeln aus christlicher Sicht und der Hallenser Professor für systematische Theologie Jörg Dierken befasst sich in einem Workshop mit Kapitalismus und Marktzerstörung in christlicher Perspektive. </p>
<p>Die traditionsreichen Theologischen Tage greifen damit ein Thema auf, das durch die Krise des Euro und der globalen Finanzsysteme derzeit in aller Munde ist und die Medien beherrscht. Wenn ganze Staaten ins Taumeln geraten, könnten sich die Kirchen nicht einfach zurücklehnen, heißt es dazu in Halle.</p>
<p>Tatsächlich gehört sie selbst zu den »nicht ganz kleinen Akteuren« (Wegner) und unterliegt mit ihrem Geld den Regeln des Marktes. Allein die Pensions­kassen aller Landeskirchen umfassen derzeit etwa 15&#xA0;Milliarden Euro. Für den Leiter des Sozialwissenschaftlichen Ins­titutes kann das nur eines bedeuten:</p>
<p>Die Kirche müsse sich fragen, ob sie sich dem Markt angleichen oder andere Strukturen entwickeln wolle. Dass der Umgang mit dem Geld dabei immer wichtiger wird, darauf weist auch der frühere Magdeburger Propst Matthias Sens hin. So habe die mitteldeutsche Kirche Ende des vergangenen Jahres ethische Kriterien zur Kapitalanlage beschlossen, sagt er in der anschließenden Diskussion.</p>
<p>Doch grundlegend ändern lässt sich das Wirtschaftssystem damit nicht, das vor allem auf Wachstum angelegt ist. Wichtig sei es deshalb zu fragen, woran künftig der Wohlstand gemessen werden soll, findet Wegner. Dagegen plädiert der Hallenser Theologie-Professor Jörg Dierken für mehr Realitätssinn in der Debatte und wirft einen kritischen Blick auf die lange Tradition des Antikapitalismus im Luthertum.</p>
<p>So seien August Hermann Francke oder Johann Hinrich Wichern auch große Unternehmer gewesen, durch deren Handeln etwas Positives für andere herausgekommen sei. Nach seiner Ansicht haben Theologie und Ökonomie eine ganze Menge miteinander zu tun. »Religion ist der Umgang mit der Endlichkeit, in der Ökonomie geht es um den Umgang mit der Knappheit.« Zudem könne auch wirtschaftliches Handeln als Lebenssinnquelle verstanden werden, so Dierken.</p>
<p>Einen Schritt weiter geht der Tübinger Soziologe Christoph Deutschmann, der sich in seinem Beitrag mit der »dämonischen Qualität des Geldes« befasst. Seit dem 19.&#xA0;Jahrhundert hätte der Markt eine quasi religiöse Rolle erhalten. »Heute ist Geld weit mehr als ein harmloses Tauschmittel«, zeigt er sich überzeugt. Auch in der Idee des Marktes sieht Deutschmann keineswegs ein Naturgesetz. </p>
<p>Vielmehr handele es sich um einen Glauben, der in direkter Konkurrenz zur christlichen Religion stehe. »Der Marktgott ist kein gütiger Gott, sondern ein ­Dämon!« Dabei sei der Kapitalismus nicht per se amoralisch, stellt der Soziologe klar. Das Argument der liberalen Theorie, der Markt führe zu globaler Gerechtigkeit, sei nicht völlig falsch. »Aber wir sollten uns vor einer Marktgläubigkeit hüten.« Heute stehe die Aufgabe, wie sich die »Entgrenzung des Marktes« ­wieder rückgängig machen lasse. »Das«, findet Deutschmann, »kann auch eine Aufgabe der Kirche sein.«</p>
<p><em>Martin Hanusch</em></p>
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		<item>
		<title>Wenn die Welt zu Ende geht?! – Na und</title>
		<link>http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/2012/01/30/wenn-die-welt-zu-ende-geht-%e2%80%93-na-und/</link>
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		<pubDate>Mon, 30 Jan 2012 13:00:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gemeinsame Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Glaube und Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Depression]]></category>
		<category><![CDATA[Ulrich Giesekus]]></category>

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		<description><![CDATA[Was gegen Angst und Depression hilft und aus der Krise führt
Die Welt ist voller schlechter Nachrichten. Fragen bedrängen uns: Wird mich im Alter jemand pflegen? Gibt es dann überhaupt noch eine Rente, von der man auch leben kann? Werden wir, unsere Kinder und Enkel sauberes Wasser haben? Genügend Arbeit oder genügend bezahlte Arbeit? Das sind [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Was gegen Angst und Depression hilft und aus der Krise führt</strong></p>
<div class="wp-caption alignleft" style="width: 250px"><img src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2012/01/GuA0512.jpg" alt="" width="240" height="343" /><p class="wp-caption-text">»Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.« Paul Gerhardt – Foto: MEV</p></div>
<p>Die Welt ist voller schlechter Nachrichten. Fragen bedrängen uns: Wird mich im Alter jemand pflegen? Gibt es dann überhaupt noch eine Rente, von der man auch leben kann? Werden wir, unsere Kinder und Enkel sauberes Wasser haben? Genügend Arbeit oder genügend bezahlte Arbeit? Das sind bedrängende Fragen, wichtige Fragen. Wer hier zu schnell zum Jesus-Zitat »Sorget euch nicht um den morgigen Tag« (Matthäus 6,34) greift, übersieht, dass wir nicht auf Kosten des morgigen Tages leben dürfen. Für die Zukunft gilt: Keine Sorge, aber Fürsorge bestimmt!</p>
<p>Die Forschung hat gezeigt: Wenn ich begreife, dass ich dem Chaos nicht nur untätig zusehen muss, legen sich Ängste. Es ist nämlich nicht das zu erwartende Geschehen, was uns Angst macht und lähmt, sondern die Hilflosigkeit angesichts solcher Ereignisse. Wer sich hilflos fühlt, wird depressiv und sorgenvoll. Wer sich herausgefordert fühlt, wird dagegen mutig und kreativ. Der bedeutende Depressionsforscher Martin Seligmann nannte die Depression sogar »erlernte Hilflosigkeit«.</p>
<p>Jeder kann das selbst beobachten: Beifahrer zu sein ist viel stressiger als selbst am Steuer zu sitzen&#xA0;– obwohl das Risiko für beide gleich ist. Mit anderen Worten: Menschen, die glauben, dass das Wohl und Wehe ihres Lebens von ihrem Denken und Handeln abhängig ist, sind gesünder und leben besser. Nicht das Schicksal oder die Sterne, nicht die anonymen Mächtigen, nicht die Banken oder die Politik entscheiden, ob mein Leben wichtig und sinnvoll ist&#xA0;– sondern: Wie ich lebe, entscheidet darüber, ob mein Leben gelingt.</p>
<p>Das Gegenteil dazu bildet eine Einstellung, die sich sorgenvoll, aber hilflos ausliefert. Nach dem Motto »Da kann man eh nichts machen«. Aber diese Haltung übersieht: Gott lebt uns nicht&#xA0;– er hat uns Leben gegeben, damit wir es leben. Wir sind keine Marionetten eines himmlischen Puppenspielers, sondern Dialogpartner des Höchsten! Paul Gerhardt hat recht: »Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.« Und: »Auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn«. Aber das heißt auch: Wenn es Wege gibt, muss ich die gehen.</p>
<p>Wenn wir uns also&#xA0;– durch globale Medien bestens über jedes Horrorszenario informiert&#xA0;– geschlagen geben, kommt die Angst. Und schnell fühlen wir uns überwältigt, ohnmächtig, ängstlich grübelnd blicken wir in eine düstere Zukunft. Das ist vielleicht der Zeitgeist: »Es geht eh alles den Bach runter&#xA0;– nimm mit, was du kriegen kannst«. Paulus fordert&#xA0;– ganz im Gegenteil dazu&#xA0;– auf, sich nicht den gesellschaftlichen Trends anzupassen&#xA0;– »seid nicht gleichförmig dieser Welt«&#xA0;–, sondern »werdet verwandelt«. Und das »durch die Erneuerung eures Sinnes« (Römer 12,2).</p>
<p>Wie kann ich mein Denken erneuern? Zuerst einmal sind die Krisen, die uns emotional erschlagen, meistens irgendwelche anonymen Monster. Anstatt uns Ideen für unser Leben heute zu geben, machen diese Monster uns handlungsunfähig. Trauen Sie sich einmal, nicht zu erstarren, sondern weiter zu denken: Was ist, wenn ich keine Rente mehr bekomme? Dann muss ich sehr bescheiden leben. Dann muss ich lernen, mich an den Dingen zu freuen, die da sind. Alle wirklich wichtigen Dinge im Leben aber kann der Mensch sich nicht kaufen. Also könnte ich jetzt schon üben, meine Lebensfreude konsumunabhängiger zu gestalten.</p>
<p>Und ganz mutig: Was ist, wenn die Welt zu Ende geht? Dann wartet Gottes neue Welt. Und da ich dort Bürgerrecht habe, kann ich mich darauf schon jetzt vorbereiten. Entscheiden Sie, wie Sie die Freundschaft mit dem Herrn der neuen Welt heute schon pflegen. Lernen Sie tanzen und singen. Besuchen Sie Gefangene, kleiden Nackte und speisen Hungrige.</p>
<p>Wenn wir unser Denken nicht mehr zwanghaft auf das Bewahren unseres Lebensstandards fixieren&#xA0;– geschieht »verwandelt werden«. Wer loslassen kann, wird gelassen. Der KZ-Überlebende Viktor Frankl beobachtete:</p>
<p>Wer den Sinn seines Lebens im Glück sucht, wird es niemals finden. Wer den Sinn seines Lebens aber in dem sucht, was größer ist als er selbst, wird dabei auch sein Glück finden. Jesus sagte es ganz ähnlich: »Wer sein Leben liebt, wird es verlieren. Aber wer sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es für das ewige Leben erhalten« (Johannes 12,25).</p>
<p><em> Ulrich Giesekus</em></p>
<p>Der Autor ist Professor für Psychologie und Counseling (psychosoziale Beratung) an der Internationalen Hochschule Liebenzell und führt eine Praxis für psychologische Beratung.</p>
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		<title>Der neue Stradivari</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Jan 2012 11:00:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gemeinsame Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Geigenbauer]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Schleske]]></category>
		<category><![CDATA[Violinenbauer]]></category>

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		<description><![CDATA[Porträt: Für Martin Schleske ist der Geigenbau ein Gleichnis für den Weg des Menschen zu Gott
Martin Schleske aus dem bayerischen Stockdorf gilt als einer der besten Geigenbauer der Gegenwart. Daneben begeistert er als Schriftsteller seine Leser.
Einst, so lautet die Legende, suchten die alten Meister ihr Tonholz, indem sie am Ufer der Gebirgsflüsse standen und auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Porträt: Für Martin Schleske ist der Geigenbau ein Gleichnis für den Weg des Menschen zu Gott</strong></p>
<p>Martin Schleske aus dem bayerischen Stockdorf gilt als einer der besten Geigenbauer der Gegenwart. Daneben begeistert er als Schriftsteller seine Leser.</p>
<div class="wp-caption aligncenter" style="width: 590px"><img title="kultur0512" src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2012/01/kultur0512.jpg" alt="" width="580" height="435" /><p class="wp-caption-text">Martin Schleske ist ein geschickter Handwerker und ein Mann der akribischen Wissenschaft zugleich. – Foto: privat</p></div>
<p style="text-align: left">Einst, so lautet die Legende, suchten die alten Meister ihr Tonholz, indem sie am Ufer der Gebirgsflüsse standen und auf das Aneinanderschlagen der Baumstämme hörten, die talwärts geflößt wurden. Am Klang erkannten sie, welches die wahren »Sänger« des Waldes waren. So nennen die Geigenbauer jene raren Stämme, die für die Herstellung hochwertiger Musikinstrumente geeignet sind. Bergfichte muss es sein, gewachsen im kargen Alpenboden, mit gleichmäßigen Jahrringen.</p>
<p>Das Holz soll ein geringes Gewicht, aber dennoch hohe Festigkeit haben und wie ein kleines Glöckchen klingen, wenn man an den richtigen Stellen dagegen klopft.</p>
<p>Mit dieser Anekdote beginnt Martin Schleskes Buch »Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens«. Der Instrumentenmacher mit Weltruf erläutert darin die ganze Entstehungsgeschichte einer Geige, angefangen beim Holzschlag an der Waldgrenze und endend im Konzertsaal. Er gewährt einen seltenen Einblick in eine Handwerkskunst, die schon immer eine geheimnisvolle Aura umgab, nicht erst seit für antike Violinen von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Antonio_Stradivari" target="_blank">Stradivari</a> &amp; Co. Millionensummen bezahlt werden.</p>
<p>Doch nicht Schleskes Fachwissen ist es, welches das schriftstellerische Debüt zu einer herausragenden Lektüre macht. Denn wie der Untertitel schon ankündigt, geht es dem Autor um mehr. Für den tiefgläubigen Tontüftler stellt der Geigenbau ein Gleichnis für den Weg des Menschen zu Gott dar. Jeder Arbeitsschritt bekommt dabei eine symbolische Bedeutung.</p>
<p>Ähnlich wie aus dem rohen Holz in der Werkstatt ein kostbarer Klangkörper wird, ist für Schleske jeder Einzelne dazu berufen, ein Instrument Gottes zu sein. »Glück bedeutet dann, dass der Weisheit Gottes durch uns etwas Gutes geglückt ist«, heißt es in dem Buch.<br />
Diesen Prozess der Verwandlung beschreibt der 46-Jährige auf berührende und poetische Weise anhand vieler persönlicher Erfahrungen und Einsichten. Außerdem hat der Verlag ein Kalenderbuch für sieben Jahre mit dem Titel »KlangBilder. Werkstattgedanken« herausgebracht. Es enthält teilweise veränderte, teilweise neue kurze Texte von Schleske neben kunstvollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der international bekannten Berliner Fotografin Donata Wenders.</p>
<p>Heute wie damals wird in den Ateliers der Violinenbauer nicht nur mit frommem Berufsethos, sondern ebenso mit unermüdlichem Forschergeist nach dem vollkommenen Klang gesucht. Während die Großen der Barockzeit schon komplizierte geometrische Formen für die Wölbungen ihrer Geigendecken entwarfen, ist inzwischen vielerorts modernste Technik mit im Spiel.</p>
<p>Das gilt auch für Martin Schleskes Werkstatt. Direkt an seinen Arbeitsraum grenzt ein kleines Akustiklabor, in dem er die Resonanzen jeder entstehenden Geige präzise misst und analysiert. Der hochgewachsene Brillenträger mit der Mütze auf dem Kopf ist ein geschickter Handwerker und ein Mann der akribischen Wissenschaft zugleich, mit abgeschlossener Zweitausbildung als Diplomphysiker.</p>
<p>Zwar werden gute Streichinstrumente bis heute ausschließlich von Hand geschnitzt und gefertigt. Doch daneben hat jeder Meister seine individuellen Tricks, um die Klangqualität zu verbessern. So gelangen beispielsweise kurzwellige Lichtstrahlen, Sauerstoffgemische oder Ozon zum Einsatz, um die Holzstruktur zu beeinflussen. Die genauen Methoden sind stets geheim.</p>
<p>Nur ein Instrument bleibt trotz aller Tüftelei in vieler Hinsicht unschlagbar, wie Martin Schleske bei seiner Tätigkeit immer wieder erkennen musste, und das ist die menschliche Stimme.</p>
<p>Als er jüngst eine Arie von Maria Callas mit einem speziellen Computerprogramm untersuchte, stellte sich heraus, dass die Operndiva in einem Vibrato bis zu zehnmal pro Sekunde die Obertöne ihres Gesangs veränderte. Dazu ist kein herkömmlicher Klangkörper der Welt fähig. Deshalb zählt es zu den wichtigsten Vorhaben von Schleskes privater Forschung, den Klangcharakter seiner Streichinstrumente immer mehr demjenigen der Stimme anzupassen. Vollständig wird Martin Schleske sein Ziel allerdings kaum je erreichen. Denn der Mensch ist eben doch aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt. Und Gott ein außergewöhnlich guter Werkmeister.</p>
<p><em>Fabian Kramer</em></p>
<blockquote><p><strong>Buchtipps</strong><br />
Schleske, Martin: Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens, Kösel-Verlag, 352 S., ISBN 978-3-466-36883-9, 21,95 Euro<br />
Schleske, Martin: KlangBilder. Werkstattgedanken – Ein Kalendertagebuch für 7 Jahre aus der Geigenbauwerkstatt von Martin Schleske mit 52 Fotografien von Donata Wender, Kösel-Verlag, 224 S., ISBN 978-3-466-37026-9, 19,99 Euro</p></blockquote>
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		<title>Als Pfarrerin im Urlaubsparadies</title>
		<link>http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/2012/01/27/als-pfarrerin-im-urlaubsparadies/</link>
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		<pubDate>Fri, 27 Jan 2012 09:00:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gemeinsame Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Eine Welt]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Auslandskirchen]]></category>
		<category><![CDATA[Auslandspfarrstelle]]></category>
		<category><![CDATA[evangelisch-koptische Gemeinde]]></category>
		<category><![CDATA[Hurghada]]></category>
		<category><![CDATA[Kopten]]></category>

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		<description><![CDATA[Ägypten: Hurghada am Roten Meer&#xA0;– Treffpunkt für Rentner, Urlauber, Abenteurer und verkrachte Existenzen
In der ägyptischen Touristenhochburg Hurghada gibt es seit dem Sommer eine Pfarrstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Du bist ein Volltreffer«, singen die Kinder im Kreis. Es ist ihr Lieblingslied beim Kinderbrunch. So heißt der deutschsprachige evangelische Kindergottesdienst im ägyptischen Touristenzentrum Hurghada am Roten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><img title="welt0512" src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2012/01/welt0512.jpg" alt="" width="200" height="299" /><p class="wp-caption-text">Pfarrerin Eva Gabra – Foto: epd-bild</p></div>
<p><strong>Ägypten: Hurghada am Roten Meer&#xA0;– Treffpunkt für Rentner, Urlauber, Abenteurer und verkrachte Existenzen</strong></p>
<p>In der ägyptischen Touristenhochburg Hurghada gibt es seit dem Sommer eine Pfarrstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland.</p>
<p>Du bist ein Volltreffer«, singen die Kinder im Kreis. Es ist ihr Lieblingslied beim Kinderbrunch. So heißt der deutschsprachige evangelische Kindergottesdienst im ägyptischen Touristenzentrum Hurghada am Roten Meer. Eva Gabra ist seit Sommer vergangenen Jahres Auslandspfarrerin der Evangelischen Kirche in Deutschland in Hurghada.</p>
<p>Die Zeiten sind nicht leicht. Die ägyptischen Christen, die <a href="http://www.evangelisch.de/themen/religion/kopten-die-christlichen-nachfolger-der-pharaonen8265" target="_blank">Kopten</a>, werden angegriffen und verfolgt, mehr als Hunderttausend sollen im vergangenen Jahr das Land verlassen haben. Die deutschsprachigen Christen in Hurghada, für die Eva Gabra zuständig ist, wurden von den Anfeindungen aber bisher nicht getroffen.</p>
<p>Die 29-Jährige mit dem blonden Pferdeschwanz ist Pfarrerin einer Gemeinde, die offiziell noch gar nicht existiert. Aber die deutschsprachigen evangelischen Christen in Hurghada sind schon lange sehr aktiv. »Bisher hatten wir keine theologische Anleitung, aber ich habe ab und zu meinen Vater angerufen, der ist Pfarrer in Deutschland und hat mir dann ein paar Tipps gegeben«, sagt Beke Hoppe, die den Kinderbrunch mitorganisiert hat.</p>
<p>»Wir leben in einem Land, in dem Religion eine große Rolle spielt. Da fragt man sich automatisch, an was man eigentlich selber glaubt und wo man hingehört«, konstatiert Hoppe. Kein Wunder also, dass Eva Gabra herzlich empfangen wird. »Ich habe das Gefühl, offene Türen einzurennen«, sagt die Pfarrerin, die in Wuppertal, Heidelberg und Kairo studiert hat.</p>
<p>Dennoch steht sie vor großen Herausforderungen, denn in den Auslandskirchen sind evangelische Christen nicht automatisch Mitglied, sie müssen eintreten und bezahlen. Das erfordert Überzeugungsarbeit. Auch hat sie bisher keinen Raum: So schiebt sie entweder die Sofas zur Seite und lädt zu sich ins Wohnzimmer ein oder sie feiert ihre Gottesdienste im Garten des deutschen Honorarkonsulats.</p>
<p>Es gilt, Brücken zu schlagen, denn Hurghadas Deutsche könnten unterschiedlicher nicht sein: »Dies ist ein Ort, der viele Abenteurer anlockt. Manche schaffen es hier, aber es gibt auch verkrachte Existenzen«, weiß die Pfarrerin zu berichten.</p>
<p>Der Honorarkonsul von Hurghada, Peter Jürgen Ely, schätzt, dass rund 7000 Deutsche dauerhaft in Hurghada und Umgebung leben. Viele von ihnen arbeiten in Hotels und Tauchschulen. Doch der Tourismus steckt seit der Revolution in der Krise. Viele aus der Branche machen sich Sorgen um die Zukunft – auch, weil die Salafisten, die bei den Parlamentswahlen zur zweitstärksten Kraft wurden, den Touristen Alkohol und Bikini verbieten wollen. Wer will dann noch Urlaub in Hurghada machen?</p>
<p>Nicht alle leben vom Tourismus. Viele Deutsche in Hurghada sind Rentner, die in der Sonne ihren Lebensabend verbringen. Hinzu kommen deutsche Frauen, die sich im Urlaub in einen Ägypter verliebt haben und geblieben sind. »Viele der Frauen sind wegen der Ehe zum Islam übergetreten, andere sind Christinnen geblieben. Das Zusammenleben mit ihren muslimischen Männern wirft bei ihnen jedoch die Frage auf, was das Christentum eigentlich ausmacht«, sagt Eva Gabra. Sie hat deswegen mit diesen Frauen bereits im November einen Glaubenskurs gemacht: Es ging um die Grundlagen des Christentums und darum, was die Christen im Alltag von den Muslimen unterscheidet.</p>
<p>Gabra hat sich in ihrem Studium auf christlich-islamischen Dialog spezialisiert und weiß, was es heißt, eine Ehe zwischen den Kulturen zu führen. Auch ihr Mann ist Ägypter. Sie hat ihn allerdings an der theologischen Fakultät kennengelernt. Auch David Gabra ist Pfarrer. Er betreut die evangelisch-koptische Gemeinde von Hurghada.</p>
<p>Zu Eva Gabras Gemeinde sollen aber nicht nur die in Hurghada lebenden Deutschen gehören. Auch mit Touristenseelsorge hat die Evangelische Kirche in Deutschland die Pfarrerin beauftragt. Doch wie fängt man das an? Hurghada ist ein Ferienort, der auf billigen Massentourismus setzt. Die meisten kommen her, weil sie mit Vollpension am Strand liegen wollen. Eine Pastorin haben sie nicht gebucht. »Andererseits ist der Urlaub auch ein Moment, in dem die Menschen zur Besinnung kommen und sich die Fragen des Lebens stellen. Dabei können sie vielleicht Begleitung gebrauchen«, sagt Eva Gabra.</p>
<p><em>Julia Gerlach (epd)</em></p>
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		<title>Dem Vergessen einen Strich durch die Rechnung machen</title>
		<link>http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/2012/01/26/dem-vergessen-einen-strich-durch-die-rechnung-machen/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Jan 2012 12:54:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gemeinsame Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Blickpunkt]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Yad Vashem]]></category>

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		<description><![CDATA[Holocaustgedenktag: Bis heute arbeitet Yad Vashem daran, den Opfern ein Denkmal und einen Namen zu geben
Yad Vashem, die zentrale ­Holocaustgedenkstätte des Staates Israel, ist ein Muss für jeden Israelbesucher. Der Ort steht sowohl für das Erinnern wie auch für die wissenschaftliche Erforschung der Judenvernichtung.
Kein führender Politiker oder hochrangiger Geistlicher kann es sich leisten, den jüdischen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Holocaustgedenktag: Bis heute arbeitet Yad Vashem daran, den Opfern ein Denkmal und einen Namen zu geben</strong></p>
<p>Yad Vashem, die zentrale ­Holocaustgedenkstätte des Staates Israel, ist ein Muss für jeden Israelbesucher. Der Ort steht sowohl für das Erinnern wie auch für die wissenschaftliche Erforschung der Judenvernichtung.</p>
<div class="wp-caption aligncenter" style="width: 590px"><img title="blickpunkt0512" src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2012/01/blick0512.jpg" alt="" width="580" height="386" /><p class="wp-caption-text">In der Halle der Namen: Auch die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Sabine von Schorlemer, ­besuchte im März 2010 während ihres Israelaufenthaltes die Gedenkstätte Yad Vashem. Foto: Johannes Gerloff</p></div>
<p style="text-align: left">Kein führender Politiker oder hochrangiger Geistlicher kann es sich leisten, den jüdischen Staat zu besuchen, ohne einen Kranz in der Halle des Gedenkens neben der ewigen Flamme niederzulegen oder sich in der Halle der Namen fotografieren zu lassen. Niemand bleibt unberührt beim Gang durch das Museum, das sich wie ein Pfeil durch den Bergrücken im Westen Jerusalems bohrt und die Geschichte des nationalsozialistischen Völkermords nachzeichnet. Der Name der Gedenkstätte ist dem biblischen Buch des Propheten Jesaja entnommen, wo der Gott ­Israels verspricht, Menschen »in meinem Hause und in meinen Mauern ›Yad Vashem‹ – ein Denkmal und einen Namen« – zu geben. (Jesaja 56,5)</p>
<p>Seit 1955 sammelt und archiviert Yad Vashem die Namen von Holocaustopfern. Von den schätzungswei­se sechs Millionen Holocaustopfern sind mehr als vier Millionen namentlich registriert. Zwei Millionen Namen fehlen noch. Debbie Berman gehört zu denen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diese Namen ausfindig zu machen. Seit 2006 arbeitet sie in Yad Vashem, heute als Projekt-Koordinatorin für die Erhaltung der Namen von Opfern der Schoah, wie der Holocaust auf Hebräisch genannt wird. Die modern-orthodoxe Mutter von vier Kindern betrachtet ihren Wettlauf ­gegen die Zeit und das Vergessen als Familienprojekt, als Mission und ganz einfach als Vorrecht.</p>
<p>Bermans Eltern und Großeltern sind selbst Holocaustüberlebende. Aber keiner wollte erzählen, was sie in den Konzentrationslagern, auf der Flucht oder im jahrelangen Versteck durchgemacht haben. »Emma Salgo war voller Leben, Freude und Lachen«, erklärt Debbie Berman das Schweigen ihrer Großmutter, »das wollte sie uns weitergeben – nicht die Geschichten von Verfolgung, Qual und Tod.« Deshalb hat sie ihren Kindern und Enkeln nie erzählt, was sie im Arbeitslager Kaufring, einer Außenstelle des KZ Dachau, erlebt hat. Im November 1944 wurde sie dorthin deportiert. Ihrem Mann Chaim war die Flucht in die Schweiz gelungen. Die Kinder, Robbi und Schoschanna, wurden in Budapest versteckt.</p>
<p>Dass Überlebende der Schoah nicht über die Vergangenheit reden wollen, ist nicht ungewöhnlich. Eine Antwort auf die Frage nach dem Grund dafür ist nicht leicht zu finden. »Viele haben nie wirklich um ihre Lieben trauern können. Der Verlust war einfach überwältigend«, meint Debbie Berman, »manchmal kann eine einzige Person 50, 60 oder gar 80 Namen aus dem engeren Verwandtenkreis nennen, die in der Schoah ihr Leben verloren haben.«</p>
<p>Manche hoffen immer noch, vermisste Familienmitglieder und Freun­de wiederzufinden. Berman hilft Überlebenden, Fragebögen zu vermissten Schoahopfern auszufüllen. »Den Satz ›Mendel ist tot‹ zu denken, auszusprechen, aufzuschreiben und dann auch noch eine Unterschrift unter ein Formular zu machen, erscheint ihnen oft unmöglich«, erzählt die junge Frau aus ihrer Arbeit. Aber dann ist es ­immer wieder doch eine gewaltige ­Erleichterung für diese Menschen, die jahrzehntelang eine unglaubliche, ­erdrückende Last mit sich herumgetragen haben. »Wir nennen die Zeugnisbögen auch ›virtuelle Grabsteine‹«, erklärt Berman.</p>
<p>»Es ist wichtig, dass da ein Name steht, wenn möglich ein Foto; dass die Erinnerungen ausgesprochen und aufgeschrieben werden, um so dem Bemühen der Deutschen, uns zu einer Nummer zu degradieren, uns zu vernichten, unseren Namen auszuradieren, einen Strich durch die Rechnung zu machen.«</p>
<p>Berman berichtet, dass ihre eigene Mutter anfangs auch nicht erzählen wollte. »Ich erinnere mich an nichts. Ich weiß nichts Wesentliches«, hatte sie immer wieder betont. Doch dann fuhren Mutter und Tochter nach Budapest, wo die Mutter als kleines Mädchen vor den Nazi-Schergen versteckt worden war. »Intuitiv kannte sie sich aus, wusste genau wo der Bahnhof sein musste«, erlebte Debbie Berman. Schließlich umfassten die ­Erinnerungen der Mutter 13 Seiten – und die Erinnerungen wurden bestätigt. Das Online-Archiv von Yad Vashem fand Verbindungen zu weiteren Verwandten und stellte fest, dass Debbies Urgroßmutter, Theresa Salgo-Rottenberg, eine Erinnerungsseite für ihren Sohn eingereicht hatte.</p>
<p>Debbies Vater, Simon Deutsch, wurde wie die Mutter von Nichtjuden gerettet. Debbie kennt die Namen der Retter ihrer Eltern. Es war der Portugiese Sousa Mendes, der ihrem Vater nach der Flucht aus dem von Deutschen besetzten Antwerpen das Überleben und einen Neuanfang im fernen Amerika ermöglichte. In den Archiven von Yad Vashem begegnete Berman schließlich noch einem Onkel ihres Vaters, dem Künstler Carol Deutsch. Seine Tochter Ingrid hatte in einem Versteck überlebt und 99 Illustrationen biblischer Geschichten ihres Vaters gerettet. Sie werden jetzt in der Gedenkstätte ausgestellt.</p>
<p>Immer wieder kommt es vor, dass Berman miterleben darf, wie Menschen Tote suchen und Lebende finden – etwa Liora Tamir, die als Vollwaise in der sowjetischen Gulagstadt Workuta und später in einem Waisenhaus in Leningrad aufwuchs. Tamir lebte in der Annahme, ihre gesamte Familie sei ausgerottet. Bis eines Tages ihre Tochter Ilana durch Nachforschungen herausfand, dass ein Onkel von Liora, Simcha Shikler, 1956 einen Eintrag in Yad Vashem veranlasst hatte. So wurde der Frau, die sich mutterseelenallein glaubte, »eine Familie geboren«, wie ihre Tochter Ilana im Rückblick formulierte.</p>
<p>Auf wunderbareweise überlebte die ganze Familie von Debbie Berman und wurde nach dem Krieg wiedervereint. Die Großmutter hatte es irgendwie geschafft, durch die gesamte Leidenszeit im Konzentrationslager ein kleines rosa Kleid ihrer Tochter zu bewahren. »Es war ein Hoffnungsschimmer inmitten des erlebten Albtraums.« Bevor Debbie 1992 nach Israel einwanderte, schenkte die Mutter ihr das rosa Kleidchen. »Ich habe es all diese Jahre aufbewahrt und dann einmal meiner kleinen Tochter Emma, die nach ihrer Großmutter genannt wurde, angezogen«, erzählt sie heute.</p>
<p>»Als ich meine eigene Tochter in diesem Kleidchen spielen und lachen sah, wurde mir plötzlich klar, was für ein Schmerz es für meine Großmutter gewesen sein muss, so lange und unter solchen Umständen von ihren Kindern getrennt sein zu müssen.« 2010 feierte Emma Berman ihren zwölften Geburtstag, ihre Bat-Mizwa. Aus diesem Anlass vermachte die Familie das geschichtsträchtige Familienkleidungsstück der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. »Ich denke, hier ist es am besten aufgehoben«, meint Debbie.</p>
<p><em> Johannes Gerloff</em></p>
<blockquote>
<p style="text-align: left">
<h3>Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus</h3>
<p style="text-align: left">Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Überlebenden des größten nationalsozialistischen Vernichtungslagers in Auschwitz-Birkenau. Mit einer Proklamation des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog wurde am 3. Januar 1996 der 27. Januar in Deutschland offiziell zum »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus« erhoben. »Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen«, hieß es in der Proklamation.</p>
<p>Im Jahr 2005 erklärte zudem die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Holocaustgedenktag.<br />
In Israel selbst ist der Jom haScho’a ein israelischer Nationalfeiertag. Er beginnt mit dem Sonnenuntergang am 27. Nisan des jüdischen Kalenders und endet am folgenden Abend. Nach dem gregorianischen Kalender fällt der Tag in diesem Jahr auf den 19. April.<br />
<em>(GKZ)</em></p></blockquote>
<p style="text-align: left"><a href="http://www.yadvashem.org/" target="_blank">www.yadvashem.org/</a><br />
<a href="http://www.yad-vashem.de" target="_blank"> www.yad-vashem.de</a></p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Glaubens-Façon und preußischer Mehrwert</title>
		<link>http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/2012/01/22/glaubens-facon-und-preusischer-mehrwert/</link>
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		<pubDate>Sun, 22 Jan 2012 10:51:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gemeinsame Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Blickpunkt]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich II.]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Wilhelm I.]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Carl von Carlowitz]]></category>
		<category><![CDATA[Preußische Tugenden]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Huber]]></category>

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		<description><![CDATA[Interview: Der Sozialethiker Wolfgang Huber über Friedrich II., preußische Tugenden und religiöse Toleranz
Am 24. Januar jährt sich zum 300. Mal der Geburtstag des späteren preußischen Königs Friedrich II. Er steht ebenso für das Preußentum mit seinen umstrittenen Tugenden wie für einen aufgeklärten Absolutismus. Harald Krille sprach darüber mit Wolfgang Huber.
Herr Professor Huber, in der DDR [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Interview: Der Sozialethiker Wolfgang Huber über Friedrich II., preußische Tugenden und religiöse Toleranz</strong></p>
<div class="wp-caption alignleft" style="width: 205px"><img title="Glaubens-Façon und preußischer Mehrwert" src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2012/01/Blickpunkt-Huber.jpg" alt="Wolfgang Huber, Jahrgang 1942, ist evangelischer Theologe und Sozialethiker. Er war von 1993 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und von 2003 bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Huber ist unter anderem Mitglied im Nationalen Ethikrat und Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Garnisonkirche in Potsdam. Foto: picture-alliance" width="195" height="300" /><p class="wp-caption-text">Wolfgang Huber, Jahrgang 1942, ist evangelischer Theologe und Sozialethiker. Er war von 1993 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und von 2003 bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Huber ist unter anderem Mitglied im Nationalen Ethikrat und Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Garnisonkirche in Potsdam. Foto: picture-alliance</p></div>
<p>Am 24. Januar jährt sich zum 300. Mal der Geburtstag des späteren preußischen Königs Friedrich II. Er steht ebenso für das Preußentum mit seinen umstrittenen Tugenden wie für einen aufgeklärten Absolutismus. Harald Krille sprach darüber mit Wolfgang Huber.</p>
<p><em>Herr Professor Huber, in der DDR galten Friedrich II. und die preußischen Tugenden weithin als Synonym für Militarismus und alles Böse. Gibt es gute Gründe für eine Renaissance des Alten Fritzen?</em><br />
<strong>Huber:</strong> Zunächst muss man sagen, dass die Rezeption der Geschichte Preußens in der DDR außerordentlich widersprüchlich war. Einerseits wollte man ein Feindbild haben, von dem man sich abgrenzen konnte, und brachte deswegen den preußischen Militarismus und den Hitlerfaschismus ganz nahe zusammen. Und auf der anderen Seite wollte man gerne das kulturelle Erbe auf die eigenen Mühlen lenken. Deshalb hat man beispielsweise den Alten Fritz unter den Linden in Berlin wieder aufgestellt. Statt eines solchen zwiespältigen Verhältnisses sollten wir uns um eine kritische Aneignung der Tradition bemühen.</p>
<p>Friedrich II. war eine Persönlichkeit, die eindrucksvolle Züge hatte, die sich jedoch auch in einer Weise am militärischen Ruhm orientierte, die wir heute kritisch sehen. Aber ohne jeden Zweifel handelt es sich um eine herausragende und geschichtsprägende Gestalt. Friedrich II. hat Preußen nahezu ein halbes Jahrhundert regiert. Und dieses Preußen sah danach völlig anders aus. Er hat auf seine Weise dazu beigetragen, dass Preußen zu einem Kulturstaat geworden ist. Deswegen können wir gar nicht an ihm vorbei, denn die Spuren dieser kulturellen Prägung begegnen uns auf Schritt und Tritt.</p>
<p><em>Stichwort »kritische Aneignung«: Was taugt denn aus der preußischen Tradition für Demokraten im Rechtsstaat?</em><br />
<strong>Huber:</strong> Aus dieser Tradition taugen vor allem zwei preußische Tugenden, die in meinen Augen ganz in den Vordergrund gerückt werden sollten:</p>
<p>Verlässlichkeit und Toleranz. Verlässlichkeit ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich Vertrauen bilden kann. Und Offenheit für den Anderen, für den Fremden ist eine Grundvoraussetzung für den Respekt vor der Glaubensüberzeugung auch derjenigen, die anders glauben als ich selbst. Diese beiden Tugenden sind für die Demokratie sehr wichtig. Sie taugen auch als kritische Maßstäbe im Blick auf Auswüchse in der Wirtschaft oder auf den Finanzmärkten, die wir gegenwärtig beobachten; sie können uns in der Gestaltung einer pluralistischen Gesellschaft hilfreich sein.</p>
<p><em>Viele verstehen die religiöse Toleranz Friedrichs II. und seinen berühmten Satz, »jeder soll nach seiner Façon selig werden«, eher als Ausdruck einer religiösen Gleichgültigkeit …</em><br />
<strong>Huber:</strong> Es wird erzählt, dass Friedrich II. gelegentlich hinzugefügt haben soll: »Jeder soll nach seiner Façon selig werden, Hauptsache die Kerle haben überhaupt Religion.« So wurstig das klingt und so distanziert auch das eigene Verhältnis des Voltaire-Freundes zur Religion gewesen ist, so deutlich hat er doch ein Bewusstsein davon gehabt, dass der Mensch auf einen Bezugspunkt außerhalb seiner selbst angewiesen ist. Das ist ein Hinweis darauf, dass Menschen verarmen, wenn ihr Glaube verkümmert.</p>
<p>Außerdem: Die Preußen haben im Blick auf einwandernde Menschen anderer Konfession diese Glaubensüberzeugungen eben nicht zur Privatsache erklärt. Sie nahmen auch deren Religion und konfessionelle Prägung wichtig und sorgten dafür, dass sie ihren Glauben frei leben konnten. Das ist etwas anderes als Gleichgültigkeit.</p>
<p><em>Zu den preußischen Tugenden gehören auch solche Begriffe wie Treue, Gehorsam und Disziplin, die nicht zuletzt im Dritten Reich fürchterlich missbraucht wurden. Kann man heute wieder unbefangen vom Wert preußischer Tugenden sprechen?</em><br />
<strong>Huber:</strong> Wenn unbefangen unkritisch bedeutet, dann kann man das natürlich nicht. Wenn man aber durch eine kritische Analyse der Wirkungsgeschichte hindurch wieder fragt, was denn eigentlich der Kern dieser preußischen Tugenden ist, dann kann man im Blick auf diesen Kern wieder ein Stück Unbefangenheit entwickeln. Denn dann merkt man, dass das Zerrbild eines preußischen Militarismus nicht unbedingt dem Kern preußischer Tugenden entspricht.</p>
<p><em>Was wären denn außer Verlässlichkeit und Toleranz aneignungswerte Kernwerte?</em><br />
<strong>Huber</strong>: Ich will ein Stichwort nennen, das sehr modern klingt, aber in Wirklichkeit schon viel länger aktuell ist – nämlich die Tugend der Nachhaltigkeit. Wenn Sie anschauen, welche Kultivierungsleistung beispielsweise die Ansiedlung holländischer Bauern im Oderbruch zur Folge hatte, dann sehen Sie daran, dass in diesem Land mit seinen durchaus kärglichen Lebensbedingungen nicht nur an kurzfristigen Profit gedacht wurde. Es war die Zeit Friedrich des Großen, in der das Wort Nachhaltigkeit zum ersten Mal verwendet wird.</p>
<p>Zugegeben: nicht von einem Preußen, sondern von dem sächsischen Forstmeister Hans Carl von Carlowitz. Aber wir ­wissen, dass zur selben Zeit auch in Preußen in der Landwirtschaft genau der gleiche Gedanke vorangetrieben wurde: Nämlich den Ackerboden so zu bewirtschaften, dass die Erträge auch für die nächste Generation sichergestellt werden. Diese Art von ­Tugend haben wir lange Zeit sträflich vernachlässigt.</p>
<p><em>Wo würden Sie den Unterschied sehen zwischen den sogenannten preußischen Tugenden und den klassischen Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung oder den christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe?</em><br />
<strong>Huber:</strong> Der Unterschied scheint mir die größere Alltagsnähe der preußischen Tugenden zu sein. Hier werden praktische Maßstäbe des persönlichen Verhaltens ins Zentrum gerückt, Maßstäbe, an denen der Einzelne sich orientieren kann und in denen er ­einen verlässlichen Kompass für die persönlichen Entscheidungen im Alltag hat. Es geht um gelebten Anstand im täglichen Miteinander. Sowohl die sogenannten Kardinaltugenden als auch die christlichen Tugenden sind im Vergleich dazu eher so etwas wie grundlegende Voraussetzungen.</p>
<p><em>Ein zeitgenössisches französisches Sprichwort lautet: »Preuße zu sein ist eine Ehre, aber kein Vergnügen« …</em><br />
<strong>Huber:</strong> (lacht) Ja, man muss sicher auch die kritische Frage stellen, ob die Erfahrung von Glück, die Freude am Leben, die Muße zum Feiern in der preußischen Lebensauffassung den wünschenswerten Raum hatte. Bei Friedrich II. hat es an diesen Dimensionen eigentlich nicht gefehlt. Denken Sie an seine große Begeisterung für die Musik, denken Sie an die Gastlichkeit, die am preußischen Hof durchaus vorhanden war.</p>
<p>Oder denken Sie an die Gestaltung Potsdams und seiner Parkanlagen, in denen ein Stück mediterrane Lebensfreude auftaucht. Aber es gehört sicher zur kritischen Aneignung mitzureflektieren, dass die Hochschätzung der Arbeit nur dann ein Maß bleibt, wenn auch die Grenzen der Arbeit geachtet ­werden, und dass Pflicht nur dann mit Augenmaß betrachtet wird, wenn auch die Bereitschaft zur Freude an der Schönheit des Lebens vorhanden ist.</p>
<p><em>Sie haben Glaube, Hoffnung, Liebe eher als grundlegende Voraussetzungen bezeichnet – und für den pietistisch geprägten Vater Friedrichs II., Friedrich Wilhelm I., waren sie es besonders. Können preußische Tugenden überhaupt auf Dauer ohne Rückbindung an solche Voraussetzungen gelebt werden?</em><br />
<strong>Huber:</strong> Sie verarmen sicher, wenn man sie nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Nützlichkeit für das eigene Leben und das eigene Fortkommen anschaut, statt unter dem Aspekt, dass ich für mein anvertrautes Leben, meine anvertrauten Gaben und für meine Mitmenschen Verantwortung vor Gott habe und ihm rechenschaftspflichtig bin. Das kann nicht in dem Sinn gemeint sein, dass Menschen, die nicht an Gott glauben, kein gutes und an Tugenden orientiertes Leben führen könnten.</p>
<p>Aber die Frage nach dem entscheidenden Grund und Halt für mein Leben, die Fähigkeit neu anzufangen, wenn etwas misslungen ist, wenn man gescheitert ist, wenn man Schuld auf sich geladen hat – das sind Glaubensfragen, ohne die allen Tugenden eine entscheidende Basis fehlt. Sie gehören unmittelbar zu unserem Leben; deshalb verweist unser Gespräch über Tugenden unmittelbar auf die Dimension des Glaubens. Und deshalb möchte ich jedem Menschen wünschen, dass er die Verwurzelung eines verantwortlichen Lebens in der Beziehung zu Gott verstehen und sich selber aneignen kann.</p>
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		<title>Flöte spielender Kriegsherr</title>
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		<pubDate>Sat, 21 Jan 2012 10:47:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gemeinsame Redaktion</dc:creator>
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Berlin und Brandenburg ­feiern 2012 den 300. Geburtstag Friedrich des Großen.
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			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Jubiläum: Vor 300 Jahren wurde Friedrich der Große, der König von Preußen geboren, er gilt als Repräsentant des aufgeklärten Absolutismus </strong></p>
<p><em>Berlin und Brandenburg ­feiern 2012 den 300. Geburtstag Friedrich des Großen.<br />
Der preußische König ging als Inbegriff eines aufgeklärten Monarchen in die Geschichte ein. Doch der ­Herrscher­alltag sah anders aus.</em></p>
<p><img class="alignright" title="Flöte spielender Kriegsherr" src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2012/01/Kultur-Alter-Fritz-1.jpg" alt="" width="300" height="359" />Seine Taufe war die letzte, die im Berliner Stadtschloss mit barockem Pomp gefeiert wurde. Als Friedrich II. vor 300 Jahren am 24. Januar 1712 geboren wurde, da wollte sich sein Großvater und erster preußischer König eine solche »Solennität« (Feierlichkeit) noch nicht nehmen lassen. Der Täufling wurde bei dem Zeremoniell nicht nur mit dem Segen Gottes versehen, sondern gleich auch mit dem Orden vom Schwarzen Adler dekoriert, dem höchsten preußischen Orden.</p>
<p>Mit Thomas Mann, Adolf Hitler und Erich Honecker könnte die Schar seiner späteren Verehrer unterschiedlicher nicht sein, von den Preußen-Enthusiasten heutiger Tage ganz zu schweigen. Hingegen verbannte Helmut Schmidt eine Friedrich-Büste aus seinem Büro, als er 1969 Verteidigungsminister wurde. Mit dem »Alexander dem Großen im Taschenformat« wollte der Sozialdemokrat nichts zu tun haben.</p>
<p>Schon Zeitgenosse Friedrich Schiller mochte »diesen Charakter nicht lieb gewinnen«. Nicht erst mit einem Zeitabstand von zwei Jahrhunderten konnten die Widersprüche zwischen Schein und Sein, zwischen politischem Anspruch und Wirklichkeit ins Auge stechen. Kein anderer Monarch hatte sich bis dato so zu den Ideen der Aufklärung bekannt, sich gar als Flöte spielender »Philosoph auf dem Thron« verstanden und Freundschaften zu Intellektuellen geknüpft – wie Friedrich zu Voltaire.</p>
<p>1781, acht Jahre vor der Französischen Revolution, schreibt der damals schon mehr als vier Jahrzehnte regierende preußische König, »dass alle Monarchien durch den Reichtum verderbt worden sind«. Die Gesetze seien dazu da, »die Schwachen vor der Bedrückung durch die Starken zu schützen«. Schon zuvor hatte Friedrich erklärt, der Fürst sei »nur der erste Diener des Staates«.</p>
<p>Bereits vier Tage nach seiner Thronbesteigung hatte er die Folter abgeschafft, nur nicht für Hochverrat. Weitere zwei Tage später hob Friedrich auch die Zensur auf. Ein halbes Jahr danach, als er ohne Kriegserklärung Schlesien überfiel, führte er sie jedoch wieder ein.<br />
Durch die Annexion soll sein Land zur Großmacht aufsteigen, was Friedrich auf friedlichem Wege nicht erreichen kann. Das Preußen des Jahres 1740 ist dafür zu schwach, ein rückständiger Flickenteppich.</p>
<p>Im Keller des Berliner Schlosses liegt allerdings ein Staatsschatz von acht Millionen Goldtalern, und die Armee ist von seinem Vater Friedrich Wilhelm I. gut ausgebildet. In jungen Jahren hatte der »Soldatenkönig« selbst den Kronprinz zum Spiel mit Zinnsoldaten und Pistolen gezwungen. Wenn sich Friedrich beim Abfeuern von Kanonen als »hasenfüßiges Kind« zeigte, verachtete der Vater ihn. Dieser Drill führte dann auch zur ­Auflehnung gegen den Vater und zu der Tragödie um die Fluchtpläne mit Freund Hans Hermann von Katte, für die dieser hingerichtet wurde.</p>
<p>Im fünfjährigen Schlesien-Krieg zeigt der neue König dann keine Abneigung mehr gegenüber dem Militär. Beim Triumphzug durch Berlin rufen ihn Claqueure zu »Friedrich dem Großen« aus. Es folgen Reformen nach innen. Der König kümmert sich persönlich um die Bauern, macht den Oderbruch urbar. Es entsteht der Mythos vom fürsorglichen Landesherren. Die Leibeigenschaft schafft Friedrich aber nicht ab. Knechte wie auch Juden dürfen nicht »nach ihrer Façon« leben.</p>
<p>Nach den jüngst veröffentlichten »Schatullrechnungen« war es auch mit einer angeblichen Sparsamkeit nicht so weit her. Seine berühmten Windspiel-Hunde, neben denen er unbedingt begraben werden wollte, waren ihm pro Jahr 20 Taler wert – es war das Jahresgehalt seiner Klofrau. Und um auch im Januar sein Lieblingsobst verspeisen zu können, gab er für Kirschen 396 Taler aus.</p>
<p>Es sind nicht die einzigen Kosten, die dem Staat entstehen. Friedrichs »Siebenjähriger Krieg« (1756–1763) gegen Österreich, Russland und Frankreich wird nicht nur zum finanziellen Desaster.</p>
<p>Ganze Landstriche werden verwüstet, mit einer Million Toten verliert das Land proportional mehr Einwohner als Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Nur der frühe Tod der russischen Zarin rettet Friedrich. Um die zerrütteten Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen, reduziert er sogar heimlich den Edelmetallanteil. Der Monarch wird zum Falschmünzer.</p>
<p>Der Krieg bringt Friedrich an den Rand der Selbsttötung. Fast hätte er zu den 18 giftigen Opiumpillen gegriffen, die er ständig um den Hals trägt. Doch der Tod ereilt ihn erst mehr als zwei Jahrzehnte später. Friedrich, schwerkrank und unter wachsender Atemnot leidend, stirbt in einer Augustnacht 1786 in einem Sessel des von ihm erbauten Lieblingsschlosses Sanssouci in Potsdam. Seine Gemahlin, mit der er keine Kinder hatte und die er auch schon mal als »Kuh« angesprochen haben soll, hatte er ein halbes Jahr zuvor das letzte Mal gesehen.</p>
<p>Nicht nur in ihren Augen dürfte Friedrich »das alte Ekel« gewesen sein. Die Trauer nach seinem Tod hielt sich offenbar in engen Grenzen: »Alle Welt beglückwünschte sich«, ­notierte einer seiner letzten Besucher, der französische Marquis de Mirabeau. »Kein Bedauern wird laut.«</p>
<p><em>Jürgen Heilig, (epd)</em></p>
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