Das gelobte Land?

17. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Junge Israeli haben die Auswanderung nach Deutschland entdeckt, so scheint es.

Gut 70 Jahre nach dem Holocaust leben Schätzungen zufolge rund 20 000 zugewanderte Israeli im Land der Täter. »Israeli kommen wegen der Uni, dem Beruf oder der Liebe nach Deutschland«, sagt Adi Hagin. Bei der Wirtschaftsjournalistin war es Letzteres. Sie lernte einen Deutschen kennen und zog nach zwei Jahren Fernbeziehung vor drei Jahren aus Tel Aviv nach Frankfurt am Main.

Die junge Frau war schon als Kind mit der Familie nach Deutschland gereist und hatte beruflich in Berlin zu tun. »Ich fühle mich hier willkommen«, sagt sie. Kulturell fühlt sie sich nahe, da ihre Vorfahren als »Aschkenasim« aus Europa stammten. Mit der Familie ihres Mannes gebe es keinerlei Pro­bleme, da sie und ihr Mann säkular eingestellt seien. Ganz praktisch spreche für Deutschland: »In Israel wäre eine säkulare Heirat nicht möglich.«

»Ich bin nicht religiös, das Jüdischsein ist meine kulturelle Herkunft«, sagt Hagin. Kontakt zur jüdischen Gemeinde pflegt sie daher nicht: »Ich fühle mich einem israelischen Araber näher als einem in Deutschland aufgewachsenen Juden.« Allerdings fragt sie sich, wie sie später ihren Kindern erklären soll, dass die Vorfahren des Vaters Täter und die der Mutter deren Opfer waren.

»Morcolade«: Der Israeli Mordechai Barak (37) in seinem Café in Frankfurt am Main. Foto: epd-bild

»Morcolade«: Der Israeli Mordechai Barak (37) in seinem Café in Frankfurt am Main. Foto: epd-bild

In Israel hat Hagin nach eigenen Worten an gewaltfreien Protestaktionen gegen die Besetzung palästinensischer Gebiete teilgenommen. Mit ihrer Heimat geht sie hart ins Gericht: »Ich könnte wegen des Rassismus gegen Nichtjuden jetzt nicht in Israel leben.« Dennoch hält sie fest: »Tel Aviv wird immer meine Heimat sein.«

Hagin sei durchaus typisch für die Israeli, die in den vergangenen Jahren in die Bundesrepublik eingewandert sind, sagt die Wuppertaler Sozialwissenschaftlerin Dani Kranz. Sie hat anhand von 800 Befragungen und demografischen Daten eine Studie darüber erstellt. Die große Mehrheit sei jünger als 40, habe einen Hochschulabschluss, sei säkular eingestellt, politisch »moderat bis links« und habe europäische Vorfahren. Gut die Hälfte habe Vorfahren, die den Holocaust erlebt und überlebt hätten. 30 Prozent seien Nachkommen deutscher Juden.

Das am häufigsten in Kranz’ Studie genannte Motiv für eine Einwanderung nach Deutschland sind die Berufsmöglichkeiten, gefolgt von Entdeckerlust und Interesse an deutscher Kultur. An dritter Stelle nennen die Befragten die Bildungsmöglichkeiten. Entsprechend stehe bei den Gründen für die Auswanderung aus Israel die negative Einschätzung der beruflichen Entwicklung ganz oben. Ihr folgen die Unzufriedenheit über den Einfluss der Religion auf das Privatleben in Israel sowie über die politische Situation und Unsicherheit.

Der Zuzug aus Israel ist nach Kranz’ Untersuchungen vor allem seit 2009 steil nach oben gegangen. Bei den begehrten Städten lag Stand Ende 2015 Berlin mit 6 900 israelischen Einwanderern vorn, gefolgt von München mit 1 500 und Frankfurt mit 1 200. Mehr als 80 Prozent der Befragten gaben an, dass es für sie nicht schwer sei, in Deutschland zu leben, trotz des Wissens, dass während der NS-Diktatur sechs Millionen Juden ermordet wurden. Viele hätten deutsche Freunde, mehr als die Hälfte der verheirateten Israeli sei mit Deutschen verheiratet.

Allerdings berichtet auch ein Fünftel der Befragten von Erfahrungen mit Antisemitismus – häufig in Bezug auf israelfeindliche Einstellungen. Die israelischen Migranten säßen in Israel wie in Deutschland politisch zwischen den Stühlen, erläutert Kranz. In Israel fühlten sie sich als säkulare Linke heimatlos. In Deutschland unterstütze die Rechte die von den Migranten meist abgelehnte, rechtsnationalistische israelische Regierung, während die deutsche Linke die eingewanderten Israeli wegen der Politik der israelischen Regierung angreife.

Mordechai Barak kam als Kommunikationswissenschaftler vor neun Jahren nach Frankfurt, um eine Stelle bei einer Fluggesellschaft anzutreten. An Deutschland gefallen ihm Wetter und Mentalität: »In Israel ist es nicht nur heißer, auch schneller und hektischer – in Deutschland geht es ruhiger zu.« Vor eineinhalb Jahren stieg Barak beruflich um: »Ich machte meinen Traum wahr.« Er eröffnete in Frankfurt ein Café mit angeschlossener Bäckerei. Den Namen setzte er aus seinem Spitznamen und Schokolade zusammen: Café Morcolade. Ein Café trage zu seinem Wunsch nach Weltfrieden bei, ist Barak überzeugt: »Schokolade und Kuchen entspannen Körper und Geist.« In seinem Café gibt es deutschen Kuchen und israelische gefüllte Teigtaschen oder süße Hörnchen. Der Kundenzulauf belohnt seine Fusion der Kulturen, inzwischen bestellt auch ein anderes Café seine Leckereien. Mordechai Barak hat inzwischen einen deutschen und einen israelischen Pass – und feiert die deutschen und israelischen Feste gleichermaßen.

Jens Bayer-Gimm (epd)

Wahlergebnis alarmiert jüdische Gemeinden
Der sächsische Landesverband der Jüdischen Gemeinden warnt nach der Bundestagswahl vor einem »Ruck nach rechtsaußen«. Es sollte »Konsens aller Demokraten werden, dass scheinbar unbekümmerte Zugriffe auf das geistige Reservoir der verhängnisvollen Nazivergangenheit kein Teil einer Lösung für Probleme sein dürfen«, heißt es in einer Erklärung des Präsidiums des Landesverbandes. Es sei »höchste Zeit, gemeinsam aktiv zu werden«.

Die jüdischen Gemeinden hätten »in den vergangenen Jahren nicht nur einmal davor gewarnt, dass Fremdenhass, nationalistische und rassistische Parolen sowie Rückgriffe auf nationalsozialistische Sprachelemente« nicht überhört oder kleingeredet werden dürften, heißt es weiter. Dies seien »Anzeichen von gesellschaftlichen Veränderungen und Polarisierungen«, auf die Politiker, demokra­tische Parteien und die Zivilgesellschaft reagieren müssten.

Zugleich sieht das Präsidium die Notwendigkeit, »die Ursachen für die Unzufriedenheit so vieler Bürger zu ergründen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und nach Lösungen für deren Probleme zu suchen«. Dass in vielen Wahlkreisen in Sachsen die AfD die meisten Stimmen erhielt, sei für die jüdische Gemeinschaft »äußerst alarmierend«. (epd)

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Mitten im Leben ein Ort zum Sterben

16. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Gemeinschaftsprojekt: In Jena beginnt in Kürze der Bau eines Hospizes, das von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragen wird.

Vom »Wohnzimmer« der Palliativstation des Universitätsklinikums Jena (UKJ) geht der Blick zur nahen Lobdeburg. Direkt vor dem Fenster leuchten Bäume und Hartriegelsträucher in Gelb und Rot. 2009 wurde dieser Komplex eröffnet, der sich als einzelnes Gebäude an das Ende der Magistrale anlehnt. Hierher kommen Menschen, die Linderung für ihre Leiden suchen. Heilung ist nicht mehr möglich. Dr. Ulrich Wedding hat diese interdisziplinäre Einrichtung mit einem Team von Internisten, Schmerztherapeuten, Psychologen, Seelsorgern und Pflegekräften aufgebaut. Die Betreuung ist komplex und schließt Angehörige mit ein.

Für den engagierten Arzt wird mit dem Bau des Hospizes nun eine Lücke in der Betreuung gefüllt, die eine Palliativstation nicht leisten kann. »Wenn es Menschen nicht möglich ist, in der häuslichen Umgebung zu sein, möchten wir einen Ort anbieten, wo sie sich zu Hause fühlen können. Es wird ihnen hier ermöglicht, sie selbst zu bleiben«, erklärt Ulrich Wedding.

Um das Projekt Hospiz auf den Weg zu bringen, hat sich am Nikolaustag 2014 eine Hospiz- und Palliativstiftung gegründet. Ihr gehören neben Sozialträgern wie der Diakonie, den Johannitern, der AWO, dem DRK und Reha aktiv 2000 auch die Kirchenstiftung St. Michael, die jenawohnen GmbH und zahlreiche Privatpersonen an.

Ein erster Spendenaufruf stieß auf breite Resonanz. Monat für Monat gehen Spenden ein, die jüngste mit einem fünfstelligen Betrag von der Heimstätten Genossenschaft. Die Idee, das Projekt auf breiten Schultern zu tragen, ist aufgegangen. »Wir haben versucht, ganz offen zu kommunizieren und die Nachbarschaft einzubeziehen«, sagt Ulrich Wedding, Vorstand der Stiftung.

Der Stadtrat hat 200 000 Euro Anschubfinanzierung bewilligt – einstimmig. Die Stiftung braucht eine halbe Million Euro für die Innenausstattung der 14 Zimmer; 12 sind für Patienten vorgesehen, zwei für Angehörige. Den Bau bewerkstelligt die Stadtwerke-Tochter jenawohnen, die das Objekt nach seiner Fertigstellung an den Mieter Hospiz übergibt.

In Würde sterben, dafür engagiert sich seit Jahren auch Claudia Koppe, die ihren Freund auf der Palliativstation begleitet hat. Sie erlebte in der schweren Zeit Hilfe durch die Mitarbeiter der Palliativstation, die sich intensiv kümmerten. Sie sah aber auch, dass Geld fehlte für jemanden, der außerhalb der stationären Versorgung individuelle Wünsche wie Vorlesen oder Besorgungen erfüllen kann. Der von ihr mitbegründete Verein »Leben heißt auch Sterben« organisierte inzwischen die zweite große Wohltätigkeitsveranstaltung, mit der das Thema in die Bevölkerung getragen wurde.

So soll es aussehen: Eingebettet im Grünen und in eine belebte Nachbarschaft gestaltete ein Architekturbüro aus Dortmund seine Vorstellung vom zukünftigen Hospiz in Jena. Der Entwurf konnte sich bei einem Wettbewerb durchsetzen. In einem Jahr soll die Einrichtung eröffnet werden. Entwurf: Gerber Architekten/jenawohnen

So soll es aussehen: Eingebettet im Grünen und in eine belebte Nachbarschaft gestaltete ein Architekturbüro aus Dortmund seine Vorstellung vom zukünftigen Hospiz in Jena. Der Entwurf konnte sich bei einem Wettbewerb durchsetzen. In einem Jahr soll die Einrichtung eröffnet werden. Entwurf: Gerber Architekten/jenawohnen

Die Beträge, die dabei eingespielt werden konnten, kamen der Palliativstation für diese zusätzliche Betreuung zugute. »Die Bewahrung der Individualität ist ganz wichtig. Die Betroffenen brauchen Zeit für die Umstellung auf die Krankheit. Deshalb haben wir die ›gute Seele‹ mitfinanziert. Aktuell sind wir gerade dabei, Friseure zu suchen. Denn das Aussehen spielt für die Würde eine große Rolle«, erzählt Claudia Koppe. Drei Friseure haben sich bereits gemeldet, die ehrenamtlich helfen wollen. Der Verein hat auch schon das Mitarbeiterteam zum Konzert eingeladen – als Anerkennung für die hervorragende Arbeit, die geleistet wird.

Als Claudia Koppes Freund auf der Palliativstation lag und es sich abzeichnete, dass er nicht mehr nach Hause kann, blieb das Hospiz in Bad Berka als einzige Möglichkeit. Sie ist froh, dass jetzt so eine Einrichtung in Jena entsteht: »Ich finde den Standort mitten im Wohngebiet genau richtig. Das Thema Sterben ist in unserer Gesellschaft so ausgegrenzt.«

Das Hospiz wird in Lobeda in unmittelbarer Nähe zur Lobdeburgschule und zu Wohnhäusern gebaut. »Ich persönlich finde das gut«, sagt Barbara Wrede, Leiterin der Einrichtung mit Grund-, Regel- und Gymnasialausbildung. »Es bringt einen anderen Ansatz zum Nachdenken über das Leben.« Als sie vor Jahren im Ethikunterricht das Sterben thematisierte, haben sich ein paar Schülerinnen dafür bedankt. Mit Kindern, die zu Besuch auf die Palliativstation kamen, hat Ulrich Wedding schon gute Erfahrungen gemacht.

Um das Gebäude wird ein grüner Gürtel geschaffen, der bis in die Innenhöfe hineinreicht. So können bewegungseingeschränkte Menschen noch die Außenwelt wahrnehmen.

Für die Betroffenen ist es ein Spagat zwischen Hoffnung und Verzweiflung. »Was mehr Gewicht hat, ist individuell sehr unterschiedlich. Manchen gelingt es, eine Gelassenheit zu entwickeln oder auf Gottvertrauen zu setzen«, erzählt Wedding. Zum Nikolaustag 2018 soll das Hospiz im Jenaer Stadtteil Lobeda eröffnet werden.

Doris Weilandt

www.hospiz-jena.de

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Ein Zeichen für alle

15. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sich bekreuzigen: Warum ein katholischer Lehrer evangelische Christen für einen alten Ritus gewinnen will

Ein Thüringer Katholik will ein sichtbares Zeichen für die Ökumene setzen – das Kreuzzeichen. Ginge es nach Klaus Töpfer, bekreuzigten sich schon bald auch die Protestanten nach dem Gottesdienst und überließen die Geste nicht nur dem Mann oder der Frau vor dem Altar. Mit vielen Christen spricht der 73-Jährige in den letzten Monaten darüber, mit hochstudierten Professoren, mit Amtsträgern und Laien. Auch die Bischöfe in Magdeburg und Erfurt versucht er, für seine Idee zu gewinnen.

Seine Argumentation klingt schlüssig. Der Glaube an den einen Gott sollte wichtiger sein als die über Jahrhunderte gepflegte Betonung alles Trennenden zwischen den Konfessionen. In seinem Heimatdorf, Salomonsborn vor den Toren Erfurts, könne man sich das auch gar nicht mehr leisten.

Katholiken und Protestanten feierten hier zusammen Gottesdienst; mal seien die einen, mal die anderen in der Mehrheit. Immer – außer zu Weihnachten – blieben dennoch viele Kirchenbänke frei. Im Ort selbst seien die Christen eh in der Minderheit, so Klaus Töpfer. Mehr noch, beschwört der pensionierte Lehrer die gemeinsame Stärke, keine der beiden Konfessionen allein hätte die Sanierung der inzwischen so schmucken Dorfkirche allein stemmen können. Nur eine Seite hätte auch nicht die stolze Summe von 84 000 Euro zusammengebracht. So viel Geld ging nach seinen Angaben in den letzten Jahren in Form von Spenden und Zuwendungen beim Förderverein von St. Dionysius ein. Nein, es ist nur noch zusammen zu schaffen; sprich: ökumenisch. Also schreibt er freundliche Briefe an die beiden Bischöfe. Und bekommt freundliche Antworten.

Das Kreuzzeichen sei ein Gestus, den auch Martin Luther praktiziert und empfohlen hat, schreibt Anfang Juli Ilse Junkermann an den gebürtigen Eichsfelder. Das Zeichen zeige »die Verbundenheit mit Christus und ist deshalb immer auch eine Tauferinnerung«, so die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Wenn es die Protestanten heute nicht praktizierten, sei das keine »Herabsetzung« mehr, sondern ein »Vergessenhaben«. Allerdings, schränkt sie ein, spielten für ihre Konfession Gebetshaltungen und Gesten generell eine sehr untergeordnete Rolle. Und dennoch – gerade von den Jüngeren werde das Kreuzzeichen inzwischen wieder entdeckt und immer häufiger angewandt.

Also gibt die Landesbischöfin grünes Licht? Nicht ganz. Da das Kreuzzeichen ein sehr persönlicher Gestus sei, könne dieser »nicht einfach für die eigene Frömmigkeitspraxis verordnet werden«. Eine starke Verankerung sei nur »über Vorbild, Nachahmung und Einübung« möglich, endet ihr Antwortschreiben an Klaus Töpfer ein wenig im vagen Unverbindlichen.

Auch ihr Amtsbruder lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster. Er bitte um Verständnis, dass er als katholischer Bischof nicht in die Gottesdienstagenda evangelischer Pfarrer eingreifen möchte, heißt es im Brief von Ulrich Neymeyr ein paar Wochen später. Es wäre für Klaus Töpfer als ökumenisch engagierten katholischen Christen »wesentlich leichter«, diesen Vorschlag zu machen. Es könne nicht seine – des Bischofs des Bistums Erfurt – Aufgabe sein, evangelische Christen darüber zu belehren, »dass sie beim katholischen Segen das Kreuzzeichen mitmachen können, ohne dabei ihre evangelische Identität zu verraten«.

Klaus Töpfer lässt sich davon nicht entmutigen. In Ricklef Münnich findet er den richtigen Partner. Dann ist es so weit. In der kleinen Kirche zu Salomonsborn lädt der evangelische Pfarrer zum Ende des ökumenischen Gottesdienstes die Protestanten dazu ein, es den Katholiken gleichzutun und ein Kreuz zu schlagen. Trotz Anleitung und Erklärung trauen sich aber noch nicht alle an das ungewohnte Ritual heran.

Jegliches hat seine Zeit. Auch das Kreuzzeichen. Ob in Erfurt, wie vor über 500 Jahren schon einmal, wieder Weltgeschichte beginnen kann? Klaus Töpfer schmunzelt. Als Martin Luther am 17. Juli 1505 an die Pforte des Augustinerklosters klopft, will er nur ein Mönch unter vielen sein. Historische Bedeutung bekommt dieser Moment erst Jahre später …

Dirk Löhr (epd)

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»Ich habe nie Angst vor dem Tod gehabt«

14. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Bodenständig und eigenwillig: Die Schauspielerin Marianne Sägebrecht gilt vielen als bayerisches Unikum. Die 72-Jährige engagiert sich als Patin in der Hospizarbeit. Im Gespräch anlässlich des Welthospiztages am 14. Oktober beschreibt sie ihre Beweggründe.

Frau Sägebrecht, welche Begegnungen mit dem Sterben hatten Sie in Ihrem Leben?
Sägebrecht:
Schon als ich 13 Jahre alt war, hat mich unser Kaplan mit ins Krankenhaus zu Sterbenden genommen. Er hat zu mir gesagt: »Marianne, du hast so eine schöne Stimme und eine beruhigende Wirkung.« Also bin ich mit zur Letzten Ölung. Ich habe nie Angst vor dem Tod gehabt. Mich haben diese Begegnungen ganz erfüllt.

Bei uns auf dem Dorf waren auch die Rituale ganz anders, man hat seine Toten aufgebahrt, und dann durften wir alle kommen und die alte Bäuerin berühren und küssen. Das war ganz natürlich, ganz selbstverständlich!

»Bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun«: Mit ihrem Engagement in  der Hospizarbeit setzt sich Marianne Sägebrecht dafür ein, dass der Tod wieder einen Platz im Leben der Menschen bekommt. Foto: epd-bild

»Bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun«: Mit ihrem Engagement in der Hospizarbeit setzt sich Marianne Sägebrecht dafür ein, dass der Tod wieder einen Platz im Leben der Menschen bekommt. Foto: epd-bild

Heute sterben so viele Menschen allein im Krankenhaus – das ist für mich das Schlimmste! Die liegen dann so klein und fein in ihren Betten, wie alte Babys. Bei der Geburt gibt es die Hebammen – ich finde, es müsste auch beim Sterben jemand geben, der einen begleitet.

Das machen die Mitarbeiter in den Hospizen …
Sägebrecht:
Ja, deshalb bin ich seit einem Jahr Patin des Christophorus Hospiz Vereins. Allein in München hat der Verein 59 Ehrenamtliche. Viele Frauen, aber auch Männer und junge Leute, machen die schwierige Ausbildung zum Hospizhelfer. Dann gehen sie ins Hospiz oder in die Familien und reden mit den Menschen, lesen vor, sind einfach da. Sie begleiten die Familien seelisch, und sie wissen, wie man durch palliative Behandlung Schmerzen lindern kann. Das muss auf lange Sicht einfach mehr werden! Und das müssen die Menschen ehrenamtlich leisten, der Staat wird das nicht machen.

Warum ist es besser, im Hospiz zu sterben?
Sägebrecht:
Im Krankenhaus zu sterben ist Stress. Ich habe schon erlebt, dass Sterbende in den Abstellraum geschoben wurden, wo der Besen an der Wand hängt, weil die Pflegekräfte – und das ist kein Vorwurf –
einfach keine Zeit hatten. Das kann nicht angehen, da müssen wir entlasten!

Denn bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun. Man muss den anderen vergeben, sich selbst vergeben, sich versöhnen. Das ist die Vorbereitung auf die große Reise. Im Hospiz findet man dafür Ruhe und Frieden und Menschen, die einen seelisch begleiten.

Sie haben seit sechs Jahren eine eigene Lesungsreihe mit dem Titel »Lieder und Gedichte vom Sterben fürs Leben«. Taugt das Thema für den Konzertsaal?
Sägebrecht:
Aber ja. Das ist wie eine Messe. Ich muss das mit voller Seele vertreten, sonst ist es unglaubwürdig. Aber dann ist es eine besondere Stimmung. Das Publikum ist ganz zärtlich miteinander. Viele gehen aus der Lesung raus wie auf Wolken und kehren zurück zum Leben.

Wir müssen den Tod nicht immer so wegschieben, wir sollten ihn lieber mit an den Tisch nehmen. Jeder Tag, der vergeht, stirbt. Wenn der Winter kommt, stirbt scheinbar die Natur, bevor sie im Frühjahr wieder voll zum Leben erwacht. Manchmal stirbt auch die Liebe zu einem Menschen. Wir können das nicht trennen: Hier ist das Leben, da der Tod. Es gehört alles zusammen. Man erlebt bei diesen Abenden die Fülle des ganzen Kosmos und geht mit Kraft und Mut wieder raus ins Leben. Und das Wichtigste: All diese Menschen, deren Geschichten erzählt werden, waren nicht allein. Andere haben sie beschützt und begleitet. So konnten sie geborgen in die andere Dimension gehen.

Was ist das für Sie: die andere Dimension?
Sägebrecht:
Ich glaube, dass wir nach dem Tod ins Licht gehen. Es gibt so viele Berichte von Menschen, die man wieder zurückgeholt hat, die alle davon erzählen, dass da erst ein Tunnel kommt und dann das Licht.

Der Pfarrer meiner Kindheit hat gesagt: Nach dem Tod geht die Seele erst durch einen Tunnel, dort sieht sie nochmal ihr ganzes Leben. Sie muss es anschauen, kann aber nichts machen. Und danach kommt sie ins Licht, wo die verwandten Seelen warten, eine freie Dimension … Diese Vorstellung von Hölle und Himmel gefällt mir. Natürlich baut das alles auf Glaube auf. Ich respektiere, wenn jemand nicht an eine Seele oder an eine Dimension nach den Tod glaubt. Aber für die Menschen, die an nichts glauben, ist es besonders wichtig, dass sie nicht alleine sterben. Denn wenn sie an den Punkt des Übergangs kommen, ist die Seele ja trotzdem da. Dann wird es manchmal schwer, loszulassen und zu gehen.

Die Hospizbewegung hat immer mehr Akzeptanz in der Gesellschaft gefunden. Was ist noch zu tun?
Sägebrecht:
Wir gehen geheimnisvoll in eine bessere Zeit: Vom Goldenen Kalb zum goldenen Herz, wir sind mittendrin. Für diese Überzeugung werde ich immer verlacht, aber ich höre nicht mehr auf die, die immer nur negativ reden. Egal, ob es ums Klima geht, um Flüchtlinge oder ums Sterben: Wir können alle Anteil nehmen, wenn wir alle zusammen helfen. Die Menschen haben keine Angst vor dem Tod, sondern davor, dass sie alleine sterben müssen.

Fit bis zum letzten Tag – diesen Werbeslogan finde ich furchtbar! Natürlich wünsche ich mir körperliche Fitness und geistige Wachheit bis zum Schluss, aber es geht nicht immer nur um die Materie – wichtig ist die Versöhnung! Wir müssen mit Distanz, Vorsicht und Liebe die Versöhnung in Bewegung bringen, damit die Menschen in Frieden auf die letzte Reise gehen können.

Welche Rituale gefallen Ihnen beim Thema Sterben und Tod besonders?
Sägebrecht:
Eine schöne Beerdigung finde ich wichtig. Jeder Mensch hat eine Aussegnung verdient und zumindest ein Taferl, auf dem sein Name steht und wann er gekommen und gegangen ist. Ich finde es schön, wenn die Freunde und Familien nach der Beerdigung noch zusammensitzen und auf den Verstorbenen anstoßen. Dann erzählt jeder die Geschichten, an die er sich erinnert. In Mexiko oder im jüdischen Glauben geht es bei Beerdigungen viel lebendiger zu, da wird das Leben gefeiert! Wir sind mehr so Trauerklöße. Aber wer zurückbleibt, trauert mehr als der, der gegangen ist: Seine Seele ist ja schon im Licht.

Die Fragen stellte Susanne Schröder.

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Estland: Gemeinde als geistliche Heimat

9. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte«, klingt es aus dem Kellergeschoss des modernen Eckhauses. »Hierher«, das ist in diesem Fall das estnische Tallinn. Und in dem Eckhaus nahe des Hafens versammelt sich die deutschsprachige Evangelisch-Lutherische Erlösergemeinde, die dort seit dem vergangenen Jahr beheimatet ist.

Das Zuhause der Evangelisch-Lutherischen Deutschen Erlöser­gemeinde in Tallinn. Foto: privat

Das Zuhause der Evangelisch-Lutherischen Deutschen Erlöser­gemeinde in Tallinn. Foto: privat

Normalerweise treffen sie sich in der schwedischen St. Michaelskirche, doch als mitten in der Urlaubszeit die Teilnehmer einer sächsischen Jugendfreizeit und einer Delegationsreise der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Estland zu Gast sind, haben sie Pech: Die schwedische Kirche ist geschlossen, der Gottesdienst muss in den etwas beengten Gemeinderäumen stattfinden.

Und manches ist für Augen und Ohren der Besucher fremd: Zu Beginn der Liturgie findet ein ausführliches Schuldbekenntniss statt, mehrfach kniet der Pastor vor dem Altar, und auch Kyrie und Gloria erklingen zu ungewohnten Melodien.

Doch die deutsche Gemeinde in Tallinn ist eben keine klassische Auslandsgemeinde der EKD, erklärt Pastor Matthias Burghardt nach dem Gottesdienst. Die deutschen Protestanten treffen sich unter dem Dach der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK) – und feiern eine einheimische Liturgie.

Zur Gemeinde gehören rund 120 Mitglieder, die über das ganze Land verteilt leben. Gottesdienste werden auch in Tartu und Harpsalu gefeiert. Und etwa 40 Prozent der Gemeindeglieder seien in Estland geboren worden, berichtet der Pfarrer. »Zu uns gehören Deutschbalten, Russlanddeutsche, deutsche Fachkräfte, Esten und Russen.« Alle fänden in der Gemeinde eine geistliche Heimat.

Lutherische Gottesdienste gab es in Reval bereits 1523, ein Jahr später wurde die Stadt offiziell lutherisch. Bis zum Zweiten Weltkrieg fanden regelmäßig deutsche Gottesdienste statt, mit der Zwangsumsiedlung der Baltendeutschen infolge des Hitler-Stalin-Paktes fand diese Tradition ein Ende. 1991, nach dem Ende der sowjetischen Herrschaft, war die Gemeinde neu gegründet worden. »Für estnische Verhältnisse sind wir eine Dorfgemeinde, aber wir können sagen, dass alle deutschsprachigen Protestanten in Estland wenigstens von unserer Existenz wissen.« Burghardt freut sich besonders, zur EELK zu gehören. »Das gibt mir mehr Freiheiten, als sie in einer Auslandsgemeinde der EKD möglich wären.«

Die EELK selbst schätzt Burghardt als kleine, konfessionelle lutherische Kirche. Im Unterschied zu den benachbarten Letten werde in Estland die Frauenordination praktiziert, rund 30 Prozent der Pfarrerschaft sei weiblich. »In der Kirche werden seit rund 50 Jahren Frauen ordiniert«, sagt Burghardt. »Es wäre eine schlimme Selbstamputation am Leib Christi, würde man das, wie in Lettland, wieder rückgängig machen.« Auch Beziehungen zur konservativen Missouri-Synode gebe es in Estland nicht – im Gegensatz zu Lettland. Verzichtet wird allerdings auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. »Dafür hat unsere Kirche kein Mandat«, sagt Burghardt, »man muss mit dem Segen vorsichtig umgehen.«

Benjamin Lassiwe

www.stmikael.ee

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Die Netz-Gemeinde

9. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Virtuelle Kapelle: Die Digitalisierung schreitet auch in der Kirche voran. Mit einem bundesweit einmaligen Projekt startet demnächst die EKM. Initiator ist Karsten Kopjar. Mit dem Experten für Digitales und Verkündigung sprach Willi Wild.

Was muss ich mir unter einer Online-Kirche vorstellen?
Kopjar:
Also, wir wollen keine neue Kirche gründen, sondern wir wollen eigentlich in der Kirche die Diskrepanz zwischen Online- und Offline-Leben aufheben.

Klingt modern, verstehe ich aber nicht.
Kopjar:
Bei Kirche denken viele Leute an Folgendes: Sonntagmorgen um 10 Uhr gehe ich in ein Steingebäude, setze mich auf eine Bank, höre irgendjemandem zu, bin in gewisser Weise beteiligt, gehe nach einer Stunde wieder nach Hause und lebe meinen Alltag. Das ist so ein typisches Offline-Kirche-Leben. Und das ist auch gut. Das wollen wir gar nicht aufheben.

Foto: wabeno – stock.adobe.com; Screenshots: G+H

Foto: wabeno – stock.adobe.com; Screenshots: G+H

Aber daneben merken wir in den letzten 10 bis 20 Jahren, dass immer mehr Leute online kommunizieren. Das heißt: Ich schreibe E-Mails, ich bin im Internet unterwegs, ich nutze Smartphones und ähnliches. Und kommuniziere da mit echten Menschen. Das heißt, ich schreibe Nachrichten an andere Menschen über ein Online-Medium. In dieser Welt kommt Kirche überhaupt nicht vor. Die Diskrepanz wollen wir aufheben und neben dem klassischen Gottesdienst die Online-Kirche etablieren.

Wie soll die virtuelle Seelsorge denn praktisch aussehen?
Kopjar:
Wir wollen keine Konkurrenz zum Sonntagsgottesdienst sein. Das fängt schon bei den Anfangszeiten an. Wenn jemand als Einsteiger Fragen zum christlichen Glauben hat, dann könnten wir uns beispielsweise dienstagabends regelmäßig verabreden und ein Programm anbieten, bei dem wir mit interessierten Menschen ins Gespräch kommen. Oder aber eine regelmäßige Mittagsandacht. Das Kloster Volkenroda hat bereits Interesse signalisiert, hier mit der Online-Kirche zu kooperieren.

Sind Kasualien, kirchliche Amtshandlungen, online möglich?
Kopjar:
Ich glaube nicht, dass eine Trauung im Internet tatsächlich sinnvoll ist. Auch Taufen und Beerdigungen haben wir erstmal nicht vor. Dafür ist die physische Welt tatsächlich prädestiniert. Aber bei großen Beerdigungen werden heute schon Übertragungen in andere Räume angeboten, um mehr Menschen zu erreichen. Das funktioniert über das Internet ganz gut. Die Oma, die nicht zur Hochzeit kommen kann, sitzt in Mexiko und kriegt den Livestream der Trauung. Damit ist sie quasi dabei und kann sich mit dem Paar freuen.

Im Umkehrschluss könnte man dann auch sagen: Da brauche ich nicht mehr in den Gottesdienst gehen, wenn ich ihn frei Haus auf den Monitor bekomme?
Kopjar:
Der Gottesdienstbesucher wird nach wie vor in die Kirche gehen. Aber es gibt Leute, die im Schichtdienst arbeiten oder Berufspendler, die wollen wir mit dem Angebot ansprechen. Wir versuchen, sie zu motivieren, wieder mit Kirche in Kontakt zu kommen. Der Online-Kirchenbesucher kommt vielleicht irgendwann auch in eine richtige Kirche.

Wie wollen Sie virtuell ein Gemeindeleben oder eine kirchliche Gemeinschaft organisieren?
Kopjar:
Wenn ich mit Menschen auf Facebook diskutiere, ist es schon häufiger passiert, dass aus einem einfachen Textgespräch eine geistliche Ebene entstanden ist. Da passiert plötzlich Seelsorge, da kommen Lebensthemen zur Sprache. Ja, da habe ich durchaus das Gefühl, Gott ist als unsichtbarer Dritter gegenwärtig. Gerade diese Verbindung, dass Menschen mit Gott im Austausch sind, und dass ein Gespräch mehr als eine oberflächliche Unterhaltung wird, das passiert, wo Menschen offen sind und sich auf diese Kommunikations­ebene einlassen.

In der Anonymität des Internets gedeihen Hass, Lügen und Falschmeldungen. Ist das der richtige Platz für Seelsorge?
Kopjar:
Das Internet emotionalisiert auf jeden Fall. Das ist gut und schlecht zugleich. Auf der einen Seite erlebe ich, dass junge Leute, die sich im Jugendkreis nie öffnen würden, auf einer Online-Plattform viel offener über ihren Glauben reden. Also da hat das Internet positive Verstärkereffekte. Auf der anderen Seite muss man natürlich damit leben, dass Menschen, die negative Gedanken haben, diese online sehr viel deutlicher und krasser äußern.

Dann ist aber nicht das Internet der Ort, wo die Gedanken entstehen, sondern sie sind bereits vorhanden. Ich sehe darin eine seelsorgerische Chance, dass Menschen die Zeitbombe, die im Kopf tickt, endlich mal rauslassen können. Klar, wo Grenzen, wo Gesetze überschritten werden, da muss man einschreiten. Auf anderen Ebenen reicht vielleicht das persönliche Gespräch, um Menschen Liebe und Annahme, die sie brauchen, zukommen zu lassen.

Wie sieht es mit Datenschutz, Seelsorge- und Beichtgeheimnis aus?
Kopjar:
Bei der Telefonseelsorge werden schon seit längerer Zeit gesicherte Kanäle für Online-Chats und E-Mail-Seelsorge angeboten. Wir wollen mit der Online-Kirche Datensicherheit gewährleisten und Systeme aufbauen, die sicher sind. Vollständige Sicherheit gibt es aber nicht. Das Internet ist wie ein Marktplatz. Wenn nun ein Seelsorger über den Marktplatz geht und angesprochen wird: Herr Pfarrer, ich brauche jetzt Ihren Rat, ich brauche jetzt Seelsorge, dann wird der Pfarrer wahrscheinlich sagen: Lassen Sie uns doch ins Pfarrhaus gehen. Wenn der Mensch aber sagt: Nein, ich brauch es hier und jetzt, wird der Pfarrer sehr wahrscheinlich sagen: Okay! Ist nicht optimal, aber wir machen das Beste draus und ich höre Ihnen zu. Genauso passiert es auch im Internet.

Gibt es auch eine feste Gemeinschaft, die die Internet-Kirche tragen wird?
Kopjar:
Natürlich braucht die Online-Kirche eine kommunitäre Gemeinschaft, Menschen, die intensiv und sichtbar ihren Glauben leben. Ähnlich wie im Kloster könnte es eine Kern-Gemeinschaft geben, die nicht an einem Ort, aber verbindlich für, in und mit der Internet-Gemeinde lebt. Wer sich dafür interessiert, kann sich jetzt schon bewerben.

Sind die klassischen Elemente eines Gottesdienstes auch online verfügbar?
Kopjar:
Jeder Gottesdienstbesucher der Online-Kirche kann sich die Elemente selber zusammenstellen. Musik, Predigt, Gebet, Segen, Andacht oder Austausch und Seelsorge. Die Nutzer werden in dem großen Potpourri jeweils das finden, was sie im Moment brauchen.

Einen wichtigen Punkt haben Sie noch vergessen: die Kollekte.
Kopjar:
Natürlich kostet die Online-Kirche auch Geld. Wir haben eine Startführung über die Erprobungsräume, aber darüber hinaus sind wir angewiesen auf Spenden und Sponsoren, Menschen, die uns unterstützen mit einmaligen und regelmäßigen Zahlungen. Die Angebote der Online-Kirche sind natürlich kostenfrei. Wir geben Gutes und wenn jemand für das Gute, das er bekommen hat, etwas zurückgeben möchte, ist das gerne möglich.
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Wann soll es losgehen?
Kopjar:
Wir haben die Förderung der Erprobungsräume jetzt zugesagt bekommen. Wir wollen ab dem neuen Jahr Menschen einstellen, die die Idee vertiefen können. Wir haben allerdings jetzt für die Vorweihnachtszeit auch schon Aktionen, bei denen Menschen mit der Online-Kirche in Kontakt kommen können.

Kann man Mitglied der Online-Kirche werden?
Kopjar:
Prinzipiell ist die Online-Kirche für jeden da. Genauso wie man auch sonntags ohne Mitgliedsausweis in den Gottesdienst gehen darf, ist hier jeder Besucher willkommen.

Die Idee klingt sehr interessant und ein bisschen verrückt. Gibt es Vorbilder?
Kopjar:
Ja. Es gibt Online-Kirchen in den USA oder in Schottland. Unsere amerikanische Partnerkirche UCC hat da ein relativ großes Projekt auf den Weg gebracht. Die Erfahrungen sind positiv. Die virtuelle Erweiterung einer Kirchengemeinde kann gerade in ländlichen Gebieten das geistliche Leben ergänzen, sodass Menschen in entlegenen Gebieten am kirchlichen Leben teilnehmen können.

onlinekirche.ekmd.de

Social-Media-Koordinator der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist Karsten Kopjar. Er ist für die Entwicklung und Betreuung der Kommunikationskanäle der sozialen Medien verantwortlich. Außerdem bietet er Schulungen und Beratung von Kirchenkreisen und Gemeinden an – mit dem Ziel: »Online Gemeinde bauen«. Er hat Evangelische Theologie, Medienwissenschaft und Informatik an der Philipps-Universität Marburg studiert und in Praktischer Theologie über »Kommunikation des Evangeliums für die Web 2.0 Generation – Virtuelle Realität als Reale Virtualität« promoviert.


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Das Leben geht weiter, als man denkt

8. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Samuel Koch – Wie der Unfall bei »Wetten, dass..?« seinen Glauben veränderte

Sport war sein Leben. Bis Samuel Koch 2010 bei »Wetten, dass..?« schwer stürzte. Doch statt sich zu verkriechen, wurde er Schauspieler, schrieb Bücher.

Hätte er sein Schicksal gekannt, er wäre davongelaufen, sagte Samuel Koch einmal. 2010 brach sich der Kunstturner bei der Fernsehshow »Wetten, dass..?« mehrmals die Wirbelsäule. Seitdem ist er vom dritten Halswirbel an gelähmt. Aber Koch will in Bewegung bleiben, er schloss sein Schauspielstudium ab, ist Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt, engagiert sich sozial, vergangenes Jahr heiratete er. Am 28. September wurde er 30 Jahre alt.

Leicht zerstrubbeltes blondes Haar, oft einen Drei-Tage-Bart. Auf Fotos sieht man Koch meist in einem Sessel sitzen. Nur selten im Rollstuhl. Koch sagt, er hat sich 23 Jahre lang eher Saltos schlagend vorwärts bewegt als gehend. Bei sportlichen Herausforderungen hätte er fast nie nein sagen können. Jetzt dürfe er seiner Lähmung nicht so viel Aufmerksamkeit schenken. Zu seinen »Weitermach-Aktionen« gehören Konzertlesungen: Gemeinsam mit Sänger Samuel Harfst tourt Koch durch Deutschland, die Freunde lesen und singen über das Leben, das nicht nach Plan verläuft. Harfst sagt über seinen Bühnenpartner, Samuel Koch meistere sein Leben als Querschnittsgelähmter jedes Jahr ein bisschen besser. Er sei ein Kämpfer: »Wenn andere sich krankschreiben lassen, zieht er das Programm ohne mit der Wimper zu zucken durch.«

2010 war Koch der erste Kandidat der vorweihnachtlichen »Wetten, dass..?«-Sendung in Düsseldorf. Seine Paten waren Komiker Otto Waalkes und das Model Sara Nuru. Der Leistungssportler wollte mit Springfedern unter den Schuhen in vier Minuten über fünf fahrende Autos springen. Dreimal gelang ihm das mit Bravour. Aber beim vierten Auto, das sein Vater fuhr, stürzte er.

Samuel Koch ist seit dem Unfall bei »Wetten dass..?« im Jahre 2010 querschnittsgelähmt. Foto: epd-bild

Samuel Koch ist seit dem Unfall bei »Wetten dass..?« im Jahre 2010 querschnittsgelähmt. Foto: epd-bild

In den ersten 40 Stunden danach konnte er sich noch bewegen, dann zog die Lähmung in seinen Körper hoch. Koch, der aus einer protestantischen Familie in Südbaden stammt, sagt, sein Glaube habe sich durch das Unglück verändert. »Vor dem Unfall hatte ich eher eine Fernbeziehung zu Gott«, erklärte er im Juni 2017 beim Christustag in Leinfelden. Inzwischen habe sich das intensiviert.

Er habe zahlreiche Nächte mit Gott diskutiert, voller Wut und Verzweiflung. »Ich war nicht mehr der Chaot, der Turner, der Sportler, dem alles gelingt. Ich war reduziert auf das, was der Unfall von mir übrig gelassen hat.« Er habe zunächst nicht alleine in einem Zimmer sein wollen, nur mit seinem Körper zusammen.

Irgendwann habe er das »Vaterunser« wieder beten, den Satz »dein Wille geschehe« wieder aussprechen können. »Auch wenn der vielleicht ganz anders aussieht als meiner«, sagte Koch in einem Interview.

Nach seinem Sturz entdeckte er das Schreiben für sich: Im April 2012 erschien der Spiegel-Bestseller »Zwei Leben«. Darin erzählt er, wie er nach dem Unfall erkannte, dass er nichts mehr zu verlieren hat. Nur noch gewinnen kann. An einigen Stellen schimmert Galgenhumor durch: »Nehmt mich doch mit«, ruft er seinem Bruder und Freunden zu, als sie zum Schwimmen gehen. »Ihr könnt doch nach mir tauchen.«

Er nimmt auch sein bereits vor dem Unfall begonnenes Schauspielstudium wieder auf. Im Juli 2014 schließt er es an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover ab. Im darauffolgenden September wird er Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt.

Dort spielte er etwa in dem Stück »Madame Bovary« mit oder in Goethes »Faust«. Bei Dreharbeiten zu der ARD-Soap »Sturm der Liebe« lernt er die Schauspielerin Sarah Elena Timpe kennen. 2016 heiraten sie in seiner Heimatstadt Efringen-Kirchen (Kreis Lörrach). Nach der Hochzeit klagte Koch darüber, dass ihm und seiner Frau öfter »viel Kraft« statt »herzlichen Glückwunsch« gesagt werde. »Es nervt uns manchmal, dass es so dargestellt wird, als hätten wir so ein Opfer zu tragen«, sagte er im Herbst 2016 im ZDF-Magazin »Volle Kanne«. Es sei keine Bürde, ein Paar zu sein.

Im September 2015 veröffentlichte Koch sein zweites Buch »Rolle vorwärts«. Darin schreibt er über sein Leben auf Rädern. Wie er im Schauspielstudium lernte, sich nicht auf die Frage zu konzentrieren: »Was kann ich nicht?«, sondern zu schauen: »Was kann ich?«. Und wie er sich jeden Tag lustige, schöne und glückliche Stunden sucht, »die mir gezeigt haben, dass das Leben manchmal weiter geht, als man denkt«.

Seinen Bekanntheitsgrad nutzt der Schauspieler immer wieder, um auf soziale Projekte aufmerksam zu machen, etwa auf die »Elfmeter-Stiftung«, die sich für Kinder mit Rückenmarksverletzungen einsetzt. Laut seiner Homepage baut Koch gerade eine Stiftung auf, die sich für Menschen engagiert, die einen ähnlichen Unfall hatten wie er.

»Vielleicht heilt mich Gott ja doch noch, still und leise in der Nacht«, schreibt Koch in seinem Buch. »Das stelle ich mir manchmal vor: Wie ich die Beine über die Bettkante schwinge, einfach aufstehe, und wie Gott und ich uns verschmitzt anlächeln.«

(epd)

Koch, Samuel, Müller, Titus: »Rolle vorwärts. Das Leben geht weiter, als man denkt«, adeo, 248 S., ISBN 978-3-863340711, 17,99 Euro.
Koch, Samuel, Fasel, Christoph: »Zwei Leben«, adeo, 205 S., ISBN 978-3-942208-53-6, 17,99 Euro.

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Schwere Erinnerungen

8. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Eichmann-Prozess: Holocaust-Überlebender und Eichmann-Vernehmer berichtet

An die erste Begegnung mit dem früheren SS-Obersturmbannführer und Organisator des Holocausts, Adolf Eichmann, kann sich Michael Goldmann-Gilead noch genau erinnern. Er habe es erst gar nicht glauben wollen, dass dieser Mann einer der Hauptverantwortlichen für die Ermordung von Millionen Juden gewesen sein soll, erinnert sich der ehemalige Polizeioffizier. »Aber als er den Mund geöffnet hat, hatte ich den Eindruck, dass sich die Tore zu den Gaskammern öffnen.«

Goldmann-Gilead erzählt von seinen Erfahrungen mit einer der Schlüsselfiguren des Holocausts im Vorfeld des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. Der einstige Vernehmer gibt im Rahmen des Zeitzeugenprojektes »Fragt heute!« der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Sachsen-Anhalt einen Einblick in die Vorgeschichte und den Verlauf des Prozesses. In seinen Ausführungen geht es um die Bedeutung des Verfahrens für die Aufarbeitung des Holocausts. Und Goldmann-Gilead weiß, wovon er spricht. Er wird 1925 in Kattowitz als Kind jüdischer Eltern geboren und wächst in Oberschlesien auf, bis die Familie 1939 vor den Nazis flieht. Mit 17 Jahren verliert er seine Eltern und seine damals zehnjährige Schwester, die ins Vernichtungslager Belzec gebracht werden. Er selbst überlebt Zwangsarbeit, Peitschenschläge und das KZ Auschwitz. Bei einem Todesmarsch gelingt ihm im Januar 1945 die Flucht. Zwei Jahre später setzt er sich nach Israel ab, wo er bis heute lebt. Dort wird er Polizist und meldet sich freiwillig für die Aufgabe als Vernehmer. »Als Ministerpräsident David Ben-Gurion in der Knesset erklärt hat, Eichmann sei in Israel, hat mich das elektrisiert«, erinnert er sich.

Für den Prozess sammelte Goldmann-Gilead Informationen. Zusammen mit seinen Kollegen der Spezialeinheit »Büro 06« ist er maßgeblich mit an der Anklage beteiligt. 1961 eröffnet das Bezirksgericht in Jerusalem das Verfahren gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer, der einer der führenden Köpfe der Wannsee-Konferenz war, auf der 1941 die »Endlösung der Judenfrage« beschlossen wurde. Am Ende des Prozesses steht das Todesurteil, das 1962 vollstreckt wird. Die Leiche des NS-Verbrechers wird verbrannt und die Asche im Mittelmeer ausgeschüttet.

Zeitzeuge: Michael Goldmann-Gilead. Foto: Martin Hanusch

Zeitzeuge: Michael Goldmann-Gilead. Foto: Martin Hanusch

Mitunter ringt Michael Goldmann-Gilead bei seinem Bericht um die richtigen Worte und unterstreicht seine Ausführungen mit Kopien von Dokumenten. Er will zeigen, dass Eichmann eben nicht »die kleine Schraube in der Vernichtungsmaschinerie« war, wie er selbst behauptete, sondern einer der Hauptverantwortlichen für die massenhafte Deportation und Ermordung der europäischen Juden. Hier widerspricht er auch der Darstellung der jüdischen deutsch-amerikanischen Publizistin Hannah Arendt, die mit ihrer Formulierung von der »Banalität des Bösen« weithin die Sicht auf den Prozess bestimmt. »Eichmann war nicht nur Befehlsempfänger, er war ein Judenhasser, der sich gezielt für die Liquidierung der Juden eingesetzt hat«, ist Goldmann-Gilead überzeugt. Im Prozess sei nachgewiesen worden, dass er auch selbst Befehle gegeben habe.

Die historische Bedeutung des Eichmann-Prozesses sieht Goldmann-Gilead aber vor allem darin, »dass die Menschen in Israel erfahren haben, was damals passiert ist«. Lange sei das kein Thema gewesen, hätten die Überlebenden geschwiegen. »Die Menschen konnten nicht glauben, was wir mitgemacht haben.« Der Prozess habe den Holocaust-Überlebenden die Möglichkeit gegeben, nicht nur den Mund zu öffnen, sondern auch ihr Herz.«

Noch heute beschäftigt den 92-Jährigen der Holocaust. »Es ist nicht leicht, sich zu erinnern, und schwer zu vergessen«, sagt er. Aber über das zu berichten, was damals geschehen ist, sei seine Pflicht. Seine eigene Person und Rolle will er dabei nicht in den Vordergrund stellen. Wichtiger ist es ihm, dass die nachfolgenden Generationen aus der Vergangenheit lernen. Die Kinder und Enkel seien nicht verantwortlich für die Taten ihrer Eltern und Großeltern, gibt er den Besuchern mit auf den Weg. »Aber es ist wichtig, die Lehren daraus zu ziehen und die Demokratie zu verteidigen.«

Zuletzt sprach er darüber, wieso er den Glauben an die Menschen trotz all des Grauens nicht endgültig verloren habe – den Glauben an Gott hat er ohnehin nie verloren. Es seien diejenigen gewesen, die sich unter Lebensgefahr für ihre jüdischen Mitbürger eingesetzt und sie versteckt hatten, die ihm den Glauben an die Menschheit wieder zurückgegeben hätten, so Goldmann-Gilead. »Diese Gerechten unter den Völkern waren die Sterne, die in der dunklen Nacht des Holocausts geleuchtet haben, das vergessen wir nicht.«

Martin Hanusch

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Das älteste Rezept der Welt

3. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Essen mit Migrationshintergrund

Seit Jahrhunderten wandern nicht nur Produkte wie Kartoffeln oder Tomaten von Amerika nach Europa. Auch Kräuter und Zubereitungen werden weltweit abgeschaut, nachgemacht und weiterentwickelt, zum Beispiel Sushi, Curry, Brote und Basmati-Reis. Oft lässt sich gar nicht mehr nachvollziehen, wer ein »Urheberrecht« für sich beanspruchen kann. Umso lächerlicher ist der seit Jahrzehnten »tobende« Kampf zwischen Israelis und Palästinensern, wer denn den Humus (Kichererbsenbrei) erfunden und für sich als »Nationalspeise« betrachten darf. Tatsache ist, dass in der heutigen Türkei Kichererbsen schon vor 13 000 Jahren angebaut wurden und dass die biblische Ruth nach einer Reise im Felde ihr Fladenbrot in Humus getunkt hat und nicht in Essig, wie das hebräische Wort »Hometz« fälschlich übersetzt worden ist. (Ruth 2,14)

In der Bibel verbietet Gott seinem Volk, den Israeliten: »Du sollst nicht das Zicklein in der Milch seiner Mutter kochen.« Diesen Spruch kann man als Rezept betrachten, auch wenn die Mengenangaben und mögliche Gewürze fehlen. Tatsächlich dachte Gott an eine Götterspeise, die »Heiden« im Libanon dem Gott Baal als Opfer darboten und danach verspeisten.

»Weiße Steine«: Getrocknete Ziegenmilch, die ohne Kühlung »ewig« hält. Foto: Ulrich W. Sahm

»Weiße Steine«: Getrocknete Ziegenmilch, die ohne Kühlung »ewig« hält. Foto: Ulrich W. Sahm

Bei den Juden entwickelte sich dieser Rezeptvers zu einem der teuersten und schwierigsten Speisegesetze überhaupt. Auf Schweinefleisch, Krabben, Aal oder Kamelfleisch kann man leicht verzichten, zumal derartige »unkoschere« Zutaten in Supermärkten in Israel gar nicht erst angeboten werden. Aber die strikte Trennung von »Fleischigem« und »Milchigem« ist äußerst mühselig, nicht nur in koscheren Res­taurants, wo man einen Milchkaffee nach einem Steak nicht bestellen kann. In den Heimen frommer Juden gibt es in der Küche zwei Waschbecken, zwei Kühlschränke und, schlimmer noch, zwei Sets von Geschirr, Kochtöpfen und Besteck. Diese Koschergesetze haben durch die Jahrhunderte dafür gesorgt, dass die Juden »unter sich« blieben und sich nicht mit der Nachbarschaft vermischten. Gleichwohl sieht und schmeckt man anhand »typisch jüdischer Gerichte« aus Polen, Indien, Jemen oder Marokko, wie die Juden dennoch in aller Welt gut integriert waren. Die lokalen Speisen, Gerüche, Gewürze und Zutaten haben sie aufgesogen und gemäß ihren »koscheren Bräuchen« umgewandelt. Dieser kulturell-kulinarischen Vielfalt begegnet man ausgerechnet im winzigen Israel, in das Juden aus über 170 Ländern eingewandert sind.

Die »palästinensische« Küche hat genauso Wandlungen durchgemacht. Die Araber – und mit ihnen auch Juden und Christen – lebten jahrhundertelang im osmanischen Reich, das von Algerien über Ägypten und Jemen bis Bagdad reichte. Die Küche des Sultans von Istanbul war tonangebend. Aber örtliche Traditionen wurden ausgetauscht und in die Ferne getragen. So auch das biblische Gericht »Zicklein in der Milch seiner Mutter«. Erstaunlicherweise hat sich das nicht nur im Libanon als Festspeise erhalten, die bei keiner Hochzeit und bei keinem Staatsempfang fehlen darf. Entsprechend abgewandelte Rezepte dazu findet man auch im Iran oder in Ägypten.

Heute muss es nicht Zicklein sein. Lamm, Rind oder Hühnerfleisch können genauso gut verwendet werden. Das Fleisch sollte separat in Wasser vorgekocht werden, gewürzt mit vielen im Mörser zerschlagenen Kardamomkapseln, Lorbeer und Zwiebel.

Entscheidend ist die »Milch«. Die ist etwas Ungewöhnliches. Man findet sie bei Gewürzhändlern in arabischen Basaren. In schäbigen Kartons werden da weiße »Steine« angeboten. Sie stinken wie »ungewaschene Füße« oder eben sehr streng nach Ziege. Bis heute wird dieses »Kischk« in einem dreiwöchigen Prozess nach uralter Methode per Hand hergestellt. So wird kostbare Milch für den Winter konserviert. Kühlschränke sind eine moderne Erfindung. Zunächst wird frisch gemolkene Milch in einer Ziegenhaut geschwenkt. Das »rayeb« teilt sich in »zebda« (eine reiche Creme wie saure Butter) und »shanina« (Joghurt mit wenig Fett).

Die Masse mit dem berauschenden Duft saurer Milch wird mit Burgul, zerkleinertem Weizen, vermengt und zehn Tage lang immer wieder kräftig mit den Händen geknetet. Die Milch fermentiert mit dem Weizen und viel Salz, bis aus der Masse kleine Kegel geformt werden können. Die werden an der Sonne, meist auf den Flachdächern, getrocknet. Das Ergebnis ist dieser weiße »Stein«, der ohne jede Kühlung »ewig« hält. Er kann gerieben und wie Parmesankäse über Gerichte gestreut werden. Für das klassische Gericht »Zicklein in der Milch« wird der Stein am Abend in kochendes Wasser gelegt. Am nächsten Tag ist er so weich, dass er mit Hand oder in einem Mixer zerschlagen und gesiebt werden kann. Dieser Prozess wird so oft wiederholt, bis keine »Krümel« mehr übrigbleiben. Das ist dann die Grundlage für eine stark nach Käse duftende Soße, in der am Ende das Fleisch unter ständigem Rühren noch einmal aufgekocht wird. Das Ergebnis ist »Mansaf«, wie die Jordanier ihr Nationalgericht nennen.

Die Araber wissen durchaus, dass sie hier eine uralte, biblische Tradition bewahren. Dieses ist vielleicht das beste Beispiel, wie einerseits kulinarische Traditionen gepflegt und weitergereicht werden. Andererseits vertieft es auch die kulturelle Kluft zwischen den Völkern, da für Juden dieses Gericht ein Tabu ist, ähnlich wie in Deutschland seit dem 8. Jahrhundert Pferdefleisch verpönt ist. Ulrich W. Sahm

Buchtipp
Köstliches Israel. Rezepte, Traditionen, Feiertage, SCM-Collection, 144 S., ISBN 978-3-7893-9807-0, 16,95 Euro

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Unsere fatale Lust auf Brust

3. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Das globale Huhn: Nieder­ländische Hähnchenfüße in Kamerun, deutsche Hühnerherzen in Togo – weil wir Europäer das zarte Brustfilet des Hähnchens lieben, landen die übrigen Fleischteile seit den 1990er-Jahren zunehmend auf afrikanischen Märkten.

Der Preiskampf um das billigste Schnitzel und die günstigste Hähnchenkeule in den Discountermärkten hat bei uns in Europa dazu geführt, dass wir uns fast schon täglich die edelsten Fleischteile, wie Hähnchen- oder Schweinefilet, leisten können. Andere Teile, die noch billiger sind, finden immer weniger Absatz. Ganze Hühner sind nur selten in den Auslagen der Supermärkte zu finden.

Dies hat nicht nur Folgen für Tiere und Menschen in Deutschland. Die intensive Haltung und Mast haben zu einer Übersättigung des Marktes geführt, der nur noch funktioniert, wenn zumindest die billigen Restteile in Märkte außerhalb der EU exportiert werden. Auf der anderen Seite wäre der enorme Anstieg der Fleischproduktion ohne den massiven Import von Futtermitteln nicht möglich.

Die Reste der Reste unseres Wohlstands: Auf den afrikanischen Märkten landen Hühnerfüße und -flügel – bei den Dumpingpreisen der Fleischimporte haben die lokalen Geflügelzüchter das Nachsehen. Foto: Francisco Mari

Die Reste der Reste unseres Wohlstands: Auf den afrikanischen Märkten landen Hühnerfüße und -flügel – bei den Dumpingpreisen der Fleischimporte haben die lokalen Geflügelzüchter das Nachsehen. Foto: Francisco Mari

So kommt das Futter für unser Huhn zu großen Teilen aus Südamerika. Dort wird immer mehr Wald für den Sojaanbau gerodet oder Land für Nahrungsmittel umgewidmet. Dabei scheuen sich die Sojabarone in Paraguay oder Argentinien nicht, arme Bauern von ihrem Land zu vertreiben. Auf riesigen Feldern wird unter Einsatz von genverändertem Saatgut und Tonnen von Pestiziden Soja für die europäische Tiermast produziert.

Gleichzeitig verursacht unser Luxus, nur noch das Hähnchenfilet auf den Teller zu bringen, Unmengen von Resten, wie Hähnchenschenkel, Rückenteil oder Flügel. Diese Reste gehen auf Exportmärkte: Russland, China und der Nahe Osten nehmen viel davon zu guten Preisen ab. Aber bei Weitem nicht alles. Und so landet immer mehr Geflügelfleisch, sozusagen die Reste der Reste, in Afrika. Im vergangenen Jahr hat die EU ihre Exporte von Geflügelfleisch nach Afrika auf 680 Millionen Kilogramm erhöht. Das ist ein Anstieg von zehn Prozent gegenüber 2015. Da der Verkauf der in Europa begehrten Hähnchenfilets bereits gewinnbringend ist, wurden die Ausfuhrpreise von Hähnchenteilen auf durchschnittlich 0,75 Euro pro Kilogramm gedrückt.

Natürlich freute sich zunächst die städtische Bevölkerung in Afrika über die billigen Hähnchenschenkel. Aber nicht lange, denn die fehlenden Kühlketten und ständige Stromausfälle machen aus den gefrorenen Teilen auf offenen Marktständen bei 30 Grad Hitze hervorragende Brutstätten für Salmonellen. Die Folgen des billigen Fleischimports sind katastrophal: Kleinbauern in Afrika, die sich mit eigener Hühnerhaltung einen kleinen Zusatzerwerb aufbauen, können ihre Tiere zu solchen Dumpingpreisen nicht mehr verkaufen. Besonders Bäuerinnen, die sich meist um die Tiere kümmern, fehlen die Bargeldeinnahmen für Schulgeld, Medikamente oder Transport. Und ist nach einiger Zeit das lokale Fleischangebot von den Märkten verschwunden, werden die Preise, wie in Ghana geschehen, verdreifacht.

Dabei könnten mit den rund 500 Millionen Euro, die Afrika für Fleisch­importe zahlt, Hunderttausende Arbeitsplätze in der Hühnermast, im Futtermittelanbau, im Zwischenhandel und in der Schlachtung geschaffen werden.

In Liberia kommt nach Ebola und Bürgerkrieg die Tierhaltung nicht wieder auf die Beine, weil zum Beispiel Geflügelfleisch aus Europa für nur 0,48 Euro pro Kilogramm importiert wird. Auf dem Markt in der Hauptstadt Monrovia kostet ein Kilo Hähnchenschenkel allerdings 2,50 Euro – die Verbraucher haben also nichts davon. So machen Importeure und die EU-Schlachtindustrie das große Geschäft auf dem Rücken der Kleinmäster in Afrika.

Es ist trotzdem nicht einfach für afrikanische Staaten, den Import zu verbieten und ihre Landwirtschaft vor Billigprodukten zu schützen. Einmal gibt es, wie in Liberia, nicht sofort lokale Alternativen, zweitens sind die Schutzregeln des Welthandels für arme Länder nicht so einfach anzuwenden. Nun bietet die EU Afrika neue Handelsverträge an, die es den afrikanischen Staaten noch schwieriger machen, schon bestehende Billigimporte zu beschränken: die EU–Afrika-Wirtschaftspartnerschaftsabkommen.

In Kamerun hat übrigens eine breite Bürgerbewegung schon vor 10 Jahren die Regierung dazu gezwungen, die Handelsregeln zu brechen und den Import von EU-Hähnchenteilen zu verbieten. Das lokale Geflügelangebot hat sich daraufhin verzehnfacht und der Preis ist stabil geblieben. Auch so kann man Arbeitsplätze schaffen und Menschen bei sich eine Zukunft bieten.

Neue faire Handelsbeziehungen zu Afrika sind notwendig, aber das Exportproblem ließe sich auch lösen, wenn sich Fleischproduktion und -konsum bei uns verändern, was auf Kosten der Menschen in Südamerika und Afrika geht. Wir können mit unserem bewussten Einkauf konkret zur Verbesserung beitragen, denn nicht nur der Preis ist ausschlaggebend. Es geht auch um die Fragen: Wo kommt das Huhn her? Wie wurde es gehalten? Und was kann ich eigentlich alles kochen aus einem Huhn? Wie wäre es bei kühler werdenden Temperaturen mal mit einer selbstgekochten Suppe aus einem ganzen Suppenhuhn?

Francisco Mari

Der Autor ist Referent für Welternährung, Agrarhandel und Meerespolitik bei »Brot für die Welt«; er lebte mehrere Jahre in Kamerun und ist Autor des Buches »Das globale Huhn«.

www.brot-fuer-die-welt.de/themen/haehnchenexport/

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Wie sagt man? – Danke!

3. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Lebenshaltung: Dankbarkeit kann man mit einer einfachen Formel lernen

Haben Sie heute schon jemandem gedankt? – Nein? Dann überlegen Sie mal schnell, wem Sie heute danken könnten – Ihrer Frau oder Ihren Kindern? Der Postfrau oder dem Kollegen? Gott oder dem Leben? Und wenn Sie schon dabei sind, dann überlegen Sie gleich weiter: Wofür können Sie danken? Was haben Sie heute schon Schönes erlebt oder bekommen, gefühlt oder gesehen?

Es gibt tausend Gründe, dankbar zu sein – und das Erntedankfest ist eine gute Möglichkeit, sich wieder daran zu erinnern. Nicht nur für jetzt und dieses Fest, sondern für immer. Nicht nur aus Höflichkeit, wie wir es gelernt haben, sondern aus vollem Herzen.

Dankbarkeit ist eine Lebenshaltung. Und sogar eine, die das ganze Leben verändern kann. Wer dankbar ist, hat einen anderen Blick auf das Leben. Wer dankbar ist, hat einen Blick für das Schöne und Gelungene, für die vielen Geschenke, die das Leben uns macht. Wer dankbar ist, nimmt nichts als selbstverständlich hin. Alles ist Geschenk und kann zu etwas Kostbarem werden, wenn wir es so sehen lernen. Jede Begegnung, jeder einzelne Augenblick unseres Lebens, die wichtigen Dinge, die uns umgeben – alles ist einzigartig. Und je bewusster wir sie wahrnehmen, desto tiefer kann unsere Dankbarkeit und desto reicher wird unser Leben sein.

Lebenshaltungen kann man einüben, auch die Dankbarkeit. David Steindl-Rast, Benediktiner-Mönch und Meister der Dankbarkeit, hat dafür eine einfache Formel gefunden: »Stop – Look – Go« – das bedeutet »Innehalten – Schauen – Handeln«. Um Dankbarkeit als Lebenshaltung zu lernen, braucht es nichts weiter als dieses: Innehalten – um wahrzunehmen, was gerade passiert. Anhalten mitten im Alltagstrubel, für einen Augenblick. Spüren, was gerade guttut. Was spüren Sie gerade? Was tut Ihnen jetzt gerade gut?

Schauen – um den Reichtum des Lebens zu sehen. Schauen Sie sich um! Was gibt es gerade alles, wofür Sie danken könnten? Die Sonne vor dem Fenster? Das Lachen Ihres Kindes? Das neue Kleid? Der duftende Kaffee? Und schließlich: handeln – also danken. Gott danken mit einem Lied oder einfach mit einem stillen Lächeln. Ihrem Kind mit einer Umarmung. Oder der Postfrau mit einem guten Wort. – Und hat Ihnen eigentlich heute schon jemand gedankt?

Als ich die Kinder meiner Gruppe gefragt habe, wo sie Dankbarkeit erleben, habe ich nicht schlecht gestaunt: Fast alle Kinder haben davon erzählt, dass sich jemand bei ihnen selbst bedankt hat. Sie haben Dankbarkeit am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren. Und sie haben gespürt, wie gut dass tut: »Danke, dass du den Tisch gedeckt hast!« – »Danke, dass du mir deinen Stift geborgt hast!« – »Danke, dass du meine Freundin bist.«

Kinder lernen offenbar Dankbarkeit am besten, wenn wir ihnen danken. Wenn sie uns, die Erwachsenen, als dankbare Menschen wahrnehmen. Und wenn sie erleben können, was für ein schönes Gefühl durch die Dankbarkeit entsteht. Wie schön das ist zu hören: »Danke! Du tust mir gut.«

Es ist Erntedank. Wir danken Gott für die Erntegaben, für die Fülle unseres Lebens, für all die Momente, in denen das Glück von ganz allein in die Dankbarkeit fließt. Wir danken den Menschen, die uns guttun und die uns lieben und wärmen. Und vielleicht üben wir uns auch über das Fest hinaus in Dankbarkeit, immer wieder. – Halten Sie inne, schauen Sie hin – und danken Sie. So oft Sie es aus vollem Herzen können. Sie werden sehen, welche Wunder das wirkt!

Wer dankbar ist, lebt bewusster und kann das Leben tiefer genießen. Werden Sie Genießer! Und stecken Sie andere mit Ihrer Dankbarkeit an. Dann wird aus dem Erntedank ein Lebensdank und aus dem einen Fest eine neue Lebenshaltung. Eine, die das ganze Leben heller strahlen lässt. Und das ist ja dann schon wieder ein Grund, dankbar zu sein.
Übrigens: Danke, dass Sie sich die Zeit für diesen Artikel genommen haben.

Friederike Hempel, Gemeindepädagogin, Erfurt

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Die Lebensmittelretter

1. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Auf den Teller statt in den Müll: Mit zwei Tonnen Bio-Zucchini kam das Projekt vor drei Jahren richtig in Fahrt. Jetzt haben die Lebensmittelretter aus Magdeburg den zweiten Platz beim Bundeswettbewerb der Nebenan-Stiftung errungen.

Initiator der Lebensmittelrettung, auch als Foodsharing (Lebensmittel teilen) bekannt, ist Ralf Weigt, der bei der Grünen Hochschulgruppe in Magdeburg die ersten Impulse bekam: »Ich finde, in unserem reichen Land, in dem es sehr vielen Menschen gut und sehr gut geht, gibt es einfach zu viele Menschen, denen es schlecht geht. Da möchte ich lokal etwas gestalten, damit von der Überfülle alle etwas haben.« Dass es sich bei der Überfülle hier und dem Mangel dort um ein weltweites Problem handelt und nicht auf Lebensmittel beschränkt ist, weiß er. »Nach Jahrzenten des Wachstums sollten wir Menschen uns auf unsere Wurzeln besinnen – und die liegen nicht in der Stadt.« Mit dem Blick auf den sorglosen Umgang mit den Lebensmitteln, die vom Lande kommen, will Ralf Weigt mit kleinen Schritten einen weniger sorglosen Umgang mit den Ressourcen befördern und zugleich Menschen helfen.

Teilen statt wegwerfen: Ehrenamtliche der Initiative »Lebensmittel retten Magdeburg« holen die Lebensmittel bei den Spendern ab und bringen sie dann zu den Verteiler-Stationen; auch dieser prall gefüllte Kühlschrank wird am Tagesende wieder leer sein. Fotos: Facebook

Teilen statt wegwerfen: Ehrenamtliche der Initiative »Lebensmittel retten Magdeburg« holen die Lebensmittel bei den Spendern ab und bringen sie dann zu den Verteiler-Stationen; auch dieser prall gefüllte Kühlschrank wird am Tagesende wieder leer sein. Foto: Facebook

Die Lebensmittelretter sammeln – vorwiegend mit (Lasten-)Fahrrädern – Lebensmittel in Supermärkten, bei kleineren Händlern und Bauern ein. Jene Zucchini zu Beginn waren ein Angebot des Bauern. Das Sammelgut wird zu Verteiler-Stationen gebracht, wo auch Kühlschränke für verderbliche Produkte stehen. An den Verteilstationen können sich Bedürftige die Lebensmittel abholen. Das wird inzwischen in fast allen Großstädten praktiziert. »Das Besondere bei uns ist, dass unsere Verteilstellen soziale Treffpunkte sind, wo sowieso Menschen zusammenkommen. So haben wir vor Ort Helfer, die die Lebensmittellisten führen und die Kühlschränke sauberhalten. Sie verteilen, sie nutzen aber auch die Spenden, um gemeinsam mit der Nachbarschaft zum Beispiel Marmelade zu kochen«, erläutert Ralf Weigt. Diese Verbindung von Lebensmittelrettung und Sozialarbeit habe die Jury von nebenan.de besonders gewürdigt. Das Preisgeld von 7000 Euro fließt ins Projekt.

Gute Erfahrungen hat die Gruppe mit Partnern wie der Stadtmission, der Bahnhofsmission oder dem von den Pfeifferschen Stiftungen getragenen Quartierscafé gemacht. Die Auslandsgesellschaft mit dem Eine-Welt-Laden gehört neben Studenten zu den Verteilern. Und ein Tattoo-Studio macht auch mit. Etwa 100 Menschen und etliche Institutionen gehören zum Netzwerk der Lebensmittelretter. Obwohl die Zahl derjenigen, die sich als Initiator für nachhaltige Projekte ins Zeug legen, in Magdeburg überschaubar ist, gelang dem Spielwagen-Verein der Aufbau dieser großen Helferschar gut. »Jede neue Verteilstation lockt neue Helfer an«, freut sich Ralf Weigt. In deren Umfeld würden auch Lebensmittel von privat zu privat geteilt.

Demnächst möchte er mit einem Workshop der Grünen Hochschulgruppe in Stendal die Lebensmittelrettung in der Altmark anschieben. »Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Kirchengemeinden in dieser Richtung aktiv werden – in den kleineren Städten und auf dem Land gibt es da noch viel zu tun. Gern gebe ich Ratschläge und helfe mit unserem Netzwerk weiter«, ermuntert Ralf Weigt zum Nachmachen.

Renate Wähnelt

www.spielwagen-magdeburg.de/lebensmittel-retten

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Mogul und Gauner

25. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine alte indische Legende – nacherzählt von Katrin Martin mit einer Illustration von Maria Landgraf

Im fernen Indien geschah es einst, dass man einen Gauner aufgriff, der hartnäckig mein und dein verwechselte. Ihm drohte der Tod. Da bot er im Tausch um sein Leben den Häschern ein Geheimnis an: Nämlich wie Bäume gepflanzt werden, die goldene Früchte tragen!

Davon nun hörte der Mogul des Landes und der dachte bei sich, ein Versuch könne nicht schaden. Der Bösewicht wurde zu ihm gebracht und erklärte, er könne dieses Kunststück sofort vorführen. Er benötige nichts weiter als einen Klumpen Gold und eine Schaufel.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Der König überlegte einen Augenblick, dann sprach er: »Gut, ich will es mit dir versuchen. Falls alles so klappt, wie du sagst, lasse ich dich frei – im anderen Fall werde ich dich ohne Zögern hängen lassen.« Am nächsten Morgen erschien der König mit seinem gesamten Hofstaat im Garten. Der Gauner verneigte sich tief vor der prachtvoll gekleideten Versammlung und sagte: »Großmächtiger Mogul, du wirst sehen, es ist alles ganz einfach: Ich werde nun ein Loch in den Boden graben, lege den Goldklumpen hinein und werde ihn sodann drei Tage lang mit drei Eimern Wasser begießen. Und du wirst erleben, wie dann ein Baum wächst, der nach weiteren dreimal drei Tagen die ersten drei goldenen Früchte trägt, die täglich neu wachsen und genau das Gewicht des gepflanzten Goldes haben.«

»Nun denn«, sprach der König, »was redest du so lange, geh an die Arbeit. Und sind nach zwölf Tagen die ersten Früchte nicht zu sehen, dann marschierst du zum GaIgen.«
»Oh, großer Mogul«, erwiderte da der Dieb, »ich selber kann dies nicht bewirken. Denn merke: Die Hand, die das Gold pflanzt, darf nie unrechtes Gut berührt haben, sonst wirkt der Zauber nicht. Mir nützt also mein Wissen nichts. Du selber jedoch, großherziger Herrscher …«

Des Königs Hand zuckte nach dem Spaten. Doch dann fielen ihm seine Taten im letzten Krieg ein. »Ich weiß nicht recht«, sprach er nach einigem Nachdenken. »Das Land, das ich eroberte und meinem Reich einverleibte, nahm ich zwar mit dem Recht des Siegers, aber wer weiß, vielleicht kann auch eine solche Tat den Zauber ungünstig beeinflussen. Möge eine andere Hand die Schaufel ergreifen.«

Er winkte seinen Schatzmeister heran. Der aber wich zurück, anstatt näher zu treten. »Oh, großer Mogul«, wand er sich, »so unverbrüchlich ehrlich ich stets dir gegenüber ge-
wesen bin und auch dem Reich natürlich – so mag es doch sein, dass einmal – von mir unbemerkt – ein böser Zufall es zuließ, dass in deiner Schatzkammer ein Goldstück an meinen Schuhsohlen kleben blieb und auf diese Weise …«

»Schon gut«, wehrte der Mogul ab. »Mein unbestechlicher Oberrichter des Reiches soll den Spaten ergreifen!«

Der hohe Richter erhob sich mit einer Verbeugung. »Nur zu gerne würde ich meinen Teil dazu beitragen, den Reichtum des Landes zu nähren. Doch ach, es geht nicht – ausgerechnet in diesem Augenblick beginnt ein wichtiger Prozess, den ich keinesfalls versäumen darf. Sagst du selbst nicht stets, die Gerechtigkeit dürfe man keinen Augenblick warten lassen?«

Da lächelte der König und sprach: »Eile nur und lass deinen Prozess nicht aus! Dann soll …« Und als er sich umsah, fand er sich allein mit dem Dieb – und erblickte gerade noch die letzten seines Hofstaates um die Palast-Ecke hetzen. »So also ist das. Du hast uns eine gute Lehre gegeben, Dieb. Und da es mit dem Goldbaum nichts zu werden scheint, will ich mich mit der Moral begnügen. Nimm das Geld, Gauner, und gehe deiner Wege – aber lasse dich in meinem Reich nicht mehr sehen!«

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Wir haben alles verloren, aber offene Türen gefunden

25. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Alles war perfekt: Er arbeitete als Assistenzprofessor an der Universität in Aleppo, seine Frau als Kinderärztin mit eigener Praxis. Zwei kleine Kinder, Haus, Auto. »Wir hatten alles«, sagt Salim Jallouf. Bis in Syrien der Krieg ausbrach.

Die christliche Familie fürchtete um ihr Leben. Nicht nur wegen ihrer Religion. »Die Bomben töten dich, egal ob Christ oder Moslem«, betont der Ingenieurwissenschaftler.

Einmal explodierte ein Sprengkörper mitten in seinem Garten und zerstörte das Klettergerüst, auf dem die Zwillingsmädchen kurz vorher gespielt hatten. Auf den Straßen waren Schüsse zu hören. Hinzu kam die Angst vor Entführungen. Auf der Straße marschierten islamistische Terroristen. Der Familienvater wollte nur noch eins: raus aus Syrien, seine Familie in Sicherheit bringen.

Ein Flüchtlingsschicksal: Der Ingenieurwissenschaftler Salim Jallouf floh mit seiner Familie vor dem Krieg in Syrien. Dank eines Stipendiums kann er seine Arbeit an der TU Darmstadt fortsetzen. Foto: epd-bild

Ein Flüchtlingsschicksal: Der Ingenieurwissenschaftler Salim Jallouf floh mit seiner Familie vor dem Krieg in Syrien. Dank eines Stipendiums kann er seine Arbeit an der TU Darmstadt fortsetzen. Foto: epd-bild

In seiner Not schrieb Jallouf an Freunde und Kollegen überall in der Welt, hundert E-Mails. Niemand konnte helfen. Bis in seinem Postfach die Antwort eines Professors aus Frankreich aufpoppte, der ihm vom »Scholar Rescue Fund« erzählte. Der Stipendien-Fonds fördert Forscher aus der ganzen Welt, die in ihren Heimatländern in Gefahr sind – und ermöglicht ihnen einen Gastaufenthalt im Ausland. Damit konnte Jallouf seine Arbeit an der Technischen Universität Darmstadt fortsetzen. Ohne Angst. Vor einem halben Jahr ist seine zweijährige Förderzeit ausgelaufen, seitdem arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Maschinenbau, Fachgebiet Konstruktiver Leichtbau und Bauweisen. Sein aktuelles Projekt läuft drei Jahre. Und es gibt die Aussicht, dass er seine Habilitation schreibt. »Ich bin sehr glücklich«, sagt Jallouf. Seine Töchter haben die neue Sprache schnell gelernt, nach den Ferien kommen sie in die Grundschule. Seine Frau arbeitet bei der Diakonie ehrenamtlich als Kinderärztin, lernt fleißig Deutsch. Und auch er selbst will jetzt endlich mehr Zeit für seinen Sprachkurs aufbringen. »In der Zukunft wird Deutschland unsere Heimat sein«, sagt der 48-Jährige.

Es gibt mehrere Organisationen weltweit, die bedrohte Akademiker an eine Partneruniversität vermitteln oder ihnen einen Forschungsaufenthalt im Ausland finanzieren. Die Organisation hat seit 2002 mehr als 700 Wissenschaftler aus 56 Ländern unterstützt. Aktuell erhalten 104 Menschen ein Stipendium, davon arbeiten sieben an einer Universität in Deutschland. Es gibt die Hoffnung, sagt eine Sprecherin in New York, dass sich die Bedingungen in ihrer Heimat in dieser Zeit verbessern und die Wissenschaftler nach Hause zurückkehren können. »Und dabei helfen, die durch Krieg, Unterdrückung und Angst verwüsteten Universitäten und Gesellschaften wieder aufzubauen.« Oder sie können den Auslandsaufenthalt nutzen, um eine längerfristige Lösung zu finden.

Bei Jallouf scheint das geklappt zu haben. Die Zusage des »Scholar Rescue Fund« sei damals wie ein Licht im Dunkeln gewesen, berichtet er. »Mit ihrer Hilfe konnte ich raus aus Syrien.« An seiner Uni in Aleppo seien damals viele Kollegen von einem Tag auf den nächsten nicht mehr aufgetaucht. Wer konnte, verließ das Land. Jallouf war es erst einmal egal, wohin. So kam die Familie nach Deutschland. Purer Zufall. Es gefällt ihnen hier: »Ein wunderschönes Land«, sagt Jallouf, »und eine tolle Universität.« Sein Fazit: »Wir haben alles verloren, aber offene Türen gefunden.«

Kathrin Hedtke  (epd)

Tag des Flüchtlings
Die jährlich stattfindende Interkulturelle Woche (IKW) ist eine Initiative der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie. Die IKW findet dieses Jahr vom 24. bis 30. September unter dem Motto »Vielfalt verbindet« statt.
Das Motto zum Tag des Flüchtlings am 29. September 2017 lautet: »Flüchtlingsrechte sind Menschenrechte«.

www.interkulturellewoche.de


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Mit Christus ein Kuchen werden

25. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Abendmahlsverständnis – Fleisch gewordenes Evangelium

Martin Luthers Abendmahlsverständnis wird wegen seiner Fokussierung auf die Vergebung der Sünden häufig kritisiert. Zusammen mit der vorgeschalteten Beichte sei es verantwortlich für das Missverständnis des Abendmahls als »traurige Unterhaltung« (Immanuel Kant) und der damit verbundenen Distanz vieler Kirchenmitglieder zum Abendmahlsempfang. Tatsächlich ist Luther überzeugt, dass sich im Abendmahl die Vergebung der Sünden erfahren lässt – nicht auf dem Weg des Hörens wie bei der Predigt, sondern auf sinnliche Weise in Form von Sehen, Riechen, Tasten und Schmecken. Das Abendmahl ist Fleisch gewordenes Evangelium. Es schenkt Versöhnung mit Gott dadurch, dass Jesus Christus jeden Menschen, so wie er ist – als wirklichen Sünder – an seinen Tisch einlädt.
Logo-CredoIm Kleinen Katechismus schreibt der Reformator: »Was nützt denn solch Essen und Trinken? Das zeigen uns diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden; nämlich, dass uns im Sakrament Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit durch solche Worte gegeben wird; denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit.« Damit ist klar: Auch für Luther geht es beim Abendmahl nicht bloß um die Vergebung der Sünden. Diese ist jedoch das Nadelöhr, um die anderen Aspekte – Leben und Seligkeit – zu erfahren. Das Abendmahl ist für Luther ein geistliches Lebensmittel. Es will in den Belastungen des Alltags Kraft zum Leben vermitteln und Horizonte der Hoffnung eröffnen. Dazu gehört die Aussicht auf die endgültige Überwindung der Nöte und Sorgen in Gottes neuer Welt, wobei diese Hoffnung die Erwartung einschließt, dass bereits in dieser Welt Veränderungen zum Guten möglich sind. Dadurch, dass die Kommunizierenden Leib und Blut Jesu Christi zu sich nehmen, erhalten sie Teil an seinem ewigen göttlichen Leben und an den Kräften der unsichtbaren Welt. Luther entdeckte den Charakter des Abendmahls als Gemeinschaftsmahl wieder. Es lässt die Feiernden erfahren, dass sie nicht allein sind, sondern zusammen mit Schwestern und Brüdern den Weg des Glaubens gehen. Das gemeinsame Essen und Trinken verbindet stärker als das bloße Miteinander-Reden!

Martin Luther legte die Grundlage für ein mystisches Verständnis des Abendmahls im Luthertum. In ihm vollzieht sich die Vereinigung von Braut und Bräutigam, d. h. des Gläubigen mit Christus. Beide werden »ein Kuchen, ein Brot, ein Leib, ein Trank und alles gemein«. Die Initiative für die innige Vereinigung mit Christus ging von dessen Liebe zum Menschen aus. Die Liebe Christi im Abendmahl zu erfahren, entzündet im Menschen seinerseits die Liebe zum Nächsten: »Denn wenn die Liebe nicht täglich wächst und den Menschen so verwandelt, dass er an seinem Mitmenschen Anteil nimmt, da bleibt das Sakrament für ihn ohne wirkliche Bedeutung.« Luther bestand Zeit seines Lebens entsprechend der mystischen Tradition auf der Realpräsenz Jesu Christi im Abendmahl. Er ist in, mit, unter Brot und Wein mit seinem Leib und Blut leibhaftig gegenwärtig. Die Realpräsenz ist für den Reformator unaufgebbar. Denn sie lässt die Kommunizierenden auf sinnliche Weise – unabhängig von gedanklichen Einsichten, Gefühlen und Stimmungen – die Nähe Gottes erfahren.

Luther schreibt im Großen Katechismus, dass das Abendmahl nur bei häufigem Empfang seine spirituelle Kraft entfalten kann. Es war deshalb ein großer Fortschritt, dass es in der evangelischen Kirche seit den 1970er-Jahren nicht länger bloß dreimal im Jahr, sondern in den meisten Gemeinden wenigstens einmal im Monat im Hauptgottesdienst gefeiert wird.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

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Ihr gedachtet es böse zu machen

25. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Christen in der DDR: Elly Lange gerät in der DDR als Schuldirektorin in Konflikt mit der SED-Ideologie. Ihr beruflicher Weg bricht abrupt ab. Die Folgen begleiten die 92-Jährige bis heute.

Wenn Elly Lange (Jahrgang 1925) auf ihr Leben zurückblickt und sich dabei an das erlittene Unrecht in der DDR erinnert, greift sie immer wieder auf ihre schriftlichen Ausführungen zurück. Sie helfen ihr, Gedächtnislücken zu schließen. In der Vergangenheit hat sie im Schreiben ein Ventil gefunden. Dramatische Situationen, einschneidende Ereignisse hat sie schriftlich festgehalten und sich damit den Schmerz von der Seele geschrieben, die Erschütterungen abgefangen.

Der berufliche Weg der 92-Jährigen ist in der DDR abrupt abgebrochen. Die Folgen begleiten sie bis heute. Elly Langes berufliche Laufbahn beginnt mit der Lehrerausbildung von 1942–1944. »Die ganze Klasse wurde – wir waren 18 Jahre alt – in die NSDAP überführt.« Als sie nach dem Kriegsende in den Schuldienst eintreten will, wird ihr nahegelegt, dass dies nur möglich sei, wenn sie einer antifaschistischen Partei beitritt. Sie wird Mitglied der SED, überzeugt von deren Idealen. »Ich glaubte an einen humanistischen Sozialismus.« Mit dieser Einstellung steht ihr in der DDR eine berufliche Karriere an der Schule offen. 1952 bekommt sie einen Vertrag als Schuldirektorin – und schon gerät sie in den ersten schweren Konflikt. Bei einer Festveranstaltung soll sie auf der Bühne verlesen, »dass wir auch mit der Waffe unseren Aufbau in der DDR verteidigen würden«. Das will sie nicht, sie gibt die Schulleitung ab, arbeitet als Lehrerin.

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Der nächste Konflikt folgt einige Jahre später. 1958 wird sie kommissarisch zur Parteisekretärin ernannt. Es ist die Zeit, in der die DDR-Regierung mit der Einführung der Jugendweihe einen harten Kampf gegen die Kirche führt. Eine Kollegin – Genossin – soll fristlos entlassen werden, weil sie sich auf die Seite der christlichen Schüler gestellt hatte. Elly Lange soll als Parteisekretärin diesen Vorgang leiten. »Die Stunde meiner Entscheidung.« Sie solidarisiert sich als Christin mit ihrer Kollegin und verkündet: »Ich erkenne, dass ich nicht in die Partei gehöre.« Die Mitgliedschaft ist damit noch nicht beendet, aber: »Das war ein Durchbruch zu innerer Freiheit, den ich als Hochgefühl erlebte. Ich konnte nach Depressionen und schlaflosen Nächten wunderbar schlafen, erkannte aber, dass ich keinen Boden mehr hatte in dem, was mich bislang trug.«

Sie kündigt und will der Familie Priorität geben. Eine ganz private Entscheidung, forciert durch persönliche Schicksalsschläge: Zwei Fehlgeburten, eines der Kinder lebte einige Stunden und starb. Sie will Abstand gewinnen und sie wünscht sich ein Kind. Sie und ihr Mann adoptieren einen kleinen Jungen, anderthalb Jahre alt. Als dieser fünf Jahre alt ist, reicht ihr Mann die Scheidung ein. Sie kehrt zurück in den Schuldienst.

Ihr Sohn kommt in die Schule, wo sich zeigt, dass er trotz normaler Intelligenz Schwierigkeiten hat. Sie will eine gute Mutter sein, fühlt sich aber alleinerziehend überfordert, sucht nach einem Ausweg. »Menschenskind«, denkt sie eines Abends, »es muss doch nicht der Lehrerberuf sein!« Sie entdeckt ein Inserat, das ihr wie ein Lichtblitz erscheint, und folgt ihm: Sie erlernt die Fußpflege. Sie scheidet aus dem Schuldienst und löst ihre Mitgliedschaft zur SED wegen ihres christlichen Glaubens – eine folgenschwere Entscheidung. Eigentlich wollte sie nach der Ausbildung teilweise als Fußpflegerin arbeiten und daneben Vertretungsdienste in der Schule übernehmen. Doch die Tür zur Schule ist verschlossen. Auf dem Schulamt wird ihr ein Papier gezeigt, in dem zu lesen ist, dass sie wegen ihrer »psychopathischen Konstitution« im gesamten Bereich der Volksbildung von einer Anstellung ausgeschlossen sei.

Sie beginnt in einem Kinderheim als Küchenhilfe. »Es war gut für mich, vom Obergeschoss runterzukommen«, schätzt sie heute selbstkritisch ein. Ehemalige Lehrerkollegen fragen: Wo bist du hingeraten? Von der Schuldirektorin zur Küchenhilfe! Eine Kollegin empfiehlt sie als Fürsorgerin im Gesundheitswesen. Bei einer Vorstellung sagt man ihr, sie müsse zuvor einen mittleren medizinischen Beruf erlernen. Die Frage, ob sie auch zu alten Menschen gehen würde, bejaht sie. So landet sie in einem Pflegeheim mit katastrophalen Zuständen. »Der 1. August 1968 ist für mich ein Schicksalstag. Er führte in ein anderes Leben«, hält sie in ihren Aufzeichnungen fest.

Die Schuldirektorin, hochqualifiziert, der nach dem Parteiaustritt und ihrem Bekenntnis zum christlichen Glauben eine psychopathische Konstitution angehängt wird, verschlägt es in ein abbruchreifes Pflegeheim mit schockierenden Missständen!

»Die größte Herausforderung meines Lebens!« Sie stellt sich ihr. Packt kräftig zu, stemmt sich gegen den Schlendrian, will die Not der hilfsbedürftigen alten Menschen lindern. Sie eckt an. Doch sie verbucht auch Erfolge. Nach einer Eingabe an den Staatsrat der DDR, in der sie menschenwürdige Bedingungen für Heimbewohner und Personal einklagt, wird das Pflegeheim abgerissen. Sie kommt auf eine andere Station, wo sie unter besseren Bedingungen arbeiten kann. Ein Ende des Unrechts, der Demütigungen und der Schikanen? Dazu ist ein Obergutachten nötig, welches die psychopathische Konstitution als nichtig erklären und ihr damit die Fähigkeit für den Schuldienst bescheinigen soll.

Sie bekommt dieses Obergutachten, das ihr die Tür zur Schule wieder öffnen soll. Sie tut es bedingt. Ihr wird eine Anstellung als Erzieherin für stationär betreute Kinder in der Nervenklinik mit einem Gehalt von 1 000 DDR-Mark angeboten. Ihr bisheriger Verdienst auf der Pflegestation beträgt 250 Mark. Dennoch: Sie lehnt ab.

Hier in etwa endet die böse Phase ihrer Verfolgung in der DDR. Nach dem Beruflichen Rehabilitierungsgesetz wird ihr die Zeit vom 1. März 1968 bis 31. Dezember 1970 als Verfolgungszeit angerechnet.

Die DDR ist indes noch lange nicht an ihr Ende gekommen. Elly Lange bezeichnet ihre Entscheidung, weiterhin sozial tätig zu bleiben, als eine Sternstunde ihres Lebens. Sie glaubt, ihre Berufung erkannt und Gottes Wille befolgt zu haben. Und nach dem erlittenen Unrecht kann sie sagen: Die Menschen wollten es böse machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. (1. Mose 50,20)

Nichtsdestotrotz bekommt sie mit dieser gebrochenen Berufsbiografie nur eine geringe Rente. Wäre sie Lehrerin oder Schuldirektorin geblieben, würde diese vermutlich höher ausfallen.

2011 soll die Miete um zehn Euro erhöht werden. Bei einer Rente in Höhe von 661 Euro ist das für sie viel Geld. Doch es geschieht etwas Überraschendes. Ein Pfarrer im Westen – er hatte den 2010 im MDR gezeigten Film »Der Mut der Anständigen« gesehen, in dem auch Elly Lange auftrat, meldet sich. Der Theologe ist von dem Schicksal dieser resoluten Frau so berührt, dass er ihr helfen will. Monatlich bekommt sie eine finanzielle Unterstützung von ihm – über seinen Tod hinaus. »Das große Wunder meines Lebens.«

Sabine Kuschel

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Von Gott erhoben?

18. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Gottgewollter Reichtum: Das Wohlstandsevangelium passt zum »American Dream« – jedem Menschen, der es verdient, verspricht es Gesundheit, geordnete Verhältnisse und materiellen Erfolg. Trump ist ein Anhänger dieser Lehre.

Der Mann im Weißen Haus ist ein Novum für Theologen und Religionsforscher: Donald Trump sei der erste US-Präsident, »dessen einzige religiöse Impulse vom amerikanischen Wohlstandsevangelium kommen«, analysierte die Historikerin Kate Bowler. Noch nie habe diese Glaubenslehre mit dem Kerngedanken, materielle Güter seien Beweis für Gottes Gunst, einen mächtigen Fürsprecher gehabt in den Korridoren der Macht.

Bowler von der Duke Universität in Nord Carolina ist Autorin des Buches »Blessed: A History of the American Prosperity Gospel« (Gesegnet: Die Geschichte des amerikanischen Wohlstandsevangeliums). Das Wohlstandsevangelium sei »sehr viel weiter verbreitet« als gemeinhin angenommen, sagte Bowler bei einer Religionskonferenz. Da können »gestandene« Theologen noch so oft sagen, dass der Gekreuzigte keine Luxusvillen versprochen habe.

Eine Heimat haben Versionen des Wohlstandsevangeliums in vielen Megakirchen und manchen pfingstkirchlich und evangelikal orientierten Gemeinden. Und offenbar auch bei Trump-Wählern. Häufiger Trump-Wahlkampfredner war der afro-amerikanische Pastor Mark Burns aus Süd Carolina. Gott habe ihn von der Armut und Lebensmittelmarken und Sozialwohnungen zu einem Leben im Wohlstand geführt, erzählte Burns. Jesus wolle doch, dass es seinen Jüngern gut gehe. Donald Trump repräsentiere diesen Wunsch.

Ansichtssache? »Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme«, heißt es im Neuen Testament (Markus 10, Vers 25) – mit diesem Bibelzitat kritisieren Gegner das Wohlstandsevangelium. In den USA hat diese theologische Lehre sehr viele Anhänger. Foto: JohnKwan – stock.adobe.com

Ansichtssache? »Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme«, heißt es im Neuen Testament (Markus 10, Vers 25) – mit diesem Bibelzitat kritisieren Gegner das Wohlstandsevangelium. In den USA hat diese theologische Lehre sehr viele Anhänger. Foto: JohnKwan – stock.adobe.com

Als dessen »spirituelle Beraterin« gilt die (wie der Präsident zum dritten Mal verheiratete) Fernsehpredigerin und Megakirchenpastorin Paula White, die mit strahlender Zuversicht verkündet, Gott verheiße Gläubigen ein Leben im Überfluss. Gott habe Menschen den »freien Willen gegeben«, sodass sie sich für Glück entscheiden könnten. Man müsse positiv denken und Chancen ergreifen.

Die Pastorin vom New Destiny Christian Center in Apopka in Florida, angeblich mit einem Apartment im Trump Tower in Manhattan, ist nach eigenen Angaben seit 16 Jahren mit Trump persönlich bekannt. Bei der Amtseinführung sprach White ein Gebet. Auf Fotos von Trumps evangelikalem Beraterkreis fällt die schick gekleidete blonde Frau auf unter all den grauen Männern. In einer Talkshow sagte sie jüngst, Gott habe Trump erhoben: »Wer gegen den Plan Gottes kämpft, kämpft gegen die Hand Gottes.«

Das Wohlstandsevangelium, das sich zusehends auch in Westafrika ausbreitet, passt zum amerikanischen Selbstimage, die Nation sei etwas Besonderes und könne erreichen, was sie erreichen wolle. Es sei »eine Ritualisierung des amerikanischen Traums von aufsteigender Mobilität«, bei dem man bei »richtigem Glauben« mit allen Problemen fertig werden könne, erläuterte Bowler.

Zur Prominenz kam das »prosperity gospel«, bekannt auch als das Evangelium von Gesundheit und Reichtum, in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Prediger heilten. Fernsehsendungen verbreiteten die vermeintliche Hoffnung. Dass der Prediger einen opulenten Lebensstil führte, bestätigte seine Botschaft.

Als junger Mann hat Trump mit seinen Eltern Predigten des New Yorker Selbsthilfepublizisten Norman Vincent Peale besucht, dem zufolge »positives Denken« aus Wünschen Realität macht. Donald sei begeistert gewesen, zitierte die »Washington Post«. Peale »konnte 90 Minuten lang sprechen und die Zuhörer haben sich aufgeregt, als er Schluss machte«.

Einer der bekanntesten Prediger aus dem Spektrum des Wohlstandsevangeliums ist Joel Osteen, ein »wahrer Freund«, wie Trump einmal twitterte. Seine mit 16 000 Sitzplätzen ausgestattete Lakewood Church in Houston ist eines der größten Gotteshäuser in den USA. Während der Flutkatastrophe »Harvey« Ende August bekam Osteen Image-Probleme: Seine Kirche habe anfangs ihre Türen nicht aufgemacht für vor den Wassermassen bedrohte Menschen, hieß es in Medienberichten.

Die Religionswissenschaftlerin Anthea Butler erläuterte in der »New York Times«: Der »spektakulär reiche« Osteen hätte seine Kirche doch frühzeitig als ein Logistikzentrum für die Stadt zur Verfügung stellen oder Obdach anbieten können. Stattdessen habe er Twitter-Botschaften verbreitet, man dürfte nicht »zum Zweifel und zur Furcht hin treiben« und müsse »verankert bleiben in der Hoffnung«.

Naturkatastrophen seien außerordentlich schwierige Krisen für Menschen wie Osteen (und Trump), schrieb Butler.

»In Ihnen steckt ein Gewinner«, verheißt Osteen Lesern seiner Büchern. »Sie wurden dazu geschaffen, erfolgreich zu sein.« Diese Botschaft ist schwer zu vermitteln an Evakuierte, die um ihre Wohnungen bangen und den in den Fluten abgesoffenen Pkw, und nicht mehr haben als die nassen Kleider am Leib.

Osteen hat die Kritik in den Medien gekontert, mit seinem gewohnten Charme und freundlichem Lächeln. Die Stadt Houston habe Lakewood gar nicht um Obdachgewährung gebeten, sagte er im NBC Fernsehen. »Wir wären ein Zufluchtsort geworden, wenn sie uns zuerst gefragt hätten.« Lakewood sei Verteilungszentrum für Hilfsgüter, und »wir werden noch in fünf Jahren hier sein, um diesen Menschen zu helfen«. Er fühle sich gut dabei.

Der Präsident reiste zweimal ins texanische Katastrophengebiet. Er brachte eine ausgesprochen positive Botschaft. Der Wiederaufbau werde viel schneller gehen als erwartet, sagte Trump. Und die Anstrengungen seien »eine wunderbare Sache. Sogar für die Nation und die Welt beim Zuschauen, es war wunderbar.«

Konrad Ege

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Welche Rolle spielen Christen in der Politik, Herr Resing?

18. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Nahezu 60 Prozent Christen leben in Deutschland. Wie groß ist der Einfluss in Politik und Gesellschaft? Der Journalist und Buchautor Volker Resing (»Angela Merkel – Die Protestantin«) hat darauf geantwortet:

Welche Rolle spielen Christen in der Politik?
Resing:
Christen spielen in der Politik eine maßgebliche Rolle. Gerade in den neuen Bundesländern sind engagierte Christen nach 1990 in wichtige Positionen gekommen. Ohne das soziale Engagement von Christen und den Kirchen sähe es in unserem Land gewiss schlechter aus.

Wie viel Kirche und Christentum verträgt die Politik?
Resing:
Aus der christlichen Botschaft lässt sich in der pluralen Gesellschaft kein eindeutiges politisches Programm ableiten. Wer das behauptet, der missbraucht die Bibel für seine persönlichen politischen Ziele. In der Demokratie ist es auch als Christ legitim, etwa die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu begrüßen oder sie zu kritisieren. Die Kirchen haben sich hier klar und laut positioniert, dass das Eintreten für Menschen in Not zur Christenpflicht gehört. Manchen war das zu deutlich, aber klar erkennbar waren die Kirchen da.

Volker Resing Foto: Markus Nowak

Volker Resing Foto: Markus Nowak

In manchen anderen Fragen gibt es ja auch unter den verschiedenen christlichen Kirchen – und auch unter Christen – sehr unterschiedliche Positionen. Etwa in der Abtreibungsfrage oder bei der Diskussion um die Ehe für homosexuelle Paare. Das ist für Christen manchmal sehr schwierig, da eine eigene Orientierung und Positionierung zu finden. Aber dass es als Christ leicht sein würde in der Welt, das hat Jesus auch nicht verheißen.

Das Thema eines Gesprächsforums in Magdeburg heißt »Das Verschwinden des Christentums aus der Politik?« Wie stehen Sie dazu?
Resing:
Meine Kernthese ist, dass vielmehr die Entkirchlichung und das Verschwinden des Christentums in der Gesellschaft das Problem ist. Gerade in den neuen Bundesländern hat man da ja durchaus schon mehr Erfahrung als im Westen. Und auch dabei ist die sinkende Zahl von Gottesdienstbesuchern doch nur ein Symptom der Krankheit. Viel schlimmer ist, dass die Menschen die christliche Botschaft nicht mehr verstehen – und viele Christen sie nicht mehr erklären können.

Theologen in der Politik – Vorteil oder Hindernis?
Resing:
Vielleicht muss man hier an Martin Luther und die Freiheit eines Christenmenschen erinnern. Das Christentum ist nun mal, auf die Politik bezogen, keine Sprache oder kein Fachgebiet wie etwa das Englische, bei dem man mit einem Test einwandfrei nachprüfen könnte, ob jemand es beherrscht oder nicht.

Das Christentum ist keine Ideologie. Und wenn es eine wäre, das Christentum wäre heute nicht die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft der Welt. Die Botschaft des Auferstandenen ergreift Asiaten und Afrikaner, Amerikaner und auch Sachsen-Anhalter und Thüringer gleichermaßen, wer sie da kleinmachen will für sein eigenes kleines Leben, der hat die Sprengkraft des Glaubens vielleicht noch nicht ganz erfasst.

Die Fragen stellte Diana Steinbauer.

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Luther und der Hammer

18. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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In Gotha ist bei Erschließungsarbeiten am Nachlass des Theologen und Bibliotheksdirektors Ernst Salomon Cyprian eine Federzeichnung entdeckt worden, die einer der ersten Belege für die Visualisierung des Thesenanschlags Martin Luthers mit dem Hammer ist. Die Zeichnung wurde nach einem anlässlich des Reformationsjubiläums 1717 im dänischen Aalborg ausgestellten Schaubildes angefertigt. Das teilte die Universität Erfurt mit, zu der die Gothaer Forschungsbibliothek gehört.

Dass der Reformator am 31. Oktober 1517 mit einem Hammer seine 95. Ablassthesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg schlägt, ist ein Bild, dass 500 Jahre Reformationsgeschichte überdauerte. In der Forschung ist diese Zuspitzung auf den Hammer jedoch umstritten, da dieses Bild bisher als eine Prägung des 19. Jahrhunderts galt. Jedoch wurde nie untersucht, wann und wo das populäre Motiv »Luther mit dem Hammer« tatsächlich entstand.

Gemeinsam mit anderen Objekten lässt der Fund den Schluss zu, dass der historisch nicht verbürgte Thesenanschlag mit dem Hammer zwar mit deutlichem Abstand zur Reformationszeit, aber schon weit vor dem 19. Jahrhundert erstmals dargestellt wurde.

Mirjiam Petermann

Ein Land mit vielen Herren

12. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Kann Europa darauf bauen? Libyen ist zerrissen zwischen zwei Regierungen und vielen Milizen – ein verlässlicher Verhandlungspartner sieht anders aus.

Libyen steht seit einigen Jahren ganz oben auf der Prioritätenliste europäischer Diplomatie. Nicht erst seit dem Pariser Migrationsgipfel Ende August. Als Transitland für Hunderttausende Afrikaner, die nach Europa wollen, spielt es aus europäischer Sicht eine Schlüsselrolle bei der Regelung der Migration. Allerdings kann trotz aller diplomatischer Bemühungen von Libyen als Einheit auch weiterhin keine Rede sein, zumindest nicht von einem libyschen Staat, der als Verhandlungspartner verlässlich oder auch nur ansprechbar wäre.

Daran hat der viel beachtete Vorstoß von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Juli nichts geändert. Dabei bekam er seinerzeit immerhin die beiden wichtigsten Gegenspieler des libyschen Machtkampfs in einen Raum: In einem Schlösschen außerhalb von Paris brachte Macron Fayez al-Sarradsch, den Chef der libyschen »Einheitsregierung«, und seinen Rivalen General Khalifa Haftar zusammen, den Befehlshaber der libyschen Armee. Die beiden einigten sich auf ein Abkommen mit zehn Unterpunkten.

Demnach wollen sie sich nicht nur für einen Waffenstillstand, die Vorbereitung von Neuwahlen und den Aufbau eines demokratischen Rechtsstaats einsetzen, sondern auch gegen Schmuggel jeglicher Art vorgehen – also auch Grenzen und Migration kontrollieren. Konkrete Schritte zur Umsetzung der ehrgeizigen Ziele fehlen allerdings, und ihre Unterschriften setzten die beiden Herren auch nicht unter das Papier.

Aber selbst das hätte das libysche Problem nicht gelöst. Denn seit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi 2011 ist das riesige nordafrikanische Land mit seinen sechs Millionen Einwohnern politisch ein Flickenteppich. Außer den zwei Regierungen, in denen Haftar und al-Sarradsch die tragenden Rollen spielen, konkurrieren Dutzende Milizen um die Macht. In jeder Stadt hat eine andere Gruppe mit anderen Zielen das Sagen, jede Gruppe hat eigene Kampfbrigaden. Ein wichtiger Faktor ist außerdem die Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS), die beim Menschenschmuggel mitmischt.

Selbst ein Etappensieg gegen den IS im Dezember 2016 hat die Lage nicht stabilisiert. Sieben Monate hatte die Offensive gedauert, bis Milizen aus der zentrallibyschen Stadt Misrata die Küstenstadt Sirte im Osten des Landes unter ihre Kontrolle brachten. Unterstützt wurden die Milizionäre von der US-Luftwaffe nach einer Bitte der international anerkannten »Einheitsregierung« von Premier al-Sarradsch in Tripolis. Die Milizen von Misrata unterstellten sich zumindest offiziell seiner Regierung.

Aber eine »Einheitsregierung« führt al-Sarradsch bis heute nicht. Faktisch gibt es weiterhin die Gegenregierung in Tobruk im Osten, in der General Haftar der starke Mann ist. Die beiden Regierungen verhalten sich auch gegenüber Europa regelmäßig widersprüchlich. Nach einer Ankündigung Italiens, Libyen habe für die eigenen Hoheitsgewässer um Unterstützung italienischer Marineeinheiten gebeten, drohte Haftar, er werde jedes italienische Schiff zurückschlagen, das in libysche Gewässer einfahre.

Al-Sarradschs Regierung wiederum sorgte jüngst für Verunsicherung unter Rettungsorganisationen mit seiner Ankündigung, die Kontrollen auf internationalen Gewässern auszuweiten. Mehrere Hilfsorganisationen, die Flüchtlinge im Mittelmeer retten, stellten zumindest zeitweise ihre Arbeit ein unter Verweis auf Sicherheitsrisiken für die Helfer.
Mehrere Retter sind nach eigenen Angaben in der Vergangenheit von der libyschen Küstenwache angegriffen worden. Hinzu kommt, dass afrikanische Migranten nicht nur auf See ihr Leben verlieren, sondern auch schon auf dem libyschen Festland – dort also, wo Politiker von CDU und SPD sogenannte »Auffanglager« für Migranten einrichten wollen. Die Regierung von Premierminister al-Sarradsch hat nur über den geringsten Teil des Landes annähernd Kontrolle. Etliche Territorialherren halten die afrikanischen Ausländer in sogenannten »Gefängnissen« oder »Safe Houses« fest. Dort werden sie oft schwer misshandelt oder finanziell erpresst, einige sogar hingerichtet. Das berichten Über-
lebende.

Solche Erkenntnisse finden sich auch in einem Bericht, den die deutsche Botschaft im Niger für die Bundesregierung erstellte, und der bereits Ende Januar bekannt wurde.

Bettina Rühl (epd)

Orgel in der Box spielt ganz von selbst

11. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Zauberkasten: Tragbares Miniinstrument kann alle Choräle

Im Büro von Stendals Superintendenten Michael Kleemann steht ein Zauberkasten. Rund 40 mal 50 mal 20 Zentimeter klein ist er und spielt auf Knopfdruck »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Macht hoch die Tür« oder »Gelobt sei Gott im höchsten Thron«. Die Nummer eines Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch wird eingegeben, ebenso die Anzahl der Strophen und ob ein Vorspiel gewünscht ist. Los geht es. »Eine Orgel in der Box«, sagt Superintendent Kleemann: »Wir nutzen sie regelmäßig in Gottesdiensten ohne Kantor.«

In ländlichen Kirchenkreisen, wo Kantoren oder ehrenamtliche Organisten große Wegstrecken zurücklegen müssen und somit gar nicht alle Gottesdienste bespielen können, sorgt die Orgelbox für musikalische Begleitung der singenden Gemeinde – ohne das geringe Volumen und die beschränkte Steuerungsfähigkeit eines sonst oft verwendeten tragbaren CD-Spielers.
Neben der Idee und der Technik ist eine weitere Besonderheit der Orgel in der Box ihre Herkunft: Sie ist in der Altmark entwickelt worden und wird dort produziert.

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Der Tischler Manfred Hoffrichter hat sich nach der Wende selbstständig gemacht, fertigte zunächst Gehäuse für Orgeln. Aber als Musiker und Tüftler interessierte er sich schon bald für das Innenleben. Heute fertigt die Hoffrichter Orgel GmbH, beheimatet in Salzwedel, Nischenprodukte: Elektronische Orgeln, eine Synthese aus analoger und digitaler Technik mit individuellen Lösungen.

Weil er nebenbei selbst Orgel spielt, weiß er um die Nöte der Kirchenmusiker-Zunft. »Wenn ein Organist fehlt oder eine Orgel nicht spielbar ist, dann bietet sich die Orgel in der Box an«, sagt er. Zielgruppe seien weniger die Kirchenmusiker – die kauften eher eine mobile Blockorgel. Vielmehr würden Pfarrer angesprochen, die sonntags auf den Dörfern unterwegs sind und Gottesdienste auch mit kleinen Gemeinden feiern: »Dann ist der Pfarrer oft der Einzige, der laut singt und das auch noch ohne Begleitung.« Die Orgelbox unterstützt ihn.

Auf einem Chip sind die Lieder des Evangelischen Gesangbuchs abgespeichert. Der Klang habe ausreichend Volumen und Lautstärke für Kirchenräume. »Die Box ist so laut wie eine elektronische Orgel«, so Hoffrichter. Die Geschwindigkeit lässt sich stufenlos regeln, anders als beim Kofferradio bleibt die Tonhöhe gleich. Und gibt es doch einen Organisten, aber keine spielbare Orgel, lässt sich an die Box auch eine Klaviatur anschließen.

(kas)

Klingende Zukunft

7. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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30 Jahre Handglockenchor Gotha

Wieder einmal: Luther. Zu seinem 500. Geburtstag, den 1983 auch die DDR-Staatsführung groß feierte, rückten Augustinerkloster und -kirche Gotha in den Fokus. Mehrfach hatte hier der Reformator gepredigt. Das faszinierte bei seinem Besuch den amerikanischen Pastor Larry Hoffsis aus Ohio ebenso wie die Historie der Gebäude. Er wollte unbedingt mit seiner Gemeinde eine Partnerschaft mit der Augustinergemeinde begründen. Ein nicht zu erfüllender Wunsch in jenen Jahren. »Wenn was ging, dann auf kultureller oder sportlicher Ebene«, sagt Kirchenmusikerin Elke Eichhorn.

1985 reiste der Handglockenchor aus Dayton (Ohio) nach Thüringen und gastierte auch in Gotha. »Was wir da hörten, war so ungewöhnlich wie einmalig«, erinnert sich die Musikerin. Wenig später fragte der Landeskirchenmusikdirektor sie rundheraus, ob sie sich zutraue, einen Handglockenchor zu leiten. Warum nicht mal tun, was völlig unbekannt ist, entschied Elke Eichhorn. Dann dauerte es noch zwei Jahre, ehe alle Formalitäten erledigt waren und Larry Hoffsis mit seiner Frau Cindy einen Satz Handglocken als Geschenk der Epiphany Lutheran Church an die Augustinergemeinde übergeben konnte.

Foto: Tino Sieland

Foto: Tino Sieland

Ein Geschenk, das nachhaltig ist. Damit wurde eine dreißigjährige Geschichte begründet. Vom 8. bis 10. September feiert der Chor sein 30-jähriges Bestehen.

»Nach einem Schnellkurs konnten wir in langsamem Tempo drei, vier Lieder spielen«, so Elke Eichhorn. Aber der Anfang war gemacht. 1988 reiste sie zu einem Workshop für Handglockenspieler und -chorleiter in die USA.

Unter den jungen Handglockenspielern vor 30 Jahren war auch der achtjährige Sohn der Kirchenmusikdirektorin. Matthias Eichhorns Begeisterung für diese Musik ist seitdem ungebrochen. 2005 hat er von seiner Mutter die Leitung des Handglockenchors übernommen. »Als Jazzmusiker hat er weitere Klangfarben in unsere Musik gebracht«, freut sich die Mutter, die natürlich weiterhin im Ensemble aktiv ist.

Die Liste der Konzerte ist lang. Zu Hause in der Augustinerkirche erspielte er in Benefizkonzerten Geld für den Orgelneubau. Mit der Wiedervereinigung weitete sich auch der Radius der Aufführungsreisen. Eine erste CD bringt der Chor 1995 auf den Markt, die vierte erscheint pünktlich in diesen Tagen zum Jubiläum.

Nachwuchssorgen, sagt Elke Eichhorn, hat der Handglockenchor nicht. Und das zeigt, mit seinen 30 Jahren ist er erstaunlich jung. Und blickt in eine klingende Zukunft.

Klaus-Dieter Simmen

Programm zum Festwochenende:

8. September, 18 Uhr Auftaktabend,

9. September, 18 Uhr Festkonzert in der Augustinerkirche,

10. September, 10 Uhr Festgottesdienst in der Margarethenkirche

www.hgcg.de

Dem Hamsterrad entkommen

4. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Neue Wege: Die MDR-Moderatorin Katrin Huß verließ überraschend das Fernsehen – und entdeckt seither das Leben neu. Sie macht Mut, das loszulassen, was einen ausbremst.

Vor etwa einem Jahr hat die langjährige MDR-Moderatorin Katrin Huß (47) mitten im prallen Leben innegehalten – und eine überraschende Entscheidung getroffen: Sie hat ihren Vertrag beim MDR nicht verlängert und die erfolgreiche Kar­riere als Moderatorin und Reporterin an den Nagel gehängt. Nach fast 20 Jahren. Eigentlich – so sollte man meinen – hätte alles noch mindestens 20 Jahre so weitergehen können. Katrin Huß liebte ihren Beruf. Und strahlte das auch immer aus, zum Beispiel bei der Sendung »Hier ab vier«.

Friedenslauf von Rom nach Wittenberg: Katrin Huß und Laufpartner  Timo Hoffmann. Foto: Facebook.com/Friedenlauf

Friedenslauf von Rom nach Wittenberg: Katrin Huß und Laufpartner Timo Hoffmann. Foto: Facebook.com/Friedenlauf

Doch dann kam der 14. Juli 2016. Auf ihrer Facebook-Seite verkündete Huß mit wenigen Zeilen ihren Rückzug: »Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich vergessen hatte, meine eigene Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe keine Kinder, keine eigene Familie, wenig Zeit für Freunde und noch weniger Zeit für die Liebe. Ich bin erfolgreich mit dem was ich tue, aber bin ich erfüllt?« Und sie schreibt von ihrer einschneidenden Erkenntnis: »Auch ein Hamsterrad sieht von innen aus wie eine Karriereleiter und oft merkt man zu spät, dass man auf der Stelle tritt.«

Katrin Huß entflieht dem Hamsterrad. Sie bezeichnet den Schritt als eine »180-Grad-Wendung«. »Ich musste mich in den letzten Jahren manches Mal verbiegen, die Leichtigkeit und Fröhlichkeit war weg.« Und dann kamen auch noch Rückenbeschwerden. Für Huß lief es auf eine Entscheidung hinaus. Ein Motto, das sie beim Yoga gelernt hatte, ging ihr im Kopf herum: »Lass los, was dich ausbremst.« Und das habe sie dann einfach gemacht, sagt sie.

Freilich sprang sie nicht ganz ins Leere. Seit einem Jahr betreibt sie ein kleines Yoga-Studio in Markkleeberg bei Leipzig. Doch trotzdem gab es auch Befürchtungen. Wird das Leben mit weniger Einkommen und weniger Rampenlicht funktionieren? Heute kann Katrin Huß aus vollem Herzen sagen: Ja, es funktioniert. Und zwar sehr gut. »Ich fühle mich leicht und bin dankbar, intuitiv die richtige Entscheidung getroffen zu haben«, bekennt sie und ergänzt schmunzelnd: »Ich warte immer noch auf das Loch, in das ich falle, aber da kommt keines.«

Endlich habe sie nun mehr Zeit für ihre Eltern. Und für alles, was bisher zu kurz gekommen ist – das Gärtnern oder das Kaffeetrinken mit Freunden. »Ich mache das jetzt alles, ich warte nicht mehr«, sagt sie. Nebenbei bildet sie sich weiter zur Übungsleiterin im Reha-Sport. Und auch Veranstaltungen moderiert sie noch. Sie will Menschen Mut machen, ihr Leben in die Hand zu nehmen und zum Positiven zu verändern. »Dabei bin ich selbst das beste Beispiel, wenn ich den Leuten sage: Entschleunigt mal, fahrt mal runter, ihr müsst nicht perfekt sein.« Manchmal muss sie dann über ihre Lebenswende schmunzeln. »Früher habe ich die Menschen dazu ›verdonnert‹, nachmittags zwei Stunden vor dem Fernseher zu verbringen. Und heute animiere ich sie, hinauszugehen und selbst aktiv zu werden.«

Zu einem erfüllten Leben gehört für Huß immer auch der Blick auf diejenigen, denen es nicht so gut geht. Deshalb war sie im April mit dabei beim Friedenslauf von Rom nach Wittenberg – vom Papst zu Luther. »Damit wollten wir einfach ein Zeichen setzen für Frieden, Demokratie und Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit.« Einen schöneren Ausklang der Luther-Dekade kann sich Huß nicht vorstellen. Doch die vergangenen Monate von Katrin Huß zeigen: Der wichtigste Lauf ist der zu sich selbst – und zu dem, was wirklich zählt im Leben.

Stefan Seidel

Da sein – mit ungeteiltem Herzen

4. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Suche nach einem einfachen Lebensstil ist ein modernes Thema und ein wichtiges. Einfachheit – im Christentum steht der Begriff für die Ausrichtung des ganzen Herzens auf Christus, für Liebe ohne Nebenabsichten.

Im Alten Testament entspricht das Wort »tham« unserer Einfachheit. Allerdings hat es noch viele andere Bedeutungen. Und auch die Septuaginta übersetzt es verschieden, einmal mit einfach, dann mit vollkommen, lauter, wahrhaftig, heilig, untadelig. Gott selbst spricht zu Salomon: »Wenn du mit ungeteiltem und aufrichtigem Herzen vor mir den Weg gehst, den dein Vater David gegangen ist, und wenn du alles tust, was ich dir befohlen habe, wenn du auf meine Gebote und Rechtsvorschriften achtest, dann werde ich deinen Königsthron auf ewig in Israel bestehen lassen.« (1. Könige 9,4+5)

Einfachheit meint hier die völlige Hingabe des Menschen an Gott. Ich bin König in seinem Dienst. Es geht mir nicht um meinen Ruhm und um meine Macht, sondern einfach darum, für die Menschen da zu sein und das Beste für sie zu wollen. Wer mit einfachem Herzen für die Menschen da ist, der ist ein Segen für sie. Auf ihn kann man sich verlassen. Man spürt, dass er es gut mit einem meint. Er ist frei von allem egoistischen Kreisen um sich selbst. Er ist ganz und gar von Gottes Geist durchdrungen. Er ist allein auf das eine gerichtet: gut zu sein und Gutes zu tun und für die Menschen das Beste zu wollen.

In der Bergpredigt spricht Jesus vom einfachen und klaren Auge: »Wenn dein Auge einfach (griechisch: haplous) ist, dann wird dein ganzer Körper hell sein. Wenn aber dein Auge böse (griechisch: poneros) ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein.« (Matthäus 6,22 und Lukas 11,34) Manche Exegeten übersetzen das »haplous« oft mit »gesund« und das »poneros« mit »krank«. Da ist sicher etwas Richtiges gesehen. Das einfache Auge ist gesund. Es sind die Dinge so, wie sie sind. Es projiziert nicht die eigenen Bedürfnisse oder Emotionen in die Dinge und in die Menschen hinein. Wir sehen es einem Menschen an, ob er klar und aufrichtig ist. Wir brauchen ihm nur in die Augen zu sehen. Dann spüren wir, was von ihm ausgeht: Klarheit oder Unklarheit, Liebe oder Härte, Verurteilen oder Annehmen, Güte oder Verachtung.

Foto: Srubina – Fotolia.com

Foto: Srubina – Fotolia.com

Es gibt Menschen, die einen freundlich begrüßen. Aber das Auge bleibt unfreundlich und abweisend. Bei solchen Menschen fühlt man sich nicht wohl. Da sehnen wir uns nach Menschen mit einem einfachen Auge. Bei ihnen wissen wir, woran wir sind. Und von solchen Menschen geht eine gute Ausstrahlung aus. Im Lukasevangelium verweist Jesus auf diese positive Ausstrahlung, wenn er das Wort vom Auge noch weiter ausführt: »Achte also darauf, dass in dir statt Licht nicht Finsternis ist. Wenn dein ganzer Körper von Licht erfüllt und nichts Finsteres in ihm ist, dann wird er so hell sein, wie wenn die Lampe dich mit ihrem Schein beleuchtet.« (Lukas 11,35f.) Von so einem Menschen mit einem einfachen und gütigen Auge wird Licht ausgehen. Die Menschen werden seine Wärme spüren. Sie werden das Klare und Einfache in ihm wahrnehmen. So können sie ihm vertrauen. Und sie fühlen sich in seiner Nähe wohl.

Paulus, der die stoische Philosophie kennt und ihre Vorliebe für die Einfachheit, gebraucht siebenmal das Wort »haplotes«. Im Römerbrief fordert er die Christen auf: »Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken (en haploteti = in Einfachheit, in der Einfalt des Herzens).« (Römer 12,8) Auch zu den Korinthern spricht er dreimal vom selbstlosen Geben (haplotes) (2. Korinther 8,2; 9,11.13). Und er hält seine eigene Selbstlosigkeit und Einfachheit denen entgegen, die diese Einfachheit vermissen lassen. »Ich fürchte aber, wie die Schlange einst durch ihre Falschheit Eva täuschte, könntet auch ihr in euren Gedanken von der aufrichtigen und reinen Hingabe an Christus abkommen.« (2. Korinther 11,3) Hier geht es nicht mehr um Selbstlosigkeit, sondern um die Ausrichtung des ganzen Herzens auf Christus. Der einfache Christ ist der, der sich ganz und gar vom Geist Jesu bestimmen lässt und sich mit ungeteiltem Herzen Christus hingibt. Einfachheit ist hier Ausdruck von einer Liebe ohne Nebenabsichten. Es ist eine klare Liebe. Und es ist eine Haltung, in der ich durchlässig bin für Christus, und Christi Geist nicht mit meinen eigenen egoistischen Wünschen trübe.

Die deutsche Sprache hat ihre eigene Erfahrung mit dem Wort »einfach«. Es meint ursprünglich: nicht doppelt, nicht zusammengesetzt. In »einfach« steckt das Wort »Fach«, das etwas Abgeteiltes meint. Ursprünglich beschreibt es das geflochtene Fischwehr in Flüssen. Im Mittelalter nennt man das mit Flechtwerk ausgefüllte Zwischenfeld in einer Wand Fach. Man errichtet Fachwerkbauten. Später spricht man dann vom Fach im Unterricht oder von einem Spezialgebiet in Handwerk, Kunst und Wissenschaft. Da gibt es dann den Fachmann, der für dieses Fach besonders begabt oder gebildet ist. In dem Wort »einfach« klingt noch das »eine Fach« nach, das einen Fachmann braucht, der sich auf das »eine« konzentriert. Für den Fachmann ist alles einfach. Er braucht die Dinge nicht zusammenzusetzen oder gar doppelt auszuführen. Er formt die Dinge so, dass sie einfach und klar werden. Es ist nicht so einfach, einfach zu leben. Dazu braucht es den Fachmann, der es versteht, das eine zu wollen.

»Einfachheit ist das Resultat der Reife«, sagt Friedrich von Schiller. Wir sagen manchmal eher abschätzig von einem Menschen, dass er sehr einfach sei, einfach strukturiert, einfach im Denken, fast etwas einfältig. Schiller sieht die Einfachheit als Zeichen eines reifen Menschen. Wer reif geworden ist, der ist auch in sich und mit sich eins geworden. Seine innere Einheit wird sich auch auf die Beziehung zu den anderen Menschen auswirken. Er wird ihnen gegenüber klar sein. Er muss sich nicht darstellen. Er kann es sich erlauben, einfach da zu sein. Seine Einfachheit im Denken und in seiner Ausstrahlung wirkt befreiend und einend. In seiner Nähe wird einem etwas klar, da klärt sich das Trübe in uns und wir blicken durch.

Anselm Grün

Zukunft mit Kamm und Schere

4. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Perspektiven gegen die Hoffnungslosigkeit: Langzeitflüchtlinge aus Somalia schaffen sich durch ein Projekt des Lutherischen Weltbundes eine neue Existenzgrundlage in Äthiopien.

Wenn ich alles gelernt habe, werde ich eine Schneiderei aufmachen, um meine Familie zu ernähren«, sagt Faiza Mahmud Said. Die ältere Frau mit dem gelben Kopftuch schneidet unterschiedlich geformte Stücke aus weißem Papier. Es ist einer der ersten Tage der Schneiderausbildung für die somalischen Flüchtlinge im Lager Awubere bei Jijiga im Osten Äthiopiens. Mit den in diesem Workshop erworbenen Fähigkeiten sollen die Teilnehmenden in die Lage versetzt werden, sich eine unabhängige Einkommensquelle zu schaffen.

Ein von der Welt vergessener Ort: Zwei Flüchtlingslager, Awubere und Sheder, liegen diesseits und jenseits einer Gastgemeinschaft und eines Flusses, der nur in der Regenzeit Wasser führt. Die wasserarme Gegend befindet sich in der Nähe der Grenze zu Somalia. Die einzige gepflasterte Straße ist eine Aneinanderreihung von Checkpoints. Ansonsten scheint in dem Gebiet hauptsächlich eine somalische Züchtung kleiner schwarzer Schafe mit weißen Köpfen zu leben.

Wie die meisten der 15 000 somalischen Flüchtlinge in den beiden Lagern ist Faiza Mahmud Said seit fast zehn Jahren hier. Nahrungsmittel werden einmal im Monat verteilt. »Das Essen reicht nur für zwei Wochen«, sagt sie. »Danach waschen wir als Tagelöhne­rinnen für die Gastgemeinschaft Kleider oder heben Gräben aus. Unsere Kinder gehen zur Schule, aber es gibt hier keine Arbeitsmöglichkeiten für sie.« Die Situation der somalischen Flüchtlinge in Äthiopien findet nur wenig internationale Aufmerksamkeit und noch weniger finanzielle Unterstützung.

Strahlen um die Wette: Suhai Ismael Abuker mit einer Kundin in ihrem Friseursalon. Fotos: LWB/Cornelia Kästner

Strahlen um die Wette: Suhai Ismael Abuker mit einer Kundin in ihrem Friseursalon. Fotos: LWB/Cornelia Kästner

Der Lutherische Weltbund (LWB) ist seit vier Jahrzehnten in Äthiopien präsent. Er kam 1973 auf Bitten der Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus (ÄEKMY) ins Land. Durch Projekte wie das in Jijiga zielt der LWB darauf ab, die Langzeitflüchtlinge und ihre Gastgeber mit einer Existenzgrundlage zu versorgen und ihre Abhängigkeit von Hilfsleistungen zu verringern. Darüber hinaus bietet das Projekt Ausbildung und Qualifikationen, von denen die Flüchtlinge profitieren, unabhängig davon wo sie in Zukunft leben werden. Die Unterstützung und Ausbildungsmöglichkeiten nützen auch Mitgliedern der Gastgemeinschaft, die direkt neben den Flüchtlingslagern wohnen.

Während viele Männer die Ausbildung zum Herrenfriseur wählen, entscheiden sich die meisten Frauen fürs Schneidern oder Frisieren. »Ich habe etwa 10 bis 15 Kundinnen pro Woche«, sagt Suhai Ismael Abuker. Die 19-Jährige hat mit der Hilfe des LWB zu Hause einen Kosmetik- und Frisiersalon eröffnet, weil die auf dem Marktplatz errichteten Salons vorläufig keine Stromversorgung haben. »Viele Kundinnen kommen am Monatsende, wenn die Rationen verteilt werden und die Familien wieder Geld haben«, sagt sie. Frisuren und Henna für Hochzeiten stehen hoch im Kurs. Im Lager ist es wie in jeder anderen äthiopischen Stadt: Kinder werden geboren, wachsen auf, heiraten und gründen neue Familien.

Wie Said unterstützt auch Abuker ihre Familie mit dem Geld, das sie verdient. Sie strebt an, ihren Betrieb zu vergrößern. Zurzeit stellt ihr Einkommen jedoch nur einen kleinen Beitrag zum Familienbudget dar. Die meisten ihrer Kundinnen wollen Henna-Tätowierungen – damit verdient sie pro verzierter Hand oder verziertem Fuß 50 Birr (weniger als 2 Dollar).
Keiner der Bewohner der Lager Awubere und Sheder rechnet mit einer schnellen Heimkehr. »Somalia ist nicht sicher, es ist nicht ein Ort, an den man zurückkehren kann«, sagt Yusuf Abdulrahman Hasan, ein junger Mann, der 2009 in Äthiopien ankam und sich jetzt beim LWB als Herrenfriseur ausbilden lässt. Als Jugendlicher war er vor den Bomben der Al-Shabaab-Miliz geflohen. Aus den Nachrichten weiß er, dass sich die Lage noch verschlechtert hat. Hasan hat vor, seine Zeit als Flüchtling dazu zu nutzen, eine abgeschlossene Ausbildung und Berufserfahrung zu erwerben, während er auf eine Möglichkeit zur Rückkehr wartet.

Nicht alle sind so optimistisch. Da ihre Situation seit zehn oder mehr Jahren unverändert ist, träumen besonders die jungen Flüchtlinge davon, in die USA umgesiedelt zu werden. Diese Möglichkeit wird jedoch immer unwahrscheinlicher, und so sprechen sie darüber, einen anderen Weg zu nehmen: nach Libyen und von da aus übers Mittelmeer. »Wir wissen, dass es gefährlich ist«, sagt eine junge Frau. »Wir wollen es trotzdem wagen. Wir haben hier keine Zukunft, ohne Arbeit oder Geld.« Ihre Tante ist nach Europa gegangen. Sie hat zuletzt von ihr gehört, als sie in Libyen angekommen war. Das war vor vier Jahren. Der Traum von einem besseren Leben im Norden ist dennoch stärker als das Wissen, dass Tausende von Menschen auf der Reise nach Europa umkommen.

Das Existenzgründungsprojekt bietet auch denen, die fortwollen, eine Perspektive. »Es erkennt die Tatsache an, dass die Flüchtlinge, mit denen wir arbeiten, lange Zeit hier sein werden«, sagt Sophia Gebreyes, die LWB-Ländervertreterin in Äthiopien. »In dieser langwierigen Flüchtlingssituation bietet das Projekt auch ein festes Einkommen. Es ermöglicht den Familien, hier ein würdigeres Leben zu führen, und macht die gefährliche Reise nach Europa weniger attraktiv.«

Suhai Ismael Abuker, die junge Frau mit dem Kosmetik- und Frisiersalon, träumt bereits davon, in Addis Abeba, der äthiopischen Hauptstadt, ein Geschäft zu eröffnen. »Hier sehe ich Frieden«, sagt sie. »Wenn es eine Möglichkeit gibt, ja, dann werde ich bleiben.«

Cornelia Kästner

https://de.lutheranworld.org/de

Aus Iman wird ein Christ

28. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ganz in Weiß steht der junge Mann am Taufstein der Herderkirche in Weimar. Im Hintergrund der Cranachaltar. Iman ist 25 Jahre alt, er kommt aus dem Iran.

Für seine Taufe hat sich Iman eigens weiße Kleidung gekauft. Ein Traum geht für den jungen Mann in Erfüllung. Seit vielen Jahren hatte er sich für Jesus und den christlichen Glauben interessiert. Nun, so sagt er mit einem breiten Lächeln, gehöre er endlich ganz zu Jesus. Auf der Taufkerze vor ihm steht sein Name. Ein schönes Gefühl.

Schon im Iran hatte Iman von Jesus Christus gehört. Allerdings war es für ihn dort noch deutlich schwieriger, den christlichen Glauben kennenzulernen. Und nicht selten gefährlich. Ein Leben als Christ in der Öffentlichkeit war beinahe unmöglich. Mit seiner Gitarre in der Hand lernt er noch im Iran die ersten Christen kennen. Sie treffen sich in privaten Häusern und erzählen sich die Geschichten von Jesus. Iman hört sie das erste Mal und wird neugierig. Er sagt: »Ich habe Gott damals ganz neu kennengelernt.« Noch heute leuchten ihm die Augen.

Nach seiner Flucht stehen ihm die Kirchentüren nun weit offen. Seit November 2015 ist er in Deutschland, in Weimar lebt er seit dem Sommer 2016. Er genießt die Ruhe in den Kirchen. Eines Tages sitzt er im Gottesdienst in der Herderkirche. Im Anschluss spricht ihn der Weimarer Superintendent Henrich Herbst an, es beginnt ein langer gemeinsamer Weg. Mit einem Freund kommt Iman regelmäßig zu ihm. Sie reden über den Glauben und Iman entschließt sich, sich taufen zu lassen. Herbst führt die beiden jungen Iraner an die christliche Gemeinde heran, erzählt ihnen von Jesus und vom christlichen Glauben. Sie ringen miteinander, mit ihren Geschichten und mit ihren Bildern von Gott. Der Weg führt bis hinauf in die Gedenkstätte nach Buchenwald und zur Einsicht, dass der christliche Glaube auch im Judentum wurzelt.

Iman und sein Freund beweisen einen langen Atem. Sie fragen nach, sie saugen alles auf, was sie hören. Iman sagt: »Man muss Jesus mit dem Herzen kennenlernen.« Heute gehört Iman zur Jungen Gemeinde in Weimar, mit seiner Musik und seiner Fröhlichkeit bereichert er jede Woche die jungen Menschen.

In vielen Kirchengemeinden erbitten Asylsuchende die Taufe. Belastbare Zahlen oder Statistiken gibt es nicht, da die Herkunft der Täuflinge nicht eigens erfasst wird. Einzelne Kirchenkreise sprechen auf Nachfrage von weniger als zehn Taufen pro Jahr. Und doch stellt die Taufe von Asylsuchenden Pfarrer und Gemeinden vor besondere Herausforderungen. Da gilt es zunächst häufig eine Sprachbarriere zu überwinden. Über den eigenen Glauben zu reden ist nicht leicht, erst recht nicht in einer fremden Sprache. Religiöse Begriffe und Symbole sind meist ganz anders geprägt, zum Teil auch mit schwierigen Erfahrungen besetzt.

Manchmal müssen auch Zerrbilder korrigiert werden, etwa, dass der christliche Glaube ein Vielgötterglaube sei. Nicht selten ist der Wechsel hin zum christlichen Glauben auch eine Abwendung und Entfremdung von einer religiösen Prägung, aus der die Menschen geflohen sind.

Darin unterscheidet sich die Situation der Asylsuchenden markant von den anderen Taufbewerbern in Mitteleuropa. Sie fragen nicht: Gibt es einen Gott oder nicht? Sie fragen vielmehr: Wer ist dieser Gott und was ist seine Botschaft? Immer wieder werden die Erfahrungen in den Herkunftsländern und von der Flucht zum Thema in den Taufgesprächen.

Henrich Herbst plädiert für eine behutsame Begleitung der Taufbewerber. Es brauche vor allem Zeit und den Blick auf die individuelle Situation des Asylsuchenden. In diese Richtung weist auch eine Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland, die bereits 2013 veröffentlicht wurde. Darin wird auch empfohlen, die Tragweite einer möglichen Taufe und Konversion zum Christentum offen anzusprechen. So drohen den Asylsuchenden nicht selten erhebliche gesellschaftliche Nachteile und Gefahren in ihren Herkunftsländern. Aus der Taufe ergibt sich für die Kirchengemeinden damit auch eine Verantwortung für die Täuflinge, nicht nur für die Begleitung in den Asylverfahren.

Inzwischen liegt die Taufe für Iman schon wieder zwei Monate zurück. Viele seiner Freunde haben ihm gratuliert. Mit Dankbarkeit blickt er zurück. Die Gespräche mit Superintendent Henrich Herbst und den neuen Freunden in der Kirchengemeinde gehen indes weiter. Die Taufe ist für Iman ein Meilenstein, aber nicht der Abschluss.

Ramón Seliger

Hintergrund: Handreichung und Fachtag
In ihrer Handreichung »Zum Umgang mit Taufbegehren von Asylsuchenden« von 2013 verweist die EKD darauf, dass für die Gemeinden eine besondere Verantwortung für das Leben der neuen Gemeindemitglieder erwachse. Den Täuflingen muss auch vonseiten der Kirche deutlich gemacht werden, dass im Falle einer Rückkehr der Getauften in ihre Herkunftsländer mitunter mit Nachteilen und auch mit Gefahr für Leib und Leben zu rechnen ist und auch, dass durch die Taufe keine positiven Auswirkungen auf das laufende Asylverfahren garantiert werden können.

www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/taufbegehren_von_asylsuchenden_2013.pdf

Fachtag Migration: »Taufe und Konversion im Asylverfahren«, 28. Oktober im Augustinerkloster Erfurt; Anmeldung: 03 91/53 46-3 91, E-Mail: kerstin.hensch@ekmd.de


Rettungsfloß im Lebensfluss

28. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche«

Drei Jahre nach dem Thesenanschlag zu Wittenberg, dessen lebensgefährliche Folgen Luther nicht schwächer noch zahmer gemacht haben, legt der deutsche Schismatiker wider Willen in kürzester Zeit eine Serie von theologischen Traktaten vor. Diese bilden in ihrer programmatischen Dichte und Radikalität den eigentlichen Sprengsatz unter dem in anderthalb Jahrtausenden errichteten macht- und prachtvollen Gebäude der römisch-katholischen Kirche. Sie lassen Kirche, Kaiser und Reich endgültig in eine Richtung zerbersten, deren Pointe nicht nur die konfessionelle Spaltung des Kontinents ist, auch die politischen Strukturen und Verhältnisse sind danach nicht mehr wiederzuerkennen. »Warum das plötzlich alles aus ihm herausdrängt wie eine magmatische Eruption, ist Luther selbst unbegreiflich« (Heimo Schwilk: »Luther, der Zorn Gottes«). Aber der Wahrheitsfuror, der ihn ergriffen hat, ist nicht mehr aufzuhalten.
Logo-CredoDie, wenn man so will, Gründungsschriften des Protestantismus, seiner zukünftigen evangelischen Kirche, zu der er die ganze, ungespaltene katholische Kirche leidenschaftlich gerne gemacht hätte, sind nun in der Welt, und sie wirken: »An den christlichen Adel deutscher Nation«, »Vorspiel von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche«, schließlich die vielleicht berühmteste von ihnen: »Von der Freiheit eines Christenmenschen.« Die mittlere richtet sich vordergründig scheinbar nur an die »lateinische Fachwelt« der Zeit. Ihre vorherrschende, mittelalterlich formierte Auffassung, dass es sieben Sakramente gäbe, sie ist aber in Wirklichkeit nichts anderes als ein totaler Angriff auf das gesamte juristische und lehramtliche Fundament der Kirche des Papsttums: Taufe, Abendmahl, Buße, Firmung, Ehe, Priesterweihe und letzte Ölung. Luther, der auch in diesem Fall allein vom Schriftprinzip »sola scriptura« her argumentiert, sieht jedoch nur für Taufe und Abendmahl biblische Legitimität gegeben. Der Rest ist ihm ausgeklügeltes Menschenwerk. Allein der Buße kann er noch sakramentales Gewicht abgewinnen, sogar die Ohrenbeichte bleibt ihm »nützlich, ja notwendig«, nur im Unterschied zu Taufe und Abendmahl fehlt ihm ihr Zeichencharakter.

Gottesdienst mit Taufe eines Kindes. Alle anwesenden Kinder sind eingeladen, mit vor den Taufstein zu treten und zu schauen, was geschieht. Foto: epd-bild

Gottesdienst mit Taufe eines Kindes. Alle anwesenden Kinder sind eingeladen, mit vor den Taufstein zu treten und zu schauen, was geschieht. Foto: epd-bild

Mit der Taufe aber beginnt alles; sie ist für Luther »das einzige Sakrament«, das Gott »nach dem Reichtum seiner Barmherzigkeit« (Epheser 1,7) nicht nur »in seiner Kirche ungeschmälert und unbefleckt erhalten hat«, er hat es auch »für alle Völker und alle Stände der Menschen freigehalten«. Eine ursprüngliche Unbeflecktheit, die dem Kind zugutekommt, ist hier am Wirken. Warum? Weil die Kinder, im Unterschied zu den Erwachsenen, »des Geizes und des Aberglaubens noch nicht fähig sind«. Denn »obwohl der Teufel die Kraft der Taufe in den Kindern nicht hat auslöschen können, hat er sie doch in allen Erwachsenen zu vertilgen vermocht, sodaß es … fast niemanden mehr gibt, der es beherzigt, daß er getauft worden ist, viel weniger, daß er sich dessen rühmt, nachdem so viele andere Wege zur Sündenvergebung und in den Himmel zu kommen erfunden worden sind«.

Für Luther ist in diesem diabolisch verwirrten Kontext die Taufe geradezu die Urbuße, die es überhaupt erst ermöglicht, ist der Mensch in Sünde gefallen, das Rettungsfloß »Buße« zu erreichen. Am Verheißungscharakter der Taufe, wie er in Markus 16,16 proklamiert wird: »Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.« – »an dieser Verheißung«, sagt Luther, »hängt unsere ganze Seligkeit«. Doch ist die Taufe ihm damit kein billiger Versicherungsscheck, vielmehr ist sie Leben spendende Rettungsperspektive nach der je und je eintretenden individuellen Sündenkatastrophe.

Nur wäre Luther nicht Luther, ließe er gerade an diesem elementaren Rettungsakt falsche Gewissheit zu: »Aber man muß sie«, die Seligkeit, »so beachten, daß wir den Glauben an ihr üben und ganz und gar nicht zweifeln, daß wir selig sind, nachdem wir getauft sind«, straft »solcher Unglaube … die göttliche Verheißung Lügen, was die größte Sünde überhaupt ist«. Luther weiß also, dass »diese Übung des Glaubens« zum Schwersten gehört, was der Mensch, im Wissen um seine Sündhaftigkeit, zu leisten vermag. Dennoch: »die Wahrheit der einmal geschehenen Verheißung bleibt allezeit bestehen, die uns mit ausgestreckten Händen aufnehmen will, wenn wir umkehren« – und damit zurückkehren »zu der Kraft und dem Glauben der Taufe, daraus wir gefallen sind«. Sie kann ja »durch keine Sünde verändert werden«.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden vor.

Auf zu neuen Ufern

28. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Leinen los: Mit Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg, traf sich Willi Wild zum Interview an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg«.

Wo halten Sie sich am liebsten auf? Wäre an Deck von »Junker Jörg« ein Lieblingsort?
Kasparick:
Er könnte es werden, weil es hier wunderbar ist, direkt an der Elbe, am Wasser, gegenüber den Elbauen, ein weiter Blick unter freiem Himmel. Ich bin das erste Mal hier.
Mein absoluter Lieblingsort ist allerdings mein Balkon. Ich wohne im zweiten Stock und ich habe abends noch den Blick in die Abendsonne und in die Baumkronen. Ein Platz, an dem ich mich erholen kann, und an dem ich mich auch dem Himmel nah fühle.

Können Sie mit Flusskreuzfahrten etwas anfangen?
Kasparick:
Das weiß ich nicht, das habe ich noch nicht erlebt. Als Kinder sind wir mit unseren Eltern über den Müggelsee in Berlin geschippert, von Friedrichshagen rüber zum Müggelturm. Daran habe ich schöne Erinnerungen. Und eine Schiffsreise ans Nordkap haben mein Mann und ich auch einmal gemacht, mit dem Postschiff von Bergen nach Kirkenes. Einer unserer eindrucksvollsten Urlaube.

Nehmen Sie sich im Reformationsjahr Zeit für Urlaub?
Kasparick:
Ja, wenn auch nicht ganz so viel wie in den vergangenen Jahren. Es ist mir wichtig, ein Stück zur Seite zu treten, aufzuatmen und Kraft zu gewinnen. Und wenn es gut organisiert ist, dann klappt das auch in diesem Jahr.

Wo geht es hin?
Kasparick:
Ich werde zum ersten Mal zu Verwandten meines Mannes auf die Nordseeinsel Amrum fahren. Dann will ich mit einer Freundin noch eine Woche in die Provence und Avignon besuchen. Das Gebiet wollte ich schon lange einmal kennenlernen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb über das Reformationsjahr von der »Pleite des Jahres«. Wie empfinden Sie das?
Kasparick:
Das kann ich nun gar nicht nachvollziehen. Sicher, manche Erwartungen haben sich bislang nur zum Teil erfüllt. Aber es gibt ein vielseitiges, interessantes und schönes Angebot. In der Schlosskirche können wir uns über Zulauf nicht beklagen. Manchmal müssen wir sogar die Türen wegen Überfüllung schließen. Es ist bewegend zu sehen, wenn Menschen Tränen in den Augen haben, weil sie an der Wiege ihrer Art zu glauben stehen.

Schade ist, dass die Weltausstellung noch nicht so viele Besucher verzeichnet, wie sie es verdient hat. Aber die Menschen, die da sind, sind begeistert.

Die Schlosskirche war und ist Ihr »Baby«, wenn ich das so sagen darf?
Kasparick:
Ein ziemlich großes Baby, ein altes Baby, ein schönes Kind.

Sie haben sich sehr stark engagiert. Sind Sie stolz auf das, was aus dem Schlosskirchen-Ensemble geworden ist?
Kasparick:
Ich staune, dass es geklappt hat und ein bisschen Stolz ist auch dabei. Ich freue mich, dass die Schlosskirche und das Schlosskirchenensemble so schön geworden sind. Die Schlosskirche ist aber nicht nur mein Baby. Es ist eine Gemeinschaftsaktion, wie sie nur ein Reformationsjubiläum dieser Größenordnung mit sich bringt. Das Land Sachsen-Anhalt ist daran beteiligt, die Lutherstadt, die Stiftung Luther-Gedenkstätten, die Evangelische Kirche in Deutschland und die Evangelische Kirche der Union (EKU) gemeinsam mit dem Predigerseminar als Einrichtung vor Ort.

Sie haben deutliche Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt bei der Namensgebung des Neubaus.
Kasparick:
Ja, ein Frauenname war mein Wunsch. Da die Schlosskirche mit Männern gut gefüllt ist, sollte eine Frau Namensgeberin sein. Der Vorschlag Christine Bourbeck kam aber von meiner Kollegin, Dr. Gabriele Metzner. Christine Bourbeck war eine der ersten eingesegneten, noch nicht ordinierten, evangelischen Theologinnen in Deutschland und Leiterin des ersten Vikarinnenseminars der EKU. Sie steht auch dafür, dass der Prozess der Reformation weitergeht.

»Reformation geht weiter« – das klingt für manche nach diesem Jahr bedrohlich.
Kasparick:
Das kommt auf die Perspektive an. Die Frage ist: Was feiern wir eigentlich beim Reformationsfest und in diesem Festjahr und was davon kann weitergehen? Welche Bedeutung hat Reformation für uns und unsere Art zu glauben? Es muss nicht sein, dass man nun jedes Jahr drei Ausstellungen plant oder fünf Theaterstücke aufführt. Es geht vielmehr um unser Selbstverständnis als Kirche. Da geht das Gespräch weiter.

Kritiker meinen, die Dekade und das Reformationsjahr sei eine innerkirchliche Veranstaltung geblieben. Sehen Sie das ähnlich?
Kasparick:
Wer kommt eigentlich auf welchem Weg zu solchen Annahmen? Wer will das wie messen? In Wittenberg erlebe ich Folgendes: Hier gibt es in der Stadtgesellschaft eine starke Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Man wäre zwar auf dem Holzweg zu glauben, diese Menschen treten jetzt alle in die Kirche ein und lassen sich taufen. Doch Interesse ist geweckt.
Mein Nachbar meinte, dass es toll sei, was jetzt alles in der Stadt passiert und das könne ruhig immer so sein. Und die Kundenberaterin bei der Sparkasse sagte: »Ich nehm alles mit dieses Jahr. Das erlebt man nur einmal.«
Ja, in Wittenberg sind nur 15 Prozent Mitglied einer Kirche, aber es gibt mindestens noch einmal so viele, die sich für die kirchliche Arbeit interessieren und sich auch engagieren. Ganz zu schweigen von dem, was das Reformationsjubiläum im Bildungssektor hervorgebracht hat. Es ist immer eine Frage der Perspektive, ob man das Glas halb leer oder halb voll sieht.

Sie konnten einige gekrönte Häupter in der Schlosskirche begrüßen. Fällt Ihnen der Umgang mit den Hoheiten leicht?
Kasparick:
Ich habe mich im Vorfeld erkundigt, damit ich protokollarisch nicht in Fettnäpfchen tappe. Erstaunt hat mich, wie unkompliziert der Umgang dann tatsächlich war. Eindrücklich waren die Gespräche mit Königin Margrethe von Dänemark. Wie aufmerksam sie zugehört hat, wie sie gefragt hat, wie theologisch tief auch ihre Fragen waren, das hat mich beeindruckt. Sie hatte mich bei der Gestaltung ihres Altartuchs sogar um Rat gefragt. Ich sollte neben ihr Platz nehmen und dann wollte sie wissen, was ich in ihrer Arbeit sehe.

Da gibt es ein schönes Foto, wo Sie mit der Königin vor dem Altar sitzen.
Kasparick:
Genau, das war die Situation, die ich gerade geschildert habe.

Sie hat Ihnen und Ihrer Familie nach dem Tod Ihres Mannes kondoliert.
Kasparick:
Das fand ich tröstlich. Es hat sie sehr bewegt, dass mein Mann nach all den Vorbereitungen das Reformationsjahr nicht mehr erleben konnte.

Vor etwas mehr als einem Jahr fand der Trauergottesdienst in der Schlosskirche statt. Was würde Ihr verstorbener Mann wohl über den Verlauf des Reformationsjahres sagen?
Kasparick:
Er hätte sich gefreut und zum Beispiel den Kirchentagsgottesdienst auf der Elbwiese gern mitgefeiert. Die Mischung zwischen dem »Asisi-Panorama« und der Avantgarde-Ausstellung gefiele ihm sicher auch gut. Die Grundsteinlegung des »Asisi-Panoramas« hat er ja noch miterlebt. Und jetzt ist daraus ein intergenerationelles Projekt geworden, wo Großeltern mit den Enkeln und Kinder mit den Eltern hinkommen.

Oder der Schwanenteich bei der Weltausstellung Reformation in den Wallanlagen: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – das waren seine Themen.

Hatten Sie Zeit zu trauern?
Kasparick:
Ich denke schon. Im vergangenen Sommer habe ich mir Zeit genommen. Dabei und danach habe ich erfahren, wie wichtig das Trauerjahr ist. Die Familie, die Schlosskirchengemeinde und Frauen, die Ähnliches durchgemacht haben, standen und stehen mir zur Seite. Auch die Arbeit war mir ein Halt.

Zudem hatten Sie im vergangenen Jahr auch noch den 200. Geburtstag des Predigerseminars zu organisieren.
Kasparick:
Ja, das stimmt. Aber das haben wir im Team gemeistert. Es war eine sehr schöne Aufgabe.

Ich versuche mal den Begriff Predigerseminar zu übersetzen: Dem Nachwuchs zeigen, wie Pfarrer geht?
Kasparick:
(lacht) Das kann man etwas salopp so sagen. Wir begleiten junge Theologinnen und Theologen, auch Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen auf dem Weg in den ordinierten Dienst. Und helfen ihnen, ihre Rolle zu finden und persönlich zu füllen.

Haben Sie den Eindruck, dass die jungen Theologiestudenten wissen, was sie im Pfarrberuf erwartet?
Kasparick:
Das ist unterschiedlich. Einige bringen Gemeindeerfahrung mit. Für manche ist tatsächlich erst im Studium die Erstbegegnung mit Gemeindewirklichkeit erfolgt.

Wir haben in Deutschland, historisch gewachsen, die erste Phase mit der universitären Theologie und dann die zweite Ausbildungsphase in den Kirchen und Gemeinden. In ihr geht es nicht einfach nur um die Vermittlung von »Handwerkszeug«, sondern vor allem darum, Klarheit über die eigene Rolle in einem öffentlichen, geistlichen Beruf zu bekommen. Dazu dient das Gemeindevikariat und wir nehmen die Erfahrungen von dort im Predigerseminar auf. Die Reflexions- und Übungsphasen sind mir dabei ganz besonders wichtig.

Stellen dabei auch angehende Theologen fest, dass der Pfarrberuf doch nichts für sie ist?
Kasparick:
Ja, und das finde ich gut. Es ist auch eine Zeit der Orientierung und Prüfung.

Wie hat sich der Pfarrberuf verändert?
Kasparick:
Er hat sich in den vergangenen 200 Jahren immer wieder verändert. Ich merke, dass wir jetzt eine neue Generation von Vikarinnen und Vikaren haben. Sie sind leistungsbereit, wissen klar, was sie wollen und stellen vieles infrage, beispielsweise: Inwieweit ist das halböffentliche Leben im Pfarrhaus Familien zumutbar? Wie ist es mit dem Dienstrecht, wenn ein Partner nicht in der Kirche ist? Auch im Predigerseminar hat sich einiges verändert. Bis dahin, dass wir im Moment einen Kurs haben, der auf mitgebrachte Kinder Rücksicht nimmt.

Auf dem Land haben die Pfarrer heute viele Gemeinden zu betreuen. Wie bereiten Sie die Vikare darauf vor?
Kasparick:
Die entscheidende Feld­erfahrung passiert in den Gemeinden. Im Predigerseminar versuchen wir, die sich wandelnden Gemeindeformen aufzugreifen und Entwicklungskonzepte zu reflektieren. Gerade die Erprobungsräume in der EKM sind da ein ermutigendes Beispiel. Wir müssen uns verabschieden von bestimmten Formen und die dürfen auch sterben. Aber wir können auch gemeinsam schauen, wo wächst denn schon etwas Neues.

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Sie werden als Direktorin des Predigerseminars Ende des Jahres verabschiedet. Was wächst da Neues?
Kasparick:
Der Berufungszeitraum von 12 Jahren im Predigerseminar ist um. Die äußeren Bedingungen für einen Leitungswechsel sind günstig. Ich möchte gern noch einmal für zwei Jahre wissenschaftlich arbeiten, passend zu meiner Berufsbiografie im Bereich der neueren Kirchengeschichte.

Aber Sie bleiben der EKM erhalten?
Kasparick:
Ich bin und bleibe Pfarrerin der EKM.

Aber zunächst geht es, im wahrsten Sinne des Wortes, auf zu neuen Ufern, beziehungsweise Stränden.
Kasparick:
Einmal im Jahr muss ich ans Meer. Sonst kommt die Seele nicht ins Gleichgewicht.

Dr. Hanna Kasparick, 1954 in Berlin geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Bibliothekarin, bevor sie Kirchenmusik in Halle und Theologie in Berlin und Naumburg studierte. Ihr Vikariat machte sie in Osterburg/Altmark. Sie war Prädikantin und Pfarrerin für Kinder- und Jugendarbeit im Kirchenkreis Osterburg.
1992 promovierte Hanna Kasparick im Fach Kirchengeschichte und war von 1993 bis 2002 Studienleiterin am Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in Brandenburg an der Havel, bevor sie dort Direktorin des Predigerseminars wurde. Seit 2005 ist sie Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg.

Das vergrämte Weiblein

27. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Erzählung von Alexander Roda Roda mit einer Illustration von Maria Landgraf

Zum kalvinistischen Pfarrer Doktor Kando kam ein vergrämtes Weiblein. Sie mochte vierzig zählen – in diesem Alter sind Bäuerinnen schon vergrämt. – Er musterte sie und kannte sie nicht. Sie war also nicht aus seinem Sprengel. Oder katholisch. Ja, bestätigte sie, katholisch ist sie; die Pottbäuerin von Batajnitza. Und was sie wünsche?

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Sie kauderte lang herum – denn einem Weiblein aus dem Dorf fällt reden mit Städtischen so schwer wie dem Gymnasiasten das Aufsatzschreiben. Endlich würgt sie hervor: Ob Hochwürden … – Der Pfarrer lehnt den Titel ab. Ob also der Herr Pfarrer der Pottbäuerin ihren Mann nicht könnte machen lutheranisch?

»Kalvinistisch, meinen Sie?« – »Lutheranisch oder galvinisch –, versteh des nit aso.« – Gewiss, antwortet befremdet der Pfarrer – gewiss, der Pottbauer könne zum kalvinischen Glauben übertreten; falls er nämlich dazu die rechte Berufung in sich fühle.

Gut, sagte das Weiblein, dann möchte der Herr Pfarrer den Pottbauern kalvinisch machen, noch heute. Und wie viel es wohl kosten wird? »Nicht so, liebe Frau! Der Bauer muss erst herkommen; muss selber seinen Willen kundtuen; und nachweisen, dass er die Lehren des kalvinischen Bekenntnisses wohl innehat; muss den Austritt aus der katholischen Kirche anmelden und feierlich unser Bekenntnis ablegen. Wo ist denn der Bauer?« – Sie blickte zu Boden und sprach langsam: »Der ist net hier.« – »Dann lassen Sie ihn holen.« – »Des is ja: man kann net.« – »Warum nicht?« – »Er is dot; dot seit fuffzehn Jahren!«

Der Pfarrer war ganz verdutzt. – »Tot ist der Bauer? Seit fünfzehn Jahren? Und möchte kalvinisch werden? Was soll das Ganze überhaupt?« Das Weib­lein atmete tief auf und sprach mutig: »Hochwürden, i sag’s wie’s is – es is aso: Mein Seliger war a sehr frommer Grist …« – »Katholischer Christ, nicht wahr? Sagten Sie doch?« – »Ja. A sehr a guder Grist. Aber an eigener Mensch – alls hod müssen nach seinem Kopf gehn. Un so is er aa blieben – im Himmel. Bei sein Lebzeiten ham mir immer, wann im Haus etwas überzwerch gangen, beim Viech oder so … – da ham mir immer dem Heilingen Andonius a Kirzen anzunden und ham bet – un weil mei Seliger is aso a guder Grist gewesen, hod der Heilinge uns aa erhört. Dann is’r gsturben, der Bauer – no ja, – och – un fir sei Frömmigkeit sitzt ’r drüben gwiss zur Seiden von unserm lieben Heilingen Andonius. Ja – och.

Wie hab i können alleinich d’Wirtschaft weiderfihren? I hab müssen heiroden – ’n Gnecht, ’n Loisl. Un sehgen S’, Hochwürden: darüber gift sich der Selige; sitzt zur Seiden vom lieben Heilingen Andonius und gift sich. Und jetzt können mir, mein Loisl un i, die scheensten Kirzen anzünden un können beden, bis mir grien wern: der Heilinge Andonius erhört uns nit. Unsere Sau is verreckt – unsere Hühner saan grepiert – ’s Heu is sauer: weil sich mei Seliger dut giften über mi un mein Loisl – un dut unsern lieben Heilingen Andonius geng uns aufstacheln. Ja – och. Da hab i gmaant: ob Sö net könnten mein Seligen galvinisch machen – dass ’r halt von der Seiden des Heilingen Andonius wegkummt – in d’ Höll für sein Bosheit –, dass uns der liebe Heilinge Andonius wieder erhört.«

Brautwerbung um die schöne Rebekka

22. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Bibel: Eine allzu menschliche Geschichte von Liebe und Betrug, Bruderzwist und Rache

Die schöne Rebekka war die Frau des biblischen Patriarchen Isaak, also die Schwiegertochter Abrahams, und die Mutter von Esau und Jakob. Der Bericht darüber, wie sie Abrahams Gutsverwalter als Braut warb, gehört zu den poetischen Highlights der hebräischen Bibel. Wohl auch deshalb feiern die katholischen Christen heute noch am 30. August und die Orthodoxen am 21. August Rebekkas Namenstag.

Abraham will auf keinen Fall, dass sein Isaak eine einheimische Kanaaniterin – in Abrahams Augen sind das Götzenanbeter – heiratet. Deshalb schickt er den Vertrauten in seine mesopotamische Heimat zu seiner Verwandtschaft. Als der Verwalter dort am Brunnen vor der Stadt ankommt, ausgerüstet mit zehn Kamelen und »allerlei kostbaren Sachen«, mit denen sich ein Mädchen und dessen Vater betören lässt, schickt er ein Stoßgebet zum Himmel: »Herr, Gott meines Herrn Abraham, lass mich heute Glück haben!«

Er hat Glück. Noch während des Gebets kommt die ebenso rassige wie liebenswürdige Rebekka zum Brunnen, steigt leichtfüßig zur Quelle hinab, füllt ihren Wasserkrug und gibt dem durstigen Reisenden zu trinken: »Auch für deine Kamele will ich schöpfen, bis sie sich satt getrunken haben.« Und er weiß sofort: Das ist die Richtige für Isaak.

Natürlich stimmt die Verwandtschaft der Brautwerbung zu (»Die Sache ist vom Herrn ausgegangen«). Doch wie das Buch Genesis weiter berichtet (in den Kapiteln 24 bis 27), warten Sorgen und Verwicklungen auf das Paar: Die Ehe bleibt zwanzig Jahre lang kinderlos, und als Rebekka dann doch schwanger wird, sind es Zwillinge, die ihr grausame Schmerzen bescheren, weil sie im Mutterleib einander stoßen und bekämpfen. Gott selbst gibt ihr die Erklärung: »Zwei Völker sind in deinem Leib, zwei Stämme trennen sich schon in deinem Schoß. Ein Stamm ist dem andern überlegen, der ältere muss dem jüngeren dienen.« (Genesis 25,23)

Tatsächlich wird der jüngere Zwilling, Jakob, zum Stammvater des Volkes Israel, Esau hingegen – von Jakob und Rebekka um den väterlichen Segen betrogen und um sein Erstgeburtsrecht, das er für das sprichwörtliche Linsengericht verkauft – zum Ahnherrn der Edomiter. Eine allzu menschliche Geschichte von Liebe und Betrug, Bruderzwist und Rache, aber auch ein Beweis dafür, dass die Bibel keine fromme Idealwelt im Auge hat, sondern die Realitäten des Menschenlebens kennt. Gott weiß, wie die Menschen sind, deshalb kann er ihnen so viel verzeihen, aber auch die Kräfte des Guten in ihnen herausfordern und sie verwandeln – wenn sie es zulassen.

Christian Feldmann

Seelsorger für Mitarbeitende

21. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Keine Zeit zum Ausruhen, auch wenn der Ruhestand naht: Mit Propst Diethard Kamm, dem Regionalbischof des Propstsprengels Gera-Weimar, sprach Michael von Hintzenstern unter anderem über die Aufgaben der Kirche in der Gesellschaft.

Herr Kamm, was hat Sie in den letzten fünf Jahren als Regionalbischof ermutigt, was erscheint Ihnen verbesserungswürdig?
Kamm:
Ich möchte zuerst sagen, dass mir dieser Dienst als Regionalbischof in unserer Landeskirche ausgesprochen viel Freude macht. Ich tue den Dienst gerne, weil es möglich ist, Gemeinden zu besuchen, als Seelsorger unterwegs zu sein für Gemeindekirchenräte, für Pfarrerinnen, Pfarrer, für Mitarbeitende in unserer Region. Es ist ein ganz anderer Blick als in der Zeit vorher, als ich Superintendent war. Das ist die Möglichkeit, Seelsorger für Mitarbeitende zu sein. Nicht als Dienstvorgesetzter zu kommen, ist für mich wichtig. Ich habe den Eindruck, es ist gut, dass es diesen seelsorgerlichen Dienst und dieses Amt in unserer Landeskirche gibt.

Bei meinen Besuchen erlebe ich die große Unterschiedlichkeit unserer Gemeinden, von ganz kleinen Gemeinden im Schleizer oder Greizer Oberland oder auch im Kirchenkreis Eisenberg, die zum Teil zwischen 50 und 100 Gemeindeglieder umfassen, bis hin zu einer ganz großen Kirchengemeinde in Jena mit 12 000 Gemeindegliedern.

Auch den Unterschied zwischen Stadt und Land erlebe ich sehr deutlich. Auf der einen Seite erlebe ich die Kulturstadt Weimar, die Universitätsstadt Jena, in der es viel Industrie und Innovation gibt. Daneben liegt die ehemalige Bezirksstadt Gera, die im SPIEGEL als »Stadt im Niedergang« bezeichnet wurde, mit ihren Schönheiten. Wenige wissen, dass es in Gera das einzige Fünf-Sparten-Theater in Thüringen gibt, den Hofwiesenpark, das Otto-Dix-Haus oder die Schulenburgvilla von van der Velde. Zugleich erlebe ich eine Mentalität, die mit den Veränderungen nach 1990 nur schwer umgehen kann: dem Einwohnerverlust, dem Wegfall von Industrie und einem gefühlten Bedeutungsverlust. In Gera arbeitet aber auch ein »Kulturpfarrer«, der mit spannenden Projekten kirchenfernere Menschen erreicht.

Im stärker ländlich geprägten Bereich gehören oft 30 bis 35 Prozent der Bevölkerung zur evangelischen Kirche, in Gera keine zehn Prozent. Es ist spannend, das zu erleben und dabei auch zu sehen, wie unterschiedlich die Erwartungen sind, ohne zu vergessen, dass wir an alle Menschen gesandt sind. Mit ihnen zu suchen, was zum Leben hilft, könnte heute hier eine Aufgabe von Kirche sein. Die Ungleichzeitigkeit in unserer Landeskirche kann man hier hautnah erleben.

Gera wird immer als besonders entkirchlicht bezeichnet. Ist das ein Resultat aus 40 Jahren DDR?
Kamm:
Die Entkirchlichung in Gera hat noch tiefere Ursachen. Sie begann schon Anfang des 20. Jahrhunderts. Das hat viel mit der Industrialisierung zu tun. Ich bin davon überzeugt, dass die evangelische Kirche nicht unschuldig an dieser Entkirchlichung ist. Sie hatte meist auf die Fragen und Probleme der Arbeiter in einer Arbeiterstadt keine Antworten. Auch auf die sozialen Fragen hatte die Kirche kaum Antworten. Aber es hat auch mit den Entwicklungen in der Zeit des Nationalsozialismus und danach in den Zeiten der DDR zu tun. Damals ist es einer forcierten antikirchlichen Politik, ja man muss es wohl so sagen, gelungen, Menschen mit Druck und Lockungen dazu zu führen, aus der Kirche auszutreten.

Gerade in Gera ist die Staatssicherheit sehr zielgerichtet vorgegangen, um kirchliche Strukturen zu unterwandern oder anzugreifen …
Kamm:
Ja, es ist so und ich habe das zum Teil miterlebt. Ich bin ja nicht erst 2012 nach Gera gekommen, sondern ich war von 1987 bis 1999 zuerst als Stadtjugendpfarrer und dann als Gemeindepfarrer in Gera-Lusan tätig. In der Zeit als Stadtjugendpfarrer habe ich diese Erfahrung deutlich machen müssen. Es wurde versucht, Einfluss auf kirchliche Jugendarbeit zu nehmen oder sie zu unterbinden. So erlebte ich, dass ein Anruf kam, dass drei NVA-Soldaten sich durch einen Aushang in meinem Schaukasten diskriminiert fühlten. Ich konnte darauf antworten: Ich weiß gar nicht, was Sie stört? Es ist ein Kalenderblatt, das in der DDR gedruckt worden ist. Ich hänge es nicht ab. Die Erkenntnis, wie stark die Unterwanderung kirchlicher Strukturen war, ist bis heute erschreckend.

Sie waren immer auch gesellschaftlich engagiert: Als Organisator der Friedensgebete in Gera wie als Mitbegründer des Runden Tisches gegen rechts in Jena. Welche Aufgabe hat die Kirche heute in der Gesellschaft?
Kamm:
Ich denke, die erste Aufgabe von Kirche ist es, und zwar auf allen Ebenen und zu aller Zeit, das Evangelium weiterzusagen. Das heißt auch zu fragen: Wie sehen wir gesellschaftliche Entwicklungen in diesem Land und inwieweit sind es für Christen Entwicklungen, die wir begrüßen können, die wir kritisieren müssen? Dies müssen wir klar und eindeutig tun.
Wir müssen erkennbar sein und müssen deutlich machen, wofür wir stehen. Wir sind nicht dazu da, Parteipolitik zu machen. Ich wünsche mir aber eine politische Kirche.

Sie hatten in Jena mehrfach mit rechtsextremen Auswüchsen zu tun. Wie kann man neonazistischen Aufmärschen angemessen begegnen?
Kamm:
Die Meinungs- und Versammlungsfreiheit ist ein wichtiges Gut in unserem Land. Das ist unbestritten, gerade, wenn man wie ich aus der DDR kommt. Aber, wie können wir Menschen motivieren, sich zu engagieren, dafür einzustehen, was ich mit demokratischer Gesellschaft, mit Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit, Einsatz für Frieden und gegen Gewalt beschreiben möchte? Da haben wir noch viel zu tun. Auch in unseren Gemeinden ist das nötig.

Vielleicht muss man manchmal einfach deutlich erinnern: Kirche ist weltumspannend und nicht national. Jedenfalls hat Kirche, hat das Evangelium sehr schnell den Weg in einen größeren weltweiten Zusammenhang gefunden. Es heißt im Neuen Testament: Hier ist nicht Jude noch Grieche. Das heißt, wir haben den Auftrag, jeden Menschen als Ebenbild Gottes zu sehen, zu erkennen und dies auch weiterzusagen. Ist das nicht unser politischer und theologisch seelsorgerlicher Auftrag?

Zu den Herausforderungen gehören seit 2015 viele Flüchtlinge, die auch in Ihrer Region aufgenommen werden mussten. Wie waren Ihre Erfahrungen in den Gemeinden?
Kamm:
Manche haben sich überfordert gefühlt. Aber zuallererst darf ich sagen, es hat in unseren Gemeinden ein ausgesprochen großes Engagement für Flüchtlinge gegeben, oft in Zusammenarbeit mit der Diakonie. Hier in Gera gibt es ganz hervorragende Beispiele: Es gibt einen Flüchtlingskreis, der ökumenisch arbeitet und sehr viel bewegt hat und bewegt.

Ich habe natürlich auch Ablehnung erlebt, nicht zuerst in Gemeinden, sondern weit darüber hinaus. Als in Gera-Liebschwitz eine Erstaufnahmeeinrichtung eingerichtet werden sollte, wurden sowohl der Justiz- und Migrationsminister als auch ich von 2 000 Leuten für unsere Position ausgepfiffen. Das gehört zum Bemühen um Klarheit dazu.

Es ist eben in einer Demokratie so, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben. In unseren Gemeinden gibt es beides. Es gibt die Menschen, die ganz engagiert sind und jene, die voller Sorge sind oder einfach Fremde nicht in ihrer Nähe haben wollen, weil sie es nicht gewohnt sind. Beides begegnet mir immer wieder.

Sie haben das Amt des Regionalbischofs nur zögerlich angetreten, weil Sie sich als Superintendent in Jena sehr wohl und angenommen gefühlt haben. Werden Sie im Ruhestand von der Elster wieder an die Saale zurückkehren?
Kamm:
Ja, das werden wir. Wir haben eine Ruhestandswohnung in Jena. Jetzt fühlen wir uns hier in Gera-Untermhaus sehr wohl. Im Ruhestand werden wir dann in Jena wohnen. Meine Frau und ich haben in Jena studiert und haben dort viele Freunde. Wir haben also ein soziales Umfeld, in dem wir gerne leben wollen.

Diethard Kamm: Mit dem Ruhestand in Sicht, absolviert er derzeit eine Ausbildung zum Coach. Foto: Wolfgang Hesse

Diethard Kamm: Mit dem Ruhestand in Sicht, absolviert er derzeit eine Ausbildung zum Coach. Foto: Wolfgang Hesse

Als Regionalbischof und Stellvertreter der Landesbischöfin müssen Sie viele Termine wahrnehmen. Was machen Sie zum Ausgleich?
Kamm:
Ich fahre Fahrrad. Meine Frau und ich wandern gerne. Wenn wir es schaffen und das Wetter es hergibt, gehen wir schwimmen. Ich setz mich auch gerne mal auf meinen Balkon und lese ein Buch.

Und gibt es auch schon Pläne für die Zeit danach in Jena und der Welt?
Kamm:
Es gibt vielleicht keine Pläne, aber es gibt Überlegungen. Da sind ein paar Dinge, die ich schon heute tue und gerne weitermachen möchte. Ich bin z. B. im Kuratorium der Evangelischen Akademie in Neudietendorf. Da würde ich sehen, ob ich noch etwas mittun kann. Ich mache derzeit noch eine Ausbildung zum Coach. Damit will ich dann auch der Landeskirche, wenn sie mich braucht, zur Verfügung stehen. Bis 2021 bin ich zudem im Hochschulrat der Ernst-Abbe-Hochschule, der Fachhochschule in Jena.

Und dann möchte ich einfach auch Zeit haben, meine Kinder und ihre Familien zu besuchen, die relativ weit entfernt in Niederbayern und in Schleswig-Holstein leben.

Diethard Kamm wurde in Meiningen geboren und hat zunächst Physik und dann Theologie studiert. Danach arbeitete er als Vikar in Jena und Creuzburg sowie als Pfarrer in Creuzburg, Scherbda und Gera. 1999 bis 2012 war er Superintendent des Kirchenkreises Jena sowie seit Januar 2012 amtierender Regionalbischof für den Propstsprengel Gera-Weimar.
Die Synode wählte ihn 2013 in dieses Amt. Er war Mitbegründer der ökumenischen Umwelt­bibliothek Gera, Organisator der Friedensgebete in Gera, Vor­sitzender der Jugendkammer in Thüringen und Mitbegründer des »Runden Tisches gegen rechts« in Jena.
Kamm ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Der Testbild-Sammler

20. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Mit einem Knopfdruck startete vor 50 Jahren der damalige Bundeskanzler Willi Brandt bei der Funkausstellung in Berlin das Farbfernsehen in der Bundesrepublik Deutschland. Das war auch die Geburtsstunde des farbigen Testbilds. Heute ausgestorben? Von wegen!

Schon im Treppenhaus empfängt den Besucher ein Puzzle an der Wand mit dem Vollkreis, drei Kästchen Abstand links, drei Kästchen rechts, Farb- und Grauskala, das klassische Testbild aus einer Zeit, als Fernseher noch eine Bildröhre hatten. Uwe Alberti schmunzelt: »In Deutschland gibt es noch etwa 5 bis 7 Verrückte wie mich.« Was er damit meint, legt er auf den Küchentisch. Aufnahmen von über 4 000 Fernseh-Testbildern aus aller Welt. Berufsbedingt hat den Radio- und Fernsehtechniker vor 40 Jahren die Sammelleidenschaft gepackt. Mit dem genormten Fernseh-Testbild wurden damals die Bildschirme der Fernseher eingestellt. Sie dienten in erster Linie technischen Zwecken. In der Werkstatt wurden vorzugsweise Testbilder aus dem Westen eingesetzt, der geometrische Aufbau war besser als beim DDR-Fernsehen, meint der aus dem thüringischen Apolda stammende Alberti.

Leidenschaft: Den Radio- und Fernsehtechnicker Uwe Alberti fasziniert, wie unterschiedliche Testbilder überall auf der Welt gestaltet werden. Fotos: Willi Wild

Leidenschaft: Den Radio- und Fernsehtechnicker Uwe Alberti fasziniert, wie unterschiedliche Testbilder überall auf der Welt gestaltet werden. Fotos: Willi Wild

»Viele können mit meiner Leidenschaft nicht viel anfangen«, meint er. Was ihn daran fasziniere, seien die unterschiedliche Gestaltung und dass es nahezu überall auf der Welt Testbilder gegeben habe und bis heute noch gibt. Damals dienten die Testbilder den Fernsehanstalten dazu, das Bild vor dem eigentlichen Programmstart auszurichten. Bis in die 80er-Jahre starteten die öffentlich-rechtlichen Programme eine halbe Stunde vor Sendebeginn den Farbbalkengenerator mit dem Testbild. »Im Osten kam das Testbild schon um 7 Uhr, wegen des Schulfernsehens. Im Westen erschien es erst um 9 Uhr. Danach kam die ›Sesamstraße‹.«

Nach der Wende hat Alberti im Garten mit einer drehbaren Satellitenschüssel dann plötzlich ein Testbild aus Zypern eingefangen. Mittlerweile schicken ihm Freunde Bilder von Testbildern aus aller Herren Länder. Stolz ist der Sammler auch über seine Testbilder-Sammlung aus dem Weltall. Startet vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou im Norden Südamerikas eine Rakete, werden die Bilder davon via Satellit übertragen. Bei Störungen erscheint ein Testbild. Für Uwe Alberti der Zeitpunkt, um auf den Auslöser seiner Kamera zu drücken. Dafür steht er schon mal nachts um 3 Uhr auf.

Im digitalen Zeitalter ist das klassische Testbild nicht mehr notwendig. Und doch gibt es noch die individuellen Platzhalter auf der Mattscheibe. Wenn Fernsehsender ihre Übertragungswagen im Einsatz haben, wird vor Beginn der Übertragung ein Testbild gesendet. Manchmal lassen ihn die Fernsehleute direkt im Ü-Wagen seine Fotos vom Testbild auf den Sendemonitoren abfotografieren. Das 50-jährige Jubiläum des Farbfernsehens oder, wie es hierzulande hieß, des Buntfernsehens hat Alberti auf dem Schirm. »In der DDR hat man damals für die Einführung zwei Jahre länger gebraucht, dafür war man besser vorbereitet«, sagt der Fernsehtechniker-Meister und kann sich dabei ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Erstaunt war er allerdings, dass man in Staßfurt, der Stadt der DDR-Fernsehproduktion, das West-Testbild zur Einstellung der Bildröhre empfahl. Sein Elektronik-Fachgeschäft und die dazugehörende Werkstatt hat der 56-Jährige krankheitsbedingt mittlerweile aufgeben müssen, die Leidenschaft für die Testbilder ist geblieben.

Freunde schicken Uwe Alberti Testbilder aus aller Welt.

Freunde schicken Uwe Alberti Testbilder aus aller Welt.

Aber nicht nur dafür. Seit ihn die Oma in die Christenlehre geschickt hat, engagiert sich der evangelische Christ in der Kirchengemeinde. Zunächst in der Jungen Gemeinde, dann in der Spielschar und später im Gemeindekirchenrat sowie im Kirchbauverein. Mit der Laienspielgruppe haben sie 15 Jahre lang den »Jedermann« aufgeführt. Alberti spielte den Tod. Als vor sechs Jahren sein Leben an einem seidenen Faden hing, wurde aus dem Spiel bitterer Ernst. Seine Frau habe ihm zwei Drittel ihrer Leber gespendet, damit er überleben kann, erzählt Alberti bewegt. Das hätte für beide tödlich enden können. Aber das sei eine andere Geschichte, meint er.

Willi Wild

www.uwe-alberti.de

Süd-Nord-Gefälle

17. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Christ sein – das macht in wenigen Ländern einen so großen Unterschied aus wie in Nord- und Südkorea. Die einen werden in ihrer Religionsfreiheit beschränkt, die anderen stellen seit kurzem die Mehrheitsreligion. Gerüchte über christliches Leben und Sterben in Nordkorea gibt’s viele – Bibelverbote, Umerziehungslager, Fake-Gottesdienste, um nur ein paar zu nennen. So sieht das alltägliche protestantische Christentum auf der koreanischen Halbinsel aus.

Montag, fünf Uhr morgens in Deutschland: die Schichtarbeiter denken an Feierabend und ihr weiches, kuscheliges Bett. Diejenigen, die gerade auf dem Weg zur Arbeit sind oder vor wenigen Stunden angefangen haben, gähnen vielleicht noch hinter vorgehaltener Hand und die meisten anderen liegen noch in ihren Betten und schlafen. Hinter den Kirchenfenstern brennt kein Licht.

Montag, fünf Uhr morgens in Südkorea: Die Kirchen sind hell erleuchtet, Gesang und Gebet dringen abwechselnd nach draußen. Die Morgenandacht ist in Südkorea nach Einschätzungen von Chang-bae Byun, dem Generalsekretär der Presbyterianischen Kirche von Südkorea, für viele ein wichtiges Ritual für den Start in den Tag. Und nicht nur das: Allgemein gibt es in Südkorea in einer Woche viel mehr Gottesdienste als in so manchen deutschen Kirchen. “Der Gottesdienst am Sonntagmorgen wird von 60 bis 70 Prozent der Gemeindemitglieder regelmäßig besucht”, schätzt Pfarrer Kwon Ho Rhee. Dann gebe es noch weitere Gottesdienste am Abend oder Nachmittag, die zwar etwas schlechter, aber prinzipiell nicht schlecht besucht seien. “Zusätzlich veranstalten wir dann noch die Mittwochsandacht abends, die Gebetsstunde freitags und natürlich jeden Morgen in aller Frühe die Morgenandacht”, zählt er auf und ist sichtlich stolz über das fromme Engagement der Gläubigen in seiner Heimat. Die Unterschiede zu Deutschland seien prinzipiell nicht besonders groß – die Liturgie sei ähnlich, so Rhee, nur die Stellung der Fürbitten sei in Südkorea anders: während sie dort vor der Predigt gesprochen werden, ist es in Deutschland üblich, sie nach der Predigt zu sprechen.

Kernaufgabe: der Gesellschaft dienen

Grundsätzlich sei Südkorea jedoch eine sehr säkularisierte Gesellschaft, in der Religion und Glaube in der Öffentlichkeit keine große Rolle spielen würden. Im kirchlichen Leben und im Alltag der Christen sehe es jedoch ganz anders aus. “Die drei Säulen des südkoreanischen, protestantischen Christentums sind der Besuch des Sonntagsgottesdienstes, die finanzielle Unterstützung der Kirche und die diakonische Arbeit in den Gemeinden”, erklärt Pfarrer Chang-bae Byun, der Generalsekretär der presbyterianischen Kirche in Südkorea. Unter seiner Aufsicht stehen rund 2,8 Millionen Gläubige in 8043 Kirchengemeinden – mehr als in der größten deutschen Landeskirche. “Die Kirche in Südkorea sieht sich als Diener der Gesellschaft an und arbeitet für sie und das hat eine ungeheure Anziehung auf die Menschen”, erklärt er.

Kreuz mit südkoreanischer Flagge vor der Yoido Full Gospel Church in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Die Pfingstkirche auf der Insel Yoido, dem Finanzzentrum Seouls, ist die weltgrößte Kirche und bietet den Gläubigen 15 000 Sitzplätze. Jeden Sonntag werden nacheinander sieben Gottesdienste gefeiert. Foto: epd-bild

Kreuz mit südkoreanischer Flagge vor der Yoido Full Gospel Church in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Die Pfingstkirche auf der Insel Yoido, dem Finanzzentrum Seouls, ist die weltgrößte Kirche und bietet den Gläubigen 15 000 Sitzplätze. Jeden Sonntag werden nacheinander sieben Gottesdienste gefeiert. Foto: epd-bild

Allein die presbyterianische Kirche von Südkorea unterhält mehr als 100 diakonische Einrichtungen, dazu kommen noch Krankenhäuser, Universitäten, Schulen und auch eine Wochenzeitung – und das alles ohne Kirchensteuer. Die gibt es in Südkorea nämlich nicht, die Kirchen finanzieren sich ausschließlich über Kollekte und Spenden. “Viele Menschen spenden freiwillig den Zehnten und insgesamt stehen viele Kirchen so finanziell besser da als die deutschen Landeskirchen mit der Kirchensteuer”, so Rhee, der im Augenblick in Stuttgart als Bildungsreferent mit dem Schwerpunkt Asien in der Evangelischen Mission in Solidarität arbeitet. Das große Engagement der Konfessionen habe aber auch eine Kehrseite. “Es fehlt eine institutionelle Vereinigung, die die Bemühungen gezielt koordiniert. Jeder will ein eigenes Krankenhaus oder eine eigene Schule betreiben, um so seine eigene Kirche zu vergrößern, mehr Ansehen und auch mehr Geld zu erhalten. Dieser Wettbewerb ist aber nicht immer im Sinn und Nutzen der Gesellschaft. Und so gerät manchmal die Kernaufgabe – nämlich der Gesellschaft zu dienen und ihr so das Evangelium zu vermitteln – aus dem Blick”, kritisiert Pfarrer Kwon Ho Rhee.

Insgesamt rund 20 Minuten der Zeit wird gesungen und in fast jedem Gottesdienst wirkt ein Chor mit. Die Lieder sind überwiegend klassisch-europäisch oder amerikanisch geprägt – Überreste aus der Zeit der Missionierung, die dort im Süden der Halbinsel noch in mehreren Bereichen weiter fortwirkt. “Die koreanische Spiritualität ist vom Konfuzianismus, Buddhismus und Schamanismus geprägt – formell finden sich diese Einflüsse in unserem kirchlich-religiösen Leben aber nicht wieder”, beklagt Rhee. In den Liedern und auch in der Liturgie spiegle sich der ganz speziell südkoreanische kulturelle Hintergrund noch nicht wieder, man habe in diesem Bereich noch keine eigene Identität gefunden. “Wir sind noch sehr abhängig von abendländischen Einflüssen. Dabei sind all diese anderen Einflüsse ein wesentlicher Teil der koreanischen Kultur und das muss angenommen und ins christliche Leben integriert werden” sagt Rhee.

Säkularisiertes Südkorea

Über 1.000 Jahre war Südkorea aus religiöser Sicht ein buddhistisch geprägtes Land. Seit 2015 ist das offiziell nicht mehr so. Ein Zensus ergab, dass von den 51 Millionen Südkoreanern rund 13,3 Millionen christlichen Glaubens sind – im Vergleich zu 7,6 Millionen Buddhisten. Grob unterteilen sich die südkoreanischen Christen in 9,5 Millionen Protestanten und 3,5 Katholiken. Jedoch zersplittert sich der südkoreanische Protestantismus in rund 200 verschiedene Denominationen, von denen 60 bis 70 Prozent presbyterianisch sind. “Mein Heimatland ist nach außen hin nicht sehr christlich, auch wenn es mittlerweile die größte Religion ist”, sagt Pfarrer Kwon Ho Rhee. Er weist stattdessen auf den sehr stark säkularisierten Charakter des Landes hin. Jedoch sei zum Beispiel die große Wertschätzung für Bildung in Südkorea definitiv auf die Arbeit der protestantischen Missionare zurückzuführen. “Das beeinflusst unsere Gesellschaft bis heute”, so Rhee. Und Generalsekretär Byun sieht auch christlichen Einfluss auf die Politik seines Landes – allerdings noch nicht in so großem Umfang wie beim Buddhismus. “Die hatten ja auch über 1.000 Jahre mehr Zeit dafür”, scherzt er.

Die Entwicklung des Protestantismus in dieser Region ist beeindruckend, denn ihn gibt es erst seit Ende des 19. Jahrhunderts auf der koreanischen Halbinsel: Als besonders erfolgreich gelten die Presbyterianer, die 1885 den ersten ordinierten Missionar ins Land schickten. Im heute nordkoreanischen Pjöngjang, das damals den Beinamen “Jerusalem des Osten” trug, entwickelte sich zum Zentrum des koreanischen Protestantismus und erlebte seit 1907 eine enorme Erweckungsbewegung, die schnell das ganze Land ergriff. “Die Koreaner”, so Rhee, “haben das Christentum selbst für sich entdeckt. Die christliche Mission war ein Zeichen der Moderne, ein Zeichen der Überwindung des japanischen Imperialismus durch die von den Missionaren mitgebrachte Technik.” Außerdem haben die Missionare eine Infrastruktur aus Krankenhäusern, Kindergärten, Schulen und noch vielem mehr aufgebaut, was die Bevölkerung für sie eingenommen habe.

Christen als Unterstützer der Demokratie

Zwischen 1910 und 1945 war die koreanische Halbinsel eine japanische Kolonie – während die Christen in vielen anderen Ländern, in denen sie missionierten, als Unterdrücker und Eroberer empfunden wurden, war es dort anders: Die Christen waren Unterstützer der Demokratie- und Unabhängigkeitsbewegung und verdienten sich so ein hervorragendes Images. So wuchs die Zahl der Gemeindemitglieder bis 1939 auf mehr als 360.000 an. Durch die zunehmende Unterdrück und die Auswirkungen des Krieges verringerte sich die Zahl der Christen aber innerhalb von knapp sechs Jahren wieder auf 200.000 auf der gesamten koreanischen Halbinsel.

Mit der Befreiung von den Japanern, die im Norden von den Russen und im Süden von den Amerikanern entwaffnet wurden, und der folgenden Teilung der Halbinsel wurde das Schicksal des Protestantismus entschieden. “Am Anfang war im kommunistischen Nordkorea noch die Devise: Solange das Christentum nicht Gegner des bestehenden Systems wird, wird es toleriert”, sagt Lutz Drescher, der selbst bereits fünf Mal in Nordkorea war. Hintergrund dieser vorläufigen Toleranz war unter anderem die Tatsache, dass Staatsgründer Kim Il Sung aus einer christlichen Familie stammte. Sein Großvater mütterlicherseits war protestantischer Geistlicher, seine Mutter Kang Ban-sok war Christin und Kim Il Sung selbst hatte eine christliche Schule besucht. “Es kam aber erwartungsgemäß ziemlich schnell zum Gegensatz”, erklärt Drescher. Das Ergebnis: Kim Il Sung verurteilte Priester und Gläubige entweder zum Tode oder ließ sie in Arbeitslager sperren – ein sehr düsteres Kapitel in der Geschichte des nordkoreanischen Christentums. “Und der Koreakrieg zwischen 1950 und 1953 hat dem Christentum in Nordkorea quasi den Todesstoß verpasst, weil die christlichen Amerikaner aus nordkoreanischer Sicht das Land in Schutt und Asche gelegt haben”, erklärt Drescher weiter.

Die meisten Protestanten seien in den Süden geflohen, nur ungefähr 1.000 blieben zurück und wurden jahrelang unterdrückt. “Erst ab ungefähr 1972 gab es in Nordkorea wieder so etwas wie christliches Leben”, schildert Drescher, “Die Familie von Kim Il Sungs Mutter wollte nämlich wieder Gottesdienst feiern und das Regime hatte ein Interesse daran zu zeigen, dass sie Religionsfreiheit tolerieren.” Deswegen behaupten einige, dass die Kirchen im Land eben nicht der Aufrechterhaltung des Christentums, sondern nur der Propaganda dienen. Im Weltverfolgungsindex für Christen von Open Doors belegt Nordkorea schon seit Jahren den ersten Platz, auch wenn Experten wie Lutz Drescher die Menschen dazu anhalten, diese Zahlen und Aussagen mit einer gewissen Portion Skepsis zu betrachten.

Missionierung unerwünscht

Der Nordkoreanische Christenbund ist die offizielle Dachorganisation nordkoreanischer Christen. Insgesamt gibt es Schätzungen zufolge rund 10.000 evangelische Christen im von Kim Jong Un regierten Nordkorea. Sie beten entweder in einer der zwei evangelischen Kirchen in Pjöngjang oder gehören einer der rund 500 Hausgemeinden im ganzen Land an. Prinzipiell gebe es zwar auch vereinzelt Nordkoreaner, die zum Christentum konvertiert sind, aber die Mehrheit der Christen im Land stellen Familien, die bereits seit Generationen christlich sind. “Das liegt auch daran, dass Missionieren, besonders von außen, aber auch von innen, in Nordkorea unter drakonischen Strafen verboten ist. Wenn Christen wegen ihres Glaubens in Arbeits- oder Umerziehungslager geschickt werden, so wie es spätere Flüchtlinge beschrieben haben, dann hat das häufig weniger mit ihrem Glauben an sich zu tun als mit ihrer Missionierungsarbeit”, sagt Paul Oppenheim, früherer Asien-Referent der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Der Protestantismus mit seinen engen Verbindungen zu Südkorea und den USA stehe da im besonderen verdacht, nicht nur religiöse Inhalte verbreiten zu wollen.

Doch obwohl das Christentum in Nordkorea sozusagen durch die Familie “weitervererbt” wird, hat Lutz Drescher bei seinen Besuchen in Nordkorea nie Kinder in den Gemeinden gesehen – so etwas wie einen Kindergottesdienst oder ähnliche Angebote scheint es nicht zu geben. “Das Leben in Nordkorea ist sehr stark reglementiert und in ganz, ganz engen Grenzen ist das religiöse Leben gestattet. Das beschränkt sich aber auf den Besuch des sonntäglichen Gottesdiensts”, sagt auch Oppenheim, der selbst bereits drei Mal das Land besucht hat. Und gerade die Gottesdienste in den Kirchen seien umstritten: Manche ausländischen Besucher behaupten, es sei nichts weiter als eine Show, die für ausländische Gäste abgezogen werde, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die länger im Land leben, sind hingegen der Meinung, dass es sich bei den Gottesdiensten um echte Lobpreisungen des Herrn handelt. “Es ist sehr, sehr schwierig, Dinge in diesem Land zu verifizieren”, erzählt Oppenheim und fährt fort, “das, was sie sehen, kann die Wirklichkeit sein, muss aber nicht.”

Auch Lutz Drescher weiß, wie schwierig es ist, belastbare Aussagen über das christliche Leben in Nordkorea zu treffen. Es gäbe viele Gerüchte, denen niemand widerspreche und deren Wahrheitsgehalt nur schwer nachprüfbar sei. Dazu zählen auch die christlichen Untergrundgemeinden, die es angeblich im Land gebe. Das halten aber sowohl Drescher als auch Oppenheim beruhend auf ihrer jahrzehntelangen Erfahrung für sehr unwahrscheinlich. “Nordkorea ist ein typisches nationales Sicherheitsregime, da sind die Kontrollen viel zu hoch, als dass sich da tatsächlich mehrere Untergrundgemeinden bilden könnten”, so Drescher. Schon in den offiziellen Gemeinden könne man davon ausgehen, dass ein Drittel der Leute dort sei, um die anderen zwei Drittel auszuspionieren. Wer einen Gottesdienst in Nordkorea besucht, dem werden laut Lutz Drescher zwei ungewöhnliche Dinge auffallen: “In allen nordkoreanischen Gebäuden hängt ein Bild von Kim Jong Un und Erwachsene Nordkoreaner tragen eigentlich immer einen kleinen Button mit dem Bildnis des Staatsgründers Kim Il Sung auf der Brust – in den Kirchen hingegen werden sie kein Bild finden und während des Gottesdienst legen die Gläubigen den Button ab. Und das wird von der Staatsführung so hingenommen.”

Bibelbesitz in Nordkorea nicht per se problematisch

Dass der Besitz der Bibel in Nordkorea verboten sei, ist ein weiteres Gerücht, dass sich sehr hartnäckig hält und dass sich laut Oppenheim und Drescher nur schwer zerstreuen lasse, weil viele Menschen ein festes Bild von Nordkorea hätten, dass sie nicht an die Wirklichkeit anpassen wollen. “In Nordkorea wurden ungefähr 30.000 bis 40.000 Bibeln gedruckt und wer Mitglied einer eingetragenen Gemeinde ist, bekommt auch ein Buch ausgehändigt. Da muss nichts geschmuggelt werden. Anders sieht es schon wieder aus, wenn man kein Mitglied einer Gemeinde ist, dann könnte es schon schwieriger sein, an eine Bibel zu kommen. Das weiß ich aber nicht mit letzter Sicherheit”, sagt Oppenheim. Es gebe in Nordkorea auch ein eigenes Gesangbuch, das größtenteils Lieder aus der amerikanischen Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts umfasse. “Natürlich steht da nirgendwo ein Verfasser”, so Lutz Drescher – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Und über die chinesische Grenze, so Drescher, werden auf Sticks jedoch auch Predigten und christliche Literatur geschmuggelt.

Die Ausbildung der nordkoreanischen Pfarrer findet in einem theologischen Seminar statt, das von südkoreanischen Geistlichen geleitet wird. Dort werden zehn bis zwölf Nordkoreaner fünf Jahre berufsbegleitend ausgebildet. “Und erst wenn der eine Jahrgang fertig ist, wird ein neuer zugelassen”, schildert Drescher. Er selbst hat von 1987 bis 1995 in einem Armenviertel in einer südkoreanischen Basisgemeinde gearbeitet, war von 2001 bis 2016 Verbindungsreferent für Asien der Evangelischen Mission in Solidarität und begleitete die vier nordkoreanischen Delegierten, die zur Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen nach Leipzig gereist sind.

Aus Waffenstillstand soll Frieden werden

“Sollte es eine Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea geben, würden die Kirchen nur so aus dem Boden sprießen”, ist sich Lutz Drescher sicher. Die Nordkoreaner seien sehr spirituelle, fromme Menschen, die das seit Jahren in einen Führerkult um ihren Staatschef ausleben. Bis dahin sei der Weg aber noch lang. Vorher wäre es schon hilfreich, wenn aus dem mittlerweile seit 64 Jahren andauernden Waffenstillstandsvertrag zwischen Nord- und Südkorea ein Friedensvertrag würde. “Dann gibt es auch echte Hoffnung darauf, dass sich die Menschenrechtslage in dem Land verbessert”, so Drescher überzeugt. Denn im Augenblick gehe es den Nordkoreanern nicht gut, sie würden ein sehr einfaches und gleichzeitig sehr hartes Leben führen und die ständige Bedrohung von außen, so wie sie sie wahrnehmen, stärke den Zusammenhalt und schweiße sie enger zusammen.

Diese Wahrnehmung unterstrich auch Ri Jongro von der christlichen Föderation Nordkoreas in seiner Rede vor den Delegierten der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. In ihr bezeichnete er die Handlungen der USA als “selbstherrlich und willkürlich” und kritisierte die Sanktionen, die das Leben in seiner Heimat einschränkten – selbst Kinderspielzeug stehe auf den Sanktionslisten. “Die Situation wird immer schwieriger und gefährlicher”, so Jongro, meint damit aber nicht die nordkoreanischen Raketentest, sondern die Militärmanöver der Vereinigten Staaten. “Die USA brechen internationales Recht und wir sind zur Selbstverteidigung gezwungen Es wird immer mehr Spannungen geben auf der koreanischen Halbinsel geben und wir werden beschuldigt, daran schuld zu sein”, echauffiert sich der Nordkoreaner weiter. Aus seiner Sicht sei Frieden nicht möglich, solange die USA so weitermachen wie bisher. Zumindest in dieser letzten Feststellung sind sich Ri Jongro und Lutz Drescher einig: auch aus seiner Sicht seien ein sofortiges Ende der gemeinsamen Militärübungen der Vereinigten Staaten und Südkoreas sowie mittelfristig der Abzug der amerikanischen Truppen von der koreanischen Halbinsel ein wichtiger Schritt in Richtung Frieden. Der südkoreanische Delegierte Lee Jaechun sagte, für eine friedliche Koexistenz beider Länder seien viele kleine Schritte nötig. Eine Möglichkeit dazu sei eine breite Volksbewegung ohne Beteiligung der Großmächte.

An diese Volksbewegung, die für Frieden auf der koreanischen Halbinsel sorgen kann, glaubt auch die junge Südkoreanerin Ahee Kim, deren Großvater während des Koreakrieges aus Nordkorea in den Süden geflohen ist. Ihre entfernten Verwandten im Nachbarland kennt sie nicht. “Ich träume von der Wiedervereinigung. Sie wird kommen, wenn die Nordkoreaner aufstehen und friedlich für die Freiheit demonstrieren”, erzählt sie. Bis dahin sei es ihr Ziel, sich für die nordkoreanischen Flüchtlinge in ihrer Heimat einzusetzen. Nach ihrer Flucht werden die nämlich erstmal drei Monate lang verhört und dann auf das Leben in Südkorea vorbereitet, das sich gänzlich von dem in ihrer Heimat unterscheidet.

“Farben symbolisieren die Situation ganz gut: das eine Land ist rot, das andere blau und die Flüchtlinge sind lila – sie passen in keine Gesellschaft rein, stechen überall heraus”, so Kim. Nordkoreanische Geflüchtete würden viel Diskriminierung erfahren “Die deutsche Geschichte gibt mir Hoffnung für Korea: es war schon einmal möglich, ein Volk nach Jahrzehnten der Trennung durch Mauern, Stacheldraht und unterschiedlichen Ideologien wiederzuvereinigen und hoffentlich wird es für meine Heimat auch möglich sein – irgendwann.” (evangelisch.de)

Lena Ohm

Teresa und ihr »Mix-Mix«-Laden

15. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Vor Ort erfahren, wie faire Geldanlagen aus Mitteldeutschland bei Frauen auf den Philippinen Früchte tragen – das war die Intention der Reise, zu der Vertreter der Entwicklungsgenossenschaft »Oikocredit« Anfang dieses Jahres aufbrachen.

Vor über 40 Jahren wurde auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen »Oikocredit« gegründet. Einmal im Jahr bietet die Entwicklungsgenossenschaft ihren ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden die Chance, Partnerorganisationen und Endkunden zu besuchen.

Weltweit sind es 70 Länder, in denen »Oikocredit« Mikrofinanzinstitutionen, Genossenschaften und kleine bis mittlere Unternehmen fördert. »Oikocredit« vergibt selbst keine Mikrokredite an Kunden, sondern unterhält vor Ort Länderbüros, in denen Mitarbeitende die insgesamt 801 Partnerorganisationen mit Finanzierung und Beratung unterstützen. Eine dieser Organisationen, die wir im Rahmen unserer Studienreise besuchten, ist die »Negros Women for Tomorrow Foundation« (NWTF). Drei Philippinas riefen sie 1986 ins Leben mit dem Ziel, ein karikatives Schulspeisungsprogramm auf der Insel Negros aufzubauen.

Daraus hat sich in der Zwischenzeit eine Stiftung mit mehr als 100 Niederlassungen auf den Visayas, der zentral gelegenen Inselgruppe der Philippinen, entwickelt. Über 60 Prozent der Kredite, die NWTF vergibt, werden als Mikrokredite an Gruppen von jeweils fünf Frauen vergeben, die einander beraten und solidarisch füreinander bürgen.

Das Programm nennt sich »Dungganon«, was mit »ich bin ehrenhaft« übersetzt werden kann. Es dient der Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen und ihren Familien. In wöchentlichen Nachbarschaftstreffen werden Kreditvergabe und Rückzahlungen vom NWTF-Fachpersonal koordiniert. Die sogenannten »laonofficer« sind ehemals oft selbst Empfängerinnen von Kleinkrediten gewesen und kennen die Bedürfnisse und Lebensumstände ihrer Kundinnen sehr gut. Und so ist es nicht verwunderlich, dass neben dem Finanziellen der Erfahrungsaustausch der Frauen und persönliche Themen auf der Tagesordnung der Treffen stehen.

Von Ananas bis Zahnpasta – alles erhältlich bei Teresa Tomaro. Fotos: Nicolas Villaume

Von Ananas bis Zahnpasta – alles erhältlich bei Teresa Tomaro. Fotos: Nicolas Villaume

Die Kundinnen werden von NWTF sorgfältig ausgewählt und beraten, damit die mit dem Kredit finanzierte Tätigkeit dauerhaft ein Einkommen für die Familien generiert und nicht umgekehrt der Kredit aus dem Familieneinkommen finanziert werden muss.

Ein weiterer Bonus ist das vielfältige Sozialprogramm. Davon kann auch Teresa Tomaro (43) berichten: »Ich habe sehr von den Programmen von NWTF profitiert, neben der finanziellen vor allem auch von der sozialen Unterstützung. Es gibt für alle Kundinnen samt Familien ein Versicherungs- und Gesundheitspaket. Daher bin und bleibe ich auch Kundin von NWTF. Wir bekommen hier vor Ort Training, Schulungen und Beratungen für Buchhaltung, Marketing, Budgetierung und Management«, erzählt sie freudig.

Teresa Tomaro begann 2002 als Kundin von NWTF mit einem Kredit von umgerechnet knapp 60 Euro. Sie lebt im 1 000-Seelen-Dorf St. Rita auf Bacolod. Der Ort besteht zum Großteil aus Bambusunterkünften ohne Toiletten, die Wasserzufuhr kommt über Pumpen im Hof. Die Hütten muten auf den ersten Blick vielleicht idyllisch an, aber wenn die Erde bebt oder es regnet und stürmt bieten sie wenig Schutz.

Die 43-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder. Sie betreibt einen Sari-Sari Shop; das heißt übersetzt Mix-Mix, also ein Kaufladen, in dem man alles Notwendige bekommt. Den Laden, der auf ihrem Grundstück liegt, hält sie täglich von 5 bis 20 Uhr geöffnet – außer sonntags, wenn das ganze Dorf zum katholischen Gottesdienst geht. Ihr Mann ist dank der Kredite Truckfahrer, er macht Lieferungen für den Shop und bietet weitere Transporte an.

Treffen der Frauen von St. Rita im Community Center. Hier machen sie ihre Abrechnungen, tauschen sich aus, beten und singen gemeinsam.

Treffen der Frauen von St. Rita im Community Center. Hier machen sie ihre Abrechnungen, tauschen sich aus, beten und singen gemeinsam.

Teresa Tomaro führt uns stolz umher, erzählt von ihrem Arbeitsalltag und den Effekten ihres Kleinkredits: »Von meinem ersten Profit haben wir den Boden unseres Hauses zementieren lassen. Darüber hinaus bin ich froh und dankbar, dass unsere Kinder jetzt zur Schule gehen können. Zwar kostet der Schulbesuch hier kein Geld, aber die Uniform, der Transport, die Bücher und Mahlzeiten konnten wir uns zuvor nicht leisten. Meine Älteste arbeitet nebenbei auch im Shop mit.« Sie ist ein Vorbild in der Nachbarschaft: »Da wir immer als fünfköpfige Frauengruppe einen Kredit bekommen, hat sich auch das Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühl untereinander toll entwickelt. Ich rate meinen Freundinnen: Man braucht viel Geduld und muss es sehr ernst nehmen, den Kredit nur für das Geschäft einzusetzen!«

Damit schaffen es 30 Prozent der Kundinnen, innerhalb von fünf Jahren über die Armutsgrenze von 1,25 Dollar pro Tag zu kommen. So können sie für ihre Grundbedürfnisse aus eigener Kraft sorgen: ein festes Dach, Bildung, Kleidung, Hygiene, Nahrung – und sich auch kleine Wünsche erfüllen, die über das Notwendige hinausgehen: »Auf meinen Fernseher möchte ich nicht mehr verzichten«, lacht Teresa Tomaro.

Lena Husemann

Die Autorin ist Geschäftsführerin des »Oikocredit«-Förderkreises Mitteldeutschland. Sie berichtet gerne bei Gemeinde­veranstaltungen über ihre Philippinenreise und »Oikocredit«, Telefon (03 91) 59 77 70 36

www.mitteldeutschland.oikocredit.de

Seefahrt lehrt Beten

15. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Bordseelsorge: Auf den Weltmeeren die Quellen des Glaubens entdecken

Über Ho-Chi-Minh-Stadt (Vietnam) lag am Silvesterabend brütende Hitze, als ich an Bord des Kreuzfahrtschiffes »MS Europa« im klimatisierten »Club Belvedere« zur ökumenischen Andacht einlud. Vor der großen Silvestergala wollten die Passagiere des Luxus-Kreuzfahrtschiffes das Jahr besinnlich ausklingen lassen und das heilige Abendmahl feiern. Während ein katholischer Bordmusiker und ich als evangelischer Bordseelsorger die Patene mit Brot reichten, ging der Blick hinaus auf den Fluss Saigon. Draußen ein noch immer armes asiatisches Land, drinnen eine wohlsituierte christliche Gemeinde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich zum Beten und Singen traf.

Seit 2010 bin ich zeitweise als ehrenamtlicher Bordseelsorger auf den Weltmeeren unterwegs, im Dienst der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Wer als Bordseelsorger in See stechen will, muss abenteuerlustig sein. Auf einem Kreuzfahrtschiff kann es schon mal vorkommen, dass bei Windstärke zehn der Konferenzraum total überfüllt ist. Die Passagiere strömen nicht nur deshalb dorthin in den Gottesdienst, weil die Landgänge ausfallen, sondern weil – wie ein altes spanisches Sprichwort sagt – Seefahrt Beten lehrt.

Zur Abenteuerlust gehört auch, bei einer geplanten Veranstaltung mit weniger Zuhörern zu rechnen, weil plötzlich etliche Gäste auf einer Eisscholle in der Antarktis festsitzen. Und im schlimmsten Fall ereilt Passagiere und Crew während der Reise die Nachricht, dass die Reederei insolvent ist, der Törn nur mit Mühe fortgesetzt werden kann und die Honorarzahlung für die Künstler ins Wasser fällt.

Auf hoher See für Gäste und Crew unterwegs: Edgar S. Hasse. Foto: TUI Cruises

Auf hoher See für Gäste und Crew unterwegs: Edgar S. Hasse. Foto: TUI Cruises

Seit der Auswanderungswelle von Deutschland nach Amerika im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist es üblich geworden, dass Bordseelsorger regelmäßig die Passagiere auf ausgewählten Ozeandampfern begleiten. Während auf der »MS Europa« (Hapag-Lloyd Cruises) bei jeder Reise von der EKD und der katholischen Kirche entsandte Geistliche mitfahren, gibt es religiöse Angebote bei den großen Kreuzfahrtschiffen mit 2 600 Passagieren wie bei TUI Cruises ausschließlich zu Weihnachten und Ostern.

Die meisten Passagiere wollen einfach nur unbeschwerte Tage auf See verbringen und ihren Urlaub genießen. Manchen aber fällt es schwer, den Alltag hinter sich zu lassen. Verdrängte Probleme gewinnen an Gewicht, Lebenskrisen reisen als blinde Passagiere mit. See-Tage werden zu Seelen-Tagen. Für all diese Gäste sind die Bordseelsorger als empathische Zuhörer da. Da ist jenes junge Paar, das vor Jahren sein Kind während der Geburt verloren hat und nun mit diesem Trauma ringt. Oder jene junge Frau, die irgendwo auf dem Atlantik zwischen Südamerika und Europa erzählt, dass ihre Familienstrukturen sie zermahlen. Und der Witwer, der bereits vor dem Start der Reise auf dem Flughafen danach fragt, ob es einen christlichen Gesprächskreis an Bord geben wird. 14 000 Kilometer von seinem Heimatort entfernt, wird er später vor der Antarktischen Halbinsel andere Gäste treffen, die ebenfalls ihren Partner oder ihre Partnerin verloren haben. Und schließlich gibt es noch die Crew, die zu den Festtagen einen englischsprachigen Gottesdienst erwartet.

Nicht zuletzt braucht man als Bordseelsorger einiges Improvisationsgeschick. Weil kein religiöser Raum vorhanden ist, müssen Theater, Konferenzsäle oder Lounges zu sakralen Orten gemacht werden. Im Idealfall befinden sich Gesangbücher und ein Kreuz im Fundus. Und die Weihnachtskrippe wird auf eine LED-Leinwand geworfen.

Trotz mancher Pannen bleibt am Ende die beglückende Erfahrung, auch weit entfernt von der Heimat auf Menschen zu treffen, die mitten auf dem Meer aus den Quellen des Glaubens schöpfen wollen.

Edgar S. Hasse

Der Autor ist promovierter Theologe, Lehrbeauftragter an der Evangelischen Hochschule in Hamburg und Redakteur.

Dem Himmel so nah

14. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Tausende Gipfelkreuze stehen in den Ostalpen. Sie sind christliches Symbol, gehören zum Bergklischee – und geben Anlass für Diskussionen. An einigen hängen mittlerweile auch tibetische Gebetsfahnen.

Es ist ein Bild, das einen festen Platz im Album der europäischen Urlaubsklischees hat: Fröhliche Menschen in bunten Funktionsjacken, ein felsiger Gipfel und dahinter, so weit das Auge reicht, die Bergketten der Alpen. Komplett ist der Schnappschuss für die Trophäensammlung aber nur mit einem besonderen Symbol – dem Gipfelkreuz. Das Foto mit dem Gipfelkreuz sei »mittlerweile einfach in der DNA der Bergsteiger drin«, sagt Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV). »Das Kreuz als Symbol gehört für die meisten zum Gipfel dazu, wie die Kirche zum oberbayerischen Ort.«

Trotzdem: Eine Selbstverständlichkeit sind Gipfelkreuze nicht. In großer Zahl wurden sie erst ab dem 18. Jahrhundert aufgestellt, besonders viele kamen Mitte des 20. Jahrhunderts dazu.

Berggipfel gelten in vielen Kulturen als Punkte, in denen sich »Himmel und Erde berühren«. Darum sind religiöse Symbole naheliegend. Das Kreuz in den Alpen aber ist auch umstritten. Ein prominenter Kritiker ist Bergsteiger-Ikone Reinhold Messner. Man solle die Berge nicht »zu religiösen Zwecken möblieren«, sagte er im vergangenen Jahr der »Süddeutschen Zeitung«. Im Sommer 2016 beschädigten Unbekannte mehrere Gipfelkreuze in der Gegend um Bad Tölz schwer.

Dabei liegen die Zeiten, in denen das Gipfelkreuz ein rein religiöses Symbol war, schon länger zurück, wie Claudia Paganini urteilt, Philosophin an der Universität Innsbruck. Die ersten Gipfelkreuze, die ab dem 13. Jahrhundert in den Alpen aufgestellt wurden, seien noch der Frömmigkeit der örtlichen Bevölkerung entsprungen, sagt die Autorin, die das Buch »Dem Himmel so nah« über das Phänomen der Gipfelkreuze geschrieben hat.

So habe es beispielsweise früh Kreuze auf »Wetterbergen« gegeben – jenen Gipfeln, hinter denen man Unwetter heraufziehen sah. »Es gab Gebetsrituale an diesen Kreuzen, um ein mildes Wetter zu bitten.« In entlegenen Bergregionen habe man sich auch zu einer Art Gottesdienst am Gipfelkreuz getroffen.

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Gleichwohl seien diese Gipfelkreuze auch »weiter den Berg hinauf gewanderte« Verwandte von Wegkreuzen gewesen, sagt Paganini. Die waren seit der Christianisierung in den Alpen vertreten. Als Dankesmale – aber auch als eher profane Weg- oder Grenzmarkierung.

Nachhaltig änderte sich die Lage, als die Alpen zu einem Reiseziel wurden. Adelige, oft aus alpenfernen Gegenden, bestiegen ab dem 18. Jahrhundert die Gipfel – und setzten weithin sichtbare Monumente als Zeichen für ihre »Macht über den bezwungenen Berg«, wie Pa­ganini erklärt. Zunächst habe man Fahnenmasten errichtet. Allerdings habe es Sorge gegeben, »Gott ins Gehege zu kommen, Gott in seiner Allmacht infrage zu stellen, indem man auf diese hohen Gipfel gestiegen ist«, erzählt sie.

Die Lösung fand sich im Gipfelkreuz.

Die nächste Welle des Alpinismus als Breitensport brachte Kreuze dann auch auf kleinere Gipfel, oft aufgrund von Privatinitiativen. Die meisten Kreuze seien aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden, sagt Thomas Bucher vom Alpenverein – oft als Zeichen der Dankbarkeit von heimgekehrten Soldaten.

Als der Transport durch Helikopter möglich wurde, kam es nach Paganinis Beobachtung zu »echten Challenges, wer das größere, pompösere Kreuz aufstellt«. Die Wissenschaftlerin urteilt: »Die haben dann oft eher wie Fremdkörper gewirkt.« Mittlerweile gebe es neue Trends. Etwa hin zu künstlerisch gestalteten Kreuzen, die als Zeichen der religiösen Versöhnung, der Offenheit und Toleranz verstanden werden könnten.

Auf Gipfeln in den Ostalpen mischten sich mittlerweile optisch die Religionen, sagt Bucher. An einigen Kreuzen hingen nun auch tibetanische Gebetsfahnen. »Das ist gar kein Konflikt«, betont der DAV-Sprecher – es gebe in Bergsteigerkreisen eine »große kulturelle Verbundenheit zu Nepal«. Für viele Alpenfreunde im DAV sei das Kreuz ohnehin eher »Kulturgut« als religiöses Symbol.

Wer die Kreuze heutzutage aufstellt, das sei völlig unterschiedlich: Von DAV-Sektionen über örtliche Burschenvereine, Kirchengemeinden oder Privatinitiativen sei alles dabei. Es gebe eine Art »Gewohnheitsrecht«, sagt Bucher: »Wer das letzte Kreuz aufgestellt hat, sorgt meistens auch dafür, dass ein neues hinauf kommt.« Denn im Normalfall müsse ein Kreuz alle zehn bis zwanzig Jahre ausgetauscht werden: »Da herrscht ja eine raue Witterung in den Bergen.«

Womit auch schon das letzte große Rätsel um die Gipfelkreuze angeschnitten ist: Wie viel der Kreuze es in ihrem Hauptverbreitungsgebiet, den Ostalpen, gibt, das weiß wohl niemand. »Viele, viele Tausend«, sagt Bucher, »mehr oder weniger auf jedem nennenswerten Gipfel in den Ostalpen«. Und Paganini ergänzt: »Es kommen ja immer wieder welche hinzu. Und andere verfallen.«

Florian Naumann  (epd)

Lebendigkeit statt Perfektion

14. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Impulse nach innen: Auch den Kirchengemeinden im Norden machen Mitgliederschwund und Einsparungen zu schaffen. Trotzdem soll kirchliches Leben aufrechterhalten werden. Mit dem Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, Propst Christoph Hackbeil, sprach Angela Stoye.

Herr Hackbeil, stellen Sie sich vor, Sie wären Tourismusmanager. Wo würden Sie die Menschen in Ihrem großen Sprengel hinschicken?
Hackbeil:
Auf die »Straße der Romanik«, denn die ist wirklich eine gute Idee – mit einer Einschränkung: Die großen Kirchen wurden jüngst noch mehr hervorgehoben. Ich würde dazu noch ein paar wunderbare kleine Kirchen empfehlen wie Melkow und Wust bei Jerichow. Nördlich des Huy liegt zum Beispiel Deersheim mit zwei romanischen Kirchen. Auch ein Abstecher nach Calbe an der Saale mit der Kirche in Gottesgnaden lohnt sich.

Da haben Sie eine Vorlage geliefert: Kleine Dorfkirchen sind oft verschlossen. Das kommt bei Besuchern nicht gut an …
Hackbeil:
Auch ich wünsche mir, dass mehr Kirchen zuverlässig geöffnet werden. Und der Prozess hin zu mehr offenen Kirchentüren ist in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Gang. Die Gemeinden werden informiert und geschult. Da sind die Kirchenkreise dran. Aber das Kirchenöffnen geht – wie vieles – nicht von heute auf morgen.

Das Ziel, im 500. Jubiläumsjahr der Reformation alle 4 000 Kirchen der EKM zu öffnen, wird nicht erreicht …
Hackbeil:
Das ist leider so. Ich sehe das Problem von zwei Seiten: erstens von Seiten der Touristen. Für sie ist eine offene Kirche ein Zeichen von Gastfreundschaft, eine verschlossene nicht.

Zweitens: Eine Kirche, die kaum noch benutzt wird, wird auch im eigenen Ort kaum noch wahrgenommen. Sehr wichtig ist deshalb, dass die Kirche für die Menschen ihres Ortes offen ist.

Zum Beispiel: Eine kleine Dorfkirche, die von einem Friedhof umgeben ist, kann sonnabends aufgeschlossen werden, wenn viele Menschen zur Grabpflege kommen. Auch Andachten können in dieser Zeit gehalten werden. Das regelmäßige Aufschließen ist deshalb auch ein wichtiger Impuls nach innen. Im Übrigen produzieren wir mit dem Starren auf Zahlen unnötigen Verdruss. Dem Landeskirchenrat liegt etwas daran, dass Bewegung in die Sache kommt.

Für mich hat es den Anschein, als ob man mehr auf »Leuchttürme« setzt denn auf Angebote in der Fläche.
Hackbeil:
Wir haben auch »Leuchttürme« auf dem Lande, wie ehemalige Klöster – Arendsee, Drübeck oder Neuendorf bei Gardelegen –, von denen die Menschen heute noch sagen, dass sie beim Betreten eine besondere Atmosphäre spüren. Kloster Jerichow beispielsweise ist offen und es gibt den Sommer über tägliche Andachten. Aber auch kleinere Orte bieten Besonderes, etwa die Schlosskirche in Erxleben, wo sich ein rühriger Verein nicht nur um den Gebäudeerhalt kümmert, sondern auch die Geschichte hebt. Oder der Ort Gnadau, eine Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine, in dem der Glaube Gestalt angenommen hat.

Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, die Zahl der Mitarbeiter auch. Überall muss gespart werden. Wie sollen Haupt- und Ehrenamtliche alle Aufgaben in der Fläche bewältigen?
Hackbeil:
Die Pfarrer und die anderen kirchlichen Mitarbeiter stehen vor einer Riesenaufgabe. Dabei sind die Pfarrstellen in der Altmark mit teils 20 Dörfern und mehr noch einmal eine besondere Herausforderung. Wenn Pfarrer in einigen Jahren in den Ruhestand gehen, wissen sie, dass ihre Stelle nicht mehr besetzt wird. Auf diesen Abschied hin zu leben, ist nicht leicht.

Ich ziehe den Hut davor, wie viele Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker unverdrossen weiter ihren Dienst tun. Daher denke ich: Das kann nicht nur an den Zahlen liegen, sondern auch am Betriebsklima.

Woraus schließen Sie das?
Hackbeil:
Ich habe vor Kurzem die Ergebnisse einer Studie gelesen, die in zwei Landeskirchen zur gesundheitlichen Situation von Pfarrerinnen und Pfarrern gemacht wurden. Da zeigte sich: Die Sorge vor Burnout und Depressionen wurde auf dem Land weniger dort gesehen, wo alle Mitarbeiter gut zusammenarbeiteten. Ich sehe die Tendenz zu verbindlicher regionaler Zusammenarbeit als unumkehrbar an, sodass sich drei, vier, fünf Mitarbeiter als regionales Team verstehen und sich mit Mut den veränderten Verhältnissen stellen. Das schließt auch die Ehrenamtlichen mit ein.

Stichwort Ehrenamt: Werden die Aufgaben, die nicht mehr bezahlt werden können, vermehrt auf sie abgewälzt, also Ehrenamtliche als Lückenbüßer?
Hackbeil:
Das höre ich manchmal. Aber ich erlebe auch anderes. Immer dort, wo Ehrenamtliche das Gemeindeleben selber gestalten, sind sie ganz anders motiviert und halten auch die Leute zusammen. Mit großer Hochachtung erlebe ich Menschen im Prädikantendienst.

Umso ärgerlicher finde ich es, dass die Verwaltung oft noch immer so gestaltet ist, dass sie – trotz gegenteiliger Aussagen – ehrenamtliches Engagement oft erschwert statt erleichtert: lange Wege, mehrfache Wege, Wartezeiten und so weiter. Das entmutigt. Da hat die EKM ein selbstgemachtes Problem, das nur durch besseren Service zu lösen ist.

Um dann was in Zukunft besser zu können?
Hackbeil:
Sich auf die geistlichen Aufgaben zu konzentrieren. Denn eine Kirchengemeinde ist etwas anderes als ein Verein. Ich sehe das Öffnen der Kirchen nicht als technischen Vorgang an, sondern als geistlichen.

Dazu gehört auch, dass zum Beispiel der Altar mit Blumen geschmückt wird oder dass Gesangbücher gleich am Eingang bereitliegen. Kurz: ein Wachsein dafür, wie große theologische Fragen in kleinen praktischen Bezügen gedacht werden können.
So ein Beispiel habe ich nach Pfingsten in Hagenau, einer kleinen Kirche bei Osterburg erlebt. Da habe ich gespürt: Hier wirken Älteste, die alles im Blick haben. Obwohl es dort nur selten Gottesdienste gibt: Wenn, dann ist es ein richtiges Fest, ein Höhepunkt im Dorfleben.

Stichwort Regionalisierung. Wann werden die Gemeindeglieder wirklich selbstverständlich zum Gottesdienst in das Nachbardorf fahren?
Hackbeil:
Wenn die erste Frau zur katholischen Priesterin geweiht wird … – will sagen: Unter dem Sparzwang dürfen wir nicht den Eindruck erwecken, alle Probleme müssen mit dem neuen Stellenplan bis 2019 gelöst sein. In manchen Kirchenkreisen war das schon vor Jahrzehnten dran, zum Beispiel ab den 1970er-Jahren im damaligen Kirchenkreis Merseburg. Woanders kommt die Regionalisierung erst jetzt an die Reihe. Prozesse sind dran, wann sie dran sind.

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Wichtig ist, das Miteinander von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern zu fördern. Wichtig ist, den Menschen Mut zu machen, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Geduld zu haben und sich nicht darüber zu beklagen, wo etwas nicht ist, sondern schauen, wo etwas wächst.

Bei den Menschen, die wollen, dass alles wieder so ist wie vor 50 Jahren, ist doch vor allem der Wunsch nach Gemeinschaft sehr groß. Wir sollten ihnen die Gelegenheit in neuen Formen der Gemeinschaft geben, verbunden mit einer spürbaren geistlichen Mitte.

Wie kann das geschehen?
Hackbeil:
Durch das Gebet – in traditioneller Form und in neuem Gewand. In der EKM gibt es seit Oktober 2015 den Gebetskalender. Etwa 80 Menschen bekommen – jede Woche aktualisiert – Mails mit Gebetsanliegen. Einzelpersonen machen hier genauso mit wie die Kommunitäten. Für diese gewachsene Gemeinschaft bin ich sehr dankbar. Aber an den Gebeten könnten sich noch mehr beteiligen.

Zweitens das Abendmahl: Ich finde, wenn in kleinen Kirchen nur noch wenige Male im Jahr Gottesdienst gefeiert wird, sollte immer auch ein Abendmahl dazugehören. Leider ist dem nicht so. Aber unter dem Gemeinschaftsaspekt gesehen, könnten sich Pfarrer und Gemeinden bei weniger Gottesdiensten sogar darauf verständigen, diese immer mit Abendmahl zu feiern. Denn wir sind nicht nur unter das Wort Gottes gerufen, sondern auch an den Tisch Jesu geladen!

Und wir können nicht ein gemeinsames Abendmahl von evangelischen und katholischen Christen fordern, wenn wir das Sakrament in unseren Kirchen nicht mehr als tragende Praxis erleben!

Heißt das, dass die weniger werdenden Mitarbeiter noch mehr tun sollen?
Hackbeil:
Nein. Die hohe Belastung der Mitarbeiter macht mir Sorgen. Viele laden sich schon jetzt zu viel auf. Ich habe große Achtung vor dieser Einstellung, aber wir müssen alle darüber nachdenken, wie es anders gehen kann. Leider habe ich kein Rezept, das hat keiner. Aber dass Zeit zur gemeinsamen Suche bleibt, gehört zur geistlichen Klärung. Ich finde es gut, dass die Landeskirche für Pfarrerinnen und Pfarrer Möglichkeiten des Ausgleichs und zum Auftanken schafft, etwa durch Studiensemester, Sabbatzeiten, Aufenthalte im Kloster und anderes.

Geht der Trend nicht doch hin zum Gottesdienst vom Fließband?
Hackbeil:
Ich habe als Dorfpfarrer auch drei Mal am Sonntag Gottesdienste halten müssen und war von Mal zu Mal müder. In meiner Anfangszeit als Propst habe ich gemeint, in meinen Predigten besonders viel Staatstragendes unterbringen zu müssen. Alle Themen, die unsere Kirche jetzt bewegen, in zehn Minuten! Dabei habe ich mich ziemlich verspannt. Erst eine Fortbildung, ein Predigt-Coaching, hat mir geholfen. Da habe ich das Gegenteil gelernt. Weniger ist oft mehr.

Das klingt nach noch mehr Arbeit statt Entlastung.
Hackbeil:
Nein. Denn es muss nicht alles perfekt sein. Alle streben nach Perfektion, aber die Lebendigkeit ist der wesentliche Aspekt, den man nicht über Bord werfen darf. Vier Mal oder öfter eine Predigt vorzulesen ist für mich keine Lösung. Ein bisschen Sicherheit durch das Manuskript ist gut. Aber ein Pfarrer, eine Pfarrerin sollte – im lutherischen Sinne – sich dessen fröhlich gewiss sein, was zu tun ist. Zeigen, wo mich das Wort der Schrift berührt hat.

Propst Hackbeil, der Sommerurlaub an der Ostsee und im Harz liegt hinter Ihnen. Was bringt die nächste Zeit für Sie persönlich?
Hackbeil:
Nach Fortbildungen in »Führen und Leiten« und in klinischer Seelsorge befinde ich mich in einer Ausbildung zum geistlichen Begleiter. Denn der Austausch über den geistlichen Kern unseres Tuns ist doch das Wichtigste überhaupt.

Christoph Hackbeil, Jahrgang 1956, ist seit Januar 2009 Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg und Inhaber der ersten Pfarrstelle am Stendaler Dom. Seine Wahl war die erste Propstwahl in der EKM.

Propst Hackbeil stammt aus Leipzig, wo er die Thomasschule besuchte und im Thomanerchor sang. Nach dem Theologiestudium in Leipzig war er drei Jahre Studieninspektor am Reformierten Konvikt in Halle. Danach wechselten er und seine Frau Ulrike, ebenfalls Pfarrerin, in die Altmark nach Mieste und Gardelegen. Von 2000 bis zu seinem Amtsantritt als Regionalbischof war Christoph Hackbeil Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt.

Das Ehepaar Hackbeil hat drei erwachsene Söhne und vier Enkel. (G+H)

Weltumspannender Klang

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Beim 5. Weltglockengeläut erklingt am 5. August in einer Liveschaltung die Glocke der Kirche von Kotagiri im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, die 1908 im thüringischen Apolda gegossen wurde.

Zu erleben ist dies auf der Bühne der Thüringer Landesgartenschau »Blütezeit Apolda« und im Internet. Als Moderator und Akteur »vor Ort« in Südindien konnte Daniel Schad gewonnen werden, dessen Urgroßeltern zur Zeit der aufwendigen Glockenanlieferung als Missionare in Kotagiri tätig waren.

Daniel Schad ist als Violinist der Staatskapelle Halle tätig und Vorsitzender des 2009 gegründeten Vereins »Straße der Musik«, der die reichhaltige Musikgeschichte Mitteldeutschlands (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken will. Eine dafür erstellte Komponisten-Liste seit der Reformationszeit umfasst 1 632 Namen!

Schad ist jedoch nicht nur als Musikhistoriker aktiv, sondern erforscht auch die Geschichte seiner Vorfahren. So hat er unter dem Titel »Erinnerungen aus meinem Leben« die Familienchronik der Leipziger und Basler Missionarsfrau Susanna Schad in Indien veröffentlicht. Darin beschreibt seine Urgroßmutter unter anderem das Kennenlernen ihres Mannes, des Missionars Friedrich Schad, die Vorbereitungen zur Reise nach Indien, die Vorfreude auf die Hochzeit in Madras sowie die Geburt der fünf Töchter und des Sohnes in Indien. Die detailreichen Aufzeichnungen leisten einen authentischen Beitrag zur protestantischen Missionsgeschichte.

Impressionen aus einer anderen Zeit: Susanna Schad mit den Zwillingen Bettina und Philipp, dem Großvater von Daniel Schad (Foto links, um 1907), in der von zwei Einheimischen gezogenen Rikscha. Die Missions-Kirche in Kotagiri, wie sie um 1900 aussah (Foto oben). Fotos: Familien-Archiv und Basler Missions Archiv

Impressionen aus einer anderen Zeit: Susanna Schad mit den Zwillingen Bettina und Philipp, dem Großvater von Daniel Schad (Foto links, um 1907), in der von zwei Einheimischen gezogenen Rikscha. Die Missions-Kirche in Kotagiri, wie sie um 1900 aussah (Foto oben). Fotos: Familien-Archiv und Basler Missions Archiv

Aus seinem umfangreichen Archiv stellte Daniel Schad der Kirchenzeitung einen Bericht seines Urgroßvaters zur Verfügung, der uns am damaligen Geschehen unmittelbar teilhaben lässt: »Die Glocke ist tadellos angekommen. Sie hat die lange Reise ausgezeichnet überstanden, hängt bereits auf ihrem Gerüst und erfreut uns alle durch ihren wunderschönen vollen Ton. An Himmelfahrt, an welchem Tage wir auch unser jährliches Missionsfest feiern, hat sie für uns zum ersten Mal geläutet und der Jubel und die Freude über dieses schöne Meisterwerk waren allgemein.«

Über die Ankunft der Apoldaer Glocke im Jahr 1908 schreibt er: »Am 23. Mai, einem Samstag, mittags um 12 Uhr, fuhr der Ochsenwagen langsam herein, der die Glockenkiste von Mettuplayam am Fuß der Berge zu uns heraufzubefördern hatte. Wir hatten uns gerade eben zu Tische setzen wollen, aber nun war es mit dem Essen vorbei, denn jetzt musste die Kiste erst abgeladen, die Glocke ausgepackt, von vier starken Männern auf die Veranda getragen, ihr Ton geprüft und sie nach allen Seiten bewundert werden. Das Gerücht hatte sich schnell verbreitet, und vom Samstagnachmittag an kamen und gingen die Menschen immerzu, um das Wunderwerk anzustaunen und zu loben.

Am Montag ging es dann an den Bau des Glockengerüstes. Maurer, Tischler und Schmiede, Heiden und Christen halfen zusammen, ein erfahrener Ältester beaufsichtigte das Ganze, und am Mittwochnachmittag waren wir endlich so weit, dass wir die Glocke aufhängen konnten. Im Triumph wurde sie geholt und den Kirchberg hinaufgetragen und zu aller Freude gelang dann auch das letzte und schwierigste Stück der Arbeit noch. Um drei Uhr nachmittags hing sie oben hellglänzend im Schein der Sonne. Dann ging es ans Schmücken des Gerüstes mit Blumen, Farren (Farnen) und Girlanden. Um vier Uhr versammelten sich alle zur Glockenfeier …«

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Franz Schilling die Glocke und den Transport nach Indien seinerzeit zu einem Vorzugspreis von 362,55 Mark ermöglichte.

Michael von Hintzenstern

Musikalische Lesung aus der Susanna-Schad-Biografie mit Daniel Schad: 11. August, 19.30 Uhr, Leipziger Missionshaus

www.weltglockengelaeut.de

Live-Stream:
www.livestream.com/salveworld

Die Predigten des Tafelaltars

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Das bilderreichste Werk der Reformationszeit ist nach seiner Restaurierung und Präsentation in den USA jetzt im Herzoglichen Museum in Gotha zu sehen.

Die Inszenierung »seines« Altars durch die Gothaer Ausstellungsmacher um Kurator Timo Trümper anlässlich der Reformationsdekade hätte vermutlich auch Herzog Ernst I., dem Frommen, gefallen. Vom 30. Juli bis 5. November steht »Der Gothaer Tafelaltar« in der Säulenhalle des Herzoglichen Museums Gotha im Blickpunkt der interessierten Öffentlichkeit. Die kann dann dem wohl monumentalsten und zugleich detailreichsten Bilderbuch der Reformationszeit sehr nahe kommen, denn die zwölf Seiten- und zwei Standflügel können erstmals seit der Vorkriegszeit wieder einzeln und aus nächster Nähe betrachtet werden. Möglich wurde dies 2015/16 durch eine umfangreiche, 17-monatige Restaurierung eines sechsköpfigen Teams um Beatrix Kästner und Johannes Schaefer. Dabei gelang es vor allem, den ursprünglichen Fassungsbestand freizulegen und die originale Rahmung des Mittelteils farblich anzupassen. Ohne die großzügige Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Oetker-Stiftung, der Kulturstiftung der Länder, des Auswärtigen Amtes und des Freistaates Thüringen wäre das rund 200 000 Euro teure Unterfangen nicht möglich gewesen.

Nach der Restaurierung: Farbenprächtig und deutlich aufgehellt können die einzelnen Motive aus nächster Nähe bewundert werden. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

Nach der Restaurierung: Farbenprächtig und deutlich aufgehellt können die einzelnen Motive aus nächster Nähe bewundert werden. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

Nichts ohne Anlass: Der Altar war im Vorjahr Teil dreier großer Ausstellungen deutscher Museen in den USA, die den Menschen in Minneapolis, New York und Atlanta die Ideenwelt der Reformation und besonders die Person Martin Luthers nahebrachten. Die Ausstellung schlug eine Brücke nach Europa, die beiderseits mit außerordentlichem Interesse wahrgenommen wurde. Einen anderen Brückenschlag verfolgten die Gothaer Kunsthistoriker um Martin Eberle, indem sie die Staatsgalerie Stuttgart als Kooperationspartner der jetzigen Schau gewannen. Dies kam nicht von ungefähr, denn der seit dem 17. Jahrhundert in Gotha nachweisbare Altar war um 1538 im württembergischen Herrenberg in der Werkstatt Heinrich Füllmaurers (um 1497–1548) entstanden.

Die Geschichte des Altars wurde erstmals 1939 in einer Dissertation behandelt und ab 1965 in mehreren Büchern des Thüringer Theologen und Kirchenhistorikers Herbert von Hintzenstern kunstgeschichtlich aufgearbeitet. Einer größeren Öffentlichkeit war sie jedoch unbekannt. Das soll sich nun ändern! Und so gelang es, für die Gothaer Ausstellung hochkarätige Werke aus Stuttgart zu gewinnen, die ihrerseits den Bogen von der vorreformatorischen Zeit bis in die Zeit Heinrich Füllmaurers spannen und dabei Objekte in den Blick nehmen, die noch ganz der katholischen Tradition verpflichtet sind. Neben einer Mondsichelmadonna von Hans Holbein d. Ä. ist es vor allem der Wildensteiner Altar des Meisters von Meßkirch von 1536, der die Gothaer Schau auch thematisch ergänzt. Während der Tafelaltar und der wenig später entstandene Mömpelgarder Altar (heute im Kunsthistorischen Museum Wien) als Aufträge der evangelischen Herzöge von Württemberg gelten können, entstand der Wildensteiner Altar in der Reformationszeit für die katholischen Grafen von Zimmern. – Es ist eine spannende Gegenüberstellung von Meisterwerken, die bis dato noch nie in Thüringen gezeigt wurden.

Der Tafelaltar selbst liest sich wie ein großes Bilderbuch mit drei Szenen der Schöpfungsgeschichte und 157 Tafeln zum Leben Jesu. Einziger Wermutstropfen: die Standflügel mit dem Stammbaum Christi befinden sich seit 1946 im Depot des Puschkin-Museums Moskau. In Gotha werden Repliken gezeigt.

Der übergroße Detailreichtum des Altars lädt zum Entdecken ein, denn die Szenen spielen im Württemberg des 16. Jahrhunderts und lesen sich wie eine übergroße Bilderbibel. Tatsächlich ist der Altar wohl zu Lehrzwecken und nicht für eine Kirche geschaffen worden. Zu einer Kuratoren-Führung mit Timo Trümper wird am 31. August, 18 Uhr, eingeladen.

Im November verlässt der Altar Gotha in Richtung Stuttgart und wird ab dem Frühjahr 2018 wieder im Altdeutschen Saal des Herzoglichen Museums zu sehen sein.
Geöffnet ist die Gothaer Ausstellung bis 5. November täglich von 10 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Begleitband erschienen, der erstmals alle Bildtafeln einzeln zeigt und die Transkription der Inschriften umfasst.

Hartmut Ellrich

Trümper, Timo: Der Gothaer Tafelaltar. Ein monumentales Bilderbuch der Reformationszeit, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 304 S., ISBN 978-3-7319-0595-0, 29,95 Euro

www.stiftung-friedenstein.de

Eine andere Welt

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Erfahrung: Ein evangelischer Redakteur besucht eine katholische Abendmesse.

Für das Experiment, einen Gottesdienst der jeweils anderen Konfession zu besuchen, habe ich mir etwas herausgesucht, was es bei uns Protestanten so nicht gibt: eine Abendmesse im Marienmonat Mai, mitten in der Woche. Ich mache mich kurz vor 18 Uhr mit dem Fahrrad auf den Weg zur Deutschordenskirche, eine Kirche an einer mehrspurigen Straße in Frankfurt am Main. Der Orden feiert Messen auch gerne mal nach altem Ritus. Wenn katholisch, dann richtig.

Die Kirchentür ist zu, als ich mein Rad abstelle. Ich frage mich schon, ob ich mich geirrt habe, da läuten die Glocken. Ich drücke die Türklinke und tatsächlich, die Kirche ist offen. Also doch keine geschlossene Gesellschaft. Der Verkehrslärm bleibt draußen. Ich trete in eine andere Welt.

Weihrauch liegt in der Luft. Von der Decke des Altarraums hängt eine gelb-weiße Fahne, die sich nach einem Drittel ihrer Länge in zwei Enden teilt. Die Enden der Fahne sind an den Seitenwänden des Altarraums befestigt. Ihr eleganter Schwung verleiht der üppigen Architektur Leichtigkeit.

Wir sind zwölf Gottesdienstbesucher, jede und jeder für sich in einer Bank über die Kirche verteilt. Vom kleinen Mädchen mit seiner Mutter bis zum alten Herrn in der ersten Reihe. Am Lesepult steht der Priester mit goldgelber Stola und vollem weißen Haar. In seinem Rücken sitzen zwei dunkelbärtige Männer in weißen Messgewändern über ihrem schwarzen Rock. Viel Personal für wenig Besucher. Aber es geht nicht um die Zahl, sondern um die Andacht jedes Einzelnen.

»Gegrüßt seist du, Maria«, erinnert der Priester an den biblischen Gruß des Engels an die Gottesmutter. »Das ›Gegrüßt seist du‹ gilt auch unserem alten Europa, zu dem die Franzosen bei den Wahlen ›oui‹ gesagt haben«, schlägt er den Bogen vom Ave Maria ins Heute. Vor meinem geistigen Auge erscheint eine überlebensgroße Maria über der Landkarte Europas. Der Priester erklärt: »Bete für uns Sünder! Das gibt es in allen Sprachen: Pray for us sinners. Ora pro nobis peccatoribus. Auf Französisch: Priez pour nous, pauvres pecheurs. Nur die Franzosen sind arme Sünder.« Was diese Sprachfeinheit uns zu sagen hat, wird mir nicht klar. Aber der Klang der weltweiten Kirche schwingt im Raum.

Die Messe nimmt ihren Gang. Epistel, Evangelium, Fürbitten. Die beiden Weißgewandeten decken den Altartisch. Jede Bewegung, jede Geste ist präzise. Die Worte fließen dahin. Monoton, denke ich. Doch gleichzeitig hat dieses Fließen etwas Unaufgeregtes, Beruhigendes. Jeder in der Kirche kennt seinen Einsatz, weiß, was wann zu sprechen ist, wann man aufsteht, wann man sich hinkniet.

Der Priester spricht am Altar die Einsetzungsworte für die Eucharistie. Die beiden Männer in den hellen Messgewändern knien vor den Stufen. Zwischen ihnen steht eine große Osterkerze. Der Priester am Altar mit erhobenen Händen, die beiden Knienden davor, die Kerze in der Mitte bilden eine vollendete Symmetrie.

»Der Friede des Herrn sei mit euch«, spricht der Priester. Bislang gab es kaum Blickkontakt unter den Gottesdienstbesuchern. Nun dreht sich jede und jeder und nickt dem Nächsten zu. Der Priester am Altar isst die Hostie und trinkt aus dem Kelch – allein vor aller Augen. Ich weiß, dass er das stellvertretend tut. Trotzdem befremdet mich diese von der Gemeinde abgehobene Rolle des katholischen Priesters immer. Nun geht er zu dem alten Herrn in der vordersten Reihe und reicht ihm zuerst die Hostie. Warum der Mann dieses Privileg hat, kann ich nicht erkennen. Das beobachte ich auch in anderen katholischen Messen. Es scheint öfter einige Ausgewählte zu geben, die vor den anderen kommunizieren dürfen.

»Einen guten Abend und gehen wir in Frieden«, verabschiedet uns der Priester, bevor er den Segen spricht. Ein Marienlied, »Freu dich, du Himmelskönigin«, und die Messe ist aus. Sie hat eine halbe Stunde gedauert. Wir Evangelischen legen großen Wert auf jedes einzelne Wort, machen oft viele Worte. Aber es geht offenbar auch ohne Bedeutungsschwere. Der Fluss der Gebete, die souveränen Bewegungen und Gesten der Messe öffnen einen Moment außerhalb der Zeit. Eine andere Welt.

Martin Vorländer

Der Autor ist theologischer Redakteur im Evangelischen Medienhaus Frankfurt/Main.

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