Rosen für Europa, Mais für die USA

3. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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»Land Grabbing«: Internationale Unternehmen bewirtschaften in Entwicklungsländern riesige Flächen

Rosen für Europa, Mais für die USA

Oft das Ende vom Lied: riesige Monokulturen und Chemieeinsatz – wie hier auf einer Sojaplantage in Paraguay. Foto: epd-bild/Heiner Heine

Während die Hälfte der Menschen in Äthiopien hungert, züchtet eine indische Firma dort auf riesigen Plantagen Rosen für Europa.

Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern weichen wegen der hohen Bodenpreise in ihrer Heimat zunehmend in Entwicklungsländer aus. Dabei werden vielfach über die Köpfe der Kleinbauern hinweg lukrative Verkaufs- und Pachtverträge zwischen den Regierungen und den Investoren abgeschlossen. Die Bauern verlieren ihr Land, oft auch ihr Zuhause.

Denn die Eigentumsverhältnisse in Entwicklungsländern sind oft nicht ausreichend geregelt. Selbst wenn die Menschen seit Generationen ein Grundstück bewohnen und bewirtschaften, können sie es selten nachweisen. Und viele Regierungspolitiker wollen von den Geschäften mit Großinvestoren profitieren. So bedrohen ausländische Investitionen vielfach das Leben der Einwohner, statt wie erhofft zu Aufschwung und Entwicklung zu führen. Die Kritiker sprechen von »Land Grabbing« (Landnahme).

Knapp die Hälfte der Fläche, die ausländische Großinvestoren in Beschlag nahmen, diene dem Anbau von Pflanzen für Agrar-Treibstoffe, erklärt der südafrikanische Wissenschaftler Ward Anseeuw. Die Philippinen sind nach seiner Statistik der Staat mit dem meisten Land Grabbing: 4,7 Millionen Hektar, eine Fläche von der Größe Niedersachsens, die etwas weniger als ein Drittel der gesamten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche der Philippinen ausmacht.

In Madagaskar werden 2,6 Millionen Hektar, in Äthiopien 2,3 Millionen Hektar durch ausländische Investoren bewirtschaftet. Anseeuw erstellt zusammen mit Michael Taylor von der »International Land Coalition«, die sich für die Landrechte der Armen einsetzt, eine Datenbank zu Land Grabbing.

Der Landrechte-Experte der UN-Landwirtschafts- und Ernährungs­organisation (FAO), Paul Mathieu, spricht von einer Strategie der Industrieländer, ihre landwirtschaftliche Produktion auszulagern. Um die negativen Auswirkungen zu dämpfen, arbeitet die FAO an Richtlinien.

»Das Menschenrecht auf Nahrung steht seit Jahrzehnten auf dem Papier, wurde aber nie richtig umgesetzt«, beklagt der stellvertretende FAO-Generaldirektor Alexander Müller. Länder, in denen die Bevölkerung hungere, exportierten dennoch Agrarprodukte. Dass es weltweit noch viel ungenutzten Boden gebe, weist Müller als Fehleinschätzung zurück. Alle nutzbaren Flächen würden bewirtschaftet, besonders in Entwicklungsländern herrsche deshalb ein reger »Verdrängungswettbewerb«.

Die FAO wendet sich nicht generell gegen Landkauf durch Großinvestoren, spiegelt die UN-Organisation doch die Interessen aller ihrer 191 Mitgliedsstaaten wider. Es gibt jedoch schwierige Debatten und heftigen Streit.

Der Inder Sai Ramakrishna Karuturi ist mit seiner Rosenzucht in Äthiopien reich geworden. Rund 311000 Hektar Land lässt er bewirtschaften und neben Blumen Reis, Mais, Palmöl und Zuckerrohr im großen Stil anbauen – weiteres Wachstum ist geplant.
Die Investoren betonen die Vorteile für die Entwicklungsländer.

Sie werben damit, dass sie Arbeitsplätze schaffen und nach gewissen ökologischen Standards anbauen. Denn in der westlichen Welt gehört nachhaltiges Wirtschaften und die Achtung der Menschenrechte zum guten Ton. Doch der ehemalige Grünen-Politiker Müller warnt: »In vielen Bereichen sind hehre Absichtserklärungen und tägliches Handeln nicht immer in Einklang zu bringen.«

Im Unterschied zu Müller sieht Landrechte-Experte Mathieu Investitionen in Agrarflächen als Chance, wenn transparente und faire Verträge abgeschlossen werden, die auch überwacht werden. Afrika brauche dringend mehr Investitionen und Arbeitsplätze. »Wenn nichts geschieht, wie in den letzten 10, 20 Jahren, und weiterhin zu wenig in den Agrarsektor investiert wird, wäre das ein katastrophales Szenario«, warnt Mathieu. »Die Zeiten für billige Investitionen in Land sind ­ohnehin bald vorbei.« Denn der Wettbewerb um Land treibe auch in den Entwicklungsländern die Bodenpreise nach oben.

Bettina Gabbe (epd)

Selbst ein Akteur auf dem Markt

2. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Wirtschaft: »Theologische Tage« in Halle fragten nach der Rolle der Kirche zwischen Kapital und kirchlichem Auftrag

Der Kapitalismus steckt in der Krise.  Selbst Wirtschaftsvertreter wissen um die Schwachpunkte.  Auch die Kirche kommt nicht umhin, sich mit ihrer Rolle auf dem Markt auseinanderzusetzen.

Der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Institutes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. »Wir«, sagt Gerhard Wegner, »brauchen eine grundlegende Veränderung des Wirtschaftssystems.« So, wie es jetzt aufgestellt ist, seien die Zukunftsperspektiven nicht besonders gut. Eine Ursache der gegenwärtigen Krise sieht der Wirtschaftsfachmann und Sozialethiker in der dominierenden Rolle des Geldes und im Auseinanderklaffen von Real- und Finanzwirtschaft. »Derzeit«, weist Wegner nach, »geht es nur noch um die Vermehrung des Geldes.« Mit allen negativen Begleiterscheinungen.

Zugleich hält sich der Theologe aber auch nicht mit Selbstkritik zurück. Die Kirche dürfe ihre Positionierung nicht nur auf das Soziale verkürzen, sondern müsse auch das ökonomische Geschehen in den Blick nehmen, findet Wegner. Ein fairer Wettbewerb etwa könne weltweit gesehen durchaus sinnvoll sein. Als Negativbeispiel nennt er die Agrarsubventionen in der EU, die die armen Länder benachteiligen würden.

Zwei Tage lang stehen wirtschaftliche Fragen im Mittelpunkt der Theologischen Tage der Martin-Luther-Universität in Halle. Unter dem Motto »Zwischen Angebot und Nachfrage. Kirche – Markt – Macht« geht es um jüdisch-christliche Wertvorstellungen zu Geld, Zinswesen und zur ­Wirtschaft sowie um die Frage, ob diese religiösen Orientierungsangebote überhaupt noch zeitgemäß sind.

Blickpunkt-06Neben dem Leiter des Sozialwissenschaftlichen Institutes spricht der Tübinger Theologieprofessor Eilert Herms über Markt und Macht im Selbstverständnis der Kirche, der frühere Bischof Axel Noack fragt nach unternehmerischem Handeln aus christlicher Sicht und der Hallenser Professor für systematische Theologie Jörg Dierken befasst sich in einem Workshop mit Kapitalismus und Marktzerstörung in christlicher Perspektive.

Die traditionsreichen Theologischen Tage greifen damit ein Thema auf, das durch die Krise des Euro und der globalen Finanzsysteme derzeit in aller Munde ist und die Medien beherrscht. Wenn ganze Staaten ins Taumeln geraten, könnten sich die Kirchen nicht einfach zurücklehnen, heißt es dazu in Halle.

Tatsächlich gehört sie selbst zu den »nicht ganz kleinen Akteuren« (Wegner) und unterliegt mit ihrem Geld den Regeln des Marktes. Allein die Pensions­kassen aller Landeskirchen umfassen derzeit etwa 15 Milliarden Euro. Für den Leiter des Sozialwissenschaftlichen Ins­titutes kann das nur eines bedeuten:

Die Kirche müsse sich fragen, ob sie sich dem Markt angleichen oder andere Strukturen entwickeln wolle. Dass der Umgang mit dem Geld dabei immer wichtiger wird, darauf weist auch der frühere Magdeburger Propst Matthias Sens hin. So habe die mitteldeutsche Kirche Ende des vergangenen Jahres ethische Kriterien zur Kapitalanlage beschlossen, sagt er in der anschließenden Diskussion.

Doch grundlegend ändern lässt sich das Wirtschaftssystem damit nicht, das vor allem auf Wachstum angelegt ist. Wichtig sei es deshalb zu fragen, woran künftig der Wohlstand gemessen werden soll, findet Wegner. Dagegen plädiert der Hallenser Theologie-Professor Jörg Dierken für mehr Realitätssinn in der Debatte und wirft einen kritischen Blick auf die lange Tradition des Antikapitalismus im Luthertum.

So seien August Hermann Francke oder Johann Hinrich Wichern auch große Unternehmer gewesen, durch deren Handeln etwas Positives für andere herausgekommen sei. Nach seiner Ansicht haben Theologie und Ökonomie eine ganze Menge miteinander zu tun. »Religion ist der Umgang mit der Endlichkeit, in der Ökonomie geht es um den Umgang mit der Knappheit.« Zudem könne auch wirtschaftliches Handeln als Lebenssinnquelle verstanden werden, so Dierken.

Einen Schritt weiter geht der Tübinger Soziologe Christoph Deutschmann, der sich in seinem Beitrag mit der »dämonischen Qualität des Geldes« befasst. Seit dem 19. Jahrhundert hätte der Markt eine quasi religiöse Rolle erhalten. »Heute ist Geld weit mehr als ein harmloses Tauschmittel«, zeigt er sich überzeugt. Auch in der Idee des Marktes sieht Deutschmann keineswegs ein Naturgesetz.

Vielmehr handele es sich um einen Glauben, der in direkter Konkurrenz zur christlichen Religion stehe. »Der Marktgott ist kein gütiger Gott, sondern ein ­Dämon!« Dabei sei der Kapitalismus nicht per se amoralisch, stellt der Soziologe klar. Das Argument der liberalen Theorie, der Markt führe zu globaler Gerechtigkeit, sei nicht völlig falsch. »Aber wir sollten uns vor einer Marktgläubigkeit hüten.« Heute stehe die Aufgabe, wie sich die »Entgrenzung des Marktes« ­wieder rückgängig machen lasse. »Das«, findet Deutschmann, »kann auch eine Aufgabe der Kirche sein.«

Martin Hanusch

Wenn die Welt zu Ende geht?! – Na und

30. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Was gegen Angst und Depression hilft und aus der Krise führt

»Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.« Paul Gerhardt – Foto: MEV

Die Welt ist voller schlechter Nachrichten. Fragen bedrängen uns: Wird mich im Alter jemand pflegen? Gibt es dann überhaupt noch eine Rente, von der man auch leben kann? Werden wir, unsere Kinder und Enkel sauberes Wasser haben? Genügend Arbeit oder genügend bezahlte Arbeit? Das sind bedrängende Fragen, wichtige Fragen. Wer hier zu schnell zum Jesus-Zitat »Sorget euch nicht um den morgigen Tag« (Matthäus 6,34) greift, übersieht, dass wir nicht auf Kosten des morgigen Tages leben dürfen. Für die Zukunft gilt: Keine Sorge, aber Fürsorge bestimmt!

Die Forschung hat gezeigt: Wenn ich begreife, dass ich dem Chaos nicht nur untätig zusehen muss, legen sich Ängste. Es ist nämlich nicht das zu erwartende Geschehen, was uns Angst macht und lähmt, sondern die Hilflosigkeit angesichts solcher Ereignisse. Wer sich hilflos fühlt, wird depressiv und sorgenvoll. Wer sich herausgefordert fühlt, wird dagegen mutig und kreativ. Der bedeutende Depressionsforscher Martin Seligmann nannte die Depression sogar »erlernte Hilflosigkeit«.

Jeder kann das selbst beobachten: Beifahrer zu sein ist viel stressiger als selbst am Steuer zu sitzen – obwohl das Risiko für beide gleich ist. Mit anderen Worten: Menschen, die glauben, dass das Wohl und Wehe ihres Lebens von ihrem Denken und Handeln abhängig ist, sind gesünder und leben besser. Nicht das Schicksal oder die Sterne, nicht die anonymen Mächtigen, nicht die Banken oder die Politik entscheiden, ob mein Leben wichtig und sinnvoll ist – sondern: Wie ich lebe, entscheidet darüber, ob mein Leben gelingt.

Das Gegenteil dazu bildet eine Einstellung, die sich sorgenvoll, aber hilflos ausliefert. Nach dem Motto »Da kann man eh nichts machen«. Aber diese Haltung übersieht: Gott lebt uns nicht – er hat uns Leben gegeben, damit wir es leben. Wir sind keine Marionetten eines himmlischen Puppenspielers, sondern Dialogpartner des Höchsten! Paul Gerhardt hat recht: »Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.« Und: »Auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn«. Aber das heißt auch: Wenn es Wege gibt, muss ich die gehen.

Wenn wir uns also – durch globale Medien bestens über jedes Horrorszenario informiert – geschlagen geben, kommt die Angst. Und schnell fühlen wir uns überwältigt, ohnmächtig, ängstlich grübelnd blicken wir in eine düstere Zukunft. Das ist vielleicht der Zeitgeist: »Es geht eh alles den Bach runter – nimm mit, was du kriegen kannst«. Paulus fordert – ganz im Gegenteil dazu – auf, sich nicht den gesellschaftlichen Trends anzupassen – »seid nicht gleichförmig dieser Welt« –, sondern »werdet verwandelt«. Und das »durch die Erneuerung eures Sinnes« (Römer 12,2).

Wie kann ich mein Denken erneuern? Zuerst einmal sind die Krisen, die uns emotional erschlagen, meistens irgendwelche anonymen Monster. Anstatt uns Ideen für unser Leben heute zu geben, machen diese Monster uns handlungsunfähig. Trauen Sie sich einmal, nicht zu erstarren, sondern weiter zu denken: Was ist, wenn ich keine Rente mehr bekomme? Dann muss ich sehr bescheiden leben. Dann muss ich lernen, mich an den Dingen zu freuen, die da sind. Alle wirklich wichtigen Dinge im Leben aber kann der Mensch sich nicht kaufen. Also könnte ich jetzt schon üben, meine Lebensfreude konsumunabhängiger zu gestalten.

Und ganz mutig: Was ist, wenn die Welt zu Ende geht? Dann wartet Gottes neue Welt. Und da ich dort Bürgerrecht habe, kann ich mich darauf schon jetzt vorbereiten. Entscheiden Sie, wie Sie die Freundschaft mit dem Herrn der neuen Welt heute schon pflegen. Lernen Sie tanzen und singen. Besuchen Sie Gefangene, kleiden Nackte und speisen Hungrige.

Wenn wir unser Denken nicht mehr zwanghaft auf das Bewahren unseres Lebensstandards fixieren – geschieht »verwandelt werden«. Wer loslassen kann, wird gelassen. Der KZ-Überlebende Viktor Frankl beobachtete:

Wer den Sinn seines Lebens im Glück sucht, wird es niemals finden. Wer den Sinn seines Lebens aber in dem sucht, was größer ist als er selbst, wird dabei auch sein Glück finden. Jesus sagte es ganz ähnlich: »Wer sein Leben liebt, wird es verlieren. Aber wer sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es für das ewige Leben erhalten« (Johannes 12,25).

Ulrich Giesekus

Der Autor ist Professor für Psychologie und Counseling (psychosoziale Beratung) an der Internationalen Hochschule Liebenzell und führt eine Praxis für psychologische Beratung.

Der neue Stradivari

28. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Für Martin Schleske ist der Geigenbau ein Gleichnis für den Weg des Menschen zu Gott

Martin Schleske aus dem bayerischen Stockdorf gilt als einer der besten Geigenbauer der Gegenwart. Daneben begeistert er als Schriftsteller seine Leser.

Martin Schleske ist ein geschickter Handwerker und ein Mann der akribischen Wissenschaft zugleich. – Foto: privat

Einst, so lautet die Legende, suchten die alten Meister ihr Tonholz, indem sie am Ufer der Gebirgsflüsse standen und auf das Aneinanderschlagen der Baumstämme hörten, die talwärts geflößt wurden. Am Klang erkannten sie, welches die wahren »Sänger« des Waldes waren. So nennen die Geigenbauer jene raren Stämme, die für die Herstellung hochwertiger Musikinstrumente geeignet sind. Bergfichte muss es sein, gewachsen im kargen Alpenboden, mit gleichmäßigen Jahrringen.

Das Holz soll ein geringes Gewicht, aber dennoch hohe Festigkeit haben und wie ein kleines Glöckchen klingen, wenn man an den richtigen Stellen dagegen klopft.

Mit dieser Anekdote beginnt Martin Schleskes Buch »Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens«. Der Instrumentenmacher mit Weltruf erläutert darin die ganze Entstehungsgeschichte einer Geige, angefangen beim Holzschlag an der Waldgrenze und endend im Konzertsaal. Er gewährt einen seltenen Einblick in eine Handwerkskunst, die schon immer eine geheimnisvolle Aura umgab, nicht erst seit für antike Violinen von Stradivari & Co. Millionensummen bezahlt werden.

Doch nicht Schleskes Fachwissen ist es, welches das schriftstellerische Debüt zu einer herausragenden Lektüre macht. Denn wie der Untertitel schon ankündigt, geht es dem Autor um mehr. Für den tiefgläubigen Tontüftler stellt der Geigenbau ein Gleichnis für den Weg des Menschen zu Gott dar. Jeder Arbeitsschritt bekommt dabei eine symbolische Bedeutung.

Ähnlich wie aus dem rohen Holz in der Werkstatt ein kostbarer Klangkörper wird, ist für Schleske jeder Einzelne dazu berufen, ein Instrument Gottes zu sein. »Glück bedeutet dann, dass der Weisheit Gottes durch uns etwas Gutes geglückt ist«, heißt es in dem Buch.
Diesen Prozess der Verwandlung beschreibt der 46-Jährige auf berührende und poetische Weise anhand vieler persönlicher Erfahrungen und Einsichten. Außerdem hat der Verlag ein Kalenderbuch für sieben Jahre mit dem Titel »KlangBilder. Werkstattgedanken« herausgebracht. Es enthält teilweise veränderte, teilweise neue kurze Texte von Schleske neben kunstvollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der international bekannten Berliner Fotografin Donata Wenders.

Heute wie damals wird in den Ateliers der Violinenbauer nicht nur mit frommem Berufsethos, sondern ebenso mit unermüdlichem Forschergeist nach dem vollkommenen Klang gesucht. Während die Großen der Barockzeit schon komplizierte geometrische Formen für die Wölbungen ihrer Geigendecken entwarfen, ist inzwischen vielerorts modernste Technik mit im Spiel.

Das gilt auch für Martin Schleskes Werkstatt. Direkt an seinen Arbeitsraum grenzt ein kleines Akustiklabor, in dem er die Resonanzen jeder entstehenden Geige präzise misst und analysiert. Der hochgewachsene Brillenträger mit der Mütze auf dem Kopf ist ein geschickter Handwerker und ein Mann der akribischen Wissenschaft zugleich, mit abgeschlossener Zweitausbildung als Diplomphysiker.

Zwar werden gute Streichinstrumente bis heute ausschließlich von Hand geschnitzt und gefertigt. Doch daneben hat jeder Meister seine individuellen Tricks, um die Klangqualität zu verbessern. So gelangen beispielsweise kurzwellige Lichtstrahlen, Sauerstoffgemische oder Ozon zum Einsatz, um die Holzstruktur zu beeinflussen. Die genauen Methoden sind stets geheim.

Nur ein Instrument bleibt trotz aller Tüftelei in vieler Hinsicht unschlagbar, wie Martin Schleske bei seiner Tätigkeit immer wieder erkennen musste, und das ist die menschliche Stimme.

Als er jüngst eine Arie von Maria Callas mit einem speziellen Computerprogramm untersuchte, stellte sich heraus, dass die Operndiva in einem Vibrato bis zu zehnmal pro Sekunde die Obertöne ihres Gesangs veränderte. Dazu ist kein herkömmlicher Klangkörper der Welt fähig. Deshalb zählt es zu den wichtigsten Vorhaben von Schleskes privater Forschung, den Klangcharakter seiner Streichinstrumente immer mehr demjenigen der Stimme anzupassen. Vollständig wird Martin Schleske sein Ziel allerdings kaum je erreichen. Denn der Mensch ist eben doch aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt. Und Gott ein außergewöhnlich guter Werkmeister.

Fabian Kramer

Buchtipps
Schleske, Martin: Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens, Kösel-Verlag, 352 S., ISBN 978-3-466-36883-9, 21,95 Euro
Schleske, Martin: KlangBilder. Werkstattgedanken – Ein Kalendertagebuch für 7 Jahre aus der Geigenbauwerkstatt von Martin Schleske mit 52 Fotografien von Donata Wender, Kösel-Verlag, 224 S., ISBN 978-3-466-37026-9, 19,99 Euro

Als Pfarrerin im Urlaubsparadies

27. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Pfarrerin Eva Gabra – Foto: epd-bild

Ägypten: Hurghada am Roten Meer – Treffpunkt für Rentner, Urlauber, Abenteurer und verkrachte Existenzen

In der ägyptischen Touristenhochburg Hurghada gibt es seit dem Sommer eine Pfarrstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Du bist ein Volltreffer«, singen die Kinder im Kreis. Es ist ihr Lieblingslied beim Kinderbrunch. So heißt der deutschsprachige evangelische Kindergottesdienst im ägyptischen Touristenzentrum Hurghada am Roten Meer. Eva Gabra ist seit Sommer vergangenen Jahres Auslandspfarrerin der Evangelischen Kirche in Deutschland in Hurghada.

Die Zeiten sind nicht leicht. Die ägyptischen Christen, die Kopten, werden angegriffen und verfolgt, mehr als Hunderttausend sollen im vergangenen Jahr das Land verlassen haben. Die deutschsprachigen Christen in Hurghada, für die Eva Gabra zuständig ist, wurden von den Anfeindungen aber bisher nicht getroffen.

Die 29-Jährige mit dem blonden Pferdeschwanz ist Pfarrerin einer Gemeinde, die offiziell noch gar nicht existiert. Aber die deutschsprachigen evangelischen Christen in Hurghada sind schon lange sehr aktiv. »Bisher hatten wir keine theologische Anleitung, aber ich habe ab und zu meinen Vater angerufen, der ist Pfarrer in Deutschland und hat mir dann ein paar Tipps gegeben«, sagt Beke Hoppe, die den Kinderbrunch mitorganisiert hat.

»Wir leben in einem Land, in dem Religion eine große Rolle spielt. Da fragt man sich automatisch, an was man eigentlich selber glaubt und wo man hingehört«, konstatiert Hoppe. Kein Wunder also, dass Eva Gabra herzlich empfangen wird. »Ich habe das Gefühl, offene Türen einzurennen«, sagt die Pfarrerin, die in Wuppertal, Heidelberg und Kairo studiert hat.

Dennoch steht sie vor großen Herausforderungen, denn in den Auslandskirchen sind evangelische Christen nicht automatisch Mitglied, sie müssen eintreten und bezahlen. Das erfordert Überzeugungsarbeit. Auch hat sie bisher keinen Raum: So schiebt sie entweder die Sofas zur Seite und lädt zu sich ins Wohnzimmer ein oder sie feiert ihre Gottesdienste im Garten des deutschen Honorarkonsulats.

Es gilt, Brücken zu schlagen, denn Hurghadas Deutsche könnten unterschiedlicher nicht sein: »Dies ist ein Ort, der viele Abenteurer anlockt. Manche schaffen es hier, aber es gibt auch verkrachte Existenzen«, weiß die Pfarrerin zu berichten.

Der Honorarkonsul von Hurghada, Peter Jürgen Ely, schätzt, dass rund 7000 Deutsche dauerhaft in Hurghada und Umgebung leben. Viele von ihnen arbeiten in Hotels und Tauchschulen. Doch der Tourismus steckt seit der Revolution in der Krise. Viele aus der Branche machen sich Sorgen um die Zukunft – auch, weil die Salafisten, die bei den Parlamentswahlen zur zweitstärksten Kraft wurden, den Touristen Alkohol und Bikini verbieten wollen. Wer will dann noch Urlaub in Hurghada machen?

Nicht alle leben vom Tourismus. Viele Deutsche in Hurghada sind Rentner, die in der Sonne ihren Lebensabend verbringen. Hinzu kommen deutsche Frauen, die sich im Urlaub in einen Ägypter verliebt haben und geblieben sind. »Viele der Frauen sind wegen der Ehe zum Islam übergetreten, andere sind Christinnen geblieben. Das Zusammenleben mit ihren muslimischen Männern wirft bei ihnen jedoch die Frage auf, was das Christentum eigentlich ausmacht«, sagt Eva Gabra. Sie hat deswegen mit diesen Frauen bereits im November einen Glaubenskurs gemacht: Es ging um die Grundlagen des Christentums und darum, was die Christen im Alltag von den Muslimen unterscheidet.

Gabra hat sich in ihrem Studium auf christlich-islamischen Dialog spezialisiert und weiß, was es heißt, eine Ehe zwischen den Kulturen zu führen. Auch ihr Mann ist Ägypter. Sie hat ihn allerdings an der theologischen Fakultät kennengelernt. Auch David Gabra ist Pfarrer. Er betreut die evangelisch-koptische Gemeinde von Hurghada.

Zu Eva Gabras Gemeinde sollen aber nicht nur die in Hurghada lebenden Deutschen gehören. Auch mit Touristenseelsorge hat die Evangelische Kirche in Deutschland die Pfarrerin beauftragt. Doch wie fängt man das an? Hurghada ist ein Ferienort, der auf billigen Massentourismus setzt. Die meisten kommen her, weil sie mit Vollpension am Strand liegen wollen. Eine Pastorin haben sie nicht gebucht. »Andererseits ist der Urlaub auch ein Moment, in dem die Menschen zur Besinnung kommen und sich die Fragen des Lebens stellen. Dabei können sie vielleicht Begleitung gebrauchen«, sagt Eva Gabra.

Julia Gerlach (epd)

Dem Vergessen einen Strich durch die Rechnung machen

26. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Holocaustgedenktag: Bis heute arbeitet Yad Vashem daran, den Opfern ein Denkmal und einen Namen zu geben

Yad Vashem, die zentrale ­Holocaustgedenkstätte des Staates Israel, ist ein Muss für jeden Israelbesucher. Der Ort steht sowohl für das Erinnern wie auch für die wissenschaftliche Erforschung der Judenvernichtung.

In der Halle der Namen: Auch die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Sabine von Schorlemer, ­besuchte im März 2010 während ihres Israelaufenthaltes die Gedenkstätte Yad Vashem. Foto: Johannes Gerloff

Kein führender Politiker oder hochrangiger Geistlicher kann es sich leisten, den jüdischen Staat zu besuchen, ohne einen Kranz in der Halle des Gedenkens neben der ewigen Flamme niederzulegen oder sich in der Halle der Namen fotografieren zu lassen. Niemand bleibt unberührt beim Gang durch das Museum, das sich wie ein Pfeil durch den Bergrücken im Westen Jerusalems bohrt und die Geschichte des nationalsozialistischen Völkermords nachzeichnet. Der Name der Gedenkstätte ist dem biblischen Buch des Propheten Jesaja entnommen, wo der Gott ­Israels verspricht, Menschen »in meinem Hause und in meinen Mauern ›Yad Vashem‹ – ein Denkmal und einen Namen« – zu geben. (Jesaja 56,5)

Seit 1955 sammelt und archiviert Yad Vashem die Namen von Holocaustopfern. Von den schätzungswei­se sechs Millionen Holocaustopfern sind mehr als vier Millionen namentlich registriert. Zwei Millionen Namen fehlen noch. Debbie Berman gehört zu denen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diese Namen ausfindig zu machen. Seit 2006 arbeitet sie in Yad Vashem, heute als Projekt-Koordinatorin für die Erhaltung der Namen von Opfern der Schoah, wie der Holocaust auf Hebräisch genannt wird. Die modern-orthodoxe Mutter von vier Kindern betrachtet ihren Wettlauf ­gegen die Zeit und das Vergessen als Familienprojekt, als Mission und ganz einfach als Vorrecht.

Bermans Eltern und Großeltern sind selbst Holocaustüberlebende. Aber keiner wollte erzählen, was sie in den Konzentrationslagern, auf der Flucht oder im jahrelangen Versteck durchgemacht haben. »Emma Salgo war voller Leben, Freude und Lachen«, erklärt Debbie Berman das Schweigen ihrer Großmutter, »das wollte sie uns weitergeben – nicht die Geschichten von Verfolgung, Qual und Tod.« Deshalb hat sie ihren Kindern und Enkeln nie erzählt, was sie im Arbeitslager Kaufring, einer Außenstelle des KZ Dachau, erlebt hat. Im November 1944 wurde sie dorthin deportiert. Ihrem Mann Chaim war die Flucht in die Schweiz gelungen. Die Kinder, Robbi und Schoschanna, wurden in Budapest versteckt.

Dass Überlebende der Schoah nicht über die Vergangenheit reden wollen, ist nicht ungewöhnlich. Eine Antwort auf die Frage nach dem Grund dafür ist nicht leicht zu finden. »Viele haben nie wirklich um ihre Lieben trauern können. Der Verlust war einfach überwältigend«, meint Debbie Berman, »manchmal kann eine einzige Person 50, 60 oder gar 80 Namen aus dem engeren Verwandtenkreis nennen, die in der Schoah ihr Leben verloren haben.«

Manche hoffen immer noch, vermisste Familienmitglieder und Freun­de wiederzufinden. Berman hilft Überlebenden, Fragebögen zu vermissten Schoahopfern auszufüllen. »Den Satz ›Mendel ist tot‹ zu denken, auszusprechen, aufzuschreiben und dann auch noch eine Unterschrift unter ein Formular zu machen, erscheint ihnen oft unmöglich«, erzählt die junge Frau aus ihrer Arbeit. Aber dann ist es ­immer wieder doch eine gewaltige ­Erleichterung für diese Menschen, die jahrzehntelang eine unglaubliche, ­erdrückende Last mit sich herumgetragen haben. »Wir nennen die Zeugnisbögen auch ›virtuelle Grabsteine‹«, erklärt Berman.

»Es ist wichtig, dass da ein Name steht, wenn möglich ein Foto; dass die Erinnerungen ausgesprochen und aufgeschrieben werden, um so dem Bemühen der Deutschen, uns zu einer Nummer zu degradieren, uns zu vernichten, unseren Namen auszuradieren, einen Strich durch die Rechnung zu machen.«

Berman berichtet, dass ihre eigene Mutter anfangs auch nicht erzählen wollte. »Ich erinnere mich an nichts. Ich weiß nichts Wesentliches«, hatte sie immer wieder betont. Doch dann fuhren Mutter und Tochter nach Budapest, wo die Mutter als kleines Mädchen vor den Nazi-Schergen versteckt worden war. »Intuitiv kannte sie sich aus, wusste genau wo der Bahnhof sein musste«, erlebte Debbie Berman. Schließlich umfassten die ­Erinnerungen der Mutter 13 Seiten – und die Erinnerungen wurden bestätigt. Das Online-Archiv von Yad Vashem fand Verbindungen zu weiteren Verwandten und stellte fest, dass Debbies Urgroßmutter, Theresa Salgo-Rottenberg, eine Erinnerungsseite für ihren Sohn eingereicht hatte.

Debbies Vater, Simon Deutsch, wurde wie die Mutter von Nichtjuden gerettet. Debbie kennt die Namen der Retter ihrer Eltern. Es war der Portugiese Sousa Mendes, der ihrem Vater nach der Flucht aus dem von Deutschen besetzten Antwerpen das Überleben und einen Neuanfang im fernen Amerika ermöglichte. In den Archiven von Yad Vashem begegnete Berman schließlich noch einem Onkel ihres Vaters, dem Künstler Carol Deutsch. Seine Tochter Ingrid hatte in einem Versteck überlebt und 99 Illustrationen biblischer Geschichten ihres Vaters gerettet. Sie werden jetzt in der Gedenkstätte ausgestellt.

Immer wieder kommt es vor, dass Berman miterleben darf, wie Menschen Tote suchen und Lebende finden – etwa Liora Tamir, die als Vollwaise in der sowjetischen Gulagstadt Workuta und später in einem Waisenhaus in Leningrad aufwuchs. Tamir lebte in der Annahme, ihre gesamte Familie sei ausgerottet. Bis eines Tages ihre Tochter Ilana durch Nachforschungen herausfand, dass ein Onkel von Liora, Simcha Shikler, 1956 einen Eintrag in Yad Vashem veranlasst hatte. So wurde der Frau, die sich mutterseelenallein glaubte, »eine Familie geboren«, wie ihre Tochter Ilana im Rückblick formulierte.

Auf wunderbareweise überlebte die ganze Familie von Debbie Berman und wurde nach dem Krieg wiedervereint. Die Großmutter hatte es irgendwie geschafft, durch die gesamte Leidenszeit im Konzentrationslager ein kleines rosa Kleid ihrer Tochter zu bewahren. »Es war ein Hoffnungsschimmer inmitten des erlebten Albtraums.« Bevor Debbie 1992 nach Israel einwanderte, schenkte die Mutter ihr das rosa Kleidchen. »Ich habe es all diese Jahre aufbewahrt und dann einmal meiner kleinen Tochter Emma, die nach ihrer Großmutter genannt wurde, angezogen«, erzählt sie heute.

»Als ich meine eigene Tochter in diesem Kleidchen spielen und lachen sah, wurde mir plötzlich klar, was für ein Schmerz es für meine Großmutter gewesen sein muss, so lange und unter solchen Umständen von ihren Kindern getrennt sein zu müssen.« 2010 feierte Emma Berman ihren zwölften Geburtstag, ihre Bat-Mizwa. Aus diesem Anlass vermachte die Familie das geschichtsträchtige Familienkleidungsstück der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. »Ich denke, hier ist es am besten aufgehoben«, meint Debbie.

Johannes Gerloff

Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Überlebenden des größten nationalsozialistischen Vernichtungslagers in Auschwitz-Birkenau. Mit einer Proklamation des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog wurde am 3. Januar 1996 der 27. Januar in Deutschland offiziell zum »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus« erhoben. »Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen«, hieß es in der Proklamation.

Im Jahr 2005 erklärte zudem die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Holocaustgedenktag.
In Israel selbst ist der Jom haScho’a ein israelischer Nationalfeiertag. Er beginnt mit dem Sonnenuntergang am 27. Nisan des jüdischen Kalenders und endet am folgenden Abend. Nach dem gregorianischen Kalender fällt der Tag in diesem Jahr auf den 19. April.
(GKZ)

www.yadvashem.org/
www.yad-vashem.de

Glaubens-Façon und preußischer Mehrwert

22. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der Sozialethiker Wolfgang Huber über Friedrich II., preußische Tugenden und religiöse Toleranz

Wolfgang Huber, Jahrgang 1942, ist evangelischer Theologe und Sozialethiker. Er war von 1993 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und von 2003 bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Huber ist unter anderem Mitglied im Nationalen Ethikrat und Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Garnisonkirche in Potsdam. Foto: picture-alliance

Wolfgang Huber, Jahrgang 1942, ist evangelischer Theologe und Sozialethiker. Er war von 1993 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und von 2003 bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Huber ist unter anderem Mitglied im Nationalen Ethikrat und Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Garnisonkirche in Potsdam. Foto: picture-alliance

Am 24. Januar jährt sich zum 300. Mal der Geburtstag des späteren preußischen Königs Friedrich II. Er steht ebenso für das Preußentum mit seinen umstrittenen Tugenden wie für einen aufgeklärten Absolutismus. Harald Krille sprach darüber mit Wolfgang Huber.

Herr Professor Huber, in der DDR galten Friedrich II. und die preußischen Tugenden weithin als Synonym für Militarismus und alles Böse. Gibt es gute Gründe für eine Renaissance des Alten Fritzen?
Huber: Zunächst muss man sagen, dass die Rezeption der Geschichte Preußens in der DDR außerordentlich widersprüchlich war. Einerseits wollte man ein Feindbild haben, von dem man sich abgrenzen konnte, und brachte deswegen den preußischen Militarismus und den Hitlerfaschismus ganz nahe zusammen. Und auf der anderen Seite wollte man gerne das kulturelle Erbe auf die eigenen Mühlen lenken. Deshalb hat man beispielsweise den Alten Fritz unter den Linden in Berlin wieder aufgestellt. Statt eines solchen zwiespältigen Verhältnisses sollten wir uns um eine kritische Aneignung der Tradition bemühen.

Friedrich II. war eine Persönlichkeit, die eindrucksvolle Züge hatte, die sich jedoch auch in einer Weise am militärischen Ruhm orientierte, die wir heute kritisch sehen. Aber ohne jeden Zweifel handelt es sich um eine herausragende und geschichtsprägende Gestalt. Friedrich II. hat Preußen nahezu ein halbes Jahrhundert regiert. Und dieses Preußen sah danach völlig anders aus. Er hat auf seine Weise dazu beigetragen, dass Preußen zu einem Kulturstaat geworden ist. Deswegen können wir gar nicht an ihm vorbei, denn die Spuren dieser kulturellen Prägung begegnen uns auf Schritt und Tritt.

Stichwort »kritische Aneignung«: Was taugt denn aus der preußischen Tradition für Demokraten im Rechtsstaat?
Huber: Aus dieser Tradition taugen vor allem zwei preußische Tugenden, die in meinen Augen ganz in den Vordergrund gerückt werden sollten:

Verlässlichkeit und Toleranz. Verlässlichkeit ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich Vertrauen bilden kann. Und Offenheit für den Anderen, für den Fremden ist eine Grundvoraussetzung für den Respekt vor der Glaubensüberzeugung auch derjenigen, die anders glauben als ich selbst. Diese beiden Tugenden sind für die Demokratie sehr wichtig. Sie taugen auch als kritische Maßstäbe im Blick auf Auswüchse in der Wirtschaft oder auf den Finanzmärkten, die wir gegenwärtig beobachten; sie können uns in der Gestaltung einer pluralistischen Gesellschaft hilfreich sein.

Viele verstehen die religiöse Toleranz Friedrichs II. und seinen berühmten Satz, »jeder soll nach seiner Façon selig werden«, eher als Ausdruck einer religiösen Gleichgültigkeit …
Huber: Es wird erzählt, dass Friedrich II. gelegentlich hinzugefügt haben soll: »Jeder soll nach seiner Façon selig werden, Hauptsache die Kerle haben überhaupt Religion.« So wurstig das klingt und so distanziert auch das eigene Verhältnis des Voltaire-Freundes zur Religion gewesen ist, so deutlich hat er doch ein Bewusstsein davon gehabt, dass der Mensch auf einen Bezugspunkt außerhalb seiner selbst angewiesen ist. Das ist ein Hinweis darauf, dass Menschen verarmen, wenn ihr Glaube verkümmert.

Außerdem: Die Preußen haben im Blick auf einwandernde Menschen anderer Konfession diese Glaubensüberzeugungen eben nicht zur Privatsache erklärt. Sie nahmen auch deren Religion und konfessionelle Prägung wichtig und sorgten dafür, dass sie ihren Glauben frei leben konnten. Das ist etwas anderes als Gleichgültigkeit.

Zu den preußischen Tugenden gehören auch solche Begriffe wie Treue, Gehorsam und Disziplin, die nicht zuletzt im Dritten Reich fürchterlich missbraucht wurden. Kann man heute wieder unbefangen vom Wert preußischer Tugenden sprechen?
Huber: Wenn unbefangen unkritisch bedeutet, dann kann man das natürlich nicht. Wenn man aber durch eine kritische Analyse der Wirkungsgeschichte hindurch wieder fragt, was denn eigentlich der Kern dieser preußischen Tugenden ist, dann kann man im Blick auf diesen Kern wieder ein Stück Unbefangenheit entwickeln. Denn dann merkt man, dass das Zerrbild eines preußischen Militarismus nicht unbedingt dem Kern preußischer Tugenden entspricht.

Was wären denn außer Verlässlichkeit und Toleranz aneignungswerte Kernwerte?
Huber: Ich will ein Stichwort nennen, das sehr modern klingt, aber in Wirklichkeit schon viel länger aktuell ist – nämlich die Tugend der Nachhaltigkeit. Wenn Sie anschauen, welche Kultivierungsleistung beispielsweise die Ansiedlung holländischer Bauern im Oderbruch zur Folge hatte, dann sehen Sie daran, dass in diesem Land mit seinen durchaus kärglichen Lebensbedingungen nicht nur an kurzfristigen Profit gedacht wurde. Es war die Zeit Friedrich des Großen, in der das Wort Nachhaltigkeit zum ersten Mal verwendet wird.

Zugegeben: nicht von einem Preußen, sondern von dem sächsischen Forstmeister Hans Carl von Carlowitz. Aber wir ­wissen, dass zur selben Zeit auch in Preußen in der Landwirtschaft genau der gleiche Gedanke vorangetrieben wurde: Nämlich den Ackerboden so zu bewirtschaften, dass die Erträge auch für die nächste Generation sichergestellt werden. Diese Art von ­Tugend haben wir lange Zeit sträflich vernachlässigt.

Wo würden Sie den Unterschied sehen zwischen den sogenannten preußischen Tugenden und den klassischen Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung oder den christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe?
Huber: Der Unterschied scheint mir die größere Alltagsnähe der preußischen Tugenden zu sein. Hier werden praktische Maßstäbe des persönlichen Verhaltens ins Zentrum gerückt, Maßstäbe, an denen der Einzelne sich orientieren kann und in denen er ­einen verlässlichen Kompass für die persönlichen Entscheidungen im Alltag hat. Es geht um gelebten Anstand im täglichen Miteinander. Sowohl die sogenannten Kardinaltugenden als auch die christlichen Tugenden sind im Vergleich dazu eher so etwas wie grundlegende Voraussetzungen.

Ein zeitgenössisches französisches Sprichwort lautet: »Preuße zu sein ist eine Ehre, aber kein Vergnügen« …
Huber: (lacht) Ja, man muss sicher auch die kritische Frage stellen, ob die Erfahrung von Glück, die Freude am Leben, die Muße zum Feiern in der preußischen Lebensauffassung den wünschenswerten Raum hatte. Bei Friedrich II. hat es an diesen Dimensionen eigentlich nicht gefehlt. Denken Sie an seine große Begeisterung für die Musik, denken Sie an die Gastlichkeit, die am preußischen Hof durchaus vorhanden war.

Oder denken Sie an die Gestaltung Potsdams und seiner Parkanlagen, in denen ein Stück mediterrane Lebensfreude auftaucht. Aber es gehört sicher zur kritischen Aneignung mitzureflektieren, dass die Hochschätzung der Arbeit nur dann ein Maß bleibt, wenn auch die Grenzen der Arbeit geachtet ­werden, und dass Pflicht nur dann mit Augenmaß betrachtet wird, wenn auch die Bereitschaft zur Freude an der Schönheit des Lebens vorhanden ist.

Sie haben Glaube, Hoffnung, Liebe eher als grundlegende Voraussetzungen bezeichnet – und für den pietistisch geprägten Vater Friedrichs II., Friedrich Wilhelm I., waren sie es besonders. Können preußische Tugenden überhaupt auf Dauer ohne Rückbindung an solche Voraussetzungen gelebt werden?
Huber: Sie verarmen sicher, wenn man sie nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Nützlichkeit für das eigene Leben und das eigene Fortkommen anschaut, statt unter dem Aspekt, dass ich für mein anvertrautes Leben, meine anvertrauten Gaben und für meine Mitmenschen Verantwortung vor Gott habe und ihm rechenschaftspflichtig bin. Das kann nicht in dem Sinn gemeint sein, dass Menschen, die nicht an Gott glauben, kein gutes und an Tugenden orientiertes Leben führen könnten.

Aber die Frage nach dem entscheidenden Grund und Halt für mein Leben, die Fähigkeit neu anzufangen, wenn etwas misslungen ist, wenn man gescheitert ist, wenn man Schuld auf sich geladen hat – das sind Glaubensfragen, ohne die allen Tugenden eine entscheidende Basis fehlt. Sie gehören unmittelbar zu unserem Leben; deshalb verweist unser Gespräch über Tugenden unmittelbar auf die Dimension des Glaubens. Und deshalb möchte ich jedem Menschen wünschen, dass er die Verwurzelung eines verantwortlichen Lebens in der Beziehung zu Gott verstehen und sich selber aneignen kann.

Flöte spielender Kriegsherr

21. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Jubiläum: Vor 300 Jahren wurde Friedrich der Große, der König von Preußen geboren, er gilt als Repräsentant des aufgeklärten Absolutismus

Berlin und Brandenburg ­feiern 2012 den 300. Geburtstag Friedrich des Großen.
Der preußische König ging als Inbegriff eines aufgeklärten Monarchen in die Geschichte ein. Doch der ­Herrscher­alltag sah anders aus.

Seine Taufe war die letzte, die im Berliner Stadtschloss mit barockem Pomp gefeiert wurde. Als Friedrich II. vor 300 Jahren am 24. Januar 1712 geboren wurde, da wollte sich sein Großvater und erster preußischer König eine solche »Solennität« (Feierlichkeit) noch nicht nehmen lassen. Der Täufling wurde bei dem Zeremoniell nicht nur mit dem Segen Gottes versehen, sondern gleich auch mit dem Orden vom Schwarzen Adler dekoriert, dem höchsten preußischen Orden.

Mit Thomas Mann, Adolf Hitler und Erich Honecker könnte die Schar seiner späteren Verehrer unterschiedlicher nicht sein, von den Preußen-Enthusiasten heutiger Tage ganz zu schweigen. Hingegen verbannte Helmut Schmidt eine Friedrich-Büste aus seinem Büro, als er 1969 Verteidigungsminister wurde. Mit dem »Alexander dem Großen im Taschenformat« wollte der Sozialdemokrat nichts zu tun haben.

Schon Zeitgenosse Friedrich Schiller mochte »diesen Charakter nicht lieb gewinnen«. Nicht erst mit einem Zeitabstand von zwei Jahrhunderten konnten die Widersprüche zwischen Schein und Sein, zwischen politischem Anspruch und Wirklichkeit ins Auge stechen. Kein anderer Monarch hatte sich bis dato so zu den Ideen der Aufklärung bekannt, sich gar als Flöte spielender »Philosoph auf dem Thron« verstanden und Freundschaften zu Intellektuellen geknüpft – wie Friedrich zu Voltaire.

1781, acht Jahre vor der Französischen Revolution, schreibt der damals schon mehr als vier Jahrzehnte regierende preußische König, »dass alle Monarchien durch den Reichtum verderbt worden sind«. Die Gesetze seien dazu da, »die Schwachen vor der Bedrückung durch die Starken zu schützen«. Schon zuvor hatte Friedrich erklärt, der Fürst sei »nur der erste Diener des Staates«.

Bereits vier Tage nach seiner Thronbesteigung hatte er die Folter abgeschafft, nur nicht für Hochverrat. Weitere zwei Tage später hob Friedrich auch die Zensur auf. Ein halbes Jahr danach, als er ohne Kriegserklärung Schlesien überfiel, führte er sie jedoch wieder ein.
Durch die Annexion soll sein Land zur Großmacht aufsteigen, was Friedrich auf friedlichem Wege nicht erreichen kann. Das Preußen des Jahres 1740 ist dafür zu schwach, ein rückständiger Flickenteppich.

Im Keller des Berliner Schlosses liegt allerdings ein Staatsschatz von acht Millionen Goldtalern, und die Armee ist von seinem Vater Friedrich Wilhelm I. gut ausgebildet. In jungen Jahren hatte der »Soldatenkönig« selbst den Kronprinz zum Spiel mit Zinnsoldaten und Pistolen gezwungen. Wenn sich Friedrich beim Abfeuern von Kanonen als »hasenfüßiges Kind« zeigte, verachtete der Vater ihn. Dieser Drill führte dann auch zur ­Auflehnung gegen den Vater und zu der Tragödie um die Fluchtpläne mit Freund Hans Hermann von Katte, für die dieser hingerichtet wurde.

Im fünfjährigen Schlesien-Krieg zeigt der neue König dann keine Abneigung mehr gegenüber dem Militär. Beim Triumphzug durch Berlin rufen ihn Claqueure zu »Friedrich dem Großen« aus. Es folgen Reformen nach innen. Der König kümmert sich persönlich um die Bauern, macht den Oderbruch urbar. Es entsteht der Mythos vom fürsorglichen Landesherren. Die Leibeigenschaft schafft Friedrich aber nicht ab. Knechte wie auch Juden dürfen nicht »nach ihrer Façon« leben.

Nach den jüngst veröffentlichten »Schatullrechnungen« war es auch mit einer angeblichen Sparsamkeit nicht so weit her. Seine berühmten Windspiel-Hunde, neben denen er unbedingt begraben werden wollte, waren ihm pro Jahr 20 Taler wert – es war das Jahresgehalt seiner Klofrau. Und um auch im Januar sein Lieblingsobst verspeisen zu können, gab er für Kirschen 396 Taler aus.

Es sind nicht die einzigen Kosten, die dem Staat entstehen. Friedrichs »Siebenjähriger Krieg« (1756–1763) gegen Österreich, Russland und Frankreich wird nicht nur zum finanziellen Desaster.

Ganze Landstriche werden verwüstet, mit einer Million Toten verliert das Land proportional mehr Einwohner als Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Nur der frühe Tod der russischen Zarin rettet Friedrich. Um die zerrütteten Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen, reduziert er sogar heimlich den Edelmetallanteil. Der Monarch wird zum Falschmünzer.

Der Krieg bringt Friedrich an den Rand der Selbsttötung. Fast hätte er zu den 18 giftigen Opiumpillen gegriffen, die er ständig um den Hals trägt. Doch der Tod ereilt ihn erst mehr als zwei Jahrzehnte später. Friedrich, schwerkrank und unter wachsender Atemnot leidend, stirbt in einer Augustnacht 1786 in einem Sessel des von ihm erbauten Lieblingsschlosses Sanssouci in Potsdam. Seine Gemahlin, mit der er keine Kinder hatte und die er auch schon mal als »Kuh« angesprochen haben soll, hatte er ein halbes Jahr zuvor das letzte Mal gesehen.

Nicht nur in ihren Augen dürfte Friedrich »das alte Ekel« gewesen sein. Die Trauer nach seinem Tod hielt sich offenbar in engen Grenzen: »Alle Welt beglückwünschte sich«, ­notierte einer seiner letzten Besucher, der französische Marquis de Mirabeau. »Kein Bedauern wird laut.«

Jürgen Heilig, (epd)

Ohne Reue Geld leihen und verleihen

20. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Der biblische Ratgeber für Kreditgeber und -nehmer

Ja, man kann viel falsch machen bei Krediten. Die Bibel gibt wertvolle Tipps, wie der private und geschäftliche Leihverkehr ohne weitreichende Folgen bleiben kann.

Foto: MEV

Foto: MEV

Du sollst Geld verleihen! (5. Mose 15,7-10; Lukas 6,34f.)
Zumindest wenn es sich um arme Mitmenschen handelt, gilt: Ein Mensch sollte Geld verleihen, und zwar so, »dass das Herz nicht verdrießt«. Der Grund ist nicht nur, jemandem aus der Patsche zu helfen, sondern um von Gott gesegnet zu werden. Hier vertritt die Bibel an einigen Stellen eine lupenreine Werkgerechtigkeit. Jesus treibt die Tugend des Leihens auf die Spitze und hinterfragt private Verleiher wie die gesamte ­Kreditwirtschaft: »Leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft!« Wer Geld leiht, sollte also nicht automatisch ­davon ausgehen, das Verliehene zurückzubekommen; das sei vielmehr das Gebaren der »Sünder, »damit sie das Gleiche bekommen«.

Vorsicht bei Bürgschaften! Bei Geld hört die Freundschaft für einige Menschen nicht auf. Gerät ein Freund in Not, stellen sie sich als Bürgen für dessen Kredit zur Verfügung. Ein löbliches, aber riskantes Verhalten. Denn wenn der Freund seinen Kredit nicht bedienen kann, bittet der Geldverleiher den Bürgen zur Kasse. Das konnte schon vor 3000 Jahren fatale Folgen haben. Aus diesem Grund warnte der weise und ­lebenserfahrene König Salomo davor, Bürgschaften zu übernehmen. »Sei nicht einer von denen, die mit ihrer Hand haften und für Schulden Bürge werden; denn wenn du nicht bezahlen kannst, so wird man dir dein Bett unter dir wegnehmen.« (Sprüche 22,26f.)

Erlasse die Schulden! (5 Mose 15,2; 1 Makkabäer 15,8)
Eine nette Geste oder pure Taktik? Eher das Zweite: Dass der Seleukidenkönig Antiochus dem jüdischen Makkabäerfürsten Simon die Schulden ­erlässt, hatte Hintersinn. Er wollte ihn als Verbündeten gegen einen Widersacher gewinnen. Wie hingegen ein selbstloser Schuldenerlass aussehen kann, schildert das Gesetz des Mose. Es fordert die gläubigen Gläubiger auf, alle sieben Jahre den Nächsten die Schulden zu erlassen. Einfach so, um Gottes willen.

Nimm von Armen keine Zinsen! (3 Mose 25,35-37; 5 Mose 23,20f.; Sprüche 28,8; Sirach 29,2)
Verleihen ist gut. Zinsen nehmen im Prinzip auch. Allerdings soll man Arme vor der demütigenden Prozedur des Zinsenzahlens bewahren. Die Bibel begründet das nicht mit moralischem Zeigefinger, sondern theologisch: »Du sollst dich vor deinem Gott fürchten, dass dein Bruder neben dir leben könne!« Gott habe sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft geführt – deswegen solle man sich seinem bedürftigen Nächsten gegenüber auch in befreiender Weise verhalten. Das kann auch so geschehen, dass eingenommene Zinsen hilfsbereiten Mitmenschen gespendet werden.

Leg dein Geld gewinnbringend an! (Lukas 19,11-27)
Dies Gleichnis Jesu könnte ein Werbespruch für jeden Anlageberater sein. Vor seiner Abreise händigt ein Fürst jedem seiner zehn Knechte einen Geldbetrag in Höhe von einem Pfund aus mit der Aufforderung, damit zu handeln. Nach seiner Rückkehr ist er neugierig. Der erste Knecht hat das ihm anvertraute Pfund verzehnt-, der zweite verfünffacht. Die beiden kassieren dickes Lob vom Fürsten und erhalten machtvolle Positionen in seinem Reich. Der Dritte allerdings reicht dem Fürst sein Originalpfund zurück; aus Angst, etwas falsch machen zu können, hatte er es liebevoll in einem Tuch aufbewahrt. Erbost herrscht der Fürst den Knecht an, warum er das Geld denn nicht zur Bank gegeben hätte. Als Strafe nimmt er dem vorsichtigen Knecht das eine Pfund und gibt es dem erfolgreichsten Geldanleger.

Leihe Mächtigen nichts! (Sprüche 22,7; Sirach 8,15)
Wer dem Rat des Jesus Sirach folgt, dürfte eigentlich keine Staatsanleihen kaufen. Denn ein Staat ist selbstverständlich mächtiger als ein einzelner Geldanleger. Auch mit seiner Prognose ist das weise Bibelbuch am Puls der Zeit: »Leihst du ihm aber etwas, so schreib es gleich ab.« Das Risiko ist groß, dass der Mächtige das Geld nicht zurückzahlt, sei es aus Willkür, sei es, weil er pleite ist. Dass es Griechenland so ergehen könnte, wusste der Apostel Paulus allerdings noch nicht, als in Athen »sein Geist ergrimmte«. (Apostelgeschichte 17,16) Und andersherum, sollte man sich von Mächtigen leihen? Tunlichst nicht, meint Salomo – denn »wer borgt, ist des Gläubigers Knecht«.

Uwe Birnstein

Zum Weiterlesen
Bauer, Dietrich: Geldgeschichten der Bibel, Deutsche Bibelgesellschaft, 168 S., ISBN 978-3-438-04806-6, 8,50 Euro

Großfarmer jubeln bereits

19. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Brasilien: Eine umstrittene Gesetzesnovelle soll die Schutzbestimmungen für den Regenwald lockern

Umstritten: Die Abstimmung im brasilianischen Senat über die Novelle des Waldgesetzes wurde von Protesten der ­Umweltschützer begleitet. Doch die Wirtschaftsinteressen setzen sich durch. Foto: picture-alliance/Pedro Ladeira

Umstritten: Die Abstimmung im brasilianischen Senat über die Novelle des Waldgesetzes wurde von Protesten der ­Umweltschützer begleitet. Doch die Wirtschaftsinteressen setzen sich durch. Foto: picture-alliance/Pedro Ladeira

Umweltschützer in Brasilien laufen Sturm. Denn eine Mehrheit im Parlament will den Schutz des Regenwaldes lockern. Und die Großfarmer jubeln schon.

Brasiliens neues, heftig umstrittenes Waldgesetz hat kurz vor Ende des vergangenen Jahres eine wichtige Hürde genommen: Der Senat verabschiedete seine umkämpfte Novelle. 59 der 67 anwesenden Vertreter des Oberhauses billigten die Reform, gegen die Brasiliens Umweltbewegung seit Monaten Sturm läuft. Sie befürchtet, dass die Zerstörung hochsensibler ökologischer Schutzgebiete im ganzen Land lega­lisiert wird.

Für die armen Urwaldbewohner und die Umwelt setzten sich hingegen zwei Senatoren der oppositionellen »Partei für Sozialismus und Freiheit« aus Amazonien ein. Sie stimmten mit Nein, »im Namen all jener, die bei der Verteidigung des Urwalds ihr Leben gelassen haben«, so die Senatoren. Die Novelle muss nun vom Parlament erneut bestätigt und dann von der Präsidentin Dilma Rousseff unterzeichnet werden.

Vor der Unterzeichnung des Gesetzes hätte die Präsidentin allerdings noch die Möglichkeit, ihr Veto gegen umstrittene Passagen einzulegen. Im Wahlkampf 2010 hatte sie öffentlich gelobt, keinem Gesetz zuzustimmen, das etwa eine Amnestie für Waldzerstörer enthält. Genau dies zeichnet sich jetzt ab: Die Novelle sieht unter anderem Straffreiheit für jene Landbesitzer vor, die vor Juli 2008 die ­gesetzlich vorgeschriebenen Schutzgebiete auf ihren Ländereien zerstört haben und sie nun wieder aufforsten. Alle, deren Landbesitz aber weniger als 440 Hektar umfasst, sollen von dieser Auflage befreit werden.

Um das Gesetz unter Dach und Fach zu bringen, hatte sich die Regierung mit Großfarmern bereits geeinigt. Senator Jorge Viana von Rousseffs Arbeiterpartei, ein früherer Mitstreiter der Umweltschützer Chico Mendes und Marina Silva, koordinierte jetzt die Senatsnovelle. »Wir ­beginnen eine neue Geschichte«, sagte Viana, dank des neuen Gesetzes würden in den kommenden 20 Jahren jeweils 20000 Quadratkilometer wieder aufgeforstet.

Das sehen Kritiker allerdings anders. Der Agrarökonom José Eli da Veiga sagt düster voraus, das neue ­Gesetz werde vor allem den »Billig­export von Naturressourcen aus Amazonien« in Form von Rindfleisch beflügeln. Damit widerspreche es den Zielen der brasilianischen Klimapolitik und den Bestrebungen, sagte da Veiga.

Auch die größte internationale ­Naturschutzorganisation, der World Wide Fund For Nature (WWF), reagiert entsetzt. Er befürchtet, dass die geplanten Lockerungen insgesamt zur Zerstörung von rund 76,5 Millionen Hektar Regenwald führen. Dies entspräche der Fläche von Deutschland, Österreich und Italien zusammen. »Der brasilianische Staat ist vor der Agrarlobby eingeknickt«, resümiert Eberhard Brandes, Vorstand von WWF-Deutschland.

Die Aufweichung des Waldgesetzes betrifft aber nicht nur den Regenwald im Amazonasgebiet. Im ganzen Land sollen Schutzgebiete an Flussufern zum Teil erheblich verringert und die landwirtschaftliche Nutzung an Berghängen und Kuppen ausgeweitet werden. Dabei kommt es schon jetzt bei heftigen Regenfällen in dicht besiedelten Gebieten regelmäßig zu großen Erdrutschen mit zahlreichen Todesopfern. Auch weil im kommenden Juni ein großer UN-Umweltgipfel »Rio+20« in Rio de Janeiro stattfindet, hoffen Umweltschützer nun auf das Veto der Präsidentin.

Gerhard Dilger, (epd)

86 Takte Friedensvision

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Einstudierung: Motette »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen«

Wer sich in einen Selbstversuch begibt, ist Überzeugungstäter. Auf Ludger Vollmer trifft dies zu. Der Vollblutmusiker und Christ gehört zu jenen 20 Komponisten, deren Werke sich im druckfrischen Luther-Chorbuch finden.

Der renommierte Künstler Ludger Vollmer probt mit dem Weimarer Madrigalchor. Fotos: Maik Schuck

Zum Auftakt des Themenjahres »Reformation und Musik« erschien zu Jahresbeginn das »Luther-Chorbuch«, eine Initiative verschie­dener Thüringer Musikverbände und ­Institutionen. Zeitgenössische Komponisten lieferten Beiträge zu Luther-Texten. Da die Werke für Laienchöre gedacht sind, studiert Ludger Vollmer seine Komposition mit dem Madrigalchor Weimar selbst ein und wird auch die Uraufführung im Rahmen des Festaktes am 18. Januar, um 19.30 Uhr, in der Erfurter Thomaskirche leiten. Derzeit laufen die Proben.

Mittwochabend, in einem Seminarraum der Bauhausuniversität Weimar: Die Tische sind übereinandergestellt, die Stühle zusammengesucht, das alte Klavier zurechtgerückt. Es wird eng, wenn alle der gut 40 Sängerinnen und Sänger da sind. Sie kommen sozusagen in alter Verbundenheit hierher, auch wenn optimale Probenbedingungen anders aussehen.

Bis 1992 gehörte der Madrigalchor zur Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar. Und er ist der jetzigen Universität als Verein dankbar, in diesem Raum kostenlos proben zu können. Inzwischen ist die Dominanz der Bauberufe im Chor gewichen, die Altersspanne reicht vom Studenten bis zum Senioren – der Chor ist ein Stück Leben nach dem Arbeitsalltag.

»Lasst uns mal einen Durchlauf wagen, dann hören wir gleich, wo noch Arbeit ist.« Ludger Vollmer steht aufmunternd vorm Chor. – Schon nach den ersten Takten wird klar: Eine zusätzliche Wochenendprobe ist unabdingbar. »Ihr Tenöre, hört doch mal auf den Sopran. Ensemble-Singen heißt, ein inneres Bewusstsein zu entwickeln, Töne weiterzureichen. Singt euch gegenseitig an, wenn’s hilft!« Es hilft, diese Hürde ist genommen. Die nächste liegt beim Bass. »Der Registerwechsel ist für euch schwer, ich weiß das.

Aber beim Komponieren ist das nun mal so.« Es klingt fast wie eine Entschuldigung, aber die hat Ludger Vollmer hier nicht mehr nötig. Schon nach der ersten Probe im Dezember vergangenen Jahres war die anfängliche Skepsis und Befangenheit des Chores in Leistungsbereitschaft gewechselt. Da steht einer vorn, dessen Intensität mitzureißen vermag und der ohne jede Attitüde überzeugen will.

Ludger Vollmer lebt in Weimar. Seit 1993 arbeitet er als freischaffender Komponist und Musiker. International renommierte Künstler führen seine Werke auf, das Oeuvre reicht von Opern, Filmmusiken bis zu Streichquartetten, in Europa, Australien, den USA und Fernost wird er als Komponist gefeiert. »Es ist nur ein kleines Stück, was wir hier machen, aber es steht viel dahinter.« Und zur Demonstration eilt Vollmer im Weimarer Seminarraum zur Wand, umreißt mit großer Gebärde die riesigen Tempelsteine in Jerusalem. »Die lassen sich nicht verrücken, das muss man hören, wenn ihr vom Berg singt, ›da des Herren Haus fest steht‹. Das ist keine Kammermusik, da muss ein Klang sein, dass die Thomaskirche wackelt!«

Musik und besonders jene, die mit einem frei gewählten Text verbunden ist, wird zu einem persönlichen Bekenntnis ihres Schöpfers. Ludger Vollmer hat seiner Motette »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen« das Bibelwort aus Jesaja 2, Verse 1 bis 4, in der Übersetzung von Martin Luther zugrunde gelegt. Der 1961 in Berlin-Köpenick Geborene studierte von 1984 bis 1990 Violine, Viola und Komposition in Leipzig.

Bei den friedlichen Demonstrationen war er dabei, sah die aufmarschierten Kampfgruppen im Herbst 1989. Das sei ein Grund, weshalb er diese Friedensprophezeiung gewählt habe. Der andere: die Eindrücke 2010 in Israel. Ein Arbeitsstipendium des Thüringer Kultusministeriums hatte ihm einen längeren Aufenthalt in Israel ermöglicht als Vorstudium für die Oper »Crusades«. Sie beschäftigt sich mit den Spätfolgen der Kreuzzüge. »Ich wollte wissen, warum es damals wie heute religiös motivierte Kriege gibt.«

Seine nächtlichen Erlebnisse in der Grabeskirche von Jerusalem, wo er den liturgischen Gesängen der armenischen Christen lauschte, fanden Eingang in die Motette, die eine Art musikalische Studie für sein Opernprojekt darstellt.

Der Komponist Ludger Vollmer.

Der Komponist Ludger Vollmer.

Ludger Vollmer ist Katholik. Für ihn ist Luther ein spirituelles Genie und ein Held, dessen emotionale ­Bindung an Gott ihn tief beeindruckt. »Ich möchte, dass Zuhörer wie Ausführende diese beiden Aspekte auch in meiner Komposition erspüren und emotional ergriffen werden. Für Luther war die Musik ein wichtiges Mittel, Gott zu preisen, und keines der Ablenkung. Das hat auch einen starken Widerhall in der katholischen Kirche gefunden.« Vollmer freut sich sehr, zum Luther-Chorbuch einen Beitrag leisten zu dürfen.

»Für uns ist das Projekt eine große Herausforderung und eine einzigartige Chance, ein zeitgenössisches Stück gemeinsam mit dem Komponisten zu erarbeiten. Die Kraft der Musik und des Textes und der Geschichten dahinter sind eine bereichernde Erfahrung und Motivation«, so Uta Tannhäuser vom Vorstand des Madrigalchores.

»Ich bedanke mich für die schweißtreibende Probe«, sagt Ludger Vollmer leicht erschöpft, aber mit fröhlichem Gesicht. Die Choristen räumen wieder ein, stellen Pappmodelle von Häusern und Städten zurück. Es geht auf halb elf zu. Sie haben fast eine Stunde länger als normal geprobt. Die Zeit verflog, die Begeisterung aber bleibt.

Uta Schäfer

Lang, Peter Helmut (Hg.): »…ich kann nicht anders«. 20 neue Kompositionen für gemischten Chor zum Themenjahr »Reformation und Musik« 2012, Strube Verlag, 127 S., ISBN 978-3-89912-158-2, Einzelpreis: 15 Euro, Staffelpreise möglich

Danke, dass mir Gott Kraft gegeben hat

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Betrachtung: Gedanken zur Jahreslosung 2012, die den Schwachen Stärke zuspricht

Stark sein ist in. Aber nicht jede und jeder hat die Kraft, die er oder sie sich wünscht. Manchmal entwickelt einer Kräfte, die ihm niemand ­zugetraut hätte. Und auch die scheinbar Schwächsten, können Stärke beweisen.

Foto: BilderBox.com

Foto: BilderBox.com

Schon immer habe ich die Starken besonders bewundert. Ach, diese Kräftigen mit ihrem breiten Rücken und den gespannten Muskeln! Schon als Kind war ich fasziniert von Männern, die große Gewichte stemmen und Lokomotiven ziehen konnten. Ich liebte Pippi Langstrumpf, die ein ausgewachsenes Pferd in die Höhe hob. Und natürlich habe ich sie beneidet. Das hätte ich auch gern geschafft!

Auf dem Rummelplatz stand ich immer lange bei der Hau–den–Lukas–Maschine. Nur die kräftigsten Männer schafften es, das Glöckchen oben bimmeln zu lassen. Mein Vater konnte das nicht. Auch der kluge Herr Doktor aus unserem Dorf hatte keine Chance. Aber der Willi mit seinem struppigen Vollbart – der bekam das spielend hin! Der Willi, der jeden Tag in den Wald ging, um Bäume zu fällen. Der holte nur einmal kurz aus – und schon krachte der Bolzen an das Glöckchen oben. Das war dann aber kein leises »Bim«, es war ein solcher Schlag, dass man um die Glocke fürchten musste. Willi durfte deshalb auch nur einmal zuschlagen. Der Besitzer hatte Angst um seine Maschine.

Aber da war noch ein Anderer.

Der hatte eine ebenso unglaubliche Stärke. Und das konnte ich eigentlich gar nicht glauben. Bei dem hätte ich das niemals erwartet.

Das war nämlich der Wolfgang. Der Wolfgang, den wir so gern gehänselt haben. Wie oft sind wir hinter ihm her­gelaufen und haben gerufen: »Wolfgang, Wolfgang, schaukel dich. Wolfgang, Wolfgang, brüll doch mal!« Die Kinder nannten ihn den »blöden Wolf«. »Der hat sie nicht alle«, sagten sie. »Bei dem ist nur Grütze im Kopf.« Und dann versuchten sie, ihn zu necken: »Wolfgang, sag doch mal ›Rotznase!‹« Und wenn sie Glück hatten, dann stammelte der arme Kerl: »Otzase« und lachte. Mein Onkel hatte mir verboten, mitzumachen. Aber ich habe es trotzdem getan. Auch ich habe gerufen: »Wolfgang, Wolfgang, schaukel dich!«

Dann beugte er nämlich seinen Oberkörper rhythmisch so weit nach beiden Seiten, dass es aussah wie bei einem Uhrpendel. Und alle haben ­gelacht. Ich auch.

Der Wolfgang lebte einfach so mit uns im Dorf. Er war halt dabei. Er schaukelte sich durch sein Leben.

Einmal im Jahr kam der Rummel. Dann war der Wolfgang nicht zu halten. Der Rummel – das war seine Welt: Die Karussells, die Schießbuden, die Gespensterbahn und vor allem: Die Hau–den–Lukas–Maschine. Also lief der Wolfgang im Sauseschritt die drei Kilometer in die Stadt. Keiner konnte ihn aufhalten. Niemand konnte ihn überholen.

Er sagte dann keine komischen Worte und schaukelte auch nicht. Er lief und lief bis er da war. Seine Mutter gab ihm immer genug Geld mit für zwei, drei Stunden. So hockte er dann mit einem seligen Gesicht auf dem Kettenkarussell und ließ die Beine baumeln. Er fuhr durch die Gespensterbahn und lachte die Geister aus. Er sagte »Wuckertatte« am Zuckerwattestand.

Und dann – ja dann ging er zur Hau–den–Lukas–Maschine. Aber der Besitzer sagte: »Na, mein Junge, das ist hier nichts für dich. Das schaffen nur die ganz Starken. Das musst du erst gar nicht versuchen.«

Ja, diese Worte weiß ich noch. Und beim ersten Mal war ich mir auch sicher, dass der Mann recht hatte. Wie sollte einer, den sie alle den »blöden Wolf« nannten, diesen Bolzen nach oben bekommen? Das schafften nur der Willi aus unserm Dorf und eine Handvoll Starke aus der Stadt. Die ­Maschine war mit Absicht so schwer eingestellt. Der Besitzer wollte seine Preise am liebsten behalten.

Und dann kam also der besondere Wolfgang aus meinem Dorf und alles grinste. So einer ohne Grips im Kopf – der kann das nicht. So einer, der ­dasteht wie ein Schaukelstuhl, der ­bekommt nicht mal den Hammer hoch. Nein, so ein Schwacher kann nicht stark sein. Das geht nun wirklich nicht.

Wolfgang bezahlte und hörte auf zu schaukeln. Er nahm den Hammer, der so schwer war, dass wir Kinder ihn nicht anheben konnten. Und dann ließ ihn der Wolfgang herabsausen. Plötzlich machte es »bing« da oben und noch mal »bing« und noch mal, bis der Besitzer rief: »He, Junge, du hast nur für zweimal bezahlt. Such dir deinen Preis aus!«

Aber da schritten die anderen ein. Das ließen sie nicht durchgehen. Denn man durfte so oft schlagen, wie es »bing« machte. Danach richtete sich die Größe des Preises. Und der Wolfgang hat es siebenmal geschafft. Siebenmal das Glöckchen klingen ­lassen! Und deshalb bekam er den Hauptpreis. Er konnte wählen zwischen einem Riesenteddy, einer Stoppuhr und einem Baukasten. Jedes Mal nahm er den Teddy, der ihm von den Füßen bis zum Bauch reichte. Und damit lief er ganz stolz über den ganzen Rummel.

Man sah den Wolfgang auf dem Kettenkarussell sitzen. Er hielt den Teddy auf dem Schoß. Wenn der Besitzer gnädig war, saß der Teddy sogar in einem extra Sitz neben Wolfgang. Und die Jungs aus meiner Schule lachten nicht mehr. Das ging ja nicht. Sie staunten noch. Sicher, das hat nicht lange angehalten. Irgendwann ging es mit dem Necken wieder los. Aber jetzt war auch Bewunderung dabei. Und Neid. Natürlich wollte keiner so komisch werden wie der Wolfgang. Aber so stark schon.

Ich ­natürlich auch. Klar. Einmal zur Hau–den–Lukas–Maschine gehen und siebenmal hintereinander das Glöckchen bimmeln lassen! Ein Lebenstraum für den kleinen Jungen, der nicht so richtig groß geworden ist. Geschafft habe ich es nie.

Ob mich das traurig macht? Ja

und nein. Ich hätte diese Kraft ganz gern. Daran hat sich nichts geändert. Natürlich kann ich jetzt besser mit diesem Wunsch umgehen. Aber es wurmt mich trotzdem. Denn der Traum ist geblieben, dass in mir schwachem Kerl einmal diese Kraft mächtig wäre. Ist sie nicht und wird sie wohl auch nie.

Aber vielleicht habe ich eine andere Kraft. Vielleicht liegt sie in meiner Fantasie. Oder darin, dass ich Menschen wie den Wolfgang mag. Dass ich sie lieb habe und niemals wieder etwas Gemeines hinter ihnen her rufen würde. Und dass ich versuche, meinen Konfirmanden die Achtung vor dem Wolfgang zu lehren. Vielleicht ist das meine Stärke, dass ich wahrnehme, welche göttliche Kraft in diesen Schwachen mächtig ist? Ja, das könnte sein. Ich denke, dass wir alle eine Stärke in uns haben. Jeder seine eigene, besondere. Vielleicht sogar dort, wo wir schwach sind.

Denn Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Dass wir uns manchmal nach ganz anderen Kräften sehnen, das bleibt trotzdem. Ich komme zum Beispiel immer noch schlecht an einer »Hau–den–Lukas–Maschine« vorbei. Aber wenn ich dann den Wolfgang wieder vor mir sehe, denke ich: Es ist gut, dass du das kannst, du kleiner Schaukelkönig meiner Kindheit. Dass gerade dir diese Kraft gegeben ist.

»Ach, Wolfgang, kannst du noch mal den Bolzen nach oben jagen? Kannst du noch mal das Glöckchen klingen lassen? Wenigstens in der Erinnerung. Na komm, bitte!« Und dann passiert es tatsächlich. In meinem Kopf. In meinem Erinnern. Ich sehe ihn, höre das »bing« und bin glücklich. Und danke Gott, dass er mir diese Kraft gegeben hat: Die Kraft der Fantasie und der Erinnerung. Was für eine kostbare Gabe!

»Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.«

Thomas Perlick
Der Autor ist Pfarrer im südwestthüringischen Römhild.

Die neue Super-Kirche im Norden

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Strukturwandel: Die Kirchenparlamentarier aus Mecklenburg, Pommern und Nordelbien stimmten der Fusion zu

Erst gab es stehenden Applaus, dann ein lautes »Großer Gott, wir loben dich!«: Am vergangenen Sonnabend wurde die letzte Hürde zur Fusion der Kirchen im Norden genommen.

Spontan stimmte ein Mitglied der »Verfassunggebenden Synode« der neuen Nordkirche den alten Choral an, als Präses Heiner Möhring im großen Tagungssaal der Yachthafenresidenz in Warnemünde-Hohe Düne die Ergebnisse der endgültigen und finalen Abstimmung über die Bildung der gemeinsamen Landeskirche in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern verkündet hatte:

Von den 255 anwesenden Synodalen stimmten 227 in dritter Lesung für die Verfassung der neuen Kirche. 22 votierten dagegen, sechs enthielten sich. »Nun sind wir diesen Schritt gegangen, haben diesen Schritt geschafft, Gott sei Dank!«, sagte der Vorsitzende der gemeinsamen Kirchenleitung, Schleswigs Bischof Gerhard Ulrich, in einer ersten Reaktion.

Damit wird es zum Pfingstfest 2012 nur noch eine einzige evangelische Landeskirche in Norddeutschland mit 2,3 Millionen Gemeindegliedern zwischen Usedom und Helgoland geben. Die 478 Jahre alte Pommersche Evangelische Kirche, die 465 Jahre alte Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs und die 35 Jahre alte Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche sind dann Geschichte.

Mit einem vom Fernsehen übertragenen Festgottesdienst im Ratzeburger Dom soll dann die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland gegründet werden. »Wer etwas Neues anfangen will, muss altes loslassen«, sagte Ulrich. Die neue Nordkirche sei eine historische Zäsur, die »von Bedeutung für die Entwicklung des Protestantismus in unserem Land und für das Zusammenwachsen zwischen Ost und West« sei, so der Bischof.

Erstmals »Barmer Erklärung« als offizielle Grundlage
 
Offiziell verhandelt wurde über den Zusammenschluss bereits seit 2007. Damals war klar: Alleine würden die damals noch 200000 beziehungsweise 100000 Gemeindeglieder zählenden Kirchen in Mecklenburg und Vorpommern langfristig nicht überleben können. Schon die demografische Entwicklung im Nordosten sprach gegen eine fortgesetzte Selbstständigkeit. Doch Versuche, lediglich die mecklenburgische und die pommersche Kirche zu fusionieren, scheiterten an der Mentalität vor Ort. Mit dem direkten Nachbarn ging es nicht. Die ganz große Lösung musste her.

Dazu mussten zahlreiche Probleme aus dem Weg geräumt werden: Kirchenleitungen, Verhandlungskommissionen und Synoden haben sich darauf geeinigt, dass es künftig einen Landesbischof mit Sitz in Schwerin und drei Sprengelbischöfe mit Sitz in Schleswig, Greifswald und Hamburg geben wird. Das in den beteiligten Kirchen noch unterschiedlich geregelte Arbeitsrecht – in Nordelbien gibt es einen Tarifvertrag, in den Kirchen Mecklenburg-Vorpommerns den in den meisten anderen Landeskirchen üblichen »Dritten Weg« – soll erst in sechs Jahren vereinheitlicht werden.

<Und auch in der Theologie ist die neue Kirche eine Besonderheit: »Die neue Nordkirche nimmt in ihrer Präambel ausdrücklich Bezug auf die ›Barmer Theologische Erklärung‹ von 1938«, sagt Bischof Ulrich. Damit ist sie die erste lutherische Kirche weltweit, die dieses Grundlagendokument der Bekennenden Kirche in ihrer Verfassung als theologische Grundlage anerkennt.

Doch selbst auf der finalen Synode in Warnemünde konnten nicht alle zustimmen: Die Gebrüder Mahlburg – der eine pommerscher, der andere mecklenburgischer Synodaler – und der mecklenburgische Synodale Lutz Decker machten ihre Ablehnung offen deutlich. Sie hätten sich eine langsamere Fusion gewünscht. »Natürlich bin ich auch ein kleines bisschen traurig«, sagte Decker hinterher. Doch auch er wolle sich nun auf den Weg in die Nordkirche machen und die gemeinsame Kirche kritisch begleiten.

Eine Gelegenheit dazu fand sich schnell. Denn in Warnemünde erlebte die neue Nordkirche auch ihre erste Krise. Die Überleitung der vier Bischöfe (zwei in Nordelbien sowie je einer aus Pommern und Mecklenburg) in die neue Kirche, eigentlich nur eine Formalie, scheiterte im ersten Anlauf. Die erforderliche Zweidrittelmehrheit war verfehlt. Schuld daran war nach Ansicht vieler Synodaler die Debatte um die Amtszeitverlängerung des pommerschen Bischofs Hans-Jürgen Abromeit.

Bis zuletzt noch Streit um die Bischöfe
 
Denn Abromeit ist nur bis 2013 als Bischof gewählt. Und eine »geistliche Vertrauensfrage«, die der Bischof im November vor der Landessynode in Züssow stellte, machte deutlich, dass ein gutes Drittel seiner Landessynode nicht hinter ihm steht. Trotzdem entschied sich der Bischofswahlausschuss der pommerschen Kirche, ihn bis 2018 zu verlängern. Seine Gegner beantragten daraufhin eine pommersche Sondersynode, die in Warnemünde bis tief in die Nacht tagte.

Ein mit den Worten »Die Synode steht zu ihrem Bischof« beginnender Beschluss, der der Verlängerung zustimmte, fand dann zwar wiederum die Zustimmung von zwei Dritteln der Synode. Immerhin ein Drittel stimmte weiterhin dagegen oder enthielt sich. Nun musste auch die gemeinsame Nordkirchensynode eine Nachtsitzung einlegen – im zweiten Anlauf einigten sich die Kirchenparlamentarier dann doch noch darauf, alle ihre Bischöfe mit in die Nordkirche zu nehmen. »Es wäre ein Desaster geworden, wenn wir die Debatte nicht in dieser Form aufgearbeitet hätten«, sagte die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs.

So herrschte am Ende auch in Warnemünde wieder eitel Sonnenschein. Mit einem lautstark gesungenen »Vertraut den neuen Wegen« des Jenaer Theologieprofessors Klaus-Peter Hertzsch gingen die Synodalen auseinander – um sich zum Pfingstfest zur Kirchengründung in Ratzeburg wieder zu treffen. Für alle sichtbar wird die neue Kirche spätestens 2013: Der dann in Hamburg stattfindende Deutsche Evangelische Kirchentag wird von der gesamten Nordkirche gemeinsam vorbereitet.

In Bewegung ist die Kirchenlandschaft bereits seit 2009. Damals kam der Zusammenschluss der Thüringer Kirche und der Kirchenprovinz Sachsen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland mit rund 900000 Mitgliedern zustande. Eine erste Neugliederung der östlichen Kirchen lag damals schon fünf Jahre zurück. Zum 1. Januar 2004 hatten sich die Berlin-Brandenburgische Kirche und die Kirche der schlesischen Oberlausitz zur Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz mit derzeit rund 1,1 Millionen Mitgliedern zusammengeschlossen.

Benjamin Lassiwe
 
www.kirche-im-norden.de

Zum politischen Handeln ermutigen

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Der Fernsehsender »SAT 7« trägt die Botschaft von Christus in die arabisch sprechende Welt

Die Satellitentechnik macht es möglich, dass christliches Fernsehen überall im Nahen Osten und in Nordafrika zu empfangen ist. »SAT 7« heißt der Sender, der derzeit vor ganz neuen Aufgaben steht.

Die elektronischen Augen gen Himmel gerichtet: Blick auf die Wohnhäuser auf der Nil-Insel Zamalek in Kairo mit ihrem Wald von Satellitenschüsseln. Foto:picture alliance/ZB/Matthias Tödt

Die elektronischen Augen gen Himmel gerichtet: Blick auf die Wohnhäuser auf der Nil-Insel Zamalek in Kairo mit ihrem Wald von Satellitenschüsseln. Foto:picture alliance/ZB/Matthias Tödt

Weißer Schnee, geschmückte Tannenbäume und blonde Kinder, die die Weihnachtsgeschichte erleben: Was in den vergangenen Wochen über die Bildschirme in den Wohnstuben des Nahen Ostens flimmerte, hat auf den ersten Blick mit den Ländern des Vorderen Orients nicht viel zu tun. Es war ein TV-Adventskalender aus Norwegen, den das christliche Fernsehprogramm »SAT 7« eingekauft und übersetzt hat.

»Natürlich mussten wir im Vorspann erklären, was Schnee ist«, lacht Kurt Johansen. Der Däne ist Europa-Referent des Fernsehsenders, der 1995 von dem Briten Terence Ascott gegründet wurde, und mittlerweile aus Studios in Kairo, Beirut und Zypern auf vier Kanälen christliche Fernsehprogramme in arabischer, ­türkischer und persischer Sprache sendet.

Zwischen acht und zehn Millionen Menschen zwischen Marokko und dem Iran schalten die Sendungen regelmäßig ein. Eingekaufte Sendungen wie der norwegische Adventskalender sind dabei die Ausnahme. Immerhin 70 Prozent der Programme werden in enger Zusammenarbeit mit einheimischen Kirchen vor Ort produziert, etwa gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land. Deren palästinensischer Bischof Munib Younan, der auch Präsident des Lutherischen Weltbundes ist, gehört ebenso zum Vorstand des Senders wie der in Bethlehem ansässige Pfarrer Mitri Raheb.

Wobei sich durch die arabische ­Revolution auch für »SAT 7« viel geändert hat. »Nichts ist mehr, wie es war«, sagt Kurt Johansen. Die Christen im Nahen Osten seien einerseits in Ländern wie Ägypten stark unter Druck geraten, andererseits habe »SAT 7« zum ersten Mal überhaupt einen Fernsehgottesdienst aus Algerien übertragen. Bislang hätten sich christliche Gemeinden in dem nordafrikanischen Land aus Angst vor Verfolgung geweigert, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Und während der Sender früher jeden Bezug zur Politik krampfhaft zu vermeiden suchte, bemühe sich »SAT 7« nun, die Christen der ­Region zum politischen Engagement und mit speziell produzierten Videoclips zum Verbleib in ihren Heimatländern zu motivieren. Denn allein im vergangenen Jahr hätten rund 100000 Christen aus dem Nahen Osten ihre Heimatregion verlassen.

Auch verstärke »SAT 7« Johansen zufolge den Anteil der Live-Sendungen: Ein Programm mit dem Titel »Licht und Salz« stelle demnach aktuelle politische Ereignisse aus Sicht der arabischen Kirchen dar. »Früher hatten die Christen der Region entweder keine Möglichkeit, zur Wahl zu gehen oder sie sind zu Hause geblieben«, so Johansen. Durch politisches Engagement könnten jedoch die Lebensverhältnisse in den arabischen Ländern auch für Christen besser werden.

»Wir reden heute deutlich offener über die Situation der Christen im ­Nahen Osten als früher«, bekennt der Europa-Referent. Dabei sei es »SAT 7« wichtig, keinen Hass gegen die Regierungen zu erzeugen, sondern auch mit Muslimen im Dialog zu bleiben. »Wir ergreifen keine Partei, wir vermitteln«, so Johansen.

Finanziert werden die Programme von »SAT 7« überwiegend durch Spenden aus Europa und Nordamerika. Rund eine Million Euro pro Jahr kommen allein aus Skandinavien, wo nicht nur die Kirchen, sondern auch die Regierungen »SAT 7« unterstützen. Denn manche Programme des Senders, etwa Sendungen über Gesundheitsvorsorge oder ein Alphabetisierungskurs für Erwachsene, werden etwa von der norwegischen Regierung als Entwicklungshilfe gefördert.

In Deutschland wird das Fernsehprogramm dagegen bisher nur von Kirchen und kirchlichen Werken ­unterstützt. Zu den Förderern zählen etwa die Landeskirchen Bayerns und Württembergs, die Evangelisch-methodistische Kirche, das Nordelbische Missionszentrum und verschiedene andere landeskirchliche Missionswerke.

Benjamin Lassiwe

www.sat7.org (nur in Englisch)

Wenn Musik predigt

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Friedrich Hänssler, der im März 85 Jahre alt wird, leitete als Theologe und Musikwissenschaftler jahrzehntelang den vom Vater übernommenen Verlag und machte ihn zu einem der führenden christlichen Verlagshäuser in Deutschland. Foto: privat

Friedrich Hänssler, der im März 85 Jahre alt wird, leitete als Theologe und Musikwissenschaftler jahrzehntelang den vom Vater übernommenen Verlag und machte ihn zu einem der führenden christlichen Verlagshäuser in Deutschland. Foto: privat


 
Interview: Friedrich Hänssler und sein Verlag stehen bis heute vor allem für exquisite geistliche Musik

Unter den Verlegern christlicher Musik war er einer der bedeutendsten: Friedrich Hänssler, langjähriger Inhaber des gleichnamigen, heute zur Stiftung Christliche Medien gehörenden Verlags. Zusammen mit dem Dirigenten Helmuth Rilling brachte er eine Ausgabe sämtlicher Bachwerke auf CD auf den Markt. Zum Jahr der Kirchenmusik hat Benjamin Lassiwe mit ihm gesprochen.

Herr Hänssler, welche Musik hören Sie privat am Liebsten?
Hänssler: Im Laufe der Zeit hat sich natürlich mein recht breit angelegter Musikgeschmack immer wieder einmal gewandelt. Aber am Liebsten höre und beschäftige ich mich mit Johann Sebastian Bach. Das war dann auch der Grund für die Gesamtausgabe seiner Werke auf 172 CDs, die wir mit Helmuth Rilling aufgenommen haben. Meine erste selbst gekaufte Schallplatte war allerdings die »Psalmensymphonie« von Igor Strawinsky.

Was fasziniert Sie so an Johann Sebastian Bach?
Hänssler: Eigentlich alles: seine Kompositionsweise, die kunstvolle Durchführung der musikalischen Themen in seinen Instrumentalwerken, der wunderschöne Klang seiner Musikstücke. Aber vor allem erkenne ich in seinem geistlichen Werk eine ganz starke Bindung an die Bibel: Bach lebte mit seiner Lutherbibel, das sieht jeder, der das Glück hatte, sich einmal seine in den USA wieder aufgefundene Bibel ansehen zu dürfen. Sie ist voller Unterstreichungen und persönlicher Bemerkungen. Und nicht umsonst hat ja auch der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom Bach als den fünften Evangelisten bezeichnet. Denn Bach hat mit seiner Musik gepredigt: Vor allem seine Kantaten legen durch Text, Wort und Musik das Sonntagsevangelium oder die Epistel nicht weniger aus als es der Prediger tut.

Warum war und ist Johann Sebastian Bach so erfolgreich?
Hänssler: Ehrlicherweise muss man sagen, dass Bach zu Lebzeiten nicht sonderlich erfolgreich war. Er war ein brillanter Orgelspieler und ein gefürchteter Prüfer neu errichteter Orgeln. Aber seine Genialität als Komponist wurde erst viel später erkannt. Von seinen rund 200 erhaltenen Kantaten wurde nur eine einzige zu seinen Lebzeiten gedruckt. Und von seinem »Musikalischen Opfer«, das er dem preußischen König Friedrich II. in Berlin gewidmet hatte, wurden bis 1756, also bis sechs Jahre nach seinem Tod, nur 30 Exemplare verkauft.

Heute gilt er als Genie. Was geschieht mit Ihnen, wenn Sie Bach hören?
Hänssler: Die Musik Bachs spricht mich ganz persönlich an. Sie strahlt eine unwahrscheinliche Ruhe aus, etwas wirklich friedvolles, und das auch in ihren schnellsten Passagen. Und umgekehrt ist es etwas so Konstruiertes, etwas so planvoll Komponiertes, dass selbst moderne Jazzmusiker heute am Beispiel von Bach studieren, wie man komponiert.

Umgekehrt sind viele geistliche Choräle aus alten Zeiten heute vergessen …
Hänssler: Es ist nichts so beständig, wie die Veränderung. Das gilt auch für geistliche Lieder. Bei der unerbittlichen Sichtung, die die Zeit über die Jahrhunderte hinweg vornimmt, bleibt eben nur beste Qualität übrig. Wahrscheinlich liegt es aber auch ­daran, dass die Choräle eines Paul Gerhardt und eines Philipp Nicolai und anderer durch schwere Lebenssituationen zu echten Glaubenszeugnissen geworden und bis heute auch geblieben sind.

Ihr Verlag hat stets auch moderne Kirchenlieder herausgebracht. Was ist denn nun besser? Ein Dieter Trautwein von heute oder ein Paul Gerhardt von damals?
Hänssler: Ich würde das nicht vergleichen wollen. Singen geistlicher Musik ist nicht nur Lob, Bekenntnis und Verkündigung, sondern auch Antwort auf das verkündigte Wort. Und diese Antwort wird von jeder neuen Generation neu formuliert. Das führt oft zu einer persönlicheren Identifikation mit den Texten.

Jahrhundertelang hat es in allen Kirchen ähnliche Lieder gegeben – warum geht es heute so stark auseinander? Warum singen die einen Kirchentagslieder von Fritz Baltruweit und die anderen Lobpreissongs?
Hänssler: Das ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Ich will jetzt nicht den Begriff der Parallelgesellschaften verwenden, aber vielleicht liegt es daran, dass sich die Kirchen stärker auseinanderentwickelt haben. In den Landeskirchen waren die Kirchentage wichtige Ereignisse für die Kirchenmusik. Ihr Liedgut ist in die Gemeinden eingezogen. Die Freikirchen und ähnliche Gruppierungen hingegen waren eher kirchentagsabstinent. Sie waren mehr mit den USA verbunden, und haben von dort viele Impulse übernommen: im Musikstil wie in den Texten.

Was sind denn die Herausforderungen für die Kirchenmusik im Jahr der Kirchenmusik?
Hänssler: Die Aufgabe der Kirchenmusik ist schwerer geworden – denn überall ertönt der Ruf, dass die Gottesdienste verlebendigt werden sollen. Dabei steht so vieles im Angebot, vom ganz banalen, wohl nur gut gemeinten, manchmal mit großer Einbildung vorgetragenen, aber nicht guten, bis zur Exklusivität mancher Superspezialisten, die nur Kunstverständnis zelebrieren. Meiner Ansicht nach ist die Aufgabe der Kirchenmusik, die Kriterien, die das Neue Testament uns vorgegeben hat, wieder neu zu beachten: hin zur Gemeinde, hin zu Gott und hin zum Nächsten. Martin Luther gibt uns da eine Leitlinie, wie das zu geschehen hat: »Es muss beides, Text und Noten, Accent, Weise und Gebärde aus rechter Muttersprache und Stimme kommen.«

Und was wünscht sich der Musikverleger im Jahr der Kirchenmusik?
Hänssler: Wünschen würde ich mir zunächst einmal, dass generell wieder viel mehr gesungen wird. Im Gottesdienst, in der Familie, auch in der Schule. Die ständige Berieselung mit Musikkonserven ist für das Singen keinesfalls förderlich. Ich sehe einen gewissen Niedergang bei Jugendchören, einen steigenden Altersdurchschnitt bei Laienchören, auch bei Kirchenchören.

Nur bei der Gospelmusik gibt es ein großes Wachstum – sie entspricht den Lebensäußerungen mancher Menschen heute vielleicht mehr. Entscheidend scheint mir, dass zeitgenössische Dichter und Komponisten und Ausführende Formen finden, bei denen sie vom Bibelwort erfüllt sind, dass sie dessen Bote sein möchten – ein Bote, der nicht nur eine Order überbringt, sondern sich persönlich damit identifiziert.

Mit Judenstern und KZ-Jacken

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Der Konflikt zwischen ultraorthodoxen und liberalen Israelis nimmt groteske Formen an

Mit dem nationalsozialistischen Judenstern an der Brust demonstrieren ultraorthodoxe Juden in Jerusalem. Sie fühlen sich verfolgt, weil die Mehrheitsgesellschaft ihre Forderungen etwa nach Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit nicht akzeptiert. Foto: picture alliance/epa/Jim Hollander

Mit dem nationalsozialistischen Judenstern an der Brust demonstrieren ultraorthodoxe Juden in Jerusalem. Sie fühlen sich verfolgt, weil die Mehrheitsgesellschaft ihre Forderungen etwa nach Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit nicht akzeptiert. Foto: picture alliance/epa/Jim Hollander


Schon lange schwelt in der israelischen Gesellschaft der Konflikt zwischen den Vertretern des ultraorthodoxen Judentums und den Vorstellungen vieler Israelis von einer liberalen Gesellschaft. Derzeit eskaliert er.

Der Streit zwischen den radikal religiösen und weltlichen Israelis nimmt immer groteskere Züge an. In schwarz-weiß gestreiften KZ-Anzügen und mit dem gelben Judenstern am Revers und erhobenen Händen zogen einige von insgesamt rund 1000 ultraorthodoxen Männern und Kindern am vergangenen Wochenende in Jerusalem auf die Straße – gegen die »Verdrängung der Charedim«, wie sie sich nennen.

In Nazideutschland habe man die Juden physisch verfolgt, in Israel gehe es um die ideologische Verfolgung der Ultraorthodoxen, rechtfertigten einige Demonstranten den Missbrauch der Symbole. Auslöser für den eskalierenden Konflikt war eine Reihe von Übergriffen radikaler frommer Juden gegen Mädchen und Frauen. Auf ihren Druck hin wurden Frauen etwa aufgefordert, im Bus separate hintere Plätze einzunehmen.

Dürfen Frauen auch vorn im Bus sitzen?
Am 27. Dezember hatten sich zum ersten Mal einige Tausend weltliche Israelis versammelt, um gegen die von den Ultraorthodoxen ­vorangetriebene Verdrängung der Frauen aus dem öffentlichen Leben zu demonstrieren. Beide Lager haben dabei ihre Helden. Der Protest am vergangenen Sonnabendabend galt der Solidarität mit dem ultraorthodoxen Rabbi Schmuel Weisfisch, der am 1. Januar eine zweijährige Gefängnishaft antreten musste, weil er einen Computerladen verwüstete. Sein gläubiger Mitstreiter Schlomo Fuchs steht seit einigen Tagen unter Hausarrest, nachdem er die Soldatin Doron Matalon eine »Hure« schimpfte, weil sie sich weigerte, seiner Aufforderung nachzukommen und in den hinteren Teil des Busses umzuziehen. Dutzende Bewunderer begleiteten ihn vor Gericht.

Umgekehrt gehört für die Liberalen Tanja Rosenblit zu den Heldinnen, die dem massiven Druck frommer Männer standhielten und sich nicht von ihren Plätzen vertreiben ließen. Genauso wie die achtjährige Schülerin Naama Margolese, die von mehreren erwachsenen Männern beschimpft und sogar angespuckt worden war, weil sie ihren Vorstellungen von keuscher Bekleidung nicht entsprach. Der Übergriff auf das zierliche Kind löste die ersten großen weltlichen Proteste aus. Auch orthodoxe Juden und sogar einige Charedim waren unter den Demonstranten, ihnen waren die Radikalen zu weit gegangen.

Liberale Juden warnen vor der »Verschwarzung«
»Mit den frauenfeindlichen Übergriffen haben sie eine rote Linie überschritten«, erklärt Ram Vromen, Mitgründer des »Forums zum Schutz des weltlichen Charakters in den Nachbarschaften landesweit«, der erklärtermaßen gegen die »Verschwarzung« israelischer Ortschaften und Städte kämpft. Vromen warnt schon lange auf einer Internetseite, bei Diskussionsveranstaltungen und Demonstrationen vor dem schleichenden und steten Vormarsch der Frommen. »Gut, dass die Liberalen endlich aus ihrem Phlegmatismus aufgewacht sind.«

Obschon seine Gruppe nur von Weltlichen gegründet wurde, spricht für Vromen nichts gegen eine Zusammenarbeit mit Religiösen. »Für uns spielt es keine Rolle, ob jemand eine Kipa auf dem Kopf trägt«, sagt er. »Wichtig ist, ob er einen religiös­fundamentalistischen Staat will oder einen liberalen.« Die Tatsache, dass in einem Land, das schon vor über 40 Jahren von einer Frau regiert wurde, heute Frauen um die vorderen Sitzplätze in öffentlichen Verkehrsmitteln kämpfen müssen, scheint paradox. Schuld daran sind vor allem demografische Veränderungen seit den Tagen Golda Meirs. Jeder vierte Schulanfänger stammt heute aus dem ultraorthodoxen Sektor.

Zunehmende Radikalisierung der Ultraorthodoxen
»Die Charedim glauben, dass sie über größere politische Macht verfügen«, sagt Vromen. »Sie erleben in letzter Zeit eine Radikalisierung.« Nirgends werden die Gegensätze deutlicher als in der Knesset (Parlament). Die Oppositionsführerin ist eine Frau und die Führung der Arbeitspartei liegt ebenso in den Händen einer Frau. Dennoch gibt es Parteien, in denen Frauen gar nicht erst zugelassen werden. Die beiden Koalitionsparteien Schass und Agudat Israel etwa sind frauenfreie Organisationen.

Schon signalisieren Meinungsumfragen den jüngsten Demonstrationen folgend einen Popularitätsschub für die Politikerinnen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu unternimmt derweil eine Gratwanderung. Einerseits spricht er sich für Gleichberechtigung aus, zum anderen will er seine ultra­orthodoxen Regierungspartner nicht verprellen. Die Rabbiner in Israel, die für eine Abkühlung der erhitzten Gemüter sorgen könnten, bleiben bisher stumm.

In Deutschland äußert sich derweil der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, kritisch zur jüngsten Instrumentalisierung des Nationalsozialistischen Völkermordes durch die Ultraorthodoxen. »Die Bilder haben mich schockiert«, so Graumann gegenüber dem »Kölner Stadt-Anzeiger«. Er schäme sich dafür, dass ausgerechnet Juden ein »Zerrbild des Holocaust« lieferten. Das sei »geschichtslos und geschmacklos«.

Susanne Knaul (epd)

Schöpfung ohne Schöpfer?

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Naturwissenschaft: Eine theologische Beleuchtung gegenwärtiger naturwissenschaftlicher Spekulationen

»Kosmischer Christus«: Christus als Schöpfer und Architekt des Universums in einer gotischen Miniaturmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Repro: akg-images

»Kosmischer Christus«: Christus als Schöpfer und Architekt des Universums in einer gotischen Miniaturmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Repro: akg-images

Sollte das christliche Credo am Ende sein? Wenn es nach dem derzeit wohl bekanntesten Physiker der Welt, dem britischen Cambridge-Professor Stephen Hawking ginge, entstand das Universum von allein.

In seinem Buch »Der große Entwurf. Eine neue Erklärung des Universums« (2010) scheuten sich der Astrophysiker Steven Hawking aus Cambridge, seines Zeichens Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, und der US-amerikanische Co-Autor Leonard Mlodinow in keiner Weise, Gott den Schöpfer als unnötig auszugeben.

1988 hatte Hawking noch in seinem Bestseller »Eine kurze Geschichte der Zeit« auf das Finden der »Weltformel« spekuliert mit den Worten: »… dann würden wir Gottes Plan kennen.« Jetzt aber streitet er den Gedanken an einen göttlichen Plan oder Schöpfer vollends als überflüssig ab: Es sei »nicht nötig, einen Gott heraufzubeschwören, der das blaue Zündpapier in Brand und das Universum in Gang setzt.«

Dabei tun er und sein Kollege so, als sei nun eine neue Erklärung des Weltalls auf den Tisch gekommen. Tatsächlich ist jedoch der Gedanke einer Selbstsetzung des Kosmos’ in der modernen Naturwissenschaft sogar schon älter als Hawkings Buch von 1988. Bereits 1973 trat der US-amerikanische Physikprofessor Edward Tryon mit der These hervor, das All sei aus dem Vakuum des leeren Raumes per Quantenfluktuation hervorgegangen. Rund ein Jahrzehnt später publizierte dessen Oxforder Kollege Peter W. Atkins ein Buch unter dem Titel »Schöpfung ohne Schöpfer. Was war vor dem Urknall?«.

Die damals mehr als heute provozierende These lautete, dass die Raumzeit im Zuge ihres selbsttätigen Aufbaus ihren eigenen Staub erzeuge: »Das Universum kann aus nichts entstehen. Ohne Eingriff. Durch Zufall.«

Auch wenn der Naturwissenschaftler sich mit solchen Formulierungen mindestens ansatzweise auf geisteswissenschaftliches Gebiet begab, sah es doch so aus, als habe er nicht anders gekonnt und als sei es Angelegenheit der Geisteswissenschaften, die Konsequenzen aus dem naturwissenschaftlichen Befund zu ziehen. Dabei lässt sich Atkins schon im Blick auf seine eigene Argumentation kritisieren. Zur Durchführung seiner Annahme einer Weltentstehung aus dem Nichts braucht er immerhin »zwei Zutaten« – eigentlich sogar drei. Die dritte, von ihm gar nicht ausdrücklich aufgezählte, war nämlich die These, dass die Naturwissenschaft verlässlich über den Urknall hinaus spekulieren könne.

Wer allerdings – wie einst Atkins und heute Hawking – den »Big Bang« vor 13,7 Milliarden Jahren als nur einen besonders drastischen von vielen Phasenübergängen im Universum deuten will, geht von nicht wirklich bewiesenen ­Voraussetzungen aus. Einstweilen muss es offenbleiben, ob sich das Weltall zyklisch ausdehnt und wieder zusammenzieht, wie das analog vor allem die indische Religiosität und von ihr abgeleitete esoterische Weltanschauungen annehmen oder ob von einem singulären Urknall auszugehen ist, von dem ab es sich in dauernder Ausdehnung befindet.

Die gewagten ­naturwissenschaftlichen Spekulationen über eine Zeit noch »vor« dem Urknall entsprechen den mathematisch gestützten Überlegungen und Fantasien über weitere Universen, also ein »Multiversum«. Der Oxforder Mathematikprofessor und Wissenschaftsphilosoph John Lennox hält gegenüber Hawking fest: »Die Theorie vom Multiversum ist allerdings unter Wissenschaftlern sehr umstritten.«

Wenn naturwissenschaftliche Spekulationen in durchaus »meta-physisch« anmutender Manier »hinter« den Urknall zurückzudenken versuchen, drängt sich ihnen in der Regel folgendes Bild auf: Aus dem untersten denkbaren Kältegrad heraus bildeten sich immer wieder einmal scherbenartig erste Wirklichkeitspunkte.

So lehrte es schon Atkins, der hierfür ­allerdings »zwei Zutaten« benennt, die er benötigt, um ein derartiges Zustandekommen des Urknalls zu erklären: ­»Erstens brauchen wir die Punkte, die sich zu den Zeit und Raum bestimmenden Mustern zusammenfinden. Zweitens brauchen wir die Punkte, die von der Zeitstruktur in ihre Gegensätze zerlegt werden. Die Zeit verleiht den Punkten Leben; die Punkte verleihen der Zeit Leben. Die Zeit brachte die Punkte in die Welt, und die Punkte brachten die Zeit in die Welt. Das ist der kosmische Reißverschluss, der unser Universum zusammenhält.«

Bereits die Formulierung dieser Sätze zeigt, dass hier mehr spekuliert als bewiesen wird. Atkins vermag nicht plausibel darzulegen, wodurch das Entstehen anfänglicher Punkte und damit auch der Zeit aus dem Gar-Nichts bedingt gewesen sein soll – denn ein Werden aus dem »Fast-Nichts« erklärt in der entscheidenden Hinsicht auch fast nichts. Deshalb schlägt der italienische Physikprofessor Maurizio Gasperini, der wie Atkins von einem langen Werden des Alls schon vor dem Urknall ausgeht, stringtheoretisch vor, den Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel heute folgendermaßen umzuformulieren: »Am Anfang erschuf Gott die Hintergrundfelder und die Materiequellen. Und die Quellen waren ohne Druck und eingebettet in den flachen Raum …«

Selbst ein Vertreter des hinter den Urknall zurückgehenden Modells macht sich also bewusst, dass die Annahme eines Schöpfers sinnvoll ist. Atkins’ Zutaten hingegen sind wackelige Hypothesen, die auf den Glaubenscharakter seiner Hauptthese hindeuten. Gewiss kann der Naturwissenschaftler auf die Realität quantenphysikalischer Sprünge aus dem Nichts – also außerhalb des Kausalitätsgesetzes – und auf die Bildung spontaner Fluktuationen verweisen. Doch nach wie vor bleibt die gerade auch geisteswissenschaftlich zu stellende Grundfrage bestehen, warum überhaupt etwas ist und nicht nichts. Denn quantenmechanische Gesetze werfen wiederum das Problem ihrer eigenen Ursprünglichkeit »im Anfang« auf.

Das bestätigt auch das Buch des US-amerikanischen Physikprofessors Alan H. Guth mit dem Titel »Die Geburt des Kosmos aus dem Nichts« (1997). Der Autor muss nach allen Darlegungen schließlich einräumen, dass »sämtliche Versuche, die Entstehung des Universums aus dem Nichts physikalisch erklären zu wollen, äußerst spekulativ sind«.

Er schließt sein letztes Kapitel mit den Worten: »Wenn sich aber die Entstehung des Universums als quantenmechanischer Prozess beschreiben lässt, dann bliebe immer noch ein großes Rätsel unserer Existenz: Was bestimmt die Gesetze der Physik?«

Genau diese Frage stellt sich auch, wenn Hawking argumentiert, die Existenz der Schwerkraft bedeute, dass die Entstehung des Universums unvermeidlich gewesen sei. Mit Recht hält ihm Lennox entgegen: »Aber wie kam es überhaupt zur Schwerkraft? Welche schöpferische Kraft steckt hinter ihrer Existenz?

Die Hoffnung mancher Naturwissenschaftler unserer Zeit, die Welt in ihrem Sosein bald einmal restlos erklären zu können, ist nichts als blanker Materialismus. Sie ist Ausdruck einer bestimmten Glaubenshaltung – eben einer negativen. Das zeigt auch Alexander Unzickers Buch »Vom Urknall zum Durchknall« (2010) auf, indem es die zahlreichen Spekulationsblasen in der modernen Physik auf erfrischende Weise als das demaskiert, was sie sind.

Die Wirklichkeit könnte indes viel interessanter sein: Getragen sein von einem letzten, guten Sinn, der sich freilich aus guten Gründen so verborgen hält, dass seine Wahrheit vorläufig nur durch Offenbarung erkannt werden kann. Positiver wie negativer Glaube bleiben aber – erkenntnistheoretisch gesehen – Spekulation. Und Spekulationen kritisch wie konstruktiv zu bearbeiten, ist primär eine geisteswissenschaftliche Angelegenheit.

Ob das All sozusagen autonom aus dem Nichts entstanden ist oder ob sich sein Werden aus dem Nichts dem Wort eines göttlichen Schöpfers verdankt, lässt sich nur im existenziellen Setzen auf bestimmte Perspektiven von Sinn oder Unsinn entscheiden. Dem modernen ­Autonomiegefühl entsprechen zweifellos die Entwürfe einer »autonomen« Entstehung des Universums am ehesten. Doch ihre Akzeptanz ergibt sich für manche namhafte Physiker keineswegs zwangsläufig, die es weiterhin mit der religiösen Annahme eines Schöpfergottes halten.

Der Theologe und Publizist Werner Thiede ist Referent beim Regionalbischof im bayerischen Kirchenkreis Regensburg und lehrt als außerplanmäßiger Professor Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Der Theologe und Publizist Werner Thiede ist Referent beim Regionalbischof im bayerischen Kirchenkreis Regensburg und lehrt als außerplanmäßiger Professor Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.


Wen sollte das laut Brian Greene »elegante Universum« in der Tiefe seines Geistes erfreuen, wenn es bei aller Eleganz ein sinnkaltes Gebilde darstellt, das modernsten Spekulationen zufolge nicht nur in endlose Kälte ausliefe, sondern auch aus endloser Kälte geboren wäre? »Für mich als Christen verstärkt die Schönheit der wissenschaftlichen Gesetze meinen Glauben an einen intelligenten Schöpfer«, bekräftigt Lennox. Und der deutsche Physikprofessor Jürgen ­Audretsch unterstreicht: »Die Vorstellung eines Gottes als Verursacher des Seins widerspricht der Kosmologie nicht.«

Ein Glaube liegt solchen Aussagen gewiss zugrunde. Doch auch der Glaube an die Möglichkeit einer »Weltformel« ist ein – wenn man so will: irrationaler – Vertrauensakt. Intellektuell redlich betonen Jean Guitto sowie Grichka und Igor Bogdanov in ihrem Buch »Gott und die Wissenschaft« (1993) nämlich: »Heute, an den seltsamen und beweglichen Grenzen, die die Quantentheorie gezogen hat, machen Physiker die Erfahrung eines Agnostizismus neuer Art: Die Realität ist nicht erkennbar; sie ist verschleiert und wird es immer bleiben.« Auch für den Astrophysiker Robert Jastrow steht fest, dass die Naturwissenschaft »niemals den Vorhang vor dem Mysterium der Schöpfung herunterreißen wird«.

Auf diesem Hintergrund hat das Credo der Christen weiterhin sein Recht. Und zwar sowohl mit seinem ersten Artikel als auch mit den anderen beiden, die von der Entfaltung des unbekannten Gottes in seiner Offenbarungsgeschichte handeln. Die Rede vom »kosmischen Christus« etwa bezieht sich auf alle drei Glaubensartikel. Wenn sich Naturwissenschaftler schon in Glaubensfragen einmischen, sollten sie bedenken, dass auch sie bei letzten Fragen nicht ohne Elemente irgendwelchen Glaubens auskommen.

Werner Thiede

Heute findet mein Leben statt

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille

Zwischen Alltagstrott und Überraschungen: Vom Charme und von der Schönheit des Alltäglichen

Nun hat er uns wieder: der Alltag. Und der hat bei den meisten Menschen überhaupt keinen guten Ruf. Zu Unrecht, wie ich finde. Alltag kann guttun. Denn wir leben nicht von Höhenflügen und Höhepunkten. »Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von Feiertagen«, pflegte meine Großmutter zu sagen.

Dass wir uns auf das Vertraute, auf das Normale, eben auf den Alltag freuen, das merken wir womöglich erst, wenn dieser Alltag plötzlich ausfällt. Wir machen diese Erfahrung etwa bei einem Krankenhausaufenthalt oder dann, wenn wir uns unfreiwillig für längere Zeit an einem Ort aufhalten müssen, der nicht unser ­Zuhause ist. Plötzlich erscheint uns der vertraute Alltag als lebens- und erstrebenswert. Aber wenn der vorher ersehnte Alltag wieder da ist, wird er, je länger er anhält, zunehmend in ein schlechtes Licht gestellt. Alltag eben. »Wie geht’s?« – »Es muss.«

Auf der Suche nach Alltagszufriedenheit
Aber wäre es nicht geradezu töricht, wenn wir den Alltag zum schlechteren Teil unseres Lebens erklärten? Denn meistens ist Alltag. Das Verhältnis ist sechs zu eins: Sechs Tage Alltag, ein Tag Sonntag. Und womöglich ein paar Tage Urlaub. Was kann helfen, den Charme und die Schönheit des Alltags zu entdecken und ihn so zu gestalten, dass er als schön erlebt wird?

Charme und Schönheit des Alltäglichen, das ist zu allererst die Lebenskunst der Dankbarkeit in kleinen Dingen. Ich beschränke mich auf ein einziges Beispiel, den Wocheneinkauf. Ich empfinde bei einem solchen Einkauf immer neues Staunen. Es hat keine Generation vor uns gegeben, die aus einer solchen Fülle schöpfen konnte. Selbst bei knappem Budget sind die meisten Menschen hierzulan­de von diesem Segen nicht rundweg ausgeschlossen.

Jeder sechste Weltbürger kann von solchen paradiesischen Verhältnissen nicht einmal träumen. Und es ist nicht mein Verdienst, dass ich hier und heute lebe. Das habe ich mir nicht aussuchen können, das ist mir zugefallen. Könnte dieser Zufall nicht dankbar und demütig zugleich machen? Bin ich es den Armen nicht geradezu schuldig, »alltagszufrieden« zu sein? Die Güter des Alltags dankbar genießen und in dem mir möglichen Maß zu teilen?

Dieser Tag ist einmalig und ein kostbarer
Den Alltag schätzen lernen, könnte auch heißen: Ich entdecke, wie kostbar und zerbrechlich das Leben ist. Dieser All-Tag ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Ein Tag, an dem ich leben darf. Dieser einmalige Tag ist es wert, dass ich ihn nicht gering schätze. Was ich heute tue oder lasse, gehört unverlierbar zu meinem Lebensschatz. Dieser Tag ist es wert, dass ich ihn nicht nur hinter mich bringe. Wie wäre es, ihn am Morgen bewusst zu begrüßen? Bewusst aus dem Fenster und in den Spiegel zu schauen? Ich bin da – und die Welt um mich her ist auch da – immer noch und immer neu.

So im Heute zu leben, könnte auch heißen: Ich hänge nicht in der Vergangenheit herum und flüchte nicht ins Morgen. Denn weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft kann ich im Mindesten verfügen! Das Vergangene entzieht sich meiner nachträglichen Beeinflussung; und das Zukünftige ist für unsere vielen Wünsche wie auch unsere vielen Sorgen stocktaub.

Das eigene Leben bewohnen: Alltagsrituale schaffen
Der Alltag mit seiner Vorhersehbarkeit lässt mich in meinem eigenen Leben Platz nehmen und macht das Leben bewohnbar. Wer im Alltag angekommen ist, kann sich »erden« und den ­eigenen Ort finden. Und dabei geht es um mehr als den Ort, an dem ich arbeite und lebe. Es geht um das Bewohnen des eigenen Alltags und die Beheimatung im eigenen Dasein.

Es gibt die eigentümliche Schönheit einer verlässlichen Form, einer guten Ordnung und eines eingeübten Rhythmuses. Alltagsrituale können helfen, den Tag, die Woche und das Jahr zu gestalten: Die bewusst genossene Tasse Kaffee oder Tee am Morgen. Die kleine Pause nach dem Mittagessen, der abendliche abschließende Spaziergang, die einzelne Rose und die Kerze auf dem Tisch zum Wochenausklang, die Brötchen am Samstagmorgen, der Sonntag, an dem Zeit zum Durchatmen ist.

Jeder hat andere Gewohnheiten, in jeder Familie gibt es andere gute Sitten, die dem Alltag Struktur und Glanz geben können. Den Alltag würdigen, das könnte heißen: sich in der Kunst zu üben, dem eigenen Leben einen stillen Glanz zu verleihen und mit dem Alltag so liebevoll gestaltend und formend umzugehen wie das ein Kunsthandwerker bei seinem Werk tut. Dabei ist es mit dem vertrauten Alltags-Rhythmus wie in der Musik: Lebendig wird sie durch überraschende Pausen, Taktwechsel und Synkopen. Auch die Melodie des Alltags braucht die Ausnahme von der Regel, damit sie klingt.

Der Langeweile das Handwerk legen
Wenn man sich langweilt, sobald weder die Arbeit ruft noch das Unterhaltsame lockt, findet man sich selbst offenbar ausgesprochen langweilig. In solchen Fällen kann folgende Übung Wunder wirken. Ich lade dazu ein, immer dann, wenn man den Alltag »zum Weglaufen« erlebt, sich für eine halbe Stunde auf einen Stuhl zu setzen, in aufrechter, achtsamer Haltung – ohne Radio, ohne Fernseher –, auf den eigenen Atem zu achten, und sich dem »puren Dasein« zuzuwenden.

»Ich bin da« – nichts fehlt! Ich kehre ein bei mir, beim Leben selbst. Ich setze mich einfach still hin und … komme bei mir an. Ich werde mir selbst zur Heimat, zu einem geliebten und liebenswerten Platz im Universum. Es versetzt der Langeweile den Todesstoß, wenn sie mitbekommt: Wer in der Lage ist, Einkehr zu halten dort, wo gar nichts los ist, bei dem hat soeben ein Fest begonnen. Aber man muss es üben. Einen Stuhl hat ja jeder zu Hause!

Wenn aber der Alltag gelegentlich wehtut …
Aber hat alle Lebenskunst nicht dort ihre Grenze, wo sich Leid oder Krankheit oder ein schwieriges Schicksal einstellen? Wenn sich das Widrige einstellt, muss man manchmal regelrecht ein wenig »feierlich« werden. Das haben wir als Kinder immer dann erlebt, wenn wir krank waren. Auf einmal kamen wir in den Genuss von ein paar schönen Dingen, die es sonst nicht gab.

Wir bekamen Plätzchen und heißen Tee und kalte Wickel und Besuch. Und vielleicht wurde uns etwas vorgelesen. Wenn schwere Tage kommen, muss man wieder lernen, feierlich mit dem Leben umzugehen! Dazu gehört, sich von allem Ballast, auch vom Terminballast zu lösen. Viele Menschen erfahren ihr Leben deshalb als unbewohnbar, weil sie sich chronisch überfordern!

Es gibt den krankmachenden Alltag, zu dem es freilich selten ohne unsere eigene Mitverantwortung kommt. Aber es gibt auch das ganz normale Krankwerden, wofür ein eigentümlicher Ausdruck in der deutschen Sprache uns rät, »krankzufeiern«. Diese Weisheit lässt sich schlecht beziehen auf schwerste Krankheiten, Krisen oder wirkliche Horrorerfahrungen, das wäre zynisch. Aber für dasjenige Maß an Leiden, das in der einen oder anderen Weise eben auch zum Alltag gehört, lässt sich so eine Spur finden, sich mit dem Unangenehmen zu arrangieren.

Karin Vorländer

Heute mit Hoffnung leben

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ganz im Jetzt, in der Gegenwart ankommen – Gedanken zum Jahresbeginn

Foto: MEV

Foto: MEV

Wer am Silvesterabend auf die Uhr schaut, tut das mit einem anderen Blick als sonst. In der Neujahrsnacht kommt in den Blick, dass meine Zeit nicht immer weiterläuft, sondern dass sie auch einmal ausläuft, dass sie endlich ist. Das könnte Anlass zur Angst oder zur Sorge oder zur Rastlosigkeit sein. Wie viel Zeit bleibt mir noch? Oder: Wie kann ich in der verbleibenden Zeit möglichst viel erleben, schaffen, erledigen?

Der Jahresbeginn könnte Anlass sein, die Zeit und das eigene Leben neu zu verstehen: Gott sei Dank, dass es mich gibt. Gott sei Dank, dass ich dieses neue Jahr, und den neuen Tag sehen, erleben und gestalten darf. Die Zeit als Gelegenheit verstehen. Als Gelegenheit, ganz und gar im Heute zu leben. Wie wäre es, eine Spiritualität des Gegenwärtigseins einzuüben?

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht nicht darum, dass die Vergangenheit gleichgültig wäre. Sie ist die Würde und die Bürde unseres Lebens. Sie ist das Bewährte, das Bestandene und Überstandene, das unserem Leben Tiefgang gibt. Auch die Zukunft ist keineswegs gleichgültig.

Im Heute zu leben, das ist ein Grundthema vieler spiritueller Traditionen. Die großen Meister sagen: »Hänge nicht in der Vergangenheit herum und flüchte nicht ins Morgen. Weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft kannst du im Mindesten verfügen! Das Vergangene entzieht sich unserer nachträglichen Beeinflussung; und das Zukünftige ist für unsere vielen Wünsche wie auch unsere vielen Sorgen stocktaub.«

Wer im Heute leben möchte, muss üben, nicht bitter zu sein über das, was gewesen ist. Es geht darum, weder zu beschönigen noch zu verdrängen, was nicht gut gewesen ist. Alles, was gewesen ist, gehört zu meinem Leben, macht es einmalig und unverwechselbar, macht seine Würde und seine Bürde aus.

Es gibt Menschen, die die Wunden der Vergangenheit nicht heilen lassen. Sie fühlen sich gekränkt, weil sie schlechte Startbedingungen hatten, in unglücklichen Verhältnissen aufgewachsen sind, weil sie nicht die Zuwendung, Liebe und Zärtlichkeit bekommen haben, die sie gebraucht hätten. Oder sie sind von Menschen enttäuscht worden. Sie können denen nicht verzeihen, die sie verletzt haben. Sie können Gott nicht verzeihen, der ihnen diese Vergangenheit zugemutet hat. Wie befreiend könnte es sein, die Verbitterung loszulassen. Aufhören, mich an die Vergangenheit zu klammern, die eigene Verletztheit, die eigene Wut ansehen, sie annehmen und sie dann loslassen.

Nur, was ich angenommen habe, kann ich auch irgendwann abgeben und womöglich auch vergeben. Wer trägt eigentlich die Last, wenn man jemanden »etwas nachträgt«? Loslassen und vergeben, das erfordert zuallererst den Willen, solche Seelenarbeit zu leisten. Sie braucht Zeit, und gar nicht selten die Unterstützung und Hilfe eines vertrauenswürdigen Menschen.

Das Gestern ist vorbei, das Morgen ist noch nicht geboren. Wo wir in Reue, Trauer oder dem Zorn über das, was gestern war, leben, fehlt die Energie und die Aufmerksamkeit für das Heute.

Ob wir morgen noch leben, liegt nicht in unserer Hand. Aber ob wir üben, in Dankbarkeit, Gottvertrauen, Vergebung und Liebe jeden Tag als geschenkten Tag wahrzunehmen, das liegt sehr wohl in unserer Hand. Eine solche Lebenshaltung, die bewusst auf das Gute und Gelingende sieht, will geübt sein. So wie es die Geschichte von dem alten Grafen erzählt: Zu Tagesbeginn jedes Tages steckte er sich eine Handvoll Bohnen in die linke ­Jackentasche. Immer dann, wenn er etwas erlebte, das seinen Tag hell machte, einen freundlichen Gruß, ein Kinderlächeln, eine gute Mahlzeit, ließ er eine Bohne in die rechte ­Jackentasche wandern. Am Abend zählte er die »Hoffnungszeichen am Weg«. Schon eine Bohne genügte, damit der Tag für ihn ein guter Tag war.

Hoffnung im spirituellen Sinn beruht nicht auf angeborenem Optimismus, nach dem Motto »alles wird gut«. Sie will geübt und erworben werden.

Die Bibel mit ihren Verheißungen und Bildern von der neuen Welt, in der alle Tränen getrocknet werden, ist eine einzige große Hoffnungsgeschichte. Sie lädt ein, unter dem Blick der Güte Gottes zu leben, unter dem Menschen aufblühen und angesehen sind. Heute zu leben heißt nicht zuletzt, dem normalen Alltagstun Sinn abzuringen. Dabei geht es nicht um das Tun des Außergewöhnlichen, sondern darum, Schönheit und Wert des Alltäglichen zu entdecken.

Karin Vorländer

Am Fuße des Vesuvs

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Ausstellung: Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zeigt Kunst und Alltag in der antiken Stadt Pompeji

Ösen in Form von Sirenenköpfen, die zu einem Eimer römischer Herkunft gehörten. Sie wurden bei Grabungen in Quetzdölsdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gefunden. Foto: Klaus-Peter Voigt

Ösen in Form von Sirenenköpfen, die zu einem Eimer römischer Herkunft gehörten. Sie wurden bei Grabungen in Quetzdölsdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gefunden. Foto: Klaus-Peter Voigt


Die neue Landesausstellung Sachsen-Anhalts steht unter dem Titel »Pompeji – Nola – Herculaneum. Katastrophen am Vesuv«. Sie zeichnet das römische Leben am Hang des Vulkans nach.

Vesuv, das Wort allein weckt Assoziationen. Neapel und sein Feuer speiender Berg sind ein Begriff für Leid und Urgewalten. Gerade einmal 140 Meter höher als der Brocken hat der einzige auf dem europäischen Festland noch tätige Vulkan Geschichte geschrieben. Seit 1944 schlummert er in trügerischer Ruhe. Faszination ging von ihm zu allen Zeiten aus. Die Menschen an seinem Fuß blickten stets in Sorge auf den Krater.

Schon die Neandertaler erlebten vermutlich an den Hängen des Vesuvs Explosionen. Frühe Siedlungen aus der Bronzezeit wurden durch Asche und Lava verschüttet. Historiker und Archäologen sehen in solchen Funden nahezu einen Glücksfall, für die Menschen, die sich nicht retten konnten, waren die Ausbrüche eine Katastrophe. Das Hallesche Landesmuseum für Vorgeschichte greift das spannende Thema auf.

Die Ausstellung »Pompeji« widmet sich den zahlreichen Artefakten, die ein nahezu vollständiges Bild römischer Alltagskultur der Zeit 79 vor Christus widerspiegeln. Nur scheinbar ist zu diesem Thema alles gesagt. Die Wissenschaftler aus Sachsen-Anhalt blieben nicht bei der puren Rezeption der damaligen Ereignisse, sie wollten etwas Eigenständiges schaffen. So erlebt der Betrachter nicht eine der klassischen Wanderexpositionen zu diesem Thema, sondern eine Schau mit 600 originalen Exponaten vom kleinen Glasgefäß bis zu kompletten Räumen. Viele sind Leihgaben unter anderem aus dem Nationalmuseum in Neapel.

Die Zusammenarbeit mit den Machern des Projektes sei »hervorragend und fruchtbar« gewesen, sagt dessen Direktorin Valeria Sampaola. Sie lobt die dreijährige Vorbereitung und freut sich, dass im Land von Johann Joachim Winckelmann, des in Stendal geborenen Begründers der wissenschaftlichen Archäologie, historische Bezüge in die Antike dargestellt werden.

Und in der Tat, Parallelen finden sich an vielen Stellen zum Mitteldeutschen Raum. Erstmals wird in solcher Deutlichkeit gezeigt, dass die ganze Region zur Zeit des Untergangs von Pompeji enge Kontakte mit Italien verbanden. Das Grab einer reichen Germanin, entdeckt 2008 in einem Urnengräberfeld bei Profen im Burgenlandkreis und nun erstmals öffentlich gezeigt, belegt solche Beziehungen.

In ihre Urne hatten unsere Altvorderen ihren prachtvollen Goldschmuck gelegt. Und eine Kette aus dieser Bestattung findet eine Entsprechung in Funden der Städte am Vesuv. Selbst ein kleines Achatgefäß aus Kleinjena belegt frühe Handelsbeziehungen, wenn es auf sein Gegenstück aus Italien trifft.

Die Inszenierung der gesamten Ausstellung ist gelungen. Konzentration auf das Wesentliche, im richtigen Licht präsentierte Objekte, die Darstellung ganzer Gebäudeteile mit großformatigen und qualitativ hochwertigen Fotos sowie originalen Stücken lässt Geschichte nachvollziehbar werden. Nichts setzt allein auf den Schaueffekt um seiner selbst willen.

Fußabdrücke, die flüchtende Menschen des Dorfes Nola um 1900 vor Christus bei einem Vulkanausbruch hinterließen, sind zu sehen. Aber auch die Abdrücke von Menschen, die Pompeji nicht mehr rechtzeitig verlassen konnten. Beeindruckend die Casa del Menandro (Haus des Menander), denn dieses Haus wurde komplett ausgegraben und nun in einer bislang außerhalb Italiens in solcher Vielfalt nie gezeigten Fülle vorgestellt. Eines der größten repräsentativen Häuser Pompejis lässt ein wenig vom Alltag erahnen.

Ein Korkmodell erleichtert die Orientierung. Möbelbeschläge, Amphoren, und fantastisch erhaltene Silbergefäße belegen den Reichtum der Bewohner. Im Zentrum finden sich gehobene Wohn- und Empfangsräume. Gladiatorenspiele waren Bestandteil des Lebens im antiken Rom. Verzierte Helme und Beinschienen aus einer Kaserne der untergegangenen Stadt dienen als Beleg für die unterschiedlichen Gattungen der Kämpfer.

Als Korrespondenzstandort der Ausstellung empfiehlt sich nahezu das Schloss Wörlitz. Vom 21. April bis zum 26. August werden dort »Fremde Welten ganz nah« zu sehen sein. Eine logische Folge, denn dieser Ort und das ganze Dessau-Wörlitzer-Gartenreich hat ein Stückweit das Interesse am Vesuv und der Antike nach Sachsen-Anhalt getragen. Fürst Franz bestieg 1766 selbst den Vesuv.

Seine Grandtour führte ihn durch Europa, er besuchte Pompeji und Herculaneum. Seine Eindrücke fanden später Eingang in seine Anlagen. Der künstliche Vulkan auf der Insel Stein – am 24. August soll er wieder einmal »ausbrechen« – gehört zu den Nachwirkungen der Entdeckerreise. Mit ihm begann die Antikenrezeption nördlich der ­Alpen. In seinen Schlössern geht ein Großteil der Ausstattung auf diese Zeit zurück. Die Nachahmung der Villa Hamilton gehört dazu. Das Gebäude mit dem angrenzenden Vulkan ruht auf neun Pfeilern.

Klaus-Peter Voigt

Die Ausstellung »Pompeji – Nola – Herculaneum. Katastrophen am Vesuv« ist bis zum 8. Juni 2012 im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen. Sie ist dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr und am Wochenende von 10 bis 18 Uhr ­geöffnet.

»Haltet durch, seid stark«

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Reportage: Christen zwischen Angst und Hoffnung  – die Kopten verstehen sich als die ursprünglichen Ägypter

Den Blick fest auf das Kreuz gerichtet: Bruder Joaquin im Kloster St. Bischoi. Foto: Andreas Boueke

Den Blick fest auf das Kreuz gerichtet: Bruder Joaquin im Kloster St. Bischoi. Foto: Andreas Boueke


Seit Jahrhunderten sind die koptischen Christen Ägyptens unterdrückt und benachteiligt. Die Hoffnungen, dass sich infolge der »Arabellion« etwas ändert, schwinden zusehends.

Der Evangelist Matthäus berichtet davon, wie Maria, Josef und der Neugeborene Jesus auf ihrer Flucht vor den Schergen des Herodes nach Ägypten gezogen sind. Dabei sollen sie auch durch die unwirtliche Gegend von Wadi el-Natrun gekommen sein. Zahlreiche Kultstätten erinnern an die Reise. Schon zu Beginn des vierten Jahrhunderts haben sich christliche Eremiten in diese Klöster und Kirchen zurückgezogen. Heute ist die Wüstenlandschaft Wadi al-Natrun eine Hochburg christlichen Lebens in Ägypten.

Die meisten Christen in Ägypten sind Kopten. Das Wort Kopt kommt von Aigyptios. Deshalb sagen viele Kopten, sie seien die ursprünglichen Ägypter. Die Araber sind erst im Jahr 620 nach Christus in das Nildelta gekommen.

Das wohl älteste koptische Kloster ist das von el Baramus. Hier lebt ein junger Mönch, der seinen Namen nicht nennen möchte. Aber über sein Leben gibt er Auskunft: »Ich verlasse das Kloster nur sehr, sehr selten. In zwölf Jahren bin ich dreimal raus gegangen. Ich habe dieses Leben selbst gewählt. Deshalb empfinde ich es nicht als eine Beeinträchtigung meiner Freiheit.«

In den Klöstern von Wadi el-Natrun leben heute mehrere hundert Mönche in selbst auferlegter Armut und Enthaltsamkeit. Ihr Leben ist geprägt von Ritualen und Bräuchen. Die Mönche spüren nur wenig von den umwälzenden Ereignissen, die die ägyptische Gesellschaft zurzeit erlebt. »Wir kümmern uns nicht um Politik.

Aber immer mal wieder kommen Leute von außerhalb, die uns Nachrichten bringen. Wir haben eine Meinung, so wie jeder Mensch. Ich glaube, dass die Islamisierung des Landes zunimmt. Es gibt jetzt zwar mehr Freiheiten, aber nicht für Christen«, so der junge Mönch.

Bei den Demonstrationen im Januar des vergangenen Jahres gegen den Despoten Mubarak haben Kopten und Moslems Schulter an Schulter protestiert. Doch die Solidarität lässt nach. Die politischen und sozialen Umwälzungen haben neue Freiheiten für die Bevölkerung gebracht. Dazu gehört aber auch die Freiheit, ungestraft religiöse Minderheiten zu diskriminieren. In Ägypten leben weit über 80 Millionen Menschen. Nur rund fünf Millionen von ihnen sind Kopten.

Gewalttätige Übergriffe gegen christliche Gemeinden gab es auch während der 30jährigen Herrschaft Hosni Mubaraks. Doch die Berichterstattung darüber wurde häufig unterdrückt. Seit der Revolution sind solche Informationen weitgehend frei verfügbar.

Deshalb wissen die Kopten im ganzen Land genau, dass im Laufe der vergangenen Monate viele Kirchen in Brand gesetzt und Dutzende ihrer Glaubensbrüder ermordet wurden. Zu solchen Gewaltausbrüchen kommt es besonders dann, wenn Christen Selbstbewusstsein zeigen und gegen die latente Einschränkung ihrer Religionsfreiheit protestieren.

Diese Diskriminierung hat Tradition in Ägypten. Selbst der ehemalige Präsident und Friedensnobelpreisträger Anwar as-Sadat gilt als Gegner der Religionsfreiheit für Christen. Im Jahr 1981 verbannte er den koptischen Papst in das Kloster Sankt Bischoi. Erst vier Jahre später wurde das Oberhaupt der orthodoxen Kopten von Sadats Nachfolger Mubarak freigelassen.

St. Bischoi ist jetzt die zweite Residenz des koptischen Papstes Shenouda. Auch 120 Mönche leben in dem Kloster. Einer von ihnen ist Bruder Joaquin. Er sitzt auf einem Bett aus Holzplanken in einem kargen Raum, der nicht größer ist als fünf Quadratmeter. »Dies ist eine Mönchszelle aus dem neunten Jahrhundert«, sagt Bruder Joaquin. Während sich die Menschen in Ägypten auf grundlegende Veränderungen einstellen müssen, bleibt das Leben der Mönche in den Klöstern weitgehend gleich.

»Das System für uns ist jeden Tag dasselbe. Wir beten für die Menschen, die draußen leben. Außerdem haben wir täglich ein spirituelles Programm zu leisten, in dem wir für den Frieden beten.«

In der Kirche der Heiligen Barbara im alten Zentrum Kairos endet gerade ein Gottesdienst. Der Priester Sarabamoni Zaki ist in sein luxuriös ausgestattetes Büro gegangen. Der Mann hat einen langen, grauen Bart. Früher war er gut rasiert. Er meint, die Situation der Kopten habe sich durch die Revolution spürbar verändert: »Seit dem 25. Januar haben einige Christen Angst. Wir wissen nicht, was geschehen wird. Der moslemische Flügel bemüht sich heftig um die Macht. So etwas haben wir in den vergangenen 30 Jahren noch nicht erlebt.«

Die meisten koptischen Würdenträger sagen, sie seien froh darüber, dass es der Bevölkerung gelungen ist, Mubarak zu stürzen. Aber sie vermissen auch einige Vorzüge des alten Regimes. »Ich würde nicht sagen, er war gut oder er war schlecht. Aber es gab nicht diese Unsicherheit, unter der wir jetzt leiden. Wir verstehen, dass dies eine Übergangsphase ist. Aber wie wird das Ende dieser Phase aussehen? Nur Gott weiß das.«

Der Priester macht sich Sorgen um die Zukunft der Kopten in Ägypten. Trotzdem sieht er keinen Grund, sich zu verstecken: »Den jungen Leuten sage ich: Haltet durch, seid stark. Ihr müsst euch unter die Moslems mischen und mit ihnen zusammen leben. Habt keine Angst. Macht sie zu euren Freunden und erklärt ihnen eure Sorgen. Werdet nie wütend oder nervös. Seid respektvoll und sprecht friedlich.«

Andreas Boueke

Bomben gegen »Ungläubige«

29. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Zerstörte Autos vor der schwer beschädigten katholischen St.-Theresa-Kirche im nigerianischen Madalla. <br>Foto: picture alliance

Zerstörte Autos vor der schwer beschädigten katholischen St.-Theresa-Kirche im nigerianischen Madalla.
Foto: picture alliance


Islamistische Anschläge reißen in Nigeria mindestens 40 Christen in den Tod.
 

Die Terroristen der islamistischen Boko-Haram-Bewegung hatten die Anschläge mit grausamer Präzision geplant: Um möglichst viele nigerianische Christen zu töten, ließen sie die Sprengsätze zu Weihnachten vor Kirchen detonieren. Dass die vier Attentate am ersten Weihnachtsfeiertag nicht noch mehr als die geschätzten 40 Opfer in den Tod rissen, ist Zufällen zu verdanken. In Jos konnte die Polizei mehrere Sprengsätze sicherstellen, bevor sie explodierten; mehrere Bomben waren zudem in der vergangenen Woche vorzeitig in die Luft gegangen.

Dennoch könnte die Rechnung der Boko-Haram-Gruppe aufgehen: Ihr Ziel ist es vermutlich, neue Unruhen zwischen christlichen und muslimischen Jugendlichen zu provozieren. Gelingt ihr das, würde das den Vielvölkerstaat Nigeria in seinen Grundfesten erschüttern. Die jahrelang kaum beachtete Sektierergruppe, die der Prediger Mohammed Yusuf 2002 im äußersten Nordosten Nigerias gründete, ist inzwischen die mit Abstand größte Gefahr für den Frieden in Afrikas bevölkerungsreichstem Land. Das Ziel von Boko Haram ist die Errichtung eines Gottesstaates.

Derzeit fehlen Polizei und Geheimdiensten offenbar jegliche Zugänge zur Terrorgruppe. Wie weit Boko Haram ungehindert gehen kann, zeigte der Anschlag auf das UN-Hauptgebäude in Nigerias Hauptstadt Abuja am 26. August. Ein mit Sprengstoff beladenes Auto raste ins Erdgeschoss des Gebäudes und detonierte: Nigerias erster Selbstmordanschlag. »Das ist unser 9/11«, sagten Passanten kurz nach dem Attentat schockiert in die Mikrofone von Reportern. 23 Menschen starben, mehr als 80 wurden verletzt. Seit August explodieren in ­regelmäßigen Abständen Sprengsätze im ganzen Land, vor allem im mehrheitlich muslimischen Norden, wo Boko Haram seine Rückzugsräume hat.

Nigerianische Geheimdienstakten, die das Wall Street Journal veröffentlichte, belegen, dass Funktionäre von Boko Haram in Terrorcamps der Kaida in Afghanistan ausgebildet wurden – und zwar schon 2007. Sogar schon im Gründungsjahr 2002 sollen Boko-Haram-Kämpfer in Mauretanien und später in Algerien ausgebildet worden sein.

Nigerias Regierung will solche Berichte nicht kommentieren. Sie verharmlost die Terroristen meist als rein lokale Rebellengruppe und propagiert selbst den Namen Boko Haram, was in der Haussa-Sprache »Alles Westliche (oder: Westliche Bildung) ist Sünde« bedeutet. Die Bewegung selbst nennt sich indes »Sunnitische Bruderschaft in Ausführung des Heiligen Krieges« – ein deutlicher Hinweis auf die wahren Ziele der Dschihadisten, denen sich immer mehr arbeitslose und benachteiligte Jugendliche im muslimischen Norden Nigerias anschließen.

Dabei glaubten sich nigerianische Sicherheitskräfte 2009 am Ziel, als bei einer Großoffensive Boko-Haram-Gründer Mohammed Yusuf verhaftet und kurze Zeit später getötet wurde. Doch seitdem haben Zahl und Ausmaß der Terroranschläge zugenommen. Dass niemand zu wissen scheint, wer genau Boko Haram seit Yusufs Tod führt, zeigt einmal mehr, wie hilflos Nigerias Sicherheitsapparat gegen die neue Bedrohung ist. In dem westafrikanischen Staat glaubt jedenfalls kaum jemand, dass die Boko-Haram-Anschläge vom ersten Weihnachtsfeiertag die letzten gewesen sind.

Marc Engelhardt (epd)

Perlen der Filmkunst zu Weihnachten

26. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Gemütliche Flimmerstunde in Familie. Foto: ddpimages

Gemütliche Flimmerstunde in Familie. Foto: ddpimages


 

Fernsehen: Zum Weihnachtsprogramm gehören Spielfilme, die den Geist der Versöhnung und des Friedens aufnehmen.

 
Es lohnt sich, an den Weihnachtstagen einen Blick ins Fernsehprogramm zu werfen. Neben Thriller, Action- und Horrorfilmen gibt es auch spannende Filme mit weihnachtlichem Flair.
 
Alle Jahre wieder, kommt …« das Weihnachtsprogramm der Fernsehsender und damit spätestens ab 22 Uhr am Heiligabend Thriller, Action- und Horrorfilme mit Titeln wie »Tödliche Weihnachten«, »Scream 2« oder »Stirb langsam 2«.
 
Daneben gibt es aber auch Perlen der Filmkunst mit weihnachtlichem Flair, versteckt im vorweihnachtlichen Programm, im Nachmittagsprogramm oder spät in der Nacht. Filme wie »Ist das Leben nicht schön?«, »Der kleine Lord« oder eine der vielen Verfilmungen von Charles Dickens klassischer Weihnachtsgeschichte »A Christmas Carol in Prose«.
 
Jahr für Jahr appellieren die Kirchen an die Sender, das Weihnachtsprogramm weniger blutig zu gestalten. »Ich bin mit allen Sendern darüber im Gespräch. Und auch bei den Privatsendern ist der Heilige Abend, zum Teil auch der erste Feiertag, moderat, feiertagsgemäß und familienfreundlich programmiert«, sagt Oberkirchenrat Markus Bräuer, Medienbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ab 22 Uhr am zweiten Feiertag sehe es dann aber oft anders aus: Der Quotendruck, der Wettbewerb sei hart, und dann werde oft auf den bewährten Blockbuster gesetzt.
 
Thriller sind laut Bräuer aber auch am zweiten Weihnachtstag und zu später Stunde deplatziert. Das Angebot an spannenden Filmen sei so groß, dass nicht auf Actionthriller gesetzt werden müsse, um die Quoten zu erreichen.
 
Ein gutes Weihnachtsprogramm spiegelt nach Ansicht Bräuers die Botschaft des Christfestes in allen Fernsehformaten: Fernsehgottesdienste in ARD und ZDF, die auch die Menschen, die nicht selbst in die Christvesper gehen können, über die Weihnachtsbotschaft aufklärt. Reportagen, die historische Kenntnisse über die Zeit Jesu und das Heilige Land vermitteln. Dokumentationen, die zeigen, wie viele Ehrenamtliche es zu einem Teil ihres Lebens gemacht haben, die Menschenfreundlichkeit Gottes weiterzugeben und in der Kältehilfe oder der Obdachlosenarbeit tätig sind.
 
Das ist das Programm, das er sich wünscht. »Für mich gehören auch Spielfilme dazu, die den Geist der Versöhnung und des Friedens aufnehmen«, sagt der Medienbeauftragte. Versöhnung, Frieden, die Wandlung vom bösen zum guten Menschen, der Sieg der scheinbar Schwachen und Armen über die Reichen und Hochmütigen – das sind auch die klassischen Themen der großen ­Weihnachtsfilme. Dabei taucht immer wieder ein Archetypus, eine charakteristische Figur auf: der Menschenfeind. Oft reich und geizig, fast immer hartherzig und gefühlsarm, aber nicht unbedingt von Grund auf böse. Manchmal ist er derjenige, der im Mittelpunkt der Handlung steht und sich wandelt, manchmal muss der Protagonist ihn überwinden.
 
Eine der besten Darstellungen dieses Archetypus ist Charles Dickens in seiner Erzählung »A Christmas Carol in Prose« – zu Deutsch »Eine Weihnachtsgeschichte« – mit seiner Hauptfigur Ebenezer Scrooge gelungen. Die Geschichte spielt zu Weihnachten. Scrooge ist seit dem Tod seines Geschäftspartners Jacob Marley einziger Inhaber eines Warenhauses im England des 19. Jahrhunderts. Seinen einzigen Angestellten beutet er aus. Seinen einzigen Verwandten, seinen Neffen, der ihn zum Weihnachtsessen einladen will, weist er kalt zurück. Für zwei Männer, die für arme Menschen Geld sammeln, hat er nur Hohn und Spott.
 
Am Heiligen Abend erscheint Scrooge der Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Marley und prophezeit ihm ein düsteres Ende für den Fall, dass er sein Leben nicht ­grund­legend ändere.
 
Den Geist des Miteinanders, das selbstlose Geben, die Armut des materiell Reichen und der Reichtum dessen, der Freunde hat – wohl kein Film vereint diese Themen besser als der Weihnachtsklassiker schlechthin: »Ist das Leben nicht schön?« von 1946. James Stewart ist George Bailey, der in der verschlafenen Kleinstadt Bedford Falls lebt. Als sein Vater stirbt, muss er seine hochfliegenden Pläne, die Welt zu bereisen und zu studieren, fallen lassen und die kleine Bausparkasse »Building and Loan« übernehmen. Privat findet er sein Glück mit seiner Jugendliebe Mary, doch beruflich gibt es immer wieder Rückschläge, und alle anderen scheinen an ihm vorbeizuziehen. Sein kleiner Bruder, dem er einst das Leben rettete, wird zum Baseball-Star und zum Flieger-Ass, sein bester Freund schwimmt in Geld und besitzt mehrere Fabriken. Seine Hochzeitsreise fällt aus, weil er das Geld in der Wirtschaftskrise braucht, um die Kunden seiner Bausparkasse zu bedienen.
 
Und dann ist da noch sein Gegenspieler: Mr. Potter, Besitzer von Mietskasernen, Banken und vielem mehr in Bedford Falls, hartherzig, gierig, nur auf Profit orientiert – unser Archetypus. George ist mit seiner Bausparkasse Potter ein Dorn im Auge. Denn George ermöglicht den ärmeren Menschen, sich ein Eigenheim zu bauen und aus Potters Mietskasernen auszuziehen. Doch dann passiert das Unglück: Die »Building and Loan« muss Potter 8000 Dollar zurückzahlen, und Georges Onkel verliert das Geld – und das zu Weihnachten. Die Pleite droht, George verzweifelt und will sich umbringen; wünscht sich gar, er hätte nie gelebt. Doch der Himmel schickt George einen Engel, um ihn zu retten.
 
Jochen Krümpelmann

Empfehlenswerte Weihnachtsfilme
Ist das Leben nicht schön? ZDF, 25. 12., 0.35 Uhr, auf DVD erhältlich.
Der kleine Lord ARD, 23. 12., 20.15 Uhr und 24. 12., 13.15 Uhr sowie in mehreren dritten Programmen.
Charles Dickens: Eine Weihnachtsgeschichte, mehrere Verfilmungen zum ­Beispiel: Die Geister, die ich rief, Kabel 1, 26. 12., 20.15 Uhr, auf DVD erhältlich, modernisierte Fassung der Geschichte Charles Dickens – Eine Weihnachtsgeschichte, Das Vierte, 24. 12., 20.15 Uhr, auf DVD erhältlich.
Schöne Bescherung, Vox, 24. 12., 20.15, auf DVD erhältlich.
Der Polarexpress, RTL, 25. 12., 16.15 Uhr, auf DVD erhältlich.
Noch ein Tipp: Ähnlich wie zu Silvester »Dinner for one« genießt bei vielen zu Weihnachten Loriots Sketchsammlung »Weihnachten bei Hoppenstedts« Kultcharakter, WDR, 26. 12., 17.40 Uhr.

Menschen der Nacht

25. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Sie arbeiten, wenn andere schlafen.

 
Sie sorgen für Geborgenheit in der Fremde, eilen bei ­Pannen zu Hilfe: Frauen und Männer, die nachts ­arbeiten. Eine Hotelportierin und ein Pannenhelfer sprechen über ihre ­Erfahrungen in der Nacht.
 

Die Wächterin

Sylvia Sädler, Foto: Maik Schuck

Sylvia Sädler, Foto: Maik Schuck


 

»Ich habe mir Nachtarbeit schlimmer vorgestellt«, sagt Sylvia Sädler (48). Sie arbeitet seit drei Jahren ausschließlich nachts in der Rezeption des Hotels Amalienhof in Weimar. Ihre Aufgaben: Von 22 bis 2 Uhr ist sie für die Gäste da und sorgt für Ordnung und Sauberkeit im Foyer. Nach 2 Uhr bereitet sie in der Küche das Frühstücksbüfett für den nächsten Morgen vor. »Das nimmt viel Zeit in Anspruch, 6 Uhr, wenn die Ablösung kommt, muss alles fertig sein.« Dann ist ihr Nachtdienst zu Ende. Doch wenn sie nach getaner Arbeit zu Hause ankommt, ist an Schlafen nicht zu denken. »Morgens bin ich immer aufgekratzt«, erzählt sie. Familiär trifft es sich gut, dass auch ihr Mann als Kraftfahrer immer nachts arbeitet. Wenn er gegen 10 Uhr von seiner Nachtschicht kommt, frühstücken die Eheleute, legen sich danach schlafen oder unternehmen bei schönem Wetter etwas im Freien.
 
Die Stunden am Abend zwischen 18 und 21 Uhr sind für Sylvia Sädler ebenfalls Schlafenszeit. Anfangs sei es für sie ungewohnt gewesen, aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, während andere sich bettfertig machen. Aber ihr Körper habe sich gut und schnell an den Rhythmus gewöhnt. Sie kann dem Nachtdienst sogar einige Vorteile abgewinnen. »Die Arbeit flutscht, es ist ruhig und angenehm, kein Stress.«
 
Schön sei, dass sie bei ihrer Arbeit im Hotel mit Menschen zu tun habe. Und die Gäste wiederum seien freudig überrascht, dass nachts jemand an der Rezeption ist und ihnen ihre Wünsche erfüllt, etwas zu trinken reicht oder zu einem Gespräch aufgelegt ist.
 

Der Engel

 

Michael Franz, Foto: Maik Schuck

Michael Franz, Foto: Maik Schuck


 

Ob er am Tag oder in der Nacht auf den Straßen unterwegs ist, sei für ihn kein großer Unterschied, sagt Michael Franz (45) vom ADAC Hessen-Thüringen. Pannenhilfe auf der Autobahn zum Beispiel sei immer gefährlich, in der Dunkelheit wie am helllichten Tag. »Dort ist es wichtig, so schnell wie möglich fertig zu werden, um aus dem Gefahrenbereich herauszukommen.« Denn alle seine Kollegen würden Momente der Todesgefahr kennen, und es sei nicht selten, dass Gelbe Engel während ihres Dienstes tödlich verunglücken, bemerkt Franz.
 
Durchschnittlich achtmal, bei Kälte bis zu 18 Mal wird er während einer Schicht zu Hilfe gerufen. Meistens, wenn ein Reifen gewechselt werden muss oder bei Kälte die Batterie streikt. Mitunter erlebt er kuriose Situationen. Franz erzählt zum Beispiel von einem Herrn, dessen Reisegruppe mit dem Bus von einer Raststätte ohne ihn weitergefahren war. Ein anderer hatte sich auf dem Parkplatz selbst ausgeschlossen.
 
Als er nach einer ­Toilettenpause zu seinem Auto zurückgekommen sei, musste er mit Erschrecken feststellen, dass dieses verschlossen war, der Schlüssel aber im Fahrzeug lag. Kein Vergnügen bei winterlichen Temperaturen und ohne ­Jacke zu harren bis der Pannendienst kommt. In solchen Fällen versuchen die Gelben Engel schnell an Ort und Stelle zu sein.
 
Wenn allerdings viele Leute zu gleicher Zeit Hilfe anfordern, könne sich die Wartezeit auf mehr als eine Stunde verlängern, so die Erfahrung des ADAC-Mitarbeiters. In mindestens 80 Prozent der Fälle, so Franz, sind die Gelben Engel in der glücklichen Lage, helfen zu können.
 
Sabine Kuschel

Wie Daniel und Jonas zur Krippe kamen

24. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe

Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe


 
Eine Weihnachtsgeschichte von Thomas Reuter.
 
Daniel: Schalom, ich bin Daniel. Und der da ist Jonas. Ich muss euch unbedingt was erzählen. Stellt euch vor: Gerade war ich dabei…
Jonas: Daniel?
Daniel: Ja, Jonas?
Jonas: Wer ist hier der Chef?
Daniel: Du bist der Chef, Jonas.
Jonas: Wer erzählt also?
Daniel: Du erzählst, Jonas.
 
Jonas: Ist schließlich auch meine Geschichte. Also – ich bin Jonas. Aber das wisst ihr ja schon. Die Schafherde dort gehört mir. Daniel ist mein Hirte. Ich kann mich eigentlich auf ihn verlassen. Aber manchmal schaue ich doch lieber nach, wie er seine Arbeit macht.
Daniel: Völlig unnötig.
Jonas: Und gestern Nacht, Daniel? Ich komme aufs Feld, das Lagerfeuer brennt, die Schafe schlafen, die Hunde dösen. Nur einer fehlt: Daniel. Ich rufe ihn – nichts. Na, denke ich, dann hat der Löwe diesmal wohl kein Schaf, sondern Daniel geholt.
Daniel: Sehr lustig, Jonas.
Jonas: Plötzlich höre ich jemanden gerannt kommen. Es ist Daniel. Ich verstecke mich hinter einem Busch. Daniel klettert über den Zaun, nimmt eines der kostbaren Felle, springt zurück und will wieder davonrennen. Ich verstelle ihm den Weg und packe ihn an der Jacke. Wo willst du hin?
Daniel: Zu Gottes Sohn. Der ist in unserem Stall geboren. Und das Schaffell ist ein Geschenk für ihn.
 
Jonas: Hast du während der Arbeit Wein getrunken??
Daniel: Die Engel waren da! Hast du sie nicht gesehen?
Jonas: Er reißt sich los und rennt davon. Ich ruf ihm nach: Du bist gefeuert, Daniel!
Daniel: Kein Problem!
Jonas: Was? Kein Problem? Er braucht doch das Geld. Was soll ich jetzt tun? Ihm nachlaufen? Da kommt wieder einer gesaust. Den Kerl hab ich noch nie gesehen. Hirte ist er jedenfalls nicht. Das sehe ich an seiner Kleidung. Vielleicht Tischler oder Zimmermann? Er sieht mich und ruft mir zu: Bist du Jonas?
Jonas: Wer will das wissen?
Josef: Ich bin Josef, der Vater von ­Jesus. Dem Messias. Na, jedenfalls – Daniel ist bei uns im Stall.
Jonas: Das ist immer noch mein Stall!
Josef: Sei nicht so streng. Heute ist eine besondere Nacht! Der Erlöser ist geboren! Und Daniel hat es als Erster erfahren. Kommst du mit?
 
Jonas: Vergiss es! – Und schon ist er wieder weg. Der war doch genauso betrunken wie Daniel! Der Messias? In meinem Stall? – Da trappelt es schon wieder. Das müssen mindestens drei Leute sein. Mit Tieren. Große Tiere dem Gestampfe nach. Kamele vielleicht. Aus der Dunkelheit tritt ein Mann auf mich zu, vornehm ­gekleidet, behängt mit goldenem Schmuck. An seiner Aussprache merke ich, dass er nicht aus Israel kommt.
Sterndeuter: Verzeiht – wir sind auf der Suche nach dem neugeborenen König der Juden. Die Schriftgelehrten haben uns nach Bethlehem gesandt. Ist es noch weit?
Jonas: Ich krieg keinen Ton raus, zeige nur in Richtung meines Stalles. Der reiche Mann bedankt und verbeugt sich und verschwindet wieder in der Dunkelheit. Jetzt muss ich mich setzen. Das ist zu viel! Aber nein, schon wieder ­raschelt es, und plötzlich steht ein ­römischer Soldat vor mir.
 
Soldat: He, du, Hirte! Sind die Sterndeuter mit den Kamelen hier vorbeigekommen?
Jonas: Moment – was will der von denen? Sie verhaften? Er merkt, dass ich zögere.
Soldat: Keine Sorge, ich will ihnen nichts Böses. Ich habe sie belauscht. Sie sind auf dem Weg zum Messias. Und da bin ich hinterhergelaufen, denn das klingt doch ziemlich spannend, stimmt´s?
Jonas: Bin ich denn hier der Einzige, der von nichts weiß? Der Kerl macht einen ehrlichen Eindruck. Ich zeig dir den Weg. Komm! Und dann sind wir beide durch die Nacht gestiefelt. Er hat mir erzählt, dass er eine Frau und drei Kinder hat. In Rom. Und dass er hofft, bald wieder nach Hause zu dürfen. Dann waren wir bei meinem Stall. Und tatsächlich: In meiner Futterkrippe liegt der Kleine.
 
Familie-1
 
Daniel: Du meinst Jesus.
Jonas: Genau. Dann ist da noch ­dieser Zimmermann mit seiner Frau. Und um die Krippe scharen sich ein ­jüdischer Hirte, drei weit gereiste Sterndeuter und ein römischer Soldat. Die würden sonst nie ­miteinander reden. Und da habe ich gewusst, dass dieser Jesus wirklich was ganz Besonderes ist.
 
Daniel: Der Messias, Jonas. Ich hab dir doch von den Engeln erzählt.
Jonas: Ja, das könnte wohl der Messias sein. Tja, das war meine Geschichte.
Daniel: Nicht ganz. Dass es wirklich der Messias ist, merkt man auch an dir.
Jonas: Was? Wie meinst du das?
Daniel: Na, du wolltest mich doch feuern, weil ich nicht bei der Herde geblieben bin. Aber gemacht hast du´s nicht. Und wenn einer wie du plötzlich ein weiches Herz bekommt, kann das nur das Werk des Messias sein.
Jonas: Na warte…
 

Wege ins »Gelobte Land«

13. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Bis heute wandern Juden aus aller Welt nach Israel ein – drei Beispiele aus drei Generationen

Symbol für die Sehnsucht nach Jerusalem: Die Westmauer des früheren Tempels in Jerusalem gilt Juden aus aller Welt als heiliger Ort des Gebets. Fotos: Harald Krille (3), Reinhard Heubner (1)

Symbol für die Sehnsucht nach Jerusalem: Die Westmauer des früheren Tempels in Jerusalem gilt Juden aus aller Welt als heiliger Ort des Gebets. Fotos: Harald Krille (3), Reinhard Heubner (1)


Auslöser war der zunehmende Antisemitismus in Europa: Ende des 19. Jahrhunderts entstand der moderne Zionismus – der Traum vom freien jüdischen Leben im eigenen Land.

Henry Stern gestikuliert unter einem Olivenbaum im Kibbuz Lavi, nahe des Sees Genezareth. Er erzählt von einer amerikanischen Reisegruppe, die ihn fragte, wie es komme, dass die Kibbuzim immer in den schönsten Parks gebaut wurden? »Als wir 1949 als junge Männer hier ankamen, gab es nur Steine und Geröll, zwei oder drei Olivenbäume, kein Wasser«, erinnert sich der heute 86-Jährige.

Zehn Jahre zuvor war der in Stuttgart geborene Henry im Alter von 14 Jahren im Rahmen einer Kinderevakuierung gerade noch aus Deutschland herausgekommen. Er kam nach England, bereitete sich dort in einem Farmkurs auf die »Alija«, die Auswanderung ins »Gelobte Land«, vor. Viel hat die britische Farmausbildung nicht geholfen. »Immerhin – wir haben gelernt, wie eine Kuh aussieht«, schmunzelt Henry Stern. »Der junge Staat unterstützte uns so gut es ging, aber wir mussten unsere Erfahrungen durch Versuch und Irrtum machen.«

Henry Stern

Henry Stern


Von den Mühen der Anfangszeit ist nichts mehr zu spüren: 1000 Kühe, 600000 Hühner, 800 Menschen, eine eigene Möbelfabrik und ein Gästehaus in idyllischer Parklandschaft. Aber auch Schutzräume und Bunker in allen Häusern, Kindergärten, Schulen gehören heute zur Heimat von Henry. 4000 Raketen feuerte die Hisbollah im Libanon vor fünf Jahren auf den Norden Israels. Dennoch gibt sich Henry Stern gelassen: »Wir wissen im Nahen Osten doch nie, was morgen passiert«.

Hadar Samalo gehört zu den fast 100000 äthiopischen Juden, die seit den 80er Jahren in teils spektakulären Aktionen aus Not, Verfolgung und Bürgerkrieg evakuiert wurden. Die sogenannten Falascha führen sich selbst auf die Begegnung des biblischen Königs Salomo mit der Königin aus Saba zurück. Den Juden gelten sie als Nachkommen des Stammes Dan. Fest steht, dass sie über Jahrhunderte eine archaische Form des Judentums bewahrten. Und die große Sehnsucht, eines Tages nach Hause, nach Zion zu kommen.

Hadar Samalo

Hadar Samalo


Die heute 44-jährige Hadar wusste nichts vom Staat Israel, als sie sich 1984 auf den Weg macht. Aber es sollte irgendwie im Sudan die Möglichkeit bestehen, ins »Gelobte Land« zu ­kommen, »dem Land, wo Milch und Honig fließen«. Gemeinsam mit zwölf anderen jungen Leuten vertraut sie sich bezahlten Führern an, wird von ihnen verraten, von Räubern überfallen. Irgendwie schafft sie es bis in ein Flüchtlingslager des Roten Kreuzes im Sudan.

Dort wird sie von Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad entdeckt und auf damals noch geheimen Wegen nach Israel gebracht. Lange braucht sie, um sich im modernen Land Israel zurecht zu finden. Kulturen prallen aufeinander. Heute ist sie selbst Leiterin eines Aufnahmezentrums für afghanische Einwanderer in der Nähe von Jerusalem. Wurden ihre übersteigerten Erwartungen an »Zion« nicht enttäuscht? »Nein, ich bin froh und glücklich«, bekennt Hadar Samalo. Die einzige Enttäuschung sei die Erfahrung, dass es säkulare Juden gibt, die die Gebote nicht halten.

Arye Sharuz Shalicar

Arye Sharuz Shalicar


Zu diesen eher säkularen Juden ­gehört auch der 1977 geborene Arye Sharuz Shalicar. Der heutige Sprecher der israelischen Armee im Range eines Hauptmanns, der fließend zehn Sprachen spricht und Politikwissenschaften und Geschichte studierte, kam vor zehn Jahren nach Israel. Zuvor musste der Sohn iranischer Juden, die vor dem Ajatollah-Regime geflohen waren, wegen ­seiner Abstammung erleben, wie er durch Berlins Straßen gejagt wurde. Nicht von unbelehrbaren Deutschen, sondern von jungen Muslimen. »Diesen neuen muslimischen Antisemitismus in den Straßen Deutschlands habe ich jahrelang am eigenen Leib zu spüren bekommen«, erinnert er sich bitter.

Seine Erfahrungen hat er in dem Buch mit dem Titel »Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude« aufgeschrieben. »Für Deutsche war ich ein Türke, für die Türken und Araber ein verhasster Jude, hier in Israel bin ich als Jude endlich zu Hause – ob ich in die Synagoge gehe oder nicht, hier bin ich Mensch unter Menschen.«

Das ist es auch, was für Reuven Rozen im Mittelpunkt steht. Der Sohn dänischer Juden, die einst mit einem Fischkutter vor der SS flohen, ist einer der leitenden Mitarbeiter des Keren Hayessod. Die Stiftung fördert seit 1920 den Aufbau des Landes und die Integration der Neubürger. Zu den Unterstützern gehören nicht zuletzt Christen in Deutschland (siehe unten). »Jeder Jude auf der Welt kann und soll wissen, dass er jederzeit in ­Israel eine Heimat hat«, so das Credo von Reuven.

www.kh-uia.org.il

Harald Krille
 

»Jesus ist ohne Israel nicht zu haben«

 
Warum Christen Israel unterstützen – drei Fragen an Wilfried Gotter von den Sächsischen Israelfreunden

Eine der größten Israel-Unterstützer-Gruppen im mitteldeutschen Raum sind die Sächsischen Israelfreunde. Soeben wurden sie für ihren Einsatz sogar vom israelischen Parlament geehrt. Drei Fragen an den Geschäftsführer Wilfried Gotter.

Seit wann gibt es die Sächsischen Israelfreunde und was ist das Anliegen des Vereins?
Gotter: Die Sächsischen Israelfreunde wurden nach dem 50. Geburtstag des Staates Israel 1998 gegründet. Auslöser war eine erste große Konferenz in Chemnitz mit fast 6000 Teilnehmern. Seither fanden 15 Sächsische Israelkonferenzen statt. Da Israel in der ­Bibel kein Nebenthema für irgend­welche Spezialisten ist, lohnt es, sich kontinuierlich damit zu beschäftigen. Schwerpunkte unseres Tuns sind die Versöhnungs- und Bildungsarbeit im Blick auf Israel und das Judentum. Dazu gehört etwa auch die Unterstützung von Holocaust-Über­lebenden und Terroropfern. Und wir ermutigen zum Gebet für Israel. Die nächste ­Israelkonferenz findet übrigens am 17. Mai 2012 im Bildungs- und Begegnungszentrum im vogtländischen Reichenbach statt.

Wilfried Gotter ist Geschäftsführer der Sächsischen Israelfreunde e.V.

Wilfried Gotter ist Geschäftsführer der Sächsischen Israelfreunde e.V.


Die Sächsischen Israelfreunde unterstützen unter anderem die Organisation Keren Hajessod. Warum eine dem Zionismus verpflichtete Gruppe?
Gotter: Christen sind eingepfropft in den edlen Ölbaum Israel: »Nicht du trägst die Wurzel sondern die Wurzel trägt dich.« Man lese dazu den Römerbrief. Da der Jude Jesus ebenfalls Zionist war, wäre es verwunderlich, wenn wir es nicht wären. Wenn man Christ ist, kommt man an Jesus und seinem Land nicht vorbei. Jesus ist ohne Israel nicht zu haben. Geistlich und weltpolitisch haben wir als Christenheit keine Zukunft ohne Israel. Und noch eins ist wichtig: Das jüdische Volk ist das Gerichtskriterium Gottes für die nichtjüdischen Völker, siehe beim Propheten Joel. (Joel 4,1-4)
 
Und wie schätzen die Sächsischen ­Israelfreunde die Arbeit des Keren Hajessod ein?
Gotter: Aus der eben beschriebenen Sicht war und ist es uns eine große Freude, nach unseren Möglichkeiten den Keren Hajessod, der zu den drei großen Säulen der Unterstützung ­Israels gilt, zu helfen. Der Segen fliest zurück – denn wer Israel segnet, soll gesegnet sein! Übrigens die anderen zwei Säulen, die Jewish Agency, die ­offizielle Einwanderungsorganisation Israels, und den Jüdischen Nationalfonds, Keren Kayemeth Leisrael (KKL), unterstützen wir ebenfalls. Beispielsweise durch Baumpflanzungen in der Wüste. Vertreter dieser Organisationen sind natürlich auch auf unseren Konferenzen anwesend.

www.zum-leben.de

Ganz und gar Familienmensch

12. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Martin Luther und seine Familie

Gemälde von Gustav Adolph Spangenberg »Luther im Kreise seiner Familie«. Foto: akg-images

Gemälde von Gustav Adolph Spangenberg »Luther im Kreise seiner Familie«. Foto: akg-images


Mein Herr hat mich plötzlich, während ich ganz andere Gedanken hatte, wunderbar in die Ehe geworfen mit Katharina Bora, jener Nonne«, schrieb Martin Luther am 20. Juni 1525 voller Begeisterung an seinen Freund und Mitstreiter Wenzeslaus Linck. Und das, obgleich er da noch keine »hitzige Liebe oder Leidenschaft« für seine Frau empfand. Hatte er selber sich auch mit der Ehe schwergetan – noch drei Jahre zuvor schrieb er: »Mir graut und ich predige nicht gern vom ehelichen Leben, deshalb, weil ich befürchte: wo ichs einmal recht anrühre, wird’s mir und andern viel zu schaffen geben – so galt sie ihm doch als ein Geschenk Gottes.«

Als Geschenk Gottes erwies sich schließlich auch seine Käthe, »die beste Frau und d(as) geliebteste Weib«, die es ihm letztlich nicht schwer machte, der klaren Anweisung der Schrift »für die Ordnung in der Familie zu folgen: Liebet eure Frauen und erziehet eure Kinder«.

Martin und Käthe hatten sechs Kinder: Johannes (1526–1575), Elisabeth (1527 bis 1528, Magdalena (1529–1542), Luthers Liebling, Martin (1531–1565), Paul (1533 bis 1593) und Margarethe (1534–1570). Nach dem Tod der gerade acht Monate alten Elisabeth bekennt Luther: »Das hätte ich nie zuvor gedacht, dass ein väterliches Herz so weich werden könnte wegen der Kinder.

Der Tod der zwölfjährigen Margarethe trifft die Eltern tief: Und obwohl ich und meine Frau nur froh und dankbar sein sollten über ihren so glücklichen Heimgang … so ist doch die Macht der Liebe so groß, dass wir es ohne Schluchzen und Wehklagen des Herzens, ja ohne großes Absterben nicht vermögen.«

Luther hatte genaue Vorstellungen davon, was aus seinen Kindern werden sollte: Johannes Theologe, Martin Rechtsanwalt und der stämmige Paul ein Krieger. Das Schicksal entschied anders. Johannes studierte Rechtswissenschaft und war u. a. Ratgeber in der Weimarer Kanzlei, Martin studierte Theologie, war aber nie als Pfarrer tätig. Paul wurde ein angesehener Arzt. Margarethe schließlich wurde die Ahnherrin der heutigen Lutheriden.

»Liebet eure Frauen und erziehet eure Kinder«

 
Mit seinen Kindern, die er über alles liebte, war Luther zwar streng, aber aus gutem Grund nicht so streng, wie er ­selber erzogen worden war. Bei Tische ­erzählte er einmal: »Mein Vater stäupt’ mich einmal also sehr, dass ich ihm floh und dass ihm bang war, bis er mich wieder zu ihm gewöhnet. Ich wollt auch nicht gern mein’ Hansen sehr schlagen, sonst würd’ er blöde und mir feind; so wüßt ich kein größer Leide … Meine Eltern haben mich aufs peinlichste gezüchtigt, bis ich kleinmütig wurde … Und so haben sie mich mit ihrer strengen Zucht zuletzt ins Kloster getrieben, wiewohl sie es herzlich gut gemeint haben.« Luther also wollte es besser machen.

Luther war nicht nur ein kluger und konsequenter Streiter des Geistes, er war auch durch und durch Familienmensch. Gemälde und Reliefs – obgleich historisch nicht zwingend korrekt – zeigen ihn als Mittelpunkt seiner Familie, als Musik liebender Hausvater und stabiler Kern der Hausgemeinschaft. Zu dieser zählte aber nicht nur seine Familie im engeren Sinn, sondern auch alle, die ständig oder zeitweise in seinem Haus gastliche Aufnahme fanden, »Weib und Kind, Knechte und Magd, Vieh und Futter«.

Neben seinen eigenen Kindern wuchsen hier noch elf Waisenkinder auf, darunter Kinder von Luthers Schwestern und Verwandte von Katharina. »Im Haus der Lutherin«, sagten die Leute, »wohnt eine gar wunderlich gemischte Schar aus Studenten, verlaufene Nonnen, Witwen, alten Leuten und Kindern.« Doch das bunte Treiben störte den Hausvater nicht, im Gegenteil: Er selber zog immer wieder Gäste ins Haus und wollte Verwandte und Freunde um sich haben, wenn er aus seiner Studierstube kam. Das bewahre ihn vor schwarzen Gedanken, meinte er.

Das Leben im Schwarzen Kloster zu Wittenberg‚ Martins und Käthes Heimstatt, wurde für Generationen protestan­tischer Pfarrhäuser ein erstrebenswertes Modell. Ein gastfreundliches Haus, in dem Hilfe geleistet wurde, wo sie nötig war, in dem Bildung und Musik, Gebet, Andacht und Bibellektüre großgeschrieben wurden – das waren die Grundpfeiler dieser häuslichen Gemeinschaft.

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Historikerin mit Schwerpunkt europäisches Mittelalter.

Armer Jesus und derber Humor

21. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Müssen sich Christen über Til Mettes Karikaturen ärgern oder dürfen sie auch lachen?

Mette_Hupen
Ist Gott nicht mehr allgegenwärtig, »weil er nicht auf Facebook ist?« Ein kleiner Junge auf einem Cartoon des renommierten Cartoonisten Til Mette sagt das dem Schöpfer keck ins Gesicht.

Auch viele andere Cartoons, die der seit 16 Jahren für den Stern zeichnende Mette unter dem Titel »Hupen Sie, wenn sie Jesus lieben« noch bis zum 6. November in der Caricatura im Kulturbahnhof ausstellt, haben einen grenzwertigen Humor.

Die Zeichnungen zeigen groteske Situationen: Der Herr am Kreuz als Pseudowerbung gegen Achselschweiß, die Drei Heiligen Könige, die von Maria zu hören bekommen: »Oh, das ist jetzt aber blöd. Mein unehelicher Sohn verbringt die Feiertage bei seinem Vater.«

Die Ausstellung des gebürtigen Bielefelders, der mal in Hamburg, mal in New York lebt, spaltet die Lager. Von Ironie bis Blasphemie, von Lausbubencharme bis köstlich pointiertem Humor reicht die Palette der Reaktionen. Und der Christ? Muss der sich ­ärgern oder darf er über die eine oder andere Zeichnung sogar lachen?

Vor der Be- oder Verurteilung sei der Versuch einer kleinen Analyse gestattet.

Ist der vielfach ausgezeichnete Cartoonist, der sich als Student mit Zeichnungen für die Süddeutsche Zeitung das Studium finanzierte, später Mitgründer der »taz« in Bremen wurde und vom Stern an Bord geholt wurde, ein bekennender Gegner des Christentums?

Ein beißwütiger Cartoonist, der mit seinem Zeichenstift Florettstiche setzen möchte?

Nein.

Der Preisträger des »Geflügelten Bleistifts« ist als Spaßvogel bekannt und als jemand, der sich in Glaubensfragen nicht zu positionieren weiß: »Ich bin kein Atheist«, sagt er, »ich kann nicht mal sagen, dass ich daran glaube, dass es keinen Gott gibt.«

Fazit: Mette hat überhaupt keinen geistlichen Standpunkt. Ergo auch keine Intention anzugreifen.

Der skurrile Humor ist sein einziger Standpunkt.

Mette gilt als bedeutendster Vertreter des US-amerikanischen Cartoonstils und hat sich dessen Codex auf die Fahne geschrieben: »Ameri­kaner wollen brisante Themen lustig rüberbringen, Deutsche wollen belehren.«

Ob es lustig ist, was er zeichnet, ­darüber darf man geteilter Meinung sein, weniger aber über die Aussage seiner Ausstellung.

Mette hat nicht die Absicht den Gottessohn zu veralbern. Er diskreditiert die, die sich neue ­Götter gesucht haben, sich von ihnen beherrschen lassen, ihnen die ganze Autorität und Aufmerksamkeit schenken.

Zeitgeist Internet: Die Kirchen bemühen sich um Besucher, Foren wie Facebook quellen davon über.

Nächstes Beispiel: Eine Zeichnung zeigt einen Jungen, der am Esstisch Nägel in eine Fußattrappe schlägt. Der Vater rügt ihn schroff: »Kannst du deine Hausaufgaben für die Konfer nicht woanders machen?«

Auch hier ist Mette nicht der Ankläger, sondern spiegelt, wie weit sich viele Konfirmanden und deren Eltern vom Sinn einer Konfirmation entfernt haben.

Fazit: Es ist nicht Til Mette, der ­Jesus oder den Glauben geißelt, sondern die Gesellschaft. Das darzustellen – so skurril, naiv und grotesk ­pointiert – gehört zum Herzblut eines Cartoonisten.

Achim Kuberczyk-Stein

Die Caricatura im Kulturbahnhof Kassel ist donnerstags und freitags von 14 bis 20 Uhr und sonnabends und sonntags von 12 bis 20 Uhr geöffnet.
www.caricatura.de

Ökumene wird schwieriger

16. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Bischof Reinhard Guib über die Zukunft der Christen in Siebenbürgen.

Reinhard Guib ist seit Ende 2010 Bischof der Evangelischen Kirche »Augsburgischen Bekenntnisses« (A. B.) in Rumänien. Über die ­Situation der Gemeinden und die Beziehungen zur ­Orthodoxen Kirche sprach mit ihm Jürgen Henkel in Hermannstadt/Sibiu.

Reinhard Guib (49) stammt aus Mediasch in Sieben- bürgen. Er studierte evangelische Theologie  in Hermannstadt. Nach seiner Wahl zum Bischof wurde er im Dezember 2010 in sein Amt eingeführt. (Foto: Jürgen Henkel)

Reinhard Guib (49) stammt aus Mediasch in Sieben- bürgen. Er studierte evangelische Theologie in Hermannstadt. Nach seiner Wahl zum Bischof wurde er im Dezember 2010 in sein Amt eingeführt. (Foto: Jürgen Henkel)

Herr Bischof, was waren die Schwerpunkte Ihrer Arbeit bisher?
Guib: Mein erster Schwerpunkt war das Kennenlernen der genauen Arbeitsabläufe hier im Bischofsamt. Wichtig war für mich von Anfang an aber auch, den Kontakt zu den Partnern unserer Landeskirche im In- und Ausland zu pflegen. Genauso wichtig war es, die Verbindung zu den Gemeinden zu halten. Ich komme ja aus dem Gemeindedienst und bin nahe an den Gemeinden dran, das will ich auch als Bischof bleiben.

Wie nehmen Sie die Lage in den ­Diasporagemeinden wahr?
Guib: Wir wollen als Kirchenleitung sehr stark in den Gemeinden präsent sein und mit dem Landeskirchenkurator und dem Bischofsvikar eine nach der anderen sowie die Pfarrerinnen und Pfarrer besuchen. Wir wollen so das geistliche Leben und die Probleme vor Ort zu uns sprechen lassen und dabei darauf schauen, wo Verbesserungen möglich sind. Dabei geht es auch um die Entlastung von Verwaltung.

Welche Perspektive haben solche kleinen Diasporagemeinden mit drei oder vier Seelen überhaupt noch?
Guib: Die Perspektive ist, dass sie sich zusammenschließen mit anderen ganz kleinen Gemeinden, damit sie zu größeren und stärkeren Gemeinden werden. Die Siebenbürger Sachsen haben ein stark von der Gemeinschaft geprägtes Denken.

In den letzten 20 Jahren haben wir durch die Auswanderung gelernt, über die oft engen Ortsgrenzen hinauszuschauen und die Gemeinschaft überregional zu pflegen. Unsere traditionellen Nachbarschaften in den Dörfern können dabei zu einem Modell für regionale Nachbarschaften werden bis hin zu gemeinsamen Regionalgottesdiensten.

Im Mediascher Kirchenbezirk haben wir das gut gelebt. So kann das in der ganzen Kirche laufen. Das ist ein Modell, das uns helfen kann, eine Betreuung dieser Gemeinden zu gewährleisten, damit diese auch immer einen Ansprechpartner haben.

Wie wurde Ihre Wahl in der Ökumene im orthodox geprägten Rumänien aufgenommen?

Guib: Wir haben hier sehr gute Beziehungen zur Reformierten und zur ­Katholischen Kirche, insgesamt auch zur Orthodoxen Kirche. Wir haben das jetzt seit meinem Amtsantritt noch nicht vertiefen können, weil es große innerkirchliche Aufgaben zu lösen gab.

Wir stehen in einem Prozess und wollen ein Konzept »Zukunft Kirche« entwickeln. Dabei wollen wir schauen, welches unsere Grundlagen und Schwerpunkte in den nächsten zehn Jahren sein sollen.

Wir sind im Moment mit uns selbst mehr beschäftigt als mit den ökumenischen Partnern. Das wird sich in der Zukunft aber auch wieder ändern. So planen wir ein Partnerschaftsabkommen auf der sozialen Ebene mit der Orthodoxen Kirche.

Die ökumenische Lage ist dadurch schwieriger geworden. Die Orthodoxe Kirche hält sich bei gemein­samen Veranstaltungen und Gottesdiensten mittlerweile sehr zurück. Auch außerhalb des Abendmahlsgottesdienstes teilt sie das liturgische Gebet und ­Gottesdienste mit uns nicht mehr, sondern ist höchstens als Zuschauer dabei. Das ist eine Position, mit der wir und die anderen ­Kirchen in Rumänien sehr schwer zurechtkommen.

Es gibt einen sehr ­starken traditionalis­tischen Flügel in der Orthodoxen ­Kirche, dem solche Beschlüsse Rechnung tragen. Dabei ist der Patriarch sehr ökumenisch ­gesinnt.

Nun gibt es auch in Ihrer Kirche starke Flügelkämpfe zwischen Konservativen und Liberalen. Wie wollen Sie die Kirche zusammenhalten?

Guib: Das ist ein schwieriges Unterfangen. Wichtig ist, dass wir eine Linie haben, ein Gesamtkonzept, an dem wir uns orientieren, das alle mittragen können. Es wird immer Brüder oder Schwestern geben, die eine andere ­Linie haben wollen. Wir hoffen aber, dass wir diese mit ins Boot holen ­können. Ich befürchte derzeit keine Spaltungen.

In Deutschland und international gibt es heiße Debatten in den luthe­rischen Kirchen zu Reizthemen wie Homosexualität oder Gender-Theorien. Welcher Beitrag ist von Ihrer Kirche hier künftig zu erwarten?

Guib: Wir haben uns noch nicht ausführlich mit diesen schwierigen Fragen beschäftigt. Wir wollen nun erst dieses Konzept erarbeiten, das offen sein soll für die Zukunft, sicher auch für neue Gedanken.

Aber das heißt nicht, dass wir unser Proprium, das evangelische Bekenntnis und was ­damit zusammenhängt, verleugnen wollen. Wir wollen schon eine klare Position beziehen. Ein wichtiger Punkt ist, dass wir stärker in der Öffentlichkeit präsent sein wollen mit Stellungnahmen.

Was wollen Sie gegen den großen Unterschied zwischen ganz armen und sehr reichen Gemeinden unternehmen?

Guib: Wir planen einen Solidaritätsbeitrag, der für alle Gemeinden je nach finanziellen Möglichkeiten geleistet werden soll. So sollen die ­großen Stadtgemeinden zum Beispiel bei Verkaufserlösen von Immobilien mehr abgeben an die armen Diasporagemeinden. Es soll bei Einkommen, das in der Gemeinde bleibt, für arme Gemeinden und Bezirke, die finanziell schwach dastehen, etwas abgeführt werden, auch damit künftig der Unterschied zwischen einem Dorfpfarrer und einem Landpfarrer nicht mehr so eklatant ist wie zurzeit.

Wie würden Sie die Frömmigkeit Ihrer Gemeindeglieder mit einem Satz charakterisieren?

Guib: Sie haben ein tiefes Gottvertrauen, das unerschütterlich ist in allem, was kommt, und ein sehr stark auf Gemeinschaft ausgerichtetes Denken. Dafür bin ich sehr dankbar, denn diese Gemeinschaft wirkt ja auch in die weltweite Kirche hinein.

Mut zum Frieden in Zeiten des Krieges

9. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Museum zum Gedenken an die fast 3.000 Opfer des 11. Septembers 2011 in New York. (Quelle: picture-alliance/dpa)

Museum zum Gedenken an die fast 3.000 Opfer des 11. Septembers 2011 in New York. (Quelle: picture-alliance/dpa)

Gedenken: Der 11. September 2001 und die Folgen auf die Weltpolitik und die Friedensethik
 
Die Terroranschläge in den USA vor zehn Jahren haben die Welt verändert. Doch es gilt, sich nicht nur mit den Folgen, sondern auch mit den Ursachen auseinanderzusetzen.

 
Von Friedrich Schorlemmer

Dieser 11. September 2001 ist zum Menetekel geworden. Aus »heiterem Himmel« kam es zu einer Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß, deren Bilder sogleich um die ganze Welt gingen. ­Alles, was in Horror-Filmen über Monster- und Marsmenschen erdacht wurde, geschah. Plötzlich war »Ausnahmezustand«. Die Spaßgesellschaft war am Ende.

Vorläufig.

Unvergesslich: Ein Eingeschlossener winkte in 380 Meter Höhe mit einem Tuch, bis der erste Turm in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus, generalstabsmäßig, wie bei einer Sprengung, und begrub alles unter sich: Menschen, Einrichtungen, den Stolz Amerikas.

Im World Trade Center hatte sich die Welt-Markt-Macht symbolisiert, wie die militärische Macht im Pentagon. Eine Weltmacht taumelte in Trauer, Wut, Kränkung.

Sie wollte der Welt bald beweisen, dass sie stark genug ist, die Schuldigen zu finden und auszulöschen. Die Täter waren mit äußerster Brutalität vorgegangen, gnadenlos mit ihren Opfern, gnadenlos mit sich selbst. Der Hass hatte eine ungeheuerliche kriminelle Energie freigesetzt.

»Warum hassen sie uns so?«, fragte die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag (1933 bis 2004) und wurde dafür selber gehasst. Die USA, die seit Ronald Reagan »das Fenster der Verwundbarkeit« schließen und sich gegen »Schurkenstaaten« aus dem Weltraum schützen wollten, waren nun durch Gotteskrieger mit den Mitteln des zivilen Weltverkehrs getroffen worden. Die Utopie der Unverletzbarkeit zerstiebte.

Was da ersonnen und durchgeführt wurde, das war das Böse, das von sich selbst glaubt, es richte sich gegen das Böse. Es hat Nährboden gefunden. Es hat Gründe, es hat Geld. Es hat Verführungskraft.

Die Ursachen rechtfertigen nicht solches Tun, aber dieses Tun ist auf seine Ursachen hin zu ­untersuchen. Was geschehen ist, war nicht mit einem Schlag, auch nicht mit vielen Schlägen aus der Welt zu schaffen, schon gar nicht aus der Luft.

George W. Bush reagierte mit archa­ischen Rachemustern. Er rief den New War aus und versprach, die Täter überall zu jagen, forderte Afghanistan auf, die alsbald ausgemachten Anführer »auszuspucken«.

Das amerikanische Volk wäre gut beraten gewesen, gemeinsam mit der Völkergemeinschaft alles dafür zu tun, dass mit der Stärke des Rechts konsequent gegen terroristische Banden, Organisationen, Staaten, Einzelpersonen oder Ideologien vorgegangen wird. Nichts wäre nötiger gewesen als die Mobilisierung der Solidarität der Völkergemeinschaft über alle kulturellen, religiösen und sozialen Schranken hinweg.

Niemand sollte einen mörderischen Kulturkampf vom Zaune brechen, sondern ihm jede Rechtfertigung entziehen! Nichts ist mehr sicher. Die moderne Welt und alle ihre Einrichtungen sind gefährdet. Die offene Gesellschaft ist gefährdet.

Sollte sie sich abschließen und auf die Freiheit verzichten und der Illusion garantierbarer Sicherheit alles opfern?

Sollten die Geheimdienste, die versagt hatten, alle Macht bekommen, alle Vollmachten über uns und alles permanent überwacht werden?

Wir sind aus der Unbefangenheit vertrieben.

Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Globalisierung auch bedeutet, dass alles mit allen und ­allem zusammenhängt und deshalb auch alles von allen abhängt.

Aber die Bomben, mit denen ganze Völker in Geiselhaft genommen wurden, weil ihre Führer Terroristen beherbergten, wurden selber zum Futter für neue Extremisten. Bombenfutter.

Die zivilisierte Menschheit bleibt gefordert, die Täter und ihre Hintermänner dingfest zu machen, sie zu verurteilen und zugleich alles zu vermeiden, was Hass schürt. Es gilt, sich mit seinen Ursachen, nicht nur mit seinen Folgen zu beschäftigen.

Er lässt sich nicht totbomben, denn Tod – zumal durch »Kollateralschäden« – wurde Anlass für neuen Hass und führte wieder zum (heimtückischen) Tod. Der nun zehn Jahre tobende Afghanistankrieg wird militärisch nicht zu gewinnen sein.

Es ist der größere Mut gefordert, der Mut zum Frieden in Zeiten des Krieges, der sich der Vergeltung enthält und einen gerechten Frieden anstrebt.

Auf einmal ist alles anders

19. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Argentinien: Seit Wochen leidet der Süden Argentiniens unter dem Ascheregen des Vulkans Puyehue.

Was wie Wintersportidylle aussieht, ist die von Vulkanasche überdeckte Landschaft in der Region San Martin de Los Andes. (Foto: GAW)

Was wie Wintersportidylle aussieht, ist die von Vulkanasche überdeckte Landschaft in der Region San Martin de Los Andes. (Foto: GAW)


Der Ausbruch eines isländischen Vulkans und seine ­Folgen für den Flugverkehr beschäftigte im vergangenen Jahr ganz Europa. In Südamerika spielt sich, kaum ­beachtet, Ähnliches ab.

Seit 1997 arbeitet Rainer Kalmbach im Süden Argentiniens als Pfarrer der Evangelischen Kirche am La Plata. Seine Diasporagemeinde reicht vom Rio Negro bis hinunter nach Feuerland und umfasst praktisch ganz Patagonien. Das Gebiet der Gemeinde ist größer als Mitteleuropa. Reiner Kalmbach: »Das bedeutet, dass ich ständig unterwegs bin – jeden Monat ungefähr 6000 Kilometer mit dem Auto.«

Der Hauptsitz der Gemeinde befindet sich in Allen, im Tal des Rio Negro, einem der größten Obstanbaugebiete der Welt. Ein weiteres Zentrum der Gemeinde ist San Martin de Los Andes.

Die 25000-Einwohner-Stadt liegt 540 Kilometer südöstlich von Allen in einem beliebten argentinischen Wintersportgebiet. Die Mitglieder der kleinen Missionsgemeinde in San Martin de los Andes treffen sich in Privaträumen, träumen aber von einem eigenen Gemeinderaum – als Treffpunkt und als sichtbares Zeichen des Gemeinde-Seins.

Vor Kurzem konnte die Gemeinde ein günstiges Grundstück kaufen, hat selbst gespart und auch das Gustav-Adolf-Werk (GAW) in Deutschland um Unterstützung gebeten.

Eigentlich sollte in diesen Tagen mit dem Bau des Gemeinderaumes begonnen werden. Doch auf einmal ist alles anders.

San Martin de Los Andes und die gesamte Region liegen seit Wochen unter einer etwa einen halben Meter dicken Ascheschicht begraben.

Seit Anfang Juni spuckt der chilenische Vulkan Puyehue Asche. Die Erde kommt nach dem schweren Beben in Chile im Februar 2010 nicht zur Ruhe. Von der mächtigen Aschewolke des Puyehue ist vor allem Argentinien betroffen, doch auch in Südafrika und Australien führte sie schon zu Ausfällen im Luftverkehr.

In San Martin de Los Andes und der gesamten betroffenen Region sind bereits mehr als eine Million Schafe verendet, weil das Gras mit Asche zugedeckt und das Wasser vergiftet ist.

Die Region lebt vom Tourismus, eigentlich sollte jetzt die Skisaison beginnen. Doch statt von Schnee ist alles mit Asche bedeckt. Feiner Aschenebel trübt die Luft und behindert die Sicht.

Reiner Kalmbach, der trotz der Asche regelmäßig in San Martin de Los Andes ist: »Die Situation ist schlimm. Die Vulkanologen prognostizieren, dass der Puyehue vor Ende August/Anfang September nicht zur Ruhe kommen wird.

5000 Arbeitsplätze sind allein in San Martin de Los Andes schon jetzt verloren gegangen.« So musste beispielsweise auch eine Familie, die zur Gemeinde gehört und von der Vermietung ihrer fünf Ferienbungalows lebt, ihren Betrieb schließen.

Die evangelische Gemeinde in San Martin de Los Andes hat indes einer Genossenschaft von Kleinbauern 5000 Euro gespendet für den Kauf dringend benötigter Futtermittel.

5000 Euro, das ist ungefähr die Hälfte des Geldes, das die Gemeinde für den Bau ihres Gemeinderaumes angespart hatte und dessen Grundsteinlegung wegen des Ascheregens nunmehr verschoben ist.

Wann der Bau beginnen kann ist ungewiss.

Irgendwann hört der Ascheregen auf, wird aufgeräumt und dann soll die Gemeinde ihren ­Gemeinderaum bauen können – um sich zu treffen, um auf Gottes Wort zu hören und um trotz des eigenen Mangels solidarisch zu sein mit anderen.

Enno Haaks

Enno Haaks ist Generalsekretär des in Leipzig ansässigen Gustav-Adolf-Werks (GAW). Als Diasporawerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland unterstützt es evangelische Minderheiten in 35 Ländern.

Große Chance für die Kirchen

8. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Im Gespräch mit dem CDU-Politiker Hermann Kues über den neuen Bundesfreiwilligendienst.

Seit vergangener Woche gibt es keine Wehrpflichtigen und keine Zivildienstleistenden mehr. Dafür den neuen ­Bundesfreiwilligendienst. Doch bei Diakonie und ­Caritas herrscht Bewerbermangel.

Benjamin Lassiwe sprach darüber mit dem Staatssekretär im Bundes­familienministerium, Hermann Kues.

Hermann Kues, Foto: Archiv

Hermann Kues, Foto: Archiv

Herr Staatssekretär, was erhofft sich die Bundesregierung vom Bundesfreiwilligendienst?
Kues:
Wir hoffen, dass wir viele Menschen jeglichen Alters für ein freiwil­liges, bürgerschaftliches Engagement gewinnen.

Was ist denn der Unterschied zum ­alten Zivildienst?
Kues:
Der Zivildienst war ein Ausweichdienst zum nicht geleisteten Wehrdienst. Deshalb war er ein Ersatzdienst, zu dem man verpflichtet war. Nun reden wir über einen freiwilligen Dienst, bei dem wir an die Freiwilligkeit der Menschen appellieren.

Warum sollten Menschen freiwillig einen solchen Dienst ableisten?
Kues:
Ich glaube, die Motive sind unterschiedlich: Junge Leute können im Bundesfreiwilligendienst Erfahrungen sammeln, die über das hinaus gehen, was sie in der Schule lernen. Sie können andere Lebensfelder kennenlernen, Erfahrungen mit Behinderten, Alten oder Kindern machen. Sie können sich orientieren, was Berufsfindung betrifft, etwa im Sozialbereich. Bei Älteren geht es darum, zum ­Beispiel die Zeit nach dem Ende der Erwerbstätigkeit sinnvoll zu nutzen. Das sind ja noch rund 25 Prozent der Lebenszeit, die ein Mensch dann hat, wenn der liebe Gott es so will. Oder es geht darum, Pausen im Berufsleben zu überbrücken.

Ist der Bundesfreiwilligendienst also ein Vehikel, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden?
Kues:
Nein, das glaube ich nicht. Aber jeder, der solch einen Dienst verrichtet, eignet sich Fähigkeiten an. Er qualifiziert sich – zum Beispiel im Umgang mit Menschen. Und ich denke, dass diese Erfahrungen aus dem Bundesfreiwilligendienst sicher auch eine Rolle spielen werden, wenn jemand später in seinem Leben eine neue Stelle sucht.

Nun gibt es schon eine ganze Reihe Freiwilligendienste, etwa das Freiwillige Soziale Jahr. Warum braucht es da etwas Neues?
Kues:
Die bisherigen Dienste sind bei den Bundesländern angesiedelt. Sie bekommen aus dem Bundeshaushalt Unterstützung für die pädagogische Begleitung ihrer Freiwilligen. Theoretisch hätte der Bund nun alle Freiwilligendienste übernehmen können. Das lehnen die Länder aber ab, weil sie eigene Initiativen entwickelt haben, wie das in Niedersachsen entstandene Freiwillige Ökologische Jahr. Theoretisch hätte man auch alles auf Landesebene organisieren können – dann hätten die Länder aber auch Geld dafür zur Verfügung stellen müssen, und das haben sie letztlich nicht gewollt.

In vielen kirchlichen Einrichtungen lässt der Andrang der Bewerber noch sehr zu wünschen übrig. Wie gehen Sie damit um?
Kues:
Ich denke, dass sich das bald ändern wird. Wir gehen davon aus, dass wir es auf Dauer schaffen, 35000 Freiwillige pro Jahr zu gewinnen. Der einzelne Freiwillige wird dabei länger tätig sein, als die letzten Zivis, die ja nur noch ein halbes Jahr aktiv waren. Außerdem können sich nun Männer und Frauen aller Altersgruppen bewerben. Und was die Einrichtungen betrifft: Wir hören auch, dass es Einrichtungen gibt, die mehr Bewerber haben, als bei ihnen Plätze zur Verfügung stehen. Da sind die Rückmeldungen durchaus unterschiedlich.

Müsste die Bundesregierung nicht verstärkt um Freiwillige werben?
Kues:
Wir machen ja Werbung. Die Kampagne läuft. Ich glaube aber auch, dass sich die potentiellen Träger engagieren müssen. Wer Freiwillige haben will, muss sich eben auch darum bemühen, welche zu finden. Dadurch, dass es den Bundesfreiwilligendienst künftig auch im Sportbereich und in der Kultur geben wird, wird es zu ­einem stärkeren Wettbewerb unter den Anstellungsträgern kommen als im Zivildienst. Deswegen wird es da durchaus Verschiebungen geben. Aber ich glaube auch, dass die Kirchen hier eine große Chance haben, zum Beispiel Jugendliche aus den jungen ­Gemeinden und den Jugendkreisen, die ja in der Regel hoch engagiert sind, zu einem freiwilligen Engagement über die eigene Jugendgruppe hinaus zu gewinnen. Beim Bundesfreiwil-
ligendienst gibt es dafür eine finanzielle Hilfestellung vom Staat. Und weil die Kirchen eine sehr gute Jugendarbeit leisten, zweifele ich nicht daran, dass ihre Plätze immer schnell gefüllt sein werden.

Was sagen Sie Werken und Einrichtungen, die früher sehr viele Zivis hatten und jetzt kaum Bewerber?
Kues:
Den Einrichtungen sage ich, dass sie sich im Prinzip seit Anfang des Jahres auf den neuen Dienst einstellen konnten. Und ich frage sie: Welche jungen Leute habt ihr angesprochen? Eure ehemaligen Praktikanten zum Beispiel? Habt ihr versucht, sie für den neuen Dienst zu gewinnen? Wer bislang nichts gemacht hat, hat natürlich den Anschluss verpasst, und muss sich dann eben jetzt ein bisschen mehr anstrengen. Aber ich bin sicher, dass der Freiwilligendienst eine Erfolgsgeschichte wird.

Eine biblische Verheißung bindet ihn

2. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Manfred Böttger aus Leipzig

 

Manfred Böttger, Foto: Armin Kühn

Manfred Böttger, Foto: Armin Kühn

Ich hatte eine schöne, aber belastete Kindheit.« Wegen eines angeborenen Hüftfehlers musste Manfred Böttger in seiner Kindheit oft Spott ertragen. Zudem gehört der Leipziger, Jahrgang 1935, zu einer Generation, deren Kindheit von den schrecklichen ­Er­lebnissen des Zweiten Weltkrieges überschattet ist. »Die Kriegsjahre überlebte ich unter ganz schwierigen Bedingungen«, erinnert sich Böttger. »Wir wurden zweimal ausgebombt, zweimal verschüttet und dann mehrfach evakuiert. Eigentlich hatte ich am Kriegsende, als Kind von zehn Jahren keinen Lebensmut mehr.«
Dass er den Weg zum Glauben gefunden hat, verdankt er seiner Mutter, für die die Beziehung zur Kirche zum Leben gehörte. Sie war es, die ihren Sohn immer wieder anschubste, sich in das neu entstehende Gemeindeleben zu integrieren.

An ein Datum erinnert sich der 76-Jährige noch heute deutlich: der 17. Juni 1953. Vor diesem denkwürdigen Tag gehörten in der Leipziger Paul-Gerhardt-Gemeinde etwa 40 ­Jugendliche zur Jungen Gemeinde. Beim ersten Treffen nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand waren es nur noch drei. Für Böttger ist die Andacht des Pfarrers an diesem Abend unvergesslich. Er sprach über Matthäus 18, Vers 20: »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.« Das Bibelwort machte Böttger Mut. »Da stand fest, ich würde immer zu diesem kleinen Kreis gehören.« Dieser Vorsatz veränderte sein bisher distanziertes, von Wankelmut geprägtes Verhältnis zur Kirche. »Für mich wurden die Jugendkreise der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Leipzig-Connewitz zur echten Heimat. Die Gemeinschaft der Jugendlichen in einer von Not gekennzeichneten Zeit wird mir immer unvergessen bleiben«, sagt er heute. Freundschaften, die damals entstanden, bestehen noch heute.

Auch seine politische Einstellung änderte Böttger nach der Niederschlagung des Widerstandes vom 17. Juni. »Es war ein böses Erwachen.« Als der Krieg 1945 zu Ende war, hatte er wie die meisten Deutschen auf eine bessere Zukunft gehofft. »Meine Hoffnung auf eine neue Zeit war groß! So trat ich ohne Bedenken mit Lehrbeginn der FDJ bei und engagierte mich. Warnungen schlug ich in den Wind.« Die politische Realität belehrte ihn ­eines Schlechteren.
Böttger absolvierte von 1949 bis 1952 eine Lehre als Tiefdruckätzer. Danach arbeitete er in den Graphischen Werkstätten in Leipzig, wo sich die Möglichkeit ergab, eine Sonder­reifeprüfung zu machen. Allerdings »scheiterte« er in der mündlichen Prüfung an der Frage, ob Martin Luther für die gesellschaftliche Entwicklung fortschreitend oder hemmend gewesen sei?

Böttger schätzte das Wirken des Reformators für die Gesellschaft positiv ein und fiel damit in Ungnade. »Es brach ein Unwetter über mich ­herein.« Ihm wurde von der Kader­leitung angedroht, dass er den Betrieb verlassen müsste. Er konnte zwar ­bleiben, doch das Abschlusszeugnis über die Sonderreifeprüfung bekam er nicht.

Auch als Meister durfte er, nachdem er 1962 die Meisterprüfung abgelegt hatte, nicht arbeiten. Da er nicht in der Partei war, sei er für die Ausbildung sozialistischer Persönlichkeiten nicht infrage gekommen. Er wurde entlassen und arbeitete fortan in einer Wertpapierdruckerei. »Ein Staat im Staate. Das waren schlimme Jahre.« Aber er habe sich hochgearbeitet und hatte schließlich eine Stelle als Abteilungsleiter inne, erzählt er. Nach der Wende war es nicht mehr die politische Einstellung, die ihm beruflich im Wege stand. Entlassen worden sei er von den Menschen, die aus dem Westen nach Ostdeutschland kamen. »Ich sage das ohne Bitterkeit.« Vielfältige Interessen und sein kirchliches Engagement hatten ihm in der DDR und in der Zeit danach geholfen, mit Benachteiligungen fertig zu werden. Ehrenamtlich arbeitete Böttger seit Anfang der 1970er Jahre im Leipziger Amt für Gemeindedienst.

Bis heute geht er verschiedenen ­Interessen nach und engagiert sich als Lektor, beim jährlichen Friedensgebet zum Welttierschutztag und im Verein »Freunde ehemaliger jüdischer KZ/Ghetto-Häftlinge im Baltikum«. Er blickt dankbar auf sein Leben. Trotz mancher Erschwernisse habe er gemeinsam mit seiner Frau Grete, mit der er seit 1961 verheiratet ist, in der DDR ein schönes Leben gehabt.

Sabine Kuschel

»Papa ante portas« – Hohe Erwartungen

17. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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In Erfurt bereitet man sich auf den Papstbesuch vor.


Vom 22. bis 25. September kommt Papst Benedikt XVI. nach Deutschland. Zwei Tage verbringt er in Erfurt. Auf dem Programm steht dabei auch eine Begegnung mit Vertretern der evangelischen Kirche.


Schuhe

Die Erwartungen sind hoch. Die protestantische Ministerpräsidentin und frühere thüringische Pfarrerin Christine Lieberknecht spricht gar von einer “historischen Chance” für Thüringen. Doch auch innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) herrscht Hochspannung. Immerhin hat Papst Benedikt XVI. das zunächst anvisierte Besuchsprogramm nach einem persönlichen Brief des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider über den Haufen geworfen.

Die Visite in Erfurt avancierte zum ökumenischen Schwerpunkt der Reise. Zentraler Punkt wird die Begegnung mit Vertretern der protestantischen Kirchen im historischen Augustinerkloster. Just in dem Kloster, in dem der spätere Reformator Martin Luther sein Gelübde ablegte und die Priesterweihe empfing.

“Exakt 11.30 Uhr wird die Limousine des Papstes im Kloster vorfahren und der Posaunenchor zur Begrüßung blasen”, berichtet Lothar Schmelz gegenüber Journalisten während einer Pressefahrt des katholischen Bonifatius-Werkes. “Anschließend werden der Papst und der Ratsvorsitzende allein eine Runde durch den Kreuzgang laufen”, weiß der Kurator des Augustiner-Klosters weiter zu berichten.

Im historischen Kapitelsaal treffen sich dann die beiden Delegationen, je 15 Personen stark, zu einem 30-minütigen Gespräch. Der Beginn des ökumenischen Treffens ist geradezu symbolträchtig: Fünf vor 12.

Und in welcher Sitzordnung wird man sich begegnen? “Im großen Stuhlkreis”, dies sei ausdrücklich vom Papst gewünscht, so Schmelz.

Wer wird teilnehmen? Und gibt es dafür von katholischer Seite wie schon einmal in der Vergangenheit Vorgaben? “Nein, überhaupt nicht”, sagt Oberkirchenrat Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD in Hannover.

Auf jeden Fall werde Bischöfin Ilse Junkermann von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) dabei sein und der Ratsvorsitzende. Die weiteren Teilnehmer werden noch vom Rat der EKD bestimmt.


Erinnerung: Frau Käßmann und die roten Schuhe

Der Theologe aus dem Kirchenamt gibt sich begeistert. Schon über den Vorbereitungen habe eine “besondere ökumenische Atmosphäre” gelegen. “Große Freude” herrsche darüber, dass der Papst, der als Professor Joseph Ratzinger in DDR-Zeiten schon des Öfteren in Erfurt war, sich ausgerechnet auf das Augustinerkloster eingelassen hat.

So viel Freude und frohe Erwartung weckt Erinnerungen. Gab es da nicht vor noch gar nicht langer Zeit eine Bischöfin und Ratsvorsitzende die öffentlich und unwidersprochen erklärte, sie erwarte in Sachen Ökumene “von diesem Papst gar nichts” mehr? Und darüber hinaus beneide sie den Mann aus Rom höchstens ob der schönen roten Schuhe seiner Amtskleidung?

Gundlach ziert sich. Die Käßmann-Worte seien nicht die Erwartungshaltung der EKD und es habe zudem auch damals durchaus Widerspruch gegeben.

Darüber hinaus verweist er auf die ebenfalls nicht freundlichen Töne im päpstlichen Lehrschreiben “Dominus Jesus”, die zu Verärgerungen geführt hätten. Diese Töne aus der Vergangenheit seien aber nicht die Intension für den jetzigen Besuch und das Gespräch. Dieses habe eine völlig neue Dimension, betont Gundlach.

Wie viel und was bei dem Treffen im September überhaupt zur Sprache kommt, bleibt abzuwarten. 30 Minuten stehen zur Verfügung. Mehr als Statements austauschen und vielleicht die eine oder andere Reaktion dazu äußern dürfte schwierig werden.

Allerdings weisen Kenner des Papstes darauf hin, dass er durchaus in solchen Runden reagiert und Impulse setzen kann und will. Dennoch – auch ein Abschlusskommuniqué wird es nicht geben.

Wichtiger ist wohl ist das Symbolische der Begegnung. Dazu gehört sicher auch, dass der Papst im Anschluss zusammen mit Schneider einen Wortgottesdienst in der Klosterkirche halten wird, bei dem die Präses der EKD-Synode, die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt einen Verkündigungsteil übernimmt. Und zu dem sich auch die Kanzlerin angemeldet hat.


Bistum Erfurt: “Ärmlich aber säuberlich”

Das sieht im Übrigen auch der eigentliche Gastgeber, Bischof Joachim Wanke vom Bistum Erfurt so. Und warnt vor überspannten Hoffnungen – sowohl in Fragen der Ökumene als auch innerhalb der katholischen Minderheitsbevölkerung Thüringens.

Was er konkret erwartet? “Dass Benedikt Christus verkündigt und seine Brüder und Schwestern stärkt”, dies sei der eigentliche Sinn des Petrusdienstes des Papstes. Und er freut sich, dass der Papst “auch einmal in die Kleinteiligkeit des deutschen Katholizismus schaut”. 156.000 Katholiken gehören zu seinem Bistum. “Bei uns geht’s ärmlich aber säuberlich zu”, so Wanke mit leichtem Augenzwinkern.

Was auch für das wahrhaftig nicht luxuriöse Nachtquartier des römischen Oberhirten im Erfurter Pristerseminar gilt: Ein schlichtes Gebäude mit dem Charme eines Hinterhauses. Kein Vergleich mit manchem Bischofspalast in den westlichen Bundesländer.

“In seinem Bischofshaus selbst könnte Wanke dem Papst doch wahrscheinlich kaum mehr als ein Klappbett anbieten”, ist von einem Insidern zu hören.

Das öffentliche Interesse am Papstbesuch ist freilich dennoch groß. Die Plätze für die Messfeier auf dem Domplatz sind schon lange ausgebucht. Interessenten können nur noch auf die Marienandacht in Etzelsbach im Eichsfeld verwiesen werden.

Personell wie finanziell steht das kleine Bistum bei dem Besuch vor großen Herausforderungen. Generalvikar Raimund Beck, Stellvertreter des Bischof in allen Veraltungsangelegenheiten, bringt es auf den Punkt: “Wir haben die Finanzkrise gut überstanden und hoffen nun, dass der Papstbesuch nicht den Zusammenbruch bringt.”

Der Grund seiner Hoffnung: Es gibt die Zusage der anderen Bistümer Deutschlands, die kleine Gemeinschaft der Katholiken in Thüringen nicht im Regen stehen zu lassen.

Harald Krille

Die Eckpunkte der Papstreise

Donnerstag, 22. September
10.30 Uhr Ankunft des Papstes in Berlin-Tegel,
11.15 Uhr Begrüßung durch den Bundespräsidenten,
16.45 Uhr Rede im Deutschen Bundestag,
18.30 Uhr Eucharistiefeier vor Schloss Charlottenburg

Freitag, 23. September
10.00 Uhr Abflug nach Erfurt,
11.15 Uhr Begrüßung des Papstes im Dom,
11.45 Uhr Gespräch mit Vertretern der EKD im Augustinerkloster, anschließend ökumenischer Wortgottesdienst in der Klosterkirche,
16.30 Uhr Hubschrauberflug zur Wallfahrtskapelle Etzelsbach im Eichsfeld,
17.45 Uhr Marianische Vesper in Etzelsbach, anschließend Rückflug nach Erfurt, Übernachtung im Priesterseminar

Sonnabend, 24. September
9.00 Uhr Eucharistiefeier auf dem Domplatz von Erfurt, ­anschließend Flug nach Lahr,
14.00 Uhr Besuch des Freiburger Münsters,
17.15 Uhr Begegnung mit der orthodoxen Kirche,
19.00 Uhr Gebetsvigil (Stundengebet) mit Jugendlichen in ­Freiburg,

Sonntag, 25. September
10.00 Uhr Eucharistiefeier,
13.00 Uhr Mittagessen mit den Mitgliedern der Deutschen ­Bischofskonferenz,
17.00 Uhr Rede im Konzerthaus von Freiburg,
19.15 Uhr Rückflug von Lahr nach Rom

www.papst-in-deutschland.de

Eine Gott gewidmete Oper

9. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Szene IV "Düfte - Zeichen": (von li.) Maike Raschke (Sopran), Michael Leibundgut (Bass), Csilla Csövári (Hoher Sopran), Alexander Mayr (Hoher Tenor) Foto: Klaus Lefebvre

Uraufführung: Karlheinz Stockhausens Opernzyklus der sieben Wochentage preist die Schönheit der Schöpfung


Es war eine Aufführung, ­welche die Dimensionen des bisher Vorstellbaren in jeder Hinsicht sprengte: die vollständige Präsentation von Karlheinz Stockhausens Oper »Sonntag« aus »Licht«.

Von Michael von Hintzenstern

Das Bühnenwerk erlebte am Ostersonntag von 12 bis 21 Uhr im Staatenhaus des Messegeländes in Köln-Deutz seine szenische Uraufführung. Ein Gesamtkunstwerk, das Gott gewidmet ist und mit allen Sinnen die Schönheit der Schöpfung preist. Seine reine Spieldauer beträgt sechs Stunden. Zwischen diesen lagen drei kurze und zwei anderthalbstündige Pausen, welche den Besuchern die Chance boten, bei strahlendem Sonnenschein an den Rheinauen wieder aufzutanken.

Karlheinz Stockhausen (1928 bis 2007), der als einer der wichtigsten Wegbereiter der Neuen Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt, war ein Mann der Superlative. Das gilt in besonderer Weise für seinen Opernzyklus der sieben Wochentage »Licht«, an dem er von 1977 bis 2003 gearbeitet hat und dessen Gesamtdauer 29 Stunden beträgt. Während »Donnerstag«, »Samstag« und »Montag« an der Mailänder Scala aus der Taufe gehoben wurden, erlebten »Dienstag« und »Freitag« an der Leipziger Oper ihre Premiere. Für die szenische Uraufführung des »Mittwoch« wird noch ein geeignetes Theater gesucht. In den Namen der Wochentage bündeln sich vielfältige mystisch-religiöse Traditionen des Abendlandes, die der Komponist in seinen Libretti aufgegriffen und neu gestaltet hat.

Das gigantische Werk basiert auf ­einer »Superformel«, deren musikalisches Material die drei Hauptprotagonisten verkörpern, die Stockhausen mit folgenden Worten beschreibt: »Michael, eine Christus- und gleichzeitig eine Engelsgestalt, die Mensch wird, um den Menschen zu Gott zu führen; Eva als Urmutter des Lebens (mit Anklängen an Maria); und Luzifer als der gefallene Engel des Lichtes.«

Der gesamte Zyklus läuft auf den »Sonntag« zu, in dem sich das Gotteslob in der mystischen Vereinigung von Michael und Eva vollzieht. »Für den Musiker heißt das: Vor Gott zu singen und zu spielen, ihn so zu loben und zu preisen, dass alles Menschenmögliche dabei zum Einsatz kommt«, schreibt im Programmheft der emeritierte evangelische Pfarrer Dr. Thomas Ullrich, in dessen Händen die Dramaturgie der Inszenierung lag. Davon zeugt die Besetzung der Partitur, die neben Vokal- und Instrumentalsolisten zwei Chöre und zwei Orchester ­sowie elektronische Klänge vorsieht. Zwei Bühnen sind erforderlich, die in der letzten Szene simultan bespielt werden. Halle A ist ein runder, weiß ausgestatteter Raum, in dem für das Publikum Liegestühle im Kreis ­auf­gestellt sind, wodurch es von allen ­Seiten bespielt werden kann und sich inmitten des Bühnengeschehens befindet. Halle B ist mit schwarzen ­Stoffen abgeteilt und bietet eine eher traditionelle Guckkastenbühne.

In »Lichter-Wasser« (Szene I) werden die zwölf Himmelskörper des Sonnensystems dargestellt, die sich
in räumlichen Bewegungen der Melodien spiegeln, die ein im Saal verteiltes Orchester spielt und zwei Solisten singen. In einer »Engels-Prozession« (Szene II) schreiten sieben Engelsgruppen durch den Raum und stimmen das Gotteslob in sieben Sprachen mit einer betörend schönen Vokalmusik an. Die Vielfalt der Schöpfung wird in Szene III (»Licht-Bilder«) in ihren unterschiedlichen Manifestationen vom Stein bis zum Geist besungen und in mitunter plakativen Projektionen dargestellt, welche die Zuschauer durch 3D-Brillen in kosmischer Weite erleben können. Szene IV (»Düfte-Zeichen«) verbindet den Rückblick auf die Tage des Zyklus jeweils mit ­einem Duft, der nach oben steigt. In »Hoch-Zeiten« (Szene V) wird die mystische Vereinigung von Michael und Eva simultan in zwei Sälen mit Chor und Orchester gefeiert, wobei an bestimmten Stellen die jeweils andere Darbietung eingeblendet wird. Damit das Publikum beide Versionen erleben kann, wechselt es die Säle. Die Chorfassung, die vom Tonband eingespielt wurde, erfährt dabei durch ­virtuos agierende Tänzer eine happeningartige Umsetzung, welche die Zuschauer mitten hinein in ein ausgelassenes Fest nimmt. Carlus Padrissa von der legendären katalanischen Performance-Gruppe »La Fura dels Baus« hat hier wie an vielen anderen Stellen alle Register eines spektakulären, effekt- und bilderreichen Theaters gezogen. Neben der mit höchster Präzision spielenden »musikFabrik« (Leitung: Peter Rundel), den beteiligten Chören (Leitung: James Wood) und den lupenrein intonierenden Solisten Anna Palimina (Sopran) und Hubert Mayer (Tenor) ist die musikalische Gesamtleitung durch Stockhausens langjährige Weggefährtin Kathinka Pasver zu loben, bei der alle Fäden zusammenliefen.

www.operkoeln.de

»Im Schreiben konnte ich mir die Welt selber gestalten«

10. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Regelmäßig zieht es Michael Pohlmann an seine einstige Arbeits- und Wirkstätte, die Dresdner Neustadt. Foto: Steffen Giersch

Regelmäßig zieht es Michael Pohlmann an seine einstige Arbeits- und Wirkstätte, die Dresdner Neustadt. Foto: Steffen Giersch

Welt-Parkinson-Tag: Ein Betroffener hat die Krankheit in Literatur verarbeitetet – solange es ging

Am 11. April ist Welt-Parkinson-Tag. Michael Pohlmann leidet an der Krankheit und erzählt von seinem Kampf gegen das Verstummen.

Eigentlich möchte Michael Pohlmann nicht über seine Krankheit sprechen, er hat schon zu oft darüber berichtet und er will nicht allein auf dieses Zittern, dieses Ungelenke, Unberechenbare, kurz auf Parkinson reduziert werden. Aber reden möchte er schon. Zum Beispiel über das, was er mittlerweile nicht mehr vermag zu tun, wovon ihn genau diese Krankheit abhält: vom Schreiben. Michael Pohlmann, 54 Jahre, durchstreift seine kleine Dresdner Wohnung, deren Wände von alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen dominiert werden: Fotos von der Familie seines Großonkels
in Leipzig, die ihn sehr geprägt hat, Bilder von seinem Sohn, einer Reise durch die USA. Dazwischen hängen alte Fahrkarten, ein Schwerter-zu-Pflugscharen-Band und Boxhandschuhe. Und über der Tür klebt dieses Plakat mit dem Kopf von Reiner Kunze, daneben ein Zitat des Schriftstellers: »Das Gedicht ist zur Ruhe ­gekommene Unruhe.« Für Michael Pohlmann bringt es eine ganze Menge auf den Punkt.

»›Maschinenmenschentappern‹, sage ich zu meinen ersten Schritten am Morgen. Meine Beine sind steif, als wären es schlecht geschmierte Prothesen. Stolpernd, die Hände verkrampft in Pfötchenhaltung, setze ich einen Fuß vor den anderen.«

»Am Anfang hab ich gedacht: Gedichte, das ist etwas für pubertierende Mädchen«, sagt Pohlmann. Inzwischen hat er selber Dutzende geschrieben und sie in zwei kleinen Bänden veröffentlicht. Daneben schrieb er viele Erzählungen, kurze Geschichten, meist aus seinem eigenen Leben und Erleben. Pohlmann wurde in Leipzig geboren, lernte zu DDR-Zeiten Krankenpfleger und stöberte dann in anderen Berufsständen herum: als Rangierer, Grabmacher, Bibliothekshelfer oder Fensterputzer. Bevor er kirchliche Sozialarbeit studierte, gründete er mit Gleichgesinnten die erste Wohngemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung der DDR in einem kleinen Dorf in Ostthüringen. Später leitete er die Dresdner Wohnungslosenhilfe und war bis zu seiner Berentung 2002 Kirchensozialarbeiter in Dresden-Mitte. Er hat viel zu erzählen, weil er viele Menschen kennengelernt hat.

Michael Pohlmann hat die Geschichten aufgeschrieben, seine Manuskripte ­einem kleinen Dresdner Verleger zu lesen gegeben und der hat sie gedruckt. Auf einem der Buchrücken steht: »Erste Schreibversuche 1996 im Krankenhaus.« In dem Jahr erfährt Pohlmann seine Diagnose Parkinson, er ist 40 Jahre alt.

»Mit einer ruckartigen Bewegung werfe ich mir die weißen Dinger in den Mund und komme mir dabei vor, wie ein wilhelminischer Unteroffizier, der einem Vorgesetzten zuprostet.«

In seinem ersten Band »Erzählungen über Hoffmann«, der 2004 erscheint, beschreibt Pohlmann in dem Text »Parkinson-Junkie«, wie bei langsam fortschreitenden Symptomen für ihn ein beliebiger Morgen beginnt. Auf den fünf bedruckten Seiten scheint die Zeit stehen zu bleiben. Mit Vergleichen, die beim Leser gleichzeitig ein Schmunzeln und Stöhnen erzeugen, versucht der Autor seinen Krankheitszustand zu beschreiben. »Ich habe früher gerne geschrieben«, sagt Pohlmann. Das leise monotone Sprechen ist eine Folge der Krankheit, die von Verlangsamung, Muskelverspannung und Zittern geprägt ist. »Im Schreiben konnte ich mir die Welt selber gestalten.« Pohlmann sagt »konnte« und meint: Heute ist dieses feinmotorische Handwerk für ihn nicht mehr möglich. »Ich habe dieses unbedingte Bedürfnis zu Schreiben, aber ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Ich sehe es für mich einfach nicht mehr.«

»Starre und Zittern kämpfen um meinen Körper, für die nächsten zwei Stunden hat die Überbeweglichkeit das Sagen. Ich fühle mich aufgezogen wie ein altes Spielzeug.«

Dabei hat Michael Pohlmann lange versucht, seine Literatur über seine Krankheit zu halten. Er entwickelte Lesungen mit musikalischem Programm. Irgendwann konnte er seine Gedichte und Erzählungen nicht mehr selber vortragen. Für einen Moment lehnt er sich gelassen in seinem Sessel zurück, zieht an seiner Zigarette, guckt hinaus zwischen die Häuser des noblen Dresdner Viertels Weißer Hirsch und sagt: »Es ist schön ruhig hier.« Zurückgezogen hat er sich in den letzten Jahren. Nur eines kann ihm die Krankheit so schnell nicht nehmen: Fast täglich setzt er sich auf sein Fahrrad, rollt hinunter in die Dresdner Neustadt, dort wo er einst als Sozialarbeiter fast selbst zum Inventar gehörte.

Maxie Thielemann

Bücher und Audio-CD von Michael Pohlmann, erschienen im Verlag Christoph Hille:
Erzählungen über Hoffmann, 164 S., ISBN 978-3-932858-71-0, 10,50 Euro
Erzählungen über Hoffmann, Audio-CD, ISBN 978-3-932858-72-7, 12,50 Euro
Schneetaubenschlag, 40 S., ISBN 978-3-932858-56-7, 5,00 Euro
Stachelhaut, 176 S., ISBN 978-3-932858-24-6, 12,50 Euro

Die auf dieser Seite empfohlenen ­Bücher sind zu beziehen über den Buchhandel oder den Bestellservice ­Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643) 246161

Die Kinder sind aus dem Haus

31. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Kinder sind ausgezogen – die Eltern fühlen sich als die Zurückgebliebenen. Foto: picture-alliance

Die Kinder sind ausgezogen – die Eltern fühlen sich als die Zurückgebliebenen. Foto: picture-alliance


Lebensplanung:  Wenn die erwachsenen Kinder ihre eigenen Wege gehen, beginnt für die Eltern ein neuer Abschnitt

»Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein – aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein ­Hänschen mehr!« Dieses ­bekannte Volkslied zeigt, wie schwer es vielen Müttern und Vätern fällt, ihre Kinder freizugeben.

Von Karin Vorländer

Warum eigentlich weint Hänschens Mutter? Der Auszug von Kindern ist bei Eltern häufig mit dem Gefühl von Trauer, Niedergeschlagenheit und Leere verbunden. Ein schaler Trost, dass die Spül- und Waschmaschine seltener angeschaltet werden muss, das »Kinderzimmer« stets aufgeräumt ist und weniger gekauft und gekocht werden muss als bisher. Das Nest ist leer – was nun?

Untersuchungen zeigen, dass die Trauerphase über den Abschied von den Kindern bei Frauen mit familienunabhängigen Aufgaben in Beruf und Ehrenamt kürzer ist als bei Frauen, die sich über Jahre ganz auf die Arbeit in der Familie konzentriert haben.

Spätestens wenn Kinder aus dem Haus gehen, müssten Eltern sich der Frage stellen: Wer bin ich, wer sind wir als Paar, ohne unser Kind oder unsere Kinder? Welche neuen Aufgaben locken? Wie gestalten wir unseren Alltag und unser Leben entspannt und gereift als Paar neu?

Gnädig Zwischenbilanz ziehen
Das Gefühl von Trauer und Wehmut beim Auszug von Kindern, kann auch darin eine Ursache haben, dass der unbekümmerte, leichte Ton, den die großen Kinder ins Haus brachten, plötzlich verstummt. Es ist still im Haus. Wer erklärt jetzt das neue Computerprogramm, weist auf tolle Filme, Videos, Bücher und Theaterstücke hin, die man als Eltern nie entdeckt hätte? Die Kinder im Haus holten auch die Gegenwart, die Trends, die Moderne ins Haus.

Spätestens wenn Kinder das Haus verlassen, wird das eigene Älterwerden schmerzlich bewusst. Wenn die Kinder das Haus verlassen, sind Eltern im Normalfall nicht mehr jung. Der Zenit des Lebens liegt hinter ihnen. »Wie lange bleiben wir wohl gesund? War das, was war, gut? War es das? War es das, was ich, was wir wollten?« – Lauter Fragen, die sich melden und beantwortet sein wollen.

Der Auszug von Kindern erfordert ein Doppeltes: Kritische Bilanz und gnädigen Umgang mit dem, was man als Mutter oder Vater versucht hat. »Hätten wir ihnen nicht mehr mit auf den Weg geben sollen? Haben wir ­alles richtig gemacht?« Mit solchen lauten oder leisen Fragen sehen sich Eltern konfrontiert.

Manchmal finden die Kinder auch mit dem Zeitpunkt des Auszugs Mut und Freiheit, an- und auszusprechen, was sie vermisst haben, was sie in ihrer Herkunftsfamilie kritisch sehen und was sie sich anders gewünscht hätten. Gut, wenn Eltern sich solcher Kritik gelassen und offen stellen können, ohne sich selbst oder das Gegenüber abzuwerten.
Denn jetzt ist auch der Zeitpunkt gekommen, sich selbst zu vergeben. »Wir haben unser Bestes versucht, aber nicht in allem wirklich das Beste geschafft.« Auch Erziehung und Beziehung zu den Kindern darf »komplettes Stückwerk« sein.

Erziehung ist ein langer Prozess des Loslassens. Er beginnt bereits mit der Geburt. Er geht weiter mit dem ­Ab­stillen, später mit dem Eintritt in den Kindergarten, die Einschulung, der erste Urlaub ohne die Eltern. Wer nur wehmütig seufzt, ach, wie war das doch schön, als die Kinder noch klein waren, versäumt es, die Freiheiten zu nutzen, die in diesem Prozess liegen.

Spätestens der Auszug eines Kindes markiert das Ende der Erziehung und den Beginn einer neuen Beziehung. Der Auszug aus dem elterlichen Haus bedeutet keineswegs das Ende von Familie, von Beziehung und Zusammenhalt. Sogar über den großen räumlichen Abstand hinweg, halten Eltern und Kinder heute intensiven Kontakt. SMS, Internettelefonie, E-Mails, Web-Alben und Social Networks erweisen sich als gern genutzte hilfreiche Medien, um – manchmal sogar über Kontinente hinweg – im Gespräch zu bleiben.

Aus Erziehung wird Beziehung

Jetzt sind im Gegenüber zu den Kindern nicht mehr Weisung, Regulierung und Leitung gefragt, sondern Zuhören, Anteilnahme, die Frage, ob ein Rat erwünscht ist. Eltern, die ihren großen Kindern partnerschaftlich begegnen, können auch beglückend ­erleben, wie die ihrerseits nach dem Ergehen, den Plänen, den Problemen ihrer Eltern fragen und oft erstaunlich klugen Rat geben.

Mit dem Flüggewerden der Kinder kommen neue Menschen ins Blickfeld: Der Freund oder die Freundin, jemand, mit dem sie sich vorstellen können, eine verbindliche Partnerschaft einzugehen. Je freier und selbstverständlicher Eltern ihre Kinder loslassen, desto offener können sie für »Schwiegerfreunde und -freundinnen«, für Schwiegertöchter und Schwiegersöhne sein. Wenn Eltern sich abgenabelt haben, wird die nagende, zerstörerische Eifersucht, die vielen gespannten Beziehungen zu Schwiegerkindern zugrunde liegt, kaum eine Chance haben.

Wenn die Kinder aus dem Haus gehen, kommt für Eltern die Nagelprobe, ob sie loslassen können. Was, wenn die Kinder Wege gehen, die sie für Irrwege oder zu gefährlich halten? Wege, die sie nicht billigen? Wenn die Kinder nicht die tiefsten Glaubensüberzeugungen ihrer Eltern teilen? Was, wenn sie nicht die hochgesteckten Erwartungen erfüllen? Enttäuschter elterlicher Ehrgeiz ist Gift für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern wie für das Selbstbewusstsein der Kinder.

Eltern können ihren Kindern, den kleinen und den großen, nichts Besseres auf ihren Lebensweg mitgeben als ihnen das Grundgefühl zu vermitteln: »Ich traue dir etwas zu. Ich glaube, dass etwas aus dir wird. Geh hin und probier es aus.«

Vielleicht wird etwas anderes aus ihnen als Eltern es erhofften. Aber in jedem Fall etwas echtes, etwas, was zu ihnen passt. Eltern, die das wissen oder sich zumindest um diese Einsicht bemühen, können ihre großen Kinder mit offenen Armen empfangen, wenn sie als Gäste zurückkommen.

»Die Hauptsache ist der Effekt«

8. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Karikatur: NEL

Karikatur: NEL


 

Wie ­medien- und öffentlichkeitswirksam soll die Kirche sein? Braucht sie Events?

 
Dazu ein mit spitzer Feder geschriebener Beitrag von Friedrich Schorlemmer.

Der Kirche fehlt’s an Zulauf. Jetzt meint mancher, wir müssten mehr pressetaugliche Tabubrüche wagen, statt immer das blasse »mehr Vertrauen« zu wagen. Es muss etwas sein, woran die Presse einfach nicht vorbei kann. Also brauchen wir Bilder und Menge. Events eben, die die Massen erreichen. Wie sang zu meinen Kindertagen im Wirtshaus im Spessart das Duo Müller/Neuss: »Die Hauptsache, Hauptsache ist der Effekt.«

Nur der Erfolg gilt. Ergo wird in ­Luthers Taufkirche in Eisleben aufwendig eine Ganz-Körper-Taufgrube ausgehoben. Da muss der Pfarrer/die Pfarrerin mit ins Nass, wie sonst? Aber in welchem liturgischen Outlook? Ein treffliches Thema für ökumenischen Austausch mit den Baptisten. Ich frag aber: Warum nicht lieber in den Whirlpool gehen, wo das gemeine, so entchristlichte Volk sowieso ist. Also, endlich von der Komm- zur Gehkirche gelangen! Doch: Äußerste Vorsicht ist geboten bei ungeübter Ganz-Körper-Taufe: dass daraus kein Waterboarding mit lebenslangem Tauchtrauma wird!

Das Eventstadel Wittenberg mach­te es 2010 vor: 800 Leute standen am 2. September um 17.00 Uhr hinter einer kleinen, putzigen Luther-Kunststoff-Figur. Sie wussten und sagten ­indes nicht, wofür sie standen, außer für ein Foto. Und für Masse eben. ­Jedem sein klein Lutherlein. Und der Superintendent versprach als Strafe für seine verlorene Wette Würstchen für einen guten Zweck auszugeben. Da wird die Kirche doch endlich einmal volkswürstlich.

Und 800 Leute, das gibt es sonst doch nur zu Heiligabend. Ließe sich nicht der Heilige Abend noch aufpeppen? Also: süßer die Flocken nie klingeln, während Zuckerwattenschnee von den Emporen geschüttet wird. So süüüße Weihnacht. Vielleicht auch noch ein Leuchtfeuer, eine 20 Meter hohe Kerze mit einem Durchmesser von einem Meter.

Wenn man für Ostern keinen von den so populären Osterhasen zur Verfügung hat, so würden’s doch auch kuschlige Kaninchen tun, die man zum Ostergottesdienst mitbringen darf. Das zentrale Himmelfahrtsevent würde fortan von Cap Canaveral aus ökumenisch angeboten. Mit Public Viewing bis in jedes Nest. Also die Auffahrt in den blauen Himmel bei Bier und Brause. Wetten, dass die Leute kämen? Zumal Blau-Sein bei Himmelfahrt schon lange populär ist.

In den Kirchtürmen allüberall sollte man Taubenschläge einrichten und in der Nacht vor Pfingsten diese Kirchentauben einfangen und in das Kirchenschiff entlassen. Mal sehen, auf wessen Kopf sie sich setzen, jene Symbole für den Heiligen Geist. Zum Festgottesdienst wird zudem ein echter Pfingstochse durch den Mittelgang geführt. Der Pfarrer folgt, die Gemeinde steht auf. Es bleibt unentscheidbar, vor wem sie aufstehen.

Erotik-Shows haben sich ja bereits bewährt. Da kommen die Leute aller Generationen! Denn wir sind doch nicht mehr prüde. Und hatte es David nicht mit den Weibern gehabt? Und wie war es mit Jesus und dem Lieblingsjünger, ja mit der treuen Maria-Magdalena und ihren schönen langen Haaren? Der sexuell verklemmte Paulus hat uns wirkungsgeschichtlich den Weg in die griechische Liebesgöttinnen-Welt versperrt – samt allem Dionysischen. Also weg damit! Wir sind doch auch sexy als Kirche. Nicht nur Berlin.

Der Reformationstag fände künftig als Nacht-Licht-Show mit überall gruseliger Faszination statt, wenn die erleuchteten Kürbisköpfe aus den Grüften steigen und singen: »Alles vorbei, Tom Dooley, morgen da bist du tot. Trinke noch einen Whisky …« Das Schimpfen gegen Halloween bringt doch nichts. Wir müssen das assimilieren. (Die ganze Kirchengeschichte ist voll von Assimilationen des Heidnischen und der Volksbräuche!)

Eine Kunstaktion auf der Wartburg brächte sicheren Zulauf: Tintenfass-Wettwerfen auf den Teufel vor weißer Leinwand und Versteigerung der entstandenen Kunstprodukte für einen guten Zweck (diesmal ohne Würstchen). Und wer genauer wissen will, wie es in Luthers Bauch ausgesehen hat, der esse eine Woche lang lediglich (nicht ganz gare) Hülsenfrüchte und verstehe sodann besser, wieso Luther auf die Idee kommen konnte, dem Teufel, diesem Tausendkünstler-Tausendsassa, jenem Diabolus, dem geschickten Durcheinanderbringer des Glaubens, notfalls auch mit einem Furz abzuweisen. Das waren Zeiten, als diese noch so richtig rochen …

Also, an jedem Sonntag ließe sich ein (durchaus wiederholbarer, also traditionsbildender) massenanlockender Gag finden. Bevor sich das alles durchgesetzt hat: ab nach Eisleben zur Ganz-Körper-(Wieder)-Taufe. Zum Taufevent.
Nun aber mal ganz im Ernst: Das alles ist die Not-Taufe einer Kirche, die ihrer Sache nicht mehr traut. Wo die Kirche sich populistisch den Events unterwirft, kommt sie theologisch auf den Hund. Wo sie freilich weiterhin nur theologische Richtigkeiten verbreitet, aber das Emotionale, das Anschauliche, das Sinnliche, das Spielerische, das Symbolische versäumt, da erkaltet sie und erreicht den Menschen nicht – weder äußerlich, noch im Innersten. Sie wird lehrreich, aber leer. Doch das Medium muss der ­Sache dienen und ihr angemessen bleiben. Alles andere ist Verrat an der Sache, der durch den Erfolg nicht ­gerechtfertigt werden kann. Das Verfremdete, das Gestaltete, auch Aufrüttelnde hat seinen Platz in der Kirche, die vom kreativen Überschuss, von überzeugten und begeisterten Menschen lebt, die gerne ­anderen das Evangelium auf vielerlei Weise nahebringen wollen. Und wenn Gott keinen Humor hätte, würde selbst ER ­unglücklich.

Eine Kirche, die populistisch & eventig wird, treibt mit dem guten ­Geschmack auch das aus, »was uns unbedingt angeht«. Martin Luther war bekanntlich die Taufe unendlich wichtig. Immer wenn er in tiefe Selbstzweifel kam sagte er sich: »Ich bin getauft.« Ich bin in Christus eingetaucht, von ihm bestimmt und erlöst. Aber nun Luthers Taufkirche so hervorzuheben, dass man Taufe zu einem Eislebener Luthertaufkirchenevent macht, widerspräche ganz und gar seinen Anliegen, nicht zuletzt unserer seit Jahrzehnten mit guten Gründen geübten Praxis, die Taufe innerhalb des Gottesdienstes in der Ortsgemeinde zu vollziehen. In der Ortsgemeinde!

Heilig, heilig, heilig ist Gott

7. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Annalena Kühne aus Erfurt

 

Für Annalena Kühne waren die ­Begegnungen mit Christen wichtig. Sie haben ihr Interesse am Glauben geweckt.  Foto: Sabine Kuschel

Für Annalena Kühne waren die ­Begegnungen mit Christen wichtig. Sie haben ihr Interesse am Glauben geweckt. Foto: Sabine Kuschel

Annalena Kühne (21) wuchs in ­Coburg mit sechs Geschwistern auf. Sie wurde als Kind getauft, nahm am Religionsunterricht teil und ließ sich konfirmieren. Doch mit ihrem Leben habe das ­alles wenig zu tun gehabt, sagt sie rückblickend. Sie sei zwar in die Kirche gegangen, doch diese Kontakte bezeichnet sie als oberflächlich, ohne Bedeutung für ihren Alltag. In den Glauben hineingewachsen sei sie erst später, einige Zeit nach ihrer Konfirmation. Für sie waren es die Begegnungen mit Menschen, die ihr Interesse am Glauben und christlichen Leben geweckt haben. »Ich habe Menschen kennengelernt, die lebendig glauben.« Und die sie geprägt haben.

Vor allem ist ihr der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) zu einer Heimat geworden. Bereits in Bayern erlebte sie eine spannende Konfirmandenarbeit, sodass der Jugendverband Teil ihres Lebens geworden ist. Als Annalena Kühne im August 2009 nach Erfurt kam, um hier ihr Fachabitur zu machen, suchte sie den »check point jesus« auf, ein Projekt des CVJM Thüringen. Hier treffen sich regelmäßig 30 bis 50 Leute im Alter von Null bis 60 Jahren, Kinder und Jugendliche, Studenten und Familien.

Am Sonntagabend wird 18 Uhr zu einem Gottesdienst für Ausgeschlafene eingeladen. In der Woche besucht Annalena Kühne einen Hauskreis, der viel Gelegenheit für persönliche Gespräche und Begegnungen bietet. Einmal wird ein Thema ausführlich behandelt, in der nächsten Woche fällt die thematische Arbeit kürzer aus, damit Zeit zum Kochen bleibt. »Es ist familiär und das Reden über geistliche Fragen ist möglich.« Jeder und jede weiß viel vom Anderen.

»Ich war immer willkommen«, sagt die junge Frau über die Veranstaltungen des Jugendverbandes. In der Gemeinschaft mit anderen habe sie ihre Fähigkeiten und Gaben entdecken und weiterentwickeln können. Nach ihrem Abitur in diesem Jahr will sie für 18 Monate nach Kolumbien gehen und sich dort in der Kinder- und Jugendarbeit engagieren.

Was hat sich verändert, seitdem Annalena Kühne ihren christlichen Glauben vom Sonntagsgottesdienst mit in den Alltag nimmt? Wie wirkt sich ihre Geisteshaltung auf ihr Leben aus?

»Ich gehe mit mir selbst menschlich um, nicht zu hart. Ich fühle mich wertgeschätzt.« Das hat Auswirkungen auf die Beziehungen zu ihren Mitmenschen. »Ich frage mich oft: War es gut, wie ich gehandelt habe? Habe ich jemanden verletzt?« Doch sie weiß auch: »Wenn ich ein Problem habe, muss ich mir keine Platte machen, sondern ich kann dann beten.«

Ihr Glaube habe auch ihr Verhältnis zur Umwelt verändert. »Ich nehme sie anders wahr, bewusster, genieße es, draußen in der Natur zu sein.« Im Haushalt bevorzugt sie Bio und fair gehandelte Produkte.

Sie sagt, sie lebt in der Gewissheit, dass der Mensch ein begnadetes ­Geschöpf ist. »Ich weiß, dass nichts umsonst ist, was ich tue.« Sie hofft auf die Ewigkeit, darauf, dass das Leben nach dem Tod weitergeht. Sie sagt: »Ich möchte dann vor den Schöpfer treten und singen: Heilig, heilig, heilig ist Gott.«

Sabine Kuschel

Taufzentrum oder Eventkirche?

6. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Taufbecken Eisleber Petrikirche

In dem Kreis, in dem Pfarrerin Simone Carstens-Kant steht, soll das Taufbecken seinen Platz finden. Foto: Jürgen Lukaschek


 

Um das geplante »Zentrum Taufe« in der Eislebener Petrikirche gibt es Streit

 
Genau hier«, sagt Pfarrerin Simone Carstens-Kant und deutet auf den Fußboden, »soll das Taufbecken seinen Platz finden.« Dort, wo jetzt noch die rotbraunen Fliesen aus der letzten Sanierung in den 1980er Jahren liegen, soll nach dem Willen der Verantwortlichen eine besonders gestaltete Betonplatte gegossen werden, in die ein 1,35 Meter tiefes Becken eingelassen ist. Was auf den ­ersten Blick für eine evangelische Kirche ungewöhnlich erscheint, erschließt sich anhand des Modells, das in unmittelbarer Nähe steht. Das geplante »Zentrum Taufe« solle sich für alle Praktiken der Taufe wie Übergießen, Eintauchen und Untertauchen eignen, erklärt die Pfarrerin, die im Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda eine Projektstelle für die Reformationsdekade innehat.

Die Auswahl des Ortes für das bundesweit einmalige Vorhaben kommt nicht von ungefähr. Eisleben ist Geburts- und Sterbeort von Martin Luther. Hier wurde er am 11. November 1483, einen Tag nach seiner Geburt, in der Petri-Pauli-Kirche getauft. »Erst vor zwei Jahren haben wir an das 525. Jubiläum der Taufe des Reformators erinnert«, erzählt Dorothee Prohl vom Gemeindekirchenrat. Auch sein Taufstein solle natürlich mit in das Zentrum integriert werden.

Ohnehin gibt es die Pläne für die zusätzliche Nutzung der Kirche schon länger. Da die relativ kleine Gemeinde mit rund 1000 Seelen über drei gotische Kirchengebäude verfügt, musste eine Konzeption her, erinnert sich die Kirchenälteste. Als Predigtkirche ist die Andreaskirche am Markt gesetzt. Die Nikolaikirche wurde baupolizeilich gesperrt. »Auch deshalb gab es Überlegungen, sich bei der Petrikirche ganz auf das Thema Taufe zu konzentrieren«, erzählt Dorothee Prohl.

Fünf Architekturbüros beteiligten sich schließlich an einem begrenzten Wettbewerb im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Sachsen-Anhalt. Im August gab eine Jury aus Fachleuten eine Empfehlung ab. Mit der Umsetzung der Pläne wurde das Berliner Büro »AFF Architekten« beauftragt.

Am 10. Januar fällt nun der Startschuss für die vorausgehende Innensanierung der spätgotischen Hallenkirche. Gefördert wird das 1,8 Millionen Euro teure Projekt unter anderem durch Mittel aus dem Konjunkturpaket II und aus dem Investitionsprogramm Nationale UNESCO-Welterbestätten. Bis zum Februar 2012 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Nach den Plänen des Architekten wird die Taufkirche Luthers – ganz im Sinne der wechselseitigen Anerkennung der Taufe aus dem Jahr 2007 – dann zum ökumenischen Taufzentrum, das nicht nur evangelischen Besuchern, sondern allen Christen sowie Pilgern und Touristen offen steht. Künftig könnten etwa Besucher zu besonderen Tauferinnerungsfeiern nach Eisleben kommen, hofft Gemeindepfarrerin Iris Hellmich.

Auch Taufen von Auswärtigen sollen möglich sein. Zudem gebe es bei Erwachsenentaufen in der evangelischen Kirche verstärkt das Bestreben, die Taufe wirklich zu erfahren, hat sie beobachtet und verweist auf die beliebten Fluss- oder Seetaufen. Durch das Taufbecken in der Petrikirche könne künftig auch den Bedürfnissen entsprochen werden, die Taufe durch Untertauchen vorzunehmen.

Doch diese Pläne stoßen nicht nur auf Gegenliebe. In der Gemeinde regt sich seit geraumer Zeit Widerstand. Aufgebrachte Gemeindeglieder sammeln Unterschriften, um das Vorhaben zu ­verhindern. Vor allem das in den Boden eingelassene Taufbecken stößt auf massive Kritik. Dies sei ein »unverantwortlicher, schädigender Eingriff« in die Bausubstanz eines denkmalgeschützten Kirchengebäudes, empört sich Fritz Bohn.

Er werde bis zum Schluss gegen die ­Umsetzung des Projektes kämpfen, sagt er als engagiertes Gemeindeglied. Notwendig seien stattdessen eine Dachsanierung und der Erhalt der Kirche in ­ihrer bisherigen Form. Andere Kritiker warnen aus theologischen Gründen vor einem »schädlichen Tauftourismus« oder befürchten die Umwandlung der altehrwürdigen Petrikirche in eine »Eventkirche«.

Solche Bedenken sind aus Sicht der Verantwortlichen ­jedoch unbegründet. So sei ­keineswegs vorgesehen, dass die Taufkirche Luthers künftig alleinige Taufkirche im Protestantismus werde, beruhigt Simone Carstens-Kant. Vielmehr sollten hier neue Formen der Tauferinnerung ausgelotet werden. Es gehe auch nicht um Effekthascherei, ergänzt Dorothee Prohl. Der Gemeindekirchenrat habe sich jedenfalls einstimmig für das Projekt ausgesprochen.

Die zuständige Pfarrerin geht sogar ­einen Schritt weiter. Natürlich gehöre die Taufe in die jeweilige Gemeinde, findet Iris Hellmich. Das Taufzentrum wolle und werde die evangelische Kirchenordnung hier nicht aushebeln. »Aber«, fügt sie im Blick auf die Kritiker hinzu, »wir müssen uns in der Kirche schon fragen, ob wir nicht manchmal zu sehr eine geschlossene Gesellschaft sind.«

Martin Hanusch

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