Tschechien: Vom drohenden Ende der Dorfwirtshäuser

22. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Tschechen gelten als das atheistischste Volk Europas. Bei der letzten Volkszählung 2011 erklärten sich etwas mehr als zwei Millionen Menschen für gläubig, das sind gut 20 Prozent der Bevölkerung. Dagegen erklärten 30 Prozent, dass sie weder an Gott noch an eine andere höhere Kraft glauben. Vor allem auf den Dörfern bleiben Kirchen den größten Teil des Jahres geschlossen. Das hat auch Auswirkungen auf die Dorfgemeinschaft. Längst vorbei sind die Zeiten, als sich die Gläubigen nach dem Gottesdienst noch zum Frühschoppen im Wirtshaus trafen.

Auch für nur ein Bier wird ein elektronischer Kassenbeleg fällig. Foto: Petr Špánek

Auch für nur ein Bier wird ein elektronischer Kassenbeleg fällig. Foto: Petr Špánek

Das liegt aber inzwischen nicht mehr nur an der Kirche. Ein staatliches Gesetz geht den Dorfkneipen an den Kragen. Jeder Gast, der auch nur ein Bier getrunken hat, muss seit Dezember einen gedruckten Kassenbeleg bekommen. Und nicht nur das. Der Wirt muss eine elektronische Kasse mit Onlineverbindung haben. Denn alle Umsätze werden in Echtzeit ins Finanzministerium gemeldet, das im Gegenzug bestätigt, dass der Wirt ordnungsgemäß Umsatzsteuer entrichtet. Ausgedacht hat sich das der Finanzminister, weil ihm jedes Jahr Milliarden durch Steuerbetrug entgehen. Der Minister ist zugleich einer der reichsten Tschechen und war vorher einer der erfolgreichsten Unternehmer, der den Eindruck hatte, dass er zwar ehrlich Steuern zahlt, der Staat mit seinem Geld aber ineffizient umgeht. Deshalb ging er in die Politik mit dem Versprechen, den Staat wie eine Firma zu führen. Doch die Kehrseite bekommen die »kleinen Gastwirte« zu spüren. Sie sollen nun ausbaden, was wahrscheinlich am wenigsten sie selbst verbrochen haben. Schon haben die ersten aufgegeben.

Die Anschaffung einer elektronischen Kasse samt Drucker und leistungsfähiger Internetverbindung war ihnen zu aufwändig. Oder sie wollten sich damit auf ihre alten Tage nicht mehr befassen. Sieht man sich manche Kneipe an, erscheint so viel moderne Technik in der Tat anachronistisch.

Eine Dorfkneipe brauchte bisher nicht viel, um zu funktionieren. Hier wird nicht teuer getafelt. Die Umsätze halten sich im Rahmen.

Manche Wirtsleute betreiben Dorfgasthäuser sogar im Nebenberuf oder als Zuverdienst zur Rente. Wie die aktuelle Neuerung am Stammtisch ankommt, kann sich jeder ausrechnen. Doch der hat weniger Einfluss, als ihm gemeinhin zugesprochen wird.

Der Dorfkneipe fehlt die Lobby. Die Stadt bestimmt auch in Tschechien das Geschehen. Dazu kommt, dass besagter Finanzminister sehr populär ist – ein Macher und Aufräumer, so dass viele ihm seine Online-Erfassung durchgehen lassen. In den meisten Gaststätten funktioniert das System reibungslos. Die Gäste merken nichts davon. Es kann höchstens passieren, dass sie zum Zahlen an den Tresen gebeten werden. Tschechien wird moderner und opfert dafür seine letzte Dorfinstanz.

Steffen Neumann

Ins Leben zurückgefunden

22. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Jedes Jahr am 22. März wird an die Situation von Menschen erinnert, die durch Kriminalität und Gewalt geschädigt wurden. Viele sind angewiesen auf Schutz, praktische Hilfe und Solidarität.

Die schlanke, durchtrainierte Frau ist mit ihrem Fahrrad unterwegs. Vor der Kirche wartet sie auf den Beginn des Gottesdienstes. Sie hat eine Vorliebe für sportliche Kleidung in dezenten Farben. Im Sonnenschein des Sonntagmorgens macht sie den Eindruck, als habe sie ihr Leben im Griff. Doch das täuscht. »Hier auf dem Kirchplatz erscheint mir alles sehr hell und sehr licht«, sagt sie, während sie ihr Fahrrad abschließt. »Ich merke, dass mir der Gedanke an den Gottesdienst Freude macht und dass ich einmal nicht diesen Geist neben mir herlaufen habe, dieses Unsichtbare, das droht, mich zu ertränken.«

Die Frau mit kurz geschnittenen Haaren ist Mitte vierzig. Sie lässt ihren Blick über den Platz schweifen, immer aufmerksam, was um sie herum geschieht. »Mein Name ist Kerstin. Ich tue mich sehr schwer damit, meinen Nachnamen zu sagen. Im Rahmen einer Traumatherapie lerne ich langsam, mich mit meiner Geschichte zu identifizieren. Nach und nach erkenne ich, dass es nie zu spät ist, neu zu beginnen, und dass es viele Menschen gibt, die helfen.«

Vor dem Kirchenportal wird Kerstin per Handschlag vom Pastor der Stiftsgemeinde Schildesche in Bielefeld begrüßt. Hermann Rottmann ist Opferschutzbeauftragter des Kirchenkreises Bielefeld.

Gut gelaunt setzt sich Kerstin auf eine der hölzernen Bänke und schaut sich in der neugotischen Saalkirche um. Tags zuvor war ihre Stimmung noch trüb: »Es passiert manchmal, dass ich eine Phase habe, in der die Wogen des Misstrauens über mir zusammenschlagen. Dann sehe ich alles nur noch schwarz und fühle mich einsam.«

Vier Monate sind vergangen, seit Kerstin alle Kontakte zu ihrem früheren Leben abgebrochen hat. Sie bemüht sich, die schmerzlichen Erinnerungen an ihre Beziehung mit einem gewalttätigen Mann zu überwinden: »Er hat mir alles genommen. Ich hatte tatsächlich niemanden mehr, der zu mir stand. Aber das braucht man. Man braucht Menschen, die dastehen und schützen, bedingungslos schützen.«

Vom Altar aus begrüßt der Pastor seine Gemeinde. Kerstins Augen strahlen. Sie murmelt: »Ich hatte schon gedacht, dass ich den Zugang zum Glauben verloren habe. Aber das scheint nicht der Fall zu sein.«

Nachdem ein Verbrechen aufgeklärt wurde, fokussiert die öffentliche Aufmerksamkeit meist die Täter. Über sie berichten die Medien, um sie dreht sich das Gerichtsverfahren. In der Kirche bekommen sie die Möglichkeit, wieder mit Gott ins Reine zu kommen. Und die Opfer? Opferschutzbeauftragter Rottmann ist der Meinung, Kirche und Gesellschaft müssten mehr leisten: »Die Opfer sind über lange Zeit zu kurz gekommen. Wir müssen sie mehr in den Mittelpunkt unserer Hilfsangebote rücken. Die Täter sicherlich auch, das will ich gar nicht in Abrede stellen, aber wir haben einen Nachholbedarf, was die Opfer angeht.«

Kerstin schaudert, wenn sie sich an die erlebte Gewalt erinnert. »Er hat mich extrem geschlagen. Mein Hals hat geknackt. Ich weinte immer und habe ihn gefragt, warum er das macht. Er sagte nur: ›Im Bett ist das erlaubt.‹«

Kerstin hat Hilfe gesucht und sie gefunden. So ist es ihr gelungen, sich aus der Beziehung zu lösen: »Ich hatte das ungeheure Glück, dass ich einige ganz wichtige Personen gefunden habe, die sich wie ein Kreis um mich geschlossen haben. Dazu gehört auch die Polizei und das Gericht. Die haben mir geglaubt. Ohne diese Unterstützung hätte ich keine Chance gehabt aus diesem Morast, aus dieser totalen Kontrolle herauszukommen.«

Pastor Rottmann ist ein kräftiger, großer Mann, der viel lacht und im Urlaub gern in den Süden fährt. Seine Haut ist braungebrannt. In der Gemeinde ist er beliebt und gilt als Frohnatur. Es gelingt ihm, seine fröhliche Haltung auch dann zu bewahren, wenn er sich dem Grauen des Lebens zuwendet. Er hat Erfahrung im Umgang mit Verbrechensopfern, als Telefonseelsorger, als Seminarleiter und in vielen persönlichen Gesprächen. »Das erste ist, den Menschen Sicherheit zu geben«, sagt er. »Manchmal ist es auch gut, mit ihnen zu beten. Es geht ums Zuhören, die ganzen Klagen, die Verzweiflung. Das braucht Zeit.«

Wenn ein Mensch akut therapeutische Hilfe braucht, kann Pastor Rottmann auch schnell einen Termin mit einer Fachärtzin für Psychiatrie und Psychotherapie besorgen.
Kerstins Leben war geprägt von Gewalt. Der Leidensweg begann schon in der frühesten Kindheit: »Ich bin die Erstgeborene. Eigentlich wollte mein Vater unbedingt einen Jungen. Deshalb hat er weggeschaut, als ich schwer missbraucht wurde, über einen sehr langen Zeitraum, von einem Verwandten. Dieser Cousin war für meinen Vater wie ein Sohn. Man fühlt sich so lebensunwürdig. Als wenn man keine Daseinsberechtigung hat.«

Über diese ganzen Zusammenhänge kann sie erst jetzt in der Traumatherapie sprechen. Es wird noch lange Zeit dauern, bevor ihre psychischen Wunden verheilt sind. Sie hat gerade erst begonnen, sich in einem eigenständigen Alltag ohne Bedrohung zurechtzufinden. Aber sie erlebt immer öfter Momente, in denen sie hoffnungsfroh in die Zukunft blickt: »Das ist wie eine Wiedergeburt. Als würde ich nochmal auf die Welt kommen und nochmal ganz neu anfangen. Das Gefühl, Opfer zu sein, ist auch ein Ausdruck einer Krise des Glaubens: des Glaubens an die eigenen Fähigkeiten und des Glaubens an Gott. Erst seit Kerstin wieder lernt, selbst über ihr Leben zu bestimmen, fasst sie neues Vertrauen: Vertrauen in andere Menschen und Vertrauen in Gott. »Ich habe erlebt, dass mir geholfen wird, und ich weiß jetzt, dass es für mich nie zu spät ist, mein Glück zu suchen.«


Andreas Boueke

Berauscht von der Bibel

21. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Reformationsjubiläum gibt es auf dem Büchermarkt eine Flut von Neuerscheinungen. Noch druckfrisch ist der Luther-Roman »Evangelio« von Feridun Zaimoglu. Wer eintauchen will in die Welt vor 500 Jahren, sollte ihn lesen.

Eine schnelle Nummer war das nicht«, sagt Feridun Zaimoglu (53), Autor und Maler aus Kiel. Seit 22 Jahren schreibt er Bücher und Zeitungsartikel, ist mit vielen Preisen bedacht worden. Der Luther-Roman hat nicht nur ein Jahr intensiver Recherche gekostet, er hat eine Vorgeschichte, die in die Kindheit reicht. Mit 10 Jahren hat der aus Anatolien stammende Schriftsteller Luthers »Biblia Teutsch« gelesen entgegen dem wohlmeinenden Rat der Bibliothekarin. Verstanden habe er erwartungsgemäß nichts, gibt er bei einem Interview im Weimarer Nationaltheater zu, aber er sei von den Worten berauscht gewesen. Seitdem habe er die Bibel ohne zu übertreiben mehr als drei Dutzend Mal gelesen. Wer von uns Christen kann das von sich behaupten?

Ein Andersgläubiger schreibt einen Luther-Roman? »Mit meinen türkischen Wurzeln hat das absolut nichts zu tun.« Zaimoglu sieht sich als gläubigen Muslim, allerdings möchte er »verschont bleiben vom Wahnsinn religiöser Exzentriker aller Abteilungen«. Luther ist für ihn ein großer Mann, er liebt dessen deftige Sprache, die bei Thomas Mann beispielsweise das Gegenteil bewirkt hat: »Das spezifisch Lutherische, Cholerisch-Grobianische, das Schimpfen, Speien und Wüten, das furchtbarlich Robuste erregt meine instinktive Abneigung. Ich hätte nicht Luthers Tischgast sein mögen.« Feridun Zaimoglu seinerseits wäre es liebend gern gewesen. Er ist so tief eingetaucht in die Sprache Luthers und seiner Zeit, dass er sie am Ende unbewusst auch im Gespräch mit kopfschüttelnden Freunden gebrauchte.

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Der Roman beschränkt sich auf eine kurze, aber besonders wichtige Zeit in Luthers Leben. Vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 lebt der vogelfreie Reformator als Junker Jörg auf der Wartburg in Eisenach. Der Burgvogt Hans von Berlepsch hat ihn im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen in Schutzhaft genommen. Der Autor stellt dem falschen Junker den fiktiven Landsknecht Burkhard an die Seite, aus dessen Perspektive die Geschichte geschildert wird. Luther selbst als Ich-Erzähler wäre vermessen gewesen, fand Zaimoglu. »Hüt ihn gut«, war dem Katholiken Burkhard aufgetragen worden, und er tut, was er kann, um dem von Selbstzweifeln und Albträumen verfolgten, von Depressionen, Darmkrämpfen und Schlaflosigkeit geplagten Ketzer den erzwungenen Aufenthalt erträglich zu machen. Luther fühlt sich vom Teufel verfolgt. »Oft plagte mich der Satan durch seine Erscheinungen, ganz besonders auf jener Burg, in der ich eine Zeit lang gefangen gehalten wurde.« Den Mitbewohnern sind seine Anfälle unheimlich.

Als gelernter Papist ist Burkhard hin und her gerissen. »Ich achte dich, Mönch, und ich hasse dich.« Sie reden miteinander über Gott und die Welt, über Hexen und Teufel, Zauberei und Höllenangst, Folter und Mord. Beide unterscheiden sich fundamental in Glaubensdingen, Mentalität und Bildung – und kommen doch gut miteinander aus. Der Landsknecht seinerseits hat viel Schreckliches gesehen in seinem Leben, während Luther in der Klosterzelle gebetet hat. Der Leser bekommt eine Ahnung von den Ängsten der Menschen im ausgehenden Spätmittelalter, lernt ihre Albträume kennen. Die Kirche hat nicht wenig Anteil daran mit ihren Bildern von Höllenqual und Sündenpfuhl.

Martin Luther fehlt der Gedankenaustausch mit den Weggenossen. Er schreibt über 100 Briefe und 14 Schriften, die mit reitendem Boten nach Wittenberg gebracht und dort gedruckt und beantwortet werden. Er schreibt an gegen Depressionen und Dämonen. In den Roman eingestreut sind fiktive Briefe. »Ihm raucht die Hand vom Schreiben«, beobachtet Burkhard. In den letzten Wochen auf der Wartburg übersetzt Martin Luther das Neue Testament aus dem griechischen Urtext. Das ist ein Meilenstein für die Entwicklung der deutschen Sprache. Sein Bewacher erkennt aber auch die theologische Bedeutung: »Der teutsche Gott säubert uns die Angst aus der Brust. Dafür schütze ich den Ketzer.«

Christine Lässig

Zaimoglu, Feridun: Evangelio, Ein Luther-Roman, Kiepenheuer & Witsch, 345 S., ISBN 978-3-462-05010-3, 22 Euro

Ganzjährig blühend

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Lutherrose: Merkzeichen der Theologie des Reformators

Symbole haben es in sich. Je populärer ein Markenzeichen, je offensichtlicher die Reaktion beim Anblick. Der angebissene Apfel auf dem Deckel eines Notebooks vermag ehrfürchtiges Staunen, neidisches Begehren oder hilfloses Versagen bewirken. Was passiert bei Betrachtung einer Lutherrose? Trotz ihres weltweiten Verbreitungsgebietes schränkt sich ihr Bekanntheitsgrad ein. Wer etwas damit anfangen kann, weiß: Jetzt wird’s ernst. Hinter diesem Signum steht eine Botschaft, die Himmel und Erde umschließt. Es geht um das Leben. Wie kann es sinnvoll gelingen? Wer hat das Sagen und was kommt am Ende? Martin Luther versteht sein Signum als »Merkzeichen« seiner Theologie. Zugleich sieht er seinen Glauben darin zusammengefasst. So möge dieses Zeichen Menschen bewegen wie der Stern den Autofreund.

Nachdem Luther vom Nürnberger Ratsherrn Lazarus Spengler einen Siegelentwurf erhalten hatte, der sich am Vorbild des »Löwen und Papageienfensters« im Erfurter Augustinerkloster orientierte, ergänzt und präzisiert er ihn. Das Evangelium und seine Auswirkung müssen sichtbar auf den Punkt gebracht werden. Ein berühmt gewordener Brief Luthers vom 8. Juli des Jahres 1530 enthält dann quasi den verbalen Aufguss des Dargestellten. Eine Illustration. Denn das Zeichen soll eigentlich für sich sprechen. Es bedürfe keiner Gebrauchsanweisung, meint sein Eigner. Die Zeiten ändern sich.

Im Zentrum des Blütenstandes ruht das Kreuz. Schwarz. Der gehängte Gottessohn wird den Christen zum Aufhänger ihres geretteten Lebens. Weil einer unschuldig die Schuld aller anderen mit dem Tode bezahlte, haben alle anderen das unverdiente Glück, mit unverlierbarem Leben davonzukommen. Verstehen kann man das nicht. Nur glauben. Darum ist und bleibt seliger Glaube reine Herzenssache. Dass wir darauf vertrauen, was von Gott ausgeht. Das Kreuz liegt ins Herz gebettet. Rot zeigt die Leidenschaft an.
Glaube-Alltag-10-2017Diese Mitte wird von fünf voll geöffneten Blütenblättern umgeben. Strahlend weiß. Wie Taufkleider. Was für ein Kontrast. Luther bekennt: »Weiß ist die Farbe der Geister und aller Engel Farbe.« Freude, Trost und Friede wollen sich hell leuchtend erheben, gleich der glänzenden Mittagssonne. Glaube bleibt Vertrauenssache. So wie sich die Lutherrosenblüte ihrem Betrachter öffnet, begegnet ihm Gottes Liebe. Darum geht dieses herrliche Blühen im blauen Himmel auf. Dass seine unendliche Weite, die uns auf Erden berührt, zeige, wohin wir gehören. Des Herrn sind wir, der Himmel und Erde gemacht hat. Ihm verdanken wir, den Tod nicht fürchten zu müssen. Das Ganze nun wird von einem goldenen Ring umschlossen. Martin Luther erklärt: »Um ein solch Feld einen goldenen Ring, dass solche Seligkeit im Himmel währet und kein Ende hat und auch köstlich ist über alle Freude und Güter …«

Kurprinz Johann Friedrich überreichte auf der Veste Coburg dem Festgehaltenen und im Reich Geächteten diesen Siegelring. Ein Goldrand umschließt den kostbaren Schatz. Gott hat den Gekreuzigten dem Menschen ins Herz gelegt. Das daraus folgende Privileg gleicht dem Gold, das »… das edelste, köstlichste Erz ist«. Der Bergmannssohn weiß, welchen Vergleich er hier bemüht.

Man trifft in zahlreichen Kirchen auf dieses Zeichen des befreiten Menschen. Die Lutherrose blüht in Glasfenstern, entfaltet sich in Deckengewölben, auch in manchen Stadtwappen. In einigen Wochen wird vom Bundesfinanzministerium eine Goldmünze mit der Lutherrose darauf herausgegeben. Im Jubiläumsjahr steigt ihre Präsenz. Vielleicht besitzen Sie eine Tasse mit diesem »Merkzeichen« darauf. Sie könnten es auch auf einem Brieföffner oder Schlüsselanhänger finden. Sogar als Einkaufschip. Ehe aber Aufregung darüber entstehen könnte, ob solche Vermarktung angemessen sei oder nicht, mag uns die Botschaft dieses Zeichens aus der Ruhe bringen. Du bist der geliebte Mensch. Um Christi Willen. Symbole haben es in sich.

Karsten Loderstädt

Lebenslänglich wegen »Spionage«

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sudan: Die Freilassung Petr Jašeks aus einem sudanesischen Gefängnis wirft ein Schlaglicht auf die bedrohliche Lage der Christen in dem Land.

Nur vier Tage wollte der tschechische Entwicklungshelfer Petr Jašek im Dezember 2015 in den Sudan reisen. Es wurden 15 Monate daraus. Er hatte schon zur Rückreise eingecheckt, als ihn auf dem Flughafen in Khartum Mitglieder der Sicherheitspolizei NISS abführten. Wegen des Verdachts auf Spionage wurde er monatelang in verschiedenen Gefängnissen festgehalten. Nach einem mehrmonatigen Prozess fiel Ende Januar 2017 das Urteil: lebenslänglich wegen Spionage, Diffamierung des Staates und weiterer Vergehen. Das sind im Sudan 20 Jahre. Ende Februar gelang es dem tschechischen Außenministerium, für ihn von Staatspräsident Umar al-Baschir Be­gnadigung zu erwirken.

Was hatte Jašek getan? »Ziel meiner Reise war, Geld für die Behandlung eines Christen zu übergeben, der bei einer Demonstration großflächige Verbrennungen erlitt. Außerdem traf ich Pfarrer, die mir die Situation der Christen im Sudan schilderten und zerstörte Kirchen zeigten«, schildert Jašek. Der Geldbetrag wurde umgehend an das Krankenhaus übergeben. »Sonst hätte ihn die Geheimpolizei beschlagnahmt«, ist sich Jašek sicher. Zwei Pfarrer und ein Student mussten ihre Treffen mit ihm allerdings teuer bezahlen. Sie wurden wegen der Unterstützung von Jašeks »Spionagetätigkeit« ebenfalls monatelang festgehalten. Einer kam aus Mangel an Beweisen frei, die zwei anderen sitzen bis heute hinter Gittern.

Jašeks Beispiel dokumentiert, unter welchen Bedingungen Christen in dem mehrheitlich muslimisch geprägten Staat leben. 2011 hatte sich der eher christlich geprägte Südsudan in einem Referendum vom Kernland losgesagt. Doch Christen leben im Sudan immer noch in großer Zahl. Unterschiedlichen Angaben zufolge stellen sie bis zu fünf Prozent der Bevölkerung. Die meisten leben in der Hauptstadt Khartum und im Süden. Ihre Lage ist dramatischer denn je. Sudan gehört zu einem der für Christen gefährlichsten Staaten.

»Die Lage hat sich seit der Ausweisung fast aller christlicher Organisationen Anfang 2013 verschlimmert«, bestätigt Jašek, der für die Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK) arbeitet. Damals mussten die Organisationen binnen 24 Stunden das Land verlassen, ihr Besitz wurde konfisziert. Die HMK hatte zwar keine Vertretung dort, aber auch ihre Arbeit wurde erschwert, wie Jašek am eigenen Beispiel erzählt: »Ich bin mit einem Touristenvisum eingereist, war also offiziell nur Tourist. Anders wäre meine Einreise nicht möglich gewesen. Trotzdem verfolgte mich der Geheimdienst auf Schritt und Tritt und wusste von mir alles, wie ich später feststellen musste.« Der Geheimdienst konfrontierte ihn sogar mit Fotos, die mit Wärmebildkamera aufgenommen wurden. »Die haben nichts dem Zufall überlassen«, kommentiert der Nothelfer.

Petr Jašek mit seinen Freunden im Gefängnis Al-Houda. Pastor Hassan Kodi (2. v. l.) und der Student Abdelmoneim Abdalmwlla (ganz rechts) sind bis heute hinter Gittern. Foto: privat

Petr Jašek mit seinen Freunden im Gefängnis Al-Houda. Pastor Hassan Kodi (2. v. l.) und der Student Abdelmoneim Abdalmwlla (ganz rechts) sind bis heute hinter Gittern. Foto: privat

Auf diese Weise konnte er die systematische Zerstörung von Kirchen nicht wie geplant fotografisch festhalten. »Das hätte meine umgehende Verhaftung zur Folge gehabt«, sagt er. Aber er hat sie gesehen. »Unser Anwalt hat uns informiert, dass, allein während ich im Gefängnis saß, 25 Kirchenbauten demoliert wurden.« Von alltäglicher Diskriminierung, zum Beispiel bei der Vergabe von Jobs, gar nicht zu reden. Am stärksten betroffen sind die südlichen Provinzen Blauer Nil und Südkordofan mit dem Nubagebirge. »Hier betreibt Staatschef al-Baschir eine systematische Vertreibung der christlichen Bevölkerung«, sagt Jašek. Offiziell richtet sich der Kampf gegen die Befreiungsarmee nördlicher Südsudan (SLMP-N). »Doch die Bombenziele sind keine militärischen Anlagen, sondern Kirchen«, so Jašek. Das belegt auch ein Brief von Hilfsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch vom September an das UN-Menschenrechtskonzil. Darin sind allein für April und Mai letzten Jahres 101 Fälle von Flächenbombardements auf zivile Objekte, wie Schulen und Krankenhäuser in den genannten Provinzen, dokumentiert.

Die Strategie al-Baschirs ist nicht nur für Jašek klar. Das Staatsgebiet soll von Christen und anderen Religionen gesäubert werden. Seit der Lossagung des Südsudan verstärkte al-Baschir die Umwandlung des Sudan in einen islamisch geprägten Staat auf Basis der Scharia. Diese gilt zwar nicht uneingeschränkt, wie Jašek sagt. In einem Fall wird sie aber strikt angewandt: Wer vom Islam zum Christentum übertritt, wird mit dem Tod bestraft. Weltweit bekannt wurde der Fall der jungen Sudanesin Maryam Ishaq. Sie war von ihrer Mutter christlich erzogen. Die muslimische Familie des Vaters drängte sie aber zur Rückkehr zum Islam und zeigte sie an. Nur mit massiver weltweiter Unterstützung wurde die Todesstrafe verhindert und eine Ausreise Ishaqs und ihrer Familie ermöglicht.

Auch Jašek kennt Christen, die nur durch Flucht Gefängnis oder Tod entgingen. Das ist aber nicht die Intention der HMK. Sie setzt sich für die freie Religionsausübung der Menschen in ihrer Heimat ein. Die ist heute jedoch entfernter denn je. Mehr als 100 Millionen Christen weltweit gelten als verfolgt. Die HMK hilft in 70 Ländern, die meisten davon hat Jašek bereist. »Ich kenne nur eins, wo Christen nicht mehr verfolgt werden. Das ist der Südsudan«, bilanziert der frühere Arzt. Die HMK hilft sehr praktisch, sammelt Geld zur Versorgung der Familien Inhaftierter, Ermordeter oder Vertriebener. Sie besorgt Computer, Megaphone, Autos oder zahlt Raummiete für Versammlungen. Sie schickt Bibeln, und nicht zuletzt informiert sie über die Situation der Christen in den jeweiligen Ländern.

Jašeks Arbeit wird sich in Zukunft ändern. »Ich bin zu bekannt für meine Tätigkeit«, sagt er. Die muss oft im Geheimen ablaufen, weshalb er über vieles nicht offen sprechen kann. Er würde Menschen in Lebensgefahr bringen. Doch ein Gutes hatte seine Verhaftung. Sie sorgte für Aufmerksamkeit. »Noch während meiner Haft konnte Geld für die Familien der mit mir inhaftierten Pastoren gesammelt werden.«

Steffen Neumann

Pfarrerinnen und Pfarrern in den Kleiderschrank geschaut

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Liturgische Kleidung: Deutschland ist »eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt« – Geschichte und Bedeutung von Talaren, Alben, Chorhemden und Stolen

In einer Gruppe von Geistlichen verschiedener Konfessionen und Herkunftsländer wird ein evangelischer, deutscher Pfarrer in der Regel schnell erkannt: am schwarzen Talar mit weißem Beffchen. »Deutschland ist eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt«, konstatiert Frank Schmidt, Leiter des Kunstdienstes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. »Für viele sind Geistliche in bunter Kleidung etwas Exotisches oder sie werden in erster Linie mit dem Katholizismus in Verbindung gebracht«, so der Kunsthistoriker und Theologe.

Weltweit betrachtet ist der schwarze Talar als gottesdienstliche Kleidung die Ausnahme. Er gilt auch nicht als liturgisches Gewand, sondern war im Ursprung ein Gelehrtengewand; seine Einführung geht auf den preußischen König Friedrich Wilhelm III. zurück. Er verfügte im November 1811, dass Rabbiner, Richter und die Pfarrer der lutherischen und reformierten Gemeinden den schwarzen Talar als Diensttracht zu tragen hatten. Als Beamte des preußischen Staates mussten sie dem Folge leisten. Ausschlaggebend für den Erlass waren fehlende Vorschriften seitens des lutherischen Christentums. Für Luther selbst zählte liturgische Kleidung zu den äußeren Dingen; nützliche, aber für das Heil nicht notwendige Dinge. Im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin schaffte er Messgewänder im Gottesdienst nicht ab.

Infolge der Reformation wurde ein sehr individueller Umgang mit liturgischer Kleidung gepflegt, teilweise wurde sie gänzlich abgeschafft. »Fälschlicherweise dachten reformierte Gemeinden, sie müssten sich an gar keine Regeln mehr halten«, erklärt Frank Schmidt. Die Aufklärung und der Pietismus sowie die damit einhergehende Rationalisierung fundierten die Daseinsberechtigung des Talars.

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Dazu gehörte primär das Grundgewand, die Albe. Sie entwickelte sich aus dem römischen Alltagsgewand, der Tunika. Nach der Verdrängung des römischen Stils und dem Einzug der germanischen Hosenmode wurde die alte Kleidungsform weiterhin für Gottesdienste genutzt. Eine symbolische oder gar theologische Bedeutung hatten die Gewänder ursprünglich nicht. Die Albe wird jedoch als Taufkleid mit Christus in Verbindung gebracht. Eine jahreszeitlich bedingte Form der Albe ist das Chorhemd. Es ist weiter geschnitten, um über der warmen Winterkleidung getragen werden zu können.

Weiterhin gehört zur gottesdienstlichen Kleidung die etwa 10 Zentimeter breite und 250 Zentimeter lange Stola, in ihrem Ursprung ein Schweißtuch. Sie symbolisiert das Joch, das Jesus allen, die mühselig und beladen sind, anbietet. Aufgrund seiner besonderen Deutung wird die Stola je nach theologischer Deutung und kirchlicher Zulassung auch als ökumenische Insignie der Ordination verstanden und kann folglich nur von ordinierten Personen getragen werden. Für Lektorinnen und Lektoren kann der Gemeindekirchenrat beschließen, einen Lektorentalar zu tragen.

Nach einer ersten Rückkehr zur liturgischen Kleidung nach dem Ersten Weltkrieg wird seit den 1980er-Jahren vor allem für die Verwendung der liturgischen Gewänder in den liturgischen Farben je nach Kirchenjahreszeit plädiert. Die Ordnung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sieht zwar den schwarzen Talar mit weißem Beffchen als Dienstkleidung für Pfarrer vor, kennt aber auch die Möglichkeit der weißen Mantelalbe, auch heller Talar genannt, und des Chorhemds über dem schwarzen Talar – jeweils mit einer Stola in den Farben des Kirchenjahres – als legitime gottesdienstliche Kleidung.

Kritiker sehen darin jedoch die Übernahme eines Priesteramtsverständnisses, was der evangelischen Ämterlehre widerspräche. Sicherlich auch aus diesem Konflikt heraus entwickelte sich ein aktueller Trend: eine Stola über dem schwarzen Talar. Laut Ordnung der EKM ist das zulässig, aber auch hier gibt es Widerspruch: Die Stola als liturgische Insignie und der Talar als Standesinsignie seien nicht miteinander kompatibel. Außerdem fehle dafür eine historische Grundlage, so Frank Schmidt. Denn: »Farbiges gehört auf Weißes.«

Mirjam Petermann

Der Farbkanon

Grün: Farbe des Wachstums, des Heils und der Hoffnung ist die am häufigsten verwendete liturgische Farbe des Kirchenjahres, vor allem in der Trinitatiszeit.
Farbe der Vollkommenheit, symbolisiert Reinheit und Klarheit und ist damit auch Farbe Christi; gehört z. B. zum Weihnachtsfestkreis wie zum Fest der Auferstehung.
Schwarz: Symbolisiert Trauer und ist Karfreitag und -samstag sowie Trauertagen vorbehalten.
Rot: Verweist auf das Leben und den menschlichen Leib, ist auch die Farbe des Leibes Christi, der Kirche für besondere Feste der Kirche, wie zum Reformationstag und Missionsfesten, Konfirmationen und Ordinationen, für die Gedächtnistage an die Zeugen des Glaubens.
Violett: Steht für den Himmel und das Reich Gottes, symbolisiert die Kommunikation zwischen Mensch und Gott in der Erwartung auf Gottes Heil; Verwendung für Fastenzeiten und -tage, als besondere Zeiten der Besinnung der Glaubenden auf ihrem Weg zu Gott.

Diakone im Dialog

12. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Falk-Schüler unter sich: Verena Armstroff (39) und Jörg Rumpf (47) sind gelernte Erzieher mit Diakonenausbildung. Beide wohnen mit ihren Familien in Eisenach. Während Verena Armstroff seit 2009 die evangelische Kindertagesstätte in Herda leitet, arbeitet Jörg Rumpf seit über 20 Jahren als Jugenddiakon in der Kirchengemeinde Eisenach. Beide trafen sich zu einem Gespräch mit Mirjam Petermann über die Ausbildung, ihren Beruf und die Mitgliedschaft in einer diakonischen Gemeinschaft.

Wie kam es, dass Sie sich für die Ausbildung zum Diakon entschieden haben?
Armstroff:
Ich habe die Erzieherin-Ausbildung an der Falk-Schule gemacht und dort den Diakonen-Kurs kennengelernt, der für die Andachten verantwortlich war. Ich wurde neugierig und habe mich über die Ausbildung informiert.
Rumpf: Nach dem Abitur hat man ja verschiedene Vorstellungen, was man gerne werden möchte. Ich hatte Chemie, Philosophie und Theologie im Blick. Mit Theologie hatte ich aber vorher nicht viel am Hut. Ich war nicht getauft und habe mir dann gesagt, du kannst nicht gleich von null auf hundert, sondern du musst irgendwas vorschalten, um da reinzukommen. Dann habe ich im Falk-Haus einen Termin gemacht.

Die Ausbildung im Falk-Haus gestaltete sich zu der Zeit schwierig. Durch die Wiedervereinigung war alles im Umbruch. Wie ging es für Sie weiter?
Rumpf:
Ich bin für ein Freiwilliges Jahr im diakonischen Dienst nach Bad Blankenburg in ein Heim für mehrfach Schwerstbehinderte gegangen. Danach konnte das Falk-Haus immer noch nicht ausbilden. So ist ein Teil von uns in die zweijährige Erzieherausbildung nach Schwalmstadt-Treysa in Hessen gegangen; für die Grundausbildung Diakon ging es danach ein Jahr nach Eisenach. Damit waren wir 1993 der erste Kurs nach der Wende.

Was war für Sie das Besondere an der Diakonen-Ausbildung?
Armstroff:
Ich finde, sie hat per se ganz viele Inhalte, die auch in der Pädagogik eine große Rolle spielen, wie Wertschätzung, Partizipation oder Empathie. Das sind Punkte, auf die ganz besonders Wert gelegt wurde, weil es die Arbeit mit Menschen betrifft.

Verena Armstroff

Verena Armstroff

Würden Sie als Leiterin einer Kindertagesstätte sagen, Sie arbeiten als Diakonin?
Armstroff:
Das Erste, was mir einfällt, wäre schon Kindheitspädagogin und Leiterin Kindertagesstätte. Aber wie das üblich ist, stellen wir uns im Eingangsbereich vor. Da war es mir wichtig, das »Diakonin« auch zu benennen. Ich hatte schon die eine oder andere Nachfrage, was das überhaupt sei. Dann habe ich das sehr gerne erzählt, weil mir das wichtig ist. Ich bin zwar nicht in erster Linie als Diakonin angestellt, aber wir sind eine evangelische Tagesstätte. Uns ist wichtig, dass die Eltern wissen, was wir in der Einrichtung leben, welche Werte dahinterstecken.

Herr Rumpf, wie erklären Sie Menschen, die mit Ihrer Berufsbezeichnung nichts anzufangen wissen, Ihren Job?
Rumpf:
Ich sage dann, ich bin kirchlicher Sozialarbeiter. Das verstehen die Leute, darunter können sie sich etwas vorstellen. Sozialarbeit, die kirchlich unterlegt ist – für mich ist es das.
Armstroff: Das, finde ich, ist eine total tolle Umschreibung.

Wie sieht diese kirchlich unterlegte Sozialarbeit konkret aus?
Rumpf:
Meine Arbeit beginnt mit den Vorkonfirmanden und geht bis zu den Jugendlichen. Ich habe keine festen Sprechzeiten, aber wenn ich aus der jungen Gemeinde rausgehe, dann bleibt immer mal einer stehen und dann redet man nochmal miteinander. Diese Seelsorge zwischen Tür und Angel ist eines der »Kerngeschäfte«.

Machen Sie damit das Gleiche wie ein Gemeindepädagoge?
Rumpf:
Wenn im kirchlichen Rahmen gesagt wird, »ihr seid ja jetzt gemeindepädagogische Mitarbeiter«, dann sage ich trotzdem: »Ich bin Diakon.« Weil das meine Berufsbezeichnung ist. Wir haben etwas ganz anderes gelernt als die Gemeindepädagogen. Ich bin das zwar auch ein Stück weit, aber unsere Berufsbezeichnung ist Diakon, und da bestehe ich drauf.

Warum ist es für Sie so wichtig, Diakon genannt zu werden?
Rumpf:
Das hat etwas mit der Zeit, mit der Erzieherausbildung und ganz viel mit dieser Gemeinschaft zu tun, in der ich bin. Da habe ich immer wieder erfahren und erfahre ich, dass sie wie eine Ersatzfamilie ist. Wenn Kirche uns als Diakone lange Zeit stiefmütterlich behandelt hat, hat sie uns trotzdem durchgetragen. Das war wichtig. Ich denke, wenn nicht einige von uns gekämpft hätten, wäre es lange nicht so geworden, wie es jetzt ist. Für das Diakonengesetz haben wir lange gestritten.

Jörg Rumpf

Jörg Rumpf

Hat sich mit dem neuen Gesetz für Sie etwas geändert?
Rumpf:
Jetzt habe ich das Gefühl, wir werden von der Kirche wieder wertgeschätzt.

Gibt es Ihrerseits auch Kritikpunkte am neuen Gesetz?
Rumpf:
Man muss ja nun in einer Gemeinschaft sein, um sich Diakon nennen zu dürfen. Das hat ein bisschen was von Zwang. Ich weiß nicht, ob das wirklich gut ist.

Nach der Diakonen-Ausbildung wurden Sie zum »Schnuppern« in den Hauptkonvent eingeladen. Warum sind Sie damals schon, und ohne Zwang, in der Gemeinschaft Mitglied geworden?
Rumpf:
Das lag einfach an der Atmosphäre. Da saßen Ältere, und kleine Kinder hüpften herum. Dieses Wuseln und Miteinanderleben hat mich total beeindruckt. Deswegen bin ich auch dabeigeblieben. Ich genieße das jedes Mal und ärgere mich, wenn ich nicht zum Hauptkonvent fahren kann.

Frau Armstroff, Sie sind nicht mehr Mitglied der Brüder-und Schwesternschaft Johannes Falk? Warum nicht?
Armstroff:
Die meisten unseres Kurses haben gleich gesagt, wir wohnen nicht hier vor Ort, wir gucken uns bei uns um. Ich bin erst einmal in die Gemeinschaft eingetreten und habe dann gemerkt, dass mir, wahrscheinlich auch zeitlich bedingt, einfach der Bezug gefehlt hat. Mir ist es wichtig, wenn ich irgendwo dabei bin, dann möchte ich mich auch aktiv einbringen. Mir hat die Nähe gefehlt, die für mich wichtig ist, wenn man sich einer Gemeinschaft zugehörig zählt.

Würden Sie die Ausbildung und den Beruf des Diakons weiterempfehlen?
Rumpf:
Grundsätzlich denke ich, es ist eine Berufsbezeichnung und eine Ausbildung, die auch Chancen am großen Markt hat. Ob ich es wieder hier in Eisenach, jetzt in einer Teilzeit-Ausbildung, machen würde, weiß ich nicht. Mit der Aufwertung, die es durch das neue Diakonengesetz gegeben hat, hat der Beruf noch einmal an Attraktivität gewonnen.
Armstroff: Ich sehe es bei uns im ländlichen Raum, wo die Kirchgemeinden zusammengelegt werden und die Zeit fehlt, da müssten junge Leute da sein, die die Kinder- und Jugendarbeit stärker auffangen würden. Darin sehe ich eine große Chance des Berufs. Ich möchte die Zeit der Diakonen-Ausbildung einfach nicht missen. Es hat auch einen Teil Biografiearbeit für mich gehabt, wo man sich selber erdet.

Lebensgefährliche Ferien

8. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Internationaler Frauentag – ein Anlass, die lebensbedrohliche Praxis der Genitalverstümmelung ins Bewusstsein zu rücken, unter der weltweit rund 200 Millionen Mädchen und Frauen leiden; auch in Deutschland sind sie nicht sicher.

Shadia aus dem Sudan gehört zu der wachsenden Zahl von Frauen in der Bundesrepublik, die Opfer einer Genitalverstümmelung wurden. In ihrem Heimatland wurde die 52-Jährige als junge Frau so beschnitten, dass sie seither ständige Schmerzen beim Wasserlassen hatte, von der Menstruation oder Sex ganz zu schweigen. 2015 kam sie nach Deutschland und fand Hilfe bei »Dr. Conny«.

Cornelia Strunz ist Ärztin am Desert Flower Center in Berlin, das beschnittenen Frauen sowohl medizinische Hilfe als auch psychosoziale Unterstützung bietet. »Der Fokus liegt nicht auf der Operation, auch wenn diese dann vielleicht nötig ist«, sagt Strunz. »Neben Beratung und Therapie gibt es auch eine Selbsthilfegruppe, in der die Frauen Rückhalt und Mut gewinnen.«

Und Mut ist nötig. »Die Genitalverstümmelung ist oft ein Tabuthema«, sagt Strunz. »Die meisten Frauen reden nicht darüber, dass sie zu uns kommen. Sie wollen nicht, dass jemand davon erfährt.« Einfacher wird es, wenn die Opfer die Rückendeckung ihres Mannes haben, der ihr Leid einschätzen kann und den Gang zum Arzt mitträgt. Shadia hatte dieses Glück.

Nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation »Terre des Femmes« leben in Deutschland mehr als 48 000 Opfer weiblicher Genitalverstümmelung – Tendenz steigend. Im Vergleich zu 2014 gebe es eine Zunahme von 37 Prozent, erklärt Fachreferentin Charlotte Weil. Das sei vor allem auf verstärkte Migration aus Ländern wie Somalia und Eritrea zurückzuführen, wo diese Art der Beschneidung besonders häufig vorkommt.

Kinder einer Schulklasse in Linkiring im Süden des Senegal malen auf Kalebassen ihre Erlebnisse bei Genitalverstümmelungen. Die Mädchen zeichnen blutige Messer und Scheren, ein Junge malt ein weinendes Mädchen mit blutigem Unterleib. Die Genitalverstümmelung ist im Senegal seit 1999 verboten. Dennoch unterliegt immer noch schätzungsweise ein Viertel der Mädchen der grausamen Praxis. Foto: epd-bild/Alexander Gonschior

Kinder einer Schulklasse in Linkiring im Süden des Senegal malen auf Kalebassen ihre Erlebnisse bei Genitalverstümmelungen. Die Mädchen zeichnen blutige Messer und Scheren, ein Junge malt ein weinendes Mädchen mit blutigem Unterleib. Die Genitalverstümmelung ist im Senegal seit 1999 verboten. Dennoch unterliegt immer noch schätzungsweise ein Viertel der Mädchen der grausamen Praxis. Foto: epd-bild/Alexander Gonschior

Rund 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit sind an ihren Genitalien verstümmelt, die Praxis ist in etwa 30 afrikanischen Ländern verbreitet. Außerhalb Afrikas wird der Eingriff auch in arabischen Ländern wie Oman und dem Jemen sowie in einigen asiatischen Ländern wie Indonesien oder Malaysia vorgenommen.

Doch auch in Deutschland sind Mädchen aus den entsprechenden Gemeinschaften nicht sicher. Mehr als 9 300 Mädchen seien hierzulande in Gefahr, dem lebensgefährlichen Eingriff unterworfen zu werden, sagt Weil. Immer wieder gebe es sogenannte Ferienbeschneidungen: »Sie fliegen in den Sommerferien mit der Tochter oder Enkelin in die Heimat und kommen mit einem verstümmelten Kind zurück.« Auch Beschneiderinnen in Paris oder Amsterdam bieten ihre Dienste an.

Im Kampf gegen die Verstümmelung setzt »Terre des Femmes« vor allem auf Aufklärung über die dramatischen Folgen. Projekte, bei denen Schlüsselpersonen als Multiplikatorinnen gewonnen werden, zeigen durchaus Erfolge. »Wir bekommen Rückmeldung, dass es eine Öffnung bei diesem Tabuthema gibt«, sagt Weil. »Und wir hören von Frauen, die nun ganz klar sagen: Ich wusste das alles nicht. Meine Tochter wird auf keinen Fall beschnitten!«

Großer Bedarf besteht nach Angaben von »Terre des Femmes« nach wie vor bei der Ausbildung von Fachpersonal. Nicht nur medizinische Experten und Sozialarbeiter müssten besser geschult werden, sondern auch Päda­gogen »Damit Erzieher und Lehrer rechtzeitig eingreifen können, um die Mädchen zu schützen.«

Silvia Vogt  (epd)

Luther, Weill und Mendelssohn als Festivalbegleiter

6. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Kurt Weill Fest in Dessau verbindet eine Reminiszenz an die Vergangenheit mit der Aufforderung, unsere Stimme zu erheben

Noch vor einigen Jahren war der damalige Intendant des Dessauer Kurt Weill Festes ratlos hinsichtlich einer Einbindung von örtlichen Kirchen in das Festival. Den bekennenden Atheisten Weill zu integrieren, der außer dem Oratorium »Die Verheißung« kein Werk mit positivem Bezug zur Religion geschrieben hat, das schien an den Haaren herbeigezogen.

Doch das Kurt Weill Fest hat sein thematisches Spektrum deutlich erweitert. 2017 feiert es 25-jähriges Bestehen, und selbstverständlich sind die Auferstehungskirche und die Johanniskirche – ganz normale Gemeindekirchen – geschätzte Aufführungsorte.

Doch noch mehr: Im Reformationsjahr sind christliche Bezüge ganz in den Mittelpunkt des Festivals gerückt, das noch bis zum 12. März dauert. Das Motto lautet »Luther, Weill & Mendelssohn«, womit neben der Wittenberger Nachtigall und dem Genius loci der Philosoph Moses Mendelssohn gemeint ist, ein gebürtiger Dessauer und seinerseits Aufklärer und Reformator des jüdischen Glaubens. Er war für Lessing das Vorbild seines Nathans – und hat mit einem Zitat das Motto »Forschen. Lieben. Wollen. Tun.« des Dessauer Kirchentages auf dem Weg inspiriert. Mendelssohn war zum Kurt Weill Fest unter anderem ein Hörspielabend unter dem Titel »Auf daß die Welt besser sei« mit der Pianistin Julia Hülsmann gewidmet.

Musikalische Lesung in der Auferstehungskirche. Foto: Kurt Weill Fest Dessau

Musikalische Lesung in der Auferstehungskirche. Foto: Kurt Weill Fest Dessau

Der Bezug zur Reformation, den die Fördermittelgeber 2017 wohl auch eingefordert hatten, versteht das Festival keineswegs nur als Feigenblatt, sondern lädt mit Ernst zu einer dreiteiligen theologisch-philosophischen Klangreise ein: Auf die »Freiheit des Glaubens« folgt die »Freiheit zu philosophieren« und schließlich die »Freiheit des Geistes«. Jeder der drei Teile wurde und wird auch dreimal aufgeführt, in der Region Dessau, in Wittenberg und in Halle. Dabei alternieren Beiträge des halleschen Philosophen Lars-Thade Ulrichs, gelesen von der Schauspielerin Anja Schiffel, sinnreich mit Musik von herausragenden Nachwuchskünstlern der Leipziger Musikhochschule.

Die »Freiheit des Glaubens« beinhaltete am Sonntag in der Dessauer Auferstehungskirche eine durchaus anspruchsvolle, dabei trotzdem gut verständliche Einführung in Luthers Theologie und Denken, die in dieser Stringenz und Kompaktheit auch für Berufschristen spannend zu hören war: Rechtfertigungslehre, Zwei-Welten-Theorie, die Rolle der Frauen, die Bildung, das evangelische Pfarrhaus, die Musik – es war alles dabei.

Leider richtete sich der Ausblick am Ende nur zum Pietismus – die calvinistische »zweite« Reformation und die Aufklärungstradition Anhalts, wo man sich schließlich befand, blieben außen vor.

Kongenial war jedenfalls die Musik von acht Cellostudenten unter Leitung ihres Professors Peter Bruns mit Werken von Bach, Mendelssohn, Reger und Schumann: ein symphonisches Klangerlebnis. Weitere Höhepunkte des Festes: das Eröffnungskonzert mit Kurt Weills »Sieben Todsünden« und das Oratorium »Die Verheißung« mit dem MDR Sinfonieorchester unter Leitung von Kristjan Järvi – dieses Jahr sind sie »Artist in Residence«.

Johannes Killyen

www.kurt-weill.de

Das Jahr, in dem Luther zum Nationalhelden der DDR wurde

6. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Altbischof Axel Noack über die kuriosen Ereignisse rund um das Lutherjahr 1983 im Arbeiter-und-Bauern-Staat

Die Älteren werden sich noch an das »Lutherjahr 1983« erinnern: SED-Parteichef Erich Honecker persönlich war der Vorsitzende des staatlichen »Luther-Kommitees«. Zur Eröffnung sagte er: »Martin Luther war einer der bedeutendsten Humanisten, deren Streben einer gerechteren Welt galt. Wir dürfen sagen, dass unser Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik, dieses kostbare Erbe in sich aufgenommen hat.«

So wurde in der DDR nicht immer über Martin Luther gesprochen. Besonders in den Anfangsjahren der DDR – die alten Schulbücher für den Geschichtsunterricht können das anschaulich belegen – galt Luther als ein »Fürstenknecht« und als »Totengräber der Revolution«. So hatte schon 1836 der Dichter Ludwig Börne formuliert: »Die Reformation war die Schwindsucht, an der die deutsche Freiheit starb und Luther war ihr Totengräber.«

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Was hatte den Wandel des Lutherbildes bewirkt? Letztlich weist er auf den Unterschied zwischen der Ulbricht-Zeit und der Zeit unter Erich Honecker hin. Wurde bei Ulbricht die Ideologie noch groß geschrieben, galt bei Honecker ein viel pragmatischerer Kurs. In der 1968 per Volksentscheid in Kraft gesetzten neuen DDR-Verfassung galt die DDR noch als »sozialistischer Staat deutscher Nation«. Das wurde – ohne jede Volksabstimmung – 1974 geändert. Nun sprach man von der DDR als eigenständiger Nation, die sich damit noch deutlicher von der Bundesrepublik abzugrenzen wünschte.

Natürlich bedurfte die Nation der DDR auch einer Nationalgeschichte. So wurden dann ziemlich schnell wieder Traditionen aufgegriffen, die vorher verpönt oder verschwiegen, zumindest aber – das zeigte das Beispiel Martin Luther – negativ gekennzeichnet worden waren: Zuerst durfte Friedrich II. (»der Große«) wieder auf seinem Denkmal in Berlin, unter den Linden, reiten. Das war verwunderlich, galt doch Preußen bis dahin als der Hort der Reaktion und des Militarismus.

Dann wurden – Weihnachten 1982 war es soweit – erstmalig Karl-May-Filme im DDR-Fernsehen gezeigt. Honecker persönlich hatte sich für die Renovierung der Karl-May-Stätten in Radebeul und Hohenstein-Ernstthal eingesetzt und den Druck von Karl-May-Büchern befürwortet. Karl May hatte als der Lieblingsautor Adolf Hitlers gegolten. In dem vom damaligen Minister für Volksbildung, Paul Wandel, initiierten Beschluss zur Einrichtung von Jugend-und Kinderbuchabteilungen (7. 7. 1950) stand Karl May auf der Liste derjenigen Autoren, die aus den Bibliotheken zu entfernen seien.

Noch im Jahre 1976, als die SED-Zeitschrift »Neues Deutschland« seinen unsäglichen Artikel zur Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz veröffentlichte (31. 8. 1976), wurde Pfarrer Brüsewitz in sehr negativer Weise mit Karl May verglichen: »Seine Handlungen entsprachen sehr oft mehr den Geschichten von Karl May als den Geboten der Kirche.«

Nun also auch Martin Luther. Kirche und Öffentlichkeit waren wirklich überrascht, als Honecker persönlich schon 1978 bei dem berühmten Staat-Kirche-Gespräch vom 6. März mit dem Vorschlag eines Lutherjahres im Jahre 1983 kam. Da wurden dann keine Mühen gescheut. Die Lutherhalle in Wittenberg, Luthers Elternhaus in Mansfeld und das Erfurter Augustinerkloster wurden aufwendig restauriert. »Expertengespräche« zwischen marxistischen Historikern und Kirchengeschichtlern wurden erstmalig offiziell ermöglicht.

Eine riesige, fünfteilige Fernsehfilmserie »Martin Luther« konnte (und kann) sich durchaus sehen lassen. Eine – vornehmlich für das Ausland gefertigte – große Wanderausstellung war sehr beachtlich, was Aufwand und Inhalt betrifft.

Freilich gab es auch Kuriositäten: Die Betriebe waren angewiesen, »Luthersouvenirs« zu produzieren, die man gegen Devisen zu verkaufen hoffte. Das hat nicht wirklich funktioniert. Und dann die acht regionalen Kirchentage. Vermutlich hoffte man, durch die Regionalisierung die Sache etwas klein halten zu können, erreichte aber das Gegenteil: Die Kirchentage wurden zu einem großen Fest und zur Plattform für die Vernetzung von Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen aus der ganzen DDR.

Auf dem Kirchentag in Wittenberg (September 1983) war – unter großer Anteilnahme des Publikums und des westdeutschen Fernsehens – ein Schwert zur Pflugschar umgeschmiedet worden (siehe Erinnerungsmal »Schwerter zu Pflugscharen« auf Seite 2). Das wurde zum Symbol einer erstarkenden Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR. So wurde das Lutherjahr 1983, ganz anders als von der Partei geplant, auch zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zum Ende der DDR.

Der Autor ist Kirchenhistoriker an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Buchtipp: Peter Maser: Mit Luther alles in Butter? Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-863-31158-2, 29,90 Euro

Die Hausgötzen entlarven

Fastenzeit: Woran hängt mein Herz? Abhängigkeiten erkennen und Raum für Gott schaffen

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Auch für zahlreiche evangelische Christen haben die sieben Wochen bis Ostern eine besondere Bedeutung. Viele nehmen sich vor, in dieser Zeit auf etwas zu verzichten: Zigaretten oder Alkohol, Süßigkeiten oder Fleisch, den Fernsehapparat oder das Internet. Entscheidend ist dabei, herauszufinden, wovon ich tatsächlich abhängig bin oder zu werden drohe. Das muss nicht immer »stoffgebunden« sein. Klatsch und Tratsch, pausenloses Arbeiten, zu wenig Zeit für die Familie und Freunde … All das und vieles andere kann zur Angewohnheit geworden sein, die meine Freiheit einschränkt.

Die erste Frage im Blick auf die Fastenzeit ist also die ehrliche und aufrichtige Suche nach dem, was mich konkret persönlich betrifft. Woran hängt mein Herz? Welche Gewohnheiten rauben mir Zeit, Kraft und echte Lebensfreude? »Woran du dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott«, sagt Martin Luther. In der Fastenzeit geht es auch darum, solche »Hausgötzen« zu entlarven, zu benennen und Raum zu schaffen für den lebendigen Gott, der uns befreien will zu unserem wahren Sein und zu echter Lebensfreude und Lebendigkeit.

Vor über 80 Jahren entstand in der Stadt Acron in den USA die Bewegung der »Anonymen Alkoholiker«. 1939 zählte die Gemeinschaft etwa 100 trockene Alkoholiker. Sie beschlossen, die Grundsätze und Erfahrungen, die sich beim Bemühen, Alkoholikern zur Genesung zu verhelfen, herauskristallisiert hatten, in einem Buch zu veröffentlichen. Dort wurde das Gedankengut der Gemeinschaft in zwölf Schritten zusammengefasst und gezeigt, wie Betroffene diese Schritte umsetzen können. Allmählich wurde klar, dass die Prinzipien der Anonymen Alkoholiker auch für viele andere Formen von Sucht oder Gebundenheit funktionieren. Es gibt Spielsucht und Drogensucht, Sexsucht und viele Formen von Essstörungen, notorisch Überschuldete und »Messies« – um nur einige Abhängigkeiten zu nennen. Was aber geht das die von uns an, die auf den ersten Blick weder süchtig noch abhängig sind? Der amerikanische Franziskanerpater und weltbekannte geistliche Lehrer Richard Rohr behauptet, dass wir alle in irgendeiner Form abhängig sind. In einer Leistungs- und Konsumgesellschaft sind es häufig Anerkennung, Erfolg und Wohlstand, eingefleischte Gewohnheiten, fixierte Verhaltensmuster und vor allem unser Selbstbild und unsere festgefahrenen Meinungen, die uns die wirkliche Freiheit nehmen, die uns Jesus verheißen hat. Rohr meint, das Programm der Anonymen Alkoholiker sei der wesentlichste Beitrag Amerikas zur Spiritualität. Es gibt keinen Menschen, der nicht irgendwie abhängig ist, und sei es noch so versteckt. Und er zeigt die Parallelen zwischen dem Evangelium und diesem Programm:

Jesus ruft Menschen in die Nachfolge, damals wie heute. Nachfolge bedeutet zunächst, nüchtern jene Bindungen zu entdecken, die uns auf dem Weg zu Gott blockieren, unsere Denk- und Verhaltensmuster. »Ändert eure Einstellung und Ausrichtung!«: So könnte man den Ruf zu Umkehr und Buße wörtlich übersetzen, der am Anfang seines Wirkens steht. Jesus selbst ist diesen Weg vorangegangen. Er hielt an nichts fest, er »entäußerte« sich seiner Göttlichkeit, wurde Mensch wie wir und gab sein Leben hin im Vertrauen auf Gott. Wer sein Leben festhält, wird es verlieren. Wer anhaftet, bleibt unfrei. Die Gute Nachricht Jesu lautet, dass es eine Alternative gibt, eine Freiheit, die Gott dem schenkt, der sich selbst loslässt.

Das evangelische Fastenmotto 2017 lautet »Sieben Wochen ohne Sofort«. Das bedeutet unter anderem: ohne sich dem Zwang zu beugen, sich sofort alle Wünsche zu erfüllen. Es geht um die Chance, sich von Gott unterbrechen zu lassen, innezuhalten und neue Formen der Lebendigkeit und des Glücks zu erspüren. Wir alle brauchen das. Die Fastenzeit birgt eine große Chance.

Andreas Ebert

Der Autor ist bayerischer Pfarrer und leitet das Spirituelle Zentrum Sankt Martin in München.

Die zwölf Schritte

  1. Anerkennen, dass man seiner Abhängigkeit gegenüber machtlos ist.
  2. Zum Glauben kommen, dass nur eine höhere Macht die eigene Gesundheit wiederherstellen kann. Ursprünglich wurde in diesem Zusammenhang von »Gott« gesprochen. Um aber auch für nicht religiöse Menschen offen zu sein, wählten die Gründer der Bewegung schließlich diese Formulierung.
  3. Den Entschluss fassen, seinen Willen und sein Leben der Sorge Gottes (wie ihn jeder versteht) anzuvertrauen.
  4. Eine gründliche und schonungslose »Inventur« des eigenen Lebens vornehmen.
  5. Vor sich selbst und einem anderen Menschen gegenüber sein bisheriges Fehlverhalten eingestehen.
  6. Die Bereitschaft, lebensfeindliche Verhaltensweisen von Gott entfernen zu lassen.
  7. Demütig darum bitten, dass Gott all solche »chronischen, das Leben behindernden Verhaltensweisen« beseitigt.
  8. Auflistung aller Personen, denen man durch die eigenen Abhängig­keiten Schaden zugefügt hat, und die Bereitschaft und den Willen zur Wiedergutmachung entwickeln.
  9. Wo immer möglich, die Menschen entschädigen, außer, wenn sie oder andere dadurch verletzt würden.
  10. Die »innere Inventur« ständig fortsetzen und zugeben, wenn man im Unrecht ist.
  11. Durch Gebet und Meditation versuchen, die Beziehung zu Gott, wie ihn jeder versteht, zu vertiefen und um die Erkenntnis beten, seinen Willen zu sehen und die Kraft zu bekommen, ihn umzusetzen.
  12. Nach dem selbst erfahrenen »geistlichen Erwachen« versuchen, die Botschaft von der Veränderung an andere Betroffene weiterzugeben und seinen Alltag nach den Grundsätzen der 12 Schritte auszurichten.

Fürsprecherin der Frauen

28. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

»Was ist denn fair?« – unter diesem Motto steht der Weltgebetstag am 3. März. Die Liturgie dazu stammt in diesem Jahr von den Philippinen. Schwester Mary John Mananzan kommt aus Manila und setzt sich für bessere Lebensbedingungen von Frauen ein.

In der Flagge der Philippinen steht die Farbe Rot für Mut, Tapferkeit, Ritterlichkeit und Entschlossenheit. So gesehen ist die 80-jährige Ordensschwester Mary John Mananzan eine echte Filipina. Zeit ihres Lebens setzt sich die Missionsbenediktinerin für Bildung und die Rechte der Frauen ein. Sie arbeitet als Lehrerin, Dekanin, leitete sechs Jahre das St. Scholastica’s College, eine der größten Mädchenschulen in Manila, und prägt die Arbeit von einer Vereinigung von Theologinnen und Theologen der Dritten Welt.

Auf ihre Initiative hin entstand das Institut für Frauenstudien in Manila, deren Direktorin sie ist. Schwester Mary John ist weltweit vernetzt. Befragt nach ihrem stärksten Credo, sagt sie sehr entschieden: »Ich bin eine betende und wirkende Mystikerin, und das ist für mich kein Widerspruch.«

Gottvertrauen und Gerechtigkeitssinn: Mit ihrem Tatendrang hat die 1937 geborene Schwester Mary John Mananzan in den vergangenen Jahrzehnten so viel erreicht, dass sie anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Weltfrauentages 2011 in den Kreis der 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt aufgenommen wurde. Foto: Brigitte Jähnigen

Gottvertrauen und Gerechtigkeitssinn: Mit ihrem Tatendrang hat die 1937 geborene Schwester Mary John Mananzan in den vergangenen Jahrzehnten so viel erreicht, dass sie anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Weltfrauentages 2011 in den Kreis der 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt aufgenommen wurde. Foto: Brigitte Jähnigen

Frauen auf den Philippinen, wo sich 81 Prozent zur römisch-katholischen Konfession bekennen, lebten in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft; zur Genderpolitik gehöre die Aufklärung der Männer. In bisher 500 Seminaren hat Schwester Mary John mit Männern zur Gleichberechtigung der Geschlechter gearbeitet. Begonnen hat sie mit Professoren, Polizisten, Seminaristen, Priestern.

Es sei nicht die Natur des Mannes, Frauen zu unterdrücken, es sei die Prägung durch die patriarchalische Gesellschaft. »Ich habe ihnen gesagt, über Generationen wird an euer Unterbewusstsein weitergegeben, ihr hättet ein absolutes Recht auf den Leib und Geist der Frauen«, berichtet sie. Nur so sei Vergewaltigung möglich. »Die Männer, die die Kurse besucht haben, waren befreit, sie haben erlebt, auch sie dürfen menschlich sein, zart.«

Mary Johns dunkle Augen schimmern warm, wenn sie erzählt. Ihre Bewegungen sind lebhaft, und wenn sie lacht, dann aus vollem Herzen. Und man nimmt ihr sofort ab, dass sie sich auch mit ihrer eigenen Kirche anlegt, wenn sie sagt, dass Frauen bessere Priesterinnen als Männer wären, weil sie weniger engstirnig als diese seien.Schwester Mary John nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn sie über moderne Sklaverei spricht. Auch wenn das Land wirtschaftlich zu den aufstrebenden sogenannten »Next Eleven«-Staaten gehört, arbeiten zehn Millionen Filipinos als Gastarbeiter im Ausland. Die Mehrheit sind Frauen, die mit ihrem Lohn als Krankenschwester, Hausangestellte, Kindermädchen oder im Service ihre Familien in der Heimat unterstützen.

Im Jahre 2009 waren es 17 Milliarden Dollar, die per Überweisung aus dem Ausland in die Präsidialrepublik gingen. »Die Kinder der Frauen, die ins Ausland gehen, bleiben bei den Großeltern zurück, viele Familien zerbrechen, die Schüler, die in unseren Schulen zu psychologischen Beratungen kommen, sind zu 90 Prozent Kinder, deren Eltern im Ausland leben«, sagt Schwester Mary John.

In einer eigenen Fernsehshow hat die Ordensfrau Schicksale von Frauen vorgestellt, die im Ausland misshandelt wurden. »Einer dieser Vorfälle passierte in Riad: Arbeitgeber vergewaltigten ihre philippinischen Angestellten, sie entkamen, flohen auf eine Polizeistation«, berichtet Schwester Mary John. Dort seien sie erneut vergewaltigt und zum Konsulat gebracht worden, wo man ihnen ein Rückflugticket anbot unter der Bedingung, zu Hause als Prostituierte zu arbeiten. »Die Ehemänner haben sie verlassen, die Frauen kümmern sich um ihre Kinder, Arbeit hatten sie nicht«, sagt die 80-Jährige.

Über das katholische Missionswerk Missio wurde beispielsweise ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem die Frauen mit einem kleinen Kredit einen sogenannten Sari-Sari-Shop eröffneten, einen Kiosk. »Darüber bin ich sehr glücklich«, sagt sie.

Doch die eigentliche Ursache der Migration ist ökonomischer Natur. Ein Viertel der Bevölkerung lebt in extremer Armut – Wolkenkratzer und Slums in großer Nähe geben ein Bild der Zerrissenheit der Gesellschaft. Frauen gingen ins Ausland, um ihre Familien zu ernähren. »Mehr Arbeitsplätze zu schaffen, ist politisch nicht gewollt, über die Philippine Overseas Employment Administration (POEA) ist die Regierung an der Arbeitsmigration beteiligt«, nennt Schwester Mary John Fakten. Im Ausland würden den Frauen meist die Pässe weggenommen, manche machten Knochenjobs, immer wieder würden Frauen vergewaltigt, das sei moderne Sklaverei.

Präsident Dutertes Drogen-Krieg mit über 7 000 Todesopfern bringt die Philippinen immer wieder in die Schlagzeilen. »Ich bin für Krieg gegen Drogen, aber mit anderen Methoden«, sagt Schwester Mary John. »Die Kirche hat Hilfe und Beratung angeboten, Selbstjustiz durch Polizisten und Privatpersonen sind keine Wahl«, so die engagierte Ordensfrau.

Das weibliche Selbstbewusstsein zu stärken, dafür sitzen auf den Philippinen Bäuerinnen, Arbeiterinnen und Frauen aus Slums auf der Schulbank. Feministisch-theologische Studien können mit einem akademischen Abschluss gekrönt werden. »Die Frauenbewegung auf den Philippinen ist stark, in ›Gabriela‹, dem nationalen Frauen-Dachverband, sind alle vernetzt, wir sind weit gekommen, aber wir haben noch einen weiten Weg.«

»Nirgendwo gibt es eine Gesellschaft, die die völlige Gleichberechtigung von Frau und Mann kennt«, zieht Schwester Mary John Mananzan Bilanz. Und berichtet von ihrer Gastprofessur an der Johann-Wolfgang- Goethe-Universität Frankfurt am Main im Jahr 2002. Beim Eröffnungsgottesdienst habe sie die jungen Frauen herausgefordert. »Warum habt ihr kein Interesse am Feminismus, eure Großmütter und Mütter haben dafür gekämpft«, habe sie die Zuhörerinnen gefragt. Die anschließende Diskussion sei »heiß« gewesen.

Brigitte Jähnigen

Info: Schwester Mary John Mananzan trat mit 19 Jahren in den Orden der Missionsbenediktinerinnen von Tutzing ein, studierte in Münster und Rom Theologie.

Was das Glück des Menschen ausmacht

28. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Glaubenskurs zur Theologie Martin Luthers: »Sola gratia« – allein aus Gnade

Dass es ein von irdischen Ambitionen, Machenschaften und Willensakten unabhängiges Institut geben könnte, geht es um die Erreichung oder Herstellung von individuellem oder gesellschaftlichem Glück, ist dem säkularisierten, von Gott entfremdeten Menschen des 21. Jahrhunderts nicht nur einfach unverständlich und fremd: Es empört ihn, bis in die tägliche Anspruchsformulierung hinein, ob politisch ausgedrückt, ideologisch oder hedonistisch-psychotisch. Die Moderne suggeriert dem Menschen in diesem Sinne nicht nur ein Recht auf wunschloses Glücklichsein weit über die Befriedigung elementarer sozialer Bedürfnisse hinaus, sie glaubt auch, Mittel, Wege und Methoden zu finden, das Ziel zu erreichen und eine Art Paradies auf Erden errichten zu können. Doch die jeweiligen individuellen wie kollektiven Bilanzen sehen unvermindert anders aus, defizitär, enttäuschend, katastrophisch: Das Glück des Einzelnen und aller bleibt aus strukturbösem Grund gleichmäßig ungleich verteilt, und der von der modernen Philosophie dafür verwendete Kontingenz-Begriff ist nichts anderes als ein Kapitulationsterminus.
GuA-03-2017An diesem Punkt kommt für den Christen ein Begriff ins Spiel, den wir in der Gegenwart fast nur noch aus dem Bereich von Rechtswissenschaft und -praxis kennen: Gnade. Gnadenrecht ist eine juristische Kategorie, es anwenden zu können, muss man Staatsoberhaupt sein oder Regierungschef. Doch der Christ weiß, dass das Institut der Gnade ein von Gott selbst gestiftetes, über den Glauben an Christus ins Dauernde erneuertes ist – ein Heilsinstitut, die durch den Sündenfall bewirkte »Entzweiung im Ursprung« (Dietrich Bonhoeffer) zwischen Gott und Mensch zu überwinden, bezogen eben nicht nur auf den Sünder im engeren Sinne, den kriminellen Straftäter, sondern auf jeden von uns: Den Sünder im Allgemeinen, den gott- und damit menschenfernen Egoisten, wie ihn die Confessio Augustana in ihrem 4. Artikel voraussetzt: »Die Menschen können vor Gott nicht gerechtfertigt werden durch eigene Kräfte, Verdienste oder Werke, sondern sie werden ohne ihr Zutun gerechtfertigt um Christi willen durch den Glauben, wenn sie gewiss sind, dass sie in die Gnade aufgenommen und ihre Sünden vergeben werden.«

Luther argumentierte an diesem Punkt zeitlebens radikal, in der Spur des Kirchenvaters Augustinus: »Hatte noch vor dem Sündenfall für den Menschen ein posse non peccare gegolten, der Mensch also die Fähigkeit besessen, nicht zu sündigen, so hatte der Sündenfall dies ganz und gar unter ein negatives Vorzeichen gestellt […] Von nun an galt für den Menschen ein non posse non peccare.« (Volker Leppin). Er argumentierte so aber nicht, um den Menschen kleinzumachen, ihn zu destruieren zu einem Fatalismusbündel – er wollte ihn umwenden und aufrichten, von sich ab, hin zu Gott, von dem allein, eben über dessen Gnadenerweis ohne Vorleistung, ohne Berechenbarkeit, ohne Werkgerechtigkeit, das Heil des Menschen bewirkt wird: Es geht um das Gottesverhältnis des Menschen, seine ständige Erneuerung im Glauben an Christus, die ein Teil der ihm immer zuvorkommenden Gnade ist. Erst aus dieser Konstellation kann der Mensch und Glaubende deuten und annehmen, was ihm geschieht.

Erst aus dieser Verbindung, die aus einer radikalen und unaufgebbaren Zuwendung Gottes zum Menschen erwächst, wird erkennbar, was den Grund des Glücks, das der Mensch erfährt, ausmacht: Es ist die Gerechtigkeit Gottes, die den struktursündigen Menschen gerecht macht, also ins erfahrene Heil versetzt, macht er ihn damit doch zu einem, der ihm, Gott, recht gibt.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden vor.

Das Lachen – in die Wiege gelegt

27. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Lachen ist eine besondere Begabung des Menschen. Doch zeitweise stellte das Christentum die dem Menschen in die Wiege gelegte Gabe in Frage. Eine Geschichte des Lachens.

Lachen ist eine besondere Begabung des Menschen. Diese Erkenntnis wird dem griechischen Philosophen und Platon-Schüler Aristoteles zugeschrieben. Kein Wunder, denn für die antiken Griechen und Römer gehörte das Lachen zum Alltag. Darüber wurde nie nachgedacht. Doch mit dem Christentum entwickelte sich eine erste große Debatte über die Funktion des Lachens. So argumentierten viele Kirchenmänner, Jesus habe nie gelacht. Zumindest finden sich in der Bibel dafür keine Belege. Lachen also, folgerten sie daraus, sei dem Menschen fremd, zumindest dem Christenmenschen. Unter Mönchen zum Beispiel war das Lachen jahrhundertelang verpönt.

Die Einstellung der Kirche änderte sich

Mit der Zeit aber änderte sich die Einstellung der Kirche. Es wurde üblich, die Gläubigen im Ostergottesdienst zum Lachen zu bringen. So wie man heute in vielen Gottesdiensten zu Fastnacht versucht, die Kirchgänger mit Mundart-Predigten oder witzigen Glaubensbekenntnissen zu unterhalten, war es jetzt kirchliches Ziel, die mit der Auferstehung Jesu verbundene Freude am höchsten Fest im Kirchenjahr deutlich zu artikulieren. Im Zeitalter der Gegenreformation setzten die Jesuiten auf die Kraft des Lachens, indem sie während ihrer Predigten dem des Schreibens und Lesens meist unkundigen Kirchenvolk Karikaturen zeigten, Grimassen schnitten und Witze machten. Das Lachen wurde immer gesellschaftsfähiger, ehe es mit dem reformierten Karneval Anfang des 19. Jahrhunderts ein ganz neues Ventil fand. Mit dem Kabarett und später der Comedy gab es schließlich ganz neue Plattformen zum Lachen. Endedes 20. Jahrhunderts war so die Spaßgesellschaft geboren.

Foto: Diana Steinbauer

Foto: Diana Steinbauer

Heute sorgt eine Armada professioneller Witzbolde für die Bespaßung der Gesellschaft, die freilich immer weniger lacht. Unter Erwachsenen, so sind sich die Lachforscher einig, schwindet das Lachen immer mehr. Das liegt nicht nur an der mangelnden Qualität des Witzes, der viele Zeitgenossen heute via Smartphone fast im Sekundentakt erreicht, sondern vor allem auch an der Art unserer Kommunikation. Denn Lachen entfaltet seine Kraft nur in der Gemeinschaft. Ein gewichtiger Grund, wirklich Witziges aus dem Internet sofort mit anderen zu teilen.

Inzwischen haben sich weltweit mehr als 200 Forscher auf die Spuren des Lachens geheftet. Evolutionsbiologen zum Beispiel gehen längst davon aus, dass das Lachen älter ist als unsere Sprache.

Dem Menschen, das ist eindeutig bewiesen, werden Lächeln und Lachen in die Wiege gelegt. Sie sind in uns gespeichert, weshalb auch Menschen, die taubstumm zur Welt kommen, herzhaft lachen können. Das Lächeln der Neugeborenen ist noch ein Reflex, spätestens nach sechs Wochen aber tritt an seine Stelle ein echtes Lächeln. Es wird all denen zuteil, die mit dem Säugling Kontakt aufnehmen. Damit ist aber auch klar, dass Lachen nach Interaktion verlangt.

Interessant ist, dass rund 80 Prozent aller Lacher nicht auf einem Witz oder einer Pointe basieren. »Wir lachen nicht, weil etwas lustig ist, sondern vor allem, um soziale Bindungen aufzubauen, weil wir dabei schöne Dinge teilen und mitteilen wollen«, sagt der Humanbiologe Carsten Niemitz. Lachen sei eine nonverbale Sprache, mit der sich schon die Steinzeitmenschen verständigt hätten. Wenn sie gemeinsam lachten, teilte jeder jedem mit, dass es ihm gut gehe.

Heilsame Begleiterscheinungen

»Lachen ist gesund«, heißt es im Volksmund. Viele Eltern kitzeln deshalb ihre Kinder an den Füßen. Schon der griechische Philosoph Sokrates aber merkte, dass Kitzeln nur bis zu einem gewissen Grad angenehm ist und danach in Schmerz übergehen kann. So ziehen Kinder auch in der Regel ihren Fuß zurück, wenn sie die Erwachsenen an der Sohle kitzeln. Wenn nicht, baut der Körper über das Kleinhirn eine Spannung auf, die schließlich über das Zwerchfell als Lachen abgeführt wird.

»Das Lachen hat dann etwas Eruptives, Krampfhaftes«, erklärt der Kulturwissenschaftler und Lachforscher Rainer Stollmann. »Es ist wie ein epileptischer Anfall, der Spaß macht. Bliebe er aus, würde das Kitzeln sofort zum Schmerz führen, doch durch das Ablachen der Spannung gewinnen wir noch etwas Zeit, bis er kommt.«

Ein Witz kommt ohne Körperberührung aus. Trotzdem wirkt er, so Stollmann, über unsere »Vernunft-Haut« ähnlich wie das Kitzeln. Auch er baut Spannung auf, die sich schließlich im Lachen entlädt. Manche Lachforscher sind deshalb der Ansicht, ein paar Minuten Lachen hätte dieselben Effekte wie 20 Minuten Joggen.

Lachen allein aber macht nicht gesund. Es sind vielmehr seine Begleiterscheinungen, die heilsam sind. Denn weil wir beim Lachen tiefer atmen, wird der ganze Körper besser mit Sauerstoff versorgt. Darüber freut sich das Immunsystem, das unseren Körper gegen Bakterien und Viren schützt. Das Blut, das man lachenden Testpersonen abnahm, enthielt deutlich mehr Abwehrstoffe als das Blut der nicht lachenden Kontrollgruppe. Schon wenige Minuten nach einem Lachanfall stellt sich im Körper zudem eine anhaltende Entspannungsphase ein. Der Blutdruck sinkt, Stresshormone werden weniger. Allerdings, schränkt die Wissenschaft ein, wirkt nicht jedes Lachen entspannend. Brechen wir in Gelächter aus, weil wir uns wohlfühlen, hat dies andere emotionale Wirkungen, als wenn wir aus Schadenfreude oder Verlegenheit lachen.

Günter Schenk

Sie kann sich nicht verzeihen

27. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Vergebung ist ein großes Geschenk – Heike Liebsch kann es für sich nicht an-nehmen. Als SED-Funktionärin wollte sie Brücken zur Kirche bauen. Dass dabei ihr Gewissen vor der Partei kapitulierte, verzeiht sie sich nie.

Ob die Kirchenzeitung wirklich über sie schreiben wolle? Sie fragt das zweifelnd am Telefon, ernst, ohne alle Koketterie. »Ich gehöre doch zu den Bösen.«

Es gab da ein Gespräch, im Winter der abebbenden Revolution von 1989. Da hat Heike Liebsch, die Mitarbeiterin für Staatspolitik in Kirchenfragen beim Rat des Stadtbezirks Dresden-Mitte, dem Superintendenten Christof Ziemer ihre Stasi-Gespräche offenbart. »Jetzt ist Heilung möglich«, sagte der Theologe. Vergebung. Heike Liebsch dachte nur: »Als könnte man einen Genickschuss heilen!« Von der Schuld, dem Verrat, auch dem Verrat an sich selbst.

Die Kugel für den Schuss flog bereits, als sie jung war. Der Sozialismus musste ja verteidigt werden. Ihre Mutter Oberleutnant bei der Volkspolizei, ihr Vater auch Genosse, ihr Großvater hatte in einem der ersten KZs gelitten. Gott und Glaube? Alles von der Wissenschaft widerlegt, dachte sie damals. »Das ist Opium des Volkes, das war für mich ein Glaubenssatz.« Ein anderer Glaubenssatz betraf die Menschenfreundlichkeit des Sozialismus. Sie glaubte mit heißem Herzen.

Die Kugel flog, da war sie Lehrling in der Druckerei und FDJ-Sekretärin. Schießlehrerin war sie auch. Einen Christen erkannte sie daran, dass er mit dem Luftgewehr neben die Zielscheibe schoss. Es war die Zeit der Atomraketenangst, es war 1982. Sie schmuggelte zwischen den Druck von Korrekturfahnen ein paar Flugblätter, in denen sie zu einem Friedensmarsch aufrief. Freunde von ihr waren Christen und trugen später die »Schwerter zu Pflugscharen«-Aufnäher, es kam ihr nur absurd vor, ideologische Gräben zu ziehen beim Kampf für den Frieden. Micha, Jesaja? Die Kommunistin Heike Liebsch begann, die Bibel zu lesen. Sie wollte es wissen.

Dann flog die Kugel über linoleumbelegtes Büroland. Mit 22 bezog die junge Genossin Heike 1986 ihren Schreibtisch im Stadtbezirk Dresden-Mitte. Sie hängte ein Bild von Gorbatschow neben dem des Papstes an die Wand.

Die Aufgaben einer Mitarbeiterin für Kirchenfragen im SED-System waren so: Kontrollgänge zu kirchlichen Schaukästen, um bei politischen Äußerungen auf Mäßigung zu dringen; Konfirmanden zum Abitur zuzulassen oder abzulehnen; bei Bau- und sonstigen Fragen zwischen Staat und Kirche zu vermitteln – und mindestens vier Gespräche im Jahr mit jedem Pfarrer in ihrem Gebiet.

»Sie hat nie verheimlicht, auf welcher Seite sie stand – aber ich habe sie immer als einen um die Wahrheit ringenden, suchenden Menschen erlebt«, erinnert sich Pfarrer Matthias Weismann, heute Superintendent im Leipziger Land. Auch der reformierte Pfarrer Klaus Vesting saß einer nachdenklichen Frau gegenüber. »Bei ihr konnte man kritische Dinge anbringen, ohne dass gleich die Keule der Staatsmacht kam.«

Die Staatsmacht war trotzdem im Boot. Die Kugel flog schneller. Nach jedem Pfarrergespräch schrieb Heike Liebsch einen Bericht an das Ministerium für Staatssicherheit. Und einmal im Vierteljahr betrat sie eine ohne Geschmack eingerichtete Wohnung in einer Gasse, in der sie ein Offizier zum Gespräch empfing. »Er hat mir immer recht gegeben, wenn ich am Verzweifeln war über die SED – das waren die Einzigen, mit denen ich über alles reden konnte. Und ich war süchtig nach Anerkennung.«

Der Offizier hatte sie, es war gut kalkuliert. Einmal im Jahr gab es eine Vase oder einen Kerzenständer oder 200 Mark.

Die Kugel trat in dem Moment ein, als sie spürte: »Ich verrate die Wärme an die Kälte.« Die Pfarrer, die sie sehr schätzte und von denen sie manches lernte. Ihre Hoffnung, Verständnis zwischen SED und Kirche zu wecken, auch manchem Kirchenmitarbeiter zu helfen.

Sie sah beides als Gnade an. Selbstbetrug nennt sie es heute. Sie tippte weiter Berichte, sie sicherten ihr Anerkennung, Aussicht auf eine Karriere und nebenbei ein Philosophiestudium. »Ich war ein Feigling und habe geholfen, das System am Laufen zu halten«, sagt sie heute. Da entstand der Bruch in ihr.

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

Als im Herbst 1989 die Demonstranten Kerzen auf Dresdens Straßen trugen, lief sie wie ein gefangenes Tier in der Bürokratenburg der Macht umher, inspizierte Schaukästen an den Kirchen, Friedensgebete. Schlaflose Nächte. »Die Wut muss raus aus mir, diese Verzweiflung. Niemand kann etwas dafür – außer ich selbst«, notierte sie in ihr Tagebuch. »Und ob ich schuldig geworden bin!«

Wenige Wochen später ging sie zu den Pfarrern und bekannte ihnen ihre Berichte. »Dass diese Leute damals Protokolle für die Stasi geschrieben haben, war uns doch klar«, sagt Pfarrer Klaus Vesting. In seinen Akten hat er keinen Bericht von Heike Liebsch gefunden. Einige Pfarrer waren ebenso wenig überrascht, manche Verbindung blieb bis heute.
Zu einem anderen Theologen zerbrach das Verhältnis. Sie verstand, aber es schmerzte.

Die Kugel steckte jetzt in ihr. Man fragte sie in den Wirren des Umbruchs, den sie selbst als Befreiung empfand, ob sie nicht Pressesprecherin der Stadt werden wolle. Sie wurde lieber Pförtnerin. Zwei Jahre lang.

»Ich habe gelernt, dass ich anfällig bin für Macht – also halte ich mich davon fern. Ich will nicht wieder in Versuchung kommen«, das ist ihre Lehre. Sie nimmt sie sehr ernst. Baute den jüdischen Kulturverein »Hatikva« in Dresden mit auf, erforschte die jüdischen Friedhöfe. Zwei Jahre lang fuhr sie nachts Taxi. Manchmal geht sie am Sabbat in die Synagoge.

Sie betet dort nicht. Aber dass es keinen Gott gibt, würde sie heute auch nicht mehr sagen. Sie sagt: Wer weiß? Nur scheut sie eine neue Wahrheit, nachdem ihr alter Glaube sie in den Verrat geführt hat. Als Stadtführerin zeigt sie ihren Gästen heute die Synagoge und auch Kirchen.

Nein, Buße sei all das nicht. »Seine Schuld kriegt man nicht los«, sagt sie. »Ich konnte nichts ungeschehen machen, nichts wiedergutmachen. Wie sollte das auch gehen?« Ihr Kopf weiß, dass Vergebung ein großes Geschenk sein kann. Sich selbst zu vergeben, hat ihr Herz nie geschafft. Die Kugel steckt fest und schmerzt.

Eine ihrer Stadtführungen beginnt an den spärlichen Überresten der von der DDR gesprengten Jakobikirche. Ein Fragment im Freien, mehr nicht. Ruinen, sagt sie, sind ehrlich.

Andreas Roth

Mal keine Hiobsbotschaften

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Ein junger Mann entscheidet sich, in Jerusalem Mönch zu werden – und setzt sich damit zwischen alle Stühle.

Es ist leider schon zur Binsenwahrheit geworden: dass es im Heiligen Land sehr unheilig zugeht. Die Nachrichtenlage ist schlecht. Der Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern stockt. Auf beiden Seiten scheinen die Scharfmacher das Sagen zu haben. Und die Religion, so will man meinen, dient in dem Konflikt eher als Brandbeschleuniger denn als Friedensstifter.

Doch es lohnt sich, den Blick einmal wegzulenken von der Nachrichtenlage und zu schauen, was sich jenseits der Eskalation in diesem besonderen Land tut. Da stößt man zum Beispiel auf den deutschen Benediktinermönch Nikodemus. Er hat sich mit 24 Jahren nicht nur für das Mönchsein, sondern auch für ein Leben im Benediktinerkloster »Dormitio Abtei« auf dem Jerusalemer Zionsberg entschieden. In seinem Buch »Zuhause im Niemandsland« erzählt der heute 38-Jährige davon – und von den vielen kleinen Begegnungen und Situationen, die eine neue Sicht eröffnen. Ganz entgegen der gängigen Klischees berichtet Nikodemus von viel Nähe, Herzlichkeit und Solidarität zwischen den Vertretern der drei abrahamitischen Religionen. Nach der Lektüre dieses Buches keimt eine leise Zuversicht auf: dass doch noch nicht alle Wege zum friedlichen Miteinander im Heiligen Land verbaut sind. Und dass es in diesem Konflikt nicht nur ein Schwarz-Weiß-Bild gibt.

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Denn bisweilen fühlt man sich ja als Christ in Deutschland dazu gedrängt, entschieden Partei für eine Seite zu ergreifen: für Israel oder für die Palästinenser. In beiden Fällen lautet das Hauptargument, man müsse klar und deutlich an der Seite der Opfer stehen. Pater Nikodemus verwischt diese scharfen Grenzziehungen auf erfrischende Art. Er erzählt ganz konkret vom Leid und den Ängsten beider Parteien des Konflikts und weckt Mitgefühl mit den Opfern beider Seiten. So formuliert er auch gleich am Anfang den Zweck seines Buches: dass er zu einer Sichtweise einladen will, die weder proisraelisch noch propalästinensisch, sondern pro Mensch sei.

Dabei wäre es auch für Nikodemus nicht schwer, in Resignation oder gar Hass zu verfallen. Denn das aufgeheizte Klima in Jerusalem richtet sich auch gegen Christen. Es geschehe oft, dass er auf seinen Wegen durch Jerusalem von ultraorthodoxen Juden angespuckt werde, schreibt Nikodemus. In seiner Mönchskutte sei er ein wandelndes Feindbild für die strengreligiösen Juden, die Jerusalem für sich allein beanspruchen. Auch die Klostermauern werden regelmäßig mit feindseligen Sprüchen wie »Tod den Christen« beschmiert. Teile der Schwesterkirche am Ort der Brotvermehrung am See Genezareth wurden sogar durch einen Brandanschlag vor zwei Jahren zerstört.

»Die Kirchen von Jerusalem sind momentan auf dem besten Weg, wieder eine Kirche unter dem Kreuz zu werden«, schreibt Nikodemus. Er sieht genau darin seine Aufgabe: ein Zeichen der Liebe zu setzen inmitten des Hasses. »Wenn wir angegriffen werden, weil wir Christen sind, wollen wir darauf auch wie Christen reagieren, nämlich mit der Bereitschaft zur Versöhnung«, schreibt er. Deshalb bauen sie keine Sicherheitszäune um ihre Kirchen, sondern bleiben offen und gastfreundlich.

Und wie durch ein zweites Vermehrungswunder konnten mittlerweile ausreichend Spenden zusammengetragen werden, um den hohen Sachschaden an der Brotvermehrungskirche zu beheben. Israels Staatspräsident Reuven Rivlin sagte bei der Wiedereröffnung des Klosters Tabgha am vergangenen Wochenende: Das sei ein Zeichen dafür, dass der Hass nicht gesiegt hat.

Genau daran möchte Nikodemus mitwirken. Er wünscht sich, dass nicht die Radikalen das Erscheinungsbild einer Religion prägen. Es sei wie beim Fußball, wo man zwischen Fans und Hooligans unterscheiden müsse. Jeder, der im Namen welcher Religion auch immer als Gewalttäter oder Scharfmacher auftrete, habe nichts mit der eigentlichen Religion zu tun. »Wahre Religiosität, die Gott sucht, schenkt nämlich den demütig realistischen Blick, dass der andere genauso geliebt ist wie ich selbst.« Nikodemus zufolge gehe es bei der Religion um Gott- und nicht um Identitätssuche. Also sei nicht die Abgrenzung zu den anderen entscheidend, sondern die Leidenschaft einer persönlichen Gottesbeziehung.

Genau diese Leidenschaft des Glaubens legt Nikodemus an den Tag. Sogar die Gründung einer eigenen Familie hat er dafür geopfert. Immer wieder wird er deshalb von jüdischen Gläubigen angefragt: Warum folgt er nicht dem Vermehrungsgebot der Bibel? Nikodemus antwortet dann: »Wir glauben wie ihr ja an ein Leben bei Gott nach dem Tod. Dann werden wir nicht mehr heiraten oder verheiratet sein. Gott allein genügt dann in jeder Hinsicht. Wir Mönche leben hier auf Erden schon so, als ob wir im Himmel wären.« Und wie auch der Zionsberg, auf dem sein Kloster steht, zum biblischen Symbol der endzeitlichen Völkerzusammenkunft ist, glaubt Nikodemus an das Miteinander der Menschen und Völker. »Wahrscheinlich ist dies der Königsweg jeglicher Friedensbemühungen: den anderen, den Fremden, vor allem als Mitmenschen zu sehen. Und der Königsweg aller Kriegstreiber ist wohl die Dehumanisierung des anderen, des Fremden, dem man sein Menschsein abzusprechen und in ihm ein Monster zu sehen versucht.«

Doch nicht die dauernde Umarmung und demonstrative Nähe der verschiedenen Religionen und Völker sei der Weg zum Frieden. Es käme auf die große Kunst an, aneinander vorbei zu leben. Genau dafür gebe der Alltag in Jerusalem eigentlich ein sehr gelingendes Beispiel. Dieses Buch ist endlich einmal keine Hiobsbotschaft aus dem Heiligen Land.

Stefan Seidel

Pater Nikodemus Schnabel: Zuhause im Niemandsland. Herbig Verlag, 176 S., ISBN 978-3-7766-2744-2, 20 Euro

Es gibt keine Alternative!

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Katharina Luther – Am 22. Februar um 20.15 Uhr zeigt das Erste den Fernsehfilm. Karoline Schuch spielt die Hauptrolle der Katharina von Bora. Amet Bick sprach mit der Schauspielerin.

Frau Schuch, Katharina von Bora hatte als entflohene Nonne weder soziale Sicherheit noch Ansehen. Der einzige Ausweg, der ihr blieb, war, so schnell wie möglich zu heiraten. Im Film wirkt es so, als sei Martin Luther der einzig mögliche Kandidat für sie gewesen. War es eine Liebesheirat?
Schuch:
Das hat sich für mich jedenfalls nicht so angefühlt. Ich glaube auch, dass eine Liebesheirat, so wie wir sie uns heute vorstellen und wünschen, im Mittelalter noch äußerst selten war. In meiner Vorstellung hat sich aber nach der Hochzeit zwischen Katharina und Martin eine starke und vertrauensvolle Liebe entwickelt – was ein großes Glück war.

Katharina ist in dem Film eine zupackende, energische und kluge Frau, die wie eine Löwin für ihre Familie kämpft. Sie spielen sie aber auch als eitle und gelegentlich harte Frau. Meinen Sie, Katharina eignet sich zur Heldin?
Schuch:
Eine Frau muss nicht immer gefällig und freundlich sein, um Großes zu leisten, ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass wir Frauen uns oft selbst im Weg stehen, weil wir uns zu sehr über die möglichen Befindlichkeiten anderer Gedanken machen. Katharina hat die vielen Dinge in ihrem Leben nur durch die ihr eigene Art erreichen können, und ich finde das toll.

Gibt es etwas, wofür Sie sie bewundern, etwas, das Sie an dieser Frau besonders beeindruckt?
Schuch:
Ein »ganzes« Leben zu wollen, so wie es Katharina und Martin im Film mehrmals als Lebensziel für sich formulieren, finde ich sehr beeindruckend. Dieses »ganze« Leben ist natürlich Auslegungssache und jeder kann für sich formulieren, was zu diesem Leben dazugehört. Für Katharina war es vor allem, eine Familie zu gründen und nach Gottes Geboten zu leben, immer verbunden mit der Bereitschaft, die Bedingungen zu ändern, wenn sich dieses Leben nicht mehr richtig angefühlt hat.

Katharina und Martin Luther erscheinen in dem Film als sehr emanzipiertes Paar. Für wie realistisch halten Sie das angesichts der Restriktionen jener Zeit?
Schuch:
Das ist doch gerade ihr Vermächtnis, in diesem wirklich düsteren Zeitalter der Angst und Restriktionen neue Wege zu gehen und Altes zu überwinden. Sie waren als Familie das Abbild der gelebten Reformation, die ja nicht nur die Kirche betraf, sondern gerade und besonders das zwischenmenschliche Zusammenleben. Mit allen Schwierigkeiten, die dieses neue Leben natürlich beinhaltete.

Wie ausführlich haben Sie sich für den Film mit der Biografie und den Lebensbedingungen von Katharina auseinandergesetzt?
Schuch:
Ich habe mich lange und viel mit allen möglichen Dingen beschäftigt, habe historische Romane gelesen, war an den Orten ihres Lebens, in Nimbschen, Wittenberg, Torgau. Ich habe eine Woche im Kloster gelebt und den Gebetszeiten der Zisterzienserinnen beigewohnt, das war wunderbar. Ich habe außerdem einen Schauspielcoach, mit dem ich seit vielen Jahren arbeite, mit dem ich mich viel und lange mit Katharinas Gefühlswelt beschäftigt habe.

Katharina und die anderen geflohenen Nonnen kommen in Wittenberg an. Martin Luther begrüßt Katharina von Bora. Foto: MDR/EIKON Süd/Junghans

Katharina und die anderen geflohenen Nonnen kommen in Wittenberg an. Martin Luther begrüßt Katharina von Bora. Foto: MDR/EIKON Süd/Junghans

Was hat Sie bei der Beschäftigung mit ihr besonders überrascht?
Schuch:
Ich wusste ja anfangs nicht mal, dass Martin Luther überhaupt eine Frau und so viele Kinder gehabt hat, das war mir völlig neu. Erstaunt war ich, dass keinerlei Dinge von ihr, also weder schriftliche Dokumente noch Briefe, aufgehoben wurden. Ich bin überzeugt, dass sie viele gute, auch verschriftlichte Gedanken hatte. Dass sie damals nicht aufbewahrenswert gewesen sind, entspricht natürlich der Zeit, ich finde es aber auch ärgerlich und vor allem sehr schade.

Die Angst vor der Hölle und dem Teufel, vor Strafe für begangene Sünden war damals sehr groß. Ist das ein Thema, das Sie beschäftigt? Oder sagen Sie, Luther sei Dank, das spielt heute keine Rolle mehr?
Schuch:
Wenn uns heute Schlechtes widerfährt, dann denken wir immer noch: Was habe ich getan, dass mir das passieren musste? Diesen Gedanken kenne ich. Das Unglück, das uns widerfährt, nennen wir vielleicht nicht mehr Teufel, sondern zum Beispiel »schlechtes Karma«. Dieser ganze Schuld-und-Sühne-Apparat ist nicht mehr so existent wie damals und der Ablasshandel ist zum Glück verboten. Aber die Menschen brauchen nach wie vor Dinge, an die sie glauben können und die ihnen Halt geben.

Katharina stand im Schatten ihres Mannes, war nach seinem Tod lange vergessen. Meinen Sie, sie hat auch unabhängig von ihrem Mann eine Botschaft für uns heute?
Schuch:
Was wir von ihr lernen können, ist, dass es wichtig ist zu wissen, wie man leben möchte. Wenn man sich darüber im Klaren ist und Zustände bemerkt, die dazu beitragen oder dies behindern, dann ist man auf einem guten Weg. Gleichzeitig ist es wichtig, dass man das, was man liebt und wofür man gekämpft hat, behütet und beschützt. Es gibt für Katharina keine Alternative zum »ganzen« Leben. Das mag ich sehr.

Mit der Regisseurin Julia von Heinz und dem Schauspieler Devid Striesow haben Sie 2015 den Film »Ich bin dann mal weg« gedreht, in dem es um eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg geht – im weitesten Sinne also auch um ein religiöses Thema. Zufall oder Absicht?
Schuch:
Das ist natürlich Zufall und beide Filme könnten ja unterschiedlicher nicht sein. Mit Julia und Devid würde ich so gut wie jeden Film drehen, ich habe beide wirklich sehr gern.

Verheißungsvoller Rausschmiss

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Der Schlusssegen: Seine wegweisende Bedeutung im Gottesdienst

Manchmal komme ich nur zum Gottesdienst, um am Ende mit dem Segen nach Hause gehen zu können …«, gestand mir eine Gottesdienstbesucherin beim Abschied an der Kirchentür. Man muss kein magisches (Miss-)Verständnis des Segens befürchten, wenn sich solche großen Erwartungen an die liturgischen Schlussworte des Gottesdienstes knüpfen. Denn gerade darin, dass wir gesegnet aus den schützenden Kirchenmauern hinausgeworfen werden, besteht die buchstäblich wegweisende Bedeutung des Segens. Als Gesegnete verlassen wir den Gottesdienstraum anders, als wir ihn betreten haben.

Segnen – ein Ritual auf der Schwelle

Wie jeder Segen, so ist auch und gerade der gottesdienstliche Schlusssegen ein Schwellenritual, eine rites de passage. Nie sind wir segensbedürftiger als in den Schwellensituationen unseres Lebens. Der Segen am Ende des Gottesdienstes markiert den Übergang aus der Gemeinschaft der Feiernden in den bald wieder anbrechenden Alltag des je eigenen Lebens, um dessen Gelingen wir besorgt sind, weil wir es nicht selbst in der Hand haben. Die im Gottesdienst (hoffentlich!) mit allen Sinnen leiblich erfahrene Gegenwart und Lebenskraft Gottes wird im Segen jedem und jeder so zugesprochen, dass sie auch im Alltag trägt und nährt. Darum ist das Segnen nicht nur ein Mund-, sondern auch ein Handwerk. Zum Segenswort gehört die Segensgeste, der sichtbare, buchstäblich mit Händen zu greifende Zuspruch des Segens der erhobenen oder berührenden Hände der Segnenden und die geöffneten, leeren Hände der Empfangenden. Segnen nimmt nicht nur unsere Ohren in Anspruch. Mit allen Fasern unseres Herzens und allen Poren unserer Haut darf Gottes Nähe erfahren werden.

Segnen – ein intensives Adieu-Sagen

Der gottesdienstliche Schlusssegen erinnert als Abschiedsgruß daran, dass einst jeder Gruß ein Segen war. Einander zum Segen zu werden, beginnt also dort, wo wir uns gegenseitig grüßen. Der Gruß ist die elementare Form des Segnens. Denn Segnen geschieht, wo wir die Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen und den übrigen Mitgeschöpfen durchbrechen, wo wir anderen Beachtung und Aufmerksamkeit schenken, sie nicht übersehen oder achtlos an ihnen vorübergehen: im zugewandten Blick, im erhobenen Gesicht, mit einer Geste oder einem Lächeln. Im Gruß drückt sich ein unverkennbares Interesse an der Geschichte, am Tun und Ergehen des anderen aus. Im Gruß würdigen wir einander, geben einander Gewicht und Bedeutung, behandeln uns nicht wie Luft. Und genau das ist die biblische Grundbedeutung des Segnens: jemandem Würde, Gewicht und Ehre geben. Fluchen dagegen heißt, jemanden leicht nehmen, links liegen lassen, seiner Würde berauben.

Die Mutter segnet ihre Tochter vor dem Weg zur Schule mit dem Kreuzeszeichen. Foto: Rainer Oettel

Die Mutter segnet ihre Tochter vor dem Weg zur Schule mit dem Kreuzeszeichen. Foto: Rainer Oettel

Mit dem Segen wird uns am Ende des Gottesdienstes Adieu gesagt: Adieu ist ein Zu-Gott-Hin, das den anderen oder die andere Gott anvertraut und überlässt. Segnend Adieu sagen zu können und gesagt zu bekommen, befreit von Allmachtsfantasien, entlastet von der Vorstellung, alles zu können, über alles zu verfügen und alles im Griff zu haben. Wer Adieu sagt und so die Aufbrechenden segnet, weiß um die eigenen Grenzen und setzt zugleich auf die immer noch größeren Möglichkeiten Gottes. Adieu – Gott befohlen!

Leben zur Genüge unter dem Angesicht Gottes

Viele verbinden mit dem gottesdienstlichen Schlusssegen die Worte des aaronitischen Priestersegens vom leuch­tenden Angesicht Gottes in 4. Mose 6,24–26. Es war Martin Luther, der in der Deutschen Messe von 1526 diese Segensworte Israels für den christlichen Gottesdienst wiederentdeckt hat, indem er die drei Zeilen dieses Segens trinitarisch gedeutet hat: »GOTT segne dich und behüte dich« – der Segen Gottes, des Vaters, der die Schöpfung nicht sich selbst überlässt und kein einziges Geschöpf preisgibt. »Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig« – der Segen des Got­tessohnes, der das Licht der Gnade in das Todesschattenland unserer Welt bringt. »Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden« – der Segen des Heiligen Geistes, des Trösters und Friedensstifters. Tersteegen hat Luthers Auslegung dieser dreifältigen Segensschnur zu dem Lied verdichtet: »Brunn alles Heils, dich ehren wir« (EG 140).

Unter Gottes leuchtendem Angesicht bleiben die miteinander verbunden, die nach dem Gottesdienst auseinandergehen. Dass dieser Segen in Frieden mündet, zeigt, dass Segnen mehr und anderes ist als schöne Worte machen. Segnen bedeutet, den empfangenen Segen mit anderen zu teilen, auf dass alle genug haben und vergnügt sein können. Denn Schalom, das Schlusswort des aaronitischen Segens, heißt Genüge. Der gottesdienstliche Schlusssegen begabt zum Gottesdienst im Alltag der Welt, die nach Gottes gerechter Lebensfülle hungert und dürstet. Gottes Segen kennt keine Obergrenzen.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist Professorin für Systematische Theologie/Dogmatik und Religionsphilosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Bern.

Segnen ist Gottes Leidenschaft

20. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

»Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein« – ein Impuls zu Gottes Verheißung an Abraham.

Wenn Gott segnet, gibt er aus seiner göttlichen Lebensfülle. Es ist seine Art, großzügig, ja fast verschwenderisch zu schenken. Segen ist göttliches Leben. Segen ist nur ein anderes Wort für Gnade, vielleicht leichter verständlich. Weil es Gottes Leidenschaft ist, uns Gutes zu tun, hält er Ausschau nach Menschen, die sich nach seinem Segen sehnen:

Die Geschichte Abrahams handelt davon. »Ich will dich segnen.« Mit diesem Segenszuspruch kommt Gott dem suchenden Abraham entgegen. Damit lockt er Abraham in ein Leben des Vertrauens. Abraham hört es und ist davon tief getroffen. Er bewegt dieses Wort und es lässt ihn nicht mehr los: »Ich will dich segnen.«

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Abraham sucht die Einsamkeit, um dieses Wort zu knacken. Aber das Wort knackt ihn. Er wagt es, sich auf diese Stimme einzulassen. Er wagt zu glauben. Sein Segensweg beginnt mit einem Abschied. Und Gott sagt ihm auch konkret, was er loslassen muss: sein Vaterland, seine Verwandtschaft, das Haus seines Vaters. Also alles, was ihm bisher Halt und Schutz gegeben hat. Gott ruft ihn aus seiner bisherigen Existenz in eine neue, aus einem bekannten Land in ein unbekanntes. Und Abraham hat nur eine einzige Brücke, das Wort der Verheißung, das er vernommen hat. »Ich will dich segnen.« Über diese Brücke geht er nun. So ist der Segen bei Abraham mit dem Schmerz des Abschieds verbunden. Abraham wagt es trotzdem. Er packt zusammen und bricht auf. So öffnet er sich für den großen Segen, den Gott ihm versprochen hat.

Abraham hätte das große Angebot auch ablehnen und überhören können. Er hätte in der Geborgenheit der Familie, in der Sicherheit seiner Sippen und bei den üblichen religiösen Traditionen bleiben können. Doch Abraham entscheidet sich für den Segen. Er muss es ertragen, dass andere ihn für einen Narren halten. Er geht weiter über die Schmerzgrenze hinaus in die Freiheit, in die Gott ihn ruft.

Natürlich kennt er auch Stunden, in denen er unsicher ist, nichts sieht und Fehler macht. Aber die segnende Gegenwart ist jedesmal größer als sein Versagen. Mit jedem Schritt geht Abraham tiefer hinein in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott. Durch Jesus Christus, der ja der verheißene Nachkomme Abrahams ist, weitet sich der Lebens- und Segensstrom hin zu allen Völkern der Erde. Das Kreuz Jesu ist die universale Dimension des göttlichen Segens.

Segnen ist bis heute Gottes große Leidenschaft. Wer die Segensfülle empfangen will, kommt wie Abraham um einen Abschied nicht herum. Wir vergessen das leicht. Wer tiefer in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott einsteigen will, dem sagt Gott, wo er ausziehen soll. Vielleicht ist es eine Gewohnheit, die mir schadet, eine Beziehung, die mich abhängig gemacht hat, ein negatives Verhalten wie Rückzug oder Unversöhnlichkeit. Fragen wir Gott, er wird es deutlich machen.

Schauen wir jetzt noch auf den zweiten Teil der Verheißung: »Du sollst ein Segen sein.« Oder einfach: Werde ein Segen! Ein Segen für andere sein, ist eine schöne Berufung. Wie aber kommen wir in diese Berufung hinein, Segen zu sein? Sicher nicht dadurch, dass wir uns jetzt vornehmen, uns anzustrengen und mehr für andere zu tun.

Ein Segen sein, ein Segen werden, da geht es um unser Sein, nicht ums Tun, ums Machen. Vielleicht heißt ein Segen werden zuerst einmal weniger tun und mich daran freuen, wer ich vor Gott bin. Wenn wir wie Abraham aus der Freundschaft mit dem ewigen Gott leben, werden wir Menschen, die das Wunder der Zeitvermehrung erfahren. Bin ich ein Mensch, der wieder Zeit hat?

Dann bin ich vielleicht schon ein Segen, ohne etwas Besonderes zu machen. Wer aus der Freundschaft mit Gott lebt, der wird voraussichtlich freundlich. Wer sich die Liebe Gottes gefallen lässt, wird voraussichtlich liebevoll. Wer vor Gottes Augen Gnade gefunden hat, wird mit anderen gnädig sein. Wer von Gott gesegnet ist, wird voraussichtlich ein Segen sein.

Ein Segen sein, das heißt: Ich bin jemand, der segnet. »Segnen heißt, die Hand auf etwas legen und sagen, du gehörst trotz allem Gott.« (Dietrich Bonhoeffer) Segnen kann jeder, der glaubt. Segnen ist an kein bestimmtes Amt gebunden.

Im Alten Testament war es die Aufgabe der Priester, den Segen aufs Volk Gottes zu legen. Im Neuen Testament gibt Jesus seinen Jüngern den Auftrag, alle Menschen zu segnen. Jeder Christ darf zum Beispiel seine Nachbarn und Arbeitskollegen segnen. Jeder Vater darf seine Kinder segnen. Wenn wir mit dem Segnen ernst machen, wird sich die Atmosphäre in der Familie und im Geschäft voraussichtlich verändern. Wenn wir einen Menschen segnen, stellen wir ihn in eine Beziehung zu Gott.

Wie wir Segen weitergeben, das kann sehr vielfältig sein: Gute Gedanken über einem Menschen wirken Segen; jeder Gruß ist ursprünglich ein Segen (»Grüß Gott« meint: Jetzt grüßt dich Gott) – aber das ist uns meistens nicht mehr bewusst; es gibt auch die segnende Berührung – die Hand auf den Kopf oder auf die Schulter legen und ein gutes Wort sprechen; es gibt den segnenden Blick, die segnende Geste, den Segenswunsch. Der Zuspruch einer Segensverheißung setzt heute genauso wie bei Abraham in einem Menschen Glaubenskraft frei.

Jesus befiehlt seinen Jüngern auch, die zu segnen, die ihnen fluchen. Die Segensmacht Gottes ist stärker als jeder Fluch. Als Jesus am Kreuz starb, hat er Fluch in Segen verwandelt.

Ich schließe damit, was Dietrich Bonhoeffer über Segen gesagt hat: »Wer selbst gesegnet wurde, der kann nicht anders, als diesen Segen weitergeben, ja, er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden. Dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.«

Barbara-Sibille Stephan

Die Autorin ist Schwester in der Christusbruderschaft Selbitz und zurzeit im Aidshilfeprojekt der Communität in Südafrika tätig.

Wissen und Glauben gehören zusammen

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gerhard Ackermann, der Physiker und Astronom, ehemals Professor an der Berliner Beuth-Hochschule, beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie. Darüber sprach er mit Tilman Asmus Fischer.

Herr Ackermann, Naturwissenschaft und Glaube werden oft als Gegensatz verstanden. Vor welchen Fragen stehen beide jedoch gemeinsam?
Ackermann:
Es gibt eine Frage, die bis heute nicht ausdiskutiert ist. Die Theologen nennen es Theodizee. Und von den Naturwissenschaften her würde ich sagen, dazu passt am besten das sogenannte Anthropische Prinzip in seiner starken Form. Dieses sagt aus, dass alle Naturkonstanten so beschaffen sind, dass es irgendwann im Rahmen der Evolution zu denkfähigen Geschöpfen wie dem Menschen kommen musste. Dieses Prinzip so zu formulieren, heißt: Da muss jemand sein. Den Naturwissenschaftlern ist dabei sicher unwohl. Wenn man das sagt, tritt man aus den Naturwissenschaften heraus. Das Anthropische Prinzip ist gewissermaßen die Grenze zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Keiner von uns weiß, warum die Naturkonstanten anders sein sollten, aber auch keiner weiß, warum sie so sind, wie sie sind. Wir stoßen da an eine Wand, die man offenbar nicht durchstoßen kann.

Verbirgt sich Gott hinter dieser Wand?
Ackermann:
Nein. Er verbirgt sich nicht hinter dieser Wand, er ist das alles – ist nicht irgendwo, sondern mittendrin. Und er hat viel mehr geschaffen, als wir uns überhaupt vorstellen können.

Was machen naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dem persönlichen Glauben der Menschen?
Ackermann:
Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind eine Möglichkeit, die Inhalte des eigenen Glaubens zu testen. Und wenn ich mich etwa über das Alte Testament oder das apostolische Glaubensbekenntnis kritisch äußere, hat das damit zu tun, dass deren Weltbild gar nicht zu diesen Erkenntnissen passen will. Wir sind daher auf der Suche nach einer Erneuerung der theologischen Aussagen.

Das naturwissenschaftliche Weltbild ist das, was existiert – die Welt, in der wir sind. Und das muss doch mit dem Wichtigsten, was wir haben, nämlich unserem Glauben und unseren heiligen Schriften, in Einklang sein. Wenn wir aber in etwa 500 Jahren Reformation nicht dazu gekommen sind, in diese Richtung Fortschritte zu machen, dann ist das ein großer Fehler.

Welche Rolle käme bei einer »Erneuerung der theologischen Aussagen« der Naturwissenschaft zu?
Ackermann:
Der Naturwissenschaftler könnte ein Korrektiv für allzu märchenhafte Aussagen sein, die von anderen historisch orientierten Fakultäten zu­sammengetragen werden. Das ist nicht abwertend gemeint, aber es ist einfach so, dass die Naturwissenschaften rechnen, bestimmen, messen und sagen: »So ist es« oder »So ist es nicht«. Man nehme nur den oft behaupteten Gegensatz von Darwinscher Theorie und Schöpfungsbericht: Als ob Gott etwas anderes wäre als die Darwinsche Theorie! Gottes Weg, die Menschen zu schaffen, war eben ein bisschen anders als es in der Bibel steht. Er hat diesen Weg gewählt, der uns bis heute aus Einzellern vor siebenhundert Milliarden Jahren entwickelt hat. Wer kann denn ein solches Konzept sonst entwickeln? Wenn ich an Gott glaube, dann muss ich auch annehmen, dass das alles seine Idee war.

Kommen die Naturwissenschaften als Korrektiv der Theologie ihrerseits ohne eigene vorausgesetzte »Glaubenssätze« aus?
Ackermann:
Naturwissenschaften sind nicht voraussetzungslos, sondern arbeiten alle mit bestimmten Annahmen. Es ist ja auch so, dass die Geschichte der Naturwissenschaften zeigt, dass sich diese Annahmen immer wieder gewandelt haben, da bisher für wahr Gehaltenes aufgegeben werden musste. So ging die Elektrotechnik des 19. Jahrhunderts noch vom Äther als einer Substanz aus, in der sich elektromagnetische Wellen fortsetzen können – etwa das Licht von Sternen. Man konnte sich nicht vorstellen, dass sich Wellen ohne ein Medium, das sie bewegen, fortpflanzen können.

Das war ein Glaubenssatz der Physiker – und solche Glaubenssätze, davon bin ich überzeugt, gibt es auch heute noch in der Physik. Diese beziehen sich vor allem auf den Urknall und die Frage dunkler Materie und Energie. Daher sollte man als Naturwissenschaftler auch die nötige Bescheidenheit haben, zu sagen: »Ich weiß, es könnte auch anders sein, weil ich eine bestimmte Größe noch gar nicht richtig fassen kann.«

Ist dies eine Einsicht, die eine spezifisch naturwissenschaftliche Religiosität eröffnet?
Ackermann:
Es ist schwierig, das so allgemein zu sagen. Als Naturwissenschaftler weiß ich um die Grenzen der Erkenntnis. Aber ich setze Gott nicht hinter diese Grenze, sondern ich sage: Das, was ich erkenne, das sind eigentlich nur die Wunder, die es wirklich gibt. Wenn ich einen Löwenzahn auf der Wiese blühen sehe, ist er strahlend gelb. Ich weiß, dass Gelb im Spektrum eigentlich die schwächste Farbe ist. Aber indem der Löwenzahn Grün und Rot zu einem glänzenden Gelb-Weiß mischt, kann er so strahlen. Und wenn ich so etwas entdeckt habe, dann ist das für mich ein Wunder und bleibt ein Wunder, eben auch, wenn ich es erklären kann.

Naturwissenschaftliche Erklärungen machen das Wunder nicht kleiner?
Ackermann:
Die Vorstellung, dass Wunder immer so sein müssen, dass man sie nicht erklären kann, geht an der Wirklichkeit des Glaubens genauso vorbei wie an derjenigen des Wissens. Wissen und Glauben gehören zusammen und stehen in einer Wechselwirkung. Vielleicht sind die Naturwissenschaftler manchmal die Gläubigsten, wenn sie hinter etwas her sind und es im Labor oder am Himmel, wo auch immer, unbedingt finden wollen. Sie haben eine Idee, wie das sein kann, und plötzlich finden sie es. Das sind Momente, um derentwillen man eigentlich Naturwissenschaften studiert. Davon gibt es vielleicht drei oder vier im Leben. Das ist einfach wunderbar. Der Rest ist harte Arbeit. Am Ende kann man jedes Wunder erklären. Das tut dem Wunder keinen Abbruch, höchstens unserer Vorstellung von Wundern. Die biblischen Wunder hatten seinerzeit eine Funktion, die sie heute nicht mehr haben. Entscheidend ist heute vielmehr,
was Jesus verkündet und gelehrt hat.

Gilt dies auch für Tod und Auferstehung Jesu? Fällt mit diesem unerklärlichen Ereignis nicht auch die Zusage eines Lebens nach dem Tod?
Ackermann:
Der Tod ist für mich naturwissenschaftlich eine Singularität. Singularität ist ein Zustand, bei dem die Vorgeschichte und die Geschichte, die danach kommt, nicht miteinander zusammenhängen. Viele Dinge des Endes kann man schon physikalisch erklären. Manche Naturwissenschaftler setzen hinter den Tod einen Punkt. Das war das Leben. Das war alles. Mich bringt diese Situation zur Singularität. Und ich bin überzeugt, es geht danach in mir unbekannter Form weiter. Das kann ich niemandem erklären. Zu dieser Einsicht muss jeder selber kommen. Da kann man nur hoffen – und ich hoffe schon.

Ist das der entscheidende Punkt, wo wir – jenseits des bleibenden Wertes der biblischen Ethik – auf eine uns gegebene Zusage vertrauen müssen?
Ackermann:
Das ist tatsächlich ein Punkt, an dem man vertrauen muss. Ich vertraue darauf, denn was sollte das alles im Hier und Jetzt sonst? Das ist freilich teleologisch, aber kann man sich wirklich vorstellen, dass der Tod das Ende ist? Vorstellen kann man es sich eigentlich nicht. Man könnte es nur wissen. Aber das Wissen hört an dieser Stelle auf – das ist das Dramatische. Das ist eine Nagelprobe, die man naturwissenschaftlich nicht bestehen kann.

Für wen sind die Kirchentage gedacht?

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Im Mai finden in acht Städten Mitteldeutschlands die Kirchentage auf dem Weg statt. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit dem Marketingchef des Trägervereins
für das Reformationsjubiläum, Christof Vetter.

Herr Vetter, wann sind die Kirchentage auf dem Weg eigentlich ein Erfolg?
Vetter:
Ich glaube, da muss man unterscheiden – zwischen dem inhaltlichen Erfolg und dem Zahlenerfolg. Der inhaltliche Erfolg wird dann eintreten, wenn wir es schaffen – und die Programme sehen so aus, als könnten wir das schaffen –, für die Region Mitteldeutschland Impulse zu setzen. Für die Menschen, die dort leben und für die Menschen, die dort bleiben, wenn wir wieder weg sind.

Und was ist mit dem Erfolg in Zahlen?
Vetter:
Wir haben Planzahlen, die insgesamt, für alle Kirchentage auf dem Weg, bei 80 000, der Größenordnung eines Kirchentags, liegen. Ob wir diese Planzahlen erreichen, ist eine kritische Frage, die man im Endeffekt erst danach beantworten kann.

Es wird Menschen geben, die sagen, zum Berliner Kirchentag gehe ich nicht – der ist mir zu groß. Für diese Menschen sind die Kirchentage auf dem Weg genau das Richtige. Kleiner, überschaubarer, intimer. Dazu kommen die Besucher aus der Region: Bei den letzten Kirchentagen in Dresden und in Stuttgart kamen unglaublich viele Menschen aus der unmittelbaren Umgebung.

Wofür lohnt es sich, eine Eintrittskarte zu kaufen? Viele Veranstaltungen finden doch im Freien statt?
Vetter:
Die Eintrittskarte lohnt sich zunächst mal unter dem Aspekt der Ehrlichkeit. Auch ein Kirchentag kostet Geld. Mit der Eintrittskarte trägt man sein Scherflein zum Gelingen der Veranstaltung bei. In den geschlossenen Räumen wird es, wie bei jedem anderen Kirchentag auch, Einlasskontrollen geben – die Open-Air-Veranstaltungen werden aber, wie bei jedem Kirchentag üblich, kostenfrei besuchbar sein. Wir freuen uns ja auch über Menschen, die nur eine Stunde oder eine halbe Stunde dabei sein können.

Und: Es gilt die traditionelle Kirchentagsregel – wer sich eine Eintrittskarte wirklich nicht leisten kann, kann sich beim Teilnehmendenservice melden, und dann finden wir eine Lösung.

Die Programme sind bei den Kirchentagen auf dem Weg unterschiedlich umfangreich. In Leipzig findet fast ein eigener Kirchentag statt. In kleineren Orten, wie Halle oder Dessau, wird es da nicht schwierig mit der Resonanz?
Vetter:
Ich glaube nicht, dass es in Dessau schwierig wird. Dort ist die anhaltische Landeskirche zu Hause – und diese Kirche ist wieder einmal hoch motiviert.

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Und Leipzig war ja schon Gastgeber für einen normalen Kirchentag und einen Katholikentag im letzten Jahr: Dort gibt es eine besondere Tradition – und in diesem Jahr noch einen besonderen Anreiz. Menschen, die miteinander Posaune, Trompete oder Tuba spielen, und im Festgottesdienst am 28. Mai in Wittenberg spielen, können sich dort schon einmal treffen und ein Konzert geben. Das ist natürlich ein Höhepunkt, den andere Städte nicht bieten können.Aber jeder Kirchentag hat ein eigenes, regional vorbereitetes Programm – und deswegen unterscheiden sich die Programme vor Ort auch.

Was ist aus Ihrer Sicht der Höhepunkt? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Vetter:
Der Höhepunkt ist natürlich der große Festgottesdienst in Wittenberg, wo die Besucher aus Berlin, von den Kirchentagen auf dem Weg und aus ganz Ostdeutschland zusammenkommen werden. Denn Wittenberg liegt gar nicht so weit weg, wie man immer denkt.

Von Braunschweig oder Hannover ist das eine normale Tagesreise. Da kann man früh morgens losfahren und zum Gottesdienst in Wittenberg dabei sein.

Faszinierend finde ich die öffentliche Darstellung der »Lichtgeschichte der Reformation« in Leipzig, das Theater auf der Elbe in Magdeburg, es gibt da ganz vieles …

Wer steckt denn eigentlich hinter dem Verein für das Reformationsjubiläum?
Vetter:
Das ist ganz einfach zu erklären: Hinter dem Trägerverein stecken der Deutsche Evangelische Kirchentag und der Rat der EKD. Beide haben den Verein gegründet. Heute gibt es dort knapp 100 hauptamtliche Mitarbeiter.

Manche machen gern Großveranstaltungen, andere lieben den Kirchentag und wieder andere haben Lust, bei etwas ganz Großem dabei zu sein.Und dann sind da die 180 Volunteers – die jungen Freiwilligen, die mit uns leben und arbeiten. Und die sind ganz stark dabei, die bringen ganz viele kreative Ideen mit ins Spiel.

Sprechen wir über den Festgottesdienst. Da gab es immer wieder einmal die Frage nach dem Sicherheitskonzept – wie steht es darum?
Vetter:
Da sind wir derzeit wenige Wochen vor der Fertigstellung. Es gibt einen klar definierten und mit den Behörden des Landes Sachsen-Anhalt, des Landkreises Wittenberg, der Stadt und den Bundesbehörden abgesprochenen Zeitrahmen.

Es war klar, es muss bis Ende Februar ein Organisationskonzept vorliegen. Dann wird man es mit den Behörden, mit denen man das entwickelt hat, noch einmal genau anschauen. Und dann werden wir die entscheidenden Teile, die die Menschen wirklich betreffen, auch in angemessener Form bekanntgeben und kommunizieren, sodass jeder, der vom Kirchentag auf dem Weg zum Abschlussgottesdienst kommt, der einen Tagesausflug dorthin macht oder der in Wittenberg selbst lebt, rechtzeitig erfährt, wie es für ihn ganz persönlich funktioniert.

www.r2017.org

Valentin kurbelt Blumenhandel an

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Der Valentinstag geht auf einen oder mehrere Märtyrer zurück

Der Valentinstag ist der Festtag der Verliebten und Brautleute, für Blumen- und Süßwarenhandel einer der umsatzstärksten Tage im Jahr. Und auch Hoteliers und Gastronomen rühren jährlich für romantische Abende auf ihren Zimmern oder in ihren Restaurants die Werbetrommel. Dabei berufen sich die Geschäftsleute bei ihren Offerten gern auf einen Heiligen namens Valentin, von dem allerdings niemand ganz genau weiß, ob es ihn überhaupt gegeben hat. Kein Wunder, dass die Kirche das Fest des heiligen Valentin Anfang der 1970er-Jahre vom Kirchenkalender strich. Nur in den Bistümern Mainz, Fulda und Limburg wird an seinem Gedenken noch festgehalten.

Dass Valentinus auch bei uns seine Anhänger hat, verdanken wir genau betrachtet der Mainzer Synode, die im Sommer 813 das Weihnachtsfest auf den 25. Dezember terminierte. Bis dahin feierte man Christi Geburt am 6. Januar – und 40 Tage später nach mosaischem Gesetz das Fest der Darstellung des Herrn (Mariä Lichtmess) am 14. Februar. Mit der Verlegung des Weihnachtsfestes entstand so eine kalendarische Lücke, die es schnell wieder zu füllen galt.

Noch heute gibt es in Worms am 14. Februar eine Valentinsprozession. Fotos: Günter Schenk

Noch heute gibt es in Worms am 14. Februar eine Valentinsprozession. Fotos: Günter Schenk

Da folgte man gern den Christen in Rom, die schon damals am 14. Februar eines Bischofs gedachten, der im 3. Jahrhundert im heutigen italienischen Städtchen Terni gelebt und als Märtyrer gestorben sein soll. Allerdings gab es in Rom einen weiteren Geistlichen namens Valentin, um den sich ebenfalls viele Legenden bildeten. So soll dieser frisch verheirateten Paaren gern Blumen aus seinem Garten geschenkt haben. Es ist eine von vielen erfundenen Geschichten, die manchem Blumenhändler am Valentinstag gern als Verkaufsargument dient.

Noch komplizierter wird die Geschichte, weil im Mittelalter ein weiterer Valentin aus Viterbo auftauchte, der im frühen vierten Jahrhundert ebenfalls als Märtyrer gestorben sein soll. Einige Historiker allerdings glauben, dass es sich bei allen Valentins wahrscheinlich um den gleichen handelt.

Schon im Hochmittelalter jedenfalls hatte Valentin vielerorts in Deutschland seine Verehrer. Vor allem am Rhein wie in Worms oder im Rheingau-Städtchen Kiedrich, wo der Heilige noch heute besondere Verehrung findet. So belegt schon anno 1311 ein Dokument in Worms das Gedenken an den Bischof von Terni, in der zum Andreasstift gehörenden Valentinuskapelle. Dort ausgestellte Valentinusreliquien sollen jährlich viele Tausend Wallfahrer gelockt haben.

Rudolf von Rüdesheim (1402–1482), Wormser Domdekan und späterer Bischof von Breslau, teilte die Wormser Reliquien schließlich weiter auf. 1454 schenkte er der Pfarrkirche Kiedrich, wo er zuvor als Pfarrherr tätig war, einen Teil der Wormser Valentinusknochen. Einen weiteren Teil nahm er mit nach Breslau, von wo sie schließlich ins heute polnische Kulm gelangten. Als die Wormser Reliquien im Gefolge des pfälzischen Erbfolgekrieges Ende des 17. Jahrhunderts verloren gingen, gaben die Kiedricher anno 1875 einen Teil der Reliquien wieder nach Worms zurück, wo man bereits Anfang des 19. Jahrhunderts die nach dem Verlust der Reliquien eingeschlafene Valentinuswallfahrt neu belebt hatte. Mit einem Hochamt und einer abendlichen Paarsegnung, die dem Patronat der Liebenden und Verlobten Rechnung trägt, wird der 14. Februar noch heute in der Nibelungenstadt groß gefeiert.

Gleich ein ganzes Valentinsskelett ruht in der Pfarrkirche St. Michael im schwäbischen Krumbach auf purpurroter Matratze in einem Glasschrein, eingehüllt in prächtig bestickte Gewänder. Und auch im Fuldaer Dom liegen angeblich Schenkelknochen des Heiligen, der gewöhnlich gegen die Fallsucht angerufen wird. Gegen epileptische Anfälle, die einst »Valentins-Krankheit« oder »Valentins-Plage« hießen.

Die bunten und duftenden Grüße der Männer an ihre Frauen aber, die den Blumenhändlern Jahr für Jahr gute Umsätze garantieren, fußen nicht in kirchlichem, sondern einem eher weltlichen Brauch, der sich im Mittelalter in England entwickelte. Dort führte man zum Valentinstag Paare zusammen, häufig wie beim Mailehen durch Losentscheid. Durch kleine Geschenke oder Gedichte versicherten sie sich ihrer Liebe: eine Art Partnerbörse war das, die erste Frühlingsgefühle kanalisierte. Vermutlich im späten 17. Jahrhundert wurde es schließlich mehr und mehr Sitte, im Rahmen dieser Kontakte Blumen zu verschenken. Ein Brauch, den Europas Auswanderer mit nach Amerika nahmen, von wo er Anfang der 1950er-Jahre wieder nach Deutschland zurückkehrte. Hier stationierte US-Soldaten gehörten zu seinen ersten Anhängern, die am Valentines Day ihre Frauen mit Geschenken überraschten.

Günter Schenk

Unterwegs auf dem Stationenweg

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Der Europäische Stationenweg zum Reformationsjubiläum knüpft ein Band zwischen 68 Orten. In dieser Ausgabe machen wir Station bei den osteuropäischen Nachbarn.

Von Böhmen über Siebenbürgen bis nach Polen – die Ideen von Martin Luther, Jan Hus und vielen anderen beeinflussen Menschen und Gesellschaften auch östlich der heutigen Grenzen Deutschlands.

Praha (Prag): Schon mehr als 100 Jahre vor Martin Luther, fingen viele Theologen der Prager Universität an, den damaligen Stand der Kirche kritisch zu betrachten. Zum einen wurde die Dekadenz des klerikalen Establish­ments an den Pranger gestellt und mehr Nähe zu den einfachen Menschen gefordert. Gottesdienste auf Tschechisch wurden eingeführt. Zum anderen äußerten Professoren und Prediger wie Jan Hus Zweifel an der Idee einer universellen Kirche, die nach dem Prinzip der Konziliarität funktioniert, und nahmen stattdessen ein Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden in Anspruch. Zahlreiche Events und ein reiches Kulturangebot erinnerten 2015 an Hus’ Hinrichtung, und auch in diesem Jahr wird die böhmische Reformation in einem allgemein europäischen Kontext gefeiert.

Ljubljana (Laibach): Mehrere Ausstellungen über Luther und die Reformation werden ab April in der Burg sowie in der Nationalbibliothek organisiert. Am 8. Juni feiern die Slowenen den Priester Primož Trubar, der im 16. Jahrhundert das erste Buch in slowenischer Sprache schrieb. Am 30. Oktober folgt dann der Reformationstag mit offiziellen Feierlichkeiten und einem Gottesdienst in der Primož-Trubar-Kirche. Martin Luthers Biografie von Volker Leppin wird ebenfalls im Herbst ins Slowenische übersetzt.

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Puconci (Putzendorf): Der kleine Ort im extremen Nordosten Sloweniens mag heute mit nur 6 000 Einwohnern recht unbedeutend erscheinen, doch er war historisch eine der Hochburgen der evangelischen Kultur in dieser Region. Die erste lutherische Kirche wurde hier 1784 erbaut, als der Ort Teil der K.-u.-k.-Monarchie und stark ungarisch geprägt war. Die Mehrheit der Bevölkerung ist bis heute lutherisch.

Sibiu (Hermannstadt): Vor zehn Jahren war die Stadt im Süden Siebenbürgens Europäische Kulturhauptstadt, und das von den Siebenbürger Sachsen im 17. und 18. Jahrhundert gebaute historische Zentrum wurde vollständig und stilvoll renoviert. Die Bilanz des damaligen Bürgermeisters Klaus Johannis fanden die Rumänen so gut, dass sie den Politiker 2014 zum Staatspräsidenten wählten – und damit Geschichte schrieben, denn der deutschstämmige und evangelische Johannis gehört im stark orthodox geprägten Land in doppelter Hinsicht einer Minderheit an. Hermannstadt ist gleichzeitig die Hochburg der Evangelischen Kirche AB (Abkürzung für »Augsburgischen Bekenntnisses«), die trotz der massiven Auswanderung der Siebenbürger Sachsen bis heute eine wichtige kulturelle und zivilgesellschaftliche Rolle spielt.

Debrecen: Die ostungarische Stadt gehört zu den wichtigsten regionalen Zentren des Calvinismus, gut 20 Prozent der Ungarn bekennen sich zu den Lehren der Reformierten Kirche, die in diesem Jahr ihr 450. Jubiläum feiert. Im Juni findet dementsprechend ein feierliches Treffen des Generalkonvents statt, und im Oktober wird der Reformationstag gewürdigt. Eine neue ungarische Übersetzung des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses wird zu diesem Anlass offiziell präsentiert.

Sárvár (Kotenburg): Im Westen Ungarns stand die kleine Stadt am Anfang der Geschichte der ungarischen Reformation und wird auch das »ungarische Wittenberg« genannt. Hier wurde das erste Buch in der Landessprache gedruckt, und auch die erste ungarische Fassung des Neuen Testaments wurde hier 1541 herausgegeben. Mit nur 15 000 Einwohnern hat der Ort heute eher eine historische Bedeutung, aber für die Reformierte Kirche bleibt er ein wichtiger kultureller Bezugspunkt.

Sopron (Ödenburg): An der österreichischen Grenze gelegen, war diese Stadt im Sommer 1989 die Kulisse jener welthistorischen Ereignisse, die einige Monate danach zum Fall der Berliner Mauer führten. Zahlreiche DDR-Flüchtlinge konnten damals über Österreich nach Westdeutschland reisen, weil die ungarischen Grenzbeamten Menschlichkeit und gesunden Verstand zeigten. Ganz anders sieht es hier heute aus: Die rechtspopulistische Regierung von Viktor Orbán lässt Hunderte Schutzbedürftige an der Grenze
erfrieren. Auch die Arbeit der Kirchen, die helfen wollen, wird erschwert. Als wichtiges Zentrum der Reformation hätte Sopron Besseres verdient.

Cieszyn (Teschen): Die kleine Gemeinde im Süden Polens, nah an der heutigen Grenze zu Tschechien, war einer der insgesamt nur sechs Orte im historischen Schlesien, wo trotz offiziellen Katholizismus eine evangelische Kirche gebaut werden durfte. Dies geschah Anfang des 18. Jahrhunderts durch die »Gnade« des Kaisers Jo-
seph I., weshalb die Historiker von »schlesischen Gnadenkirchen« reden. Heute ist das damals gebaute Gotteshaus in Cieszyn das einzige, das noch als evangelische Kirche dient. Auch wenn sie im heutigen, stark katholisch geprägten Polen nur noch eine winzige Minderheit der Bevölkerung darstellen, haben die polnischen Lutheraner hier eine ihrer Diözesen.

Bardejov (Bartfeld): Im Norden der heutigen Slowakei gelegen, zog diese Stadt bereits im späten Mittelalter deutschsprachige Siedler an und wurde noch vor der Reformation dank des intensiven Handels zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Orte der Region. Im Laufe der späteren Geschichte lebten hier in der Regel katholische Slowaken und Ungarn mit evangelischen Deutschen, sowie mit Juden, Ukrainern und Roma zusammen. Wie so oft in Mittel- und Osteuropa war dieses Mit- oder Nebeneinander nicht immer friedlich. Heute wird in Bardejov kein Deutsch mehr gesprochen, aber mehr als sieben Prozent der Bevölkerung bekennt sich immer noch zum evangelischen Glauben. Der Stadtkern gehört zum UNESCO-Kulturerbe.

Wroclaw (Breslau): Die viertgrößte Stadt im heutigen Polen war während der frühen Reformation die Kulisse gewaltiger religiöser und politischer Auseinandersetzungen, in denen der Konflikt zwischen Hussiten und Katholiken ausgetragen wurde und in denen es auch um die Ernennung des evangelischen Theologen Johann Heß zum Pfarrer in der Magdalenenkirche ging. Später wurde die Stadt während des Dreißigjährigen Kriegs zum Teil zerstört. Noch später bedeutete die NS-Herrschaft die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und, in den späten 1940er-Jahren, auch das Ende einer langen deutschsprachigen, evangelisch geprägten Kulturtradition. Heute versucht die Stadt, im Geiste einer europäischen Identität wieder an diesen Multikulturalismus anzuknüpfen. Zahlreiche Events widmen sich 2017 der Reformation und ihrem Erbe.

Silviu Mihai

www.r2017.org/europaeischer-stationenweg

Inklusion auf Afrikanisch

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Sein rostiger Rollstuhl fährt durch enge Gänge und über kleine Stufen. Der fünfzehnjährige Kisekka rollt flink durch das kirchliche Krankenhaus am Rand der ugandischen Kleinstadt Mbarara.

Kisekkas grüner Rollstuhl ist eine Gebrauchtspende aus Europa. Auf den Schotterpisten der Umgebung des Krankenhauses kommt das alte Modell an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Die Gummischicht der kleinen Vorderräder ist fast völlig abgenutzt. Die Hinterräder haben kein Profil mehr, der Plastiküberzug des Sitzes hat viele Löcher. Aber noch funktioniert das Ding. »Früher bin ich auf dem Boden gekrochen«, erinnert sich der Junge. »Deshalb habe ich so viele Wunden an den Knien.«

Kisekka bleibt in einem Wartesaal, bis sich die Tür zum Behandlungsraum öffnet. Es ist Cindy, seine Therapeutin. Sie erklärt: »Kisekkas Lähmung ist eine Konsequenz seines eigentlichen Leidens, der Spina bifida, ein offener Rücken. Diese Fehlbildung wirkt sich auf seinen gesamten Unterkörper aus.«

Keine Berührungsängste mehr: Früher wurden Kinder mit Behinderung in Uganda stigmatisiert, heute lernt Kisekka (Mitte) Seite an Seite mit seinen Klassenkameraden. Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt. Fotos: Andreas Boueke

Keine Berührungsängste mehr: Früher wurden Kinder mit Behinderung in Uganda stigmatisiert, heute lernt Kisekka (Mitte) Seite an Seite mit seinen Klassenkameraden. Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt. Fotos: Andreas Boueke

Kisekka ist barfuß. Er trägt eine alte Schuluniform, die einzige, die er besitzt: gelbes Hemd, roter Pulli und kurze Hose. Seine Knie und Schienbeine sehen genauso geschunden aus wie der Rollstuhl. Am Tag zuvor hat der Auspuff eines Taxis die Haut an seinem Bein verschmort. Schwester Cindy verbindet die Wunde neu: »Er hat keinerlei Gefühl in seinen Beinen. Man könnte sie in Feuer legen und trotzdem spürt er nichts.«

Kisekka ist ein Waisenkind. Als er neun Jahre alt war, starben seine Eltern an Tuberkulose. Zwei Jahre lang haben ihn sein älterer Bruder und seine beiden Schwestern ernährt, obwohl sie selbst noch Kinder waren. Die vier Geschwister wohnten zusammen in einer alten Hütte aus Holz und Lehm unter einem dicken Strohdach. Von den Nachbarn bekamen die Kinder keine Hilfe. Die Dorfgemeinschaft hat sie nie richtig aufgenommen. Kisekkas Behinderung galt als Zeichen der Schande. Seine Stimme klingt traurig, wenn er von dieser Zeit erzählt: »Sie haben Angst vor Kindern wie mir. Sie halten uns für nutzlos, für verhext. Sie behaupten, Gott habe uns verflucht, er würde uns nicht akzeptieren. So ein Leben kann nicht gut sein.«

Viele der Narben an seinen Beinen erinnern an diese Jahre, während der er sich nur kriechend bewegen konnte. Als die Organisation OURS auf ihn aufmerksam wurde, war er unterernährt und verwahrlost. Zuerst behandelten die Ärzte seine Wunden und Deformationen. Schon bald ging es ihm deutlich besser. Dann bekam er seinen ersten Rollstuhl und ein Schulstipendium für das Internat der Ruharo Berufsschule, keine fünfhundert Meter von dem Krankenhaus entfernt.

Auf dem staubigen Weg vom Krankenhaus zum Internatsgebäude kommt Kisekka an einem kleinen Bolzplatz vorbei, auf dem einige Jungen mit einem selbst gemachten Ball aus zusammengebundenen Plastiktüten spielen. Die meisten sind barfuß, andere tragen Gummilatschen aus alten Autoreifen. »Tor!«, freut sich Kisekka mit dem Schützen. Nach dem Spiel bieten zwei Jungen ihm an, ihn zu schieben.

Der Direktor der Schule, Chinfred Matota, sitzt auf einem wackeligen Stuhl im Lehrerzimmer. »In unserem Land sind einige Schulen ausgewählt worden, behinderte Kinder zu unterstützen; in Mbarara war das unsere Schule«, erklärt er nicht ohne Stolz. Er berichtet, dass seine Ruharo Berufsschule die einzige Inklusionsschule des Bezirks ist. »Das Bewusstsein aller Kinder hat sich verändert. Sie sehen, dass auch Schüler mit Behinderung gute Leistungen bringen können. Und sie erzählen davon, wenn sie nach Hause fahren. Die Kinder fangen an, miteinander zu spielen. So merken alle, dass sie Freunde sein können.« Kisekka sei einer der besten Schüler seiner Klasse: »Deshalb glaube ich, dass er eine leuchtende Zukunft hat. Vielleicht wird er mal zu einem bekannten Fürsprecher für Kinder mit Behinderungen.«

Nachts schläft Kisekka in einem großen Saal. Zwölf Doppelbetten stehen so eng beieinander, dass kein Platz für Schränke oder Stühle bleibt. Kisekka schläft gerne in dem Saal: »Ich könnte sowieso nicht allein in einem Raum schlafen. Es gibt viele Gefahren, vor denen die anderen mich beschützen können. Manchmal wollen Diebe etwas in der Schule stehlen. Dann machen sie ein Feuer und alle rennen raus. Wenn so was passiert, können meine Kameraden mir helfen und meine Sachen aus dem brennenden Raum retten.«

Auch im Alltag ist Kisekka oft auf die Hilfe seiner Kameraden angewiesen. »Mit dem Essen bekomme ich meist Hilfe. Aber manchmal vergessen sie, meinen Teller mitzunehmen oder sie vergessen, mir ein Brot zu bringen. Wenn es dann nichts mehr in der Küche gibt, muss ich hungrig ins Bett gehen. So ist das halt.«

Mit Mädchen spricht Kisekka so gut wie nie. Im Süden Ugandas ist es nicht üblich, dass Jungen und Mädchen außerhalb des Unterrichts Kontakt haben. Trotzdem weiß die Klassensprecherin Nyakado Sara gut Bescheid über Kisekkas Situation: »Ich würde gerne mit ihm sprechen, aber das geht nicht. Ich bin ein Mädchen und er ist ein Junge. Das würde falsch aussehen.«

In der Ruharo Berufsschule ist der Sozialpädagoge Mana Djosam dafür zuständig, Kinder wie Kisekka unterstützend zu begleiten: »Früher haben die Eltern hier noch gedacht, ihre Kinder würden krank werden, wenn sie ein behindertes Kind berühren. Sie glaubten, es gäbe einen Fluch. Aber mit der Zeit glauben immer weniger Leute solche Sachen. Sie staunen, wenn sie sehen, dass Kisekka etwas bauen kann, am Computer arbeitet, etwas leistet, das dem Land nützt. Ich bin mir sicher, dass das Stigma überwunden werden kann, wenn alle sehen, welches Potenzial in diesen Kindern steckt.«

Andreas Boueke

Eindeutig und geradlinig

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Dr. Werner Leich, der frühere Thüringer Landesbischof, wird am 31. Januar 90 Jahre alt. Er lebt mit seiner Frau Trautel in Eisenach und stand den Redakteuren Michael von Hintzenstern und Willi Wild Rede und Antwort.

Das Ehepaar Trautel und Werner Leich. Die Kirchenzeitung gratuliert dem ehemaligen Thüringer Landesbischof herzlich zum 90. Geburtstag. Foto: Norman Meißner

Das Ehepaar Trautel und Werner Leich. Die Kirchenzeitung gratuliert dem ehemaligen Thüringer Landesbischof herzlich zum 90. Geburtstag. Foto: Norman Meißner

Herr Landesbischof Dr. Leich, wie geht es Ihnen?
Leich:
Man merkt das Alter, Schwäche und Vergesslichkeit nehmen zu. Aber solange wir als Ehepaar zusammen sind, geht’s mir gut. Das ist ein außergewöhnliches Geschenk Gottes. Wir sind 2017 65 Jahre verheiratet, eiserne Hochzeit, und die Liebe ist ungebrochen.

Sie haben Ihre Frau beim Tanzstundenball kennengelernt.
Leich:
Unsere Tanzstundenlehrerin hat jedes Jahr am 3. Weihnachtsfeiertag für die Ehemaligen einen Ball gegeben. Und dabei haben wir uns getroffen. Wir haben also nicht zusammen Tanzstunde gemacht, sondern wir waren beide Ehemalige.

Eine Tanzstunde hatte auch etwas mit Ihrer Berufsentscheidung zu tun.
Leich:
Bevor ich meine Frau kennengelernt habe, hatte ich mit einer Pfarrerstochter Tanzstunde gemacht. Bei ihr zu Hause, im Pfarrhaus, habe ich den Pfarrberuf kennengelernt. Und so entstand auf charmante Weise über die Tanzstunde der Wunsch, Pfarrer zu werden.

Ihr Studium in Marburg und Heidelberg war mit Hindernissen verbunden. Wie kamen Sie über die Grenze?
Leich:
Ich musste schwarz über die Grenze gehen. In Marburg habe ich dann unter anderem bei Professor Rudolf Bultmann studiert. In Heidelberg prägte mich Professor Edmund Schlink. Die Ökumene war sehr ausgeprägt. Nach zwei Semestern in Heidelberg habe ich bereits Examen gemacht. Viel früher als nötig, aber ich wollte zurück zu meiner Braut.

Während Ihrer Studentenzeit waren Sie auch mal Kohlekumpel in Gelsenkirchen. Wie kam es dazu?
Leich:
Nach der Währungsreform waren plötzlich alle Stipendien erloschen. Und um zu überleben, musste ich arbeiten. Es war nicht einfach, Arbeit zu bekommen. Da blieb nur das Bergwerk. Ich bin heute noch dankbar für die Erfahrung.

Rührt daher Ihr Interesse für den Fußballverein Schalke 04?
Leich:
Ja. Wissen Sie, damals gab es noch keine Fußballprofis. Ich kannte die Fußballer aus dem Bergwerk. Im Hauptberuf waren sie Kumpels und anschließend haben sie Fußball gespielt.

Mit all diesen Erfahrungen sind Sie wieder nach Thüringen zurückgegangen. Wie kamen Sie an Ihre erste Pfarrstelle?
Leich:
Zunächst war das in Angelroda (Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau). Dort waren wir nur drei Jahre. Damals bestand noch Pfarrermangel und so wurde ich auf eine größere Pfarrstelle nach Wurzbach (Kirchenkreis Schleiz) versetzt. Ich hatte gerade an meiner Doktorarbeit geschrieben. Aber Bischof Moritz Mitzenheim meinte: »Wir brauchen keine Doktoren, wir brauchen Pastoren.«

Bereits in Angelroda mussten Sie erfahren, dass der Staat Ihre Arbeit kritisch kontrollierte. Es gab Predigtkontrollen und Ihr Telefon wurde abgehört.
Leich:
Das ist dadurch aufgefallen, dass einmal ein Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes einen Zettel in der Kirche verloren hat, auf dem er alles notiert hatte, was seiner Meinung nach berichtenswert gewesen war.

Die Staatssicherheit war allgegenwärtig. Als junger Superintendent in Bad Lobenstein haben Sie Kriterien im Umgang mit der Stasi aufgestellt.
Leich:
Das waren drei Regeln: Keine Gespräche mit Mitarbeitern der Stasi unter vier Augen, keine Treffpunkte an neutralen Orten, kein Schweigeversprechen. Die drei Regeln standen sogar in meiner Stasi-Akte.

Ihre Wahl zum Landesbischof versuchte die Stasi zu verhindern. In Ihrer Amtszeit waren Sie dann von 17 Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) des Staatssicherheitsdienstes umringt. Hat sich eigentlich später einer bei Ihnen dafür entschuldigt?
Leich:
Bis auf eine Ausnahme ist keiner der IM auf mich zugegangen. Das schmerzt mich bis heute. Gerade weil ich dafür bekannt bin, nicht nachtragend zu sein.

Man hat Ihnen auch nach dem Leben getrachtet. Wie sind Sie damit umgegangen?
Leich:
Das wurde mir aber erst später klar. Kurz nach der Wahl zum Landesbischof stellte ich fest, dass die Radmuttern an meinem Auto gelockert waren. Außerdem versuchten mehrfach Lkws mich von der Straße zu drängen. Aber ich habe nie aus Angst vor dem Staatssicherheitsdienst heraus gehandelt.

Wie sehr hat es Ihre Arbeit belastet, von IM der Stasi umgeben zu sein?
Leich:
Es war mir bewusst. Ich hatte glücklicherweise in Oberkirchenrat Heinz Krannich einen Freund und Vertrauten.
Das Erstaunliche ist, dass auch die IM’s meine Anordnung mitgetragen haben. Wir hatten manchmal die Aufforderung, dass sich alle Superintendenten beim Rat des Kreises melden sollten. Ich habe diese Treffen untersagt und alle haben sich daran gehalten.

Reichten Ihre drei Regeln im Umgang mit der Stasi aus?
Leich:
Ja, damit wussten selbst die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes genau, woran sie waren. Und, dass ihre Gespräche nicht geheim blieben. Damit sind wir gut gefahren. Gerade auch im Umgang mit der Kirchenzeitung. Die Chefredakteure von »Glaube + Heimat«, Herbert von Hintzenstern und Gottfried Müller, sind damals sehr genau von der Stasi beobachtet worden.

Hatte die Staatssicherheit den direkten Kontakt mit Ihnen gesucht?
Leich:
Ja natürlich. Ein gewisser Dr. Roßbach, alias Roßberg, hat sich regelmäßig in der Superintendentur in Bad Lobenstein zum Gespräch angemeldet. Ich habe dann immer einen Pfarrer als Zeugen dazu gebeten und das Gespräch dokumentiert. Erstaunlich war, dass die Sachpunkte in meinem Protokoll und in dem der Stasi identisch waren. Aber die Beurteilung war natürlich völlig unterschiedlich.

Wie war es für Sie, als Sie feststellen mussten, dass Mitglieder der Kirchenleitung IM der Stasi waren?
Leich:
Das war mir relativ schnell bekannt. Und ich wusste, worauf ich mich als Landesbischof einließ. Damit konnte man auch leben, wenn man seinen eigenen klaren Weg gegangen ist.

Mit Oberkirchenrat Martin Kirchner war immerhin Ihr Stellvertreter ein IM. Hat Sie das nicht erschüttert, als Sie erfahren haben, dass er bei der Stasi war?
Leich:
Kirchner ist ein Sonderfall. Ihn habe ich ja bevorzugt gegenüber dem Oberkirchenrat Wolfram Johannes, von dem wir wussten, dass er Staatssicherheitsmitarbeiter war. Kirchner ist mir nie in den Rücken gefallen. Da herrschten immer klare Fronten. Und was ich von ihm als Jurist verlangt habe, das hat er auch gemacht.

Hatten Sie nach der Wende noch Kontakt?
Leich:
Er hat in Eisenach als Rechtsanwalt gearbeitet. Und wir sind uns auch mal begegnet. Er wusste, dass ich nicht nachtragend war und dass ich ihn kannte. Was jetzt aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.

Wie schätzen Sie die Aufarbeitung der DDR-Geschichte durch die evangelische Kirche ein?
Leich:
Ich bin der Überzeugung, dass man die Geschichte nach 25 Jahren ruhen lassen sollte. Es ist schon viel zu lange her. Erfahrungsgemäß wird durch spätere Aufarbeitung auch vieles hineingedeutet. Die Betroffenen sind alle schon sehr alt. Wir haben die offiziellen Stellen zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. Dort sind die Dokumente hinterlegt. Jeder kann einen Antrag auf Akteneinsicht stellen. Das ist meines Erachtens ausreichend. Im Übrigen halte ich die Sache für erledigt.

Plädieren Sie für vergeben und vergessen?
Leich:
Vergeben ja, vergessen nicht. Auch die heutige Generation sollte daraus lernen. Die drei Regeln, die ich aufgestellt habe, die stammen aus einem Buch aus der Nazi-Zeit über den Umgang mit der NS-Staatssicherheit. Ich glaube, die Nähe zur Politik ist auch heute eine Sache, bei der die Kirche ganz eindeutig und gerade gehen muss. Das tut sie leider nicht immer.

»Das hat mich all die Jahre getragen«

Werner Leich (Mitte) im Gespräch mit Willi Wild (re.) und Michael von Hintzenstern. Fotos: Norman Meißner

Werner Leich (Mitte) im Gespräch mit Willi Wild (re.) und Michael von Hintzenstern. Fotos: Norman Meißner

Der frühere Thüringer Landesbischof Werner Leich feierte am 31. Januar seinen 90. Geburtstag.
Lesen Sie hier den zweiten Teil des Gesprächs, das Michael von Hintzenstern und Willi Wild mit dem Jubilar geführt haben.

Herr Landesbischof Dr. Leich, wie erleben Sie heute die Landeskirche, die ja nicht mehr die ist, der Sie als Bischof vorstanden?
Leich:
In tiefer Trauer. Wir haben ein ausgezeichnetes Landeskirchenamt gehabt, das auch sehr gut organisiert war. Und die Auflösung des Landeskirchenamtes, ich hab’s ja dauernd vor Augen, ist eine schwierige Sache. Ich bedauere, dass die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen in dieser Form nicht mehr besteht. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Da kommen mir die Tränen.

Was waren die Höhepunkte Ihrer Amtszeit?
Leich:
Höhepunkt war auf jeden Fall das Lutherjahr. Wenn ich an den öffentlichen Gottesdienst auf der Wartburg denke. Die Mitarbeiter des Rundfunks meinten es sehr gut und haben ganz Eisenach beschallt. Das hat die Genossen natürlich furchtbar geärgert. Erstaunlich war, als ich mich hinterher bei den Fernsehleuten bedankt habe, sagten sie: Ach, Herr Bischof, wir hätten das gerne noch viel länger gemacht.

Wir stehen am Anfang eines weiteren Lutherjahres oder Reformationsjahres. Was erhoffen Sie sich von dem Reformationsgedenken?
Leich:
Ich hoffe, dass nicht der gedeutete Luther, sondern der originale Luther in den Mittelpunkt gerückt wird. Dass man ohne Scheu und ohne den Menschen gefallen zu wollen sagt, worum es geht. Das hat Luther in vielen Belangen getan. Er ist oft angeeckt, auch oft zu Recht kritisiert worden, beispielsweise im Umgang mit den Juden. Aber dieser ungeschminkte originale Ton, der muss erhalten bleiben.

Sie waren selbst geradlinig und mutig, obwohl Sie auch Ängste hatten. Wie sind Sie damit umgegangen?
Leich:
Die Umgebung des Staatssicherheitsdienstes hat mich oft in Unruhe versetzt. Aber ich habe Gott sei Dank gelernt, regelmäßig zu beten. Ich habe Gott alles, was mich bewegt und auch geängstigt hat, im Gebet vorgetragen. In meinem Arbeitszimmer stand ein altes gotisches Kruzifix. Darunter hab ich mir einen Betschemel bauen lassen. Jeden Tag habe ich mit Gebet begonnen und ihn auch beendet. Das hat mich all die Jahre getragen.

Wie haben Sie in all den Jahren Ihre Ehe und Familie zusammenhalten können?
Leich:
Das habe ich hauptsächlich meiner Frau zu verdanken, die von Anfang an auch mein Amt mitgetragen hat. Unsere Kinder haben gelitten. Sie wurden regelmäßig vom Staatssicherheitsdienst beobachtet. Die Stasi hoffte, über diese Quelle mehr über mich zu erfahren. Für unsere Kinder war es schwer.

Welchen Rat geben Sie Ihrer Kirche heute mit auf den Weg?
Leich:
Die große Gefahr für die Kirche ist, dass sie aus allem einen Event machen will. Dass sie sich nicht mehr verlässt auf Wort und Sakrament und auf eine treue Ausrichtung. Sondern alles in Spielszenen einkleidet. Die eigentlichen großen Gaben der Kirche treten zurück: Wort und Sakrament.

Sie schreiben in Ihrer Autobiografie, dass Sie sich in der Kirche weniger Strukturdebatten, sondern mehr Hinwendung und Einladung zum Glauben wünschen.
Leich:
Wenn ich das kirchliche Amtsblatt lese, habe ich den Eindruck, unsere Kirche verliert sich im Augenblick völlig darin, die Strukturen neu zu schaffen oder einander anzugleichen. Und stattdessen ist die Einladung zum Glauben von der offiziellen Kirchenseite sehr gering.

Es gibt Gott sei Dank eine ganze Reihe von Pfarrern, die einfach ihren Dienst tun und sich davon nicht beeindrucken lassen. Aber die offizielle Kirche verliert sich in Formalitäten.

Sie sprechen davon, dass Kirche wieder mehr vom Geist der Liebe und des Zeugnisses ergriffen sein sollte. Wie kann das geschehen?
Leich:
Der Geist der Liebe und des Zeugnisses entsteht nur durch regelmäßiges Lesen der Heiligen Schrift, durch Gebet und durch den Versuch, die Erkenntnisse im täglichen Leben umzusetzen.

Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken. Die Arbeitsbelastung für Pfarrer mit 15 Gemeinden und mehr wird immer größer. Haben Sie eine Idee, wie man diese Entwicklung verändern könnte?
Leich:
Wir haben schon zu meiner Dienstzeit begonnen, zusammen mit der Superintendentur Saalfeld und Oberkirchenrat Ludwig Große, kirchlich engagierte Mitarbeiter so auszubilden, dass sie selbst Gottesdienste halten können. Notfalls sogar Trauungen und Beerdigungen. Nach meiner Überzeugung ist ein gut ausgebildetes Laienchristentum die einzige Antwort.

Sie kommen aus der Bekennenden Kirche. Zu welchem Bekenntnis rufen Sie heute auf?
Leich:
Das Bekenntnis ist ja nichts anderes als der Hinweis auf die Heilige Schrift. Dass die Kirche aus der Heiligen Schrift lebt und aus dem Gebet, das ist unumgänglich. Sobald das vernachlässigt wird, schwindet auch die Kraft der Kirche.

Meine Botschaft ist: Verlasst euch auf das, was uns Gott mitgegeben hat: die Heilige Schrift, das Gebet, die Zuwendung zum Nächsten. Und wer sich darauf verlässt, der wird nicht im Stich gelassen.

Sie klammern die Endlichkeit des Lebens nicht aus. Wie möchten Sie sterben?
Leich:
Also am liebsten zusammen mit meiner Frau. Ich möchte so sterben, dass ich dabei die Hände falten und beten kann: Herr, nimm meinen Geist auf. Und ich glaube an die Auferstehung der Toten. Dies spielt für mich eine besondere Rolle, weil ich meine Mutter nie kennengelernt habe. Meine Mutter ist verstorben, als ich ein halbes Jahr alt war. Und ich habe die große Sehnsucht, dass ich im Reich Gottes erstens an der Seite meiner Frau sein darf und dass ich meine Mutter einmal kennenlerne.

So schmeckt Gnade

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Das Abendmahl ist Sündenvergebung, Gemeinschaft mit Gott, Versöhnung untereinander, Fest des Reiches Gottes

Die Bibel bietet eine Fülle von Geschichten, in denen Menschen in der Gegenwart Gottes essen. Man denke an das Volk Israel in der Wüste, das Manna vom Himmel bekommt. Oder an den verzweifelten Elia, der sterben will und von Gott Brot und Wasser bekommt für einen langen Weg. Auch Jesus von Nazareth hat gerne mit anderen gegessen, getrunken und gefeiert. Manchmal holt er Menschen buchstäblich aus ihrem Versteck, um mit ihnen zu essen, zum Beispiel den zwielichtigen Zöllner Zachäus. Der Mann freut sich, er kann es kaum erwarten, Jesus zu empfangen. Für ihn beginnt mit der Mahlzeit und dem Besuch Jesu ein neues Leben.

Doch die Geschichte Jesu von Nazareth war nicht nur von Festen und eitel Freude bestimmt, sie mündete in ein großes Drama: das Kreuz von Golgatha. Auch das Kreuz gehört zum Abendmahl. Wir schauen auf einen, der für seine Freunde und die ganze Welt in den Tod geht. Das knappe »Für euch gegeben« (vgl. Markus 14,24) erinnert uns daran. Diese große Überschrift jeder Mahlfeier zeigt, Gottes Liebe duckt sich nicht gegenüber Gewalt, sie weicht menschlicher Schuld und Angst nicht aus, im Gegenteil: Sie findet überall hin. Jesus sagt: Ich bin jetzt da, ich bin dieses Brot für euch. Gleichsam bittersüß schmeckt es – so betrachtet.

Der Grund, dass uns Christen Schuld und Tod nicht schrecken, liegt freilich noch in etwas Anderem, und zwar im Ereignis von Ostern begründet. Wäre Jesus im Grab geblieben, müssten wir uns die Festfreude tatsächlich selbst einreden (vgl. 1. Korinther 15). Die Beschreibung der ersten Christen zeigt das: Sie feierten das Abendmahl, weil sie erfüllt waren von Dankbarkeit und Freude. Sie wussten: Jesus ist lebendig. Er hat den Tod besiegt. Und Jesus hat damit die Welt ins Licht geführt.

Das Abendmahl der ersten Christen zeigt: Dieses Essen ist ein Mahl der Freiheit. Hier teilen Menschen spontan das Brot und auch das, was sie sonst besitzen. Von Gottes Gnade beschenkt und von lebendiger Hoffnung beseelt, können sie andere einladen. Dankbarkeit ist das Ziel der ganzen Feier.

Das Abendmahl ist auch Ort der Versöhnung unter Menschen. Das zeigt der Friedensgruß, bei dem man sich auch einmal in den Arm nehmen darf. Beim Abendmahl sind deshalb ethnische Unterschiede oder Alters- und Milieugrenzen aufgehoben.

Wenn ich heute landauf, landab unsere Abendmahlsgottesdienste besuche, tun sich durchaus kontroverse Bilder auf. Manchmal legt sich geradezu ein grauer Schleier auf die Versammlung, die gerade noch fröhlich gesungen hat. Buße und Totengedenken scheinen angesagt. Beim Feierabendmahl auf dem Kirchentag oder in Gemeinden, die schon längere Zeit das Abendmahl mit Kindern feiern, erlebe ich dagegen häufig frohe, hoffnungsvolle Gesichter. Viele Christen leiden unter der Dominanz des Depressiven und möchten heraus aus dieser Sackgasse. Ein wichtiger Faktor dafür ist die Musik. Wenn im Samba-Rhythmus »Du bist heilig, du bringst Heil« anstelle eines traditionellen Heilig, heilig angestimmt wird oder sich die Gemeinde die Einladung »Schmecket und sehet« fröhlich zusingt, entstehen andere emotionale Räume. Auch dort, wo an einem Tisch Abendmahl gefeiert und tatsächlich gegessen wird, löst sich manches aus der Starre.

Den Kern der Abendmahlsfeier bilden die Einsetzungsworte. Sie können als Zusage gesungen oder kräftig gesprochen werden, allerdings zugewandt zur Gemeinde, nicht mit dem Rücken zu ihr. Dies war eine der ganz wichtigen Errungenschaften der Reformatoren. Das Abendmahl wurde aus dem magischen Mantel priesterlicher Beschwörung herausgeholt und zum unmissverständlichen Kraftwort Gottes. Das hat in vielen Städten und Dörfern in der Reformationszeit eine große Resonanz ausgelöst. Die Leute gingen deshalb fröhlich und mit Herzklopfen zum Abendmahl. Es war für sie plötzlich wieder etwas Besonderes. Deshalb meine ich, dass es auch heute angebracht ist, wenn wir die alten – bisweilen nur noch formelhaft heruntergesagten – Worte der Einsetzung auch in heute gut verständlicher leichter Sprache vortragen.

Das »evangelische Profil« des Abendmahls besteht im ökumenischen Zusammenhang darin, dass es als eine Gabe des sich schenkenden Gottes begriffen wird und nicht als Opfer der Kirche. An der Zusage Christi, der seine Liebe mitteilt, macht sich der Glaube fest. Dieser Zusage folgt Dankbarkeit und Freude. Deshalb können wir mit unseren katholischen Geschwistern auch von Eucharistie reden.

»Miteinander Abendmahl feiern« heißt, auch an andere Menschen zu denken. Für Paulus war es eine Selbstverständlichkeit, dass beim Abendmahl Reiche und Arme, Frauen und Männer, Juden und Griechen beieinander waren und aufeinander Rücksicht nahmen. Daher ist der Gedanke eines inklusiven Abendmahls heute – auch im Sinne buchstäblicher »Barrierefreiheit« (für Rollstuhlfahrer!) – für mich selbstverständlich. Niemand ist ausgeschlossen. Und Ausgetretene können eine schöne Abendmahlsfeier zum Anlass nehmen, über den Wiedereintritt nachzudenken.

Ich möchte die Erwartungen, Befindlichkeiten und Ängste der Menschen sehr ernst nehmen. Deshalb sind auch ihre Unsicherheiten und ihre Scheu (Hygiene), aber auch mentale Aversionen (Blut), ernst zu nehmen.

Es wäre schade, wenn dies ein Grund wäre, vom Mahl fernzubleiben.

Das Abendmahl enthält einen ganzen Strauß von theologischen Schätzen. Es ist Sündenvergebung, Gemeinschaft mit Gott, Versöhnung untereinander, Fest des Reiches Gottes. Der Reichtum der biblischen und theologischen Tradition ist so groß, dass wir deshalb nicht immer genau dieselbe Form praktizieren sollten. Je nach Situation im Kirchenjahr, je nach aktueller politischer Lage und je nach Größe und Orientierung der Gemeinde gilt es, die Akzente entsprechend differenziert zu setzen.

Eins aber gilt immer: Das Abendmahl ist Fest des liebenden Gottes. Es hat den Vorgeschmack des Himmels, in dem alle Menschen an einem Tisch sitzen.

Professor Jochen Arnold, Direktor Michaeliskloster Hildesheim

»Eine Bereicherung für alle«

5. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Fazit von Behindertenvertretern: Inklusion ist noch keine Normalität

Jürgen Schmidt aus Wasungen ist der Vorsitzende des Behindertenverbandes des Landkreises Schmalkalden-Meiningen. Ein Gespräch mit ihm und der ebenfalls im Vorstand engagierten Nicole Strauch aus Meiningen über Chancen und Barrieren.

Herr Schmidt, Sie engagieren sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Überschneidet sich der Begriff mit Integration?
Schmidt:
Vorsicht! Integration heißt, dass jemand – oder etwas – ausgegliedert ist und nun wieder eingegliedert werden soll. Inklusion hingegen bedeutet, dass jemand bereits Teil des Systems ist, aber die Bedingungen müssen für ihn noch geändert werden. Inklusion ist eine große Chance für die Gesellschaft, nämlich alle Menschen mit ihren Fähigkeiten und Gaben zu sehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen, statt sie auf ihre Defizite zu reduzieren. Das ist eine Bereicherung für alle.

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Frau Strauch, wie normal ist Inklusion mittlerweile?
Strauch:
Inklusion ist leider noch nicht zur Normalität geworden. Es wird zwar viel über Inklusion gesprochen, aber die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 durch Deutschland ratifiziert wurde, ist bisher eher schleppend vorangekommen und das in allen Bereichen. Ich würde mir besonders wünschen, dass mehr Kitas inklusiv wären und auch der gemeinsame Unterricht an allen Schulen zur Normalität würde. Das wäre schon ein großer Fortschritt.

Schmidt: Zunächst müssen einmal die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn beispielsweise eine Schule neu- oder umgebaut wird, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit von Barrierefreiheit. Oft kommt dann das Argument, dass ja gar kein Kind mit Rolli die Schule besucht. Das ist aber auch gar nicht möglich, weil ja die Bedingungen gar nicht gegeben sind. Ist dann erst einmal ein Fahrstuhl da, haben alle etwas davon – Eltern mit Kinderwagen oder ältere Personen.

Erleben Sie Ausgrenzung im Alltag?
Schmidt:
Ja, etwa in den Arztpraxen. Wir haben keine freie Arztwahl, da die Barrierefreiheit nicht überall gegeben ist. Wenn ich Inklusion möchte, muss ich in der Gesellschaft nicht nur ein Bewusstsein dafür schaffen, sondern auch Geld in die Hand nehmen für bauliche Veränderungen. Hier beraten wir in den Behindertenbeiräten über den Landkreis und die Städte Schmalkalden und Meiningen. Das ist ein Teil der Verbandsarbeit. Wir unternehmen aber auch viel und mobilisieren die Menschen, am Leben teilzunehmen, ihre Teilhabe einzufordern. Hilfe zur Selbsthilfe ist sehr wichtig.

Für wie viele Menschen machen Sie sich in Ihrer Region stark?
Schmidt:
In Deutschland haben etwa zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung offiziell anerkannte Behinderungen. Dazu gehören Sinnes-, Körper- oder Lernbehinderungen, angeborene oder im Laufe des Lebens erworbene Behinderungen. Dennoch sind wir im Landkreis gerade einmal dreißig Mitglieder im Verband. Es ist schwer, die Betroffenen zu erreichen und zur aktiven Mitarbeit zu bewegen.

Susann Winkel

Weitere Informationen zur Verbandsarbeit:

www.behindertenverband-sm.de

Ein tief gespaltenes Land

2. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

USA: Nach Donald Trumps Amtseinführung und den riesigen Demonstrationen gegen den neuen Präsidenten am Tag danach muss man konstatieren: Harte Realitäten und entgegen­gesetzte Hoffnungen stoßen aufeinander. Trumps »Make America Great Again« fährt auf dünnem Eis.

Die vielen Demonstranten gegen Trump stehen vor der Frage, wie sie mit »diesem Mann« umgehen, der ihrer Ansicht nach gar nicht repräsentativ ist für Amerika. Doch er hat gewonnen. »Frauenrechte sind Menschenrechte« stand auf selbstgemachten Plakaten bei der »Anti-Kundgebung«, ebenso »Finger weg von meinem Körper«, »Mach dich stark für Gleichberechtigung«, »Love Trumps Hate« (Liebe triumphiert über Hass), »Wer schweigt, ist mitverantwortlich« sowie »Wir gehen nicht zurück«. Geschätzte 500 000 kamen zu dem »Women’s March on Washington« in der US-Hauptstadt, mehrheitlich Frauen, meist junge Menschen. Die »überwältigte« U-Bahn ließ Passagiere zeitweilig kostenlos fahren. Eingeladen waren alle, die Solidarität fühlten mit Bevölkerungsteilen, die Trump beleidige und bedrohe. Frauenrechte sind Menschenrechte. In den ganzen USA dürften es rund vier Millionen Demons­tranten gewesen sein.

Zahlen wurden schnell zum Politikum: Trump schimpfte an einem ersten vollen Tag im Amt über »die Medien« mit ihren falschen Angaben. Er befinde sich in einem »Dauerkrieg gegen die Medien, die zu den verlogensten Menschen auf Erden gehören«.

Sie sei überglücklich über Donald Trumps Wahlsieg, sagte hingegen Elizabeth Frattasio. Zusammen mit ihrem Ehemann Seth und ihren beiden Buben kam die Immobilienmaklerin aus Boston zur Amtseinführung. Die Menschen würden wieder mehr Stolz haben auf die USA unter einem starken Präsidenten, sagt Frattasio. Der neue Präsident senke hoffentlich ihre Steuern. Und das mit Trumps Mauer sei ein guter Plan. Ein Land brauche doch Sicherheit.

Bis von Idaho reiste Bunni Farnham zu den Trump-Feierlichkeiten, im Nebenberuf Sekretärin, im »Hauptberuf« Mutter von sechs Kindern. Das Volk sei aufgewacht, lobte Farnham. Christen würden diskriminiert in den USA. Eine Bäckerei werde in den Ruin getrieben, weil sie keinen Hochzeitskuchen backe für eine Homo-Ehe. Doch wenn ein Modedesigner verkünde, er werde die neue First Lady nicht ausstatten, habe das keine Konsequenzen. Unter Trump werde ein anderes Bewusstsein entstehen.

Der Informationsdienst Pew Research Center hat kurz vor der Amtseinführung eine Umfrage vorgelegt: 86 Prozent der US-Amerikaner seien der Ansicht, die USA seien tiefer gespalten als in der Vergangenheit. Nur 24 Prozent vermuteten, die Spaltung werde in den kommenden fünf Jahren nachlassen.

Die christliche Welt, deren Anführer sich gerne sehen als Agenten für Versöhnung, sucht Orientierung. Weiße Evangelikale haben zu rund achtzig Prozent Trump gewählt. Steve Gaines, Präsident des »Südlichen Baptistenverbandes«, der größten protestantischen Kirche, mahnte: Christen müssten »für das Amt des Präsidenten … und den Mann in diesem Amt beten«. Sei man anderer Meinung als Trump, müsse man Differenzen mit Respekt und ohne persönliche Angriffe zur Sprache bringen.

Die protestantischen »Mainline«-Kirchen, zu denen Lutheraner, Methodisten und Presbyterianer zählen, fühlten sich relativ wohl mit Barack Obamas liberalem und sozial engagiertem Protestantismus, beeinflusst von Traditio­nen des afro-amerikanischen Christentums. Bei Trump steht Mainline draußen vor der Tür. Der Nationale Kirchenrat, der größte ökumenische Verband, und die Konferenz Nationaler Schwarzer Kirchen kritisierten mehrere Mitglieder von Trumps Kabinett: Sie versinnbildlichten extremistische und rassistische Ansichten, nicht vereinbar mit Nächstenliebe.

Bei den Protesten am Tag nach der Amtseinführung sah man hier und da Teilnehmer, die sich als Angehörige einer religiösen Gruppierung identifizierten: Doch prominente Rollen, wie »seinerzeit« bei Friedenskundgebungen und Bürgerrechtsaktionen, spielte Religion nicht: Die Aktivisten kommen aus einer Generation und einem Milieu, in denen organisierte Religion nicht sehr wichtig ist.

Dass Trump gewinnen konnte, weil »seine Leute« wählen gingen und seine Gegner weniger, hat die Welt überrascht. Der politische Neuanfang ist geprägt von Ungewissheit. Trump legte bisher wenig Konkretes vor; viele Anhänger vertrauen ihm anscheinend, er werde schon das Richtige tun. Viele Trump-Nicht-Wähler haben Angst. Da ist der autoritäre Stil, Trumps Attacken und sein Bild von einem Amerika, das sehr weiß ist, konservativ, immer auf ihn selber bezogen und kaum berechenbar.

Kurz vor seinem Abschied wollte Obama seine Leute beruhigen. Donald Trump werde sicherlich anders regieren, das sei so nach einem »friedvollen Machtübergang«, sagte Obama. Doch: »Der Weltuntergang kommt nur, wenn der Weltuntergang kommt.« Er glaube an Amerika, an die Menschen in diesem Land, dass »Menschen eher gut sind als schlecht«.

Offensichtlich setzt Obama auch auf Sachzwänge und komplexe Realitäten, die jedem Präsidenten Grenzen aufzeigten. Bei Trump weiß man jedoch weniger als bei wohl allen US-Präsidenten der Vergangenheit, was er tun wird. Wohin ihn sein Glaube führt – nur er könne die Nation retten – und wer und was ihn bremsen kann. Donald Trump ist der Ansicht, wie er das auch in einer Antrittsrede wissen ließ, dass er Anführer ist einer neuen Bewegung hin auf ein anderes Amerika.

Konrad Ege

Im Wechsel der Zeiten

1. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

70 Jahre Wartburg Verlag

Ins Leben gerufen in der Nachkriegszeit, durchgehalten im real existierenden Sozialismus und behauptet in der Marktwirtschaft: So lässt sich die Geschichte des Wartburg Verlages auf den Punkt bringen, der vor 70 Jahren von Max Keßler in Jena gegründet wurde. Zunächst als kaufmännischer Leiter der Universitätsdruckerei Neuenhahn tätig, widmete sich Keßler mit seinem jungen Unternehmen der Veröffentlichung christlichen Schrifttums. Bei der Wahl des Verlagsnamens folgte er einem Wunsch des thüringischen Landesbischofs Moritz Mitzenheim.

Erstes Produkt war der »Christliche Hauskalender«, von dem 50000 Hefte verkauft wurden und für ein solides Startkapital sorgten. Der Verlag übernahm die Herausgabe der evangelischen Wochenzeitung »Glaube und Heimat«, deren Wiedergründung die sowjetische Militäradministration im Februar 1946 in einer Auflage von 80000 bis 100000 Exemplaren genehmigt hatte.

Zum Kirchentag 2017 erscheint der Sammelband der »Weimarer Kinderbibel« mit den schönsten Geschichten und Bildern, die Kinder in sechs Jahren zu Texten der Bibel gestaltet haben. – Cover: Catalina Giraldo Vélez

Zum Kirchentag 2017 erscheint der Sammelband der »Weimarer Kinderbibel« mit den schönsten Geschichten und Bildern, die Kinder in sechs Jahren zu Texten der Bibel gestaltet haben. – Cover: Catalina Giraldo Vélez

Dass es Max Keßler gelungen war, noch in der sowjetischen Besatzungszone einen Privatverlag zu gründen, erwies sich gerade in Zeiten des »real existierenden Sozialismus« als Geniestreich. Der Wartburg Verlag brachte Kleinschriften ebenso heraus wie kostbare Bildbände. Da Keßlers Tochter Hiltrud keine Gewerbegenehmigung erhielt, verwandelte die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen 1987 den Verlag in eine »Verlegerische Arbeitsstelle«, um weitere Publikationen zu ermöglichen. Nach der »Friedlichen Revolution« erfolgte im Oktober 1990 die Gründung einer Wartburg Verlag GmbH, in der die Landeskirche und der Quell Verlag Stuttgart Gesellschafter waren. Zu einem gravierenden Einschnitt kam es, als 1997 der Buchverlag einschließlich der von ihm herausgegebenen Evangelischen Gesangbücher für Thüringen an den Quell Verlag veräußert wurde. Als dieser 1999 in die Insolvenz ging, mussten die Gesangbücher mit einem landeskirchlichen Kredit zurückgekauft werden. Aus dem Weiterverkauf von Wartburg-Titeln aus der Insolvenzmasse gelang es Geschäftsführerin Barbara Harnisch, ein Startkapital von 50 000 DM für den wiedererstandenen Buchverlag zu erwirtschaften. Seither werden wieder jährlich 12 bis 15 Titel herausgebracht, wie z. B. »Brot und Rosen« (2006) über die heilige Elisabeth oder das Reisebuch »Unterwegs zu Luther« (2016). Die 2000 gestartete »Edition Muschelkalk« umfasst 45 Bände mit Autoren wie Lutz Rathenow, Wulf Kirsten und Hanns Cibulka. »Als Verlegerin darf ich kluge Ideen kreativer Köpfe in schöne Bücher gießen. Das macht jeden Tag wieder Spaß«, zieht Barbara Harnisch heute Bilanz.

Michael von Hintzenstern

Der Gottesdienst hat ein weites Herz

31. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Menschen mit unterschiedlichen Verfassungen sollen zu ihrem Recht kommen – Das Ende der Zielgruppenorientierung

Die Vielfalt der Gottesdienste ist unübersehbar geworden. Schon lange kennen wir Familiengottesdienste, Jugendgottesdienste und Kindergottesdienste. Wir kennen Schulanfangsgottesdienste, Schulgottesdienste und Gottesdienste in Senioreneinrichtungen. Manche haben vielleicht auch schon von der Thomasmesse gehört, die sich besonders an Zweifler richtet, vom sogenannten »GoSpecial« mit Interview und Kreuzverhör des Pastors oder dem abendlichen Nachteulengottesdienst. Vor einigen Jahren entdeckte man darüber hinaus die Bedeutung der Milieuzugehörigkeit der Menschen für den Gottesdienst. Man stellte fest, dass Vorlieben, Musikgeschmäcker und Erwartungen an Gemeinschaft, die die Menschen auch sonst in ihrem Alltag haben, auch ihre Erwartungen an den Gottesdienst prägen.

Das war einerseits sehr aufregend, denn nun konnte man besser verstehen, warum die einen Orgelmusik von Bach lieben und andere gerade damit gar nichts anfangen können; warum die einen Anspiele im Gottesdienst mögen und eine zu Herzen gehende Predigt, andere dagegen lieber die gesungene Liturgie wünschen und eine Predigt, die auch den Intellekt herausfordert; warum die einen Nähe im Gottesdienst suchen und Stuhlkreisgottesdienste, Bewegungslieder und gegenseitiges »An-den-Händen-Fassen« lieben – und andere eher Distanz pflegen, und daher lieber fern bleiben, wenn sie im Gottesdienst zu viel Kontakt mit den anderen aufnehmen sollen.

Andererseits stellte man mit Schrecken fest, dass es fast unmöglich ist, einen Gottesdienst zu feiern, der allen gefällt. Soll man in Zukunft etwa nur noch Zielgruppengottesdienste feiern? Wer soll das leisten? Vor allem: Was heißt das für den Gottesdienst, der doch die Mitte der Gemeinde sein sollte?

Im Marketing gibt es interessanterweise seit einigen Jahren eine Strömung, die das Ende der Zielgruppenorientierung ausgerufen hat. Danach lassen sich Menschen heute nicht mehr wie früher klaren Gruppen zuordnen, weder Altersgruppen noch Milieugruppen, selbst die Grenzen zwischen den Geschlechtern verschwimmen. Junge wollen alt sein, Alte jung, Frauen kaufen Produkte, die vorher typisch für Männer waren und umgekehrt. Hose – Mann, Kleid – Frau, das war gestern, eigentlich sogar schon vorgestern. Menschen lassen sich nicht mehr so leicht festlegen. Sie werden immer stärker zu multiplen Persönlichkeiten, können mal so und mal anders handeln und entscheiden, haben einen breiteren Musikgeschmack, fallen zunehmend auch mal aus der Rolle und passen sich gern den Situationen an, in denen sie sich gerade befinden. Sie geben stärker als früher ihren inneren »Verfassungen« nach. Man spricht daher vom »Verfassungsmarketing«, das nun nicht mehr die klassischen Zielgruppen bewirbt, sondern bestimmte Verfassungen, die quer zu den bisherigen Zielgruppen liegen können. So wirbt etwa Milka seit einiger Zeit mit Schokoladensorten für die Verfassungen »verrückt«.

Was könnte diese Entwicklung für den Gottesdienst bedeuten? Meines Erachtens liegt darin die Chance, den einen Gottesdienst wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Denn der Gottesdienst hat das Potenzial, unterschiedliche Verfassungen zu bedienen, ohne dadurch zu einem Zielgruppengottesdienst werden zu müssen. Gottesdienst kann, um das Beispiel der Gemeinschaft aufzunehmen, sowohl Nähe als auch Distanz inszenieren. Oft wird die Nähe als das Ideal gesehen, das die Distanzbedürftigen abschreckt. Ebenso oft erlebt man Gottesdienste, in denen die Menschen sich distanziert begegnen, kaum angucken, geschweige denn anreden, was diejenigen abschreckt, die auch menschliche Geborgenheit im Gottesdienst suchen. Wenn beide Bedürfnisse im Blick bleiben, dann ließe sich einiges gestalten, sodass auch beide zu ihrem Recht kommen. Man denke nur an die Gestaltung des Abendmahls (Friedensgruß, Händereichen, Aufstellung), an die Begrüßungs- und Verabschiedungssituation. Durch sensible Gestaltung kommen Nähe- und Distanzbedürftige beide zu ihrem Recht, keiner fühlt sich genötigt oder an den Rand gedrängt. Der Gottesdienst hat ein weites Herz, wenn seine Gestalter nicht ihre eigenen Ideale absolutsetzen. Ähnliches gilt für inhaltliche Dimensionen des Gottesdienstes. Er kann Trost schenken, er kann für die Nöte anderer sensibilisieren, er kann Bestätigung schenken, aber auch zu neuen Aufbrüchen aufrütteln.

Vieles, wenn auch nicht alles, lässt sich in einem Gottesdienst realisieren. Daher muss die Pluralität von Gottesdiensten auch nicht völlig aufgegeben werden. Aber es könnte lohnen, statt auf Zielgruppen zu setzen, die durch Merkmale wie Alter, Geschlecht oder sozialer Hintergrund geprägt sind, auf Verfassungen zu achten, in denen Menschen sich befinden und die der Gottesdienst aufnehmen kann. Welches wären etwa typische Sonntagmorgen-Verfassungen? Ausschlafen wollen, Zeit haben, in Ruhe frühstücken, mit der Familie zusammen sein, Sport treiben wollen – und wie könnte daran der Gottesdienst vielleicht anknüpfen?

Folkert Fendler

Der Autor ist Rektor des Pastoralkollegs Niedersachsen. Bis 2016 war er Leiter des Zentrums für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst.

Die Symbolgestalt der Pfarrfrau

30. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Katharina von Bora war für Martin Luther Leib- und Seelsorgerin. Sie brachte den Mut auf, den ihr vorbestimmten Lebenslauf einer Nonne zu verlassen. Als Frau an der Seite des Reformators ging sie in die Geschichte ein.

Martin Luthers Testament von 1542 zeigt die hohe Wertschätzung des Reformators für seine Frau. Entgegen allen Rechtsnormen der Zeit, die für Witwen grundsätzlich einen Vormund vorsahen, jedoch die Immobilien den Kindern beziehungsweise männlichen Verwandten des Mannes zusprachen, bestimmte Luther seine Gattin zur Universalerbin und zum Vormund ihrer Kinder, »weil sie mich als ein fromm, treulich Gemahl allzeit lieb, wert und schön gehalten und mir durch reichen Gottessegen fünf lebendige Kinder (die noch vorhanden, Gott gebe, lange) geboren und erzogen hat«.

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien  in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen  eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni.  Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni. Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Dass Luthers Reformation bis in die praktischen Lebensvollzüge hinein eine neue Entwicklung einleitete, wird an Katharina von Bora besonders deutlich. Berühmt geworden ist sie als Luthers Ehefrau, als erste Pfarrfrau, als »entlaufene Nonne«. Auch wenn nicht alle Zuschreibungen historisch gesehen auf sie zutreffen – eine Pfarrfrau war sie als Professorengattin nicht – und auch, wenn von ihrem außergewöhnlichen Leben vieles unbekannt bleibt: Sie wurde zur Symbolgestalt der Pfarrfrau wie keine andere.

Katharina von Bora wurde 1499 in Lippendorf südlich von Leipzig oder in Hirschfeld bei Nossen geboren. Die Mutter scheint früh verstorben, der Vater wieder geheiratet zu haben, denn schon als Fünfjährige kam sie in das Kloster Brehna als »Kostkind«. Hier konnte sie Bildung in Lesen, Schreiben, Singen, Latein, Handarbeit und Hauswirtschaft erlangen. Das Kloster bot ihr eine lebenslang gesicherte Versorgung, dazu Aufstiegsmöglichkeiten, etwa als Kantorin oder Äbtissin. Katharina kam als Zehnjährige ins Kloster Nimbschen bei Grimma, sechs Jahre später legte sie die Ordensgelübde ab. Wir wissen nicht, ob sie diesen Schritt freiwillig ging.

Was die spätere Lutherin und ihre Mitschwestern bewegte, das Kloster zugunsten einer unabsehbaren Zukunft zu verlassen, lässt sich nur vermuten. Martin Luthers Kritik am mönchischen Ideal, die er 1521 in seinem Gutachten über die Mönchsgelübde dargelegt hatte, war möglicherweise im Kloster bekannt geworden: ein Ablegen der Gelübde könne vor Gott nur freiwillig, nicht aber gegen den Willen eines Menschen erfolgen.

In der Woche nach Ostern 1523 kam Katharina von Bora gemeinsam mit acht Ordensschwestern in Wittenberg an. Ob sie in leeren Heringsfässern geflüchtet waren, wie es die Legende erzählt, bleibt dahingestellt. Dass ihre Flucht mit Gefahren verbunden war, ist jedoch sicher. Dem Fluchthelfer, Leonhard Koppe aus Torgau, und den Geflüchteten hätten auf dem Herrschaftsgebiet des Luthergegners Herzog Georgs von Sachsen Tod, Gefängnis beziehungsweise empfindliche Körperstrafen gedroht. Doch ihre Flucht glückte und Luther sah sich vor der schwierigen Aufgabe, sie zu versorgen. Um die Nonnenflucht zur Nachahmung zu empfehlen, veröffentlichte er die Schrift: Ursache und Antwort, dass Jungfrauen Klöster göttlich verlassen dürfen. Die Frau, argumentierte Luther, »ist nicht geschaffen, Jungfrau zu sein, sondern Kinder zu tragen … wie das auch die weiblichen Gliedmaßen,
von Gott dazu eingesetzt, beweisen« (Weimarer Ausgabe, Bd. 11, S. 394–400). Übertrieben haben dürfte Luther mit seiner Schätzung, wie viele Nonnen freiwillig im Kloster lebten: »sicher unter tausend kaum eine« (ebd.).

Katharinas Mitschwestern gingen eine Ehe ein oder kehrten zu ihren Familien zurück. Bei Katharina von Bora hingegen scheiterten zwei Eheanbahnungen. Als sie den als geizig bekannten 60-jährigen Wittenberger Professor Kaspar Glatz ablehnte, soll Katharina gesagt haben, sie heirate lieber Luthers Mitarbeiter Nikolaus von Amsdorf oder Luther selbst.

Am Abend des 13. Juni 1525 ging Luther mit Katharina von Bora die Ehe ein. Damit überraschte er Feinde wie Freunde, sie reagierten mit Häme oder zumindest mit Unverständnis. Anfangs war die Familie mittellos. Bald gelang es Ka­tharina, ihr Wohnhaus, das »Schwarze Kloster« und ehemalige Klostergebäude der Augustinermönche, zu einem der größten Haushalte in Wittenberg zu entwickeln. Das Lutherhaus war weit mehr als der Wohnort der Familie: ein Begegnungsort lokaler wie europäischer Geistesgrößen und Herrscherhäuser, Zufluchtsstätte für Glaubensflüchtlinge, Krankenhospital, Herberge für Gäste und Pflegekinder, ein überaus begehrtes Studentenwohnheim, Mensa und Ort der Tischreden Luthers. Die Wirtschaftsführung oblag Katharina eigenständig. Sie beaufsichtigte die Mägde und Knechte, leitete die Küche, den Einkauf und die Eigenproduktion der Lebensmittel, ließ ein Badehaus errichten, Öfen aufstellen, einen Keller bauen, erweiterte den Grundbesitz und damit die landwirtschaftlichen Flächen. Obwohl Bargeld im Lutherhaus immer knapp war, wurden unter Katharinas Leitung täglich 30 bis 50 Personen verköstigt – für die damalige Zeit eine enorme Leistung!

Sie gebar sechs Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Ihr Anteil an den Diskussionen bei Tisch ist größer, als es die Nachschreiber, die kein Interesse an Katharinas Beiträgen hatten, notierten. Für Luther war sie Leib- und Seelsorgerin, seine Vertraute, die ihn nicht selten nachts im Ehebett, wenn Luther von Glaubenszweifeln heimgesucht wurde, mit Bibelworten tröstete. 1546 starb Luther plötzlich.

Im selben Jahr brach der Schmalkaldische Krieg aus und zwang die Witwe zur Flucht. Bei ihrer Rückkehr waren ihre Felder verwüstet, am Ende ihres Lebens war sie hoch verschuldet. 1552 floh Katharina nach Torgau, dort verstarb sie an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Luther kritisierte die bis dahin höher angesehene klösterliche Lebensform zugunsten der Gestaltung des Glaubens in der Welt – in einer Partnerschaft, als Eltern, in einem Beruf. Katharina von Bora brachte den Mut auf, diese Umbrüche an Luthers Seite in ihrem eigenen Leben zu gestalten.

Sabine Kramer

Die Autorin ist promovierte Theologin mit Schwerpunkt Reformationsgeschichte und Pfarrerin an der Marktkirche in Halle.

Das Salz der Erde

24. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Die Salzkathedrale im kolumbianischen Zipaquirá ist die größte unterirdische Salzkapelle der Welt. Der große Dom umfasst 8500 Quadratmeter und kann rund 8000 Gläubige aufnehmen.

Bergarbeiter haben einen gefährlichen Job. Deshalb ist es kein Wunder, dass sie – gerade in einem katholisch geprägten Land – vor dem Weg in den Schacht häufig um Beistand von oben bitten. Das war auch in der traditionsreichen Salzmine in Zipaquirá so, die sich im kolumbianischen Hochland befindet, etwa fünfzig Kilometer nördlich der Hauptstadt Bogotá. Doch weil sie baufällig war, musste die kleine Wallfahrtskapelle, die sich die Arbeiter der Salzmine selbst gebaut hatten, vor rund 25 Jahren geschlossen werden. Unterstützt von einem Stararchitekten, packten die Minenarbeiter an und bauten sich unter Tage eine neue Gebetsstätte.

Mit Kathedralenführer Juan Carlos Cortes geht es hinab in das unterirdische Gotteshaus, nicht ohne vorher mit Helmen und Stirnlampen ausgerüstet worden zu sein. Durch eine Art Lichtertunnel, dessen Lampen ganz in Rot gehalten sind, gelangen wir an einen Kreuzweg, der die üblichen 14 Stationen umfasst und doch ganz anders gestaltet ist als seine oberirdischen Pendants. Er passt sich perfekt ein in eine unterirdische Landschaft, in der sich zum Teil zehn Meter hohe, zum Teil aber auch 25 Meter hohe Stollen befinden.

Blick in das Hauptschiff der unterirdischen Kathedrale. Das Kreuz ist keine plastische Figur, sondern ein in Salz und Stein geschlagener Hohlraum und entsteht durch eine raffinierte Beleuchtungstechnik. – Foto: Rainer Heubeck

Blick in das Hauptschiff der unterirdischen Kathedrale. Das Kreuz ist keine plastische Figur, sondern ein in Salz und Stein geschlagener Hohlraum und entsteht durch eine raffinierte Beleuchtungstechnik. – Foto: Rainer Heubeck

Die 14 Stationen sind durch einen Gang verbunden und finden sich seitlich davon in Nischen. Jede Station drückt die Passion durch eine ganz eigene Atmosphäre aus. Im Gegensatz zu konventionellen Kreuzwegen ist die Jesus-Figur hier nie direkt präsent, das Leiden Christi wird nur symbolisch dargestellt. Dort, wo Jesus unter der Last seines Kreuzes zu Fall gekommen ist, sind längere und größere Salzkreuze aufgestellt.

Einsamkeit und Meditation, aber auch fester Glaube, der die Todesangst überwindet, werden hier nicht durch Bilder und Skulpturen dargestellt, sondern vor allem durch Lichtstimmungen vermittelt.

Auf dem Weg entlang des Kreuzwegs berichtet Juan Carlos Cortes, der seit dem Jahr 2010 hier als Führer arbeitet, von der spirituellen Bedeutung der einzelnen Stationen sowie von Geschichte und Gegenwart des Salzabbaus. Er weiß viel zu religiösen Fragen, aber auch zu Architektur und Design – und natürlich zum Thema Salz. Den modernen Salzbergbau mit gut befestigten unterirdischen Stollen hat, so erfahren wir, Alexander von Humboldt ab 1801 in Kolumbien eingeführt; doch der Salzreichtum der Region war schon in vorkolumbianischen Zeiten bekannt.

Während die Spanier in Peru und andernorts in Lateinamerika vor allem nach Gold suchten, konzentrierten sie sich im heutigen Kolumbien auf die Gewinnung von Salz. Und das, obgleich die Legende vom sagenhaften »goldenen Mann«, dem »El Dorado«, nicht weit von Zipaquirá entfernt ihren Ursprung hat: Sie hat mit einem Häuptling zu tun, der auf einem mit Goldschätzen beladenen Floß unterwegs war, um seiner Frau und seines Sohnes zu gedenken, die beide in der Lagune ertrunken waren.

Doch nicht nur Gold war in der Vergangenheit ein Symbol für großen Reichtum, auch Salz war früher äußerst begehrt, das zeigen die Worte »Salär« oder »salary«. Ihr Ursprung liegt in der Ration Salz, die römische Soldaten und Ratspersonen erhielten. In der Salzmine von Zipaquirá freilich geht es nicht um Speise- oder Kochsalz, heute werden hier vor allem Industriesalze abgebaut.

An den Kreuzweg schließt sich das Allerheiligste an: drei Schiffe der unterirdischen Salzkathedrale, die zwischen 1992 und 1995 erbaut wurden. Sie sollen die Geburt, das Leben und den Tod Jesu verkörpern. Die zwei Seitenschiffe sind 75 Meter lang, das Hauptschiff sogar 120 Meter: 250 000 Tonnen Gestein und Salzkristall wurden aus dem Fels geschlagen und gesprengt, um den riesigen Hohlraum für diese Kathe­drale zu schaffen, rund achtzig Tonnen Sprengstoff kamen dabei zum Einsatz.

In einem Seitenschiff steht ein Taufbrunnen, ganz aus Salz, und ein Salzrelief, das an die Sixtinische Kapelle erinnert – eine Darstellung von Michel­angelos »Erschaffung des Adam«. Der Hauptraum wird dominiert von einem aus Salz geformten Erzengel Gabriel, und einem 16 Meter hohen Kreuz, das hinter einem Salzaltar nach oben zu ragen scheint. Doch das Kreuz besteht aus Luft und Licht.

Das Hauptschiff der Kathedrale, die bei Oster- und Weihnachtsgottesdiensten brechend voll ist, hat wenig gemein mit einem stillen Andachtsort, an dem die Bergwerks-Kumpel vor dem Schichtantritt um Schutz vor Unfällen bitten. Einen solchen Ort finden wir in einer Nische, in der eine Statue der Heiligen Jungfrau von Guasa aufgestellt ist: Sie steht auf einer Weltkugel und hält ein rotgekleidetes Kind im Arm. Die Jungfrau von Guasa gilt als die eigentliche Schutzpatronin der Minenarbeiter, gelegentlich gibt es auch Zeremonien für sie in der Salzkathedrale.

Rainer Heubeck

»Ganz dünnes Eis!« – Ein Versuch, sich Luthers Glauben zu nähern

23. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Der Teufel muss mich geritten haben, als ich das Schreiben einer Rezension zu einem Lutherbuch zusagte. Nichts qualifiziert mich dafür, kein theologischer Hintergrund, kein literaturwissenschaftlicher, kein geschichtlicher. Ganz dünnes Eis! Ich betrachte mich Religionen gegenüber als aufgeschlossen-neugierig. Dabei habe ich – da bin ich ein »typisches DDR-Kind« – diese nicht mit der Muttermilch aufgesogen. Mir ist Glaube und Kirche oftmals fremd und ich merke, wie sehr ich dies bedaure. Ich möchte mehr verstehen!

Ich las das Neue Testament, ging in Gottesdienste, redete mit gläubigen Freunden, Pastoren, alles mit relativ wenig Erfolg. Es blieb eine fremde, für mich oft undurchdringliche Welt.

Natürlich habe ich mir alle Ausstellungen der letzten Zeit über Luther angeschaut, habe Filme gesehen, gelesen, was mir unter die Finger kam, er ist mir vertraut, unser Herr Luther. Und dennoch: gerade seine theologischen Hintergründe blieben oft im Nebel.

Katja Wolf (Die Linke), Oberbürgermeisterin in Eisenach, rezensierte ein Luther-Buch. – Foto: Willi Wild

Katja Wolf (Die Linke), Oberbürgermeisterin in Eisenach, rezensierte ein Luther-Buch. – Foto: Willi Wild

Also ein neuer Versuch, mich seinem Glauben zu nähern – über ein neu erschienenes Buch. Der Titel etwas sperrig: »Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten«. Ein Jugendbuch – so war es angekündigt. Die klassische Zielgruppe bin ich mit 40 also nicht.

Die erste Überraschung: ein Hardcover für verhältnismäßig wenig Geld, ein schickes Buch mit schönem Umschlag und gelungenen, großformatigen Illustrationen.

Die größte Kritik ist wahrscheinlich gleichzeitig die größte Stärke dieses Buches. Es hat die falsche Schublade erwischt – es ist partout kein klassisches Jugendbuch. Vielleicht war es hilfreich, ein Buch für Leser und Leserinnen zwischen 14 und 20 schreiben zu wollen. So mussten sich die Autoren auf den Punkt konzentrieren, konnten sich keine intellektuellen Ausschweifungen erlauben, fanden Bezüge zum Hier und Heute.

Ich fühlte mich beim Lesen zu keinem Zeitpunkt unterfordert oder gar gelangweilt, es las sich »einfach so weg«. Lange Rede: Dieses Buch ist für alle Menschen, die sich für Luther interessieren, spannend. Es sei jenen besonders empfohlen, die den christlichen Glauben und das Leben Luthers nicht in die Wiege gelegt bekamen. Das müssten – zumindest im Osten der Republik – circa 85 Prozent der Bevölkerung sein.

Ob ich meine pubertierenden Kinder zum Lesen dieses Buches bewegen kann, bezweifle ich. Zum Buch selbst. Die Sprache ist schön, nicht anbiedernd trivial, nur sehr selten krampfhaft jugendlich; es ist eine moderne, aber trotzdem sorgfältige Sprache, die Wörter sind mit Bedacht und gekonnt gewählt.

Wir werden geführt durch das Leben Martin Luthers. Er gelingt – der Spagat zwischen Sachbuch und romanhafter Erzählung. Man taucht ein in die Welt Luthers. Es bleibt aber nicht bei der bloßen Darstellung der biografischen Fakten. Was wäre das Leben ohne die damit verbundenen Ängste, Sorgen, Hoffnungen, Gedanken?! Und so wird jeweils gut belegt mit Quellen, Luthers Gedanken- und Glaubenswelt verständlich nachgezeichnet. Was dachte Martin Luther in Rom? Was bewegte ihn, als er vor dem Kaiser in Worms stand? Welche Zweifel hatte er an seiner Kirche und welche Schlüsse zog er?

Ebenso wird der Blick auch auf Luthers Frau Katharina von Bora geworfen, auf ihren Weg, ihr Tagewerk, ihre Kämpfe gegen das Patriarchat, ihr Leben.

Der Autor sagte selbst, dass es sich bei diesem Buch um den Versuch der doppelten Übersetzung handle. Zum einen solle das, was Fachleute in Expertensprache schreiben, in verständliches Deutsch übersetzt werden. Zum anderen unternimmt er den Versuch der Übersetzung der 500 Jahre alten Herausforderungen und Fragen ins Hier und Heute. Damit ist die Reformation im weitesten Sinne und das Buch darüber ein Thema, welches nicht nur für Protestanten reserviert ist, sondern ebenso Katholiken, Agnostiker oder Atheisten interessiert und beschäftigt.

Die Verbindungen und Parallelen, die mit größter Aktualität gezogen werden, sind schlüssig und spannend. Luther wird zu keinem Zeitpunkt als Held stilisiert, sondern immer in seiner Vielschichtigkeit und Ambivalenz gezeichnet; dies immer zutiefst menschlich und differenziert. Eine Stärke der Autoren.

Das Buch hat mir eine theologische Welt gezeigt, vor der ich allzu oft fragend stand. Natürlich bietet dieses Buch keine alles umfassende Antwort. Trotzdem: Ich kann dieses Buch uneingeschränkt ans Herz legen – zumindest Menschen wie mir.

Katja Wolf

Nürnberger, Christian, Gerster, Petra: Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten, Gabriel Verlag, 208 S., mit Illustrationen von Irmela Schautz, ISBN 978-3-522-30419-1, 14,99 Euro

Vorbild und Liebe

22. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Wie junge Christen heute ihre Kinder erziehen: Ein Beispiel aus dem Kirchenkreis Naumburg-Zeitz

Jedes Kind kann schlafen lernen? Kathrin Leier zieht die Augenbrauen hoch. »So was haben wir nie gelesen«, sagt die 34-Jährige. Sie und ihr Mann Stefan (33) haben drei Kinder: Esther (9), Josua (7) und Ruth, die Nachzüglerin, gerade ein dreiviertel Jahr alt. Ratgeber wie das umstrittene Schlaflernprogramm, bei dem Babys eine gewisse Zeit schreiend gelassen werden, um allein einzuschlafen, stehen nicht im Bücherregal der Familie. Babys wurden und werden verwöhnt: getragen, geschaukelt, in den Schlaf begleitet, liebevoll umsorgt. Die Eltern verlassen sich auf ihre Intuition und Werte – dazu gehört auch der Glauben.

Spannung und Spaß beim Fotografieren mit dem Selbstauslöser: Kathrin und Stefan Leier mit Ruth, Esther und Josua – Fotos: Familie Leier

Spannung und Spaß beim Fotografieren mit dem Selbstauslöser: Kathrin und Stefan Leier mit Ruth, Esther und Josua – Fotos: Familie Leier

Beide sind christlich erzogen worden. Sie ist als Gemeindereferentin bei einer Freikirche angestellt, er engagiert sich seit Jugendzeiten im Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM), ist Vorstandsmitglied des CVJM-Gesamtverbands, Mitglied im Gemeindekirchenrat von Droßdorf/Rippicha und im Regionalbeirat der Kirchenregion »Südliches Zeitz«. Der Glaube setzt Werte in dieser Familie, findet seinen Ausdruck in Umgangsformen und Ritualen. Gebete vorm Essen und Schlafengehen, bei Problemen und Herausforderungen gehören zum Alltag ebenso wie die Musik, Gottesdienstbesuche, auch Vorbereitungen dafür, zum Beispiel für das Krippenspiel. Die beiden Großen besuchen die evangelische Grundschule in Zeitz, Ruth wird voraussichtlich ab dem Frühling die kirchliche Kita besuchen.

»Natürlich erziehen wir unsere Kinder christlich, das ändert aber nichts daran, dass sie irgendwann an den Punkt gelangen, sich selbst dafür zu entscheiden oder eben nicht«, sagt Stefan Leier. Selbstständigkeit, auch im Denken, zu vermitteln, ist den Eltern wichtig. Und sie wissen, nichts ist prägender in der Erziehung als das eigene, gelebte Vorbild. Frei nach Fröbel: Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts. »Die Kinder leben das mit, was du lebst«, ist Kathrin Leier überzeugt. Sie in Watte packen, überbehüten, vor allem Übel der Welt abschirmen ist weder möglich noch erwünscht.

Die jungen Eltern hängen keinem bestimmtem Erziehungsstil an. Sie sind keine »Helikopter-Eltern«, die alles überwachen, was ihre Kinder tun – wenngleich sich die Familie Walkie-Talkies angeschafft hat, damit Esther und Josua ohne Aufsicht, doch mit Kontaktmöglichkeit im Wald hinterm Haus stromern können. »Wir kriegen jetzt immer Nachrichten: Sind an der Straße, sind über die Straße gegangen, sind im Wald«, sagt Stefan Leier lachend.

Auch als »Tigereltern« wollen sich Leiers nicht sehen. Die Kinder fördern, ja, aber nicht mit Zuckerbrot und Peitsche. Bei Esther prägen sich Hobbys und Vorlieben gerade besonders stark aus, die Eltern wollen ihr ermöglichen, was machbar ist. Doch wichtig ist vor allem: Dass das Zusammenleben in der Familie funktioniert, dass die Bedürfnisse aller wahrgenommen werden und gelten. Die Familie ist mehr als die Summe ihrer Teile.

Und so gibt es auch im Hause Leier Regeln. Zum Beispiel: Jeder räumt sein Gedeck vom Tisch ab, jeder erfüllt kleine und größere Aufgaben im Haushalt, fernsehen ist nur in wohl dosierten Mengen erlaubt, Spielzeug wird nicht liegen gelassen. »Wir pflegen eine liebevolle Konsequenz«, sagt Vater Stefan. Deshalb gibt es auch Strafen, aber situationsbezogen. »Esther und Josua gehen wahnsinnig gern im Geraer Hofwiesenbad schwimmen. An einem Samstag war es wieder so weit, aber schon den ganzen Morgen war Zank und Streit zwischen den Geschwistern. Wir waren alle schon angezogen, standen vor der Tür, da eskalierte die Situation. Den Schwimmbad-Besuch haben wir abgeblasen. Wir sind zu Hause geblieben. Auch als sich die beiden versöhnt hatten. Das war eine eigentümliche Stimmung an diesem Nachmittag, aber die Kinder haben daraus wirklich gelernt. Das hat noch lange nachgewirkt«, erzählt Stefan Leier ein Beispiel.

Strafen können also sein. Reden muss sein. »Gott hat unsere Kinder wunderbar gemacht, sie sind besonders und einzigartig«, sagt Kathrin. Das wollen sie den dreien vermitteln. Deshalb nehmen sie sie und ihre Gefühle ernst, sprechen viel mit ihnen, fragen, haken nach, erklären auch, warum sie eine Entscheidung so und nicht anders getroffen haben. »Ich sage nicht: Ich verbiete euch diesen Halloween-Kult, aber ich vermittle, warum wir nicht mitmachen oder nur in einer Light-Version mit Kürbisschnitzen«, nennt Stefan Leier ein Beispiel.

Die Eltern behandeln ihre Kinder als vollwertige Menschen. Dazu gehört auch, dass die Kinder ihre Konflikte selbst lösen. Gibt es Probleme mit Freunden, greifen Stefan und Kathrin nicht zum Telefon, um die anderen Eltern zu kontaktieren und das zu regeln. »Wir kümmern uns um unser Kind, stärken es.« Nicht in Watte packen, aber mit Liebe umhüllen.

Katja Schmidtke

Radikal auf Christus ausgerichtet

21. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Unser Glaubenskurs 2017 beschäftigt sich passend zum Reformationsjubiläum mit der Theologie Martin Luthers. Monatlich werden wir einen der reformatorischen Schwerpunkte unter die Lupe nehmen. Den Auftakt bildet das Thema »solus Christus«: allein Jesus Christus.

Theologie und Glaube Martin Luthers lassen sich mit Hilfe der sogenannten vier Exklusiv­partikel auf den Punkt bringen: solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – allein Christus, allein durch die Schrift, allein aus Gnade, allein der Glaube. Diese sind verantwortlich für eine einzigartige Konzentrationsbewegung. Dabei bildet das solus Christus die inhaltliche Mitte. Jesus Christus ist der klarste Spiegel des väterlichen Herzens Gottes.

Zeit seines Lebens geht es Martin Luther in seiner Frömmigkeit um die persönliche Gegenwart des auferstandenen Jesus von Nazareth. An ihn glaubt er mit der ganzen Glut seines Herzens. In der Gegenwart Jesu Christi möchte er leben. In ihm ist Gott dem Menschen unüberbietbar nahegekommen. In ihm hat Gott sein innerstes Wesen offenbart. »Unter allen Geboten Gottes ist das höchste, dass wir seinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, sollen uns vorbilden, der soll unsers Herzens täglicher und vornehmster Spiegel sein, darin wir sehen, wie lieb uns Gott hat, und wie er so hoch, als ein frommer Gott, für uns hat gesorget, dass er auch seinen lieben Sohn für uns gegeben hat.«

GuA-03-2017Darum ist das Grunddatum von Luthers Glaube die Inkarnation, die Geburt des Sohnes Gottes als Baby in der Krippe von Bethlehem, die wir an Weihnachten feiern. Luther ist der erste »Weihnachts-Christ« der Neuzeit. Weil im Zentrum seiner Spiritualität der in Jesus Christus offenbar gewordene liebende Gott steht, bekennt er: »Gott ist ein glühender Backofen voll Liebe.«

Die Freude über die in Jesus Christus erschienene Liebe Gottes wirft einen Glanz der Dankbarkeit über das Christsein, alles Ängstliche verschwindet. Dadurch kommt eine ganz neue Wärme in das Verhältnis des Menschen zu Gott.

Diese Wärme zeigt sich sehr schön in einem Brief Luthers vom 10. Juni 1527 an Elisabeth, der Frau seines Freundes Johann Agricola, die wohl unter Depressionen litt. Luther und seine Frau hatten sie in einem früheren Brief zu einem Ortswechsel nach Wittenberg eingeladen: »Der ehrhaftigen und tugendsamen Frau Elisabeth Agricolae, Schulmeisterin zu Eisleben, meiner lieben Freundin. Gnade und Friede, meine liebe Elsa! … Du musst aber nicht so kleinmütig und verzagt sein, sondern denken, dass Christus nahe ist und hilft dir dein Übel tragen. Denn er hat dich nicht so verlassen, als dir dein Fleisch und Blut eingibt. Allein, ruf du nur mit Ernst von Herzen, so bist du gewiss, dass er dich erhöret, dass es seine Art ist, helfen, stärken, trösten alle die, so sein begehren.«

In der Seelsorge ließ sich früher häufig ein problematischer Umgang mit Depressiven erkennen. Sie standen unter dem Generalverdacht, dass unausgesprochene und unvergebene Sünden verantwortlich seien für ihre seelischen Probleme. Luther schlägt eine ganz andere Richtung ein. Sein Rat entpuppt sich als reiner Zuspruch. Elsa soll den negativen Einreden positive Gedanken entgegensetzen: Christus hat sie nicht verlassen, wie sie meint. Vielmehr ist er ihr nahe und will ihr helfen, ihre Depressionen zu tragen.

Der Glaube geht nicht im Fürwahrhalten von bestimmten Aussagen über Gott auf. Gott will in Jesus Christus als Person – um seiner selbst willen – geliebt werden. Luthers ganze Theologie zeigt, dass und wie Gott dem Menschen im Glauben an Jesus Christus das Heil schenken will.

Es gibt nur wenige Theologen, die sich so wie der Reformator in die Person Jesu Christi vertieft haben. Seine Theologie ist radikal auf Jesus Christus hin ausgerichtet – ein in der Kirchengeschichte fast einmaliger Vorgang.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Literaturhinweis
Zimmerling, Peter: Evangelische Spiritualität. Wurzeln und Zugänge, Vandenhoeck & Ruprecht, 310 S., ISBN 978-3-525-56700-5, 50 Euro

Unser Glaubenskurs 2017 beschäftigt sich passend
zum Reformationsjubiläum mit der Theologie Martin Luthers. Monatlich werden wir
einen der reformatorischen
Schwerpunkte unter die Lupe nehmen. Den Auftakt bildet das Thema »solus Christus«: allein Jesus Christus.
Von Peter Zimmerling
Theologie und Glaube Martin Luthers lassen sich mit Hilfe der sogenannten vier Exklusiv­partikel auf den Punkt bringen: solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – allein Christus, allein durch die Schrift, allein aus Gnade, allein der Glaube. Diese sind verantwortlich für eine einzigartige Konzentrationsbewegung. Dabei bildet das solus Christus die inhaltliche Mitte. Jesus Christus ist der klarste Spiegel des väterlichen Herzens Gottes.
Zeit seines Lebens geht es Martin Luther in seiner Frömmigkeit um die persönliche Gegenwart des auferstandenen Jesus von Nazareth. An ihn glaubt er mit der ganzen Glut seines Herzens. In der Gegenwart Jesu Christi möchte er leben. In ihm ist Gott dem Menschen unüberbietbar nahegekommen. In ihm hat Gott sein innerstes Wesen offenbart. »Unter allen Geboten Gottes ist das höchste, dass wir seinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, sollen uns vorbilden, der soll unsers Herzens täglicher und vornehmster Spiegel sein, darin wir sehen, wie lieb uns Gott hat, und wie er so hoch, als ein frommer Gott, für uns hat gesorget, dass er auch seinen lieben Sohn für uns gegeben hat.«
Darum ist das Grunddatum von Luthers Glaube die Inkarnation, die Geburt des Sohnes Gottes als Baby in der Krippe von Bethlehem, die wir an Weihnachten feiern. Luther ist der erste »Weihnachts-Christ« der Neuzeit. Weil im Zentrum seiner Spiritualität der in Jesus Christus offenbar gewordene liebende Gott steht, bekennt er: »Gott ist ein glühender Backofen voll Liebe.«
Die Freude über die in Jesus Christus erschienene Liebe Gottes wirft einen Glanz der Dankbarkeit über das Christsein, alles Ängstliche verschwindet. Dadurch kommt eine ganz neue Wärme in
das Verhältnis des Menschen zu Gott.
Diese Wärme zeigt sich sehr schön in einem Brief Luthers vom 10. Juni 1527 an Elisabeth, der Frau seines Freundes Johann Agricola, die wohl unter Depressionen litt. Luther und seine Frau hatten sie in einem früheren Brief zu einem Ortswechsel nach Wittenberg eingeladen: »Der ehrhaftigen und tugendsamen Frau Elisabeth Agricolae, Schulmeisterin zu Eisleben, meiner lieben Freundin. Gnade und Friede, meine liebe Elsa! … Du musst aber nicht so kleinmütig und verzagt sein, sondern denken, dass Christus nahe ist und hilft dir dein Übel tragen. Denn er hat dich nicht so verlassen, als dir dein Fleisch und Blut eingibt. Allein, ruf du nur mit Ernst von Herzen, so bist du gewiss, dass er dich erhöret, dass es seine Art ist, helfen, stärken, trösten alle die, so sein begehren.«
In der Seelsorge ließ sich früher häufig ein problematischer Umgang mit Depressiven erkennen. Sie standen unter dem Generalverdacht, dass unausgesprochene und unvergebene Sünden verantwortlich seien für ihre seelischen Probleme. Luther schlägt eine ganz andere Richtung ein. Sein Rat entpuppt sich als reiner Zuspruch. Elsa soll den negativen Einreden positive Gedanken entgegensetzen: Christus hat sie nicht verlassen, wie sie meint. Vielmehr ist er ihr nahe und will ihr helfen, ihre Depressionen zu tragen.
Der Glaube geht nicht im Fürwahrhalten von bestimmten Aussagen über Gott auf. Gott will in Jesus Christus als Person – um seiner selbst willen – geliebt werden. Luthers ganze Theologie zeigt, dass und wie Gott dem Menschen im Glauben an Jesus Christus das Heil schenken will.
Es gibt nur wenige Theologen, die sich so wie der Reformator in die Person Jesu Christi vertieft haben. Seine Theologie ist radikal auf Jesus Christus hin ausgerichtet – ein in der Kirchengeschichte fast einmaliger Vorgang.

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Literaturhinweis
Zimmerling, Peter: Evangelische Spiritualität. Wurzeln und Zugänge, Vandenhoeck & Ruprecht, 310 S., ISBN 978-3-525-56700-5, 50 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchen­zeitung: Telefon (0 36 43) 24 61 61

Pommes mit Maja

17. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Insekten könnten eines der Lebensmittel der Zukunft sein, darin sind sich Experten für Welternährung einig. Ein Schweizer findet: Warum nicht Bienen?

Sour Soup with Emmentaler – klingt gut, oder? Saure Suppe mit Emmentaler, wer könnte da widerstehen? Nichts würde besser passen zu dem quietschbunten Bretterverschlag, den der Schweizer Daniel Ambühl aufstellt, wenn er seine Spezialitäten bekannt macht – und genauso steht es auch angeschrieben, allerdings mit einem Wort mehr. Tatsächlich verkauft Ambühl nämlich »Saure Suppe mit Bienendrohnen aus dem Emmental«.

»Man erkennt das oft, dass Leute eine Schere im Kopf haben. Sie merken: Das Essen sieht gut aus und riecht auch lecker – und trotzdem müssen viele erst eine Barriere überwinden«, sagt er. Daniel Ambühl, 58 Jahre alt, ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Er glaubt so sehr daran, dass er ein Bienenkochbuch geschrieben hat. Es trägt den Namen »Beezza«, man erfährt darin, wie man Bienenpizza zubereitet, Bienenburger – und für die Pommes dazu die »Majanaise«, die man gewinnt, indem man den Saft von ausgedrückten Larven mit Essig, Öl, Senf und Salz verrührt.

Der Schweizer Daniel Ambühl in seinem bunten Bretterverschlag in Zürich, mit dem er im Sommer über Schweizer Festivals tourt, um Spezialitäten aus seinem Bienenkochbuch bekannt zu machen. Ambühl ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Foto: epd-bild/Luc-Francois Georgi

Der Schweizer Daniel Ambühl in seinem bunten Bretterverschlag in Zürich, mit dem er im Sommer über Schweizer Festivals tourt, um Spezialitäten aus seinem Bienenkochbuch bekannt zu machen. Ambühl ist überzeugt: Bienen sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Foto: epd-bild/Luc-Francois Georgi

Ambühl ist nicht der Einzige, der mehr Insekten auf den Speiseplan der Menschen bringen will. Die Welternährungsorganisation FAO sieht darin eine Methode, die Welternährung zu sichern – schließlich sind in Insekten zahlreiche Nährstoffe und vor allem Proteine enthalten. Gleichzeitig seien sie aber mit wesentlich weniger Aufwand zu produzieren als etwa Fleisch. Das ist wichtig angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums.

Mittlerweile gibt es einen Wettlauf unter Forschern. Es geht nicht darum, ob wir einmal Insekten essen werden, sondern welche. In Teilen von Asien, Afrika und Lateinamerika werden Insekten seit jeher verspeist, insgesamt rund 1 900 verschiedene Arten. Sie tragen laut FAO zur Ernährung von rund zwei Milliarden Menschen bei.

»Bekannt geworden ist das Insektenessen in Europa über den Zoohandel. Dessen Lieferanten haben angefangen zu experimentieren, was auch Menschen schmecken könnte«, sagt Guido Ritter, Ökotrophologe an der Fachhochschule Münster – und bekennender Insektenesser. Heuschrecken und Mehlwürmer: So laute das Programm vieler Zuchtbetriebe.

Was sich in Europa noch im experimentellen Stadium befindet, das ist in Südostasien bereits eine Industrie – und nicht immer nehmen die Züchter es dabei mit Umweltschutzstandards oder nachhaltiger Produktion besonders genau, wie Ambühl sagt: »In Thailand gibt es massenhaft Grillenfarmen. Dort wird Hochproteinfutter verfüttert, das normalerweise Hühner kriegen. Das ist überhaupt nicht durchdacht.«

Ein ähnlicher Ansatz wird Guido Ritter zufolge in Südafrika verfolgt, wo Schlachtabfälle verfüttert würden. »Das würde bei uns nicht gehen, da die Europäische Union (EU) bereits festgelegt hat, dass Insekten in der Zucht so behandelt werden müssen wie andere Tiere auch. Und die dürfen keine Schlachtabfälle bekommen.«

Dass es auch anders geht, will Daniel Ambühl beweisen: Er verwendet in seiner Küche und seinen Kursen ausschließlich die Larven und Puppen der Drohnen, also der männlichen Bienen. Die Jugendform unter anderem deshalb, weil Honigbienen ihren Nachwuchs perfekt abgestimmt versorgen: »Deshalb haben die Tiere keinen Darm­inhalt. Das ist bei anderen Insekten ein Riesenproblem.«

Rund 2 000 bis 3 000 Drohnen werden jedes Jahr in einem Bienenstamm geboren, wie er erklärt. Gebraucht würden sie von Natur aus nur, wenn aus einem benachbarten Volk eine neue Königin hervorgehe und begattet werden müsse. Also gebe es für die Drohnenlarven keine Verwendung, vorhanden seien sie bei einer großen Zahl von Honigproduzenten trotzdem. »Es wäre für Imker überhaupt kein Problem, Drohnenlarven in Bio-Qualität zu produzieren«, sagt Ambühl. Genau genommen sei das oft jetzt schon der Fall. Nur wisse das meistens nicht mal der Imker selbst.

Doch egal, ob man Bienen, Mehlwürmer oder Heuschrecken züchtet: Welcher Europäer will das eigentlich essen? Vielleicht einer, der das Tier nicht in Gänze sieht, findet Ernährungswissenschaftler Ritter. Möglich seien etwa Snacks, Proteinriegel oder auch Burger. »Letztere gibt es schon in den Niederlanden und Belgien. Ich bin sicher: Bald schon wird man im Supermarkt Insektenschnitzel kaufen können.«

Bienenkoch Ambühl sieht das anders: »Man muss sich auf Leute konzentrieren, die wissen, dass wir nicht endlos Fleisch produzieren können. Die akzeptieren ganze Insekten dann viel eher.« Gerade bei jungen und gebildeten Menschen sei das häufig der Fall. »Das ist der Markt. Und nicht Leute, die etwas eigentlich gar nicht wollen«, sagt der Schweizer. »Sour Soup with Emmentaler Kingbees« – warum eigentlich nicht?

Sebastian Stoll

www.beezza.ch

Mit Gott ist der Mensch nicht allein auf der Welt

17. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Mouhanad Khorchide ist Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) in Münster. Er traf sich mit Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu einem interreligiösen Gespräch über die Frage, ob Christen und Muslime zum selben Gott beten.

Khorchide: Ich habe eine kritische Frage. Warum dürfen wir beide nicht gemeinsam zum selben Gott beten?

Bedford-Strohm: Wir sprechen da oft vom »multireligiösen Gebet« und unterscheiden es in der Tat vom »interreligiösen Gebet«. Auf diese Weise lassen wir offen, ob es genau derselbe Gott ist, den wir anbeten. Das ist der Versuch, zu respektieren, dass es unterschiedliche Blicke auf Gott gibt.

Die Gewölbe der Schlosskirche zu Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Die Gewölbe der Schlosskirche zu Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Die Hoffnung ist natürlich, dass Gott sich uns als derjenige zeigt, der er ist. Nämlich Gott. Insofern würde ich, wenn Muslime zu Allah beten, auch nicht sagen, dass sie zu einem anderen Gott beten. Wenn ich aber sage, die Gläubigen aller Religionen beten zu demselben Gott, dann ist das eine Feststellung, die nicht gedeckt ist. Denn es gibt sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gott in den Religionen.

Da muss man dann ehrlich sein und auch die Differenzen sehen. Als wir über die Trinität und den Monotheismus gesprochen haben, sind wir ja darauf gestoßen, dass wir Christen bestimmte Dinge von Gott sagen, die Muslime oder Juden nie mitsprechen könnten. Deshalb ist es vielleicht ehrlicher und angemessener, Zurückhaltung zu wahren, ohne aber damit zu sagen, es sind alles völlig unterschiedliche Götter. Ich würde mir beide Urteile nicht zutrauen. Weder das Urteil, dass es in allen Religionen derselbe Gott ist. Noch dass es ein anderer ist. Ich glaube, wir können nur wirklich mit Leidenschaft unseren Zugang zu Gott leben. Und die Frage, wie der Gott, von dem wir leidenschaftlich überzeugt sind, sich uns dann zeigt … Das werden wir am Ende der Zeiten sehen, wenn der Schleier weggezogen ist.

Khorchide: Aber könnte ich als Versuch der Annäherung nicht sagen: »Wir glauben an denselben Gott, der sich in unterschiedlicher Weise offenbart hat«? Deshalb sagen Muslime, er hat sich mir anders offenbart als den Christen. Und übrigens – weil Sie den Begriff »Allah« verwendet haben: Sie wissen ja, dass arabische Christen und arabische Juden ebenfalls das Wort Allah verwenden.

Bedford-Strohm: Ich weiß. In Malaysia gibt es das Problem, dass die Christen gerne »Allah« sagen möchten, der Staat es ihnen aber verbietet. Ich weiß, was Sie meinen. Wenn ich hier von »Allah« sprechen würde, würden die Leute alle fragen: »Wie kann der christliche Bischof von ›Allah‹ sprechen?« Aber die Christen in Malaysia wollen gerne von »Allah« sprechen, weil »Allah« schlicht und einfach das Wort für »Gott« ist.

Khorchide: Aber könnte man denn nicht als Annäherung sagen: Gott hat sich im Christentum in Jesus offenbart, im Islam im Koran, deshalb reden wir vom selben Gott, der sich in unterschiedlicher Weise offenbart hat? lm Dialog zwischen Katholiken und Muslimen ist die Annäherung einfacher. Man meint: »Ja, wir glauben an denselben Gott, wir können gemeinsam beten.« Protestanten dagegen lassen die Frage offen. Müssen wir sie wirklich offenlassen? Können wir nicht sagen, er offenbart sich nur in einer anderen Weise, aber er ist derselbe Gott?

Bedford-Strohm: Wir müssten genau darüber reden, was es bedeutet, wenn wir von Gott beispielsweise als von demjenigen sprechen, der sich im Gekreuzigten zeigt. Und darüber, ob wir wirklich die Feststellung treffen können, dass das derselbe Gott ist. Oder ob man die Unterschiede auch respektieren muss, die zwischen den unterschiedlichen Bekenntnissen der Religionen bestehen.

Ich sage es jetzt mal in Richtung Judentum: Ich bin nicht sicher, ob ich es so einfach übergehen kann, wenn Juden ganz ausdrücklich sagen: »Christus kann nicht Gottes Sohn sein.« Deswegen bin ich zurückhaltender und spreche von »multireligiösem Gebet«. Ich sehe das aber nicht als Distanzierung oder Abwertung von anderen Religionen, sondern ich trete gerade dafür ein, die eigene Identität nicht aus der Abgrenzung heraus zu definieren. Wir sollten die eigene Religion begeistert leben und das Urteil darüber, was am Ende mit diesem Unterschied der Religionen gemacht wird, wirklich Gott überlassen.

Khorchide: Die islamische Main­stream-Theologie sieht allein Muslime in der ewigen Glückseligkeit. Das widerspricht aber dem Wortlaut des Korans. Die zweite Sure 62 und die fünfte Sure 69 versprechen Juden, Christen und anderen, die an Gott glauben, die ewige Glückseligkeit.

Die Leute des IS sagen: »Ich glaube an einen Gott, der mir erlaubt, Unschuldige umzubringen.« Darauf sage ich: »Ich glaube nicht an diesen Gott.« In deren Augen bin ich dann sogar Atheist. Oder ein Atheist kann sagen: »Ich glaube nicht an Gott.« Wenn ich dann genauer nachfrage, hat er vielleicht ein total negatives Bild von einem Gott oder von Religion und distanziert sich deshalb. Sein Handeln und sein Lebensentwurf können trotzdem bezeugen, dass er ein Werkzeug Gottes ist, also jemand, der Ja zu Gott gesagt hat. Er verbalisiert das nur anders.

Aus: Käßmann, Margot/Bedford-Strohm, Heinrich: Die Welt verändern. Was uns der Glaube heute zu sagen hat, Aufbau Verlag und edition chrismon, 293 S., ISBN 978-3-96038-007-8, 22 Euro

Aus: Käßmann, Margot/Bedford-Strohm, Heinrich: Die Welt verändern. Was uns der Glaube heute zu sagen hat, Aufbau Verlag und edition chrismon, 293 S., ISBN 978-3-96038-007-8, 22 Euro

Ich glaube, Gott geht es nicht um das, was wir verbalisieren, sondern um das, was wir aus unserem Leben machen. Ist es letztlich nicht sogar egal, ob wir sagen, »ich glaube an Gott« oder »ich glaube nicht an Gott«? Kommt es nicht letztlich nur auf das Handeln und den Lebensentwurf an? Wenn man diese Frage stellt, kommen allerdings gleich wieder einige Anfragen: Sollte man Religion nur auf diese ethische Ebene reduzieren? Geht es wirklich nur darum, dass wir gut sind und dass unser Lebensentwurf bezeugt, dass wir brave Menschen sind? Wozu brauchen wir Gott dann? Ich weiß nicht, wie Menschen es ohne den Glauben an Gott schaffen, wenn ich sehe, wie oft er mir Trost und Kraft gibt. Allein das Zwiegespräch – auf dem Weg hierher mit Gott zu reden, weil man nicht weiß, was auf einen zukommt –, das gibt schon gewissen Halt. Man hat das Gefühl, es gibt jemanden, ich bin nicht allein in der Welt.

Dem Geheimnis Gottes auf der Spur

16. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Experten im Glauben, die zwei Bestseller-Autoren Anselm Grün und Tomáš Halík widmen sich dem Unglauben

Sie sind Profis in Sachen Glaube. Beide Theologen, Geistliche, katholisch: Anselm Grün und Tomáš Halík. Gemeinsam widmen sich die beiden Bestseller-Autoren einem Phänomen, von dem sie meinen, dass es für den Glauben eine wichtige Rolle spielt, dem Unglauben, dem Zweifel. »Gottlos werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen« – In ihrem Buch sprechen sie dem Zweifel, dem Unglauben, eine für den Glauben vitale, fruchtbare Funktion zu. Glaube und Unglaube, so stellen sie ausführlich dar, gehören zusammen, brauchen einander. Glaube sei ohne Zweifel nicht zu haben.

Tomáš Halík. Foto: Vier-Türme-Verlag

Tomáš Halík. Foto: Vier-Türme-Verlag

In die Welt des Glaubens sind die beiden Männer auf ganz unterschiedliche Weise geraten. Der eine wurde hineingeboren, der andere hat sich hineingezweifelt. Für Anselm Grün war der Glaube wie ein feststehendes Haus, unerschütterlich, Geborgenheit spendend. Er wuchs in einer katholischen Familie unmittelbar neben der Kirche auf. Drei Geschwister seines Vaters waren Benediktiner. »Mein Vater war der Einzige in der Familie, der geheiratet hat«, erzählt Anselm Grün. Er selbst äußerte schon als 10-Jähriger den Wunsch, Priester zu werden. Zunächst habe ihn der Glaube so selbstverständlich umgeben, dass der Atheismus nicht zur Anfechtung wurde. Aber im Kloster dann, »als ich alles auf die Karte Gottes gesetzt hatte, wurde die Frage des Atheismus für mich zu einer persönlichen Frage«. Heute, so gibt der Benediktinerpater zu verstehen, ist der Zweifel sein stetiger Begleiter. Wenn er predige, frage er sich immer, ob es stimmt, was er sagt oder ob er sich etwas vormache.

Anselm Grün. Foto: Willi Wild

Anselm Grün. Foto: Willi Wild

Anders war das bei Tomáš Halík. Er kennt den Zweifel von seiner Jugend an. Er wurde 1948 in der Tschechoslowakei geboren und ist dort aufgewachsen, in einem Land, in dem der Atheismus vonseiten des Staates angeordnet war. »Als 16-Jähriger zweifelt man in der Regel an allen von außen herangetragenen und aufgezwungenen Wahrheiten.« Und so stellte er die Dogmen jener vom Regime aufgezwungenen Ideologie infrage. Bis er sich schließlich am Ende eines langen und verschlungenen Weges zum christlichen Glauben durchgezweifelt hatte.

Halík arbeitete während des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei als Psychotherapeut und wurde 1978 heimlich in Erfurt zum Priester geweiht. Er war enger Mitarbeiter von Kardinal Tomášek sowie Berater von Václáv Havel. Heute ist er Professor für Soziologie an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität und Rektor der Universitätskirche St. Salvator in Prag.

Die beiden Autoren beschäftigen sich in ihrem Buch intensiv mit dem Atheismus, dem sie eine dem Glauben dienende Bedeutung zusprechen. Die Vorstellungen, die Bilder von Gott seien ebenso vielfältig wie die Art und Weise und unter welchen Pseudonymen Gott einen Menschen anspricht. Vor diesem Hintergrund, so Halík, erinnere der Atheismus daran, dass jeder menschliche Begriff in Beziehung auf Gott nur wie ein Finger ist, der auf den Mond zeigt und nicht der Mond selbst. Wissen wir also gar nichts von Gott? Wenn fast alles ungewiss ist, was ist gewiss? Halíks Antwort fällt kurz und knapp aus: »Gott ist Geheimnis.«

Der Weg des Glaubens, den die beiden Priester gegangen sind, ist ein langer. Sie haben sich unter anderem mit atheistischen Philosophen und mit der Psychologie auseinandergesetzt. Sie kennen die Anfechtungen des Glaubens durch den Zweifel persönlich und aus der Erfahrung als Seelsorger. Die Erkenntnisse, die sie als Gläubige gewonnen haben, sind einander ähnlich, fast identisch, aber sie öffnen mit ihrer Sprache unterschiedliche Fenster. Sie gewähren damit interessante Einblicke in ihre Glaubenswirklichkeit, Einblicke in das Zuhause zweier Christen, Gottsucher, deren Berufung es ist, dem Geheimnis Gottes näherzukommen.

Für Anselm Grün bedeutet Glauben, Gott zu suchen. Er begegne sehr oft Menschen, die gern glauben möchten, jedoch meinen, dies nicht zu vermögen. Ihnen sage er, die Sehnsucht, glauben zu wollen, sei schon Glauben. Im Fragen und Suchen sieht der Benediktinermönch die Chance, tiefer in den Glauben vorzudringen. »Eine Frage stellen heißt, so sagt es uns die deutsche Sprache, eine Furche graben. Wenn wir uns infrage stellen lassen in unserem Glauben, dann lassen wir in den Acker unserer Seele eine Furche graben. Und in dieser Furche kann eine neue Saat aufgehen. Da kann unser Glaube neu aufblühen. Er wird immer wieder aufgelockert, damit er mehr Frucht bringt. Die Frage zwingt uns, immer tiefer zu überlegen: Wer bin ich eigentlich? Was ist das Leben? Was ist der Mensch? Was oder wer ist Gott?« Wer der Frage bis auf den Grund folge, werde immer tiefer in den Grund seiner Seele vorstoßen. »Und auf dem Grund meiner Seele stoße ich auf das Geheimnis, das größer ist als ich: das Geheimnis Gottes.«

Für Halík ist Gott ebenfalls Geheimnis, und Glaube die Sehnsucht, diesem näherzukommen. »Mit einem Geheimnis können wir nie fertig werden, es hat keinen Boden. Das bedeutet nicht, dass wir vor dem Eintreten in das Geheimnis ein Stoppschild stellen müssten, im Gegenteil: Das Geheimnis bietet eine unausschöpfliche Menge von Interpretationsmöglichkeiten. Nur müssen wir uns bewusst sein, dass alle unsere Ausdrücke, die wir für das Geheimnis benutzen, den Charakter eines Bildes, eines Gleichnisses, einer Metapher oder bestenfalls einer Analogie haben.«

Das Buch hält reichlich Glaubensgewissheiten und Einsichten bereit. Nach all den Ausführungen über den Unglauben und die Skepsis darf man schlussfolgern, dass diese Einsichten und Gewissheiten Früchte sind, gewachsen in kritischen Phasen, in Zeiten der Anfechtung und des Fragens. Denn wie Halík sagt, gewinnt er neue Einblicke meistens nach Krisen. Sie tauchen dann auf, Einblicke, sind wie Licht­strahlen, die auf dem Glaubensweg weiter voranbringen.

Sabine Kuschel

Grün, Anselm/Halík, Tomáš/Nonhoff, Winfried (Hg.): Gott los werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen, Vier-Türme-Verlag, 207 Seiten, ISBN 978-3-7365-0030-3, 19,99 Euro

Glauben alle an denselben Gott?

16. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Ja

Christen glauben an den einen, dreieinigen Gott. Dieser Glaube hat sich uns durch Jesus Christus eröffnet und wird durch den Heiligen Geist gewirkt und erhalten. Es ist der Glaube an Gott den Schöpfer, den Erbarmer und den Richter – und diesen Glauben an den einen Gott teilen wir mit den Juden und den Moslems. Für das Judentum ist aus christlicher Sicht unbestritten, dass wir denselben Gott meinen. Gleichwohl gehen Juden und Christen unterschiedliche Wege und suchen auf dieser Basis die Versöhnung.

Wie steht es mit den Muslimen? Der Islam kam später und hat vielfältige Impulse aus beiden Religionen aufgenommen. Mohammed war schon vor seinen Offenbarungen ein »Hanif«, ein Monotheist. Darin sah er sich in der Nachfolge Abrahams. Und er sah auch in den Christen und Juden solche Anhänger des einen Gottes.

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Strittig ist daher auch von islamischer Seite aus nicht die Frage nach Gott, sondern die Frage nach dem Weg. Das mag dem einen oder der anderen als Haarspalterei erscheinen. Doch es macht einen Unterschied, ob ich in der Begegnung mit Muslimen ihnen den Glauben an Gott abspreche und sie zu »Götzendienern« erkläre (was die Konsequenz wäre) oder ob ich mit ihnen darüber nachdenke, was dieser Glaube an den einen Gott bedeutet. Damit ist die Frage nach der Erlösung durch Christus noch gar nicht gestellt – und schon gar nicht in Frage gestellt! Ein zentraler Begriff aber ist in allen drei Religionen »Barmherzigkeit«: Darin ist eine gemeinsame Glaubenserfahrung zu erkennen.

Für uns Christen hat sich der dreieinige Gott in Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist aber darüber hinaus in vielfältigen Zeugnissen auch aus den »Völkern«, in denen wir die gute Botschaft wiedererkennen. Das war schon immer eine zentrale Lehre des Christentums. Man denke nur an die Rede des Apostels Paulus in Athen (Apg. 17). Auch für die römisch-katholische Lehre steht das völlig außer Frage. Man lese die entsprechenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils!

Wir können als Christen in dem, was im Islam von der christlichen Botschaft erhalten und bewahrt wird, so etwas wie ein Echo, eine Spur oder einen Schatten des Wortes Gottes erkennen und daran auch anknüpfen. Das heißt doch nicht, dass wir uns damit verleugnen! Ganz im Gegenteil: Wir machen ernst mit dem Auftrag der Versöhnung, wir machen ernst mit dem Glauben an den einen Gott.

Die Gemeinsamkeiten sind groß: der Glaube an den einen, barmherzigen Gott, die Bedeutung Abrahams, die hohe Wertschätzung Jesu und seiner jungfräulichen Mutter Maria, das Jüngste Gericht und die allgemeine Auferstehung von den Toten, die Unsichtbarkeit Gottes und die Wirksamkeit seines Wortes.

Was uns trennt, ist die Auslegung! Und hier sage ich deutlich: Wenn der Islam uns Christen vorwirft, wir würden »drei Götter« anbeten, dann möchte ich, dass dieses Vorurteil islamischerseits ernsthaft überprüft wird. Hier ist der Punkt, wo die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam gesucht werden muss! Gerade wenn wir von einem christlichen Bekenntnis herkommen, das sich des barmherzigen Gottes gewiss ist, sollte es uns nicht schwerfallen, auch im islamischen Bekenntnis zu dem einen Gott den gemeinsamen Gott zu erkennen – »wie in einem dunklen Bild« (1.Korinther 13,9).

Inzwischen stehen wir vor einer Herausforderung, vor der weder Christentum, Judentum noch Islam bislang je standen: Wir haben es gemeinsam mit einer Welt zu tun, die Gott nicht wahrhaben will, und mit Fanatikern, die Gott für ihre Interessen missbrauchen.

An der Entdeckung der Gemeinsamkeiten wird sich vieles entscheiden!

Nein

Die romantische Vorstellung, Menschen unterschiedlicher Religionen würden letztlich doch alle an denselben Gott glauben, findet sich bereits in der Antike. In der Gegenwart nährt sie die Hoffnung, dass die Gegensätze zwischen den Religionen so groß doch nicht seien, ja nicht sein dürfen, und irgendwie friedlich gelöst werden müssen. Es gibt mehrere Gründe, warum diese Hoffnung trügt.

Religionen sind immer Deutungen religiöser Erfahrungen und schon insofern notwendigerweise verschieden. In das Judentum, das Christentum und den Islam sind sehr verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen eingeflossen, die ein je eigenes Gottesbild und eine je eigene Ethik hervorgebracht haben. Es gibt Überschneidungen, aber auch grundlegende Unterschiede.

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Die entscheidende Differenz besteht darin, dass die Christen eine besondere Form des Monotheismus bekennen: den dreieinigen Gott. Was ist damit gemeint? Zuallererst geht es um das besondere Verhältnis Gottes zu Jesus von Nazareth, das sich exemplarisch in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus von den Toten durch Gott zeigt. Speziell dieses Geschehen verstanden die frühen Christen als Bestätigung der Gottesauslegung Jesu und folgerten daraus, dass er in einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott steht. Weil Gott sich bis in den Tod am Kreuz mit diesem Jesus von Nazareth identifizierte, muss er mehr als ein Prophet oder Gesandter des Vaters sein, nämlich sein Sohn. Die Gottheit des Sohnes ist somit von der Gottheit des Vaters her zu verstehen, die Gottheit des Vaters wird auf den Sohn ausgeweitet.

Der Sohn hat nicht nur am Wesen des Vaters teil, sondern er ist vom Wesen des Vaters. In diesem Schritt liegt die eigentliche Neudefinition Gottes im frühen Christentum: Gott ist so, wie Jesus von Nazareth ihn ausgelegt hat und deshalb gebührt ihm der göttliche Status des Sohnes. Das Neue Testament insistiert damit auf der göttlichen Würde Jesu, ohne das Bekenntnis zu dem einen Gott Israels damit zu schmälern. Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis: Gott wurde in Jesus von Nazareth nicht nur Mensch, sondern er lässt sich bleibend im Leben der Menschen erfahren: durch den Heiligen Geist.

Gottes Wirklichkeit weist eine erfahrbare Wirksamkeit auf. In frühchristlichen Gemeinden wie Korinth (1.Korinther 12) oder Rom (Römer 12) wurden intensive Geisterfahrungen als Gottes­erfahrungen interpretiert und führten zu einer zweiten Innovation des Gottesbildes: Gott wirkt bleibend durch den Geist in der Geschichte und im Leben der einzelnen Menschen. In der Geisterfahrung ist Gott somit selbst gegenwärtig und nicht nur eine andere untergeordnete Größe. Das frühchristliche Gottesbild ist somit nicht zuallererst an einem prinzipiell jenseitigen und primär herrschenden Gott interessiert, der Gesandte aussendet oder Schriften verfasst, die den Menschen seinen Willen kundtun. Vielmehr geht es um den Gott, der sich auf die Welt zubewegt und in die Welt eingeht. Der Gott der Christen ist ein naher Gott; ein kommunizierender und lebendiger Gott, der aus Liebe für die Welt und die Menschen eintritt.

Dieses Modell eines nahen dreieinigen Gottes wurde von Anfang an vom Islam bekämpft. Es gilt als Ausdruck der Verfälschung des Wesens des einen allmächtigen Gottes. Die Christen sind Lügner und zu bekämpfende »Polytheisten« (Sure 9,29-33) und werden ermahnt: »O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er zu Maria hinunterbrachte, und ein Geist von ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch.« (Sure 4,171; Sure 112)

Der entscheidende Gegensatz bleibt: Jesus von Nazareth ist mehr als ein Prophet, er ist Sohn Gottes und verkündet einen anderen Gott als der Koran! Den liebenden, nahen, leidenden und gekreuzigten Gott; einen Gott, der in die Welt eingeht und bei den Menschen sein und bleiben will.

Fazit: Jesus ist der Unterschied und macht den Unterschied zu jeder anderen Religion!

Drei Religionen, ein Haus:  Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Drei Religionen, ein Haus: Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Wenn das Amt den Glauben prüft

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Zum Christentum konvertierte Flüchtlinge werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf die Ernsthaftigkeit ihres Religionswechsels getestet. Mit teilweise äußerst zweifelhaften Methoden.

Wie heißen die beiden Söhne im Gleichnis vom verlorenen Sohn?« Pfarrer Gottfried Martens aus Berlin-Steglitz kann diese Frage nicht beantworten. Sein iranischer Täufling noch weniger. Denn in der Bibel werden die Namen der beiden Söhne überhaupt nicht erwähnt. Der Iraner allerdings könnte deswegen nun in seine Heimat abgeschoben werden. Denn weil er in seiner Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die kürzlich in Berlin stattfand, diese Frage nicht beantworten konnte, glaubte ihm das Amt nicht, dass er wirklich und aus voller Überzeugung zum christlichen Glauben konvertiert ist.

Ein Einzelfall? Mitnichten. Bei dem zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gehörenden Pfarrer Martens häufen sich die Fälle von Konvertiten, die einen negativen Asylbescheid erhalten haben. »Und fast immer finden sich in den Anhörungsprotokollen Belege dafür, dass Anhörer, Dolmetscher und Entscheider, also alle mit dem jeweiligen Fall betrauten Personen, selbst überhaupt keine Ahnung von dem haben, wonach sie fragen«, sagt Martens.

Vom »Schweinefleischfest« bis zu Luthers Geburtsdatum

So verwechselte eine Anhörende das Apostolische Glaubensbekenntnis mit dem Vaterunser. Ein Dolmetscher übersetzte das Osterfest mit dem Begriff »Schweinefleischfest«. Und ein Konvertit scheiterte an der Frage nach dem Geburtstag Martin Luthers – den vermutlich die wenigsten lutherischen Christen in Deutschland auf Anhieb nennen können.

Rund 1 000 iranische und afghanische Flüchtlinge hat Martens in den letzten Jahren getauft. Alle erhielten einen mehrmonatigen Taufunterricht. Alle mussten am Ende eine Prüfung bestehen. Fast alle halten sich auch nach Jahren noch zur Gemeinde, besuchen die Gottesdienste. Den immer wieder erhobenen Vorwurf, die Menschen kämen nur zu ihm, um als Konvertiten ein Bleiberecht zu erhalten, weist Martens entschieden zurück. »Ich habe aber den Eindruck, dass es im BAMF mittlerweile die Maßgabe gibt, Konvertiten besonders streng zu beurteilen«, sagt Martens.

Und die Erfahrungen des Berliner Pfarrers sind kein Einzelfall. Auch in Bayern erleben Kirchenvertreter Ähnliches. Auf der vor Kurzem in Nürnberg tagenden Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Bayerns berichtete Oberkirchenrat Michael Martin nicht nur davon, dass sich in Bayern ebenfalls viele Flüchtlinge in der Landeskirche taufen ließen. Vielmehr führe auch dort das Bundesamt »Glaubensprüfungen« bei Flüchtlingen durch.

»Unbestritten ist: Die Taufe gehört zum Kernbereich kirchlichen Handelns«, sagte Martin vor der Synode. »Als solche ist sie einer staatlichen Überprüfung entzogen.« Aus kirchlicher Sicht halte man fest, dass Glaube mehr sei als die Ansammlung von Faktenwissen. Deshalb könne er überhaupt nicht überprüft werden.

Vor der Synode berichtete Martin davon, dass einem Täufling aus Bayreuth dazu geraten wurde, seinen Glauben bei einer Abschiebung in den Iran doch einfach zu verleugnen. »Es braucht wohl keine große Begründung dafür mehr, dass es so nicht geht«, sagte Martin.

In der anschließenden Debatte äußerte sich auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Heinrich Bedford-Strohm: »Als ich davon gehört habe, war ich entsetzt. Es kann keine Glaubensprüfung durch Menschen geben, die dazu keine Kompetenz haben, und es kann auch nicht angezweifelt werden, dass die Menschen, die von der Kirche getauft werden, aus ernsthaften Motiven getauft werden.« Ähnlich sieht das der Berliner Pfarrer Martens. »Es geht nicht nur um dumme Fragen, es geht hier um einen massiven Eingriff des BAMF in Fragen der kirchlichen Lehre.«

Auf Nachfrage wollte sich das BAMF nicht zu den konkret angesprochenen Fällen äußern. Ein Sprecher betonte jedoch, dass im Rahmen der persönlichen Anhörung die näheren Umstände des Glaubenswechsels geprüft würden. »Die Taufbescheinigung bestätigt, dass ein Glaubensübertritt stattgefunden hat, sie sagt aber nichts darüber aus, wie der Antragsteller seinen neuen Glauben bei Rückkehr in sein Heimatland voraussichtlich leben wird und welche Gefahren sich hieraus ergeben«, sagte der Sprecher. »Die Klärung dieser Frage ist Bestandteil der persönlichen Anhörung.«

Der Entscheider müsse beurteilen, ob der Glaubenswechsel des Antragstellers aus asyltaktischen Gründen oder aus echter Überzeugung erfolgt sei. »Das Bundesamt zweifelt aber den durch Taufbescheinigung nachgewiesenen Glaubenswechsel an sich nicht an«, so der Sprecher. Es werde generell unterstellt, dass eine sorgfältige Taufbegleitung vonseiten der christlichen Gemeinden erfolgt sei. Allerdings werde von einem Konvertiten durchaus erwartet, dass er ausführlich schildern könne, welche Beweggründe er für die Konversion hatte und welche Bedeutung die neue Religion für ihn persönlich habe.

Gespräche zwischen EKD und Bundesamt

Inzwischen ist die EKD wegen der umstrittenen »Glaubensprüfungen« mit dem Bundesamt im Gespräch. Das bestätigte der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, Prälat Martin Dutzmann, auf Nachfrage dieser Zeitung. »Es darf in so einem Verfahren kein ›Glaubensexamen‹ geben«, betont Dutzmann. Gefragt werden könne nur danach, wie der eigene Glaube praktiziert werde – also, ob ein Konvertit etwa regelmäßig den Gottesdienst besuche.

Bundesweit sei zudem eine entsprechende Qualifizierung der Anhörer und Dolmetscher erforderlich. Übersetzer müssten christliche Fachtermini kennen, und Anhörer, die sich mit Konvertiten beschäftigen, sollten über Grundkenntnisse des christlichen Glaubens verfügen. Ein erstes Gespräch darüber mit dem Präsidenten des Bundesamtes, Frank-Jürgen Weise, ist aus Sicht von Dutzmann positiv verlaufen.

Benjamin Lassiwe

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