Der Erzbischof auf Sendung

16. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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In Rumänien hat sich eine lebendige orthodoxe Medienlandschaft etabliert: Laienchristen gestalten höchst erfolgreiche Zeitschriften, die Kirche hat einen eigenen TV-Sender.

Der ehrwürdige orthodoxe Erzbischof und Metropolit Andrei von Klausenburg – rumänisch Cluj-Napoca – nimmt Platz. Aber nicht auf dem Bischofsthron in seiner gewaltigen Kathedrale, sondern auf einem schmalen Stapelstuhl in einem engen Aufnahmestudio von nur wenigen Quadratmetern Fläche. Ihm gegenüber sitzt die Redakteurin Simona Vlasa und stellt Fragen zu Glauben und Spiritualität. Vor sich hat der 68-jährige Bischof ein Mikrofon. Das Aufnahmegerät läuft und registriert seine Aussagen so aufmerksam wie sonst die Gläubigen in Kirchen und Klöstern seine Predigten.

Was auf den ersten Blick nach einem Interview zu einem besonderen Anlass aussieht, ist in Klausenburg seit Gründung des Bistumssenders »Renasterea« (Wiedergeburt) 1999 längst etwas Alltägliches. Und nicht nur dort: Im siebenbürgischen Erzbistum Vad, Feleac und Cluj gibt es wie in vier weiteren Bistümern der rumänischen Orthodoxen Kirche kircheneigene Radiosender.

Erzbischöfe wie Metropolit Andrei von Klausenburg gehen regelmäßig auf Sendung, um den Hörern den orthodoxen Glauben zu vermitteln und christliche Lebenshilfe zu bieten. »Für uns ist das auch eine missionarische Gelegenheit in einer Zeit, in der das Christentum sich neu behaupten muss«, sagt Metropolit Andrei dazu.

»Die orthodoxen Radiosender sind sehr beliebt. Es gibt hier keinen Skandal- und Sensationsjournalismus, sondern ernsthafte Informationen zu wichtigen religiösen und kulturellen Themen, dazu auch Gesundheits- und Glaubensratgeber. Unsere Hörerschaft ist sehr unterschiedlich, alle Altersstufen und viele Intellektuelle hören die kirchlichen Sender als echte Alternative vor allem zu den sonstigen privaten Programmen«, hält die Radiojournalistin Vlasa fest und kritisiert damit gleichzeitig die weit verbreitete Boulevardisierung der rumänischen Medien.

Kirchliche Radiomacher: Metropolit und Erzbischof Andrei  von Klausenburg im Interview mit der Redakteurin Simona Vlasa beim Kirchensender »Renasterea«. 87 Prozent der Rumänen gehören der Orthodoxen Kirche an, Kloster- wie Gemeindegottesdienste sind in der Regel überfüllt. Foto: Jürgen Henkel

Kirchliche Radiomacher: Metropolit und Erzbischof Andrei von Klausenburg im Interview mit der Redakteurin Simona Vlasa beim Kirchensender »Renasterea«. 87 Prozent der Rumänen gehören der Orthodoxen Kirche an, Kloster- wie Gemeindegottesdienste sind in der Regel überfüllt. Foto: Jürgen Henkel

Zehn Redakteure und weitere Korrespondenten kümmern sich um das Programm. Es wird 24 Stunden gesendet, nachts laufen Wiederholungen. Religiöse Themen und Informationen über kirchliche Aktivitäten von der Pfarrei bis zum Patriarchat spielen beim orthodoxen Kirchenfunk naturgemäß eine große Rolle. Aber auch Nachrichten- und Folkloresendungen laufen regelmäßig über den Äther. An Sonn- und Feiertagen wie an Werktagen wird stets die mindestens zwei Stunden dauernde Messe sowie die Abendandacht live übertragen. Besonders wichtig ist Simona Vlasa das »ABC des Glaubens«, eine Sendung, die Verkündigung und Glaubensbildung verbindet.

Eigener TV-Sender des Patriarchats

In Rumänien hat sich in den knapp 30 Jahren seit der Wende eine lebendige und äußerst bunte orthodoxe Medienlandschaft etabliert. »Die rumänische Orthodoxe Kirche ist die einzige Orthodoxe Kirche mit einem eigenen TV-Sender«, sagt Vasile Banescu. Er ist Pressesprecher des Patriarchats und gestaltet auch selbst TV-Sendungen.

Die Kirche lässt sich das eigene Medienzentrum einiges kosten. Rund 80 Redakteure, Kameraleute und Techniker arbeiten nach seinen Worten allein bei dem orthodoxen Fernsehsender, der vom Patriarchat und allen Bistümern finanziert wird. Neben der Nachrichtenredaktion gibt es die Ressorts Religion, Kultur und Soziales sowie eine eigene Onlineredaktion.

Das naturgemäß kirchennahe Programm bietet viele Interviews mit bekannten Geistlichen oder Intellektuellen. Besonders interessant ist das »Jurnal Trinitas«, das täglich aus allen Bistümern der Kirche berichtet und das breite Spektrum des kirchlichen Lebens aufgreift.

Die Amtskirche und ihre Bischöfe wie auch Laien sind beim Aufbau der orthodoxen Medienlandschaft gleichermaßen initiativ geworden, was in der hierarchiebetonten orthodoxen Kirche keineswegs selbstverständlich ist. »Die Kirche hat uns geholfen, indem sie unsere Arbeit nicht behindert hat«, hält dazu schmunzelnd Razvan Bucuroiu aus Bukarest fest. Er ist Chefredakteur mehrerer Laienzeitschriften, die er selbst ins Leben gerufen hat und die sich heute erfolgreich als Nischenprodukte auf dem Markt behaupten.

Auf 80 professionell gestalteten Hochglanzseiten berichten die beiden Zeitschriften monatlich von christlichen Themen aus Rumänien und aller Welt. Fünf Redakteure sind hier tätig, allesamt Laienchristen. Es zählt kein Priester oder Theologe dazu.

Höhere verkaufte Auflage als der »Playboy«

Nicht ohne Stolz berichtet Bucuroiu, dass ausgerechnet sein monatlich erscheinendes Glaubensmagazin das »Playboy«-Magazin an verkaufter Auflage in Rumänien regelmäßig übertrifft. Das Heft hat eine Auflage von 10 000 Exemplaren und rund 1 000 Abonnenten, es wird im Zeitschriftenhandel, in Klöstern und christlichen Buchhandlungen und sogar an Tankstellen verkauft.

Der 1963 geborene Bucuroiu kam über Umwege zum Journalismus: »Bukarest ist keine Stadt, die eine religiös sehr attraktive Landschaft bietet. Christlicher Journalismus ist hier unbequem, aber nach über 40 Jahren Kommunismus war es wichtig, dass auch wieder eine lebendige christliche Laienpresse entsteht«, sagt der gebürtige Bukarester.

2008 gründete er die »Vereinigung der christlichen Journalisten und Publizisten Rumäniens« (AZEC), deren Vorsitzender er bis heute ist und die rund 100 Mitglieder hat. »Die offiziell-kirchliche Presse und die von engagierten Laien gemachten Zeitschriften ergänzen sich gut und sind wirklich komplementär«, hält Bucuroiu fest.

Vor allem Mönchtum und Spiritualität stehen im Mittelpunkt der Journale. Reportagen und Bilderserien über Klöster und charismatische Mönchsväter und Nonnen aus Rumänien, Griechenland, Georgien und Ägypten, aber auch Israel, und die Rubrik über die in der orthodoxen Frömmigkeit beliebten Kirchenväter sind echte Renner bei den Lesern.

Das Vertrauen in die Kirchen ist immer noch groß – trotz des bei Kritikern umstrittenen Baus der riesigen neuen Patriarchatskathedrale in Bukarest und mancher Skandale der letzten Jahre. Auf diese gehen die Kirchensender und -zeitungen nicht groß ein.

Jürgen Henke

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Alles kann Gebet sein: Schweigen, singen, arbeiten

15. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete. Keines bleibt ohne Wirkung.

Das Gebet ist ein höchst bemerkenswertes Phänomen. Für sehr viele Menschen – Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Religionen – ist es fest in den Tagesablauf integriert. Ihnen gegenüber steht insbesondere in Deutschland eine hohe Zahl von Atheisten, Menschen, die nicht an Gott glauben. Doch sogar sie schicken gelegentlich, wenn sie verzweifelt sind und nicht ein noch aus wissen, ein Stoßgebet zum Himmel. Für manche Christen wiederum ist es nicht selbstverständlich, regelmäßig zu beten. Und schon Paulus merkte, »denn wir wissen nicht, was wir beten sollen« (Römer 8,26 b).

Beten will geübt sein

Selbst die vermeintlichen Profis in Sachen Gebet, die Theologen und Pfarrer, haben zuweilen ihre Schwierigkeiten damit. »Ich bin kein Gebetomat, ich lasse mich ablenken, treiben«, so Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof für den Propstsprengel Stendal-Magdeburg. Er hat sich für den Gebetskalender der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) starkgemacht.

Der Gebetskalender, der abonniert werden kann, lädt Einzelne und Gemeinden ein, die darin formulierten Anliegen aufzunehmen und vor Gott zu bringen. Der Gebetskalender wird jeweils für zwei Monate veröffentlicht. Gestaltet wird er reihum von den Propsteien Gera-Weimar, Stendal-Magdeburg, Eisenach-Erfurt, Meiningen-Suhl, dem Reformierten Kirchenkreis, Halle-Wittenberg und dem Landeskirchenamt.

Wie Hackbeil erklärt, sammeln die Kirchenkreise ihre Vorschläge für Gebetsanliegen, die Superintendenten beraten darüber und treffen eine Auswahl. Die Anliegen nehmen die gesellschaftliche Situation auf sowie das, was die Landeskirche und die Propsteien beschäftigt, so der Theologe. Die Resonanz sei bislang gleichbleibend, wünschenswert wäre eine größere Beteiligung.

»Gebet bleibt nie ohne Wirkung, auch wenn ich sie nicht sehe«, ist Ulrike Köhler, Seelsorgerin im Kloster Volkenroda, überzeugt.

Gebete werden erhört

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

»Das ist manchmal unheimlich«, so die Erfahrung von Kirchenrat Andreas Möller, verantwortlich für Gemeindeentwicklung in der EKM. Als ihm vor etlichen Jahren die Pfarrstelle am Lutherhaus Jena angeboten wurde, lehnten er und seine Frau zunächst ab. »Es sprach vieles dagegen«, erzählt er. »Dann haben wir alle Bedenken im Gebet ausgesprochen und Gott gebeten, wenn er will, dass wir nach Jena gehen, soll er irgendetwas tun. Wir waren bestürzt, als sich im Laufe von etwa acht Wochen alle Probleme in Luft auflösten.«

Ebenso gibt es die Erfahrung, dass Gebete nicht erhört werden. Gott ist kein Wunscherfüllungsautomat. Das wäre furchtbar, denn zuweilen wenden sich Menschen mit bösen, abwegigen, irrsinnigen Erwartungen an ihn. Manchmal könne das Gebet zu einer neuen Einsicht führen, ganz banal, wie es Ulrike Köhler beschreibt. Wenn sie eine Erkältung hat und darum bittet, gesund zu werden, dies aber nicht eintritt, frage sie sich, ob sie nur etwas mehr Geduld aufbringen und einfach nur stillhalten solle.

Aber auch schwer kranke Menschen bitten vergeblich um Heilung. In solchen Fällen fordere sie die Betreffenden auf, so Köhler, näher hinzuschauen und akzeptieren zu lernen, dass unser Leben endlich ist. Aus Sicht der Seelsorgerin eine zumutbare Aufforderung, »wenn wir wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen«. Sie ist sich sicher: »Wir haben einen Gott, der Wunder tut. Aber wir können nicht darüber verfügen, dass er Wunder tut.«

Beten lernen

Wie lernt ein Mensch beten? »Ich bin noch klein, mein Herz ist rein, es soll niemand drin wohnen als Jesus allein. Amen« Unzählige Mütter haben ihren Kindern dieses Gebet beigebracht. Bestenfalls geht das Ritual so im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut über.

»Ich erinnere mich, wie die Eltern den festgelegten Gebeten freie Worte hinzufügten«, berichtet Andreas Möller. Diese freien Worte seien für ihn sehr eindrücklich gewesen, ehrlich und authentisch. Im Ferienlager, wenn er sich nach Hause sehnte, habe er sich darauf besonnen, den erlernten Gebeten freie Worte hinzuzusetzen.

Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete, um nur einige zu nennen.

In bestimmten Situationen sei es für Menschen, beispielsweise für Politiker, wichtig, wenn für sie gebetet wird, betont Hackbeil. »Es gehört zu unserem Auftrag, für die Obrigkeit zu beten statt Ratschläge zu geben.« Ebenso tröste es Kranke, wenn sie wissen, dass die Seelsorgerin sie in ihr Gebet einschließe. Persönlich schätze er das Gebet als große Hilfe im Leben. Es verbinde mit anderen Menschen, mit der Schöpfung. »Und es gibt mir Kraft, Dinge auszuhalten.«

Im Kloster Volkenroda wird täglich drei Mal zum Gebet eingeladen. 7.30 Uhr steht der Morgengottesdienst auf dem Programm, mittags das Gebet für Frieden und abends Fürbitten.

In einen inneren Dialog treten, ein Stoßgebet oder Schweigen, sich Gott nur hinhalten ohne Absichten – alles ist Gebet.

»Manche sagen, Gesang ist die höchste Form des Gebets«, ergänzt Andreas Möller. Mit dem Körper zu beten, etwa die Arme zu erheben, sei ebenfalls eine Möglichkeit, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen.

Zur hohen Schule gehört das Herzensgebet, ein immerwährendes Gebet, bei dem im Atemrhythmus der Name Jesu Christi angerufen wird: Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.

Und selbst die Arbeit könne Gebet sein, so Ulrike Köhler. Wenn ich in allem, was ich tue, Gott suche, sei das Gebet. »Ich bin Mitschöpfer, darf an Gottes Schöpfung mitgestalten.« Mit dieser inneren Ausrichtung könne das Arbeiten zum Gebet werden.

Sabine Kuschel

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Ein Geschenk wieder neu entdecken

15. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Internationale Allianzgebetswoche 2018 steht unter dem Motto »Als Pilger und Fremde unterwegs«. Über seine Erfahrungen mit dem Gebet sprach Willi Wild mit Theo Schneider, Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz.

Die Allianzgebetswoche, die weltweite Woche des Gebets evangelischer Christen gibt es seit 1861 in der zweiten Januarwoche. Wird in der Kirche nicht genug gebetet oder warum ist eine Extra-Gebetswoche notwendig?
Schneider:
Es ist mit dem Gebet wie mit manchen anderen wichtigen Dingen im Leben: Besondere Geschenke müssen immer wieder entdeckt und verstärkt werden. Dazu dient die Gebetswoche. Außerdem spielt auch eine wichtige Rolle, dass sich in der Gebetswoche Christen aus unterschiedlichen Kirchen und Bewegungen treffen. Die Gebetswoche ist auch ein Signal für die Einheit der Christen.

Reicht die Woche für ein ganzes Jahr?
Schneider:
Der Akzent am Anfang eines neuen Jahres ist wichtig und will ausstrahlen. Es gibt in unserem Land sicherlich in Hunderten von Orten auch vierteljährlich oder monatlich Gebetstreffen der Evangelischen Allianz.

Die Evangelische Allianz bietet einen Gebetskalender im Internet oder Gebetshefte an. Zudem gibt es das Gebet für verfolgte Christen oder das 30-Tage-Gebet für die islamische Welt. Das klingt nach einem abendfüllenden Programm. Richten sich diese Angebote ausschließlich an Ruheständler oder Menschen mit viel Tagesfreizeit?
Schneider:
Nicht jeder und nicht jede Gemeinde muss und kann alles aufnehmen. Aber es ist uns ein Anliegen, dass wir auf ganz unterschiedlichen Wegen »die Welt ins Gebet nehmen«. Das ist ganz bestimmt nicht umsonst. Starke Beachtung findet auch immer wieder das »30-Tage-Gebet für die islamische Welt.« Ich halte das für einen wirklich christlichen Beitrag zu dem für uns alle so schwierigen Themenfeld.

Wie sieht Ihr Gebetsleben aus? Wie haben Sie Ihren Tagesablauf in Sachen Gebet eingeteilt?
Schneider:
Das Gebet am Anfang und am Ende des Tages sind für mich ganz wichtige Fixpunkte. Dazwischen lebe ich ganz unterschiedliche Akzente, z.B. den Stoßseufzer, ein Lied, das Gebet mit anderen Christen im Gottesdienst, das Fürbittegebet am Krankenbett, das kurze Innehalten vor einem schwierigen Gespräch, das »Gott sei Dank« nach einer Bewahrung …

Wie wirkt Gebet?
Schneider:
Das kann ich nicht erklären. Aber auf jeden Fall: Es wirkt. Gott, der Vater, hört auf seine Kinder. Das hat er versprochen. – Außerdem: Das Beten verändert auch mich. – Ich bin vor Jahren auf einen alten Sinnspruch gestoßen: »Der Vogel ist ein Vogel, wenn er singt; die Blume ist eine Blume, wenn sie blüht; der Mensch ist ein Mensch, wenn er betet.« Der Mensch, der betet, ist dort, wo er hingehört.

Wie betet man? Gibt es eine Anleitung?
Schneider:
Im Lukas-Evangelium wird erzählt, dass die Jünger zu Jesus kamen und ihn baten, er solle sie das Beten lehren. Auf diese Bitte hat Jesus sofort reagiert und seine Jüngern das »Vaterunser« gelehrt. Das ist bis heute so: Mit dem Vaterunser kann man das Beten lernen. – Martin Luther wurde eine ähnliche Frage von Meister Peter, seinem Wittenberger Barbier und Friseur gestellt. Er hat ihm daraufhin eine kleine Schrift geschrieben, in der er das Vaterunser ausgelegt hat. Die gibt es noch heute. Sie ist noch immer aktuell.

Was ist der Unterschied zwischen Meditation und Gebet?
Schneider:
Die Frage kann man nicht kurz beantworten, denn Meditation ist heute ein »Container-Begriff« mit vielen Facetten. Klar ist aber auf jeden Fall: Das Gebet hat es mit einem persönlichen Gegenüber zu tun.

Theo Schneider. Foto: privat

Theo Schneider. Foto: privat

Die Gebetswoche steht diesmal unter dem Thema »Als Pilger und Fremde unterwegs«. Was hat das mit Gebet zu tun? Worum soll es schwerpunktmäßig gehen?
Schneider:
Mit diesem Motto wird ein grundlegendes Signal aus dem biblischen Zeugnis aufgenommen: Wir sind unterwegs. Gott hat uns gewollt und uns das Leben gegeben. Und wir gehen seinem Ziel entgegen. So spricht die Bibel davon, dass wir »Gäste und Pilger« sind. Auf unserem Weg sind wir herausgefordert, unser Leben als Christen zu gestalten – in Familie und Beruf, im Umgang mit der Schöpfung, im gesellschaftlichen Miteinander, in der Gemeinschaft der Christen. Diese Aufgabe hört nicht auf, sondern wir müssen sie immer wieder buchstabieren. Zugleich: Am Ziel sind wir erst in Gottes neuer Welt. – Übrigens, jedes Jahr kommt das Grundgerüst des Programms aus einem anderen Land. In diesem Jahr haben Verantwortliche der Evangelischen Allianz in Spanien die erste Vorlage erstellt.

In zwölf Thesen zum Jahreswechsel hat der Allianz-Vorsitzende Ekkehart Vetter auch das gemeinsame Gebet aufgenommen. Er möchte, dass aus der Gebetswoche eine ganzjährige Gebetsbewegung wird. Wie kann das gelingen, die Zahlen bei der Allianzgebetswoche sind eher rückläufig?
Schneider:
Richtig ist, dass die Zahlen bei der organisierten Gebetswoche Anfang Januar leicht zurückgehen. Richtig ist aber auch, dass es in den letzten Jahren zunehmend neue Initiativen in Sachen Gebet gibt, gerade unter jungen Menschen. Ich denke z.B. an die »Gebetshäuser« an manchen Orten, an »Gebetskonzerte« oder an die Impulse von Taizé.

Sie sind Prediger im Gemeinschaftsbezirk Wittenberg. Obwohl Lutherstadt sind Kirchenmitglieder eine Minderheit. Wie kann man Kirchenferne für das Gebet und die Gebetswoche interessieren?
Schneider:
Es gibt kein Patentrezept. Auch eine Werbekampagne ist da fehl am Platz, denn Beten ist etwas Persönliches. Aber man kann dazu einladen, ermutigen, von diesem unglaublichen Geschenk erzählen. Wer mit dem lebendigen Gott im Gespräch ist, wird das nicht für sich behalten.

Welche Erfahrungen haben Sie im vergangenen Reformationsjahr in der Lutherstadt im Zusammenhang mit Gebet und Glauben gemacht?
Schneider:
Das Jahr 2017 war für uns in Wittenberg ein großes und starkes Geschenk. Dazu gehörte in besonderer Weise eine Erfahrung mit dem Gebet: Während der Weltausstellung gab es jeden Morgen auf dem sogenannte Bunkerberg ein Morgen- und Mittagsgebet und abends auf dem Marktplatz das Abendgebet. In den ersten Tagen trafen sich nur wenige, aber es wurden immer mehr. Ich bin gewiß: Das war und ist nicht umsonst, dass Wittenberg so »ins Gebet genommen« wurde.

Theo Schneider, langjähriger Generalsekretär des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften), hat in seinem Ruhestand die Predigerstelle im Gemeinschaftsbezirk Wittenberg übernommen. Er gehört dem Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) an und ist Vorsitzender des Aufsichtsrats des Evangelischen Allianzhauses in Bad Blankenburg.

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Preist den Herrn am Smartphone

14. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Für Abgesänge auf das gedruckte Gesangbuch ist es zu früh. Doch die evangelische Kirche will künftig auch vom Smartphone und Tablet singen lassen. Seit Monaten wird dazu an einer App gebastelt.

Wie ging der Text dieses Liedes »Geh aus, mein Herz« noch mal weiter? Da summt einem eine Kirchenmelodie durch den Kopf, aber wie heißt eigentlich der Choral dazu? Fragen dieser Art könnte in Zukunft ein Anwendungsprogramm (App) für Smartphones und Tabletcomputer beantworten. Entwickelt wird die Gesangbuch-App derzeit von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Den Machern geht es nicht darum, mittelfristig die gedruckten Gesangbücher aus den Kirchen zu verbannen. Im Gegenteil: Kirchenrat Dan Peter, bei der württembergischen Landeskirche für Publizistik zuständig, kann sich sogar neues Interesse am Liedgut zwischen zwei Buchdeckeln vorstellen, wenn es durch eine App wieder populärer geworden ist. Zuerst ziele die App auf den einzelnen Nutzer. »Sie soll zum Singen animieren und neuen Zugang zu geistlichem Liedgut eröffnen«, sagt Peter.

Gesangbuch-App: Sie animiert zum Singen und soll einen neuen Zugang zu geistlichen Liedern eröffnen. Foto: Evgenia Tiplyashina – fotolia.com

Gesangbuch-App: Sie animiert zum Singen und soll einen neuen Zugang zu geistlichen Liedern eröffnen. Foto: Evgenia Tiplyashina – fotolia.com

Den Inhalt eines Gesangbuchs mit der digitalen Welt zu verknüpfen, bietet viele Chancen. Eine Volltextsuche ermöglicht es, Lieder nach Stichwörtern zu durchforsten. Wer nur noch einen Choralfetzen in Erinnerung hat, findet auf diese Weise in Sekundenschnelle das komplette Lied. Auch das Summen einer Melodie kann die App verstehen – und dann nachschauen, welche Lieder genau diese Melodie verwenden.

Nützlich ist die App auch, um sich Liedgut zu erschließen. Bei einem neuen Song (oder einem alten, den man nirgends mehr hört) hilft die App, indem sie die Melodie vorspielt. Dabei lassen sich Tonhöhe und Geschwindigkeit variieren. Weiteren Nutzen gibt es für Musiker, die ganze Chorsätze finden und vom Tablet herunter mehrstimmig spielen können.

Beim gemeinsamen Singen vom Bildschirm ist vor allem an Gottesdienste im Grünen oder an Reisegruppen gedacht. So könnten christliche Touristen in Kirchen textsicher vom Smartphone aus einen Kanon schmettern. Schon heute holten manche bei Google Rat, wenn sie ohne Gesangbuch unterwegs sind, beobachtet Kirchenrat Peter.

Außerdem ist ein offenes System geplant, dem die Nutzer auch weitere elektronische Liederbücher hinzufügen können.

Landeskirchenmusikdirektor Matthias Hanke nennt das die »Entkanonisierung« des Gesangbuchs. So ließen sich etwa moderne Lobpreissongs, die gerade bei jüngeren Leuten beliebt sind, mit wenigen Klicks einbinden.

Auch eine Kooperation mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag, der zur alle zwei Jahre stattfindenden Großveranstaltung ein eigenes Liederbuch herausbringt, ist angedacht. Außerdem lässt sich die Mehrsprachigkeit geistlicher Lieder durch entsprechende Module ausbauen. Eine Anpassung des Programms an die Bedürfnisse der katholischen Kirche, die noch keine vergleichbare App besitzt, sei ebenfalls denkbar.

Als besonders heikel erweisen sich im Entwicklungsprozess Rechtsfragen. Lizenzen für Liedtexte und Notensätze müssen bei den Verlagen eingeholt werden. Bisher regeln Rahmenvereinbarungen und Pauschalverträge die kirchliche Nutzung von Liedblättern und Beamereinsätzen im Gottesdienst. Bei einer App müssen die neuen Einsatzfelder mit den Rechtevertretern verhandelt werden. Kompliziert ist zudem das Einspielen von Musikvideos, weil hier auch die Rechte der Aufführenden berührt sind, selbst wenn das Video an anderen Stellen schon öffentlich zugänglich ist.

Gratis wird die Gesangbuch-App für die Nutzer nicht. Die württembergische Kirche übernimmt zwar die Anschubfinanzierung mit rund 500 000 Euro, danach muss sich das Projekt aber selbst tragen. Aus Sicht der Macher ist das keineswegs unrealistisch. Wenn von den 22 Millionen Protestanten in Deutschland sich nur eine Million für die App entscheidet, ließe sich der Weiterbetrieb problemlos finanzieren. Bis zur württembergischen Frühjahrssynode in Stuttgart soll ein Business-Plan für die App vorliegen. Die Entwickler hoffen, spätestens bis zum 1. Advent 2018 eine marktfähige Version herausbringen zu können.

Marcus Mockler (epd)

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Ein schöner Name, der nach Hoffnung klingt

9. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Geschichte aus Sri Lanka: Premalatha schenkte ihrem Sohn Osanda das Leben, als sie dreißig war. Davor war ihr Leben ein Albtraum, dunkel und zerrissen wie das Land, in dem sie lebt und in dem sie wie durch ein Wunder einen Bürgerkrieg überstand, der ein Vierteljahrhundert lang nicht enden wollte.

Wer in ihr Gesicht schaut, entdeckt noch die Schrecken, die unauslöschbar sind. In Premalathas Erinnerungen flackern die Bilder, die Bilder des Krieges: Soldaten stürmen ihr Dorf, schießen wild in die Häuser, nehmen Flüchtende als Zielscheiben, rennen in das Haus ihrer Familie, brennen es nieder, brennen alles nieder. Ihr Vater rafft sie, rafft ihre drei Geschwister, rennt mit der Mutter zum nahen Fluss, rennt in die Fluten, flieht, flieht, hinter sich das brennende Dorf.

Das sind die letzten Bilder, an die sich Premalatha von ihrer Heimat erinnert: Der rote Schein der brennenden Hütten. Die letzten Geräusche sind das Gehämmer der Maschinengewehre, sind Schreie – und sie glaubt, darin die Schreie ihrer Freundinnen zu hören, endlos. Erst später sagt man ihr, dass Tiger-Soldaten in ihr Dorf gekommen waren, um es zu befreien, um das ganze Land zu befreien. Aber sie hört nur noch die Schreie, ist gefangen in ihren Albträumen. Nur manchmal flackert das alte Leben auf: die schöne Kindheit in ihrem Dorf auf einer Insel.

Einige Jahre später: Ein anderes Dorf, oben im Norden der Insel, die damals noch Ceylon hieß. Denesh ist ein junger, achtzehnjähriger Mann. Er sieht Soldaten, die sein Dorf stürmen, es niederbrennen, seinen Vater töten. Es sind Regierungstruppen, die sagen, sie wollten es von den Tiger-Rebellen befreien.

Wieder einige Jahre später kreuzen sich zwei Lebenswege, die sich nicht kreuzen sollten: Premalatha aus dem Süden trifft Denesh aus dem Norden, dem Tamilen-Land der Rebellen. Was nicht vorgesehen ist im historischen Drehbuch der Insel: Die beiden verlieben sich. Und Premalatha heiratet Denesh. Aus der Geschichte würde Holly- oder Bollywood ein Filmmärchen produzieren, ein modernes mit Schmerz, aber Happyend. Aber die Geschichte ist so wenig märchenhaft wie die Zeit, in der sie geschieht. Es war ein Krieg, zwei Fronten – über 25 Jahre.

Premalatha mit ihrem einzigen Sohn Osanda. Foto: Paul-Josef Raue

Premalatha mit ihrem einzigen Sohn Osanda. Foto: Paul-Josef Raue

Hätte Premalatha nicht die Kraft eines Kindes gehabt, wäre sie nach der Flucht in die Verzweiflung gestürzt. Die Familie hatte alles verloren, ihr Haus, ihre Sachen, ihre Heimat. Ihr Vater, gerade dem Krieg entkommen, stirbt wenig später an Krebs. Die Mutter kann die Kinder nicht mehr ernähren, heiratet wieder. Der neue Mann ist das Zerrbild eines Vaters: Er schlägt sie, misshandelt sie, trinkt; mehr sagt Premalatha nicht, sie senkt den Kopf. Hilflos war sie und bleibt es in der Erinnerung. Ihre Mutter schickt sie zu einer Lehrer-Familie, wo sie helfen kann und zur Schule gehen soll. Doch die neue Familie denkt nicht daran, sie zur Schule zu schicken. 15 Jahre lang putzt und kocht sie, aber lernt weder schreiben noch lesen noch rechnen. Dann bekommt die junge Premalatha Arbeit in einer Sisalfabrik und flechtet Seile, nebenbei jobbt sie in Haushalten, mal ein paar Monate, mal ein halbes Jahr – bis sie in das Haus eines Barbiers kommt. Er hat ein schönes Haus, in dem auch ein junger Mann wohnt, Denesh rufen sie ihn, der das Handwerk lernt: Haare schneiden, Bärte rasieren, das lange Haar der Frauen in Form bringen.

Die Wege kreuzen sich: Sie mögen sich, sie lieben sich, sie heiraten, mieten ein Haus und eine Garage, in der Denesh einen Frisör-Salon eröffnet. Über ihre Vergangenheit sprechen sie nicht, nicht über den Krieg, der gerade zu Ende gegangen ist, nicht über die Fronten und die verfeindeten Lager, nicht über Mord und Vernichtung und der Schrecken, den Menschen über Menschen brachten.

Sie kommen über die Runden: Mal erscheint im Salon am Tag ein Dutzend Kunden, mal ein halbes. Es reicht, um die Mieten zu bezahlen, 30 Dollar für den Salon, 21 Dollar für das Haus mit drei kleinen Räumen, einer Küche und einem Garten. Sie kommen zurecht mit den Leuten in dem Dorf, das ihre neue Heimat ist: Norden und Süden, Rebellen und Regierung, das war einmal.

Mitten im Dorf treffen sich alle in einem Haus, essen zusammen, erzählen und tratschen, basteln aus Blumen und Ästen kleine Kunstartikel, bewirten gerne Gäste. Es ist, auch ohne Facebook, ein soziales Netz, das alle auffängt. Nur die Hebamme schaut ab und an auf ihr iPhone, das für sie ein Werkzeug ist: Sie notiert sich alle Daten der Schwangeren, kontrolliert, hilft und schenkt den Frauen Sicherheit, die früh ihre Kinder bekommen.

Premalatha wird lange Zeit nicht schwanger, es ist als ob der Alb ihrer Erinnerungen kein neues Leben duldet. Erst als sie ihren 30. Geburtstag feiert, schenkt sie einem Jungen das Leben: Er bekommt einen Namen, der schön klingen soll wie ein Wunder: Osanda. »Bei den Alten«, erzählt die Hebamme, »suchte man in den Namen einen Sinn, heute soll er einfach nur gut klingen – wie Osanda mit den drei Vokalen.«

Als ob der Alb die Mutter nicht aus seinen Fängen lassen will, verharrt Premalatha in ihrer Melancholie, hadert mit dem Schicksal als verspätete Mutter und plagt sich mit ihren Gedanken: Was denken die anderen Frauen über mich, die mit 30 und wenig später schon Großmütter sind? Premalatha weint, wenigstens das kann sie wieder.

Sie fühlt sich eigentlich nicht alt, nicht zu alt: Sie will lesen und schreiben lernen, das was alle im Dorf längst beherrschen. Sie träumt von einem eigenen Haus. Sie überwindet ihre Scheu und schließt sich Frauen an, die sich regelmäßig treffen und das trainieren, was wir Selbstbewusstsein nennen: Was kann ich? Was will ich? Wie komme ich zu einem eigenen Verdienst? Und vielleicht sogar: Wer bin ich? Das Kinderhilfswerk Plan Sri Lanka organisiert die Gruppe, in der Premalatha auch lesen und schreiben lernt, ganz langsam, mit über dreißig Jahren im Gepäck des Lebens.

Eine Liebe in Zeiten eines Bürgerkrieges, der eine Generation lang tobte und Hunderttausenden das Leben kostete, eine Liebe mit ein wenig Glück, mit ein wenig Hoffnung und mit den Schatten der Erinnerung, die wie dunkle Vögel durch die Träume fliegen. Was wir nüchtern ein Trauma nennen, sind diese Vögel.

Die Frau des Friseurs hat einen Sohn geboren und gab ihm einen schönen Namen, der wie Zukunft klingt und Hoffnung.

Paul-Josef Raue

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Lasst den Sonntag in Ruhe

8. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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In Sachsen-Anhalt gibt es eine Allianz für den freien Sonntag. Arbeitgebervertreter findet man nicht darunter. Willi Wild fragte den Vizepräsidenten des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU), Friedhelm Wachs, warum das so ist:

Was halten Sie von derartigen Bündnissen?
Wachs:
Für uns Christen gilt das 3. Gebot. Es lautet: »Du sollst den Feiertag heiligen.« Im Grundgesetz steht in Artikel 140: »Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.« Es ist immer wieder sinnvoll, wenn sich Christen dieser Grundsätze vergewissern.

In einer gemeinsamen Erklärung haben der Rat der EKD und die Kath. Bischofskonferenz 1999 die Eingriffe in die Sonntagsruhe durch Arbeitszeitrecht, Ladenschlussgesetz und verkaufsoffene Sonntage kritisiert. Wie stehen Sie als Christ und Unternehmer zum Feiertagsgebot?
Wachs:
Das 3. Gebot steht unter keinem Vorbehalt, insofern gilt es für alle Christen, auch für mich als Unternehmer.

Gewerkschaften schließen sich den kirchlichen Forderungen nach dem Schutz des Sonntags an. Die Initiative für die Sonntagsruhe wird als »Anregung für die Tarifpartner« betrachtet. Wie sehen Sie das?
Wachs:
Der Kernauftrag der Kirche ist in meiner Wahrnehmung nicht, den Tarifpartnern Anregungen zu geben, sondern Gottes Wort zu verkünden und zu leben. Für uns Christen ist es wesentlich, am Sonntag mit den Mitgliedern unserer Gemeinde das Abendmahl zu feiern. Das geht nur gemeinsam. Deshalb bin ich daran interessiert, dass sich die Gemeinde versammeln kann und nicht anderweitig verhindert ist. Und meine Beobachtung ist: je attraktiver der Gottesdienst, desto voller ist die Kirche.

Lässt sich das Rad z. B. bei den Ladenöffnungszeiten überhaupt zurückdrehen und welche Folgen hätte das für Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Gesellschaft?
Wachs:
Der gesellschaftliche Konsens und die Konsensfindung der repräsentativen Demokratie bestimmen unser Zusammenleben und regeln auch diese Fragen. Keine Verfassung kann Leitentscheidungen vorgeben und eine Regel auf Dauer halten, die von einer Mehrzahl der Bürger und Parlamentarier dauerhaft nicht akzeptiert wird; das haben wir ja 1989 erlebt. Für mich beruht die Veränderung im Bereich der Ladenöffnungszeiten auf den sich verändernden Lebensvollzügen und Interessen der Menschen, sodass sich die Frage der Rücknahme der Liberalisierung für mich nicht stellt. Für die Erosion des Sonntagsschutzes ist der sinkende Anteil an Christen in der Gesellschaft das eigentliche Problem.

Öffentliches Interesse? Damit begründen Kommunen die Sonntagsöffnung. Gewerkschaften und Kirchen halten die Feiertagsruhe dagegen. Foto: Gina Sanders – stock.adobe.com

Öffentliches Interesse? Damit begründen Kommunen die Sonntagsöffnung. Gewerkschaften und Kirchen halten die Feiertagsruhe dagegen. Foto: Gina Sanders – stock.adobe.com

Einige Supermarktketten hatten am verkaufsoffenen Heiligabend-Sonntag zu. Richtig oder falsch aus Unternehmer- und aus Christensicht?
Wachs:
Ich weiß nicht, ob Christen diese Entscheidung getroffen haben und ob Glaube überhaupt eine Rolle gespielt hat. Unternehmerisch gehe ich von einer rational getroffenen Entscheidung aus. Der Nutzen für Mitarbeiterinnen und Unternehmen dürfte größer sein als die Kosten für die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs an einem halben Sonntag.

Haben wir in Deutschland zu viele Feiertage?
Wachs:
Es gibt Länder wie Japan mit weniger Feiertagen und weniger Urlaubstagen und die Menschen werden im Durchschnitt dort fast 3 Jahre älter als hier in Deutschland. Dort 83,84 Jahre und hier 81,09 Jahre. Wenn da ein Zusammenhang besteht, würde ich sagen: ja.

Was bedeutet Ihnen der Sonntag und können Sie am 7. Tag ruhen? Wie sieht ein typischer Sonntag bei Ihnen aus?
Wachs:
Ich habe drei kleine Kinder, sie prägen den Sonntag. Den Tag beginnen die Drei um 6:30 Uhr mit Malen und Spielen und Eltern wecken. Dann steht vormittags der Gottesdienst auf dem Plan und danach kommt es sehr auf die Aktivitäten an, die die Familie sich wünscht, und auf die Jahreszeit. Neben dem Austausch mit Freunden, umringt von tobenden Kindern, sitze ich in diesen kalten Tagen gern, schreibe, lese und widme mich nachdenkenswerten Fragen. Und wenn der Tag geht und die Kinder im Bett sind, dann freue ich mich auf die Arbeitswoche. Die ist meist ruhiger als mein Sonntag.

Der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in Deutschland (AEU) ist ein Netzwerk protestantischer Unternehmer und Führungskräfte. Friedhelm Wachs (Leipzig) ist Unternehmensberater und Sprecher der mitteldeutschen Arbeitsgruppe des AEU.

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Gottes Palast jenseits von Raum und Zeit

7. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Innehalten: Warum wir die Sonntagsruhe des Gebets neu entdecken können

Du brauchst einen Ort oder eine bestimmte Stunde, wenn nicht sogar einen Tag, an dem du nicht weißt, was am Morgen in der Zeitung stand, wo deine Freunde sind, was du irgendjemand schuldig bist oder was irgendjemand dir schuldig ist. Am Anfang mag es scheinen, als geschähe dort nichts. Aber wenn du einen heiligen Ort hast und von ihm regelmäßig Gebrauch machst, dann wird zur rechten Zeit das Richtige geschehen.«

Diese Gedanken stammen von Joseph Campbell, einem berühmten Mythenforscher. Er hatte jahrzehntelang die Weisheitstraditionen vieler Völker studiert und war zum Schluss gekommen, dass alle diese Kulturen Formen der Ruhe entwickelt hatten: Heilige Orte, Zeiten und Tage der Ruhe. In unserer Tradition sind es der jüdische Sabbat am Sonnabend und der christliche Sonntag. Auch für Nichtgläubige sind diese beiden Tage heute die mit Abstand beliebtesten Wochentage. Sie sind arbeitsfrei, aber meistens keine Ruhetage mehr, sondern mit Aktivitäten ausgefüllt. Die alten Völker dagegen wussten, dass Zeiten der Ruhe und Stille die beste Möglichkeit sind, um Zugang zum eigenen Seelenleben und zu Gott zu finden. Auch Jesus empfahl das seinen Aposteln, als sie in einem Meeting mit ihm zusammensaßen und ihm von ihren vielen Aktivitäten, »von allem, was sie getan und gelehrt hatten« berichteten. »Sie kamen und gingen und hatten nicht einmal Zeit genug zum Essen«, so beschäftigt waren sie. Jesu wunderbarer Rat an sie lautete: »Geht allein an einen einsamen Ort und ruht euch ein wenig aus.« (Markus 6,30–31)

Das ist der perfekte Sonntagstipp, um Körper, Geist und Seele zu regenerieren. Wir könnten Sabbat und Sonntag wieder als leere Räume der Ruhe und Stille entdecken, in denen nichts passiert, damit »zur rechten Zeit das Richtige geschehen kann.« Wir wissen, dass Jesus selbst sich regelmäßig allein »an einen einsamen Platz« zurückzog, um zu beten (Markus 1,35).

Er balancierte die Pole Kontemplation und Aktion aus. Das ist heute wichtiger denn je. Leere, reizarme Räume und Ruhezeiten entlasten unseren Geist, der heutzutage ständig gefordert wird und permanent hochtourig fahren muss.

Sonnenuntergang: Ruhige Orte, ereignislose Momente helfen uns, nichts als den gegewärtigen Augenblick wahrzunehmen. Foto: Ivan – fotolia.com

Sonnenuntergang: Ruhige Orte, ereignislose Momente helfen uns, nichts als den gegewärtigen Augenblick wahrzunehmen. Foto: Ivan – fotolia.com

Neurowissenschaftler haben längst nachgewiesen, dass es die langsamen Delta-Gehirnwellen sind, bei denen sich unser Gehirn erholt und alle körperlichen und seelischen Regenerationsprozesse stattfinden. Diese Deltawellen erleben wir nur im Tiefschlaf – und im kontemplativen Gebet. Wer sich in das Gebet der Herzensruhe versenkt, gelangt nach und nach an den inneren stillen Punkt im Bewusstsein, der der Sabbatruhe Gottes am siebten Schöpfungstag entspricht. Hier wird »die Seele still zu Gott« (Psalm 62,2). Das Bewusstsein lässt alle Bitten, Wünsche und Gedanken los und taucht in die Ruhe des Göttlichen ein. Das ist die Sonntagsruhe des Gebets. Hier werden wir frei von unserer üblichen Bindung an Raum und Zeit, die uns beherrscht. Der integrale Philosoph Jean Gebser nannte das die Raum- und Zeitfreiheit oder das Feld des absoluten Geistes. Jesus nannte es »das Reich Gottes«.

52 Sonntage im Jahr erinnern uns daran, aus der Stille heraus immer wieder den Palast Gottes jenseits von Raum und Zeit zu suchen. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, wo dieser äußere Startpunkt liegt. Er muss vor allem für einen selbst passen. Der Theologe und Philosoph Ralph Waldo Emerson empfahl darum: »Denk für dich selbst – und alle Orte sind freundlich und heilig«. Freundlich, heilig, das kann eine ruhige Ecke in der Wohnung sein, die stille Kirche oder eine leere Parkbank, die auf uns wartet. Ruhige Orte und ereignislose Momente helfen uns, nichts als den gegenwärtigen Augenblick wahrzunehmen. Christen sprechen vom »Sakrament des Augenblicks«, denn in Gottes Gegenwart eintauchen können wir nur, wenn wir ganz gegenwärtig sind. Es genügt also, dem gegenwärtigen Augenblick in der Stille die Treue zu halten. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt hinüber zu Gottes Palast jenseits von Raum und Zeit – in das Reich Gottes, das, wie uns Jesus versichert, mitten in und unter uns ist.

Marion Küstenmacher

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Epiphanias: Das Leben feiern

6. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Unser Glaubenskurs widmet sich den kirchlichen Festen und zeigt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

Der Epiphanias-Tag ist einer der ältesten Feiertage der Christenheit. Vielleicht sogar der älteste überhaupt. Vor allem aber ist er der ursprüngliche Weihnachtstag. Ja, in der frühen Kirche wurde vor allem in Ägypten der 6. Januar als Geburtsfest Jesu gefeiert, weil man dort der großen Feier zur Ankunft der von einer Jungfrau geborenen Gottheit Aion etwas entgegensetzen wollte. Für die ägyptischen Christen war schließlich klar: Der wahre Herrscher über Zeit und Ewigkeit ist Jesus Christus, nicht Aion.

Als sich in der Kirche im Lauf der Zeit dann doch der 25. Dezember als Geburtstag Jesu durchsetzte, musste der Epiphanias-Tag verständlicherweise neu legitimiert werden. So wurde er unter anderem zum Feiertag für die Taufe Jesu, zum Fest seines ersten Wunders bei der Hochzeit zu Kana – und schließlich zum Tag der »Heiligen Drei Könige«. Drei Anlässe, die inhaltlich alle passten – schließlich heißt Epiphanias übersetzt »Erscheinung des Herrn«, also Gott, bzw. das Göttliche offenbart sich. Trotzdem setzten sich die weitgereisten Gabenbringer aus dem Orient als Hauptmotiv durch.

Dazu muss man allerdings kurz erwähnen, dass die Bibel gar nicht von »Drei heiligen Königen« spricht. Um ehrlich zu sein: Es sind weder drei, noch sind sie heilig, noch sind es Könige. Das Matthäusevangelium berichtet einfach von einer Gruppe von Sterndeutern, ob das 2 oder 20 waren, bleibt offen.

Für die junge Christenheit aber wurde diese Gelehrtenschar zum Symbol: Wer den König Jesus anbetet und beschenkt, der muss selbst königliches Blut haben – und weil man damals nur drei Kontinente kannte (Europa, Asien, Afrika) lag es nahe, dass jeder dieser Kontinente einen Vertreter geschickt hatte. So wurde einer der drei jetzt gekrönten Besucher auch kurzerhand zu einem dunkelhäutigen Afrikaner gemacht. Um zu zeigen: Schon im Stall betete die ganze Welt den Sohn Gottes an.

Dass man in Deutschland dem Epiphanias-Fest schon lange eine besondere Bedeutung beimisst, hat aber noch einen anderen Grund: Im Jahr 1164 ließ Kaiser Barbarossa nämlich nach einer Schlacht die Gebeine der »Heiligen Drei Könige« als Geschenk an den Kölner Erzbischof Rainald von Dassel überführen. Seither ruhen sie im Kölner Dom in einem edlen Schrein – und gehören quasi zum deutschen Kulturgut.

Die eigentliche Bedeutung des Epiphanias-Tags liegt aber in dem, worauf er aufmerksam machen möchte. Und das sind vor allem drei wesentliche Botschaften:

1. Gott erscheint! – Der Name »Epiphanias« ist also Programm: Dass der Schöpfer des Himmels und der Erde sich auf den Weg zu den Menschen macht, gehört zum Kostbarsten, was im Christentum gefeiert wird. Denn: Es gibt viele Religionen, bei denen sich Menschen auf den Weg zu einer Gottheit machen sollen, der christliche Gott aber ist sich nicht zu schade, selbst aufzubrechen. Und die liebevolle Botschaft »Gott ist an dir interessiert« stärkt Glaubende seit Jahrtausenden.

2. Gott verdient Anbetung! – Die passende Reaktion auf das »Hinunterneigen Gottes« (nebenbei: Das altdeutsche Wort für »Hinunterneigen« heißt Gnade) ist, wie es die »Heiligen Drei Könige« zeigen, die Anbetung. Und damit sind weniger bestimmte spirituelle Praktiken gemeint, als eine Lebenseinstellung: Wer sich immer neu bewusst macht, dass Gott bei ihm ist, der lebt anders. Der wird automatisch anfangen, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen. Und diese Haltung wird dann auch sein Handeln prägen.

3. Gott regiert die ganze Welt! – Dass sich in den »Heiligen Drei Königen« stellvertretend alle Völker an der Krippe versammeln, steht für den universellen Anspruch Gottes bzw. Jesu Christi. Darum ist es auch so wichtig, dass die »Heiligen Drei Könige« keine Juden sind – und auch nicht sofort zu Christen werden. Ihre Botschaft lautet: Da, wo die Gegenwart Gottes in der Welt sichtbar wird, da werden selbst heidnische Wissenschaftler spüren, dass hier etwas Himmlisches passiert.

Wer sich auf den Epiphanias-Tag einlässt, der entdeckt, dass das Christentum von Anfang an auf Beziehung angelegt ist: Gott sucht die Beziehung mit den Menschen. Und am 6. Januar steht diese »Offenbarung« noch einmal im Mittelpunkt.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist.

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Zwischen allen Stühlen: Christen im Heiligen Land

1. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Bethlehem – auch zu diesem Weihnachtsfest ist die Geburtsstadt Jesu von Nazareth weltweit in aller christlicher Munde. Jeder weiß, dass der Erlöser dort geboren wurde und sich ein Welten bewegendes Ereignis zwischen Himmel und Erde abgespielt hat. Aber kaum einer weiß, wie es den Christen dort heute geht.

Beim Blick auf das von Israelis und Palästinensern bewohnte Heilige Land werden oft nur zwei Parteien wahrgenommen: Juden und Muslime. Doch seit Anbeginn leben in diesem Geburtsland des Christentums auch Christen – palästinensische Christen. Heute beläuft sich ihre Zahl auf rund 170 000, aufgeteilt auf zahlreiche Denominationen – diesseits und jenseits der Grünen Linie zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten.

Obwohl Christen nur einen Anteil von etwa einem Prozent an der palästinensischen Gesellschaft haben, ist ihre Bedeutung groß. Nicht nur, dass sie zentrale heilige Stätten in Bethlehem oder Jerusalem pflegen. Auch bekleiden sie oft hohe Ämter in der palästinensischen Regierung und prägen einen Teil der Kultur. Prominente Palästinenser, wie der Autor und Musiker Edward Said oder der Maler Sliman Mansour, sind Christen. Ein Drittel der Krankenversorgung in Palästina leisten christliche Einrichtungen.

Doch die Christen sitzen zwischen allen Stühlen, wie der Autor und Pilgerführer Johannes Zang in seinem Buch »Begegnungen mit Christen im Heiligen Land« schreibt. Obwohl sie so viele Kirchen betreiben und so viele Pilger ins Land locken, werden die Christen kaum geachtet. Von Israel werden sie als Palästinenser behandelt – und allzuoft benachteiligt. Und von der muslimischen Mehrheitsgesellschaft werden sie in den vergangenen Jahren auch zunehmend kritischer beäugt, es kommt immer wieder zu Gewaltausbrüchen.

Die Christenheit im Heiligen Land sei vielfach verwundet, schreibt Zang und kritisiert vor allem die beschwerliche Lage der Palästinenser infolge der mittlerweile 50 Jahre andauernden israelischen Militärbesatzung. »Da ist die sichtbare, blutige Besatzung und der blutige Kampf gegen sie – mit Toten und Verletzten, seelischen und körperlichen Krüppeln. Da ist die sichtbare, unblutige Besatzung – mit Kontrollpunkten und Straßensperren aller Art, mit Landenteignung und dem System der Passierscheine. Zum Dritten gibt es die weitgehend unblutige Besatzung – dazu gehören das Zurückhalten von Steuereinnahmen, die Lähmung des Bankenverkehrs (…).« Auch Bethlehem ächzt unter der Besatzung. Der lutherische Pfarrer von Jesu Geburtsstadt, Mitri Raheb, sagt: »Bethlehem, die Wiege der Christenheit, ist zu einem großen Gefängnis geworden.«

Zang, Johannes: Begegnungen mit Christen im Heiligen Land. Ihre Geschichte und ihr Alltag, Echter Verlag 2017, 144 Seiten, 14,90 Euro

Zang, Johannes: Begegnungen mit Christen im Heiligen Land. Ihre Geschichte und ihr Alltag, Echter Verlag 2017, 144 Seiten, 14,90 Euro

Trotzdem bietet die Begegnung mit Christen im Heiligen Land eine große Chance. Von ihnen kann der Pilger einen differenzierten Blick auf die Geschichte und Gegenwart des Landes gewinnen. In ihren Gottesdiensten lebt zum Teil die Tradition der Urchristen weiter. Und in christlichen Einrichtungen, wie dem Begegnungszentrum in Bethlehem, kann man etwas über die spannende kulturelle Prägung palästinensischer Christen erfahren.

Johannes Zang hat einen ungemein aufschlussreichen Reiseführer der anderen Art geschrieben. Hier finden sich zahlreiche »Geheimtipps« für christliche Pilger – Orte und Begegnungsmöglichkeiten jenseits der bekannten Touristenpfade. Insbesondere Reiseleiter sowie Interessierte, die einen neuen Blick auf das Heilige Land werfen möchten, werden von diesem Buch profitieren.

Stefan Seidel

Zang, Johannes: Begegnungen mit Christen im Heiligen Land. Ihre Geschichte und ihr Alltag, Echter Verlag 2017, 144 Seiten, 14,90 Euro

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Der ewigen Dürre trotzen

1. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Wassernotstand: Die Region nördlich und östlich des Mount Kenya ist durch große Trockenheit geprägt. Viele Frauen verbringen mehrere Stunden am Tag damit, Wasser aus weit entfernten Quellen zu holen. Der Entwicklungsdienst der Anglikanischen Kirche verschafft den Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser – und setzt dabei auch auf unkonven­tionelle Methoden.

Mit verschränkten Armen steht Agnes Irima vor der Wasserstelle und schaut zu, wie das klare Wasser aus dem Hahn in ihren gelben Kanister sprudelt. Seitdem der Entwicklungsdienst der Anglikanischen Kirche in Kenia (Anglican Development Service, ADS) mit Unterstützung von Brot für die Welt in ihrem Dorf Gichunguri eine zuverlässige Versorgung mit Trinkwasser aufgebaut hat, braucht die 44-Jährige sich nicht mehr zu sorgen. »Früher hatte ich immer Angst, zu wenig Wasser für meine Familie zu haben.«

Ideenreich: Mit einer Rinne um einen Felsen und einen Tank sammeln Agnes Irima und die Dorfbewohner von Gichunguri am Mount Kenia Regenwasser. So haben sie auch in Dürrezeiten Trinkwasser. Fotos: Jörg Böthling/Brot für die Welt

Ideenreich: Mit einer Rinne um einen Felsen und einen Tank sammeln Agnes Irima und die Dorfbewohner von Gichunguri am Mount Kenia Regenwasser. So haben sie auch in Dürrezeiten Trinkwasser. Fotos: Jörg Böthling/Brot für die Welt

Um einen Felsen in der Größe eines Mehrfamilienhauses am Berghang hat eine lokale Baufirma aus Steinen eine Rinne gemauert. Bei Regen leitet diese das Wasser, das auf die Oberfläche prasselt, in einen Behälter aus Beton, in dem sich Sand und Steine absetzen. Von da aus fließt es in einen 75 Kubikmetergroßen Tank. Dieser speist die Wasserstelle am Fuße des Berges, an der Agnes Irima und die anderen Dorfbewohnerinnen jeden Morgen ihr Wasser holen. Nur wenige Tage Regen genügen, um den großen Tank zu füllen.

Tägliches Energiegetränk

Der Tank liegt nur ein paar hundert Meter von Agnes Irimas Haus entfernt. Früher musste sie fast sieben Kilometer weit laufen, um an Wasser zu kommen. Fünf Stunden am Tag war die Kleinbäuerin damals mit der Beschaffung des Wassers beschäftigt.

Zusammen mit anderen Frauen aus dem Dorf machte sie sich morgens um drei Uhr auf den Weg. Immer hatten sie Angst, nach dem anstrengenden Marsch kein Wasser mehr vorzufinden. Außerhalb der Regenzeit sind viele Flüsse am Mount Kenya ausgetrocknet. Die Menschen graben dann Löcher in das Flussbett, in denen Wasser zusammenläuft. »Ich musste es mühsam mit einer Schöpfkelle herausholen«, so Irima.

Doch das war nicht das einzige Problem: Das Wasser in diesen Löchern ist schmutzig, unter anderem, weil sich auch Tiere an ihnen bedienen. »Wir hatten Probleme mit Würmern, erkrankten an der Amöbenruhr, besonders die Kinder litten häufig an Durchfall«, erinnert sie sich.

Mehr als dreißig Liter Wasser konnte Agnes Irima nicht transportieren. Damit musste die Großfamilie einen Tag lang auskommen – das Waschen von Geschirr und Wäsche inklusive. Alle tranken zu wenig, hatten Kopfschmerzen und fühlten sich schwach. Heute trinken Agnes Irima und ihre Familie mindestens doppelt so viel. Nicht dass sie Wasser im Überfluss hätten. Für jeden Kanister bezahlen sie umgerechnet fünfzig Eurocent. So werden Instandhaltung und Ausbau der Wasserversorgung finanziert. Trotzdem ist immer genug da. »Wir fühlen uns gesund und kräftig, und die Kinder kommen gut in der Schule mit«, sagt Irima.

Seitdem sie sich nicht mehr die Hälfte des Tages um die Beschaffung von Wasser kümmern muss, hat Agnes Irima mehr Zeit für die Landwirtschaft. Auf ihrem kleinen Stück Land baut die Familie Mais, Gemüse und Obst an. Fast alles verbrauchen sie selbst.

Mehr Zeit für die Landwirtschaft

In der letzten Regenzeit von Oktober bis Dezember hat es jedoch nur wenige Tage geregnet. Die Maisernte fällt daher für die meisten Bauern aus. Dürrekatastrophen treten aufgrund des Klimawandels immer häufiger auf. Damit das Trinkwassersystem trotzdem genug für alle Dorfbewohner bereitstellt, baut ADS gerade zwei weitere Tanks. Wenn diese fertig sind, soll auch die Dorfschule sich daraus versorgen können. Zurzeit müssen die Schülerinnen und Schüler mit zwei Bechern Wasser pro Tag auskommen.

Agnes freut sich darüber, auch wegen ihrer Enkelin Peace Celille: »Ich bin sehr glücklich, dass meine Enkelin es besser hat.« Den täglichen Gang mit dem Kanister zur Wasserstelle nimmt sie dafür gerne in Kauf. Zumal er jetzt nur noch wenige Minuten dauert.

Klaus Sieg

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Weihnachtsgeschichte

27. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Feuilleton-51-2017

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Das Kind in uns

27. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Weihnachten – ein therapeutisches Ereignis: Glaubenskurs zu den kirchlichen Festen

Die Psychologie liebt heute das Bild vom »Kind in uns«. Jeder von uns trägt in sich ein göttliches Kind. Das göttliche Kind ist ein Bild für das wahre Selbst, oder man könnte auch sagen: Es steht für das einmalige Bild, das Gott sich von jedem von uns gemacht hat.

Weihnachten feiern wir die Geburt des göttlichen Kindes. Und wir feiern nicht nur die Geburt Jesu vor über 2 000 Jahren, sondern – wie der schlesische Dichter und Mystiker Angelus Silesius es ausgedrückt hat – die Geburt Christi in uns: »Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren.« Das göttliche Kind zeigt uns, dass in uns ein Raum der Stille ist, zu dem der Lärm der Welt keinen Zutritt hat.

In diesem inneren Raum der Stille sind wir frei von den Erwartungen und Ansprüchen der Menschen. Da sind wir heil und ganz. Dort kann niemand uns verletzen. Die verletzenden Worte treffen uns emotional weiterhin. Aber in den inneren Raum der Stille können sie nicht vordringen.

Und dort, wo das göttliche Kind in uns ist, sind wir ursprünglich und authentisch. Da lösen sich alle Bilder auf, die andere uns übergestülpt haben. Und auch unsere eigenen Routinen der Selbstentwertung (»ich bin nicht richtig«) oder der Selbstüberschätzung (»ich muss immer perfekt sein, cool sein, erfolgreich sein«) lösen sich auf. Und ich bin einfach da, ohne mich rechtfertigen und ohne etwas vorweisen zu müssen.

Wir haben aber – so sagt uns die Psychologie – nicht nur ein göttliches Kind in uns, sondern auch ein verletztes Kind. Die Weihnachtsgeschichte, die uns Matthäus erzählt, spricht von dem gefährdeten Kind, das von Herodes verfolgt wird und vor ihm nach Ägypten fliehen muss. Das verletzte Kind in uns meldet sich immer zu Wort, wenn es heute auf ähnliche Weise verletzt wird wie in unserer Kindheit.

Das übersehene Kind schreit auf, wenn wir heute von unserem Ehepartner oder vom Chef übersehen werden. Das zu kurz gekommene Kind schreit auf, wenn wir in der Gemeinschaft, in der wir stehen, zu kurz kommen. Das Kind, das den Erwartungen der Eltern nie genügen konnte, meldet sich heute zu Wort mit Gedanken wie: Ich bin nicht gut genug als Mutter, als Vater, ich genüge in meinem Beruf nicht den Erwartungen der Firma.

Die Weihnachtsbilder zeigen uns, wie Maria ihr Kind umarmt. So sollten auch wir wie Maria das verletzte Kind in uns umarmen und ihm zusprechen: »Ich übersehe dich nicht. Für mich bist du gut genug.« Und wir sollten uns vom verletzten Kind zum göttlichen Kind in uns führen lassen, in den inneren Raum der Stille.

C. G. Jung, der Schweizer Psychologe, nennt das Kirchenjahr ein therapeutisches System. Wir feiern in den Festen des Kirchenjahres heilsame Bilder für unsere Seele. Und indem wir diese Bilder feiern, bilden sie sich in uns ein und bringen uns in Berührung mit den heilenden Kräften unserer Seele. So ist auch Weihnachten ein therapeutisches Fest. Es will das verletzte Kind in uns heilen und uns in Berührung bringen mit dem göttlichen Kind in uns.

Anselm Grün

Dr. Anselm Grün ist Ordenspriester und lebt in der Benediktinerabtei Münsterschwarzach.

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Weihnachten kam Nathanda

27. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Simbabwe: Einst die Korn­kammer Afrikas, gilt das Land nach 30 Jahren Diktatur unter Robert Mugabe als eines der ärmsten Länder der Welt. Gibt es Hoffnung unter dem neuen Präsidenten Emmerson Mnangagwa?

In den Dörfern, Familien und Schulen herrscht Gewalt – vor allem gegen Mädchen und Frauen. So ist die Telefonnummer 116 ein Zeichen für Hilfe und Hoffnung: Der Kinder-Notruf, den alle in Simbabwe kennen und den fast eine halbe Million Betroffene im Jahr nutzen.

Weihnachten sahen sie Nathanda zum ersten Mal, ein Mädchen, gerade mal 15 Jahre jung, ein einziges Bündel Angst. Drei Jahre lang hatten sie nur ihre Stimme gehört, manchmal zwanzig Mal am Tag. 116 hatte sie gewählt, diese Telefonnummer war Teil ihres Lebens geworden.

Wer 116 wählt, eine kostenlose Nummer, landet in einer Villa von Harare, in der einst ein britischer Offizier gewohnt haben mag. Da hieß Harare noch Salisbury, und Simbabwe war Teil der britischen Kolonie Rhodesien im Süden Afrikas. Harare ist heute die Hauptstadt von Simbabwe, des eigentlich reichen Landes, in dem viele Menschen arm sind.

»116 – a cry for help«, ein Schrei um Hilfe – ist der Slogan des Kinder-Notrufs Childline, bei dem landesweit 250 Mitarbeiter ehrenamtlich arbeiten und zuerst einmal zuhören –
wie bei Nathanda. Sie rief dort jahrelang an. Es war einer dieser erstickten Schreie von Menschen, die auf Hilfe hoffen, aber nicht den Mut finden, zu erzählen.

Drei Jahre nahm sie Anlauf

Drei Jahre lang versuchte sie es. Die Mitarbeiter, die sie über ihre Kopfhörer hörten, lockten sie, ermunterten sie: Was willst du, Nathanda? Was bedrückt dich? Wie können wir dir helfen? Dürfen wir dich besuchen? Nein. Nathanda weinte nur – manchmal zwanzig Mal am Tag.

Eines Tages öffneten sich plötzlich die Tore der Erinnerung. Nathanda rief an und erzählte von ihrem Onkel, der sie immer wieder vergewaltigt, schon seit Jahren, der sie schon vergewaltigt hatte, da war sie gerade mal zehn. Es ist die Geschichte von Zehntausenden in Simbawe, diesem Land der verlorenen Kinder.

Weihnachten kam sie endlich, hatte ihr schönes rotes Kleid angezogen, Weihnachten traute sich Nathanda zu der Villa im grünen Viertel von Harare. Sie schellte am Tor – und lief gleich wieder weg. Sie beobachtete das Haus aus sicherer Distanz, schellte wieder und lief davon. Die Mitarbeiter gingen auf die Straße, aber sahen nur das rote Kleid, das aus dem Versteck leuchtete.

Nach dem vierten Schellen kam sie ins Haus, erzählte die komplette Geschichte ihres Leidens; erzählte, dass sie weder aus noch ein weiß, seitdem ihr Onkel sie auch zur Prostitution zwinge. Die Mitarbeiter von Childline hören nicht nur zu, sie helfen. Sie führten auch Nathanda ins Leben zurück: Heute ist sie verheiratet und Mutter von Zwillingen. Sie hat die Dämonen der Vergangenheit verscheucht. Ihr Onkel ist zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

»Wir wissen, was im Land wirklich los ist«, sagt Maureen Kambarami von Childline, »wir sagen es auch öffentlich. Die Regierung nutzt unsere Statistiken.« Sie zeigt auf Säulen und Torten und Linien, die ausgedruckt an der Wand hängen. Statistiken der Schande.

Zuhören und helfen: In der Zentrale des Kinder-Notrufs nehmen Ehrenamtliche die Hilferufe der Kinder aus  dem ganzen Land auf und organisieren schnell Hilfe. Foto: Paul-Josef Raue

Zuhören und helfen: In der Zentrale des Kinder-Notrufs nehmen Ehrenamtliche die Hilferufe der Kinder aus dem ganzen Land auf und organisieren schnell Hilfe. Foto: Paul-Josef Raue

Fast 40 000 Anrufe allein im Dezember: Zwei von drei Anrufern berichten von Gewalt, am meisten von sexueller Gewalt, vor allem gegen Mädchen, aber auch von Prügel und Folter – selbst von versuchtem Mord wie am 3. Juni: Um 11.30 Uhr kam der Anruf aus einer abgelegenen Siedlung nahe Triangel, einem Dorf im Süden, wo es heiß ist und trocken: Ein Nachbar sieht, wie ein Mann mit einer Axt auf Peter, seinen Neffen, schlägt, wie von Sinnen. Der 14-jährige Peter blutet heftig, schreit. Ein Bein liegt, abgetrennt, auf dem Boden.

Der Notruf-Mitarbeiter alarmiert sofort die Ambulanz, die nur langsam auf den schlechten Straßen vorankommt. Was sie dann sieht, überfordert alle. »Was soll ich nur tun?«, ruft einer, fotografiert mit seinem Smartphone den blutüberströmten Kopf und das Bein und sendet das Bild zu einem Hospital in Harare. Er bekommt Rat übers Telefon, und der Krankenhaus-Chirurg sagt nachher: »Das Smartphone hat dem Jungen das Leben gerettet. So konnten wir der Ambulanz zeigen, wie sie mit dem Jungen umgehen sollen.« In der Nacht kommt Peter mit dem Flugzeug ins Hospital nach Harare. Nur langsam heilen die Wunden und Peter erzählt, er wolle gerne Lehrer werden.

Was war geschehen? Die Eltern, arme Leute, hatten Peter zu seinem Onkel geschickt, wo er als Hirte arbeiten konnte. Er spielt gerade draußen und hört, wie der Onkel mit seiner Cousine schimpft, die ihm einen Tee aufbrühen soll. Die Cousine läuft aus dem Haus, der Onkel verfolgt sie, sieht Peter und greift zur Axt.

Gewalt-Exzesse gegen Kinder und Frauen sind ein Tabu in Simbabwe: Man schaut weg, man spricht nicht über das, was in den Hütten nebenan passiert, man schmiedet ein Nachbarschafts-Schweige-Kartell, um den Zusammenhalt der Familie und des Dorfes nicht zu gefährden. Peters Onkel haben dann aber die Nachbarn aufgespürt und der Polizei übergeben und erzählt, dass er zuvor schon zwei andere Kinder misshandelt hatte.

Ein Gericht für die Kinder

»Es geht um Gerechtigkeit«, sagt Cletus Mhenhe, Richter in Mutasa. Er kennt die versteckte Gewalt in seinem Distrikt und will die Gesellschaft verändern, in der die Clans die Macht besitzen, in der Vetternwirtschaft herrscht und falsch verstandene Solidarität. Zivilcourage will der Richter fördern und die Angst besiegen: Die Täter sollen vor Gericht erscheinen, sie sollen bestraft werden und nicht weiter misshandeln und vergewaltigen.

Das Gesetz ist auf Seiten der Kinder, die Strafen für die Täter sind hoch. »Doch viele Fälle kommen erst gar nicht zu mir«, ahnt der Richter Mhenhe. Von seinem Gerichtsgebäude, auf einem Hügel gelegen, schauen Gerechte wie Ungerechte in eine idyllische fruchtbare Gebirgslandschaft mit Seen und Wäldern. Der Richter hatte einen Traum: Ein neues Gericht in der Provinz, damit Täter, Opfer und Zeugen – oft zusammen – nicht mehr den einzigen Bus zum Gericht in der Distrikthauptstadt nehmen müssen.

Sein Traum wird wahr, und er ist zufrieden – nicht, weil er eine eigene Dusche hat und eine eigene moderne Toilette, sondern wegen eines kleinen Zimmers mit Spielsachen neben seinem Richtertisch. Es ist durch eine Glasscheibe abgetrennt, dahinter spielen die Kinder, die gedemütigt wurden, misshandelt, gefoltert, vergewaltigt, meist von Verwandten und Freunden. Hier erzählen sie dem Richter während der Verhandlung, was sie erlebt haben – ohne ihren Vergewaltiger zu sehen, zu hören, ohne seine Nähe
zu spüren.

»Das Gericht nahe dem Tatort ist so sinnvoll«, sagt Richter Mhenhe, »die Verhandlungen können schnell nach der Tat stattfinden, denn Kinder vergessen schnell. Die Nachbarn, das Dorf, die Gemeinschaft haben kurze Wege und schauen der Verhandlung zu: Das stärkt sie, das ermuntert sie, nicht mehr zu allem zu schweigen. Es geht um Gerechtigkeit.« So viele Fälle wie in den vergangenen zwei Jahren hat er noch nie verhandelt.

Paul-Josef Raue

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Der Countdown läuft

24. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Von Predigtgedanken, Fußballfreunden, Sauerkraut und Kirchenglocken: Ein Gedankentagebuch des Schlotheimer Pfarrers Frank Freudenberg in den Tagen vor Weihnachten, im vergangenen Jahr.

Aufgezeichnet von Katharina Freudenberg

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

7.42 Uhr: Ein heißer Tee wärmt mir den Magen. Dann bringe ich unsere beiden Kinder zum Kindergarten.
8.04 Uhr: Großes Gewusel im Gemeindebüro. Es gibt noch viel zu organisieren: Die Liederhefte für die Gottesdienste müssen noch in die Ortschaften gelangen. Drängende Frage: Reichen die Präsente als Dank für die Krippenspielkinder?

9.35 Uhr: Den Urlaubsantrag für die Tage nach Weihnachten muss ich noch schnell ins Kirchenkreisbüro schicken.

22. Dezember, morgens im Gemeindebüro: Die Liederhefte für die Christvespern werden sortiert. Fotos: Katharina Freudenberg

22. Dezember, morgens im Gemeindebüro: Die Liederhefte für die Christvespern werden sortiert. Fotos: Katharina Freudenberg

9.45 Uhr: Am Schreibtisch angekommen setzte ich mich an die Predigt. Der Kerngedanke ist mir schon lange im Sinn: »Fürchtet euch nicht!« Wovor fürchten wir uns heute? Jetzt, nach dem Anschlag in Berlin liegt das Thema ganz oben auf. Es gibt so viele Ängste.

12.01 Uhr: Mitarbeiterweihnachtsessen in Sondershausen: Wir halten Rückblick auf das vergangene Jahr. Ich genieße den Moment der Besinnung. Es ist ein ereignisreiches Jahr gewesen. Ohne diese Zeiten des Innehaltens rast es einfach weiter.

14.24 Uhr: Einige Besorgungen liegen noch an: diverse Weihnachtsgeschenke und ein Kreativkoffer für die Christenlehre.

16.10 Uhr: Weihnachtsfeier des Fußballinternats, mit dem die Kirchengemeinde zusammenarbeitet. Angeregtes Gespräch mit einem ehemaligen Trainer über das anstehende Reformationsjubiläum und die Bewertung Martin Luthers in der evangelischen Kirche. Er ist überhaupt kein Kirchgänger, aber dennoch sehr interessiert.
17.05 Uhr: Nun ist es Zeit, den morgigen Gottesdienst im Seniorenheim vorzubereiten. Habe ich alle Weihnachtspräsente für die Senioren?
18.03 Uhr: Abendessen mit der Familie

20.01 Uhr: Zurück am Schreibtisch: aktuelle Zeitungslektüre. Erstaunlicherweise findet sich das weihnachtliche Motiv »Fürchtet euch nicht« in etlichen Zeitungskommentaren. Mir gehen einzelne Menschen durch den Kopf und wie sie das »Fürchtet euch nicht« wohl hören werden. Menschen zum Beispiel, deren Emotionen hochkochen, wenn sie das Wort »Geflüchtete« hören. Ich denke auch an manche Gemeindeglieder, die ein geliebtes Familienmitglied im vergangenen Jahr verloren haben. Und es gab schwere Schicksalsschläge.

Die Krippe der Pfarrersfamilie Freudenberg im Schlotheimer Pfarrhaus. Fotos: Katharina Freudenberg

Die Krippe der Pfarrersfamilie Freudenberg im Schlotheimer Pfarrhaus. Fotos: Katharina Freudenberg

10.01 Uhr: Gottesdienst im Seniorenheim: Wir singen schon mal die Weihnachtslieder, denn die meisten der Senioren können nicht in die Kirche kommen. Angeregte Stimmung, viele Redebeiträge. Jeder Gottesdienstteilnehmer bekommt ein kleines Geschenk zum Abschied. Jetzt geht’s los auf die Stationen – zu den Menschen, die das Bett nicht mehr verlassen können. Auch sie sollen einen kleinen Gruß bekommen.

12.15 Uhr: Problem. Der Josef ist uns abhandengekommen. Schon zur Generalprobe war er nicht da und seine Handynummer stimmt offensichtlich nicht mehr. Ärger steigt in mir hoch. Krippenspiel ohne Josef – das geht nicht. Im Team beraten wir, wer spontan einspringen könnte. Ich vielleicht? Ich telefoniere rum. Wer hat Josef gesehen? Ob Maria damals wohl auch solche Schwierigkeiten hatte?

14.03 Uhr: Besuch zum 91. Geburtstag eines Gemeindeglieds im Nachbardorf. Früher hat sie sich immer um das Krippenspiel gekümmert. Die Tochter der Jubilarin trällert ein Lied­chen.

15.27 Uhr: Im Seniorenheim: Plötzlich steht der Josef da. Er konnte zu den letzten Proben nicht kommen, sein Telefon war kaputt. Aber jetzt ist er da. Erleichterung macht sich breit. Erst recht als die Aufführung doch besser lief als befürchtet und ich nicht in die Rolle des Josef schlüpfen musste. Das Kostüm hatte ich schon dabei.

16.45 Uhr: Am Heiligabend soll es wie jedes Jahr ein traditionelles Weihnachtsgericht bei uns zu Hause geben. Genau das gleiche, mit dem ich aufgewachsen bin. Die Bratwürste sind schon besorgt. Aber das Sauerkraut und die Kartoffeln für die Klöße fehlen noch. Also schnell in den Supermarkt, auch wenn es um diese Zeit kein Spaß ist, sich durch die Gänge zu schieben.

17.45 Uhr: Was sein muss, muss sein – ab zum Fußballtraining der Alten Herren. Nach Möglichkeit lasse ich keine der wöchentlichen Trainingszeiten aus. Sonst bewegt man sich ja gar nicht mehr – und die Jungs in der Mannschaft hab ich einfach gern. Manchmal sagen sie, dass in der Mannschaft, in der ich mitspiele, noch einer mehr dabei ist und zeigen dabei augenzwinkernd Richtung Himmel.

19.54 Uhr: Ein Gutenachtlied für die Kinder.

20.15 Uhr: Mein Magen knurrt. Damit mein Gehirn noch arbeitstüchtig bleibt, brauche ich dringend etwas zu Essen. Meine Frau hat die Suppe schon warmgemacht.

20.40 Uhr: Die Endfassung der Predigt steht an.
8.43 Uhr: Erste wichtige Aufgabe des Tages: den Weihnachtsbaum aufstellen. Nachdem er schon ein paar Tage draußen im Kalten gewartet hat, darf er nun in die gute Stube. Rein in den Baumständer, noch ein bisschen ausrichten und schon können die Kinder mit dem Schmücken beginnen.

9.54 Uhr: Ein Freund bringt uns den Weihnachtsbraten – er hat das Reh am Vortag erst geschossen. Das wird ein Fest!

11.44 Uhr: Die Nudelsuppe können wir noch alle zusammen essen, bevor wir am Nachmittag in verschiedene Kirchen aufbrechen.

13.15 Uhr: Mein Schwager trifft ein, um die Kinder zu hüten.

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

15.01 Uhr: Christvesper mit kleinem Krippenspiel. Das Glockenläuten bringt mich zur Ruhe. Ich bin aber eindeutig zu warm angezogen, denn die fürsorglichen Kirchenältesten haben einen Gasheizer direkt neben meinem Platz aufgestellt; Nebeneffekt: der Gasheizer raubt mir den Sauerstoff, ich muss gähnen. Nun ist das Vorspiel vorbei, ich bin dran. Hoffentlich kann ich die Erwartungen, mit denen die vielen Menschen jetzt in der Kirche sitzen, gut aufnehmen und in Worte fassen.

Mit dem »Gloria« des Kirchenchors kommt Weihnachtsstimmung auf. Am Ausgang dann die persönliche Verabschiedung: Ich sehe viele Menschen, die schon lange nicht mehr hier wohnen, aber zu Weihnachten zu ihren Ursprüngen zurückkehren. Da sind die stolzen Omas, die ihre Kinder beim Krippenspiel bewundert haben. Ich drücke auch die Hände derer, von denen ich weiß, dass bei ihnen in diesem Jahr ein Stuhl leer bleibt. Und natürlich sind da auch die freudestrahlenden Kinder, die es kaum erwarten können, dass es nun endlich zur Bescherung geht.

16.30 Uhr: Christvesper mit Krippenspiel im nächsten Dorf: Zum Glück komme ich frühzeitig an. Ich muss sehen, dass ich noch kurz mit dem Organisten sprechen kann. Dann geht es auch schon los. Bei der Predigt steige ich auf die Kanzel. Das mache ich im restlichen Jahr nie. Bei den Anspielungen auf die Geflüchteten erahne ich in einigen Gesichtern Widerspruch. Aber es bleibt bei der Ahnung, am Ausgang spricht mich niemand darauf an.

18.39 Uhr: Zum Glück komme ich zwanzig Minuten vor Beginn der nächsten Christvesper an. Die Krippenspielkinder sind unglaublich aufgeregt. Auch Josef ist da – puuh! Jetzt geht es darum, für Ruhe zu sorgen, jedes Kind braucht seinen Platz. Wichtig ist auch ein letzter Technik-Check. Mein Blick streift durch das Kirchenschiff. Fast alle Plätze sind bereits besetzt. Wie schön, einige Gesichter zu sehen, die sonst nicht kommen. Am Ende dann »O du Fröhliche« im Stehen – es erinnert mich an die Weihnachtsgottesdienste meiner vogtländischen Kindheit.

19.42 Uhr: Zu Hause angekommen. Der Duft von Bratwurst, Klößen und Sauerkraut strömt mir schon auf der Treppe in die Nase. Die Kinder kommen mir freudestrahlend entgegengerannt. Ich muss schnell die langen Unterhosen loswerden und mir ein frisches Hemd anziehen. Dann kann der Weihnachtsabend beginnen.

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Die prophetische Botschaft im Advent

19. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Jesus ist im Kommen« verkündigte am 3. Advent 1968 in einem Ordinationsgottesdienst der damalige Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, Werner Krusche (1917–2009), im Domremter zu Magdeburg. Seine Predigt über Lukas 3,1-9, die wir hier abdrucken, ist noch heute aktuell.

Liebe Gemeinde!

An der Gestalt und der PredigtJohannes des Täufers, des prophetischen Zeugen an der Grenze zu der alten und der neuen Zeit, wird eines mit unerhörter Klarheit deutlich: Einer, den Gott beschlagnahmt hat zu seinem prophetischen Prediger, ruft den Leuten nicht etwas hinterher, sondern er ruft ihnen etwas von vorne zu, nichts, was sie sich auch hätten selber sagen können, sondern ein Wort aus der anderen Richtung.

Wem dieses Wort in Auftrag gegeben wird, der steht nicht im Dienste des Vergangenen, sondern im Dienste des Kommenden, der läuft seiner Zeit nicht hinterher, sondern der ist ihr mit dem ihm aufgetragenen Worte vorweg und ruft ihr zu, welche Stunde es geschlagen hat. Ich weiß freilich, dass es Prediger gibt, die eher einem Nachtwächter, als einem Propheten ähneln, und Gemeinden, die dahindösen und den Eindruck machen, als seien sie ein letzter Gruß aus dem 16. Jahrhundert. Und ich weiß vor allem, dass wir alle miteinander in Gefahr sind, unsere prophetische, nach vorn hin offene und von vorn her, nämlich von der Zukunft Gottes her, bestimmte Existenz zu verleugnen. Darum haben wir es alle dringend nötig, uns die prophetische Botschaft dieses 3. Advent zurufen zu lassen und ihr Gehör und Gehorsam zu schenken. Diese Botschaft lautet: Jesus ist im Kommen.

Werner Krusche bei einem Vortrag auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin 1989. Foto: epd-bild

Werner Krusche bei einem Vortrag auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin 1989. Foto: epd-bild

Weil Jesus im Kommen war, darum machte sich Johannes auf, um das den Menschen seiner Zeit anzusagen. Denn dass Jesus kommt, heißt ja doch: Gott streckt allen seine Hand entgegen, er macht allen das Angebot eines neuen, ganzen, heilen Lebens. Unser Leben soll mit Gott wieder ins Reine kommen und unser Leben untereinander soll wieder in Ordnung kommen. Unsere Vergangenheit soll bereinigt sein und unser Leben soll in die Zukunft Gottes hineinlaufen. Gott will wirklich alle. Keiner soll in seiner Heillosigkeit bleiben und darin umkommen.

Handschriftliche Aufzeichungen des Theologen zu seiner Predigt

Handschriftliche Aufzeichungen des Theologen zu seiner Predigt

Weil Jesus für alle kommt und zu allen will, darum müssen alle von seinem Kommen hören. Und darum musste Johannes aus der Einsamkeit in die Öffentlichkeit. Der Ruf des Herrn ergeht in der Stille, aber er ruft einen hinein in den Lärm des Tages, der Ruf des Herrn trifft einen in der Abgeschlossenheit, aber er belässt einen nicht dort, sondern er treibt einen dorthin, wo sich das Leben abspielt, wo die banale, so gänzlich unfeierliche Alltäglichkeit wohnt. Johannes richtet sich nicht eine Zelle, ein Sprechzimmer ein und wartet, bis die Leute zu ihm kommen, sondern er geht zu ihnen hin. Die Ansage, dass Jesus im Kommen ist, will Öffentlichkeit haben, weil sie alle angeht. Ob das von der Kanzel verkündigte Wort heute noch die Öffentlichkeit hat, die es haben will und haben muss, ist doch wohl keine Frage mehr. Da wird doch wohl einiges zu lernen sein von Johannes, der dorthin ging, wo seine Zeitgenossen wohnten. Das Kommen Jesu ist zwar in einem Winkel der Weltgeschichte geschehen, aber es ist alles andere als eine Winkelsache. Eine Winkelpredigt, wie wir sie heute weithin praktizieren, ist ihm völlig unangemessen.

Der Evangelist Lukas zählt mit größter Exaktheit die Namen derer auf, die damals die politische Macht ausübten: der Kaiser Tiberius, der Reichsstatthalter Pontius Pilatus, die Großfürsten Herodes, Philippus und Lysanias. Das ist nicht nur aus chronologischen Interessen geschehen. Damit will der Evangelist doch wohl sagen: Als diese Männer Geschichte machten, da hat Gott mitten in der politischen Geschichte seine Geschichte angefangen, sodass in der Tat die Weltgeschichte seitdem Geschichte mit Christus ist, denn der, dessen Kommen Johannes ankündigte, ist nicht – wie die Machthaber – gekommen, um wieder zu gehen, sondern er ist gekommen, um wiederzukommen. Er ist nicht zu einer Gestalt geworden, die in die Vergangenheit gehört, sondern er ist die Gestalt, der die Zukunft gehört. Die Weltgeschichte hat durch ihn ein Vorn bekommen, sie eilt auf den Tag zu, an dem alles an den Tag kommt, an dem er als der Kommende enthüllt, was er als der Gekommene erfüllt hat. Die Weltgeschichte schreitet auf eine Zukunft zu, in der endgültig herauskommt, dass in Jesus Gottes Liebe unterwegs gewesen ist in dieser Welt und dass der das Leben gewonnen hat, der sich von Jesus hat lieben und von ihm zum Weitergeben der Liebe hat bewegen lassen, und dass der sich um das Leben gebracht hat, der sich dieser Liebe verweigert hat. Jesus ist im Kommen, das verlangt eine totale Umkehr. Wenn Jesus im Kommen ist, dann muss aus unserem Leben weg, was sich mit seinem Advent und also mit seiner Gegenwart nicht verträgt. Dann kann ich nicht meinen Status quo retten wollen. Da geht es nicht ohne eine radikale Umkehr, ohne eine Umwandlung von Grund auf. Das kriegen die Leute zu erfahren, die zu Johannes kommen, um sich taufen zu lassen.

Man müsste eigentlich erwarten, dass Johannes sich freut und die Taufbewerber freundlich empfängt – die Taufziffern steigen; der Tiefpunkt der Gleichgültigkeit scheint überwunden zu sein. Es ist offensichtlich etwas in Bewegung geraten. Aber nein – er fährt sie unglaublich hart an (so hart darf nur einer sein, der die Menschen sehr liebt): »Ihr Otterngezücht, wer hat denn euch unterwiesen, dass ihr dem zukünftigen Zorn entrinnen werdet? Bringt Früchte, die der Buße gemäß sind!« Also: Meint bitte nicht, es genüge ein kirchlicher Akt! Meint nicht, Gott gebe sich damit zufrieden, weil die meisten Menschen nicht einmal mehr diese kirchlichen Handlungen begehren oder vornehmen! Gott ist nicht angewiesen auf Leute, die sich auf ihre Kirchlichkeit etwas zugutehalten: Kirchlichkeit kann immer noch Flucht vor einer ganzen, alles umfassenden Umkehr sein. Wenn Jesus kommt, ist es mit ein bisschen Religion nicht getan. Aber wir sollen jedenfalls wissen: Religiöse Handlungen, die mit unseren sonstigen Handlungen in der Gesellschaft nichts zu tun hätten, wären ein blanker Unfug! Religiöse Handlungen, die isoliert wären von unseren politischen Handlungen, ein Christentum, das nur in der Kirche und zu Hause, nicht aber in der Schule und im Betrieb praktiziert würde, zählten vor dem kommenden Christus absolut nichts.

Er sucht Früchte, die der Buße gemäß sind, d. h. Lebensäußerungen, die sichtbar machen, dass in diesem Leben etwas radikal und total neu geworden ist durch ihn. Das wird sich immer in unserem Verhalten zu den Menschen zeigen, mit denen wir es in der Gesellschaft zu tun haben. Dabei wird es immer um ein paar sehr konkrete Dinge gehen.

»Die Wahrheit ist stets konkret«, hat Lenin gesagt. Das stimmt haargenau. So konkret, wie Johannes es den Soldaten sagt, die ihn fragen, wie bei ihnen die Früchte der Buße aussehen müssten. Er sagt ihnen nicht: Zieht eure Uniform aus! Wohl aber: »Schießt auf keinen Wehrlosen! Lasst euch nicht zu Werkzeugen der Unterdrückung machen!« Wo Jesus in ein Menschenleben kommt, da geht es immer höchst konkret zu. Da geht einiges auf keinen Fall mehr, und da muss einiges auf jeden Fall getan werden. Das heißt konkret: Wer zu Weihnachten eine Gans für 40 Mark isst, der gebe am 1. Weihnachtstag allermindestens 40 Mark für »Brot für die Welt«. – So konkret ist das. Aber wenn Jesus kommt, geht es nicht billiger; denn er ermöglicht und er will darum eine ganze Umkehr und d. h. immer eine Umkehr, die in ganz konkreten Lebensvollzügen sichtbar wird, und zwar immer genau da, wo man seine schwache Stelle hat, wo der Beruf seine besonders gefährlichen Seiten hat, wo der alte Mensch besonders zählebig ist.

»Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.« So also steht es mit uns – wie mit einem Baum, dessen Wurzeln freigegeben sind zum Hieb der Axt, der ihn fällt. Von dem kommenden Christus sind wir und ist die Kirche in eine äußerst kritische Situation gebracht. Wenn wir das Fällige hinausschieben, so verfällt unser Leben der Nichtigkeit. Jedes Heute hat letztes Gewicht. Es entscheidet darüber, ob unser Leben Zukunft hat oder nicht. Es gibt Dinge, die jetzt, die sofort getan werden müssen, für die es übermorgen zu spät ist. Wie vieles Fällige hat die Kirche immer wieder vor sich hergeschoben, bis sie schließlich von anderer Seite zu bestimmten Entscheidungen gezwungen wurde. Aber das waren dann keine Früchte der Buße, keine Taten der Umkehr, sondern Akte der Unfreiheit, die zu spät kamen und darum so gut wie nichts mehr bewirkten. Taten der Umkehr sind unserer natürlichen Lebensrichtung entgegen; sie stehen im Gegensatz zu unseren üblichen Lebenspraktiken; sie kosten darum immer ein Stück unserer Bequemlichkeit, unserer Karriere, unserer Lebenssicherungen.

Wo Menschen sich dem Bußruf öffnen und an der Stelle gehorsam werden, wo sie Gott bisher den Gehorsam verweigert haben, da verändert sich ein Stück Welt zum Guten, da wird ein Stück von Gottes Zukunft Gegenwart. Wer die Umkehr vollzieht und zur Umkehr ruft, ist der Welt nicht hinterher, sondern vorweg, der ist nicht von gestern, sondern von morgen.

Die Gemeinde der Umkehrer ist das Hoffnungsvollste, das es in dieser Welt gibt. Sie allein wird bleiben, wenn der Kommende kommt. Wohl uns, wenn wir zu den Umkehrern gehören!

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Christbaum aus dem Kirchenwald

18. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Alle Jahre wieder im Advent beginnt in den Wäldern das Schlagen von Weihnachtsbäumen. Wer selbst die Axt anlegt, wird mancherorts zu Glühwein und einem zünftigen Imbiss eingeladen.

Weihnachtsbäume aus heimischen Wäldern haben in Thüringen eine lange Tradition. Über Generationen holten sich vor allem die Bewohner der waldreichen Bergregionen ihren Christbaum selbst aus dem Wald. Damit kam zum Fest stets ein frisches Exemplar in die gute Stube. Der alte Brauch erfreue sich mittlerweile wieder zunehmender Beliebtheit, sagt Horst Sproßmann vom ThüringenForst: »In einigen Orten ist das Baumschlagen bei Glühwein und Bratwurst oft ein Event für die ganze Familie.«

Auch auf kirchlichen Waldflächen wird so manche Fichte für das Weihnachtsfest geschlagen. Mit etwa 6 000 Hektar entfällt knapp die Hälfte des Kirchenforstes in der mitteldeutschen Kirche auf Thüringen, das wiederum zu einem Drittel mit Wald bedeckt ist – insgesamt mit mehr als 550 000 Hektar. Zu den rund 800 Hektar kirchlicher Waldflächen in Ostthüringen gehören 270 Hektar des Schleizer Geistlichen Hilfsfonds, der bereits am Heiligabend 1605 errichtet wurde. Seither sind die Überschüsse aus der Waldwirtschaft des Fonds jeweils zur Hälfte für kirchliche und für schulische Aufgaben bestimmt. Gelegentlich sei er dabei gewesen, um in diesem Stiftungswald Christbäume für die Kirche zu schlagen, erinnert sich Pfarrer Andreas Göppel. Als er vor einigen Jahren aus Sachsen-Anhalt in die kleine Gemeinde Tanna im Grenzland zu Sachsen und Bayern wechselte, sei es für ihn etwas Neues gewesen, selbst die Axt mit anzulegen.

Gleichwohl seien Christbäume aus dem Kirchenwald in Kirchengemeinden oder Gemeindehäusern eher die Ausnahme, sagt Kirchenoberforsträtin Susann Biehl vom Erfurter Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Als wichtigsten Grund für die Zurückhaltung vermutet sie das Austrocknen der zumeist verwendeten Fichten in geheizten Räumen und das damit verbundene frühzeitige Verlieren der Nadeln.

Aktuelle Trends: Die Nachfrage nach kleineren Bäumen von 1,50 bis 1,75 Meter nimmt zu. Außerdem spielt Regionalität zunehmend eine Rolle: 30 Prozent der Bäume werden direkt bei landwirtschaftlichen Betrieben gekauft, weitere 30 Prozent im Straßenhandel und der Rest in Supermärkten sowie in Garten- und Baumärkten. Fotos: by-studio – stock.adobe.com

Aktuelle Trends: Die Nachfrage nach kleineren Bäumen von 1,50 bis 1,75 Meter nimmt zu. Außerdem spielt Regionalität zunehmend eine Rolle: 30 Prozent der Bäume werden direkt bei landwirtschaftlichen Betrieben gekauft, weitere 30 Prozent im Straßenhandel und der Rest in Supermärkten sowie in Garten- und Baumärkten. Fotos: by-studio – stock.adobe.com

Die Verwendung der Nadelbäume als Weihnachtsschmuck ist für die Kirchenwälder ohnehin nur ein Nebenaspekt. In erster Linie gehe es um eine wirtschaftliche Nutzung des natürlichen Rohstoffs Holz, um damit einen Ertrag für die Mitfinanzierung von kirchlichen Aufgaben zu erzielen, sagt die Forstfachfrau. Als Beispiele nennt sie die Pfarrerbesoldung und die finanzielle Unterstützung für den Erhalt von kircheneigenen Gebäuden.

Für die Bewirtschaftung ihrer Waldflächen hat die EKM strenge Kriterien festgelegt. Sie sollen dazu beitragen, den Wald als Teil der Schöpfung zu erhalten und zu pflegen. »Dabei hat Nachhaltigkeit die oberste Priorität«, betont Biehl. Die wichtigsten Grundsätze seien der Verzicht auf Kahlschlag und Pestizide, schonende Verfahren zur Holzernte und die ständige Einbeziehung des Naturschutzes.

Dazu gehörten neben dem Schutz von Boden- und Wasserflächen auch der Beitrag des Waldes zum Klimaschutz als Speicher für Kohlenstoff. Darüber hinaus sei der Erhalt des Waldes als Kulturgut unverzichtbar, fügt sie hinzu. Vor diesem Hintergrund sei der Waldumbau von der Monokultur zu einem Mischwald mit anderen Nadel- und Laubbäumen auch für den Kirchenwald eine besondere Herausforderung. Erste positive Veränderungen auf diesem Gebiet hat die jüngste Inventur der kirchlichen Waldflächen in Thüringen ergeben. Gegenüber der Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2002 zeige sich der Thüringer Kirchenwald heute gemischter und auch stabiler gegenüber Klimaveränderungen, resümiert die zuständige Mitarbeiterin im Erfurter Kirchenamt. Rund ein Drittel des Bestands seien Buchen, Eichen und andere Laubbäume.

Am häufigsten wachsen jedoch auf den kirchlichen Waldflächen nach wie vor Fichten. Sie haben das romantische Bild vom »deutschen Wald« seit dem 19. Jahrhundert auch in Thüringen maßgeblich geprägt. Mit dem grundlegenden Waldumbau sollen diese Bestände keineswegs verschwinden, sagt Biehl. Doch künftig werde es auch im Kirchenwald mehr andere Nadelbäume geben, die als Weihnachtsbaum langlebiger sind. Wie etwa die Weißtanne, so die Forstfachfrau.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Wissenswertes
Das Saatgut der hierzulande als Weihnachtsbaum beliebten Nordmanntanne wird vor allem aus Georgien importiert. Zur Ernte werden die Zapfen von Bäumen oft in einer Höhe von 60 Metern von Hand gepflückt. Übrigens: Die Forschung, z. B. an der Uni Kopenhagen, sucht nach dem noch perfekteren Weihnachtsbaum mit noch schönerem Wuchs, höherer Frosttoleranz, geringerem Nadelverlust und sogar nach dem schwerer entflammbaren Baum. Auch der Online-Weihnachtsbaum­verkauf wächst kontinuierlich, bisher noch auf niedrigem Niveau. Das Angebot in diesem Jahr war bereits umfangreicher. Eine Lieferung ins Haus – sogar geschmückt – ist inzwischen möglich.


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Wem gehört Jerusalem

17. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Stadt der drei Religionen« ist der Titel, der Jerusalem ständig von Neuem verpasst wird. Dahinter steckt die Vorstellung, dass diese Stadt auf dem Bergrücken zwischen Mittelmeer und syrisch-afrikanischem Grabenbruch Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen heilig sei.

Auch Donald Trump bemühte dieses Klischee, wenn er betonte: »Jerusalem muss ein Ort bleiben, wo Juden an der Westmauer beten, Christen den Kreuzweg abmarschieren und wo Muslime in der AlAqsa-Moschee Gottesdienst feiern.«

Zunächst sind Jerusalem und der Berg in seinem Herzen, auf dem heute der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel steht, dem jüdischen Volk heilig. Dort hat Abraham seinen Sohn auf den Altar gelegt (1. Mose 22). Dorthin hat Mose den israelitischen Kult zentralisiert (5. Mose 12). Dort hat Salomo seinen Tempel gebaut und gebetet: »Auch wenn ein Fremder aus fernem Lande kommt, um zu diesem Hause hin zu beten, so wollest du hören« (1. Könige 8). Nach biblischer Vorstellung sollte Jerusalem von Anfang an nicht nur geistliches Zentrum Israels, sondern »Bethaus für alle Völker« sein (Jesaja 56,7).

Für das jüdische Volk war und ist Jerusalem so bedeutend, dass es kein Tischgebet, keinen Gottesdienst, kein Fest und keine Hochzeit gibt, in dem dieser Stadt nicht gedacht und um ihre Wiederherstellung gebetet würde.

Martin Luther hatte die Zentralität Jerusalems und des Landes Israel für den jüdischen Glauben erkannt. Wenn er in seinem Brief »Wider die Sabbater« im Jahr 1538, die Juden zu diskreditieren suchte, dann führte er ihre gebrochene Beziehung zu Jerusalem vor. Der deutsche Reformator spottete: »So lasst sie noch hinfaren jns land und gen Jerusalem, Tempel bawen, Priesterthum, Fuerstenthum und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs widerumb Jueden werden und das Land besitzen. Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auff den ferssen nach sehen daher komen und auch Jueden werden« (Weimarer Ausgabe 50,323,36-324,8).

Luther fühlte sich in seiner Analyse sicher. Er meinte, sich so weit aus dem Fenster seiner dogmatischen Burg lehnen zu können, dass er prophezeite, selbst Jude zu werden, würden die Juden jemals in ihr Land und nach Jerusalem zurückkehren.

Damit verkündete er aber gleichzeitig, dass das irdische Jerusalem und das Land Israel für das Christentum keine Bedeutung mehr haben. Luther war Teil einer Christenheit, die das geistliche Zentrum der Welt von Jerusalem weg verlegte nach Antiochien, Byzanz, Rom, Wittenberg, Genf oder Los Angeles.

Blick auf die heilige Stadt durch das Fenster der Kirche »Dominus Flevit«. Das Altarkreuz weist auf die Grabeskirche (mit zwei Kuppeln), links daneben der Felsendom und der Kirchturm der evangelischen Erlöserkirche. Foto: epd-bild

Blick auf die heilige Stadt durch das Fenster der Kirche »Dominus Flevit«. Das Altarkreuz weist auf die Grabeskirche (mit zwei Kuppeln), links daneben der Felsendom und der Kirchturm der evangelischen Erlöserkirche. Foto: epd-bild

Historisch gesehen kamen die ersten westlichen Christen Mitte des 19. Jahrhunderts als Missionare nach Jerusalem. Und der erste lateinische Patriarch wurde installiert, »um das protestantische Treiben zu neutralisieren«.

Meiner Beobachtung nach kommen bis heute Christen nur selten nach Jerusalem, um von dort Weisung zu erfahren. Vielmehr kommen sie, um von ihrem jeweiligen geistlichen Zentrum aus, Jerusalem und Israel zu sagen, was Sache ist.

Und wie wichtig ist Jerusalem für den Islam? Zunächst einmal ist richtig, dass Jerusalem namentlich kein einziges Mal im Koran erwähnt wird. Erst sechs Jahre nach dem Tode Mohammeds wurde die Stadt im Jahre 638 n. Chr. unter dem Kalifen Omar Ibn al-Khattab von Muslimen erobert. Historiker haben guten Grund zu der Vermutung, dass der letzte Prophet des Islam »die Heilige« nie betreten hat.

In Sure 2 wird Jerusalem im Koran dann allerdings doch noch erwähnt, indirekt. Dort schreibt Mohammed seinen Anhängern eine neue Gebetsrichtung vor. Er macht die Gebetsrichtung zum Merkmal des rechten Glaubens. Ausdrücklich im Gegensatz zu Juden und Christen ist Muslimen geboten, in Richtung Mekka zu beten. Allah achte auf die Gebetsrichtung der Menschen, weiß der Beduinenfürst, und unterscheide daran die Rechtgläubigen von den Frevlern.

Wer die im Orient äußerst wichtige Körpersprache versteht, weiß was es bedeutet, wenn Zigtausende von Muslimen in der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem fünfmal am Tag beten und dabei ihren »Allerwertesten« in Richtung auf den Ort richten, der von der Bibel als »Allerheiligstes« bezeichnet wird.

Und wieder bestätigt die Geschichte diese religiöse Einstellung. Von 638 bis 1967 war Jerusalem mit kurzen Unterbrechungen in muslimischer Hand. Kein einziges Mal war es Hauptstadt eines islamischen Staates oder auch nur einer moslemischen Provinz. Das ist bemerkenswert, weil am 2. Juni 1964 die »Palestine Liberation Organization« (PLO) im Hotel Intercontinental – dem heutigen Seven Arches Hotel – auf dem Ölberg gegründet wurde.

Damals war die Altstadt Jerusalems mit allen heiligen Stätten nicht unter israelischer, sondern unter arabischer Herrschaft. Trotzdem dachte niemand daran, »die Heilige« als Hauptstadt eines Palästinenserstaates zu fordern. Im Grundlagendokument der PLO, der sogenannten »palästinensischen National-Charta«, wird Jerusalem kein einziges Mal erwähnt.

Es gibt Lösungen für das Jerusalem-Problem. Allerdings nur, wenn alle Beteiligten weniger hysterisch und dafür historisch exakter an die Frage herangehen.

Juden, Christen, aber auch Muslime müssen gleichermaßen zur Toleranz angehalten werden. Es wäre wünschenswert, dass jüdische, christliche und muslimische Heilige Stätten gleichermaßen für Andersgläubige jederzeit frei zugänglich wären.

Es ist Tatsache, dass mir der Zugang zur jüdischen Westmauer noch nie und zu keiner Zeit verwehrt wurde, während das auf dem Haram asch-Scharif, wie der Tempelberg von Muslimen genannt wird, und zu christlichen heiligen Stätten schon mehrfach der Fall war.

Vielleicht wäre ein erster Schritt in Richtung Deeskalation, Mythen im Heiligen Land als solche zu erkennen? Vielleicht hülfe eine Entmythologisierung Jerusalems der Befriedung der Region? Und vielleicht könnten wir Christen damit beginnen, indem wir die ganze Angelegenheit ruhig und mit beherrschten Emotionen diskutieren.

Johannes Gerloff

Johannes Gerloff – Journalist und Theologe – lebt in Jerusalem und ist Autor mehrerer Bücher über Israel und den Nahen Osten.

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Die »große Konjunktion« am Himmel

17. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Weihnachtssymbol: Was es mit dem Stern von Bethlehem auf sich hat

In den biblischen Weihnachtsgeschichten werden die Weisen aus dem Morgenland von einem strahlenden Stern nach Betlehem zum neugeborenen König der Juden geführt. Wenn man genau hinschaut, spielt der Stern aber nur eine kleine Rolle am Rand, eine eher symbolische. In der christlich geprägten Kultur gilt er freilich bis heute als ein zentrales Weihnachtslogo. Der leuchtende Himmel über der Krippe signalisiert, dass sich damals in Betlehem etwas Weltbewegendes abgespielt hat, etwas, das den Kosmos und die Geschichte veränderte.

Der Evangelist Matthäus erzählt von sternkundigen Magiern aus dem Orient, die plötzlich in Jerusalem auftauchen, nach einem neugeborenen König fragen und damit für Verwirrung sorgen. Der Thron des kleinen Königreichs Judäa ist ja besetzt, von dem ziemlich fähigen Politstrategen und Städtegründer Herodes.

Wer sind diese Magier überhaupt gewesen? »Weise Männer« heißen sie in den einen Bibelübersetzungen, »Sterndeuter« in anderen. Der Begriff »Magier« bezeichnete damals oft einen persischen Priester oder Prinzenerzieher – mit Geheimwissen ausgestattet und in heiligen Offenbarungen bewandert. Bibelwissenschaftler sehen die Sternkundigen eher in Babylon beheimatet, denn dort gab es vitale jüdische Exilgemeinden, und in Babylon blühte die Astrologie. Dass es drei Magier gewesen seien oder dass es sich um Könige gehandelt habe, wie unsere Krippendarstellungen vermuten lassen, davon steht kein Wort in der Bibel.

Von kostbaren Geschenken ist freilich die Rede – und ist nicht auch das Kind in der Krippe ein zukünftiger König? »Völker wandern zu deinem Licht«, kündigen uralte biblische Prophezeiungen an, »und Könige zu deinem strahlenden Glanz.« Historisch betrachtet, klingt die Geschichte von den Magiern, ihrer sehnsüchtigen Suche nach dem Christuskind und der panischen Reaktion des Jerusalemer Königshofes ziemlich unwahrscheinlich.

Was wollten die frühchristlichen Gemeinden, in denen die Geschichte von den Sterndeutern entstand und weitererzählt wurde, eigentlich sagen? Nicht die Umstände der Geburt Jesu hätten sie interessiert, erläutern die Bibelexperten, sondern der Trost für das geknechtete Volk Israel und die Christusverkündigung: Schon das Kind in der Krippe sollte als Friedenskönig und Erlöser vorgestellt werden. Matthäus habe zusätzlich die verachteten Heiden aufwerten wollen: Wie man an den Sternkundigen sehen kann, suchen auch die Heiden die Wahrheit und werden von Gott geleitet.

Vor allem aber folgt die Geschichte dem beliebten antiken Erzählmuster von der wundersamen Rettung gefährdeter und verfolgter Königskinder: Augustus, Alexander der Große, Kyrus, Mose – immer dieselbe Legende von einem, um seinen Thron fürchtenden, blutige Gewalt ausübenden Machthaber und von himmlischen Mächten, die solche Pläne durchkreuzen und den künftigen Herrscher vor dem Tod bewahren. Dazu kommt das Motiv des Sterns – in der Antike ein allgemein verständliches Symbol, um königliche Ansprüche anzuzeigen. Mit der Geburt eines großen Menschen erscheint ein neuer Stern am Himmel.

Theologen der frühen Kirche, aber auch Naturwissenschaftler späterer Jahrhunderte hielten den mit Jesu Geburt verbundenen Stern allerdings nicht nur für ein sprechendes mythisches Symbol, sondern für ein ganz reales Himmelsphänomen. Ein auffallender Komet mit weithin leuchtendem Schweif – wie er auf künstlerischen Darstellungen der Geburt Jesu gern zu sehen ist – kann das nicht gewesen sein: Wäre tatsächlich so ein Riesenstern am Himmel erschienen, dann hätte Herodes nicht heimlich die Magier nach dem Zeitpunkt seines Auftretens fragen müssen. Wenn überhaupt, so muss es sich um ein weniger spektakuläres Ereignis gehandelt haben, das nur die Experten wahrnehmen und deuten konnten.

Eine gewisse Plausibilität könnte die sogenannte große Konjunktion der Planeten Jupiter, Saturn und Mars im Sternbild Fische beanspruchen, die um das Jahr 7 oder 6 vor Christus dreimal nacheinander auftrat und erstmals von Johannes Kepler exakt berechnet wurde. Dreimal begegneten sich die Planeten: Saturn auf der äußersten Bahn um die Sonne laufend, Jupiter auf einer mittleren und die Erde auf der Innenbahn. Im Sportstadion ist ein Läufer auf der Innenbahn zwangsläufig schneller als sein Rivale auf der Außenbahn. So ist es auch am Himmel: Die Erde läuft schneller als Jupiter und beide sind schneller als Saturn, deshalb kommt es von Zeit zu Zeit zu Begegnungen, bei denen alle drei Planeten eine Zeit lang auf einer Linie mit Sonne und Mond stehen. Das hätte dann von der Erde aus so ausgesehen, als ob ein mächtig strahlender Stern stundenlang am Himmel still stünde.

Was wenig mit unserem Weihnachtsdatum zu tun hat, aber den Geburtstag Jesu kennt kein Mensch und das Weihnachtsfest verdankt sich vermutlich einem Versuch des Kaisers Konstantin, ein altes Fest des Sonnengottes christlich zu besetzen. »Geburt der neuen Sonne« soll er es genannt haben. Inwieweit die »große Konjunktion« am Sternenhimmel von der Erde aus überhaupt wahrgenommen werden konnte, warum das gerade in Betlehem so deutlich der Fall gewesen sein soll und ob die einander begegnenden Planeten wirklich als ein gewaltiger Stern erschienen, darüber zerbrechen sich Astronomen bis heute die Köpfe.

Das sind interessante Spekulationen. Es kann so gewesen sein – oder auch nicht. Auch hier wieder ist der Symbolwert wichtiger als die Frage, ob das alles wirklich so stattgefunden hat. Jupiter galt in der antiken Mythologie als Königsstern und als Attribut der höchsten Gottheit Babylons, Saturn hingegen als kosmischer Repräsentant des jüdischen Volkes. Das heißt, in dieser seltenen Planetenkonstellation liefen alle Hoffnungen einer verzweifelten Welt auf die Geburt des wahren Königs und Retters wie in einem Brennspiegel zusammen. Vor allem für Palästina konnte man die Sensation am Himmel als Glücksbotschaft interpretieren.

Was allerdings zu jener Zeit noch niemand ahnen konnte: Die Zeichen am Himmel kündigten eine wahre Revolution auf der Erde an, eine Umwälzung aller gängigen Begriffe: Das schutzlose, in einem erbärmlichen Stall geborene, von Herodes verfolgte »Sternenkind« von Betlehem stellt die bisher geltenden Vorstellungen von Macht und Herrschaft auf den Kopf.

Herodes hat seine Soldaten und Waffenarsenale – aber über die Herzen und Hirne hat er keine Macht, und am Ende bleibt ihm nur die Einsamkeit und die nagende Angst vor Rivalen und Aufständen. Der kleine König in seiner armseligen Krippe besitzt keine Bataillone und Trutzburgen, aber er hat die Macht der Liebe und Gott auf seiner Seite. Von nun an ist das Zeichen Gottes nicht mehr Pracht und Herrlichkeit und Erfolg, sondern das ungeschützte, offene Herz der Armen.

Die Liebe wird das Sternenkind von Betlehem ans Kreuz bringen, aber die Macht dieser Liebe überdauert den Tod. Passion und Tod symbolisiert die kostbare Myrrhe, die einer der Magier dem Jesuskind darbringt und die in der Antike als Parfum und Aphrodisiakum verwendet wurde, aber auch zur Einbalsamierung von Leichen.

Christian Feldmann

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Boten aus Sachsen für die Welt

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Herrnhuter Sterne machen sich gerade in diesen Tagen weltweit auf die Reise. Ihre Schlichtheit und ihr warmes Leuchten finden Gefallen weit über ihren kleinen Ursprungsort in der Oberlausitz hinaus.

Das war schon vor 100 Jahren so und auch in den aktuellen Zeiten der Marktwirtschaft hat sich das Sinnbild für eine weihnachtliche Tradition international gut entwickelt. Vor allem die Niederlande, Dänemark, Schweiz oder Österreich sind aktuell ein sehr starker Markt, informiert die Herrnhuter Sterne GmbH. Zum einen natürlich aufgrund des deutschsprachigen Raumes zum anderen aber aufgrund von vorhandenen Brüdergemeinen in diesen Ländern.
Seit einigen Jahren arbeitet die Sterne-Manufaktur darüber hinaus auch mit einem Partner in Amerika zusammen, der die Marke vor Ort auf eigenen Messen in den USA und in Kanada vertritt. Im anglofonen Raum machen die Sterne aber auch noch weitere Reisen – bis nach Neuseeland und Australien.

Weltumspannend: Die Herrnhuter Sterne leuchten auch auf diesem Weihnachtsmarkt in Vancouver an der kanadischen Pazifikküste. Fotos: Herrnhuter Sterne GmbH

Weltumspannend: Die Herrnhuter Sterne leuchten auch auf diesem Weihnachtsmarkt in Vancouver an der kanadischen Pazifikküste. Fotos: Herrnhuter Sterne GmbH

Zunehmend interessant ist ebenfalls Russland. In der Heimat von Väterchen Frost scheint man Gefallen gefunden zu haben am warmen Licht aus Herrnhut. Hier wird mit eigenen Vertriebspartnern zusammengearbeitet, die inzwischen auch selbst Onlineshops betreiben.

Selbst vertreten sind die Mitarbeiter aus Herrnhut in diesem Jahr auf den Weihnachtsmärkten in Kopenhagen und Breslau und auch London war schon einmal im Programm. Über den amerikanischen Vertreter verkauft man auch in Philadelphia sowie in Quebec und Vancouver (Kanada).

Etwa 10 bis 15 Prozent des Gesamtumsatzes werden im Auslandsgeschäft gemacht. Bei einer Jahresproduktion von 600 000 Sternen ist das eine gute fünfstellige Zahl.
Dieses Auslandsgeschäft hat Geschichte. Schon in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts bekam das damals junge Unternehmen über die Missionsagentur einen Großauftrag: 3 600 Sterne für die USA. Welt-2-49-2017Eine Order aus Holland folgte kurz darauf. In den Folgejahren gingen die Sterne dann nach Spanien, Dänemark, England, Schweden, Norwegen, die Tschechoslowakei und sogar nach Ägypten, Argentinien und die Karibik. In letzterer gibt es bis heute sehr viele Gemeinden der weltweiten Herrnhuter Kirche und auch schon vorher müssen Herrnhuter Missionare solche Sterne mitgenommen haben. Davon zeugen historische Fotos von Missionsstationen in Südafrika, Surinam, Nicaragua und Labrador.

Dann allerdings verlor sich das weltweite Leuchten. Die politische Lage und der Zweite Weltkrieg wirkten sich negativ auf das Exportgeschäft aus, weil kaum noch europäische Handlungsreisende ins ostsächsische Herrnhut kamen. 1939 wurde die Produktion der Sterne ganz eingestellt. Wehrwirtschaft war wichtiger.

Erst in den 1950er-Jahren tauchten die Weihnachtsboten aus Papier in Gelb, Weiß und Rot mit verschiedenen Farbkombinationen dann wieder auf. Wichtigstes Exportland damals: die Bundesrepublik Deutschland. Später folgten Holland und die Schweiz. Auch den großen wetterfesten Kirchenstern, der heute in vielen Kirchen trotz Sturm oder Regen schon von Weitem erinnert, dass bald Weihnachten ist, gab es ab 1954 wieder. Außerdem wurden Verträge mit Vertretern für Italien und Frankreich geschlossen.

Der Herrnhuter Stern entwickelte sich zu DDR-Zeiten auch zu einem wichtigen Devisenbringer, der für die einheimische Bevölkerung ein sehr rares Objekt wurde. Beziehungen in die Sternelei waren wichtig, wollte man so einen begehrten Lichterzeuger ergattern, der heute wieder seine ganze Pracht und Vielfalt entwickelt. Am meisten verkauft sich aber dennoch der traditionelle Papierstern, 60 Zentimeter im Umfang mit gelben Spitzen und rotem Kern.

Aber auch die Kunststoffsterne für den Außenbereich werden immer beliebter. Sie gibt es in einer kleineren Version auch in den Farben Türkis oder Blau. USA-Reisende behaupten in diesem Zusammenhang, dass sie die Sterne auch schon als Illumination bei amerikanischen Sommerfesten gesehen haben wollen.

Zum Stern und seinen weltweiten Geschichten treffen in Herrnhut auch im Zeitalter schneller Bilder immer noch einfache Kundenzuschriften ein. Der ein oder andere habe dabei neue Ideen und Vorschläge, was man noch herstellen könnte, erzählt Marketingleiterin Jacqueline Schröpel. Viele senden auch Bilder, wie sie den Stern dekoriert haben.

Ein junger Mann, der aus der Oberlausitz nach Jerusalem gezogen ist, berichtete zum Beispiel kürzlich, dass er dort seinen Adventsstern aufgehängt hat. Dieser leuchte nun in Richtung Ölberg.

Andreas Herrmann

www.herrnhuter-sterne.de

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Kinder und ihre Schutzengel

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Dass jedes Kind einen eigenen Schutzengel hat, ist nicht nur Wunschdenken vieler Eltern – schon das Matthäus­-Evangelium spricht davon. Und die Kinder selbst? Dazu ein Gespräch mit Theologieprofessorin Martina Plieth.

Frau Plieth, brauchen Kinder Engel?
Plieth:
Es gibt eine sogenannte magische Phase, die bei Kindern zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr auftritt. In dieser Zeit entwickeln Kinder oft die Vorstellung von imaginären Freunden, unsichtbaren Begleitern. Sie brauchen das, um ihr kleines Ich, das sich noch entwickeln muss, zu stabilisieren. Solche imaginären Freunde bezeichnen Kinder nicht unbedingt als Engel. Sie sind aber der Ausgangspunkt für Engelsvorstellungen.

Wie stellen Kinder sich Engel vor?
Plieth:
Kinder kriegen Himmel und Erde viel besser zusammen als wir Erwachsenen. Für sie ist völlig klar: Gott ist ein Gott des Himmels und der Erde. Er kommt zu uns, ist wirklich bei uns anwesend. Sie stellen sich Engel vor als Schutzeinheiten, als Wesen, die für Gott arbeiten. Weil sie so offen sind für das Transzendente, spüren Kinder manchmal, dass es Dinge gibt, die man nicht beschreiben kann. Davon können sie erzählen. Wenn sie ganz viel gespürt haben, dann ist der Engel in der Erzählung groß und dick und mächtig. Wenn sie nicht so viel gespürt haben, ist der Engel vielleicht etwas kleiner. Der Psychoanalytiker C. G. Jung hat gesagt: »Wirklich ist, was wirkt.« Deshalb sind die Engelsvorstellungen von Kindern Wirklichkeit: Denn sie können spüren, dass ihr Engel sie beschützt und begleitet.

Wie sollen kritische Erwachsene mit solchen kindlichen Engelsvorstellungen umgehen?
Plieth:
Als aufgeklärter Mensch und Christin glaube ich nicht an Dämonen – und deshalb auch nicht an leibhaftige Engel. Ich glaube aber an Wirkmächte, und die sind nie autonom, sondern von Gott geschickt. Deshalb würde ich sagen: Lasst den Kindern ihre Vorstellungen! Wenn man einem Kind sagt, dass es Engel gar nicht gibt, raubt man ihm die Schutzfunktion. Genauso schwierig ist es zu sagen: Engel sind immer da und passen auf – das macht Kinder leichtfertig.

Schutzengel: Für Kinder sind sie real, denn sie verstehen mühelos, dass zwischen Himmel und Erde Kräfte wirken. Foto: epd-bild

Schutzengel: Für Kinder sind sie real, denn sie verstehen mühelos, dass zwischen Himmel und Erde Kräfte wirken. Foto: epd-bild

Der Benediktinerpater Anselm Grün sagt: »Jedes Kind hat einen Engel, der es nie verlässt.« Ist eine solche Vorstellung nicht übertrieben?
Plieth:
Es gibt zwei Stellen in der Bibel, die so eine Annahme stützen. Im Matthäusevangelium (18,10) ist von den »Engeln der Kleinen« die Rede. Jedes Kind, so die Vorstellung, hat einen Engel im Himmel, und dieser Engel sieht ins Angesicht Gottes. Durch ihre Engel sind also alle Kinder direkt mit Gott verbunden. Und in der Apostelgeschichte (12,15) geht es um den Engel, der Petrus aus dem Gefängnis befreit. In der Bibel wird an dieser Stelle von »seinem« Engel gesprochen. Wenn also alle Kinder Engel haben, und Petrus sogar einen ihm persönlich zugeordneten, dann könnte man daraus ableiten, dass jeder Mensch einen persönlichen Engel hat. Klar ist: Die Vorstellung eines persönlichen Engels hat etwas Tröstendes, Aufbauendes. Martin Luther sagt in seinem Abendsegen allerdings nicht, »mein heiliger Engel sei mit mir«, sondern »dein heiliger Engel sei mit mir«, nämlich der Engel Gottes. Das ist ein guter Hinweis: Wir können Gott bitten, dass er uns behütet und uns seine Engel schickt. Und wir können Kinder ermutigen, dass sie sich das auch trauen: Gott um seine Engel zu bitten.

Wie ist es um die Engelstradition im Protestantismus bestellt?
Plieth:
Es gibt eine sehr starke Engelstradition im römisch-katholischen Glauben. Aber auch die evangelische Kirche kennt Engel. Luther selbst hat als kleines Kind an Schutzengel geglaubt. Später hat er seinen Morgen- und Abendsegen mit einem »Engels-Wort« enden lassen. Luther sagt sinngemäß: »Der Engel führt uns. Er schaut, dass wir inwendig angeregt werden. Von ihm bekommen wir Sinn, Anstoß, Zeichen.« Biblische Engel sagen auch mal Nein, rufen stopp. Sie sind wachsam, wenn ihre Menschen gerade träumen und nicht achtgeben. Wir sollten uns an diese Neinsager-Engel wieder neu erinnern.

Welche Engelstypen gibt es denn in der Bibel?
Plieth:
Das ist ganz unterschiedlich. Engel sind in der Bibel mal geschlechtslos, mal Jünglinge, Männer oder auch Frauen. Als Seraphim haben sie sechs Flügel und Schlangenform. Die Cherubime sind mächtige Wächterengel, die mit einer Waffe in der Hand den Weg versperren. Thronoi sind unglaublich stark, sie können den Thron Gottes tragen. Im Mittelalter unterschied man drei Kategorien von Engeln: Berater, Verwalter, Boten. Gerade die Verwalter sind für Kinder spannend! Das sind nämlich keine Schreibtisch-Engel, sondern die Mächte, die Energie und die Kraft, auf die auch der Theologe Dietrich Bonhoeffer mit seinem Lied »Von guten Mächten« Bezug nimmt. Kinder verstehen sofort, dass es zwischen Himmel und Erde total viel Macht und Kraft gibt, und dass man diese Engel nennen kann.

Zwischen persönlichem Beschützer und himmlischer Gewalt: Was sind denn Engel nun für Kinder?
Plieth:
Kinder verstehen, dass tief in ihnen etwas ist, das ihnen den Weg zeigt. Wenn ein Kind etwas unbedingt will, kann ich es fragen: Spür mal tief in dir, ob das gut ist für dich. Wenn es da einen inneren Widerstand spürt, etwas, dass es abhalten möchte, zum Beispiel aus dem Fenster zu klettern, dann kann ich das ganz allgemein »Gewissen« nennen. Oder ich nenne es Engel. Natürlich kann ich meinem Kind auch einen kleinen Plüschengel oder eine Engelsfigur schenken, um zum Ausdruck zu bringen: Du bist nicht allein! Du bist begleitet und behütet! In manchen Situationen sind solche Übergangsobjekte hilfreich, zum Beispiel zum Schulanfang. Ein Engelchen am Federmäppchen kann ein Hinweis auf die Gegenwart Gottes sein. Immer wenn ich es sehe, erinnert es mich an Gottes Versprechen: Ich bin dir nah, ich unterstütze und stärke dich. Wichtig ist nur, dass nicht die Figur selbst zum Fetisch wird! Sonst wäre es ja der Untergang, wenn sie einmal verloren geht. Es ist nicht die Figur, die wirkt. Gott selbst wirkt.

Täte eine Schutzengelvorstellung auch Eltern gut?
Plieth:
Den sogenannten Helikopter-Eltern, die ihren Kindern vor lauter Sorge kaum Freiraum lassen, könnte mehr Gottvertrauen helfen. Wer annimmt, dass wir von Gott kommen und auch wieder auf Gott zugehen, der kann leichter darauf vertrauen, dass eine Wirkmacht unseren Alltag bestimmt. Wenn dabei die Vorstellung hilft, dass es auch für mein Kind einen Engel Gottes gibt – warum nicht? Aber was ist, wenn dann doch etwas passiert? War der Engel dann in der Sommerfrische? Ich kann mir keinen Engel mit Rundum-Schutz kaufen, wie es manche Versicherungen in ihrer Werbung versprechen. Die Frage ist: Gehe ich davon aus, dass mein Leben nur von meinem Tun und Wollen abhängt, dass ich alles selbst schaffen muss? Oder dass auch ich getragen bin und mir helfen lassen kann?

Erinnern Sie sich an den Engel Ihrer Kindheit?
Plieth:
Als Kind hatte ich eine Engelsbegegnung der dritten Art. Ich hatte lange blonde Locken: der ideale Engel für das Krippenspiel. Aber meine Stimme war tief, und ich konnte das hohe »Vom Himmel her« nur mitbrummen. Die Lehrerin hörte das und ließ alle Engel einen Schritt vortreten zum Vorsingen. Und als sie meine Stimme hörte, zeigte sie mit dem Finger auf mich und sagte: »Ab heute bist du ein stummer Engel oder du wirst Hirte.« Ich war den Tränen nahe. Ein stummer Engel wollte ich auf keinen Fall sein! Also bekam ich einen Stab, einen Hut und das alte Schaffell meines Urgroßvaters und durfte als Hirte bald lange Textstücke im Krippenspiel aufsagen. Ich finde: Schön aussehen müssen Engel nicht. Aber sie müssen tatkräftig und wirkmächtig sein! Die Geschichte hatte übrigens eine Fortsetzung, als ich schon Hochschullehrerin war. Bei einer Weihnachtsfreizeit planten die Studierenden ein improvisiertes Krippenspiel. Ausgerechnet mir wiesen sie die Rolle des Engels zu, und ich sollte vor versammelter Mannschaft singen. Sofort war die ganze Kindheitsgeschichte wieder präsent. Ein junger Mitarbeiter spürte meine Hilflosigkeit. Er stellte sich hinter mich, sodass man ihn nicht sah, und sang engelsgleich für mich – ich musste nur noch den Mund auf und zu machen. Er ist damals für mich zum Engel geworden und hat mich an Gottes Versprechen erinnert: Wenn du in Not bist und nicht weiterweißt, helfe ich dir.

Das Gespräch führte Susanne Schröder.

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Eine böse Tat, ein Fluch und seine Folgen

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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In einem Dorf in Anhalt passierte vor 1 000 Jahren Seltsames. Als »Tanzwunder von Cölbigk« ist es überliefert. Was man darüber weiß, und was nicht.

An der Kirche St. Severin von Ilberstedt nahe Güsten steht eine seltsame Gestalt aus Blech. Trotz gebeugter Haltung scheint sie kräftig auszuschreiten. Auf dem Rücken trägt sie einen Sack, aus dem ein Spielzeug und ein Rutenbündel hervorlugen. Die Gestalt befand sich am Kirchturm des Klosters im benachbarten Cölbigk. Mit dem Ort ist die Legende vom »Tanzwunder« verbunden, das sich vor fast tausend Jahren hier ereignet haben soll. Damals soll ein Rutpertus oder Ruprecht in Cölbigk Priester gewesen sein. Im Lauf der Jahrhunderte wurde er wohl zur Vorlage für den Nikolaus-Gehilfen Knecht Ruprecht und der im Raum Bernburg angesiedelten Gestalt des »Heele Christ«.

Gedenkstein: An dieser Stelle befand sich das Kloster Cölbigk, das bis 1024 gegründet wurde. Das »Tanzwunder« soll sich in den Jahren 1020 oder 1021 abgespielt haben. Foto: Engelbert Pülicher

Gedenkstein: An dieser Stelle befand sich das Kloster Cölbigk, das bis 1024 gegründet wurde. Das »Tanzwunder« soll sich in den Jahren 1020 oder 1021 abgespielt haben. Foto: Engelbert Pülicher

Die Legende vom Cölbigker »Tanzwunder« ist unter anderem in der Historie des Fürstentums Anhalt (1710) überliefert: Im Jahr 1021, als Kaiser Heinrich II. regierte, sollen auf dem Friedhof an der Kirche St. Magnus in Cölbigk 15 Bauern und drei Frauen in der Christnacht getanzt, gelärmt und damit die Messe gestört haben. Der Priester ermahnte sie. Als das nichts half, verfluchte er sie: Alle sollten ein Jahr weitertanzen müssen. So geschah es. Unter den Tanzenden befand sich auch die Schwester des Kirchners. Als dieser sie am Arm wegziehen wollte, riss der Arm ab. Die Schwester musste weitermachen wie alle anderen, bis sie »unter ihre Gürtel Kulen in die Erde getanzt« hatten. Nach einem Jahr kamen Bischöfe aus Köln und Hildesheim nach Cölbigk und konnten nach Gebeten den Fluch lösen.

Vier Tänzer, darunter die junge Frau, starben, die anderen verließen wohl den Ort. Als Beispiel für einen frevlerischen Tanz nahmen die Gebrüder Grimm die Geschichte in ihre Sagensammlung auf.

Die bislang spärlich erforschte Siedlungsgeschichte Cölbigks stellte der Diplom-Geograf Karsten Falke kürzlich bei einer Tagung des Landesheimatbundes von Sachsen-Anhalt vor. In der Chronik Thietmars von Merseburg wurde Cölbigk 1015 zum ersten Mal erwähnt. 1036 ist es als Marktort genannt und hatte damit regionale Bedeutung. Aber eine Entwicklung zur Stadt blieb aus. »Um 1500 war Cölbigk eine Wüstung mit einem heruntergekommen Kloster«, so Falke. Die »Tanzwunder«-Legende knüpfe an die frühe Bedeutung des Ortes an: einen Kult um den Märtyrer und Heiligen Magnus, der im 7. oder 8. Jahrhundert als Missionar in die Gegend gekommen sein soll, eine frühe Kirche und die Klostergründung etwa 1024. Dafür, dass Cölbigk Wallfahrtsort gewesen sein soll, finde sich keine Quelle. Nur die archäologische Forschung könne Fragen zur frühen Ortsgeschichte beantworten helfen.

Der Mittelalterhistoriker und Sprachwissenschaftler Ernst Erich Metzner (Rüsselsheim) betonte, dass die ältesten Überlieferungen des Tanzes von Cölbigk keine Sagen seien, sondern drei gleichwertige lateinische Berichte vom Ende des 11. Jahrhunderts. Zwei davon beruhten auf so genannten Bettelausweisen aus klerikalem Umfeld, wie sie damals ausgestellt wurden, um echte Bedürftige von Simulanten unterscheiden zu können. Das »Tanzen« könne die Folge einer Vergiftung gewesen sein, die mehrere Tage anhielt und bei den Überlebenden dauerhaftes Zittern zur Folge gehabt hatte.

»Wir können nicht sagen, was in Cölbigk wirklich passiert ist«, so der Mittelalterhistoriker Gregor Rohmann (Frankfurt am Main). »Aber wir können etwas über die Hintergründe sagen.« Die drei oben genannten Quellen seien zwar im Raum Köln geschrieben worden, würden sich aber auf ein Ereignis bei Bernburg beziehen. Zudem würden sie Anspielungen auf zeitgenössische kirchliche Probleme enthalten. Einer der Schreiber, Goscelin von Saint-Bertin, erwähnt sogar, einen der Überlebenden noch selber getroffen zu haben. Goscelin stelle in seinem Text Gottes Güte in den Mittelpunkt, der die meisten Tänzer habe überleben lassen. Er zeige aber auch, dass die Abkehr von der Kirche ins Verderben führe. So wird bei Goscelin die oben erwähnte Schwester des Kirchners zur Tochter des Priesters, die nach dem Tanz stirbt. Der Priester steht als Sünder da, weil er nicht im Zölibat lebt: eine im 11. Jahrhundert besonders heftig diskutierte Frage.

Zur Warnlegende sei die Geschichte vom »Tanzwunder« im 13. Jahrhundert geworden und durch den Dominikaner Vinzenz von Beauvais in die Exempel-Sammlung des Dominikanerordens gelangt. Mittels Predigten sei sie unters Volk gekommen und weit verbreitet worden. »Wir wissen nicht, was in Cölbigk passierte«, so Rohmann. »Das ist unbefriedigend – auch für das Marketing.«

Die Volkskundlerin Annette Schneider-Reinhardt verwies darauf, dass die Nikolaus-Verehrung im 11. und 12. Jahrhundert in Deutschland ihren Höhenpunkt erreicht habe. Knecht Ruprecht als Diener des Heiligen und Kinderschreck taucht erst ab dem 13. Jahrhundert auf. Auch in Mitteldeutschland habe es verschiedene Bräuche rund um Nikolaus und Knecht Ruprecht gegeben. Für Cölbigk sei der »Umgang eines finsteren Gesellen, der strafte oder belohnte«, belegt. Nach 1945 verlor Knecht Ruprecht an Bekanntheit. Die Weihnachtsmann-Tradition überwiege. »Dazu«, so Annette Schneider-Reinhardt, »trugen wohl auch die veränderten Auffassungen in der Kindererziehung bei.«

Angela Stoye

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Nächstenliebe kommt zum Zug

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Streckenposten: Am zweiten Advents-Wochenende nimmt die Deutsche Bahn ihre neue »Rennstrecke« zwischen Berlin und München komplett in Betrieb. Reisende, die Hilfe brauchen, bekommen diese am Knotenbahnhof Erfurt von der Bahnhofsmission.

Heute kommen Uwe Friese, Magdalena Steinhöfel und Beate Wichmann ganz schön ins Schwitzen. Vier Stunden lang arbeiten sie an diesem Freitagnachmittag ehrenamtlich für die neue Bahnhofsmission am Erfurter Hauptbahnhof. Diebe haben auf der Strecke in Richtung Leipzig Teile der Oberleitung gestohlen. Das wirbelt den Fahrplan gehörig durcheinander. Viele Reisende sind stundenlang verspätet, verpassen Anschlüsse und sind froh, dass sie jemanden haben, der mit Rat und Tat zur Seite steht.

Foto: Markus Wetterauer

Foto: Markus Wetterauer

Oft sind es nur kleine Gesten, die weiterhelfen: Mal ist es ein Hinweis auf den Anschlusszug, für die Mutter mit Kinderwagen ist es der Tipp mit dem Aufzug. Seit Juni sind die 15 Freiwilligen der Erfurter Bahnhofsmission unterwegs als »Engel am Zug«. Jeden Freitagnachmittag helfen sie. Entstanden ist die Bahnhofsmission aus einer Gruppe von Menschen, die sich ganz allgemein für andere engagieren wollte. Schnell fand sich der Bahnhof als Ort, wo Menschen immer wieder Hilfe brauchen.

»Sowohl beim Bahn-Management als auch bei den Mitarbeitern in den Geschäften und bei der Stadt haben wir viel Resonanz erfahren und offene Türen eingerannt«, erinnert sich Hubertus Schönemann, selbst leidenschaftlicher Zugfahrer und einer der Initiatoren.
Im Gegensatz zu den Bahnhofsmissionen in anderen deutschen Städten läuft bisher alles auf freiwilliger Basis ab. Es gibt keine hauptamtlichen Mitarbeiter. Und vor allem: Es fehlt an einem Raum. »Das ist eine schwierige Situation, weil es Fälle gibt, wo es drauf ankäme, jemanden mal hinzusetzen, ein Gespräch zu führen und ein Glas Wasser zu geben«, so Schönemann. Hätte man einen solchen Raum, »dann könnten wir auch längere Zeiten abdecken« – und nicht nur den Freitagnachmittag.

Meistens sind zwei oder drei Freiwillige zu den Diensten am Gleis eingeteilt. Zu Beginn waren die Helfer ohne die leuchtend blauen Jacken der Bahnhofsmission unterwegs. Das war manchmal etwas schwierig, wie sich Magdalena Steinhöfel erinnert. »Es ist niemand auf uns zugekommen, weil wir ja auch normale Reisende hätten sein können«, so Steinhöfel, die praktische Theologie an der Universität Jena studiert und gerade an ihrer Doktorarbeit schreibt. »Wenn wir dann Hilfe angeboten haben, wurden wir erst mal skeptisch angeschaut.« Das hat sich geändert: Alle sind klar als Bahnhofsmission erkennbar: »Wir gehören quasi zum Inventar des Bahnhofs und die Leute verbinden mit uns Hilfeleistung.«

Auch Dagmar Schumann hat bei Zugreisen schon die Hilfe der Bahnhofsmission in Anspruch genommen: Zug verpasst, Anschluss weg – und sie wusste nicht, was sie machen sollte. Als sie vor Kurzem hörte, dass in Erfurt eine Bahnhofsmission gegründet wird, wollte sie mitmachen, »und die Hilfe weitergeben, die ich bekommen habe«. Jetzt ist sie selbst im Einsatz am Bahnsteig.

Hubertus Schönemann wünscht sich noch mehr Freiwillige für das Team. Zwischen 25 und 30 strebt er an. Künftig gehört auch Luzia Rosenstengel-Kromke dazu. »Ich war ein paar Mal zum Schnuppern da«, erzählt sie. Bei einem Rundgang durch den Bahnhof hat sie so alle wichtigen Einrichtungen und das Bahnpersonal kennengelernt. Schon bisher wurde sie bei ihren Bahnreisen immer wieder mal angesprochen und von anderen Reisenden um Hilfe gebeten. Jetzt will sie andere regelmäßig unterstützen: »Das macht ja auch für einen selbst einen Sinn.«

Markenzeichen: Die blauen Westen mit dem Emblem der Bahnhofsmission signalisieren den Reisenden: Hier bekommen sie Hilfe. Foto: Markus Wetterauer

Markenzeichen: Die blauen Westen mit dem Emblem der Bahnhofsmission signalisieren den Reisenden: Hier bekommen sie Hilfe. Foto: Markus Wetterauer

Helfen und etwas weitergeben, das wollen die Helfer der Erfurter Bahnhofsmission aus christlicher Überzeugung. An den Adventsfreitagen soll das auch durch Fünf-Minuten-Impulse am großen Christbaum in der Eingangshalle des Bahnhofs geschehen: ein kurzes Musikstück, ein Gedanke zum Mitnehmen, ein Segensspruch für die Reisenden.

Wie wichtig Reden und Zuhören ist, hat Hubertus Schönemann vor ein paar Wochen erst wieder erfahren. Bei einem Einsatz traf er einen älteren Herrn, der im Urlaub einen Herzinfarkt hatte. Bevor dessen Frau ihn abholte, kümmerte sich Schönemann zwei Stunden lang um ihn, setzte sich zu ihm in den Wartesaal, gab ihm ein Glas Wasser, hörte ihm zu. Der Mann erzählte seine Lebensgeschichte und wie es ihm jetzt geht mit dem Herzinfarkt. Dann kam die Frau an, weinend, weil sie sich so gesorgt hatte, wie Hubertus Schönemann berichtet. »Wenn ich so etwas erlebe, dann weiß ich, warum ich das mache.«

Markus Wetterauer

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Zweieinhalb Minuten vor Zwölf

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Früher war mehr Friedens­bewegung – auch in der Atommacht USA ringt sie um Relevanz. Die Zeit der großen Opposition gegen Kriege und nukleare Waffenarsenale scheint dort vorbei zu sein.

Millionen hatten in den 1980er- Jahren gegen Ronald Reagans Aufrüstung demonstriert und wohl auch Millionen gegen George W. Bushs Irakkrieg. Nach der Nordkorea »Feuer und Wut«-Rede von Donald Trump ging kaum jemand auf die Straße. Doch Meckern über die »lahme« Friedensbewegung ist vielleicht nicht ganz angebracht. Lawrence Wittner ist emeritierter Geschichtsprofessor an der »State University of New York« in Albany im Bundesstaat New York. Er hat viel über die Geschichte von Friedens- und Anti-Kriegsbewegungen geschrieben.

Ja, die Friedensbewegung in den USA sei gegenwärtig auf einem Tiefpunkt, sagte Wittner, doch er befürworte einen realistischen Rückblick. Aktivisten hätten immer nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausgemacht und trotzdem einiges erreicht.

Denn manchmal lassen sich Konsequenzen von Protest nicht sofort absehen, wie folgende Anekdote zeige: Es war 1961. John F. Kennedy war Präsident, Lawrence Wittner Student in New York City – friedensbewegt, obwohl »Friedensbewegung« damals alles andere war als eine Massenbewegung. In Erinnerung an diese Zeit schrieb Wittner kürzlich: Nachdem die Sowjetunion angekündigt hatte, sie werde sich vom Moratorium für atmosphärische Atomwaffentests zurückziehen, sei er mit ein paar Dutzend Gleichgesinnten nach Washington gefahren, um gegen Tests zu protestieren (Randbemerkung: Um Regierungsmitarbeiter im Weißen Haus zu beeindrucken, habe er eigens einen Anzug getragen und ein Schild »Kennedy: Äffen Sie nicht die Russen nach!«).

Die Atomkriegsuhr soll  verdeutlichen, wie groß das derzeitige Risiko einer globalen Katastrophe, insbesondere eines Nuklearkrieges, ist. Foto: Taily – stock.adobe.com

Die Atomkriegsuhr soll verdeutlichen, wie groß das derzeitige Risiko einer globalen Katastrophe, insbesondere eines Nuklearkrieges, ist. Foto: Taily – stock.adobe.com

Es war nur eine kleine Demonstration, aber als Wittner Mitte der 1990er-Jahre in der Kennedy-Bibliothek in Boston recherchierte, stieß er auf folgende Aussagen des damaligen stellvertretenden Direktors der US-Rüstungskontrollbehörde, Adrian Fisher. Kennedy habe auf die Moratoriumsaufkündigung der Sowjetunion nicht sofort mit einem amerikanischen Test reagiert, denn Bürger seien wohl skeptisch gewesen. »Wir hatten Leute, die vor dem Weißen Haus protestierten«, so Fisher; die Frage »Müssen wir das tun, nur weil die Russen es auch tun?« habe offenbar viele bewegt – erst Ende April begannen die USA mit atmosphärischen Tests. Doch im Herbst 1963 schlossen die Sowjetunion, die USA und Großbritannien einen Vertrag zum Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre.

In der Ära Trump konzentriere sich die beträchtliche Opposition nicht auf die Themen Krieg und Frieden, sondern auf soziale und gesellschaftliche Anliegen wie Rassismus, Diskriminierung und wirtschaftliche Gerechtigkeit, so Wittner.

Barry Ladendorf, Vietnamkriegsveteran und Präsident des Verbandes »Veteranen für Frieden«, sieht einen Generationsunterschied. Viele Friedensaktivisten seien Menschen, die sich an Vietnam und Reagan erinnerten. Und doch sehe er bei seiner Arbeit, dass Donald Trump viele Menschen aktiviere, sagte Ladendorf.

Neu und schwierig sei freilich die »Stimmung einer Verehrung des Militärs«, die sich in den USA breitgemacht habe. Ladendorf sprach von einem »falschen Patriotismus«. Das habe auch mit der Professionalisierung des Militärs zu tun. Die wenigsten Menschen hätten wirklich Kontakt zu Menschen in Uniform.

Erstmals seit Jahren wird in diesem Herbst allerdings im politischen Washington über Atomwaffen diskutiert. Es war Mitte November, bei einer Sitzung des außenpolitischen Ausschusses im Senat: Die Politiker befassten sich mit der Frage, wer in den USA über den Einsatz von Atomwaffen entscheidet, und ob dieser Prozess abgeändert werden sollte. Entscheider ist der Präsident. So ziemlich im Alleingang.

In diesem Zusammenhang warnte der demokratische Senator Chris Murphy: Er sei besorgt, dass Trump »instabil« und »schwankungsanfällig« sei, und den Einsatz von Atomwaffen befehlen könnte entgegen der wirklichen Sicherheitsinteressen der USA.

Nach Einschätzung des Wissenschaftlermagazins »Bulletin of the Atomic Scientists« (»Berichtsblatt der Atomwissenschaftler«) steht die symbolische Atomkriegsuhr, die »Weltuntergangsuhr« (»doomsday clock«), gegenwärtig auf zweieinhalb Minuten vor Mitternacht. So nah wie noch nie.

John Mecklin ist Chefredakteur des Bulletins. Die Zahl der Online-Leser sei im vergangenen Jahr um 60 Prozent gestiegen, erklärte Mecklin. Es bestehe »enormes Interesse« an Fragen zu Krieg und Frieden, »doch das allein schafft keine guten Bilder fürs Fernsehen«. Die Hälfte der Leser seien unter 34 Jahre alt.

Mecklin glaubt an die Möglichkeit zur Veränderung und erinnert an den bewegenden Spielfilm von 1983 »Der Tag danach« über die verheerenden Folgen eines fiktiven Atomkrieges auf die USA. Der habe zahllose Menschen wachgerüttelt.

100 Millionen US-Amerikaner sahen den Film, auch Ronald Reagan im Weißen Haus. Später wurde er im Fernsehen in der Sowjetunion gezeigt.

Konrad Ege

thebulletin.org/timeline

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Kirchenjahr: Das Leben feiern!

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Am 1. Advent beginnt das neue Kirchenjahr und in unserer Kirchenzeitung ein neuer Glaubenskurs. Er widmet sich den kirchlichen Festen und Feiertagen.

Die höchste Kunst ist es, Feste zu feiern.« Hat zumindest Johann Wolfgang von Goethe behauptet. Und vermutlich hat er recht. Die Feiertage im Kirchenjahr sind nämlich eine kleine Anleitung für Lebenskunst, weil sie wie ein »Bilderbuch der menschlichen Existenz« alle wesentlichen Aspekte des Daseins behandeln – von der Geburt bis zum Tod.
Als sich im Lauf der Zeit der christliche Festzyklus entwickelte, da bildete die Kirche nämlich nicht nur ihre eigenen geistlichen Themen ab, sie übernahm auch Feste anderer Kulturen, sodass sich in unseren Feiertagen wahrhaft Jahrtausende alte Erfahrungen mit den großen Themen des Menschseins widerspiegeln. Und das bedeutet: Feiertage können uns helfen, das Leben an sich zu feiern.

Was übrigens ein ganz biblischer Zugang zum Glauben ist: Immerhin wird schon in der Schöpfungsgeschichte erwähnt, dass Gott einen wöchentlichen Feiertag einführt. Er segnet den siebenten Tag und macht damit deutlich, wie sehr zu einer Work-Life-Balance »Gesegnete Zeiten« gehören, in denen man sich mit dem Dasein auseinandersetzt. Die erste Einladung dazu ist die Adventszeit.

Eigentlich beginnt die christliche Geschichte ja mit der Geburt Jesu. Da kommt etwas völlig Neues in die Welt: Gott wird Mensch. Der Himmel öffnet sich. Das Göttliche wird greifbar. Und deshalb müsste das Kirchenjahr offiziell zu Weihnachten beginnen.

Aber schon die frühen Christen wussten, wie wichtig Vorfreude ist: Die Juden hatten schließlich lange auf die Ankunft des Messias gewartet. Und die Botschaft von Johannes dem Täufer lautete unmissverständlich: Wenn der Retter kommt, dann soll man sich darauf vorbereiten. Mehr noch: Selbst Jesus hatte sich vor seinem ersten öffentlichen Auftreten 40 Tage in die Wüste zurückgezogen, um sich darauf einzustimmen.

Also beschloss man: Auch vor Weihnachten braucht es eine 40-tägige Vorbereitung, eine Fastenzeit, die – wenn man die fastenfreien Sonntage dazuzählte – just am Tag nach St. Martin begann. Wenn Sie sich also schon immer gefragt haben, warum Karneval am 11. 11. startet, dann wissen Sie jetzt: Das war früher ein Tag, an dem man es sich vor dem Fasten noch mal gut gehen ließ – am liebsten mit Gänsebraten.

Weil die Zeit des Vorbereitens so wichtig ist und man im frühen Mittelalter die Zahl der Adventssonntage auf vier beschränkte, beginnt das Kirchenjahr seither mit dem 1. Advent; also mit der Einstimmung auf »Adventus Domini«, auf die Ankunft des Herren. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass die lateinische Wurzel dieses Ausrufs (»advenire«) gleichzeitig zum Wort »Abenteuer« wurde. Es geht also in den nächsten Wochen auch um das »Abenteuer Gottes« mit den Menschen. Und dazu gibt die Adventszeit gleich mehrere Anregungen mit.

Vorfreude ist eine Tugend – Wer das Leben in seiner ganzen Fülle erfahren will, den ermutigt der Advent sich auf die wesentlichen Erfahrungen des Daseins innerlich einzustimmen. Sich von Ereignissen nicht überrollen zu lassen, sondern bereit, offen und erwartungsvoll auf sie zuzugehen. Oftmals nimmt man das Große nämlich nur dann als groß wahr, wenn man den Blick dafür geschärft hat. Oder anders ausgedrückt: Je hellhöriger, weitsichtiger und achtsamer man sich auf das Leben einstellt, desto intensiver wird man es genießen.

Der Zauber des Anfangs – Zum Advent gehört die Entdeckung, dass Gott ein Gott des Neuanfangs ist. So, wie in der Geburt Jesu etwas welthistorisch Neues passiert, so zeigt sich Gott insgesamt als ein Freund der Erneuerung: Jeder Mensch darf darauf vertrauen, dass er nicht auf die Schwächen seiner Vergangenheit festgelegt wird, sondern dass der Zuspruch »Siehe, ich mache alles neu« auch ihm gilt. Kein Wunder, dass die Christenheit im Advent immer auch eifrig die Frage nach der Wiederkunft Christi disku-
tiert hat.

Erwarte viel! – Letztlich stellt der Advent vor allem eine Frage: Worauf hoffen wir? Oder anders formuliert: Erwarten wir von Gott noch etwas? Und wenn ja, was? Sind wir von einer tiefen Hoffnung darauf erfüllt, dass Gott in dieser Welt etwas verändern kann? In der Feiertagskultur ist die Adventszeit so wichtig, weil sie die Erwartung feiert. Denn: Wer viel erwartet, der kann auch viel erleben. Wer dagegen vom Leben wenig erwartet, muss sich nicht wundern, wenn wenig passiert. Advent sagt: Erwarte viel!
Wer sich wirklich auf Weihnachten einstellt, von Gott viel erhofft und glauben kann, dass auch für ihn ein Neuanfang möglich ist, der hat verstanden, was Advent bedeutet.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist.

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Jesus kommt

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Soll man diese Aussage »Jesus kommt« mit einem Ausrufezeichen oder einem Fragezeichen versehen? Der Advent, der mit dem heutigen Sonntag beginnt, weist uns auf die Ankunft Jesu hin.

Mit der Krippe und dem neugeborenen Jesuskind können viele Menschen noch etwas anfangen. Kleine Kinder sind süß. Man kann sie in den Arm nehmen, an die Brust drücken und sie liebkosen. Aber Advent hat nicht nur mit der Vorbereitung auf die Ankunft Jesu im Stall von Bethlehem zu tun. Advent weist weit darüber hinaus auf die Wiederkunft Christi am Ende der Zeit und am Ende der Welt. Hier wird es schon viel schwieriger, an solch ein Kommen Jesu Christi am Ende der Zeiten zu glauben.

In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums sagt Jesus zwar zu seinen Jüngern: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin.« (Johannes 14,2f.).

Das Altarfenster in der Himmelfahrtskirche in Berlin-Gesundbrunnen thematisiert die Himmelfahrt Christi. In der Theologie wird der Himmel als der Ort verstanden, an dem der auferstandene Christus bei Gott ist. Christen hoffen, dass er von dort wiederkommt, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen. Foto: epd-bild

Das Altarfenster in der Himmelfahrtskirche in Berlin-Gesundbrunnen thematisiert die Himmelfahrt Christi. In der Theologie wird der Himmel als der Ort verstanden, an dem der auferstandene Christus bei Gott ist. Christen hoffen, dass er von dort wiederkommt, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen. Foto: epd-bild

Inzwischen sind allerdings fast 2 000 Jahre vergangen und Jesus Christus ist immer noch nicht wiedergekommen. Wir bekennen zwar im Apostolischen Glaubensbekenntnis, dass Jesus Christus zur Rechten Gottes sitzt, also dort ist wo die Entscheidungen Gottes fallen, und »von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten«. Ist das nur ein Lippenbekenntnis oder glauben wir wirklich, dass Christus einst wiederkommen wird? Sollen wir uns damit bescheiden, dass sowohl er als auch die frühe Christenheit sich geirrt haben, wie sich schon viele Menschen geirrt haben, wenn sie Aussagen über die Zukunft trafen. Der Volksmund weiß ja, »irren ist menschlich.«

Nun war allerdings Jesus nicht nur ein Mensch wie wir, sondern er war gottgleich, sozusagen das menschliche Antlitz Gottes. So konnte Jesus von sich sagen: »Wer mich sieht, der sieht den Vater« (Johannes 14,9). In Jesus begegnen wir also jemandem, der stellvertretend für Gott spricht. Aber das könnte auch eine Anmaßung gewesen sein. Wir brauchen hier nur an Adolf Hitler denken, der sich mit »Heil Hitler« begrüßen ließ, also mit der Aussage, dass in ihm das Heil sei. Als dann nach zwölf Jahren das sogenannte Tausendjährige Reich in Schutt und Asche versank, war es klar, dass man einem Verführer und keinem Führer aufgesessen war. Die bloße Behauptung an Gottes Stelle zu stehen, genügt auch bei Jesus nicht. Deswegen war das Weihnachtsfest, also das Fest, an dem wir an das Kommen Jesu auf Erden gedenken, für die Christen nicht zentral.

Von Anfang an war für die Christenheit das Osterfest mit Karfreitag und Ostersonntag das zentrale Fest und der Anker für den christlichen Glauben. Denn Christus erlitt zwar wie alle Menschen den Tod. Aber das war für ihn nicht das Ende. Gott erweckte ihn zu neuem Leben. Ohne das Ereignis der Auferstehung, dass selbst für die engsten Nachfolger Jesu zunächst unglaubwürdig erschien, weil es so ganz unserer menschlichen Erfahrung widerspricht, hätte es nie einen christlichen Glauben gegeben und schon gar nicht ein Christfest. Es wäre nichts zu feiern gewesen, denn Jesu Ankündigung des Reiches Gottes hätte sich als Wunschdenken herausgestellt. Nun ist aber Christus auferstanden, wie selbst ein Paulus, der als Saulus zunächst die Christen verfolgte, sich eingestehen musste.

Auferstehung heißt allerdings nicht, dass Jesus sozusagen in sein früheres Leben auf Erden zurückkehrte, sondern dass sich in seinem neuen Leben als der Auferstandene schon etwas von dem abzeichnete, was er seinen Nachfolgern versprochen hatte: ein neues unvergängliches Leben in der unmittelbaren Gegenwart Gottes. So konnte ihn Paulus dann »den Erstgeborenen von den Toten« und »das Ebenbild des unsichtbaren Gottes« nennen (Kolosser 1,18.15). Unsere Hoffnung über den Tod hinaus ist also in Christus begründet, dass uns eine Auferstehung wie die seine zuteil wird. Was heißt das aber für die Wiederkunft Christi? Kommt Christus noch einmal oder werden wir gleichsam zu ihm in sein himmlisches Reich heimgeholt?

Eine Heimholung könnte bedeuten, dass zwar unser sterblicher Körper bei unserem Tod dem Verfall und der Verwesung anheimfällt, dass aber doch etwas Unsterbliches wie unsere Seele, dann von Christus in die Ewigkeit Gottes geleitet wird. Damit würden die Geschicke auf unserer Erde weiterlaufen, während wir der Zeitlichkeit und ihren Problemen enthoben sein würden. Von der Erwartung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, von der der Seher der Johannes-Offenbarung spricht (Offenbarung 21,1), müssten wir uns dann verabschieden. Die Weltgeschichte, in irdischer oder kosmischer Dimension würde weiterlaufen, als wäre nichts geschehen. Eine sogenannte Erlösung oder ein Reich Gottes würde sich also abseits dieser Welt verwirklichen. Solche Vorstellungen widersprechen aber sowohl dem Selbstverständnis Jesu als auch dem, was Christen durch die Jahrhunderte als Erlösung verstanden.

Für Christen war es selbstverständlich, dass Christus wiederkommen wird als die sichtbare Verkörperung Gottes, um das Ende unserer Weltgeschichte und damit die Erlösung von aller Widerwärtigkeit und Ungerechtigkeit in dieser Welt einzuläuten. Die Hoffnung der Christen war niemals auf eine Entrückung von dieser Welt fixiert, sondern auf die Veränderung dieser Welt zur neuen Welt Gottes, eine Veränderung, die durch die Wiederkunft Christi als des Auferstandenen bewirkt wird. Wieweit sich diese neue Welt Gottes ausdehnen wird, ob in kosmischen Dimensionen oder auf unsere planetarische Heimat beschränkt, sollten wir zu Recht Gott überlassen. Wenn wir allerdings im Advent nur an das erste Weihnachten denken und uns darauf mit Geschenken und dem üblichen Weihnachtstrubel beschränken, dann haben wir das Wesentliche vergessen: Jesus als der Christus ist keine Gestalt der Vergangenheit, an dessen Geburt vor über 2 000 Jahren wir zu Weihnachten denken, sondern er ist auch der Grund der Hoffnung, durch dessen Wiederkunft wir auf eine neue Erde und einen neuen Himmel hoffen dürfen. Erinnerung und Hoffnung gilt es in dieser Adventszeit neu zu
bedenken.

Hans Schwarz

Der Autor ist emeritierter Professor für Evangelische Theologie an der Universität Regensburg.

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Lange nicht vorbei

4. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Christen in der DDR: Mit einem Bußwort hat sich die EKM für »Irrwege, Unrecht, Verrat und Versagen« entschuldigt. Einer der Mitautoren ist der Hallesche Kirchenhistoriker Friedemann Stengel. Vor Bekanntgabe der Erklärung sprach er mit Katja Schmidtke.

Aus, aber noch nicht vorbei. Wie ist der Stand der Aufarbeitung?
Stengel:
Aus meiner Sicht hat es an vielen wichtigen Stellen keine Aufarbeitung gegeben. Als die Kirchen für ihr Verhalten in der DDR in den frühen 1990er Jahren massiv angegriffen worden sind, war der Grundton: Apologie und Selbstschutz gegenüber dem Vorwurf, zu wenig widerstanden zu haben oder gar Mittäter gewesen zu sein. Die Debatte fokussierte sich auf die Kirche als Institution und speziell auf das leitende Personal. Das war nicht pauschal falsch und ist aus heutiger Sicht weiter zu debattieren, denn die Kirchenleitungen sind, so heterogen sie auch waren, erheblich beeinflusst worden. Die Thüringer Landeskirche und die Kirchenprovinz Sachsen sind nicht außerhalb des direkten Einflusses des MfS gewesen. Es gehört zu den noch vor uns liegenden schmerzhaften Eingeständnissen, dass es deshalb ein unabhängiges kirchliches Handeln in der DDR nicht gegeben hat, besonders wenn es im personellen Bereich um die gezielte »Zersetzung« von Menschen ging.

Welche Themen fehlen bislang?
Stengel:
Es sind Themen, die sich als Hypotheken für jetziges und künftiges kirchliches Handeln erweisen und die Kirche, Gesellschaft und Staat aufarbeiten müssen. Kaum untersucht und bislang unterschätzt wird, welchen Einfluss der in der DDR vorangetriebene Austausch der Bildungseliten bis heute hat. Darüber fällt es so schwer zu reden, weil die Eliten von heute dies erlebt und ignoriert, weil sie die vom Staat geforderte ideologische Bringschuld erbracht haben, parteilich, freiwillig oder mit Zähneknirschen. In allen Jahrgängen und überall in der DDR wurden christliche Schüler und nicht nur Kinder kirchlicher Mitarbeiter am Bildungsaufstieg gehindert. Ich vermute Zahlen im fünfstelligen Bereich.

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Bislang sind in Thüringen 750 Fälle von verfolgten Schülern bekannt. Woran liegt diese Diskrepanz?
Stengel:
Es ist nicht leicht, eine politisch begründete Benachteiligung nachzuweisen. Und die Betroffenen sind in der Beweispflicht. Es ist schwer, ohne weiteres darüber zu reden. Es muss flächendeckend, aber auf individueller Ebene wissenschaftlich untersucht werden, wie diese Benachteiligung funktioniert hat.

Ich verfolge seit Jahren Diskussionen in den Medien: Wenn die Rede von Christen ist, die in der Schule benachteiligt wurden, kommen sofort Leserbriefe mit dem Hinweis auf den einen Katholiken in der Klasse. Die Gesellschaft ist scheinbar nicht bereit, sich dieses Themas anzunehmen. Und wer nicht nachweisen kann, dass ihr oder ihm das Abitur oder das Studium aus politischen Gründen verweigert worden ist, trägt einen Makel mit sich herum, der sprachunfähig machen kann.

Die Betroffenen schweigen aus Resignation, Scham oder weil sie ihre Biografie nicht revidieren wollen?
Stengel:
Diese Menschen können nicht wirklich rehabilitiert werden, denn verweigerte Chancen im Kindheits- oder Jugendalter lassen sich nicht einfach nachholen. Wer zur Wendezeit 30 Jahre alt war, dem können Sie heute nicht das in der DDR verweigerte Abitur oder Studium schenken. Einige, die 1990 im richtigen Alter waren, haben das Abitur nachgeholt, ja. Aber die, die das nicht geschafft haben und die zu alt waren, sind in einer anderen Bildungsschicht geblieben. Wer aus religiösen oder Gewissensgründen den Wehrdienst verweigerte, durfte nicht Medizin studieren, arbeitet heute aber vielleicht unter Vorgesetzten, die unter Umständen ein schlechteres Zeugnis hatten, aber drei Jahre oder länger in der NVA dienten. Manche sind wütend über die verlorenen Chancen, andere sehen sie als gottgegeben an und versuchen, dennoch ein gelingendes Leben zu
führen.

Welche Rolle spielte Willkür?
Stengel:
Mal wurden die Pfarrerskinder zugelassen, aber die Kinder der Kirchenältesten nicht. In anderen Fällen durften angepasste Gemeindeglieder studieren, aber die Pfarrerskinder nicht. Manchmal durfte der älteste Sohn, nicht aber die Geschwister. Erinnern Sie sich an den Lobetaler Pfarrer Uwe Holmer, der dem Ehepaar Honecker 1990 Asyl gewährte? Trotz guter und sehr guter Zeugnisse wurde keines seiner zehn Kinder zur EOS zugelassen! Das war Willkür mit System, ja sogar als System. Wir können das nur durch exemplarische Untersuchungen aufknacken. Ich habe im März für die Arbeitsgruppe der Thüringer Staatskanzlei ein Exposé geschrieben mit ganz konkreten Schritten, um dies aufklärerisch aufzuarbeiten.

Warum ist hier der Staat gefragt?
Stengel:
Juristische Rehabilitierung ist nicht alles. Es geht um Anerkennung und eine gesellschaftliche Debatte. Aufgearbeitet werden müssen die Fälle von Wissenschaftlern, aber veranlassen muss dies die Politik, denn für solch ein Forschungsvorhaben braucht es mehr Mittel. Meiner Meinung nach ist die Links-Regierung in Thüringen am besten geeignet, solch ein Vorhaben zu initiieren; gerade Bodo Ramelow aus dem Westen oder Minister Benjamin-Immanuel Hoff, der aus einer ganz anderen Generation stammt. Das ergäbe neue Kontaktzonen, neue Gesprächsinitiativen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Staatsregierung das doch noch macht. Wir können das Thema nicht aussitzen, es erledigt sich nicht »biologisch«! Das Unrecht muss anerkannt und aufgearbeitet werden, erst dann kann es heilen.

Welchen Beitrag kann die Kirche leisten?
Stengel:
Beim Thema der verfolgten Schüler muss der Staat aktiv werden. Die Kirche selbst muss es in einer anderen Form. Die Grundhaltung der Apologie halte ich für theologisch fragwürdig. Was der Kirche gut ansteht, ist die Haltung der Selbstkritik und eben auch der Buße. Nur mit Aufrufen erreichen wir nicht viel. Kirche sollte für die Gesellschaft stellvertretend handeln. Wenn wir zur Versöhnung aufrufen, müssen wir anfangen, uns mit unseren eigenen Leuten zu versöhnen.

An wen denken Sie?
Stengel:
An die Haupt- und Ehrenamtlichen, die aus politischen Gründen verfolgt, benachteiligt und von ihrer Kirche bedrängt oder fallen gelassen worden sind. Auch an diejenigen kirchlichen Mitarbeiter, die einen Ausreiseantrag gestellt haben, weil sie in einer persönlichen Situation, die immer auch politisch war, keinen anderen Ausweg gesehen haben und die im Westen mit Berufsverbot belegt worden sind. Das Thema ist damals wie heute ein Tabu – gesellschaftlich, innerkirchlich, oft auch familiär. Wer ausreiste, verlor seine Heimat doppelt. Da müssen wir endlich ran.

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Letzte Ruhe im Zitronenhain

27. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Unweit der Stierkampfarena: Der älteste protestantische Friedhof im katholischen Spanien ist in Andalusien zu finden.

Wie immer sonntags, hat sich Malagas anglikanische Gemeinde zum Gottesdienst in der Friedhofskapelle versammelt. Ein kleiner Tempel, in dem viel gesungen und gebetet, vor allem aber auch gelacht wird. Die Toten ringsum stört das nicht. Viele sind vermutlich froh gewesen, im katholischen Spanien überhaupt einen Grabplatz gefunden zu haben. Für Protestanten nämlich gab es nicht nur in Malaga jahrhundertelang keinen Friedhof. »In der Regel wurden deren Leichen«, erzählt eine Stadtführerin, »am Sandstrand mit dem Kopf nach oben eingegraben. Wenn die Hunde schneller waren als das Meer, erledigten sie den Rest«.

Eine furchtbare Vorstellung. Und eine schwere Hypothek für alle Nicht-Katholiken in Spaniens Süden, wo sich Anfang des 19. Jahrhunderts eine kleine protestantische Kolonie – vorwiegend englische Geschäftsträger und Unternehmer – angesiedelt hatte. William Mark, von 1824 bis 1836 britischer Konsul in Malaga, erwarb deshalb 1830 einen Zitronenhain außerhalb der Stadt, um seine protestantischen Landsleute würdevoll zu beerdigen. Ein Jahr später war es so weit: Spanien hatte seinen ersten protestantischen Friedhof.

Ende des Jahrzehnts kam die Friedhofskapelle hinzu. Ein Tempel mit dorischen Säulen, in der die Church of England heute ihre Gottesdienste feiert. 1865 schließlich wurde der Friedhofseingang im gotischen Stil mit zwei von Löwen gesäumten Pfeilern neu gefasst. Der Friedhof selbst ist heute Eigentum einer Stiftung, die auch für seinen Unterhalt sorgt. Dazu trägt auch das kleine Eintrittsgeld bei, das Besucher vor ihrem Rundgang am Eingang entrichten.

Neue Gräber nämlich werden seit Jahren nicht mehr ausgehoben, sodass der Stiftung Einnahmen aus einem Friedhofsbetrieb fehlen.

2012 wurde der erste protestantische Friedhof Spaniens zum geschützten Kulturgut erklärt, zum Zeugen kleiner und großer Geschichte. Zum Touristenziel inzwischen auch, bietet er doch, keine fünf Fußminuten vom geschäftigen Strand der sechstgrößten spanischen Stadt entfernt, eine Oase der Ruhe. Eingebettet in grüner Natur ruhen mehr als Tausend Tote auf dem leicht ansteigenden Gelände in kleinen und großen Gräbern jeder Stilart – vom Klassizismus über Neogotik bis zum Jugendstil.

»Cementerio Inglés« heißt Spaniens ältester protestantischer Friedhof, auch bekannt als Cemetery of St. George. Er liegt am Anfang der »Avenida de Príes« im Stadtteil Limonar – ganz im Osten von Malaga, nahe der Stierkampfarena. Fotos: Günter Schenk

»Cementerio Inglés« heißt Spaniens ältester protestantischer Friedhof, auch bekannt als Cemetery of St. George. Er liegt am Anfang der »Avenida de Príes« im Stadtteil Limonar – ganz im Osten von Malaga, nahe der Stierkampfarena. Fotos: Günter Schenk

Der erste Prominente, der auf dem Friedhof seine letzte Ruhe fand, war der irische Lieutnant Robert Boyd (1805 – 1831). Er gehörte zu den halben Hundert Männer um General Torrijos, die Anfang der 1830er-Jahre einen Putsch gegen den absolutistischen spanischen König Ferdinand VII. planten.

Weil man ihr Vorhaben aber verriet, wurden sie an Malagas Playa San Andres hingerichtet. Während an die Katholiken der Verschwörung heute ein Denkmal auf der »Plaza de la Merced« erinnert, wurde Boyd auf dem seinerzeit neuen Friedhof begraben. Boyd ist nicht der einzig Prominente, der in Malaga seinen ewigen Frieden gefunden hat. Auch der spanische Dichter Jorge Guillén (1893 – 1984) und der britische Schriftsteller Edward Fitzgerald Brenan (1894 – 1987) mit seiner Frau sind hier begraben.

Deutsche Besucher suchen aber meist die Gräber ihrer Landsleute auf, die im Winter des Jahres 1900 vor der Küste Malagas einen schrecklichen Tod fanden: Beim Untergang des Schulschiffes »Gneisenau« starben mindestens 40 der rund 450 Marinesoldaten. Kaum einer, der heute an Malagas Stränden Urlaub macht, ahnt, welche Kraft das Mittelmeer entfesseln kann. So wie an jenem Dezembertag, als ein Wettersturz die Besatzung des Schulschiffes dazu zwang, ihren Ankerplatz vor der Küste aufzugeben, wo die Gneisenau im Rahmen ihrer Afrika-Mission lag. Bei Windstärke 8 war an Segelsetzen nicht mehr zu denken – und die alte Dampfmaschine konnte dem Sturm nicht trotzen. Mit voller Wucht wurde das Schiff auf die Hafenmole geworfen, wo es zerbrach und innerhalb einer guten halben Stunde gesunken ist. Hunderte von Spaniern kamen den Gestrandeten zwar schnell zu Hilfe, für mindestens 40 Männer der Schiffsbesatzung aber war es zu spät. Auch 12 Spanier ließen bei der Hilfsaktion ihr Leben, weshalb Deutschland 1909 der Stadt zum Dank eine eiserne Fußgängerbrücke über den Fluss Guadalmedina schenkte.

Karl Kretschmann – Kapitän »der schwimmenden Repräsentanz des Deutschen Kaiserreiches«, wie das Schiff einmal genannt wurde – liegt heute in einem monumentalen Grab auf Malagas protestantischem Friedhof. Den Vorwurf, trotz Unwetterwarnung nicht rechtzeitig den schützenden Hafen aufgesucht zu haben, musste er mit ins Grab nehmen. Wenig weiter liegt ein weiteres Mitglied der Schiffsführung, Karl Theodor Tutmann aus Dresden. »Die Liebe höret nimmer auf«, steht auf seinem Grab, »so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und das Erkenntnis aufhören wird« –
ein Spruch aus dem ersten Korintherbrief Vers 13/8.

Ohne große Sprüche, schlicht und einfach, sind die Schiffsjungen in Malaga begraben, der jüngste nicht einmal 15 Jahre alt.

Günter Schenk

Der »Cementerio Inglés« ist täglich außer montags von 10 bis 14 Uhr geöffnet.
www.cementerioinglesmalaga.org

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Gemeinde vor Ort nach Luther

27. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die aktuellen Reformbestrebungen der Kirche drängen weg von einer Gewichtung der Kirchengemeinden vor Ort. Im Sinne des Reformators?

Wie gestaltet sich evangelische Kirche künftig? Die aktuellen Reformbestrebungen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) haben meist eine auffällige Tendenz: Sie drängen weg von der gewohnten Gewichtung der Kirchengemeinden vor Ort.

Schon vor über einem halben Jahrhundert hat der Lutheraner Hugo Schnell an den biblisch begründeten Sachverhalt erinnert: »Die Kirche darf in keinem Augenblick vergessen, dass sie sich aus den Gemeinden aufbaut, dass sie in ihnen und aus ihnen lebt.« Dieses Votum entspricht im Wesentlichen der Sicht Martin Luthers.

Der Reformator hatte »Kirche« definiert als die »geistliche Versammlung der Seelen in einem Glauben«, also als das Volk der Gläubigen, als Versammlung jener Menschen, die das Evangelium hören und Christus folgen wollen. Dabei hat Luther immer wieder unterstrichen, dass Christus selbst das Haupt der Kirche sei. Den Leib der Kirche bildet für ihn konkret die christliche Versammlung, der »Haufen« im Sinne des Beisammenseins und Zusammengehörens. Es ist Gottes Liebe, die uns »in seine heilige Gemeinde führt und in den Schoß der Kirche legt, durch welche er uns predigt und zu Christus bringt.«

Kritisch stand Luther dem amtskirchlich ausgeprägten Selbstverständnis seiner römisch-katholischen Mutterkirche gegenüber. Sie definiert sich bis heute vor allem vom Kultus her und insofern im Ganzen als Organisation, die als Leib Christi, ja in ihrer Sichtbarkeit als heiliger Teil Christi selbst verstanden werden will. Für Luther hingegen ist Christus als Haupt der Kirche auch Haupt jeder Einzelgemeinde, ja durch den Heiligen Geist mit jedem Glaubenden in mystischer Liebesverbindung zu einem »Kuchen« zusammengebacken – wobei derselbe Geist wiederum den Getauften in den Leib Christi als Ganzen integriert.

Erleuchtet: Anlässlich des Reformationsjubiläums hatte der Künstler Ingo Bracke das Lutherdenkmal in Wittenberg mit einer Lichtperformance zum Leuchten gebracht. Erhellend ist auch, wie der Reformator die Kirchengemeinde vor Ort definiert hat. Foto: epd-bild

Erleuchtet: Anlässlich des Reformationsjubiläums hatte der Künstler Ingo Bracke das Lutherdenkmal in Wittenberg mit einer Lichtperformance zum Leuchten gebracht. Erhellend ist auch, wie der Reformator die Kirchengemeinde vor Ort definiert hat. Foto: epd-bild

Selbstverständlich kannte der Reformator auch die überregionale Ebene von Kirche. Doch er wusste um die notwendige Dimension des Konkreten, des Überschaubaren für die Vollzüge von praktischer Liebe in der Gemeinschaft vor Ort. In dieser Hinsicht rang er lebenslang mit zweierlei Konzepten von Gemeinde. Das eine, eher ideale war das einer »Bekenntnisgemeinde«; das andere, mehr an den realen Verhältnissen orientierte war das volkskirchliche Modell.

Zur »Bekenntnisgemeinde« gehö­ren nach Ansicht des Reformators Menschen, die ernsthaft Christen sein wollen. Diese Art Kerngemeinde sollte sich über den wöchentlichen Sonntagsgottesdienst hinaus in Häusern zu Gebet, Bibellektüre, Taufe und Abendmahl versammeln. Diakonische Liebestätigkeit wäre in diesem Zusammenhang vor Ort zu realisieren. Treffen könnte sich diese Sonder- oder Kerngemeinde in Privathäusern oder einem kirchlichen Haus unter Leitung des Pfarrers.

Gleichwohl ist es nach Luther nicht möglich, ganze volkskirchliche Gemeinden als lebendige Gemeinden darzustellen. Er weiß um das Risiko, dass Christen in den skizzierten »Sondergemeinden« eine ambivalente Wirkung zu entfalten drohen: Sie könnten der Botschaft von der geschenkten Rechtfertigung der Gottlosen entgegenstehen.

Deshalb sah er von der Entwicklung besonderer Gemeinden oder Gemeindezirkel ab, auch um der Gefahr des Sektierertums zu wehren.

Mit Blick auf Jesu Warnung vor falschen Propheten in Schafskleidern mahnt der Reformator, zwischen rechter und falscher Kirche zu unterscheiden – wobei er solche Unterscheidung der Geister durchaus auch für innerhalb ein und derselben Kirche angebracht hält.

Sollte das nicht auch heute gelten – im Zeitalter neuer Kirchenreformen? Wo entwickeln sich Verbesserungen im Sinne Luthers, und wo laufen die Dinge in eine Richtung, die von der Betonung des Miteinanders in der Gemeinde wegführen? Gisela Kittel und ihre Mitautoren riefen 2016 in dem Buch »Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr« in Erinnerung: »Nach etwa zwanzig Jahren Strukturumbau der Evangelischen Kirche zeigen sich die angerichteten Schäden unübersehbar. Sie sind vor allem in jenen Landeskirchen und Kirchenkreisen zu spüren, die im sogenannten ›Reformprozess‹ kühn voranschritten.« Eine bedenkliche Verschiebung im evangelischen Kirchenverständnis habe sich ereignet. Weil die christliche Kirche weithin nicht mehr als die Versammlung der Glaubenden gesehen werde, die auf das Wort ihres Herrn hört, sondern eher als soziale Organisation, sei die Selbsterhaltung des Apparates an die erste Stelle der Vorsorge gerückt: »So schreitet die Institution ›Kirche‹ über engagierte und bisher ihren Gemeinden treu verbundene Gemeindeglieder hinweg.«

Namentlich Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, kritisiert die neueren Entwicklungen, die quer durch Deutschland das Schwergewicht der Ressourcen auf die mittleren Kirchenebenen legen und damit riskieren, dass den Gemeinden selbst immer weniger Bedeutung zukommt. Die neueste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD habe erkennbar die Bedeutung der Kirchengemeinden wiederentdeckt: »So fühlen sich 45 Prozent der Kirchenmitglieder ihrer Ortsgemeinde sehr und ziemlich verbunden und ebenso etwa 44 Prozent der evangelischen Kirche insgesamt.« Damit erweise sich die Kirchengemeinde nach wie vor als »die mit Abstand wichtigste Drehscheibe von Kirchenmitgliedschaft. Die seit vielen Jahrzehnten gepflegte Vorstellung von der Existenz einer großen Gruppe von Evangelischen, die sich der evangelischen Kirche als solcher verbunden fühlen, aber zu den Kirchengemeinden aufgrund ihrer randständiger Existenz Abstand halten würden, ist mit diesen Zahlen widerlegt.« Durch die Präsenz der Kirche als Ortsgemeinde gewinne die evangelische Kirche einen Großteil ihrer Sichtbarkeit in der Fläche.

Es gilt also neu auf die der Kirche stärker Verbundenen zu achten: Sie zeigen in allen religiösen und kirchlichen Dimensionen höhere Werte auf. Sie erweisen sich laut Wegner sogar als die insgesamt gegenüber Neuerungen in der Kirche eher Aufgeschlossenen. Eine besonders große Bedeutung hätten Kirchengemeinden zudem hinsichtlich der Gewinnung und Aktivierung von Ehrenamtlichen; auf deren Kosten gehe es, sobald man Kirchengemeinden fusioniere. Es gibt also gute Argumente zu Gunsten einer Kirchenreform in genau anderer Richtung, als das derzeit oft der Fall ist. Eine konsequente Neugewichtung von Gemeinden vor Ort ist angesagt – ganz im Sinne der Reformatoren.

Werner Thiede

Buchtipp: Thiede, Werner: Evangelische Kirche – Schiff ohne Kompass? WBG Verlag, 280 S., ISBN 978-3-534-26893-1, 29,95 Euro


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Gegen den Dämon der Angst und Verzweiflung

27. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Am Anfang steht eine schlimme Nachricht, am Ende die gute – so leitet Pfarrer Roland Herrig aus Sebnitz (Sachsen) den Facebook-Eintrag ein, der seine Predigt zum 12. November zum Inhalt hat. Es ist eine besondere, eine berührende Predigt, die wir in voller Länge abdrucken.

Liebe Schwestern und Brüder, vor einer Woche habe ich euch begrüßt mit der Freude, nach einem Vierteljahr in unseren Gemeinden, nun auch den ersten Gottesdienst mit euch in Sebnitz feiern zu können. Heute bin ich schon wieder in Sebnitz, und ich muss euch etwas Schrecklich-Schlimmes sagen: Das heute wird für sehr lange oder für immer mein letzter Gottesdienst sein, den ich als Pfarrer mit euch feiere.

Vor vier Tagen habe ich die Diagnose bekommen: Da ist ein bösartiger Tumor in meiner Bauchspeicheldrüse, und der hat nicht minder böse Kinder in der Leber. Jetzt weiß ich, wieso ich mich die letzten Wochen und Monate fast ständig mit Schmerzen herumgequält habe und auch für die Gemeinde nicht die Energie hatte, die ich haben wollte. Morgen gehe ich ins Krankenhaus, und dann sehen wir weiter, was getan werden kann.

Heute sollen wir über Dämonen reden. An Tagen und in Wochen wie diesen, da weißt du, dass es sie gibt: Mächte der Finsternis, die dich in den Abgrund ziehen wollen, die dich kaputt machen wollen, die das Leben zerstören, selbst auf die Gefahr hin, dabei selber mit kaputtzugehen. Wie so ein Tumor: falsches Leben, das das wahre verdrängt, zerstört, auffrisst, um am Ende mit ihm zugrunde zu gehen.

Roland Herrig: »Ich habe es heute im Gottesdienst öffentlich gemacht. Ich mache es auch hier öffentlich: Ich habe einen bösen Tumor. Nach jetzigem Kenntnisstand und nach menschlichem Ermessen sind die Prognosen nicht gut. Ich bin unendlich dankbar für ganz viel Zuspruch, gute Worte und Gedanken.« Foto: privat

Roland Herrig: »Ich habe es heute im Gottesdienst öffentlich gemacht. Ich mache es auch hier öffentlich: Ich habe einen bösen Tumor. Nach jetzigem Kenntnisstand und nach menschlichem Ermessen sind die Prognosen nicht gut. Ich bin unendlich dankbar für ganz viel Zuspruch, gute Worte und Gedanken.« Foto: privat

Da ist der Dämon der Angst und der Verzweiflung. Der dir den Boden unter den Füßen wegzieht. Weil du deine Pläne und Wünsche wegwerfen musst. Weil du dich der Endlichkeit und dem Sterben stellen musst, das du bisher immer noch in eine ferne Zukunft vertagt hattest. Weil du mit denen mitleidest, die um dich leiden und bangen, weil sie dich lieben.

Da ist der Dämon des Zornes, der Bosheit, des Zynismus. Wenn du wütend wirst auf die Ärzte, die dich nicht ausreichend, schnell und genau genug untersucht haben (wie du meinst). Wenn du die anderen um dich herum ihre Ohnmacht spüren lässt und anfängst, dich über ihre Hilflosigkeit lustig zu machen, wo du doch selber ohnmächtig und hilflos bist.

Oder der Dämon der Wehleidigkeit und des Selbstmitleids. Du bist der ärmste und bedauernswerteste Mensch auf der Welt, du hast doch so viel Gutes getan, du hast doch das Wort Gottes verkündigt und Menschen geholfen, du hast das doch nicht verdient.

Manchmal aber auch der Dämon der Selbstanklage. Du hast nicht genug getan, du hast die Zeit nicht ausgekauft, du hast mit deinen anvertrauten Gaben nicht gewuchert, zu viel für dich behalten und zu wenig weitergegeben. Nun ist es zu spät.

Und da ist der stumme Dämon, der Geist der Sprachlosigkeit. Du willst dich einfach in dein Loch verziehen und mit keinem reden. Du schämst dich. Es ist dir unangenehm.

Aber mehr noch als bei dir triffst du diesen Dämon bei anderen. Sie wissen nicht, was sie sagen sollen; sie ziehen sich vielleicht sogar zurück, wenn du sie am meisten brauchst. (Das ist nicht meine Erfahrung bis jetzt, aber die von anderen, die ich kenne.) Manche reden auch und bleiben trotzdem stumm, weil sie um die Wahrheit herumreden, weil sie das Kind nicht beim Namen nennen. »Vom Sterben reden wir noch nicht«, beschied mich ein Arzt. Ja, vielleicht, hoffentlich ist das noch eine Weile nicht dran, das Sterben. Aber wann, bitteschön, wann wollen wir anfangen, darüber zu reden?

Wenn ich tot bin? Wir haben so einen Reflex, das Böse, das Unangenehme nicht auszusprechen, wie bei Harry Potter den Namen von Lord Voldemort; aber der, der ihn auszusprechen wagte, hat ihn besiegt. Wir müssen den Krebs Krebs nennen und die Angst Angst und das Sterben Sterben und den Teufel Teufel.

»Jesus trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich.«

Ich habe den stummen Dämon den Geist der Sprachlosigkeit genannt. Das ist nicht ganz korrekt. Es gibt auch eine gute Sprachlosigkeit. Die nennen wir nicht Stummheit, sondern Schweigen. Stummheit ist, wenn nicht gesagt wird, was gesagt werden muss. Wenn möglicherweise sogar geredet wird, aber die Dinge nicht beim Namen genannt werden. Wenn herumgeeiert und gelogen wird.

Schweigen ist etwas anderes: Schweigen ist Reden ohne Worte. Oder Hören auf die Worte eines anderen.

Hiobs Freunde sind zu ihm gekommen und haben eine Woche mit ihm geschwiegen. Erst als sie ihren Mund aufgetan haben, wurde es Mist. Weil sie das Falsche geredet haben, den Dämonen zu Munde.

Jesus hat den stummen Dämon ausgetrieben. Das ist logisch. Denn Jesus ist das Wort. Nicht die Stummheit. Jesus ist das Wort Gottes, das die Wahrheit zur Sprache bringt. Das Wort Gottes, das unsere stumme Sprachlosigkeit überwindet, das unsere leeren und falschen Worte überwindet. Gott kommt zur Welt und redet. Und durch sein Wort vertreibt er die Dämonen. Und da, wo sein Wort ankommt, ist das Reich Gottes.

Weil das so ist, habe ich gesagt: Ich muss die Dinge heute beim Namen nennen. Nicht rumeiern, nicht verschweigen, nicht vertrösten, was mich betrifft. Und auch, was unsere Dämonen betrifft.

Wo wir sie beim Namen nennen, ist ihre Macht schon fast gebrochen. Sie wollen, dass wir verstummen. Sie wollen, dass wir verzagen. Sie wollen uns böse machen. Sie wollen, dass wir an Gottes Macht und Liebe verzweifeln. Sie wollen uns töten.

Aber es ist einer gekommen, der stärker ist als sie. Der, der das Wort ist und das Wort sagt, das uns auch selber wieder zu Wort kommen lässt. Jesus ist der Fingerzeig Gottes, dass Gott den Tod und den Teufel, die Sünde und die Verzagtheit, die Angst und den Zweifel überwindet.

»Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.«

Wir nennen das Evangelium »gute Nachricht«. Und dafür stehe ich, dafür habe ich als Pfarrer immer gestanden, dass am Ende nicht die schrecklich-schlimme Nachricht steht, sondern die gute Nachricht: »Das Reich Gottes ist zu euch gekommen.«

Ich bitte euch heute: Stellt euch auf die Seite Christi! Stellt euch gegen die Dämonen, vor allem gegen die böse Sprachlosigkeit! Sprecht gute Worte, ehrliche Worte, wahre Worte miteinander! Sprecht zu Christus im Gebet! Und, ja, bitte betet auch für mich, für meine Frau, für meine Eltern und Kinder. Um mit Luther zu sprechen: Dass der böse Feind keine Macht an uns finde.

Roland Herrig

https://hw-predigten.blogspot.de/

Predigttext
Und er trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die Dämonen aus durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die Dämonen aus durch Beelzebul. Wenn aber ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn ein gewappneter Starker seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

Lukas 11,14-23

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Trauer ist wie Liebeskummer

26. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Tod des eigenen Kindes ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Hans Schneiderhans’ Sohn Till ist bei einem Busunglück in Argentinien ums Leben gekommen. Nach dem Abitur war der 19-Jährige zusammen mit einer Freundin zu einer Weltreise aufgebrochen. Beide starben bei dem Unfall.

Herr Schneiderhans, was macht die Nachricht vom Tod des Sohnes mit einem Vater?
Schneiderhans:
Die erste Reaktion war Ungläubigkeit. Ich dachte, das kann nur eine Verwechslung sein. Es ist natürlich grundsätzlich so, dass man über jeden Tod trauern kann. Meine Kernerkenntnis ist, dass Trauer eine Art Liebeskummer ist. Und wenn man jemanden stark liebt, dann trauert man auch stark. Wenn man ein Kind verliert, kommt noch hinzu, dass man allgemein davon ausgeht, dass die Eltern vor den Kindern sterben. Man möchte einfach nicht, dass das Kind vor einem selbst stirbt. Wenn man die Möglichkeit hätte, würde man sogar sein eigenes Leben für das des Kindes geben.

In dieser Situation haben Sie sich entschieden, nach Argentinien zu fliegen, um Till nach Hause zu holen. Wie sehen Sie diese Entscheidung heute?
Schneiderhans:
Es war auf jeden Fall eine gute Entscheidung. In so extremen Situationen kommt es einem manchmal vor, als ob man sich in zwei Personen aufspaltet. Ein Teil der eigenen Person steckt dann in dieser Schockstarre, und der andere Teil funktioniert trotzdem irgendwie. Uns hat es sehr geholfen, dass wir zwei betroffene Familien waren. In dieser Vierergruppe der Eltern gab es immer jemanden, der den nächsten Schritt getan hat, wenn ein anderer nicht mehr konnte. Jeder wusste, dass der andere das Gleiche durchmacht, und daraus ergab sich eine gewisse Rücksichtnahme. Das war schon sehr schön und eine große Hilfe.

Sie haben ein Buch geschrieben, in dem die Stimme ihres Sohnes noch einmal zum Klingen kommt. Hat Ihnen das geholfen, die Situation zu verarbeiten?
Schneiderhans:
Es war nicht so, dass ich zu schreiben angefangen hätte, um mir zu helfen. Das Schreiben war eher eine Art Auflehnung gegen die Tatsache, dass nichts Neues mehr passieren wird mit diesem Kind und dass auch die Erinnerungen an Till vielleicht im Laufe der Zeit verblassen. Dagegen hab ich mich gesträubt. Dennoch ist es natürlich so, dass das Schreiben auch hilft, weil es einen Prozess in Gang setzt, der zu neuen Erkenntnissen führen kann.

Sie schreiben, dass Sie eher einem inneren Glauben folgen als religiösen Dogmen. Hat ihr Glaube Sie in dieser Situation getragen?
Schneiderhans:
Ich würde statt Glauben lieber Überzeugung sagen. Glaube kann nur das sein, was meine innere Überzeugung ist. Im Kern geht es ja um die Frage: Ist mit dem Tod alles vorbei, oder gibt es etwas, das weiter existiert? Als spiritueller Mensch bin ich überzeugt, dass das Bewusstsein auch unabhängig von den Gehirnfunktionen da sein kann. Es kommt drauf an, dies selbst zu erfahren – zum Beispiel in der Meditation.

Waren Sie manchmal wütend auf Gott oder auf das Schicksal?
Schneiderhans:
Ich persönlich eher weniger. Ich denke, die Suche nach einem Schuldigen, ob unter den Menschen oder auf einer anderen Ebene, führt zu nichts. Außerdem glaube ich nicht, dass alles, was geschieht, von Gott gelenkt wird. Das Menschsein beinhaltet auch, dass ich frei bin, mich für oder gegen etwas zu entscheiden. Dazu gehört, dass ich die Konsequenzen meiner Entscheidungen tragen muss. Und diese können sehr weitreichend sein.

Sie beschreiben Trauer als ein Zusammenspiel verschiedener Gefühle wie Betäubung, Schmerz, Auflehnung, Liebeskummer und Rührung. Ändert sich die Zusammensetzung im Laufe der Zeit?
Schneiderhans:
Ich habe versucht, in dieses Gefühl der Trauer einzudringen, aber ich bin mir nicht sicher, ob mir das wirklich gelungen ist. Ich sehe in ihr eine Mischung verschiedener Dinge, und die verändert sich im Laufe der Zeit. Am Anfang ist da vor allem Betäubung und das Gefühl, als sei man nur noch eine Hülle, die irgendwie agiert. Ich würde sagen, dass das mit der Zeit weggeht. Heute herrscht bei mir das Gefühl der Rührung vor.

Beim Lesen Ihres Buches hat mich der lebensfrohe Tonfall berührt, in dem Sie mit Till in einen Dialog treten. War Ihnen gleich klar, dass es nur so zu Ihrem Sohn passen würde?
Schneiderhans:
Ich habe versucht, Tills Stimme wiederzuerwecken und seine Sicht auf die Dinge wiederzugeben. Till hätte auf jeden Fall positiv und zuversichtlich gesprochen, wie man als junger Mensch halt so ist. Ich finde es wichtig, dass man auch in Extremsituationen eine Haltung zum Leben behält, die einen trägt und auch Schönes sehen lässt.

Wie gelingt Ihnen die Balance zwischen positiver Haltung und einer vielleicht doch bedrückenden Stimmung?
Schneiderhans:
Im Alltag funktionieren wir. Wenn wir beispielsweise unser Enkelkind begrüßen, das vor einem Jahr zur Welt kam, dann freuen wir uns auch darüber. Auf der anderen Seite gibt es Situationen wie Jahrestage, den Geburtstag oder beim Hören bestimmter Musik, in denen Trauer vorherrscht. Dann kann es sein, dass man weint. Aber ich finde das okay.

Wie empfinden Sie die Lücke, die der Tod Ihres Sohnes in Ihrem Leben hinterlassen hat?
Schneiderhans:
Ich glaube, alle vier betroffenen Eltern würden sagen, wir haben eine Wunde. Und die wird auch bleiben. Sie vergessen ja ihr Kind nicht.

Kann man Ihrer Erfahrung nach lernen, mit dieser Wunde zu leben?
Schneiderhans:
Ich bin weit entfernt davon, eine Methode angeben zu können. Aber ich glaube, indem man einfach weiterlebt, lernt man das. Das macht jeder auf seine Weise. Der eine holt sich professionelle Hilfe, der andere spricht mit seinen Freunden oder geht auf den Pilgerpfad. Das sind Dinge, die geschehen einfach. Wichtig ist es vielleicht, sich klarzumachen: Ich hab das Recht zu trauern. Und ich hab das Recht, auch lange zu trauern. Wenn von Trauerbewältigung gesprochen wird, hat das ja oft so einen Beigeschmack von: »Nun sieh mal zu, dass die Trauer schnell weggeht.« Davon sollte man sich nicht unter Druck setzen lassen.

Die Fragen stellte Sonja Poppe

Buchtipp: Schneiderhans, Hans: »Ich komme ja wieder!« Vom Leben und Tod eines Sohnes.
Ein Vater nimmt Abschied, Eden Books, 224 Seiten, ISBN 978-3-9591-0074-8, 19,95 Euro.

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Uns selbst zuwider – vor Gott

21. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Buß- und Bettag am 22. November: Vom Sinn und Ziel der Buße

Wer Buße sagt als Christ, muss sie auch tun. Aber was heißt Buße? Was meint sie, wenn sie nicht in einem formal-juristischen Sinne abgeleistet werden soll für eine (Straf-)Tat, eine Schuld, die nach Buße verlangt, nach Ablass oder Ableistung aber getilgt ist?

Luther hat das »dritte Sakrament«, wie er die Buße auch nennt, in seinem »Großen Katechismus« nicht nur scharf umrissen, er hat sie vor allem tief verankert. Verankert im Ur-Sakrament der Taufe selbst, deren »Kraft und Bedeutung« sich in der Buße wiederhole: »Denn was heißet Buße anders als den alten Menschen mit Ernst angreifen und in ein neues Leben treten?« Darum stünde jeder, der in der Buße lebe, »in der Taufe, welche solches neues Leben nicht allein deutet, sondern auch wirkt, anhebt und treibt«. Werde darin doch »Gnade, Geist und Kraft gegeben, den alten Menschen zu unterdrücken, daß der neue hervorkommt und stark werde«.

Der alte Mensch und der neue Mensch – wenn Luther davon spricht, dann spricht er nicht von äußeren, von gesellschaftlichen oder geschichtlichen Umständen, sondern von uns und unserem innersten Sein. Es geht um mehr als nur um vieles, es geht, fernab von Wandlung durch Pädagogik oder Psychoanalyse, um alles oder nichts, um die ganze Existenz und die Existenz als Ganzes. Der Kampfplatz zwischen altem und neuem Menschen, heißt das, ist nicht die politische Stunde Null, nicht die fortschrittliche Operation Zukunft, schon gar nicht die Revolution im Sinne Münzers oder der Wiedertäufer und ihrer säkularen Nachfolger aller Varianten und Zeiten. Sie wollten der himmlischen Gerechtigkeit eine blutige Schneise ins Irdische schlagen. Aber auch nicht der Auftritt wohlfeiler Ablasshändler, wie wir sie heute, in orwellschem Säkular-Sprech und kommissarischer Erlösungs-Gestalt, geradezu inflationär erleben, ist gemeint.

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Der Kampfplatz ist unsere Seele zwischen Teufel und Gott. Schon in seiner »Ersten Psalmvorlesung« geht Luther dem Konflikt radikal auf den Grund, stößt vor in eine Tiefe, die wir gerne zu erreichen vermeiden. Besonders in unserer Fähigkeit, Bußfertigkeit zu simulieren, indem wir uns von negativ gedeuteten Umständen und ihren Verursachern distanzieren. Oder uns rechtfertigen, indem wir sie verurteilen – ob geschichtlich kontaminierte oder solche, die dem Zeitgeist als Übel gelten. Der Zeitgeist für Luther manifestierte sich in den Texten und Reden der Scholastiker seiner Zeit: »Was unsere Scholastiker«, heißt es in seiner Auslegung von Psalm 1, »also in ihrer theologischen Sprache Bußhandlungen nennen, nämlich sich selbst missfallen, sich zuwidersein, verdammen, anklagen, rügen wollen, sich selbst strafen, züchtigen und wirklich das Böse hassen und sich zürnen, das nennt die heilige Schrift mit einem Wort ›Gericht‹ (V. 5).«

Das aber ist Luther zu wenig, das ist nicht einmal die halbe Buße, geschweige denn die ganze Rechtfertigung. Denn solange »wir uns … nicht selbst verurteilen, exkommunizieren, uns vor Gott zuwider sind, solange bestehn wir nicht und werden nicht gerechtfertigt«. Worauf Luther hier abzielt, hat Eberhard Jüngel einmal den Verlust der »ungehemmten Lebensgemeinschaft mit Gott« genannt. Um sie wieder zu erhalten, müssen wir erkennen, dass es nicht reicht, wenn wir uns in unserem Verhalten vor der Welt zuwider sind, sondern zuerst und zuletzt vor Gott, weil wir die Lebensgemeinschaft mit ihm verlassen, angegriffen, zerstört haben – erst dann ist Umkehr möglich, Metanoia, wie der Begriff im neuen Testament dafür lautet.

In Lukas 3,7 ist dieser Bußaufruf – mit Zorn verkündet von Johannes dem Täufer einer zwar taufbereiten, aber immer noch zu selbstgewissen »Schlangenbrut« – verbunden mit einer unmissverständlichen Gerichtsankündigung, einer Generalabrechnung: »Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.« Diesen Aufruf zu totaler Metanoia verbindet Jesus schließlich mit der Ankündigung der entscheidenden befreienden Perspektive, der Königsherrschaft Gottes: »Doch sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen.« (Lukas 10,9).

Diese bevorstehende Königsherrschaft Gottes aber ist das absolute Gegenteil eines eintretenden Politikums. Sie ist die Wahrheit, die frei macht, wie es bei Johannes heißt (8,32). Und nur in ihr »erfüllt sich die Bestimmung des menschlichen Lebens« (Eberhard Jüngel). Buße ist somit nicht Aufbruch in eine »hypertrophe Gewissensethik« (Klaus Berger), um mit sich wieder ins Reine zu kommen, sondern der so wieder wahr werdende Mensch, sagt Luther, tut »frei, fröhlich und umsonst«, »mit Lust«, »aus Liebe und Freiheit«, was Gott wohl gefällt. Metanoia, heißt das, ist die einzige Revolution, aus der der Mensch je und je neu werden, zum neuen Menschen werden kann.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden vor.

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Malta: Wenn die Kirche zum Kreditinstitut wird

20. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Insel ist voll, hieß es noch vor zwei Jahren. Das bevölkerungsreichste Land der EU war vermutlich das einzige mit einer wirklichen Flüchtlingskrise. Die Insel mit einer Fläche von Rügen und 430 000 Einwohnern – 6,5 mal so viel, wie das Eiland in der Ostsee – führte lange die Asylstatistik in der Europäischen Union an.

Jeden Morgen standen und stehen diejenigen am Straßenrand, die es über das Meer von Libyen auf die Insel geschafft haben und bieten ihre Arbeitskraft für Niedrigstlöhne an. Denn einmal auf Malta gestrandet, kommen sie – mittellos – nicht mehr weg.

Menschenkette der Hilfe: Sonntags nach dem Gottesdienst werden Lebensmittelspenden an Bedürftige verteilt. Pastorin Kim Hurst (rechts) packt tatkräftig mit an. Foto: Willi Wild

Menschenkette der Hilfe: Sonntags nach dem Gottesdienst werden Lebensmittelspenden an Bedürftige verteilt. Pastorin Kim Hurst (rechts) packt tatkräftig mit an. Foto: Willi Wild

Die Lage hat sich mittlerweile entspannt. Italien fängt die Boote bereits vor der Küste Libyens ab und bringt die Flüchtlinge entweder wieder zurück oder nach Kalabrien und Sizilien. Schätzungen zufolge, sagt Kim Hurst, Pastorin der schottischen St. Andrews Gemeinde in Valletta, sind aber, zum Teil schon seit mehreren Jahren, derzeit rund 9000 Flüchtlinge im Land. Sie zu integrieren, haben sich die Kirchen zur Aufgabe gemacht.

Ein Aktionsbündnis hat sich über Konfessionsgrenzen hinausgehend gegründet, initiiert vom ehemaligen Referenten für Entwicklungspolitik im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Oberkirchenrat Wilfried Steen. Am Beginn seines Ruhestands hat er für zwei Jahre die Pfarrstelle der Evangelisch-Ökumenischen Andreas Gemeinde auf Malta übernommen.

Noel Cauchi, Vorsitzender des Gemeindekirchenrats, sitzt von Anfang an mit am runden Tisch. »Die Hilfen sind nötig«, sagt er. »Malta ist teuer geworden, die Mieten sind explodiert.« Anfänglich gab es keine Programme zur Integration. Mittlerweile werden regelmäßig Nahrungsmittelpakete für Bedürftige gepackt. 80 Familien können jede Woche unterstützt werden. Die schottische St. Andrews Church vermittelt Mikrokredite an Flüchtlinge. Bis zu 2500 Euro werden für den Einstieg in die Selbstständigkeit oder aber für ein Studium verliehen. Sobald Geld verdient werde, so die Abmachung, wird der Kredit wieder zurückgezahlt.

»Es funktioniert«, sagt Kim Hurst. Die Kirche habe sich Fachleute geholt und sei mittlerweile sogar als Bank öffentlich anerkannt. Im Keller des Kirchengebäudes in der Altstadt Vallettas hat man Räume für die Beratung eingerichtet. Restaurants, Bäckereien oder kleine Läden sind dadurch bereits entstanden.

Willi Wild

OKR i. R. Wilfried Steen ist Reisebegleiter der Leserreise nach Malta vom 8. bis 15. Mai 2018. Dabei sind unter anderem eine ökumenische Begegnung in der Andreas Gemeinde und Informationen über die Flüchtlingsarbeit der Kirchen vorgesehen. Informationen und Anmeldung: Telefon (0 36 43) 24 61 20

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Kirchenparlament auf dem Weg

20. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Nach dem Reformationsjahr und vor der Herbstsynode: Dieter Lomberg, Präses der Landes­synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), stellt sich den Fragen von Willi Wild.

Thema: Reformationsjahr


Wie haben Sie das Reformationsjahr erlebt?
Lomberg:
Es war ein Jahr mit vielen Veranstaltungen, die alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter sehr stark gefordert haben. Alle haben ihr Bestes gegeben. Kirche ist im Gespräch gewesen.

Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Lomberg:
Die Kirchen haben viel Aufmerksamkeit bekommen und damit auch der Glaube an Gott. Das ist sehr wichtig und darf bei aller Kritik nicht untergehen. Es wurden sicherlich mit Gottes Angebot mehr Menschen erreicht, als bei Veranstaltungen gezählt wurden. Da wirkt bestimmt noch einiges nach.

Schade war, dass die Kirchentage auf dem Weg nicht das verdiente Echo gefunden haben. Aber dazu ist schon viel gesagt und geschrieben worden; weiteres will ich mir ersparen. Es wird daraus gelernt werden. Bewerten muss das jeder für sich selbst und nicht für andere! Ich bin mir sehr sicher, dass es trotz aller Enttäuschungen über die Teilnehmerzahlen wichtige Impulse für die Regionen gegeben hat. Mal sehen, was später daraus wird.

Tonangebend: Präses Dieter Lomberg bei der Frühjahrstagung der Landessynode der EKM. Foto: Willi Wild

Tonangebend: Präses Dieter Lomberg bei der Frühjahrstagung der Landessynode der EKM. Foto: Willi Wild

Wie wurde das Reformationsjubiläum in Ihrem Kirchenkreis und Ihrer Kirchengemeinde begangen?
Lomberg:
Ich möchte meinen Kirchenkreis gar nicht herausheben. Ich weiß, dass es in allen Kirchenkreisen sehr viele sehr gute Veranstaltungen gab. Die Berichte dazu im Landeskirchenrat haben mich beeindruckt.

Es ist überraschend, wieviel Kreativität und Ideenreichtum, Gottes Wort zu den Menschen zu bringen, wir in der gesamten EKM haben. Mich freut dieses breite Spektrum des Engagements, gerade auch der Ehrenamtlichen. Da kann ich nur vielen, vielen Dank sagen.

Es gab in der unmittelbaren Nähe meines Kirchenkreises den Kirchentag auf dem Weg in Magdeburg, in den wir als Gemeinden des Kirchenkreises eingebunden waren. Neben anderen Veranstaltungen gab und gibt es auch im nächsten Jahr noch die 12 Pilgerwege zu den Stätten, wo Luther nicht war. Ein Highlight, das Menschen einander nähergebracht hat.

Wie groß war dort das Interesse an Luther und der Reformation?
Lomberg:
Es gab wie überall ein unterschiedliches Interesse.

Wie haben Sie die Kirchentage auf dem Weg erlebt?
Lomberg:
Ich konnte leider aus beruflichen Gründen nicht an so vielen Veranstaltungen teilnehmen, wie ich gerne gewollt hätte. Aber das, was ich in Wittenberg, wo ich wegen der Proben zum Abschlussgottesdienst schon ab Freitagabend war, persönlich erlebt habe, fand ich sehr beeindruckend. Für alle anderen Veranstaltungsorte gilt das auch, ich habe davon viel Gutes gehört.

Thema: Ökumene


Im Reformationsjahr wurde von den Bischöfen die Ökumene sehr stark betont. Sehen Sie sichtbare Fortschritte?
Lomberg:
Ich denke, es ist zu früh, da jetzt und sofort etwas zu erwarten.

500 Jahre Trennung und Differenzen können nicht sofort nach dem 31. Oktober 2017 aufgehoben und geklärt werden. Aber ich sehe viele weitgehende kleine und größere Fortschritte.

So haben wir einen sehr guten Austausch und eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Bistümern Erfurt und Magdeburg. Ich nehme schon lange wahr, dass das nicht zuletzt aufgrund der auf beiden Seiten handelnden Personen sehr gut funktioniert. Es ist ein offener Dialog, in dem angesprochen wird, wo der Schuh drückt. Dadurch hat auch das Reformationsgedenken seine ökumenische Wendung genommen.

Dafür ist den katholischen Brüdern und Schwestern sehr zu danken und den Verantwortlichen in der EKM und der EKD, die dies so gut aufgenommen und umgesetzt haben.

Thema: Herbstsynode

Welchen Raum wird eine Auswertung des Reformationsjahres auf der Herbssynode in Erfurt einnehmen?
Lomberg:
Wir werden die Diskussion erst in der Frühjahrssynode führen. Da ist dann mehr – auch emotionaler – Abstand vorhanden und wir wollen uns mit dem Thema Gemeinde beschäftigen. Dann gibt es unter dem Punkt »Die Reformation geht weiter« auch einen Rückblick auf 2017 und die gesamte Dekade. Das ist wichtig, um von diesem rückblickenden Ausgangspunkt die Zukunft gut diskutieren zu können.

Welche Schwerpunkte gibt es bei dieser Synodentagung?
Lomberg:
Thematischer Schwerpunkt wird unter dem Synodenmotto »Evangelisch – Ein Kreuz für die Welt« das Thema »Evangelium kommunizieren in einer mehrheitlich konfessionslosen Gesellschaft« sein. Dabei haben die hier aufgewachsenen Brüder und Schwestern einen großen Erfahrungsschatz, den wir heben wollen. Nur so können wir uns an alte Ideen erinnern und neue entwickeln, wie wir Wege zu den Menschen gefunden haben und wiederfinden können.

Ein weiterer Schwerpunkt wird die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien sein – diesmal zu Fragen der Schulseelsorge, den Modellregionen »Gemeindearbeit mit Familienperspektive« und die Zukunft der Kindergottesdienstarbeit.

Traditionell ist die Herbstsynode auch eine der Finanzen; es wird um den neuen Haushalt und die damit verbundenen Beschlüsse gehen, sowie um die Abnahme der Jahresrechnung 2016.

Thema: Ehe für alle

Die Evangelische Jugend wollte die »Ehe für alle« thematisieren. Was ist daraus geworden?
Lomberg:
Die Landessynode hat beschlossen, dass anhaltender Gesprächsbedarf besteht. Die derzeitige kirchliche Praxis soll bestehen und sich entwickeln. Sie hat festgestellt, dass die für die Trauung von Mann und Frau und für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare vorgesehenen liturgischen Ordnungen im Grunde gleich sind.

Die Landessynode entschied über den Antrag der Jugendsynodalen zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Der Landeskirchenrat wurde aber von ihr gebeten, ein geeignetes Format zu finden, in dem dieses Gespräch in absehbarer Zeit weitergeführt werden kann.

Genauso wird verfahren. Das Thema ist damit »nicht vom Tisch«, sondern es wird mit der gebotenen Sorgfalt diskutiert. Es muss ein Beschluss gefunden werden, der die Gemeinden nicht zerreißt. Dafür braucht es etwas Zeit – auch, wenn dies dem jugendlichen Tatendrang nicht folgt.

Hier etwas zu befeuern, nur um jetzt einen Beschluss zu bekommen, den die Mitglieder der Gemeinden nicht mittragen können, hilft nicht. Wir werden sicherlich immer verschiedene Meinungen dazu haben, aber wir müssen dahinkommen, dass der Beschluss von allen mitgetragen werden kann, auch wenn sie ihm aus welchen Gründen auch immer nicht zustimmen können.

Wir haben bei der damaligen Beschlussfassung zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare eine sehr gute Diskussion gehabt und ein hohes Einvernehmen. Das wünsche ich mir auch hier, und dass wir jeden in der Diskussion mitnehmen.

Thema: Jugendsynode

Die Einbeziehung der Jugend ist Ihnen wichtig. Wie weit sind die Überlegungen einer gemeinsamen Synodentagung mit der Evangelischen Jugend – einer »Jugendsynode« – gediehen?
Lomberg:
Dazu kann ich nichts sagen, weil es dazu auf Beschluss der Synode eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der Synode, des Landesjugendkonventes, des Bundes Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland und des (Landes-)Kinder- und Jugendpfarramtes gibt. Diese Arbeitsgruppe wird den Beschluss der Landessynode abarbeiten, die für die Vorbereitung der Jugendsynode unter anderem die folgenden beiden Impulse gegeben und beschlossen hat:

1. Auf der Jugendsynode werden mit Blick auf Gegenwart und Zukunft der Kirche relevante Fragen aus der Perspektive junger Menschen miteinander beraten;

2. Die Jugendsynode soll neben den Synodalen der Landessynode unter Beteiligung von bis zu 80 jungen Menschen im Sinne des Kinder- und Jugendgesetzes (KiJuG) stattfinden. Sie sollen in der Regel das 27. Lebensjahr nicht überschritten haben.

Hier liegen auch die Schwierigkeiten, die zu lösen sind: Es soll eine breite Partizipation junger Menschen ermöglicht werden. Aber leider gibt es Kirchenkreise, die keine Vertreter in den Landesjugendkonvent entsenden, etwa weil sie keinen Kreisjugendkonvent haben. Dort gibt es zwar Informationen über Entwicklungen im Bereich politischer und kirchlicher Jugendarbeit sowie eine jugendpolitische Vertretung im Landkreis, aber die kirchenkreisliche und landeskirchliche jugendpolitische Arbeit und Vertretung nehmen Jugendliche offenbar nicht wahr.

Das ist schade, wenn dies durch Kirchenkreismitarbeiter wahrgenommen werden soll oder durch die Synodalen in der Landessynode. Zu den Jugendsynodalen dürfte es kaum bis keine Kontakte geben. Da ist es für mich schwer vorstellbar, dass diese Jugendlichen wirkungsvoll mit ihren Anliegen vertreten werden. Zumindest wird ihnen ein Stück gelebter Kirchendemokratie, Partizipation und Mitbestimmung vorenthalten.

Vorschläge der zu bearbeitenden Themen können sowohl durch die Antragsberechtigten an die Landessynode als auch aus der kirchlichen Arbeit mit Jugendlichen erfolgen. Bei der Themenfindung ist ein wichtiges Kriterium, dass es sich möglichst nicht um ein »reines Jugendthema« handeln soll, sondern um eines, das die Synodalen und die Jugenddelegierten gemeinsam etwas angeht, nur in unterschiedlichen und sich überschneidenden Facetten.

Die Synode erhält spätestens zur Frühjahrstagung 2018 einen Sachstandsbericht.

Thema: Zukunft

»Reformation geht weiter« steht auf einem Banner der EKM. Was bleibt und was wird weitergehen?
Lomberg:
So viel prophetische Gabe habe ich nicht. Es werden die begonnenen Prozesse in den Gemeinden weitergehen (»Wie wollen wir heute und in Zukunft Gemeinde sein?«, »Wie können wir das schaffen?«, »Welche nichtfinanzielle Hilfe brauchen wir?« …).

Ich hoffe, die Reformationsdekade hat noch mehr Ideen gebracht. Wir werden uns weiter reformieren müssen, was dazu führt, dass wir – bildlich gesprochen – Türen (nicht die Kirchen- und Gemeindetüren!) schließen und neue aufmachen werden. Wir sind und bleiben hoffentlich weiter eine Landeskirche, die in Bewegung ist, die aber auch dort fest steht, wo es nötig ist. In allem gegründet auf Gottes Zusagen an uns als Gemeindeglieder, als Gemeinde und als Kirche.

Ein wichtiges Reformationsziel ist es vielleicht, dass wir innerkirchlich wahrhaftiger werden, tatsächlich eine Kirche des Friedens vor allem nach innen werden. Dass wir offener und ehrlicher miteinander umgehen, als wir es bis jetzt tun. Ich bin als Kirche wenig glaubwürdig, wenn ich von anderen gelebten Frieden fordere, es aber in unserem Umgang mit Menschen innerhalb und außerhalb der Gemeinden, Gremien und der Kirche nicht so mache, wie ich es von anderen verlange.

Bis das bei uns gelebte Praxis ist, ist es wohl noch ein steiniger Weg. Ich wünsche mir, dass der Wille, diesen Weg zu gehen, ernsthaft besteht.

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»Martini« auf dem Erfurter Domplatz

19. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Foto: Jens-Ulrich Koch

Foto: Jens-Ulrich Koch

Das Recht auf eine fröhliche und unbeschwerte Kindheit hat Margot Käßmann, Reformationsbotschaf­terin der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Abschluss des 500. Reformationsjubiläums in Thüringen betont. »Wenn jetzt Koalitionsverhandlungen laufen, sollte die Lage der Kinder in unserem Land und auf unserer Welt auf die Tagesordnung gesetzt werden und zwar ganz oben«, sagte die Theologin bei einer Predigt am 10. November auf dem Erfurter Domplatz. Dort feierte sie mit Tausenden Kindern und deren Angehörigen im Schein vieler Laternen zu Ehren des Heiligen und katholischen Bischofs Martin von Tours (um 316–397; Beisetzung am 11. November) sowie des Reforma­tors Martin Luther (1483–1546; Geburtstag am 10. November) das Fest der zwei Namensvetter – »Martini«. Das in der Thüringer Landeshauptstadt traditionell ökumenisch begangene Fest markierte in diesem Jahr auch das Ende des 500. Reformationsjubiläums in Thüringen.

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Verfolgte Christen weltweit

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Religionsfreiheit: Die Zahl der verfolgten Christen lässt sich nicht exakt erfassen. So sind die genannten 200 Millionen durchaus umstritten. Fakt ist aber: Christen werden in vielen Ländern ihres Glaubens wegen diskriminiert, verhaftet, manchmal sogar getötet. Der Weltgebetstag rückt diese Tatsache am 12. November ins Blickfeld.

Als das evangelikale Hilfswerk Open Doors im Januar seinen Weltverfolgungsindex veröffentlichte, stellten Kritiker die Verdoppelung der Zahl infrage und bemängelten die Nachprüfbarkeit. Er bezweifele, dass es sich bei den genannten Zahlen immer um eine »konkrete Christenverfolgung« handele, äußerte beispielsweise der Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werks, Enno Haaks: Oft gehe es darum, dass Christen in ihrer Religionsausübung beschränkt sind oder keine Religionsfreiheit haben. Eine Definitionssache also? Positiv bewertete Haaks seinerzeit, »dass es Open Doors gelungen ist, auf die Situation von verfolgten Christen hinzuweisen, die in bestimmten Kontexten unter problematischen Bedingungen wirklich existieren«.

Karte: Open Doors/Foto: jameschipper/Gestaltung: Adrienne Uebbing

Im Fokus: die beiden Länder Eritrea und Jemen, die in diesem Jahr ins Zentrum des »Weltgebetstages für verfolgte Christen« rücken. Karte: Open Doors/Foto: jameschipper/Gestaltung: Adrienne Uebbing

Und das ist das erklärte Anliegen des Weltgebetstages, an dem laut Open Doors Christen und Gemeinden aus über 100 Ländern auf allen Kontinenten teilnehmen. In diesem Jahr hat die Hilfsorganisation zwei Länder, die sich am Horn von Afrika, getrennt durch das Rote Meer, quasi gegenüberliegen, ins Zentrum gerückt: Eritrea und den Jemen.

Eritrea

Auf den ersten Blick mag die prekäre Situation für Christen in Eritrea erstaunen. Denn hier machen Christen rund die Hälfte der rund 5,5 Millionen Einwohner aus. Jedoch: Lediglich den Mitgliedern der staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften – der eritre­isch-orthodoxen, der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche sowie Anhängern des Islams – ist es gestattet, ihre Religion auszuüben. Alle anderen gelten als illegal.

Seit Eritrea 1993 unabhängig wurde, regiert das autoritäre Regime unter Präsident Isayas Afewerki. Jede Form von nicht-registrierten Organisationen, Widerspruch und Meinungsfreiheit sind verboten. Auch die »legalen Kirchen« werden staatlich kontrolliert, nicht genehme Leiter von der Regierung abgesetzt. Sie rekrutiert Spitzel, um alle christlichen Aktivitäten zu überwachen.

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten – sie werden als »Agenten des Westens« betrachtet – Christen aus traditionellen Kirchen oder mit muslimischem oder orthodoxem Hintergrund und Christen aus protestantischen Freikirchen sind laut Open Doors besonders stark von Verfolgung betroffen. Sie treffen sich in Untergrundgemeinden und riskieren, verhaftet und unter schlimmen Bedingungen inhaftiert zu werden. So wurden beispielsweise laut einem Bericht von Amnesty International (AI) Angehörige staatlich verbotener Minderheitenkirchen bei extremer Hitze unter Erstickungsgefahr in Frachtcontainern gefangen gehalten. Inhaftierte, die ihren Glauben praktizierten und deren Religionsgemeinschaft nicht anerkannt ist, haben laut AI weder Zugang zu einem Rechtsbeistand noch dürfen sie Besuch erhalten. Viele seien bereits seit weit über einem Jahrzehnt inhaftiert.

In besonderem Maß von Verfolgung betroffen seien Konvertiten, die die Eritreisch-Orthodoxe Kirche verlassen und sich protestantischen Freikirchen anschließen sowie christliche Konvertiten aus dem Islam, so Open Doors. Abgesehen von der Verfolgung durch den Staat erfährt die erste Gruppe Verfolgung durch die orthodoxe Kirche, die zweite durch ihre Familien und die muslimische Gesellschaft.

Eine weitere »Quelle der Verfolgung« ist laut Open Doors das Fehlen eines zivilen Wehrersatzdienstes für diejenigen, die aus Gewissensgründen keinen Dienst mit der Waffe leisten wollen. Der Militärdienst – für Frauen und Männer über 18 Jahren obligatorisch, aber de facto werden auch Minderjährige eingezogen – dauert 18 Monate, wird aber häufig auf unbestimmte Zeit verlängert.

Jemen

Anders stellt sich die grundsätzliche Situation im Jemen dar: Hier bilden Christen eine fast verschwindende Minderheit: 99,1 Prozent der Einwohner sind Muslime, Schätzungen zufolge leben im Jemen nur 3 000 bis 6 000 Christen. Das »Land der Königin von Saba« ist eigentlich landwirtschaftlich fruchtbar und reich an Bodenschätzen. Doch im Jemen herrscht ein verheerender Krieg, der zwischen islamisch-extremistischen Gruppen ausgetragen wird und sich auf verschiedene Stämme ausgebreitet hat. Al Kaida und der »Islamische Staat« (IS) nutzen das Chaos, um ihre Gebiete zu erweitern. Die gesamte Infrastruktur ist inzwischen zerstört. Der Jemen befindet sich in einer dramatischen Notlage, die Hungerkrise dort gilt als eine der schlimmsten weltweit.

Vor diesem Hintergrund mutet erstaunlich an, dass die Zahl der christlichen Untergrundgemeinden im Jemen wächst – wie Linus Pfister in einem Beitrag für das von der Deutschen Evangelischen Allianz herausgegebene Heft zum Weltgebetstag schreibt: »Der jüngste Krieg hat alle ausländischen Christen vertrieben, die Verfolgung der einheimischen Christen verstärkt und erste christliche Märtyrer verursacht. (…) Doch Leiter der jemenitischen Christen sagen: ›Wir Christen wissen, dass leiden für Jesus dazugehört; das haben uns die ausländischen und einheimischen Märtyrer in unserem Land gezeigt. Wir wollen von ihnen lernen und im Glauben stark werden.‹ Als einheimische Christen verbreiten sie Hoffnung, leisten humanitäre Hilfe und sind ein Zeugnis der Liebe Gottes.« Innerhalb der letzten zwei Kriegsjahre habe sich die Untergrundkirche verdreifacht und wachse weiter, so Pfister.

Adrienne Uebbing

www.weltverfolgungsindex.de

www.ead.de/gebet/gebetstag-fuer-verfolgte-christen

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Zu weise, um verliebt zu sein

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Beide glauben, eine Ehe hält mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aus. Fernseh­moderatorin Petra Gerster und Publizist Christian Nürnberger sind seit vielen Jahren verheiratet. Über ihre Ehe sprachen sie mit Mirjam Petermann.

Frau Gerster, Herr Nürnberger, sind Sie noch verliebt?
Nürnberger:
Nein. Dafür sind wir längst zu weise, denn dass das Verliebtsein nur eine List der Natur ist, um die beiden Geschlechter irgendwie zur Fortpflanzung zu bringen, haben wir schon seit mindestens vier Jahrzehnten durchschaut. Und auch, dass Verliebtsein ein Zustand ist, der bald wieder vergeht. Daher kann man darauf keine Ehe bauen.
Gerster: Das ist nicht die Antwort, die man als Frau hören will. Aber es stimmt natürlich, nach 35 Jahren ist man normalerweise nicht mehr verliebt, und das scheint mir auch nicht erstrebenswert. Erstrebenswert ist vielmehr, dass man sich tatsächlich liebt, wertschätzt, nie miteinander langweilt und vor allem: noch was zu lachen hat. Insofern kann ich mich glücklich schätzen.

Wie bringt man noch aufrichtiges Interesse am anderen auf, wenn man sich bereits seit 35 Jahren kennt?
Nürnberger:
Man entwickelt sich weiter während dieser Jahre, und es ist spannend zu erleben, wie der andere sich entwickelt, wie man sich selbst entwickelt, und ob es gelingt, sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Man erlebt sich auch in verschiedenen Rollen, anfangs als Single, dann als Ehepartner, später als Mutter oder Vater, noch später – so hoffen wir – als Oma und Opa. Man erlebt den anderen beruflich, privat, bei gesellschaftlichen Anlässen, in Krisen, bei traurigen Anlässen und bei freudigen. Ist doch immer wieder interessant zu erleben, wie viel verschiedene Seiten, Stärken, Schwächen, Talente im jeweils anderen stecken.
Gerster: Es hilft auch, wenn man sich für dieselben Dinge interessiert und in den wichtigen Fragen des Lebens übereinstimmt, politisch und weltanschaulich. Aber auch mit Lust und Ausdauer streiten kann – auch das gehört für mich dazu.

Haben Sie bei aller Arbeit, bei allen Interessen und Aufgaben einen »normalen« Ehealltag? Wie gestalten Sie den?
Nürnberger:
Ja, wir haben einen ganz normalen Ehealltag und sind gerade deshalb des Zwangs enthoben, ihn gestalten zu müssen, denn das erledigen schon die Zwänge dieses Alltags für uns: also tagsüber arbeiten, nachts schlafen, Rechnungen schreiben und Rechnungen bezahlen, Vorträge schreiben und halten, auf Lesereise gehen, die Umsatzsteuervoranmeldung machen, einkaufen, kochen, spülen und so weiter und so fort. Wir hoffen, irgendwann im Alter mal vor dem Luxusproblem zu stehen, sich überlegen zu müssen, was man als Nächstes macht und wie man den Tag gestaltet.
Gerster: Das Wichtigste hast du vergessen: Mit den Kindern telefonieren, die in einem Alter sind, wo sie dauernd lebenswichtige Entscheidungen zu treffen haben, oder sie treffen, und der Austausch mit unseren Geschwistern und Freunden, der mir sehr wichtig ist und eine Menge Zeit in Anspruch nimmt.

Sie schreiben auch gemeinsam Bücher. Wie viele Gemeinsamkeiten hält eine Ehe aus?
Gerster:
Wir glauben: Eine Ehe hält mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aus.

Und wie viele Unterschiede?
Nürnberger:
Eher weniger, es sei denn, es handelt sich um Unterschiede, die sich ergänzen. Wenn jedoch zwei Partner völlig verschiedene Interessen und vielleicht auch noch konträre Berufe haben – er Kaufmann, sie Philosophin, er Golfspieler und Fußballfan, sie eine Leseratte und Museumsbesucherin, er ein Vielfraß, sie eine, die von Wasser und Salat lebt – dann könnte es schwierig werden.
Gerster: Unterschiede im Temperament sind hingegen gar nicht schlecht: Zwei von der ruhigen Sorte meines Mannes wären ein bisschen langweilig, zwei von meiner extrovertierten Art extrem anstrengend. Aber so gleichen wir einander ganz gut aus.

Welche gemeinsamen Projekte haben Sie für die Zukunft geplant?
Nürnberger:
In ein paar Tagen (20. November) kommt unser neues Buch über die Medien »Die Meinungsmaschine. Wie Informationen gemacht werden – und wem wir noch glauben können«. Daher gibt es derzeit kein neues Projekt. Vom Bücherschreiben müssen wir uns jetzt erst einmal erholen.
Gerster: Und wieder hat er das Wichtigste vergessen: Unser nächstes gemeinsames Projekt ist ein neuer Hund im nächsten Jahr!

Sind Sie eigentlich auch kirchlich verheiratet?
Nürnberger:
Nein. Darauf haben wir bewusst verzichtet, weil eine kirchliche Trauung den Willen voraussetzt, als Paar in der Gemeinde aktiv zu werden. Wir waren aber, als wir uns kennenlernten, Großstadtnomaden, die heute hier und morgen dort lebten und keine Gemeinde hatten, in die sie sich aktiv, verbindlich und auf Dauer hätten einbringen können.

Frau Gerster, Sie sagten in einem Interview 2015: »Solange die Kinder einen brauchen, beantwortet sich die Sinnfrage von selbst.« Ihre Kinder sind jetzt 27 und 24 Jahre alt und sicherlich anders auf Sie angewiesen als früher. Stellte sich Ihnen dann doch irgendwann die Sinnfrage?
Gerster:
Ja, sie könnte jetzt darin bestehen, das Alter gemeinsam zu meistern und gute Großeltern zu sein. Aber noch ist es nicht so weit. Noch freuen wir uns einfach daran, dass unsere Kinder gut geraten sind, wir eine ziemlich glückliche Familie sind, und wenn’s gut läuft, ist es nicht sehr intelligent, sich das Leben schwer zu machen mit Grübeleien über den Sinn des Lebens, zumal wir dafür gegenwärtig auch gar keine Zeit haben.

Spielen christliche Werte und Glauben in Ihrem Leben eine Rolle?
Nürnberger:
Ja, schon, aber weniger die, die dafür gehalten werden, also so Dinge wie Kirchgang, Gebet, Glaube an die Auferstehung und so weiter. Wir sind eher Anhänger von Dietrich Bonhoeffers Vorstellung eines »religionslosen Christentums«. Darin geht’s nicht ums Jenseits und nicht um religiöse Riten, Gebote, Verbote, sondern um Gelassenheit, Hoffnung und ums gute Leben hier und jetzt, und zwar für alle, nicht nur für einige Privilegierte. Darüber machen wir uns Gedanken. Darum kreist indirekt auch unser Schreiben.

Gibt es einen Sinn, den Sie für Ihre Ehe definiert haben?
Gerster:
Wir mussten da nichts definieren, weil der Sinn der Sache schon definiert ist und wir ihn uns genauso zu eigen gemacht haben, was heißt: Wir haben geheiratet mit dem Vorsatz, zusammenzubleiben in guten, wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod uns scheidet. Wir wussten, dass das ein Abenteuer ist, und dieses Abenteuer wollen wir bestehen.

Ist es Ihrer Meinung nach realistisch, eine Ehe zu führen, »bis dass der Tod euch scheidet«? Wenn ja, was braucht es dafür?
Nürnberger:
Ehen wurden früher von gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen zusammengehalten, von der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Frau und der sozialen Kontrolle durch die Umwelt. Daher gab es früher zwar viele Ehen, die bis zum Tod hielten, aber viele von ihnen waren lange, bevor ein Partner starb, schon tot, existierten nur noch pro forma. Heute gibt es diese Zwänge kaum mehr, und darum ist es auch nicht mehr zwingend zu heiraten oder einander zu versprechen, zusammenzubleiben bis zum Tod. Aber gerade durch diesen Wegfall aller Zwänge gewinnt das Eheversprechen erst heute seinen eigentlichen Wert. Erst jetzt kann man einander wirklich aus freien Stücken so ein Versprechen geben und dafür kämpfen, dass es hält. Und wenn das gelingt, ist es großartig.
Gerster: Zur Frage, was es dafür braucht: Ein Bewusstsein dafür, dass man nicht mehr frei ist wie ein Single, sondern gebunden, und das muss man erst mal akzeptieren können; sodann den Willen, einander zu dienen statt sich selbst zu verwirklichen; außerdem die Bereitschaft, Konflikte auszuhalten, auszutragen und zu lösen; und schließlich die Fähigkeit, sich selbst ein bisschen zurückzunehmen. Und das alles braucht es von beiden, nicht nur von einem.

Der Moment in dem die Kinder das Elternhaus verlassen, wird oft als großer Bruch oder gravierende Veränderung eines Ehepaares beschrieben. Können Sie das bestätigen, empfanden Sie das ebenso?
Gerster:
Ja, es war ein Einschnitt, natürlich, aber ein Bruch? Nein. Das nicht. Einerseits hat uns das natürlich mit einer gewissen Melancholie erfüllt, nicht nur, weil die Kinder plötzlich weg sind und eigene Wege gehen, sondern auch, weil einem damit bedeutet wird: Nun werdet ihr alt. Es hat aber auch seine guten Seiten. Man hat wieder mehr Freiheiten. Mehr Zeit füreinander. Keine Schulprobleme mehr. Kein Zwang mehr, ausgerechnet während der Ferien, also der teuren Hauptsaison, Urlaub machen zu müssen. Außerdem kam diese Abnabelung nicht abrupt. Wir waren darauf vorbereitet, haben uns in den neuen Zustand »einüben« können dadurch, dass unsere Kinder schon während der Schulzeit mal ein halbes oder ganzes Jahr lang im Ausland gelebt hatten. Und schließlich: Man fährt in gewisser Weise die Ernte ein, wenn man sieht, dass die Kinder sich gut entwickelt haben, auf eigenen Füßen stehen können, bald auch wirtschaftlich von den Eltern unabhängig sein werden. Da merkt man plötzlich: Der ganze Aufwand, der für die Erziehung draufging, war nicht umsonst, hat sich gelohnt.

Wie kann man so große Veränderungen, zuerst die Geburt der Kinder und dann deren Auszug als Ehepaar gut überstehen?
Nürnberger:
Man muss da gar nichts »überstehen«, denn die Geburt von Kindern, das manchmal anstrengende Leben mit ihnen und deren Abnabelung – das ist nun mal der Lauf der Dinge, ja geradezu deren Sinn. Es ist schön, dass das Leben dadurch verschiedene Phasen durchläuft. Jede Phase ist anders, jede bringt ihre eigenen Herausforderungen mit sich, die es zu bestehen gilt, auf jede neue Phase freut man sich, über das Ende jeder Phase ist man ein wenig traurig, aber jedes Ende ist mit einem neuen Anfang verbunden. Und genauso soll es sein. Dieser natürliche Wechsel von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt macht das Leben doch erst rund.

Welchen Standpunkt hat die Ehe Ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft heute?
Nürnberger:
Sie ist kein Muss mehr, nur noch eine Möglichkeit unter anderen. Jeder kann darüber nachdenken, ob diese Möglichkeit für ihn infrage kommt, ob sie für ihn die optimale Lebensform darstellt oder nicht, und kann sich dann frei dafür oder dagegen entscheiden. Das ist doch wunderbar. Frühere Generationen hätten uns für diese Freiheit beneidet. Aber: Freiheit bedeutet auch Risiko. Wo einer von seiner Freiheit Gebrauch macht, kann er auch scheitern, und dieses Scheitern hat er dann zu verantworten, nicht die Gesellschaft, nicht irgendwelche Zwänge. Aber genau darin – in der freien Entscheidung mit der Möglichkeit des Scheiterns – liegt die Würde. Freiheit ist kein Glücksversprechen, sondern die Ermöglichung von Würde. Und die wiegt schwerer als Glück. Lieber unglücklich leben, aber frei, als glücklich, aber unfrei.

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Die Erde ist der beste Platz

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview mit Johann-Dietrich Wörner, Generaldirektor bei der Europäischen Weltraumorganisation

Herr Professor Wörner, was bedeutet Ihnen der biblische Schöpfungsbericht?
Wörner:
Immer wieder hat die Kirche versucht, den Menschen die Fragen der Wissenschaft zu beantworten und musste dann nach neuerer Erkenntnis wieder neue Antworten finden.

Die Schöpfungsgeschichte ist für mich – bei aller Versuchung, sie mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen in Übereinstimmung bringen zu wollen – ein Versuch, den Menschen die Entstehung als einen göttlichen Akt zu beschreiben.

In Ihrem Arbeitsalltag beschäftigen Sie sich mit dem Weltraum – welchen Platz nimmt dort Gott ein oder anders formuliert: Wie beschreiben Sie Ihre Beziehung zu Gott?
Wörner:
Ich bezeichne mich selbst als einen gläubigen Menschen. Wissenschaft und Glaube stehen für mich nicht im Widerspruch, sondern sind ganz unterschiedliche Dinge, die der Mensch in der Lage ist im Inneren zu verbinden.

Wissenschaft ist eine typisch menschliche Aktivität, Beobachtungen in Regeln zu übersetzen. Glaube ist dagegen verbunden mit Vertrauen, Hoffnung und Werten.

Welche Gaben ermöglichen es Ihnen als Generaldirektor der europäischen Raumfahrt, gedanklich in die höheren Sphären des Weltalls vorzudringen?
Wörner:
Im Englischen unterscheidet man Heaven and Sky, im Deutschen sagen wir für beides Himmel. Aber wir arbeiten im All. Gott ist nun dort nicht physisch zu finden, er ist über diesen Vorstellungen, also über All oder auch überall.

Johann-Dietrich Wörner. Foto: Philippe Sebirot/ ESA

Johann-Dietrich Wörner. Foto: Philippe Sebirot/ ESA

Was sind die aktuellen Herausforderungen der Raumfahrt?
Wörner:
Raumfahrt heute ist Infrastruktur und für jeden erlebbar, z. B. bei Navigation, Telekommunikation oder Wetterbeobachtung. Darüber hinaus ist Raumfahrt durch die Missionen mit robotischen oder astronautischen Systemen aber auch in der Lage, den sehr menschlichen Trieb der Neugier zu befriedigen. Hieraus entwickelt sich Faszination, Inspiration und Motivation, wichtige Grundlagen für die gesellschaftliche Weiterentwicklung.

Wie weit sind wir von einer Reise zum Mars entfernt?
Wörner:
Der Mond ist 350 000 Kilometer von der Erde entfernt und daher relativ leicht erreichbar. Sicherlich wird der Mensch auch weiter ins Weltall vorstoßen, das entspricht ganz einfach unserem Pionier- und Entdeckungsgeist. Aber eine Reise zum Mars ist auf absehbare Zeit einfach zu riskant. Deshalb erwarte ich, dass zwar robotische Systeme zu anderen Planeten fliegen werden, der Mensch aber zunächst wieder den Mond besuchen wird. Wichtig ist mir, dass wir damit nicht eine Kolonialisierung anstreben oder womöglich die Erde verlassen wollen. Die Erde ist in weiter Umgebung der beste Platz und wir wollen die Erde auch durch die Raumfahrt erhalten.

In der European Space Agency (ESA) und an internationalen Raumprojekten arbeiten Staaten zusammen, die sich anderswo auf der Erde argwöhnisch gegenüberstehen. Worin sehen Sie den friedenstiftenden Auftrag der ESA?
Wörner:
Raumfahrt ist heute eine ganz wichtige Brücke über irdische Konflikte. Nicht nur in der Internationalen Raumstation arbeiten die Nationen friedlich und sehr intensiv zusammen.

Die Fragen stellte Sabine Kuschel.

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»Ist eine gescheiterte Ehe Sünde?«

13. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Wenn eine Beziehung vor der Wahl zwischen weiteren Verletzungen oder dem Scheitern steht

Die Ehe ist für mich eine besondere Form der Verlässlichkeit, um die Liebe zu vertiefen und Momente des Glücks, der Geborgenheit und des schöpferischen Miteinanders zu schützen. Die Ehe ist ein Wert, der tief in unserer Gesellschaft verankert und durch Gottes Gebote geschützt ist. Sie wiederum bewahrt uns Werte wie Verlässlichkeit und Treue. Es ist gut, dass wir diese Form haben und dass wir bestrebt sind, sie nicht leichtfertig aufzugeben.

Aber das Leben lässt sich manchmal nicht schützen. Es kommt vor, dass das, was als Schutz für die Liebe gedacht war, zum Ort für Verletzungen wird. Dass Leben gerade dort besonders beschädigt wird, wo es sich entfalten sollte.

Natürlich: Solche Erfahrungen gibt es in jeder Beziehung, in jeder Ehe. Zum Glück sind es oft nur Momente oder Phasen, die vorübergehen. Was aber ist, wenn sie bleiben? Wenn sie chronisch werden und Menschen auf Dauer kaputtmachen?

Ich spreche als einer, der das durchlebt und durchlitten hat. Zweimal. Mein Buch »Mit Scheitern leben lernen« ist aus der Auseinandersetzung mit der ersten Trennung entstanden. Bei einer Lesung wurde ich gefragt: »Ist eine gescheiterte Ehe Sünde?« »Natürlich!«, habe ich geantwortet. Die Frage ist nur, was die größere Sünde ist: Eine Beziehung zu beenden oder in einer nicht funktionierenden Partnerschaft zugrunde zu gehen. Manchmal gibt es nur zwei schlechte Wege: Bleiben und sich arrangieren. Oder auseinandergehen.

Reiner Knieling: Mit Scheitern leben lernen. Erfahrungen – Verheißungen – Hilfestellungen. Neukirchener Verlag

Reiner Knieling: Mit Scheitern leben lernen. Erfahrungen – Verheißungen – Hilfestellungen. Neukirchener Verlag

Wie gehen wir mit diesem Konflikt um? Gottes Gebote, gesellschaftliche Werte, eigene Ideale sind gut. Aber ein Teil unserer Wirklichkeit will dem einfach nicht entsprechen. Viele versuchen, die Wirklichkeit so gut es geht zu verdrängen. Sie wollen den Schein wahren und es vor anderen geheim halten, um den Konflikt mit den eigenen Werten oder Gottes Geboten nicht spüren zu müssen. Doch irgendwann wird das anstrengend. Es entsteht eine Doppelmoral und andere spüren die Unehrlichkeit. Manche werden sogar krank dabei.

Andere versuchen, die Werte und Ideale zu reduzieren und der Wirklichkeit anzupassen. Damit geht aber das Korrektiv verloren und die Spannung, die das Leben interessant macht. Die Welt wird nicht besser, wenn die Gebote soweit relativiert werden, dass sie unserem durchschnittlichen Leben entsprechen, nur damit wir das Gefühl nicht aushalten müssen, zu versagen. Wenn wir ehrlich sind, spüren wir, dass wir uns durch diese Relativierung am Ende selbst betrügen.

Es gibt einen dritten Weg, diese Spannung zwischen Werten und Wirklichkeit nicht aufzulösen, sondern produktiv damit umzugehen. Dieser dritte Weg ist, dass ich mich mit meiner ganzen Wirklichkeit auf Gott ausrichte. Als einer, der seinen Werten treu sein will, es aber nicht kann. Für mich waren in den brüchigen Zeiten meines Lebens die Gebete der Bibel eine entscheidende Hilfe. Sie gaben mir Worte, mit denen ich mein Erleben und Gott in Beziehung setzen konnte. Sie halfen mir, mich nicht nur mit den angenehmen Seiten, sondern auch mit den anderen Facetten auf Gott auszurichten: mit dem eigenartigen Gemisch aus Schmerz, Trauer, Wut, aber auch mit der Erleichterung und Zukunftshoffnung.

Ein Beispiel dafür sind die Psalm-Übertragungen von Pierre Stutz:

Zerschlagen die Hoffnung miteinander
ein Stück Weg zu gehen
hart anzunehmen
dass Berührung nicht mehr möglich ist
traurig die Erfahrung einander zu bekämpfen
(Pierre Stutz, aus: Du hast mir Raum geschaffen, 29, nach Psalm 18,29-30)

Ich verstecke mich vor mir
schwer fällt es mir
der Wahrheit ins Gesicht zu schauen
die Angst vor Veränderung ist zu groß
Ich halte Ausschau nach Menschen
die mir entgegenkommen
mir weiten Raum
für meine schwachen Seiten zugestehen
Doch sie sind nicht da
so wenig wie ich da bin
um mir Versagen einzugestehen
Du lass mich diese Nacht
Dein Entgegenkommen erfahren
(Pierre Stutz, aus: Du hast mir Raum geschaffen, 30 und 14, nach Psalm 19,13 und 4,2)

Ich habe Gottes Entgegenkommen in verschiedenen Momenten erlebt. In einem Traum, der mir Geborgenheit schenkte, als meine Familie gerade auseinanderbrach. In der Umarmung eines Freundes, die ich fast bis heute spüre. Auch in der theologischen Entdeckung, dass Gottes größter Liebes­beweis das Leben ist – wie es die Auferweckung Jesu zeigt.

Menschen hatten ihn geopfert und Gott hat nicht etwa mit Gegengewalt geantwortet. Er hätte allen Grund dazu gehabt. Gott jedoch antwortete vielmehr mit Leben und Liebe. Jesus macht den Jüngern keinen Vorwurf, dass sie ihn verlassen hatten und nicht treu waren. Auch sie wollten ihren Werten treu bleiben, konnten es aber nicht. Sie erlebten, wie ihre ganze brüchige Wirklichkeit bei Gott ihren Platz fand. Sie erlebten, wie ihre Herzen mit Geistkraft erfüllt wurden und Gottes Liebe einsickerte.

Auch ich merkte: Ich bin einer, in den das Leben und die Liebe dort einsickern, wo Dinge zerbrechen oder zu Ende gehen. Dort, wo menschliche Liebe an ihre Grenzen kommt, auch innerhalb einer Ehe. Wo Verletzungen und Abbrüche nicht mehr zu vermeiden sind, gießt Gott seine Lebensliebe aus. Das ist die Botschaft von Kreuz und Auferstehung. Und das ist die Erfahrung, die viele Menschen verbindet.

Reiner Knieling

Der Autor ist promovierter Theologe und Leiter des Gemeindekollegs der VELKD in Neudietendorf

Reiner Knieling: Mit Scheitern leben lernen. Erfahrungen – Verheißungen – Hilfestellungen. Neukirchener Verlag, 128 S., ISBN 978-3-7615-5462-3, 6,99 Euro

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»Schön, dass ihr wieder da seid«

7. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Zisterzienserkloster Neuzelle wurde 1817 säkularisiert. Nun sind wieder Mönche hierhergekommen, in eine Region, in der Christen in der Diaspora leben.

Ein altes Ruderboot versinkt langsam in dem mit Seerosen bewachsenen Teich. An seinem Rand führt eine kopfsteingepflasterte Allee mit sorgsam beschnittenen Bäumen hinauf zur Klosterpforte, die vom weithin sichtbaren, gelben Kirchturm überragt wird. Die barocke Klosteranlage von Neuzelle, im Osten Brandenburgs auf einer Anhöhe über dem Odertal gelegen, ist die perfekte Idylle. Kurz vor zwölf Uhr mittags biegen vier Mönche um die Ecke. Sie tragen das schwarz-weiße Habit des Zisterzienserordens, jener Mönchsgemeinschaft, die vor fast 750 Jahren das Kloster begründete.

Doch dass Pater Simeon, Pater Kilian, Pater Philemon und Bruder Aloysius Maria nun mehrfach am Tag wieder die lateinischen Stundengebete in der Brandenburger Klosterkirche anstimmen, ist nichts weniger als eine kirchenhistorische Sensation. Denn 1817 hatte der preußische Staat das Kloster Neuzelle säkularisiert.

Seine Gebäude gehören heute dem Land Brandenburg – die beiden großen Kirchen, die die Klosterkirche und die ebenfalls zum Gelände gehörende Pfarrkirche heute für ihre Ortsgemeinden nutzen, sind nur Untermieter. Was den katholischen Bischof des Bistums Görlitz, Wolfgang Ipolt, freilich nicht davon abhielt, Anfang des Jahres einen verwegenen Plan zu fassen: Zum 750-jährigen Jubiläum Neuzelles im kommenden Jahr sollen in Neuzelle wieder Mönche leben. Er bat das als durchaus konservativ geltende, österreichische Stift Heiligenkreuz um die Entsendung von Mönchen an die Oder.

Bier-Sonderedition: Wer sie kauft, unterstützt das Kloster. Dafür werben (v. li.) Pater Kilian, Pater Simeon, Brauereibesitzer Helmut Fritsche, Schwester Teresita vom Bonifatiuswerk, Junior-Chef Stefan Fritsche, Pater Philemon. Foto: Benjamin Lassiwe

Bier-Sonderedition: Wer sie kauft, unterstützt das Kloster. Dafür werben (v. li.) Pater Kilian, Pater Simeon, Brauereibesitzer Helmut Fritsche, Schwester Teresita vom Bonifatiuswerk, Junior-Chef Stefan Fritsche, Pater Philemon. Foto: Benjamin Lassiwe

Sie kamen – in eine Region, in der die Christen in der absoluten Diaspora sind: Das katholische Bistum Görlitz ist zwar mit einer Fläche von 9 700 Qua­dratkilometern fast 50 Prozent größer als das Erzbistum Köln, trotzdem gehören ihm nur ungefähr 30 000 Katholiken an. Im Bundesland Brandenburg sind rund 15 Prozent der Einwohner evangelisch, rund drei Prozent katholisch.

Wenn in dieser Gegend ein Mönch mit Ordenshabit seinen Einkaufswagen durch den Supermarkt schiebt, fällt das durchaus auf, sagt Frater Aloysius Maria. »Ich erlebe alles – vom Atheisten, der mich zwar freundlich grüßt, mir dann aber sagt, dass ihm Marx wichtiger sei, als unsere Kirche, bis zum älteren Mann, der fast heimlich seinen Wagen stoppt und mir zuraunt: Schön, dass ihr wieder da seid.«

Beim Einzug der Mönche in das Kloster kam sogar der Bürgermeister, Dietmar Baesler (FDP), und brachte Brot und Salz. Doch als die Zisterzienser im Frühjahr das allererste Mal nach Brandenburg kamen, wurden sie sogar gefragt, zu welchem Maskenball sie denn gerade unterwegs seien.

Der Görlitzer Bischof Ipolt wiederum hofft, dass es den Männern gelingt, das bislang vor allem als kulturellen Ort wahrgenommene Stift auch geistlich neu zu profilieren. »Ich denke, dass von den Mönchen eine Bereicherung des kirchlichen Lebens in unserem Bistum und der ganzen Region ausgehen kann.« Immerhin ist Neuzelle schon heute einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der ostdeutschen Katholiken. Als es nach 1945 nicht mehr möglich war, die traditionellen schlesischen Ma­rienwallfahrtsorte aufzusuchen, begann man in Sachsen und Brandenburg, in den westlich der Neiße gelegenen Teilen Schlesiens und den Dörfern der katholischen Sorben und Wenden der Oberlausitz, nach Neuzelle zu pilgern. Sogar ein eigenes Neuzeller Wallfahrtslied wurde gedichtet, das in jeder Zeile den Geist der Nachkriegszeit verströmt: »Maria, Mutter Friedenshort, wir kommen zu dir in bedrängten Tagen …«

Begeistert von der Ankunft der Zisterzienser ist der Unternehmer Helmut Fritsche. Gleich nach der Wiedervereinigung hat er in Neuzelle eine alte Brauerei erworben, das »Neuzeller Kloster-Bräu« ist mittlerweile über die Brandenburger Landesgrenzen hinaus ein Begriff. »Für uns ist das wie ein Geschenk Gottes, dass wir hier wieder Mönche haben«, sagt Fritsche. Der Unternehmer will die Neugründung des Klosters unterstützen. Seit Anfang September gibt es eine Sonderedition seines Bieres. Wer sie kauft, spendet zugleich 20 Cent an das katholische Bonifatiuswerk. Dieses unterstützt damit die Neugründung des Neuzeller Zisterzienserklosters. Dabei gehört Fritsche selbst nicht der katholischen Kirche an. »Aber als Brauerei sind wir ein integraler Bestandteil des Klosterensembles«, sagt er. »Da fühlen auch wir uns den Mönchen und ihrer Tradition verpflichtet.«

Doch auch, wenn im November noch ein fünfter Mönch zur vierköpfigen Vorhut von Neuzelle stoßen soll: Noch ist die Wiederbesiedlung des Klosters nicht endgültig besiegelt. Denn im Moment wohnen die vier Mönche zusammen mit Ortspfarrer Ansgar Florian im katholischen Pfarrhaus. Alle übrigen Gebäude des Klosterstifts sind vermietet – an ein privates Gymnasium zum Beispiel. Oder sie werden von der staatlichen Stiftung für die Verwaltung der Forsten und Ländereien genutzt. Auf Dauer ist das Pfarrhaus schlicht zu klein. Ob es dem Bischof und den Ordensbrüdern gelingt, etwa das ehemalige Kanzleigebäude des Klosters für das Neugründungsprojekt zu nutzen, und was dann mit den übrigen Mietern passiert, ist noch unklar. Im November soll es dazu weitere Gespräche geben. »Natürlich ist das für alle Beteiligten erst einmal sehr herausfordernd, dass hier wieder Mönche leben«, sagt Pater Simeon.

Brandenburgs Kultusministerin Martina Münch (SPD), die auch Vorsitzende des Stiftungsrates der staatlichen Klosterstiftung und selbst praktizierende Katholikin ist, unterstützt das Vorhaben. Im Frühjahr war sie mit ihrem ganzen Büro nach Heiligenkreuz gereist, um das Mutterkloster der Zisterzienser selbst in Augenschein zu nehmen. » Wir haben zwei Tage lang das Klosterleben erlebt – von der ersten Andacht um 5.15 Uhr morgens über die Heilige Messe noch vor dem Frühstück bis zum Abendgebet«, sagte sie anschließend in einem Interview. »Wir waren alle gleichermaßen fasziniert: Wenn man morgens aufsteht, in die dunkle Kirche kommt, und das erste Morgenlicht durch die farbigen Fenster fällt, ist das ein wirklich erhebendes Erlebnis.« Man könne dann verstehen, warum sich Menschen heute dafür entscheiden, ins Kloster zu gehen.

Einstweilen jedenfalls sind alle Beteiligten hoffnungsvoll, dass es in absehbarer Zeit zu einer Lösung der Probleme kommt. Sowohl Ministerin Münch als auch der Görlitzer Bischof Ipolt betonen, mit Hochdruck an einer Lösung der Probleme zu arbeiten. Auch der Zisterzienserpater Simeon, der im nächsten Jahr erster Prior des Klosters werden soll, ist optimistisch. »Wir denken doch, dass Gott uns hierher gesandt hat«, sagt Pater Simeon. »Da kann ich mir nur schwer vorstellen, dass Gott jetzt nächstes Jahr sagt: Ätsch, das war jetzt nichts.«

Benjamin Lassiwe

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Programm für christliches Leben

7. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen«

Was Freiheit ist, scheint unsere Zeit, respektive das, was sie für ihren Geist hält, besonders gut zu wissen: Sie nennt Freiheit einen »westlichen Wert«, den alle übrigen Weltteile nur annehmen können. Die Wirklichkeit hinter solcher Proklamation sieht ziemlich anders aus: Die aktuelle Freiheitsversion des Westens steht vor allem für eines: für die Auflösung aller gewachsenen Lebens-Verhältnisse, Moral- und Denk-Traditionen: Glauben, Familie, Geschlecht, Nation, Grenzen. Damit trifft sie mit destruktiver Macht bewährte Regeln des Zusammenlebens, der Wirtschaft, geistiger Pluralität: Wer nicht fortschrittlich ist, modern, alternativ, der ist rückschrittlich, reaktionär, der Vergangenheit verhaftet. Für Marx und Engels, die gottlosen Propheten des kommunistischen Paradieses, verdichtete sich im »Manifest der Kommunistischen Partei« der Freiheitsbegriff im Rahmen solchen, die Welt radikal zertrümmernden kapitalistisch-globalen Fortschritts, ein von ihnen begeistert begrüßtes Verflüssigungsprojekt aller gewachsenen Verhältnisse, zu jener »einen gewissenlosen Handelsfreiheit«, die heute offenbar das Proprium der westlichen Freiheitsideologie ausmacht. Ein geschichtspolitisches Himmelsgesetz, dem geopfert wird wie einst in Karthago dem Götzen Moloch. Und die reaktionärste, weil retardierende Größe in diesem Diskurs- und Praxiskontext ist natürlich Gott selbst.

Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Ulrich Schacht. Foto: Joseph – stock.adobe.com

Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Ulrich Schacht. Foto: Joseph – stock.adobe.com

Gott geht in der modernen westlichen »Freiheitsgesellschaft« gar nicht oder wenn, dann nur noch in einem zukünftig zu schaffenden »House of One«, in dem sich die Religionen wie gleichwertige Whiskeysorten im Spirituosenladen zu privatem Test-Kauf und individueller Geschmacksprobe anbieten. Mit anderen Worten: Im Westen ist diesbezüglich der Teufel los; das Freiheitsversprechen des Teufels aber hat sich schon immer den Fortschrittsmantel umgehängt. Was also tun gegen den großen Verwirrer und seine zahlreichen Helfershelfer in Politik, Ökonomie, Kultur und ja, leider auch in den großen Kirchen zwischen Rom und Hannover?

Vielleicht dies: Luthers auf revolutionäre Weise hochreaktionäre Thesen »De libertate christiana« oder im Deutsch seiner Zeit: »Von der Freyheyt eyniß Christen menschen« wieder und wieder lesen! 1520 erschienen, waren sie zunächst und vor allem eine geharnischte Antwort des Reformators auf die Bannandrohungsbulle aus Rom. In der Folge jedoch sind sie bis heute, vielleicht noch gravierender als die 95 Thesen zum Ablasshandel von 1517, die entscheidende Programmschrift für das, was man in der Summe »die christliche Freiheit« nennen könnte, kulminierend in der scheinparadoxen Formel: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.« Logisch wird diese Paradoxie, wenn man der ihr zugrunde liegenden Doppelthese über den Menschen an sich folgt, unterscheidet Luther doch scharf zwischen einem innerlichen und äußerlichen Menschen, der über »zweierlei Natur« verfüge.

Der innerliche Mensch als Christ ist der »geistliche Mensch«, der äußere »leiblich«. Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Das aber wiederum ist kein Vernunfts-, sondern ein Vertrauensakt via Christus, der wie in einem Tausch Gottesferne und Sünde der Christenseele auf sich nimmt, sie mithin davon und grundsätzlich befreit.

Der äußere Mensch aber ist die praktische Konsequenz des inneren, indem er an seinem Nächsten so handelt wie Christus an ihm. In diesem dialektischen Freiheitsprozess zwischen Seelenbefreiung und christusgebundener Liebestat erfüllt sich ein Weltverhältnis, dem kein politischer Freiheitsbegriff gewachsen ist.

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Gedicht »Stationen auf dem Wege zur Freiheit«, geschrieben unter der Drohung seines gewaltsamen Todes im Tegeler Gefängnis, Luthers Schrift in nicht weniger herausfordernde Verse überführt. Sie sprechen in der Summe von »wunderbarer Verwandlung«. Deren Beginn zeigt jene Grundrichtung an, in die wir zu gehen haben, sind wir erfüllt von eben jener »Freiheit eines Christenmenschen«. Dieser hat Luther eine nie verblassende Kontur gegeben: »Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem / Zucht der Sinne und deiner Seele, daß die Begierden / und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen … // Tritt aus dem ängstlichen Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, / nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, / und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.«

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden vor.

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