Christen inmitten von Christen

16. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Nirgendwo sonst in Griechenland leben so viele Protestanten beisammen wie in Katerini. Der Kontakt mit der orthodoxen Kirche ist bis heute nicht immer einfach für sie.

Wer sich mit Paris Papageorgiou unterhält, braucht Geduld. »Es ist leichter für uns geworden«, sagt er, aber dann muss er schon wieder ein paar Hände schütteln, ehe er weitersprechen kann. Papageorgiou steht im Eingangsportal der evangelischen Kirche in Katerini an der Ostküste Griechenlands. Es ist Sonntag, kurz nach zwölf, der Gottesdienst gerade vorüber. Die Gemeindemitglieder drängen aus dem schlichten Inneren der Kirche ins Sonnenlicht, vorbei an Papageorgiou. Weil der Pfarrer an diesem Tag verreist ist, verabschiedet er als Mitglied des Ältestenrats die Kirchgänger.

»Die Gesellschaft ist toleranter geworden, für uns macht das vieles leichter«, sagt Papageorgiou und nickt weiter den hinauseilenden Gottesdienstbesuchern zu. Die Protestanten in Katerini leben als Christen inmitten von Christen – eine winzige Minderheit. Nach offiziellen Zahlen gehören 98 Prozent der elf Millionen Griechen der orthodoxen Konfession an, die Zahl der Protestanten wird auf 30 000 geschätzt. Die evangelische Gemeinde in Katerini ist eine von wenigen im Land – und eine der größten.

»Es gibt zwar evangelische Kirchen in Griechenland, die mehr Mitglieder haben, aber hier wohnen die meisten Protestanten in einem Stadtgebiet beisammen«, erklärt Papegeorgiou auf Deutsch, er hat einige Semester Archäologie in Heidelberg studiert. Im Stadtteil Evangelika leben rund 900 Gemeindemitglieder.

Verlassen liegen die Straßen mit ihren kastenförmigen Wohnblocks am Sonntagmittag da. Nur der Platz vor der Kirche – ein gepflegtes, beiges Gebäude mit Turm – ist nach dem Gottesdienst voller Menschen. Erwachsene stehen beisammen, Jugendliche sitzen etwas abseits. Ab und zu kreuzt ein Vogel den Himmel.

Griechische Rarität: Die evangelische Kirche in Katerini und ihre große Zahl an protestantischen Gemeindemitgliedern. Foto: epd-bild

Griechische Rarität: Die evangelische Kirche in Katerini und ihre große Zahl an protestantischen Gemeindemitgliedern. Foto: epd-bild

Die Kirche bauten die evangelischen Christen, kaum waren sie in Katerini ansässig geworden. Ein knappes Jahrhundert liegt das zurück. Nach dem griechisch-türkischen Krieg vereinbarten beide Staaten Anfang der 1920er-Jahre einen »Bevölkerungsaustausch«. Rund 500 000 Menschen wurden aus Griechenland in die Türkei vertrieben und umgekehrt 1,2 Millionen Griechen, die in der Türkei lebten, nach Griechenland abgeschoben. Darunter waren auch Protestanten, ein guter Teil von ihnen ließ sich in Katerini nieder.

Es sei heute nichts dabei, evangelisch zu sein, sagt ein etwa 15 Jahre altes Mädchen in Shorts, das vor der Kirche in einer Runde von Gleichaltrigen sitzt. Die anderen nicken, dann wenden sie sich wieder ihren Handys zu.

Bis dahin aber war es ein weiter Weg. »Als Minderheit, die noch dazu aus dem Ausland kam, standen Protestanten lange unter dem Verdacht, von ausländischen Mächten gesteuert zu sein«, erzählt Papageorgiou – vor allem nach dem Bürgerkrieg in den späten 1940er-Jahren. Mit der Stadt habe es immer wieder Streit um das Grundstück neben der Kirche gegeben, und in den 1960er-Jahren sei Katerini sogar eine Zeit lang ohne Pastor gewesen.

Nachdem der Pfarrer – ein Zypriot mit britischem Pass – einmal ausgereist war, habe man ihn aus Misstrauen nicht wieder ins Land gelassen. Mit dem Kollaps der griechischen Militärjunta 1974 sei es jedoch immer besser geworden. »Nicht jeder akzeptiert uns, aber mit der Demokratie kehrte auch die Toleranz zurück«, erklärt Papageorgiou. Seine Nichte zum Beispiel sei mit einem Orthodoxen verheiratet, und ein jeder von ihnen habe seine Konfession beibehalten.

Doch nicht immer scheinen die Konfessionen ganz ohne Polemik auszukommen. Zwei Autostunden entfernt liegen die »schwebenden« Klöster von Meteora, Touristenmagnete, die auch aus dem James-Bond-Film »In tödlicher Mission« bekannt sind. Dort wird im Kloster Agia Triada das Buch »Was ist Orthodoxie?« in mehreren Sprachen verkauft.
Darin werden vor allem die Unterschiede zwischen den Konfessionen betont. Die Protestanten seien mit Frauen im Pfarramt und der Segnung homosexueller Beziehungen nicht nur zu »extremen Entscheidungen« gelangt, heißt es in der deutschen Ausgabe, sondern bewiesen damit auch, sich zu einer »rein humanistischen Organisation« zu bekennen.

Mit Gott hätten sie nichts zu tun. Die orthodoxe »Kirche von Griechenland« hat sich auf eine Anfrage des Evangelischen Pressedienstes zu den Beziehungen mit den Protestanten nicht geäußert.

Andreas Müller, Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Kiel, weiß um die schwierige Rolle der Protestanten im Umfeld einer orthodoxen Mehrheit. »Religion und kulturelle Identität sind in Griechenland derart verbunden, dass viele nicht verstehen, dass es auch nicht-orthodoxe Griechen gibt«, sagt der Griechenland-Experte. Das erschwere auch die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen.

Der Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Katerini, Ioannis Yphandides, bleibt dennoch optimistisch. Dass es irgendwann gemeinsame Gottesdienste gebe, werde er zwar nicht mehr erleben, meint der 64-Jährige am Telefon. Dennoch gehe es voran. Offiziell existiert zumindest ein ökumenisches Projekt: die griechische Bibelgesellschaft. Dort tauschen sich Orthodoxe, Protestanten und Katholiken seit 1992 aus und verteilen gemeinsam die Bibel.

Und im vergangenen Jahr war mit Metropolit Georgios aus Katerini bei einem Konzert kurz vor Ostern zum ersten Mal überhaupt ein Vorsteher der Orthodoxen in der protestantischen Kirche zu Gast.

Julia Lauer  (epd)

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Kulisse des Reichstags von Worms

16. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Tausend Jahre Wormser Dom: Er war Kulisse mehrerer Reichstage, deren spektakulärster 1521 stattfand. Damals wollte Kaiser Karl V. Martin Luther dazu zwingen, seinen Thesen abzuschwören, mit denen er Deutschlands Christen schließlich in Katholiken und Protestanten spaltete.

Zu übersehen ist er nicht, der mächtige Bau mit den das Stadtbild prägenden Türmen. Auf dem höchsten Punkt der Innenstadt thront der steinerne Riese mitten im Häusermeer. Bis heute ist der romanische Dom das Wahrzeichen der Stadt, monumentales Zeugnis der Wormser Stadt- und Kirchengeschichte – und Grablege der salischen Könige, die lange Zeit in Worms zuhause waren. Seit 1925 gilt der Dom als »Basilica minor« – ein vom Papst verliehener Ehrentitel, mit dem er die historische Bedeutung des Gotteshauses unterstrich. Seine Ursprünge reichen zurück in die frühchristliche Epoche der Stadt, seine heutige Form aber erhielt der dem Apostel Petrus geweihte Dom erst Anfang des zweiten Jahrtausends.

Mit Duldung der am Rhein regierenden Römer soll im frühen 5. Jahrhundert für kurze Zeit ein Burgunderreich entstanden sein, dessen Zentrum die Jahrhunderte später entstandene Nibelungensage nach Worms verlegte. Eine der Regentinnen im ostfränkischen Reich Austrasien war Brunichildis (um 545/550–613), die Tochter eines Gotenkönigs. Als Papst Gregor der Große ihr Reliquien der Apostel Petrus und Paulus geschenkt hatte, so heißt es, wurde in Worms auf den Grundmauern des zerstörten römischen Forums eine schlichte, frühmittelalterliche Basilika errichtet – eine der ältesten Bischofskirchen auf deutschem Boden. Unter den Karolingern erlangte Wormatia, wie sich die Stadt damals nannte, mehr und mehr an Bedeutung. Aber erst mit den heute in der Kaisergruft des Domes begrabenen Saliern machte Worms große Geschichte. Schließlich ging mit Gregor V., der ebenfalls aus den Reihen der Salier stammte, der erste deutsche Papst hervor. Er wurde in Worms ausgebildet, wo er als Kaplan seelsorgerische Erfahrungen sammelte.

Prunkvoll: Der Wormser Dom ist einer der sogenannten Kaiserdome – ein mächtiger Bau mit großer Geschichte. Foto: Günter Schenk

Prunkvoll: Der Wormser Dom ist einer der sogenannten Kaiserdome – ein mächtiger Bau mit großer Geschichte. Foto: Günter Schenk

Auch wenn die erste Bischofskirche immer wieder erweitert und neu gestylt wurde, war sie dem populären Wormser Bischof Burchard (um 965 bis 1025) zu klein und zu unmodern. Anfang des letzten Jahrtausends ließ er die alte Kirche deshalb abreißen und neu bauen. Obwohl noch nicht ganz fertig, wurde der Wormser Dom in Anwesenheit Kaiser Heinrichs II. anno 1018 geweiht.

Weil beim Dombau aber großflächig gepfuscht worden war und ständig neue Mauern einstürzten, ließen Burchards Nachfolger das Bauwerk komplett abreißen und ab 1130 neu zusammensetzen. Zuerst den Ostteil mit Querschiff, Türmen und Vierungsturm, ab 1160 den dreischiffigen Hauptteil und ab 1171 den Westchor mit seinen Türmen, die heute zu den ältesten Teilen des Domes zählen.

Der neue Dom war Aushängeschild einer Stadt, in der viele Jahre die politischen Weichen Europas mit gestellt wurden. Nicht immer taktierte man dabei vorsichtig, etwa als der Salierkönig Heinrich IV. gegen den Willen des Papstes königstreue Bischöfe in Italien ernannte. Erst mit dem berühmten Bußgang nach Canossa konnte Heinrich den Konflikt mit dem Kirchenoberhaupt entschärfen. Als sich aber auch sein Sohn, Kaiser Heinrich V., mit dem Papst anlegte und das Recht der Bischofsernennung für sich beanspruchte, kam es zum Bruch mit Rom, der erst mit dem sogenannten Wormser Konkordat im September 1122 aus der Welt geschaffen wurde.

Fensterrossette

Fensterrossette

Im Mittelalter gehörte Worms zu den großen Städten im Reich, dessen Dynamik sich auch im Dombau ausdrückte. So wurde im frühen 14. Jahrhundert das Südportal als Bilderbibel neu gestaltet, war die Wormser Dompforte so etwas wie heute der New Yorker Times Square. Die romanische Nikolauskapelle mit den Reliquien des Heiligen Nikolaus, die Kaiserin Theophanu aus Byzanz anlässlich ihrer Hochzeit mit Kaiser Otto II. im Jahre 972 gestiftet hatte, wurde durch eine größere Kapelle ersetzt. Für die im Pfälzischen Erbfolgekrieg verloren gegangenen Reliquien beschafften die Wormser Ende des 20. Jahrhunderts eine neue Nikolaus-Reliquie, die jetzt hinter Glas liegt. Prunkstück der Kapelle aber ist das von Löwen getragene Taufbecken, entstanden gegen 1490 und Vorbild vieler weiterer Taufsteine in der Umgebung.

Kanonen- und Bombenhagel, Blitz- und Hagelschlag, Sprengungen und Großfeuer führten immer wieder zu Neugestaltungen des mächtigen Bauwerks. 1689 brannte der Dom komplett aus, ging nahezu die gesamte Innenausstattung verloren. Schon im frühen 18.Jahrhundert aber begann man mit der Erneuerung des Gotteshauses. 1740 wurde der eindrucksvolle Hochaltar nach einem Entwurf des Würzburger Architekten Balthasar Neumann geschaffen, das Chorgestühl im Rokokostil fertigte der Mainzer Hofschreiner.

Ende des 18.Jahrhunderts attackierten französische Revolutionstruppen die Stadt und nutzten den Dom als Pferdestall und Speicher. Mit der Säkularisation löste sich das bis dahin eigenständige Wormser Bistum auf, wurden der Kreuzgang und seine Nebengebäude abgebrochen. Die schönsten der gotischen Kreuzgang-Reliefs finden sich heute im nördlichen Seitenschiff – unter anderem ein feingliedriger Stammbaum Christi (1488), in den sich Johann von Dalberg als Stifter hat mit einbauen lassen. Aufmerksamkeit haben auch die Darstellungen von Christi Geburt (1515) und seiner Grablegung (um 1488) verdient, allesamt eindrucksvolle Bildhauerarbeiten. Von den mittelalterlichen Glasfenstern ist keines mehr erhalten. Sie wurden meist durch moderne Bilder ersetzt. Als Beispiel menschlicher Sündhaftigkeit hat so auch der »Turmbau zu Bablis« in einem der Fenster Platz gefunden, ein Bild, das auf das nahe gelegene, inzwischen aber still gelegte Kernkraftwerk Biblis verweist.

Nach gründlichen Renovierungen in den letzten Jahrzehnten ist der Wormser Dom noch immer das Wahrzeichen der Stadt. In seinem Schatten finden heute auch Jahr für Jahr die populären Nibelungen-Festspiele statt, inzwischen das kulturelle Aushängeschild der Stadt. 2018 werden sie mit dem Domjubiläum konkurrieren, zu dem die Deutsche Post eine eigene Sondermarke auflegt. »Aufgeschlossen« ist das Motto des Festjahres, das auf den Petrusschlüssel im Domwappen Bezug nimmt. »Wir wollen uns im Jubiläumsjahr als aufgeschlossene, lebendige und zukunftsorientierte Kirche präsentieren«, heißt es bei den Verantwortlichen, »denn wir feiern nicht tausend Jahre alte Steine, sondern der Dom ist für uns Bild für eine quicklebendige Kirche und Ort, wo Gott auch heute und in Zukunft den Menschen begegnen will.«

Günter Schenk

Die Festwoche zum Domjubiläum ist vom 4. bis 10. Juni 2018 geplant.

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In guter Hoffnung? In guter Hoffnung!

16. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Die ökumenische Initiative für den Lebensschutz steht in diesem Jahr unter dem Motto »Kinderwunsch. Wunschkind. Unser Kind!« und setzt sich kritisch mit der Pränataldiagnostik auseinander.

Wenn eine Frau bemerkt, dass sie schwanger ist, beginnt damit in aller Regel eine Zeit intensiver Gefühle. Auch wenn sich eine werdende Mutter auf ihr Kind freut, lassen Fragen, Sorgen und Befürchtungen nicht lange auf sich warten: Wie wird der Partner reagieren? Wird das Kind gesund sein? Kann ich in meiner derzeitigen Lebenssituation für ein Kind überhaupt richtig sorgen?

Mit dem Eintritt einer Schwangerschaft erweitert sich der Verantwortungsbereich werdender Eltern schlagartig. Plötzlich gibt es da noch jemanden, für den man verantwortlich ist, und zwar deutlich umfassender als in Beziehungen zwischen eigenständigen Menschen. Viele Paare erleben diese neue Verantwortung als verunsichernd und müssen erst lernen, mit ihr umzugehen.

Verantwortungsbewusste werdende Eltern fürchten nichts mehr, als für das Wohl ihres Kindes etwas zu versäumen. Insbesondere in schwangeren Frauen löst die völlige Abhängigkeit des entstehenden Kindes vom eigenen Leib und der eigenen Lebensführung häufig ambivalente Gefühle aus: Es ist beglückend, faszinierend, bedrängend, erstaunlich, irritierend und manchmal auch erschütternd, wenn eine bis dahin selbstbestimmt lebende Frau sich plötzlich leiblichen und seelischen Veränderungen überlassen muss, die sie nicht selbst in der Hand hat.

Vom 14. bis 21. April lädt die »Woche für das Leben« zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Methoden der Pränataldiagnostik ein. Foto: ©iStock.com/Denkuvaiev

Vom 14. bis 21. April lädt die »Woche für das Leben« zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Methoden der Pränataldiagnostik ein. Foto: ©iStock.com/Denkuvaiev

Mit einem gewissen Maß an Kontrollverlust ist jede Schwangerschaft verbunden. Dass das entstehende Kind sich während der Schwangerschaft im Verborgenen entwickelt, ist nicht nur eine leibliche Gegebenheit, sondern verweist auf das grundsätzlich Unvorhersehbare jedes menschlichen Lebens.

Mehr Vertrauen

Gesteigerte Verantwortung in Verbindung mit weniger Kontrolle – in dieser verunsichernden Gefühlslage ein Ja zu dem entstehenden Kind zu finden, ist die Aufgabe, die werdende Eltern zu meistern haben. Sie stellt Anforderungen an persönliche Fähigkeiten ganz eigener Art: die Fähigkeit, dem Leben zu vertrauen, an eine gute Zukunft zu glauben und dem Unvorhersehbaren mit Hoffnung zu begegnen. In der Bibel wird diese Fähigkeit als Glaube bezeichnet: »Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.« (Hebr 11, 1). Glaube und Hoffnung gehören zusammen.

Der Begriff der Hoffnung bezeichnet an sich schon eine positive Grundhaltung im Blick auf die Zukunft, wobei über die Wahrscheinlichkeit der Erfüllung noch nichts ausgesagt wird. Es gibt auch ganz irreale Hoffnungen. Wenn Menschen aber sagen, sie seien guter Hoffnung, dass dies oder jenes geschehe, dann verbirgt sich dahinter die Zuversicht, ja fast schon die Erwartung einer günstigen Entwicklung. Seit mehreren Jahrhunderten bezeichnet die Redewendung »guter Hoffnung sein« den Zustand einer Schwangerschaft. Damit wird Verschiedenes ausgesagt: dass die allermeisten Schwangerschaften positiv verlaufen, dass am Ende der Schwangerschaft etwas Gutes steht, nämlich die Geburt eines Kindes, und dass die gute Hoffnung die der Schwangerschaft angemessenste Haltung ist. Die gute Hoffnung als Grundhaltung in der Schwangerschaft muss sich aber immer wieder gegen Unsicherheit, diffuse Ängste und konkrete Befürchtungen durchsetzen.

Im Kontext von gesteigerter Verantwortung, grundsätzlicher Unvorhersehbarkeit und labilen Hoffnungen ist auch die Schwangerenvorsorge angesiedelt, der sich in Deutschland nahezu alle schwangeren Frauen unterziehen. Das hohe sittliche Verantwortungsbewusstsein werdender Eltern ist aus ethischer Sicht ein kostbares Gut.

Das Ziel der Schwangerenvorsorge ist es, die werdenden Eltern in ihrer guten Hoffnung zu unterstützen. Häufig tragen die regelmäßigen Untersuchungen auch dazu bei, Befürchtungen zu zerstreuen.

Viele Frauen erleben die engmaschige Kontrolle ihrer Schwangerschaft aber auch als belastend. Sie bekommen bei jedem neuen Kontrolltermin vor Augen geführt, was alles nicht stimmen könnte. Viele schwangere Frauen nehmen als Subtext der in Deutschland üblichen Schwangerenvorsorge wahr: Jede Schwangerschaft ist ein Risiko und es kann sehr viel passieren. Immer wieder sagen schwangere Frauen: »Ich getraue mich einfach nicht, mich auf das Kind zu freuen.« Ob die Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft die gute Hoffnung stärken oder untergraben, hängt wesentlich vom Vertrauensverhältnis zwischen dem medizinischen Fachpersonal (Arzt/Ärztin/Hebamme) und den werdenden Eltern ab. Kontrollen und Tests sind jedenfalls kein Ersatz für die in der Schwangerschaft notwendige Grundhaltung der guten Hoffnung. Diese lebt von Zuspruch und Vertrauen, sei es in den eigenen Körper, sei es in Gott.

Wieviel Wissen tut gut?

Die Grundhaltung der guten Hoffnung ist Angriffen von vielen Seiten ausgesetzt, denn bei einer Schwangerschaft reden außer dem Partner und dem Arzt noch viele andere mit: Eltern und Schwiegereltern, Freundinnen und Kolleginnen, Elternmagazine, Internetblogs und Werbeanzeigen. Aufgrund ihres Wunsches, alles richtig zu machen und nichts zu versäumen, informieren sich werdende Eltern heute eher zu viel als zu wenig. Überall begegnen sie Appellen an ihr Verantwortungsgefühl. Diese gehen weit über Vorsorgemaßnahmen hinaus und erwecken in den werdenden Eltern den Eindruck, dass auch die Durchführung pränataldiagnostischer Maßnahmen zu einer verantwortlichen Elternschaft gehöre.

Zahlreiche schwangere Frauen bzw. Paare nehmen die Pränataldiagnostik in Anspruch, weil sie sich ein Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen können. Sie möchten sicher sein, dass ihr Kind bestimmte Behinderungen nicht haben wird, und würden sich im Falle eines positiven Befundes für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Für diese Paare gehört das Wissen um die genetische Ausstattung ihres Kindes zu einer »selbstbestimmten« Schwangerschaft. Man muss fragen, ob diese Auffassung mit unseren Grundwerten und unserer Rechtslage vereinbar ist. Auch wenn sie dies nicht ist, sieht die Realität oftmals dennoch so aus.

Da pränataldiagnostische Untersuchungen aber auch Elternpaaren angeboten werden, für die ihr Kind eigentlich gar nicht zur Disposition steht, werden diese vor Entscheidungen gestellt, die sie nie treffen wollten: »Soll ich mich nicht doch versichern, dass das Kind gesund ist? Und was ist, wenn ich es nicht tue? Bin ich dann verantwortlich, wenn das Kind eine Behinderung hat? Werden die Leute denken: ›Selbst schuld‹?«

Der Druck steigt

Der Druck auf werdende Eltern, auch selektive vorgeburtliche Untersuchungen vornehmen zu lassen, ist in den letzten Jahrzehnten permanent gestiegen. Seit einigen Jahren steht Paaren schon in der Frühphase der Schwangerschaft eine Möglichkeit zur Verfügung, Chromosomenveränderungen und bestimmte genetische Veränderungen beim Embryo/Fötus an fetalen Zellen im mütterlichen Blut nachzuweisen. Diese Tests sind bisher nicht Bestandteil der Schwangerenvorsorge, aber sie werden von den pharmazeutischen Herstellern vor allem im Internet weltweit beworben.

Die Schlüsselbegriffe im Marketing der Anbieter sind Wissen, Information, Aufklärung und Gewissheit. Konstruiert werden Narrative von verantwortungsvollen und beschützenden Müttern, die sich umfassend informieren und keine Wissenslücke riskieren. Von den Namen der Präparate bis zu den Kernbotschaften der Werbetexte (»Gewissheit erlangen. Ohne Risiko für das Kind.«) macht sich die Werbung den Wunsch werdender Eltern, insbesondere werdender Mütter, nach einer gesunden und glücklichen Familie zunutze.

Durchgängig präsentieren die Pharmafirmen ihre Tests als einfach, harmlos und risikolos. Konsequent verschwiegen wird, dass für so gut wie keine der diagnostizierten Krankheiten eine Möglichkeit der Therapie besteht und der Abbruch der Schwangerschaft derzeit in fast allen Fällen die einzige Möglichkeit ist, die Geburt von Kindern mit den diagnostizierten Behinderungen zu verhindern. Die Tendenz in der Entwicklung der Pränataldiagnostik ist eindeutig: immer frühere Tests, immer mehr diagnostizierbare genetische Abweichungen, immer flächendeckendere Angebote.

Frauen, die guter Hoffnung sind, sollten sich klarmachen, wofür sie verantwortlich sind und wofür nicht. Gute Hoffnung berechtigt nicht zu einer für das Kind schädlichen, also verantwortungslosen Lebensführung. Aber von »verantwortlicher Elternschaft« kann auch nicht gesprochen werden, wo es darum geht, die Geburt von Kindern mit Behinderungen zu verhindern.

Für die genetische Ausstattung ihrer Kinder sind Eltern nicht verantwortlich. Sie müssen sie vor der Geburt auch nicht kennen. Manchmal stärkt Wissen die gute Hoffnung, manchmal aber auch nicht. Es gibt ein Recht auf Nichtwissen, wo das Wissen die Beziehung zum entstehenden Kind gefährden kann.

Manchmal brauchen schwangere Frauen Klarheit, um selbstbestimmte Entscheidungen treffen zu können, manchmal brauchen sie aber vor allem Unterstützung. Können Entscheidungen, die aus der Angst heraus getroffen werden, nachher mit einem behinderten Kind allein dazustehen, als »selbstbestimmt« bezeichnet werden? Die Sache mit der Verantwortung, mit dem Wissen und mit der Selbstbestimmung ist in der Schwangerschaft vielschichtig.

Eine Leitfrage für schwangere Frauen könnte sein: Was stärkt mich in meiner guten Hoffnung? Am Ende kommt es in der Schwangerschaft auf das an, worauf es im Leben immer ankommt, auf Glaube, Liebe und Hoffnung (1. Korinther 13,13).

Christiane Kohler-Weiß

Die Autorin ist Kirchenrätin der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Stuttgart.

Weitere Infos: www.woche-fuer-das-leben.de

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Verkündigung – künstlerisch und frech

15. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Vielseitig: Um das Evangelium unter die Leute zu bringen, so, dass es berührt, setzt er seine Talente ein. Er ist promovierter Theologe, Schriftsteller, Musiker, Kabarettist: der Autor unseres Glaubenskurses zu den kirch­lichen Festen, Fabian Vogt.

Nach dem Abitur hätte ich am liebsten ein Studium generale begonnen, weil mich so Vieles gleichzeitig interessierte«, erzählt Fabian Vogt, Jahrgang 1967. Er entscheidet sich für Theologie, Germanistik, Gesang und Theaterwissenschaften. Nach dem Studium arbeitet er freiberuflich als Künstler, findet aber ziemlich schnell den Weg in die Kirche. Bei einem Konzert lernt er einen Pfarrer kennen, der von den frischen Ideen des Künstlers begeistert ist. »Was du machst, das brauchen wir in der Kirche«, spornt der Pfarrer ihn an. Vogt ist angetan von den »Visionen« des Theologen und absolviert in dessen Gemeinde in der Nähe von Frankfurt am Main das Vikariat. Es wird zu einer Spielwiese für neue Gottesdienste. Um herauszufinden, welche Themen die Gottesdienstbesucher interessieren, entwickelt Vogt ein mehrstufiges System. Im Oktober fragt er, welche Themen im Gottesdienst behandelt werden sollten. Mehr als 100 Vorschläge gehen ein: Gibt es Gott? Wie sollen wir mit Gentechnik umgehen? Ehekrise, Kindererziehung, Burnout, Selbstmord.

Lebensfragen im Gottesdienst erörtern

Aus den Anregungen wählt Vogt gemeinsam mit einem Team 20 Themen aus und fragt die Gottesdienstbesucher erneut, welche sie als die zehn wichtigsten ansehen. So entsteht das Programm für das folgende Jahr. Zehn Themen für zehn Gottesdienste. Diese finden nicht in der Kirche, sondern in einem großen Kino statt. Hier übergeben die Besucher jeweils ihre Fragen anonym auf einem Zettel dem Prediger, »der im Kreuzverhör darauf reagiert«. Kein leichtes Unterfangen. Vogt macht dabei gute Erfahrungen. »Die Menschen erleben den Pfarrer als einen, der wie sie auf der Suche ist.« Das Konzept geht auf. Nach etwa zwei Jahren Laufzeit kommen mehrere hundert Leute in die Gottesdienste. Für Fabian Vogt wird eine Sonderstelle für neue Gottesdienstformen eingerichtet. Zehn Jahre erfüllt er diese Aufgabe.

Dann ist für Vogt und seine Frau – sie ist auch Pfarrerin – Zeit, nach neuen Ufern auszuschauen. Funktioniert das bisherige Gottesdienstkonzept auch in einer bodenständigen landeskirchlichen Gemeinde?, fragt sich das Theologenehepaar. »Meine Frau und ich meinten, dass das so ist«, sagt Vogt. Gemeinsam übernehmen sie eine Gemeinde in Oberstetten, einem Stadtteil von Oberursel. Hier geht es mehr um die Stärkung der Ortsgemeinde, weniger um die regionale Ausstrahlung. Die Menschen sollten spüren, dass Glauben begeistern könne, so das Anliegen des Theologen. Um die Gemeinde in das Geschehen einzubeziehen, nahe an ihren Themen zu sein, entwickeln die Vogts ein rotierendes Gottesdienstsystem. An einem Sonntag wird zu einem klassischen Gottesdienst mit Orgelmusik und traditioneller Liturgie eingeladen. Am selben Tag abends gibt es noch einen modernen Jugendgottesdienst. Am nächsten Sonntag ist die Liturgie etwas freier gestaltet als im traditionellen Gottesdienst. Am darauffolgenden Sonntag steht ein Familiengottesdienst auf dem Programm. Und in der nächsten Woche geht es ganz modern zu, die Band spielt, der Pfarrer trägt keinen Talar. Der Abend wiederum ist einer »hochliturgischen Abendfeier« gewidmet. Vogt blickt nicht ohne Stolz auf das gelungene Projekt zurück. »Als wir kamen«, erinnert er sich, »war die Kirche leer. Als wir gingen, war sie voll. Das ist toll!«

Der Segensroboter auf der Weltausstellung

»Wir haben erreicht, was wir wollten«, habe seine Frau nach einiger Zeit gesagt und nach einer neuen Herausforderung gesucht. Fabian Vogt findet sie für zweieinhalb Jahre als Projektleiter für das Reformationsjubiläum in Hessen. Seit mit dem Ende des Jubiläums diese Stelle ausgelaufen ist, arbeitet er als Eventmanager für die hessische Kirche, entwickelte große Kommunikationskonzepte für öffentliche Feste wie den Rheinland-Pfalz-Tag und den Hessentag. Derzeit beschäftigt ihn der 500. Jahrestag des Reichstages zu Worms 2021. »Wie können Glaubensfragen künstlerisch und theologisch so elementarisiert werden, dass sie für Leute verständlich sind, die keinen Back­ground mitbringen?«, überlegt er.

Bei seinem Anliegen, theologische Fragen niederschwellig in der Gesellschaft zu etablieren, kommen ihm zuweilen auch verrückte Ideen. Der Segensroboter »BlessU-2«, den die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau zum Reformationsjubiläum auf der Weltausstellung in Wittenberg präsentierte, ist Vogts Idee. Gemeinsam mit einem Team entwickelte er die Installation, die in Wittenberg für Furore sorgte. Der Roboter kommunizierte in sieben Sprachen mit den Gästen per Bildschirm und sprach ihnen auf Wunsch ein Segenswort zu. Der Segensroboter fand nicht nur ein positives Echo, sondern ärgerte auch, bis hin zu dem Vorwurf der Blasphemie. »Natürlich geht es nicht darum, auf Dauer Pfarrer durch Roboter zu ersetzen«, hält Vogt dagegen. Für ihn ist die Konstruktion eine künstlerisch freche Auseinandersetzung mit dem Glauben, die zum Nachdenken über den Segen anregt.

Die faszinierende Dimension des Glaubens

Der christliche Glaube wurde Fabian Vogt nicht in die Wiege gelegt. »Meine Eltern interessierten sich nicht dafür.« In der kirchlichen Jugendarbeit begreift er, dass das Evangelium eine Dimension des Lebens betrifft, die ihn fasziniert und neugierig macht. »Ich habe ganz schnell gemerkt, dass ich ohne Gott, ohne Glauben nicht leben will. In der Kirche habe ich etwas gefunden, was ich nirgendwo anders gefunden habe.« Dass der Mensch wertvoll ist! Es sei ein Unterschied, ob man sich diese Gewissheit selbst erarbeiten müsse oder glauben könne, dass es einen Gott gibt, der einem zuspricht, »dass ich geliebt und gewollt bin. Das fand ich eine heilsame und beglückende Erfahrung.«

Die gibt er weiter mit seinen vielseitigen Talenten. Als Allrounder für den Glauben. Sein neuestes Werk ist ein Handbuch der christlichen Feste. In diesem beschreibt er die kirchlichen Feiertage und erklärt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

Sabine Kuschel

Vogt, Fabian: Feier die Tage. Das kleine Handbuch der christlichen Feste, Evangelische Verlagsanstalt, 144 S., ISBN 978-3-374-05309-4, 10,00 Euro


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Hostie, Kokosnuss, Bananensaft

10. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Kulinarische Geschichte: In der Regel feiern die Kirchen das Abendmahl mit Brot und Wein, so wie es Jesus mit den Jüngern tat. Wo aber weder Trauben noch Weizen wachsen, zeigt sich Christus auch in anderen Nahrungsmitteln.

Es fehlt nur noch, dass sich die Tischplatte biegt: Ein Kirchenfenster in Soest zeigt, wie Jesus und die Jünger inmitten von Bierkrügen und Tellern voller Aufschnitt tafeln. Die Darstellung, um 1500 entstanden, ging als westfälisches Abendmahl in die Geschichte ein. Es versteht sich von selbst, dass eine pappige Oblate mit einem so üppig gedeckten Tisch nicht mithalten kann. Sollte die Darstellung ein Wink mit dem Zaunpfahl sein? Bezweckte der unbekannte Künstler, Eucharistiefeiern, die an Jesu letztes Gemeinschaftsmahl am Gründonnerstag erinnern, in kulinarischer Hinsicht zu überdenken?

»Westfälisches Abendmahl«: Kirchenfenster in der Kirche St. Maria zur Wiese in Soest (Nordrhein-Westfalen). In der Abendmahldarstellung nehmen Jesus und seine Jünger nicht Brot und Wein zu sich, sondern westfälischen Schinken, Pumpernickel und Bier. Foto: epd-bild

»Westfälisches Abendmahl«: Kirchenfenster in der Kirche St. Maria zur Wiese in Soest (Nordrhein-Westfalen). In der Abendmahldarstellung nehmen Jesus und seine Jünger nicht Brot und Wein zu sich, sondern westfälischen Schinken, Pumpernickel und Bier. Foto: epd-bild

Der Gedanke liegt nahe – und dennoch: »Hostien waren nie Feinkost, aber dennoch stand über Jahrhunderte hinweg fest, dass an der Festlegung der Kirche auf Brot und Wein nicht zu rütteln war«, sagt Anselm Schubert, Professor für Evangelische Theologie aus Erlangen-Nürnberg, dessen Buch den Titel »Gott essen« trägt. Außerdem sei schon damals klar gewesen, dass Jesu Abendmahl und das Sakrament in der Messe zwei verschiedene Dinge waren.

»Die frühen Christen hatten bei ihren Abendmahlfeiern noch eine Vielfalt an Speisen aufgetischt, wir wissen von Früchten, Milch oder auch Käse, aber damit war es schon seit der Spätantike vorbei«, berichtet Schubert. Das Gemeinschaftsmahl wurde zum Kultmahl, immer mehr Details wurden geregelt. Wer nicht mit Brot und Wein feierte, so wie es später in den verbindlichen Evangelien festgehalten wurde, galt als Ketzer. Unvorstellbar also, dass Pfarrer viel später an den Rändern der christlichen Welt zur Eucharistie auch Cola und Maniokwurzel reichen würden.

Dass der Gottessohn nach christlicher Überzeugung beim Abendmahl präsent ist, erklärt, warum die Frage der richtigen Lebensmittel überhaupt von Belang ist. Für die Katholiken wird bei der Eucharistie Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi gewandelt, und auch Luther hielt an der Gegenwart Christi im Abendmahl fest – anders als die reformierten Protestanten, für die Brot und Wein stets Brot und Wein geblieben sind.

Roter Wein oder weißer? Gesäuertes oder ungesäuertes Brot? Darf der Teig nur aus Weizen bestehen? Über Jahrhunderte bewegte sich die Diskussion über die Bestandteile des Abendmahls in einem eng gesteckten Rahmen. Im 9. Jahrhundert führte die lateinische Kirche die Oblate ein – ein Tiefpunkt der Kulinarik. »Dass sie nicht schmeckte, war der Kirche egal. Abstrakter als Brot, rund und rein, hatte sie andere Vorteile zu bieten«, fasst Schubert einige von ihnen zusammen. Mit der Ausnahme von Traubensaft gilt der katholischen Kirche auch Wein bis heute als alternativlos.

Vielerorts aber war es zu kalt, zu verregnet oder zu trocken – und Trauben und Weizen wuchsen nicht überall, wo die Gläubigen lebten. Oft war es die schiere Not, die erfinderisch machte. So berichtet Schubert etwa von mittelalterlichen Bräuchen in Skandinavien, das Abendmahl statt mit Wein mit Bier zu begehen. In Island und Grönland wuchs ebenfalls kein Wein, doch ging man dort den offiziellen Weg. Mit einer päpstlichen Ausnahmeerlaubnis, aus Rosinen Traubensaft anzusetzen, ließ sich im 14. Jahrhundert eine Zeitlang behelfen. Als aber wegen der Pest keine Schiffe mehr fuhren, fiel die Messe jahrelang aus.

Was, wenn Jesus Inder, Lateinamerikaner oder Insulaner im Pazifik gewesen wäre? Diese Frage stellte sich, als die Missionare der Neuzeit ganze Kontinente in Übersee für das Christentum erschlossen. Wäre Jesus nicht im Mittelmeerraum geboren, hätte er vielleicht Maisfladen gebrochen oder den Kelch mit Zuckerrohrwein gereicht. Das gestanden sich zwar auch die Kirchen ein. Aber eine Anpassung kam weder für Katholiken noch für Lutheraner infrage.

Die Problematik ist bis heute bestehen geblieben. Das zeigt auch ein Papier des Ökumenischen Rats der Kirchen, in dem 348 Kirchen aus aller Welt organisiert sind – wenn auch nicht die römisch-katholische Kirche. Darin steht, dass nach Ansicht vieler gläubiger Christen »ortsübliche Nahrungsmittel und Getränke die Eucharistie besser im täglichen Leben verankern« könnten. Seither hat die anglikanische Kirche das wohl als einzige näher untersucht.

Dass ein Pfarrer der evangelisch-methodistischen Kirche auf der pazifischen Insel Tonga das Abendmahl mit der Kokosnuss feierte, war schon länger bekannt. Aber nun zeigte sich, dass noch ganz andere Lebensmittel zum Einsatz kamen. Denn wo Wein importiert werden muss, ist er häufig zu teuer. Wo Muslime regieren, ist Alkohol mitunter verboten. Und wo Menschen Gluten nicht vertragen, muss ein anderes Getreide als Weizen her. In Uganda wurde also Bananensaft statt Wein gereicht, in Burundi Johannisbeerschorle, auf Kuba auch Honigwein. In Nordamerika gab es bisweilen Reiskuchen statt Brot, im Sudan griff man auf die Maniokwurzel zurück.

Dass sich die kulinarischen Gepflogenheiten von Region zu Region unterscheiden, ändert also auch das Abendmahl nicht. Und obwohl Jesus den meisten Christen in Form einer Hostie gegenwärtig wird, symbolisiert ihn am anderen Ende der Welt eben bisweilen auch eine Kokosnuss.

Julia Lauer (epd)

Buchtipp
Schubert, Anselm: Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls, C.H.Beck. 271 S., ISBN 978-3-400-70055-2, 24,95 Euro

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Fremd auf eigenem Land

10. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

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West Papua: Himmelschreiendes Unrecht in der indonesischen Provinz Papua Barat. Die Weltgemeinschaft nimmt kaum Notiz davon. Aktivisten und Kirche treten für die Menschenrechte in ihrem Land ein.

Nur ein Fall unter vielen: Zwischen Sorong und Manokwari im indonesischen Westteil der Insel werden einheimische Bauern durch Behörden von ihren Ländereien vertrieben. Darauf sollen Plantagen für lukratives Palmöl entstehen. Wer dagegen protestiert, läuft Gefahr, eingesperrt, gefoltert oder gar ermordet zu werden. »Jeden Tag, jede Woche haben wir solche Probleme«, erzählt eine Menschenrechtsaktivistin aus Papua, die sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung stark macht.

Ständig kommt es in Papua zu brutalen Menschenrechtsverletzungen durch Militärs und Polizei. Das beklagen nicht nur Menschenrechtler aus der abgehängten Region am östlichen Rand des riesigen pazifischen Inselstaates Indonesien, sondern auch Amnesty International und andere internationale Organisationen.

Seit 1963 ist die ehemalige holländische Kolonie gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung von der Zentralregierung in Jakarta annektiert. Seither beutet Indonesien den Rohstoffreichtum Papuas aus, siedelte vor allem muslimische Bewohner aus übervölkerten indonesischen Inseln wie Java, Sumatra und Sulawesi dort an.

Die rund vier Millionen Einwohner, in der Mehrheit Christen, werden um ihr Landrecht gebracht, damit Konzerne die Wälder für riesige Palmölplantagen abholzen können. In Minen werden wertvolle Mineralien wie Gold abgebaut. Die Umweltfolgen sind katastrophal.

Die Insel Neuguinea ist in den indonesischen Westteil und in das unabhängige Land Papua Neuguinea im Osten geteilt. West Papua leidet seit mehr als 50 Jahren unter der indonesischen Besatzung. Foto: privat

Die Insel Neuguinea ist in den indonesischen Westteil und in das unabhängige Land Papua Neuguinea im Osten geteilt. West Papua leidet seit mehr als 50 Jahren unter der indonesischen Besatzung. Foto: privat

Mit Gewalt unterdrückt die Regierung bis heute den Freiheitswillen der indigenen Bevölkerung. Allein das Hissen der Morgensternflagge, dem verbotenen Symbol der Unabhängigkeitsbewegung von Papua, reiche aus, ins Gefängnis geworfen oder getötet zu werden, berichtet ein einheimischer Pfarrer. »Sehr häufig verschwinden Menschen einfach«, sagt der Mann, der sich in der Menschenrechtsarbeit engagiert.

Bisher hätten Christen und Muslime gut zusammengelebt, erzählt Andreas Mofu, der Präsident der rund 800 000 Mitglieder zählenden evangelischen Kirche in Papua. Doch seit geraumer Zeit schürten ins Land einsickernde radikal-muslimische Gruppen Konflikte zwischen den Religionen. Einige Kirchenführer in Papua bezeichneten das Vorgehen des indonesischen Staates als rassistisch motivierten Völkermord, sagt Norman Voß vom Westpapua-Netzwerk. Die Lage der Menschenrechte im von Indonesien annektierten Westteil der Insel Neuguinea sei »sehr ernst und hat sich trotz Kritik der Vereinten Nationen nicht verbessert«, beklagt er.

Die indonesische Zentralregierung setze die umfangreichen Empfehlungen der Vereinten Nationen zu den Menschenrechten weitgehend nicht um. Die Gewalt durch indonesische Sicherheitskräfte treffe fasst ausschließlich indigene Papuas, berichtet Voß. Im vergangenen Jahr seien nach Angaben der Organisation International Coalition for Papua (ICP) zehn Papuas getötet, 175 gefoltert oder misshandelt und 599 Menschen aus politischen Gründen inhaftiert worden; acht Journalisten seien angegriffen oder bei ihrer Arbeit behindert worden. Ausländische Journalisten könnten nach wie vor nicht frei in die Region reisen und von dort berichten.

Voß kritisiert auch, dass Deutschland Waffenlieferungen an Indonesien nicht unterbinde. Der Bundesregierung sei bekannt, dass das indonesische Militär Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung verübe und unabhängige Beobachter nicht ins Land gelassen würden. Die auswärtigen Beziehungen Deutschlands seien von wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen geprägt.

Derzeit verhandele die EU ein Freihandelsabkommen mit Indonesien. Die Bundesregierung sollte offener und stärker als bisher Kritik an den Zuständen in Papua äußern und Waffenverkäufe einstellen, appelliert Voß. Die Kirchen in Deutschland könnten eine wichtige Rolle dabei spielen, die politischen Seiten des Papua-Konflikts an einen Tisch zu bringen. Auch Amnesty International setzt auf die Vermittlerrolle der Kirchen, die vor Ort ihr eigenes Netzwerk hätten: »Es ist wichtig, dass sie auch als Partner für die Menschenrechtsaktivisten vor Ort agieren, da die Region sehr isoliert ist.« Die Kirchen hätten Kontakte zu den Menschen und könnten dadurch gut einschätzen, was benötigt werde.

Für die Menschenrechte der Bevölkerung in Papua setzt sich auch die evangelische Kirche des Landes ein. Übergriffe von Behörden und andere Unrechtsfälle werden dokumentiert, Berichte an internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen geschickt. Auch werden Gewaltopfer betreut und von Anwälten vor Gericht vertreten. Aktivisten gehen in die entlegenen Stammesdörfer in den Urwald und klären die Bewohner über ihre Rechte auf. Ziel ist es dabei stets, friedliche Lösungen zwischen allen Konfliktparteien zu finden. Zudem kartografieren kirchliche Mitarbeiter den Landbesitz der Einwohner, um sie vor dem unberechtigten Zugriff des Staates zu schützen.

Menschenrechtler in Papua sind sich der ständigen Gefahr um Leib und Leben bewusst. Auch persönlich sei sie schon wegen ihres Engagements von indonesischen Sicherheitskräften bedroht worden, erzählt eine Aktivistin. »Doch wer hilft sonst unseren Leuten, wenn wir Angst haben?«

Alexander Lang (epd)

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Es geht nur zusammen

9. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Struktur: Der Kirchenkreis Jena hat sich 2002 neu aufgestellt und 65 Kirchengemeinden in sieben Regionen aufgeteilt. Den Prozess hat der Psychologe Rüdiger Trimpop begleitet. Beatrix Heinrichs hat mit ihm darüber gesprochen.

Mit welchen Erwartungen sind die Akteure an die strukturellen Veränderungen herangegangen?
Trimpop:
Wie an vielen anderen Orten hatte man das Problem, dass die Zahl der Kirchenmitglieder rückläufig war. Pfarrer mussten viele Gemeindebezirke gleichzeitig betreuen und waren überlastet. Die Ziele in der Gemeindearbeit waren so nicht weiter befriedigend umsetzbar, deshalb wollte man Bereiche zusammenlegen, um die Kirche in Jena für die Zukunft zu wappnen.

Die Planung wurde von den Gemeinden nicht so angenommen, wie erhofft. Woran lag das?
Trimpop:
Die Umstrukturierung war am grünen Tisch entstanden. Oft sind Leitende nicht mehr am Herzschlag dessen, was in einer Gemeinde gefühlt und gedacht wird. Veränderungsprozesse sollten daher frühzeitig eingeleitet werden.

Wenn Gemeinden zusammengelegt werden, worin liegt die größte Herausforderung?
Trimpop:
Pfarrer, Gemeindekirchenräte und Kirchenmitglieder sind Menschen wie alle andere auch. Da gibt es persönliche Eitelkeiten, Gewohnheiten, möglicherweise Misstrauen. Auch die Auslegung des Glaubens kann eine Rolle spielen: Manche Gemeinden sind sehr streng gläubig, andere in ihrer Deutung der Bibel eher flexibler.

Wie schafft man es, diese Unterschiede zusammenzubringen?
Trimpop:
Der entscheidende Faktor lautet Partizipation. Es ist enorm wichtig, Gemeindeglieder von vornherein mit einzubeziehen, sie nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen zu fragen. Erfahrungen und Erwartungen können unterschiedlich sein und müssen im gemeinsamen Gespräch abgeglichen werden.

Wie konnte ihr Lehrstuhl den Kirchenkreis Jena unterstützen?
Trimpop:
Wir haben zunächst moderierte Gesprächsgruppen eingerichtet, in denen geklärt wird, welche Erwartungen bestehen und in denen ausgelotet wird, inwieweit und wo
Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit eine Zusammenarbeit möglich ist.
Diese Informationen haben wir gesammelt und zurück in die Leitungskreise gegeben. Die hier entwickelten Ergebnisse wurden dann über alle Ebenen abgestimmt. Die Umsetzung der Entscheidungen erfolgte auch wieder unter Begleitung.

Wenn Wirtschaftsunternehmen fusionieren, ist es nicht ungewöhnlich, dass externe Berater solche Prozesse mediativ begleiten. In gemeinnützigen Organisationen ist das selten so …
Trimpop:
Das Geld kann nicht der entscheidende Faktor sein. Bei einer Kooperation mit Universitäten ist die gesamte Datenerhebung durch die wissenschaftlichen Vorhaben abgedeckt; Kosten fallen lediglich für die Moderation an.
Das Projekt für den Kirchenkreis Jena zum Beispiel hat unter anderem mit Iris Seliger eine Doktorandin betreut, die im Rahmen ihrer Promotion die Interviews in den Gemeinden führte.
Viele Kirchenkreise geben Unsummen für die Sanierung von Gebäuden aus, scheuen sich jedoch, die Kosten aufzubringen, um Frieden in den Gemeinden zu haben. Aber gerade hier wäre die Begleitung durch eine externe Instanz nötig.

Warum?
Trimpop:
Erfahrungsgemäß gestaltet sich das Thema Führung im gemeinnützigen Bereich viel komplizierter. In der evangelischen Kirche gibt es keine klaren Hierarchien. Hinzu kommt, dass viele der sogenannten Führungskräfte sich nicht als solche verstehen. Hier sollte von Seiten der Landeskirchen explizit Weiterbildung angeboten werden.
Wenn man eine Organisation zukunftsfest machen will, muss man wissen, wie Gemeinden, Mitarbeiter und Ehrenamtliche geführt werden, und wie man sie von wirtschaftlichen Zwecken und Notwendigkeiten überzeugt. Das lernt kein Pfarrer in seiner Ausbildung. Die Weiterbildung steckt hier noch in den Kinderschuhen.

Wo muss man ansetzen, um Wandel positiv zu gestalten?
Trimpop:
Veränderungen sind eine Frage der Kommunikation und Motivation. Man sollte allen Beteiligten deutlich machen, welche Vorteile sich aus dem Zusammenschluss ergeben.
Für die Gemeinden können gezielt Anreize geschaffen werden, sich mit den anderen aktiv auseinanderzusetzen, z. B. indem Mittel für gemeinsame Aktivitäten zur Verfügung gestellt werden.
Eine weiterführende Begleitung, auch nachdem die Entscheidung zum Zusammenschluss getroffen ist, halte ich für sinnvoll. Hier kommt es darauf an, die Gemeinde dabei zu unterstützen, gemeinsame Erfolgserlebnisse zu generieren.
Wenn das gelingt, besteht die Chance, dass die Zusammenarbeit auch auf Dauer klappt.

Rüdiger Trimpop ist Professor am Lehrstuhl für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.


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Alleingelassen: Wenn die Hirten in den Gemeinden fehlen

Hilferuf: Kirchengemeinden vermissen Seelsorger und haben Angst vor strukturellen Veränderungen

Grafik: Forgem – stock.adobe.com

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Von Christen, Christinnen und Getauften

8. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Wird die Verfassung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in geschlechtergerechte Sprache umgeschrieben? Darüber will die Landessynode auf ihrer Frühjahrstagung entscheiden. Die Verfassungskommission hat einen Vorschlag erarbeitet. Dazu ein Gespräch mit Professor Michael Germann, der der Verfassungskommission angehörte, jedoch ausgetreten ist. Mit ihm sprach Katja Schmidtke.

Herr Professor Germann, seit 2014 diskutiert die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland über eine Verfassungsänderung. Von Beginn an gehörten Sie der von der Landessynode hierfür eingesetzten Kommission an. Nun sind Sie ausgetreten. Warum?
Germann:
Die Herbstsynode hat die Verfassungskommission aufgefordert, den Entwurf zur Änderung der Verfassung in einer geschlechtspolitisch veränderten Sprachfassung vorzulegen. Die halte ich für eine schwerwiegende Verschlechterung. In meinem Brief an den Präses der Synode und an die anderen Beteiligten habe ich deutlich gemacht, dass ich damit nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Außerdem wollte ich die Freiheit gewinnen, die ich mir als Mitglied der Kommission nicht genommen habe: einzutreten für die geltende sprachliche Fassung und dafür zu werben, die Änderung in der Frühjahrssynode abzulehnen.

Warum? Sie haben doch mitgearbeitet.
Germann:
Die inhaltlichen Vorschläge, die aus der Revision hervorgegangen sind, halte ich für sinnvoll. Weil aber in der jetzt vorgelegten Fassung sprachliche und inhaltliche Veränderungen zu einem Text verbunden sind, können die Synodalen nur zu beidem »ja« oder zu beidem »nein« sagen. Sagt die Synode »nein«, was ich hoffe und wofür ich in einem Brief an die Synodalen werbe, können die inhaltlichen Veränderungen später aufgegriffen werden. Die sind ja nicht aus der Welt.

Was stört Sie an geschlechtergerechter Sprache?
Germann:
Schon diese Bezeichnung.

Wie nennen Sie es denn?
Germann:
Wenn ich ein ebenso polemisches Wort wählen darf: geschlechtsfixierte Sprache. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie willkürlich generische Formen unterdrückt und durch Formen zu ersetzen versucht, die nur ein bestimmtes biologisches Geschlecht markieren. Generische Substantive oder Pronomen machen es möglich, Menschen und ihre sozialen Rollen zu bezeichnen, wenn das Geschlecht unbekannt oder nicht relevant ist. Generische Formen leisten eine notwendige Abstraktion, wie übrigens alle sprachlichen Ausdrücke. Um vom Geschlecht zu abstrahieren, kommen wir ohne generische Formen nicht aus. Manche generische Formen haben nun das Pech, dass sie mit den Formen übereinstimmen, die man für männliche Exemplare verwendet, wenn es eine weiblich markierte Form gibt. Das ist sprachlicher Zufall: »Freund« und »Gast« sind beide grammatisch maskuline Wörter. Neben »Freund« gibt es »Freundin«, neben »Gast« gibt es keine weiblich markierte Form. Wer deswegen von »Freunden« nur noch sprechen will, wenn es Männer sind, fixiert das Wort auf das männliche Geschlecht. So kann man Frauen nicht zu seinen Freunden zählen, sondern mit der separaten Bezeichnung als »Freundinnen« nur von ihnen sprechen, indem man auf ihr weibliches Geschlecht abstellt. Das nenne ich »geschlechtsfixierte« Sprache. Und damit beginnen die Probleme.

An welche denken Sie?
Germann:
Auf den ersten Blick unübersehbar, nur quantitativ vielleicht nicht so bestimmend, ist dieses: Es gibt Menschen, die sich nicht auf das männliche oder weibliche Geschlecht festlegen lassen. Schon daran scheitert die Erwartung, man könne generische Formen durch eine Aufzählung zweier Geschlechter ersetzen. Das Bundesverfassungsgericht hat daraus geschlossen, dass das Personenstandsrecht für die Angabe des Geschlechts eine generische Kategorie bereithalten muss. Erst recht sind generische Formen also nötig, wenn es gar nicht um die Angabe des Geschlechts geht. In der individuellen Ansprache eines konkreten Menschen ist das anders. Mein Gegenüber spreche ich nicht generisch an.

Kommt uns also durch die Veränderung der Sprache in einer Gesellschaft, in der jeder individueller sein will als der andere, das verbindende Element abhanden?
Germann:
Da ist vielleicht etwas dran. Das wäre ein Bedürfnis, in jeder Situation als Individuum angesprochen zu werden. Damit hat auch das Argument zu tun, die Sprache müsse jeden einzelnen in seiner Geschlechtszugehörigkeit »sichtbar« werden lassen. So habe ich auch von manchen Frauen in einem hohen, sogar sehr sichtbaren kirchlichen Leitungsamt gesagt bekommen, dass sie sich nicht angesprochen fühlen von einem Text, der abstrahiert, dass sie sich in ihrer Funktion und Rolle, in ihrem Amt nur wahrgenommen sehen, wenn sie gerade als Frau wahrgenommen werden. Das Verbindende, das Sie eben angesprochen haben, wäre hier im Zurücktreten des »Ansehens« der Person und ihres Geschlechts hinter die »Sichtbarkeit« des Amts zu suchen, sobald man eben vom Amt spricht und nicht von der einzelnen Person.

Michael Germann ist Professor für Öffentliches Recht, Staatskirchenrecht und Kirchenrecht an der Juristischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Michael Germann ist Professor für Öffentliches Recht, Staatskirchenrecht und Kirchenrecht an der Juristischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Eine individuelle Ansprache und unsere Gemeinschaft als Christen. Wie geht das zusammen?
Germann:
Was die Sprachumstellung bewirkt, zeigt sich im Verfassungsentwurf bei der Kollektivbezeichnung »Christen«. Christ »oder« Christin, Christen »und« Christinnen? Ohne generische Bezeichnung gibt es keine gemeinsame Bezeichnung. Umschreibungen wie »alle Getauften« gelten nur deshalb als unauffällig, weil es dazu keine markierte Form gibt. Wenn man von Christen nur noch als »Christinnen und Christen« sprechen kann, ist die Trennung der Geschlechter vorausgesetzt, sie geht dem Christsein vor. Das ist für uns Christen ein Problem, weil wir Sprachformen brauchen, die uns als Gemeinschaft ansprechen.

Wir könnten doch den Plural verwenden?
Germann:
Das macht die vorausgesetzte Geschlechtertrennung sowieso nur bei Pronomen, Adjektiven und Partizipien unsichtbar, bei denen im Plural die weiblich markierten Formen verschwinden. Hier wird Unsichtbarkeit uns plötzlich als »geschlechtergerecht« verkauft. Bei den »Getauften« funktioniert das, aber nicht bei den »Christen«, wenn man sie im Gegensatz zu »Christinnen« sieht. Alle Kunstgriffe dieser Art gehen auf Kosten des Sinns. Ein Beispiel: Für die Vorschriften über das Amt des Superintendenten hat die Verfassungskommission den Plural erwogen, weil sich darin wenigstens die Personalpronomina auf eine Form reduzieren. Doch das hätte den Sinn verschoben: Eine Norm, die die einzelnen Amtsträger adressieren soll, wäre im Plural verwechselbar mit einer Norm, die die ganze Gruppe adressiert. Es gibt aber je Kirchenkreis nur ein solches Amt. Juristen können mit solchen Sinnverschiebungen zurechtkommen, aber die dafür erforderliche Übersetzungsleistung ist eine unnötige Verständnishürde, erst recht für juristisch nicht geschulte Menschen.

Gesetzestexte sind kompliziert. Müssen sie denn sprachlich schön sein?
Germann:
Ganz klar: Ja! Verfassungen sind keine beliebigen Gebrauchstexte, ihre Wirkung hängt auch davon ab, dass sie gut lesbar und eingängig sind. Schauen Sie sich das Grundgesetz an: abgesehen von einigen späteren Zutaten ein schöner Text.

Hätte eine Gleichstellungsklausel in der EKM-Verfassung genügt?
Germann:
Artikel 8 der geltenden Verfassung stellt die Funktion der generischen Bezeichnungen klar. Selbst das ist unnötig, wenn man sich einfach darauf einlässt, dass generische Formen immer vom Geschlecht abstrahieren.
Bei solchen Klauseln sollte auf die Formulierung geachtet werden: Dass alle »gemeint« sind, trifft die Sache nicht: Frauen sind nicht nur irgendwie »mitgemeint«. Formulierungen wie »gelten auch für« klingen juristisch nach einer Fiktion. Besser ist das Verb »bezeichnen«: Generische Formen »bezeichnen gleichermaßen Frauen und Männer«. So ist es, und so steht es in Artikel 8 der Kirchenverfassung.

Ihnen genügt das, anderen nicht.
Germann:
Das Hauptargument lautet: Es werde anders empfunden. Man muss das ernst nehmen und die Probleme an der richtigen Stelle anpacken. Wenn ein Personalverantwortlicher nur an Männer denkt, wenn im Text »Pfarrer« steht, dann ist dies Denken das Problem. Für uns als evangelische Christen wäre die Kirche nicht mehr in Ordnung, wenn es für ihre Ämter auf das Geschlecht ankäme. Wo das in den Köpfen nicht angekommen sein sollte, müssen wir reagieren und ein Bewusstsein schaffen. Dafür sei eine Sprachumstellung das Mittel, so das Argument ihrer Befürworter. Ich glaube, Eingriffe in die Sprache sind das falsche Mittel. Es hat etwas von einer Ablenkungsschlacht, diese Schlacht um die Sprache.

Warum sind Sie als Kirchenrechtler bei diesem Thema so emotional?
Germann:
Sprache hat mit Persönlichkeit zu tun. Wenn jemand mir vorschreibt, wie ich zu sprechen habe, macht mich das grantig.

Dann müssen Sie doch Frauen verstehen, die sagen, diese Sprache schreibt mir vor, dass ich Pfarrer bin und nicht Pfarrerin.
Germann:
Ich will gar nicht abwerten, was da emotional an Erfahrungen – auch generationsgebunden – dahinter steckt. Aber dieses Empfinden sucht sich das verkehrte Ziel. Es macht einen Unterschied, ob ich Eingriffe in die Sprache erleide oder ob ich hinnehmen muss, dass andere die Sprache so verwenden, wie sie mit den ihr gegebenen Mitteln funktioniert. Da kann man der generischen Form nicht gegen ihren Sinn vorwerfen, sie mache eine Frau zum Mann. Schon allein die Methode, über Sprachhygiene in meinen Kopf eingreifen zu wollen, hat etwas Beleidigendes. Man unterstellt mir damit, dass ich ein falsches, in Rollenstereotypen gefangenes Bewusstsein hätte. Das will ich mir nicht mit jedem Satz der Verfassung vorhalten lassen. Wo es so wäre, ließe ich mich gerne korrigieren – aber nicht auf dem Irrweg einer um die generischen Formen beraubten Sprache. Ich hoffe, dass die Landessynode das dem Text der Kirchenverfassung nicht antut.

www.ekmd.de/kirche/landessynode/ueberpruefung-der-ekm-verfassung/

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Der evangelische Robin Hood

3. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 200 Jahren wird Friedrich Wilhelm Raiffeisen geboren, der Gründer der modernen Genossenschaft.

Im Anfang war das Backhaus. Und ein junger Bürgermeister, der sich der Obrigkeit widersetzt und hungernden Kindern und ihren Eltern hilft. Das Backhaus in dem kleinen Westerwald-Ort Weyerbusch ist ein schlichter Fachwerkbau, eher eine Hütte, aber es wird zum Symbol für eine Bewegung: Die Genossenschaften.

Der junge Bürgermeister heißt Friedrich Wilhelm Raiffeisen, vor 200 Jahren im Westerwald geboren. Wie bei vielen gibt es auch bei ihm diese Tat, die wie ein Schlüssel zu seinem Leben passt: Er lässt das Backhaus bauen, besorgt Mehl und beendet eine Hungersnot, die wir uns heute kaum mehr vorstellen können.

Raiffeisen wirkt als Christ, seine Kraftquelle ist die Bibel, seine Mitstreiter wirbt er mit Hinweisen auf die Bergpredigt: Er ist als Gründer der modernen Genossenschaften einer der Großen in der Geschichte der evangelischen Kirche – und wird vergessen. Warum? Raiffeisen durfte nicht einmal die Höhere Schule besuchen, hat sich nicht als Theologe profiliert, er hat die Welt aber radikal verändert durch seine Taten.

In den Zeiten der industriellen Revolution und eines zügellos wuchernden Kapitalismus gab es einige Wohltäter wie ihn. Raiffeisen aber belässt es nicht bei Almosen und kurzer Hilfe, er entwickelt aus der christlichen Idee der Nächstenliebe ein höchst praktisches System gegenseitiger Hilfe, er schreibt Statuten für die Solidarität, die ohne Gewalt und Umsturz auskommt. Man könnte diesen Mann einen friedlichen Revolutionär der Solidarität nennen.

Aus dem Backhaus wächst der »Weyerbuscher Brodverein«, danach entstehen Hilfsvereine in Flammersfeld, die Darlehnskasse in Heddesdorf, schließlich Vereinigungen, Zentralkassen, eben die Organisationen, die die Unesco vor kurzem zum Welterbe erklärte: In Genossenschaften verbünden sich heute über zwanzig Millionen Menschen in Deutschland – und fast eine Milliarde weltweit.

Wer ist dieser Friedrich Wilhelm Raiffeisen? Geboren wird er im selben Jahr wie Karl Marx, der heute ungleich prominenter ist – obwohl er als Verlierer in die Geschichte eingegangen ist. Er wächst unter einfachen Verhältnissen im Westerwald auf, kann nicht einmal die Höhere Schule besuchen, meldet sich deshalb schon mit 17 zum preußischen Militär, aber muss vorzeitig die Uniform ausziehen wegen eines Augenleidens.

Preußen behält den entlassenen Unteroffizier im Staatsdienst und gibt ihm ein Bürgermeister-Amt. Schon nach wenigen Monaten setzt Raiffeisen seine Karriere aufs Spiel, eben im Backhaus-Eklat, in dem schon seine Lebens-Strategie deutlich wird: Er beweist Zivilcourage, indem er sich widersetzt.

Das Mehl fürs Backhaus soll nach Weisung des Landrats nur der bekommen, der bezahlen kann. Nur: wie sollen die Armen zahlen, die nichts haben? Dem Rauswurf und dem Karriere-Ende wegen Verweigerung des Gehorsams entgeht er mit einer List: Er lässt die Wohlhabenden seines Dorfs eine Kommission gründen, die Mikro-Kredite für die Armen finanziert.

Diese List prägt fortan sein Wirken: Er flicht um sich ein Netz von meist vermögenden Gleichgesinnten und nutzt Lücken im System von Staat und Wirtschaft; wird eine Lücke geschlossen, schlüpft er durch die nächste. Er bekommt mächtige Gegner wie Schulze-Delitzsch, der in Sachsen auch Genossenschaften gründet, einflussreich als Abgeordneter im preußischen Reichstag sitzt und sich zum Konkurrenten erklärt; aber er hat ebenso einflussreiche Freunde wie den Fürsten zu Wied, der nebenan im Neuwieder Schloss auf den Rhein schaut und in Berlin Audienzen bei Kronprinz und Kaiser bekommt.

Er kämpft gegen die Wucherer, gegen Ausbeuter in den Fabriken und wettert: »Eine gewisse Sorte von Menschen vernichtet Existenz nach Existenz und bedroht das Bestehen der ganzen menschlichen Gesellschaft auf das Ernsteste.«

Demokratie führt er in die Wirtschaft ein, ohne das Wort in den Mund zu nehmen: Jeder in einer Genossenschaft spricht mit, entscheidet ohne Ansehen der Person und hat eine Stimme, unabhängig vom Wert seines Vermögens. Die Genossenschaft bildet heute immer noch die einzige bedeutende Unternehmensform, die Demokratie verwirklicht – auch mit allen Nachteilen, denn die Mehrheit trifft nicht immer die klügsten Entscheidungen.

Raiffeisen will mit seinem Darlehnskassen-Verein in Heddesdorf auch entlassenen Strafgefangenen helfen und Kindern in Notlagen, er will Bibliotheken gründen, um die Bildung auf dem Land zu heben – doch die Mitglieder bremsen ihn aus, Raiffeisen muss sich der Mehrheit beugen. Auch dem autoritären Staat sind die Genossenschaften ein Dorn im Auge: Ihm ist suspekt, wenn sich Menschen ohne seinen Segen zusammenschließen und demokratische Verfahren ausprobieren.

Raiffeisens Denken strahlt aus bis in unsere Gegenwart: Er entwirft einen alternativen Kapitalismus, der nicht aus einem gewaltsamen Umsturz ersteht, sondern auf Vertrauen und Hilfsbereitschaft gründet.

Den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln schlagen, das lehrt Raiffeisen: Statt grenzenloser Konkurrenz und Zerstörung, heute als Disruption gefeiert, statt Ellenbogen und Egoismus holt er das Robin-Hood-Prinzip wieder ins Leben der Gesellschaft: Einer für alle, alle für einen.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, geboren vor 200 Jahren: Sein Werk sind die Genossenschaften, vor kurzem von der Unesco zum Welterbe erklärt.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, geboren vor 200 Jahren: Sein Werk sind die Genossenschaften, vor kurzem von der Unesco zum Welterbe erklärt. Foto: Tohma, Wikimedia Commons

Raiffeisen will die Kluft zwischen Arm und Reich beseitigen: Genossenschaften sorgen dafür, dass Eigentum breit gestreut wird, Konkurrenten sich als Partner begegnen und regelmäßige, verbindliche Kontrolle eine Pleite fast unmöglich macht. Wahrscheinlich steht deshalb die Blütezeit der Genossenschaften noch vor uns – in der Solidarität der Bürger, in der globalen Gesellschaft des Teilens, der »sharing economy«.

Raiffeisen ist ein Kämpfer, der viel ertragen muss: Seine Frau stirbt früh nach der Geburt des siebten Kindes; drei seiner Kinder sterben in den ersten Monaten; er selber ist oft krank und wird vorzeitig in den Ruhestand geschickt mit einer schmalen Pension. Er kann nicht mehr lesen, muss alles diktieren: Seine älteste Tochter Amalie, die sich in seinen Assistenten verliebt, darf nicht heiraten, er braucht sie als seine Sekretärin.

Er kämpft gegen die Politiker, die ihm das Leben schwer machen: Genossenschaften dürfen nicht als eigenständige Unternehmen auftreten. Erst 1867, zwei Jahre nach Raiffeisens Pensionierung, erlässt der Reichstag das erste Genossenschafts-Gesetz. Endlich ist es einfach, eine Genossenschaft zu gründen – und bleibt es bis heute. Nach einer Änderung von 2006, die das Genossenschafts-Recht auf die EU ausrichtete, müssen sich in Deutschland nur noch drei Leute für eine Gründung zusammenschließen und füreinander haften wollen.

Raiffeisen kennt liberales und demokratisches Denken, er spricht darüber mit seinem adligen Freund im Neuwieder Schloss, er fördert es auch – ohne überzeugt zu sein. Wie oft bei großen Persönlichkeiten entdeckt man bei ihm eine seltsame Unbekümmertheit und einfache Menschenliebe, gepaart mit einem bedingungslosen Gottvertrauen: Müssten nicht alle Menschen edel sein, freundlich und gut, hilfsbereit, gerecht und verantwortungsvoll?

Er leidet sein Leben lang unter dem Verlust des Urvertrauens unter den Menschen, dem er sich unter dem Druck der Wirklichkeit beugen muss: Er sieht die Gesellschaft am Abgrund. In seinen letzten Lebensjahren, da er fast erblindet ist, entwirft er noch einmal Statuten, aber diesmal für einen Laien-Orden.

Dieser Caritas-Orden, als Handelsgesellschaft zu gründen, wirkt wie aus der Zeit gefallen: Der evangelische Christ Raiffeisen, mit seiner Kirche unzufrieden, will die Mitglieder nicht nur auf ein einfaches, hochmoralisches Leben verpflichten, sondern auf Ehelosigkeit. Doch wie stets bei ihm sind auch ungewöhnlich moderne Züge zu entdecken: So steht der Orden offen für alle Konfessionen, ist ökumenisch und einem allgemeinen Christentum verpflichtet; in ihm wirken Frauen ebenso wie Männer, und am liebsten setzte er seine Tochter Amalie als Oberin ein.

Zur Gründung kommt es ebenso wenig wie zur Verleihung der Ehrendoktor-Würde, gedacht für die Feier zum 70. Geburtstag. Wenige Tage vorher stirbt er, den seine Wegbegleiter »Vater Raiffeisen« nennen.

Paul-Josef Raue

Hintergrund: So gründet man eine Genossenschaft
Eine Initiative, um ein lang verwaistes Schauspielhaus zu beleben (wie in Erfurt)? Ein Mehrgenerationenhaus zu schaffen (wie in Dortmund)? Eine Solarfirma zu gründen (wie in Magdeburg)? Drei Leute mit Leidenschaft für ein Projekt reichen aus, um eine Genossenschaft zu gründen: Sie schauen in das Genossenschafts-Gesetz, suchen Mitglieder und erarbeiten Satzung und Geschäftsplan. Dabei hilft beispielsweise die Business-Plan-App des Bundeswirtschaftsministeriums. Eine Genossenschaft mit weniger als 21 Mitgliedern ist empfehlenswert: Erst dann braucht man einen Aufsichtsrat und zwei Personen im Vorstand, sonst reicht ein Vorstand.

Jede Genossenschaft muss zwingend einem Prüfungsverband angehören; ihn findet man unter »Prüfungsverband« bei Wikipedia. Er prüft schon die Gründung der Genossenschaft; das kostet mindestens 1 000 Euro. In der Gründungsversammlung wird der Vorstand gewählt und die Satzung verabschiedet. Die Genossenschaft muss abschließend als »eG« beim Amtsgericht, mit Notar, ins Genossenschaftsregister eingetragen werden.

Paul-Josef Raue


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Gesungener Glaube

2. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Schule und Kirche: Musik prägt, ermutigt und lehrt. Sie hilft auch beim Aufbau einer jungen, lebendigen Gemeinde. Ein Beispiel aus Naumburg.

Seht nach vorn! Denkt schon an euer Publikum«, sagt Jan-Martin Drafehn, und 130 Augenpaare richten auf den Musiklehrer und Domkantor, der im Heft auf dem Notenständer die nächste Seite umblättert. Stille im Andachtssaal der evangelischen Grundschule St. Martin im Herzen Naumburgs. Am geschwungenen Kreuz flackert eine Kerze. Drafehn gibt ein Zeichen und die Jungen und Mädchen stimmen das nächste Lied an: »Im Namen Gottes«. Fast eine Stunde singen sie über Gott, Jesus und die Tempelreinigung. Mal stehen sie, mal sitzen sie auf Schemeln. »Stietzen, also sitzen und stehen«, erinnert Jan-Martin Drafehn seine Schüler an einen geraden Rücken. Das ist wichtig, damit die hohen Töne kraftvoll und laut die kleinen Körper verlassen können.

Schwerpunkt Singen: Die Domschule hat ein musikalisches Profil. Auftritte, wie zur Schuleinführung, gehören dazu. Foto: Katja Schmidtke

Schwerpunkt Singen: Die Domschule hat ein musikalisches Profil. Auftritte, wie zur Schuleinführung, gehören dazu. Foto: Katja Schmidtke

Jeden Freitagmorgen probt der Schulchor unter Leitung von Domkantor Drafehn und der Leiterin der evangelischen Domschule, Regina Keilholz. Musik ist hier nicht irgendein Unterrichtsfach. Musik prägt, neben dem christlichen Glauben und dem reformpädagogischen Konzept, das Leben an dieser Schule. Die Kinder genießen zwei Stunden Musikunterricht wöchentlich und damit doppelt so viel wie im Lehrplan vorgesehen. Für die Dritt- und Viertklässler ist der Chor verbindlich, das freitägliche Singen ist fest im Unterrichtsplan integriert. Aktuell sind auch die Erst- und Zweitklässler dabei. Alle – Kinder, aber auch Mitarbeiter und Eltern – bereiten sich gerade auf das diesjährige Musical vor. Es gehört zu den Traditionen der noch jungen Schule. Am 20. und 21. April wird »Gerempel im Tempel« in der Marienkirche des Doms aufgeführt.

Ganz selbstverständlich erleben die Jungen und Mädchen den Dom als »ihre« Kirche, sagt Schulleiterin Regina Keilholz. Von den Fenstern ihrer Klassenräume blicken sie auf die Steine, denen man die Jahrhunderte ansieht. Regelmäßig gestalten sie Mittagsgebete, feiern Schulgottesdienste. Die Schule ist verbunden mit der Kirche.

Schule und Gemeinde, Schul- und Kirchenmusik, Bildung und Verkündigung sollen zusammenwachsen. Michael Bartsch, Dompfarrer und Vorsitzender des Trägervereins der Schule, ist Initiator dieser Idee. Als ihren Motor beschreibt er Kirchenmusikdirektor Drafehn.

Denn die Idee funktioniert nicht nur aufgrund der räumlichen Nähe zwischen Kirche und Schule, sondern auch wegen der Menschen, die hier wirken. »Als wir die Stelle des Domkantors vor zehn Jahren ausgeschrieben hatten, suchten wir bewusst einen Kirchenmusiker, der Musikunterricht an der Schule gibt«, schildert Pfarrer Bartsch.

Meist sind es die Pfarrer und Gemeindepädagogen, die an die Schulen kommen, aber Kantoren? In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) kennt Michael Bartsch, der Vorstandsvorsitzender der Johannes-Schulstiftung ist, kein vergleichbares Modell und bedauert dies. Der Kirche, die doch händeringend nach der Zukunft suche, sei dieses Beispiel unbedingt zur Nachahmung empfohlen.

»Wir haben ein großes unausgeschöpftes Potenzial in unserer Kirche, was die Kinder- und Jugendarbeit betrifft.« Umso unverständlicher für die Naumburger, dass die Kreissynode den Stellenplan beschlossen hat, der eine Kürzung der Domkantorenstelle vorsieht.

Gelehrt wird nach der Ward-Methode, einem ganzheitlichen Ansatz (Fotos rechts). Foto:Matthias Keilholz

Gelehrt wird nach der Ward-Methode, einem ganzheitlichen Ansatz. Foto:Matthias Keilholz

Naumburg, so Pfarrer Bartsch, erntet die Früchte, die vor 18 Jahren mit der Gründung des Schulvereins gesät wurden. Auch – und das soll nicht verschwiegen werden – unter Anstrengungen und mit Zweifeln innerhalb der 2 800 Glieder umfassenden Gemeinde. Doch der Theologe will evangelische Kindergärten und Schulen nicht als Last, sondern als Lust verstanden wissen.

Er spricht von den Chancen, dass junge Generationen in der Gemeinde wirken. Diese Kinder sind schon da. Sie müssen nicht mühsam gesucht und geworben werden, wenn eine Musical-Aufführung geplant ist oder die Kantorei vergreist.

In Naumburg sprechen die Zahlen für sich: Im vergangenen Jahr wurden 39 Taufen gefeiert, in diesem Jahr möchten sich mehr als 70 Jugendliche konfirmieren lassen, in der Domsingschule singen mehr als 100 Schüler, der Jugendchor umfasst nicht nur 30 Mädchen, sondern auch zwölf Jungen, die nach dem Stimmbruch weitersingen. Der Domchor besteht aus rund 70 Sängern und hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verjüngt. Immer wieder finden auch Eltern über ihre Kinder den Weg in die Kirchenmusik.

»Die Musikarbeit der Gemeinde fußt auf dem Schulsingen«, bilanziert Kantor Drafehn, aber sie sei natürlich offen für alle, und jeder Chor ist eigenständig und kein bloßes Nachwuchsreservoir, betont der Kantor.

Der Musiker ist überzeugt: Jedes Kind kann singen. In der Schule wendet er die Ward-Methode nach der amerikanischen Musikpädagogin Justine Ward an. Nach dieser vokalen Methode sollen alle musikalischen Erfahrungen über die Singstimme vermittelt werden. Dabei bekommt jeder Tone eine Silbe und eine Geste zugeordnet: So erleben die Kinder Singen mit ihrem ganzen Körper. Die Käfergruppe ist an diesem Morgen eifrig und konzentriert dabei. Wenn Jan-Martin Drafehn fragt, wie der Ton klingt, schnellen die Hände in die Höhe. Jeder will zeigen, was er kann.

Im Unterricht und darüber hinaus: Die Musik kreiert in dieser Schule eine ganz eigene Praxis der Frömmigkeit: gesungener Glaube.

Katja Schmidtke

Hintergrund
Die evangelische Domschule St. Martin in Naumburg wurde 2001 eröffnet und befindet sich in Trägerschaft des Vereins »Evangelisches Schulprojekt Burgenlandkreis«. In dem historischen Gebäudekomplex am Dom sind auch Kindergarten und Hort untergebracht, beides trägt die Kirchengemeinde. Zum Kollegium der Grundschule gehören sechs Lehrer, zwei pädagogische Mitarbeiter, ein Schulleiter und vier externe Lehrkräfte. Zwei Stunden Religion werden pro Woche unterrichtet, zum geistlichen Leben gehören Tischgebete, eine wöchentliche Andacht und natürlich die Musik. Unterrichtet wird in Lerngruppen mit Erst- und Zweitklässlern sowie Dritt- und Viertklässlern.


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Keiner feiert Ostern spektakulärer

1. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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In Jerusalem ist in diesen Tagen einiges los. Die israelische Polizei ist mit Sondereinheiten im Einsatz. Orthodoxe Christen begehen das Osterfest in ganz besonderer Weise.

Die Gläubigen schubsen und stoßen, wollen möglichst nah ans Heilige Grab. Manche stehen seit dem frühen Morgen hier, nicht wenige haben in der Kirche auf Hockern oder in Schlafsäcken übernachtet. Seit Stunden intonieren einheimische Christen unter Trommelbegleitung Choräle.

Nun bahnen sich Vertreter der Behörden dank Ellenbogengewalt einen Weg durch die Menge. Sie repräsentieren die römische Besatzungsmacht zur Zeit Jesu. So wie diese gemäß der Heiligen Schrift das Grab Jesu verschloss, verfahren nun die Gesandten des israelischen Staates. Mittels Wachs versiegeln sie das Grab, nachdem sie in diesem nach versteckten Anzündern wie etwa Streichhölzern gesucht haben. Betrug soll ausgeschlossen werden.

Kurz nach 13 Uhr erscheint die hohe Geistlichkeit. Das Drängeln und Schieben wird fast zur Schlacht. Viele versuchen, einen der Kleriker zu berühren. Nach Gebet und Prozession betritt der »griechisch-orthodoxe Patriarch der Heiligen Stadt Jerusalem« Theophilos III. die Ädikula, das Heilige Grab.

Die Menge stimmt das Kyrie Eleison an. Den Grabeingang bewacht nun der neutrale »Lateinische«, sprich römisch-katholische Küster – sozusagen als Schiedsrichter und Wächter des Status Quo, des in dieser Kirche seit 1852 gültigen Reglements. Auf Arabisch, Armenisch, Griechisch, Russisch, Koptisch und in anderen Sprachen murmeln Gläubige ihre Gebete. Fast jeder hält eine 33er-Kerze in der Hand, die selbst palästinensisch-muslimische Händler im Basar feilbieten – sie symbolisiert das Todesalter Jesu.

Jedes Jahr am Karsamstag nach julianischem Kalender, den die einheimischen Christen Sabbt in-Nuur (Lichtsamstag) nennen, versammeln sich Abertausende von Gläubigen und tauchen mit dem Warten auf das Licht in dieses Ritual des 4. Jahrhunderts ein. Orthodoxe Christen glauben, dass das Jahr, in dem es ausbleibt, das letzte in der Geschichte der Menschheit sein wird.

Die Spannung steigt. Nach etwa zwanzig Minuten tritt der »Grieche«, wie man in Jerusalemer Kirchenkreisen sagt, mit zwei Bündeln 33er-Kerzen aus der Ädikula auf. Freudenschreie und Jauchzer ertönen. Die architektonisch so verwirrende Kirche, im Wesentlichen ein Kreuzfahrerbau mit Teilen der konstantinischen Basilika, hallt vom Jubel wider, als sei ein längst herbeigesehntes Tor im Fußballstadion gefallen.

Jubeln ist das eine. Daneben gilt es, schnell die eigene Kerze anzuzünden. Dabei setzt bei manchen der Verstand aus. Ohne Rücksicht auf die Umstehenden strecken sie ihre Kerze über die Köpfe anderer, um sie zu entzünden. Binnen Sekunden wird die Kirche zum Lichtermeer, spürbar steigt die Temperatur. Das Heilige Feuer wird in Windeseile weitergegeben, auf den Vorplatz der Basilika, von dort in die Altstadt und weiter nach Bethlehem. Es fliegt sogar via Sondermaschine zur Ostervigil nach Moskau.

Wie kommt es zum »Lichtwunder«? Diodoros, Patriarch von 1980 bis 2000, hat einmal Einblicke in das Lichtgeheimnis gewährt: »Ich suche mir meinen Weg durch die Dunkelheit hin zur Grabkammer und knie nieder. Da spreche ich bestimmte Gebete (…) und warte. Manchmal mag es ein paar Minuten dauern, aber normalerweise geschieht das Wunder sofort (…). Aus dem Stein, auf dem Jesus geruht hatte, strömt ein undefinierbares Licht hervor. (…) Das Licht verhält sich jedes Jahr unterschiedlich. Manchmal umhüllt es nur die Grabbank, andere Male erhellt es die ganze Grabkammer, sodass sogar Menschen, die draußen stehen, sehen können, wie die Grabeskapelle mit Licht erfüllt wird. (…) Ab einem bestimmten Punkt steigt das Licht empor und bildet eine Säule; (…), sodass ich meine Kerzen daran anzünden kann. Nachdem ich das Heilige Licht empfangen habe, trete ich hinaus und reiche die Flamme zuerst an den armenischen Patriarchen weiter und dann an den koptischen – und anschließend an alle Menschen, die sich in der Kirche befinden.«

Viele orthodoxe Christen aus Jerusalem oder Nazareth, aber auch hagere Russen, junge Schönheiten aus Athen oder stämmige Omas aus Zypern nehmen alles auf sich, um einmal dabei zu sein.

Nach Kar- und Ostertagen im Heiligen Land gefragt, antwortet Pater Gregor Geiger, Pilgerführer und Dozent an der ordenseigenen Hochschule Studium Biblicum Franciscanum in Jerusalems Via Dolorosa: »Es sind schöne Liturgien, obwohl die Kirchen eng sind und oft dunkel. Es kommen Menschen zusammen, die keine gemeinsame Sprache haben, aber die beim Gottesdienstfeiern nicht auf die Uhr schauen. Sie haben ihre Freude an innigen Gottesdiensten. Deutsche können von hier den Mut mitnehmen, den Glauben vor der Umgebung zu zeigen.«

Johannes Zang

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Das Leben feiern: Ostern

1. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Ostern steht für die Kraft des Neuanfangs: Der Glaubenskurs der Kirchenzeitung widmet sich den kirchlichen Festen und zeigt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

In den Ostergottesdiensten rufen diejenigen, die die Gottesdienste leiten, überall auf der Welt in die Gemeinde: »Der Herr ist auferstanden!« Und nach alter Tradition antworten die Menschen dann laut, fröhlich und wie mit einer Stimme: »Er ist wahrhaftig auferstanden!« Ein Jubelruf sondergleichen. Ein Freudenschrei. Ein Glaubensjauchzer. Denn wenn das stimmt, wenn Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist, dann gibt es für das Leben keine Grenzen mehr. Dann hat sich Gott stärker erwiesen als alles, was das menschliche Dasein bedrohen und uns Angst machen kann.

Die Auferstehung steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Die Geschichte davon, dass am Ostermorgen, zwei Tage nach der Kreuzigung, Frauen zum Grab Jesu laufen und dort völlig verblüfft feststellen, dass jemand den schweren Stein vor der Höhle weggerollt hat – und das, obwohl die Römer dort Wachen aufgestellt hatten. Dann verkündet ein Engel den Frauen … als wäre das das Normalste der Welt: »Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier; er ist auferstanden.«

Und tatsächlich: Jesus zeigt sich in den nächsten Tagen und Wochen vielen seiner Anhängerinnen und Anhänger ganz persönlich. Wundervoll.

Ist das wirklich so passiert? Nun, argumentativ oder gar empirisch beweisen lässt sich dieses schier unfassbare Geschehen sicher nicht. Aber es stellt sich natürlich schon die Frage, warum die ersten Christinnen und Christen ihr Leben für eine selbst ausgedachte Geschichte oder einen frechen Grabraub hätten riskieren sollen. Oder warum ausgerechnet zwei Frauen als Zeuginnen für die Auferstehung erwähnt werden. Deren Aussage galt nämlich damals vor Gericht überhaupt nicht.

Tatsache ist: Die einzigartige Botschaft, dass das Leben stärker ist als der Tod, hat die Welt von Grund auf verändert, weil sie zu einer einzigartigen Quelle der Hoffnung wurde. Das zumindest ist ein Fakt.

Doch auch wenn es sich bei der Auferstehung letztlich um eine Glaubensfrage handelt, geht es natürlich um mehr als darum, ob und wie damals ein toter Mensch wieder lebendig wurde. Ostern erzählt immer auch davon, dass die Hoffnung stärker ist als die Furcht, dass das Vertrauen größer werden kann als die Trostlosigkeit – und dass mancher Neuanfang kraftvoller daherkommt als das Ende.

Wer in diesem umfassenden Sinn an die Auferstehung glauben kann, der wird anders an das Leben herangehen: zuversichtlicher, gelassener und hingegebener; vor allem, weil er eine Perspektive bekommt, die über den Tod hinausweist. Schließlich macht die Auferstehung deutlich: Der Tod hat bei Gott nicht das letzte Wort. Und wenn unser Dasein im Diesseits nicht alles ist, dann gibt es auch keinen Grund mehr, zwanghaft und voller Gier im Hier und Jetzt alles erlebt haben zu müssen. Dann ist ein Menschenleben nur eine Zwischenstation.

Diesen Gedanken finden viele Menschen seit 2 000 Jahren ungemein tröstlich.

Um die Auferstehung bewusst zu zelebrieren, fingen die Gemeinden schon früh an, Ostern im Morgengrauen zu feiern – beim Übergang vom Dunklen ins Helle. Ja, mehr noch: Weil es ja darum ging, den Schritt vom Tod ins Leben nachzuempfinden, entstand bald auch der Brauch der Osternächte … schließlich ging man davon aus, dass Jesus gegen drei Uhr morgens auferstanden sei.

Diese nächtlichen Gottesdienste galten lange Zeit als die wichtigsten im ganzen Kirchenjahr. Man befand sie für so bedeutend, dass über Jahrhunderte überhaupt nur in der Osternacht getauft wurde. Dann bekamen die Taufanwärter in der Passionszeit den Taufunterricht – und gingen anschließend symbolisch mit Jesus den Weg aus dem Grab in die Auferstehung. Durch den Tod in eine neue Form des Seins.

Irgendwann entstand darüber hinaus die Vorstellung, Jesu hätte vor seiner Auferstehung noch kurz in der Unterwelt vorbeigeschaut: »Hinabgestiegen in das Reich des Todes«, wie es noch heute im Glaubensbekenntnis heißt. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Gottes Liebe zu den Menschen so groß ist, dass er seinen Sohn auch zu allen gesandt hat, die gestorben sind, bevor sie die Botschaft von der Vergebung und der Zuneigung des Himmels hören konnten. Anders gesagt: Selbst in die größte Gottverlassenheit bringt Gott Leben.

Darauf zu vertrauen, das hilft nicht nur in dunklen Zeiten – eine solche Hoffnung kann der Auslöser für einen mutigen Neuanfang sein. Ostern feiern heißt deshalb vor allem: Ich glaube daran, dass Gott es gut mit mir meint – und dass seine Liebe wahrhaftig kein Ende kennt.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist

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Das Leben feiern: Die stillen Feiertage

27. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Karwoche offenbart die Zerbrechlichkeit des Daseins: Unser Glaubenskurs »Credo« widmet sich den kirchlichen Festen und zeigt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

Ein kluger Mensch hat mal gesagt: »Probleme kann man lösen. Spannungen muss man aushalten.« Vielleicht kann man Spannungen sogar konstruktiv nutzen, aber sie werden niemals aufhören. Zum Beispiel wird man noch in Jahrhunderten darüber diskutieren, ob es besser ist, Traditionen zu bewahren oder regelmäßig Neues zu entwickeln. Lösen lässt sich da nichts. Wie sehr das Leben von solchen Spannungsfeldern geprägt ist, zeigt die Karwoche (die Woche vor Ostern), in der mehrfach sehr gegensätzliche Empfindungen aufeinandertreffen.

Los geht es mit dem Palmsonntag, der seit dem 9. Jahrhundert in der gesamten Christenheit gefeiert wird. Zur Erinnerung: Am Sonntag vor Ostern lässt sich Jesus von seinen Jüngern eine Eselin bringen und reitet auf ihr demonstrativ in die Stadt Jerusalem. Und alle, die sich im Alten Testament auskannten, dachten sofort daran, dass der Prophet Sacharja verkündet hatte, der Messias werde auf einem Esel in die Stadt kommen. Kein Wunder, dass die Massen am Straßenrand standen, dem staubigen Eselsreiter zujubelten und Palmzweige auf die Straße streuten – was in der Antike quasi als »Roter Teppich« galt. Allerdings: Die Leute hofften fast alle, Jesus würde als politischer Reformer die römische Besatzungsmacht vertreiben … und weil er das nicht tat, schlug die Stimmung schnell um. Und darin steckt eine ganz zeitlose Frage: Wo projizieren wir möglicherweise noch heute unsere eigenen Sehnsüchte und Hoffnungen auf Jesus?

Wenige Tage später kommt es dann am Gründonnerstag zur berühmten Einsetzung des Abendmahls. Und das birst schier vor Spannungen: Einerseits feiert Jesus mit seinen Jüngern das festliche Passahmahl, das an den Auszug des Volkes Israel aus der Gefangenschaft erinnert, andererseits macht er den Anwesenden deutlich, dass sein Verrat und sein Tod kurz bevorstehen. Puh! Da mischt sich die Freude über das Versprechen Jesu, auch zukünftig bei den Menschen zu sein, wenn sie in seinem Namen gemeinsam essen, mit der Wut und dem Unverständnis über den ungewollten Abschied. Mehr noch, Jesus erklärt: »So wie Gott mit dem Volk einen Bund geschlossen hat, so schließe ich jetzt einen Bund mit euch.« Die Gemeinschaft beim Abendmahl wird fortan zum Symbol der Gegenwart Gottes. Was natürlich die spannende Frage aufwirft, ob und wie wir mit anderen Menschen (in und außerhalb der Kirche) die Gegenwart Gottes erleben.

Doch an diesem Abend passiert noch etwas, das die vielen Spannungen des Lebens thematisiert, nämlich die Fußwaschung. Ganz überraschend fängt Jesus an, seinen Jüngern die Füße zu waschen, die das nach dem Wandern auf den staubigen Straßen vermutlich nötig hatten. Doch Füße-Waschen ist Sklavenarbeit, und so wird der Jünger Petrus richtig sauer: »Niemals lasse ich mir vom Sohn Gottes die Füße waschen.« Woraufhin ihm Jesus deutlich macht, dass es im Reich Gottes um das Dienen geht. Wenn der Starke dem Schwachen hilft, dann wird das Evangelium lebendig. Das wirft damals wie heute alle Hierarchievorstellungen über den Haufen: Wer anderen dient, der ist groß!

Und dann kommt der Karfreitag – und weil »Kar« ursprünglich »Klage« heißt, geht es um einen Jammerfreitag. Um den Tag, an dem deutlich wird, wozu Menschen fähig sind. Ein Aufschrei gegen jede Willkür und jede Bosheit. Denn Jesus, der keiner Fliege etwas zuleide getan hat, wird ans Kreuz geschlagen – weil er die Denkstrukturen der Führenden in Frage gestellt hat. Schon durch Ideen wie: Liebe ist wichtiger als Macht. Doch in den Schmerz seiner Anhänger mischt sich plötzlich eine merkwürdige Irritation: Hat Jesus nicht angekündigt, dass er sterben müsse? Und heißt es nicht beim Propheten Jesaja: »Fürwahr, er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen«? Was, wenn dieser Tod einen Sinn hat? Wenn Jesus gewissermaßen für die Menschen stirbt, um ihnen so einen Weg zu Gott und zum Leben aufzuzeigen? Wie dieser Tod am Kreuz genau zu deuten ist, darüber streiten Wissenschaftler schon seit 2000 Jahren. Doch eines ist klar: Auch wenn etwas stirbt, kann daraus neues Leben entstehen. Das ist vermutlich die größte Spannung von allen.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist

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Glaube geht durch den Magen

27. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Werner Tiki Küstenmacher erlebte bei einer Fastenkur den grausigsten Kopfschmerz seines Lebens und erst dann die asketische Klarheit. Er tröstet sich mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei ein »Fresser und Weinsäufer« gewesen – und lässt es sich schmecken.

Fasten ist etwas Katholisches. Das müssen wir nicht«, sagte meine Mutter und stärkte mein Gefühl, im katholischen München etwas Besonderes zu sein. Der Christian Ude, der im Haus zwei Stockwerke höher wohnte, war auch evangelisch, und bei den Udes gab es wie bei uns in den Wochen vor Ostern dasselbe sparsame Essen wie sonst im Jahr auch. Meine in Berlin geborene Mama war stolz darauf, mit Hilfe von Brotresten und Gewürzen aus einem halben Pfund Hackfleisch ein Dutzend dicke Buletten machen zu können.

Als ich in die Schule kam, wurde mir der Unterschied noch deutlicher. Meine Eltern berichteten, dass sie für mich eine moderne Gemeinschaftsschule gefunden hatten. Das freute mich, weil ich dachte: prima, zusammen mit Mädchen! Groß war meine Enttäuschung, als ich sah, dass es sich um die damals revolutionäre Gemeinschaft von katholischen und evangelischen Jungs in einer Klasse handelte.

Aber es war dann doch interessant, was bei den Katholischen alles anders war: Sie bekreuzigten sich beim allmorgendlichen Schulgebet, und am Freitag hatten sie keine Wurst auf dem Pausenbrot. Religion und Essen, das hatte offensichtlich etwas miteinander zu tun.

Viele Jahre später, als der evangelische Ude in der gar nicht mehr so rein katholischen Landeshauptstadt Oberbürgermeister war, ist die Fastenzeit ökumenisch geworden. Und bunter, irgendwie auch protestantischer. Man konnte sich selbst aussuchen, worauf man in den »sieben Wochen ohne« verzichten wollte: Süßigkeiten, Fleisch, Alkohol.
Feuilleton-12-2018Als ich mit dem Theologiestudium an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau begann, keimten in mir Gedanken der ganz großen Askese.

Immer hast du diese Kinderzeichnungen gekrakelt, sprach ich zu mir, nun bereitest du dich auf einen ernsten Beruf vor: Ab heute ist Schluss mit den Männchen. Vermutlich hätte ich es durchgezogen, wenn nicht die Vorsehung in Person von Andreas Ebert gekommen wäre. Wir hatten gemeinsam das Studium begonnen. Als es galt Bibelstellen zu pauken, suchten wir nach gehirnfreundlichen Lernmethoden. Da sah der Andreas meine Bildchen und überzeugte mich, dass es eine Gottesgabe sei, solche Figuren aufs Papier bringen zu können. Wir entwickelten gemeinsam wilde Bibelcomics – gezeichnete Eselsbrücken. Und ich lernte, dass man bei allzu asketischen Ideen vorsichtig sein sollte.

Als Pfarrer dann wollte ich – einmal wenigstens – »richtig« fasten. Also gar nichts essen. Ich meldete mich an für eine Fastenwoche im Franziskushof in Craheim. Dort war es kalt und karg. Es begann mit Bittersalz und der eigenartigen Erfahrung, dass ich mich bei völligem Nahrungsentzug erstaunlich viel mit meinen eigenen Ausscheidungen beschäftigte. Ich erlebte tatsächlich die große Klarheit im Kopf, von der die Asketen erzählen – leider erst nach einer Phase fieser Kopfschmerzen und ständigen Frierens. Nachts hatte ich gewaltige Träume. Kein Wunder, dass die fastenden Wüstenväter von unglaublichen Wundern und Visionen berichten. Dieses geistliche Fastenerlebnis blieb mein einziges. Es war eine eindrucksvolle Erfahrung, aber ich hatte keine Sehnsucht auf Wiederholung.

Mehr Lust hatte ich auf Fasten aus medizinischen Gründen. Ich habe einige F.X.-Mayr-Kuren gemacht (die mit den trockenen Semmeln und der winzigen Tasse Kefir am Morgen) und die Wirkung sehr genossen.

Manchmal fand ich allerdings, dass man sich bei so einer Kur zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Alleine durch die wunderschönen Waldwege rund um Bad Grönenbach zu laufen, wurde mir bald zu fad. Da kam ich auf die Idee, in die riesige Therme von Bad Wörishofen zu fahren, und fand das Zusammensein mit vielen anderen entspannten Menschen in den riesigen Warmwasserbecken herrlich.

Über Jesus wurde erzählt, er sei ein »Fresser und Weinsäufer« gewesen. Über Asketen spottete er sogar: »Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten.« Das brachte mich auf den Gedanken, ob Jesus nicht auf seine Weise ein luxuriöses Leben führte. Einmal heißt es im Neuen Testament, dass er den ganzen Tag im Tempel saß und den Leuten zusah. Wenn das nicht Luxus ist! Ein Aspekt an Jesus, der meiner Meinung nach bisher zu kurz kam. So schrieb ich »JesusLuxus« – von allen meinen Werken mein persönliches Lieblingsbuch.

Die Fastenaktion der evangelischen Kirche hatte ähnliche Gedanken: 2008 wählte sie »Verschwendung!« als Thema, »7 Wochen ohne Geiz«. Zu »verschwenderischer Liebe« wurde aufgerufen, zu großzügigen Spenden und freigiebigem Engagement für andere. Inzwischen sind die originellen Mottos der Fastenaktion zu einem evangelischen Markenzeichen geworden: Sieben Wochen ohne Ausreden, ohne Scheu, ohne falsche Gewissheiten, ohne »Sofort!«, ohne Runtermachen.

Ich finde es gut, den Fastenbegriff über den eigenen Körper hinaus zu erweitern. Sieben Wochen etwas weglassen, an das man sich in den restlichen 45 Wochen gewöhnt hat: über nicht anwesende Menschen schlecht reden, über die Schlechtigkeit der Welt jammern. Und dabei immer barmherzig zu sich selbst zu bleiben. Wer nachrechnet, merkt: Bei einer klassischen 40-tägigen Fastenzeit bleiben bei sieben Wochen ein paar Tage übrig. Das sind die Sonn- und Feiertage. Man darf sich also beim Fasten Unterbrechungen gönnen, nach dem schönen Motto »Festtag bricht Fasttag«. Seit ich mir beim Weglassen von Alkohol, Süßem oder Fleischigem ein paar »Joker« erlaubt habe für besondere Events, fiel mir das Durchhalten leichter.

Vor ein paar Wochen wäre der katholische Theologe Eugen Biser 100 Jahre alt geworden. Er hätte das sogar fast erlebt, denn er wurde 96 und war bis zum Schluss ein brillanter Denker. Während meines Studiums war ich fasziniert von seinen Vorlesungen. Er betonte immer, das Christentum sei keine asketische Religion wie etwa der Buddhismus, sondern eine therapeutische. Beim Fasten gehe es nicht darum, sich aufzuopfern und zu leiden, um außergewöhnliche Erfahrungen zu machen, sondern um sich selbst zu heilen.

Und um innere Kraft zu bekommen, damit man danach umso besser für andere da sein kann.

Der Autor ist Theologe, Karikaturist und Bestsellerautor (»Simplify your life«).

www.kuestenmacher.com

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Weltweite Mission ist alternativlos

27. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Ist es noch notwendig zu missionieren? Diese provokante Frage wird dem Direktor des Leipziger Missionswerks oft gegestellt. Und er hat eine klare Antwort.

Sie lautet: Ja! Denn solange der Missionsauftrag Jesu nicht erfüllt ist, besteht die Notwendigkeit für Mission fort. »Zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit« (Lukas 4,18) – lautet dieser Auftrag Jesu konkret.
Solange wir in einer Welt der Diskriminierung, der Ungerechtigkeit, des Krieges, der Zerstörung von Umwelt und Natur leben, besteht die Notwendigkeit von Mission. An den Rändern und bei den Marginalisierten beginnt Gottes Verwandlung der Welt. Dabei ist Marginalisierung nicht auf Armut begrenzt, und die Gefangenschaft des Menschen kommt in ganz verschiedenen Formen daher.

In der neuen Missionserklärung des Weltrats der Kirchen von 2012/2013 spielt das Thema der »Mission von den Marginalisierten und von den Rändern her« eine zentrale Rolle: Jenseits jeglicher paternalistisch geprägten Fürsorge bestimmen die Menschen, die an den Rand gedrückt und marginalisiert werden, die Themen der Weltmission. Deshalb wunderte es nicht, dass die Weltmissionskonferenz vor zwei Wochen Raum dafür bereitstellte, Stimmen aus Situationen der Marginalisierung zu Wort kommen zu lassen.

So zum Beispiel Adi Mariana Waqa, eine junge Studentin aus Fidschi, von der Insel Taveuni: »Ich gehöre zu den Völkern des Pazifischen Ozeans, die reich sind an Geschichte, Spiritualität, Tradition und Wissen. Seit zweihundert Jahren nun ankert die Kirche in unseren Gewässern, bringt uns die Gute Nachricht von Christus und verändert unsere religiöse Landschaft.«

Marginalisierung heute erlebt Mariana Waqa im vom Menschen gemachten Klimawandel, der ihre Welt zu vernichten droht, was bereits in zunehmenden und gewaltvoller werdenden tropischen Wirbelstürmen zu spüren ist. Marginalisierung aber findet statt auch im Bestreben internationaler Firmen, die Risikotechnologie des Tiefseebergbaus einzusetzen. Vor der Küste Papua-Neuguineas sollen im kommenden Jahr die ersten Tiefsee-Baustellen verwirklicht werden.

Mission und Klimawandel: Das Atoll Tarawa gehört zum pazifischen Inselstaat Kiribati. Berechnungen zufolge könnte das Gebiet 2050 größtenteils nicht mehr bewohnbar und spätestens 2070 überschwemmt sein. Foto: Government of Kiribati/CC BY 3.0

Mission und Klimawandel: Das Atoll Tarawa gehört zum pazifischen Inselstaat Kiribati. Berechnungen zufolge könnte das Gebiet 2050 größtenteils nicht mehr bewohnbar und spätestens 2070 überschwemmt sein. Foto: Government of Kiribati/CC BY 3.0

Abgesehen von den unberechenbaren ökologischen Folgen und Risiken, greift diese Technologie in den kulturell-spirituellen Lebensraum der Menschen im pazifischen Raum ein, wie es schon einmal im Zuge des Kolonialismus geschehen ist. Auch davon spricht Mariana Waqa: Dass das Evangelium unter den Flügeln des Kolonialismus zu den Menschen des Pazifiks gebracht wurde. Das führte zu einer umfassenden Verurteilung der einheimischen Kultur, Spiritualität und Religiosität als wild, lasziv und barbarisch.

Arusha, der Ort an dem die Weltmissionskonferenz in diesem Jahr stattfand, ist für die Leipziger Mission besonders in dieser Perspektive ein schmerzlicher Ort sowie ein heilsames Mahnmal. Nach zehn Jahren intensiver Debatte in Leipzig, ob man überhaupt Missionare in das deutsche Kolonialgebiet in Ostafrika entsenden soll, kamen vor 125 Jahren die Leipziger als erste deutsche Missionare am Fuß des Kilimandscharo an. Drei Jahre später, 1896, sollte die Ausweitung der Arbeit zum benachbarten Berg Meru erfolgen.

Ewald Ovir und Karl Segebrock wurden vom Häuptling der Wameru, eingeladen und erhielten einen Bauplatz für die Missionsstation zugewiesen. Wenige Tage später lagerte eine deutsche Militärtruppe in der Nähe. Ein nächtlicher Angriff agitierter, jugendlicher Kämpfer auf diese Militärtruppe konnte abgewehrt werden; auf ihrer Flucht aber töten sie die beiden Leipziger Missionare. Darauf hin führte die deutsche Kolonialtruppe eine Strafaktion durch, bei der viele Männer der Warusha und Wameru getötet, Kinder und Frauen vertrieben, Vieh und Land konfisziert wurden.

Mit dem Bau einer befestigen Militärstation, die den Grundstein der heutigen Stadt Arusha bildet, wurde die verbleibende Bevölkerung zwangsweise dauerhaft in die koloniale Gesellschaft integriert.

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Beziehungen von Leipzig nach Tansania 1993 bat der tansanische Bischof Paulo Akyoo um Vergebung für die Ermordung der Missionare durch dessen Vorfahren. »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« – reagierte darauf hin Joachim Schlegel, der damalige Direktor der Leipziger Mission und brachte damit die eigene schuldhafte Verstrickung in das koloniale Agieren Deutschlands zur Sprache.

Die Weltmissionskonferenz in Aru-sha war ein wichtiger Ort, um die Strukturen der Macht und die Situationen der Marginalisierung von Menschen bewusst zu machen. Die Leipziger Mission unterstützt deshalb Partner in der lutherischen Kirche in Papua-Neuguinea in ihrem Bestreben, den Tiefseebergbau an ihrer Küste kritisch ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zu rücken und die Zivilgesellschaft zum Widerstand zu mobilisieren.

Das also ist eure Mission? Ja, das ist die Mission Gottes, an der wir als Christinnen und Christen, als Kirche in Deutschland und weltweit, als Missionswerk teilhaben wollen. Dass Gott bei den Marginalisierten beginnend die Welt verwandelt, darin herrscht große Einigkeit bei den auf der Weltmissionskonferenz anwesenden Kirchen und Missionsgesellschaften aus aller Herren Länder und allen Schattierungen des Christentums. Indem wir uns für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzen, legen wir Zeugnis von Jesus, dem Christus, dem Heiland ab: Er kam nicht als Gewaltherrscher in die Welt. Sein Missionsauftrag entspricht seiner ärmlichen Geburt im Viehstall und seinem elenden Ende als gekreuzigter Verbrecher ebenso wie seinem heilenden Lebensweg an den Rändern der Gesellschaft seiner Zeit.

Dabei wollen wir den Ruf Jesu, ihm nachzufolgen, verbreiten und Menschen in seine Nachfolge einladen, damit der Auftrag für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zum Ziel gelangt. Wir haben das Ziel, dass alle Menschen Anteil bekommen am Leben in Fülle, das Gott für uns geschaffen hat und das er uns verheisst.

In Solidarität mit Christen und Kirchen weltweit müssen wir uns in Deutschland zwei Fragen stellen: Wo sind bei uns Bereiche der Marginalisierung, wo werden bei uns Menschen an den Rand gedrängt und wo nimmt bei uns Gottes Mission ihren verwandelnden Anfang?

Und wo haben wir als Kirche einer Wohlstandsgesellschaft Anteil daran, dass Menschen bei uns und anderswo an den Rand gedrückt werden? Wo müssen wir uns – wie schmerzhaft auch immer es sein mag – von Gottes verwandelnder Mission ergreifen lassen?

Diese Mission Gottes findet nicht nur in anderen Ländern und am Ende der Welt statt, sondern vor unserer Haustür, in unserer Heimat.

Ravinder Salooja

Der Autor ist Pfarrer und Direktor des Leipziger Missionswerkes. Sein Vater stammt aus Indien.

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Das Herz der Kirche ist Mission

26. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Frage, ob die Kirche missionieren soll, gleicht der Frage, ob es die Kirche geben soll. Wer nicht will, dass die Kirche missioniert, will weder, dass sie Kirche Jesu ist, noch, dass sie eine Zukunft hat.

Oder um es mit den Worten von Eberhard Jüngel auf der EKD-Synode 1999 in Leipzig zu sagen: »Wenn die Kirche ein Herz hätte, ein Herz, das noch schlägt, dann würden Evangelisation und Mission den Rhythmus des Herzens der Kirche in hohem Maße bestimmen.« Mission ist nicht eine von vielen Aufgaben. Mission ist die Identität der Kirche. Sie hat nicht Mission. Sie ist Mission. Der Vater hat Jesus in die Welt gesandt und dieser wiederum sendet die Kirche, seine Apostel, Christen und Christinnen, dass sie Gottes Sehnsucht nach uns Menschen in Wort und Tat verkündigen.

Das ist erst einmal biblisch und theologisch korrekt, provoziert aber viele Fragen und Einwände:

Erstens sind die Begriffe Mission und Evangelisation für viele kirchliche Leute negativ besetzte Reizworte, die nach Bekehrungsdruck, Einseitigkeit, rigider Moral und Fundamentalismus klingen. Auch ich habe missionierende Christen gelegentlich als eifernde Radikalinskis erlebt, die unsensibel und rechthaberisch zur Bekehrung mahnen. Das Evangelium aber ist ein respektvolles Angebot, eine Einladung, der Liebe Christi zu begegnen. Das Anliegen von Mission, Menschen in die Nachfolge Jesu zu rufen, muss aus seiner evangelikalen Verengung befreit werden und wieder zu Ehren kommen.

Keine Wahl: Mission ist nicht eine von vielen möglichen Aufgaben der Kirche, sondern die Identität der Kirche.  Foto: Mirjam Petermann

Keine Wahl: Mission ist nicht eine von vielen möglichen Aufgaben der Kirche, sondern die Identität der Kirche. Foto: Mirjam Petermann

Evangelisation und Mission sind kein Programm besonders frommer und aktiver Christen, sondern Ausdruck der suchenden Liebe Gottes, der Jesus für die Menschen gab und nun die Kirche sendet, um die Menschen zur Freundschaft mit Gott einzuladen.

Zweitens hatte es die Kirche in der Vergangenheit nicht wirklich nötig, Menschen zu gewinnen. Schließlich gehörte jeder irgendwie dazu. Das religiöse Betreuungskonzept aus der konstantinischen Ära der Kirche lebte davon, dass alle, mit Ausnahme der Juden, Kirchenmitglieder waren, die es pfarrgemeindlich zu versorgen galt. Diese Gegebenheit führte zu einer nachlässigen und faulen Grundhaltung in Sachen Mission. Aber die Situation hat sich gründlich gewandelt. Die Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung von Glaube und Kirche nicht nur in Ostdeutschland und steigende Kirchenaustrittszahlen zwingen die Kirchen zum Nachdenken darüber, wie sie einladender für Kirchendistanzierte werden können. Heute ist offensichtlich: eine Kirchgemeinde, die nicht missioniert, stirbt, und eine Kirche, die nicht missionarisch lebt, versinkt in der Bedeutungslosigkeit.

Drittens lähmt uns weithin die Erfahrung, dass unsere missionarischen Angebote bei vielen Menschen auf wenig Interesse stoßen. Wir erleben eine frustrierende Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Fragen. Wir kommen uns vor wie Schuhverkäufer in einem Land, in dem alle barfuß gehen wollen. Gleichzeitig sind die Fragen nach Identität, Sinn, Wahrheit, Zukunft, Gotteserfahrung und Gemeinschaft präsenter denn je. Und genau darin liegt die Kernkompetenz des christlichen Glaubens. Religion und Spiritualität fasziniert in unserer säkularen Kultur viele besonders junge Menschen. Die Sehnsucht nach spiritueller Selbstvergewisserung bekommt in einer immer komplizierter werdenden und bedrohlichen Wirklichkeit wieder neuen Auftrieb. Warum kommt es nicht zu einer Begegnung von Angeboten der Kirche und der Sehnsucht der Menschen? Liegt vielleicht das Problem nicht nur in der Gleichgültigkeit unseres Gegenübers, sondern auch in der mangelnden Fähigkeit unsererseits, die Liebe Gottes einladend und lebensrelevant in die Kultur der Menschen, in ihre konkrete Lebens- und Verstehenswelt, zu kommunizieren? Offensichtlich haben wir ein handfestes Kommunikationsproblem. Die gesellschaftlichen Umbrüche, in denen sich die Menschen befinden, sind so enorm, dass die christliche Verkündigung neue Wege finden muss.

Viertens verstößt Mission gegen das Basisdogma des Relativismus unserer Zeit, nach dem es keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur viele Teilwahrheiten, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Wer missioniert, will demnach einem anderen seine Wahrheit aufdrücken. Mission steht für Intoleranz, die zur Gewalt gegenüber Andersgläubigen führen kann. Missionieren ist etwas, das ein anständiger Mensch nicht tut. Und die kritische Frage »Sie wollen mich wohl missionieren?« wird sofort heftig abgewehrt. Die Kirche und die Christen haben sich von diesem Glaubensbekenntnis des postmodernen Relativismus einschüchtern lassen und reden lieber über das, was in den sozial-politischen Mainstream passt, weil sie sich so der Zustimmung ihrer Mitmenschen sicher sein können. Der Missionsgedanke gehört zum Glauben wie der Donner zum Blitz. In der Zeit postmoderner Beliebigkeit geht es darum, das Sympathische, Frohmachende, Sinnstiftende, Einladende und das Leben Stabilisierende des Glaubens zu kommunizieren. »Wir sind nur Bettler, die anderen Bettlern sagen, wo es Brot gibt« umschreibt die holländische Evangelistin Corry ten Boom das Wesen von Mission. Wir sind das Evangelium den Menschen schuldig – um Gottes willen und der Menschen willen.

Fünftens verstehen viele Pfarrer und Mitarbeiter der Kirche Mission additional als etwas, das sie noch zusätzlich zu den vielen Aufgaben tun sollen. »Ich schaff’ eh schon meine Arbeit kaum, und jetzt soll ich auch noch missionieren.« Dahinter steht das alte Verständnis von Mission, das eine Aufgabe und Aktivität der Kirche umschreibt. Mission aber ist kein Akt der Kirche, sondern ihr Sein in dieser Welt. Was wir als Gemeinde tun, predigen, unterrichten, verwalten, mit Leuten reden, musizieren, feiern, das alles ist Mission, wenn unser Tun durchdrungen ist von der Beauftragung und Begabung Gottes, seiner suchenden Liebe in dieser Welt Ausdruck zu verleihen.

Alexander Garth

Alexander Garth ist evangelischer Theologe, Pfarrer an der Wittenberger Stadtkirche und Sachbuchautor.

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Ausreise oder Gefängnis

20. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Ab dem 1. April droht Temesgen Asfaha die Abschiebung aus Israel – wie weiteren Tausenden Afrikanern. Er will sich widersetzen und riskiert damit eine Gefängnisstrafe. Es sei denn, ein neues Gerichtsurteil zeigt Folgen.

Gleich im Anschluss an seine Nachtschicht in einem Restaurant ist Temesgen Asfaha zum Meldeamt gefahren. Seit fünf Stunden steht der junge Eritreer in der Schlange der unterbesetzten Behörde in Bnei Berak bei Tel Aviv. Schon in wenigen Tagen läuft sein Visum für Israel ab. »Ich bin sicher, dass ich einen Ausreisebefehl bekomme«, sagt der hochgewachsene orthodoxe Christ, der vor acht Jahren aus Eritrea floh, müde.

Asfaha ist einer von rund 20 000 Migranten in Israel, denen noch wenige Wochen bleiben, um zwischen Ausreise oder Gefängnis zu entscheiden. Insgesamt leben in Israel rund 40 000 offiziell als »Infiltranten« bezeichnete Afrikaner, die zumeist aus Eritrea und dem Sudan stammen, darunter 5 000 Kinder.

Ausharren: Afrikanische Asylbewerber warten stundenlang vor der Migrantenbehörde in Bnei Berak bei Tel Aviv und kochen Tee. Fotos: Debbie Hill

Ausharren: Afrikanische Asylbewerber warten stundenlang vor der Migrantenbehörde in Bnei Berak bei Tel Aviv und kochen Tee. Fotos: Debbie Hill

Die umstrittene Abschiebung betrifft vorläufig nur alleinstehende Männer, die Israel ausstattet mit 3 500 Dollar (rund 2 800 Euro) und einem One-Way-Ticket in die Ungewissheit. »Der Staat Israel hat Vorkehrungen getroffen, die es Ihnen erlauben, Israel zu verlassen und in ein sicheres Drittland zu reisen«, heißt es in einem zweiseitigen Anschreiben auf Hebräisch. In welches Land die Reise geht, wird nicht erwähnt, nur dass dort »eine stabile Regierung« herrscht. Inoffiziell sind Ruanda und Uganda im Gespräch. Versprochen werden zudem eine »befristete Aufenthaltserlaubnis« und die Möglichkeit zu arbeiten. Das Dokument endet mit den Worten: »Viel Glück«.

Auf keinen Fall will Asfaha freiwillig ausreisen, auch wenn die Alternative Gefängnis bedeutet. »In Ruanda bin ich Freiwild.« Der 25-Jährige mit kurz geschnittenem Haar, Vollbart und silbernem Kettchen um den Hals hat sichtlich Angst. »Ich habe schon genug mitgemacht, damals im Sinai.« Den musste er auf seiner Flucht Richtung Israel durchqueren. Zwei Monate hielten ihn Beduinenbanden in einem Kerker angekettet fest und misshandelten ihn, bis seine Familie ein Lösegeld von 3 000 Dollar zahlte.

Nach Eritrea kann er nicht zurück. Dort gilt er als fahnenflüchtig, riskiert Strafe und den Armeedienst, der ihn einst in die Flucht trieb. Zwölf Jahre und länger zwingt das diktatorische Regime junge Männer und Frauen zum Dienst an der Waffe.

Zum ersten Mal erkannte ein Gericht in Jerusalem jüngst einen eritreischen Deserteur als Asylbewerber an. Es bestehe »begründete Angst vor einer Verfolgung», hieß es im Urteil. Die Hotline für Migranten in Tel Aviv hofft, dass dies bahnbrechend für Tausende Eritreer sein könnte, deren Asylanträge zuvor abgelehnt wurden. In den vergangenen Tagen wurden der Hotline zufolge allerdings die ersten sieben eritreischen Flüchtlinge von einem Camp in eine Haftanstalt verlegt. 600 hätten ihren Abschiebungsbescheid erhalten. Asfaha glaubt nicht daran, dass ihm Israel Asyl gewähren wird. »Keiner von uns will ewig hier bleiben«, sagt er. Was er sich wünsche, sei lediglich eine temporäre Aufenthaltsgenehmigung.

Laut Urteil des Obersten Gerichts in Jerusalem darf Israel Flüchtlinge erst abschieben, wenn es ein Land gibt, das bereit ist, sie aufzunehmen. Die ruandische Regierung erklärte, sie sei entschlossen, Menschen im Exil zu unterstützten. Man werde aber nur diejenigen aufnehmen, die »freiwillig und ohne Zwang kommen«. Ein geheimes Abkommen mit Israel, von dem in Jerusalem wiederholt die Rede war, gebe es nicht.

Je näher der Stichtag 1. April für den Beginn der Abschiebungen rückt, desto stärker regt sich Protest. An einem Wochenende Ende Februar gingen etwa 20 000 Menschen in Tel Aviv auf die Straße. Israelische Menschenrechtler kündigten an, bedrohte Geflüchtete bei sich zu verstecken. Piloten der israelischen Fluggesellschaft El-Al wollen den Transport der Migranten ins Ungewisse verweigern, und renommierte Autoren, wie Amos Oz und David Grossman, appellieren an die Regierung, »moralisch, menschlich und mit Mitgefühl« zu handeln. Auch Migranten selbst protestieren immer wieder. Lieber ins Gefängnis als in die Ungewissheit, sagen viele.

Soweit will es Rabbi Susan Silverman jedoch nicht kommen lassen. Inspiriert von der Geschichte der Anne Frank, die sich mit Hilfe von Nachbarn in Amsterdam über Jahre vor den Nazis versteckt hielt, appelliert die Aktivistin an Israelis, die Menschen in Not bei sich zu verstecken, sollte es ernst werden. Auch der frühere Oberrabbiner Meir Lau, selbst Holocaust-Überlebender und Vorsitzender der Gedenkstätte Yad Vashem, rief dazu auf, den Geflüchteten gegenüber Mitgefühl und Erbarmen zu zeigen. Die Erfahrungen des jüdischen Volkes »unterstreicht diese Verpflichtung«.

Eine Umfrage des Israelischen Demokratie-Instituts zeigt, dass zwei Drittel der israelischen Bevölkerung den Deportationsplan der Regierung befürworten (69 Prozent der jüdischen und 50 Prozent der arabischen Israeli). Gut die Hälfte der jüdischen Befragten sieht in der eigenen Geschichte der Verfolgungen keine besondere Verpflichtung, die afrikanischen Geflüchteten in Israel aufzunehmen.

Susanne Knaul  (epd)

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Projekt Weltethos – quo vadis?

20. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 90. Geburtstag von Hans Küng, dem Mitbegründer der Stiftung Weltethos

Was für ein Großereignis! 1993 treffen sich in Chicago mehr als 6 000 Menschen verschiedenster Religionen. Ihr Ziel: Das Formulieren einer gemeinsamen Ethik. Der Einlader: Professor Hans Küng, katholischer, in Rom in Ungnade gefallener Theologe. Das Ergebnis: Eine Erklärung zum Weltethos. 1995 gründet Hans Küng dann die Stiftung Welt-
ethos.

Feuilleton-2-11-2018Im Vergleich zu diesem Schwung und dem internationalen Aufsehen zu Beginn ist es heute um das Projekt Weltethos stiller geworden. Dabei wäre ein solches Projekt angesichts von kriegsbedingten Fluchtwellen, religiösem Überlegenheitsdenken und oft ethikbefreitem Regierungshandeln in Nordkorea, Syrien und anderswo nötiger denn je! Warum ist das Projekt Weltethos nicht ständiger Gast auf der Münchner Sicherheitskonferenz oder in den Vollversammlungen der Vereinten Nationen (UN)? Gerade jetzt in Zeiten so vieler religionsbedingter Kriege? Warum verliert das Projekt an Relevanz?

In starkem Maße mit dem Initiator verbunden

Erstens: Das Projekt Weltethos ist in starkem Maße mit dem Initiator Hans Küng verbunden. Karitativen Stiftungen oder Projekten, die zu sehr mit einer einzigen, dazu noch charismatischen Person verbunden sind, droht ein massiver Verlust an öffentlicher Präsenz, wenn sich der Initiator aus dem operativen Geschäft zurückzieht. Hans Küng ist zwar noch Ehrenpräsident der Stiftung, aber der Versuch, im Jahr 2013 mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler einen renommierten, international bekannten Nachfolger als Leiter zu gewinnen, ist gescheitert.

Zweitens: Bereits 1948 hat die UN die Menschenrechtscharta verkündet. Angesichts vieler Staaten, in denen Religion und Staat strikt getrennt sind, hat eine solche Charta eine größere Chance als verbindlich angesehen zu werden, als eine von Religionsgemeinschaften formulierte Erklärung. Sollte man meinen. Aber trotz dieser Charta fällt es der UN oft schwer, bei kriegerischen Konflikten und daraus resultierenden humanitären Katastrophen mit einer Stimme zu sprechen. Menschenrechte haben dann allenfalls eine rhetorische Lobby. Ein gegenüber den Menschenrechten noch allgemeineres und von Religionen formuliertes Weltethos bewirkt erst recht kein politisches Einlenken oder Umdenken.

Drittens: Je mehr Religionen sich auf einen gemeinsamen Nenner einigen, desto kleiner wird dieser Nenner. »Menschlichkeit«, »Wahrhaftigkeit«, um zwei der Forderungen des Projekts Weltethos zu nennen – wer würde sich dazu nicht bekennen? Wörter wie Seifenblasen: Dehnbar, durchschaubar und schnell am Zerplatzen.

Hans Küng, schweizer Theologe und katholischer Kirchenkritiker. Wegen seiner Kritik am Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit wurde ihm 1979 die kirchliche Lehrbefugnis entzogen. Am 19. März wird er 90 Jahre alt. Foto: epd-bild

Hans Küng, schweizer Theologe und katholischer Kirchenkritiker. Wegen seiner Kritik am Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit wurde ihm 1979 die kirchliche Lehrbefugnis entzogen. Am 19. März wird er 90 Jahre alt. Foto: epd-bild

Selbst der größte Despot würde Menschlichkeit und Wahrhaftigkeit im Zweifel für sich beanspruchen. Was bei solchen Begriffen fehlt, ist die Konkretion: Was bedeutet Menschlichkeit angesichts der Bilder aus Ost-Ghuta? Angesichts zerfetzter Kinderkörper, schreiender Mütter, blutender Straßenhändler? Wie ist hier konkret und unverzüglich politisch zu handeln?

Viertens: Die Stiftung Weltethos steckt in einem sprachlichen Dilemma. In ihrer Erklärung von 1993, ihrem Fundament, fordert sie Menschlichkeit, Gegenseitigkeit, Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit. Dazu noch die Partnerschaft von Mann und Frau. Die gleichgeschlechtliche Partnerschaft war 1993 noch nicht im Blick?! Und heute?! Statt Verben also Hauptwörter mit Endungen auf -keit oder -schaft. Solche Hauptwörter machen die Dinge statisch, ja statuarisch. In jeder Stilfibel steht: Verben statt Substantive.

Unverständlich, antiquiert, voller Allgemeinplätze

1993 beim Chicagoer Gipfel ist ein Text herausgekommen, der den Charme einer Verwaltungsvorschrift im Justizministerium versprüht. Dabei gibt es gute Vorbilder. Die Zehn Gebote, zum Beispiel in Luthers Übersetzung, kennen keine Wörter, die auf -keit oder -schaft enden. Stattdessen dynamische Verben: Du sollst nicht töten, ehebrechen, stehlen. Dahinter stecken Bilder, die zum Nachdenken über das Tun (Tätigkeitswörter!) motivieren. Übe nicht Sorgsamkeit, stattdessen praktiziere Lebendigkeit, heißt der alte Bestseller von Dale Carnegie – nicht! Sondern einprägsam: Sorge nicht, lebe! Ohne einen sprachlichen Heckenschnitt erreicht das Projekt Weltethos mit seinen Texten immer weniger Leute, weil unverständlich, antiquiert, voller Allgemeinplätze. Hat also das Projekt Weltethos in unseren Tagen keinen Sinn mehr? Doch, hat es. Gerade im Schulunterricht hat sich die Stiftung schon tausendfach positiv eingebracht.

Selig, wer eine solche Idee hat

In Schulen mit hohem Migrationsanteil ist es wichtig, das Verbindende zwischen den Religionen in den religiösen Unterricht einzubauen. Auch die Erwachsenenbildung braucht öffentliche Diskussionen über ethisch Gemeinsames der Religionen, gerade auch dann, wenn sogenannte patriotische Europäer das christliche Abendland gegen andere Religionen ausspielen wollen.
Hans Küng hat mit seinem Projekt Weltethos hierzu eine gute, eine wichtige Idee gehabt. Selig, wer eine solche Idee hat! Selig auch die, die die Idee weiterreichen, weitertreiben, weiterleben.

Felix Leibrock

Der Autor ist Leiter des Evangelischen Bildungswerks in München, promovierter Literaturwissenschaftler, Theologe und Schriftsteller.

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Die Bibel ist kein Therapiehandbuch

20. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Leidenszeit: Die Passionszeit gibt Anlass, um über Leid zu reflektieren. Dr. Christian Schäfer, Leiter der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Altenburg, erklärt, wie er mit dem Leid in seinem beruflichen Alltag umgeht.

Welche Erfahrungen machen Sie als Mediziner im Umgang mit Patienten und deren Leid?
Schäfer:
Leid als zum Leben gehörig wird nur noch von wenigen akzeptiert. Wir leben in einer Gesellschaft, die seit Jahrzenten keine tiefgreifende Leiderfahrung mehr gemacht hat. Wir sind Gott sei Dank seit über 70 Jahren bewahrt vor Krieg, Hunger oder evidenten Naturkatstrophen. Dies prägt meine und die jüngeren Generationen. Und dennoch ist Leid allgegenwärtig. Gerade psychische Erkrankungen scheinen eher zuzunehmen, die Suizidalität steigt, der Suchtmittelmissbrauch nimmt nicht ab. Gerade jüngere Menschen verletzen sich selbst, ohne dass ein Trauma zu eruieren ist, quasi aus Langeweile. Vielleicht zeigt sich dadurch auch, dass der Mensch immer auf der Suche nach dem Sinn ist.

Woran leiden Menschen nach Ihrer Erfahrung am meisten? Gibt es das Leid, das typisch ist für unsere Zeit?
Schäfer:
Neben den klassischen psychischen Erkrankungen erlebe ich die Einsamkeit der Menschen als eine neueLeidensdimension. Gerade jüngere und ältere Menschen haben oft nur weni g lebendige Kontakte. Die jüngeren sind sehr auf sich bezogen, das »ich« dominiert über dem »wir«. Unsere Gesellschaft fördert sehr den selbstbezogenen Narzissmus, was dann euphemistisch als freie Willensentscheidung postuliert wird. Im Alter ist die Einsamkeit oft tödlich: im Gespräch mit dem Leiter meines hiesigen Gesundheitsamtes müssen wir immer wieder voller Betroffenheit über die Suizide älterer Menschen – meist Männer – sprechen. Diese waren nicht »krank« im engeren Sinn, hatten jedoch keine Bezüge mehr in einem sozialen System.

Wie werden Patienten mit ihrer Krankheit fertig, wie bewältigen sie ihr Leid?
Schäfer:
Sehr unterschiedlich. Manche verfallen in Selbstmitleid und Verbitterung. Manche »lernen« ihre psychische Erkrankung auch als Druckmittel zu benutzen um versorgt zu werden oder um sich nicht mit den Anforderungen, die ihnen das Leben stellt, zu konfrontieren. Wir sprechen dann auch von sekundärem Krankheitsgewinn. Andere versuchen nach einer Krankheitsphase und anschließender Gesundung, diese schnellstmöglich zu vergessen. Wiederum andere akzeptieren diese Phase als Teil ihrer Lebensgeschichte.

Gibt es eine Lebenseinstellung, die vor Leiden schützt?
Schäfer:
Nein, und da bin ich auch sehr froh darüber. Es gibt kein Allheilmittel gegen Leid. Weder gibt es Medikamente noch irgendeine Form der Psychotherapie, die gegen Leid immun macht oder schützt. Und alle diejenigen, die dies versprechen, möchte ich als Scharlatane und Rattenfänger bezeichnen. Wohl aber gibt es Möglichkeiten mit Leid umzugehen, dies im eigenen Leben einzuordnen, zu akzeptieren und den Herausforderungen des Lebens mit Weisheit zu begegnen.

Leiden an der Einsamkeit: Nur rund ein Drittel der Patienten in Psychotherapien sind männlich. Dabei leiden Männer genauso häufig an psychischen Erkrankungen wie Frauen – nur wird das seltener diagnostiziert. Es fällt ihnen schwerer, über Gefühle wie Ängste oder Schuldgefühle zu berichten. Foto: epd-bild

Leiden an der Einsamkeit: Nur rund ein Drittel der Patienten in Psychotherapien sind männlich. Dabei leiden Männer genauso häufig an psychischen Erkrankungen wie Frauen – nur wird das seltener diagnostiziert. Es fällt ihnen schwerer, über Gefühle wie Ängste oder Schuldgefühle zu berichten. Foto: epd-bild

Was kann ich tun, um seelisch gesund zu bleiben? Bietet das Christsein, der Glaube eine Hilfe?
Schäfer:
Zuallererst: Suchen Sie Begegnung! Suchen Sie Menschen, von denen Sie profitieren. Und das kann fordern. Guter Austausch, sinnvolle Auseinandersetzungen, gemeinsames Lachen helfen. Wir müssen wieder lernen zu kommunizieren und im Gespräch zu bleiben. Und die geistige Beweglichkeit erfordert aber auch die körperliche Beweglichkeit: Sport, wie auch immer, hilft bei fast allen psychischen Erkrankungen.

Und: Auch der Glaube hilft. Aber Vorsicht! Er heilt nicht, abgesehen von Wundern, diese sind aber selten. Wenn mein Leben eine spirituelle Dimension hat und diese positiv besetzt ist, dann ist der Glaube Lebensanker in einer als Chaos erlebten inneren und äußeren Welt.

Was können Sie als Christ leidenden Menschen mit auf den Weg geben?
Schäfer:
Die Bibel ist voll von Leidensberichten. Und nicht alle gehen gut aus. Das Schöne an der Bibel ist, dass sie Geschichten erzählt ohne dass sie diese bewertet. Ab und zu wird  gesagt wie Gott darüber denkt. Und normalerweise ist seine Ansicht gut nachvollziehbar. Deshalb sind diese Geschichten in gewisser Weise zeitlos. Und auch unabhängig davon, ob ich Christ bin oder nicht, haben sie eine tiefe Weisheit. Wie gehen die Menschen in der Bibel mit Leid um? Was hilft? Ist es Rache und Vergeltung? Oder ist Vergebung der heilsame Weg? Was ist der Sinn des Lebens für mich? Dabei möchte ich betonen, dass die Bibel kein Therapiehandbuch ist. Sie ist mehr. Heil und Heilung sind nicht dasselbe.

Leid bietet die Chance zu reifen und zu wachsen. Ist diese Erkenntnis für Sie im beruflichen Alltag Motivation und Hoffnung?
Schäfer:
Leid und Krankheit kann Menschen sprichwörtlich brechen und in die Verbitterung führen. Aber ebenso kann die Erfahrung der Tiefe, des Hingeworfenseins, der absoluten Hilflosigkeit Menschen erst zu Menschen werden lassen. Barmherzigkeit und Demut sowie Verständnis für meinen Mitmenschen sind Grundbausteine des menschlichen Zusammenlebens. Ich will Menschen ein Begleiter auf ihren schwierigen Wegstrecken sein, in der Hoffnung, dass sie danach gereift und dankbar wieder ihren eigenen Weg gehen können.

Gibt es Erfahrungen, die Sie in der Auffassung, dass Leid zur persönlichen Entwicklung beitragen kann, bestärken?
Schäfer:
Vor kurzem war ich auf einem Treffen christlicher psychiatrischer Chefärzte. Wir hatten als Thema unsere eigene Bedürftigkeit und die Einsamkeit in Leitungspositionen. Sehr offen berichteten wir über unsere eigenen »Leid«-Erfahrungen, über die eigenen Wüstenwanderungen. Glauben Sie mir: auch wir werden nicht verschont von psychischen Grenzerfahrungen und tiefer Erschöpfung.

Vielen hilft eine gesunde Partnerbeziehung und das Wissen, in die jetzige Position berufen worden zu sein, um dort gute Arbeit zu leisten.

Die Fragen stellte Sabine Kuschel.

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Diakonie: Zwischen Glauben und Rechnen

19. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Anspruch und Wirklichkeit: Wieviel Diakonie steckt in den Angeboten sozial-diakonischer Einrichtungen, und ist Kirche noch erkennbar? Eine Bestandsaufnahme.

In den verschiedenen Einrichtungen des Marienstifts Arnstadt arbeiten zu etwa 50 Prozent Menschen, die kirchlich gebunden sind. Damit ist die Zahl der Christen hier größer als im Durchschnitt der Beschäftigten in Mitteldeutschland. Dennoch ist auch das Marienstift keine christliche Insel, sondern spiegelt die religiöse Wirklichkeit unserer Gesellschaft.

Die Arbeitswirklichkeit in den Einrichtungen zeigt, dass sich die Mitarbeiterschaft natürlich nicht in christlich Hochmotivierte und kirchlich ungebundene Normalmotivierte unterscheidet. Die Gaben, Ideen und auch die Hemmnisse sind unter uns gleichmäßig verteilt.

Die inhaltlichen und materiellen Ansprüche und Erwartungen aber gleichen sich bei allen Mitarbeitern und bei denen, die die Arbeit der diakonischen Einrichtung nutzen. Auch viele »unkirchliche« Mitarbeiter erklären die Motivation ihrer Arbeit darin, dass sie in Patienten, Schülern oder Beschäftigten Gottes Ebenbildlichkeit respektieren wollen. In der Klinik erwarten auch nichtchristliche Patienten ganz selbstverständlich und zu Recht den Geist christlicher Nächstenliebe und dass sie als Individuen und nicht als Patientennummern wahrgenommen werden.

Christliches Leben in der »realen« Diakonie

Schon aus diesem Grund ist die Pflege und die zeitgemäße Umsetzung christlichen Lebens in den verschiedenen Einrichtungen des Marienstifts eine Aufgabe, die nicht nur christliche Traditionen pflegen will, sondern den Erwartungen der Gegenwart nachkommen muss. Die Pflege christlichen Lebens ist einer der wichtigen »weichen Faktoren« diakonischen Wirtschaftens.

Etwa 10 Millionen Menschen in Deutschland erhalten von der Diakonie Betreuung, Beratung, Pflege und medizinische Versorgung. Illustrationen: Diakonie / janvier – stock.adobe.com / elenabsl – stock.adobe.com / privat

Etwa 10 Millionen Menschen in Deutschland erhalten von der Diakonie Betreuung, Beratung, Pflege und medizinische Versorgung. Illustrationen: Diakonie / janvier – stock.adobe.com / elenabsl – stock.adobe.com / privat

Einige Beispiele aus dem »christlichen Leben« der Einrichtung des Marienstifts:

• Andachten und Gottesdienste der Schule im Rahmen des Kirchen- und Schuljahres; Morgenkreise der Schüler; theologisch geprägte Projektarbeiten; Segensfeier für alle Schüler der 8. Klasse; einige Konfirmationen
• Regelmäßige Gottesdienste in der Werkstatt; allsonntägliche Gottesdienste für Patienten und Gemeinde in der Klinik; christliche Symbolik
• Mitarbeiterseminar zu Tradition und Leitbild der Stiftung; Diakoniekurs
• Mitarbeiterehrung, Würdigung und Verabschiedung im Rahmen von Andachten
• Jährlicher Impulsabend
• Eine kontinuierlich arbeitende Arbeitsgemeinschaft »Geistliches Leben«, die z. B. aktiv auf die Gestaltung des Diakoniekurses Einfluss nimmt.

Die christliche Prägung der Arbeit einer diakonischen Stiftung ist in dieser Zeit kein »Selbstläufer«. Immer sind es einzelne Mitarbeiter, die aktiv auf das »christliche Klima« ihrer Einrichtung Einfluss nehmen. Ein wie auch immer gestalteter »christlicher Zwang« hilft einem christlichen Geist nicht.

Christliches Leben in Einrichtungen zu ermöglichen hat auch finanzielle und wirtschaftliche Seiten, es kostet Geld.

Freistellungen müssen ermöglicht, Prioritäten gesetzt und Räume gestaltet werden. Da der Arbeitsalltag in jeder Einrichtung auch durch Konflikte geprägt ist, macht der christliche Anspruch einer diakonischen Einrichtung das Arbeitsleben nicht leichter. Auch Neueinstellungen von Mitarbeitern können sich nicht nur an der Frage orientieren, ob sie Mitglieder in christlichen Kirchen sind. Fachlichkeit und persönliche Gaben sind ausschlaggebend.

Dennoch: Der gesetzliche und wirtschaftliche Rahmen, in dem Diakonie arbeitet, macht es – ohne die Herausforderungen und Widersprüche zu verharmlosen – Christen und Nichtchristen in unseren Einrichtungen objektiv leichter, »christlich zu leben« als in anderen Bereichen der Gesellschaft.

Es ist zeitgemäß, wirtschaftlich sinnvoll und notwendig, an der christlichen Prägung der Einrichtungen zu arbeiten. Die Nächstenliebe von Kanzeln zu predigen, reichte nie aus, Menschen für Gott zu gewinnen. Notwendig ist es, sie in der Widersprüchlichkeit des Arbeitslebens christlich zu leben. Wo steht geschrieben, dass sich Christen aus der Welt zurückziehen dürfen, nur um es einfach zu haben?

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

Die Freie Wohlfahrtspflege kann in Deutschland mit Fug und Recht als bedeutsamer Wirtschaftszweig angesehen werden. Sie beschäftigt mit einem jährlichen Umsatz von rd. 45 Milliarden Euro derzeit in über 105 000 Einrichtungen hauptamtlich rd. 1,6 Millionen Menschen, mehr als 5 Prozent des gesamten Dienstleistungssektors Deutschlands, mehr Personen als im Kredit- und Versicherungswesen und fast viermal so viel Personal wie im Bereich der Energie- und Wasserversorgung.

Die Diakonie ist die zweitgrößte Trägergruppe. In der übergroßen Mehrheit erbringt Diakonie wie die anderen Trägergruppen personenbezogene soziale Dienstleistungen, die im Rahmen der Sozialgesetzbücher als öffentlich refinanzierbar ausgewiesen sind. Sie ist damit eng an die Vorgaben und Vorstellungen des Bundes, der Länder und der Gemeinden gebunden.

Wie alle anderen Träger der Freien Wohlfahrtspflege arbeitet die Diakonie heute in einem Umfeld, das sich stark gewandelt hat. Die Auflösung von Marktzutrittsbarrieren für privat-gewerbliche Anbieter, die Umstellung der Finanzierung auf Einzelleistungsvergütung sowie ein der Erwerbswirtschaft nahezu analoger Wettbewerb sind die Stichworte, die die neuen Verhältnisse im »Sozialmarkt« beschreiben können.

Diakonie als Wohlfahrtsindustrie?

In vielen Zweigen der Wohlfahrtspflege ist ein Kosten- und Leistungsdruck zu verzeichnen, der hohe betriebswirtschaftliche Anforderungen an die Leitung der Träger, Einrichtungen und Dienste stellt. Auch Diakonische Anbieter sind mittlerweile gezwungen, den Blick auf die Aufwands- und Ertragsseite ihrer Arbeit zu richten, um konkurrenzfähig zu bleiben und das Überleben des Trägers gewährleisten zu können.

Die Anpassung an neue Umfeldbedingungen im Sinne einer Modernisierung von Strukturen und Prozessen ist gerade der Diakonie mit ihrem Traditionsverständnis und ihrem besonderen Anspruch nicht leicht gefallen. Fast zwangsläufig ergaben sich in der Frage der Ausgewogenheit von Wirtschaftlichkeit und theologisch-ethischen Ansprüchen an verschiedenen Stellen schwer auflösbare Ambivalenzen.

Wie in einem sehr großen und durchaus heterogenen Trägerverbund kaum anders zu erwarten, sind überdies einzelne betriebswirtschaftliche Überreaktionen und Fehlsteuerungen nicht ausgeblieben. Dies macht Diakonie, von der die Menschen seit jeher mehr als von vielen anderen Trägern erwarten, besonders leicht angreifbar. Schnell können dann in den Medien generalisierende Schlagzeilen wie »Wirtschaftsmacht unter einem frommen Deckmäntelchen« oder »Wohlfahrtsindustrie« entstehen.

Es ist ein Management angezeigt, welches im Spannungsfeld von Ökonomie, Diakonie und Kirche nicht nur mit Blick auf Öffentlichkeit ebenso sensibel wie ehrlich agiert. Dazu gehört auch die klare Haltung, an welchen Stellen Diakonie wie ein moderner Wirtschaftsbetrieb geführt werden darf und muss – und wo nicht.

Harald Christa, Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden

Diakonische Arbeit heute geschieht mitten in unseren bunten und unübersichtlichen Lebenswelten – sei sie ehrenamtlich, sei sie hauptamtlich. In diesen Lebenswelten will und muss sie sich bewähren. Mitarbeitende der Diakonie und ihre Führungskräfte stehen täglich vor neuen Herausforderungen: Die vertraglich vereinbarten Dienstleistungen (z. B. die Pflege) müssen fachlich und menschlich zuverlässig und ohne Ausnahmen erfolgen. Wegen Krankmeldungen werden Dienstpläne kurzfristig neu gestrickt. Die wachsende Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile sowie der Erwartungen von Kunden und Mitarbeitenden führen zu erhöhten Leistungsanforderungen.

Lebenswelten und Lebenswege

Es gleicht einer Quadratur des Kreises, individuelle Ansprüche und neue sowie wachsende Anspruchsgruppen bei gleichzeitig stark steigenden Qualitätsstandards und Dokumentationspflichten unter einen Hut zu bringen. In kurzen Abständen erweiterte Gesetze zum Daten-, Gesundheits-, Brand- und Arbeitsschutz sowie der Arbeitsmedizin und dem Arbeitsrecht zwingen zu bürokratischem Aufwand und treiben die dafür anfallenden Kosten in bisher unbekannte Höhen. Das Wunsch- und Wahlrecht von Kunden (Eltern, pflegebedürftige Menschen, Menschen mit Behinderungen etc.) und der politisch gewollte Kostendruck und Wettbewerb zwischen den freigemeinnützigen sowie privaten Trägern setzen die sogenannten Leistungserbringer unter erheblichen Druck.

Diese Liste ist nicht vollständig, aber sie zeigt auch so: Die Komplexität ist groß und fordernd. Und: Träger diakonischer Arbeit stellen sich diesen Aufgaben bewusst, willentlich und kompetent. Sie sind nicht fehlerfrei und brauchen konstruktive Kritik. Sie kennen die Logik ihres ureigenen christlichen Auftrags und sie lernen die Logik der fachlichen Qualitätsanforderungen, die Logik der technischen Funktionen (EDV, Digitalisierung), die Logik der knappen Ressourcen, die politische Logik des Machtgewinns und der Mehrheiten, die mediale Logik der geforderten Transparenz und der zuspitzenden Anklage. In der Diakoniewissenschaft hat sich hierzu die Bezeichnung der Diakonieträger als »multirationale Organisationen« eingebürgert.

Mitten in diesen Spannungsfeldern unserer modernen Gesellschaft arbeiten die freigemeinnützigen Träger der Wohlfahrtspflege. Die Gemeinnützigkeit einer Organisation ist an streng kontrollierte Auflagen des Finanzamtes gebunden. Sie erlaubt keine Gewinnausschüttungen an private Eigentümer, sondern fordert die Verwendung der Mittel, auch von Gewinnen, im sogenannten gemeinnützigkeitsrechtlichen Kreislauf.

Anders als es ein verbreiteter Sprachgebrauch will, sind freigemeinnützige Träger gerade keine privaten Träger! Gemeinnützige Träger stehen mit den Dienstleistungen, die sie im Auftrag des Staates bzw. von Sozialversicherungsträgern übernehmen, im Dienst der Gesellschaft, die sich mit der politisch gewollten Trägervielfalt subsidiär aufstellt.

Mitten in diesen bunten und unübersichtlichen Lebenswelten haben diakonische Träger viele Chancen, das ihnen eigene Profil zu entwickeln und zu bezeugen: In jedem diakonischen Tun (bilden, assistieren, begleiten, pflegen, beraten, heilen, anteilnehmen …) begegnen sich konkrete Lebenswege von zwei oder mehr Menschen. In diesen Lebenswegen geht es ausgesprochen oder unausgesprochen nicht nur um Heilung, sondern auch um Heil: Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein (vgl. 5. Mose 8,3; Mt 4,4). Es geht um den Weg von der Sinnlosigkeit zum Sinn, von der Ausweglosigkeit zum Aus-Weg: Ich denke an den blinden Bartimäus, dem Jesus sein Augenlicht wieder schenkt. Er sieht nicht nur im medizinischen Sinne, sondern er findet auch seinen neuen Lebensweg (vgl. Mk 10,46-52). Es geht darum, Menschen mit ihren existenziellen Fragen nicht allein zu lassen und ihnen Zeugnis zu geben »über die Hoffnung, die in euch ist« (1. Petr 3,15). Begegnungen können Lebenswege verändern – nicht nur die der »Klienten« – sehr wohl auch die der ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden!

Wenn wir heute nach neuen Formen von ausstrahlendem christlichen Gemeindeleben suchen in den Kirchgemeinden vor Ort und darüber hinaus (vgl. u. a. »Erprobungsräume« und »Querdenker« in der EKM), dann können sich Kirche und Diakonie mehr noch als bisher gegenseitig als Ressourcen verstehen und bereichern. Denn: Gelingendes Leben ist immer ein Zeugnis für Gott: »Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch« (vivens homo gloria dei) (Irenäus von Lyon, gest. um 200 n. Chr.).

Dr. Klaus Scholtissek, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Weimar Bad Lobenstein

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Woher kommt das Böse?

14. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Vaterunser: Ende vorigen Jahres stieß Papst Franziskus eine Debatte um die vorletzte Bitte an: »und führe uns nicht in Versuchung.« Der Papst hält dies nicht für eine gute Übersetzung und plädiert für eine Umformulierung. Dazu eine theologische Erörterung.

Papst Franziskus hat mit seiner Anfrage an die Bitte aus dem Vaterunser »und führe uns nicht in Versuchung« eine Verzweiflung beim Namen genannt, die diese Formulierung bei vielen Menschen aufruft. Sie möchten sich an dem biblischen Satz »Gott ist Liebe« (1. Johannes 4,16) festhalten und zweifeln daran, dass der himmlische Vater Menschen in Versuchung bringt. Sie können sich dafür auch auf den Satz aus dem Jakobusbrief berufen: »Gott selbst versucht niemand« (1,13).

Besser träfe es die Formulierung: »Lass uns nicht in Versuchung geraten«, so Franziskus in seinem Interview im italienischen Sender TV 2000. Dabei bezog er sich auf eine Änderung des ökumenischen Vaterunsers in Frankreich, wo diese Bitte bisher wirklich ungenau und unglücklich übersetzt war. Die französischen Katholiken beten: »Lass uns nicht in die Versuchung eintreten.«

Die Debatte ist nicht neu, weil ja fürchterliche Erfahrungen der Versuchung oder der Anfechtung Menschen zu allen Zeiten betreffen. Bereits Luther geht im Kleinen Katechismus auf solche Fragen ein und schreibt in seiner Erklärung: »Was ist das? Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott wolle behüten und erhalten, auf dass uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweiflung und ander(e) große Schande und Laster; und ob wir damit angefochten würden, dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.«

Foto: epd-bild

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Dennoch zweifle ich daran, dass eine Umformulierung das Grundproblem löst, dem jeder Mensch in seinem Leben begegnet: »Woher kommt das Böse (das anderen oder mir jetzt zustößt)?« Diese Frage gehört zu den ganz wenigen Fragen, die sich immer wieder in Lebenskrisen und angesichts von ungeheuren Verbrechen aufdrängen, die aber mit Erklärungen nicht beantwortet werden können, sondern erlitten und erduldet werden müssen. Luther fordert darum im Katechismus praktisch dazu auf, sich selbst ernsthaft zu prüfen und verantwortlich zu leben. Dazu sollen die Ursachen des Bösen in unserer Umgebung gesucht und womöglich abgestellt werden.

Aber der Reformator weiß auch, dass es das Böse, den »Teufel« gibt: »… groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist.« Gott lässt dessen Wirken zu, so wie auch der vom Papst vorgeschlagene Satz lautet: »Lass uns nicht in Versuchung geraten.« Deswegen wird – jedenfalls im Matthäusevangelium – die sechste durch die siebte Bitte erläutert: »sondern erlöse uns von dem Bösen«.

Doch mit einer einfachen Umformulierung der sechsten Bitte ist die verzweifelte Frage: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« nicht beantwortet – weder für Jesus am Kreuz noch für andere Menschen, die zu Unrecht leiden und sterben. Sie wird für die verzweifelten Jünger zu Ostern erst in der Erfahrung der Auferstehung des Gekreuzigten beantwortet. Für uns und alle Menschen dürfen wir mit Luthers Worten hoffen, »dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten«. An dieser Hoffnung möchte ich mich festhalten, auch wenn sie sich in diesem Leben nicht völlig erfüllt.

Wie eng jedoch göttliches Wirken und die Versuchung zusammengehören können, mag die Versuchungsgeschichte nach Matthäus 4 und Lukas 4 zeigen, wo Jesus Christus vom (Heiligen) Geist in die Wüste geführt wird, »damit er von dem Teufel versucht würde«. Christus besteht als Sohn Gottes diese Proben, doch seine Bitte in Gethsemane wird sich nicht erfüllen: »Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber« (Matthäus 26,39).

Aber der Schluss dieses Gebetes: »doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!« bringt das tödliche Geschick Jesu mit dem Willen Gottes zusammen. Von diesem Gott bekennt Hanna im Gebet: »Der Herr tötet und macht lebendig, führt ins Totenreich und wieder herauf« (1. Samuel 2,6). Mit ihr sprechen Juden und Christen bis heute von einem Geheimnis, das unseren Horizont übersteigt.

Bisher haben wir angedeutet, wie umfassend die Lebensfragen und theologischen Überlegungen sind, die sich mit der sechsten Vaterunser-Bitte verbinden. Angesichts der mit einer veränderten Übersetzung nicht zu beruhigenden Fragen wenden wir uns der Prüfung zu, ob die bisherige deutsche Übersetzung fehlerhaft ist. Das ist nicht der Fall, der griechische Wortlaut ist eindeutig. Die Bitte richtet sich an Gott; das Tätigkeitswort meint ein »Hineinbringen«. Die gefürchtete Situation ist eine »Versuchung«, »Prüfung« oder »Probe«.

Dazu muss man allerdings wissen, dass das Neue Testament an vielen Stellen den Satan beziehungsweise den Teufel als »Versucher« bezeichnen kann. In Matthäus 4,3 tritt »der Versucher« herzu. Diesen Zusammenhang sollte man sprachlich nicht verdecken. So haben schon die ersten deutschen Bibeln die sechste Bitte mit denselben Worten aufgezeichnet, die wir bis heute miteinander sprechen, wie zum Beispiel die Mentelin-Bibel von 1466. Auch Luther hat von seinem September-Testament 1522 an bis zur letzten Ausgabe keinen Anlass gesehen, diese Formulierung in seiner Übersetzung anders wiederzugeben.

Das gilt bis heute für sehr viele wichtige deutsche und auch für andere Bibelübersetzungen, etwa die Zürcher Bibel von 2007, die katholische Einheitsübersetzung von 1980 und von 2016 oder die klassische englische King-James-Version von 1611 (»lead us not into temptation«). Am ehesten könnte man noch mit der Basis-Bibel die Formulierung wagen: »und stelle uns nicht auf die Probe«.

Andere moderne Übertragungen fügen dem Text etwas hinzu und erläutern ihn durch diese Erweiterungen, die nicht im griechischen Text stehen. Das gilt etwa für die Bibel »Gute Nachricht« 1997: »… lass uns nicht in Gefahr kommen, dir untreu zu werden« oder die »Bibel in gerechter Sprache«: »… führe uns nicht zum Verrat an dir«. Als Anleitung zu einer Auslegung kann das hilfreich sein, verengt aber zugleich das Verständnis auf eine Möglichkeit.

Nun gab es früher Überlegungen, ob ein aramäischer Wortlaut Jesu von den ersten Christen unangemessen, ja falsch übersetzt worden sein könnte. Solche Spekulationen scheitern schlicht daran, dass der griechische Wortlaut ganz gewiss keine individuelle Übersetzung am heimischen Schreibtisch mit Urheberrechten eines Autors war, sondern sich in zweisprachigen Gemeinden vollzog, die solche Übersetzungen noch von weiteren Gemeindegliedern kontrollieren und verbessern lassen konnten.

Dass solche Veränderungen durchaus angebracht wurden, erweist sich etwa an Lukas 11,4 a, wo der Wortlaut im Griechischen etwas von Matthäus 6,12 abweicht. Solche Theorien, nach denen wir heute antiken Autoren nachweisen könnten, was sie eigentlich hätten übersetzen müssen, werden von der Fachwissenschaft nicht mehr vertreten.

Wir beten heute das Vaterunser in einem Wortlaut, wie er 1970 zwischen den deutschsprachigen Kirchen vereinbart wurde. Dabei wurden auch Veränderungen an dem Text vorgenommen: »… sondern erlöse uns von dem Übel« wurde zu »… sondern erlöse uns von dem Bösen«. Solche Korrekturen waren damals sinnvoll, um einen gemeinsamen Text zu finden, den alle deutschsprachigen Christen kennen und gemeinsam beten können. Sie trugen zugleich dem veränderten Sinn deutscher Ausdrücke Rechnung.

An diesem Text heute etwas zu ändern bedarf guter Argumente und einer überzeugenden neuen Formulierung. Ob eine solche zugleich dem Griechischen angemessene und die Frömmigkeit leitende neue Fassung der sechsten Bitte gefunden werden kann, bezweifle ich. Es bedarf wohl doch eher der Auslegung, also eines ausführlichen Gesprächs zwischen Christen, die sich gegenseitig in Anfechtungen wahrnehmen, zuhören und trösten wollen. Letztlich führt uns die Debatte, die Papst Franziskus angestoßen hat, in das Gespräch über unsere Gottesbilder und ihre biblischen Bezüge. Und wer wollte da an ein Ende kommen?

Christoph Kähler

Der Autor war bis 2001 Professor für Neues Testament an der Universität Leipzig, danach Landesbischof der thüringischen Landeskirche und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Er leitete das von der Evangelischen Kirche in Deutschland in Auftrag gegebene Projekt »Lutherbibel 2017«.

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Das Gesicht Gottes im Krieg

14. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Syrien: Der Krieg geht im März in sein achtes Jahr. Karin Maria Fenbert sprach mit dem maronitisch-katholischen Erzbischof Joseph Tobji
aus Aleppo über die aktuelle Situation in seinem Heimatland.

Erzbischof Tobji, Ihre Erwählung zum maronitischen Erzbischof fiel mitten in eine der schwersten Phasen des Krieges. Was gibt Ihnen Kraft?
Tobji:
Als ich zum Bischof geweiht wurde, habe ich mit Tränen in den Augen gesagt: »Herr, was hast du mit mir vor?« Es ist wirklich der Herr allein, der entscheidet. Ich selbst bin nur ein kleiner Teil von Gottes Plan.

Was steckt Ihrer Meinung nach hinter dem Drama in Syrien, das jetzt seit sieben Jahren andauert?
Tobji:
Syrien lässt sich mit einer Torte vergleichen. Jeder politische Machthaber in Ost und West hätte gern ein Stück davon. Denn Syrien hat eine wichtige strategische Position: Wichtige Erdöl- und Gasleitungen durchziehen unser Land, die vom arabischen Raum bis nach Europa reichen. Die Nationen, die diese Torte wollen, halten sich weitgehend zurück. Aber trotzdem ist es ihnen gelungen, in Syrien Einfluss zu nehmen. Zum Bespiel, indem die Religionen instrumentalisiert worden sind.

Ein Lichtblick im Syrienkrieg war die Waffenruhe, die im Dezember 2016 für Aleppo ausgerufen wurde. Davor teilte eine lebensgefährliche Ost- und West-Linie die Stadt. Hält die Waffenruhe auch gut 15 Monate später noch an?
Tobji:
Ja, seither ist es weitgehend ruhig geblieben in Aleppo. Es ist wie ein Aufatmen, nachdem wir über Jahre hinweg so viel Leid erlitten haben. Das heißt aber nicht, dass der Krieg vorbei ist: In der Region wurde und wird nach wie vor gekämpft, wie aktuell in Afrin, das nur etwa 20 Kilometer von Aleppo entfernt liegt.

Wie kann man sich die aktuelle Situation in Aleppo vorstellen?
Tobji:
Die Lage ist nach wie vor ernst, aber es gibt kleine Verbesserungen. Die wichtigste ist, dass es jetzt wieder für ein paar Stunden am Tag Strom gibt. Während der Kämpfe lebten wir im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln. Einige Bewohner fangen an, ihre Wohnhäuser wiederaufzubauen. Auch der Wiederaufbau der Kirchen kommt in Gang. Andere haben auch schon damit begonnen, kleine Unternehmen aufzubauen. Es ist sehr mühselig, eine Arbeit zu finden. Denn auch die gesamte Infrastruktur ist zerstört. Unsere Wirtschaft ist in der Rezession. Die Inflation ist enorm. Es ist schwer, die Zukunft zu planen.

Den Auftrag stets vor Augen: Trotz zerstörter Bischofskirche in Aleppo und getöteten oder geflohenen Gemeindemitgliedern hält Erzbischof Joseph Tobji an seiner Berufung fest, Gottes Volk in Syrien zu dienen. Fotos: Kirche in Not

Den Auftrag stets vor Augen: Trotz zerstörter Bischofskirche in Aleppo und getöteten oder geflohenen Gemeindemitgliedern hält Erzbischof Joseph Tobji an seiner Berufung fest, Gottes Volk in Syrien zu dienen. Fotos: Kirche in Not

Was haben die sechs Jahre der Kämpfe in Aleppo mit dem Glauben der Christen gemacht?
Tobji:
Nach den traumatischen Kriegserlebnissen stehen die Christen am Scheideweg. Einige haben ihren Glauben verloren. Sie sahen Gott als Wundertäter, der verhindern muss, dass eine Bombe auf ihr Wohnhaus stürzt. Diese Menschen sagen: »Ihr habt uns doch gelehrt, dass Gott gut, barmherzig und allmächtig ist. Wieso schweigt er jetzt?«

Was erwidern Sie?
Tobji:
Meine Antwort lautet: Der Krieg lehrt uns, das andere Gesicht Gottes zu sehen. Gott ist Mensch geworden, ein Gott, der weint, der leidet, der am Kreuz hängt – und völlig unschuldig ist. Dieser Gott will unser Heil, unser Glück. Dieses Glück kann man nicht einfach durch Wunder herstellen. Nein, das Glück entsteht nur dann, wenn wir unseren Weg gemeinsam gehen, gemeinsam mit Christus unser Kreuz tragen und gemeinsam die Nächstenliebe praktizieren. Und ich bin sehr froh, dass die Mehrheit der Christen diesem Weg folgt.

Das heißt, die schreckliche Erfahrung des Krieges hat auch sehr viele Christen in ihrem Glauben gestärkt?
Tobji:
Ja, immer wieder treffe ich unglaublich beeindruckende Menschen, ganz einfache Leute. Die Terroristen des »Islamischen Staates« haben ihnen das Messer an die Kehle gehalten, um sie zu zwingen, dem christlichen Glauben abzuschwören. Diese Menschen haben gesagt: »Nein, niemals! Ihr könnt meinen Leib vernichten, aber nicht meine Seele.« Sie sind Gott treu geblieben.

Beeindruckende Glaubenserfahrungen – mitten im Krieg …
Tobji:
Ich sage ganz offen: Auch ich habe durch den Krieg eine Bekehrung erfahren! Es ist eine Bekehrung durch Tränen. Im Krieg muss man immer bereit sein für den Tod. Diese Bereitschaft geschieht durch Gebet, Beichte, Reue. Diese Bereitschaft war mein persönliches Bekehrungserlebnis.

Sie sind erst 2015 zum Bischof geweiht worden. Vorher hätte durchaus noch die Möglichkeit bestanden, Syrien zu verlassen. Warum sind Sie geblieben?
Tobji:
Weil es mein Auftrag ist! Ich bin in Syrien geboren, um dort Gottes Volk zu dienen. Ich musste Gott gehorchen. Sonst hätte ich seine Herde ohne Hirten gelassen und damit große Schuld auf mich geladen.

Karin Maria Fenbert ist Geschäftsführerin des weltweit agierenden päpstlichen Hilfswerks »Kirche in Not«. Seit Kriegsausbruch engagiert sich die Organisation für die christliche Bevölkerung Syriens.

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Ab und zu nehme ich ab

13. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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In allen Kulturen der Welt gibt es Techniken, um den Pfad der Erleuchtung abzukürzen: schweigen, beten oder hierzulande am häufigsten – mit Hilfe des Körpers Wein in Wasser zu verwandeln. Essen macht glücklich – aber angeblich auch das Nichtessen, das Fasten. Dem Körper etwas zu hungern zu geben, soll die Seele nähren.

Wenn nicht die Passionszeit einem das Fasten nahelegt, ist es das drohende Frühjahr, wo einem eine unchristlich knappe Badeklamotte wieder passen soll, die einem genau genommen schon das letzte Frühjahr nicht mehr gepasst hat.

Ich bin jetzt gerade 50 geworden und als ich das Porträt des Westdeutschen Rundfunks über mein bisheriges Leben sah, erschrak ich, wie dünn ich zu Beginn meiner Karriere war. Wobei es ja auch normal ist, über die Lebensspanne zuzunehmen. Ganz ehrlich: Ich habe mal drei Kilo gewogen – seitdem habe ich eigentlich nur zugenommen.

Es gibt ja diese seltsame Zahl BMI, Body Mass Index, errechnet aus Körpergröße und Gewicht. Und da lag ich schon länger über der goldenen Zahl 25. Frei nach dem Motto »Hab mich heute Morgen gewogen – bin zu klein!« Wäre ich zehn Zentimeter größer, hätte ich »Normalgewicht«. Täten es vielleicht auch Plateauschuhe? Frauen können da optisch einiges anstellen, aber ich fürchte, Stöckelschuhe machen bei mir keinen schlanken Fuß, zumal ich mich damit sofort auf die Nase legen würde. Streckbank kommt nicht in Frage – was tun? Andere Folterinstrumente? Fitnessstudio? Hungern?

Weiter geht es in der Reihe »7 Wochen ohne«, der Fastenaktion der Kirchenzeitung: In dieser Ausgabe mit dem Mediziner, Fernsehmoderator, Autor und Komiker Eckart von Hirschhausen. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art und Weise zu vermitteln und gesundes Lachen mit nachhaltigen Botschaften  zu verbinden. Foto: Paul Ripke

Weiter geht es in der Reihe »7 Wochen ohne«, der Fastenaktion der Kirchenzeitung: In dieser Ausgabe mit dem Mediziner, Fernsehmoderator, Autor und Komiker Eckart von Hirschhausen. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art und Weise zu vermitteln und gesundes Lachen mit nachhaltigen Botschaften zu verbinden. Foto: Paul Ripke

Ab 30 beginnt die Adipositas, die »Fettsucht«. Die Vorstufe »Übergewicht« ist schnell erreicht, und in Deutschland das neue Normal. Normal heißt aber nicht gesund.

Im Hinterkopf wusste ich das schon länger: Meine Wampe kostet mich Lebenszeit. Das Bauchfett ist nicht so träge, wie es scheint, es sendet die ganze Zeit böse Botenstoffe in die Blutbahn und vergiftet mich von innen. Das gefährliche an den Pommes war noch nie das Acrylamid, sondern das gesättigte Bratfett und die Kalorien. Und der ganze Zucker aus dem Ketchup. Der Schrott muss ja irgendwo bleiben, lagert sich ab, zwischen den Organen.

Deswegen finde ich den Ausdruck »Schnitzelfriedhof« für das Bauchfett auch so treffend. Aber ich will nicht meinen Tod auf den Hüften haben. Ich will leben. Möglichst lange und gesund. Unsere Willenskraft ist begrenzt, kaum jemand bringt die Disziplin auf, sich ständig an irgendwelche Regeln und Vorschriften zu halten. Der Rückschlag ist vorprogrammiert. Also konzentrier dich drauf, Pausen zu machen, damit dein Körper in der Zeit seine Reserven verbrennen kann. Dafür darfst du dann auch essen, worauf du Lust hast. Aber eben nicht ständig. Denn wenn laufend Nachschub kommt und im Blut Zucker, Fett und Insulin im Überfluss vorhanden sind, fehlt der Bauchfettzelle die Motivation etwas herzugeben.

Den Rhythmus kann jeder selber für sich finden, ob tageweise pausiert wird oder einzelne Mahlzeiten entfallen. »Fünf plus zwei« heißt zwei Fastentage die Woche, »16 zu 8« heißt 8 Stunden essen, 16 Stunden nicht. Was dramatisch klingt, aber in den 16 Stunden wird ja der Schlaf mitgezählt. Konkretes Beispiel: Wer von 22 Uhr bis 6 Uhr acht Stunden schläft, isst schlichtweg nach 18 Uhr nichts mehr und fängt vor 10 nicht mit dem Frühstück an.

Während ich das hier schreibe, knurrt mein Magen wie ein Löwe, weil es noch vor 10 ist, aber die Raubtierfütterung ist erst in einer halben Stunde dran. Interessanterweise ist meine Stimmung aber nicht knurrig, ich fühle mich gerade leicht, wach und konzentriert. Ok, Kaffee ist erlaubt. Es geht. Dafür ist unser Körper sogar geschaffen! In der Steinzeit stand nicht immer um 12.30 Uhr das Essen auf dem Tisch, sondern rannte vielleicht noch einen halben Tag vor einem her.

Ist Intervallfasten einfach? Nein. Es war noch nie einfach, Muster und Verhalten zu ändern, die sich über Jahrzehnte eingeschlichen und eingeschliffen haben. Essen hat halt so viele Dimensionen. Warum feiern Christen das Abendmahl und nicht das gemeinsame Entschlacken? Weil Essen Leib und Seele nährt. Weil es Gemeinschaft stiftet, miteinander das Brot zu teilen, ohne über Low Carb-Alternativen nachzudenken. Nicht-Essen ist schlicht asozial. Und wer Wert auf eine Tischgemeinschaft legt, legt besser die wegzulassenden Mahlzeiten so, dass sie weniger ins Gewicht fallen.

Hier sind sieben ganz einfache Regeln, die ich für sinnvoll halte:
1.    Jeder kann so sein, wie er will.
2.    Wer abnehmen will, spart besser beim freien Zucker.
3.    Gute Fette machen nicht fett, sondern satt.
4.    Eiweiß macht auch satt, nicht nur Brot.
5.    Mach längere Essenspausen. Finde deinen Rhythmus. Iss erst wieder, wenn du hungrig bist. Dein Körper liebt dich dafür.
6.     Hör auf zu essen, bevor du ganz satt bist. 80 Prozent reichen dicke.
7.    Essen darf Freude machen. Entspann dich. Genieße.

Wann bin ich attraktiv für andere? Wenn ich mich selbst attraktiv finden kann. Und das hat mit der äußeren Form viel weniger zu tun als mit der inneren Haltung. Das steht schon in der Bibel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Genau übersetzt: Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du. Oder salopper: »Liebe dich selbst, dann können die anderen dich gern haben!«

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Müssen wir noch von »Sünde« reden?

13. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Ja, …

… denn sonst wird man der Wirklichkeit des Menschen nicht gerecht. Sünde braucht man, um von Vergebung zu reden – und von Gottes guter Gegenwart.

Die Frage ist nicht ob, sondern wie man von Sünde redet. Man ändert die Wirklichkeit nicht, indem man die Augen vor ihr verschließt. »Sünde« ist die theologische Kurzformel unserer Lebenswirklichkeit. Sie sagt, was der Fall ist, ob wir das Sünde nennen oder nicht.

Auch wer das nicht tut, meint ja zu wissen, was Sünde ist: Unkeuschheit, Hochmut, Neid, Eifersucht, Zorn, Groll, Bitterkeit, Geiz, Habsucht, Unmäßigkeit, Herzlosigkeit, Gier, Trägheit, Lustlosigkeit – die klassischen Hauptsünden bieten ein schier unerschöpfliches Arsenal von Beispielen.Nirgends redet die Theologie so lebensnah und erfahrungsgesättigt wie hier. Und nirgends lassen wir uns so leicht durch die Bäume den Blick auf den Wald verstellen.

Weithin sind Beispiele und Erläuterungen der Sünde an die Stelle der Sache getreten. Man sieht vor lauter Sünden die Sünde nicht mehr. Und weil man sich an den Moralbeispielen stößt, entsorgt man gleich das ganze Thema.

Theologisch ist das nicht progressiv, sondern töricht. Man korrigiert keine Fehler, indem man neue begeht. Sündenrede ist keine Moralkeule anderen gegenüber, sondern Selbstbekenntnis vor Gott: »Vergib uns unsere Schuld«. Es geht nicht um ein sündenverbiestertes Menschenbild, das schlechtredet, was gut ist, sondern um das Bekenntnis, dass man Gott nicht beachtet und falsch gelebt hat. Ich bekenne und beklage, was ich getan, übersehen oder unterlassen habe. Dafür bitte ich Gott um Vergebung.

Christen sprechen von der Sünde in der ersten Person, einzeln und zusammen. Sie werfen nicht anderen etwas vor, sondern bitten um Vergebung für ihr eigenes Versagen. Das versteht sich nicht von selbst. Sünder sind die letzten, die sich so bezeichnen. Das ändert nichts daran, dass sie es sind.

Sie sind wie wir: freundliche Langweiler, moralische Bösewichte, Gutmenschen, angeödete Indifferente. Sie verschließen sich nicht dem Elend der Welt. Aber sie sehen auch keinen Anlass, Gott für das Gute in ihrem Leben zu danken. Gottes Gegenwart hat wenig Gewicht für sie. Das macht sie zu Sündern.

Sünde ist kein Verstoß gegen ein Moralprinzip, sondern Undankbarkeit gegenüber Gottes guten Gaben. Verfehlung, Dummheit und Bosheit sind, was sie sind. Sünde aber ist das, was Gott durch das Gute überwindet, das er in unserem Leben wirkt. Nur von hier aus und damit im Rückblick kann man von Sünde reden.

Dann aber zeigt sich in tausendfacher Brechung immer dasselbe: der Irrtum, wir könnten ohne Gott leben oder gut leben oder gar besser leben als mit Gott. Man muss diesen Irrtum selbst nicht als Mangel erleben. Unsere Sünde zeigt sich in unseren Stärken nicht weniger als in unseren Schwächen und Schwierigkeiten.

Wir wissen, wie selten uns Gutes gelingt und wie viel Böses und Übles wir verschulden. Doch das ist noch keine Sündenerfahrung. So verstanden wäre Sünde ein moralischer Mangel und die Überwindung der Sünde die Korrektur unserer Defizite. Das klingt gut und geht doch am Entscheidenden vorbei. Gottes Güte ist weit mehr als die Lösung unserer Probleme. Wir brauchen Gott nicht erst dann, wenn wir mit unserem Leben nicht mehr zurechtkommen, sondern Gott zieht uns in den unendlichen Überfluss seiner Liebe hinein, lange ehe wir merken, wie sehr wir ihn brauchen.

Wer die Rede von Sünde aus dem Nachdenken über die Menschen verbannen will, spricht den Menschen ab, dass Gott ihnen Gutes tun kann. Das unterschätzt Gott und degradiert die Menschen. Sündenrede ist keine Herabwürdigung der Menschen, sondern die Erinnerung daran, dass Gott jedem guttut.

Mit der Sünde macht man daher nicht Schluss, indem man nicht mehr von ihr spricht, sondern indem man Gott dankt, der sie beendet.

Ingolf U. Dalferth

Ingolf U. Dalferth ist Professor für Systematische Theologie und lehrt an der Claremont Graduate University (USA) Religion und Philosophie. Derzeit ist er Leibniz-Professor in Leipzig.

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Nein, …

… zumindest nicht so, wie wir es gewohnt sind. Denn Jesus hat die bedingungslose Liebe gepredigt. Wohl aber, wenn heute Leben gefährdet oder zerstört wird.

Die Wortgruppe »Sünde«, »Sünder/in« und »sündig« lässt sich, wenn es um das damit Bezeichnete geht, nicht leicht gegenüber der Wortgruppe »Schuld«, »schuldig sein«, »schuldig bleiben« abgrenzen. So benutzt selbst das Vaterunser im Zusammenhang mit Gottes und unserer Vergebung nicht das geläufige griechische Wort für »Sünde«, sondern das für »Schuld«. Das entspricht auch unserem Sprachgebrauch.

Anders sieht es in der kirchlich-theologischen Nischen-Sprache aus. In der Bibel ist »die Sünde« die oft quasi personenhaft auftretende widergöttliche Macht des Bösen (z. B. 1. Mose 4,7!), in deren Fänge der Mensch durch den »Sündenfall« geraten ist, weil er Gottes Gebot nicht gehorcht hat. Akzeptiert ein Christ sein Sündersein, muss er sich als des Todes würdig ansehen.
Die darin erkennbare Gottesvorstellung entstammt Klischees von einem absolutistisch regierenden Großkönig, dessen Ansprüchen keiner seiner Untertanen genügen und für dessen Gnadenerweise niemand ihm genug danken kann. Ist also das Menschsein wegen unserer Sünden generell des Todes würdig?

Diesen Gebrauch von »Sünde« kann ich nicht akzeptieren. Zuerst, weil Jesus unser Lebensrecht nicht vom Maß unseres Gehorsams gegen Gebote, sondern von der bedingungslosen Liebe Gottes abhängig gemacht hat. Er hat erlebt, dass das Leben schwer ist, gerade wenn wir gut sein wollen. Gottes Gebote sind nach Jesu Worten kein Selbstzweck, sondern dazu da, uns zu einem liebevollen Menschsein zu helfen (Markus 2,27).
Wenn wir Schuld auf uns laden, ist nicht Strafe oder gar Todesstrafe die Antwort, sondern Vergebung, und zwar ohne dass zuvor Blut hat fließen müssen! Allein aus Liebe zum Leben. Der einzige Auftrag, den der Auferstandene den Jüngern nach Johannes 20,23 gibt, ist, einander die Sünden zu vergeben. So soll ein Christ »Licht der Welt« sein.

Es geht also nicht an, dass wir das Wort »Sünde« in ständiger Reproduktion biblischer Wendungen benutzen, ohne die Implikationen kritisch mit zu bedenken. Theologie verfehlt ihr Handwerk als Wissenschaft, wenn sie die historische Kritik unserer Überlieferungen nicht endlich durch eine theologische Kritik ergänzt. Dazu aber ist es nötig, den Bezugsrahmen der Bibelauslegung nicht wieder auf die Bibel zu begrenzen. Sondern, wir müssen in unser Menschenbild alles einbeziehen, was aus anderen Wissenschaften und Quellen von uns Menschen und unserer Herkunft zu sagen ist.

Dazu gehört nicht zuletzt die Erkenntnis, dass wir unsere tierliche Herkunft nicht wirklich hinter uns haben, sondern bleibend in uns. Wir haben mit den Tieren ein gemeinsames Gedächtnis dessen, was in der wilden tierlichen Existenz dem Überleben diente. In Situationen, in denen wir die in unserer Kultur erlernte Kontrolle über unsere Impulse und Motive verlieren, bieten sich uns manchmal »wilde« Erfahrungen als Handlungsmodelle an – zum Beispiel im Straßenverkehr, wenn uns altes Beutejagd- oder Kampfverhalten für kurze Momente, bildlich gesagt, das Steuer aus der Hand nimmt. Mit Gottfeindschaft hat das aber nichts zu tun.

Nur in einem Zusammenhang halte ich den Gebrauch des Wortes »Sünde« für sinnvoll: Da, wo Menschen bewusst und gezielt gegen das Leben vorgehen, Menschen und Tiere als Instrumente gegen das Leben benutzen oder Leben aus Gewinnsucht gefährden – also zum Beispiel in angezettelten Kriegen, durch systematische Täuschungen über tatsächlich produzierte lebensgefährliche Abgase von Motoren und dergleichen. Das sind Sünden gegen das Leben, in denen ich Jesu Wort von der »Sünde gegen den Heiligen Geist« heute aktualisiert sehe.
Allerdings gilt auch für diese Sünden, dass sie um der unbedingten Liebe Gottes willen vergeben werden können, wenn dafür die Verantwortung übernommen wird.

Klaus-Peter Jörns

Klaus-Peter Jörns lehrte Praktische Theologie und Religionssoziologie an der Universität Berlin. Seit dem Eintritt in den Ruhestand 1999 ist er als erfolgreicher Buchautor tätig.

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Der Traum vom Paradies

6. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Weltgebetstag 2018 haben Frauen aus Surinam vorbereitet. In der Hauptstadt, Paramaribo, liegen die Moschee und die Synagoge direkt nebeneinander. Ein Symbol für das friedliche Miteinander, auf das viele Surinamer stolz sind.

Der Taxifahrer ist hindustanisch, im Supermarkt steht eine Chinesin an der Kasse, in der Warung – einem Imbiss – wird javanisches Essen angeboten, an der Straße verkauft eine Indianerin Cassavafladen, die kreolische Lehrerin unterrichtet Holländisch und unter den breit ausladenden Ästen eines großen Baumes spielen Marronkinder – Marrons sind die Nachfahren entlaufender Sklaven – zwischen den bescheidenen Häusern. Am Sonntag im Gottesdienst kommen meist drei oder mehr verschiedene Sprachen vor.

Verschiedene Völker, verschiedene Gebräuche, verschiedene Sprachen treffen sich in Surinam im Sranan, der von allen gesprochenen Sprache des Alltags. Das Niederländische ist nach wie vor die Amtssprache. Das Leben in Surinam zeigt, dass es geht, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen eine multikulturelle Gesellschaft bilden können. Respekt vor dem anderen ist ein hohes Gut. Auf die gelebte Vielfalt im Neben- und Miteinander ist man zu Recht stolz. Wenn Surinamer eine Botschaft formulieren sollten, dann wäre es wohl die Idee einer Gemeinschaft, in der dennoch jeder das Recht hat, seine Besonderheiten zu leben. Einheit in Vielfalt.

In den Werbebroschüren der Reisebüros kann man ungefähr so etwas lesen: Wer die Natur liebt, kann sein Herz an Surinam verlieren. Es ist eines der weltweit grünsten Länder, weite unberührte Wälder, majestätische Flüsse, exotische Flora und Fauna, freundliche Menschen, die noch im Einklang mit der Natur leben.

Und ja, so ist es im Binnenland, weit weg vom Lärm der Städte, wo nachts die Sterne heller glitzern als anderswo, und wo das, was ist, einfach nur deshalb gut und richtig ist, weil es ohne irgendeinen Zweck erfüllen zu müssen einfach eben ist – auch man selbst kann einfach sein, und es ist gut. Man kommt Gott in seiner Schöpfung nah. Das ist ein gutes Gefühl und etwas, wonach viele von uns sich als Menschen und Christen sehnen: im Einklang mit sich und der Welt zu sein. Und siehe, es war sehr gut.

Idyllisch: Das Dorf Afobaka am Brokopondo-Stausee. Er gehört zu den größten Talsperren der Welt.  Foto: Hilke Maunder

Idyllisch: Das Dorf Afobaka am Brokopondo-Stausee. Er gehört zu den größten Talsperren der Welt. Foto: Hilke Maunder

Eine junge Lehrerin aus einer großen deutschen Stadt kam nach Surinam. Sie wollte »etwas tun«, nicht nur als Tourist das Land besehen. Und es gab etwas zu tun für sie – in der Stadt bei der Erarbeitung von Lehrmaterial für die Grundschule. Aber der Höhepunkt ihrer Reise war doch ein Besuch in einem Indianerdorf, ganz weit weg, an der Grenze zu Brasilien, wo man nur schwer oder gar nicht hinkommt. Sie ist mit einem kleinen Flugzeug dahin geflogen, dahin, wo das Leben noch einfach und ursprünglich ist. Als sei sie auf der Suche nach ihren Ursprüngen, sich selbst oder nach Gott. Ihre surinamischen Gastgeber waren noch nie so weit im Hinterland.

Sei es diese junge Frau, sei es der Tourist, der eine Woche in einer »Urwaldlodge« bucht, sei es der Mitarbeiter einer Nicht-Regierungsorganisation, sei es der ausländische Mitarbeiter einer Firma – sie alle zieht es ins Binnenland, dahin wo das Leben noch einfach und ursprünglich ist. Als seien sie alle auf der Suche nach ihren Ursprüngen, sich selbst oder nach Gott. An den Autos der Menschen in Paramaribo sieht man selten oder nie den typischen roten Staub von einer Fahrt über die Lateritpisten des Binnenlandes, weil sie da so gut wie nie hinfahren.

In einer Zeit endloser kriegerischer Auseinandersetzungen in aller Welt und der Überflutung mit Anleitungen zum Glück ist solches Sehnen nach einem heilen Paradies nur allzu verständlich. Und vielleicht ist es auch gerade dies Lebensgefühl, aus dem heraus Surinam das Thema »Schöpfung« für den Weltgebetstag zugewiesen bekommen hat.

Einheit in Vielfalt zu leben, im Einklang mit der Schöpfung, wo keiner zu kurz kommt, und ein jeder seine Würde hat, so wie Gott ihn gedacht hat, das könnte ein gemeinsamer surinamisch-deutscher Traum werden.

Dorothea Rohde

Dorothea Rohde wohnt mit ihrer Familie seit anderthalb Jahren in Surinam. Sie ist Pfarrerin der Brüdergemeine Immanuel in Paramaribo und Mitarbeiterin am Theologischen Seminar.

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Das Leben gewinnen

6. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Zehn Tipps, wie Sie seelischen und materiellen Ballast abwerfen können

Wir haben von allem zu viel. Wir essen zu viel, schleppen zu viele Kilos mit uns rum, leben in vollgestopften Wohnungen – von Keller und Speicher gar nicht zu reden , schieben zu viele unangenehme Dinge vor uns her. Weniger ist mehr. »Einfaches Leben« bedeutet, sich von materiellen und seelischen Lasten zu befreien. Jesus hatte erkannt, dass auch im Glauben an Gott vieles verkompliziert wurde. Mit seiner Klarheit und Einfachheit entrümpelte er den Glauben.

1. Einfach Glauben leben
Orientieren Sie sich an Jesus. Der christliche Glaube ist einfach. Nicht Dogmen und komplexe Lehrgebäude sind wichtig, sondern der schlichte Glaube, wie ihn Jesus vorgelebt hat. Jesus bringt es in der Bergpredigt als Verheißung auf den Punkt: »Glücklich seid ihr, wenn ihr arm seid, … wenn ihr trauert, wenn ihr nachgebt, wenn ihr hungert und dürstet, wenn ihr barmherzig und gut seid, … wenn ihr Frieden stiftet untereinander.« Jesus fasste das Gesetz und die Propheten in der Goldenen Regel zusammen: »Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!«

2. Aufmerksamkeit schenken
Jesus sagte: »Gib, und dir wird gegeben.« Das ist ein einfaches Gesetz des Lebens. Wir können es jederzeit in unserem Alltag erfahren, indem wir uns fragen, was der andere in diesem Moment am meisten gebrauchen kann. Manche brauchen Aufmerksamkeit, ein nettes Gespräch, ein Lob, ein Lächeln oder eine Umarmung. Wer seinen Mitmenschen etwas gibt, wird es vom Leben schon sehr bald zurückbekommen. Es kostet nichts, der Frau an der Supermarktkasse oder dem Busfahrer ein Lächeln zu schenken.

3. Auf Vergleiche verzichten
Vergleichen Sie sich nicht mit anderen. Natürlich kann man anderen Menschen gegenüber seine Bewunderung ausdrücken oder ihnen Respekt zollen. Eifersucht und Neid dagegen zerfressen den Geist, rauben Zeit und hinterlassen schlechte Gefühle. Es gibt nichts, weswegen Sie andere beneiden müssen, denn Gott hat Sie selbst reich beschenkt.

4. Verzeihen und vergeben
Damit schaffen Sie sich seelische Belastungen vom Leib. Die urchristliche Tugend der Vergebung ist das, was für eine funktionierende Gesellschaft notwendig ist. In der Politik, in der Familie, in Beziehungen. Fehler macht jeder, doch vielen Menschen fällt es schwer, um Verzeihung zu bitten. Eine nicht ausgesprochene Entschuldigung kann Menschen schwer im Magen liegen. Wer jedoch die Kraft der Vergebung erlebt, weiß, wie sich Freiheit anfühlt. Überall, wo Vergebung geschieht, wird das Leben einfacher.

5. Sorgen abgeben
Man kann sich viele Sorgen machen – um die Zukunft, um gestern, um morgen, um Kinder oder Eltern, kleine und große Dinge oder auch unnütze Dinge. Doch Sorgen machen die Sache nicht besser, sie verändern nichts und rauben Energie. Das Evangelium gibt darauf eine klare Antwort: »Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er sorgt für euch!« In diesem schönen Bibelvers steckt die Lösung. Das ist die maximale Entlastung. Gott hat die Dinge im Blick. Wir können die Sorgen im Gebet benennen und Gott übergeben. Mit dem Amen können wir gewiss sein, dass nun alles in Gottes Hand liegt. Befreit von allen Lasten können wir das tun, was notwendig ist.

6. Einfach essen
Unsere Ernährung hat große Auswirkung auf unser körperliches und seelisches Wohlbefinden. Der Körper braucht nicht viel, er benötigt in der Regel weniger als wir den Tag über zu uns nehmen.

Anstrengung macht glücklich. Foto: Robert Kneschke – stock.adobe.com

Anstrengung macht glücklich. Foto: Robert Kneschke – stock.adobe.com

Fisch, Olivenöl, Obst und Gemüse: dass mediterranes Essen gesünder ist und den Körper weniger belastet, ist mittlerweile auch wissenschaftlich bewiesen. Man fühlt sich fitter, mobiler, aktiver.

7. Reparieren statt wegwerfen
Leisten Sie Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft. Nicht alles, was kaputtgeht, muss durch einen Neukauf ersetzt werden. Vielleicht findet sich in Ihrer Familie jemand, der sich für kleinere Reparaturarbeiten zuständig fühlt. Notwendig ist ein Gefühl für Materialien und ein technisches Verständnis. In manchen Gemeinden bilden sich inzwischen Reparatur-Netzwerke.

8. Regelmäßig bewegen
Bewegen Sie sich regelmäßig und strengen Sie sich dabei an. Dann werden Glückshormone freigesetzt, die guten Gefühlen den Weg ebnen. Wer statt Rolltreppen und Aufzügen die Treppe nimmt, bringt seinen Kreislauf in Schwung und schützt sich damit vor Herz- und Gefäßkrankheiten. Wenn Sie zu Fuß unterwegs sind, kommen Sie der Erde näher. Sie können entdecken, dass »Gott die ganze Welt und alles, was auf ihr lebt, gehört«, wie es in der Bibel heißt. Auch regelmäßiges Joggen ist gesund. Es geht aber besser ohne Handy und GPS, ohne Pulsuhr, schriller Funktionskleidung, ohne Musik im Ohr, ohne Nährstoffbombe in Riegelform und teuren Energiedrinks. Es reichen Laufschuhe, Hose, T-Shirt und Wasser.

9. Raum schaffen
Im Laufe der Jahre sammeln sich eine Menge Dinge an. Was davon brauchen Sie wirklich? Stellen Sie sich einmal vor, Sie müssten alles zurücklassen. Was wäre wirklich unverzichtbar? Es ist der erste Schritt, sich von überflüssigem Besitz zu trennen. Haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil Sie all die Dinge, die Sie in Ihrer Wohnung haben, nicht richtig wertschätzen können? Dann wird es Zeit auszuräumen und sich von unnötigem Ballast zu befreien. Bieten Sie die Bücher, die Sie nie mehr lesen werden, der städtischen Bibliothek an, nutzen Sie kostenlose Anzeigenblätter, um Dinge gegen Selbstabholung zu verschenken.

10. Schönes weitergeben
Geben Sie schöne Dinge aus Ihrem Besitz an die nächste Generation weiter. Solange Sie noch leben, haben Sie etwas davon: Sie gewinnen Platz und Sie erleichtern Ihren Angehörigen den Umgang mit Ihrem Nachlass. Bei interessanten Erbstücken können Sie noch eine Geschichte dazu erzählen. Sie können in den Tod nichts mitnehmen. Wo Sie dann sein werden, brauchen Sie diese Dinge nicht.

Helmut Frank

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Sie will, er muss

5. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Fastenaktion der Kirchenzeitung: Mit dem Publizisten Christian Nürnberger setzen wir unsere Reihe fort. In jeder Ausgabe während der Passionszeit berichtet eine prominente Persönlichkeit, ob sie fastet oder nicht und was ihr die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern bedeutet.


Im Kloster bei kärglicher Kost »zu sich selbst finden«? Daheim dem Bier, Wein und Braten entsagen, um dem lieben Gott irgendwie näherzukommen? Ja, weiß die Menschheit denn nicht, dass Gottesnähe auch zu verspüren ist, wenn man sich dem nächsten Wirtshaus oder Biergarten nähert? Mich jedenfalls versetzen solch heilige Orte sofort in meditative Stimmung, aus der heraus ich dann nur noch eine frische Maß Bier und ein paar Bratwürstl mit Kraut kommen lassen muss, und schon bin ich mit der Schöpfung einverstanden, lobe den Herrn und schmecke die lutherische Freiheit eines Christenmenschen.

Selbstkasteiungen hingegen führen mich in die größte Gottesferne, in der ich frage, warum der liebe Gott ungerecht ist bis hinein in die kleinsten Verästelungen des Menschseins. Man denke nur an die ungleiche Futterverwertung von uns armen Sündern – ein Problem, das seit Anbeginn meine Ehe überschattet, denn meine Frau isst, was sie will. Ich auch, und darüber regt sie sich dann so auf, dass sie gleich wieder abnimmt, während mir ein weiterer Fettring wächst. Sie kann in Gesellschaft drei Stück Kuchen essen, und hat am nächsten Tag ein Kilo weniger, weil die Gespräche sie so angestrengt haben, während ich vom bloßen Ansehen des Kuchens zunehme.

Was denkt sich der liebe Gott dabei? Warum lässt er zu, dass meine Frau mich verantwortlich macht für meinen Bauch, an dem doch er schuld ist? Wieso gibt es dazu keinen einzigen Aufsatz eines Theodizeeproblem-Theologen? Und was sagt eigentlich Thomas von Aquin dazu, von dem es heißt, wegen seiner Körperfülle hätte sein Schreibtisch halbkreisförmig ausgesägt werden müssen? Darüber müsste mal gepredigt werden in den Kirchen, statt immer nur übers Maßhalten.

Kontrovers: Ob fasten gut ist oder nicht, darüber haben die Eheleute – Moderatorin Petra Gerster und Christian Nürnberger – unterschiedliche Auffassungen. Foto: Random House/Kay Blaschke

Kontrovers: Ob fasten gut ist oder nicht, darüber haben die Eheleute – Moderatorin Petra Gerster und Christian Nürnberger – unterschiedliche Auffassungen. Foto: Random House/Kay Blaschke

Trotzdem habe ich – aber ich kann das erklären – seit Anfang Januar rund sechs Kilo abgenommen. Nicht aus spirituellen Gründen, nein, der Hirschhausen ist schuld. Und meine Frau. Die nötigte mich wieder, wie an jedem Jahresbeginn, diese unsäglich langweiligen, absolut nutzlosen Abnehm- und Diät-Tipps zu lesen, obwohl doch längst erwiesen ist, dass man nur die Wahl hat zwischen lebenslangem Hungern und lebenslangem Dicksein. Weshalb ich es seit je mit Curd Jürgens halte, der einmal gesagt haben soll, es komme nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben – denn zu was kann ein exzess-freies, freudlos sich hinziehendes Fit-for-Fun-Leben schon führen? Am Ende stirbt auch der Dünne, nur halt ein wenig später, fitter und mit dem Gefühl, einiges versäumt zu haben. Fit statt lebenssatt zu sterben, überlasse ich gern den Wellness-Aposteln.

Dank dieser gesunden Einstellung zum guten Leben habe ich es im Lauf der Jahre auf ein Kampfgewicht von 96 Kilo gebracht – bei einer Körpergröße von 1,76 m. Nein, das ist nicht zu schwer, sage ich meiner Frau, ich bin nur zu kurz, und dafür kann ich nichts, weil der liebe Gott … – siehe oben.

Dann aber hat sie mich überlistet. Sie gibt ja nicht auf, scheut nicht einmal davor zurück, mir Artikel aus der Bildzeitung(!) hinzulegen. Und eines Tages lag da was aus dieser Zeitung vor meiner Nase, geschrieben vom Hirschhausen. Den wird er lesen, dachte meine Frau. Und hatte Recht.

Hirschhausen berichtete von seiner Gewichtsabnahme. Der also jetzt auch. Ist denn gar keiner mehr gegen die Seuche des Schlankheitswahns gefeit? Hirschhausen verlor nun zwar stark in meinem Ansehen, aber andererseits ist er so ein raffinierter Hund, dass etwas mit mir geschah, während ich mürrisch über seine Einlassungen zur neuen Mode des »Intervall-Fastens« – neudeutsch-hip und schick: intermittent fasting – hinweglas. Das Geheimnis seines Erfolgs besteht ja darin, dass er sein kotzlangweiliges Medizinthema immerzu mit humorig-philosophischen Bemerkungen über das Leib-Seele-Problem würzt, und zwischen den Zeilen versteckte Botschaften unterbringt, die sogleich ihre Wühlarbeit im Unterbewusstsein beginnen. So auch bei mir.

Plötzlich fielen mir – während ich noch las – ein paar meiner älteren Freunde ein, die es ebenfalls ein Leben lang mit Curd Jürgens gehalten hatten. Konrad, ein paar Jahre älter als ich, müsste eigentlich eine neue Hüfte bekommen, kann aber nicht operiert werden, weil er zu fett ist, müsste erst 30 Kilo abnehmen, schafft immer nur fünfzehn, dann lässt er sich wieder gehen, sitzt nur noch bewegungslos herum, nimmt zu viel zu und zu wenig ab, und braucht jetzt den Rollstuhl. Günter, zehn Jahre älter als ich, starker Raucher, schon drei Herzinfarkte, lebt mit Herzschrittmachern und allerlei Stents freudlos vor sich hin. Harry, fünfzehn Jahre älter als ich, Schlaganfall, Rollator. Wäre das Alter für meine älteren Freunde leichter und erträglicher, wenn sie ihr Leben rechtzeitig in etwas gemäßigtere Bahnen gelenkt hätten?

Ich weiß es nicht. Aber plötzlich hatte dieser Hirschhausen mit seinem Zeug über die neue Fastenmode den Gedanken in mir erzeugt: Zwei statt drei Mahlzeiten pro Tag – das schafft doch jeder Depp, und man spart noch Zeit dabei. Könnte man mal probieren.

Und: Ein kurzes, aber intensives Curd-Jürgens-Leben mag ja ganz schön sein, aber was kommt danach? Dann trete ich kräftig und wohlgenährt durch die Himmelspforte, und sie werden sagen: Der soll dem Petrus beim Donnern helfen. Träte ich jedoch viele Jahre später schwach und abgemagert vor sie hin, würden sie sagen, der soll den Frauen ein wenig zur Hand gehen. Das motivierte. Einerseits.

Andererseits kenne ich die Hauptsätze der Thermodynamik, die sich auf den Nenner bringen lassen: Wenn du mehr Kalorien aufnimmst als du verbrauchst, nimmst du zu, egal mit welcher »Diät«. Weiß der Hirschhausen natürlich auch. Warum meint er dann trotzdem, die Gesetze der Physik aushebeln zu können? Nun ja, er hat abgenommen. Das Argument schlägt die besten Theorien.

Also begann ich morgens um zehn mit dem Frühstück. Abendessen um 18 Uhr. In den darauffolgenden 16 Stunden bis zur nächsten Mahlzeit, so die Theorie, soll es geschehen. Während dieser Zeit nimmt man angeblich ab, auch dann, wenn man beim Frühstück und Abendessen so richtig zugeschlagen hat.

Und tatsächlich: Das Wunder geschah. Die Physik dieses Glibbers aus Herz, Leber, Nieren, Bauchspeicheldrüse, Insulin- und Hormoncocktail-Shaker ist offenbar noch mysteriöser als die des sauberen Dieselmotors. Nein, sagt der Hirschhausen, es sei ganz einfach: In den sechzehn Stunden Ebbe leeren sich die Kohlehydratspeicher, und dann muss der Körper ans Fett.

Meine verlorenen sechs Kilo sind allerdings Stand von letzter Woche. Seitdem stagniert die Sache. Der Hirschhausen schuldet mir jetzt eine Erklärung. Und wehe, er hat keine.

Oder ich beweise halt meiner Frau meine Liebe. Seit Aschermittwoch lässt sie nämlich den Wein weg, wie jedes Jahr. Ich – ein vor Gott gerechtfertigter Lutheraner – habe dafür noch nie einen Grund gesehen. Was es für sie doppelt schwer macht, dem Wein zu entsagen. Unsolidarisch sei das, sagt sie. Gut, werde ich halt mal solidarisch sein.

Und wenn trotzdem weiter alles stagniert? Dann können sie sich auf was gefasst machen, der Hirschhausen und meine Frau.

Buchtipp
Gerster, Petra, Nürnberger, Christian: Die Meinungsmaschine. Wie Informationen gemacht werden – und wem wir noch glauben können, Random House, 384 S., ISBN 978-3-453-28047-2, 19,99 Euro

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Frauen, Töchter und Mütter

5. März 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Generationen im Gespräch: Am 2. März ist Weltgebetstag der Frauen, am 8. März Internationaler Frauentag. Wie wachsen Mädchen heute auf? Wie prägen Mütter ihre Töchter? Hanna (66), Anna (45) und Paula Manser (16) stellten sich diesen Fragen.

Frau Manser, Sie sind Jahrgang 1952. Mit welchem Frauenbild sind Sie aufgewachsen?
Hanna:
Wir waren vier Mädchen. Meine Mutter, Jahrgang 1913, hat sich sehr für Literatur interessiert und war gern Lehrerin. Ihren Beruf hat sie bei der Geburt meiner ältesten Schwester aufgegeben und dann nie wieder beruflich gearbeitet. Manchmal flüsterte sie mir ins Ohr: »Denk dran: immer schön lieb, leise und lächeln!« Obwohl sie sich selbst nicht so angepasst benommen hat.

Sie gewährte mir viele Freiheiten: Ich durfte mit 17 Jahren nach Ungarn trampen. Ihre nonverbale Botschaft war: »Macht was aus eurem Leben.« Unsere Mutter war innerlich rebellischer, als sie das gelebt hat.

Ihr Vater war Pfarrer, war Ihre Mutter eine klassische Pfarrfrau?
Hanna:
Nicht in dem Sinne, dass der Satz fiel: »Ich halte meinem Mann den Rücken frei.« Ich erinnere mich an Streitgespräche. Meine Mutter wollte es nicht, dass sie beim Abendmahl knien sollte. Außerdem quälte es sie, dass unser Religionslehrer den Nationalsozialismus durch seine Kindheit so verinnerlicht hatte. Sie fand, wir sollten zu diesem Mann lieber nicht zur Christenlehre gehen. Das konnte sich mein Vater als Pfarrer natürlich nicht leisten.

Sie hat uns zu nichts genötigt. Die Stärkung und den Freiheitsdrang durch den Glauben, das habe ich von meiner Mutter.

Anna, Sie sind Jahrgang 1973. Mit welchem Frauenbild sind Sie groß geworden?
Anna:
Meine Mutter hat das Thema viel kämpferischer behandelt als wir. Aber aus ihrer Sicht und ihrer Historie verstehe ich das – ihr Vater war schon patriarchalisch.

Die Gleichberechtigung, Mutsch, war dir so wichtig, die hast du manchmal auf Biegen und Brechen durchsetzen wollen. Und ich habe es eher als was Selbstverständliches übernommen, als etwas Natürliches. Vielleicht hast du uns den Weg etwas ebener gemacht.

Was wollte sie auf Biegen und Brechen durchsetzen?
Anna:
In Beruf und Erziehung wolltet ihr beide einen möglichst gleichwertigen Raum bekommen. Vater hat voll gearbeitet, du halb …
Hanna: Wir haben uns abgewechselt. Ich habe streckenweise voll gearbeitet.
Anna: Ich habe noch im Ohr, wie ihr im Gespräch wart: »Wenn du, dann ich auch.« Das hieß nicht, dass du nichts mit uns Kindern zu tun haben wolltest, aber es sollte nicht auf Kosten deines Berufs gehen. Das hat mich geprägt. Ich weiß nicht, wie ich wäre ohne diese Wurzeln, du bist wie eine Löwin aufgesprungen für die Rechte der Frauen.

Paula, als Schwester unter zwei Brüdern: Wie ist das Gefüge in Ihrer Familie?
Paula: Meine Mama hat mir schon gerne Kleider angezogen und ich hatte viele Puppen. Das schon. Aber im Spiel mit meinen Brüdern gab es keine Geschlechterunterschiede.
Anna: Eher war es eine Ehre, ein Mädchen zu sein. Erinnerst du dich an deinen Spruch auf dem Anrufbeantworter: »Marc Manser, Anna Manser, Viktor Manser, Heinrich Manser, Paula Mädchen«?

Ist Emanzipation für die junge Generation ein Thema?
Paula:
Eigentlich nicht. Ein Beispiel aus dem Sportunterricht: Die Jungen haben gerade einen Kraftkreis, die Mädchen tanzen. Wir können aber wechseln, kein Problem. Ich spiele Fußball, früher auch in Jungsmannschaften.
Anna: Das höre ich zum ersten Mal mit dem Kraftkreis. Das finde ich stark. Uns sind in der Schule die Unterschiede deutlich gemacht worden. Auch was Kleidung und Spielzeug betrifft, Rosa für Mädchen, Blau für Jungs, und dass man Jungen keine Puppe schenkt.
Hanna: Mein eindrücklichstes Erlebnis ist die unterschiedliche Einschätzung des Leistungsvermögens. Mutter wollte, dass wir studieren. Vater brachte den Satz: »Ach, Krankenschwester reicht doch auch.« Und später im Studium merkte ich, Frauen werden viel mehr als Männer über ihr Äußeres eingeschätzt.
Paula: Unter uns Mädchen gibt es diese Bewertungen nicht, zumindest nicht in meinem Freundeskreis. Aber bei Jungs fragt man sich schon, ob es jetzt an Äußerlichkeiten liegt, dass die eine oder andere beliebter ist …

Anna, Sie arbeiten in einer Führungsposition. Was halten Sie von der Frauenquote?
Anna:
In unserem Team sind viele Frauen. Eine Freundin arbeitet als Gleichstellungsbeauftragte und sie spricht von starken Auffälligkeiten, die eine Quote vielleicht lösen würde. Bis zur Promotion ist das Verhältnis der Bewerber pari-pari. Bei Habilitationen viele Männer. Frauen fehlt durch das Kinderkriegen z. B. oft die Auslandserfahrung, die wichtige Publikation etc.

Kinder verändern alles. Was verändern sie in einer Partnerschaft?
Anna:
Im Gegensatz zu meinen Eltern sind wir viel lockerer (mit der Aufgabenverteilung) rangegangen. Wir haben eine viel klassischere Rollenverteilung. Es war aber immer klar, dass ich wieder arbeiten gehe. Mein Mann war sehr stolz, als ich die Leitungsfunktion annahm. Wir haben das Abholen der Kinder am Nachmittag aufgeteilt.Manchmal ist mein Mann, nach meinem Empfinden, zu spät zum Kindergarten gefahren. Aber wir konnten uns immer aufeinander verlassen.

Ich war auch mal drei Wochen zur Kur, allein, ohne die Kinder. Das hat mir mein Mann nie vorgehalten.

Du lachst, Paula?
Paula:
Ja, uns kam es wie drei Jahre vor. Unter drei Männern war es nicht einfach. Ich erinnere mich, dass ich einmal vor Wut und Verzweiflung gebrüllt habe: »Papa kennt sich gar nicht mit kleinen Mädchen aus!«

War es in Ihrer Ehe auch klar, dass beide arbeiten, Hanna?
Hanna:
Ja, das war selbstverständlich. Zu DDR-Zeiten bekam mein Mann einmal eine verlockende Stelle an der Uni Jena angeboten und er fragte, ob es für seine Frau auch eine Stelle gäbe. Da war nichts. Und dann hat er das Angebot abgelehnt. Unsere beiden ältesten Kinder kamen zur Welt, als wir noch studierten. Mit dem Eintritt in die Gemeinde mussten wir aushandeln, wer wann für die Kinder da ist.

Sie haben sich von dem Frauenbild Ihres Vaters emanzipiert, haben studiert, leben in einer gleichberechtigten Partnerschaft, übten einen Beruf aus, der lange Männern vorbehalten war. Dass es auch anders geht, haben Sie als Leitende Pfarrerin bei den Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland erfahren, oder?
Hanna:
Ich habe in der Seelsorge oft diesen Fall erlebt: Die Frau ist Katechetin oder Sprechstundenhilfe, der Mann Pfarrer oder Arzt. Solange die Partnerschaft funktioniert, ist das kein Problem. Kommt es zur Trennung, offenbart sich ein Ungleichgewicht: Diese Frauen haben wenig verdient, waren oft nur in Teilzeit angestellt, sie sind im Alter nicht gut versorgt.

Ein Meilenstein in unserer Kirche war das Mentoring-Programm. Dort wurden Frauen begleitet und unterstützt, wenn sie Führungsaufgaben übernehmen wollten. Diese jungen Frauen haben das unglaublich dankbar angenommen. Frauen wachsen an Frauenbeziehungen.

Drei Generationen an einem Tisch: Die 16-jährige Paula Manser besucht die zehnte Klasse eines Gymnasiums in Halle, Diplom-Pädagogin Anna Manser leitet das Schirm-Projekt, eine soziale Einrichtung in Halle, und ist für 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich, Pfarrerin i. R. Hanna Manser arbeitete als Gemeindepfarrerin, als Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland und im Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum. Foto: Katja Schmidtke

Drei Generationen an einem Tisch: Die 16-jährige Paula Manser besucht die zehnte Klasse eines Gymnasiums in Halle, Diplom-Pädagogin Anna Manser leitet das Schirm-Projekt, eine soziale Einrichtung in Halle, und ist für 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich, Pfarrerin i. R. Hanna Manser arbeitete als Gemeindepfarrerin, als Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland und im Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum. Foto: Katja Schmidtke

Paula, wissen Sie, was Sie einmal beruflich tun möchten?
Paula:
Ich habe einmal in einen Beruf reingeguckt, das war nichts für mich. Ich kann mir bislang auch nicht vorstellen, in einer Führungsposition zu arbeiten. Ich mag es lieber, wenn mir jemand sagt, was zu tun ist, und ich das abarbeiten kann. Ich leite zwar gerade eine Gruppe von jüngeren Konfis. Wir sind vier Kreisleiter und ich bin die, die den Spaß macht.
Anna: Jetzt verkaufst du dich unter Wert. Du leitest den Kreis auch allein, wenn die anderen einmal nicht da sind. Da machst du dir gar nichts draus, du gehst los und machst es. Und das sage ich nicht nur aus Mutterstolz. Als junge Frau konnte ich mir es übrigens auch nicht vorstellen, ein Team zu führen.

Mussten Sie gegen Widerstände kämpfen?
Anna:
Nein, aber von alleine wäre keiner auf mich gekommen. Ich glaube, Männern wird es eher angeboten, sie werden angeworben. Stünden Männer und Frauen alle in einer Reihe, würde kein Unterschied gemacht werden. Aber in der Reihe stehen eben viele Männer und wenige Frauen.

Weil ihnen wegen der Baby-Pausen einige Berufserfahrungen fehlen, weil sie keine Lust auf Gerangel und Spielchen haben.

Hanna: In den Gemeindekirchenräten sitzen übrigens mehr Frauen,
da müssen wir auf eine Männerquote achten. Frauen sammeln meist die Kollekte, Männer übernehmen eher die Lesung.

Was ich rate: Frauen, tut euch zusammen. Nicht in dem kämpferischen Sinn mit gereckter Faust. Sondern: Schaut aufeinander, lernt voneinander, ermutigt euch. Und seid nicht eifersüchtig.

Anna: Neid ist nichts Frauentypisches, auch wenn es bei Frauen Stutenbissigkeit heißt.
Paula: Unter Mädchen gibt es aber nicht diese Machtstreitigkeiten wie bei Jungs. Wer ist der Anführer, wer hat die meisten Muskeln, wer kann was am besten.

Was muss sich für die Frauen heute ändern?
Hanna:
Leider sind die typischen Frauenberufe noch immer weniger anerkannt und schlechter bezahlt. Frauen dürfen sich mehr zutrauen, mehr fordern, beruflich und in der Gemeinde.

An die beiden Älteren: Was geben Sie Ihrer Enkelin und Tochter mit auf ihren Weg?
Anna:
Ich hätte nie das Geschlecht wechseln wollen. Ich empfinde es als ein Glück, eine Frau zu sein.
Paula: In unserer Familie ist das nicht die schlechteste Wahl. (Alle lachen)
Hanna: Schwanger zu sein und Kinder zu gebären, ist ein Wunder. Das Gespür, das ich dadurch bekommen habe, wie verletzlich und kostbar das Leben ist. Dass du das in aller Fülle erfährst, das wünsche ich mir für dich, Paula.

Die Fragen stellte Katja Schmidtke.

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Ägypten: Krieg gegen den Terror

27. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Verfolgte Christen: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ruft jährlich dazu auf, am zweiten Sonntag der Passionszeit (Reminiszere) für bedrängte und verfolgte Christen zu beten. Schwerpunkt der Fürbitte diesmal ist die Situation der Christen in Ägypten.

Sonntagmorgen in der Kirche zur Heiligen Maria in Kairo direkt am Nil. Die Sonne glitzert auf dem träge dahinfließenden Strom. Weihrauch mischt sich mit den Resten des Morgennebels. »Für mich ist dies ein magischer Ort und einer, an dem ich mich sicher fühle, trotz allem«, sagt Marina G., eine junge Frau mit zwei Kleinkindern an der Hand. Die reich verzierte Kirche ist bis auf den letzten Stehplatz gefüllt und auch auf der Terrasse am Nil drängen sich die Betenden.

Die ägyptischen Kopten sind eine Abspaltung der Griechisch-Orthodoxen Kirche. Viele Lied- und Gebetstexte sind auf Koptisch, einer Sprache, die dem Pharaonischen ähneln soll. Die Predigt allerdings hält der Priester im ägyptischen Dialekt, dass die Gläubigen ihr folgen können.

Der Schein trügt: Trotz benachbarter Gotteshäuser ist das Verhältnis der Muslime und Christen zueinander schwierig. Foto: Julia Gerlach

Der Schein trügt: Trotz benachbarter Gotteshäuser ist das Verhältnis der Muslime und Christen zueinander schwierig. Foto: Julia Gerlach

Es sind aufmunternde Worte. Er bittet die Gläubigen, Geduld zu haben und die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht aufzugeben: »Wir müssen zusammenstehen und an unserem Glauben festhalten. Es ist eine Zeit der Prüfung und wir dürfen jetzt nicht nachlassen«, dringt die warme Stimme des Priesters durch den Lautsprecher. »Er weiß, was uns bewegt«, sagt Marina G. »Mich tröstet es und tatsächlich sind wir alle einmal wieder eng zusammengerückt. Wir verkriechen uns hier hinter unseren Mauern«, ergänzt sie. In den vergangenen Jahren habe sie manchmal Hoffnung gehabt, dass sich das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen in Ägypten doch noch verbessern könnte, doch derzeit ist sie eher pessimistisch.

Tatsächlich war das vergangene Jahr 2017 besonders blutig. Im Februar riefen radikale Gruppen, die auf der Sinai-Halbinsel gegen Regierungstruppen kämpften, zum Kampf gegen die Christen auf: Sieben Menschen wurden ermordet und Hunderte Christen flohen daraufhin in andere Teile Ägyptens. Kurz darauf, am Palmsonntag, kamen bei einem Doppelanschlag auf eine Kirche in Tanta und die Sankt-Markus-Kathedrale von Alexandria mindestens 70 Menschen ums Leben.

Hinzukommen unzählige Zwischenfälle: Angriffe auf Häuser und Geschäfte, Vertreibungen einzelner Familien aus oberägyptischen Dörfern, Ermordungen. Immer wieder flammt die Gewalt auf. Oft reicht ein Gerücht, dass etwa die Christen dort heimlich eine Kirche bauen, und schon kommt es zu Übergriffen.

Kirchbau ist eines der umstrittenen Themen. Seit Jahrzehnten fordern die ägyptischen Christen ein neues Gesetz, dass sie legal Kirchen bauen können. Im vergangenen Jahr wurde ein solches Gesetz verabschiedet, allerdings geht es vielen Christen nicht weit genug. Das letzte Wort für die Baugenehmigung haben die lokalen Gouverneure und sie können – wenn sie den sozialen Frieden in Gefahr sehen – auch »nein« sagen. Das Gesetz gilt als Geschenk des Präsidenten Abdelfattah al-Sisi an die Christen. Das allerdings macht die Sache besonders schwierig.

Ein Rückblick: Seit Jahrzehnten kommt es immer wieder zu Übergriffen auf Christen in Ägypten. Abhängig ist dies von der Politik der jeweiligen Regierung – Seit 1952 regiert am Nil das Militär fast durchgehend. Eine Rolle spielt auch die Stärke der islamistischen Bewegungen, die gegen die Regierung kämpfen und die Christen oft angreifen, nicht nur, weil sie andersgläubig sind, sondern auch, um die Regierung international in Verruf zu bringen.

2011 in den Tagen der Revolution auf dem Tahrirplatz in Kairo passierte etwas, was viele nie für möglich gehalten hätten: Christen und Muslime standen Seite an Seite, beteten und demonstrierten zusammen.

Mit dem Sturz von Mubarak wurden die Angriffe auf Christen schlimmer denn je und als 2012 mit Mohammed Mursi ein Muslimbruder zum Präsidenten gewählt wurde, hatten die Christen Angst. Deshalb unterstützten viele von ihnen Abdelfattah al-Sisi, der 2013 Mursi absetzte. Es kam zu extrem blutigen Racheakten. Mehr als 100 Kirchen und christliche Einrichtungen wurden im August 2013 angegriffen. Die neue Regierung ging mit großer Härte gegen die islamistische Bewegung vor und die Gewalt eskalierte. Je brutaler der Kampf, desto stärker gerieten auch die Christen ins Visier. Mehrfach hat der sogenannte Islamische Staat »IS« gedroht, ägyptische Christen zu töten.

Schwierige Zeiten für die Christen am Nil. Dabei hat das Christentum in Ägypten uralte Wurzeln. Im Jahr 60 gründete der Evangelist Markus in Alexandria die erste Kirche. In vielen Kirchen Ägyptens finden sich Bilder der Heiligen Familie, die auf der Flucht vor König Herodes mit einem Esel nach Ägypten zog. Diese Flucht spielt für die ägyptischen Christen eine wichtige Rolle und es gibt zahlreiche Pilgerstätten, die hierzu im Bezug stehen. So wurde auch die Kirche der Heiligen Maria am Nil auf einer Grotte erbaut, in der Maria und Josef mit ihrem Baby gerastet haben sollen. Im Vorbeigehen bekreuzigen sich die Gläubigen.

Julia Gerlach

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»Gott schickte mir die besten Engel«

27. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Christen in der DDR: Ausgerechnet in der NVA-Zeit fand Lothar Rochau zum Glauben. Er wurde Diakon und wollte fortan keine faulen Kompromisse mehr machen.

Wenn Lothar Rochau über die Zeit spricht, die zu seiner Verhaftung, Verurteilung und erzwungenen Ausreise führte, dann klingt es, trotz allem, wie die Zeit seines Lebens. Die hellen Augen leuchten, erinnert er sich an die Freitagabende im Bauwagen auf dem Kirchengelände in Halle-Neustadt. Seine Lippen formen ein Lachen, denkt er an seine Freunde, die Visionen, die sie teilten, die Aktionen, die sie planten. Seine Stimme zitiert fröhlich aus den Büchern, die sie lasen. Er springt vom Stuhl auf, zeigt Fotos: Rüstzeit in Braunsdorf im Thüringischen, Werkstatt-Tage in Neustadt, Fahrraddemo durch Halles Altstadt. »Ich hatte so wunderbare, mutige, so tolle junge Leute um mich und wir hatten so viel Freude«, sagt er.

Eine Zeit der Befreiung. Dabei war die Offene Arbeit, die Rochau als Jugenddiakon in der Kirchengemeinde in Neustadt – der sozialistischen Musterstadt – 1977 aufbaute, umstritten. Nicht nur bei der Stasi oder offiziellen staatlichen Stellen, sondern auch in seiner Kirche.

Bruder Rochau praktizierte die Offene Arbeit nach dem Vorbild Walter Schillings aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Offene Arbeit war mehr als Arbeit, es war ein Lebensentwurf. »Die Befreiung des Menschen durch den Menschen. Du hast deine ganze Person in die Waagschale gelegt«, erklärt Lothar Rochau. Die radikale Öffnung der Jungen Gemeinde war die Antwort auf ein politisiertes staatliches Bildungssystem und der Versuch, Kirche für andere und mit anderen zu sein. Aber die von Staat und Stasi vorangetriebene Differenzierung zwischen dem Diakon und den jungen Leuten auf der einen und der Kirchengemeinde auf der anderen Seite, gewinnt letztlich der Staat. Rochau wird 1983 von seiner Kirche entlassen.

Lothar Rochau. Foto: Katja Schmidtke

Lothar Rochau. Foto: Katja Schmidtke

Verlassen fühlt er sich nicht – zumindest nicht von Gott. Denkt er an seine Inhaftierung im »Roten Ochsen«, spricht er zwar von Einsamkeit, aber auch von der Kraft, die ihm die Leidensgeschichte Jesu gab und von den »besten Engeln, die Gott immer wieder zu mir schickte«. Der Prozess und die Haft sind Prüfungen, gewiss. Aber Angst? Nein. »Wir riskieren in der DDR vielleicht unser Wohl-Leben, nicht aber unser Leben«, zitiert Rochau Robert Havemann. Der Diakon sieht selbst in den dunklen Stunden seinen Weg. »Und ich wusste, irgendwann werden es auch die anderen sehen. Ich hatte ein tiefe Zuversicht.«
Die tiefe Zuversicht des Glaubens wurde Lothar Rochau nicht in die Wiege gelegt. Was er aufsog mit der Muttermilch, das waren Liebe, Sicherheit, Urvertrauen. »Ich zehre ein Leben lang von dem, was meine Mutter mir gegeben hat«, sagt er mit Zärtlichkeit.

1952 in Weißensee/Thüringen geboren, wird der Säugling auf Bestreben der Mutter getauft. Aber als der Vater 1955 Parteisekretär wird, »ist Ruhe mit Kirche« im Hause Rochau. Mit 13, 14 Jahren liest er Hermann Hesse, Leo Tolstoi und Albert Schweitzer. Er lässt sich die Haare wachsen, trägt Parka, hört Blues. Er ist ein Kunde, ein Tramper. Und als ihm, der 1 000 Meter in 2:55 Minuten läuft, die Teilnahme an der Spartakiade verboten wird, weil er lange Haare hat, verändert ihn das.

Zum Glauben findet er einige Jahre später, ausgerechnet bei der Armee. Nach einem Lazarettaufenthalt macht er auf dem Weg zurück zur Kaserne in Eggesin Stopp in Ueckermünde und geht, einem inneren Bedürfnis folgend, in die Kirche am Markt. »Ich muss einen ziemlich traurigen Anblick abgegeben haben«, sagt er heute lachend. Eine Dame setzt sich zu ihm, schenkt ihm ein kleines blaues Neues Testament. Die Bergpredigt und besonders die Seligpreisungen sind eine Offenbarung für den jungen Mann. Er kehrt als Christ von der NVA zurück. Nach Glaubensunterricht bei Pfarrer Siegfried Merker in Weißensee ist Rochau klar, dass er sich in den Dienst der Kirche stellen möchte. »Ich möchte etwas Praktisches tun, etwas mit Menschen«, sagt er dem Geistlichen und beginnt 1973 in Eisenach und Neinstedt seine Ausbildung.

Der Jugenddiakon ist kein frömmelnder Christ, aber ein politischer. Das Christentum verlange, sich für Gerechtigkeit und Menschenrechte einzumischen. Rochaus Tun stützt sich auf zwei Grundpfeiler: Die Botschaft radikal ernst zu nehmen und die Ebenbildlichkeit Gottes in den Menschen zu erkennen.

Das gilt auch für seine politischen Gegner; Feinde nennt er sie nicht. Die Boshaftigkeit seiner Stasi-Vernehmer greift ihn an. Aber er sieht hinter der Fassade, hinter dieser Hülle die Menschen. »Sie taten mir leid, sie liefen an ihrer Bestimmung als Mensch vorbei.« Mit dem Staatsanwalt, der Rochau angeklagt hat, sprach er sich kurz nach der Wende aus. Seinem Verteidiger Wolfgang Schnur, der für die Stasi spitzelte, hat Rochau die Absolution nach einer absurden Szene verweigert. Detlef Hammer, Oberkonsistorialrat und Offizier im besonderen Einsatz, verstarb 1991 völlig überraschend.

Besonders wichtig war Lothar Rochau nach der Wende das Gespräch mit Helmut Hartmann, dem damaligen Superintendenten von Halle. Pfarrer Hartmann schätzte Rochaus Arbeit in Neustadt, er schützte ihn so lange es ging und konnte am Ende doch nicht helfen, sondern musste ihn entlassen. »Es tut mir bis heute weh, dass alles auf dem Rücken von Helmut Hartmann ausgetragen wurde«, beklagt Rochau.

Hat er inzwischen verziehen, seiner Kirche vergeben? »Schuld und Vergebung sind individuelle Prozesse«, sagt er. Dennoch berührt ihn das Bußwort der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Es sei ein Eingangstor, ein Arbeitsauftakt. Lothar Rochau denkt nicht nur an die Hauptamtlichen, die bedrängt und drangsaliert, ausgewiesen und mit zeitweiligem Berufsverbot belegt worden sind. Er denkt auch an all die Gemeindeglieder, die Ehrenamtlichen und an seine Freunde von der Offenen Arbeit.

Katja Schmidtke

Hintergrund

Jugenddiakon Lothar Rochau kommt 1977 nach Halle-Neustadt. Schnell spricht sich unter den unangepassten Jugendlichen herum, dass sie in der Kirche am Rande der Plattenbauten eine Heimat finden können. Mit den Werkstatt-Tagen schaffen sie ein republikweit bekanntes Festival. Spätestens, als die Offene Arbeit (OA) regimekritische Künstler einlädt, forciert der Staat die Differenzierung zwischen Gemeindeleitung und OA-Akteuren.

Nachdem 1981 zwei Freunde der OA verhaftet und verurteilt werden, entscheidet die Kirchengemeinde, »dass die Jugendarbeit von Rochau nicht mehr verantwortet werden kann«. Kirchenkreis und Neinstedter Bruderschaft können nicht vermitteln. Offiziell zur Weiterbildung beurlaubt, sucht Rochau im gesamten Gebiet des Bundes Evangelischer Kirchen nach Arbeit – erfolglos. Ende Februar 1983 wird er entlassen.

Aber er macht weiter. Er und seine Freunde wagen mehr. Am 5. Juni 1983 startet eine Fahrraddemo gegen die Umweltverschmutzung durch die Chemieindustrie. Rochau wird am 23. Juni festgenommen, im September zu drei Jahren Haft verurteilt und im Dezember in die Bundesrepublik abgeschoben. Kurz nach dem Mauerfall kehrt er nach Halle zurück. Er arbeitet bis zu seiner Pensionierung in der Stadtverwaltung und ist heute ehrenamtlich Ombudsmann für Soziales.

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Nur wer genießen kann, weiß, worauf er verzichtet

27. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Lebenskunst: Gelingendes Leben in der Nachfolge Jesu

Mit dem Wort Askese verbinden viele Menschen Leistungsfrömmigkeit, Selbstheiligung, Abtötung, unterwürfigen Gehorsam oder heroischen Verzicht. Doch wird das der Askese Jesu und einer christlichen Askese nicht gerecht. Askese ist eine wichtige Dimension christlichen Lebens und vor allem der Nachfolge Jesu.

Jesus war kein strenger Asket, und sein Verzicht war jeweils, ganz alttestamentarisch, bezogen auf die Vorbereitung wichtiger Feste und Zeiten.

Er zog sich immer wieder zurück in die Einsamkeit zum Fasten und zum Gebet, um sich vorzubereiten, zu läutern und sich wieder auf die Quelle des Lebens zu konzentrieren. Doch anders als Johannes der Täufer fällt er eher durch Lebenslust als durch eine enthaltsame Lebensweise auf. Er steht ganz in der jüdischen Tradition des Fastens und des Verzichts, doch gleichzeitig weiß er, dass es weitaus wichtiger ist, sich in die Grundhaltungen des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung einzuüben, als die Vorschriften und Rubriken kleinlich zu befolgen und dabei den Nachbarn, der Hilfe benötigt, zu übersehen. Askese und Verzicht ohne den liebenden Blick ist eine heuchlerische Askese, ebenso ist eine Askese, die missmutig und traurig macht, keine Askese in der Nachfolge Jesu. Askese will befreien, Verzicht will zu einem gelingenden Leben beitragen. So ergeben sich im Hinblick auf Jesu Lebenspraxis einige wichtige Impulse für eine Theologie der Askese heute.

Im Übrigen ist auch das griechische Wort »askein« in seiner Grundbedeutung Wegweisung für eine Theologie der Askese, bedeutet es doch »üben« oder »sich einüben in Etwas«. Das hat mit Anstrengung und Mühe zu tun, aber auch mit Lebens- und Beziehungsgestaltung. Nimmt man Jesu Lebenspraxis in diesem Kontext von Einübung ernst, dann geht es in einer Theologie der Askese um den Versuch, die Beziehungsgestaltung zu Gott zu beleuchten und einzuüben, vor allem in den jeweiligen durchaus zeitbedingten Formen, die nicht dem Formalismus dienen sollten, sondern eine Hilfe für die gelingende Nachfolge Jesu im Lebensalltag, und damit der Beziehungsgestaltung zu Gott, darstellen. Verzicht ist dabei wichtig, hilft er doch, sich zu fokussieren, den Blick auf das Wesentliche des Lebens wiederzugewinnen und die Sinne erneut zu sensibilisieren. Ein anderer wichtiger Aspekt einer Theologie der Askese, auch auf Basis der Praxis Jesu, ist die Mystik. Jesus hat sich mit Fasten, Verzicht und Gebet für die Begegnung mit seinem Vater vorbereitet.

Askese ist ihm dafür ein wichtiges Hilfsmittel. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil sind Mystik und Askese unglücklicherweise immer wieder getrennt betrachtet worden. Eine Theologie der Askese heute muss aber beide Aspekte berücksichtigen und kann ohne eine fundierte Theologie der Mystik nicht existieren. Mystik und Askese gehen in der Lebenspraxis der Nachfolge und in der Theologie Hand in Hand. Von daher ist eine Theologie der Askese, die in der katholischen Lehre zur »Theologie der Spiritualität«, einem Fach innerhalb der Praktischen Theologie, gehört, weitaus mehr als eine Theologie des Verzichts und Maßhaltens – es ist eine Theologie der Christlichen Lebenskunst mit u. a. folgenden Inhalten: Selbstbeherrschung, Weltverantwortung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, Gemeinschaft, Solidarität, Verantwortung und statt Weltverneinung Weltbejahung. Askese leben bedeutet dann, die Leidenschaft und Lust am Leben wachzuhalten. Nur wer genießen kann, weiß, worauf er verzichtet. Daher sollen noch einige wichtige Dimensionen einer Theologie der Askese, die sich mit dem Leben beschäftigt, benannt werden.

Sie können gleichzeitig auch der Reflexion des eigenen geistlichen Lebens dienen.

Askese leben bedeutet, sich immer wieder in die Verantwortung für und Solidarität mit dem Nächsten einzuüben. Askese leben bedeutet, auf Distanz zu gehen, loszulassen und sich bewusst durch Verzicht und Maßhalten auf das im Leben zu besinnen, was wirklich wichtig ist und trägt.

Askese leben bedeutet, wie Jesus, Formen, die nicht dem Leben dienen, aufzubrechen.

Askese leben schließlich bedeutet, sich einzuüben in die Realitäten des Lebens: die Schwachheit, die Niederlagen und Krisen, den Tod. Das ist eine ungeheure Lebenskunst.

Darin sind dann Verzicht und Maßhalten wichtige Dimensionen, aber immer unter dem Aspekt des gelingenden Lebens der Nachfolge Jesu.

Thomas Dienberg

Der Autor ist Professor für Theologie der Spiritualität an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster.

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»Das letzte Wort wird Christus sprechen«

26. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Lieblingsfeind der Stasi: Ludwig Große erinnert sich an seine Zeit als Superintendent in Saalfeld

Vorsichtiges Taktieren und lauwarmes Gerede sind Ludwig Großes Sache nie gewesen – schon als junger Pfarrer in Tannroda nicht, als Superintendent in Saalfeld von 1970 bis 1988 schon gar nicht. Das hat ihn zum Lieblingsfeind der Stasi gemacht. Als er sich vor 30 Jahren überzeugen ließ, als Oberkirchenrat und Ausbildungsdezernent in den Eisenacher Landeskirchenrat zu wechseln, hatte sich das Ministerium für Staatssicherheit allerdings die Zähne an ihm ausgebissen. Dabei ist nichts unversucht gelassen worden, um ihn zu disziplinieren.

Mittlerweile ist Ludwig Große alt geworden, fast 85. Wir sitzen mit seiner Frau im Wohnzimmer des Bad Blankenburger Hauses, das ihr Großvater gebaut hat. Der Blick geht ins Weite und in die Vergangenheit. »Nur gut, dass wir uns damals der Gefahren nicht so bewusst gewesen sind«, sagt Ursula Große, die als Fachärztin für Allgemeinmedizin immer berufstätig war.

Unbeugsam: Ludwig Große wird am 27. Februar 85 Jahre alt. Foto: Diana Steinbauer

Unbeugsam: Ludwig Große wird am 27. Februar 85 Jahre alt. Foto: Diana Steinbauer

Seine Stasiakten haben im Nachhinein gezeigt, dass an ihm und seiner Familie die ganze Klaviatur geheimdienstlicher Maßnahmen angewendet wurde, um den Superintendenten auszuschalten, der Jugendliche in Scharen anzog, der wortgewaltig predigen konnte, sich tatkräftig vor seine Gemeindeglieder stellte, der sich mit seinen Pfarrern einig war, mit allen Mitarbeitern bestens zusammenarbeitete und als Synodaler der Landeskirche, des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR und als Mitglied in der Konferenz der Kirchenleitungen Einfluss und Informationen aus erster Hand hatte.

Drei »Operative Vorgänge mit dem Ziel der Zersetzung«, wie die ungeschminkte Formulierung hieß, bedeuteten permanente Beobachtung. Auf persönliche Anweisung Erich Mielkes durften die vier Kinder kein Abitur machen, streckenweise Telefonterror Tag und Nacht, Briefaktionen an die Kollegen mit der Unterstellung moralischer Verfehlungen, kompromittierende Fotomontagen – alles anonym natürlich.

Und immer wieder der Versuch, ihn durch Drohungen einzuschüchtern oder aber mit Versprechungen zu ködern, als Druckmittel die Arbeit im Grenzgebiet zu erschweren oder die Veranstaltungsordnung restriktiv zu handhaben und ihn bei der Kirchenleitung anzuschwärzen. Alles erfolglos.Für den Ernstfall war vorgesehen, ihn mit anderen missliebigen Bürgern auf der Leuchtenburg zu internieren.

»Der Schutzengel war immer da«, sagt Ludwig Große. Wenn er wieder einmal zum Rat des Kreises musste, haben die Gemeindeschwestern für ihn gebetet. Und nicht nur die. Nach der Wende schlug ihn die Saalfelder Kirchengemeinde für das Bundesverdienstkreuz vor. »Das letzte Wort über das Leben eines Menschen wird Christus sprechen«, weiß er. Aber er hat die Würdigung angenommen für alle Christen, die widerständig waren um ihres Glaubens willen.

Christine Lässig

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Hoffnung für Kinder

21. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Aus dem Erzgebirge nach Odessa: Seit fast 20 Jahren wohnt Nicole Borisuk in der Ukraine. Bereits während des Studiums entdeckte sie ihre Leidenschaft, Straßenkindern zu  helfen. Praktische Hilfe ist für sie der Ausdruck ihres Christseins.

Die letzten rund 20 Kilometer nach Petrivka haben es in sich. In das Dorf in der Südukraine führt eine denkwürdige Schotterpiste, auf der schon so manches nicht geländetaugliche Fahrzeug kapituliert haben dürfte. Petrivka selbst ist ein unscheinbarer kleiner Ort wie vermutlich viele in den Weiten des Landes, ungefähr 70 Kilometer von Odessa entfernt. Das Besondere dort ist eine soziale Einrichtung, die es in dieser Art in der Ukraine nur selten gibt: ein Tageszentrum für Kinder und Jugendliche, die in wirtschaftlich und sozial schwierigen Verhältnissen aufwachsen und in ihrem Leben bislang wenig Liebe erfahren haben.

Gegründet hat das Heim – ebenso wie zwei weitere in einem sozialen Brennpunktviertel Odessas – die aus dem Erzgebirge stammende Nicole Borisuk gemeinsam mit ihrem ukrainischen Mann Vyacheslav; Kindern am Rande der Gesellschaft wollen sie Geborgenheit, ein verlässliches Fundament und eine Lebensperspektive vermitteln. Die Frage liegt nahe, was eine Deutsche eigentlich dazu bewegt, sich ausgerechnet in der Ukraine für vom Schicksal nicht begünstigte Kinder zu engagieren.

Straßenkinder in Odessa, einer der Jungen versteckt sein Gesicht hinter einer Zeitung. Foto: picture-alliance/dpa

Straßenkinder in Odessa, einer der Jungen versteckt sein Gesicht hinter einer Zeitung. Foto: picture-alliance/dpa

Wenn Nicole Borisuk ihre Geschichte erzählt, kommt sie schnell auf ein prägendes Ereignis in ihrem eigenen Leben zu sprechen: Ihrem Vater war es gelungen, mit Hilfe des christlichen Glaubens und einer tragenden Gemeinschaft in der evangelischen Kirche seine Alkoholabhängigkeit dauerhaft zu besiegen – für Nicole und ihre gesamte Familie ein Wendepunkt. Ihr Christsein hat sie stets praktisch verstanden, und so nahm sie nach dem Abitur zielstrebig ein Studium der Sozialpädagogik auf. Dabei entdeckte sie ihr besonderes Interesse für Straßenkinder, machte Praktika in der Mongolei, in Hongkong und in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und lernte dabei, Kindern ohne ein Dach über dem Kopf adäquate Hilfe zu leisten.

Nach dem Diplom siedelte sie 1999 ganz nach Kiew über. In ihrem Projekt lernte sie ihren Mann kennen, nach der Heirat zogen sie nach Odessa. Den ersten Schritt zu eigenen Strukturen bedeutete die Gründung des Vereins »Lebendige Hoffnung«, zusammen mit einem Förderverein in Sachsen, der die Finanzierung aus Deutschland ermöglichen sollte. 2001 gelang es dem Ehepaar, in einem Problemviertel Odessas ein eigenes Haus für zunächst zwölf Kinder zu eröffnen, die dort täglich ab der Mittagszeit Hausaufgabenbetreuung und weitere Lernangebote samt einem warmen Essen erhielten.

Beiden war es von Anfang an wichtig, Kindern aller Glaubensrichtungen und auch aus atheistischen Elternhäusern Bildung und Wissen in Gesundheitsfragen zu vermitteln wie auch eigene christliche Werte vorzuleben. Nach mühevollen ersten Jahren kamen 30 bis 40 Kinder täglich, und viele von ihnen haben einen guten Weg eingeschlagen, wie Nicole Borisuk nicht ohne Stolz hinzufügt.

Bald ergaben sich auch überkonfessionelle Kooperationen mit Kirchen in der Ukraine und vor allem im Ausland, die zur Finanzierung des Projekts beitrugen und es teilweise immer noch tun. Zu den Unterstützern zählen in Deutschland auf katholischer Seite Kirchengemeinden im Erzgebirge, auf evangelischer beispielsweise die Landeskirche Bayern, der Martin-Luther-Verein Neuendettelsau oder das Diakonische Werk Württemberg. Weiter bestehen gute Verbindungen zur Luxemburger All Nations Church oder zu Interdiac in Teˇšín/Tschechien.

So konnten die Borisuks 2009 ein zweites Haus in Odessa eröffnen, diesmal ein Familienzentrum, um das Umfeld der Kinder stärker einzubinden. Der Gründung des Hauses in Petrivka noch einmal vier Jahre später ging eine Initiative von Lokalpolitikern voraus, da auf dem Land oft besondere Not herrsche. In der Tat sind jenseits der Städte die Probleme mitunter noch verbreiteter: Nicole Borisuk erzählt von Familien in Petrivka, in denen sich ein Kind mit mehreren Personen ein Bett teilen muss, die ohne Sanitäranlagen oder in einem Haus ohne Dielen auf dem nackten Erdboden leben. Nicht selten sind Kinder nach der Schule sich selbst überlassen, weil die Eltern in der Stadt arbeiten. Oft spielen auch Krankheit, Alkohol und Drogen eine negative Rolle.

»Lebendige Hoffnung« beherbergt in dem ehemaligen Kindergartengebäude, das staatliche Stellen mietfrei zur Verfügung stellen, ganzjährig nun bis zu 50 Kinder in Tagesbetreuung. »Für die Kinder ist emotional entscheidend, dass sie Verlässlichkeit und Kontinuität erfahren. Wir erwarten von ihnen aber auch eine gewisse eigene Verbindlichkeit. Wer etwa die Schule schwänzt, darf nicht ins Zentrum kommen.« Die Zusammenarbeit mit dem sozialen Umfeld sei dabei integraler Bestandteil der Betreuung. Die Hilfen, die jedes einzelne Kind der drei Zentren erhält, bestimmt der individuelle Bedarf: Von psychologischer Betreuung bis hin zu Musikstunden ist viel möglich. Die Deutsche arbeitet mit einem 15-köpfigen Team, wovon sechs Mitarbeiter fest angestellt sind, die anderen helfen ehrenamtlich. Dank der internationalen Kontakte leisten zudem immer wieder Freiwillige ein Jahr Dienst in Odessa.

Nicole Borisuk ist sich bewusst, dass gesellschaftliche Ungleichheit und Korruption die Probleme, mit denen sie jeden Tag konfrontiert wird, erheblich mitverursachen. Zugleich sieht sie auch, dass die Menschen oft Gemeinsinn zeigen und das wenige, das sie haben, gerne teilen – dies gibt ihr die Hoffnung, dass es in der Ukraine allmählich gerechter zugehen wird.

Malte Heidemann

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Stefanie zeigt Flagge

21. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Fastenaktion der Kirchenzeitung: Mit Schlagerstar Stefanie Hertel setzen wir unsere Reihe fort. In jeder Ausgabe während der Passionszeit berichtet eine prominente Persönlichkeit, ob sie fastet oder nicht und was ihr die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern bedeutet.

Zeig dich: Dem Motto der Fastenaktion der evangelischen Kirche entsprechend gibt die Sängerin und Moderatorin Stefanie Hertel Auskunft, was ihr der Glaube bedeutet. Foto: Jan Adler

Zeig dich: Dem Motto der Fastenaktion der evangelischen Kirche entsprechend gibt die Sängerin und Moderatorin Stefanie Hertel Auskunft, was ihr der Glaube bedeutet. Foto: Jan Adler

Frau Hertel, in der Fastenzeit verzichten viele Christen auf etwas, um ein Stück bewusster zu leben. Pflegen Sie auch solch einen Fastenbrauch?
Hertel:
Ja, sogar mehrmals im Jahr, aber nicht zu besonderen Anlässen, eher wenn ich denke, jetzt tut es mal gut, einen Gang zurück zu schalten. Ich höre da ganz einfach auf meinen Körper und fühl mich dann wieder wohl. Auf Süßes und alkoholische Getränke zu verzichten, ist meine Art zu fasten, aber das kann für jeden etwas an-
deres sein.

Die Fastenaktion der Kirche steht in diesem Jahr unter dem Motto »Zeig Dich! 7 Wochen ohne Kneifen!«. Sie müssen sich als Bühnenstar oft zeigen und dürfen nicht »kneifen«. Kennen Sie aber das Gefühl, am liebsten kneifen zu wollen?
Hertel:
Nun ja, da ich schon bereits mit vier Jahren auf der Bühne stand, ist das Leben in der Öffentlichkeit für mich zwar immer noch spannend und eine Herausforderung, aber positiv und mit Freude besetzt. Mein Privatleben ist mir dafür umso kostbarer geworden. Sich eben auch mal nicht zu zeigen. Das hat aber nichts mit »kneifen« zu tun, sondern mit einem Freiraum, den ich mir für meine Familie und mich erhalte. Für die karitativen Projekte, die ich durch den Verein »Stefanie Hertel hilft« unterstütze, zeige ich gerne auch mal Kante! Wenn Tiere oder Menschen in Not sind und auf unsere Hilfe angewiesen, dann darf man nicht »kneifen«, da muss man Flagge zeigen.

In der Fastenzeit steht die Frage im Mittelpunkt, worum es eigentlich geht im Leben, was wirklich zählt und worauf es letztlich ankommt. Was »zählt« für Sie im Leben?
Hertel:
Für mich zählt im Leben, das Hier und das Jetzt zu leben. Die Familie ist mir sehr wichtig, ich pflege Freundschaften und versuche im Einklang mit der Natur und der Umwelt zu leben: rücksichtsvoll und respektvoll allem Leben gegenüber und mit einem Blick über den Tellerrand hinaus. Außerdem sollte jeder ein Stück vom eigenen Glück an diejenigen weitergeben, denen es nicht so gut geht. Ob das eine helfende Hand ist, ein liebes Wort, eine Spende oder einfach nur Aufmerksamkeit, indem man zuhört.

Was bedeutet Ihnen der Glaube?
Hertel:
Mein Glaube gibt mir Kraft und erdet mich. Ein Leben ohne Glauben könnte ich mir nicht vorstellen.

Logo-7-Wochen-ohne-07-2018Wie finden Sie zur Ruhe inmitten Ihres sicher turbulenten Berufslebens?
Hertel:
Indem ich mir Auszeiten nehme und mich manchmal ganz bewusst aus allem völlig raus ziehe. Dann schalte ich das Handy aus, lese keine Mails, bin einfach nicht erreichbar und unternehme in aller Ruhe etwas in der Natur. Im Winter liebe ich es, mir die Langlauf-Skier anzuschnallen und direkt vor der Haustür loslaufen zu können. Im Sommer zieht es mich mit dem Radl oder zu Fuß auf den Berg. So einen taufrischen Sonnenaufgang am frühen Morgen auf einem Berggipfel zu erleben, ist
gewaltig und atemberaubend schön.

Gibt es eine Botschaft, die Sie mit Ihren Liedern und Ihrer Musik vermitteln wollen?
Hertel:
Mit meinen Liedern greife ich Themen aus dem Leben auf, aus meinem, aber auch aus anderen Perspektiven. Manchmal mit dem nötigen Quentchen Ernst, aber gerne auch humorvoll. Viele erzählen auch von der Liebe, aber in erster Linie sollen sie einfach gefallen und unterhalten.

Schon mal geblickt auf Ostern: Pflegen Sie einen bestimmten Osterbrauch?
Hertel:
Seit ich mit meinem Mann Lanny zusammen lebe, gibt es bei uns zu Hause an Ostern immer einen süßen Kärntner Reindling und etwas Herzhaftes dazu. Außerdem verstecken wir immer noch innerhalb der Familie ein Osternest, machen einen Osterspaziergang und der Kirchgang an Ostern gehört bei uns natürlich dazu. Denn genau darum geht’s ja!

Das Gespräch führte Stefan Seidel.

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Prediger, Täufer, Asket

21. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Johannes der Täufer: Warum Verzicht Gewinn bedeutet

Johannes der Täufer verliert und gewinnt. Er verliert seine soziale Heimat und gewinnt eine neue Familie. Er verzichtet auf seine religiösen Gewohnheiten und gewinnt ein neues Heil. Er verliert seine traditionellen Riten und schafft einen neuen Ritus.

Wer Askese betreibt, will nicht einfach verzichten. Man verzichtet in der Regel nicht um des Verzichtens willen. Man fastet z.B., um gesund zu bleiben oder zu werden. Man entsagt der modernen Konsumgesellschaft, um sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren. Der Verzicht wird also geübt, um ein höheres Gut zu gewinnen. Der Asket verzichtet auf die Annehmlichkeiten der Welt, um in stiller Abgeschiedenheit sein wahres Glück bei sich selbst und/oder bei Gott zu finden. Die innere Einkehr will nicht durch äußere Faktoren abgelenkt werden. Der Verzicht dient der gesteigerten Konzentration.

Bei Johannes dem Täufer ist das genauso. Aus den antiken Quellen, vor allem dem Neuen Testament und einem kurzen Text des jüdischen Historikers Flavius Josephus, lässt sich schließen, dass Johannes vielleicht aus einer Priesterfamilie stammt. Er dürfte demnach mit der jüdischen Religion seiner Zeit gut vertraut gewesen sein. Diese findet ihr Zentrum in Jerusalem. Der Tempel und der an ihm stattfindende (Opfer)-Kult sind von großer Bedeutung. Johannes verzichtet aber auf eine Karriere in der Priesterschaft. Er geht einen ganz anderen Weg als ihn die Familiengeschichte vorzugeben scheint.

Nach Lukas 3,1 tritt Johannes erstmals im 15. Jahr der Regierungszeit des Kaisers Tiberius (14–37 n. Chr.) öffentlich in Erscheinung, also ca. 28 n. Chr. Laut Flavius Josephus scheint Johannes nach dem Vorbild der antiken Philosophen vor allem Tugenden wie Gerechtigkeit und Frömmigkeit gelehrt zu haben. Das Neue Testament zeichnet ihn aber deutlich als jüdischen Propheten, der im Namen Gottes spricht und handelt. Nach Markus 1,6 ist er mit einem Gewand aus Kamelhaaren bekleidet, das von einem Ledergürtel gehalten wird. Er isst Heuschrecken und wilden Honig. Diese Beschreibung zeigt den Anspruch des Johannes, der sich nach Art der alttestamentarischen Propheten kleidet und damit seine Position außerhalb der Gesellschaft demonstriert. Er verzichtet auf gewöhnliches gesellschaftliches Ansehen und macht sich den Wüstenbewohnern, den Beduinen, gleich. Damit erinnert er an die Zeit der Wüstenwanderung Israels und zeigt, dass es für Israel an der Zeit ist, einen Neuanfang zu wagen. Der Verzicht wird zur Demonstration des Aufbruchs, er führt in die Unsicherheit jenes Neuanfangs, der nötig ist, um Israels Heil neu zu erlangen.

Farbglasfenster mit der Darstellung Johannes des Täufers. Foto: epd-bild

Farbglasfenster mit der Darstellung Johannes des Täufers. Foto: epd-bild

Die religiöse Dimension wird durch das Angebot eines neuen Rituals ausgedrückt. Johannes verzichtet auf den Tempelkult und setzt ihm seine Taufe entgegen. Damit entspricht er einem zu seiner Zeit verschärften Schuldbewusstsein seiner Mitmenschen. Johannes predigt vom kommenden Gericht Gottes, das er in Anlehnung an alttestamentliche Traditionen als Feuergericht versteht. Er erwartet dieses Feuergericht unmittelbar und sieht deshalb die Notwendigkeit, Israel aufzurütteln. Als Prediger scheint er in ethischer Hinsicht so einflussreich gewesen zu sein, dass er das Missfallen seines Landesherrn auf sich zog, weil er die Heiratspolitik des Herodes kritisierte und dafür letztlich hingerichtet wurde. Vor allem die »Standespredigt« des Lukas (Lukas 3,7-18) zeigt, dass Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit für Johannes wichtiger waren als die Abstammung von Abraham. Er gewichtet demnach die Tat höher als das Sein und widerspricht damit teilweise dem religiösen Standesbewusstsein seiner jüdischen Zeitgenossen.

Das, was er anstelle der traditionellen Riten anbietet, soll ein Zeichen der Umkehr sein: die Taufe. Dass Johannes von seinen Zeitgenossen den Beinamen »der Täufer« erhält, zeigt die Bedeutung der neuen Symbolhandlung. Diese ersetzt die für ihn offenbar wirkungslos bleibenden Riten des Tempelkults. Nur durch die Taufe erlangt der Täufling Vergebung seiner Sünden (Markus 1,4) und wird durch das Wasser vor dem Feuer bewahrt. Während also Johannes mit Wasser tauft, wird derjenige, der das Gericht nach ihm vollzieht, mit Feuer taufen (Lukas 3,16). Dem Täufer selbst kommt eine Mittlerfunktion zu. Er vermittelt den letzten Ausweg aus dem Gericht. Insofern hat die Taufe einen heilsstiftenden Charakter und bewirkt eine Neuausrichtung des Lebens (Markus 1,5). So gehören Predigt und Taufe eng zusammen. Johannes tauft im Bewusstsein einer ihm vermittelten Vollmacht. Die Vergebung der Sünden bewirkt demnach zwar Gott selbst, aber Johannes darf sie wirksam spenden.

Entsprechend den meisten Asketen verzichtet Johannes also auf sein bisheriges Leben, seine Gewohnheiten, und gewinnt dadurch eine neue Freiheit. Im Verzicht auf religiöse Sicherheit erschafft er in Verbindung mit seiner Predigt eine neue Symbolhandlung, die das wirklich gewinnt, was die traditionellen Riten nicht leisten: das Leben bei Gott.

Paul Metzger

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche der Pfalz.

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Chance für mehr Gerechtigkeit – Risiko für größere soziale Spaltung

19. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Pro

René Thumser, Referent für landeskirchliche Großveranstaltungen im Gemeindedienst der EKM

René Thumser, Referent für landeskirchliche Großveranstaltungen im Gemeindedienst der EKM

Allgemeiner Konsens ist wohl, dass unsere Gesellschaft eines Systems der sozialen Sicherung bedarf, welches dafür sorgt, allen Mitgliedern der Gemeinschaft ein Leben in Würde zu ermöglichen. Die Frage ist, ob das bestehende System unseren Ansprüchen und Möglichkeiten (noch) genügt.

Trotz wachsender Wirtschaftsleistung werden Reiche immer reicher und Arme immer ärmer. Die Wahrscheinlichkeit, in Altersarmut, Kinderarmut oder prekären Arbeitsverhältnissen zu landen, wächst. Existenzsorgen lösen bei vielen Menschen Unsicherheit und Ängste aus. Eine Fortschreibung dieser Entwicklung gefährdet den sozialen Frieden und letztlich die Demokratie.

Die klassischen Instrumente der Armutsbekämpfung (»Hartz 4«-Gesetze) haben es in den letzten 14 Jahren nicht geschafft, diese Entwicklung aufzuhalten. Vielleicht kann die visionäre, also zukunftsweisende und über herkömmliche Denkmuster hinausragende Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) – existenzsichernd, Teilhabe ermöglichend, ohne Bedürftigkeitsprüfung, ohne Zwang zu Gegenleistung, individueller Rechtsanspruch – genau hier ansetzen. Es gibt Studien und Experten, die unterschiedliche Modelle des BGE für finanzierbar und umsetzbar halten, und solche, die das widerlegen. Die Realpolitik hält sich noch weitestgehend zurück, man möchte sich nicht zu früh festlegen. Ich bin mir sicher: wenn wir die Idee des BGE in einer sich rasant ändernden Arbeitswelt als relevant erachten, finden wir eine Umsetzungsmöglichkeit.

Es geht in der Debatte BGE um einen Paradigmenwechsel, um das Menschenbild, um Vorurteile, um Erfahrungen, um Gefühle und nicht zuletzt um Wertvorstellungen und Glauben. Was kann ich als Christ einbringen?

Im Jahr 2017 feierten wir unter anderem Luthers große Erkenntnis, dass wir uns das Himmelreich nicht verdienen können – weder durch Geld, noch durch Taten. Wir sind bereits angenommen als bedingungslos geliebte Kinder des Vaters. Was für ein Bild! Wir müssen und können uns Gottes Liebe, Gnade und Anerkennung nicht verdienen. Wir erhalten sie ohne Vorleistung, Zwang und Bedürftigkeitsprüfung. Sie wird jedem als Voraussetzung für ein gelingendes Leben geschenkt, um daraus folgend in Freiheit das Richtige zu tun. Darüber hinaus nimmt der Vater selbst den zunächst »faulen«, verlorenen Sohn wieder an (Lukas 15,24).

Übertragen wir diese Bilder in unseren familiären Alltag und unsere gesellschaftliche Realität: Welchen Kräften vertrauen wir wirklich: Druck und Sanktionen oder Freiheit und Liebe? Ich glaube, Jesus wäre ein Befürworter des BGE.

Kontra

Albert H. Weiler, Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales

Albert H. Weiler, Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales

Seit der Einführung der Krankenversicherung im Jahr 1883 in Deutschland bildet der Wohlfahrtsstaat die Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolges und des sozialen Friedens. Wollen wir diese historische Errungenschaft, für die wir weltweit beneidet werden, durch ein gesellschaftliches Experiment ernsthaft gefährden?

Bisher leben wir in einer Gemeinschaft, die auf dem Grundprinzip der Solidarität beruht. Darunter verstehe ich eine Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, in der durch gegenseitige Hilfsbereitschaft individuelle Nöte solidarisch aufgefangen werden. Eine solidarische Haltung setzt voraus, dass sozialrechtliche Regelungen, wie zum Beispiel Kranken-, Pflege- oder Rentenversicherung, als gerecht empfunden werden. Auch das Prinzip »Fordern und Fördern« bringt zum Ausdruck, dass niemand bedingungslos, das heißt ohne einen Beitrag zum Gemeinwesen, Leistungen empfangen kann. Dieses Grundprinzip halte ich für gerecht.

Wie soll ich erklären, dass Menschen Leistungen beziehen, aber nicht zum Volkseinkommen beitragen, obwohl sie es könnten? Ein bedingungsloses Grundeinkommen gefährdet aus diesem Grund den sozialen Zusammenhalt in Deutschland.

In den vergangenen 135 Jahren hat sich unser Wohlfahrtsstaat kontinuierlich weiterentwickelt. Unsere soziale Absicherung ist heute in den insgesamt zwölf Sozialgesetzbüchern festgehalten, deren Ausgestaltung regelmäßig diskutiert und überarbeitet wird. Zuletzt im Rahmen des Koalitionsvertrages, an dem ich selbst, als Mitglied der verhandelnden Arbeitsgruppe, mitgewirkt habe. Die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens hätte die vollständige Auflösung unseres Sozialsystems zur Folge. Über die resultierenden Auswirkungen gibt es bis heute keine zuverlässlichen Fakten. Dieses Risiko kann und möchte ich als Mitglied des Deutschen Bundestages, der zuletzt über eine endgültige Einführung zu entscheiden hätte, nicht verantworten.

Da sich unser Leben gegenwärtig in nie dagewesener Geschwindigkeit verändert, werden wir auch unser Sozialsystem weiter überarbeiten müssen. Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen, flexiblere Arbeitszeiten, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und vor allem eine Fokussierung auf lebenslanges Lernen. Diese Herausforderungen können alle im Rahmen der bereits bestehenden Sozialgesetzbücher gemeistert werden. Ich bin davon überzeugt, dass sich Arbeit auch in Zukunft lohnen muss.

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Wenn der Pfarrer den Narren gib

13. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Seltenheit: Der vermutlich einzige evangelische Theologe in Deutschland, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde

Er ist Rheinländer. Doch keine vordergründige Frohnatur, die den Clown schon zum Frühstück braucht. Dazu ist Gregor Heidbrink, der Pfarrer von Finsterbergen, ein viel zu ernsthafter Mensch. Beim Karneval allerdings zeigt er sich ganz anders. Da pflegt der gebürtige Rheinländer seine närrische Seite. Umgewöhnen musste sich der gebürtige Bonner vor allem beim Narrenruf: »Wir lernten als Kinder zuallererst, dass es Alaaf und nicht Helau heißt«, sagt er. Damit kann er im Thüringischen keinen Narren hinterm Ofen vorlocken. Doch mittlerweile geht ihm Helau ohne Schwierigkeiten von der Zunge.

Fasching in Finsterbergen: Jeannette und Gregor Heidbrink halten als Jeannette I. und Gregor I. närrischen Hofstaat. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Fasching in Finsterbergen: Jeannette und Gregor Heidbrink halten als Jeannette I. und Gregor I. närrischen Hofstaat. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Die 44. Saison der Finsterberger Narren wird Gregor und Jeannette Heidbrink wohl ewig in Erinnerung bleiben. Schließlich halten sie als Gregor I. und Jeannette I. närrischen Hofstaat. Faschingsprinz zu sein ist mit Sicherheit eine Sehnsucht, die Rheinländern in die Wiege gelegt wird. Nun ist der Pfarrer nicht nur am Ziel seiner Wünsche, sondern der wohl einzige evangelische Pfarrer in Deutschland, der als Prinz gekrönt wurde.

Seit neun Jahren leben die Heidbrinks nun in Finsterbergen. Zum Finsterberger Karneval Club fand die Familie jedoch nicht sofort. »Wir haben Büttenabende besucht, selbstverständlich, mehr aber nicht«, sagt der Pfarrer. Um wirklich dabei zu sein, bedurfte es des Anstoßes von außen. Und den gab es an der Bar, am Ende einer der legendären viereinhalbstündigen Büttenabende. Ob er nicht zum 11. 11. eine Rede halten wolle, wurde Gregor Heidbrink gefragt. Und ja, er wollte.

Was er vortrug, damals vor vier Jahren, begeisterte das Publikum auf Anhieb. Da stand einer als Heiliger Martin auf der Bühne und brillierte, ein Senkrechtstarter. Ein Jahr später war der Heilige Martin dann fester Bestandteil des Büttenprogramms. Im roten Mantel und sich selbst auf der Gitarre begleitend, sang Gregor Heidbrink ein Lied zum Thema Flüchtlinge. »Das war 2015, das Thema bewegte die Menschen, so dass ich dachte, das kann man auch im Karneval nicht aussparen.«

Der Pfarrer nahm in seinem Text jene auf die Schippe, die sich als Helfer in den Vordergrund drängten und dabei nichts weiter im Sinn hatten, als ihre alten Sachen los zu werden.

Damit spielte er auch auf seine Rolle als Heiliger Martin an. »Ich habe mir diese ganz bewusst ausgesucht, um eine Brücke zu meinem Beruf zu schlagen.« Und weil die Kirchengemeinde Finsterbergen alljährlich an den Mann erinnert, der seinen Mantel mit dem Bedürftigen teilte. »So ist der Heilige Martin eine lebendige Figur
im Dorf.«

In der Bütt zu stehen brachte dem Pfarrer eine ganz neue Redeerfahrung. Da nämlich sitzt vor ihm ein gutgelauntes, angeheitertes und zahlendes Publikum. »Da muss man schon Arbeit in seinen Vortrag stecken, das Timing muss stimmen, damit der Gag auch ankommt. Das war für mich außerdem eine wertvolle Erfahrung fürs Schreiben der Predigt.« Selbst wenn er da sehr sorgfältig vorgehe, so gerate ihm in der Routine doch gelegentlich Schriftsprache darunter, gibt er zu, was bei dem einen oder anderen dazu führt, dass er abschaltet. Das passiert ihm jetzt nicht mehr.

Was macht für den aktuellen Faschingsprinzen guter Karneval aus? »Er muss von unten kommen. Das habe ich schon als Kind gelernt. Wenn die Garde marschiert, so erfuhren wir, wird das Militär veräppelt. Und das zeigt, der Spott gilt den Mächtigen. Das funktioniert, und es funktioniert noch besser, wenn der Mensch auch über sich lachen kann.« Gar nicht mag es der Pfarrer im Narrenkostüm, wenn über die Schwachen gelacht wird, über jene, die sich nicht wehren können.

Trotz Prinzenrolle steht Heidbrink auch in dieser Saison auf der Bühne – gemeinsam mit seiner elfjährigen Tochter. In ihrem Sketch geht es um den Generationenkonflikt, um den Förster, der seine Tochter mit in den Wald nehmen, ihr die Schönheit der Natur nahe bringen will, die jedoch längst in ihrer Handywelt versunken ist.

Gefragt ist das Prinzenpaar nicht nur bei den offiziellen Veranstaltungen des Karneval Clubs, die Regenten statten Besuche ab, wie etwa in der Finsterberger Kita, wo gemeinsam mit den Mädchen und Jungen gesungen wurde. Das fasziniere an der Regentschaft, gibt Heidbrink zu. Und noch etwas hat ihn in seinen Bann geschlagen: Das reibungslose Zusammenspiel zwischen den Akteuren auf der Bühne und jenen, die dahinter für einen reibungslosen Ablauf sorgen, Tontechniker und Beleuchter, Kostümschneider und andere fleißige Helfer, die nie im Rampenlicht stehen. »Ich wünschte mir, dass manche Kirchengemeinden so funktionieren würden«, sagt der Pfarrer im Prinzenkostüm.

Klaus-Dieter Simmen

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Auf neue Gedanken kommen

13. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchenjahr: Die Passionszeit ist eine große Einladung. Der Glaubenskurs der Kirchenzeitung widmet sich den kirchlichen Festen und zeigt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

Schon lange vor der Entstehung des Christentums zelebrierten die Menschen jedes Jahr im Frühjahr den Neubeginn. Den belebenden Übergang vom Dunklen ins Helle, von der Kälte in die Wärme und von der Verzweiflung in die Hoffnung: Es wird Licht! Wie schön. Lasst uns feiern.

Die frühen Christinnen und Christen übernahmen diesen Brauch und verbanden ihn mit der Auferstehung Jesu, die ja ohnehin mit einem israelitischen Fest in der Frühlingszeit verbunden war. Zugleich erinnerten sich die Gemeinden daran, dass man umso erfüllter feiern kann, je besser man sich darauf vorbereitet. Also legten sie vor die Osterfeier eine vierzigtägige Fastenzeit, die sogenannte Passionszeit. Und weil es gar nicht so einfach war, diese Wochen gut durchzustehen, beschlossen die Menschen, vor dem Fasten noch mal richtig einen drauf zu machen. So entstand der Karneval.

Man weiß zwar nicht ganz genau, woher das Wort »Karneval« kommt, aber zwei Erklärungen klingen besonders nachvollziehbar: Entweder steckt dahinter »Carne vale«, zu deutsch: »Fleisch, lebe wohl« (weil viele Regionen beschlossen, in der Passionszeit auf Fleisch zu verzichten) oder »Carrus navalis« – womit die Umzugswagen gemeint sind, mit denen schon die Germanen den alljährlichen Wiedereinzug der Fruchtbarkeitsgötter begingen. Und weil man dabei gleichzeitig die dunklen Wintergeister vertreiben wollte, verkleideten sich die Leute mit allerlei kuriosen Masken und Kostümen. Das heißt: Selbst die Rosenmontagsumzüge spiegeln uralte religiöse Bräuche wider.

Tja, und weil es klug ist, nicht nur die dunklen Geister, sondern auch die dunklen Gedanken zu vertreiben, gilt die Passionszeit schon immer als eine Zeit der Einkehr. Was auch zum Fasten passt, das ja weniger ein Verzichten-Auf-Etwas, als ein Freiwerden-Für-Etwas sein will. Dahinter verbirgt sich ursprünglich die Frage: Wie kann ich in meinem von so vielen Gewohnheiten bestimmten Alltag einen Unterschied machen, damit ich auf neue Gedanken komme? Zum Beispiel, indem ich mich anders ernähre. Indem ich regelmäßig spazieren gehe. Oder indem ich anderweitig meinen Tagesablauf verändere. Denn wer nicht aus seinen äußeren Routinen aussteigt, dem wird es auch schwer fallen, seine inneren Routinen zu hinterfragen.

Auf zum Frühjahrsputz: Die Passionszeit wurde als eine Reinigungszeit verstanden. Eine Zeit, um zu prüfen, ob die Seele einen Frühjahrsputz braucht. Foto: natali_mis – stock.adobe.com

Auf zum Frühjahrsputz: Die Passionszeit wurde als eine Reinigungszeit verstanden. Eine Zeit, um zu prüfen, ob die Seele einen Frühjahrsputz braucht. Foto: natali_mis – stock.adobe.com

Wie sehr die Passionszeit von Anfang an als eine Reinigungszeit verstanden wurde, zeigt übrigens der Aschermittwoch, mit dem das Fasten ja eingeleitet wird. Asche wird nämlich schon seit Jahrtausenden als Reinigungsmittel genommen. Außerdem symbolisiert sie das reinigende Feuer. Und deshalb wurden eine Zeitlang sogar all diejenigen, die eine Schuld auf sich geladen hatten, während der Fastenzeit vom Gottesdienst ausgeschlossen. Sie bekamen dann ein sogenanntes »Büßergewand« und wurden mit Asche bestreut. Daher auch der neckische Ausdruck: »Da geht jemand in Sack und Asche.« Heute erhalten Katholiken und in einigen Gemeinden auch evangelische Christen stellvertretend für diese uralten Reinigungshandlungen ein Aschekreuz auf die Stirn: »So, gehe frisch und erneuert in die Passionszeit.«

Es ist großartig, dass das Christentum sich regelmäßig Zeiten gönnt, in denen die Menschen eingeladen werden, innezuhalten und vor dem großen alljährlichen Neubeginn des Kreislaufs von Säen und Ernten das eigene Dasein in Ruhe zu überdenken – und zu prüfen, ob sich vielleicht irgendwo in einem »winterliche« Gedanken und Gefühle eingenistet haben, die dringend mal einen geistlichen Frühling brauchen. Quasi einen Frühjahrsputz der Seele.

Und natürlich scheint in diesen Prozess immer schon das Licht von Ostern: diese Botschaft, die deutlich macht, dass es bei Gott keine Dunkelheit gibt – nicht einmal den Tod – die nicht vom Licht der Liebe erhellt werden könnte. Eine Zusage, mit der man sich den persönlichen Herausforderungen frohgemut stellen kann.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist

Buchtipp
Vogt, Fabian: Feier die Tage. Das kleine Handbuch der christlichen Feste, Evangelische Verlagsanstalt, 144 S., ISBN 978-3-374-05309-4, 10 Euro

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Frieden statt Wiedervereinigung

12. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Die überraschende Teilnahme einer gemeinsamen koreanischen Mannschaft aus Nord und Süd bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang wird allgemein in der Welt begrüßt. Doch in Südkorea selbst gibt es viel Skepsis. Die Gräben zwischen beiden Staaten sind tief.

Nach Monaten der sich verschärfenden Kriegsdrohungen Nordkoreas wirkte die Nachricht wie ein Befreiungsschlag: Der »Oberste Führer« Kim Jong-un ging auf den Vorschlag einer gemeinsamen Olympiamannschaft mit Sportlern aus Nord- und Südkorea ein. Während in Deutschland wohl weitgehend Freude über diese Entwicklung herrscht, sehen die Menschen in Südkorea die Situation mit wesentlich gemischteren Gefühlen.

»Vor allem unter der älteren Bevölkerung herrscht eine große Skepsis und Angst vor einer schleichenden Vereinnahmung durch den Norden«, beschreibt Hyun-Jeong Kim die Situation. Diese Menschen sind es auch, die von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden, als sie in den Wochen vor der Eröffnung der Winterspiele an diesem Freitag auf die Straße gingen, um gegen diesen Schritt der Annäherung zu demonstrieren.

Für Frau Kim, die im einstigen Westberlin geboren wurde, den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands hautnah miterlebte, sind es auch die äußeren Umstände der gemeinsamen Mannschaft, die skeptisch machen: So seien zum einen die Sportler selbst von der Politik nicht gefragt worden. Zum anderen werden die Aktiven des Nordens von einer großen Gruppe Betreuer und Funktionäre sowie von noch größeren offiziellen Fangruppen begleitet. Zur Finanzierung des Ganzen trägt der Norden allerdings keinen Cent bei.

Hyun-Jeong Kim lebt inzwischen seit 14 Jahren in Südkorea und wird bei den Olympischen Spielen unter anderem für einen britischen Fernsehsender als Dolmetscherin arbeiten. Als eines der Hauptprobleme auf der koreanischen Halbinsel sieht sie die jahrzehntelange, völlig gegenseitige Isolation der Menschen in beiden Staaten. Anders als im einst geteilten Deutschland gibt es praktisch keine persönlichen Kontakte, gibt es kein Gefühl der Gemeinsamkeit mehr. Verantwortlich dafür ist freilich nicht nur die im Norden herrschende absolute Diktatur. Auch in Südkorea stellt das »Nationale Sicherheitsgesetz« jeden Kontakt in den Norden unter Strafe, gilt das Radio oder Fernsehen des Nordens als »Feindsender«.

»Ja, wir wurden in der Schule regelrecht zum Hass auf den Norden erzogen«, erinnert sich Jona Kim. Der südkoreanische protestantische Pastor leitet seit 2005 die kleine koreanische Gemeinde in Weimar. Und er erinnert an die traumatischen Erfahrungen, als 1950 das kommunistische Regime aus dem Norden mit seiner Armee den Süden fast vollständig überrannte: »Anders als in Deutschland wurden wir nicht von den Alliierten gegen unseren Willen geteilt, wir haben einen grausamen, blutigen Krieg gegenei­nander geführt, der viele Wunden bei den Menschen hinterlassen hat.« Ein Krieg, der offiziell bis heute andauert. Lediglich der Waffenstillstand vom 27. Juli 1953 bietet den fragilen Rahmen für den derzeitigen Status quo.

Auch in Pastor Kims Brust wohnen zwei Seelen. Auf der einen Seite freut er sich über die unerwartete Chance der Annäherung zwischen Nord und Süd. Auf der anderen Seite hält er die gemeinsame Mannschaft für einen übereilten Schritt. »Wir müssen realistisch sein, wir sind zwei Staaten, die nebeneinander existieren. Deshalb sollte es auch zwei Mannschaften nebeneinander geben.«

Innerhalb dieser zwei Staaten haben sich inzwischen auch zwei äußerst unterschiedliche Kulturen, völlig verschiedene Denk- und Lebensweisen entwickelt. Dies haben, so Pastor Kim, etliche südkoreanische Kirchengemeinden hautnah erlebt, als sie sich in den 1990er-Jahren der inzwischen Millionen zählenden Zahl von Flüchtlingen aus dem Norden annahmen. Bei vielen sei die Euphorie mittlerweile einer tiefen Resignation ob der Schwierigkeiten der Integration gewichen.

Dem Gedanken oder Wunsch nach einer baldigen Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel erteilt Jona Kim eine deutlich Absage. Nicht nur, weil die berechtigte Angst besteht, eine Wiedervereinigung nach deutschem Vorbild würde selbst die relativ starke Wirtschaftskraft des Südens heillos überfordern. »Das Erste und Wichtigste, was wir brauchen, ist ein stabiler Frieden«, so sein Credo. Nur auf der Basis eines friedlichen Nebeneinanders könne es eine Annäherung der Menschen geben, könne Vertrauen wachsen. Auch wenn auf beiden Seiten der Wille zur Versöhnung wachse, sei eine Wiedervereinigung in Freiheit und Demokratie vorstellbar, so Kim.

Für den Pastor ist dies vor allem auch eine geistliche Herausforderung. Deshalb hat für Jona Kim das Gebet um eine innere Veränderung im Herzen seines Volkes und für eine Öffnung und Veränderung der nordkoreanischen Diktatur höchste Priorität. Dass er in Deutschland immer wieder auf Menschen stößt, die für Nordkorea beten, sieht er als »ein Wunder« an, für das er von Herzen dankbar ist.

Harald Krille

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»Damit sich Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen«

12. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Der jüdische Professor und die Rechtsextremen: Reinhard Schramm spricht seit vielen Jahren mit Straftätern in der Jugendstrafanstalt.

Der Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge im Jahr 2000 war der Impuls für den »Thüringen Monitor«: Jenaer Wissenschaftler untersuchen seitdem regelmäßig die politische Kultur im Land. Der These »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns« schloss sich 2017 jeder siebte befragte Thüringer an.

Manche setzen ihre antisemitische Einstellung in Taten um, einige landen letztlich im Gefängnis. Dann sind sie ein Fall für Reinhard Schramm.

Der frühere Professor der Technischen Universität Ilmenau und heutige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen kommt einmal im Monat in die Jugendstrafanstalt des Landes in Arnstadt. Er trifft sich mit Gefangenen, um mit ihnen über seine Familiengeschichte zu sprechen. Darunter sind junge Männer, die auch ihre rechtsextreme Gesinnung hinter Gitter brachte. Die verurteilt wurden, weil sie schlugen oder zündelten.

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Das erste Mal kam Schramm nach dem Anschlag auf die Synagoge. Einer der drei Täter bereute seine Tat. Der Professor traf sich mit ihm, redete mit ihm. Eine Aktion, die nicht allen in der Jüdischen Gemeinde gefiel. Im Gegenteil, manche zweifelten offen am Sinn derartiger Bemühungen.

In diesem Fall zu Unrecht: Schramm bekam später einen Brief des jungen Mannes. Er habe mit dem rechten Zeugs nichts mehr gemein, habe darin gestanden. Ein Zeichen? Ein Ansporn allemal. Seitdem geht der 73-Jährige regelmäßig in den Knast. Monat für Monat, »außer im Sommer«, sagt er und lacht.

Reinhard Schramm lacht gern. Er ist von ansteckender Fröhlichkeit, seine blauen Augen blitzen, wenn er einen Scherz macht. Doch sie werden sehr ernst, wenn er seine Lebensgeschichte erzählt.

Die jüdische Mutter überlebt, weil sich ihr nichtjüdischer Mann nicht scheiden lässt. Er selbst wird 1944 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Die ersten Monate seines Lebens verbringt er bis zum Kriegsende mit seiner Mutter im Versteck. Außer den beiden werden alle jüdischen Familienmitglieder umgebracht.

Seine Mutter will nach dem Krieg nur noch weg, in den neuen Staat der Juden. Doch Reinhard bekommt Keuchhusten. Im Krankenhaus sorgen sich die Ärzte mit Hingabe um ihn. Er wird wieder gesund. Später erfährt er, die gleichen Ärzte haben in der Nazizeit einem anderen jüdischen Kind die Behandlung verweigert: Bernd Wolfson starb an einer vereiterten Mittelohrentzündung.

Es sind Geschichten wie diese, die seine Zuhörer schlucken lassen. Er setzt sie bewusst ein. Es sind wahre Geschichten, seine Erlebnisse. Sie erzählen davon, wie im NS-Deutschland Nachbarn zu Fremden wurden, der Wert der Juden in den Augen vieler Deutscher von Tag zu Tag sank. »Bis wir nur noch Ungeziefer waren, das man zertreten kann«, setzt Schramm den Schlusspunkt. Dies soll sich nie wiederholen. Deshalb geht er regelmäßig in den Knast.

Schramm ist Ingenieur, kein Träumer. Doch er hofft, dass er mit der Geschichte seines Lebens und seiner Familie bei den jungen Leuten mehr erreichen kann als tumbe Sprücheklopfer. Meist seien seine Zuhörer interessiert, sagt er, fragten gezielt nach. Für fast zwei Stunden können sie seiner Wahrheit nicht entfliehen.

»Damit sich die Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen.« Das ist einer der Sätze, die er gern benutzt. Doch es geht ihm nicht nur um Historie, um die große Welt. Reinhard Schramm kommt auch als Vater. Denn sein Sohn saß selbst im Gefängnis. Zum Ende der DDR machte er aus seiner Meinung über den Arbeiter-und-Bauern-Staat keinen Hehl. Offen sprach er davon, das Land bei der erstbesten Gelegenheit zu verlassen, arbeitete wohl auch aktiv an einem Plan dazu. Der SED-Obrigkeit wurde das zu viel. Sie sperrte ihn kurzerhand ein. Reinhard Schramm hat die Monate seines Kindes im Gefängnis nicht vergessen. Wie die Zeit in der Zelle seinen Jungen veränderte, ihm mit jedem Tag mehr den Lebensmut nahm. Wie der Sohn begann nachzudenken, ob das alles noch Sinn für ihn habe. »Eine schlimme Zeit«, erinnert sich der Vater. Auch deswegen geht er jeden Monat aufs Neue in das Jugendgefängnis. Das bringt ihm immer noch Skepsis, aber auch Anerkennung ein.

»Ich kenne seine Initiative seit dem Brandanschlag und bewundere seine Ruhe und Konsequenz, mit der er sich diesen Gesprächen stellt«, sagt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Er sei beeindruckt davon, wie Schramm immer wieder auf Menschen zugehe, bei denen er unterstellen müsse, dass diese bei einer nächtlichen Begegnung eher Angst auslösen würden. »So baut er Ängste auf beiden Seiten ab«, meint der Regierungschef. Und fügt noch an: »Mehr davon wäre wünschenswert.«

Dirk Löhr (epd)

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