Mal keine Hiobsbotschaften

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Ein junger Mann entscheidet sich, in Jerusalem Mönch zu werden – und setzt sich damit zwischen alle Stühle.

Es ist leider schon zur Binsenwahrheit geworden: dass es im Heiligen Land sehr unheilig zugeht. Die Nachrichtenlage ist schlecht. Der Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern stockt. Auf beiden Seiten scheinen die Scharfmacher das Sagen zu haben. Und die Religion, so will man meinen, dient in dem Konflikt eher als Brandbeschleuniger denn als Friedensstifter.

Doch es lohnt sich, den Blick einmal wegzulenken von der Nachrichtenlage und zu schauen, was sich jenseits der Eskalation in diesem besonderen Land tut. Da stößt man zum Beispiel auf den deutschen Benediktinermönch Nikodemus. Er hat sich mit 24 Jahren nicht nur für das Mönchsein, sondern auch für ein Leben im Benediktinerkloster »Dormitio Abtei« auf dem Jerusalemer Zionsberg entschieden. In seinem Buch »Zuhause im Niemandsland« erzählt der heute 38-Jährige davon – und von den vielen kleinen Begegnungen und Situationen, die eine neue Sicht eröffnen. Ganz entgegen der gängigen Klischees berichtet Nikodemus von viel Nähe, Herzlichkeit und Solidarität zwischen den Vertretern der drei abrahamitischen Religionen. Nach der Lektüre dieses Buches keimt eine leise Zuversicht auf: dass doch noch nicht alle Wege zum friedlichen Miteinander im Heiligen Land verbaut sind. Und dass es in diesem Konflikt nicht nur ein Schwarz-Weiß-Bild gibt.

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Denn bisweilen fühlt man sich ja als Christ in Deutschland dazu gedrängt, entschieden Partei für eine Seite zu ergreifen: für Israel oder für die Palästinenser. In beiden Fällen lautet das Hauptargument, man müsse klar und deutlich an der Seite der Opfer stehen. Pater Nikodemus verwischt diese scharfen Grenzziehungen auf erfrischende Art. Er erzählt ganz konkret vom Leid und den Ängsten beider Parteien des Konflikts und weckt Mitgefühl mit den Opfern beider Seiten. So formuliert er auch gleich am Anfang den Zweck seines Buches: dass er zu einer Sichtweise einladen will, die weder proisraelisch noch propalästinensisch, sondern pro Mensch sei.

Dabei wäre es auch für Nikodemus nicht schwer, in Resignation oder gar Hass zu verfallen. Denn das aufgeheizte Klima in Jerusalem richtet sich auch gegen Christen. Es geschehe oft, dass er auf seinen Wegen durch Jerusalem von ultraorthodoxen Juden angespuckt werde, schreibt Nikodemus. In seiner Mönchskutte sei er ein wandelndes Feindbild für die strengreligiösen Juden, die Jerusalem für sich allein beanspruchen. Auch die Klostermauern werden regelmäßig mit feindseligen Sprüchen wie »Tod den Christen« beschmiert. Teile der Schwesterkirche am Ort der Brotvermehrung am See Genezareth wurden sogar durch einen Brandanschlag vor zwei Jahren zerstört.

»Die Kirchen von Jerusalem sind momentan auf dem besten Weg, wieder eine Kirche unter dem Kreuz zu werden«, schreibt Nikodemus. Er sieht genau darin seine Aufgabe: ein Zeichen der Liebe zu setzen inmitten des Hasses. »Wenn wir angegriffen werden, weil wir Christen sind, wollen wir darauf auch wie Christen reagieren, nämlich mit der Bereitschaft zur Versöhnung«, schreibt er. Deshalb bauen sie keine Sicherheitszäune um ihre Kirchen, sondern bleiben offen und gastfreundlich.

Und wie durch ein zweites Vermehrungswunder konnten mittlerweile ausreichend Spenden zusammengetragen werden, um den hohen Sachschaden an der Brotvermehrungskirche zu beheben. Israels Staatspräsident Reuven Rivlin sagte bei der Wiedereröffnung des Klosters Tabgha am vergangenen Wochenende: Das sei ein Zeichen dafür, dass der Hass nicht gesiegt hat.

Genau daran möchte Nikodemus mitwirken. Er wünscht sich, dass nicht die Radikalen das Erscheinungsbild einer Religion prägen. Es sei wie beim Fußball, wo man zwischen Fans und Hooligans unterscheiden müsse. Jeder, der im Namen welcher Religion auch immer als Gewalttäter oder Scharfmacher auftrete, habe nichts mit der eigentlichen Religion zu tun. »Wahre Religiosität, die Gott sucht, schenkt nämlich den demütig realistischen Blick, dass der andere genauso geliebt ist wie ich selbst.« Nikodemus zufolge gehe es bei der Religion um Gott- und nicht um Identitätssuche. Also sei nicht die Abgrenzung zu den anderen entscheidend, sondern die Leidenschaft einer persönlichen Gottesbeziehung.

Genau diese Leidenschaft des Glaubens legt Nikodemus an den Tag. Sogar die Gründung einer eigenen Familie hat er dafür geopfert. Immer wieder wird er deshalb von jüdischen Gläubigen angefragt: Warum folgt er nicht dem Vermehrungsgebot der Bibel? Nikodemus antwortet dann: »Wir glauben wie ihr ja an ein Leben bei Gott nach dem Tod. Dann werden wir nicht mehr heiraten oder verheiratet sein. Gott allein genügt dann in jeder Hinsicht. Wir Mönche leben hier auf Erden schon so, als ob wir im Himmel wären.« Und wie auch der Zionsberg, auf dem sein Kloster steht, zum biblischen Symbol der endzeitlichen Völkerzusammenkunft ist, glaubt Nikodemus an das Miteinander der Menschen und Völker. »Wahrscheinlich ist dies der Königsweg jeglicher Friedensbemühungen: den anderen, den Fremden, vor allem als Mitmenschen zu sehen. Und der Königsweg aller Kriegstreiber ist wohl die Dehumanisierung des anderen, des Fremden, dem man sein Menschsein abzusprechen und in ihm ein Monster zu sehen versucht.«

Doch nicht die dauernde Umarmung und demonstrative Nähe der verschiedenen Religionen und Völker sei der Weg zum Frieden. Es käme auf die große Kunst an, aneinander vorbei zu leben. Genau dafür gebe der Alltag in Jerusalem eigentlich ein sehr gelingendes Beispiel. Dieses Buch ist endlich einmal keine Hiobsbotschaft aus dem Heiligen Land.

Stefan Seidel

Pater Nikodemus Schnabel: Zuhause im Niemandsland. Herbig Verlag, 176 S., ISBN 978-3-7766-2744-2, 20 Euro

Es gibt keine Alternative!

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Katharina Luther – Am 22. Februar um 20.15 Uhr zeigt das Erste den Fernsehfilm. Karoline Schuch spielt die Hauptrolle der Katharina von Bora. Amet Bick sprach mit der Schauspielerin.

Frau Schuch, Katharina von Bora hatte als entflohene Nonne weder soziale Sicherheit noch Ansehen. Der einzige Ausweg, der ihr blieb, war, so schnell wie möglich zu heiraten. Im Film wirkt es so, als sei Martin Luther der einzig mögliche Kandidat für sie gewesen. War es eine Liebesheirat?
Schuch:
Das hat sich für mich jedenfalls nicht so angefühlt. Ich glaube auch, dass eine Liebesheirat, so wie wir sie uns heute vorstellen und wünschen, im Mittelalter noch äußerst selten war. In meiner Vorstellung hat sich aber nach der Hochzeit zwischen Katharina und Martin eine starke und vertrauensvolle Liebe entwickelt – was ein großes Glück war.

Katharina ist in dem Film eine zupackende, energische und kluge Frau, die wie eine Löwin für ihre Familie kämpft. Sie spielen sie aber auch als eitle und gelegentlich harte Frau. Meinen Sie, Katharina eignet sich zur Heldin?
Schuch:
Eine Frau muss nicht immer gefällig und freundlich sein, um Großes zu leisten, ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass wir Frauen uns oft selbst im Weg stehen, weil wir uns zu sehr über die möglichen Befindlichkeiten anderer Gedanken machen. Katharina hat die vielen Dinge in ihrem Leben nur durch die ihr eigene Art erreichen können, und ich finde das toll.

Gibt es etwas, wofür Sie sie bewundern, etwas, das Sie an dieser Frau besonders beeindruckt?
Schuch:
Ein »ganzes« Leben zu wollen, so wie es Katharina und Martin im Film mehrmals als Lebensziel für sich formulieren, finde ich sehr beeindruckend. Dieses »ganze« Leben ist natürlich Auslegungssache und jeder kann für sich formulieren, was zu diesem Leben dazugehört. Für Katharina war es vor allem, eine Familie zu gründen und nach Gottes Geboten zu leben, immer verbunden mit der Bereitschaft, die Bedingungen zu ändern, wenn sich dieses Leben nicht mehr richtig angefühlt hat.

Katharina und Martin Luther erscheinen in dem Film als sehr emanzipiertes Paar. Für wie realistisch halten Sie das angesichts der Restriktionen jener Zeit?
Schuch:
Das ist doch gerade ihr Vermächtnis, in diesem wirklich düsteren Zeitalter der Angst und Restriktionen neue Wege zu gehen und Altes zu überwinden. Sie waren als Familie das Abbild der gelebten Reformation, die ja nicht nur die Kirche betraf, sondern gerade und besonders das zwischenmenschliche Zusammenleben. Mit allen Schwierigkeiten, die dieses neue Leben natürlich beinhaltete.

Wie ausführlich haben Sie sich für den Film mit der Biografie und den Lebensbedingungen von Katharina auseinandergesetzt?
Schuch:
Ich habe mich lange und viel mit allen möglichen Dingen beschäftigt, habe historische Romane gelesen, war an den Orten ihres Lebens, in Nimbschen, Wittenberg, Torgau. Ich habe eine Woche im Kloster gelebt und den Gebetszeiten der Zisterzienserinnen beigewohnt, das war wunderbar. Ich habe außerdem einen Schauspielcoach, mit dem ich seit vielen Jahren arbeite, mit dem ich mich viel und lange mit Katharinas Gefühlswelt beschäftigt habe.

Katharina und die anderen geflohenen Nonnen kommen in Wittenberg an. Martin Luther begrüßt Katharina von Bora. Foto: MDR/EIKON Süd/Junghans

Katharina und die anderen geflohenen Nonnen kommen in Wittenberg an. Martin Luther begrüßt Katharina von Bora. Foto: MDR/EIKON Süd/Junghans

Was hat Sie bei der Beschäftigung mit ihr besonders überrascht?
Schuch:
Ich wusste ja anfangs nicht mal, dass Martin Luther überhaupt eine Frau und so viele Kinder gehabt hat, das war mir völlig neu. Erstaunt war ich, dass keinerlei Dinge von ihr, also weder schriftliche Dokumente noch Briefe, aufgehoben wurden. Ich bin überzeugt, dass sie viele gute, auch verschriftlichte Gedanken hatte. Dass sie damals nicht aufbewahrenswert gewesen sind, entspricht natürlich der Zeit, ich finde es aber auch ärgerlich und vor allem sehr schade.

Die Angst vor der Hölle und dem Teufel, vor Strafe für begangene Sünden war damals sehr groß. Ist das ein Thema, das Sie beschäftigt? Oder sagen Sie, Luther sei Dank, das spielt heute keine Rolle mehr?
Schuch:
Wenn uns heute Schlechtes widerfährt, dann denken wir immer noch: Was habe ich getan, dass mir das passieren musste? Diesen Gedanken kenne ich. Das Unglück, das uns widerfährt, nennen wir vielleicht nicht mehr Teufel, sondern zum Beispiel »schlechtes Karma«. Dieser ganze Schuld-und-Sühne-Apparat ist nicht mehr so existent wie damals und der Ablasshandel ist zum Glück verboten. Aber die Menschen brauchen nach wie vor Dinge, an die sie glauben können und die ihnen Halt geben.

Katharina stand im Schatten ihres Mannes, war nach seinem Tod lange vergessen. Meinen Sie, sie hat auch unabhängig von ihrem Mann eine Botschaft für uns heute?
Schuch:
Was wir von ihr lernen können, ist, dass es wichtig ist zu wissen, wie man leben möchte. Wenn man sich darüber im Klaren ist und Zustände bemerkt, die dazu beitragen oder dies behindern, dann ist man auf einem guten Weg. Gleichzeitig ist es wichtig, dass man das, was man liebt und wofür man gekämpft hat, behütet und beschützt. Es gibt für Katharina keine Alternative zum »ganzen« Leben. Das mag ich sehr.

Mit der Regisseurin Julia von Heinz und dem Schauspieler Devid Striesow haben Sie 2015 den Film »Ich bin dann mal weg« gedreht, in dem es um eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg geht – im weitesten Sinne also auch um ein religiöses Thema. Zufall oder Absicht?
Schuch:
Das ist natürlich Zufall und beide Filme könnten ja unterschiedlicher nicht sein. Mit Julia und Devid würde ich so gut wie jeden Film drehen, ich habe beide wirklich sehr gern.

Verheißungsvoller Rausschmiss

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Der Schlusssegen: Seine wegweisende Bedeutung im Gottesdienst

Manchmal komme ich nur zum Gottesdienst, um am Ende mit dem Segen nach Hause gehen zu können …«, gestand mir eine Gottesdienstbesucherin beim Abschied an der Kirchentür. Man muss kein magisches (Miss-)Verständnis des Segens befürchten, wenn sich solche großen Erwartungen an die liturgischen Schlussworte des Gottesdienstes knüpfen. Denn gerade darin, dass wir gesegnet aus den schützenden Kirchenmauern hinausgeworfen werden, besteht die buchstäblich wegweisende Bedeutung des Segens. Als Gesegnete verlassen wir den Gottesdienstraum anders, als wir ihn betreten haben.

Segnen – ein Ritual auf der Schwelle

Wie jeder Segen, so ist auch und gerade der gottesdienstliche Schlusssegen ein Schwellenritual, eine rites de passage. Nie sind wir segensbedürftiger als in den Schwellensituationen unseres Lebens. Der Segen am Ende des Gottesdienstes markiert den Übergang aus der Gemeinschaft der Feiernden in den bald wieder anbrechenden Alltag des je eigenen Lebens, um dessen Gelingen wir besorgt sind, weil wir es nicht selbst in der Hand haben. Die im Gottesdienst (hoffentlich!) mit allen Sinnen leiblich erfahrene Gegenwart und Lebenskraft Gottes wird im Segen jedem und jeder so zugesprochen, dass sie auch im Alltag trägt und nährt. Darum ist das Segnen nicht nur ein Mund-, sondern auch ein Handwerk. Zum Segenswort gehört die Segensgeste, der sichtbare, buchstäblich mit Händen zu greifende Zuspruch des Segens der erhobenen oder berührenden Hände der Segnenden und die geöffneten, leeren Hände der Empfangenden. Segnen nimmt nicht nur unsere Ohren in Anspruch. Mit allen Fasern unseres Herzens und allen Poren unserer Haut darf Gottes Nähe erfahren werden.

Segnen – ein intensives Adieu-Sagen

Der gottesdienstliche Schlusssegen erinnert als Abschiedsgruß daran, dass einst jeder Gruß ein Segen war. Einander zum Segen zu werden, beginnt also dort, wo wir uns gegenseitig grüßen. Der Gruß ist die elementare Form des Segnens. Denn Segnen geschieht, wo wir die Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen und den übrigen Mitgeschöpfen durchbrechen, wo wir anderen Beachtung und Aufmerksamkeit schenken, sie nicht übersehen oder achtlos an ihnen vorübergehen: im zugewandten Blick, im erhobenen Gesicht, mit einer Geste oder einem Lächeln. Im Gruß drückt sich ein unverkennbares Interesse an der Geschichte, am Tun und Ergehen des anderen aus. Im Gruß würdigen wir einander, geben einander Gewicht und Bedeutung, behandeln uns nicht wie Luft. Und genau das ist die biblische Grundbedeutung des Segnens: jemandem Würde, Gewicht und Ehre geben. Fluchen dagegen heißt, jemanden leicht nehmen, links liegen lassen, seiner Würde berauben.

Die Mutter segnet ihre Tochter vor dem Weg zur Schule mit dem Kreuzeszeichen. Foto: Rainer Oettel

Die Mutter segnet ihre Tochter vor dem Weg zur Schule mit dem Kreuzeszeichen. Foto: Rainer Oettel

Mit dem Segen wird uns am Ende des Gottesdienstes Adieu gesagt: Adieu ist ein Zu-Gott-Hin, das den anderen oder die andere Gott anvertraut und überlässt. Segnend Adieu sagen zu können und gesagt zu bekommen, befreit von Allmachtsfantasien, entlastet von der Vorstellung, alles zu können, über alles zu verfügen und alles im Griff zu haben. Wer Adieu sagt und so die Aufbrechenden segnet, weiß um die eigenen Grenzen und setzt zugleich auf die immer noch größeren Möglichkeiten Gottes. Adieu – Gott befohlen!

Leben zur Genüge unter dem Angesicht Gottes

Viele verbinden mit dem gottesdienstlichen Schlusssegen die Worte des aaronitischen Priestersegens vom leuch­tenden Angesicht Gottes in 4. Mose 6,24–26. Es war Martin Luther, der in der Deutschen Messe von 1526 diese Segensworte Israels für den christlichen Gottesdienst wiederentdeckt hat, indem er die drei Zeilen dieses Segens trinitarisch gedeutet hat: »GOTT segne dich und behüte dich« – der Segen Gottes, des Vaters, der die Schöpfung nicht sich selbst überlässt und kein einziges Geschöpf preisgibt. »Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig« – der Segen des Got­tessohnes, der das Licht der Gnade in das Todesschattenland unserer Welt bringt. »Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden« – der Segen des Heiligen Geistes, des Trösters und Friedensstifters. Tersteegen hat Luthers Auslegung dieser dreifältigen Segensschnur zu dem Lied verdichtet: »Brunn alles Heils, dich ehren wir« (EG 140).

Unter Gottes leuchtendem Angesicht bleiben die miteinander verbunden, die nach dem Gottesdienst auseinandergehen. Dass dieser Segen in Frieden mündet, zeigt, dass Segnen mehr und anderes ist als schöne Worte machen. Segnen bedeutet, den empfangenen Segen mit anderen zu teilen, auf dass alle genug haben und vergnügt sein können. Denn Schalom, das Schlusswort des aaronitischen Segens, heißt Genüge. Der gottesdienstliche Schlusssegen begabt zum Gottesdienst im Alltag der Welt, die nach Gottes gerechter Lebensfülle hungert und dürstet. Gottes Segen kennt keine Obergrenzen.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist Professorin für Systematische Theologie/Dogmatik und Religionsphilosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Bern.

Segnen ist Gottes Leidenschaft

20. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

»Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein« – ein Impuls zu Gottes Verheißung an Abraham.

Wenn Gott segnet, gibt er aus seiner göttlichen Lebensfülle. Es ist seine Art, großzügig, ja fast verschwenderisch zu schenken. Segen ist göttliches Leben. Segen ist nur ein anderes Wort für Gnade, vielleicht leichter verständlich. Weil es Gottes Leidenschaft ist, uns Gutes zu tun, hält er Ausschau nach Menschen, die sich nach seinem Segen sehnen:

Die Geschichte Abrahams handelt davon. »Ich will dich segnen.« Mit diesem Segenszuspruch kommt Gott dem suchenden Abraham entgegen. Damit lockt er Abraham in ein Leben des Vertrauens. Abraham hört es und ist davon tief getroffen. Er bewegt dieses Wort und es lässt ihn nicht mehr los: »Ich will dich segnen.«

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Abraham sucht die Einsamkeit, um dieses Wort zu knacken. Aber das Wort knackt ihn. Er wagt es, sich auf diese Stimme einzulassen. Er wagt zu glauben. Sein Segensweg beginnt mit einem Abschied. Und Gott sagt ihm auch konkret, was er loslassen muss: sein Vaterland, seine Verwandtschaft, das Haus seines Vaters. Also alles, was ihm bisher Halt und Schutz gegeben hat. Gott ruft ihn aus seiner bisherigen Existenz in eine neue, aus einem bekannten Land in ein unbekanntes. Und Abraham hat nur eine einzige Brücke, das Wort der Verheißung, das er vernommen hat. »Ich will dich segnen.« Über diese Brücke geht er nun. So ist der Segen bei Abraham mit dem Schmerz des Abschieds verbunden. Abraham wagt es trotzdem. Er packt zusammen und bricht auf. So öffnet er sich für den großen Segen, den Gott ihm versprochen hat.

Abraham hätte das große Angebot auch ablehnen und überhören können. Er hätte in der Geborgenheit der Familie, in der Sicherheit seiner Sippen und bei den üblichen religiösen Traditionen bleiben können. Doch Abraham entscheidet sich für den Segen. Er muss es ertragen, dass andere ihn für einen Narren halten. Er geht weiter über die Schmerzgrenze hinaus in die Freiheit, in die Gott ihn ruft.

Natürlich kennt er auch Stunden, in denen er unsicher ist, nichts sieht und Fehler macht. Aber die segnende Gegenwart ist jedesmal größer als sein Versagen. Mit jedem Schritt geht Abraham tiefer hinein in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott. Durch Jesus Christus, der ja der verheißene Nachkomme Abrahams ist, weitet sich der Lebens- und Segensstrom hin zu allen Völkern der Erde. Das Kreuz Jesu ist die universale Dimension des göttlichen Segens.

Segnen ist bis heute Gottes große Leidenschaft. Wer die Segensfülle empfangen will, kommt wie Abraham um einen Abschied nicht herum. Wir vergessen das leicht. Wer tiefer in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott einsteigen will, dem sagt Gott, wo er ausziehen soll. Vielleicht ist es eine Gewohnheit, die mir schadet, eine Beziehung, die mich abhängig gemacht hat, ein negatives Verhalten wie Rückzug oder Unversöhnlichkeit. Fragen wir Gott, er wird es deutlich machen.

Schauen wir jetzt noch auf den zweiten Teil der Verheißung: »Du sollst ein Segen sein.« Oder einfach: Werde ein Segen! Ein Segen für andere sein, ist eine schöne Berufung. Wie aber kommen wir in diese Berufung hinein, Segen zu sein? Sicher nicht dadurch, dass wir uns jetzt vornehmen, uns anzustrengen und mehr für andere zu tun.

Ein Segen sein, ein Segen werden, da geht es um unser Sein, nicht ums Tun, ums Machen. Vielleicht heißt ein Segen werden zuerst einmal weniger tun und mich daran freuen, wer ich vor Gott bin. Wenn wir wie Abraham aus der Freundschaft mit dem ewigen Gott leben, werden wir Menschen, die das Wunder der Zeitvermehrung erfahren. Bin ich ein Mensch, der wieder Zeit hat?

Dann bin ich vielleicht schon ein Segen, ohne etwas Besonderes zu machen. Wer aus der Freundschaft mit Gott lebt, der wird voraussichtlich freundlich. Wer sich die Liebe Gottes gefallen lässt, wird voraussichtlich liebevoll. Wer vor Gottes Augen Gnade gefunden hat, wird mit anderen gnädig sein. Wer von Gott gesegnet ist, wird voraussichtlich ein Segen sein.

Ein Segen sein, das heißt: Ich bin jemand, der segnet. »Segnen heißt, die Hand auf etwas legen und sagen, du gehörst trotz allem Gott.« (Dietrich Bonhoeffer) Segnen kann jeder, der glaubt. Segnen ist an kein bestimmtes Amt gebunden.

Im Alten Testament war es die Aufgabe der Priester, den Segen aufs Volk Gottes zu legen. Im Neuen Testament gibt Jesus seinen Jüngern den Auftrag, alle Menschen zu segnen. Jeder Christ darf zum Beispiel seine Nachbarn und Arbeitskollegen segnen. Jeder Vater darf seine Kinder segnen. Wenn wir mit dem Segnen ernst machen, wird sich die Atmosphäre in der Familie und im Geschäft voraussichtlich verändern. Wenn wir einen Menschen segnen, stellen wir ihn in eine Beziehung zu Gott.

Wie wir Segen weitergeben, das kann sehr vielfältig sein: Gute Gedanken über einem Menschen wirken Segen; jeder Gruß ist ursprünglich ein Segen (»Grüß Gott« meint: Jetzt grüßt dich Gott) – aber das ist uns meistens nicht mehr bewusst; es gibt auch die segnende Berührung – die Hand auf den Kopf oder auf die Schulter legen und ein gutes Wort sprechen; es gibt den segnenden Blick, die segnende Geste, den Segenswunsch. Der Zuspruch einer Segensverheißung setzt heute genauso wie bei Abraham in einem Menschen Glaubenskraft frei.

Jesus befiehlt seinen Jüngern auch, die zu segnen, die ihnen fluchen. Die Segensmacht Gottes ist stärker als jeder Fluch. Als Jesus am Kreuz starb, hat er Fluch in Segen verwandelt.

Ich schließe damit, was Dietrich Bonhoeffer über Segen gesagt hat: »Wer selbst gesegnet wurde, der kann nicht anders, als diesen Segen weitergeben, ja, er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden. Dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.«

Barbara-Sibille Stephan

Die Autorin ist Schwester in der Christusbruderschaft Selbitz und zurzeit im Aidshilfeprojekt der Communität in Südafrika tätig.

Wissen und Glauben gehören zusammen

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gerhard Ackermann, der Physiker und Astronom, ehemals Professor an der Berliner Beuth-Hochschule, beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie. Darüber sprach er mit Tilman Asmus Fischer.

Herr Ackermann, Naturwissenschaft und Glaube werden oft als Gegensatz verstanden. Vor welchen Fragen stehen beide jedoch gemeinsam?
Ackermann:
Es gibt eine Frage, die bis heute nicht ausdiskutiert ist. Die Theologen nennen es Theodizee. Und von den Naturwissenschaften her würde ich sagen, dazu passt am besten das sogenannte Anthropische Prinzip in seiner starken Form. Dieses sagt aus, dass alle Naturkonstanten so beschaffen sind, dass es irgendwann im Rahmen der Evolution zu denkfähigen Geschöpfen wie dem Menschen kommen musste. Dieses Prinzip so zu formulieren, heißt: Da muss jemand sein. Den Naturwissenschaftlern ist dabei sicher unwohl. Wenn man das sagt, tritt man aus den Naturwissenschaften heraus. Das Anthropische Prinzip ist gewissermaßen die Grenze zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Keiner von uns weiß, warum die Naturkonstanten anders sein sollten, aber auch keiner weiß, warum sie so sind, wie sie sind. Wir stoßen da an eine Wand, die man offenbar nicht durchstoßen kann.

Verbirgt sich Gott hinter dieser Wand?
Ackermann:
Nein. Er verbirgt sich nicht hinter dieser Wand, er ist das alles – ist nicht irgendwo, sondern mittendrin. Und er hat viel mehr geschaffen, als wir uns überhaupt vorstellen können.

Was machen naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dem persönlichen Glauben der Menschen?
Ackermann:
Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind eine Möglichkeit, die Inhalte des eigenen Glaubens zu testen. Und wenn ich mich etwa über das Alte Testament oder das apostolische Glaubensbekenntnis kritisch äußere, hat das damit zu tun, dass deren Weltbild gar nicht zu diesen Erkenntnissen passen will. Wir sind daher auf der Suche nach einer Erneuerung der theologischen Aussagen.

Das naturwissenschaftliche Weltbild ist das, was existiert – die Welt, in der wir sind. Und das muss doch mit dem Wichtigsten, was wir haben, nämlich unserem Glauben und unseren heiligen Schriften, in Einklang sein. Wenn wir aber in etwa 500 Jahren Reformation nicht dazu gekommen sind, in diese Richtung Fortschritte zu machen, dann ist das ein großer Fehler.

Welche Rolle käme bei einer »Erneuerung der theologischen Aussagen« der Naturwissenschaft zu?
Ackermann:
Der Naturwissenschaftler könnte ein Korrektiv für allzu märchenhafte Aussagen sein, die von anderen historisch orientierten Fakultäten zu­sammengetragen werden. Das ist nicht abwertend gemeint, aber es ist einfach so, dass die Naturwissenschaften rechnen, bestimmen, messen und sagen: »So ist es« oder »So ist es nicht«. Man nehme nur den oft behaupteten Gegensatz von Darwinscher Theorie und Schöpfungsbericht: Als ob Gott etwas anderes wäre als die Darwinsche Theorie! Gottes Weg, die Menschen zu schaffen, war eben ein bisschen anders als es in der Bibel steht. Er hat diesen Weg gewählt, der uns bis heute aus Einzellern vor siebenhundert Milliarden Jahren entwickelt hat. Wer kann denn ein solches Konzept sonst entwickeln? Wenn ich an Gott glaube, dann muss ich auch annehmen, dass das alles seine Idee war.

Kommen die Naturwissenschaften als Korrektiv der Theologie ihrerseits ohne eigene vorausgesetzte »Glaubenssätze« aus?
Ackermann:
Naturwissenschaften sind nicht voraussetzungslos, sondern arbeiten alle mit bestimmten Annahmen. Es ist ja auch so, dass die Geschichte der Naturwissenschaften zeigt, dass sich diese Annahmen immer wieder gewandelt haben, da bisher für wahr Gehaltenes aufgegeben werden musste. So ging die Elektrotechnik des 19. Jahrhunderts noch vom Äther als einer Substanz aus, in der sich elektromagnetische Wellen fortsetzen können – etwa das Licht von Sternen. Man konnte sich nicht vorstellen, dass sich Wellen ohne ein Medium, das sie bewegen, fortpflanzen können.

Das war ein Glaubenssatz der Physiker – und solche Glaubenssätze, davon bin ich überzeugt, gibt es auch heute noch in der Physik. Diese beziehen sich vor allem auf den Urknall und die Frage dunkler Materie und Energie. Daher sollte man als Naturwissenschaftler auch die nötige Bescheidenheit haben, zu sagen: »Ich weiß, es könnte auch anders sein, weil ich eine bestimmte Größe noch gar nicht richtig fassen kann.«

Ist dies eine Einsicht, die eine spezifisch naturwissenschaftliche Religiosität eröffnet?
Ackermann:
Es ist schwierig, das so allgemein zu sagen. Als Naturwissenschaftler weiß ich um die Grenzen der Erkenntnis. Aber ich setze Gott nicht hinter diese Grenze, sondern ich sage: Das, was ich erkenne, das sind eigentlich nur die Wunder, die es wirklich gibt. Wenn ich einen Löwenzahn auf der Wiese blühen sehe, ist er strahlend gelb. Ich weiß, dass Gelb im Spektrum eigentlich die schwächste Farbe ist. Aber indem der Löwenzahn Grün und Rot zu einem glänzenden Gelb-Weiß mischt, kann er so strahlen. Und wenn ich so etwas entdeckt habe, dann ist das für mich ein Wunder und bleibt ein Wunder, eben auch, wenn ich es erklären kann.

Naturwissenschaftliche Erklärungen machen das Wunder nicht kleiner?
Ackermann:
Die Vorstellung, dass Wunder immer so sein müssen, dass man sie nicht erklären kann, geht an der Wirklichkeit des Glaubens genauso vorbei wie an derjenigen des Wissens. Wissen und Glauben gehören zusammen und stehen in einer Wechselwirkung. Vielleicht sind die Naturwissenschaftler manchmal die Gläubigsten, wenn sie hinter etwas her sind und es im Labor oder am Himmel, wo auch immer, unbedingt finden wollen. Sie haben eine Idee, wie das sein kann, und plötzlich finden sie es. Das sind Momente, um derentwillen man eigentlich Naturwissenschaften studiert. Davon gibt es vielleicht drei oder vier im Leben. Das ist einfach wunderbar. Der Rest ist harte Arbeit. Am Ende kann man jedes Wunder erklären. Das tut dem Wunder keinen Abbruch, höchstens unserer Vorstellung von Wundern. Die biblischen Wunder hatten seinerzeit eine Funktion, die sie heute nicht mehr haben. Entscheidend ist heute vielmehr,
was Jesus verkündet und gelehrt hat.

Gilt dies auch für Tod und Auferstehung Jesu? Fällt mit diesem unerklärlichen Ereignis nicht auch die Zusage eines Lebens nach dem Tod?
Ackermann:
Der Tod ist für mich naturwissenschaftlich eine Singularität. Singularität ist ein Zustand, bei dem die Vorgeschichte und die Geschichte, die danach kommt, nicht miteinander zusammenhängen. Viele Dinge des Endes kann man schon physikalisch erklären. Manche Naturwissenschaftler setzen hinter den Tod einen Punkt. Das war das Leben. Das war alles. Mich bringt diese Situation zur Singularität. Und ich bin überzeugt, es geht danach in mir unbekannter Form weiter. Das kann ich niemandem erklären. Zu dieser Einsicht muss jeder selber kommen. Da kann man nur hoffen – und ich hoffe schon.

Ist das der entscheidende Punkt, wo wir – jenseits des bleibenden Wertes der biblischen Ethik – auf eine uns gegebene Zusage vertrauen müssen?
Ackermann:
Das ist tatsächlich ein Punkt, an dem man vertrauen muss. Ich vertraue darauf, denn was sollte das alles im Hier und Jetzt sonst? Das ist freilich teleologisch, aber kann man sich wirklich vorstellen, dass der Tod das Ende ist? Vorstellen kann man es sich eigentlich nicht. Man könnte es nur wissen. Aber das Wissen hört an dieser Stelle auf – das ist das Dramatische. Das ist eine Nagelprobe, die man naturwissenschaftlich nicht bestehen kann.

Für wen sind die Kirchentage gedacht?

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Im Mai finden in acht Städten Mitteldeutschlands die Kirchentage auf dem Weg statt. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit dem Marketingchef des Trägervereins
für das Reformationsjubiläum, Christof Vetter.

Herr Vetter, wann sind die Kirchentage auf dem Weg eigentlich ein Erfolg?
Vetter:
Ich glaube, da muss man unterscheiden – zwischen dem inhaltlichen Erfolg und dem Zahlenerfolg. Der inhaltliche Erfolg wird dann eintreten, wenn wir es schaffen – und die Programme sehen so aus, als könnten wir das schaffen –, für die Region Mitteldeutschland Impulse zu setzen. Für die Menschen, die dort leben und für die Menschen, die dort bleiben, wenn wir wieder weg sind.

Und was ist mit dem Erfolg in Zahlen?
Vetter:
Wir haben Planzahlen, die insgesamt, für alle Kirchentage auf dem Weg, bei 80 000, der Größenordnung eines Kirchentags, liegen. Ob wir diese Planzahlen erreichen, ist eine kritische Frage, die man im Endeffekt erst danach beantworten kann.

Es wird Menschen geben, die sagen, zum Berliner Kirchentag gehe ich nicht – der ist mir zu groß. Für diese Menschen sind die Kirchentage auf dem Weg genau das Richtige. Kleiner, überschaubarer, intimer. Dazu kommen die Besucher aus der Region: Bei den letzten Kirchentagen in Dresden und in Stuttgart kamen unglaublich viele Menschen aus der unmittelbaren Umgebung.

Wofür lohnt es sich, eine Eintrittskarte zu kaufen? Viele Veranstaltungen finden doch im Freien statt?
Vetter:
Die Eintrittskarte lohnt sich zunächst mal unter dem Aspekt der Ehrlichkeit. Auch ein Kirchentag kostet Geld. Mit der Eintrittskarte trägt man sein Scherflein zum Gelingen der Veranstaltung bei. In den geschlossenen Räumen wird es, wie bei jedem anderen Kirchentag auch, Einlasskontrollen geben – die Open-Air-Veranstaltungen werden aber, wie bei jedem Kirchentag üblich, kostenfrei besuchbar sein. Wir freuen uns ja auch über Menschen, die nur eine Stunde oder eine halbe Stunde dabei sein können.

Und: Es gilt die traditionelle Kirchentagsregel – wer sich eine Eintrittskarte wirklich nicht leisten kann, kann sich beim Teilnehmendenservice melden, und dann finden wir eine Lösung.

Die Programme sind bei den Kirchentagen auf dem Weg unterschiedlich umfangreich. In Leipzig findet fast ein eigener Kirchentag statt. In kleineren Orten, wie Halle oder Dessau, wird es da nicht schwierig mit der Resonanz?
Vetter:
Ich glaube nicht, dass es in Dessau schwierig wird. Dort ist die anhaltische Landeskirche zu Hause – und diese Kirche ist wieder einmal hoch motiviert.

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Und Leipzig war ja schon Gastgeber für einen normalen Kirchentag und einen Katholikentag im letzten Jahr: Dort gibt es eine besondere Tradition – und in diesem Jahr noch einen besonderen Anreiz. Menschen, die miteinander Posaune, Trompete oder Tuba spielen, und im Festgottesdienst am 28. Mai in Wittenberg spielen, können sich dort schon einmal treffen und ein Konzert geben. Das ist natürlich ein Höhepunkt, den andere Städte nicht bieten können.Aber jeder Kirchentag hat ein eigenes, regional vorbereitetes Programm – und deswegen unterscheiden sich die Programme vor Ort auch.

Was ist aus Ihrer Sicht der Höhepunkt? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Vetter:
Der Höhepunkt ist natürlich der große Festgottesdienst in Wittenberg, wo die Besucher aus Berlin, von den Kirchentagen auf dem Weg und aus ganz Ostdeutschland zusammenkommen werden. Denn Wittenberg liegt gar nicht so weit weg, wie man immer denkt.

Von Braunschweig oder Hannover ist das eine normale Tagesreise. Da kann man früh morgens losfahren und zum Gottesdienst in Wittenberg dabei sein.

Faszinierend finde ich die öffentliche Darstellung der »Lichtgeschichte der Reformation« in Leipzig, das Theater auf der Elbe in Magdeburg, es gibt da ganz vieles …

Wer steckt denn eigentlich hinter dem Verein für das Reformationsjubiläum?
Vetter:
Das ist ganz einfach zu erklären: Hinter dem Trägerverein stecken der Deutsche Evangelische Kirchentag und der Rat der EKD. Beide haben den Verein gegründet. Heute gibt es dort knapp 100 hauptamtliche Mitarbeiter.

Manche machen gern Großveranstaltungen, andere lieben den Kirchentag und wieder andere haben Lust, bei etwas ganz Großem dabei zu sein.Und dann sind da die 180 Volunteers – die jungen Freiwilligen, die mit uns leben und arbeiten. Und die sind ganz stark dabei, die bringen ganz viele kreative Ideen mit ins Spiel.

Sprechen wir über den Festgottesdienst. Da gab es immer wieder einmal die Frage nach dem Sicherheitskonzept – wie steht es darum?
Vetter:
Da sind wir derzeit wenige Wochen vor der Fertigstellung. Es gibt einen klar definierten und mit den Behörden des Landes Sachsen-Anhalt, des Landkreises Wittenberg, der Stadt und den Bundesbehörden abgesprochenen Zeitrahmen.

Es war klar, es muss bis Ende Februar ein Organisationskonzept vorliegen. Dann wird man es mit den Behörden, mit denen man das entwickelt hat, noch einmal genau anschauen. Und dann werden wir die entscheidenden Teile, die die Menschen wirklich betreffen, auch in angemessener Form bekanntgeben und kommunizieren, sodass jeder, der vom Kirchentag auf dem Weg zum Abschlussgottesdienst kommt, der einen Tagesausflug dorthin macht oder der in Wittenberg selbst lebt, rechtzeitig erfährt, wie es für ihn ganz persönlich funktioniert.

www.r2017.org

Valentin kurbelt Blumenhandel an

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Der Valentinstag geht auf einen oder mehrere Märtyrer zurück

Der Valentinstag ist der Festtag der Verliebten und Brautleute, für Blumen- und Süßwarenhandel einer der umsatzstärksten Tage im Jahr. Und auch Hoteliers und Gastronomen rühren jährlich für romantische Abende auf ihren Zimmern oder in ihren Restaurants die Werbetrommel. Dabei berufen sich die Geschäftsleute bei ihren Offerten gern auf einen Heiligen namens Valentin, von dem allerdings niemand ganz genau weiß, ob es ihn überhaupt gegeben hat. Kein Wunder, dass die Kirche das Fest des heiligen Valentin Anfang der 1970er-Jahre vom Kirchenkalender strich. Nur in den Bistümern Mainz, Fulda und Limburg wird an seinem Gedenken noch festgehalten.

Dass Valentinus auch bei uns seine Anhänger hat, verdanken wir genau betrachtet der Mainzer Synode, die im Sommer 813 das Weihnachtsfest auf den 25. Dezember terminierte. Bis dahin feierte man Christi Geburt am 6. Januar – und 40 Tage später nach mosaischem Gesetz das Fest der Darstellung des Herrn (Mariä Lichtmess) am 14. Februar. Mit der Verlegung des Weihnachtsfestes entstand so eine kalendarische Lücke, die es schnell wieder zu füllen galt.

Noch heute gibt es in Worms am 14. Februar eine Valentinsprozession. Fotos: Günter Schenk

Noch heute gibt es in Worms am 14. Februar eine Valentinsprozession. Fotos: Günter Schenk

Da folgte man gern den Christen in Rom, die schon damals am 14. Februar eines Bischofs gedachten, der im 3. Jahrhundert im heutigen italienischen Städtchen Terni gelebt und als Märtyrer gestorben sein soll. Allerdings gab es in Rom einen weiteren Geistlichen namens Valentin, um den sich ebenfalls viele Legenden bildeten. So soll dieser frisch verheirateten Paaren gern Blumen aus seinem Garten geschenkt haben. Es ist eine von vielen erfundenen Geschichten, die manchem Blumenhändler am Valentinstag gern als Verkaufsargument dient.

Noch komplizierter wird die Geschichte, weil im Mittelalter ein weiterer Valentin aus Viterbo auftauchte, der im frühen vierten Jahrhundert ebenfalls als Märtyrer gestorben sein soll. Einige Historiker allerdings glauben, dass es sich bei allen Valentins wahrscheinlich um den gleichen handelt.

Schon im Hochmittelalter jedenfalls hatte Valentin vielerorts in Deutschland seine Verehrer. Vor allem am Rhein wie in Worms oder im Rheingau-Städtchen Kiedrich, wo der Heilige noch heute besondere Verehrung findet. So belegt schon anno 1311 ein Dokument in Worms das Gedenken an den Bischof von Terni, in der zum Andreasstift gehörenden Valentinuskapelle. Dort ausgestellte Valentinusreliquien sollen jährlich viele Tausend Wallfahrer gelockt haben.

Rudolf von Rüdesheim (1402–1482), Wormser Domdekan und späterer Bischof von Breslau, teilte die Wormser Reliquien schließlich weiter auf. 1454 schenkte er der Pfarrkirche Kiedrich, wo er zuvor als Pfarrherr tätig war, einen Teil der Wormser Valentinusknochen. Einen weiteren Teil nahm er mit nach Breslau, von wo sie schließlich ins heute polnische Kulm gelangten. Als die Wormser Reliquien im Gefolge des pfälzischen Erbfolgekrieges Ende des 17. Jahrhunderts verloren gingen, gaben die Kiedricher anno 1875 einen Teil der Reliquien wieder nach Worms zurück, wo man bereits Anfang des 19. Jahrhunderts die nach dem Verlust der Reliquien eingeschlafene Valentinuswallfahrt neu belebt hatte. Mit einem Hochamt und einer abendlichen Paarsegnung, die dem Patronat der Liebenden und Verlobten Rechnung trägt, wird der 14. Februar noch heute in der Nibelungenstadt groß gefeiert.

Gleich ein ganzes Valentinsskelett ruht in der Pfarrkirche St. Michael im schwäbischen Krumbach auf purpurroter Matratze in einem Glasschrein, eingehüllt in prächtig bestickte Gewänder. Und auch im Fuldaer Dom liegen angeblich Schenkelknochen des Heiligen, der gewöhnlich gegen die Fallsucht angerufen wird. Gegen epileptische Anfälle, die einst »Valentins-Krankheit« oder »Valentins-Plage« hießen.

Die bunten und duftenden Grüße der Männer an ihre Frauen aber, die den Blumenhändlern Jahr für Jahr gute Umsätze garantieren, fußen nicht in kirchlichem, sondern einem eher weltlichen Brauch, der sich im Mittelalter in England entwickelte. Dort führte man zum Valentinstag Paare zusammen, häufig wie beim Mailehen durch Losentscheid. Durch kleine Geschenke oder Gedichte versicherten sie sich ihrer Liebe: eine Art Partnerbörse war das, die erste Frühlingsgefühle kanalisierte. Vermutlich im späten 17. Jahrhundert wurde es schließlich mehr und mehr Sitte, im Rahmen dieser Kontakte Blumen zu verschenken. Ein Brauch, den Europas Auswanderer mit nach Amerika nahmen, von wo er Anfang der 1950er-Jahre wieder nach Deutschland zurückkehrte. Hier stationierte US-Soldaten gehörten zu seinen ersten Anhängern, die am Valentines Day ihre Frauen mit Geschenken überraschten.

Günter Schenk

Unterwegs auf dem Stationenweg

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Der Europäische Stationenweg zum Reformationsjubiläum knüpft ein Band zwischen 68 Orten. In dieser Ausgabe machen wir Station bei den osteuropäischen Nachbarn.

Von Böhmen über Siebenbürgen bis nach Polen – die Ideen von Martin Luther, Jan Hus und vielen anderen beeinflussen Menschen und Gesellschaften auch östlich der heutigen Grenzen Deutschlands.

Praha (Prag): Schon mehr als 100 Jahre vor Martin Luther, fingen viele Theologen der Prager Universität an, den damaligen Stand der Kirche kritisch zu betrachten. Zum einen wurde die Dekadenz des klerikalen Establish­ments an den Pranger gestellt und mehr Nähe zu den einfachen Menschen gefordert. Gottesdienste auf Tschechisch wurden eingeführt. Zum anderen äußerten Professoren und Prediger wie Jan Hus Zweifel an der Idee einer universellen Kirche, die nach dem Prinzip der Konziliarität funktioniert, und nahmen stattdessen ein Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden in Anspruch. Zahlreiche Events und ein reiches Kulturangebot erinnerten 2015 an Hus’ Hinrichtung, und auch in diesem Jahr wird die böhmische Reformation in einem allgemein europäischen Kontext gefeiert.

Ljubljana (Laibach): Mehrere Ausstellungen über Luther und die Reformation werden ab April in der Burg sowie in der Nationalbibliothek organisiert. Am 8. Juni feiern die Slowenen den Priester Primož Trubar, der im 16. Jahrhundert das erste Buch in slowenischer Sprache schrieb. Am 30. Oktober folgt dann der Reformationstag mit offiziellen Feierlichkeiten und einem Gottesdienst in der Primož-Trubar-Kirche. Martin Luthers Biografie von Volker Leppin wird ebenfalls im Herbst ins Slowenische übersetzt.

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Puconci (Putzendorf): Der kleine Ort im extremen Nordosten Sloweniens mag heute mit nur 6 000 Einwohnern recht unbedeutend erscheinen, doch er war historisch eine der Hochburgen der evangelischen Kultur in dieser Region. Die erste lutherische Kirche wurde hier 1784 erbaut, als der Ort Teil der K.-u.-k.-Monarchie und stark ungarisch geprägt war. Die Mehrheit der Bevölkerung ist bis heute lutherisch.

Sibiu (Hermannstadt): Vor zehn Jahren war die Stadt im Süden Siebenbürgens Europäische Kulturhauptstadt, und das von den Siebenbürger Sachsen im 17. und 18. Jahrhundert gebaute historische Zentrum wurde vollständig und stilvoll renoviert. Die Bilanz des damaligen Bürgermeisters Klaus Johannis fanden die Rumänen so gut, dass sie den Politiker 2014 zum Staatspräsidenten wählten – und damit Geschichte schrieben, denn der deutschstämmige und evangelische Johannis gehört im stark orthodox geprägten Land in doppelter Hinsicht einer Minderheit an. Hermannstadt ist gleichzeitig die Hochburg der Evangelischen Kirche AB (Abkürzung für »Augsburgischen Bekenntnisses«), die trotz der massiven Auswanderung der Siebenbürger Sachsen bis heute eine wichtige kulturelle und zivilgesellschaftliche Rolle spielt.

Debrecen: Die ostungarische Stadt gehört zu den wichtigsten regionalen Zentren des Calvinismus, gut 20 Prozent der Ungarn bekennen sich zu den Lehren der Reformierten Kirche, die in diesem Jahr ihr 450. Jubiläum feiert. Im Juni findet dementsprechend ein feierliches Treffen des Generalkonvents statt, und im Oktober wird der Reformationstag gewürdigt. Eine neue ungarische Übersetzung des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses wird zu diesem Anlass offiziell präsentiert.

Sárvár (Kotenburg): Im Westen Ungarns stand die kleine Stadt am Anfang der Geschichte der ungarischen Reformation und wird auch das »ungarische Wittenberg« genannt. Hier wurde das erste Buch in der Landessprache gedruckt, und auch die erste ungarische Fassung des Neuen Testaments wurde hier 1541 herausgegeben. Mit nur 15 000 Einwohnern hat der Ort heute eher eine historische Bedeutung, aber für die Reformierte Kirche bleibt er ein wichtiger kultureller Bezugspunkt.

Sopron (Ödenburg): An der österreichischen Grenze gelegen, war diese Stadt im Sommer 1989 die Kulisse jener welthistorischen Ereignisse, die einige Monate danach zum Fall der Berliner Mauer führten. Zahlreiche DDR-Flüchtlinge konnten damals über Österreich nach Westdeutschland reisen, weil die ungarischen Grenzbeamten Menschlichkeit und gesunden Verstand zeigten. Ganz anders sieht es hier heute aus: Die rechtspopulistische Regierung von Viktor Orbán lässt Hunderte Schutzbedürftige an der Grenze
erfrieren. Auch die Arbeit der Kirchen, die helfen wollen, wird erschwert. Als wichtiges Zentrum der Reformation hätte Sopron Besseres verdient.

Cieszyn (Teschen): Die kleine Gemeinde im Süden Polens, nah an der heutigen Grenze zu Tschechien, war einer der insgesamt nur sechs Orte im historischen Schlesien, wo trotz offiziellen Katholizismus eine evangelische Kirche gebaut werden durfte. Dies geschah Anfang des 18. Jahrhunderts durch die »Gnade« des Kaisers Jo-
seph I., weshalb die Historiker von »schlesischen Gnadenkirchen« reden. Heute ist das damals gebaute Gotteshaus in Cieszyn das einzige, das noch als evangelische Kirche dient. Auch wenn sie im heutigen, stark katholisch geprägten Polen nur noch eine winzige Minderheit der Bevölkerung darstellen, haben die polnischen Lutheraner hier eine ihrer Diözesen.

Bardejov (Bartfeld): Im Norden der heutigen Slowakei gelegen, zog diese Stadt bereits im späten Mittelalter deutschsprachige Siedler an und wurde noch vor der Reformation dank des intensiven Handels zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Orte der Region. Im Laufe der späteren Geschichte lebten hier in der Regel katholische Slowaken und Ungarn mit evangelischen Deutschen, sowie mit Juden, Ukrainern und Roma zusammen. Wie so oft in Mittel- und Osteuropa war dieses Mit- oder Nebeneinander nicht immer friedlich. Heute wird in Bardejov kein Deutsch mehr gesprochen, aber mehr als sieben Prozent der Bevölkerung bekennt sich immer noch zum evangelischen Glauben. Der Stadtkern gehört zum UNESCO-Kulturerbe.

Wroclaw (Breslau): Die viertgrößte Stadt im heutigen Polen war während der frühen Reformation die Kulisse gewaltiger religiöser und politischer Auseinandersetzungen, in denen der Konflikt zwischen Hussiten und Katholiken ausgetragen wurde und in denen es auch um die Ernennung des evangelischen Theologen Johann Heß zum Pfarrer in der Magdalenenkirche ging. Später wurde die Stadt während des Dreißigjährigen Kriegs zum Teil zerstört. Noch später bedeutete die NS-Herrschaft die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und, in den späten 1940er-Jahren, auch das Ende einer langen deutschsprachigen, evangelisch geprägten Kulturtradition. Heute versucht die Stadt, im Geiste einer europäischen Identität wieder an diesen Multikulturalismus anzuknüpfen. Zahlreiche Events widmen sich 2017 der Reformation und ihrem Erbe.

Silviu Mihai

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Inklusion auf Afrikanisch

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Sein rostiger Rollstuhl fährt durch enge Gänge und über kleine Stufen. Der fünfzehnjährige Kisekka rollt flink durch das kirchliche Krankenhaus am Rand der ugandischen Kleinstadt Mbarara.

Kisekkas grüner Rollstuhl ist eine Gebrauchtspende aus Europa. Auf den Schotterpisten der Umgebung des Krankenhauses kommt das alte Modell an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Die Gummischicht der kleinen Vorderräder ist fast völlig abgenutzt. Die Hinterräder haben kein Profil mehr, der Plastiküberzug des Sitzes hat viele Löcher. Aber noch funktioniert das Ding. »Früher bin ich auf dem Boden gekrochen«, erinnert sich der Junge. »Deshalb habe ich so viele Wunden an den Knien.«

Kisekka bleibt in einem Wartesaal, bis sich die Tür zum Behandlungsraum öffnet. Es ist Cindy, seine Therapeutin. Sie erklärt: »Kisekkas Lähmung ist eine Konsequenz seines eigentlichen Leidens, der Spina bifida, ein offener Rücken. Diese Fehlbildung wirkt sich auf seinen gesamten Unterkörper aus.«

Keine Berührungsängste mehr: Früher wurden Kinder mit Behinderung in Uganda stigmatisiert, heute lernt Kisekka (Mitte) Seite an Seite mit seinen Klassenkameraden. Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt. Fotos: Andreas Boueke

Keine Berührungsängste mehr: Früher wurden Kinder mit Behinderung in Uganda stigmatisiert, heute lernt Kisekka (Mitte) Seite an Seite mit seinen Klassenkameraden. Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt. Fotos: Andreas Boueke

Kisekka ist barfuß. Er trägt eine alte Schuluniform, die einzige, die er besitzt: gelbes Hemd, roter Pulli und kurze Hose. Seine Knie und Schienbeine sehen genauso geschunden aus wie der Rollstuhl. Am Tag zuvor hat der Auspuff eines Taxis die Haut an seinem Bein verschmort. Schwester Cindy verbindet die Wunde neu: »Er hat keinerlei Gefühl in seinen Beinen. Man könnte sie in Feuer legen und trotzdem spürt er nichts.«

Kisekka ist ein Waisenkind. Als er neun Jahre alt war, starben seine Eltern an Tuberkulose. Zwei Jahre lang haben ihn sein älterer Bruder und seine beiden Schwestern ernährt, obwohl sie selbst noch Kinder waren. Die vier Geschwister wohnten zusammen in einer alten Hütte aus Holz und Lehm unter einem dicken Strohdach. Von den Nachbarn bekamen die Kinder keine Hilfe. Die Dorfgemeinschaft hat sie nie richtig aufgenommen. Kisekkas Behinderung galt als Zeichen der Schande. Seine Stimme klingt traurig, wenn er von dieser Zeit erzählt: »Sie haben Angst vor Kindern wie mir. Sie halten uns für nutzlos, für verhext. Sie behaupten, Gott habe uns verflucht, er würde uns nicht akzeptieren. So ein Leben kann nicht gut sein.«

Viele der Narben an seinen Beinen erinnern an diese Jahre, während der er sich nur kriechend bewegen konnte. Als die Organisation OURS auf ihn aufmerksam wurde, war er unterernährt und verwahrlost. Zuerst behandelten die Ärzte seine Wunden und Deformationen. Schon bald ging es ihm deutlich besser. Dann bekam er seinen ersten Rollstuhl und ein Schulstipendium für das Internat der Ruharo Berufsschule, keine fünfhundert Meter von dem Krankenhaus entfernt.

Auf dem staubigen Weg vom Krankenhaus zum Internatsgebäude kommt Kisekka an einem kleinen Bolzplatz vorbei, auf dem einige Jungen mit einem selbst gemachten Ball aus zusammengebundenen Plastiktüten spielen. Die meisten sind barfuß, andere tragen Gummilatschen aus alten Autoreifen. »Tor!«, freut sich Kisekka mit dem Schützen. Nach dem Spiel bieten zwei Jungen ihm an, ihn zu schieben.

Der Direktor der Schule, Chinfred Matota, sitzt auf einem wackeligen Stuhl im Lehrerzimmer. »In unserem Land sind einige Schulen ausgewählt worden, behinderte Kinder zu unterstützen; in Mbarara war das unsere Schule«, erklärt er nicht ohne Stolz. Er berichtet, dass seine Ruharo Berufsschule die einzige Inklusionsschule des Bezirks ist. »Das Bewusstsein aller Kinder hat sich verändert. Sie sehen, dass auch Schüler mit Behinderung gute Leistungen bringen können. Und sie erzählen davon, wenn sie nach Hause fahren. Die Kinder fangen an, miteinander zu spielen. So merken alle, dass sie Freunde sein können.« Kisekka sei einer der besten Schüler seiner Klasse: »Deshalb glaube ich, dass er eine leuchtende Zukunft hat. Vielleicht wird er mal zu einem bekannten Fürsprecher für Kinder mit Behinderungen.«

Nachts schläft Kisekka in einem großen Saal. Zwölf Doppelbetten stehen so eng beieinander, dass kein Platz für Schränke oder Stühle bleibt. Kisekka schläft gerne in dem Saal: »Ich könnte sowieso nicht allein in einem Raum schlafen. Es gibt viele Gefahren, vor denen die anderen mich beschützen können. Manchmal wollen Diebe etwas in der Schule stehlen. Dann machen sie ein Feuer und alle rennen raus. Wenn so was passiert, können meine Kameraden mir helfen und meine Sachen aus dem brennenden Raum retten.«

Auch im Alltag ist Kisekka oft auf die Hilfe seiner Kameraden angewiesen. »Mit dem Essen bekomme ich meist Hilfe. Aber manchmal vergessen sie, meinen Teller mitzunehmen oder sie vergessen, mir ein Brot zu bringen. Wenn es dann nichts mehr in der Küche gibt, muss ich hungrig ins Bett gehen. So ist das halt.«

Mit Mädchen spricht Kisekka so gut wie nie. Im Süden Ugandas ist es nicht üblich, dass Jungen und Mädchen außerhalb des Unterrichts Kontakt haben. Trotzdem weiß die Klassensprecherin Nyakado Sara gut Bescheid über Kisekkas Situation: »Ich würde gerne mit ihm sprechen, aber das geht nicht. Ich bin ein Mädchen und er ist ein Junge. Das würde falsch aussehen.«

In der Ruharo Berufsschule ist der Sozialpädagoge Mana Djosam dafür zuständig, Kinder wie Kisekka unterstützend zu begleiten: »Früher haben die Eltern hier noch gedacht, ihre Kinder würden krank werden, wenn sie ein behindertes Kind berühren. Sie glaubten, es gäbe einen Fluch. Aber mit der Zeit glauben immer weniger Leute solche Sachen. Sie staunen, wenn sie sehen, dass Kisekka etwas bauen kann, am Computer arbeitet, etwas leistet, das dem Land nützt. Ich bin mir sicher, dass das Stigma überwunden werden kann, wenn alle sehen, welches Potenzial in diesen Kindern steckt.«

Andreas Boueke

Eindeutig und geradlinig

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Dr. Werner Leich, der frühere Thüringer Landesbischof, wird am 31. Januar 90 Jahre alt. Er lebt mit seiner Frau Trautel in Eisenach und stand den Redakteuren Michael von Hintzenstern und Willi Wild Rede und Antwort.

Das Ehepaar Trautel und Werner Leich. Die Kirchenzeitung gratuliert dem ehemaligen Thüringer Landesbischof herzlich zum 90. Geburtstag. Foto: Norman Meißner

Das Ehepaar Trautel und Werner Leich. Die Kirchenzeitung gratuliert dem ehemaligen Thüringer Landesbischof herzlich zum 90. Geburtstag. Foto: Norman Meißner

Herr Landesbischof Dr. Leich, wie geht es Ihnen?
Leich:
Man merkt das Alter, Schwäche und Vergesslichkeit nehmen zu. Aber solange wir als Ehepaar zusammen sind, geht’s mir gut. Das ist ein außergewöhnliches Geschenk Gottes. Wir sind 2017 65 Jahre verheiratet, eiserne Hochzeit, und die Liebe ist ungebrochen.

Sie haben Ihre Frau beim Tanzstundenball kennengelernt.
Leich:
Unsere Tanzstundenlehrerin hat jedes Jahr am 3. Weihnachtsfeiertag für die Ehemaligen einen Ball gegeben. Und dabei haben wir uns getroffen. Wir haben also nicht zusammen Tanzstunde gemacht, sondern wir waren beide Ehemalige.

Eine Tanzstunde hatte auch etwas mit Ihrer Berufsentscheidung zu tun.
Leich:
Bevor ich meine Frau kennengelernt habe, hatte ich mit einer Pfarrerstochter Tanzstunde gemacht. Bei ihr zu Hause, im Pfarrhaus, habe ich den Pfarrberuf kennengelernt. Und so entstand auf charmante Weise über die Tanzstunde der Wunsch, Pfarrer zu werden.

Ihr Studium in Marburg und Heidelberg war mit Hindernissen verbunden. Wie kamen Sie über die Grenze?
Leich:
Ich musste schwarz über die Grenze gehen. In Marburg habe ich dann unter anderem bei Professor Rudolf Bultmann studiert. In Heidelberg prägte mich Professor Edmund Schlink. Die Ökumene war sehr ausgeprägt. Nach zwei Semestern in Heidelberg habe ich bereits Examen gemacht. Viel früher als nötig, aber ich wollte zurück zu meiner Braut.

Während Ihrer Studentenzeit waren Sie auch mal Kohlekumpel in Gelsenkirchen. Wie kam es dazu?
Leich:
Nach der Währungsreform waren plötzlich alle Stipendien erloschen. Und um zu überleben, musste ich arbeiten. Es war nicht einfach, Arbeit zu bekommen. Da blieb nur das Bergwerk. Ich bin heute noch dankbar für die Erfahrung.

Rührt daher Ihr Interesse für den Fußballverein Schalke 04?
Leich:
Ja. Wissen Sie, damals gab es noch keine Fußballprofis. Ich kannte die Fußballer aus dem Bergwerk. Im Hauptberuf waren sie Kumpels und anschließend haben sie Fußball gespielt.

Mit all diesen Erfahrungen sind Sie wieder nach Thüringen zurückgegangen. Wie kamen Sie an Ihre erste Pfarrstelle?
Leich:
Zunächst war das in Angelroda (Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau). Dort waren wir nur drei Jahre. Damals bestand noch Pfarrermangel und so wurde ich auf eine größere Pfarrstelle nach Wurzbach (Kirchenkreis Schleiz) versetzt. Ich hatte gerade an meiner Doktorarbeit geschrieben. Aber Bischof Moritz Mitzenheim meinte: »Wir brauchen keine Doktoren, wir brauchen Pastoren.«

Bereits in Angelroda mussten Sie erfahren, dass der Staat Ihre Arbeit kritisch kontrollierte. Es gab Predigtkontrollen und Ihr Telefon wurde abgehört.
Leich:
Das ist dadurch aufgefallen, dass einmal ein Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes einen Zettel in der Kirche verloren hat, auf dem er alles notiert hatte, was seiner Meinung nach berichtenswert gewesen war.

Die Staatssicherheit war allgegenwärtig. Als junger Superintendent in Bad Lobenstein haben Sie Kriterien im Umgang mit der Stasi aufgestellt.
Leich:
Das waren drei Regeln: Keine Gespräche mit Mitarbeitern der Stasi unter vier Augen, keine Treffpunkte an neutralen Orten, kein Schweigeversprechen. Die drei Regeln standen sogar in meiner Stasi-Akte.

Ihre Wahl zum Landesbischof versuchte die Stasi zu verhindern. In Ihrer Amtszeit waren Sie dann von 17 Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) des Staatssicherheitsdienstes umringt. Hat sich eigentlich später einer bei Ihnen dafür entschuldigt?
Leich:
Bis auf eine Ausnahme ist keiner der IM auf mich zugegangen. Das schmerzt mich bis heute. Gerade weil ich dafür bekannt bin, nicht nachtragend zu sein.

Man hat Ihnen auch nach dem Leben getrachtet. Wie sind Sie damit umgegangen?
Leich:
Das wurde mir aber erst später klar. Kurz nach der Wahl zum Landesbischof stellte ich fest, dass die Radmuttern an meinem Auto gelockert waren. Außerdem versuchten mehrfach Lkws mich von der Straße zu drängen. Aber ich habe nie aus Angst vor dem Staatssicherheitsdienst heraus gehandelt.

Wie sehr hat es Ihre Arbeit belastet, von IM der Stasi umgeben zu sein?
Leich:
Es war mir bewusst. Ich hatte glücklicherweise in Oberkirchenrat Heinz Krannich einen Freund und Vertrauten.
Das Erstaunliche ist, dass auch die IM’s meine Anordnung mitgetragen haben. Wir hatten manchmal die Aufforderung, dass sich alle Superintendenten beim Rat des Kreises melden sollten. Ich habe diese Treffen untersagt und alle haben sich daran gehalten.

Reichten Ihre drei Regeln im Umgang mit der Stasi aus?
Leich:
Ja, damit wussten selbst die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes genau, woran sie waren. Und, dass ihre Gespräche nicht geheim blieben. Damit sind wir gut gefahren. Gerade auch im Umgang mit der Kirchenzeitung. Die Chefredakteure von »Glaube + Heimat«, Herbert von Hintzenstern und Gottfried Müller, sind damals sehr genau von der Stasi beobachtet worden.

Hatte die Staatssicherheit den direkten Kontakt mit Ihnen gesucht?
Leich:
Ja natürlich. Ein gewisser Dr. Roßbach, alias Roßberg, hat sich regelmäßig in der Superintendentur in Bad Lobenstein zum Gespräch angemeldet. Ich habe dann immer einen Pfarrer als Zeugen dazu gebeten und das Gespräch dokumentiert. Erstaunlich war, dass die Sachpunkte in meinem Protokoll und in dem der Stasi identisch waren. Aber die Beurteilung war natürlich völlig unterschiedlich.

Wie war es für Sie, als Sie feststellen mussten, dass Mitglieder der Kirchenleitung IM der Stasi waren?
Leich:
Das war mir relativ schnell bekannt. Und ich wusste, worauf ich mich als Landesbischof einließ. Damit konnte man auch leben, wenn man seinen eigenen klaren Weg gegangen ist.

Mit Oberkirchenrat Martin Kirchner war immerhin Ihr Stellvertreter ein IM. Hat Sie das nicht erschüttert, als Sie erfahren haben, dass er bei der Stasi war?
Leich:
Kirchner ist ein Sonderfall. Ihn habe ich ja bevorzugt gegenüber dem Oberkirchenrat Wolfram Johannes, von dem wir wussten, dass er Staatssicherheitsmitarbeiter war. Kirchner ist mir nie in den Rücken gefallen. Da herrschten immer klare Fronten. Und was ich von ihm als Jurist verlangt habe, das hat er auch gemacht.

Hatten Sie nach der Wende noch Kontakt?
Leich:
Er hat in Eisenach als Rechtsanwalt gearbeitet. Und wir sind uns auch mal begegnet. Er wusste, dass ich nicht nachtragend war und dass ich ihn kannte. Was jetzt aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.

Wie schätzen Sie die Aufarbeitung der DDR-Geschichte durch die evangelische Kirche ein?
Leich:
Ich bin der Überzeugung, dass man die Geschichte nach 25 Jahren ruhen lassen sollte. Es ist schon viel zu lange her. Erfahrungsgemäß wird durch spätere Aufarbeitung auch vieles hineingedeutet. Die Betroffenen sind alle schon sehr alt. Wir haben die offiziellen Stellen zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. Dort sind die Dokumente hinterlegt. Jeder kann einen Antrag auf Akteneinsicht stellen. Das ist meines Erachtens ausreichend. Im Übrigen halte ich die Sache für erledigt.

Plädieren Sie für vergeben und vergessen?
Leich:
Vergeben ja, vergessen nicht. Auch die heutige Generation sollte daraus lernen. Die drei Regeln, die ich aufgestellt habe, die stammen aus einem Buch aus der Nazi-Zeit über den Umgang mit der NS-Staatssicherheit. Ich glaube, die Nähe zur Politik ist auch heute eine Sache, bei der die Kirche ganz eindeutig und gerade gehen muss. Das tut sie leider nicht immer.

»Das hat mich all die Jahre getragen«

Werner Leich (Mitte) im Gespräch mit Willi Wild (re.) und Michael von Hintzenstern. Fotos: Norman Meißner

Werner Leich (Mitte) im Gespräch mit Willi Wild (re.) und Michael von Hintzenstern. Fotos: Norman Meißner

Der frühere Thüringer Landesbischof Werner Leich feierte am 31. Januar seinen 90. Geburtstag.
Lesen Sie hier den zweiten Teil des Gesprächs, das Michael von Hintzenstern und Willi Wild mit dem Jubilar geführt haben.

Herr Landesbischof Dr. Leich, wie erleben Sie heute die Landeskirche, die ja nicht mehr die ist, der Sie als Bischof vorstanden?
Leich:
In tiefer Trauer. Wir haben ein ausgezeichnetes Landeskirchenamt gehabt, das auch sehr gut organisiert war. Und die Auflösung des Landeskirchenamtes, ich hab’s ja dauernd vor Augen, ist eine schwierige Sache. Ich bedauere, dass die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen in dieser Form nicht mehr besteht. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Da kommen mir die Tränen.

Was waren die Höhepunkte Ihrer Amtszeit?
Leich:
Höhepunkt war auf jeden Fall das Lutherjahr. Wenn ich an den öffentlichen Gottesdienst auf der Wartburg denke. Die Mitarbeiter des Rundfunks meinten es sehr gut und haben ganz Eisenach beschallt. Das hat die Genossen natürlich furchtbar geärgert. Erstaunlich war, als ich mich hinterher bei den Fernsehleuten bedankt habe, sagten sie: Ach, Herr Bischof, wir hätten das gerne noch viel länger gemacht.

Wir stehen am Anfang eines weiteren Lutherjahres oder Reformationsjahres. Was erhoffen Sie sich von dem Reformationsgedenken?
Leich:
Ich hoffe, dass nicht der gedeutete Luther, sondern der originale Luther in den Mittelpunkt gerückt wird. Dass man ohne Scheu und ohne den Menschen gefallen zu wollen sagt, worum es geht. Das hat Luther in vielen Belangen getan. Er ist oft angeeckt, auch oft zu Recht kritisiert worden, beispielsweise im Umgang mit den Juden. Aber dieser ungeschminkte originale Ton, der muss erhalten bleiben.

Sie waren selbst geradlinig und mutig, obwohl Sie auch Ängste hatten. Wie sind Sie damit umgegangen?
Leich:
Die Umgebung des Staatssicherheitsdienstes hat mich oft in Unruhe versetzt. Aber ich habe Gott sei Dank gelernt, regelmäßig zu beten. Ich habe Gott alles, was mich bewegt und auch geängstigt hat, im Gebet vorgetragen. In meinem Arbeitszimmer stand ein altes gotisches Kruzifix. Darunter hab ich mir einen Betschemel bauen lassen. Jeden Tag habe ich mit Gebet begonnen und ihn auch beendet. Das hat mich all die Jahre getragen.

Wie haben Sie in all den Jahren Ihre Ehe und Familie zusammenhalten können?
Leich:
Das habe ich hauptsächlich meiner Frau zu verdanken, die von Anfang an auch mein Amt mitgetragen hat. Unsere Kinder haben gelitten. Sie wurden regelmäßig vom Staatssicherheitsdienst beobachtet. Die Stasi hoffte, über diese Quelle mehr über mich zu erfahren. Für unsere Kinder war es schwer.

Welchen Rat geben Sie Ihrer Kirche heute mit auf den Weg?
Leich:
Die große Gefahr für die Kirche ist, dass sie aus allem einen Event machen will. Dass sie sich nicht mehr verlässt auf Wort und Sakrament und auf eine treue Ausrichtung. Sondern alles in Spielszenen einkleidet. Die eigentlichen großen Gaben der Kirche treten zurück: Wort und Sakrament.

Sie schreiben in Ihrer Autobiografie, dass Sie sich in der Kirche weniger Strukturdebatten, sondern mehr Hinwendung und Einladung zum Glauben wünschen.
Leich:
Wenn ich das kirchliche Amtsblatt lese, habe ich den Eindruck, unsere Kirche verliert sich im Augenblick völlig darin, die Strukturen neu zu schaffen oder einander anzugleichen. Und stattdessen ist die Einladung zum Glauben von der offiziellen Kirchenseite sehr gering.

Es gibt Gott sei Dank eine ganze Reihe von Pfarrern, die einfach ihren Dienst tun und sich davon nicht beeindrucken lassen. Aber die offizielle Kirche verliert sich in Formalitäten.

Sie sprechen davon, dass Kirche wieder mehr vom Geist der Liebe und des Zeugnisses ergriffen sein sollte. Wie kann das geschehen?
Leich:
Der Geist der Liebe und des Zeugnisses entsteht nur durch regelmäßiges Lesen der Heiligen Schrift, durch Gebet und durch den Versuch, die Erkenntnisse im täglichen Leben umzusetzen.

Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken. Die Arbeitsbelastung für Pfarrer mit 15 Gemeinden und mehr wird immer größer. Haben Sie eine Idee, wie man diese Entwicklung verändern könnte?
Leich:
Wir haben schon zu meiner Dienstzeit begonnen, zusammen mit der Superintendentur Saalfeld und Oberkirchenrat Ludwig Große, kirchlich engagierte Mitarbeiter so auszubilden, dass sie selbst Gottesdienste halten können. Notfalls sogar Trauungen und Beerdigungen. Nach meiner Überzeugung ist ein gut ausgebildetes Laienchristentum die einzige Antwort.

Sie kommen aus der Bekennenden Kirche. Zu welchem Bekenntnis rufen Sie heute auf?
Leich:
Das Bekenntnis ist ja nichts anderes als der Hinweis auf die Heilige Schrift. Dass die Kirche aus der Heiligen Schrift lebt und aus dem Gebet, das ist unumgänglich. Sobald das vernachlässigt wird, schwindet auch die Kraft der Kirche.

Meine Botschaft ist: Verlasst euch auf das, was uns Gott mitgegeben hat: die Heilige Schrift, das Gebet, die Zuwendung zum Nächsten. Und wer sich darauf verlässt, der wird nicht im Stich gelassen.

Sie klammern die Endlichkeit des Lebens nicht aus. Wie möchten Sie sterben?
Leich:
Also am liebsten zusammen mit meiner Frau. Ich möchte so sterben, dass ich dabei die Hände falten und beten kann: Herr, nimm meinen Geist auf. Und ich glaube an die Auferstehung der Toten. Dies spielt für mich eine besondere Rolle, weil ich meine Mutter nie kennengelernt habe. Meine Mutter ist verstorben, als ich ein halbes Jahr alt war. Und ich habe die große Sehnsucht, dass ich im Reich Gottes erstens an der Seite meiner Frau sein darf und dass ich meine Mutter einmal kennenlerne.

So schmeckt Gnade

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Das Abendmahl ist Sündenvergebung, Gemeinschaft mit Gott, Versöhnung untereinander, Fest des Reiches Gottes

Die Bibel bietet eine Fülle von Geschichten, in denen Menschen in der Gegenwart Gottes essen. Man denke an das Volk Israel in der Wüste, das Manna vom Himmel bekommt. Oder an den verzweifelten Elia, der sterben will und von Gott Brot und Wasser bekommt für einen langen Weg. Auch Jesus von Nazareth hat gerne mit anderen gegessen, getrunken und gefeiert. Manchmal holt er Menschen buchstäblich aus ihrem Versteck, um mit ihnen zu essen, zum Beispiel den zwielichtigen Zöllner Zachäus. Der Mann freut sich, er kann es kaum erwarten, Jesus zu empfangen. Für ihn beginnt mit der Mahlzeit und dem Besuch Jesu ein neues Leben.

Doch die Geschichte Jesu von Nazareth war nicht nur von Festen und eitel Freude bestimmt, sie mündete in ein großes Drama: das Kreuz von Golgatha. Auch das Kreuz gehört zum Abendmahl. Wir schauen auf einen, der für seine Freunde und die ganze Welt in den Tod geht. Das knappe »Für euch gegeben« (vgl. Markus 14,24) erinnert uns daran. Diese große Überschrift jeder Mahlfeier zeigt, Gottes Liebe duckt sich nicht gegenüber Gewalt, sie weicht menschlicher Schuld und Angst nicht aus, im Gegenteil: Sie findet überall hin. Jesus sagt: Ich bin jetzt da, ich bin dieses Brot für euch. Gleichsam bittersüß schmeckt es – so betrachtet.

Der Grund, dass uns Christen Schuld und Tod nicht schrecken, liegt freilich noch in etwas Anderem, und zwar im Ereignis von Ostern begründet. Wäre Jesus im Grab geblieben, müssten wir uns die Festfreude tatsächlich selbst einreden (vgl. 1. Korinther 15). Die Beschreibung der ersten Christen zeigt das: Sie feierten das Abendmahl, weil sie erfüllt waren von Dankbarkeit und Freude. Sie wussten: Jesus ist lebendig. Er hat den Tod besiegt. Und Jesus hat damit die Welt ins Licht geführt.

Das Abendmahl der ersten Christen zeigt: Dieses Essen ist ein Mahl der Freiheit. Hier teilen Menschen spontan das Brot und auch das, was sie sonst besitzen. Von Gottes Gnade beschenkt und von lebendiger Hoffnung beseelt, können sie andere einladen. Dankbarkeit ist das Ziel der ganzen Feier.

Das Abendmahl ist auch Ort der Versöhnung unter Menschen. Das zeigt der Friedensgruß, bei dem man sich auch einmal in den Arm nehmen darf. Beim Abendmahl sind deshalb ethnische Unterschiede oder Alters- und Milieugrenzen aufgehoben.

Wenn ich heute landauf, landab unsere Abendmahlsgottesdienste besuche, tun sich durchaus kontroverse Bilder auf. Manchmal legt sich geradezu ein grauer Schleier auf die Versammlung, die gerade noch fröhlich gesungen hat. Buße und Totengedenken scheinen angesagt. Beim Feierabendmahl auf dem Kirchentag oder in Gemeinden, die schon längere Zeit das Abendmahl mit Kindern feiern, erlebe ich dagegen häufig frohe, hoffnungsvolle Gesichter. Viele Christen leiden unter der Dominanz des Depressiven und möchten heraus aus dieser Sackgasse. Ein wichtiger Faktor dafür ist die Musik. Wenn im Samba-Rhythmus »Du bist heilig, du bringst Heil« anstelle eines traditionellen Heilig, heilig angestimmt wird oder sich die Gemeinde die Einladung »Schmecket und sehet« fröhlich zusingt, entstehen andere emotionale Räume. Auch dort, wo an einem Tisch Abendmahl gefeiert und tatsächlich gegessen wird, löst sich manches aus der Starre.

Den Kern der Abendmahlsfeier bilden die Einsetzungsworte. Sie können als Zusage gesungen oder kräftig gesprochen werden, allerdings zugewandt zur Gemeinde, nicht mit dem Rücken zu ihr. Dies war eine der ganz wichtigen Errungenschaften der Reformatoren. Das Abendmahl wurde aus dem magischen Mantel priesterlicher Beschwörung herausgeholt und zum unmissverständlichen Kraftwort Gottes. Das hat in vielen Städten und Dörfern in der Reformationszeit eine große Resonanz ausgelöst. Die Leute gingen deshalb fröhlich und mit Herzklopfen zum Abendmahl. Es war für sie plötzlich wieder etwas Besonderes. Deshalb meine ich, dass es auch heute angebracht ist, wenn wir die alten – bisweilen nur noch formelhaft heruntergesagten – Worte der Einsetzung auch in heute gut verständlicher leichter Sprache vortragen.

Das »evangelische Profil« des Abendmahls besteht im ökumenischen Zusammenhang darin, dass es als eine Gabe des sich schenkenden Gottes begriffen wird und nicht als Opfer der Kirche. An der Zusage Christi, der seine Liebe mitteilt, macht sich der Glaube fest. Dieser Zusage folgt Dankbarkeit und Freude. Deshalb können wir mit unseren katholischen Geschwistern auch von Eucharistie reden.

»Miteinander Abendmahl feiern« heißt, auch an andere Menschen zu denken. Für Paulus war es eine Selbstverständlichkeit, dass beim Abendmahl Reiche und Arme, Frauen und Männer, Juden und Griechen beieinander waren und aufeinander Rücksicht nahmen. Daher ist der Gedanke eines inklusiven Abendmahls heute – auch im Sinne buchstäblicher »Barrierefreiheit« (für Rollstuhlfahrer!) – für mich selbstverständlich. Niemand ist ausgeschlossen. Und Ausgetretene können eine schöne Abendmahlsfeier zum Anlass nehmen, über den Wiedereintritt nachzudenken.

Ich möchte die Erwartungen, Befindlichkeiten und Ängste der Menschen sehr ernst nehmen. Deshalb sind auch ihre Unsicherheiten und ihre Scheu (Hygiene), aber auch mentale Aversionen (Blut), ernst zu nehmen.

Es wäre schade, wenn dies ein Grund wäre, vom Mahl fernzubleiben.

Das Abendmahl enthält einen ganzen Strauß von theologischen Schätzen. Es ist Sündenvergebung, Gemeinschaft mit Gott, Versöhnung untereinander, Fest des Reiches Gottes. Der Reichtum der biblischen und theologischen Tradition ist so groß, dass wir deshalb nicht immer genau dieselbe Form praktizieren sollten. Je nach Situation im Kirchenjahr, je nach aktueller politischer Lage und je nach Größe und Orientierung der Gemeinde gilt es, die Akzente entsprechend differenziert zu setzen.

Eins aber gilt immer: Das Abendmahl ist Fest des liebenden Gottes. Es hat den Vorgeschmack des Himmels, in dem alle Menschen an einem Tisch sitzen.

Professor Jochen Arnold, Direktor Michaeliskloster Hildesheim

»Eine Bereicherung für alle«

5. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Fazit von Behindertenvertretern: Inklusion ist noch keine Normalität

Jürgen Schmidt aus Wasungen ist der Vorsitzende des Behindertenverbandes des Landkreises Schmalkalden-Meiningen. Ein Gespräch mit ihm und der ebenfalls im Vorstand engagierten Nicole Strauch aus Meiningen über Chancen und Barrieren.

Herr Schmidt, Sie engagieren sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Überschneidet sich der Begriff mit Integration?
Schmidt:
Vorsicht! Integration heißt, dass jemand – oder etwas – ausgegliedert ist und nun wieder eingegliedert werden soll. Inklusion hingegen bedeutet, dass jemand bereits Teil des Systems ist, aber die Bedingungen müssen für ihn noch geändert werden. Inklusion ist eine große Chance für die Gesellschaft, nämlich alle Menschen mit ihren Fähigkeiten und Gaben zu sehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen, statt sie auf ihre Defizite zu reduzieren. Das ist eine Bereicherung für alle.

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Frau Strauch, wie normal ist Inklusion mittlerweile?
Strauch:
Inklusion ist leider noch nicht zur Normalität geworden. Es wird zwar viel über Inklusion gesprochen, aber die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 durch Deutschland ratifiziert wurde, ist bisher eher schleppend vorangekommen und das in allen Bereichen. Ich würde mir besonders wünschen, dass mehr Kitas inklusiv wären und auch der gemeinsame Unterricht an allen Schulen zur Normalität würde. Das wäre schon ein großer Fortschritt.

Schmidt: Zunächst müssen einmal die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn beispielsweise eine Schule neu- oder umgebaut wird, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit von Barrierefreiheit. Oft kommt dann das Argument, dass ja gar kein Kind mit Rolli die Schule besucht. Das ist aber auch gar nicht möglich, weil ja die Bedingungen gar nicht gegeben sind. Ist dann erst einmal ein Fahrstuhl da, haben alle etwas davon – Eltern mit Kinderwagen oder ältere Personen.

Erleben Sie Ausgrenzung im Alltag?
Schmidt:
Ja, etwa in den Arztpraxen. Wir haben keine freie Arztwahl, da die Barrierefreiheit nicht überall gegeben ist. Wenn ich Inklusion möchte, muss ich in der Gesellschaft nicht nur ein Bewusstsein dafür schaffen, sondern auch Geld in die Hand nehmen für bauliche Veränderungen. Hier beraten wir in den Behindertenbeiräten über den Landkreis und die Städte Schmalkalden und Meiningen. Das ist ein Teil der Verbandsarbeit. Wir unternehmen aber auch viel und mobilisieren die Menschen, am Leben teilzunehmen, ihre Teilhabe einzufordern. Hilfe zur Selbsthilfe ist sehr wichtig.

Für wie viele Menschen machen Sie sich in Ihrer Region stark?
Schmidt:
In Deutschland haben etwa zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung offiziell anerkannte Behinderungen. Dazu gehören Sinnes-, Körper- oder Lernbehinderungen, angeborene oder im Laufe des Lebens erworbene Behinderungen. Dennoch sind wir im Landkreis gerade einmal dreißig Mitglieder im Verband. Es ist schwer, die Betroffenen zu erreichen und zur aktiven Mitarbeit zu bewegen.

Susann Winkel

Weitere Informationen zur Verbandsarbeit:

www.behindertenverband-sm.de

Ein tief gespaltenes Land

2. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

USA: Nach Donald Trumps Amtseinführung und den riesigen Demonstrationen gegen den neuen Präsidenten am Tag danach muss man konstatieren: Harte Realitäten und entgegen­gesetzte Hoffnungen stoßen aufeinander. Trumps »Make America Great Again« fährt auf dünnem Eis.

Die vielen Demonstranten gegen Trump stehen vor der Frage, wie sie mit »diesem Mann« umgehen, der ihrer Ansicht nach gar nicht repräsentativ ist für Amerika. Doch er hat gewonnen. »Frauenrechte sind Menschenrechte« stand auf selbstgemachten Plakaten bei der »Anti-Kundgebung«, ebenso »Finger weg von meinem Körper«, »Mach dich stark für Gleichberechtigung«, »Love Trumps Hate« (Liebe triumphiert über Hass), »Wer schweigt, ist mitverantwortlich« sowie »Wir gehen nicht zurück«. Geschätzte 500 000 kamen zu dem »Women’s March on Washington« in der US-Hauptstadt, mehrheitlich Frauen, meist junge Menschen. Die »überwältigte« U-Bahn ließ Passagiere zeitweilig kostenlos fahren. Eingeladen waren alle, die Solidarität fühlten mit Bevölkerungsteilen, die Trump beleidige und bedrohe. Frauenrechte sind Menschenrechte. In den ganzen USA dürften es rund vier Millionen Demons­tranten gewesen sein.

Zahlen wurden schnell zum Politikum: Trump schimpfte an einem ersten vollen Tag im Amt über »die Medien« mit ihren falschen Angaben. Er befinde sich in einem »Dauerkrieg gegen die Medien, die zu den verlogensten Menschen auf Erden gehören«.

Sie sei überglücklich über Donald Trumps Wahlsieg, sagte hingegen Elizabeth Frattasio. Zusammen mit ihrem Ehemann Seth und ihren beiden Buben kam die Immobilienmaklerin aus Boston zur Amtseinführung. Die Menschen würden wieder mehr Stolz haben auf die USA unter einem starken Präsidenten, sagt Frattasio. Der neue Präsident senke hoffentlich ihre Steuern. Und das mit Trumps Mauer sei ein guter Plan. Ein Land brauche doch Sicherheit.

Bis von Idaho reiste Bunni Farnham zu den Trump-Feierlichkeiten, im Nebenberuf Sekretärin, im »Hauptberuf« Mutter von sechs Kindern. Das Volk sei aufgewacht, lobte Farnham. Christen würden diskriminiert in den USA. Eine Bäckerei werde in den Ruin getrieben, weil sie keinen Hochzeitskuchen backe für eine Homo-Ehe. Doch wenn ein Modedesigner verkünde, er werde die neue First Lady nicht ausstatten, habe das keine Konsequenzen. Unter Trump werde ein anderes Bewusstsein entstehen.

Der Informationsdienst Pew Research Center hat kurz vor der Amtseinführung eine Umfrage vorgelegt: 86 Prozent der US-Amerikaner seien der Ansicht, die USA seien tiefer gespalten als in der Vergangenheit. Nur 24 Prozent vermuteten, die Spaltung werde in den kommenden fünf Jahren nachlassen.

Die christliche Welt, deren Anführer sich gerne sehen als Agenten für Versöhnung, sucht Orientierung. Weiße Evangelikale haben zu rund achtzig Prozent Trump gewählt. Steve Gaines, Präsident des »Südlichen Baptistenverbandes«, der größten protestantischen Kirche, mahnte: Christen müssten »für das Amt des Präsidenten … und den Mann in diesem Amt beten«. Sei man anderer Meinung als Trump, müsse man Differenzen mit Respekt und ohne persönliche Angriffe zur Sprache bringen.

Die protestantischen »Mainline«-Kirchen, zu denen Lutheraner, Methodisten und Presbyterianer zählen, fühlten sich relativ wohl mit Barack Obamas liberalem und sozial engagiertem Protestantismus, beeinflusst von Traditio­nen des afro-amerikanischen Christentums. Bei Trump steht Mainline draußen vor der Tür. Der Nationale Kirchenrat, der größte ökumenische Verband, und die Konferenz Nationaler Schwarzer Kirchen kritisierten mehrere Mitglieder von Trumps Kabinett: Sie versinnbildlichten extremistische und rassistische Ansichten, nicht vereinbar mit Nächstenliebe.

Bei den Protesten am Tag nach der Amtseinführung sah man hier und da Teilnehmer, die sich als Angehörige einer religiösen Gruppierung identifizierten: Doch prominente Rollen, wie »seinerzeit« bei Friedenskundgebungen und Bürgerrechtsaktionen, spielte Religion nicht: Die Aktivisten kommen aus einer Generation und einem Milieu, in denen organisierte Religion nicht sehr wichtig ist.

Dass Trump gewinnen konnte, weil »seine Leute« wählen gingen und seine Gegner weniger, hat die Welt überrascht. Der politische Neuanfang ist geprägt von Ungewissheit. Trump legte bisher wenig Konkretes vor; viele Anhänger vertrauen ihm anscheinend, er werde schon das Richtige tun. Viele Trump-Nicht-Wähler haben Angst. Da ist der autoritäre Stil, Trumps Attacken und sein Bild von einem Amerika, das sehr weiß ist, konservativ, immer auf ihn selber bezogen und kaum berechenbar.

Kurz vor seinem Abschied wollte Obama seine Leute beruhigen. Donald Trump werde sicherlich anders regieren, das sei so nach einem »friedvollen Machtübergang«, sagte Obama. Doch: »Der Weltuntergang kommt nur, wenn der Weltuntergang kommt.« Er glaube an Amerika, an die Menschen in diesem Land, dass »Menschen eher gut sind als schlecht«.

Offensichtlich setzt Obama auch auf Sachzwänge und komplexe Realitäten, die jedem Präsidenten Grenzen aufzeigten. Bei Trump weiß man jedoch weniger als bei wohl allen US-Präsidenten der Vergangenheit, was er tun wird. Wohin ihn sein Glaube führt – nur er könne die Nation retten – und wer und was ihn bremsen kann. Donald Trump ist der Ansicht, wie er das auch in einer Antrittsrede wissen ließ, dass er Anführer ist einer neuen Bewegung hin auf ein anderes Amerika.

Konrad Ege

Im Wechsel der Zeiten

1. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

70 Jahre Wartburg Verlag

Ins Leben gerufen in der Nachkriegszeit, durchgehalten im real existierenden Sozialismus und behauptet in der Marktwirtschaft: So lässt sich die Geschichte des Wartburg Verlages auf den Punkt bringen, der vor 70 Jahren von Max Keßler in Jena gegründet wurde. Zunächst als kaufmännischer Leiter der Universitätsdruckerei Neuenhahn tätig, widmete sich Keßler mit seinem jungen Unternehmen der Veröffentlichung christlichen Schrifttums. Bei der Wahl des Verlagsnamens folgte er einem Wunsch des thüringischen Landesbischofs Moritz Mitzenheim.

Erstes Produkt war der »Christliche Hauskalender«, von dem 50000 Hefte verkauft wurden und für ein solides Startkapital sorgten. Der Verlag übernahm die Herausgabe der evangelischen Wochenzeitung »Glaube und Heimat«, deren Wiedergründung die sowjetische Militäradministration im Februar 1946 in einer Auflage von 80000 bis 100000 Exemplaren genehmigt hatte.

Zum Kirchentag 2017 erscheint der Sammelband der »Weimarer Kinderbibel« mit den schönsten Geschichten und Bildern, die Kinder in sechs Jahren zu Texten der Bibel gestaltet haben. – Cover: Catalina Giraldo Vélez

Zum Kirchentag 2017 erscheint der Sammelband der »Weimarer Kinderbibel« mit den schönsten Geschichten und Bildern, die Kinder in sechs Jahren zu Texten der Bibel gestaltet haben. – Cover: Catalina Giraldo Vélez

Dass es Max Keßler gelungen war, noch in der sowjetischen Besatzungszone einen Privatverlag zu gründen, erwies sich gerade in Zeiten des »real existierenden Sozialismus« als Geniestreich. Der Wartburg Verlag brachte Kleinschriften ebenso heraus wie kostbare Bildbände. Da Keßlers Tochter Hiltrud keine Gewerbegenehmigung erhielt, verwandelte die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen 1987 den Verlag in eine »Verlegerische Arbeitsstelle«, um weitere Publikationen zu ermöglichen. Nach der »Friedlichen Revolution« erfolgte im Oktober 1990 die Gründung einer Wartburg Verlag GmbH, in der die Landeskirche und der Quell Verlag Stuttgart Gesellschafter waren. Zu einem gravierenden Einschnitt kam es, als 1997 der Buchverlag einschließlich der von ihm herausgegebenen Evangelischen Gesangbücher für Thüringen an den Quell Verlag veräußert wurde. Als dieser 1999 in die Insolvenz ging, mussten die Gesangbücher mit einem landeskirchlichen Kredit zurückgekauft werden. Aus dem Weiterverkauf von Wartburg-Titeln aus der Insolvenzmasse gelang es Geschäftsführerin Barbara Harnisch, ein Startkapital von 50 000 DM für den wiedererstandenen Buchverlag zu erwirtschaften. Seither werden wieder jährlich 12 bis 15 Titel herausgebracht, wie z. B. »Brot und Rosen« (2006) über die heilige Elisabeth oder das Reisebuch »Unterwegs zu Luther« (2016). Die 2000 gestartete »Edition Muschelkalk« umfasst 45 Bände mit Autoren wie Lutz Rathenow, Wulf Kirsten und Hanns Cibulka. »Als Verlegerin darf ich kluge Ideen kreativer Köpfe in schöne Bücher gießen. Das macht jeden Tag wieder Spaß«, zieht Barbara Harnisch heute Bilanz.

Michael von Hintzenstern

Der Gottesdienst hat ein weites Herz

31. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Menschen mit unterschiedlichen Verfassungen sollen zu ihrem Recht kommen – Das Ende der Zielgruppenorientierung

Die Vielfalt der Gottesdienste ist unübersehbar geworden. Schon lange kennen wir Familiengottesdienste, Jugendgottesdienste und Kindergottesdienste. Wir kennen Schulanfangsgottesdienste, Schulgottesdienste und Gottesdienste in Senioreneinrichtungen. Manche haben vielleicht auch schon von der Thomasmesse gehört, die sich besonders an Zweifler richtet, vom sogenannten »GoSpecial« mit Interview und Kreuzverhör des Pastors oder dem abendlichen Nachteulengottesdienst. Vor einigen Jahren entdeckte man darüber hinaus die Bedeutung der Milieuzugehörigkeit der Menschen für den Gottesdienst. Man stellte fest, dass Vorlieben, Musikgeschmäcker und Erwartungen an Gemeinschaft, die die Menschen auch sonst in ihrem Alltag haben, auch ihre Erwartungen an den Gottesdienst prägen.

Das war einerseits sehr aufregend, denn nun konnte man besser verstehen, warum die einen Orgelmusik von Bach lieben und andere gerade damit gar nichts anfangen können; warum die einen Anspiele im Gottesdienst mögen und eine zu Herzen gehende Predigt, andere dagegen lieber die gesungene Liturgie wünschen und eine Predigt, die auch den Intellekt herausfordert; warum die einen Nähe im Gottesdienst suchen und Stuhlkreisgottesdienste, Bewegungslieder und gegenseitiges »An-den-Händen-Fassen« lieben – und andere eher Distanz pflegen, und daher lieber fern bleiben, wenn sie im Gottesdienst zu viel Kontakt mit den anderen aufnehmen sollen.

Andererseits stellte man mit Schrecken fest, dass es fast unmöglich ist, einen Gottesdienst zu feiern, der allen gefällt. Soll man in Zukunft etwa nur noch Zielgruppengottesdienste feiern? Wer soll das leisten? Vor allem: Was heißt das für den Gottesdienst, der doch die Mitte der Gemeinde sein sollte?

Im Marketing gibt es interessanterweise seit einigen Jahren eine Strömung, die das Ende der Zielgruppenorientierung ausgerufen hat. Danach lassen sich Menschen heute nicht mehr wie früher klaren Gruppen zuordnen, weder Altersgruppen noch Milieugruppen, selbst die Grenzen zwischen den Geschlechtern verschwimmen. Junge wollen alt sein, Alte jung, Frauen kaufen Produkte, die vorher typisch für Männer waren und umgekehrt. Hose – Mann, Kleid – Frau, das war gestern, eigentlich sogar schon vorgestern. Menschen lassen sich nicht mehr so leicht festlegen. Sie werden immer stärker zu multiplen Persönlichkeiten, können mal so und mal anders handeln und entscheiden, haben einen breiteren Musikgeschmack, fallen zunehmend auch mal aus der Rolle und passen sich gern den Situationen an, in denen sie sich gerade befinden. Sie geben stärker als früher ihren inneren »Verfassungen« nach. Man spricht daher vom »Verfassungsmarketing«, das nun nicht mehr die klassischen Zielgruppen bewirbt, sondern bestimmte Verfassungen, die quer zu den bisherigen Zielgruppen liegen können. So wirbt etwa Milka seit einiger Zeit mit Schokoladensorten für die Verfassungen »verrückt«.

Was könnte diese Entwicklung für den Gottesdienst bedeuten? Meines Erachtens liegt darin die Chance, den einen Gottesdienst wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Denn der Gottesdienst hat das Potenzial, unterschiedliche Verfassungen zu bedienen, ohne dadurch zu einem Zielgruppengottesdienst werden zu müssen. Gottesdienst kann, um das Beispiel der Gemeinschaft aufzunehmen, sowohl Nähe als auch Distanz inszenieren. Oft wird die Nähe als das Ideal gesehen, das die Distanzbedürftigen abschreckt. Ebenso oft erlebt man Gottesdienste, in denen die Menschen sich distanziert begegnen, kaum angucken, geschweige denn anreden, was diejenigen abschreckt, die auch menschliche Geborgenheit im Gottesdienst suchen. Wenn beide Bedürfnisse im Blick bleiben, dann ließe sich einiges gestalten, sodass auch beide zu ihrem Recht kommen. Man denke nur an die Gestaltung des Abendmahls (Friedensgruß, Händereichen, Aufstellung), an die Begrüßungs- und Verabschiedungssituation. Durch sensible Gestaltung kommen Nähe- und Distanzbedürftige beide zu ihrem Recht, keiner fühlt sich genötigt oder an den Rand gedrängt. Der Gottesdienst hat ein weites Herz, wenn seine Gestalter nicht ihre eigenen Ideale absolutsetzen. Ähnliches gilt für inhaltliche Dimensionen des Gottesdienstes. Er kann Trost schenken, er kann für die Nöte anderer sensibilisieren, er kann Bestätigung schenken, aber auch zu neuen Aufbrüchen aufrütteln.

Vieles, wenn auch nicht alles, lässt sich in einem Gottesdienst realisieren. Daher muss die Pluralität von Gottesdiensten auch nicht völlig aufgegeben werden. Aber es könnte lohnen, statt auf Zielgruppen zu setzen, die durch Merkmale wie Alter, Geschlecht oder sozialer Hintergrund geprägt sind, auf Verfassungen zu achten, in denen Menschen sich befinden und die der Gottesdienst aufnehmen kann. Welches wären etwa typische Sonntagmorgen-Verfassungen? Ausschlafen wollen, Zeit haben, in Ruhe frühstücken, mit der Familie zusammen sein, Sport treiben wollen – und wie könnte daran der Gottesdienst vielleicht anknüpfen?

Folkert Fendler

Der Autor ist Rektor des Pastoralkollegs Niedersachsen. Bis 2016 war er Leiter des Zentrums für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst.

Die Symbolgestalt der Pfarrfrau

30. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Katharina von Bora war für Martin Luther Leib- und Seelsorgerin. Sie brachte den Mut auf, den ihr vorbestimmten Lebenslauf einer Nonne zu verlassen. Als Frau an der Seite des Reformators ging sie in die Geschichte ein.

Martin Luthers Testament von 1542 zeigt die hohe Wertschätzung des Reformators für seine Frau. Entgegen allen Rechtsnormen der Zeit, die für Witwen grundsätzlich einen Vormund vorsahen, jedoch die Immobilien den Kindern beziehungsweise männlichen Verwandten des Mannes zusprachen, bestimmte Luther seine Gattin zur Universalerbin und zum Vormund ihrer Kinder, »weil sie mich als ein fromm, treulich Gemahl allzeit lieb, wert und schön gehalten und mir durch reichen Gottessegen fünf lebendige Kinder (die noch vorhanden, Gott gebe, lange) geboren und erzogen hat«.

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien  in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen  eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni.  Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni. Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Dass Luthers Reformation bis in die praktischen Lebensvollzüge hinein eine neue Entwicklung einleitete, wird an Katharina von Bora besonders deutlich. Berühmt geworden ist sie als Luthers Ehefrau, als erste Pfarrfrau, als »entlaufene Nonne«. Auch wenn nicht alle Zuschreibungen historisch gesehen auf sie zutreffen – eine Pfarrfrau war sie als Professorengattin nicht – und auch, wenn von ihrem außergewöhnlichen Leben vieles unbekannt bleibt: Sie wurde zur Symbolgestalt der Pfarrfrau wie keine andere.

Katharina von Bora wurde 1499 in Lippendorf südlich von Leipzig oder in Hirschfeld bei Nossen geboren. Die Mutter scheint früh verstorben, der Vater wieder geheiratet zu haben, denn schon als Fünfjährige kam sie in das Kloster Brehna als »Kostkind«. Hier konnte sie Bildung in Lesen, Schreiben, Singen, Latein, Handarbeit und Hauswirtschaft erlangen. Das Kloster bot ihr eine lebenslang gesicherte Versorgung, dazu Aufstiegsmöglichkeiten, etwa als Kantorin oder Äbtissin. Katharina kam als Zehnjährige ins Kloster Nimbschen bei Grimma, sechs Jahre später legte sie die Ordensgelübde ab. Wir wissen nicht, ob sie diesen Schritt freiwillig ging.

Was die spätere Lutherin und ihre Mitschwestern bewegte, das Kloster zugunsten einer unabsehbaren Zukunft zu verlassen, lässt sich nur vermuten. Martin Luthers Kritik am mönchischen Ideal, die er 1521 in seinem Gutachten über die Mönchsgelübde dargelegt hatte, war möglicherweise im Kloster bekannt geworden: ein Ablegen der Gelübde könne vor Gott nur freiwillig, nicht aber gegen den Willen eines Menschen erfolgen.

In der Woche nach Ostern 1523 kam Katharina von Bora gemeinsam mit acht Ordensschwestern in Wittenberg an. Ob sie in leeren Heringsfässern geflüchtet waren, wie es die Legende erzählt, bleibt dahingestellt. Dass ihre Flucht mit Gefahren verbunden war, ist jedoch sicher. Dem Fluchthelfer, Leonhard Koppe aus Torgau, und den Geflüchteten hätten auf dem Herrschaftsgebiet des Luthergegners Herzog Georgs von Sachsen Tod, Gefängnis beziehungsweise empfindliche Körperstrafen gedroht. Doch ihre Flucht glückte und Luther sah sich vor der schwierigen Aufgabe, sie zu versorgen. Um die Nonnenflucht zur Nachahmung zu empfehlen, veröffentlichte er die Schrift: Ursache und Antwort, dass Jungfrauen Klöster göttlich verlassen dürfen. Die Frau, argumentierte Luther, »ist nicht geschaffen, Jungfrau zu sein, sondern Kinder zu tragen … wie das auch die weiblichen Gliedmaßen,
von Gott dazu eingesetzt, beweisen« (Weimarer Ausgabe, Bd. 11, S. 394–400). Übertrieben haben dürfte Luther mit seiner Schätzung, wie viele Nonnen freiwillig im Kloster lebten: »sicher unter tausend kaum eine« (ebd.).

Katharinas Mitschwestern gingen eine Ehe ein oder kehrten zu ihren Familien zurück. Bei Katharina von Bora hingegen scheiterten zwei Eheanbahnungen. Als sie den als geizig bekannten 60-jährigen Wittenberger Professor Kaspar Glatz ablehnte, soll Katharina gesagt haben, sie heirate lieber Luthers Mitarbeiter Nikolaus von Amsdorf oder Luther selbst.

Am Abend des 13. Juni 1525 ging Luther mit Katharina von Bora die Ehe ein. Damit überraschte er Feinde wie Freunde, sie reagierten mit Häme oder zumindest mit Unverständnis. Anfangs war die Familie mittellos. Bald gelang es Ka­tharina, ihr Wohnhaus, das »Schwarze Kloster« und ehemalige Klostergebäude der Augustinermönche, zu einem der größten Haushalte in Wittenberg zu entwickeln. Das Lutherhaus war weit mehr als der Wohnort der Familie: ein Begegnungsort lokaler wie europäischer Geistesgrößen und Herrscherhäuser, Zufluchtsstätte für Glaubensflüchtlinge, Krankenhospital, Herberge für Gäste und Pflegekinder, ein überaus begehrtes Studentenwohnheim, Mensa und Ort der Tischreden Luthers. Die Wirtschaftsführung oblag Katharina eigenständig. Sie beaufsichtigte die Mägde und Knechte, leitete die Küche, den Einkauf und die Eigenproduktion der Lebensmittel, ließ ein Badehaus errichten, Öfen aufstellen, einen Keller bauen, erweiterte den Grundbesitz und damit die landwirtschaftlichen Flächen. Obwohl Bargeld im Lutherhaus immer knapp war, wurden unter Katharinas Leitung täglich 30 bis 50 Personen verköstigt – für die damalige Zeit eine enorme Leistung!

Sie gebar sechs Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Ihr Anteil an den Diskussionen bei Tisch ist größer, als es die Nachschreiber, die kein Interesse an Katharinas Beiträgen hatten, notierten. Für Luther war sie Leib- und Seelsorgerin, seine Vertraute, die ihn nicht selten nachts im Ehebett, wenn Luther von Glaubenszweifeln heimgesucht wurde, mit Bibelworten tröstete. 1546 starb Luther plötzlich.

Im selben Jahr brach der Schmalkaldische Krieg aus und zwang die Witwe zur Flucht. Bei ihrer Rückkehr waren ihre Felder verwüstet, am Ende ihres Lebens war sie hoch verschuldet. 1552 floh Katharina nach Torgau, dort verstarb sie an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Luther kritisierte die bis dahin höher angesehene klösterliche Lebensform zugunsten der Gestaltung des Glaubens in der Welt – in einer Partnerschaft, als Eltern, in einem Beruf. Katharina von Bora brachte den Mut auf, diese Umbrüche an Luthers Seite in ihrem eigenen Leben zu gestalten.

Sabine Kramer

Die Autorin ist promovierte Theologin mit Schwerpunkt Reformationsgeschichte und Pfarrerin an der Marktkirche in Halle.

Das Salz der Erde

24. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Die Salzkathedrale im kolumbianischen Zipaquirá ist die größte unterirdische Salzkapelle der Welt. Der große Dom umfasst 8500 Quadratmeter und kann rund 8000 Gläubige aufnehmen.

Bergarbeiter haben einen gefährlichen Job. Deshalb ist es kein Wunder, dass sie – gerade in einem katholisch geprägten Land – vor dem Weg in den Schacht häufig um Beistand von oben bitten. Das war auch in der traditionsreichen Salzmine in Zipaquirá so, die sich im kolumbianischen Hochland befindet, etwa fünfzig Kilometer nördlich der Hauptstadt Bogotá. Doch weil sie baufällig war, musste die kleine Wallfahrtskapelle, die sich die Arbeiter der Salzmine selbst gebaut hatten, vor rund 25 Jahren geschlossen werden. Unterstützt von einem Stararchitekten, packten die Minenarbeiter an und bauten sich unter Tage eine neue Gebetsstätte.

Mit Kathedralenführer Juan Carlos Cortes geht es hinab in das unterirdische Gotteshaus, nicht ohne vorher mit Helmen und Stirnlampen ausgerüstet worden zu sein. Durch eine Art Lichtertunnel, dessen Lampen ganz in Rot gehalten sind, gelangen wir an einen Kreuzweg, der die üblichen 14 Stationen umfasst und doch ganz anders gestaltet ist als seine oberirdischen Pendants. Er passt sich perfekt ein in eine unterirdische Landschaft, in der sich zum Teil zehn Meter hohe, zum Teil aber auch 25 Meter hohe Stollen befinden.

Blick in das Hauptschiff der unterirdischen Kathedrale. Das Kreuz ist keine plastische Figur, sondern ein in Salz und Stein geschlagener Hohlraum und entsteht durch eine raffinierte Beleuchtungstechnik. – Foto: Rainer Heubeck

Blick in das Hauptschiff der unterirdischen Kathedrale. Das Kreuz ist keine plastische Figur, sondern ein in Salz und Stein geschlagener Hohlraum und entsteht durch eine raffinierte Beleuchtungstechnik. – Foto: Rainer Heubeck

Die 14 Stationen sind durch einen Gang verbunden und finden sich seitlich davon in Nischen. Jede Station drückt die Passion durch eine ganz eigene Atmosphäre aus. Im Gegensatz zu konventionellen Kreuzwegen ist die Jesus-Figur hier nie direkt präsent, das Leiden Christi wird nur symbolisch dargestellt. Dort, wo Jesus unter der Last seines Kreuzes zu Fall gekommen ist, sind längere und größere Salzkreuze aufgestellt.

Einsamkeit und Meditation, aber auch fester Glaube, der die Todesangst überwindet, werden hier nicht durch Bilder und Skulpturen dargestellt, sondern vor allem durch Lichtstimmungen vermittelt.

Auf dem Weg entlang des Kreuzwegs berichtet Juan Carlos Cortes, der seit dem Jahr 2010 hier als Führer arbeitet, von der spirituellen Bedeutung der einzelnen Stationen sowie von Geschichte und Gegenwart des Salzabbaus. Er weiß viel zu religiösen Fragen, aber auch zu Architektur und Design – und natürlich zum Thema Salz. Den modernen Salzbergbau mit gut befestigten unterirdischen Stollen hat, so erfahren wir, Alexander von Humboldt ab 1801 in Kolumbien eingeführt; doch der Salzreichtum der Region war schon in vorkolumbianischen Zeiten bekannt.

Während die Spanier in Peru und andernorts in Lateinamerika vor allem nach Gold suchten, konzentrierten sie sich im heutigen Kolumbien auf die Gewinnung von Salz. Und das, obgleich die Legende vom sagenhaften »goldenen Mann«, dem »El Dorado«, nicht weit von Zipaquirá entfernt ihren Ursprung hat: Sie hat mit einem Häuptling zu tun, der auf einem mit Goldschätzen beladenen Floß unterwegs war, um seiner Frau und seines Sohnes zu gedenken, die beide in der Lagune ertrunken waren.

Doch nicht nur Gold war in der Vergangenheit ein Symbol für großen Reichtum, auch Salz war früher äußerst begehrt, das zeigen die Worte »Salär« oder »salary«. Ihr Ursprung liegt in der Ration Salz, die römische Soldaten und Ratspersonen erhielten. In der Salzmine von Zipaquirá freilich geht es nicht um Speise- oder Kochsalz, heute werden hier vor allem Industriesalze abgebaut.

An den Kreuzweg schließt sich das Allerheiligste an: drei Schiffe der unterirdischen Salzkathedrale, die zwischen 1992 und 1995 erbaut wurden. Sie sollen die Geburt, das Leben und den Tod Jesu verkörpern. Die zwei Seitenschiffe sind 75 Meter lang, das Hauptschiff sogar 120 Meter: 250 000 Tonnen Gestein und Salzkristall wurden aus dem Fels geschlagen und gesprengt, um den riesigen Hohlraum für diese Kathe­drale zu schaffen, rund achtzig Tonnen Sprengstoff kamen dabei zum Einsatz.

In einem Seitenschiff steht ein Taufbrunnen, ganz aus Salz, und ein Salzrelief, das an die Sixtinische Kapelle erinnert – eine Darstellung von Michel­angelos »Erschaffung des Adam«. Der Hauptraum wird dominiert von einem aus Salz geformten Erzengel Gabriel, und einem 16 Meter hohen Kreuz, das hinter einem Salzaltar nach oben zu ragen scheint. Doch das Kreuz besteht aus Luft und Licht.

Das Hauptschiff der Kathedrale, die bei Oster- und Weihnachtsgottesdiensten brechend voll ist, hat wenig gemein mit einem stillen Andachtsort, an dem die Bergwerks-Kumpel vor dem Schichtantritt um Schutz vor Unfällen bitten. Einen solchen Ort finden wir in einer Nische, in der eine Statue der Heiligen Jungfrau von Guasa aufgestellt ist: Sie steht auf einer Weltkugel und hält ein rotgekleidetes Kind im Arm. Die Jungfrau von Guasa gilt als die eigentliche Schutzpatronin der Minenarbeiter, gelegentlich gibt es auch Zeremonien für sie in der Salzkathedrale.

Rainer Heubeck

»Ganz dünnes Eis!« – Ein Versuch, sich Luthers Glauben zu nähern

23. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Der Teufel muss mich geritten haben, als ich das Schreiben einer Rezension zu einem Lutherbuch zusagte. Nichts qualifiziert mich dafür, kein theologischer Hintergrund, kein literaturwissenschaftlicher, kein geschichtlicher. Ganz dünnes Eis! Ich betrachte mich Religionen gegenüber als aufgeschlossen-neugierig. Dabei habe ich – da bin ich ein »typisches DDR-Kind« – diese nicht mit der Muttermilch aufgesogen. Mir ist Glaube und Kirche oftmals fremd und ich merke, wie sehr ich dies bedaure. Ich möchte mehr verstehen!

Ich las das Neue Testament, ging in Gottesdienste, redete mit gläubigen Freunden, Pastoren, alles mit relativ wenig Erfolg. Es blieb eine fremde, für mich oft undurchdringliche Welt.

Natürlich habe ich mir alle Ausstellungen der letzten Zeit über Luther angeschaut, habe Filme gesehen, gelesen, was mir unter die Finger kam, er ist mir vertraut, unser Herr Luther. Und dennoch: gerade seine theologischen Hintergründe blieben oft im Nebel.

Katja Wolf (Die Linke), Oberbürgermeisterin in Eisenach, rezensierte ein Luther-Buch. – Foto: Willi Wild

Katja Wolf (Die Linke), Oberbürgermeisterin in Eisenach, rezensierte ein Luther-Buch. – Foto: Willi Wild

Also ein neuer Versuch, mich seinem Glauben zu nähern – über ein neu erschienenes Buch. Der Titel etwas sperrig: »Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten«. Ein Jugendbuch – so war es angekündigt. Die klassische Zielgruppe bin ich mit 40 also nicht.

Die erste Überraschung: ein Hardcover für verhältnismäßig wenig Geld, ein schickes Buch mit schönem Umschlag und gelungenen, großformatigen Illustrationen.

Die größte Kritik ist wahrscheinlich gleichzeitig die größte Stärke dieses Buches. Es hat die falsche Schublade erwischt – es ist partout kein klassisches Jugendbuch. Vielleicht war es hilfreich, ein Buch für Leser und Leserinnen zwischen 14 und 20 schreiben zu wollen. So mussten sich die Autoren auf den Punkt konzentrieren, konnten sich keine intellektuellen Ausschweifungen erlauben, fanden Bezüge zum Hier und Heute.

Ich fühlte mich beim Lesen zu keinem Zeitpunkt unterfordert oder gar gelangweilt, es las sich »einfach so weg«. Lange Rede: Dieses Buch ist für alle Menschen, die sich für Luther interessieren, spannend. Es sei jenen besonders empfohlen, die den christlichen Glauben und das Leben Luthers nicht in die Wiege gelegt bekamen. Das müssten – zumindest im Osten der Republik – circa 85 Prozent der Bevölkerung sein.

Ob ich meine pubertierenden Kinder zum Lesen dieses Buches bewegen kann, bezweifle ich. Zum Buch selbst. Die Sprache ist schön, nicht anbiedernd trivial, nur sehr selten krampfhaft jugendlich; es ist eine moderne, aber trotzdem sorgfältige Sprache, die Wörter sind mit Bedacht und gekonnt gewählt.

Wir werden geführt durch das Leben Martin Luthers. Er gelingt – der Spagat zwischen Sachbuch und romanhafter Erzählung. Man taucht ein in die Welt Luthers. Es bleibt aber nicht bei der bloßen Darstellung der biografischen Fakten. Was wäre das Leben ohne die damit verbundenen Ängste, Sorgen, Hoffnungen, Gedanken?! Und so wird jeweils gut belegt mit Quellen, Luthers Gedanken- und Glaubenswelt verständlich nachgezeichnet. Was dachte Martin Luther in Rom? Was bewegte ihn, als er vor dem Kaiser in Worms stand? Welche Zweifel hatte er an seiner Kirche und welche Schlüsse zog er?

Ebenso wird der Blick auch auf Luthers Frau Katharina von Bora geworfen, auf ihren Weg, ihr Tagewerk, ihre Kämpfe gegen das Patriarchat, ihr Leben.

Der Autor sagte selbst, dass es sich bei diesem Buch um den Versuch der doppelten Übersetzung handle. Zum einen solle das, was Fachleute in Expertensprache schreiben, in verständliches Deutsch übersetzt werden. Zum anderen unternimmt er den Versuch der Übersetzung der 500 Jahre alten Herausforderungen und Fragen ins Hier und Heute. Damit ist die Reformation im weitesten Sinne und das Buch darüber ein Thema, welches nicht nur für Protestanten reserviert ist, sondern ebenso Katholiken, Agnostiker oder Atheisten interessiert und beschäftigt.

Die Verbindungen und Parallelen, die mit größter Aktualität gezogen werden, sind schlüssig und spannend. Luther wird zu keinem Zeitpunkt als Held stilisiert, sondern immer in seiner Vielschichtigkeit und Ambivalenz gezeichnet; dies immer zutiefst menschlich und differenziert. Eine Stärke der Autoren.

Das Buch hat mir eine theologische Welt gezeigt, vor der ich allzu oft fragend stand. Natürlich bietet dieses Buch keine alles umfassende Antwort. Trotzdem: Ich kann dieses Buch uneingeschränkt ans Herz legen – zumindest Menschen wie mir.

Katja Wolf

Nürnberger, Christian, Gerster, Petra: Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten, Gabriel Verlag, 208 S., mit Illustrationen von Irmela Schautz, ISBN 978-3-522-30419-1, 14,99 Euro

Vorbild und Liebe

22. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Wie junge Christen heute ihre Kinder erziehen: Ein Beispiel aus dem Kirchenkreis Naumburg-Zeitz

Jedes Kind kann schlafen lernen? Kathrin Leier zieht die Augenbrauen hoch. »So was haben wir nie gelesen«, sagt die 34-Jährige. Sie und ihr Mann Stefan (33) haben drei Kinder: Esther (9), Josua (7) und Ruth, die Nachzüglerin, gerade ein dreiviertel Jahr alt. Ratgeber wie das umstrittene Schlaflernprogramm, bei dem Babys eine gewisse Zeit schreiend gelassen werden, um allein einzuschlafen, stehen nicht im Bücherregal der Familie. Babys wurden und werden verwöhnt: getragen, geschaukelt, in den Schlaf begleitet, liebevoll umsorgt. Die Eltern verlassen sich auf ihre Intuition und Werte – dazu gehört auch der Glauben.

Spannung und Spaß beim Fotografieren mit dem Selbstauslöser: Kathrin und Stefan Leier mit Ruth, Esther und Josua – Fotos: Familie Leier

Spannung und Spaß beim Fotografieren mit dem Selbstauslöser: Kathrin und Stefan Leier mit Ruth, Esther und Josua – Fotos: Familie Leier

Beide sind christlich erzogen worden. Sie ist als Gemeindereferentin bei einer Freikirche angestellt, er engagiert sich seit Jugendzeiten im Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM), ist Vorstandsmitglied des CVJM-Gesamtverbands, Mitglied im Gemeindekirchenrat von Droßdorf/Rippicha und im Regionalbeirat der Kirchenregion »Südliches Zeitz«. Der Glaube setzt Werte in dieser Familie, findet seinen Ausdruck in Umgangsformen und Ritualen. Gebete vorm Essen und Schlafengehen, bei Problemen und Herausforderungen gehören zum Alltag ebenso wie die Musik, Gottesdienstbesuche, auch Vorbereitungen dafür, zum Beispiel für das Krippenspiel. Die beiden Großen besuchen die evangelische Grundschule in Zeitz, Ruth wird voraussichtlich ab dem Frühling die kirchliche Kita besuchen.

»Natürlich erziehen wir unsere Kinder christlich, das ändert aber nichts daran, dass sie irgendwann an den Punkt gelangen, sich selbst dafür zu entscheiden oder eben nicht«, sagt Stefan Leier. Selbstständigkeit, auch im Denken, zu vermitteln, ist den Eltern wichtig. Und sie wissen, nichts ist prägender in der Erziehung als das eigene, gelebte Vorbild. Frei nach Fröbel: Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts. »Die Kinder leben das mit, was du lebst«, ist Kathrin Leier überzeugt. Sie in Watte packen, überbehüten, vor allem Übel der Welt abschirmen ist weder möglich noch erwünscht.

Die jungen Eltern hängen keinem bestimmtem Erziehungsstil an. Sie sind keine »Helikopter-Eltern«, die alles überwachen, was ihre Kinder tun – wenngleich sich die Familie Walkie-Talkies angeschafft hat, damit Esther und Josua ohne Aufsicht, doch mit Kontaktmöglichkeit im Wald hinterm Haus stromern können. »Wir kriegen jetzt immer Nachrichten: Sind an der Straße, sind über die Straße gegangen, sind im Wald«, sagt Stefan Leier lachend.

Auch als »Tigereltern« wollen sich Leiers nicht sehen. Die Kinder fördern, ja, aber nicht mit Zuckerbrot und Peitsche. Bei Esther prägen sich Hobbys und Vorlieben gerade besonders stark aus, die Eltern wollen ihr ermöglichen, was machbar ist. Doch wichtig ist vor allem: Dass das Zusammenleben in der Familie funktioniert, dass die Bedürfnisse aller wahrgenommen werden und gelten. Die Familie ist mehr als die Summe ihrer Teile.

Und so gibt es auch im Hause Leier Regeln. Zum Beispiel: Jeder räumt sein Gedeck vom Tisch ab, jeder erfüllt kleine und größere Aufgaben im Haushalt, fernsehen ist nur in wohl dosierten Mengen erlaubt, Spielzeug wird nicht liegen gelassen. »Wir pflegen eine liebevolle Konsequenz«, sagt Vater Stefan. Deshalb gibt es auch Strafen, aber situationsbezogen. »Esther und Josua gehen wahnsinnig gern im Geraer Hofwiesenbad schwimmen. An einem Samstag war es wieder so weit, aber schon den ganzen Morgen war Zank und Streit zwischen den Geschwistern. Wir waren alle schon angezogen, standen vor der Tür, da eskalierte die Situation. Den Schwimmbad-Besuch haben wir abgeblasen. Wir sind zu Hause geblieben. Auch als sich die beiden versöhnt hatten. Das war eine eigentümliche Stimmung an diesem Nachmittag, aber die Kinder haben daraus wirklich gelernt. Das hat noch lange nachgewirkt«, erzählt Stefan Leier ein Beispiel.

Strafen können also sein. Reden muss sein. »Gott hat unsere Kinder wunderbar gemacht, sie sind besonders und einzigartig«, sagt Kathrin. Das wollen sie den dreien vermitteln. Deshalb nehmen sie sie und ihre Gefühle ernst, sprechen viel mit ihnen, fragen, haken nach, erklären auch, warum sie eine Entscheidung so und nicht anders getroffen haben. »Ich sage nicht: Ich verbiete euch diesen Halloween-Kult, aber ich vermittle, warum wir nicht mitmachen oder nur in einer Light-Version mit Kürbisschnitzen«, nennt Stefan Leier ein Beispiel.

Die Eltern behandeln ihre Kinder als vollwertige Menschen. Dazu gehört auch, dass die Kinder ihre Konflikte selbst lösen. Gibt es Probleme mit Freunden, greifen Stefan und Kathrin nicht zum Telefon, um die anderen Eltern zu kontaktieren und das zu regeln. »Wir kümmern uns um unser Kind, stärken es.« Nicht in Watte packen, aber mit Liebe umhüllen.

Katja Schmidtke

Radikal auf Christus ausgerichtet

21. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Unser Glaubenskurs 2017 beschäftigt sich passend zum Reformationsjubiläum mit der Theologie Martin Luthers. Monatlich werden wir einen der reformatorischen Schwerpunkte unter die Lupe nehmen. Den Auftakt bildet das Thema »solus Christus«: allein Jesus Christus.

Theologie und Glaube Martin Luthers lassen sich mit Hilfe der sogenannten vier Exklusiv­partikel auf den Punkt bringen: solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – allein Christus, allein durch die Schrift, allein aus Gnade, allein der Glaube. Diese sind verantwortlich für eine einzigartige Konzentrationsbewegung. Dabei bildet das solus Christus die inhaltliche Mitte. Jesus Christus ist der klarste Spiegel des väterlichen Herzens Gottes.

Zeit seines Lebens geht es Martin Luther in seiner Frömmigkeit um die persönliche Gegenwart des auferstandenen Jesus von Nazareth. An ihn glaubt er mit der ganzen Glut seines Herzens. In der Gegenwart Jesu Christi möchte er leben. In ihm ist Gott dem Menschen unüberbietbar nahegekommen. In ihm hat Gott sein innerstes Wesen offenbart. »Unter allen Geboten Gottes ist das höchste, dass wir seinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, sollen uns vorbilden, der soll unsers Herzens täglicher und vornehmster Spiegel sein, darin wir sehen, wie lieb uns Gott hat, und wie er so hoch, als ein frommer Gott, für uns hat gesorget, dass er auch seinen lieben Sohn für uns gegeben hat.«

GuA-03-2017Darum ist das Grunddatum von Luthers Glaube die Inkarnation, die Geburt des Sohnes Gottes als Baby in der Krippe von Bethlehem, die wir an Weihnachten feiern. Luther ist der erste »Weihnachts-Christ« der Neuzeit. Weil im Zentrum seiner Spiritualität der in Jesus Christus offenbar gewordene liebende Gott steht, bekennt er: »Gott ist ein glühender Backofen voll Liebe.«

Die Freude über die in Jesus Christus erschienene Liebe Gottes wirft einen Glanz der Dankbarkeit über das Christsein, alles Ängstliche verschwindet. Dadurch kommt eine ganz neue Wärme in das Verhältnis des Menschen zu Gott.

Diese Wärme zeigt sich sehr schön in einem Brief Luthers vom 10. Juni 1527 an Elisabeth, der Frau seines Freundes Johann Agricola, die wohl unter Depressionen litt. Luther und seine Frau hatten sie in einem früheren Brief zu einem Ortswechsel nach Wittenberg eingeladen: »Der ehrhaftigen und tugendsamen Frau Elisabeth Agricolae, Schulmeisterin zu Eisleben, meiner lieben Freundin. Gnade und Friede, meine liebe Elsa! … Du musst aber nicht so kleinmütig und verzagt sein, sondern denken, dass Christus nahe ist und hilft dir dein Übel tragen. Denn er hat dich nicht so verlassen, als dir dein Fleisch und Blut eingibt. Allein, ruf du nur mit Ernst von Herzen, so bist du gewiss, dass er dich erhöret, dass es seine Art ist, helfen, stärken, trösten alle die, so sein begehren.«

In der Seelsorge ließ sich früher häufig ein problematischer Umgang mit Depressiven erkennen. Sie standen unter dem Generalverdacht, dass unausgesprochene und unvergebene Sünden verantwortlich seien für ihre seelischen Probleme. Luther schlägt eine ganz andere Richtung ein. Sein Rat entpuppt sich als reiner Zuspruch. Elsa soll den negativen Einreden positive Gedanken entgegensetzen: Christus hat sie nicht verlassen, wie sie meint. Vielmehr ist er ihr nahe und will ihr helfen, ihre Depressionen zu tragen.

Der Glaube geht nicht im Fürwahrhalten von bestimmten Aussagen über Gott auf. Gott will in Jesus Christus als Person – um seiner selbst willen – geliebt werden. Luthers ganze Theologie zeigt, dass und wie Gott dem Menschen im Glauben an Jesus Christus das Heil schenken will.

Es gibt nur wenige Theologen, die sich so wie der Reformator in die Person Jesu Christi vertieft haben. Seine Theologie ist radikal auf Jesus Christus hin ausgerichtet – ein in der Kirchengeschichte fast einmaliger Vorgang.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Literaturhinweis
Zimmerling, Peter: Evangelische Spiritualität. Wurzeln und Zugänge, Vandenhoeck & Ruprecht, 310 S., ISBN 978-3-525-56700-5, 50 Euro

Unser Glaubenskurs 2017 beschäftigt sich passend
zum Reformationsjubiläum mit der Theologie Martin Luthers. Monatlich werden wir
einen der reformatorischen
Schwerpunkte unter die Lupe nehmen. Den Auftakt bildet das Thema »solus Christus«: allein Jesus Christus.
Von Peter Zimmerling
Theologie und Glaube Martin Luthers lassen sich mit Hilfe der sogenannten vier Exklusiv­partikel auf den Punkt bringen: solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – allein Christus, allein durch die Schrift, allein aus Gnade, allein der Glaube. Diese sind verantwortlich für eine einzigartige Konzentrationsbewegung. Dabei bildet das solus Christus die inhaltliche Mitte. Jesus Christus ist der klarste Spiegel des väterlichen Herzens Gottes.
Zeit seines Lebens geht es Martin Luther in seiner Frömmigkeit um die persönliche Gegenwart des auferstandenen Jesus von Nazareth. An ihn glaubt er mit der ganzen Glut seines Herzens. In der Gegenwart Jesu Christi möchte er leben. In ihm ist Gott dem Menschen unüberbietbar nahegekommen. In ihm hat Gott sein innerstes Wesen offenbart. »Unter allen Geboten Gottes ist das höchste, dass wir seinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, sollen uns vorbilden, der soll unsers Herzens täglicher und vornehmster Spiegel sein, darin wir sehen, wie lieb uns Gott hat, und wie er so hoch, als ein frommer Gott, für uns hat gesorget, dass er auch seinen lieben Sohn für uns gegeben hat.«
Darum ist das Grunddatum von Luthers Glaube die Inkarnation, die Geburt des Sohnes Gottes als Baby in der Krippe von Bethlehem, die wir an Weihnachten feiern. Luther ist der erste »Weihnachts-Christ« der Neuzeit. Weil im Zentrum seiner Spiritualität der in Jesus Christus offenbar gewordene liebende Gott steht, bekennt er: »Gott ist ein glühender Backofen voll Liebe.«
Die Freude über die in Jesus Christus erschienene Liebe Gottes wirft einen Glanz der Dankbarkeit über das Christsein, alles Ängstliche verschwindet. Dadurch kommt eine ganz neue Wärme in
das Verhältnis des Menschen zu Gott.
Diese Wärme zeigt sich sehr schön in einem Brief Luthers vom 10. Juni 1527 an Elisabeth, der Frau seines Freundes Johann Agricola, die wohl unter Depressionen litt. Luther und seine Frau hatten sie in einem früheren Brief zu einem Ortswechsel nach Wittenberg eingeladen: »Der ehrhaftigen und tugendsamen Frau Elisabeth Agricolae, Schulmeisterin zu Eisleben, meiner lieben Freundin. Gnade und Friede, meine liebe Elsa! … Du musst aber nicht so kleinmütig und verzagt sein, sondern denken, dass Christus nahe ist und hilft dir dein Übel tragen. Denn er hat dich nicht so verlassen, als dir dein Fleisch und Blut eingibt. Allein, ruf du nur mit Ernst von Herzen, so bist du gewiss, dass er dich erhöret, dass es seine Art ist, helfen, stärken, trösten alle die, so sein begehren.«
In der Seelsorge ließ sich früher häufig ein problematischer Umgang mit Depressiven erkennen. Sie standen unter dem Generalverdacht, dass unausgesprochene und unvergebene Sünden verantwortlich seien für ihre seelischen Probleme. Luther schlägt eine ganz andere Richtung ein. Sein Rat entpuppt sich als reiner Zuspruch. Elsa soll den negativen Einreden positive Gedanken entgegensetzen: Christus hat sie nicht verlassen, wie sie meint. Vielmehr ist er ihr nahe und will ihr helfen, ihre Depressionen zu tragen.
Der Glaube geht nicht im Fürwahrhalten von bestimmten Aussagen über Gott auf. Gott will in Jesus Christus als Person – um seiner selbst willen – geliebt werden. Luthers ganze Theologie zeigt, dass und wie Gott dem Menschen im Glauben an Jesus Christus das Heil schenken will.
Es gibt nur wenige Theologen, die sich so wie der Reformator in die Person Jesu Christi vertieft haben. Seine Theologie ist radikal auf Jesus Christus hin ausgerichtet – ein in der Kirchengeschichte fast einmaliger Vorgang.

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Literaturhinweis
Zimmerling, Peter: Evangelische Spiritualität. Wurzeln und Zugänge, Vandenhoeck & Ruprecht, 310 S., ISBN 978-3-525-56700-5, 50 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchen­zeitung: Telefon (0 36 43) 24 61 61

Pommes mit Maja

17. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Insekten könnten eines der Lebensmittel der Zukunft sein, darin sind sich Experten für Welternährung einig. Ein Schweizer findet: Warum nicht Bienen?

Sour Soup with Emmentaler – klingt gut, oder? Saure Suppe mit Emmentaler, wer könnte da widerstehen? Nichts würde besser passen zu dem quietschbunten Bretterverschlag, den der Schweizer Daniel Ambühl aufstellt, wenn er seine Spezialitäten bekannt macht – und genauso steht es auch angeschrieben, allerdings mit einem Wort mehr. Tatsächlich verkauft Ambühl nämlich »Saure Suppe mit Bienendrohnen aus dem Emmental«.

»Man erkennt das oft, dass Leute eine Schere im Kopf haben. Sie merken: Das Essen sieht gut aus und riecht auch lecker – und trotzdem müssen viele erst eine Barriere überwinden«, sagt er. Daniel Ambühl, 58 Jahre alt, ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Er glaubt so sehr daran, dass er ein Bienenkochbuch geschrieben hat. Es trägt den Namen »Beezza«, man erfährt darin, wie man Bienenpizza zubereitet, Bienenburger – und für die Pommes dazu die »Majanaise«, die man gewinnt, indem man den Saft von ausgedrückten Larven mit Essig, Öl, Senf und Salz verrührt.

Der Schweizer Daniel Ambühl in seinem bunten Bretterverschlag in Zürich, mit dem er im Sommer über Schweizer Festivals tourt, um Spezialitäten aus seinem Bienenkochbuch bekannt zu machen. Ambühl ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Foto: epd-bild/Luc-Francois Georgi

Der Schweizer Daniel Ambühl in seinem bunten Bretterverschlag in Zürich, mit dem er im Sommer über Schweizer Festivals tourt, um Spezialitäten aus seinem Bienenkochbuch bekannt zu machen. Ambühl ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Foto: epd-bild/Luc-Francois Georgi

Ambühl ist nicht der Einzige, der mehr Insekten auf den Speiseplan der Menschen bringen will. Die Welternährungsorganisation FAO sieht darin eine Methode, die Welternährung zu sichern – schließlich sind in Insekten zahlreiche Nährstoffe und vor allem Proteine enthalten. Gleichzeitig seien sie aber mit wesentlich weniger Aufwand zu produzieren als etwa Fleisch. Das ist wichtig angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums.

Mittlerweile gibt es einen Wettlauf unter Forschern. Es geht nicht darum, ob wir einmal Insekten essen werden, sondern welche. In Teilen von Asien, Afrika und Lateinamerika werden Insekten seit jeher verspeist, insgesamt rund 1 900 verschiedene Arten. Sie tragen laut FAO zur Ernährung von rund zwei Milliarden Menschen bei.

»Bekannt geworden ist das Insektenessen in Europa über den Zoohandel. Dessen Lieferanten haben angefangen zu experimentieren, was auch Menschen schmecken könnte«, sagt Guido Ritter, Ökotrophologe an der Fachhochschule Münster – und bekennender Insektenesser. Heuschrecken und Mehlwürmer: So laute das Programm vieler Zuchtbetriebe.

Was sich in Europa noch im experimentellen Stadium befindet, das ist in Südostasien bereits eine Industrie – und nicht immer nehmen die Züchter es dabei mit Umweltschutzstandards oder nachhaltiger Produktion besonders genau, wie Ambühl sagt: »In Thailand gibt es massenhaft Grillenfarmen. Dort wird Hochproteinfutter verfüttert, das normalerweise Hühner kriegen. Das ist überhaupt nicht durchdacht.«

Ein ähnlicher Ansatz wird Guido Ritter zufolge in Südafrika verfolgt, wo Schlachtabfälle verfüttert würden. »Das würde bei uns nicht gehen, da die Europäische Union (EU) bereits festgelegt hat, dass Insekten in der Zucht so behandelt werden müssen wie andere Tiere auch. Und die dürfen keine Schlachtabfälle bekommen.«

Dass es auch anders geht, will Daniel Ambühl beweisen: Er verwendet in seiner Küche und seinen Kursen ausschließlich die Larven und Puppen der Drohnen, also der männlichen Bienen. Die Jugendform unter anderem deshalb, weil Honigbienen ihren Nachwuchs perfekt abgestimmt versorgen: »Deshalb haben die Tiere keinen Darm­inhalt. Das ist bei anderen Insekten ein Riesenproblem.«

Rund 2 000 bis 3 000 Drohnen werden jedes Jahr in einem Bienenstamm geboren, wie er erklärt. Gebraucht würden sie von Natur aus nur, wenn aus einem benachbarten Volk eine neue Königin hervorgehe und begattet werden müsse. Also gebe es für die Drohnenlarven keine Verwendung, vorhanden seien sie bei einer großen Zahl von Honigproduzenten trotzdem. »Es wäre für Imker überhaupt kein Problem, Drohnenlarven in Bio-Qualität zu produzieren«, sagt Ambühl. Genau genommen sei das oft jetzt schon der Fall. Nur wisse das meistens nicht mal der Imker selbst.

Doch egal, ob man Bienen, Mehlwürmer oder Heuschrecken züchtet: Welcher Europäer will das eigentlich essen? Vielleicht einer, der das Tier nicht in Gänze sieht, findet Ernährungswissenschaftler Ritter. Möglich seien etwa Snacks, Proteinriegel oder auch Burger. »Letztere gibt es schon in den Niederlanden und Belgien. Ich bin sicher: Bald schon wird man im Supermarkt Insektenschnitzel kaufen können.«

Bienenkoch Ambühl sieht das anders: »Man muss sich auf Leute konzentrieren, die wissen, dass wir nicht endlos Fleisch produzieren können. Die akzeptieren ganze Insekten dann viel eher.« Gerade bei jungen und gebildeten Menschen sei das häufig der Fall. »Das ist der Markt. Und nicht Leute, die etwas eigentlich gar nicht wollen«, sagt der Schweizer. »Sour Soup with Emmentaler Kingbees« – warum eigentlich nicht?

Sebastian Stoll

www.beezza.ch

Mit Gott ist der Mensch nicht allein auf der Welt

17. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Mouhanad Khorchide ist Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) in Münster. Er traf sich mit Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu einem interreligiösen Gespräch über die Frage, ob Christen und Muslime zum selben Gott beten.

Khorchide: Ich habe eine kritische Frage. Warum dürfen wir beide nicht gemeinsam zum selben Gott beten?

Bedford-Strohm: Wir sprechen da oft vom »multireligiösen Gebet« und unterscheiden es in der Tat vom »interreligiösen Gebet«. Auf diese Weise lassen wir offen, ob es genau derselbe Gott ist, den wir anbeten. Das ist der Versuch, zu respektieren, dass es unterschiedliche Blicke auf Gott gibt.

Die Gewölbe der Schlosskirche zu Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Die Gewölbe der Schlosskirche zu Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Die Hoffnung ist natürlich, dass Gott sich uns als derjenige zeigt, der er ist. Nämlich Gott. Insofern würde ich, wenn Muslime zu Allah beten, auch nicht sagen, dass sie zu einem anderen Gott beten. Wenn ich aber sage, die Gläubigen aller Religionen beten zu demselben Gott, dann ist das eine Feststellung, die nicht gedeckt ist. Denn es gibt sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gott in den Religionen.

Da muss man dann ehrlich sein und auch die Differenzen sehen. Als wir über die Trinität und den Monotheismus gesprochen haben, sind wir ja darauf gestoßen, dass wir Christen bestimmte Dinge von Gott sagen, die Muslime oder Juden nie mitsprechen könnten. Deshalb ist es vielleicht ehrlicher und angemessener, Zurückhaltung zu wahren, ohne aber damit zu sagen, es sind alles völlig unterschiedliche Götter. Ich würde mir beide Urteile nicht zutrauen. Weder das Urteil, dass es in allen Religionen derselbe Gott ist. Noch dass es ein anderer ist. Ich glaube, wir können nur wirklich mit Leidenschaft unseren Zugang zu Gott leben. Und die Frage, wie der Gott, von dem wir leidenschaftlich überzeugt sind, sich uns dann zeigt … Das werden wir am Ende der Zeiten sehen, wenn der Schleier weggezogen ist.

Khorchide: Aber könnte ich als Versuch der Annäherung nicht sagen: »Wir glauben an denselben Gott, der sich in unterschiedlicher Weise offenbart hat«? Deshalb sagen Muslime, er hat sich mir anders offenbart als den Christen. Und übrigens – weil Sie den Begriff »Allah« verwendet haben: Sie wissen ja, dass arabische Christen und arabische Juden ebenfalls das Wort Allah verwenden.

Bedford-Strohm: Ich weiß. In Malaysia gibt es das Problem, dass die Christen gerne »Allah« sagen möchten, der Staat es ihnen aber verbietet. Ich weiß, was Sie meinen. Wenn ich hier von »Allah« sprechen würde, würden die Leute alle fragen: »Wie kann der christliche Bischof von ›Allah‹ sprechen?« Aber die Christen in Malaysia wollen gerne von »Allah« sprechen, weil »Allah« schlicht und einfach das Wort für »Gott« ist.

Khorchide: Aber könnte man denn nicht als Annäherung sagen: Gott hat sich im Christentum in Jesus offenbart, im Islam im Koran, deshalb reden wir vom selben Gott, der sich in unterschiedlicher Weise offenbart hat? lm Dialog zwischen Katholiken und Muslimen ist die Annäherung einfacher. Man meint: »Ja, wir glauben an denselben Gott, wir können gemeinsam beten.« Protestanten dagegen lassen die Frage offen. Müssen wir sie wirklich offenlassen? Können wir nicht sagen, er offenbart sich nur in einer anderen Weise, aber er ist derselbe Gott?

Bedford-Strohm: Wir müssten genau darüber reden, was es bedeutet, wenn wir von Gott beispielsweise als von demjenigen sprechen, der sich im Gekreuzigten zeigt. Und darüber, ob wir wirklich die Feststellung treffen können, dass das derselbe Gott ist. Oder ob man die Unterschiede auch respektieren muss, die zwischen den unterschiedlichen Bekenntnissen der Religionen bestehen.

Ich sage es jetzt mal in Richtung Judentum: Ich bin nicht sicher, ob ich es so einfach übergehen kann, wenn Juden ganz ausdrücklich sagen: »Christus kann nicht Gottes Sohn sein.« Deswegen bin ich zurückhaltender und spreche von »multireligiösem Gebet«. Ich sehe das aber nicht als Distanzierung oder Abwertung von anderen Religionen, sondern ich trete gerade dafür ein, die eigene Identität nicht aus der Abgrenzung heraus zu definieren. Wir sollten die eigene Religion begeistert leben und das Urteil darüber, was am Ende mit diesem Unterschied der Religionen gemacht wird, wirklich Gott überlassen.

Khorchide: Die islamische Main­stream-Theologie sieht allein Muslime in der ewigen Glückseligkeit. Das widerspricht aber dem Wortlaut des Korans. Die zweite Sure 62 und die fünfte Sure 69 versprechen Juden, Christen und anderen, die an Gott glauben, die ewige Glückseligkeit.

Die Leute des IS sagen: »Ich glaube an einen Gott, der mir erlaubt, Unschuldige umzubringen.« Darauf sage ich: »Ich glaube nicht an diesen Gott.« In deren Augen bin ich dann sogar Atheist. Oder ein Atheist kann sagen: »Ich glaube nicht an Gott.« Wenn ich dann genauer nachfrage, hat er vielleicht ein total negatives Bild von einem Gott oder von Religion und distanziert sich deshalb. Sein Handeln und sein Lebensentwurf können trotzdem bezeugen, dass er ein Werkzeug Gottes ist, also jemand, der Ja zu Gott gesagt hat. Er verbalisiert das nur anders.

Aus: Käßmann, Margot/Bedford-Strohm, Heinrich: Die Welt verändern. Was uns der Glaube heute zu sagen hat, Aufbau Verlag und edition chrismon, 293 S., ISBN 978-3-96038-007-8, 22 Euro

Aus: Käßmann, Margot/Bedford-Strohm, Heinrich: Die Welt verändern. Was uns der Glaube heute zu sagen hat, Aufbau Verlag und edition chrismon, 293 S., ISBN 978-3-96038-007-8, 22 Euro

Ich glaube, Gott geht es nicht um das, was wir verbalisieren, sondern um das, was wir aus unserem Leben machen. Ist es letztlich nicht sogar egal, ob wir sagen, »ich glaube an Gott« oder »ich glaube nicht an Gott«? Kommt es nicht letztlich nur auf das Handeln und den Lebensentwurf an? Wenn man diese Frage stellt, kommen allerdings gleich wieder einige Anfragen: Sollte man Religion nur auf diese ethische Ebene reduzieren? Geht es wirklich nur darum, dass wir gut sind und dass unser Lebensentwurf bezeugt, dass wir brave Menschen sind? Wozu brauchen wir Gott dann? Ich weiß nicht, wie Menschen es ohne den Glauben an Gott schaffen, wenn ich sehe, wie oft er mir Trost und Kraft gibt. Allein das Zwiegespräch – auf dem Weg hierher mit Gott zu reden, weil man nicht weiß, was auf einen zukommt –, das gibt schon gewissen Halt. Man hat das Gefühl, es gibt jemanden, ich bin nicht allein in der Welt.

Dem Geheimnis Gottes auf der Spur

16. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Experten im Glauben, die zwei Bestseller-Autoren Anselm Grün und Tomáš Halík widmen sich dem Unglauben

Sie sind Profis in Sachen Glaube. Beide Theologen, Geistliche, katholisch: Anselm Grün und Tomáš Halík. Gemeinsam widmen sich die beiden Bestseller-Autoren einem Phänomen, von dem sie meinen, dass es für den Glauben eine wichtige Rolle spielt, dem Unglauben, dem Zweifel. »Gottlos werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen« – In ihrem Buch sprechen sie dem Zweifel, dem Unglauben, eine für den Glauben vitale, fruchtbare Funktion zu. Glaube und Unglaube, so stellen sie ausführlich dar, gehören zusammen, brauchen einander. Glaube sei ohne Zweifel nicht zu haben.

Tomáš Halík. Foto: Vier-Türme-Verlag

Tomáš Halík. Foto: Vier-Türme-Verlag

In die Welt des Glaubens sind die beiden Männer auf ganz unterschiedliche Weise geraten. Der eine wurde hineingeboren, der andere hat sich hineingezweifelt. Für Anselm Grün war der Glaube wie ein feststehendes Haus, unerschütterlich, Geborgenheit spendend. Er wuchs in einer katholischen Familie unmittelbar neben der Kirche auf. Drei Geschwister seines Vaters waren Benediktiner. »Mein Vater war der Einzige in der Familie, der geheiratet hat«, erzählt Anselm Grün. Er selbst äußerte schon als 10-Jähriger den Wunsch, Priester zu werden. Zunächst habe ihn der Glaube so selbstverständlich umgeben, dass der Atheismus nicht zur Anfechtung wurde. Aber im Kloster dann, »als ich alles auf die Karte Gottes gesetzt hatte, wurde die Frage des Atheismus für mich zu einer persönlichen Frage«. Heute, so gibt der Benediktinerpater zu verstehen, ist der Zweifel sein stetiger Begleiter. Wenn er predige, frage er sich immer, ob es stimmt, was er sagt oder ob er sich etwas vormache.

Anselm Grün. Foto: Willi Wild

Anselm Grün. Foto: Willi Wild

Anders war das bei Tomáš Halík. Er kennt den Zweifel von seiner Jugend an. Er wurde 1948 in der Tschechoslowakei geboren und ist dort aufgewachsen, in einem Land, in dem der Atheismus vonseiten des Staates angeordnet war. »Als 16-Jähriger zweifelt man in der Regel an allen von außen herangetragenen und aufgezwungenen Wahrheiten.« Und so stellte er die Dogmen jener vom Regime aufgezwungenen Ideologie infrage. Bis er sich schließlich am Ende eines langen und verschlungenen Weges zum christlichen Glauben durchgezweifelt hatte.

Halík arbeitete während des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei als Psychotherapeut und wurde 1978 heimlich in Erfurt zum Priester geweiht. Er war enger Mitarbeiter von Kardinal Tomášek sowie Berater von Václáv Havel. Heute ist er Professor für Soziologie an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität und Rektor der Universitätskirche St. Salvator in Prag.

Die beiden Autoren beschäftigen sich in ihrem Buch intensiv mit dem Atheismus, dem sie eine dem Glauben dienende Bedeutung zusprechen. Die Vorstellungen, die Bilder von Gott seien ebenso vielfältig wie die Art und Weise und unter welchen Pseudonymen Gott einen Menschen anspricht. Vor diesem Hintergrund, so Halík, erinnere der Atheismus daran, dass jeder menschliche Begriff in Beziehung auf Gott nur wie ein Finger ist, der auf den Mond zeigt und nicht der Mond selbst. Wissen wir also gar nichts von Gott? Wenn fast alles ungewiss ist, was ist gewiss? Halíks Antwort fällt kurz und knapp aus: »Gott ist Geheimnis.«

Der Weg des Glaubens, den die beiden Priester gegangen sind, ist ein langer. Sie haben sich unter anderem mit atheistischen Philosophen und mit der Psychologie auseinandergesetzt. Sie kennen die Anfechtungen des Glaubens durch den Zweifel persönlich und aus der Erfahrung als Seelsorger. Die Erkenntnisse, die sie als Gläubige gewonnen haben, sind einander ähnlich, fast identisch, aber sie öffnen mit ihrer Sprache unterschiedliche Fenster. Sie gewähren damit interessante Einblicke in ihre Glaubenswirklichkeit, Einblicke in das Zuhause zweier Christen, Gottsucher, deren Berufung es ist, dem Geheimnis Gottes näherzukommen.

Für Anselm Grün bedeutet Glauben, Gott zu suchen. Er begegne sehr oft Menschen, die gern glauben möchten, jedoch meinen, dies nicht zu vermögen. Ihnen sage er, die Sehnsucht, glauben zu wollen, sei schon Glauben. Im Fragen und Suchen sieht der Benediktinermönch die Chance, tiefer in den Glauben vorzudringen. »Eine Frage stellen heißt, so sagt es uns die deutsche Sprache, eine Furche graben. Wenn wir uns infrage stellen lassen in unserem Glauben, dann lassen wir in den Acker unserer Seele eine Furche graben. Und in dieser Furche kann eine neue Saat aufgehen. Da kann unser Glaube neu aufblühen. Er wird immer wieder aufgelockert, damit er mehr Frucht bringt. Die Frage zwingt uns, immer tiefer zu überlegen: Wer bin ich eigentlich? Was ist das Leben? Was ist der Mensch? Was oder wer ist Gott?« Wer der Frage bis auf den Grund folge, werde immer tiefer in den Grund seiner Seele vorstoßen. »Und auf dem Grund meiner Seele stoße ich auf das Geheimnis, das größer ist als ich: das Geheimnis Gottes.«

Für Halík ist Gott ebenfalls Geheimnis, und Glaube die Sehnsucht, diesem näherzukommen. »Mit einem Geheimnis können wir nie fertig werden, es hat keinen Boden. Das bedeutet nicht, dass wir vor dem Eintreten in das Geheimnis ein Stoppschild stellen müssten, im Gegenteil: Das Geheimnis bietet eine unausschöpfliche Menge von Interpretationsmöglichkeiten. Nur müssen wir uns bewusst sein, dass alle unsere Ausdrücke, die wir für das Geheimnis benutzen, den Charakter eines Bildes, eines Gleichnisses, einer Metapher oder bestenfalls einer Analogie haben.«

Das Buch hält reichlich Glaubensgewissheiten und Einsichten bereit. Nach all den Ausführungen über den Unglauben und die Skepsis darf man schlussfolgern, dass diese Einsichten und Gewissheiten Früchte sind, gewachsen in kritischen Phasen, in Zeiten der Anfechtung und des Fragens. Denn wie Halík sagt, gewinnt er neue Einblicke meistens nach Krisen. Sie tauchen dann auf, Einblicke, sind wie Licht­strahlen, die auf dem Glaubensweg weiter voranbringen.

Sabine Kuschel

Grün, Anselm/Halík, Tomáš/Nonhoff, Winfried (Hg.): Gott los werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen, Vier-Türme-Verlag, 207 Seiten, ISBN 978-3-7365-0030-3, 19,99 Euro

Glauben alle an denselben Gott?

16. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Ja

Christen glauben an den einen, dreieinigen Gott. Dieser Glaube hat sich uns durch Jesus Christus eröffnet und wird durch den Heiligen Geist gewirkt und erhalten. Es ist der Glaube an Gott den Schöpfer, den Erbarmer und den Richter – und diesen Glauben an den einen Gott teilen wir mit den Juden und den Moslems. Für das Judentum ist aus christlicher Sicht unbestritten, dass wir denselben Gott meinen. Gleichwohl gehen Juden und Christen unterschiedliche Wege und suchen auf dieser Basis die Versöhnung.

Wie steht es mit den Muslimen? Der Islam kam später und hat vielfältige Impulse aus beiden Religionen aufgenommen. Mohammed war schon vor seinen Offenbarungen ein »Hanif«, ein Monotheist. Darin sah er sich in der Nachfolge Abrahams. Und er sah auch in den Christen und Juden solche Anhänger des einen Gottes.

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Strittig ist daher auch von islamischer Seite aus nicht die Frage nach Gott, sondern die Frage nach dem Weg. Das mag dem einen oder der anderen als Haarspalterei erscheinen. Doch es macht einen Unterschied, ob ich in der Begegnung mit Muslimen ihnen den Glauben an Gott abspreche und sie zu »Götzendienern« erkläre (was die Konsequenz wäre) oder ob ich mit ihnen darüber nachdenke, was dieser Glaube an den einen Gott bedeutet. Damit ist die Frage nach der Erlösung durch Christus noch gar nicht gestellt – und schon gar nicht in Frage gestellt! Ein zentraler Begriff aber ist in allen drei Religionen »Barmherzigkeit«: Darin ist eine gemeinsame Glaubenserfahrung zu erkennen.

Für uns Christen hat sich der dreieinige Gott in Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist aber darüber hinaus in vielfältigen Zeugnissen auch aus den »Völkern«, in denen wir die gute Botschaft wiedererkennen. Das war schon immer eine zentrale Lehre des Christentums. Man denke nur an die Rede des Apostels Paulus in Athen (Apg. 17). Auch für die römisch-katholische Lehre steht das völlig außer Frage. Man lese die entsprechenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils!

Wir können als Christen in dem, was im Islam von der christlichen Botschaft erhalten und bewahrt wird, so etwas wie ein Echo, eine Spur oder einen Schatten des Wortes Gottes erkennen und daran auch anknüpfen. Das heißt doch nicht, dass wir uns damit verleugnen! Ganz im Gegenteil: Wir machen ernst mit dem Auftrag der Versöhnung, wir machen ernst mit dem Glauben an den einen Gott.

Die Gemeinsamkeiten sind groß: der Glaube an den einen, barmherzigen Gott, die Bedeutung Abrahams, die hohe Wertschätzung Jesu und seiner jungfräulichen Mutter Maria, das Jüngste Gericht und die allgemeine Auferstehung von den Toten, die Unsichtbarkeit Gottes und die Wirksamkeit seines Wortes.

Was uns trennt, ist die Auslegung! Und hier sage ich deutlich: Wenn der Islam uns Christen vorwirft, wir würden »drei Götter« anbeten, dann möchte ich, dass dieses Vorurteil islamischerseits ernsthaft überprüft wird. Hier ist der Punkt, wo die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam gesucht werden muss! Gerade wenn wir von einem christlichen Bekenntnis herkommen, das sich des barmherzigen Gottes gewiss ist, sollte es uns nicht schwerfallen, auch im islamischen Bekenntnis zu dem einen Gott den gemeinsamen Gott zu erkennen – »wie in einem dunklen Bild« (1.Korinther 13,9).

Inzwischen stehen wir vor einer Herausforderung, vor der weder Christentum, Judentum noch Islam bislang je standen: Wir haben es gemeinsam mit einer Welt zu tun, die Gott nicht wahrhaben will, und mit Fanatikern, die Gott für ihre Interessen missbrauchen.

An der Entdeckung der Gemeinsamkeiten wird sich vieles entscheiden!

Nein

Die romantische Vorstellung, Menschen unterschiedlicher Religionen würden letztlich doch alle an denselben Gott glauben, findet sich bereits in der Antike. In der Gegenwart nährt sie die Hoffnung, dass die Gegensätze zwischen den Religionen so groß doch nicht seien, ja nicht sein dürfen, und irgendwie friedlich gelöst werden müssen. Es gibt mehrere Gründe, warum diese Hoffnung trügt.

Religionen sind immer Deutungen religiöser Erfahrungen und schon insofern notwendigerweise verschieden. In das Judentum, das Christentum und den Islam sind sehr verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen eingeflossen, die ein je eigenes Gottesbild und eine je eigene Ethik hervorgebracht haben. Es gibt Überschneidungen, aber auch grundlegende Unterschiede.

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Die entscheidende Differenz besteht darin, dass die Christen eine besondere Form des Monotheismus bekennen: den dreieinigen Gott. Was ist damit gemeint? Zuallererst geht es um das besondere Verhältnis Gottes zu Jesus von Nazareth, das sich exemplarisch in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus von den Toten durch Gott zeigt. Speziell dieses Geschehen verstanden die frühen Christen als Bestätigung der Gottesauslegung Jesu und folgerten daraus, dass er in einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott steht. Weil Gott sich bis in den Tod am Kreuz mit diesem Jesus von Nazareth identifizierte, muss er mehr als ein Prophet oder Gesandter des Vaters sein, nämlich sein Sohn. Die Gottheit des Sohnes ist somit von der Gottheit des Vaters her zu verstehen, die Gottheit des Vaters wird auf den Sohn ausgeweitet.

Der Sohn hat nicht nur am Wesen des Vaters teil, sondern er ist vom Wesen des Vaters. In diesem Schritt liegt die eigentliche Neudefinition Gottes im frühen Christentum: Gott ist so, wie Jesus von Nazareth ihn ausgelegt hat und deshalb gebührt ihm der göttliche Status des Sohnes. Das Neue Testament insistiert damit auf der göttlichen Würde Jesu, ohne das Bekenntnis zu dem einen Gott Israels damit zu schmälern. Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis: Gott wurde in Jesus von Nazareth nicht nur Mensch, sondern er lässt sich bleibend im Leben der Menschen erfahren: durch den Heiligen Geist.

Gottes Wirklichkeit weist eine erfahrbare Wirksamkeit auf. In frühchristlichen Gemeinden wie Korinth (1.Korinther 12) oder Rom (Römer 12) wurden intensive Geisterfahrungen als Gottes­erfahrungen interpretiert und führten zu einer zweiten Innovation des Gottesbildes: Gott wirkt bleibend durch den Geist in der Geschichte und im Leben der einzelnen Menschen. In der Geisterfahrung ist Gott somit selbst gegenwärtig und nicht nur eine andere untergeordnete Größe. Das frühchristliche Gottesbild ist somit nicht zuallererst an einem prinzipiell jenseitigen und primär herrschenden Gott interessiert, der Gesandte aussendet oder Schriften verfasst, die den Menschen seinen Willen kundtun. Vielmehr geht es um den Gott, der sich auf die Welt zubewegt und in die Welt eingeht. Der Gott der Christen ist ein naher Gott; ein kommunizierender und lebendiger Gott, der aus Liebe für die Welt und die Menschen eintritt.

Dieses Modell eines nahen dreieinigen Gottes wurde von Anfang an vom Islam bekämpft. Es gilt als Ausdruck der Verfälschung des Wesens des einen allmächtigen Gottes. Die Christen sind Lügner und zu bekämpfende »Polytheisten« (Sure 9,29-33) und werden ermahnt: »O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er zu Maria hinunterbrachte, und ein Geist von ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch.« (Sure 4,171; Sure 112)

Der entscheidende Gegensatz bleibt: Jesus von Nazareth ist mehr als ein Prophet, er ist Sohn Gottes und verkündet einen anderen Gott als der Koran! Den liebenden, nahen, leidenden und gekreuzigten Gott; einen Gott, der in die Welt eingeht und bei den Menschen sein und bleiben will.

Fazit: Jesus ist der Unterschied und macht den Unterschied zu jeder anderen Religion!

Drei Religionen, ein Haus:  Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Drei Religionen, ein Haus: Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Wenn das Amt den Glauben prüft

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Zum Christentum konvertierte Flüchtlinge werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf die Ernsthaftigkeit ihres Religionswechsels getestet. Mit teilweise äußerst zweifelhaften Methoden.

Wie heißen die beiden Söhne im Gleichnis vom verlorenen Sohn?« Pfarrer Gottfried Martens aus Berlin-Steglitz kann diese Frage nicht beantworten. Sein iranischer Täufling noch weniger. Denn in der Bibel werden die Namen der beiden Söhne überhaupt nicht erwähnt. Der Iraner allerdings könnte deswegen nun in seine Heimat abgeschoben werden. Denn weil er in seiner Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die kürzlich in Berlin stattfand, diese Frage nicht beantworten konnte, glaubte ihm das Amt nicht, dass er wirklich und aus voller Überzeugung zum christlichen Glauben konvertiert ist.

Ein Einzelfall? Mitnichten. Bei dem zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gehörenden Pfarrer Martens häufen sich die Fälle von Konvertiten, die einen negativen Asylbescheid erhalten haben. »Und fast immer finden sich in den Anhörungsprotokollen Belege dafür, dass Anhörer, Dolmetscher und Entscheider, also alle mit dem jeweiligen Fall betrauten Personen, selbst überhaupt keine Ahnung von dem haben, wonach sie fragen«, sagt Martens.

Vom »Schweinefleischfest« bis zu Luthers Geburtsdatum

So verwechselte eine Anhörende das Apostolische Glaubensbekenntnis mit dem Vaterunser. Ein Dolmetscher übersetzte das Osterfest mit dem Begriff »Schweinefleischfest«. Und ein Konvertit scheiterte an der Frage nach dem Geburtstag Martin Luthers – den vermutlich die wenigsten lutherischen Christen in Deutschland auf Anhieb nennen können.

Rund 1 000 iranische und afghanische Flüchtlinge hat Martens in den letzten Jahren getauft. Alle erhielten einen mehrmonatigen Taufunterricht. Alle mussten am Ende eine Prüfung bestehen. Fast alle halten sich auch nach Jahren noch zur Gemeinde, besuchen die Gottesdienste. Den immer wieder erhobenen Vorwurf, die Menschen kämen nur zu ihm, um als Konvertiten ein Bleiberecht zu erhalten, weist Martens entschieden zurück. »Ich habe aber den Eindruck, dass es im BAMF mittlerweile die Maßgabe gibt, Konvertiten besonders streng zu beurteilen«, sagt Martens.

Und die Erfahrungen des Berliner Pfarrers sind kein Einzelfall. Auch in Bayern erleben Kirchenvertreter Ähnliches. Auf der vor Kurzem in Nürnberg tagenden Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Bayerns berichtete Oberkirchenrat Michael Martin nicht nur davon, dass sich in Bayern ebenfalls viele Flüchtlinge in der Landeskirche taufen ließen. Vielmehr führe auch dort das Bundesamt »Glaubensprüfungen« bei Flüchtlingen durch.

»Unbestritten ist: Die Taufe gehört zum Kernbereich kirchlichen Handelns«, sagte Martin vor der Synode. »Als solche ist sie einer staatlichen Überprüfung entzogen.« Aus kirchlicher Sicht halte man fest, dass Glaube mehr sei als die Ansammlung von Faktenwissen. Deshalb könne er überhaupt nicht überprüft werden.

Vor der Synode berichtete Martin davon, dass einem Täufling aus Bayreuth dazu geraten wurde, seinen Glauben bei einer Abschiebung in den Iran doch einfach zu verleugnen. »Es braucht wohl keine große Begründung dafür mehr, dass es so nicht geht«, sagte Martin.

In der anschließenden Debatte äußerte sich auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Heinrich Bedford-Strohm: »Als ich davon gehört habe, war ich entsetzt. Es kann keine Glaubensprüfung durch Menschen geben, die dazu keine Kompetenz haben, und es kann auch nicht angezweifelt werden, dass die Menschen, die von der Kirche getauft werden, aus ernsthaften Motiven getauft werden.« Ähnlich sieht das der Berliner Pfarrer Martens. »Es geht nicht nur um dumme Fragen, es geht hier um einen massiven Eingriff des BAMF in Fragen der kirchlichen Lehre.«

Auf Nachfrage wollte sich das BAMF nicht zu den konkret angesprochenen Fällen äußern. Ein Sprecher betonte jedoch, dass im Rahmen der persönlichen Anhörung die näheren Umstände des Glaubenswechsels geprüft würden. »Die Taufbescheinigung bestätigt, dass ein Glaubensübertritt stattgefunden hat, sie sagt aber nichts darüber aus, wie der Antragsteller seinen neuen Glauben bei Rückkehr in sein Heimatland voraussichtlich leben wird und welche Gefahren sich hieraus ergeben«, sagte der Sprecher. »Die Klärung dieser Frage ist Bestandteil der persönlichen Anhörung.«

Der Entscheider müsse beurteilen, ob der Glaubenswechsel des Antragstellers aus asyltaktischen Gründen oder aus echter Überzeugung erfolgt sei. »Das Bundesamt zweifelt aber den durch Taufbescheinigung nachgewiesenen Glaubenswechsel an sich nicht an«, so der Sprecher. Es werde generell unterstellt, dass eine sorgfältige Taufbegleitung vonseiten der christlichen Gemeinden erfolgt sei. Allerdings werde von einem Konvertiten durchaus erwartet, dass er ausführlich schildern könne, welche Beweggründe er für die Konversion hatte und welche Bedeutung die neue Religion für ihn persönlich habe.

Gespräche zwischen EKD und Bundesamt

Inzwischen ist die EKD wegen der umstrittenen »Glaubensprüfungen« mit dem Bundesamt im Gespräch. Das bestätigte der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, Prälat Martin Dutzmann, auf Nachfrage dieser Zeitung. »Es darf in so einem Verfahren kein ›Glaubensexamen‹ geben«, betont Dutzmann. Gefragt werden könne nur danach, wie der eigene Glaube praktiziert werde – also, ob ein Konvertit etwa regelmäßig den Gottesdienst besuche.

Bundesweit sei zudem eine entsprechende Qualifizierung der Anhörer und Dolmetscher erforderlich. Übersetzer müssten christliche Fachtermini kennen, und Anhörer, die sich mit Konvertiten beschäftigen, sollten über Grundkenntnisse des christlichen Glaubens verfügen. Ein erstes Gespräch darüber mit dem Präsidenten des Bundesamtes, Frank-Jürgen Weise, ist aus Sicht von Dutzmann positiv verlaufen.

Benjamin Lassiwe

Ausdruck für das eigene Leiden

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Die Ausstellung »Jesus Reloaded. Das Christusbild im 20. Jahrhundert« im Kunsthaus Apolda Avantgarde präsentiert 130 Werke aus der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg. Wie Kurator Tom Beege sagt, offenbaren die Arbeiten faszinierende Perspektiven auf die Figur Christi. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Beege, der Titel der Ausstellung »Jesus Reloaded« mutet ganz modern an …
Beege:
Das Christusbild besitzt für die Künstler immer noch große Wichtigkeit. Um das herauszustellen, haben wir diesen sehr modischen Titel gewählt. Der ist mit Absicht ein bisschen poppig gehalten. Wir wollten mit der Zeit gehen und sagen: Auch Jesus wurde »reloaded« im 20. Jahrhundert. Das bedeutet, er hat eine ganz neue, sehr moderne Deutungsweise bekommen.

Christus inspirierte viele Künstler des 20. Jahrhunderts. Was ist charakteristisch für das Christusbild dieser Epoche?
Beege:
Das ist sehr individuell, je nach persönlicher Situation des Malers und je nach politischer Situation. Bei Malern aus der DDR wie Fritz Cremer oder Bernhard Heisig besteht die Forderung: Christus möge sich von seinem Kreuz befreien. Trotzdem wird diese Forderung an der Christusfigur festgemacht. Das heißt, Christus ist und bleibt ein Symbol für das menschliche Leiden. Aber in manchen Fällen durchaus auch für die Hoffnung, dass dieses Leiden überwunden werden kann.

Kurator Tom Beege. Foto: Archiv

Kurator Tom Beege. Foto: Archiv

Das war für uns faszinierend. Obwohl viele der Künstler nicht gläubig sind, beinhaltet das Christusbild für sie etwas, was über Logik und Rationalität hinausgeht. Das Christusbild ist immer noch ein wichtiges, machtvolles Symbol, mit dem der Künstler einerseits seine eigene Stellung in der Welt ausdrückt, auf der anderen Seite aber auch für eine Form der christlichen Menschlichkeit eintritt. Die soll aber unabhängig von der Institution Kirche funktionieren. Es geht um die christlichen menschlichen Grundwerte der Liebe, des Verständnisses.

Wie hat sich das Sujet in der Kunst der Moderne verändert?
Beege:
Im 17. und 18. Jahrhundert gab es massive Auseinandersetzungen zwischen weltlicher Philosophie, zwischen Wissenschaft und Religion. Sie haben dazu geführt, dass Kunst, die zum Lob Christi entstanden ist, in dieser Zeit zurückgetreten ist. Der weltliche Charakter oder die weltliche Bedeutung des Christusbildes wurden wichtiger.

Das ist ein Prozess, der am Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert eingesetzt hat. Mit Künstlern wie z. B. Édouard Manet und Paul Gauguin, die in der Christusfigur weniger den Christus der Heilsgeschichte gesehen haben als eine Verkörperung für ihr eigenes Leiden und für ihre eigene Situation. Das ist vielleicht der entscheidendste Unterschied zur Darstellung Jesu als Erlöserfigur. Man kann erkennen, dass Christus individualisiert wird. Das heißt, er wird Ausdruck für das eigene Leiden.

Zum Teil spielen Propheten-Motive eine große Rolle, weil viele Künstler sich als unverstandene Propheten verstanden haben. Die starke Identifikation der Künstler mit Christus wird zum Beispiel deutlich am Werk James Ensors, eines belgischen Malers. Er hat sich selbst als Christus porträtiert, um ihn herumstehend seine Kritiker. Das heißt, er fühlte sich durch das Unverstandenwerden der Welt ans Kreuz genagelt.

Dann hatten die beiden Weltkriege Auswirkung auf das Christusbild …
Beege:
Wir finden nach dem Ersten Weltkrieg ein sehr kritisches Christusbild. Max Beckmann hat gesagt: »Meine Religion ist Hochmut vor Gott, Trotz gegen Gott. Trotz, dass er uns so geschaffen hat, dass wir uns nicht lieben können. Ich werfe Gott in meinen Bildern alles vor, was er falsch gemacht hat.« Diese Aussage beruht auf den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges.

Ernst Barlach hat eine Zeichnung geschaffen, die wir allerdings nicht in der Ausstellung haben, in der Jesus Christus vor den Toten des Ersten Weltkrieges steht, völlig hilflos, der nicht die Macht hat, jemanden zu erlösen. Sondern der angesichts der Grausamkeit der Kriege und der Menschen fassungslos vor den Ergebnissen dessen steht.

George Grosz klagt mit seinem Christusmotiv Kirche und Staat an, weil sie diesen Krieg zugelassen haben. Also wir finden eine starke Säkularisierung des Christusbildes, ausgehend von einer großen Identifizierung des Künstlers mit dem Christusbild, bis hin zu einer politischen Aussage. Insofern gibt die Ausstellung nicht den religiösen Gedanken des Christusbildes wieder, sondern eher den säkularen Gedanken.

Es gibt beeindruckende Christusbilder und Kreuzigungsszenen. Aber die Künstler, die diese Bilder geschaffen haben, waren keine Christen, sondern Kritiker der Institution Kirche.
Beege:
Das hat uns fasziniert: Es gibt diese kritische Haltung der Kirche gegenüber, aber es gibt auch diese Hinwendung zur Christusfigur. Die Christusbilder, die wir ausstellen, sind nicht im Auftrage der Kirche entstanden. Insofern haben wir ganz andere Konstellationen als in der im Auftrag der Kirchen entwickelten Kunst. Der Weltkrieg hat viel ausgelöst. Otto Dix zum Beispiel hat die Verspottung Christi gemalt und dabei Hitler als einen der Spötter dargestellt. Es ist sehr interessant zu sehen, wie die Künstler zur Kirche und zu Christus stehen.

Joseph Beuys war ein Kirchengegner, und trotzdem war der christliche Gedanke, die Kreuzigung, von Bedeutung für seine Philosophie. Er hat diese große Menschlichkeit hinter der christlichen Idee gesehen. Künstler wie Joseph Beuys oder der Österreicher Arnulf Rainer haben sich vom Christentum distanziert. Aber bei der Recherche haben wir festgestellt, dass ihnen das größte Interesse von theologisch geprägten Kulturhistorikern und Kunsthistorikern entgegengebracht wird. Joseph Beuys ist im theologischen Diskurs ein immens wichtiger Künstler, genau wie Arnulf Rainer. Das heißt, die Kirche befasst sich mit dieser kritischen Haltung der Künstler und setzt sich damit auseinander.

www.kunsthausapolda.de

Die Zeichen am Himmel

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Epiphanias: Wer waren die Weisen aus dem Morgenland, die von einem Stern nach Bethlehem geführt wurden?

In den biblischen Weihnachtsgeschichten werden die Weisen aus dem Morgenland von einem strahlenden Stern nach Betlehem geführt. Wenn man genau hinschaut, spielt der Stern aber nur eine kleine Rolle am Rand, eine eher symbolische. In der christlich geprägten Kultur gilt er freilich bis heute als ein zentrales Weihnachtslogo. Der leuchtende Himmel über der Krippe signalisiert, dass sich damals in Betlehem etwas Weltbewegendes abgespielt hat, etwas, das den Kosmos und die Geschichte veränderte.

Der Evangelist Matthäus erzählt von sternkundigen Magiern aus dem Orient, die plötzlich in Jerusalem auftauchen, nach einem neugeborenen König fragen und damit für Verwirrung sorgen. Der Thron des kleinen Königreichs Judäa ist ja besetzt, von dem ziemlich fähigen Politstrategen und Städtegründer Herodes.

Der Friedenskönig in der Krippe

Wer sind diese Magier gewesen? »Weise Männer« heißen sie in den einen Bibelübersetzungen, »Sterndeuter« in anderen. Der Begriff »Magier« bezeichnete damals oft einen persischen Priester oder Prinzenerzieher – mit Geheimwissen ausgestattet und in heiligen Offenbarungen bewandert. Bibelwissenschaftler sehen die Sternkundigen eher in Babylon beheimatet, denn dort gab es vitale jüdische Exilgemeinden, und in Babylon blühte die Astrologie. Dass es drei Magier gewesen seien oder dass es sich um Könige gehandelt habe, wie unsere Krippendarstellungen vermuten lassen, davon steht kein Wort in der Bibel.

In der Antike galt: mit der Geburt eines großen Menschen erscheint ein neuer Stern am Himmel. Foto: mj_musik – fotolia.com

In der Antike galt: mit der Geburt eines großen Menschen erscheint ein neuer Stern am Himmel. Foto: mj_musik – fotolia.com

Was wollten die frühchristlichen Gemeinden, in denen die Geschichte von den Sterndeutern entstand und weitererzählt wurde, eigentlich sagen? Nicht die Umstände der Geburt Jesu hätten sie interessiert, erläutern die Bibelexperten, sondern der Trost für das geknechtete Volk Israel und die Christusverkündigung: Schon das Kind in der Krippe sollte als Friedenskönig und Erlöser vorgestellt werden. Matthäus habe zusätzlich die verachteten Heiden aufwerten wollen: Wie man an den Sternkundigen sehen kann, suchen auch die Heiden die Wahrheit und werden von Gott geleitet.

Vor allem aber folgt die Geschichte dem beliebten antiken Erzählmuster von der wundersamen Rettung gefährdeter und verfolgter Königskinder: Augustus, Alexander der Große, Kyrus, Mose – immer dieselbe Legende von einem um seinen Thron fürchtenden, blutige Gewalt ausübenden Machthaber, und von himmlischen Mächten, die solche Pläne durchkreuzen und den künftigen Herrscher vor dem Tod bewahren. Dazu kommt das Motiv des Sterns – in der Antike ein allgemein verständliches Symbol, um königliche Ansprüche anzuzeigen. Mit der Geburt eines großen Menschen erscheint ein neuer Stern am Himmel.

Theologen der frühen Kirche, aber auch Naturwissenschaftler späterer Jahrhunderte hielten den mit Jesu Geburt verbundenen Stern allerdings nicht nur für ein sprechendes mythisches Symbol, sondern für ein ganz reales Himmelsphänomen.

Die »große Konjunktion« am Sternenhimmel

Eine gewisse Plausibilität könnte die sogenannte große Konjunktion der Planeten Jupiter, Saturn und Mars im Sternbild Fische beanspruchen, die um das Jahr 7 oder 6 vor Christus dreimal nacheinander auftrat und erstmals von Johannes Kepler exakt berechnet wurde. Dreimal begegneten sich die Planeten: Saturn auf der äußersten Bahn um die Sonne laufend, Jupiter auf einer mittleren und die Erde auf der Innenbahn. Was wenig mit unserem Weihnachtsdatum zu tun hat, aber den Geburtstag Jesu kennt kein Mensch, und das Weihnachtsfest verdankt sich vermutlich einem Versuch des Kaisers Konstantin, ein altes Fest des Sonnengottes christlich zu besetzen. Inwieweit die »große Konjunktion« am Sternenhimmel von der Erde aus überhaupt wahrgenommen werden konnte, warum das gerade in Betlehem so deutlich der Fall gewesen sein soll und ob die einander begegnenden Planeten wirklich als ein gewaltiger Stern erschienen, darüber zerbrechen sich Astronomen bis heute die Köpfe.

Das sind interessante Spekulationen. Es kann so gewesen sein – oder auch nicht. Auch hier wieder ist der Symbolwert wichtiger als die Frage, ob das alles wirklich so stattgefunden hat. Jupiter galt in der antiken Mythologie als Königsstern und als Attribut der höchsten Gottheit Babylons, Saturn hingegen als kosmischer Repräsentant des jüdischen Volkes. Das heißt, in dieser seltenen Planetenkonstellation liefen alle Hoffnungen einer verzweifelten Welt auf die Geburt des wahren Königs und Retters wie in einem Brennspiegel zusammen. Vor allem für Palästina konnte man die Sensation am Himmel als Glücksbotschaft interpretieren.

Was allerdings zu jener Zeit noch niemand ahnen konnte: Die Zeichen am Himmel kündigten eine wahre Revolution auf der Erde an, eine Umwälzung aller gängigen Begriffe: Das schutzlose, in einem erbärmlichen Stall geborene, von Herodes verfolgte »Sternenkind« von Betlehem stellt die bisher geltenden Vorstellungen von Macht und Herrschaft auf den Kopf.

Die Liebe wird das Sternenkind von Bethlehem ans Kreuz bringen, aber die Macht dieser Liebe überdauert den Tod. Passion und Tod symbolisiert die kostbare Myrrhe, die einer der Magier dem Jesuskind darbringt und die in der Antike als Parfum und Aphrodi­siakum verwendet wurde, aber auch zur Einbalsamierung von Leichen.

Christian Feldmann

Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

Gottes Wort erweicht das Herz

31. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Eine Meditation von Landesbischöfin Ilse Junkermann zur Jahreslosung 2017

So viel ist verhärtet in unserer Welt: Da bekämpfen sich Familienmitglieder »bis aufs Blut«. Da machen sich Nachbarn das Leben schwer. Da sind Gemeindekirchenräte über ihren Pfarrer frustriert – und die Pfarrerin über die müde Gemeinde. Da treten Gemeindeglieder frustriert aus der Kirche aus, weil sie den Weg der Kirche falsch finden, weil sie sich nicht mehr verstanden fühlen und sagen: »Jetzt reicht’s! Das ist nicht mehr meine Kirche!«

Aggression und Menschenverachtung

Und: Da tönen frustrierte Menschen – oder eher Menschen voller Ängste? – auf den Plätzen und Straßen unserer Städte und Dörfer Parolen voller Aggression und Menschenverachtung. Und schlagen auch zu, ja, jagen andere durch die Stadt oder überfallen sie gar in ihrer Wohnung, nur, weil sie anders sind und eine andere Hautfarbe haben.

Von Gott angesehen, sind wir nicht festgelegt auf unsere genetischen oder sozialen Prägungen. Grafik: Hildegard Corina Hug/ars liturgica Klosterverlag Maria Laach, Nr. 6167

Von Gott angesehen, sind wir nicht festgelegt auf unsere genetischen oder sozialen Prägungen. Grafik: Hildegard Corina Hug/ars liturgica Klosterverlag Maria Laach, Nr. 6167

Aber auch noch anderes macht das Herz hart: Wenn ein Mensch nicht vergeben kann; wenn einem Menschen all das weiter auf der Seele lastet und die Gedanken besetzt, was er an Verletzungen und Missachtung erfahren hat in seinem Leben, wenn es in ihm »schafft und schafft« und er es einfach nicht gut sein lassen kann.

Und besonders macht es das Herz starr, wenn ein Mensch Schlimmes erfahren hat. Wir nennen es »Trauma«. Wenn ein Mensch körperlicher oder psychischer Gewalt schutzlos ausgesetzt ist, gegenüber der ein Mann, eine Frau, ein Kind vollkommen ohnmächtig ist, sich nicht dagegen wehren oder vor ihr fliehen kann. Ein Trauma verschließt den Mund. Die Erfahrung ist so schrecklich, dass man gar nicht darüber sprechen kann. Alles Lebendige in einem erstarrt.

Mit hartem Herzen gegen alle himmelschreiende Not

Und wie hilflos haben mich, haben Sie die Nachrichten und Bilder von den erbarmungslosen Bombardements und Kämpfen »nur« um Aleppo gemacht. Was bis dahin völkerrechtlich eine unangefochtene Vereinbarung war – die Schonung von Zivilisten und zivilen Einrichtungen wie Krankenhäusern, die Möglichkeit eines »humanitären Korridors« –, wurde einfach so missachtet, mit hartem Herzen gegen alle himmelschreiende Not, gegen alle Hilferufenden aus dieser umkämpften Stadt.

Der Prophet Hesekiel und das ganze Volk haben eine solch schwer traumatisierende Erfahrung hinter sich. Im Krieg um das Land und die Stadt Jerusalem waren sie schlimmer Gewalt ausgesetzt, schließlich verschleppt, Tausende Kilometer ins Exil; auf dem mühsamen und anstrengenden Weg dorthin sind so viele Menschen gestorben, und so viele sterben weiter, nun unter der schweren Zwangsarbeit. Das Buch des Propheten Hesekiel ist voll von schreckli-
chen Bildern und Gewalterzählungen.

Und Hesekiel erfährt solche Ohnmacht und Gewalt am eigenen Leib. Er trägt – als prophetisches Zeichen – am eigenen Körper, wie es dem ganzen Volk ergeht. Und er erinnert an das Versagen des Volkes und seiner politisch Verantwortlichen. Eigensinnig haben sie ihre Politik gemacht, gegenüber den Großmächten taktiert, anstatt auf Gottes Wort, auf das warnende Wort der Propheten zu hören.

Diese Halsstarrigkeit, diese gegenüber Gottes Gebot und Weisung verstockten Herzen haben nun zu dieser Katastrophe geführt. Wird es jemals einen Weg heraus geben? Dafür gibt es keinerlei Anzeichen! Ja, Gottes Name selbst ist beschmutzt. Wie kann das jemals wieder gut werden?

Nach langer eigener Leidenszeit darf Hesekiel die Wende ankündigen: Gott selbst wird von Unrecht reinigen. Und nicht nur das Äußere, auch das Innere wird er heilen, ja, mit seiner Schöpferkraft erneuern: »Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.«

Echter Neuanfang geht nur mit Gott

Eine so grundlegende Veränderung, wirklich Neues, einen echten Neuanfang, das kann nur Gott bewirken und schaffen: Ein lebendiges Herz, ein Herz aus Fleisch, ein Herz, das sich erweichen lässt, ein Herz, das offen ist für Gottes gutes Wort. Ein »hörendes Herz« hat sich einst König Salomo von Gott gewünscht (1. Könige 3,9), ein Herz, das auf Gottes Wort hört und ihm gehorcht. Genau darin lag Salomos sprichwörtliche Weisheit.

Egoismus, ganz auf sich selbst bezogen sein, nur das Eigene im Blick haben, eigensinnig sein, das macht das Herz hart – sei es im zwischenmenschlichen Bereich, sei es zwischen Staaten und Völkern. Gottes Wort erweicht das Herz. Sein Geist erfüllt mit Kraft und Leidenschaft für das Leben und alles Lebendige. Er bittet mit seinem Wort um Frieden und Versöhnung, um Gerechtigkeit und Ausgleich. In seinem Sohn Jesus Christus begegnet er uns als dieses »eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben«, wie es in der 1. These der Theologischen Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen aus dem Jahr 1934 heißt.

Das kommt für mich im Bild der Künstlerin Hildegard Corina Hug wunderbar zum Ausdruck: Ein Christusantlitz und ein Fingerabdruck. Christus schaut uns durch ihn hindurch an. Ein Fingerabdruck steht für das genetisch Festgelegte bei uns Menschen. Wir sind, wie wir sind. Einzigartig. Keiner und keine ist wie eine andere oder ein anderer.

Und kein Mensch kann »aus seiner Haut«. Wir hinterlassen Spuren – schöne und schlimme. Wir sind verstrickt in Unrechtszusammenhänge. So denke ich bei diesem Bild auch an unseren ökologischen Finger- beziehungsweise Fußabdruck. Durch unseren Lebensstil hinterlassen wir unschöne, ja hässliche Spuren.

Wir verbrauchen mehr Ressourcen als nachwachsen: Derzeit braucht es pro Einwohner Deutschlands 4,6 Hektar Land, um die Rohstoffe für diesen Verbrauch zu erzeugen und die entsprechenden Abfälle aufzunehmen. Für eine nachhaltige Entwicklung, die die Schöpfung bewahrt, dürften es nur 1,8 Hektar sein. Doch wie schwer gelingt Umkehr! Wer lässt sich von solchen Zahlen bewegen? Sind auch unsere Herzen hart wie Stein, wie es der Prophet sagt?

Neues ist greifbar, Umkehr ist möglich

Christus schaut uns durch den Fingerabdruck hindurch an. Sein Blick und das Wort des Propheten versprechen: Durch Gottes Geist ist Neues für uns greifbar nahe. Umkehr zum Leben, zu Frieden und zur Bewahrung der Schöpfung sind möglich. Von ihm angesehen, sind wir nicht festgelegt auf unsere genetischen oder sozialen Prägungen. Sein Blick hält uns nicht fest in einer Identität, die aus der Vergangenheit gespeist wird.

Meine Verletzungen oder meine Schuld müssen nicht Gegenwart und Zukunft belasten. Der Geist Jesu Christi wandelt mein steinernes Herz in ein fleischernes um. Er verwandelt das Herz in ein Herz, das empathisch ist gegenüber dem Leid anderer; in ein Herz, das sensibel darauf achtet, was für mich selbst und für andere dem Leben dient; in ein Herz, das ein zartes Gespür hat für Gott, die Quelle des Lebens; in ein Herz mit offenen Ohren für sein Wort, das unseres Fußes Leuchte ist.

Gottes Geist wendet Herzen zum Guten

In diesem Jahr erinnern wir in besonderer Weise an Martin Luther und alle, die mit ihm waren: Wie sie gegen alle Zukunftsangst und Widerstände auf Gott vertrauten. Wie sie sich ganz darauf verlassen haben: Gottes guter Geist kann die Herzen zum Guten wenden. Das wollen wir von ihnen lernen. Uns nicht irremachen lassen. Gott etwas zutrauen. Dass er uns verändern kann. Von Grund auf.

Ja: Menschen können sich verändern. Die eben noch übereinander hergefallen sind, können gute Nachbarn werden. Die sich eben noch angeschrien haben, können still werden. Die sich eben nicht das Schwarze unter dem Fingernagel gegönnt haben, können freigiebig werden. Das gilt für Menschen, das gilt für Gesellschaften und für Staaten.

Kostbar ist das Geschenk, das Gott uns mit diesem Wort vom neuen Herzen für 2017 macht. Und wir können darum bitten, bitten mit dem Wort aus Psalm 51,12: »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist!« Ja, von Gott und seinem guten Geist werden wir gestärkt: mit einem Herzen, das hofft, mit einer Lebenseinstellung, die Vertrauen wagt.

Dieses neue Herz, diese neue Haltung wünsche ich uns allen für das vor uns liegende Jahr 2017!

Ihre Ilse Junkermann, Landesbischöfin

Luthers Erben in Namibia

30. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Der Lutherische Weltbund lädt im 500. Jahr der Reformation  zu seiner Vollversammlung nach Namibia ein. Ein Land, das eng mit der deutschen Geschichte verbunden ist.

Für Gewehre gibt es einen eigenen Schalter auf dem internationalen Flughafen von Windhuk. Die Großwildjäger, laut und schulterklopfend, hatten schon auf dem Zehn-Stunden-Flug nach Namibia von der Lodge geschwärmt, die so schön sei und romantisch wie im Film »Jenseits von Afrika«.

Als sie in die Halle des Flughafens kommen, staunen sie, als wäre schon Weihnachten: Ein großer Chor singt »Ein feste Burg«, so kräftig, dass es ihnen in die Glieder fährt und die Gewehre von den Schultern rutschen. Was für ein Empfang!

Doch der gilt nicht ihnen, sondern einer Delegation der befreundeten braunschweigischen Landeskirche. Domprediger Joachim Hempel erinnert sich an die christlichen Umarmungen ebenso wie an die verstörten Jäger-Gesichter – deren Weltbild nicht mehr passt: Sind wir wirklich in Afrika?

Konfirmation in der Hosianna-Kirche von Windhuk – festlich gekleidete Jugendliche, umrahmt von zweitausend betenden Gemeindemitgliedern. Foto: Paul-Josef Raue

Konfirmation in der Hosianna-Kirche von Windhuk – festlich gekleidete Jugendliche, umrahmt von zweitausend betenden Gemeindemitgliedern. Foto: Paul-Josef Raue

Da stimmt kein Vorurteil mehr: Weder das romantische aus dem Kino vom Leben neben Löwenpaaren und schwarzen Hausdienern noch das politische der Tagesschau von Muslimen, die Deutschland überfremden wollen. Afrika ist anders, auch im Glauben: Auf dem Kontinent, den wir den schwarzen nennen, bekennen sich mehr Menschen zu Christus als zu Mohammed.

Ein Sonntagmorgen in der großen Hosianna-Kirche am Rande von Windhuk: Der Parkplatz ist überfüllt, Ordner weisen ein, Tausend Menschen in der Kirche, Tausend draußen – und ein ständiger Wechsel. Die Kirche ist der wöchentliche Treffpunkt.

Die Frauen, besonders die jungen, haben sich chic gemacht mit bunten Gewändern, weißen Spitzen und fantastischen Hüten, man hört die Predigt, singt im Chor Bachs »O Haupt voll Blut und Wunden«, empfängt das Abendmahl, geht immer wieder nach draußen, um mit Bekannten und Freunden zu reden, und reiht sich in eine lange Schlange ein: Vor dem Altar werden, unter den Blicken der Pfarrer, zwei große Körbe aufgestellt, die schnell mit Geldscheinen gefüllt sind – ein Korb für ein Projekt, der zweite für die Pfarrer und die Arbeit in der Gemeinde. Kirchensteuer auf namibisch.

Nach gut fünf Stunden liest einer der Pfarrer die Liste aller Mitwirkenden vor: Der Abspann wie am Ende eines guten Films – fünf Stunden Gottes– und Menschendienst an einem sonnigen Sonntag in Windhuk.

Namibia ist ein weites Land mit großen Wüsten und wenig Wasser; auf einer Fläche doppelt so groß wie Deutschland leben weniger Menschen als in Berlin. Namibia ist eine Demokratie, repräsentativ, vorbildlich in Afrika, aber trotzdem noch ein zerrissenes Land: Der Riss zwischen Schwarz und Weiß geht auch quer durch die drei lutherischen Kirchen: Die Einheit ist das Ziel, aber ein zähes Projekt, das immerhin schon eine gemeinsame Pastoren-Ausbildung kennt.

Die kleinste der Kirchen ist die deutsche, es ist die Kirche der ehemaligen Kolonialmacht. Die Missionare Luthers baten Bismarck um Schutz und Hilfe; der bat die Engländer um militärischen Schutz, bekam als Antwort: Nein, jede Macht kümmert sich um die eigenen Leute.

Das Deutsche Reich schickte Soldaten, erst wenige zum Schutz der Missionare, später 15 000, die den Stamm der Hereros vernichteten. Zum ersten Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts bekannte sich die deutsche Regierung erst vor einem Jahr.

Wessen Hautfarbe schwarz war, den schützten die Deutschen nicht, auch nicht, als die südafrikanischen Besatzer die Apartheid rigoros durchsetzten. Der Lutherische Weltbund suspendierte sogar die deutsche Kirche in Namibia und unterstützte den Freiheitskampf der Swapo.

Die Geschichte Namibias war eine deutsche Geschichte, und sie ist es bis heute. Wer auf der Autobahn von Windhuk an die Atlantik-Küste fährt, sieht am Straßenrand Menschen, die Steine auf Autos werfen: Die Struggle Kids, die Kinder des Kampfes.

Die »Allgemeine«, seit hundert Jahren die deutschsprachige Zeitung, zeigte vor wenigen Monaten ein Foto mit diesen Kindern, die eine Faust in den Himmel recken und die Autobahn blockieren. Die DDR hatte den von der Swapo aus verschiedenen Flüchtlingslagern zusammengezogenen Kindern in den siebziger Jahren Asyl gewährt, in den dunkelsten Jahren der Apartheid.

Kurz nachdem in Deutschland die Mauer gefallen war, bekam Namibia die Unabhängigkeit: Die Struggle-Kids hatten in Deutschland keine Zukunft mehr, und in Namibia waren sie die Fremden, die schwarzen Deutschen. Sogar mit eigener Sprache, dem Oshi-Deutsch, einer Mischung aus Deutsch und Oshivambo. Auch wenn sie, meist arbeitslos, nur eine kleine radikale Gruppe bilden, sind sie typisch für die Konflikte Namibias.

Die über Jahrhunderte unterdrückten Schwarzen fordern von ihrer Regierung nicht nur Mitleid, sondern auch Landbesitz, fordern Farmen, die zum großen Teil immer noch den Weißen gehören. Die Regierung zögert, will die Fehler wie im Nachbarland Simbabwe vermeiden: Dort hat die gewaltsame Enteignung die Landwirtschaft zusammenbrechen lassen. Namibia versucht den Ausgleich, der allen die Zukunft sichern soll. So wächst mit Namibianern, deren Herkunft deutsch ist, eine neue Farmergeneration heran.

Die Deutschen sind da, sie sind friedlich, haben eine eigene Kirche und einen eigenen Bischof, sie sind die Wohlhabenden im Land, die Farmer, Handwerker, Unternehmer – auch wenn mit Calle Schletwein, dem Finanzminister, nur ein Weißer in der Regierung sitzt. In Windhuk flaniert man durch die Genscher-Straße oder wohnt im Thüringer Hof; der Besuch des Museums von Swakopmund an der Küste ist wie ein Spaziergang durch die deutsche Geschichte.

Im kommenden Jahr, dem Lutherjahr, wird die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes nicht in Wittenberg tagen, sondern in Namibia – als Zeichen für die Weltoffenheit der Erben Luthers. Die deutschen Lutheraner werden sich dann das Flugzeug teilen mit den Großwildjägern, und gemeinsam werden sie wohl auch mit »Ein feste Burg« empfangen werden.

Paul-Josef Raue

Der Lutherische Weltbund (LWB) ist der Dachverband von weltweit 142 lutherischen Kirchen mit mehr als 72 Millionen Mitgliedern. Er wurde 1947 im schwedischen Lund gegründet. Das höchste Gremium des LWB ist die Vollversammlung, die in der Regel alle sechs Jahre zusammentritt.

Die 12. Vollversammlung kommt vom 13. bis 18. Juni in Namibias Hauptstadt Windhuk zusammen. Sie soll im 500. Jahr der Reformation »die ökumenische und globale Dimension der Reformation hervorheben«, wie der LWB betont.

Das Leitwort der Vollversammlung lautet »Befreit durch Gottes Gnade«. Es soll bei der Tagung in drei Unterthemen entfaltet werden: »Erlösung – für Geld nicht zu haben«, »Menschen – für Geld nicht zu haben« und »Schöpfung – für Geld nicht zu haben«

Mitgliedskirchen aus Deutschland:
Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Braunschweig, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schaumburg-Lippe, Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, Evangelische Landeskirche in Württemberg, die Lutherische Klasse der Lippischen Landeskirche, Evangelisch-Lutherische Kirche in Baden


Auf den Pfaden des Wunders

27. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Weihnachten lädt ein, darüber zu meditieren, wie wir Gott begegnen können. Die Evangelisten Lukas und Matthäus helfen dabei mit ihren wunderbar komponierten Weihnachtsgeschichten.

Lukas und Matthäus berichten – symbolisch fein verdichtet – von vier Gruppen, die alle das Weihnachtswunder erleben, auch wenn sie auf ganz unterschiedlichen Pfaden zu Gott unterwegs sind.

Heilige Familie, Gemälde von Lorenzo Costa (1460–1535). Foto: The Yorck Project

Heilige Familie, Gemälde von Lorenzo Costa (1460–1535). Foto: The Yorck Project

Maria und Josef: Die erste Gruppe ist klein, ein junges Paar. Beide tun sich anfangs schwer miteinander. Was weiß schon der eine vom anderen? Maria macht eine überwältigende Gotteserfahrung, erlebt »große Dinge« (Lukas 1,49), die sie weit über ihr Alltagsbewusstsein hinausheben in die namenlose Freude Gottes. Sie kann nicht darüber sprechen, bewegt alles in ihrem Herzen und läuft vor Josef weg zu einer Verwandten. Er schlägt sich mit Zweifeln herum, weiß lange nicht, was er tun soll, folgt schließlich aber mutig dem Engel seiner Intuition (Matthäus 1,20). Aus seinem Ja zu Maria wird ein Ja zum Göttlichen, das ungewöhnliche Anfänge setzt: »Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.« (Lukas 1,37)

Für das Neue, das durch zwei Liebende in die Welt kommen will, gibt es kein Vorbild. Wie jedes Paar müssen Maria und Josef ihren einmaligen Pfad zu Gott selbst entdecken – indem sie gemeinsam dem immer werdenden, schöpferischen Gott entgegengehen. Josef nennt das Kind »Gott mit uns«, Maria nennt es »Retter«. Sie entdecken zusammen die rettende Liebe in ihrem Ja zu dem, was ihnen Gott, der Lebendige, zutraut. Das ist der Pfad der Beziehung von Mann und Frau. Der Pfad des Vertrauens hin zur himmelweiten Herberge der Liebe, die größer ist als beide zusammen.

Die Hirten auf den Feldern repräsentieren die zweite Gruppe. Sie stehen gesellschaftlich eher am Rand. Sie besitzen fast gar nichts. Sie haben nichts zu verlieren. Die Hürden, in deren Nähe sie ihre Schafe hüten müssen, setzen ihnen deutliche Grenzen. Ihr Spielraum ist klein, ihr Leben karg, ihre Wirklichkeit hart. Ihre Erfahrung ist in und mit der Natur gereift. Von Berufs wegen müssen sie immer eines sein: aufmerksam und wachsam. Ihre Sorge um die Schafe und die Angst vor wilden Tieren trainiert die Sinne, schult die Achtsamkeit. Hirten sind gewohnt zu wachen. Sie wissen, wie wichtig es ist, sofort reagieren zu können, wenn etwas Ungewöhnliches passiert. Diese Wachsamkeit ist der spirituelle Schlüssel, um den Gesang der Engel zu hören. Nur wer wach ist, erlebt das »Sakrament des Augenblicks«. Die Hirten reagieren spontan wie Kinder: staunen, hinlaufen, schauen, davon erzählen. Alles ist so simpel wie die Zeichen »Windeln« und »Krippe«. Ihr Herz ist sofort offen für das Wunder. Ihre Augen leuchten. Ihnen reicht es, dass sie sich nicht fürchten müssen. Sie sind befreit, fern von den Hürden ihres armseligen Alltagslebens. Sie kommen mit leeren Händen und empfangen alles: »Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie.« (Lukas 2,9) Das ist der Pfad der Achtsamkeit für das offene Geheimnis Gottes, das man nur mit dem Herzen erfassen kann.

Die Magier aus dem Morgenland sind die dritte Reisegruppe. Sie verkörpern den höchsten astronomisch-astrologischen Wissensstand der damaligen Zeit. Sie sind gebildet und in der Lage, aus Langzeitbeobachtungen bestimmter Sternenkonstellationen Prognosen zu entwickeln. Dank ihrer Analysen können sie aus ihren Sternenkarten Schlüsse ziehen auf sich ankündigende historische Veränderungen: auf große Verschiebungen im Weltgeschehen und in Glaubensdingen. Früher als alle anderen sind sie aufgebrochen, in die Fremde, dem Kommenden entgegen, nur geführt vom Sternenlicht ihres kosmischen Bewusstseins. Ihr Erkenntnisinteresse und Forschergeist führt sie auf unbekannten Wegen in spirituelles Neuland. Ihr Exodus erspart ihnen aber keine Umwege und Irrtümer.

Auch kluge Köpfe können unversehens erst einmal bei den alten Machtstrukturen landen, wie die Magier bei Herodes. Damit die spirituelle Reise glücklich ans Ziel kommt, braucht es einen klaren Verstand, Unterscheidungsfähigkeit und nüchterne Selbstkritik zur mutigen Korrektur herkömmlicher religiöser Positionen. So entdecken die Magier Gott ganz neu – durch Loslassen.

Alles Kostbare, das sie aus ihrer alten Tradition mitgebracht haben, machen sie dem göttlichen Neubeginn zum Geschenk: ihr reiches Wissen, ihren Erfahrungsschatz, ihre interreligiösen Bewusstseinsfortschritte. Das ist der Pfad des Forschergeists, der die weit gereisten spirituellen Sucher in großzügig-heilige Könige verwandelt.

Simeon und Hannah, die Alten im Tempel. Wieder zwei, die nach Gott Ausschau halten. Sie gehen den unspektakulären, verlässlichen Pfad der Tradition. Den Weg, den ihre

Eltern und Großeltern kannten und unzählige Generationen davor. Sie haben sich ihr Leben lang »beim Tempel gehalten«, um hier Gott zu begegnen. Sie verkörpern die Treue zum Weg des Glaubens, wie er überliefert ist. Durch ihre Präsenz und ihr Gebet halten sie im Tempel den Raum offen, wo Gott geschehen kann. Darum stehen sie gar nicht an der Krippe. Sie bekommen das wunderbare Geschehen der Heiligen Nacht gar nicht unmittelbar mit.

Ausgerechnet sie, die beiden Frommen, sehen das neugeborene Gotteskind als Letzte. Aber sie erfahren nicht weniger als die anderen. Durch ihr verbindliches Gebetsleben sind sie alt und weise geworden. Als sie das Kind endlich sehen, wissen die beiden sofort, dass Gott sie in seine Zukunft schauen lässt. Ihre Geduld hat sie für die Klarsicht des Heiligen Geistes geöffnet, mit der sie erkennen können, dass Gott Mensch geworden ist.

Sie bezeugen, dass wir Gott in diesem Kind und – oh Wunder! – in jedem anderen Menschen erkennen können. Das ist der Pfad der gereiften Kontemplativen, deren innere Reise vom Bewusstsein für das Heilige in uns allen geleitet wurde. Es ist ihre Würde, die der etablierten Religion hilft, die eigene Tradition mit einem mutigen und allumfassenden Segen für das »Werdenkönnen« Gottes in allem Neuen zu verbinden.

Vier Pfade unter dem besonderen Segen Gottes: die gemeinsame Kreativität der Liebenden, die am Schöpferprozess Gottes teilhaben. Die Freude der Menschen, die wenig haben, vom Rand der Gesellschaft, die die gute Nachricht beglückt weitergeben. Die Klugheit der Forscher, deren kosmisches Bewusstsein den Schatz unserer Gotteserkenntnis mehrt. Und die Allgüte der Betenden, die das göttliche Kind in uns allen segnen. Vier wechselnde Pfade, Schatten und Licht – alles ist Gnade. Fürchte dich nicht!

Marion Küstenmacher

Die Autorin ist zusammen mit ihrem Mann Werner Tiki Küstenmacher Chefredakteurin des monatlichen Newsletters »Simplify your life«.

»Vom Himmel hoch …«

25. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Luthers Weihnachtslieder als theologisches Manifest – von Renate Kortheuer-Schüring

Luther selbst musizierte mit Lust. Er schrieb mehr als 30 Kirchenlieder – darunter auch das bekannte Weihnachtslied »Vom Himmel hoch, da komm ich her«.

Aus der Stahlradierung von Carl A. Schwerdtgeburth »Luthers Familie unter dem Christbaum« (1843) scheint dieses Lied förmlich zu leuchten. Luther hatte »Vom Himmel hoch« wohl 1534 zur Bescherung für seine Kinder geschrieben; vielleicht sogar speziell für seine Tochter Margarete, die im Advent geboren wurde. Der Text folgt einem Teil der Weihnachtsgeschichte: Engel, Hirten und letztlich die Gläubigen selbst kommen darin wie in einem Krippenspiel zu Wort, um den neugeborenen Heiland zu verehren.

Dass Luther seinem fünfzehn Strophen umfassenden Gedicht zunächst die Melodie eines Gassenhauers beigab, tat der heiligen Sache keinen Abbruch. Die sogenannte Kontrafaktur war damals verbreitet; neu war es allerdings, weltliche Weisen in geistliche Musik zu transponieren. Dies dürfte – neben dem Buch- und Notendruck – auch dazu beigetragen haben, dass sich die reformatorischen Gedanken so rasch und weit verbreiteten, wie der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen in seiner »Geschichte der Kirchenmusik« schreibt.

»Vom Himmel hoch« ging ursprünglich auf ein mittelalterliches Spielmannslied zurück: »Ich kumm auß fremden landen her und bring euch vil der newen mär«, hieß es, Luther übernahm die erste Strophe mit kleinen Abwandlungen fast komplett. Einige Jahre später komponierte er jedoch noch eine eigene Melodie dazu – diejenige, nach der das Lied bis heute gesungen wird.

Martin Luther im Kreise seiner Familie, singend und Laute spielend, in mittelalterlicher Stube unterm glänzenden Weihnachtsbaum: Das Bild ist eine Ikone des Protestantismus. Auch wenn die Luther-Weihnacht in dieser Form der historischen Realität von 1536 kaum entsprochen hat –  der Christbaum war noch nicht erfunden –, so spiegelt sich in den im 19. Jahrhundert verbreiteten Darstellungen doch ein ganz besonderer Aspekt der Reformation: die Musik wird zur Trägerin der Frohen Botschaft. Repro: epd-bild/akg-images

Martin Luther im Kreise seiner Familie, singend und Laute spielend, in mittelalterlicher Stube unterm glänzenden Weihnachtsbaum: Das Bild ist eine Ikone des Protestantismus. Auch wenn die Luther-Weihnacht in dieser Form der historischen Realität von 1536 kaum entsprochen hat – der Christbaum war noch nicht erfunden –, so spiegelt sich in den im 19. Jahrhundert verbreiteten Darstellungen doch ein ganz besonderer Aspekt der Reformation: die Musik wird zur Trägerin der Frohen Botschaft. Repro: epd-bild/akg-images

Als Luthers theologisch bedeutendster Choral gilt allerdings ein anderes Weihnachtslied. »Nun freut euch, lieben Christen g’mein«, 1523 als Flugblatt veröffentlicht, enthalte in Versen und Tönen Luthers ganzes theologisches Programm, erklärt Claussen. Das heute seltener gesungene zehnstrophige Lied handelt von Gottes Gnade, der Geburt des Erlösers Jesus Christus und der Rechtfertigung des Sünders. Mit der Kernthese, dass der Mensch sein Heil allein aus göttlicher Gnade gewinnen kann und nicht aufgrund eigener Anstrengungen, löste Luther vor 500 Jahren die Reformation aus. Seine Theologie ist den Protestanten allerdings inzwischen fremd geworden, wie Claussen einräumt.

Zur Zeit der Reformation dagegen wurde »Nun freut euch, lieben Christen g’mein« zu einem wichtigen Hymnus. Der »Urkantor« der evangelischen Kirche, der Kirchenmusiker Johann Walter (1496–1570), schrieb, das »Liedlein Lutheri« habe »viel hundert Christen zum Glauben bracht …«, die sonst von dessen Lehre nichts hätten wissen wollen. »Die geistlichen Lieder haben nicht wenig zur Ausbreitung des Evangeliums geholfen«, berichtete der Kantor, der 1525 mit Luther die deutsche Messe entwickelte und das erste evangelische Gesangbuch herausgab. Für viele seien die Lieder Luthers auch Tröster in Todesnot geworden.

In dem bewegten Rhythmus des Weihnachts-Chorals sind Hüpfen und Freudensprünge angedeutet. Zum Singen, Tanzen und Springen angesichts der Frohen Botschaft fordert Luther auch im Text auf: »… lasst uns fröhlich springen, / dass wir getrost und all’ in ein, / mit Lust und Liebe singen.«

An den berührenden Volkston des Lieds »Vom Himmel hoch« reicht der Choral indes nicht heran. Im Lauf der Jahrhunderte griffen viele Komponisten die Melodie dieses »Kinderlieds« auf und verwendeten sie neu, zuerst Johann Sebastian Bach (1685–1750). In seinem berühmten »Weihnachtsoratorium« finden sich allein drei Choräle, die auf Luthers »Vom Himmel hoch« fußen; auch ein Orgelwerk im kontrapunktischen Stil hat Bach dem Lied gewidmet (1748). Felix Mendelssohn Bartholdy, Max Reger und Igor Strawinsky ließen sich ebenso von dem Engelsgesang inspirieren.

Musikalisch-theologisch standen sie damit in der Tradition des leidenschaftlichen Sängers aus Wittenberg, der »von der Musica so herrlich zu reden wusste« (Kantor Walter) und sie der Theologie gleichstellte. Bis heute wird dies zu Weihnachten und mit seinen Liedern für viele Menschen besonders spürbar: Dass das Evangelium eine »gute Nachricht« ist, wie Luther sagt, »davon man singet, saget und fröhlich ist«. (epd)

Weil Jesus hier geboren wurde

24. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

In Bethlehem ist immer Weihnachten. Menschen aus aller Welt besuchen die kleine Stadt in den Bergen Judäas, weil Jesus hier zur Welt kam.

Die Geburtskirche und die Hirtenfelder werden täglich von Hunderten besichtigt, und die palästinensische Bevölkerung lebt vom Tourismus. Viele Muslime haben das Geschäft mit dem Kind in der Krippe für sich entdeckt. Jahr für Jahr ziehen mehr aus den umliegenden Dörfern nach Bethlehem. Sie bauen Hotels, gründen Souvenirgeschäfte und Restaurants, arbeiten als Schmuckverkäufer, Olivenholzschnitzer und Reiseleiter. Die biblischen Orte sind allgemeines Kulturerbe und das Weihnachtsfest ist zum Volksfest geworden.

Eine schöne Bescherung: Johnny und Marlene Shahwan verteilen jedes Jahr Tausende von Geschenkpäckchen, die im Rahmen der Aktion »Weihnachten im Schuhkarton« weltweit gepackt wurden, an palästinensische Kinder in und um Bethlehem. Foto: Johnny Shahwan

Eine schöne Bescherung: Johnny und Marlene Shahwan verteilen jedes Jahr Tausende von Geschenkpäckchen, die im Rahmen der Aktion »Weihnachten im Schuhkarton« weltweit gepackt wurden, an palästinensische Kinder in und um Bethlehem. Foto: Johnny Shahwan

Werden im Advent die Lichterketten eingeschaltet und riesige Weihnachtsbäume nach amerikanischem Vorbild erleuchtet, sind nur noch wenige palästinensische Christen unter den Feiernden. Und wenn am Heiligabend auf der großen Bühne Chöre aus aller Welt zur Ehre Gottes singen, grölen Tausende Muslime unter den Zuschauern schmutzige Worte dazwischen. Immer mehr Christen bleiben deshalb den Feiern fern.

»Ich erlaube meinen Töchtern nicht, an Heiligabend nach Bethlehem zu gehen«, sagt Abu Fuad, ein Vater von fünf Kindern und traditioneller Christ aus unserer Stadt Beit Jala. Er befürchtet, dass seine Mädchen von Muslimen angemacht werden und es zu Schlägereien kommt. Doch so sehr sich traditionelle Christen aufregen, dass ihnen ihr Weihnachtsfest durch die muslimische Mehrheit ruiniert wird – umso trauriger ist, dass sie selbst kaum noch einen Bezug zum Sinn von Weihnachten haben.

Nur noch wenige Leute kennen die biblischen Geschichten. Für sie bedeutet Weihnachten gut essen und trinken, Kleider kaufen, auf Partys gehen und gesehen werden. Sie leben ihre »christliche« Kultur, aber Auswirkungen auf ihr Leben hat das kaum. Viele Palästinenser leben eh nur für den Augenblick. Sie versuchen, die politischen Konflikte und Einschränkungen zu ignorieren und wollen nicht vertröstet werden auf eine bessere Zukunft, weil sie gar nicht mehr an eine Zukunft in diesem Land glauben. Immer mehr traditionelle Christen wandern deshalb aus.

Mitten in dieser Situation versuchen wir im Beit Al Liqa (Haus der Begegnung), Menschen mit Gottes Wort zu erreichen. Wir sagen den Christen, dass es mehr als fromme Traditionen gibt, nämlich eine persönliche Freundschaft zu Jesus. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind schon in unserem Zentrum zum Glauben gekommen.

Bei einem Sommercamp fragte unsere Mitarbeiterin Melody, ob eines der Kinder ein Gebet sprechen wolle. Da kam ein elfjähriger muslimischer Junge ans Mikrofon und betete: »Herr, danke für das Camp. Bitte schenke doch, dass wir heute alle friedlich miteinander umgehen und es keinen Streit gibt. Und bitte hilf uns, dass wir alle bei den Geschichten gut zuhören. In Jesu Namen. Amen!«

Dieser Junge hatte schon als Kleinkind in unserer Kindertagesstätte von Jesus gehört. Die muslimischen Familien am Ort vertrauen uns und bringen ihre Kinder. Manche sind nur liberal, andere sind offen für Gottes Wort.

Wie jedes Jahr werden wir in diesem Jahr wieder Tausende Geschenke im Rahmen von »Weihnachten im Schuhkarton« an Palästinenserkinder im ganzen Land verteilen. Wir bereiten ihnen Freude und erzählen, dass das Kind in der Krippe auch für sie auf die Erde kam.

Manchmal kommen Kinder und Erwachsene auf uns zu, die mehr hören möchten. Andere sagen: »Vielen Dank für die Geschenke, wir glauben trotzdem nicht an euren Jesus!«
Doch wie immer die Reaktion auch ausfällt – wir hören nicht auf, den Menschen der Provinz Bethlehem von Jesus zu erzählen. Denn diese Menschen liegen uns am Herzen. Und wir sind überzeugt, dass es Jesus genauso geht, schließlich ist Bethlehem ja sein Geburtsort!

Johnny und Marlene Shahwan

Johnny und Marlene Shahwan leben in Beit Jala bei Bethlehem. Johnny ist Palästinenser, gemeinsam mit seiner deutschen Ehefrau Marlene hat er als Mitarbeiter des christlichen Hilfswerkes »DMG interpersonal« in der Stadt Beit Jala ein »Haus der Begegnung« aufgebaut, das Kindern und Erwachsenen ein Ort der Hoffnung ist.

www.dmgint.de

Eine Gemeinde im Sturm

20. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Während der blutigen Aus­einandersetzungen in Kiew stand vor zwei Jahren die Deutsche Lutherische Gemeinde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Harald Krille sprach mit dem früheren sächsischen Oberlandeskirchenrat Martin Lerchner, der derzeit in Kiew Dienst tut, über die Situation heute.

Herr Lerchner, Sie haben als Ruheständler Vertretungsdienste in Kiew übernommen. Wie ist es dazu gekommen?
Lerchner:
Im letzten Jahr hat diese Gemeinde große Verunsicherungen erfahren. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen dem Bischof in Odessa und der Kiewer Gemeinde, der vor einem Jahr den von der EKD entsandten Pfarrer gewaltsam absetzen wollte. Inzwischen hat sich die Kiewer Gemeinde St. Katharina von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) trennen müssen und orientiert sich an der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Dazu kam im Frühjahr 2016 der plötzliche Tod von Pfarrer Schäfer. Die Pfarrstelle, die zurzeit ausgeschrieben ist, soll im Sommer 2017 wieder besetzt werden. Das Kirchenamt der EKD hat deshalb Ruheständler gebeten, für Vertretungsdienste zur Verfügung zu stehen.

Was ist der Hintergrund der Spannungen mit der DELKU?
Lerchner:
Ich kann mich nur auf das verlassen, was andere mir berichtet haben: Im Wesentlichen ist es wohl ein Konflikt mit dem Bischof, der eine hierarchische Führung aufgebaut hat. Bischof Serge Maschewski trifft seine Entscheidungen und erwartet Gehorsam. Wer widerspricht, wird entlassen. Statt in Konflikten zu vermitteln, hat man den Eindruck, dass er es lieber auf Konfrontation ankommen lässt.

Ist Ihnen die Entscheidung leichtgefallen, nach Kiew zu gehen?
Lerchner:
Da ich in den letzten zwölf Jahren meines aktiven Dienstes – zwar sehr gern – nur noch kirchenleitend tätig war, habe ich mich über die Anfrage sehr gefreut. Als ich mich fürs Theologiestudium entschied, wollte ich ja nicht »Kirchenleiter«, sondern Pfarrer werden. Allerdings waren so manche Vorurteile präsent.

   Martin Lerchner versieht derzeit in der Kiewer Katharinengemeinde den Vakanzdienst. Im kommenden Jahr soll die Pfarrstelle wieder regulär besetzt werden. Foto: privat

Martin Lerchner versieht derzeit in der Kiewer Katharinengemeinde den Vakanzdienst. Im kommenden Jahr soll die Pfarrstelle wieder regulär besetzt werden. Foto: privat

Und wie ist es nun in Kiew?
Lerchner:
Kiew ist eine moderne, junge und lebendige Stadt, in der es sich gut leben lässt. Allerdings sind krasse Wohlstandsunterschiede deutlich zu bemerken: auf der einen Seite Kraftfahrzeuge, die eher an Waffen als an Transportmittel erinnern, auf der anderen Seite bettelnde ältere Menschen, denen die Rente nicht zum Leben reicht. Und natürlich habe ich im Laufe der Zeit mitbekommen, dass die kriegerischen Konflikte in der Ostukraine viele Familien persönlich betreffen. Wenn ich es richtig sehe, sind unter den jüngeren Menschen viele, die gut gebildet sind, zum Teil mehrere Sprachen gut beherrschen. Gleichzeitig scheint eine größere Gruppe, vor allem älterer Menschen, nichts Gutes mehr vom Leben zu erwarten. Die Kosten steigen und das Geld reicht nicht, sodass die Unzufriedenheit steigt. Nahezu täglich sind im Stadtgebiet Demonstrationen zu bemerken.

Wie ist die Situation in der Deutschen Lutherischen Gemeinde?
Lerchner:
In Kiew höre ich immer wieder stolz: Wir sind eine deutsche lutherische Gemeinde. Allerdings höre ich das fast immer auf Russisch. Zwar stammen sehr viele der etwa 200 Gemeindeglieder aus deutschen Familien. In Zeiten der kommunistischen Herrschaft war es allerdings kaum möglich, die deutsche Sprache und Kultur und den lutherisch geprägten Glauben weiterzugeben. Und doch sind ein tiefes Wissen und eine ungestüme Sehnsucht wahrzunehmen: Wir sind eine deutsche lutherische Gemeinde. So sind sonntags siebzig bis achtzig Personen regelmäßig im Gottesdienst, in dem Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch gesungen und die Predigt und andere Texte ins Russische übersetzt werden.

Sie predigen nicht auf Russisch?
Lerchner:
Ich bin überaus dankbar dafür, dass die Gemeindesekretärin sehr gut übersetzen kann. Sie ist nicht nur eine Übersetzerin, sondern eine Person, der man eine geistliche Prägung abspürt. Die Gläubigen kommen mit großem geistigem Interesse zum Gottesdienst, in dem alle Altersgruppen vertreten sind. Nach jedem Gottesdienst findet ein Treffen mit bis zu zwanzig Personen statt, die sich mit ihren Erfahrungen und Fragen in dieses Gespräch einbringen. Es gibt zudem einen wöchentlichen Bibelgesprächskreis. Großes Interesse an der Arbeit der Kirchengemeinde und am Pfarrer haben darüber hinaus die zahlreichen Deutschen, die – an der deutschen Schule, im diplomatischen Dienst und in anderen Bereichen – auf Zeit hier mit ihren Familien leben.

Die Gemeinde und ihr damaliger Pfarrer Ralf Haska haben sich in den blutigen Majdan-Auseinandersetzungen Anfang 2014 einen Namen durch ihre parteiübergreifende Hilfe gemacht. Ist von dieser Haltung heute noch etwas zu spüren?
Lerchner:
Diese Erfahrungen haben die Gemeindeglieder sehr geprägt und sie sind mit Recht stolz darauf. Von der Haltung ist zumindest so viel zu spüren, dass die Gemeinde – trotz immenser finanzieller Schwierigkeiten – immer wieder notleidende Menschen unterstützt.

Ein Gesang aus 28 500 Kehlen

19. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Alle Jahre wieder singen Fans am 23. Dezember im Stadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick Weihnachtslieder – der wohl größte Weihnachtschor Deutschlands.

Wenn am 23. Dezember im Stadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick das Flutlicht ausgeht, entzünden die Menschen ihre Kerzen. Zum Kirchengeläut entsteht auf dem Rasen und auf den Rängen ein Lichtermeer. Eine Gänsehaut-Atmos­phäre, die selbst in dem Kultstadion im Berliner Osten nicht alltäglich ist. Dicht gedrängt stehen die Menschen, viele tragen die rot-weißen Farben ihres Vereins, des 1. FC Union Berlin. Heute sind sie ins Stadion gekommen, um Weihnachtslieder zu singen. Im Schein der Kerzen blicken sie in ihre Liederhefte und singen gemeinsam: »Es ist ein Ros entsprungen«. 28 500 Menschen sind gekommen, der wohl größte Weihnachtschor Deutschlands. Sie kommen von nah und fern, aus Berlin und aus München, aus dem Berliner Umland und aus dem europäischen Ausland, die Tagesschau hat unlängst berichtet.

Ob jung oder alt, Männer oder Frauen, ob arm oder reich: heute Abend stehen sie beieinander und singen gemeinsam. Sie alle sind gekommen für die einmalige Atmosphäre. Da kommen Menschen zusammen, die sich wohl sonst kaum begegnen würden. Hartgesottene Kerle, die jedes Wochenende auf der Waldseite, in der Fankurve stehen, singen hier nun »Ihr Kinderlein kommet«. Weihnachtslieder und Fangesänge des traditionellen Arbeitervereins 1. FC Union wechseln sich ab. Ein »Eisern Union« folgt auf »Süßer die Glocken nie klingen«. Viele sind gerührt, haben Tränen in den Augen. Der Schülerchor eines Köpenicker Gymnasiums führt den vielstimmigen Gesang an. Junge Ultra-Fans, als Weihnachtsmänner verkleidet und sonst für die Stimmung auf den Rängen verantwortlich, spendieren Kindern Nüsse und Süßigkeiten. Weihnachten für alle, organisiert von den Fans. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich.

Eine Institution: Seit Jahren pilgern Tausende zum traditionellen Weihnachtssingen des 1. FC Union Berlin in das Vereinsstadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick, auch der Autor des Beitrags. Foto: epd-bild / Ottmar Winter

Eine Institution: Seit Jahren pilgern Tausende zum traditionellen Weihnachtssingen des 1. FC Union Berlin in das Vereinsstadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick, auch der Autor des Beitrags. Foto: epd-bild / Ottmar Winter

Dabei war der Start im Jahr 2003 noch recht verhalten und eher aus der Not geboren. Der 1. FC Union hatte eine durchwachsene Hinrunde gespielt, und vielen Fans war mit Blick auf Weihnachten nicht nach Feiern zumute. So trafen sich beim ersten Mal – noch ohne Unterstützung des Vereins – 89 Hartgesottene bei zehn Grad unter Null mit Glühwein aus Thermoskannen am Mittelkreis auf dem »heiligen Rasen« des Stadions an der Alten Försterei und sangen bei Kerzenschein gemeinsam Weihnachtslieder. Ein Mythos war geboren. In den nächsten Jahren kamen jedes Jahr mehr Menschen, und inzwischen übersteigt die Nachfrage bei Weitem die Kapazität des Stadions. Die Fans haben das Weihnachtssingen zu einem festen Bestandteil ihrer Weihnachtstraditionen gemacht.

Einer von ihnen ist Peter Müller, der einst Pfarrer in Köpenick war.

Ihn haben die Fans gebeten, im Stadion die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium zu lesen: »Es begab sich aber zu der Zeit …« Eine besondere Stimmung ist dann auf den Rängen des Stadions zu spüren. Viele hören die alten Worte vermutlich zum ersten Mal. Inzwischen ist Peter Müller fester Bestandteil des Weihnachtssingens und der Union-Familie. Die Fans sprechen von ihm als »ihrem Pfarrer«, zuweilen gibt es im Stadion zu den Heimspielen Fangesänge mit seinem Namen.

Seine Frau hat ihm für das Weihnachtssingen einen rot-weißen Schal mit zwei Kreuzen gestrickt. Den trägt er jetzt, wenn er die Weihnachtsgeschichte liest, wenn er das Vaterunser mit Tausenden Menschen betet und wenn er dieser besonderen Gemeinde für das Weihnachtsfest den Segen Gottes zuspricht. Und das alles im weitgehend säkularisierten Osten Berlins.

Für viele ist dies die einzige Begegnung mit Kirche im ganzen Jahr – und der Eindruck ist positiv: »Ich war dieses Jahr noch nicht in der Kirche, aber ich finde es gut, dass hier der kirchliche Gedanke mit rübergebracht wird«, sagt ein Fan mit rot-weißem Bauhelm, der ihn als einen der Stadionbauer ausweist. Eine junge Frau, angesprochen auf die kurze Predigt von Pfarrer Müller, sagt: »Dit war richtig jut. Super jemacht. Besser als in der Kirche.«

Für viele Menschen gehört das Weihnachtssingen inzwischen zum Weihnachtsfest dazu. Der 23. 12., 19 Uhr, mit der Familie und Freunden Weihnachtslieder singen und die Weihnachtsgeschichte hören: so geht Weihnachtsfreude beim 1. FC Union Berlin im Stadion an der Alten Försterei, dem größten Weihnachtschor Deutschlands.

Ramón Seliger

Der Autor ist Vikar in Weimar, Hobby-Fußballer und Mitglied beim 1. FC Union Berlin.

Weihnachten in aller Welt

18. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Die Botschaft von der Geburt Jesu unter den Menschen ist kultur- und grenzübergreifend

Jesus von Nazareth kam in Bethlehem in Judäa zur Welt. So weit die Fakten. Doch für die meisten von uns ist Jesus von Geburt her gefühlt wohl doch eher Bayer, Österreicher oder Schweizer. Denn für viele gehört zur perfekten Weihnacht nicht nur glitzernder weißer Schnee. Die Geburt des Herrn stellen und stellten sich Künstler, Spielzeugindustrielle und eben auch viele andere Menschen in einer alpenländischen Bergkulisse vor.

Slumkrippe aus Peru. Fotos: epd-bild/Andrea Enderlein

Slumkrippe aus Peru. Fotos: epd-bild/Andrea Enderlein

Doch Kälte, Dunkelheit, Frost und Schnee gehören anderenorts nicht automatisch zum Weihnachtsfest dazu. Und auch unter den Advents- und Weihnachtsliedern des evangelischen Gesangbuches findet sich nur eines, das in Lateinamerika, Australien oder Afrika nicht funktionieren würde, wo Weihnachten in sommerlicher Hitze gefeiert wird. Denn »Es ist ein Ros entsprungen« handelt laut Text »mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht«. Ansonsten spielt das Wetter keine Rolle in unseren Liedern der Weihnacht. »Es gibt Dinge, die müssen übertragen werden, damit sie in anderen Ländern und Kulturen verstanden werden. Anderes dagegen ist überall gleich, wird überall verstanden und verbindet so die Kulturen miteinander«, erklärte Augustinerpfarrerin Irene Mildenberger beim Augustinergespräch in Erfurt. Mildenberger zeigte anhand von Liedern, Texten und auch Videoaufnahmen, wie vielfältig, anders­artig und doch auch verbindend das Weihnachtsfest in der Welt begangen wird. Flirrende Hitze, heulende Dingos, Viehtreiber in der Prärie – davon handelt ein bekanntes australisches Weihnachtslied. In »The three Drovers« erscheint den Viehtreibern in der Ebene der Stern. Menschen und Tiere feiern in der ausgedörrten Prärie die Ankunft eines Königs. Ein Weihnachtslied der kanadischen Huronen-Indianer dagegen besingt die Geburt des Jesuskindes in den jahrhundertealten Bildern des Stammes. Geister vom Himmel bekunden die Geburt, Älteste kommen und huldigen dem Kind und salben ihm zur Verehrung den Skalp. »Diese Lieder zeigen, dieses Kind kommt direkt zu diesen Menschen. Es ist unter uns geboren, für uns da«, so Mildenberger. »Weihnachten hat eine kulturübergreifende Bedeutung, die überall auf der Welt funktioniert.« Das Lukas-Evangelium, das Motiv der Armut und Heimatlosigkeit, Hirten, Arme und Ausgestoßene als Zeugen und erste Gäste des erwarteten Jesuskindes, die Nacht, die Weisen, der Stern, aber auch die Erfahrung von Flucht und Verfolgung, all diese Elemente verstehen, kennen und tradieren die Völker der Welt, wenn es um das Weihnachtsfest geht. Jesus hat sich den Armen und Schwachen der Gesellschaft zugewandt, und dies schon im Augenblick seiner Geburt. Das versteht man überall auf der Erde. »Die zentrale Botschaft«, betonte Mildenberger, »ist überall gleich: Gott kommt auf die Erde, um uns zu erlösen.«

Trotz aller regionalen Unterschiede und Besonderheiten des Festes der Feste gibt es einige Weihnachtstraditionen, die der deutsche Sprachraum bis heute in alle Welt exportiert hat. Da ist zum einen der Tannenbaum, der es aus deutschen Landen, über die privaten Salons der königlichen Familie in England bis heute in fast jedes Wohnzimmer auf allen Kontinenten der Welt geschafft hat. Und »Stille Nacht, heilige Nacht« ist zu dem Weihnachtsklassiker überhaupt geworden. Ein Lied, das weltweit in 150 Sprachen und 200 verschiedenen Fassungen gesungen wird. Für Liebhaber des Außergewöhnlichen existieren sogar Fassungen im »Elbisch« der »Herr der Ringe«-Sage und in »Star Trek-Klingonisch«.

Diana Steinbauer

Sie erkannten die Zeichen der Zeit

18. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Anders als ihr Ruf: Hirten genossen zur Zeit Jesu Vertrauen und Respekt

Kommt, wir wollen nach Bethlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das der Herr geweissagt hat.« So sprechen die Hirten und brechen auf. Jahr für Jahr hören wir ihre Botschaft, dass ein Kind geboren worden sei, dass es in einer Krippe liege und dass bald das ganze Volk von einer großen Freude ergriffen werde. Aber was wissen wir über sie, die Hirten?

»Räuber und Betrüger« sollen sie gewesen sein, »Strolche und Tagediebe«. So sagen es einige Exegeten. Aber waren die Hirten zur Zeit Jesu tatsächlich zwielichtige Gestalten, genauso verdächtig und unbeliebt wie Zöllner und Steuereintreiber, ständig in der Versuchung, in die eigene Tasche zu wirtschaften, das eine oder andere vom Ertrag der Herde zu ihren Gunsten zu unterschlagen? – Ich glaube das nicht.

Die Hirten beim Krippenspiel. Foto: epd-bild

Die Hirten beim Krippenspiel. Foto: epd-bild

»Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.« Wie kommt der Hirte zu diesem Ehrentitel – wie im 23. Psalm –, wenn er doch ein verschlagener Lotterbube gewesen sein soll? Nein, der Hirte war nach allem, was ich über ihn in Erfahrung bringen konnte, eher eine Vertrauens-, eine Respektsperson. Denn Land- und Viehwirtschaft bildeten in der altorientalischen Welt die Lebensgrundlage. Das Vieh lieferte Milch, Wolle, Fell und Fleisch. Manche Tiere dienten als Arbeitskräfte. Aber nicht nur das. Die wandernden Viehherden wurden gebraucht, um das bewirtschaftete Land zu düngen und zu »überhüten«. Das bedeutet, die Schafe wurden über die Getreidesaaten getrieben, nicht zu schnell und nicht zu langsam, sondern gerade so, dass sie einen Teil der jungen Halme wegfraßen, sodass die übrigen umso kräftiger wuchsen. Auch zum Dezimieren des Unkrauts diente das Überhüten.

Der Hirte – oder die Hirtin, denn es waren auch Frauen darunter – war also nicht nur ein bloßer »Aufpasser«. Er musste seine Herde nicht nur vor wilden Tieren und Dieben schützen. Er war – wie wir heute sagen würden – eine Fachkraft und hoch qualifiziert. Er musste sich auskennen mit Wind und Wetter, den Eigenarten der Böden und Pflanzen. Er musste wissen, wo Wasserstellen waren und wo seine Tiere sicher lagern konnten. Er brauchte züchterische Erfahrung für die Vermehrung der Tiere. Er musste sie vor Erkrankungen schützen, sie richtig füttern und tränken, melken, scheren und schlachten. Und: Er musste rechnen können. Denn wenn er mit seiner kleinen Herde nicht nur sich und seine Familie durchbrachte, sondern Lohnhirte war für größere Viehbestände, dann wurde einmal im Jahr mit dem Besitzer abgerechnet, und der Hirte bekam seinen Lohn aus dem Ertrag der Herde.

Das Land Palästina besteht überwiegend aus Gebirge und Steppen. Hier wurden vor allem Kleinviehherden aus Schafen und Ziegen gehalten. Jeden Morgen zogen die Hirten mit ihrer Herde los, im Sommer über das abgeerntete Kulturland, im Winter über die Steppe. Sie waren bewaffnet mit »Stecken und Stab« und einer Steinschleuder, mit einer Provianttasche, einem Zelt und – ganz wichtig – einem Wasserschlauch. Hier draußen in der Abgeschiedenheit waren die Hirten oft auf sich allein gestellt, allenfalls begleitet von einem Hütehund. Das Flötenspiel war oft die einzige Abwechslung. So zogen sie von Weideplatz zu Weideplatz, von Wasserstelle zu Wasserstelle und dann zum nächtlichen Ruheort auf freiem Feld, in Höhlen oder in Pferchen aus Steinen oder Gestrüpp. Die Hirten kannten sich aus in ihrer Gegend, in ihrem Land.

Sie waren geschätzt, nicht verachtet. »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.« Das Alte wie das Neue Testament sind voll von respektvollen Anspielungen auf das Hirtenamt. Und viele Christen nennen nicht von ungefähr den Leiter ihrer Gemeinde »Pastor«, »Hirte«.

Der Hirte verkörpert die Legitimität einer Herrschaft des Einzelnen über die vielen, die er nicht aus Willkür oder Abstammung bezieht, sondern daraus, dass er Verantwortung übernimmt für Versorgung, Schutz und Ordnung – und sich bewährt.

Doch diese Vollmacht des Freien, der sich mit Verantwortung und mit Verstand an seine Herde bindet, kam mehr und mehr unter die Räder, als die Römer kamen. Sie bevorzugten bei der Lebensmittelproduktion vor allem die Getreidewirtschaft – vielleicht auch deshalb, weil sich Getreide­erträge besser besteuern, lagern und exportieren ließen als die Erträge der Viehwirtschaft. Diese wurde zurückgedrängt. Der soziale Abstieg der Hirten begann. Viele verloren ihre Arbeit, wer Hirte blieb, wurde nur noch kärglich entlohnt.

Mag sein, dass die Not dieser Zeit manchen Hirten dazu trieb, eine fremde Weide zu nutzen und das eine oder andere Lamm zu unterschlagen. Mag sein, dass ihr Ruf dadurch litt. Mit Sicherheit aber gehörten die Hirten zu jenen, die die Folgen der römischen Herrschaft und die Zeichen der Zeit mit als Erste erkannten. Vielleicht waren sie, die an den Rand Gedrängten, Hüter der Herden, besonders empfindsam für das Vergehen am Volk. Und vielleicht traten in jener Nacht, als in einem Stall zu Bethlehem – in einem Stall! – ein Kind geboren wurde, die Worte des Propheten Micha ganz klar aus der Erinnerung vor ihre Augen, als hätte ein Engel zu ihnen gesprochen:

»Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. (…) Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des Herrn und in der Macht des Namens des Herrn, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.« (Micha 5,1-4)

Jörg Göpfert

Der Autor ist Studienleiter Umwelt und Soziales an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Ein Magnetenleben

14. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Rumänien: Als die ersten Bergleute aus dem siebenbürgischen Schiltal 1997 entlassen wurden, meinte die Regierung, aus den Abfindungsgeldern ließen sich Kleinunternehmen gründen. Firmeninhaber wurden aus den Arbeitern nicht, aber ameisenfleißig arbeiten sie an dem großen Recycling ihrer Region.

Vorne steht ein gelbliches, vierstöckiges Gebäude, das früher als Lagerraum diente. Aus einem Fenster werfen zwei Jungen mit Kapuzenpullis einen vier Meter langen Metallträger. Drei weitere Jungen übernehmen und schmeißen ihn neben die anderen fünf Balken, in den kleinen Anhänger eines gelben Dacia. Aus dem Gebäude dröhnt das monotone Aufschlagen der Hämmer auf Beton und ab und an auf Metall. Staubwolken steigen auf. Drinnen arbeiten 15 bis 20 Menschen. Sie sind Alteisensammler, »Magneten«, wie die Einheimischen sie nennen. Sie kommen früh, um acht oder neun, und bleiben hier bis es dunkel wird und die Recyclinghöfe zumachen. An Recyclinghöfen mangelt es in Petrila nicht. Alle kaufen Altmetall an, vor allem Eisen und Kupfer, aber auch Plastikbehälter, »Kanister«, wie die Einheimischen sagen. Die Recyc­linghöfe übernehmen die Ware, ohne viele Fragen zu stellen.

Das große Geschäft machen andere
Letztes Jahr hat die Regierung die Auflagen verschärft, nachdem an mehreren Orten der Zugverkehr wegen geklauter Kabel, Einfahrtssignale und anderer Metallteile lahmgelegt war. Betreiber von Wertstoffsammelstellen sind jetzt verpflichtet, die persönlichen Daten ihrer Alteisen- und Kupferlieferanten aufzunehmen, um die Herkunft der Metalle verfolgen zu können. Doch niemand kann genau sagen, inwieweit die neuen Bestimmungen in abgelegenen Orten jenseits der Großstädte tatsächlich eingehalten werden.

Ohne Helm und Sicherung zerlegen rumänische Altmetallsammler ein Lagergebäude aus Stahlbeton, um an das begehrte Armierungseisen zu kommen. Wenn sie Glück haben, finden sie auch noch Kupferleitungen im Bauwerk. – Foto: George Poqe Popescu

Ohne Helm und Sicherung zerlegen rumänische Altmetallsammler ein Lagergebäude aus Stahlbeton, um an das begehrte Armierungseisen zu kommen. Wenn sie Glück haben, finden sie auch noch Kupferleitungen im Bauwerk. – Foto: George Poqe Popescu

Das in Rumänien gesammelte Alteisen wird zum größten Teil exportiert. Für jedes angekaufte Kilo zahlen die Recyclinghöfe im Schiltal zwischen 13 und 16 Cent, und sie verkaufen das Metall doppelt so teuer an Großhändler. Der Schrott wechselt dann mehrmals die Hände, bevor er in Constanta auf Schiffe geladen wird und bei den Schmelzwerken in der Türkei und in Deutschland ankommt. Das Geschäft ist sehr lukrativ, vor allem für den größten Spieler auf diesem Markt, die schwäbische Scholz AG, die in Rumänien 1 000 Menschen beschäftigt und 75 Filialen unter den Namen Remat Holding und Remat Invest betreibt.

Das gelbliche Gebäude, das die Magneten abreißen, hat die Mine nach der Wende veräußert, es gehört jetzt einem inzwischen insolventen Unternehmen. Der Hauptgläubiger, die rumänische Sparkasse, hat vor Kurzem eine Vertreterin vor Ort geschickt. Sie hat die Polizei gerufen, aber die Beamten erklärten, dass der magere Haushalt der Kommune keine groß angelegten Dauereinsätze zum Schutz des Gebäudes ermöglicht.

Umgerechnet fünf Euro für einen Tag Schwerstarbeit
Vorne wartet der gelbe Dacia. Drinnen knallen weiter die Hämmer. Zur Not organisieren die Kollegen eine Säge, doch das Gros der Arbeit wird mit dem Hammer erledigt. Wenn der Balken fällt, klopfen sie den Beton ab, bis das Metallskelett freiliegt. Sie schauen, ob jemand unten ist, und werfen das Teil aus dem Fenster. Helm oder Handschuhe trägt keiner, die sind zu teuer für einen Magneten. Wenn er allein arbeitet, kann ein Magnet täglich 20 bis 30 Kilo Alteisen in seiner Karre oder in seinem Sack auf den Recyclinghof bringen. Abends bekommen die Menschen dafür höchstens fünf Euro.

Einige Meter weiter arbeiten drei Männer mit Spitzhacken in einem Graben. Heute haben sie nichts gefunden. »Wir schuften hier wie die Zuchthäusler«, sagt der Älteste und Gesprächigste der Gruppe. »Ich grabe hier nach Alteisen, seitdem ich bei der Umstrukturierung entlassen wurde. Das war 1997.« Er heißt Dorel Ciuci und trägt eine dunkelrote Arbeitshose und eine schwarze Mütze, die seine Halbglatze versteckt. Geboren ist er in Petrosani und aufgewachsen hier, in Petrila. Er hat eine Maurerausbildung. Lange war er bei der Mine angestellt, wo er die Schachtwände ausmauerte. Nach der betriebsbedingten Kündigung war seine Abfindung schnell weg – ebenso wie seine Frau mit den Kindern.

Keine Chance auf eine reguläre Anstellung
Seit der Entlassung hat er keine ordentliche Stelle gefunden, für einen Rentenanspruch ist es zu früh. »Aber wenn du mit 54 Arbeit suchst, guckt dich der Patron an und sagt dir: ›Du bist schon alt, Mann!‹ Oder er stellt dich schwarz ein und nach zwei Monaten fängt er an, dir was vom Pferd zu erzählen, statt dir den Lohn zu zahlen.«

Dem gelblichen Gebäude, das die Jungen gerade abreißen, möchte er lieber fernbleiben, denn er hat Angst, dass die tragende Struktur unkontrolliert zusammenbricht. Stattdessen sucht er mit den beiden jüngeren Kollegen weiter nach Altmetall in Löchern und Gräben. »Wenn du auf Kupfer stößt, machst du mehr Geld. Aber auch mit dem Eisen kannst du Glück haben. Vor zwei Jahren habe ich riesige Zahnräder ausgegraben. Da hatte ich über 100 Euro in einer Stunde.«

Das Problem ist, dass bei den Re­cyclinghöfen die Waagen manipuliert sind, sagt der Mann. Und dass die Polizei die Magneten schikaniert. Sie kommt ab und an und verteilt Strafzettel, die niemand zahlen kann. Dementsprechend können die Magneten keine Bankkonten mehr eröffnen, weil sie unbezahlte Geldstrafen angesammelt haben.

Wenn dann ein Träger plötzlich wegbricht
Gegenüber dem gelblichen Gebäude klopfte Dorel Ciuci an einer Baracke aus Backstein, als sein Glück ihn verließ. Er hatte einen zwölf Meter langen Betonträger gefunden und versuchte, das Armierungseisen herauszubekommen. Knapp einen halben Meter war es noch bis zum Ende des Trägers, als das Betonstück plötzlich nachgab und auf ihn fiel. Er fing an, vor Schmerz zu schreien, »wie ein Verrückter«. Die anderen Magneten, die in der Nähe arbeiteten, sind weggelaufen, aus Angst, dass jemand kommen und Fragen stellen würde.

»Hätte ich dieses Handy nicht dabei gehabt, wäre ich jetzt tot«, erzählt der Mann zwei Wochen später. Noch unter dem Betonbalken hatte er es hinbekommen, die Notrufnummer 112, danach auch die Frau, bei der er wohnt, anzurufen. Fünf oder sechs Jungen waren schnell mit einem Auto angefahren gekommen und hatten ihn herausgezogen, noch bevor der Krankenwagen kam. Sie brachten ihn ins Krankenhaus in Petrosani, wo er drei Tage später operiert wurde.

Behandlung im Krankenhaus nur gegen Bares
Nach der OP, als Ciuci wieder wach war, fragten Arzt und Chefkrankenschwester, ob er eine Versicherung hätte. Er antwortete, dass er keine hätte, und auch kein Geld für die Behandlung. Sie sagten ihm, dass er das Krankenhaus verlassen müsse, wenn er nicht zahlen könne.

Schließlich gewährten sie ihm einen zweiwöchigen Aufenthalt. Sie sagten ihm, dass er jeden Tag eine Spritze mit einem Medikament gegen Blutgerinnung bekommen müsse, sonst sterbe er. Eine Dosis kostet zwei Euro, und die Kosten der dreimonatigen Behandlung werden nicht vom Krankenhaus übernommen.

Eine Woche später besorgte ihm seine Schwester einen Rollstuhl, in dem er schließlich entlassen wurde. Er rollte zur Agentur für Arbeitskräfte und meldete sich offiziell arbeitsunfähig. Das Geld von diesem Amt reicht ihm für 14 Spritzen im Monat. Die Kollegen, die auf dem alten Minengelände graben und klopfen, brachten ihm ab und an etwas zu essen oder ein paar Lei.

Aus dem gelblichen Gebäude haben die Magneten, fleißig wie die Ameisen, inzwischen das ganze Alteisen abtransportiert.

Silviu Mihai

Tausendfach erzählt, immer wieder neu

12. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

»Es begab sich aber zu der Zeit …« – Kaum eine andere Geschichte der Bibel ist so bekannt wie die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium, auch unter Konfessionslosen. Landauf, landab wird sie zu Weihnachten auf die Kirchenbühne gebracht. Doch Krippenspiel ist nicht gleich Krippenspiel.

Elsterwerda – Die klassische Geschichte unter freiem Himmel
Es war dunkel, es war kalt. So war es in Bethlehem. Und so wird die Szenerie des diesjährigen Krippenspiels in Elsterwerda sein. »Wir feiern den Weihnachtsgottesdienst unter freiem Himmel«, kündigt Pfarrer Kersten Spantig an. Die Idee wurde eher aus einer Not heraus geboren, denn die Stadtkirche ist seit September wegen Bauarbeiten gesperrt. Aber die Kirchengemeinde hatte ohnehin den Wunsch, hinauszugehen in die Öffentlichkeit, präsenter zu sein, unter den Menschen zu sein. Deshalb wurde aus der Baustellen-Not eine Tugend: Das Krippenspiel wird auf dem Marktplatz aufgeführt!

Rund 20 Kinder werden auf der Bühne stehen und die Geschichte von Jesu Geburt erzählen; Kindergarten- und Christenlehrekinder sowie Konfirmanden. Seit vielen Wochen proben sie schon. Viel zu tun hat auch das Vorbereitungsteam, das sich um Licht und Lautsprecher kümmert, um den Kulissenbau und die Werbung.

Die Gottesdienstbesucher werden stehen, deshalb soll die Christvesper kurz, aber prägnant werden; klassisch mit Predigt, gemeinsamem Singen und Krippenspiel. Die Stadtverwaltung, sagt Pfarrer Spantig, hat das Vorhaben sehr wohlwollend begleitet. Der Bürgermeister, der nicht christlich ist, wird den kirchlichen Posaunenchor auf der Trompete begleiten, dann soll »Stille Nacht« erklingen.

Pfarrer Kersten Spantig hofft, dass viele Menschen kommen und staunen. So wie beim »Messias«, den die Kantorei neulich aufführte – wegen der Kirchensperrung in einer Mehrzweckhalle. Das Konzert war gut besucht.

Zeitz – Schon die Kleinsten spielen mit
Es war die Idee der Erzieher. Sie wollten die Vorbereitungen für das traditionelle Krippenspiel des evangelischen Kindergartens in Zeitz auf mehrere Schultern verteilen. Alle Kolleginnen sollten mithelfen. Und so war die Idee geboren, auch alle Kinder einzubeziehen – vom Laufanfänger bis zum Vorschüler.

»Die Großen haben Sprechrollen, auch in Reimform. Das lässt sich für sie leichter merken.« Und die Kleinen? »Sie tanzen, übernehmen Statistenrollen, spielen die Schäfchen auf der Weide bei den Hirten«, sagt Erzieherin Katrin Fuhrmann. Eine halbe Stunde dauert das Krippenspiel, geprobt wird seit Mitte November, aufgeführt wird es bereits am vierten Advent in der Zeitzer Stephanskirche, im Anschluss wird zum Weihnachtsmarkt eingeladen.

Wittenberg – Uwe Birnstein und die Zeitmaschine
Dem Theologen und Journalisten Uwe Birnstein juckte es nach Jahren, in denen er konventionelle Krippenspiele gesehen hatte, in den Fingern. »Ich dachte damals an meinen elfjährigen Sohn. Er sollte nicht jedes Jahr das gleiche Krippenspiel aufführen. Er sollte wieder richtig Spaß haben«, sagt Uwe Birnstein, der damals in Bevern im Weserbergland zu Hause war und heute in Wittenberg lebt. Inspiriert von einem Film aus den 1970er-Jahren, kam ihm die Idee, die beiden Teenager Bastian und Sarah in eine Zeitmaschine zu setzen und nach Bethlehem ins Jahr Null reisen zu lassen.

»Per Zeitmaschine nach Bethlehem« wurde 1999 in Bevern uraufgeführt und gehört mittlerweile zu den beliebtesten Krippenspielen im Land. Das liegt nicht nur daran, dass Konfirmandengruppen oftmals aufwendige Zeitmaschinen selbst bauen und sich die Erwachsenen – durchaus mit kindlicher Freude – um Lichtshow und Nebelmaschine kümmern. Es liegt auch an der zeitgemäßen Sprache, die Birnstein verwendet, ohne sich mit Jugendslang anzubiedern. An den Popsongs, die jede Gemeinde nach Belieben austauschen kann. An der Kreativität, die das Spiel seinen Spielern lässt. Trotzdem bleibt die Weihnachtsgeschichte deutlich erkennbar – und wenn einzig der Engel bei den Hirten biblische Worte spricht: »ich verkündige euch große Freude«, dann hat das eine große Kraft.

»Das Spiel kann Brücken bauen für alle, die nicht mit christlichen Traditionen aufgewachsen sind. Wir gehen auf ihre Sprach- und Hörgewohnheiten ein. Wir zeigen: Wir Christen sind genauso Menschen wie ihr, aber wir haben einen besonderen Glauben und der ist gar nicht so alt, veraltet oder unbedeutend wie ihr denkt«, sagt Uwe Birnstein. Er denkt dabei an die vollen Kirchen gerade zu Weihnachten; in vielen Bänken sitzen ungeübte Gemeindeglieder und Konfessionslose. Uwe Birnstein ist selbst nichtkirchlich aufgewachsen. Aus seiner eigenen Kindheit und Jugend kennt er keine Krippenspiele.

Weimar – Amir spielt den Josef
Pastorin Bettina Reinefeld-Wiegel war verzweifelt auf der Suche nach Josef. Die Konfirmandengruppe, die in diesem Jahr das Krippenspiel für den ersten Gottesdienst am Heiligen Abend in der Herderkirche zu Weimar gestaltet, bestand nur aus Mädchen. »Wir brauchten dringend einen jungen Mann, um die Rolle des Josefs zu besetzen«, sagt die Pastorin. Da kam ihr Amir Mohammed in den Sinn.

Amir heißt eigentlich anders, die Redaktion hat seinen Namen geändert, weil nicht alle in seinem Umfeld sein Christsein positiv sehen. Er ist aus Afghanistan geflohen, er lebte dort als Muslim. Einige Zeit schon kommt er regelmäßig zu den Gottesdiensten in die Herderkirche, fiel der Pfarrerin auf, irgendwann sprach er sie an, sie redeten viel über den christlichen Glauben, im September ließ sich Amir Mohammed taufen. »Ich überlege immer wieder, wo er gut integriert werden kann in unserer Gemeinde, damit er sich wohlfühlt«, erzählt Pastorin Reinefeld-Wiegel. Das Krippenspiel ist so ein Ort.

Amir Mohammed wird den Josef spielen. Die Proben laufen gut. Amir Mohammed liest viel in der Bibel und besonders die Weihnachtsgeschichte, will vertraut werden mit Sprache und Inhalt und auf eine Texthilfe zur Aufführung verzichten. Konfirmandin Annika Halle, die die Maria spielt, hilft und erklärt ihm viel. Zu zweit und ganz in Ruhe sind sie den Text bereits durchgegangen. Pastorin Reinefeld-Wiegel ist glücklich darüber, wie gut die Konfirmandengruppe den jungen Mann aufgenommen hat. »Die jungen Menschen lernen sich und die unterschiedlichen Kulturen kennen«, sagt sie. Das sei Integration pur. Bettina Reinefeld-Wiegel möchte dies weiter fördern: Sie sucht Menschen, die in der Kirchengemeinde jenen Flüchtlingen Deutschunterricht geben, die noch keinen Integrationskurs besuchen.

Halle – Solo für Maria
Die Generalprobe hat sich zum Geheimtipp entwickelt. Weil zu beiden Aufführungen des Krippenspiels in der Paulusgemeinde zu Halle das Gedränge riesig ist, kommen inzwischen viele Familien mit kleinen Kindern am Heiligabend vormittags in das Gottes­haus. Dann ist es ruhiger, dann lässt sich das Krippenspiel genießen und die freudige Spannung von rund 100 Mitwirkenden spüren.

Die Proben für das Krippenspiel-Musical in Halle laufen auf Hochtouren. – Foto: Katja Schmidtke

Die Proben für das Krippenspiel-Musical in Halle laufen auf Hochtouren. – Foto: Katja Schmidtke

In der Paulusgemeinde ist das Krippenspiel als Musical konzipiert, seit 1993 arbeiten Kirchenmusikdirektor Andreas Mücksch und die sprachbegabte Gemeindekirchenrätin Barbara Schatz zusammen und schreiben Musik und Texte selbst. Seitdem sind Klassiker für die Gemeinde entstanden: »Bring mich nach Bethlehem« oder »Eine Stadt liegt in den Bergen« berichten vom Wunder der Weihnacht.

In diesem Jahr wird das Krippenspiel von 2013 wiederaufgeführt. Es erzählt Weihnachten aus Sicht der Hirten. Die Begeisterung der gut zwei Dutzend Jungen und Mädchen des Kinderchors ist groß. Schnell finden sich Spieler und Sänger. Die Rolle der Maria muss ausgelost werden, sie singt ebenso wie die drei Weisen ein Solo. »Wir sind oft erstaunt, wie sich die Kinder immer wieder darauf einlassen«, sagt Barbara Schatz. Das Krippenspiel ist ein Stück Heimat in der großen Gemeinde. Viele junge Leute, die dem Jugendchor entwachsen sind und in anderen Städten studieren und arbeiten, kommen Weihnachten zurück und reihen sich in den Chor ein. Kantor Mücksch findet, das Krippenspiel ist mehr als ein Spiel für Kinder. »Es ist die zentrale Verkündigung an Heiligabend.«

Bad Berka – Die Vertretungspfarrerin und ihr Ideenschatz
Nicht überall können Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kantoren mit so vielen Menschen proben und vorbereiten wie in den Stadtgemeinden. Auf dem Lande fällt so manches Krippenspiel aus, weil es keine Kinder mehr gibt. Das muss nicht sein, findet Friederike Spengler. Sie arbeitet hauptberuflich als Persönliche Referentin von Brigitte Andrae im Landeskirchenamt Erfurt. Als Pfarrfrau und Pfarrerin mit Pre­digtauftrag im Kirchenkreis Weimar weiß sie um die Sorgen und Nöte von Landgemeinden.

Für sie ist das Krippenspiel keineswegs schmückendes Beiwerk, es ist Verkündigung und es ermöglicht der Gemeinde eine Beteiligung daran. »Es ist sogar eine missionarische Art, Gemeinde zu bauen«, hat sie in ihrer Zeit als Gemeindepfarrerin festgestellt. Wo es keine Kinder und Jugendlichen mehr gab, hat sie Erwachsene zum Krippenspiel motiviert – und oft selbst den Anfang gemacht: »Ich spiele mit. Sie auch?« Die Pfarrerin hat aber auch Gemeinden kennengelernt, wo dies nicht möglich ist. Wenn der Pfarrer zu Heiligabend nicht an allen Orten sein kann, kommt die Vertretung ins Spiel. Friederike Spengler lädt in solchen Fällen immer ihr Auto mit Requisiten voll: die Krippe samt Figuren, Kerzen, Stroh, die Flöte. Vielleicht sogar einen CD-Spieler, falls es keinen Organisten gibt. Daraus lässt sich viel zaubern.

Sie schafft es, die Menschen einzubeziehen, sie aus der Zuschauerrolle zu lösen. Ein Krippenspiel mit Kerzen: eine blaue für Maria, eine gelbe für das Jesuskind, eine weiße für den Engel, eine dicke dunkelrote, die nicht angezündet wird, für Herodes. Auch in Schattenspielen oder mit einem Polylux und Bildern hat Friederike Spengler die Weihnachtsgeschichte schon erzählt. Sie hat Predigten aus der Rolle einer der Figuren gehalten: Wie war es wohl für Maria, was empfanden die Hirten, warum blieb Josef eigentlich bei Maria, und verspürten die Wirte vielleicht Reue?

Perfektionismus ist fehl am Platze. Auch dass Friederike Spengler die Menschen nicht kennt, vor und mit denen sie spielt, ist nicht wichtig. Wann, wenn nicht Weihnachten, geht es um die Botschaft? Und gerade das Neue, das Fehlen von Bekanntem, das oft als Mangel Empfundene kann der Gemeinde helfen, sich dieser tausendfach tradierten Botschaft neu zu nähern.

In diesem Jahr wird Friederike Spengler diesen Versuch wieder wagen: In einem kleinen Ort mit kleiner Kirche feiert sie die Christvesper. »Gerade bin ich mit der Betreiberin eines Ziegenstalls im Gespräch, und dabei ist die Idee entstanden, den ersten Teil des Weihnachtsevangeliums mit der Gemeinde in der Kirche zu lesen und sich dann mit den Hirten auf den Weg zum Stall zu machen«, erzählt sie. »Da bekommt das ›Lasst uns gehen und sehen, was uns der Herr kundgetan hat‹ eine ganz andere Dimension. Im Stall erwartet uns die Krippe und eine Predigt über die Rolle der Hirten in der Weihnachtsgeschichte.«

Katja Schmidtke

»So echt, so wahnsinnig und so göttlich«

11. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Extrem – das ist die Vokabel, die im Zusammenhang mit dem deutschen Ausnahme- Kletterer Thomas Huber häufig fällt. Dass der 50-Jährige neben seinem Image als Abenteurer eine nachdenkliche und von seiner christlichen Erziehung geprägte Seite hat, konnte Adrienne Uebbing im Gespräch mit ihm in Leipzig erfahren.

Herr Huber, Sie sind Bergsteiger und Extremkletterer und haben vor diesem Hintergrund sicher eine ganz besondere Einstellung zum Thema Achtsamkeit?
Huber: Achtsamkeit hat verschiedene Aspekte. Das Allerwichtigste ist, dass wir achtsam mit unserer Umwelt sind, also mit unserem Lebensraum – und natürlich mit unserem sozialen Umfeld: Dass man für den Nächsten alles tut, dass man ihm kein Bein stellt, mehr tut für den anderen als für sich selbst – das heißt für mich Achtsamkeit. Das sind unsere christlichen Werte, die wir vermittelt bekommen haben. Sie sind eigentlich das Wichtigste.

Und dass wir unsere Ressourcen unbedingt schützen müssen. Es geht nicht nur um dich, sondern es geht um deine Kinder und Kindeskinder – dass du ihnen etwas hinterlässt, wie du es vorgefunden hast. So gehen wir zum Beispiel bergsteigen. Wenn wir auf dem Berg sind, versuchen wir, ihn so zu hinterlassen, wie wir ihn vorgefunden haben, um für den Nächsten auch dasselbe Abenteuer bieten zu können.

Thomas Huber – Foto: Archiv Huberbuam; Timeline Production

Thomas Huber – Foto: Archiv Huberbuam; Timeline Production

Das stellt sich ja angesichts der Menschenmassen, die sich gegen Zahlung von viel Geld im Himalaja zu den Gipfeln »bringen lassen«, oft anders dar. Man hört, dass die Wege dort hinauf Müllkippen gleichen …
Huber: Nun, die gehen auf eine ganz andere Art und Weise auf diese Materie Bergsteigen zu. Da geht es um Konsum: Ich will etwas, ich kaufe mir etwas – und ich erarbeite mir das nicht.

Aber wenn du aufgewachsen bist in der Natur, dann hast du eine ganz andere Einstellung. Und du hast dann als Bergsteiger viel zu tun, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Wir tun als Bergsteiger meistens mehr für die Umwelt als das, was wir verbrauchen.

Gut – eine Geschichte kommt aber auch bei mir hinzu: Um zu den Orten meiner Expeditionen zu kommen, nutze ich das Flugzeug. Das wirkt sich dann schon negativ auf meinen ökologischen Fußabdruck aus.

Was regt Sie mit Blick auf fehlende Achtsamkeit auf?
Huber: Wir gehen nicht mehr achtsam mit unserer Ernährung um. Ständig entstehen neue Supermärkte, das hat nichts mit Bevölkerungswachstum zu tun. Es geht nur um Umsatz. Und dann wird so viel weggeschmissen! In Ländern wie Argentinien wird fast gar nichts weggeschmissen. Wenn das Regal leer ist, ist es leer – aber bei uns darf kein Regal mehr leer sein. Das ist doch eine Katastrophe, und da müssen wir wirklich umdenken.

Ich glaube, mir als Bergsteiger wird es da etwas leichter gemacht als dem »Normalbürger«. Weil du, wenn du in den Bergen bist, in eine komplett archaische Welt hineingeworfen wirst, wo du zu bestehen hast. Wo du essenziell Verantwortung leben MUSST, auch für deinen Partner – du MUSST das leben. Hier darf ich es, aber da muss ich es! Beim Bergsteigen siehst du, was Vertrauen heißt. Vertrauen zu deinem Partner, das ist essenziell. Und in der heutigen Zeit hast du diese essenziellen Werte nicht mehr.

Wenn du in diese Bergwelt eintauchst, an der Grenze zwischen Leben und Tod – da bist du so nah am Jenseits dran, wie kaum irgendwo anders. Das ist so echt, so ur, so wahnsinnig und auch so genial und so göttlich.

Ich bin sehr dankbar, dass ich das lebe, da wird dir wirklich »der Kopf gewaschen«, und du kommst zurück in die Zivilisation und hast erstmal Schwierigkeiten, dich wieder einzuleben. Du siehst diese Missstände, die bei uns herrschen. Und man ärgert sich dann auch, warum man wirklich so leben muss. Es geht wirklich einfacher. Ich glaube, die Menschheit wäre anders, wenn wir wüssten, was man wirklich braucht, um glücklich zu sein. Man braucht nämlich fast überhaupt nichts.

Was ist Ihre Motivation, immer Neues zu wagen, immer höher, schneller?
Huber: Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich beweisen oder zu den Besten gehören möchte. Der Antrieb ist meine persönliche Neugier, so ein Entdecker-Gen. Heutzutage ist dieses Entdecken wahnsinnig schwierig geworden. Aber wir haben Gott sei Dank als Bergsteiger die Möglichkeit, in unentdeckte Zonen vorzustoßen. Ich weiß, wenn ich in diese Wand einsteige: Da war vor mir noch nie ein Mensch. Das ist etwas ganz Besonderes. Ich mache die Tür auf und bin in einer komplett anderen Welt, die sehr archaisch ist. Und die sehr nah an Gott ist.

Welche Rolle spielt Ihr christlicher Hintergrund?
Huber: Viel mehr als die katholische Religion, mit der ich aufgewachsen bin, sind es für mich die christlichen Werte. Ich bin ein gläubiger Mensch. Ich bin Christ, weil ich in dieser christlichen Gesellschaft aufgewachsen bin. Aber ich bin genauso ein Freund von Islam oder Hinduismus.

Jeder hat seinen anderen Ankerpunkt, wie er das Göttliche begreift. Ich finde es falsch, zu sagen, dass wir den richtigen Glauben haben, oder der Islam den richtigen Weg geht, sondern ein jeder geht DEN Weg. Und das Wichtigste ist diese Achtsamkeit, die ich sehr mit Nächstenliebe verbinde.

Es ist nur wichtig, dass du ein guter Mensch bist. In der Bibel steht: Gott ist gütig. Ganz Wurscht, ob jemand im Dschungel lebt und die Sonne anbetet – Gott macht da keine Unterschiede.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Huber: Ich hab den Tod, diese Grenzerfahrung zum Tod, kennenlernen müssen. Ich bin im Sommer – durch einen Routinefehler – sechzehn Meter abgestürzt und bin nachher an die Absturzstelle zurückgekehrt und habe gewusst: Unter normalen Umständen dürfte ich gar nicht mehr da sein. Mich hat da unten wirklich jemand aufgefangen. Und dass ich so schnell genesen bin, da weiß ich, dass jemand will, dass ich noch auf dieser Welt lebe.

Eine Sache habe ich festgestellt: Dass ich Gott sei Dank – und ich war schon oft nahe dran – nicht wirklich Angst vorm Sterben habe. Weil wir alle diesen Weg gehen werden. Man sollte diese Angst verlieren. Das Problem beim Sterben ist, dass es so eine Unmittelbarkeit in sich trägt, die Schwelle von dieser Welt zu dieser nächsten: Da gibt es keine Brücken, über die man gehen kann.

Wenn du alt stirbst, hast du alle Fragen beantwortet, die dir dein Umfeld stellt – deine Kinder, deine Freunde. Wenn meine Eltern irgendwann sterben, ist das traurig, aber ich kann sagen: »Danke, ihr habt mir all meine Fragen beantwortet.« Wenn ich jetzt sterben würde, sind noch so viele Fragen offen.

Welche Fragen beantworten Sie Ihren Kindern, was möchten Sie ihnen vermitteln?
Huber: Ich möchte meine Kinder nicht bewahren, sondern sie auf Gefahren vorbereiten. Wir haben zu viele ängstliche Menschen. Ich sage zu meinen Kindern: Macht was Wildes, aber seid euch bewusst, was passieren kann. Das vermittelt ihnen unglaublich Lebenserfahrung und Lebensstärke. Und sie sind mutig.

Brauchen wir Mut heute besonders?
Huber: Wir brauchen wieder mutige Menschen in unserer Gesellschaft, vor allem angesichts der Herausforderungen, vor denen wir jetzt stehen – wir haben lauter Feiglinge. Jesus war ja auch mutig.


Thomas Huber klettert seit seinem zehnten Lebensjahr. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Alexander machten sie sich als die »Huberbuam« einen Namen als Extremkletterer.
Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Berchtesgaden. 2011 wurde bei ihm ein gutartiger Nierentumor diagnostiziert, der operativ entfernt wurde.
Im Juli 2016 stürzte Huber bei Filmaufnahmen an einer Felswand am Brendlberg sechzehn Meter im freien Fall ab und erlitt eine Schädelfraktur; im August 2016 konnte er bereits wieder auf Expedition gehen.
Quelle: Wikipedia

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