»Jesus hätte uns nicht ausgegrenzt«

6. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Sie wünschten eine Trauung und bekamen einen Kompromiss: Marcel Bauer (l.)  und Thomas Friedrich auf den Straßenbahngleisen vor dem Chemnitzer Gunzenhauser-Museum, das Friedrich leitet.	Foto: Steffen Giersch

Sie wünschten eine Trauung und bekamen einen Kompromiss: Marcel Bauer (l.) und Thomas Friedrich auf den Straßenbahngleisen vor dem Chemnitzer Gunzenhauser-Museum, das Friedrich leitet. Foto: Steffen Giersch

Seelsorge: Wenn gleichgeschlechtliche Paare ihre Partnerschaft vor Gott besiegeln wollen, gibt es Probleme

Thomas Friedrich und ­Marcel Bauer wollen für ihre Partnerschaft um Gottes ­Segen bitten. Doch in ­Sachsen ist das nicht in ­einem Gottesdienst möglich.

Es war der Karfreitag 2009. Marcel Bauer weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, wie er mit dem Chor in der Chemnitzer Kreuzkirche stand und Bachs Matthäuspassion sang. Und wie sein Blick auf ein Augenpaar im Publikum fiel. So fand Marcel Bauer mitten in einem Gotteshaus die Liebe. Sie heißt Thomas Friedrich und ist ein Mann.

Die beiden Männer verstecken sich nicht. Friedrich ist Leiter des renommierten Museums Gunzenhauser, Bauer ein stadtbekannter Friseur. Am 1. Dezember lassen die 33-Jährigen ihre Partnerschaft im Chemnitzer Standesamt förmlich eintragen. Seit 2001 ist das in Deutschland für homosexuelle Paare möglich. »Doch wir wollten auch vor Gott noch einmal sagen, dass wir zueinander stehen und seinen Segen dafür erbitten«, sagt Thomas Friedrich, der wie sein Partner aus einer christlichen Familie stammt und in der Chemnitzer St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde zu Hause ist. Eine Segnung in einem Gottesdienst – das war ihr Wunsch. Mit der Bitte darum schrieben sie an den sächsischen Landesbischof, doch er lehnte ab.

»Das hat uns enttäuscht«, sagt Thomas Friedrich. »Wir sind vollwertige Mitglieder einer Kirchgemeinde – und da plötzlich nicht mehr. In anderen Landeskirchen ist die Segnung homosexueller Paare doch auch möglich.« Neun Landeskirchen – darunter die von Berlin-Brandenburg – lassen zwar keine Trauung, aber eine Segnung
der Partnerschaft zu. Andere Landeskirchen – darunter die von Anhalt – haben sich noch nicht entschieden. Sechs lehnen eine solche Segnung ausdrücklich ab (lesen Sie dazu den Beitrag rechts).

Zu ihnen gehört die sächsische Landeskirche. Deren Kirchenleitung hat 2001 beschlossen: »Segnung homosexueller Partnerschaften kommt in unserer Landeskirche mit Blick auf das biblische Zeugnis nicht in ­Betracht. Wohl aber ist die Segnung homosexuell geprägter Menschen im Rahmen der persönlichen Seelsorge möglich.« Geht man von Schätzungen über die Zahl homosexueller Menschen in Deutschland aus, sind in der sächsischen Landeskirche mehrere Tausend Christen von dieser Aussage betroffen.

»Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Jesus Menschen so ausgegrenzt hätte«, sagt der Chemnitzer Thomas Friedrich. »Doch aus unserer Kirchgemeinde und der Kantorei, in der wir mitsingen, hatten wir von vornherein Rückendeckung. Warum soll ein Paar, das sich liebt, nicht den Segen bekommen, fragten viele.« Der Vorstand der St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde jedenfalls hatte schon im Dezember mehrheitlich keine ­Bedenken gegenüber einer Segnung im Gottesdienst. Es folgten ­Monate mit Gesprächen und Schriftwechsel hin und her zwischen den beiden Männern, dem Pfarrer der Kirchgemeinde, dem Chemnitzer Superintendenten und dem Landesbischof ­Jochen Bohl.

Bei dem Beschluss der Kirchenleitung werde es auch in den nächsten Jahren unverändert bleiben, betont Bohl. »Auf die Inhalte des ­Kirchenleitungsbeschlusses ist der Ortspfarrer durch meinen Referenten und den Superintendenten hingewiesen worden. Er hat in dessen Rahmen gehandelt.«

Am Ende stand ein Familiengottesdienst am Sonnabendnachmittag vor Pfingsten: Die Kreuzkirche war voll mit Gästen, Angehörigen, Freunden und Kollegen des Paares. Der Chor sang. Doch ihren Segen erhielten Thomas Friedrich und Marcel Bauer eine Viertelstunde vor Gottesdienstbeginn nur im »seelsorgerlichen Rahmen«: Ohne Musik, ganz schlicht. Nur ihre Familien und ihre Trauzeugen vom Standesamt waren dabei. Gemeinsam mit dem Pfarrer beteten sie um Gottes Segen für ihre Partnerschaft. Es war ein Kompromiss.

Ein Kompromiss freilich, um den fast jeder in dem folgenden Gottesdienst wusste – und der deshalb trotz allem zu ihrem Gottesdienst wurde. »Danach kamen viele Menschen zu uns und gratulierten uns herzlich«, ­erinnert sich Marcel Bauer. »Viele von ihnen hofften, dass die Tür offen bleibt, die wir aufgestoßen haben.« Und manche aus der Kirchgemeinde sagten den Männern: »Der Gottesdienst war schön – so schön normal.«

Andreas Roth

Gott kommt in Israel zur Welt

5. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Jerusalem, Foto: photoshop

Jerusalem, Foto: photoshop


Eine Erinnerung aus Anlass des Israelsonntags

Dass Jesus Christus ein geborner Jude sei«, daran hat Martin Luther mit seiner gleichnamigen Schrift erinnert. Juden und Jüdinnen sind, wie Luther formuliert, Blutsfreunde Jesu und verdienen allen Respekt von christlicher Seite. Dass diese Hochachtung des Judeseins Jesu für Luther schon 1523 im Dienst der Bekehrung der Juden zu Christus stand, darf dabei ebenso wenig übersehen werden wie die weitere Entwicklung: Je mehr sich Luthers Hoffnungen, seine jüdischen Zeitgenossen für das aus kirchlicher Bevormundung befreite Evangelium zu gewinnen, zerschlugen, desto drastischer wurden seine Maßnahmenkataloge zur Zwangsbekehrung oder zur Bestrafung bekehrungsunwilliger Juden.

Der Reformator selbst ist ein erschütterndes und beschämendes Beispiel für den Antijudaismus, der die christliche Theologie und Kirche über Jahrhunderte geprägt und dabei gesellschaftlichen Antisemitismus gefördert hat. Auch der Israelsonntag ist von dieser Haltung lange mitbestimmt gewesen: Während Jüdinnen und Juden an diesem 9. Aw, dem traurigsten aller jüdischen Feiertage, der Zerstörung des Jerusalemer Tempels, des irdischen Wohnortes Gottes inmitten seines Volkes, gedachten, feierte die Kirche sich nicht selten selbst als das neue, gar wahre Israel. Statt mitzutrauern über den Verlust und sich voller Scham der eigenen Schuld an diesem Volk zu erinnern, eignete sie sich an, was Gott doch Israel bleibend geschenkt hat: die Erwählung und den Segen, den Bund und die Verheißungen. Triumphalismus statt Trauer, Schadenfreude statt Scham! Doch wie kann Gott uns, den Christinnen und Christen aus der Völkerwelt, treu sein, wenn er Israel nicht mehr treu ist?

Der Israelsonntag, der in unserem Land als der eigentliche Buß- und Bettag begangen werden sollte, gibt Anlass, daran zu erinnern, dass Gott in Israel zur Welt gekommen ist, dass der Gottessohn als Kind einer jüdischen Frau geboren wurde. Unsere Weihnachtschoräle besingen staunend die Menschwerdung des Gottessohnes: »Er ist geborn eu’r Fleisch und Blut, / eu’r Bruder ist das ewig Gut« (EG 25,3). »Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen?« (EG 41,4). Doch dieses Lob auf den buchstäblich ›eingefleischten‹ Gott, der sich mit Haut und Haar auf menschliches Dasein eingelassen hat, verschweigt, dass der biblische Gott in einem jüdischen Menschen Hand und Fuß bekommen hat.

»Das Wort wurde – nicht ›Fleisch‹, Mensch, erniedrigter und leidender Mensch in irgendeiner Allgemeinheit, sondern jüdisches Fleisch«, konkre­tisiert der Theologe Karl Barth. Und Michael Wyschogrod, einer der jüdischen Partner im christlich-jüdischen Gespräch, erinnert: »Von dem Mann, der später Papst Johannes XXIII. werden sollte, wird erzählt, dass er, als er die Bilder von den Bulldozern sah, die in den gerade befreiten Nazi-Todes­lagern die jüdischen Leichen in Massengräber schoben, ausgerufen habe: ›Da ist der Leib Christi.‹«

Das Bekenntnis zu Christus neu buchstabieren

In Jesus von Nazareth wiederholt Gott seine unkündbare Bindung an Israel. In Israel zur Welt kommend, bezeugt der Gottessohn, dass Gott nicht ohne das jüdische Volk Gott sein will.

Wir müssen das Bekenntnis zu Jesus, dem Christus, neu buchstabieren lernen und dabei aufhören, Jesus aus seinem Volk herauszulösen und unsere christliche Identität auf Kosten Israels zu gewinnen. Mir ist dafür das Wort des alten Mannes Simeon wegweisend, der nicht sterben konnte, bevor er nicht den »Trost Israels« gesehen hat – wie oft aber haben Christen und Christinnen den Trost Israels in einen todbringenden Schrecken für Israel verwandelt! Als Jesus von seinen Eltern nach jüdischem Gebot in den Tempel gebracht wird, nimmt Simeon den Säugling auf den Arm und lobt Gott: »… meine Augen haben das Heil gesehen, … ein Licht zur Erleuchtung der Völker und zur Verherrlichung deines Volkes Israel.« (Lukas 2,30f.)

Jesus nimmt an uns die ureigene Aufklärungs-Aufgabe Israels wahr: Er ist Licht für die Völker. Wenn Jesus uns in die Geschichte Gottes mit Israel einbezieht und seinem Volk damit ­Gewicht gibt und Ehre macht, wie können wir uns dann zu ihm als dem Christus bekennen, ohne unsererseits Israel Respekt entgegenzubringen?

Respekt – das heißt keineswegs Kritiklosigkeit gegenüber der Politik des Staates Israels, der theologisches Gewicht hat und zugleich ein ganz und gar weltlicher Staat ist. Es heißt aber Anerkennung und Wertschätzung, Mittrauer und Mitfreude und allemal Fürbitte für den Frieden im Nahen ­Osten. Der 122. Psalm gibt uns Worte dafür: »Wünscht Jerusalem Frieden! Sicher mögen leben, die dich lieben!«

Magdalene L. Frettlöh

Magdalene L. Frettlöh leitet den Kirchlichen Fernunterricht der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und lehrt dort wie an der Ruhr-Universität Bochum Systematische Theologie.

Das geht unter die Haut

30. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Tattoostudio sind auch spirituelle und christliche Motive gefragt

Albrecht Dürers »Betende Hände« sind ein beliebtes Tattoo-Motiv. Foto: epd-bild

Albrecht Dürers »Betende Hände« sind ein beliebtes Tattoo-Motiv. Foto: epd-bild

In den Glasvitrinen sind Totenkopf-Modelle ausgestellt, die Wände mit Flammenmustern bemalt, aus Lautsprechern tönt harte Rockmusik. »Palatine Tattoo« im pfälzischen Pirmasens ist ein Tätowierstudio. Betrieben wird es von Jens Neumann und seiner Frau Ute. Der gebürtige Dortmunder passt ins Bild: lange Haare, Kinnbart und Tätowierungen auf den Armen. Längst sind Tätowierungen – neudeutsch: Tattoos – kein exklusiver Körperschmuck mehr für Seeleute, Rockmusiker oder ehemalige Häftlinge. Knapp zehn Prozent aller Deutschen haben Schätzungen zufolge ein oder mehrere Tattoos, darunter auch viele Prominente: Bettina Wulff, Lena Meyer-Landrut oder Fußballer wie ­Jerome Boateng und Marcell Jansen. Spirituelle Motive sind beliebt.

Bei »Palatine Tattoo« sprechen Neumann und seine Kolleginnen zunächst ausführlich mit den Kunden über Motivauswahl und -gestaltung sowie die Körperstelle, auf die das Tattoo gestochen werden soll. »Aber ab einem gewissen Punkt bin ich als ­Tätowierer natürlich Dienstleister und steche dem Kunden fast alles, was er will«, sagt Neumann. Ausnahmen sind verbotene Symbole und Texte.

Gefragte Motive seien Engel, Dämonen oder auch Totenköpfe, erzählt Neumann. Er schätzt, dass ungefähr 80 Prozent aller Tätowierungen spirituell motiviert sind. »Die Totenköpfe symbolisieren für mich die Vergänglichkeit allen Seins, also auch meine eigene«, sagt der Wahl-Pfälzer, der neun davon als Tattoo auf dem linken Arm trägt. Er ist Protestant, doch das schließt für ihn nicht aus, sich auch der Symbolik heidnischer Religionen zu bedienen. Die Zahl Neun habe er aufgrund der keltischen Mythologie gewählt, wo sie als Potenz der göttlichen Zahl drei einen Absolutheits­charakter habe, sagt er.

Die Praxis des Tätowierens ist aber viel älter als die Mythologie der Kelten. Auch an der etwa 5000 Jahre alten Mumie des Mannes vom Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen, besser bekannt als Ötzi, wurden Tätowierungen festgestellt. Die frühesten schriftlichen Belege für Tätowierungen finden sich in der Bibel. Dort wurde diese Art von Körperkult verboten. »Ihr sollt um eines Toten willen an eurem Leibe keine Einschnitte machen noch euch Zeichen einätzen«, heißt es etwa im Buch Levitikus (Levitikus 19,28).

Ursprünglich waren Tätowierungen bei den Israeliten in Anlehnung an den kanaanäischen Baalkult und seine Trauerrituale üblich, berichtet der Münsteraner Alttestamentler Rainer Albertz. Über Jahrhunderte hätten die Israeliten die Tradition des Tätowierens unreflektiert ausgeübt. Ein Wandel habe erst durch die prophetische Sozial- und Kultkritik des achten vorchristlichen Jahrhunderts eingesetzt. Papst Hadrian I. habe schließlich um 700 nach Christus jegliche Art von Tätowierungen verboten.

Jens Neumann kennt die einschlägigen Bibelstellen zum Tätowier-Verbot. »Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?« (1. Korinther 6,19), schreibt Paulus im ersten Korintherbrief. Doch gerade mit diesem Vers lasse sich das Tätowieren auch befürworten, sagt Neumann. Denn die Frage sei, ob man den Tempel des Heiligen Geistes nicht zum Beispiel mit einer Tätowierung auch schmücken dürfe.

Das Kreuz ist, seinen Erfahrungen nach, das beliebteste christliche Tattoo-Motiv – noch vor Engeln, Albrecht Dürers »Betenden Händen« und Bibelzitaten. Das Symbol steht für Schmerz, Qual, Tod, aber auch für neues Leben. Viele Menschen ließen sich ein Kreuz stechen, um damit einen Schicksalsschlag zu verarbeiten, weiß Neumann. »Als Tätowierer bin ich auch eine Art Seelsorger«, sagt er und erinnert sich an einen Fall von plötzlichem Kindstod. Die Kundin habe als Motiv ein Kreuz mit dem ­Gesicht des Kindes im Schnittpunkt gewählt. Während des Vorgesprächs und beim Tätowieren habe die Mutter ihm von diesem Schicksalsschlag erzählt.

Neumann kennt seine Grenzen. Wenn er den Eindruck hat, dass ein Kunde ein pathologisches Trauerverhalten zeigt, empfiehlt er, therapeutische Hilfe zu suchen. »Eine Tätowierung ist sicherlich nicht geeignet, ernsthafte psychische Probleme zu ­lösen.« Nur indem man die Bedeutung einer Tätowierung relativiere, bleibe sie, was sie ist: Ein einzigartiges Kunstwerk voller Symbolik. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Dejan Vilov (epd)

»Wie neugeboren«

22. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Leben unter den wachsamen Augen der Staatsreligion – eine verschleierte Frau im Iran. Viele Flüchtlinge fühlen sich in Deutschland vom christlichen Glauben angezogen.  Foto: epd-bild/Walter G. Allgöwer

Leben unter den wachsamen Augen der Staatsreligion – eine verschleierte Frau im Iran. Viele Flüchtlinge fühlen sich in Deutschland vom christlichen Glauben angezogen. Foto: epd-bild/Walter G. Allgöwer


Migranten: Ein Pfarrer aus Hannover begleitet iranische Flüchtlinge – Dutzende lassen sich jeden Monat taufen.

Nach Deutschland ­geflüchtete Iraner haben die Nase voll vom islamistischen Mullahregime. Für viele wird nicht nur westliche Demokratie, sondern auch christlicher Glaube zu einer neuen Erfahrung.

Noch vor einem Jahr unterrichtete die 30-jährige Parysa mit Kopftuch an einer Schule in der iranischen Stadt Isfahan. Heute lebt sie in Deutschland, trägt Jeans und ihre Haare offen. Vor einem halben Jahr hat sie sich in Hannover christlich taufen lassen und nahm ­dabei den armenischen Namen Arpi an. Wie sie bekennen sich in Deutschland jeden Monat mehrere Dutzend iranische Flüchtlinge bei Festgottesdiensten zum Christentum. Erst kürzlich erwartete die evangelische Landeskirche Hannovers wieder rund 40 von ihnen zu einem Tauffest in der Landeshauptstadt.

Pastor Hans-Jürgen Kutzner betreut bundesweit bis zu 1000 Iraner und veranstaltet mit ihnen Gottesdienste auf Deutsch und Farsi. Der Theologe aus Hannover ist der einzige hauptamtliche evangelische Iraner-Seelsorger innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und hat selbst schon zahlreiche Iraner getauft. »Sie kommen aus einem Gottesstaat, in dem Religion und Politik nicht getrennt sind«, sagt er. Viele ­hätten Gewalt und Folter im Namen des Islam erlitten. »Wenn man eine Diktatur auf diese Weise erlebt, will man davon frei sein.«

Die Abkehr vom Islam und die Hinwendung zum Christentum sei für die Flüchtlinge deshalb oft mit einer politischen Botschaft verbunden. So sei die Zahl der Hilfesuchenden und der Täuflinge nach den Präsidentschaftswahlen und den großen Demonstrationen im Iran im vergangenen Jahr spürbar gestiegen. »Es geht uns nicht um Mission, sondern um die Menschen«, betont Kutzner. »Wir helfen natürlich auch denen, die sich nicht taufen lassen.«

Arpi weigerte sich im Iran, den Ganzkörperschleier Tschador zu tragen, und wurde deshalb an eine Dorfschule versetzt. Kurze Zeit später floh sie nach Deutschland. Ihr sonst fröhliches Gesicht verfinstert sich, als sie davon spricht. »Ich war nie eine überzeugte Muslima«, sagt sie. Zudem sei es ihr schwergefallen, die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen zu akzeptieren.

Für sie ist die im deutschen Grundgesetz festgelegte Religionsfreiheit ­etwas Besonderes, das sie sich lange gewünscht hat. Wenn sie an ihre Taufe denkt, wirkt die junge Frau euphorisch: »Ich fühlte mich wie neugeboren.« Auch ihre Familie im Iran habe sich für sie gefreut. Arpi ist sich sicher: Wenn sie zurück in die alte Heimat müsste, drohe ihr der Tod durch Steinigung oder Erhängen.

Um getauft zu werden, müssen sich die Interessenten Grundkenntnisse des Christentums aneignen – meist über das Internet. »Wir sagen ihnen auch ein paar unbequeme Wahrheiten«, betont Kutzner. So ebne ihnen die Taufe keineswegs automatisch den Weg in die westliche Gesellschaft. Und sie sei ein Risiko, wenn sie wieder in den Iran zurückkehren müssten. Denn: Die deutschen Behörden nähmen bei einer drohenden Abschiebung kaum noch Rücksicht auf die ­Religionszugehörigkeit.

Der 31-jährige Dariush hat sich vor zwei Jahren bei einem Tauffest zum Christentum bekannt. Der gelernte Maschinenbau-Ingenieur wohnt in ­einem Asylbewerberheim und weiß nicht, ob er in Deutschland bleiben darf. »Als ich meinen Eltern von ­meiner Taufe erzählt habe, haben sie gedroht, mich umzubringen«, erzählt er. »Sie sagten, ich sei nicht mehr ihr Sohn.« (epd)

Von Charlotte Morgenthal und Michael Grau

Jesus und seine Option für die Armen

16. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Jesus suchte die Nähe der einfache Menschen wie etwa die Fischer vom See Genezareth. Vom Maler Raphael (1483 bis 1520) stammt diese Darstellung des wunderbaren Fischzuges von Petrus und seinen Mitarbeitern. Repro: Archiv

Jesus suchte die Nähe der einfache Menschen wie etwa die Fischer vom See Genezareth. Vom Maler Raphael (1483 bis 1520) stammt diese Darstellung des wunderbaren Fischzuges von Petrus und seinen Mitarbeitern. Repro: Archiv


Die Wirkstätten des Gottessohnes, seine Lebensweise und sein Herzensanliegen

Wer sich mit Jesus beschäftigt, der beschäftigt sich meist mit all dem, was ihn in unseren Augen einzigartig und göttlich macht. Auch im zweiten und letzten Teil unserer Beitragsserie wird der umgekehrte Weg beschritten. Jesus wird aus einer familiären, alltäglichen Perspektive in den Blick genommen.

Nachdem Jesus – wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Umkehrbewegung von Johannes dem Täufer – erkannt hatte, dass Gott in ­allernächster Zukunft sein göttliches Reich errichten wird und ihm, Jesus, als Repräsentanten Gottes dabei eine Schlüsselrolle zukommt, berief er sich zwölf Jünger und begann, diese Freudenbotschaft überall zu verkünden. Der Schwerpunkt seines Wirkens waren drei Dörfer, die allesamt im nord-westlichen Bereich des Sees Genezareth lagen: Kapernaum, Bethsaida und Chorazin. Einen besonderen Stellenwert hatte dabei Kapernaum, das Matthäus sogar als »seine Stadt« (9,1) bezeichnet. Eine Stadt war Kapernaum zwar nicht, eher ein »Großdorf«, aber ganz sicher war es der Ort, in dem sich Jesus am häufigsten aufhielt und wo er viele Heilungstaten vollbrachte. Als neues »Zuhause«, das an die Stelle von Nazareth trat, sollte man Kapernaum aber besser nicht verstehen (so Matthäus 4,12-16). Typisch für die Lebensweise Jesu war ja gerade, dass er keinen ­festen Wohnsitz hatte (Lukas 9,58), sondern als »Wandercharismatiker« das Reich Gottes im ganzen Land verkündigte.

Nun mag die Bevorzugung von Kapernaum mit der verkehrstechnisch günstigen Lage zusammenhängen. Wenn Jesus mit seiner Botschaft ganz Israel erreichen wollte, dann, so ist anzunehmen, wird er sich auch darum bemüht haben, einen Ort als Ausgangsbasis zu finden, von dem aus er dieses Unternehmen sinnvoll in Gang bringen konnte. Nun konnte er von Kapernaum zwar nicht das ganze Land gut erreichen, aber immerhin den Norden. Das gegenüber Obergaliläa wesentlich stärker besiedelte Untergaliläa konnte er über die Gennesar-Ebene erreichen, und das Reich des Herodessohnes Philippus, das ­ungefähr vom heutigen Golan bis an die libanesische Grenze reichte, war von Kapernaum nur einen Katzensprung entfernt.

Die Vorliebe Jesu für Kapernaum wird allerdings noch mehr damit zusammenhängen, dass dort Petrus und sein Bruder Andreas wohnten. Hier konnte Jesus mitsamt seiner Jüngerschar immer wieder Unterkunft finden. Gerade weil die Jesusgruppe fast immer unterwegs war, werden die Jünger und Jüngerinnen Jesu froh darüber gewesen sein, in Kapernaum eine Art »Basiscamp« zu haben. Ganz ohne Beheimatung geht es anscheinend auch bei Wandercharismatikern nicht.

In Kapernaum hat man manches ausgegraben, das in einem Zusammenhang mit der Zeit Jesu steht. So könnte die prächtige Kalksteinsynagoge aus dem 4. Jahrhundert an dem Ort stehen – Fundamente und ein ­Basaltpflaster darunter deuten darauf hin –, wo einst die Synagoge Jesu stand. Außerdem kann man dort das »Haus des Petrus« sehen. Das klingt zwar ein wenig fantastisch, aber tatsächlich kann hier eine bis ins 2. Jahrhundert zurückreichende christliche Verehrung nachgewiesen werden. Beeindruckend sind auch die Wohninseln, in denen ganze Großfamilien samt Angestellten lebten. Die Ausgrabungen zeigen, dass in Kapernaum vor allem Fischer, Bauern und Händler lebten: Menschen, die nicht bitterarm waren, aber zur Unterschicht gehörten und sich gewiss keinen großen Luxus leisten konnten.

Jesus und seine Option für die Armen: Herodes Antipas, der Herrscher Galiläas zur Zeit Jesu, hat zuerst in dem nur fünf Kilometer von Nazareth entfernten Sepphoris residiert, bis er dann im Jahr 19/20 n. Chr. Tiberias zur Hauptstadt machte. Nun ist auffällig, dass die Evangelien nie erwähnen, dass Jesus in einer dieser römisch-­hellenistisch geprägten Städte gewirkt hat. Dies dürfte seinen Grund darin haben, dass Jesus sich in erster Linie zu der normalen, von Armut bedrohten Bevölkerung gesandt sah. Diese »Option für die Armen« kommt exemplarisch in der ersten Seligpreisung zum Ausdruck: »Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.» (Lukas 6,20) Nun war die Zeit, in der Jesus in Galiläa lebte, aufgrund der langen und im Großen und Ganzen durchaus gedeihlichen Regierungszeit des Herodes Antipas wirtschaftlich relativ stabil, und manche Juden werden davon auch profitiert haben. Aber diejenigen, die sowieso nur wenig hatten – und das waren die meisten –, rutschten durch Zölle und die zunehmende Besteuerung schnell noch weiter nach unten ab.

Jesus war kein Sozialrevolutionär. Es ging ihm um die Gottesherrschaft. Aber diese zielt eben auch auf eine ­radikal neue und bessere Gesellschaftsordnung.

Peter Hirschberg

Der Autor ist promovierter Theologe und als Hochschul- und Studierendenpfarrer in Bayreuth mit verschiedenen Lehraufträgen im Bereich Biblische Theologie/Judaistik.

»Ein vollwertiges Menschenrecht«

15. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Seit Juni 2010 ist Heiner ­Bielefeldt Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit der Vereinten Nationen. ­Benjamin Lassiwe sprach mit dem Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität ­Erlangen-Nürnberg.

Heiner Bielefeldt ist ­Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der ­Universität Erlangen- Nürnberg und ehemaliger ­Direktor des Deutschen ­Instituts für Menschenrechte. 	Foto:ddp images/Henning Kaiser

Heiner Bielefeldt ist ­Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der ­Universität Erlangen- Nürnberg und ehemaliger ­Direktor des Deutschen ­Instituts für Menschenrechte. Foto:ddp images/Henning Kaiser

Herr Professor Bielefeldt, warum braucht es Religionsfreiheit?
Bielefeldt:
Die Religionsfreiheit ist ein elementares Menschenrecht. Sie bietet dem Menschen die Möglichkeit, sich in den Sinnfragen des Lebens, also in Fragen der Religion und der Weltanschauung, selbstständig zu orientieren. Deswegen gehören die Religionsfreiheit und die Würde des Menschen eng zusammen. Denn Menschenwürde heißt ja, den Menschen in seiner Eigenverantwortung zu respektieren. Das gilt gerade auch da, wo es um den Sinn des Lebens geht.

Welche Bedrohungen sehen Sie für die Religionsfreiheit?
Bielefeldt:
Es gibt Länder, in denen Menschen nicht einmal im Privaten ihre Religion praktizieren können. Länder, in denen der Staat die Seele vergewaltigt. Anderswo greifen Staaten in die Manifestationen des religiösen Lebens, also beispielsweise Gottesdienste und Gebete, ein und reglementieren sie. Dahinter steckt dann oft die Furcht, dass das gewünschte Bild einer homogenen Gesellschaft gefährdet wird, wenn Menschen einem anderen Glauben anhängen. Und es gibt oft Probleme mit der Gleichbehandlung der Angehörigen verschiedener Religionen: Als Menschenrecht geht die Religionsfreiheit natürlich von der Gleichbehandlung aller Menschen aus. Die Menschen sollen alle in der Lage sein, ihre Religion zu leben. Tatsächlich werden in einer Reihe von Staaten religiöse Minderheiten massiv verfolgt.

Christliche Kirchen und Hilfswerke gehen davon aus, dass die Christen weltweit die am Stärksten verfolgte Religion sind. Wie sehen Sie das?
Bielefeldt:
Ich bin da etwas vorsich­tiger. Rein quantitativ haben die Kirchen natürlich recht: Die Christen sind die weltweit größte Religion, da ist es verständlich, dass es in Ländern, in denen die Religionsfreiheit nicht gewährleistet wird, oft Christen sind, die verfolgt werden. Und man muss ganz klar und deutlich sagen, dass in Ländern wie dem Iran, wie Pakistan, China oder Somalia christliche Gruppen sehr stark von Verfolgung betroffen sind. Allerdings geht es nicht immer nur um die Quantität, sondern auch um die Intensität der Verfolgung: Und da sollten wir nicht vergessen, dass manche kleineren Religionen, etwa die Bahai im Iran, ebenfalls sehr stark betroffen sind, und Opfer eines regelrechten Vernichtungsfeldzugs zu werden drohen.

Was können Sie als UN-Sonderbevollmächtigter daran ändern?
Bielefeldt:
Mein Amt hat eine Reihe von Möglichkeiten, die in der Praxis aber natürlich auch begrenzt sind. Eine Möglichkeit sind die Demarchen, ein diplomatischer Briefwechsel, mit dem ich bei Regierungen Protest gegen Verletzung der Religionsfreiheit einlegen kann. Geschieht dann nichts, kann der Briefwechsel auch veröffentlicht werden, was den Druck auf die Regierung natürlich erhöht. Daneben kann ich mit Länderbesuchen, deren Ergebnisse veröffentlicht werden, Aufmerksamkeit für die Religionsfreiheit wecken. Aber weil mein Amt ein Ehrenamt ist, geht das natürlich auch nur stichprobenartig. Und dann kann ich mich in die konzeptionelle Weiterentwicklung der Menschenrechte einbringen: Da ist es mir wichtig, dass die Religionsfreiheit als vollwertiges Menschenrecht zur Geltung kommt, und nicht in Richtung einer bloßen Toleranzsemantik ins Diffuse abrutscht.

Welche Möglichkeiten hat denn die UN, um die Religionsfreiheit durchzusetzen?
Bielefeldt:
In den Vereinten Nationen ist die Religionsfreiheit als Menschenrecht verankert, und zwar im Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte, den derzeit 165 Mitgliedsstaaten der UN ratifiziert haben. Im Rahmen dieses Paktes sind regelmäßige Überprüfungen vereinbart worden, bei denen es darum geht, wie sehr die Staaten die Menschenrechte einhalten. Das ist eine Möglichkeit, um das Thema Religionsfreiheit auf den Tisch zu bringen, für die die öffentliche Aufmerksamkeit in der Regel auch sehr hoch ist.

Was gibt es denn in Europa in Sachen Religionsfreiheit noch zu tun?
Bielefeldt:
Man wird sagen können, dass es in Europa um die Menschenrechte und auch um die Religionsfreiheit in der Regel gut bestellt ist. In Westeuropa gibt es keine aktive Verfolgung religiöser Minderheiten von Staats wegen. Gleichwohl bestehen Defizite, wenn es um die Gleichstellung der Angehörigen unterschied­licher Religionen geht. Da findet sich ein Gefälle zwischen Mehrheits- und Minderheitsreligionen. In einzelnen Ländern, etwa Griechenland, führt das zu Schwierigkeiten: Da ist die griechisch-orthodoxe Kirche von der Verfassung so bevorzugt, dass die Missionstätigkeit anderer Gruppen verboten wird. Mitglieder der Zeugen ­Jehovas etwa sind deswegen sogar schon ins Gefängnis gekommen. Und dann gibt es da noch eine völlig ­andere Ebene – etwa, wenn populistische Politiker, oft aus Oppositionsparteien, gegen religiöse Minderheiten hetzen. Dazu zählt etwa die islamfeindliche Partei des Holländers Geert Wilders. Hier hat der Staat die Aufgabe, die Menschenrechte nicht durch Extremisten gefährden zu lassen.

Wenn ein Menschenrecht so umstritten ist, wie die Religionsfreiheit – dient es dann dem Frieden?
Bielefeldt:
Die Religionsfreiheit ist auf jeden Fall ein Weg zum Frieden. Wobei der Frieden an dieser Stelle so definiert ist, dass jeder Mensch in Würde und Freiheit leben kann. Das ist für mich Maßstab des Friedens. Und wer die Menschenrechte, auch die Reli­gionsfreiheit durchsetzt, setzt sich damit für den Frieden ein.

Gebete, Kettenfett und Motorenklang

9. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Stilles Gedenken an den Gräbern des Ersten Weltkrieges und PS-Schau in der Sankt Petersburger Innenstadt – beides gehörte zum ersten christlichen Bikertreffen Russlands. Fotos: privat

Stilles Gedenken an den Gräbern des Ersten Weltkrieges und PS-Schau in der Sankt Petersburger Innenstadt – beides gehörte zum ersten christlichen Bikertreffen Russlands. Fotos: privat


Russlands erstes christliches Bikertreffen – deutsche und russische Zweiradfans besuchen Kriegsgräber

Die Ängste waren groß: Mehrere Hundert Motorradfahrer, in Russland nicht gerade als besonders zurückhaltende Verkehrsteilnehmer bekannt. Dann auch noch eine Invasion von Bikern aus Deutschland in die Newastadt. Und das ausgerechnet unmittelbar vor den Feierlichkeiten zum Jahrestag des faschistischen Überfalls auf die ehemalige Sowjetunion. Kein Wunder, dass die Behörden von Sankt Petersburg kritisch auf die Idee von Pfarrer Matthias Zierold von der lutherischen Petrikirche und Vater Wjatscheslaw von der orthodoxen Kirche reagierten. Eine Sternfahrt russischer und deutscher Motorradfahrer nach Sankt Peterburg mit einem großen gemeinsamen Gottesdienst hatten die beiden zweiradbegeisterten Geistlichen im Sinn.

Am Ende aber staunten die Sankt Petersburger nicht schlecht: Rund 100 russische und ebenso viele deutsche Liebhaber der »heißen Öfen« waren am 20. Juni mit ihren Maschinen angereist und trafen sich friedlich in
der Stadt. Schwierigkeiten gab es ­dennoch: mit einem gemeinsamen Gottesdienst nach Vorbild des berühmten Motorradfahrergottesdienstes (MoGo) in Hamburg – übrigens der Partnerstadt von Sankt Petersburg.

»Njet«, sagten die Verantwortlichen der russisch-orthodoxen Kirche, gemeinsame Gottesdienste mit Lutheranern sind nicht zugelassen. Doch Oberpriester Wjatscheslaw Charinow, der eine Gemeinde in Sankt Peterburg leitet, fand mit dem aus Thüringen in die Newastadt gekommenen Pfarrer Zierold eine andere Lösung: Einen Motorradkorso durch die Hauptstraßen und eine anschließende Fahrt der Versöhnung zu den Gräberstätten des vergangenen Weltkriegs.

Und so steuerte die röhrende Armada zuerst in Richtung Ladogasee, zum einstigen russischen Brückenkopf Newskaja Dubroka. Bei der Verteidigung dieser für die belagerte Stadt überlebensnotwendigen Stellung gaben mehrere Hunderttausend Sowjetsoldaten ihr Leben. Hier zelebrierte Vater Wjatscheslaw eine orthodoxe Andacht. Anschließend ging es gemeinsam zum deutschen Soldatenfriedhof in Sologubowka. Hier ruhen unter der Obhut des Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge etwa 100000 deutsche Soldaten.

Besondere Überraschung: Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen, die sich schon in ihrer Heimatstadt regelmäßig am MoGo beteiligt, spendete hier gemeinsam mit Matthias Zierold im Anschluss an eine gemeinsame Kranzniederlegung den Segen für die Biker.

Für Zierold ist klar, dass dieses erste nicht das letzte christliche ­Bikertreffen in Russland gewesen ist. Markiere die unkonventionelle Aktion, bei allen Schwierigkeiten im ­Vorfeld, doch zugleich einen Durchbruch im Miteinander von Protestanten und Orthodoxen im Land.

Harald Krille

Bikertreffen Sankt Petersburg

Niederlande: »Lockjuden« gegen Antisemitismus?

1. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Annette Birschel berichtet für ­unsere Zeitung aus den ­Niederlanden.

Annette Birschel berichtet für ­unsere Zeitung aus den ­Niederlanden.

In den Niederlanden hat ein neues Wort gute Chancen, das Wort des Jahres 2010 zu werden: »Lockjude«. Dieser bizarre Begriff hat allerdings ­einen ernsten Hintergrund. In den vergangenen Monaten häufen sich Berichte über antisemitische Vorfälle. Vor allem in Amsterdam werden Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft belästigt und angepöbelt. Die Täter sind vor allem marokkanischstämmige Jugendliche.

Allerdings meldet kaum ein Opfer diese Vorfälle bei der Polizei, aus Angst oder Resignation, dass diese doch nichts tun kann. Die Folge ist aber, dass es kaum konkrete Zahlen über den Umfang von Antisemitismus gibt und vor allem, dass die Täter nie gefasst werden. Die Polizei hat noch nicht einmal eine Handhabe, um sie aufzuspüren. Hier soll nun der »Lockjude« helfen. Polizisten sollen sich als Juden verkleiden und in die Viertel von Amsterdam begeben, in denen Juden sich am unsichersten fühlen. Sobald der »Lockjude« beschimpft wird, gäbe es einen konkreten Anlass, um Täter strafrechtlich zu verfolgen. Die Stadt Amsterdam prüft diesen Vorschlag nun.
Die Initiative kommt aus unverdächtiger Ecke, und das ist in den ­Niederlanden nicht unwichtig, vor ­allem nachdem der Rechtspopulist Geert Wilders mit seiner Anti-Islampartei für die Freiheit im Juni einen großen Wahlsieg eingefahren hat.

Der sozialdemokratische Abgeordnete Ahmed Marcouch hatte die Idee. Marcouch stammt selbst aus Marokko und war lange Bürgermeister in einem wegen straffälliger und randalierender Marokkaner berüchtigten Stadtteil von Amsterdam. Dort hat er sich ­einen Namen gemacht, mit unkonventionellen Methoden Tabus zu brechen. Nun will er den latenten Antisemitismus in muslimischen Gemeinschaften angehen.

Die Stadt Amsterdam nimmt dies ernst, und auch das ist gut. Denn hier leben die meisten der rund 40000 ­niederländischen Juden, und sie sollen sich absolut sicher fühlen. Das Mittel eines polizeilichen Köders ist
in den Niederlanden nicht neu. Es gab etwa den »Lockhomo«, dem es ­gelang einen berüchtigten Kriminellen zu fassen, der Homosexuelle ­körperlich misshandelte. In Gouda wurde eine »Lockoma« eingesetzt, um einer Bande von Taschendieben auf die Spur zu kommen, die es auf alte Frauen abgesehen hatte. In beiden Fällen war der Lockvogel erfolgreich.

Dennoch – im Falle des Antisemitismus ist dieses Mittel bedenklich. Bei den antisemitischen Vorfällen geht es nicht um einen Serientäter, sondern um eine anti-jüdische Stimmung in bestimmten Stadtteilen. Ein als Jude verkleideter Polizist aber könnte gezielt jemanden zu Straftaten verleiten. Und das ist verboten. Außerdem ist die Ursache der antisemitischen Vorfälle häufig kein tief sitzender Judenhass. Anlass ist meist die israelische Politik im Nahen Osten. Die Zunahme der verbalen Gewalt ist auch eine direkte Reaktion auf den Angriff Israels auf den Hilfskonvoi für Gaza. Juden werden dafür stellvertretend verantwortlich gemacht.

Es ist sehr die Frage, ob das Strafrecht das geeignete Mittel ist, diesen Automatismus zu durchbrechen. Aufklärung, politische Bildung, Geschichtsunterricht in Schulen und Moscheen ist sicher der weitaus längere und schwierigere Weg, aber am Ende wirkungsvoller. Denn wenn man einen »Lockjuden« einsetzen muss, ist es meistens schon zu spät.

Annette Birschel

»Sparen ja, aber ausgewogen«

1. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Nikolaus Schneider, der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präses der rheinischen  Kirche, besuchte in der vergangenen Woche die Evangelische Verlagsanstalt in Leipzig und die Redaktion der Kirchenzeitung »DER SONNTAG«. Foto: Armin Kühne

Nikolaus Schneider, der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präses der rheinischen Kirche, besuchte in der vergangenen Woche die Evangelische Verlagsanstalt in Leipzig und die Redaktion der Kirchenzeitung »DER SONNTAG«. Foto: Armin Kühne


Alle reden vom Sparen – im Staat wie in der Kirche. Christine Reuther sprach ­darüber mit dem Ratsvor-
sitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider.

Herr Ratsvorsitzender, wie sehen Sie das Sparpaket der Bundesregierung?
Schneider:
Mit diesem Sparpaket hat die Bundesregierung einen Schwerpunkt gesetzt bei Bildung und Entwicklung. Das begrüße ich außerordentlich. Aber es gibt Kürzungen im Sozialbereich, die ich für unausge-
wogen halte. Für die Kürzung beim ­Elterngeld mag es zwar eine richtige systematische Begründung geben, aber die hilft nicht, denn die Menschen haben dann einfach zu wenig Geld. Es gibt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass die derzeitigen Sätze für Hartz IV vermutlich nicht ausreichend sind, auf jeden Fall nicht für die Kinder und Jugendlichen. Das Elterngeld für Hartz-IV-Empfängerin­nen zu streichen, ohne diese Schieflage korrigiert zu haben, ist nicht in Ordnung. Wenn sie die wachsende Zahl der Tafeln in unserem Land ­sehen, dann ist das ja ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Grundsicherung den Grund eben nicht mehr ­sichert. Also: Diese Kürzungen sind sozial unausgewogen und müssen ­kritisiert werden.

Was würden Sie anders machen?
Schneider:
Ich würde die Ausgaben- und die Einnahmenseite betrachten. Es ist eine ideologische Engführung zu sagen, Steuern dürfen auf gar keinen Fall erhöht werden. Zumal in einer Situation, wo das obere Segment unserer Gesellschaft durch einige Sprecher sagt: Wir sind bereit, unseren Teil zu tragen. Aus diesem Grunde sollte man auch die Einnahmeseite analysieren und starken Schultern auch eine größere Last auflegen.

Sehen Sie den inneren Frieden bedroht, wenn die angekündigten Kürzungen immer wieder Menschen zu Protesten auf die Straße treiben?
Schneider:
Eine Gefahr ist zumindest da. Diese Tendenz, dass sich unsere Gesellschaft immer weiter auseinanderentwickelt, haben wir seit 20 Jahren. Es ist ein schleichender Prozess: Eine Weile geht es gut, und dann könnte ein Punkt kommen, wo sich die Empörung Bahn bricht. Dann ist das auslösende Moment häufig gar nicht mehr wichtig. Aber aufgrund dessen, was sich aufgestaut hat, haben die Leute die Nase voll und sagen: Jetzt ist Schluss. Möglich, dass wir uns einem solchen Punkt nähern.

Sie beobachten diese Entwicklung seit 20 Jahren, sagen Sie. Sehen Sie einen Zusammenhang mit der deutschen Einheit?
Schneider:
Diese Entwicklung hat viele Ursachen, besonders die Globalisierung. Aber dass mit dem Zusammenbruch der Ostblockregime den westlichen Demokratien die Systemkonkurrenz weggefallen ist, hat auch dazu geführt, dass soziale Standards abgebaut wurden. Ich beobachte einen schleichenden Transformationsprozess von einer sozialen Marktwirtschaft hin zu einer radikalen Marktwirtschaft.

Was kommt auf die Kirchen zu, wenn auch dort die Einnahmen weniger werden?
Schneider:
Harte Zeiten. Die Kirchen haben ja nicht die Möglichkeit, sich wie der Staat über beide Ohren zu verschulden – und das ist auch gut so. Wir werden also sortieren müssen, was künftig von Kirchensteuern zu finanzieren ist. Und dann wird es Bereiche geben, wo wir verstärkt Mittel einwerben müssen. Das werden schmerzhafte Prozesse sein.

Hat das Auswirkungen auf den angestoßenen Reformprozess?
Schneider:
Bei dem Reformprozess gibt es ein paar Elemente, die für eine solche Debatte von großer Bedeutung sein können. Es ist für die Kirche völlig unverzichtbar, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Doch dann müssen wir auch die Instrumente dafür haben. Zum Beispiel so eine Kirchenzeitung wie die Ihre, die sowohl nach innen Verständnis für die Lage der Kirche vermittelt aber auch wichtige gesellschaftliche Themen transportiert – in die Kirche hinein und aus der Kirche heraus. Wir müssen nur aufpassen, dass wir durchs Sparen ­unseren Auftrag nicht beschädigen: Nämlich das Evangelium von der freien Gnade Gottes unters Volk zu bringen.

Und wie kann die Kirche der Zukunft mit weniger Geld auskommen?
Schneider:
Die Stärke unserer Volkskirche ist, dass wir alle zusammengehören. Aber die Schwäche ist häufig, dass die Menschen zu wenig das Bewusstsein entwickelt haben, dass das ihre Sache ist. Unsere Leute müssen sagen: Kirche ist meine Sache, und wenn ich mich nicht engagiere, dann gibt es viele kirchliche Aktivitäten nicht mehr.

Den Himmel geschenkt bekommen

24. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Taufvorbereitung: Kinder machen gern mit. Foto: epd-bild

Taufvorbereitung: Kinder machen gern mit. Foto: epd-bild


Am besten ist, wenn ein Mensch am Anfang seines Lebens erfährt, dass Gott ihm ohne Wenn und Aber zugeneigt ist. Ein Plädoyer für die Kindertaufe.

Die Taufe an dem Baby war soeben vollzogen, da kam mein dreijähriger Sohn durch das Kirchenschiff nach vorne. Er stellte sich neben mich ans Taufbecken und reckte den Daumen nach, was so viel heißt wie »prima«, »gut-gemacht!« oder »schön!«. Ein Schmunzeln ging durch das Kirchenschiff. »Taufe ist schön!«, hatte ich zuvor in der Taufansprache betont, und eben nicht: Eine Taufe ist »ganz schön stressig«, wie das manche Familie erlebt. Wenn jemand getauft wird, ist das erst mal schön – für die Familie, Gemeinde und Kirche. Denn die Taufe ist ein schönes Signal. Es bedeutet, mich beschenkt jemand mit seinem Ja und ich gehöre zur Gemeinschaft der Christen. Jemand ist mir ohne Wenn und Aber zugeneigt. Allerdings ist dieses Ja Gottes zum Menschen und das Ja zur Taufe keine Selbstverständlichkeit. Es ist immer wieder in Erinnerung zu rufen.

Die Taufe ist einmalig und gilt für das ganze Leben
Die Taufe ist eine Erfindung Gottes, ein Sakrament, das er sich selbst ausgedacht hat. Sie ist eine einmalige Sache und gilt für das ganze Leben. Am besten erfährt man dies von Anfang an. Denn auch die Kindheit ist keineswegs eine Lebenszeit leidensfreien Genießens. Kinder haben echte Sorgen und Ängste – selbst wenn sie aus der Erwachsenenperspektive klein aussehen mögen. Kinder sind verletzbar. Sie können sich nicht so einfach gegen Widrigkeiten zur Wehr setzen. Sie haben wenig Mittel, sich gegen Demütigungen zu schützen. Sie sind in vielerlei Hinsicht ausgeliefert – die Berichte über Missbrauch in den letzten Monaten lassen das leider erahnen.

Es ist tragisch, sein Leben auf Kosten der Kinder zu führen. Es ist ein Drama. Doch fängt dies nicht erst an, wenn jemand Hand anlegt oder die Seele nicht achtet. Es bedeutet, auf Kosten von Kindern zu leben, wenn wir sie dazu drängen, unseren eigenen Traum zu leben; wenn wir die Erde mit ihren Schätzen zugrunde richten und die nachfolgenden Generationen ein »sinkendes Schiff Erde« vorfinden. Oder wenn wir meinen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf habe nur etwas mit der Anzahl von Krippenplätzen zu tun. Auch für unsere Eltern und Großeltern war es eine Herausforderung, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Wahre Kinderfreundlichkeit hat mit Zeit und Zuneigung zu tun!

Kinder achten – auf Kinder achten
Die Bibel warnt jedoch nicht nur vor Fehlverhalten. Sie erzählt auch von geglückter und glücklicher Kindheit. Ganz wesentlich dabei ist es, Kinder willkommen zu heißen. Wenn sie Grund zur Freude und Dankbarkeit sind; wenn ihnen mit einer Haltung der Offenheit begegnet wird: »Ich freue mich auf das, was sich durch dein Kommen verändern wird.« Ich kann dem Kind Unterstützung zuflüstern: »Ich will dich in der Entdeckung des Lebens begleiten, deinen Weg ­mitgehen.« Natürlich: Eine glückliche Kindheit kann nicht hergestellt werden wie ein Produkt in einer Fabrik oder wie ein Dispo-Kredit bei einer Bank … Aber es kann gefördert werden durch gute Worte wie die, die als Taufsprüche als Wort Gottes zugesprochen werden, und die man sich eben nicht selber zusprechen kann. So ist es eine schöne Idee, wenn Eltern oder Paten nicht nur eine Taufkerze gestalten, sondern auch zum Taufspruch ein Bild für das Kinderzimmer malen, das dem Kind dieses Bibelwort vor Augen malt.

Die Taufe an sich ist schon ein Signal, dass mein Leben nicht in meiner eigenen Hand liegt. Und wo man bereits als Baby zum Taufstein getragen wird, trägt dies zu dieser Grundhaltung bei: Andere haben mich (er)tragen, andere wollen mir als Paten
und Eltern von der Taufe und vom Glauben erzählen, andere sind in ­guten Gedanken und Gebeten bei mir – selbst wenn ich davon nichts ­mit­bekomme oder ahne.

Erziehung im Glauben, geborgen in der Gemeinde

Eltern sollten sich ruhig trauen, mit ihren Kindern zu beten oder sie zu segnen, indem sie zum Beispiel die rechte Hand auf die Stirn des Kindes legen und sagen: »Gott, der Herr, segnet dich und hat dich lieb!«

Eine Erziehung im Glauben ist jedoch nicht nur Sache des Elternhauses oder der Paten. Daher sollte schon im Gottesdienst neben Eltern und Paten auch die Gemeinde darauf verpflichtet werden, für das Kind zu beten, es im christlichen Glauben zu erziehen und an die Taufe zu erinnern. Taufkerze, Taufsprüche, ­Tauf­lieder, Tauftagfeier und Tauftexte, aber auch ein Tauffest der Kirchengemeinde weisen immer wieder auf das Geschenk der Taufe hin. Sie lassen über Christenlehre und Religionsunterricht hinaus ahnen, dass einem mit der Taufe der Himmel geschenkt wurde.

Reiner Andreas Neuschäfer

Medienempfehlungen
Hartmann, Christoph: Ein Stück vom Himmel. Wege zur Taufe – Wege mit der Taufe. DVD, Wartburg Verlag, ISBN 978-3-86160-191-3, 19,95 Euro
Küstenmacher, Werner Tiki: Tikis Evangelisch-Katholisch-Buch. Zusammen sind wir unschlagbar, Calwer Verlag, 32 S., ISBN 978-3-7668-4104-9, 6,95 Euro

Oberthür, Rainer/Meier, Hildegard: Die Bibel für Kinder und alle im Haus. Hörbuch mit vier CDs, Kösel Verlag, ISBN 978-3-466-45840-0, 21,95 Euro

Irmgard Weth: Neukirchener Vorlese-Bibel. Die Bibel von Anfang an. 32 Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament, 144 S. mit 33 farbigen Bildern von Kees de Kort, Neukirchener Kalenderverlag, ISBN 978-3-920524-57-3, 14,90 Euro

Die auf dieser Seite empfohlenen Bücher und CDs sind – wenn nicht anders angegeben – zu beziehen über den Buchhandel oder Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

Eine Ahnung von jüdischem Leben vor dem Holocaust

24. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Spontanes Konzert auf der Straße: Beim Jüdischen Festival in Krakau erklingt Musik nicht nur von offiziellen Bühnen. Foto: Uwe von Seltmann

Spontanes Konzert auf der Straße: Beim Jüdischen Festival in Krakau erklingt Musik nicht nur von offiziellen Bühnen. Foto: Uwe von Seltmann



Judentum: In Krakau findet vom 25. Juni bis 4. Juli zum 20. Mal das Jüdische Kulturfestival statt

Was 1988 als ein Untergrund-Treffen begonnen hat, ist mittlerweile zu einem der größten und bedeutendsten jüdischen Festivals der Erde geworden.

Von Uwe von Seltmann

Erwartet werden vom 25. Juni bis
4. Juli wieder Zehntausende Besucher, die bis aus Israel, Australien oder den USA nach Krakau reisen, um die über 200 Konzerte, Workshops, Führungen, Vorträge und Ausstellungen zu besuchen. So wie Joe aus New York, der abends in einem Café von der »unglaublichen Atmosphäre« in Kazimierz schwärmt. Er komme jedes Jahr zum Festival, erzählt der 40-jährige Wissenschaftler, der auf dem Kopf eine Kippa trägt, die Kopfbedeckung der gläubigen Juden. Das Krakauer Festival sei »einzigartig«, nirgendwo anders könne man »so viele spannende Leute«, Juden wie Nichtjuden, an einem »solch fantastischen Ort« treffen.

Wie das Zusammenfügen
einer gerissenen Kette
Die vielfältigen persönlichen Begegnungen und der »magische Ort« seien es wohl auch, die das Krakauer zu »mehr als einem Klezmer-Festival« machten und es von den anderen unterscheide, sagt Janusz Makuch, Gründer und Direktor des Festivals. Im Stadtteil Kazimierz, einem der Zentren des polnischen Judentums, hatten die Nationalsozialisten das jüdische Leben komplett ausgelöscht, die meisten der über 60000 Krakauer Juden ermordet. In dem Viertel, das zu kommunistischen Zeiten völlig verfallen war, geschehe etwas »Mystisches«, sagt der 50-Jährige. Die Energie der Menschen, die hier einst gelebt hätten, sei bis heute zu spüren. Und vor allem während des Festivals, wenn ­Juden aus aller Welt nach Kazimierz kommen, werde eine »gerissene Kette wieder zusammengefügt«. Er sei sich sicher, dass die ermordeten Juden aus Kazimierz »eine Art Erlaubnis« erteilt hätten »für das, was wir hier machen«.
Makuch selbst wuchs ohne Kenntnisse über das Judentum auf, denn im kommunistischen Polen sollte nichts an das jüdische Erbe erinnern. »Bis zum Alter von 13 oder 14 Jahren wusste ich absolut nichts über die ­jüdische Kultur«, sagt er. Aber dann erfuhr er, dass vor dem Zweiten Weltkrieg die Hälfte der Bewohner seiner Heimatstadt Pulawy Juden waren. Insgesamt lebten in Polen vor dem Krieg über drei Millionen Juden, etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Heute sind es rund 30000. Die acht Jüdischen Gemeinden in Polen zählen rund 4000 Mitglieder, in Krakau sind es keine 200.

Musiker und Künstler
kommen aus aller Welt
Als Makuch zum Studium nach Krakau kam, intensivierte er seine Forschungen über die vernichtete Kultur, traf wenige Gleichgesinnte und organisierte 1988 mit einem Freund in ­einem Theater das erste Festival. 1990 berichtete erstmals die New York ­Times über das Fest und schrieb: »Deutsche und Polen reden über Juden.« Ein Artikel mit Folgen, denn eine breite Öffentlichkeit wurde aufmerksam – und Makuch wusste, dass er »etwas ändern« musste: »Ein jüdisches Festival muss von Juden ­ge­staltet werden«, sagte er sich. Makuch reiste unermüdlich umher und konnte mehr und mehr renommierte jüdische Künstler nach Kazimierz locken. Sie kommen inzwischen – wie ihr Publikum – aus aller Welt, leiten Workshops über hebräische Kalligrafie oder chassidischen Tanz, zeigen ihre Filme oder Gemälde. Höhepunkt ist das achtstündige Open-Air-Konzert auf dem Szerokaplatz, das live im polnischen Fernsehen übertragen wird und 15000 Besucher zum Tanzen, Feiern und Mitsingen bringt. Unter ihnen wird auch wieder Katarzyna Weintraub sein. »Das Festival«, sagt die Journalistin, »vermittelt eine Ahnung, wie das Leben mit den Juden früher war, und wie es sein könnte, wenn es den Holocaust nicht gegeben hätte.«
Seit Anfang an dabei ist Leopold Kozlowski-Kleinman, der als lebende Legende der Klezmermusik gilt. Er hatte den Holocaust überlebt und war nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Kazimierz gekommen. »Es herrschte eine unglaubliche Dunkelheit, alles war öde und leer«, erinnert sich der über der 90-Jährige. So nahm er damals sein Akkordeon und spielte zwischen den leeren Häusern das ­jüdische Volkslied »Meine jiddische Mame«. »Ich wollte die Steine zum ­Leben erwecken.« 65 Jahre später wird er die »Jiddische Mame« wieder spielen: zum Abschlusskonzert am 4. Juli in der prächtigen Tempel-Synagoge.

www.jewishfestival.pl

»Wir wollen das Leben, nicht den Tod zeigen«

11. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Anatom und Plastinator Gunther von Hagens mit seiner Ehefrau und Ausstellungskuratorin Angelina Whalley in der Leipziger Ausstellung. Foto: Harald Krille

Der Anatom und Plastinator Gunther von Hagens mit seiner Ehefrau und Ausstellungskuratorin Angelina Whalley in der Leipziger Ausstellung. Foto: Harald Krille

Ausstellung: Gunther von Hagens umstrittene Anatomieschau »Körperwelten« gastiert erstmals in Mitteldeutschland

Die Leipziger Ausstellung, in deren Mittelpunkt spektakuläre Ganzkörperpräparate stehen, ermöglicht ­detail­getreue Aufklärung über den menschlichen Körper.

Seit der vergangenen Woche ist die weltweit gefeierte, in Deutschland freilich immer wieder umstrittene Körperweltenausstellung des Anatomen Gunther von Hagens erstmals in Mitteldeutschland zu Gast. Dabei scheint schon der Name des Veranstaltungsortes Wasser auf die Mühlen der Kritiker zu sein, die von Hagens vorwerfen, die Anatomie von den ­Höhen der Wissenschaft in die Niederungen des Jahrmarktes gebracht zu haben: Die Ausstellung gastiert bis 12. September im Leipziger »Kohlrabizirkus«.

Doch mit Zirkus hat die Schau, in deren Mittelpunkt die spektakulären Ganzkörperpräparate stehen, in der Tat nichts zu tun. Von Hagens selbst wird nicht müde zu betonen, dass er mit seiner Schau in Messe- und ­Ausstellungshallen die Anatomie »de­mokratisiert« habe, dass er breiten Volksschichten Aufklärung über ihren ­eigenen Körper ermögliche. Mit 30 Millionen Besuchern sind die »Körperwelten« die weltweit erfolgreichste Anatomieschau. Von der deutschen Stiftung Gesundheit wurde die aktuelle Präsentation gerade mit dem ­»Health Media Award« in der Kategorie Wissenschaftskommunikation geadelt.

Eine große Anerkennung für den Anfang 1945 im heute polnischen Posen als Gunther Liebchen geborenen und im thüringischen Greiz aufgewachsenen Mann, den die Medien gelegentlich schon mal als »Dr. Tod« bezeichneten. Den Journalisten in Leipzig präsentierte von Hagens sich als feinfühliger, geradezu schüchterner Mensch. Mit tränenerstickter Stimme erwähnte er seine während des Medizinstudiums 1968 versuchte Republikflucht und die folgenden Knast- und Freikaufserfahrungen. Dennoch: Hier in Mitteldeutschland habe er seine Wurzeln, fühle sich emotional zu Hause. Weshalb er mit einer perfekten Ausstellung hierher kommen wollte. Die jetzige, unter dem Thema »Herzenssache«, sei es.

Seinem Hang zur Perfektion und Ästhetik ist letztlich auch seine Erfindung der Konservierung biologischer Präparate durch Kunststoff, die Plastination, zu danken. Die heute allgemein verbreitete Technik macht die Faszination seiner Ausstellungsobjekte aus: Alles ist »echt«, freilich ohne den Geruch nach Verwesung oder Formalin. Das ist allerdings auch ein weiterer wesentlicher Vorwurf: Hier würden in entwürdigender Weise »Leichen« zur Schau gestellt.

Für Harald Knauf läuft diese Kritik ins Leere. Der 53-jährige Leipziger gehört zu den derzeit weltweit mehr als 11000 Körperspendern, die ihren Leib nach dem Ableben freiwillig und kostenlos Gunther von Hagens vermacht haben. 708 davon kommen aus Sachsen. »Ich habe meinen Körper nicht gut behandelt, nun sollen andere wenigstens von meiner Krankheit lernen«, betont Knauf. Seine vor vier ­Jahren verstorbene Ehefrau sei schon im Heidelberger Plastinations-Institut. Und er fügt hinzu: »Alle, die hier ausgestellt sind, haben freiwillig ihr Einverständnis dazu gegeben. Was ist daran unwürdig?«

Für Angelina Whalley, mit der von Hagens in zweiter Ehe verheiratet ist, gehört diese Art der »Echtheit« zwingend dazu. »Wenn Sie einem Außer­irdischen die Vielschichtigkeit eines Baumes erklären wollen, dann müssen Sie ihm einen ›echten‹ Baum zeigen und nicht ein Modell«, so Whalley, die Ärztin und zugleich Kuratorin der Schau ist. Und warum müssen die Ganzkörperplastinate in spektakulären Posen agieren? Whalley ist um eine Antwort nicht verlegen: »Weil wir das Leben und nicht den Tod zeigen wollen.«

Professor Uwe Gerd Liebert, Direktor des Instituts für Virologie im Universitätsklinikum Leipzig, hält denn auch nichts vom Streit über die Ausstellung: »Ich warne vor einer philosophisch oder gar theologisch überhöhten Auseinandersetzung«, so der Synodale der sächsischen Landeskirche. Die Kirche habe oft genug »ein schwieriges Verhältnis« zur Naturwissenschaft gehabt. So mussten Mediziner Jahrhunderte darum kämpfen, Leichen sezieren zu dürfen. Sein Rat: Wer sich für Anatomie interessiert, solle in die Ausstellung gehen. Er selbst wolle lieber in ein Gewandhauskonzert. »Aber ich sehe das, was in der Ausstellung gezeigt wird, ja auch jeden Tag.«

Von Harald Krille

Die Ausstellung »Körperwelten. Eine Herzenssache« ist bis zum 12. September im Kohlrabizirkus ­Leipzig, An den Tierkliniken 42, zu ­sehen.

Geöffnet sonntags bis mittwochs 9–19.30 Uhr, donnerstags bis sonnabends 9–21 Uhr.
www.koerperwelten.com

Mit frommer Volksmusik zu Jesus schunkeln

4. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Volksmusik: Die Musikbranche bedient sich frommer Themen und hat ein Millionenpublikum

Florian Silbereisen, der charmante Shootingstar der volkstümlichen Musikbranche, gibt sich gern ein bisschen fromm. Foto: ddp images

Florian Silbereisen, der charmante Shootingstar der volkstümlichen Musikbranche, gibt sich gern ein bisschen fromm. Foto: ddp images


So viele Menschen die volkstümliche Musik und ihre Botschaft mögen, so viele rümpfen auch die Nase. Nichtsdestotrotz: der Markt der frommen Volksmusik boomt.

Ja, es gibt ihn – und er schaut uns zu!« Nein, als Florian Silbereisen diese Zeile sang, meinte er nicht einen seiner Millionen Fernsehzuschauer. Gott war im Spiel bei diesem Fernsehfest der Volksmusik. »Ich glaube an Gott, ich glaub daran! Ich bin ein Teil von seinem Plan!«, sang Florian Silbereisen mit treuherzigem Augenaufschlag. »Mal geht’s bergab, mal geht’s bergauf. Er passt schon auf mich auf!« Das bemerkenswert freimütige Glaubensbekenntnis passt zu Florian Silbereisen.

Der charmante Shootingstar der volkstümlichen Musikbranche gibt sich gern ein bisschen fromm. Bereitwillig lässt er sich auch hinter den Kulissen seiner Show ­filmen, wenn er inmitten des Studiotrubels vor seinem Auftritt ein Gebet spricht. Dann moderiert der Achtundzwanzigjährige seine Show, eine abwechslungsreiche Mischung aus Heile-Welt-Bergromantik und Herzschmerz-Schlagern, teils skurrilen Schauspieleinlagen sowie unzähligen kernigen Lederhosen und feschen Dirndln. Und natürlich, eingebettet ins alpine Ambiente, fromme Lieder zum Mitklatschen oder Schunkeln. »Ich glaube an Gott, ich bet’ zu ihm. Er hat mir schon so oft verziehn. Und wenn einer sagt, es gibt ihn nicht, so gibt’s ihn doch für mich.«

Nicht nur Florian Silbereisen bedient sich frommer Themen. Manchmal scheint es, als seien die »Feste der Volksmusik« oder auch der Musikantenstadl frömmer und tröstlicher als das »Wort zum Sonntag«. Da singen »Vincent und Fernando«: »Glaube an Gott, wenn Du mal Sorgen hast.« »Die Schäfer« bekennen: »Glaube ist, was die Seele nährt, Liebe, die uns von ­innen wärmt.« Und sogar die stets ­lächelnde Stefanie Hertel legt ein Glaubenszeugnis ab: »Mein kleines Gebet, es kommt immer an.«

So viele Menschen die volkstüm­liche Musik und ihre Botschaft mögen, so viele rümpfen auch die Nase. Je gebildeter, desto kritischer fallen ­offensichtlich die Urteile aus. Kitsch und Kommerz würden eine unselige Verbindung eingehen, klagen viele, andere bemängeln das Vorgaukeln ­einer heilen Welt, die es so gar nicht gebe.

Ein hessischer Pfarrer hält dagegen: »Mit wachsender Lebensweisheit frage ich mich, ob man etwas, das ­Millionen von Menschen so viel bedeutet, einfach in Bausch und Bogen aburteilen kann«, sinniert Rudolf Westerheide, Bundespfarrer des evangelischen Jugendbundes »Entschieden für Christus«. Der Theologe brach auf zu Streifzügen in die Welt des volkstümlichen Schlagers, landete ­sogar auf der Website www.schlagerhoelle.de, erzählt er mit Augenzwinkern. Eine seiner Erkenntnisse: »Schlager und Volksmusik haben vielleicht bessere Wege gefunden zu den Herzen der Menschen. Für die vielen Millionen Menschen, die über den Schlager zu erreichen wären, haben wir nichts anzubieten.« Seine Idee: Die Kirche könnte sich Bündnispartner auf dem Markt der frommen volkstümlichen Musik suchen. Florian Silbereisen zum Beispiel. Warum sollte der nicht bei großen Kirchenfesten auftreten – und mit seinem Bekenntnislied »Ich glaube an Gott« Menschen missionieren?

Mit seiner sonderbaren Idee steht Westerheide nicht alleine. »Wir müssen aufhören, über Volksmusik und Schlager nur die Nase zu rümpfen«, wünscht sich etwa der Greifswalder Praktische Theologe Prof. Michael Herbst und weist darauf hin: »Die Menschen, um die es uns um Jesu Willen gehen muss, hören nun einmal eher Florian Silbereisen und Howard Carpendale.«

Die bayerische Sängerin Angela Wiedl (43) hat sich bereits unaufgefordert auf den Weg in die Kirchen ­gemacht. Die erfolgreiche Profimusi­kerin, ausgezeichnet mit dem »Echo«, tritt nicht nur im Musikantenstadl auf, sondern auch in Kirchen. Ihr Programm ist eine gediegene Mischung seriöser Kirchenmusik und religiöser Schlager mit Volksmusik-Flair. »Die Leute gehen gestärkt aus meinen Konzerten heraus. Viele weinen auch«, erzählt Angela Wiedl und fragt: »Warum sollte ich den Leuten nicht erzählen, dass ich glaube und dass es mir damit gut geht?«

Was das Publikum nicht weiß: Die meisten ihrer frommen Lieder stammen vom Komponistenduo Ralph ­Siegel und Bernd Meinunger. In der Schlagerbranche gehören sie zu den erfolgreichsten. »Ein bisschen Frieden« und »Moskau« gehören zu ihren Hits. Die Songs, die sie für Angela Wiedl schreiben, treffen deren Publikum ins Herz: ein bisschen Glaube, viele Heilige von Santa Maria bis Mutter Theresa, dazu Heimat, Berge und Sehnsuchtsmelodien.

»Ich glaube nicht, dass die Kirche sich einen Gefallen damit tut, wenn sie auf bestimmtes musikalisches und textliches Niveau heruntergeht«, hält die Dortmunder Musikwissenschaftlerin Mechthild von Schoenebeck dagegen. »Diese Texte der volkstümlichen Schlager, und mag noch so viel ›Madonna‹ oder ›Herrgott‹ drin vorkommen, sind keine literarisch wertvollen Produkte. Das sind Tagesprodukte, die werden rausgehauen, mal mehr, mal weniger gut und sprachlich interessant. Aber sie bestehen keinen Vergleich zum Beispiel mit den einfachen, aber anspruchsvollen und mehrschichtigen Texten von Paul Gerhardt.«

Von Uwe Birnstein

Fernsehtipp:
Sonnabend, 5. Juni, 20.15, ARD: Das Sommerfest der Volksmusik aus der Bördelandhalle in Magdeburg, mit Florian Silbereisen und Gästen

Radiotipp:
Sonntag, 6. Juni, 8.35 Uhr, Bayern 2, »Evangelische Perspektiven«:
»Gottes Wort im Alpenglüh’n – Die fromme Botschaft zum Mitschunkeln«. Ein Feature von Uwe Birnstein. Mit vielen Hörbeispielen und Interviews mit den Sängerinnen Barbara Dorfer und Angela Wiedl sowie Pfarrer Rudolf Westerheide.
www.br-online.de

Sieben biblische Tipps für Stürmer und Verteidiger

3. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Mit Augenzwinkern: Glaube und Fußball – was die Bibel den WM-Spielern zu sagen hat

In freudiger Erwartung: Wenn in der kommenden Woche in Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet wird, werden ­Tausende Südafrikaner begeistert mitfeiern. 	Foto: epd-bild/Ulrich Doering

In freudiger Erwartung: Wenn in der kommenden Woche in Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet wird, werden ­Tausende Südafrikaner begeistert mitfeiern. Foto: epd-bild/Ulrich Doering


Die Bibel sagt nichts zum ­Fußball? Wer so denkt, kennt das Buch der Bücher nicht – oder ist nicht so kreativ, wie unser Autor. Er hat rechtzeitig vor Beginn der Weltmeisterschaft in Südafrika entsprechende Hinweise für die Akteure zusammengestellt.

Zum Laufen hilft nicht schnell sein, zum Kampf hilft nicht stark sein … sondern alles liegt an Zeit und Glück.
Prediger 9,11; Judit 9,15; Tobias 13,11

Nein, liebe Fußballer, dieser Tipp bedeutet natürlich nicht, dass ihr nicht schnell laufen oder den Gegnern keine starken Kämpfe liefern sollt. Gemeint ist: Ohne eine gehörige Portion Glück hilft auch schnelles Laufen und hartes Kämpfen nicht. Diese Einsicht könnte auch Trost spenden, wenn’s mal trotz größter Anstrengung nicht geklappt hat. Helfen wird in jedem Fall ein Gebet vor dem Spiel – zum Beispiel mit den Worten der mutigen Witwe Judit: »Denke, Herr, an deinen Bund, und gib mir ein, wie ich vorgehen soll, und gib mir Glück dazu.« Und wenn das Glück hold und die Punkte sicher sind, empfiehlt sich ein Dankgebet: »Danke dem Herrn für dein Glück und preise den ewigen Gott.«

Verschont nicht ihre junge Mannschaft …
Jeremia 51,3; Lukas 6,27

Wer Gott auf seiner Seite weiß, kann sich gewiss sein: Er wird helfen, den Gegner zu besiegen. Zum Beispiel damals, zu Zeiten des Propheten Jeremia: Die fremde Macht Babel bedrohte Israel und hätte das kleine Land besiegen können. Gott springt seinem Volk zur Seite und schickt »Verderben bringenden Wind« (der im Falle eines Fußballspiels den Torball über die Latte wehen könnte). Danach scheint Gott die Gegner in eine Art Starre zu versetzen, denn es heißt: »Ihre Schützen sollen nicht schießen.« Am Ende folgt der himmlische Ratschlag, rücksichtslos gegen die gegnerische Elf vorzugehen. Wer diesen Tipp zu radikal umsetzen möchte, sei jedoch an Jesu ­Gebot der Feindesliebe erinnert und wäge ab: »Liebt eure Feinde!«

Einer empfängt den Siegespreis. Lauft so, dass ihr ihn erlangt!
1. Korinther 9,24; 2. Timotheus 4,7; Philipper 3,14

Es gab eine Zeit, auch in der kirchlichen Pädagogik, in der wurden für Kinder »Spiele ohne Sieger« vorgeschlagen. Spielen um des Spielens Willen war Ziel, damit niemand am Ende als Verlierer traurig ist und sich kein Sieger auf die stolz geschwellte Brust schlagen kann. Die Fußballer der Weltmeisterschaftsmannschaften haben hoffentlich anderes im Sinn: den WM-Pokal. Es geht nicht um den zweiten Platz, erst recht nicht um den dritten und vierten – es geht um den Siegespreis. Ist der empfangen, kann die Siegermannschaft wiederum mit den Worten des Apostels ­Paulus sagen: »Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet.« Und nach der WM hat jeder Zeit, über den Siegespreis nachzusinnen, den Paulus eigentlich meint: »Jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.«

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, … dass sie laufen und nicht matt werden.
Jesaja 40,31

Neunzig Minuten, dazu womöglich noch eine Nachspielzeit und gar Elfmeterschießen: Das kann ganz schön an den Muskeln zerren und an den Energiereserven zehren. Massagen sind auf dem Platz nicht möglich. Ein Gebet schon. Denn die Verheißung des Propheten ­Jesaja gilt für alle Zeiten und alle Lebenslagen: Wer an die Hilfe Gottes glaubt, wird neue Kraft schöpfen und nicht ­laufmüde werden.

Sie umgeben mich von allen Seiten; aber im Namen des Herrn will ich sie abwehren.
Psalm 118,11; Habakuk 1,9

Vor dieser schwierigen Situation werden viele Spieler nicht bewahrt bleiben in den kommenden Wochen: Da stürmen drei oder vier Gegner mit dem Ball zum Tor, und der Verteidiger, allein auf weiter Flur, muss die Angreifer stoppen. Vielleicht kommt ihm ein Spruch des Propheten Habakuk in den Sinn und verstärkt die Angst: »Sie kommen allesamt, um Schaden zu tun; wo sie hinwollen, stürmen sie vorwärts.« Keine Chance? Doch, die gibt’s immer. Vor allem mit dem Bewusstsein, dass Gott im Spiel ist. Denn im Namen des Herrn lässt sich ­jeder Angriff parieren. Das wusste schon der Psalmist.

Die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen.
Sacharja 8,5

Fußballweltmeisterschaft in Südafrika – das bedeutet viel mehr als die offiziellen Spiele. Auch die südafrikanischen Kinder sind im Bann des Balles, träumen ­davon, einst vor großem Publikum auf dem grünen Rasen zu spielen. Die WM bedeutet Hoffnung für das ganze Land, besonders für die jungen Menschen am unteren Zipfel des armen Kontinents. Das sollten sich auch die Profi-Fußballer immer wieder ins Gedächtnis rufen und abseits ihrer Hotels und Spielstätten zu den Menschen vor Ort gehen. Dort können sie besonders den Kindern gute Vorbilder sein und ihnen Mut machen auf dem Weg in die Welt des Profifußballs.

Viele blieben erschlagen liegen bis an das Tor.
Richter 9,40; 2. Mose 20,13

Nein, alle Tipps der Bibel sollten die Fußballer nicht befolgen. Man kann eben nicht alle Sätze herausnehmen und auf eine völlig andere Situation anwenden. Denn erstens ist im Richterbuch mit »Tor« nicht ein Fußball-, sondern ein Stadttor gemeint. Und zweitens wiegt das Gebot »Du sollst nicht töten« immer schwerer als gegenteilige Äußerungen der Bibel. Wehe, da liegt jemand erschlagen vor dem Tor! Also, liebe Spieler: In euren Spielen geht es nicht um Leben und Tod, sondern um die Ehre und um einen Pokal. Nicht um mehr – aber auch nicht um weniger. Deswegen sind Schiedsrichter unerlässlich und grüne und rote Karten eine segensreiche Erfindung.

Von Uwe Birnstein

Der Autor Uwe Birnstein, geboren 1962, ist evangelischer Theologe und arbeitet als freischaffender Journalist für Print, Hörfunk und Fernsehen.

Buchtipp:
Birnstein, Uwe: Das Beste aus der Bibel, Echter-Verlag 2010, 224 Seiten, ISBN 978-3-429-03211-1, 12 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den ­Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Erfolgreich, anerkannt, hautkrank

Wie der Feldhauptmann Naaman vom Aussatz geheilt wurde – Wege zur Heilung

Anhand der biblischen Geschichte vom Feldhauptmann Naaman (2. Könige 5) wenden wir uns dem Thema Heilung zu. In einer dreiteiligen ­Serie wird beleuchtet, wie Naaman geheilt wird und welche seiner Erfahrungen uns auch heute helfen können.

Elisa verweigert die Annahme der Geschenke Naamans, Quelle: Wikipedia, Collection of reproductions compiled by The Yorck Project. Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Elisa verweigert die Annahme der Geschenke Naamans, Quelle: Wikipedia, Collection of reproductions compiled by The Yorck Project. Zenodot Verlagsgesellschaft mbH


Naaman, ein Feldhauptmann der Aramäer, leidet an einer Erkrankung der Haut, die auch mit dem Begriff Aussatz oder Lepra bezeichnet wurde. Erkrankungen der Haut können unterschiedliche Ursachen haben: die Infektion mit einem Erreger, ein irregeleitetes Immunsystem oder eine genetische Veranlagung. Bestimmte Lebenserfahrungen und Umstände führen dann zum Ausbruch der Symptome. Die Heilung ist mitunter sehr schwierig. Naaman geht einen Weg zur Heilung, auf dem nicht nur die Krankheit verändert wird, es verändert sich auch seine Haltung zum Leben. In dieser biblischen Geschichte von Naaman ist eine tiefe Weisheit enthalten, die auch uns heute Wege der Heilung zeigen kann.

Naaman ist ein erfolgreicher Feldhauptmann, der von seinem König wertgeschätzt wird. Von Naaman heißt es, »durch ihn gab der Herr den Aramäern Sieg«. Doch trotz seines Erfolges fühlt Naaman sich nicht wohl in seiner Haut. So können auch heute Menschen erfolgreich sein, aber ihre innere Selbstwahrnehmung ist eine andere. Sind es Zwänge und der Druck, immer erfolgreich sein zu müssen? Ist es bei Naaman die Angst, die Wertschätzung des Königs zu verlieren? Der Text selbst gibt darüber keine Auskunft. In tief gehenden Gesprächen mit hautkranken Menschen klingen aber solche Momente an.

»Die Kriegsleute der Aramäer waren ausgezogen und hatten ein junges Mädchen weggeführt aus dem Lande Israel; die war im Dienst der Frau ­Naamans.« Diese Dienerin weiß Rat, wie Naaman geheilt werden könnte. Sie weist auf die Möglichkeit der Heilung durch den Propheten Elisa in ­Israel hin: »Ach, dass mein Herr bei dem Propheten in Samaria wäre! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien.« (2. Könige 5,2) Damit beginnt für Naaman der Prozess einer Heilung. Gleichermaßen ist es ein Weg mit Grenzüberschreitungen.

Naaman geht zu seinem König. Dieser sendet ihn mit einem Schreiben zum König nach Samaria. Der König zerreißt seine Kleider, als er den Brief liest, weil der aramäische König darum ­bittet, dass er, der König von ­Israel, Naaman heilen soll. Das Zerreißen ist Ausdruck des Entsetzens und der Trauer. Der König von Israel macht darin auch deutlich, dass nur Gott von Krankheiten heilen kann. »Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen kann«, sagt er. Er wittert auch die Suche nach einem Kriegsgrund oder Spionage. »Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht.«

Naaman ist einen innerlich weiten Weg gegangen. Bereits die Einsicht, dass er Hilfe braucht, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Heilung. Das Eingeständnis von Hilfsbedürftigkeit ist auch ein Eingeständnis der eigenen Verletzlichkeit, der eigenen Endlichkeit und Machtlosigkeit. Naaman, der erfolgreiche, der mächtige und der militärisch unverletzliche Staatsdiener, muss sich eingestehen, dass er Hilfe braucht. Diese Hilfe vermittelt ein Mädchen. Es ist Opfer eines Raubzuges und wie viele Opfer von Raubzügen in seiner Selbstbestimmung verletzt. Gleichermaßen ist es aber stark genug, Wege zum Heil und zur Heilung zu sehen, gerade durch seine Verletzungen. Dieser offene Blick des Mitgefühls und der Wegweisung ist Ausdruck einer Stärke, die aus der Verletzung erwächst.

Aus einer Verletzung kann Stärke erwachsen. So kann auch uns Hilfe vermittelt werden durch die Aufmerksamkeit auf das Starke, das aus einer Verletzung entspringt und uns zur Selbsterkenntnis führt. Dieser Gedanke entspricht nicht den Idealen unserer Zeit von Jugendlichkeit, Dynamik und Leistungsstärke. Wenn wir dieser Einsicht folgen, müssen wir wie Naaman die Grenze des Landes überschreiten, in dem Stärke, Macht und Jugendlichkeit gelten. Jenseits dieser Grenze findet sich Selbsteinsicht, aber auch ein Weg zur wahren Heilung.

Jürgen Wolf

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Hermsdorf. Nebenamtlich ist er Dozent für Praktische Theologie im Kirchlichen Fernunterricht.

Das Mutteramt des Heiligen Geistes

21. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorfs Nachdenken über das Wesen und Wirken des Geistes Gottes

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Die evangelische Christenheit hat sich häufig schwergetan mit diesem Fest. Noch vor einigen Jahrzehnten konnte man mit Fug und Recht von einer regelrechten Geistvergessenheit im Protestantismus sprechen. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, an dessen 250. Todestag am 9. Mai 2010 vielerorts erinnert wurde, gehört zu den wenigen evangelischen Theologen, die intensiv über das ­Wesen und Wirken des Geistes Gottes nachgedacht haben. In der von ihm begründeten Herrnhuter Brüdergemeine wurde die Lehre vom Heiligen Geist ein »essentialer punct«. Der Heilige Geist tritt aus der Anonymität hinter Jesus Christus hervor und wird mit besonderen Liedern und Liturgien verehrt. Das Streben nach Geistes­leitung wird zu einem wesentlichen Merkmal der Spiritualität und führt neben der weit gespannten Evangelisationstätigkeit unter Christen aller Konfessionen zu ihrer weltweiten Missionsarbeit.

Foto: Stephen J. Sullivan, sxc.hu

Foto: Stephen J. Sullivan, sxc.hu

Auch die berühmten Losungen, dass heute am weitesten verbreitete protestantische Andachtsbuch, stellen eine praktische Konsequenz von Zinzendorfs Sehnsucht nach Geistesleitung dar. Die Losungen sollen die Bibel in den Lebensalltag der Menschen bringen. Der Graf versteht sie als unmittelbare Weisungen des auferstandenen und gegenwärtigen Herrn. Dabei ist es der Geist, der das Bibelwort lebendig macht.

Zinzendorf übersetzt die traditionelle Rede von der Dreieinigkeit, von Vater, Sohn und Heiligem Geist, in das Bild der göttlichen Familie von Vater, Sohn und Mutter. Dabei spielt die Vorstellung vom Mutteramt des Heiligen Geistes eine wesentliche Rolle. Sie soll biblische Aussagen veranschaulichen, die Gott auch weibliche Eigenschaften zuschreiben (wie Jesaja 66,13). Der Graf erkennt, dass der christliche Vatergott für die Bibel kein »maskulines Prinzip« ist. Folgerichtig redet er im Zusammenhang mit der Dreieinigkeit von Gottes Mütterlichkeit.

Aber nicht nur in der Theorie geht Zinzendorf neue Wege, er setzt seine Erkenntnisse über den Geist Gottes auch in der Gemeindepraxis um. Mit dem Mutteramt des Heiligen Geistes begründet der Graf die Emanzipation der Frau in der Brüdergemeine. Sie wird von ihrer Beschränkung auf Haus und Familie befreit und kann in der Gemeinde verantwortlich mitarbeiten – eine unerhörte Neuerung gegenüber den damaligen Staatskirchen. Die Gottesdienstteilnehmer sollten theologische Einsichten mit Leib und Seele erfahren. Dazu führt Zinzendorf altkirchliche Anbetungsformen im Gottesdienst der Brüdergemeine ein. Je nachdem, welche Person der Dreieinigkeit angebetet wird, wechselt die liturgische Haltung. Der Vater wird liegend verehrt, um das Abstandsgefühl des Menschen zu ihm zum Ausdruck zu bringen, Christus und der Heilige Geist der Vertrautheit wegen im Stehen oder Knien.

Man kann sich vorstellen, dass die unterschiedliche Haltung bei der Anbetung eine vertraute Glaubensbeziehung zu den verschiedenen göttlichen Personen förderte. Nicht ein abstrakter monotheistischer Gott, sondern Vater, Sohn und Geist in ihrer Besonderheit prägten den Gottesdienst der Brüdergemeine.

Jeder Mensch, der an Jesus Christus glaubt, kommt in die Schule des Heiligen Geistes. Dieser pflegt und erzieht ihn dann bis zum Tod, ja darüber hinaus bis zur Auferstehung. Als »Professor« der Gläubigen ist der Geist die Quelle aller wahren Gotteserkenntnis. Er offenbart dem Menschen Erkenntnisse, die mit der Vernunft allein nicht zu erfassen sind. Dazu bedient der Geist Gottes sich der Bibel, indem er ihre Aussagen dem menschlichen ­Verstand aufschließt.

Der Heilige Geist wirkt aber nicht nur an einzelnen Christen, sondern auch an der Gemeinde als Ganzer. Der Graf hat sich im Rahmen seiner Lehre vom Heiligen Geist auch über die ­Voraussetzungen einer Erweckung ­geäußert. Christus kann den Geist einer eingeschlafenen Gemeinde von Neuem erwecken – jedoch nur, wenn sie zur Buße, zur »Erkenntnis des Todes« und zur »Totenklage« kommt. Eine Erneuerung ist nicht möglich, wenn eine Gemeinde, die eigentlich tot ist, vorgibt, lebendig zu sein. Eine solche Gemeinde wird der Geist eines Tages ganz verlassen.

Diese wenigen Hinweise müssen genügen, um zu zeigen, dass die Rede vom Heiligen Geist Konturen gewinnt, wenn man sich – so wie Zinzendorf – mit ihm näher beschäftigt. Dann kann es geschehen, dass man unversehens in die Schule des Geistes gerät und der Glaube neue Dynamik erhält. Das wünsche ich allen Leserinnen und ­Lesern zum Pfingstfest!

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

»Alles nur geklaut«

20. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Die »Prinzen« starten auf eine Kirchentournee – Interview mit Henri Schmidt

Sie sind die bekannteste Popgruppe im Osten Deutschlands: Die Prinzen. Ab dem 20. Mai gehen sie auf eine Kirchentournee, 35 Kirchen in ganz Deutschland stehen auf ihrem Programm. Benjamin Lassiwe sprach darüber mit Henri Schmidt, einem der fünf Sänger der Prinzen.

Henri Schmidt, einer der fünf Sänger der Prinzen. Foto: Armin Kühne

Henri Schmidt, einer der fünf Sänger der Prinzen. Foto: Armin Kühne

Herr Schmidt, die Prinzen machen eine Kirchentournee. Was unterscheidet diese Tournee von einer ganz normalen Tournee der Prinzen?
Schmidt: Bei dieser Tournee spielen wir in wirklich kleinen Orten, wo wir vorher noch nie waren: Wenn wir kommen, ist das ganze Dorf in Bewegung. Die Kirche ist ja in kleinen Dörfern der einzige Ort, wo überhaupt Kulturveranstaltungen stattfinden können. Manchmal sind dann Catering und Garderobe im Pfarrhaus, manchmal baut die Gemeinde auch noch einen Grill vor der Kirche auf. In jedem Fall sind wir in der Kirche viel, viel näher an unserem Publikum dran. Und für viele Gemeinden ist es wie ein zweites Weihnachtsfest, wenn wir Prinzen kommen: Denn ihre Kirche ist dann voll bis auf den letzten Platz. Aber man merkt auch, dass es für das Publikum ungewöhnlich ist, uns da mit dem Rücken zum Altar zu sehen: Die Menschen wissen nicht, ob sie in der Kirche klatschen dürfen. Erst, wenn das Konzert eine Weile läuft, werden die Menschen warm.

Was singen Sie denn da – Kirchenlieder?
Schmidt:
Wir werden jedes Konzert mit einem alten Choral beginnen, »Alta trinita beata«, fünfstimmig gesungen ohne Instrumentalbegleitung. Danach kommen dann die klassischen Prinzensongs, aber als reines Akustikprogramm. Unsere Begleitung wird ein Konzertflügel sein, dazu akustische Gitarren und Bässe. Aber keine E-Gitarre und kein Keyboard – das geht in vielen Kirchen schon wegen der Technik nicht. Aber wir machen kein Konzert mit Kirchenmusik oder frommen Schlagern, wir machen ein ganz normales Konzert der Prinzen, wie wir es auch schon in der Dresdener Semperoper gemacht haben. Denn wer eine Eintrittskarte für die Prinzen kauft, will natürlich auch die Lieder der Prinzen hören.

Gibt es auch Lieder, die Sie auf einer Kirchentour nicht singen würden?
Schmidt:
Oh ja. »Hasso (mein Hund ist schwul)« zum Beispiel. Das passt einfach nicht in eine Kirche. Wir treten dieses Jahr übrigens auch zum ersten Mal in einer katholischen Kirche auf, da hatten die Veranstalter inhaltlich besonders viele Vorbehalte gegen Lieder, die ihrer Meinung nach nicht gingen. Wir haben dann unser Programm entsprechend angepasst.

Einer Ihrer Kollegen, Jens Sembdner, hat im vergangenen Jahr ein Soloprojekt gestartet, und eine CD mit christlichen Popsongs herausgegeben. Wäre das auch etwas für die Prinzen?
Schmidt:
Ich spreche nur selten für die ganze Band. Aber da glaube ich schon, dass ich sagen kann, dass für so etwas die Meinungen über Kirche und Religion unter uns zu unterschiedlich sind.

Wie ist es denn bei Ihnen persönlich – gehen Sie auch selbst mal in die Kirche?
Schmidt:
Seit ich in Leipzig umgezogen bin, wohne ich sogar Tür an Tür mit unserem Gemeindepfarrer. Wir unterhalten uns oft über den Gartenzaun. Wir Prinzen kommen alle von den Thomanern oder aus dem Kreuzchor und haben früher ­immer wieder die klassischen Chorwerke in Kirchen gesungen. Dadurch ist die Kirche ­zumindest nichts Fremdes für uns. Natürlich gehe ich auch immer mal wieder in den Gottesdienst – es ist nur manchmal schade, dass da so wenig junge Leute sind. Vielleicht trägt ja unsere Tournee dazu bei, dass sich manch junger Prinzen-Fan auch wieder für die Kirche interessiert.

Konzerttermine in Mitteldeutschland:

27. Mai, 20 Uhr: Trinitatiskirche Riesa
18. August, 20 Uhr: Marktkirche St. Jacobi Sangerhausen
19. August, 20 Uhr: Pantaleonkirche Unterwellenborn, Ortsteil Könitz
20. August, 19.30 Uhr: Hoffnungskirche Oberweißbach
22. August, 19 Uhr: Stadtkirche »Unser lieben Frauen« Mittweida
24. August, 20 Uhr: Evangelische Kirche Meiningen
27. August, 20 Uhr: Stadtkirche Waltershausen
9. September, 20 Uhr: St.-Jakobi-Kirche Schönebeck/Elbe

»Ich wollte wissen, wie man glaubt«

Der Kirchliche Fernunterricht bietet eine theologische Ausbildung für den ehrenamtlichen Verkündigungsdienst

Erik Hannen ist ordinierter Prädikant im Kirchenkreis Egeln. Foto: privat

Erik Hannen ist ordinierter Prädikant im Kirchenkreis Egeln. Foto: privat

Als Erik Hannen (39) sich vor mehr als zehn Jahren beim Kirchlichen Fernunterricht (KFU) anmeldete, war noch nicht daran zu denken, dass er einmal auf der Kanzel stehen und predigen würde. Der Finanzbeamte nahm an dem Fernkurs teil, weil er mehr über den christlichen Glauben erfahren wollte. »Ich wusste nicht, wie man glaubt, ich wollte glauben, besser verstehen lernen«, sagt er.

»Ich bin wissenschaftlich-atheistisch erzogen.« Seine Mutter hätte ihm zwar freigestellt, die Christenlehre zu besuchen, doch »der Fußballplatz war für mich wichtiger. Ich habe mich aber erwischt, dass ich in Notsituationen, zum Beispiel wenn der Opa krank war, gebetet habe«, erinnert sich Hannen. Später als er 18, 19 Jahre alt war, beschäftigten ihn zunehmend Fragen des Glaubens. »Ich habe den Weg zur Kirche gesucht, mich aber nicht getraut, jemanden danach zu fragen.« Erst als er seine christliche Frau kennengelernt hatte, kam er mit der Kirche in Berührung, absolvierte einen Taufkurs, ließ sich taufen und kirchlich trauen. Und wollte immer noch mehr vom Glauben wissen. Damit war er beim KFU an der richtigen Adresse, denn dieser bietet interessierten Gemeindemitgliedern persönliche theologische Bildung an und er stellt für Ehrenamtliche eine theologische Grundausbildung für den Verkündigungsdienst dar. Aus dem anfänglichen Motiv, den persönlichen Glauben vertiefen zu wollen, ist bei Hannen mittlerweile so etwas wie Berufung geworden. Seitdem er 2003 den theologischen Fernkurs abgeschlossen hat und im Oktober 2007 ins Ehrenamt ordiniert wurde, predigt er regelmäßig in Gemeinden des Kirchenkreises Egeln in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Der KFU, der seinen Sitz in Magdeburg hat, blickt in diesem Jahr auf sein 50-jähriges Bestehen. Seit 1960 sieht er seine Aufgabe darin, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den Verkündigungsdienst theologisch auszubilden. Willkommen seien aber auch Menschen, die sich nur aus persönlichem Interesse theologisches Grundwissen aneignen wollen, sagt Rektorin Dr. Magdalene Frettlöh.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Alter von Mitte 20 bis 70 kommen aus unterschiedlichen Berufen. »Gestandene Persönlichkeiten, viele Juristen und Naturwissenschaftler«, so die Leiterin des KFU. Sie weiß, dass die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer viel Kraft und Zeit in das ­Studium investieren, Berufstätige müssen Freizeit und teilweise ihren Urlaub opfern.

Das zweieinhalbjährige Studium umfasst zwölf Wochenendseminare und zwei Seminarwochen. Daran schließt sich das Examen mit zwei Wochenendrepetitorien und einer Examenswoche an. Der KFU vermittelt Grundkenntnisse in den Fächern Altes und Neues Testament, Kirchengeschichte, Systematische und Praktische Theologie.

»Der Kurs begann anders als ich es erwartet hatte«, erinnert sich Erik Hannen. »Das Studium hat mich abgeschreckt. Die kritische Theologie war gewöhnungsbedürftig. Ich wollte einen Kinderglauben bekommen.« Aber in der ersten Vorlesung Neues Testament sei es stundenlang um Literaturgattungen der Bibel gegangen. »Am Anfang dachte ich, aus mir sollte ein Literaturwissenschaftler werden«, sagt der Finanzbeamte rückblickend. Doch je mehr er sich in das Studium vertiefte, umso weniger schreckte ihn die kritische theologische Auseinandersetzung ab. »Anfangs habe ich mich dagegen gesperrt. Heute habe ich damit keine Probleme mehr.« Für die Auseinandersetzung mit theolo­gischen Themen und seine Arbeit in der Kirchengemeinde habe der KFU ein wichtiges Fundament ­gelegt, betont Hannen.

Sein Denken und Glauben habe sich durch die theologische Ausbildung verändert, das Interesse an den Fragen des Glaubens sei geblieben.
Sabine Kuschel

Info
Der Kirchliche Fernunterricht (KFU) wird von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) getragen. Er ist offen für Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). ­Vorrangig berücksichtigt werden jedoch Bewerbungen aus den ­Kirchen, die den von der EKM ­getragenen Fernunterricht finanzieren. Das sind die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, die Evangelische Kirche Anhalts, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens und die Pommersche Evangelische Kirche. Studiengebühren fallen nicht an. Die Kosten für Unterkunft, Fahrten und Literatur ­müssen die Studierenden selbst bezahlen.
www.kfu-kps.de

Dichter, Theologe, Pädagoge

7. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Am 10. Mai vor 250 Jahren wurde Johann Peter Hebel geboren

Urheber: Archiv

Urheber: Archiv

Johann Peter Hebels literarisches Werk umfasst drei Bereiche: Gedichte in alemannischer Mundart, biblische Geschichten und Kalendergeschichten.

Mit den 1803 erschienenen »Alemannischen Gedichten« hat Hebel der oberdeutschen Mundart seiner engeren Heimat ein Denkmal gesetzt und sie überhaupt erst literaturfähig gemacht. Für ihn selbst überraschend wurde das Buch ein großer Erfolg, von Kritikern und Dichtern hoch gelobt (J. G. Jacobi, Goethe und Jean Paul), in mehreren Auflagen nachgedruckt und auch finanziell einträglich.

1818 wurde Hebel zum Prälaten, das heißt ins höchste Amt der neu entstandenen badischen Landeskirche berufen. Von Haus aus Lutheraner vereinigte er gemeinsam mit seinem Freund Nikolaus Sander die lutherische und die reformierte Kirche zur Evangelisch-protestantischen Landeskirche Badens. Für den Religionsunterricht der neuen Landeskirche wur­de ein biblisches Geschichtenbuch benötigt. So verfasste er 1821–1824 »Biblische Erzählungen für die Jugend«. Das Buch wurde nicht nur an den badischen Schulen eingeführt, sondern auch in der Schweiz, in Württemberg und Italien benutzt. 1825 erschien eine katholische Bearbeitung. Das Besondere dieser Erzählungen ist, dass Hebel das biblische Geschehen vergegenwärtigt. Er stellt die biblischen Gestalten als Menschen mit Schwächen und Eigenheiten dar. Die theologische Haltung ist fest in der Aufklärung verwurzelt.

Der knappe Stil und die Klarheit des Ausdrucks, die menschenfreundliche Argumentation und die volkstümliche Erzählweise trugen zum Erfolg der Biblischen Geschichten und vor allem der Kalendergeschichten bei, die Hebel vermehrt seit 1803 schrieb. Ab 1807 war er verantwortlich für den Kalender »Der Rheinländische Hausfreund«, den er aus einem Schattendasein zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Kalender entwickelte. In den besten Jahren wurden fast 50000 Exemplare davon verkauft. Hebel schrieb darin, der damaligen Kalenderpraxis entsprechend, über alle Bereiche des Lebens, über Wetterregeln und astronomische Erscheinungen, über historische Ereignisse und naturkundliche Themen, sogar über den richtigen Gebrauch bestimmter Wörter. Aber vor allem schrieb er Kurzgeschichten. Damit erreichte er über die ursprüngliche bäuerliche Leserschaft weite bürgerliche Schichten. Obwohl selbst Geistlicher, ist seine Moral nie kirchlich eingeengt, sondern zielt stets auf Gelassenheit, Vernunft und Toleranz.

Geschichten wie »Kannitverstan«, »Unverhofftes Wiedersehen« und »Das wohlfeile Mittagessen« gehören zum unaufgebbaren Schatz unserer Nationalliteratur. 1811 veröffentlichte Hebel die besten davon unter dem Titel »Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds«. Die Helden sind Handwerker und Bauern, Landstreicher und Diebe, Gastwirte und Soldaten. Der Humor ist niemals kränkend, niemand wird bloßgestellt. Bei aller thematischen Vielfalt steht die Absicht im Mittelpunkt, die Leser unterhaltsam zu einem Leben zu ermuntern, das sie vor sich selbst, vor ihren Mitmenschen und vor Gott verantworten ­können.

Das Bewusstsein der Vergänglichkeit hinter den alemannischen Gedichten und hinter den Kalendergeschichten erscheint nicht als ängstigende Drohung, sondern als Aufforderung, Herz, Gemüt und Verstand in dieser dreifachen Verantwortung zu gebrauchen. Jürgen Israel

Richard Müller-Schmitt hat soeben die ­bekanntesten und besten Kalendergeschichten in einem schön gestalteten Büchlein herausgegeben und mit einem kurzen, ganz im Hebel-Ton gehaltenen Nachwort versehen.

Hebel, Johann Peter: Schatzkästlein, Reclam Verlag, 79 S.,
ISBN 978-3-15-010746-1, 6,90 Euro

Land im Auf- und Umbruch

7. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Vietnam: Eine Mischung aus kommunistischer Vergangenheit, wirtschaftlichem Boom und asiatischer Kultur

Die neuerbaute katholische Kirche von Tu Phong. Foto: Aribert Rothe

Die neuerbaute katholische Kirche von Tu Phong. Foto: Aribert Rothe

Vietnamkrieg, ­Solidaritäts­aktionen, Vertragsarbeiter – ­Vietnam war früher in den östlichen Bundesländern in aller Munde. Doch über Land, Menschen und Kultur weiß man bis heute wenig.

Der Tourismus ist als Chance erkannt. Ausländisch finanzierte Hotelpaläste entstehen an den Stränden des Südchinesischen Meeres. Überall müht sich viel Personal, benutzte Teller werden sofort weggeräumt, Servietten dem Gast umgelegt, frisch gepflückte Blüten liegen auf den Betten. Arbeitslosigkeit oder Rentenprobleme kann es nicht geben, weil keine Verwaltung sie registriert. Jede Familie kümmert sich selber um ihre Angehörigen. Hoan, in Dresden promovierter Physiker, arbeitet als Reiseführer. Er sagt: Ob Beamte oder Bauern – keiner kann von einem Job allein leben.

Der Bus fährt im endlosen Strom wimmelnder Mopeds. Bunt neben­einander stehen kleine oder hoch aufgeschossene Häuser auf dem schmalen Grundriss einer Wohnung. Die meisten haben nur vorn eine Fassade: Baldachine, gläserne Oberlichttürmchen, tempelartige Aufbauten, barocke Balustraden. Überall hocken Vietnamesen davor, bieten Waren an, trinken Wasser oder Tee. Man lebt draußen. Hin und wieder eine Pagode, selten eine Kirche.

Jesuiten brachten dielateinische Schrift

In Hanois berühmter Jadekaiser-­Pagode liegt das Personal auf dem Ladentisch und unterhält sich rauchend neben den Betenden. Niemand versteht die buddhistischen Weisheiten in chinesischer Schrift an den Wänden. Seit 1945 wird Latein geschrieben. Dieses späte Erbe der Jesuitenmission ist Anschluss an die Welt und spiritueller Traditionsabbruch zugleich.

Wir wollen wissen, wie es den Christen geht. Der erste Kirchenvertreter ist sehr zurückhaltend. Er bittet darum, seine Einrichtung nicht zu nennen. Als wir durch den kleinen Ort Tu Phong kommen, halten wir spontan an einer großen Kirche. Der ältere Pfarrer empfängt uns gern zum Tee und erzählt von seiner Diözese: Von sechs Millionen Einwohnern gehören 125000 zu 300 römisch-katholischen Gemeinden, betreut von 50 Priestern. 2005 fuhr der Weihbischof nach Frankreich und sammelte dort Spenden. 2007 war die neue Kirche fertig. Nebenan führen Dominikanerinnen ein Waisenhaus und kümmern sich um minderjährige Schwangere.
In Saigon gibt es ein Sozialprojekt der deutschen Caritas. Eine graugrüne Garage vis-à-vis einer bunten Kirche dient als Sterbehaus. Hier liegen 14 aidskranke Frauen und Männer auf Campingliegen. Zum Raum gehört eine Toilette ohne Tür.

Auf dem Kühlschrank thront ein Fernseher, an der Wand Kruzifix und Kalenderposter. Unter dem Vordach zwei Gasflammen für die Versorgung. Laute Musik, ­Autolärm und Abgase dringen in den offenen Raum. Wir stehen zwischen den Betten und hören Statistisches: jede Viertelstunde eine Infektion, Drogenmilieu und Prostituierte. Wir halten Fürbitte für einen Sterbenden. Er ist Anfang zwanzig. Auch für ihn gilt das wichtigste asiatische Gebot: das Gesicht wahren.

Theologische Ausbildung mit Ratzinger-Werken

Im kommunistisch orientierten Norden war 1955 kirchlicher Besitz enteignet und Mission verboten worden. 650000 katholische Christen, fast die Hälfte, wurden in den Süden vertrieben. Dort waren sie überproportional in Regierung und Behörden vertreten. Nach der Wiedervereinigung mussten auch viele Christen in Umerziehungslager.

Im Zentrum Saigons, der früheren Hauptstadt des Südens, treffen wir Khoa Nguyen, einen Franziskanermönch. Wir haben nichts zu verbergen, sagt der junge Pater. Im Norden seien die Menschen ängstlicher und ernster. Die Christen dort hätten starken Glauben und wenig Bildung, im Süden sei es umgekehrt. Der agile Franziskaner ist vor acht Jahren aus New York zurückgekehrt und bildet nun junge Theologen aus. Den amerikanischen Pass hat er behalten.

In der Theologie sei noch mehr Fühlen als Denken, sagt er. Deshalb übersetzt er die Werke von Joseph Ratzinger. Sechs bis sieben Prozent der Bevölkerung seien Christen. Er verweist auch auf Baptisten, Episkopalisten und Mennoniten. Und er kenne ­einen evangelischen Arzt in den Bergen; dort wüchsen die protestantischen Gruppierungen. Interreligiösen Dialog gebe es mit Buddhisten und Cao Dai, in deren Gotteshaus wir ein Mittagsgebet miterlebten. Diese junge vietnamesische Religion verbindet alle »fünf Wege«: konfuzianischen ­Humanismus, christlichen Gottesglauben, daoistische Verehrung von Schutzgeistern und Feen, Buddha und die Lehre von Dai Dao, dem Großen Weg, der alles vereint.

Christliche Bildungsarbeit ist in ­Vietnam nicht erlaubt und an kirchliche Schulen nicht zu denken. Doch wird ein Kindergarten von Benediktinerinnen geduldet. 150 Seminaristen werden in Saigon derzeit zu Priestern ausgebildet. Zusammen mit den 170 Studenten in Hanoi sind das insgesamt mehr, als es jetzt Pfarrer gibt. Pater Khoa ist froh, dass sich seit ­Kurzem der Staat nicht mehr in die Auswahl einmischt. Die Kirche wachse zwar nicht proportional zur Bevölkerung, aber nach innen.

Draußen auf dem großen Hofplatz wird derweil unter sengender Sonne eine Bühne aufgebaut. Es ist Sonntag der Barmherzigkeit und zu einer missionarischen Veranstaltung werden 5000 Teilnehmende erwartet.

Aribert Rothe

Euphorie und Enttäuschung

30. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Reportage: Südafrika vor dem Sportereignis des Jahres – die Fußball-Weltmeisterschaft hat zwei Gesichter

Stolz erfüllt die Mehrheit Südafrikaner im Blick auf die WM – auch wenn längst nicht alle von dem Ereignis profitieren.

Begeisterung: Für die Kinder in den Townships am Rande der großen Städte Südafrikas gehört Fußball zum Alltag. Das Geld für einen Stadionbesuch während der WM dürften freilich die wenigsten haben.	Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Begeisterung: Für die Kinder in den Townships am Rande der großen Städte Südafrikas gehört Fußball zum Alltag. Das Geld für einen Stadionbesuch während der WM dürften freilich die wenigsten haben. Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Die junge Frau, Anfang 20, ist dem Ziel der Träume von Millionen Fußballfans weltweit ganz nah. Die Südafrikanerin, die sich schlicht mit ihrem Vornamen Beverly vorstellt, hat einen Job bei der Firma, die die Anlagen rings um das Soccer City Stadion nahe Soweto gestaltet hat. Südafrika hat sich schön gemacht für das Highlight des Jahres 2010 – die Fußball-WM vom 11. Juni bis 11. Juli.
Während Beverly den Wasserschlauch auf ein frisch gepflanztes Bäumchen hält, spannen sich neben ihr die Stadionwände wie eine Reptilienhaut glänzend in der südafrikanischen Sonne, im Hintergrund die imposante Skyline von Johannesburg. »Ja klar bin ich dabei«, sagt Beverly selbstbewusst über die Weltmeisterschaft. Wie teuer die Tickets sind, nein, das weiß sie nicht genau, und wie man dran kommt, auch nicht. Aber die junge Frau hofft auf ein Wunder – wie so viele in Südafrika.

Sie sind stolz darauf, dass die Fußball-Weltmeisterschaft in ihrem Land zu Gast ist, das erste Mal in Afrika überhaupt. Und wenige Wochen vor dem Anpfiff ist die Hoffnung noch groß, dass das Jahrhundertereignis auch sie streifen möge wie eine Fee, die das Unmögliche möglich macht: mehr Jobs, Strom und Wasser, bessere Häuser, und vielleicht sogar im Stadion dabei zu sein, wenn die südafrikanische Nationalelf Bafana Bafana spielt.

»Wir wissen natürlich, dass die WM nicht alle Erwartungen erfüllen kann. Sie kommt und geht und kann die ­Lebensbedingungen der Menschen nicht verändern, es ist unfair, all diese Erwartungen aufzubauen«, meint der Präsident des Südafrikanischen Kirchenrates, Tinyiko Sam Maluleke. Die WM sei zweifellos ein »Elite-Projekt«, das nur den Reichen Gewinn bringe, kritisiert der Theologieprofessor.
Doch er erwartet 16 Jahre nach dem Ende der Apartheid auch positive Effekte: »Wir sind eine junge Demokratie«, sagt Maluleke. »Deshalb brauchen wir viel Bestätigung – und die WM sagt uns: Man kann euch vertrauen, sogar das größte Sportereignis der Welt kann man euch anvertrauen.« Das sei inspirierend für alle.

Allerdings zeigt die bevorstehende Fußball-WM auch ein hässliches Gesicht: »Es gibt schon jetzt keine Armen und Obdachlosen in den Innenstädten mehr. Sie zahlen den Preis für eine perfekte Fassade«, kritisiert der methodistische Pfarrer Paul Verryn die Politik vieler Kommunen.

Seine Innenstadtkirche in Johannesburg ist seit Jahren Zufluchtsort für Obdachlose und Tausende von Flüchtlingen aus Simbabwe. Vor Kurzem wurde der streitbare Theologe Verryn von seinem Bischofsamt suspendiert, weil er gegen die Anweisungen und die Disziplin seiner Kirche verstoßen haben soll.

Vor der Fußball-WM beobachtet er regelrechte Säuberungsaktionen, die auch viele kleine Straßenhändler betreffen. »Man will kein Weltklasse-Event in einer verslumten Stadt begehen, deshalb hat die Polizei die Armen in die Unsichtbarkeit verbannt. Die WM geht auf Kosten der Menschlichkeit«, urteilt Verryn.

Ähnlich bittere Erfahrungen machten auch Bewohner der Armensiedlung Umlazi in Durban. Dort haben Bulldozer schon im Januar 2009 an einem Samstagmorgen ihre Häuser und Hütten niedergewalzt, um Platz zu schaffen, denn im benachbarten King Zwelithini Stadion sollte ursprünglich während der WM trainiert werden. Jetzt leben die 500 Vertriebenen weit weg in engen Wellblechbaracken.
»Für die herrschende Klasse ist 2010 ein attraktiver Investitionspunkt, aber es ist kein Projekt für die Armen und ihre Entwicklung«, meint die linke Ökonomin Mohau Pheko. In ihrer Radiosendung »Africa Talks« beim landesweiten Sender SABC kommen Kritiker zu Wort, denn Pheko findet die WM zu teuer für Südafrika: »Wir können es uns nicht leisten, so viel Geld für ein Prestigeprojekt auszugeben, das auf Kosten der Entwicklung geht.«

Pheko versteht sich als Anwältin der kleinen Leute, von denen aber viele vor allem stolz auf die WM sind. So wie Beverly, die hofft, dass sich für sie und ihre Freunde die Tore von ­Soccer City öffnen. Wer weiß, vielleicht klappt es ja, denn international läuft der Kartenverkauf schleppend.

Bettina von Clausewitz (epd)

Und täglich stirbt Jesus am Kreuz – außer montags und mittwochs

29. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Mancher mag sich innerlich schütteln, wenn er den ­Namen Oberammergau hört. Seit fast 380 Jahren gibt es die dortigen Passionsspiele – inzwischen sogar mit ­ökumenischer Beteiligung.

Proben auf Hochtouren: Nur noch wenige Wochen sind es bis zur Premiere der Oberammergauer Passionsspiele, die zwischen dem 15. Mai und 3. Oktober ­voraussichtlich wieder eine halbe Million Menschen aus aller Welt anziehen werden. Das Bild zeigt die Kreuzigungsszene mit Frederik Mayet als Jesus.

Proben auf Hochtouren: Nur noch wenige Wochen sind es bis zur Premiere der Oberammergauer Passionsspiele, die zwischen dem 15. Mai und 3. Oktober ­voraussichtlich wieder eine halbe Million Menschen aus aller Welt anziehen werden. Das Bild zeigt die Kreuzigungsszene mit Frederik Mayet als Jesus.

Nein, so nicht. Da muss mehr innere Anteilnahme rein. Du bestellst doch keine Brotzeit.« Christian Stückl rauft sich das wilde Haar. Jesus hebt erneut die Stimme und spricht zu seinen Jüngern, dieses Mal mit dem nötigen Nachdruck ­desjenigen, der überzeugen will. Fast zwei Dutzend mehr oder weniger junge Männer, die mit ihren langen Haaren und vollen Bärten aussehen wie ein aus der Zeit gefallenes Hippie-Kollektiv, sitzen mit ihren Textbüchern an einem großen Tisch: Sprechprobe für die Abendmahl-Szene der Passionsspiele in Oberammergau.

Ein Dorf fiebert dem Großereignis entgegen. Im oberbayerischen Oberammergau herrscht Ausnahmezustand – zumindest hinter den Kulissen. Die alle zehn Jahre veranstalteten Passionsspiele stehen vor der Tür. Nicht weniger als 2400 Darsteller und Sänger wollen eingekleidet werden. Hinter der Bühne sind die Olivenbäume schon bereit, um für ein ­authentisches Stadtbild Jerusalems
zu sorgen. Dornenkrone, Nägel und die I.N.R.I.-Tafel warten auf ihren ­Einsatz.

Was Otto Huber, der Dramaturg der Passionsspiele 2010, den »Yes we can-Effekt« nennt, beflügelt zurzeit die meisten Oberammergauer. Sie wollen der Welt aufs Neue beweisen, dass sie es in einer unvergleichlichen Gemeinschaftsanstrengung schaffen, die berühmtesten Passionsspiele in monumentaler Weise auf die Bühne zu bringen. Dabeisein sei in der Passion eben alles, weiß Huber, der auf der Bühne auch den Prolog sprechen wird. Mehr als die Hälfte der etwas über 5000 Einwohner hat sich wie-
der diesem olympischen Motto verschrieben.

Man kann fragen, wen man will – von den Protagonisten bis zum Fußvolk –, immer wird die soziale Bedeutung der Passion für das Gemeinschaftsgefüge betont. »Wenn der Junior mit dem Opa auf der Bühne steht, dann ist das schon ein soziales Event«, weiß Spielleiter Stückl, der die Spiele nun zum dritten Mal leitet. Das Sozia­le sei sogar noch wichtiger als Religion und Tradition. »Es gehört zum Selbstverständnis der Bewohner, alles in Eigenregie zu machen«, meint Frederik Mayet. Diesem Ziel wird alle zehn Jahre im Dorf fast alles untergeordnet. Und so wird man auch niemanden treffen, der sich über all die Proben und die Arbeit hinter den Kulissen, die zum Teil bereits im Mai des letzten Jahres begonnen hat, beschwert. Mitmachen darf übrigens nur, wer gebürtiger Oberammergauer ist oder seit mindestens 20 Jahren dort lebt.

Wer mitspielen will, muss Einheimischer sein
Aber welche Motivation treibt die Menschen? Frederik Mayet, einer der beiden Jesus-Darsteller – die 21 wichtigsten Rollen werden alle doppelt besetzt –, ist begeistert vom ­Gemeinschaftserlebnis. »Mit all den Menschen an einer Idee und auf ein Ziel hinzuarbeiten, das ist unglaublich.« Der 29-Jährige erzählt von der Disziplin, deren es bedürfe, um eine Szene mit rund 900 Menschen zu spielen. Mayet, der vor zehn Jahren als Apostel Johannes auf der riesigen, 45 Meter breiten Bühne agierte, hat sich durch Lektüre und mit einer Reise nach Israel mit seiner neuen Rolle auseinandergesetzt. »Es fasziniert mich, dass Jesus bei all seinen Taten den Menschen in den Mittelpunkt gestellt hat und von der Kraft des Glaubens überzeugt war. Das trägt für mich noch heute revolutionäre Züge«, bemerkt der Laiendarsteller, der im Hauptberuf Pressesprecher des Münchner Volkstheaters ist, wo Christian Stückl als Intendant tätig ist.

»Normalerweise zeigt die Passion nur die letzten fünf Tage im Leben Jesu, also sein Leiden«, führt der Oberammergauer Spielleiter aus. »In diesem Jahr wird Jesus aber mehr Raum haben. Ich möchte die wahnsinnige Konsequenz seines Handelns herausstellen.« Dafür sei es wichtig zu zeigen, so Stückl, dass Jesus in einem besetzten Land lebte, das außerdem von extremen sozialen Gegensätzen geprägt war. Als Zeichen der Unterdrückung werden bei den Passionsspielen nun römische Soldaten allgegenwärtig sein.

Eine Textreform hat Antijudaismen verbannt

Das Passionsspiel geht auf einen Schwur der Bürger aus dem Jahr 1633 zurück. Die Pest wütete und die Oberammergauer gelobten, die Passion alle zehn Jahre aufführen zu wollen, sollte es keine weiteren Opfer geben. Der Handel klappte. Die Kirche stellte bis 1850 die Spielleiter und Mönche aus den nahen Klöstern Ettal und ­Rottenbuch sorgten für die frühen Textfassungen. Der Text, der dem Spiel bis heute zugrunde liegt, stammt aus dem Jahr 1860 und wurde vom Oberammergauer Pfarrer Alois Daisenberger verfasst. Doch Stückl und sein Dramaturg Huber haben schon vor zehn Jahren die größte Textreform in der Geschichte der Passion auf den Weg gebracht, die vor allem Antijudaismen aus dem Spiel verbannt hat. »Jesus war schließlich Jude«, betonen die beiden Spielleiter.

Gegen massive Widerstände hat Christian Stückl auch die Verlegung der Kreuzigungsszene in den Abend durchgesetzt. Er erhofft sich davon eine gesteigerte theatralische Wirkung. Jesus-Darsteller Frederik Mayet blickt auf anstrengende Probehängungen zurück. »Da hat sich schnell ein Gefühl dafür eingestellt, wie qualvoll ein solcher Tod gewesen sein muss.«

Dass die Passion eine Gemeinschaftsleistung mehr oder weniger der gesamten Gemeinde ist, bedeutet auch, dass konfessionelle Grenzziehungen der Vergangenheit angehören. Der katholische Religionsunterricht für die Darsteller wurde 1990 abgeschafft. Mittlerweile stehen bei den Aufführungen neben Katholiken und Protestanten neuerdings auch Moslems auf der Bühne. Die Passion ist eine offene Veranstaltung. »Wenn wir jemand ausschließen würden, wär das so, als dürften die Türken nicht zum FC Bayern«, fasst Otto Huber salopp zusammen. Der Dramaturg freut sich über die Aufgeschlossenheit der Darsteller. »Frömmler sind nicht darunter.«
Auch die Publikumsstruktur hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. »Die Passion ist längst auch ein Ziel für Event-Touristen«, räumt Christian Stückl ein.

Bereits 1880 hatte der englische Reiseanbieter Thomas Cook erfolgreich begonnen, Oberammergau und seine Spiele als Reiseziel zu vermarkten. Für die Gemeinde sind die Passionsspiele heute einer der ­bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren. Ob in Zeiten der Krise aber wieder annähernd 520000 Zuschauer kommen wie vor zehn Jahren? Daran zweifeln im Passionsdorf viele. Otto Huber betont da lieber das Spirituelle: »Dass man sein eigenes Leiden ablädt im Anblick des Leidens Jesu, diese Kraft hat das Spiel aber noch immer«, ist der Dramaturg der Passion überzeugt.

Ulrich Traub

»Danke für diesen guten Morgen«

29. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Zum 80. Geburtstag des Kirchenlieder-Komponisten Martin Gotthard Schneider

Sein »Danke«-Lied hat den Komponisten Martin Gotthard Schneider weltweit bekannt gemacht. Foto: epd-bild

Sein »Danke«-Lied hat den Komponisten Martin Gotthard Schneider weltweit bekannt gemacht. Foto: epd-bild

Seine Komposition war als bisher einziges Kirchenlied sechs Wochen lang in den Charts der deutschen Hitparade: »Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag.« Dieses Lied hat den evangelischen Theologen und Kirchenmusiker Martin Gotthard Schneider, der am 26. April 80 Jahre alt wurde, in der ganzen Welt bekannt gemacht. 1961 trat der Song in evangelischen Kirchen und weit darüber hinaus seinen Erfolgszug an. Nach Angaben des Gustav Bosse Verlags (Kassel) wurde es in mehr als 25 Sprachen übersetzt.

Die Popularität des »Danke«-Liedes, das in das Evangelische Gesangbuch aufgenommen wurde, ist dem Verlag zufolge noch heute ungebrochen. Auf Kirchentagen, Gemeindefesten und in Jugendgottesdiensten gehöre es seit knapp fünf Jahrzehnten zu den »meistgesungenen geistlichen Liedern überhaupt«. Die Popgruppe »Die Ärzte« hat in ihren Anfangsjahren Text und Melodie in einer leichten Punkfassung auf den Markt gebracht. Bereits 1963 gelangte es in einer Schallplatteneinspielung des Botho-Lucas-Chors in die Charts der deutschen Hitparade.

Komponist Schneider wurde 1930 in Konstanz geboren und studierte in Heidelberg, Tübingen und Basel. Er war Kantor und Organist in Freiburg und von 1973 bis 1995 Landeskantor in Baden. Bis 1997 lehrte er an der Staatlichen Musikhochschule Freiburg, wo er 1980 zum Professor ernannt wurde. Mehr als viereinhalb Jahrzehnte leitete er auch den von ihm gegründeten Freiburger Konzertchor der Heinrich-Schütz-Kantorei.

Schneider schuf zahlreiche neue geistliche Lieder. 1975 erschien sein Liederbuch »Sieben Leben möcht ich haben«. Vor allem über die Deutschen Evangelischen Kirchentage wurden auch die Lieder »Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt« oder »Ein neuer Tag beginnt« bekannt.

Was den einen als zu kitschig und banal erschien, war für andere vor ­allem in den 60er und 70er Jahren Ausdruck einer Aufbruchstimmung: Weg von der »Ein-Mann-Veranstal­tung des Pfarrers« und hin zu eigenen Formen, um den Glauben neu und verständlich zum Ausdruck zu bringen. Schneider traf damit den Zeitgeist einer Generation, die sich in den Kirchengemeinden nach neuen Liedern sehnte, begleitet von anderen Instrumenten als der Orgel. Und das Lied wurde fast täglich in den deutschen Radiosendern gespielt und von unzähligen Chören nachgesungen.

Schneider schrieb »Danke« 1961 als Beitrag zu einem Wettbewerb der Evangelischen Akademie Tutzing für neue geistliche Lieder und gewann den ersten Preis. Die Melodien sollten mithilfe musikalischer Mittel aus Jazz und Unterhaltungsmusik gestaltet werden. Allerdings habe sich damals auch »vehementer Protest« geregt, sagte Schneider einst. Theologen und Kirchenmusiker hätten sich zunächst von dem »Kirchenschlager« distanziert, weil ihnen die Melodie zu simpel und der Text zu plakativ erschienen sei.
Seinen 80. Geburtstag feiere er »etwas eingeschränkt bei guter Gesundheit« in Freiburg, sagte Schneider. Ob er derzeit noch komponiere, wollte er nicht verraten. »Wenn noch etwas von mir kommt, wird man das auch mitbekommen.«

Ralf Schick (epd)

Eine Schule für den Frieden

16. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Neve Shalom: Seit 1979 gibt es ein Friedensdorf, in dem Israelis und Palästinenser gemeinsam leben und lernen

Der mühsame Weg der Verständigung beim Reden miteinander und dem Hören aufeinander: jüdische und palästinen- sische Jugendliche im gemeinsamen Disput in Neve Shalom. Fotos: Neve Shalom

Der mühsame Weg der Verständigung beim Reden miteinander und dem Hören aufeinander: jüdische und palästinen- sische Jugendliche im gemeinsamen Disput in Neve Shalom. Fotos: Neve Shalom

Es gibt im Nahen Osten nicht nur eine Spirale aus Hass und Gewalt. Es gibt auch ­Initiativen die zeigen,
dass es anders geht. Ein ­Beispiel ist das Friedensdorf Neve Shalom.

Ein Dorf in Israel: Weiß getünchte Häuser, Schatten spendende Bäume, herumtollende Kinder, in der Nachbarschaft Olivenhaine. Das Ortsschild: ein Regenbogen, der die Straße überspannt. Auf halbem Wege zwischen Jerusalem und Tel Aviv liegt das Dorf mit dem etwas sperrigen Namen »Neve Shalom/Wahat al-Salam«, was die Dorfbewohner gerne mit »Quelle des Friedens« übersetzen.
Und dann, nur vier Kilometer entfernt, der brutale Kontrast. Acht Meter hohe Betonmauern mit Wachtürmen, Stacheldraht, schussbereite Soldaten am Checkpoint: Die Grenze zum Westjordanland, die Nahtstelle zweier Völker also, die sich erbitterte Kämpfe liefern und sich so ineinander verbissen haben, dass ein Zusammenleben schier unmöglich scheint.

Mittendrin in dieser geballten Ladung an Hass und Gewalt ein Dorf, in dem seit über dreißig Jahren Israelis und Palästinenser friedlich miteinander leben. Eine Insel der Glückseligkeit? »Wir leben mit dem Konflikt, nicht neben ihm«, betont Evi Guggenheim-Shbeta, und fügt hinzu: »Wie unsinnig dieser Krieg doch ist! Letzten Endes wird doch verhandelt werden müssen und zu einem Abkommen ­gefunden werden. Wenn nur ein winziger Bruchteil des Geldes, das jetzt in diesen Krieg investiert wird, in Friedensarbeit investiert würde!«

Evi Guggenheim ist Jüdin und entstammt einer traditionsbewussten Familie, die vor dem NS-Regime in die Schweiz floh. Als 19-Jährige wanderte sie von Zürich nach Israel aus und heiratete dort den muslimischen Palästinenser Eyas Shbeta, dessen Familie 1948 von den Juden vertrieben und enteignet wurde. Beide gehören zu den Pionieren des Friedensdorfes, das einmalig ist in Israel. Durch ihre Liebe leben beide bis heute vor, wie die Traumata von Hass und Gewalt überwunden werden können.

Doch gegründet wurde das Dorf nicht von ihnen, sondern von Bruno Hussar. Der konvertierte 1935 vom ­Judentum zum katholischen Glauben und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Dominikaner-Priester in Jeru­salem, wo er die Konflikte zwischen jüdischen Israelis und palästinensischen Arabern hautnah miterlebte. So reifte in ihm der Entschluss, eine »School for Peace« (Friedensschule) zu gründen – als Kontrast zu den ­staatlichen Militärakademien. Denn: »Auch der Frieden ist eine Kunst, die gelernt werden muss.« Doch vom Traum bis zur Verwirklichung sollten noch neun Jahre voller Widerstände vergehen.

Aber 1979 konnte endlich die erste jüdisch-arabische Jugendbegegnung auf einem Brachland stattfinden, das Hussar vom Trappistenkloster Latroun pachtete. Seitdem haben mehr als 40000 israelische Juden und palästinensische Araber an den Begegnungen und Kursen der »School for Peace« teilgenommen. Und obwohl die Schule mehrfach internationale Friedenspreise erhielt, wird sie bis heute vom Staat Israel finanziell nicht gefördert. Die benachbarte Grundschule hingegen, die ebenfalls zum Friedensdorf gehört, wurde 1993 staatlich anerkannt und erhält seitdem wenigstens 25 Prozent ihres Schulgeldes erstattet.

Aus dem einstigen Brachland entstand unter unsäglichen Mühen ein ganzes Dorf, in dem inzwischen über 50 Familien wohnen. Und ständig kommen neue hinzu, doch nicht jeder der zahlreichen Bewerber wird aufgenommen: »Wir wollen Leute, die hinter der Idee des gemeinsamen Lebens von Juden und Arabern stehen«, betont Frau Guggenheim-Shbeta.

Auch wird streng auf die jüdisch-arabische Parität in allen Lebensbereichen geachtet: »Wir wollen gleiche Grundlagen für alle schaffen und das Ungleichgewicht der Kräfte beseitigen«, meint der Lehrer Abdelsalam Najjar, dessen Alltagserfahrung als ­palästinensischer Araber außerhalb des Dorfes eine ganz andere ist: »Ich versuche, auch am Checkpoint den Soldaten gegenüber als gleichwertiger Mensch aufzutreten«, umschreibt er die Diskriminierung, der sich dort viele Palästinenser ausgesetzt fühlen.

Frieden könne nach der Erfahrung Najjars nur entstehen, wenn beide Seiten ihre Energie statt in Gewalt­tätigkeiten in friedensstiftende Aktionen stecken würden. »Das gelingt aber nur, wenn wir den anderen als Partner und nicht als Feind zu akzeptieren lernen.«

Von Rainer Borsdorf

Weitere Informationen und einen Rundbrief in deutscher Sprache gibt es bei: Freunde von Neve Shalom/Wahat al ­Salam e.V., Sonnenrain 30, 53757 Sankt Augustin, Telefon (02241) 331153, Fax (02241) 396549, E-Mail
www.nswas.org

Die »neuen Männer«

15. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Auf der Suche nach ihrem Rollenbild

Holger Jantzen mit ­Tochter Nieke und Sohn Noah. Foto: epd-bild

Holger Jantzen mit ­Tochter Nieke und Sohn Noah. Foto: epd-bild

Holger Jantzen ist Fundraiser von Beruf. Tagsüber setzt er sich ­dafür ein, dass möglichst viele Menschen für eine entwicklungspolitische Initiative in Bielefeld spenden. Am Abend ist er Familienvater. Der 48-Jährige kümmert sich um seine zwei Kinder: Vor dem Schlafengehen wickelt er die zweijährige Tochter Nieke.

Die Kleine und der Sohn Noah, drei Jahre alt, machen viel Freude, aber auch Arbeit und Stress. »Und man ­bekommt viel Gefühl und Zuneigung zurück«, sagt der Diplom-Soziologe. Jantzen ist das, was viele einen »neuen Mann« nennen. Er arbeitet knapp 29 Stunden die Woche und teilt sich partnerschaftlich mit seiner Frau Barbara die Haus- und Familienarbeit.

Die 44-Jährige ist als wissenschaftliche Referentin an der Universität Bielefeld tätig. Sie ist eindeutig die Hauptverdienerin in der Ehe. Doch das stört ihren Ehemann nicht. »Mich freut es, dass wenigstens einer von uns einen gut bezahlten Job hat«, sagt Holger Jantzen lachend. In seinem Job würden zwar keine hohen Gehälter gezahlt, dafür sei er mit seinem Beruf sehr zufrieden.

Hat also nach Jahren der Frauenbewegung und der weiblichen Emanzipation der »neue Mann« seine Rolle gefunden? Will er nicht mehr als starker Alleinverdiener für Kind und Frau zu Hause sorgen? Auch wenn es dafür keine belegten Zahlen gibt: Man trifft immer häufiger auf Partnerschaften, in denen Frauen mehr verdienen als ihre Männer – und die meisten Männer klagen darüber zumindest nicht öffentlich.

Doch das »Zeit-Magazin« meldete kürzlich Zweifel an der Glaubwür­digkeit der »neuen Männer« an. Eine Autorin zitiert darin einen Bekannten C., der für Frau und zwei Kinder seine Karriere aufgegeben hat – und jetzt von Selbstzweifeln und Unzufriedenheit geplagt wird.

Der Wiener Evolutionsbiologe Karl Grammer hat in zahlreichen Studien ermittelt, dass die Partnerwahl noch immer archaischen Mustern folgt: Männer suchen junge Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter, Frauen den erfolgreichen Mann mit Status und Karriere.
Eine Milieu-Studie des Bundes­familienministeriums aus dem Jahr 2007 scheint diesen Eindruck zu bestätigen: Darin wurden 20 Jahre alte Männer und Frauen nach ihrem Rollenverständnis befragt: Die Männer äußern sich zunehmend verunsichert über die verschiedenen Frauentypen, die ihnen heute begegnen.

Für die jungen Männer, auch aus der bürgerlichen Mitte, bleibt es der Studie zufolge ein Lebensziel, einmal eine Familie zu versorgen. Die Hausarbeit und Kindererziehung überlassen sie gerne weiterhin der Frau. Tatsächlich scheint es vielen Männern schwerzufallen, öffentlich zu ­bekennen, dass ihre Frau mehr Geld nach Hause bringt als sie. Auch Frank W. möchte lieber anonym bleiben: »Aber ich habe kein Problem damit, dass meine Frau mehr verdient als ich«, sagt der 50-Jährige. Bei ihm sei die Berufszufriedenheit als freier Journalist groß – und es habe ihm »eine große Befriedigung« gebracht, hauptsächlich für die Erziehung des gemeinsamen Sohnes verantwortlich gewesen zu sein.

Allerdings räumt er ein, dass das Paar auf Partys oder Empfängen mitunter Erstaunen auslöst. »Wenn die hören, dass meine Frau Geschäfts­führerin eines Wirtschaftsberatungsunternehmens ist, denken viele, ich müsste noch eine höhere berufliche Position einnehmen«, beschreibt er die Stimmungslage.

Ulrike Detmers, Professorin und Mitglied in der Geschäftsführung ­einer großen Backwarenfirma in ­Gütersloh, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. »Es ist noch lange keine Selbstverständlichkeit, dass Männer sich partnerschaftlich um Haushalt und Familie kümmern«, sagt sie. Trotzdem gebe es immer mehr Väter, die sich selbstbewusst zu ihrer Rolle bekennen. Detmers setzt sich seit Jahren für Gleichberechtigung und mehr Frauen in Führungspositionen ein. Und sie schreibt seit vier Jahren den Preis »Spitzenvater des Jahres« aus. Die Preisträger müssen aus innerer Überzeugung für das partnerschaftliche Ehe- und Familienmodell eintreten und bei der Kleinst-, Klein- und Schulkinderbetreuung mitwirken.

Schirmherrin der Auszeichnung ist Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. Sie setzt nicht nur auf Ehrungen, sondern will auch die Vätermonate beim Elterngeld ausweiten. Inzwischen nehmen 20 Prozent der Männer die zwei Partnermonate in Anspruch – ab 2011 soll es dann vier Monate geben. »Männer stehen nicht mehr unter dem Weichei-Verdacht, wenn sie sich um die Erziehung ihrer Kinder kümmern«, ist zumindest die Ministerin überzeugt.

Michael Ruffert (epd)

Die Mutter des Reformators

10. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Frauen im Mittelalter – ein Porträt von Margarethe Luder

In einer losen Reihe stellen wir Frauen der Reformation vor. Diesmal ein Porträt von Margarethe Luder, der Mutter Martin Luthers.

Margarethe Luder – ein Gemälde um 1527 von Lucas Cranach d. Ältere Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Margarethe Luder – ein Gemälde um 1527 von Lucas Cranach d. Ältere Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Ob es Margarethe Luder als Ehre empfand, Mutter ihres berühmten Sohnes zu sein? Das Cranachsche Bildnis aus dem Jahr 1527 jedenfalls zeigt davon – abgesehen von der Ehre, als solche gemalt zu werden – keine Spur. Es zeigt eine eher verhärmte, freudlos blickende Frau am Ende ihres Lebens. Dem Bekenntnis ihres Sohnes: Alles, was ich bin und habe, verdanke ich meinem Vater, folgt kein Wort der Anerkennung für die Mutter. Zu selbstverständlich war ihr Dasein für ihn und die Familie, hatte sie doch mit der Geburt ihrer Kinder und der Versorgung des Hauses einfach nur ihre Aufgabe als Frau erfüllt.

Um 1479/80 hatte die 20-jährige Margarethe Lindemann den gleichaltrigen Hans Luder aus Möhra gehei­ratet. Margarethe war eine gute Partie, ihre Mitgift nicht so bescheiden, wie die romantische Verklärung des Lutherbildes glauben macht. Sie kam aus einer angesehenen Eisenacher Familie, ihre Brüder waren gebildete Juristen. Auch ihr Mann Hans hatte als ­ältester Sohn einer gut situierten Großbauernfamilie ein gutes Startgeld vom Vater bekommen, als sich die beiden im Sommer 1483 aufmachten, ihr Glück im Mansfelder Land zu suchen. Hier war ein Onkel Margarethes oberster Berg- und Hüttenverwalter der Grafschaft und verhalf dem Neuankömmling, der sich bereits in der väterlichen Kupferschiefergrube Kenntnisse im Hüttenwesen angeeignet hatte, zu einem guten Start.

Nach einer Zwischenstation in Eisleben, wo am 10. November ihr Sohn Martin geboren wurde, kamen die ­Luders 1484 in Mansfeld an, wo sie bis zu ihrem Tode 1529 bzw. 1530 lebten. Dank guter Verbindungen, entsprechendem Startkapital, Zielstrebigkeit und Fleiß stieg Hans Luder als Hüttenmeister schnell in der Hierarchie der Stadt auf. 1491 gehörte er schon zu den »Vieren der Gemeinde«, seine Kinder heirateten in die einflussreichsten Familien Mansfelds ein. Die archäologischen Ausgrabungen im Luderschen Anwesen weisen auf einen gediegenen Wohlstand hin. Wohl schon 1484 hatte Hans Luder ein ­ansehnliches Haus an exponierter Stelle direkt gegenüber dem gräflichen Schloss erworben, dem nur ­wenige Jahre später ein zweites folgte. Der Wohlstand war hart erarbeitet, vor allem die schwere Arbeit seiner Mutter prägte sich dem Knaben Martin ein.

Er war wohl ihr zweites Kind, das erste Überlebende. Ungewiss ist, wie viele Kinder Margarethe gebar, die Zahlen schwanken zwischen sieben und zehn. Sicher nachweisbar sind neben Martin nur vier Töchter und Sohn Jakob. Wie reagierte die Mutter auf den Tod von vielleicht vier ihrer Kinder, in einer Zeit, in der 20–50 Prozent der Neugeborenen das Erwachsenenalter nicht erreichten? Kein Wort der Klage ist überliefert. Nur einmal bekannte sie, dass ihre Gesundheit unter den Geburten gelitten habe. Das Durchschnittsalter der Frauen ­betrug damals 29,8 Jahre. Viele Geburten, mangelnde Ernährung und Hygiene führten zu Krankheit und Tod. Dass ob des allgegenwärtigen Todes vor allem die Frauen fleißig in die ­Kirche gingen, ist da nur allzu verständlich.

Luthers Mutter soll etwas schwermütig gewesen sein, zeitgemäß fromm mit der üblichen Furcht vor Hexen und Dämonen, zurückhaltend gegenüber anderen Menschen. Der Humanist und Theologe Georg Spalatin beschreibt sie als »Frau von seltsamer Art«. Melanchthon spricht ihr alle ehrbaren Tugenden zu, ganz besonders aber zeichne sie sich durch Züchtigkeit, Gottesfurcht und fleißiges Beten aus. Luther spricht in seiner Rückschau davon, dass sich seine Eltern herzlich liebten, den Kindern ein ­gutes Vorbild waren, wenn auch sehr streng. So habe ihn die Mutter einmal um einer Nuss willen so gestäubt, dass das Blut floss. Die strenge Erziehung nennt er u. a. als Grund für seinen Klostereintritt. Auch wenn er den Eltern zugesteht, sie hätten es herzlich gut gemeint, vermisst man in seinen persönlichen Bekenntnissen ein inniges Verhältnis, das über die Sohnespflicht hinausgeht. Aber vielleicht fehlen dafür auch nur die entsprechenden Zeugnisse.

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Mediävistin, sie arbeitet als freie Autorin und Publizistin. (Mediävistik ist die Wissenschaft vom europäischen Mittelalter.)

Individuell und vielfältig

3. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Ausstellung über Schönheit im Deutschen Hygienemuseum Dresden

Warum ist Schönheit so wichtig?« »Sind Glück, Erfolg und Lebensfreude daran gebunden?« »Was beeinflusst unser ästhetisches Empfinden?« Mit diesen Fragen beschäftigt sich die neue Sonderausstellung des Deutschen Hygienemuseums Dresden »Was ist schön?«

Urheber: Deutsches Hygienemuseum

Urheber: Deutsches Hygienemuseum

Der erste Raum, in dunklem Rot gehalten und von einem prunkvollen Kristalllüster erleuchtet, stellt unsere Vorstellungen von Schönheit infrage. Gezeigt werden Fotografien, die die Spannung zwischen der Sehnsucht nach Schönheit und der Erfüllung dieses Wunsches ebenso zum Ausdruck bringen wie die Gegensätze von Makellosigkeit und vermeintlicher Hässlichkeit. Auf der einen Seite Porträts berühmter Schauspieler, ihnen gegenüber Fotos von jungen Mädchen, die eine Modelkarriere anstreben. Lebensgroße weibliche Rückenakte zeigen makellose Haut, im Kontrast dazu Aufnahmen alternder, runzliger Haut.

Sowohl die Aufnahmen der Prominenten wie die der jungen Mädchen auf dem Weg zur ersehnten Berühmtheit wollen die Differenz zwischen den medial vermittelten Bildern und der Wirklichkeit deutlich machen.

Die Ausstellung thematisiert den Zusammenhang von Schönheit und Erfolg. Untersuchungen zeigen, dass überdies gutes Aussehen in der Regel mit positiven Eigenschaften und Fähigkeiten verbunden wird, was sich auf Beruf und Karriere auswirkt. Dazu werden Karrieremagazine präsentiert sowie Erläuterungen zum Umgang mit Bewerbungsfotos. Zu betrachten ist eine Galerie historischer Persönlichkeiten, deren gesellschaftlicher Aufstieg mit ihrem attraktiven Aussehen in Verbindung steht. Doch wie die Schau zeigt, ist nichts absolut. Die mögliche Bevorzugung aufgrund des Aussehens hat auch Gegenbewegungen ins Leben gerufen, zum Beispiel den »Club der Hässlichen«. Und der Film »Unansehnlich, aber stolz« stellt Menschen vor, die selbstbewusst ihre ungewöhnlichen Körpermerkmale akzeptieren und als schön empfinden.

Ausstaffiert mit Stapeln von Pappkartons erweckt der zweite Raum den Eindruck des Vorläufigen, Unvollkommenen. Hier soll der Blick hinter die Kulissen des Glamourösen simuliert werden, wo körperliche Mängel retuschiert und überschminkt, wo Menschen vor ihrem Auftritt im Scheinwerferlicht schön gemacht werden. Die Ausstellung hebt hervor, dass die von der Werbe- und Medienbranche produzierten Schönheitsideale und -vorbilder nicht »echt« sind.

In dieser Abteilung geht es auch um die Entwicklung einer Industrie im Dienste der Schönheit, geboren aus dem Wunsch, mangelnde Attrak­tivität mit Disziplin und Geld herzustellen. Ein langer Spiegelgang, auf der gegenüberliegenden Seite mit einem rotsamtenen Vorhang verkleidet, führt vom zweiten in den dritten Raum. Unter dem Titel »Norm und Differenz« beschäftigt sich die Ausstellung damit, woher unsere Vorstellungen und Ideale von menschlicher Schönheit kommen. Sie vermittelt die Erkenntnis, dass die Interpretationen von Schönheit individuell und vielfältig sind.

Außerdem geht es um die Frage, was Menschen bereit sind zu tun, um sich bestimmten Schönheitsnormen anzunähern. Ein Bereich widmet sich der Plastischen Chirurgie sowie Hormon- und Botoxbehandlungen. Welche Areale in unserem Gehirn aktiv sind, wenn wir Gesichter, grafische Muster und Musik hinsichtlich ihrer Attraktivität bewerten, veranschaulicht ein von innen leuchtendes Modell des menschlichen Gehirns im Zentrum des vierten Raumes. Die Exponate geben Auskunft über neurobiologische und wahrnehmungspsychologische Forschungserkenntnisse.

Der fünfte und letzte Raum – eine große Halle mit hohen Pfeilern – weitet den Blick für andere, fremde Vorstellungen von Schönheit. In Videos erzählen Menschen, was sie als schön empfinden. Die sich durch die Ausstellung ziehende Einsicht, dass Schönheit nicht absolut und feststehend, sondern individuell und vielfältig ist, wird in diesem Bereich bekräftigt.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum ist bis 2. Januar dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr zu sehen.
www.dhmd.de

»Einmal Kirche – macht zwei Euro«

1. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Kirche und Geld: Die Unterhaltung der Gebäude übersteigen die Kraft vieler Gemeinden – warum nicht Eintrittsgelder?

Foto: Begsteiger

Foto: Begsteiger

Wer in Venedig oder Florenz – außer zum Gottesdienst – in eine Kirche will, muss ­vorher an die Kasse. Was dort schon lange gang und gäbe ist, gehört hierzulande (noch) zur Ausnahme.

Ein Beitrag zu einer notwendigen Diskussion.

Mein erstes Mal war 2004. Ich war kurz irritiert. Für den Eintritt in den Berliner Dom verlangte man eine »Domerhaltungsgebühr«. Der Name warb für einen nachvollziehbaren Zweck, aber ein Unbehagen blieb. Darf man für einen Kirchenbesuch außerhalb des Gottesdienstes Eintritt nehmen? Soll sie nicht offen sein und Menschen ohne jede Hürde einladen?

Vor allem in touristisch stark besuchten Kirchen werden Eintrittsgelder erhoben, in der Nicolaikirche zu Stralsund oder dem Naumburger Dom. Bei letzterem ist dies einsichtig, er wird von einer Stiftung verwaltet. Aber auch im Dom zu Meißen, der ­offiziellen Bischofskirche der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, werden 2,50 Euro fällig. Um das Besucherargument, »aber wir zahlen doch schon Kirchensteuer«, zu entschärfen, wird unter anderem darauf hingewiesen, dass zum Dom keine eigene Gemeinde gehöre. Jüngster Fall: Für die Lübecker Marienkirche wird seit März diesen Jahres eine Gebühr erhoben.

Dies hat die Diskussion um Eintrittsgelder für Kirchen neu entfacht. Laufende Sanierungskosten bei abnehmender öffentlicher Förderung machen sie nachvollziehbar. Ich gebe aber zu, das Unbehagen bleibt. Ich stelle mir das Zusammenspiel unterschiedlicher Eindrücke vor. Am Portal meiner Predigtstätte, der Stadtkirche St. Marien im thüringischen Greiz, steht: »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!« Und zwei Meter weiter bittet dann jemand freundlich um zwei Euro für den Eintritt …

»Kommet her zu mir« – aber erst zur Kasse
Dennoch spricht aus lutherischer Sicht zunächst nichts gegen eine Eintrittsgebühr. Der Kirchenraum dient nach Martin Luther nicht der Heilsvermittlung. Noch in seiner Einweihungspredigt für die Schlosskapelle in Torgau im Jahr 1544 predigt er, dass man auch am Brunnen oder anderswo predigen und beten könne. Ein Gottesdienst heiligt jeden Ort für die Dauer des Gottesdienstes. Danach ist er nur eine Stätte, bei all der Kirchen- und Glaubensgeschichte, die in ihm gelebt hat.

Insofern gibt es aus evangelischer Sicht wenige Gründe gegen eine Eintrittsgebühr. Ihre Befürworter verweisen auf den kostenlosen Besuch innerhalb kirchlicher Veranstaltungen. Sie benennen andere Gebühren (Kerzen/Fotografieren/Turmbesteigung), die unproblematisch erhoben werden und dem gleichen Zweck dienen. Sie berichten von der Erfahrung, dass bei stark besuchten Kirchen der Ertrag in den Kollektenbüchsen erstaunlich mager bleibt. Ihnen erscheint ein Eintrittsgeld als letzte Möglichkeit zur Unterhaltung des Gebäudes. Die Argumente der Befürworter sind nachvollziehbar. Zugleich durchkreuzen sie die Zielsetzung der bundesweiten Initiative »Offene Kirche«. Diese lädt dazu ein, sich über die Begegnung mit dem Kirchenraum dem eigenen Glauben wieder zu nähern. Ein Eintrittsgeld wäre dafür kontraproduktiv.

Zudem bietet sich abseits der ­touristisch attraktiven Großstädte die Einführung von Eintrittsgeldern ohnehin nicht an. Reguläre Öffnungszeiten verlangen Aufsichtspersonal, ergeben zusätzliche Kosten. In der Fläche wird sich der Erhalt einer Kirche also weiter auf Spendenaktionen, die Unterstützung durch Gemeindeglieder und Bürger des Ortes konzentrieren müssen.

Eintrittsgelder kontra »Offene Kirchen«
Doch um eine andere Diskussion kommen wir nicht herum. Können noch alle Kirchen erhalten werden? Die demographische Entwicklung stellt diese Frage deutlich. Eine »erweiterte Nutzung« von Kirchen wird angedacht, um andere Nutzer in den Erhalt eines Gebäudes einzubinden. Doch viele Kommunen sind als mögliche Partner längst anderweitig gut aufgestellt. Es ist zu befürchten, dass die Debatte um die »erweiterte Nutzung« von Kirchen nur im Einzelfall, nicht aber im großen Stil zu Ergebnissen führt.

Das katholische Bistum Essen will um die Hundert Kirchen aufgeben. Nach katholischer Lehre ist die Kirche auch außerhalb des Gottesdienstes heilig. Man horcht als Lutheraner bei dieser Meldung darum besonders auf. Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers wird sich von acht Kirchen und drei Kapellen trennen. Die Debatte um Eintrittsgelder für den Besuch einer Kirche sollte darum auch diese Punkte beinhalten, die weniger häufig diskutiert werden.

Lieber notwendige Abschiede von Gebäuden?
Kirchengebäude sind mir wichtig. Mit vielen verbindet mich eine Glaubenserfahrung. Ich werde wohl auch Eintritt zahlen, wenn er verlangt wird. Ich weiß, es ist für einen guten Zweck. Ich nehme dennoch wahr, wie sehr die Gebäude unsere Diskussion dominieren. Wenn ich Luther weiterdenke, frag ich mich, ob das richtig ist. 18 Prozent der Kirchengebäude der EKD befinden sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM): ca. 4000 Kirchen, Klöster und Kapellen. Zugleich aber wohnen im Bereich der EKM nur rund 3,6 Prozent der Evangelischen Kirchenmitglieder Deutschlands. Eine Diskussion um Eintrittsgelder kann dazu helfen, dass dieser bauliche Reichtum nicht immer mehr zur Last wird, sondern Lust bleibt. Er darf andererseits bei der Diskussion um Eintrittsgebühren nicht aufhören und wird uns allen wohl schmerzvolle Einschnitte abverlangen.

Andreas Hausfeld studierte Theologie und Betriebswirtschaft (VWA) und ist Pfarrer an der Stadtkirche von Greiz (Thüringen).

Bei Bachs Nachbarn

26. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Museum zu Leben und Wirken Johann Sebastian Bachs in Leipzig wieder eröffnet

Tonröhre: Aus raumhohen Rohren ertönt bei Berührung Orgelklang - ein Teil der vielfältigen Klanginstallationen im neueröffneten Museum. Foto: Bachmuseum

Tonröhre: Aus raumhohen Rohren ertönt bei Berührung Orgelklang - ein Teil der vielfältigen Klanginstallationen im neueröffneten Museum. Foto: Bachmuseum

Der Besucher ist zwar nicht bei Johann Sebastian Bach zu Hause. Der große Komponist und Thomaskantor ist aber dennoch allgegenwärtig – im Haus seiner damaligen Nachbarn. Im Leipziger Bosehaus, benannt nach dem Eigentümer und Bach-Freund Georg Heinrich Bose, ist seit 1985 das Bach-Museum der Stadt beheimatet. Nach zweijähriger Bauzeit, in der bei den Nachbarn angebaut wurde, wurde es am Sonnabend, den 20. März wieder eröffnet.

Das Museum habe dort den richtigen Platz, sagt Museumsleiterin Kerstin Wiese. Bachs seien oft zu Gast bei den Boses gewesen. Anna Magdalena, die zweite Frau Bachs plauschte hier mit ihrer »Herzensfreundin«, die Männer mögen gemütlich im barocken Lustgarten gesessen haben.

Nun hat das Haus zwei klimatisierte Räume erhalten. Dort sollen originale Handschriften Bachs aus dem eigenen Archiv sowie Sonderausstellungen mit Leihgaben aus der Berliner Staatsbibliothek gezeigt werden, erklärt Wiese. Sie sind neben neu entdeckten Exponaten die Höhepunkte des neuen Museums.

Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750), dessen 325. Geburtstag am 21. März gefeiert wurde, wohnte selbst in der Thomasschule gegenüber dem Bosehaus. Das Gebäude an der Thomaskirche steht heute nicht mehr. Trotzdem bekommt der Besucher im neuen Bach-Museum eine Vorstellung von der Nachbarschaft im alten Leipzig. Der Raum, in dem es um das Privatleben des Musikers geht, schaut durch ein Fenster direkt dorthin, wo Bach wohnte. Das Bachsche Privat­leben war dabei durchaus turbulent mit gelegentlichen Dramen, erzählt Wiese. 20 Kinder brachten die beiden Frauen Bachs insgesamt zur Welt. Nur zehn davon überlebten allerdings das Kindesalter. Und nicht alle machten Bach nur Freude.

Johann Gottfried Bernhard – dritter Sohn Bachs und seiner ersten Frau Maria Barbara – zum Beispiel trat als Thomasschüler und begabter Musiker zunächst offenbar in die Fußstapfen der Familie Bach, in der seit jeher Musiker zu finden waren. Dann aber machte der Jugendliche Schulden und verließ Hals über Kopf die Stadt. Die Gläubiger klingelten beim Thomaskantor, dessen aufgebrachte Briefe nun im Museum zu sehen sind. Erst viel später erfuhr der Vater, dass sein Sohn inzwischen ein Jura-Studium in Jena begonnen hatte.

Das Leipziger Museum setzt sich vor allem aber mit dem musikalischen Schaffen Johann Sebastian Bachs auseinander, auf den ein Großteil geistlicher Kantaten, Oratorien oder der gerade jetzt vielfach aufgeführten Passionsmusiken zurückgeht. Dabei widmet sich je ein Raum einer Facette des vielseitigen Künstlers: dem Organisten Bach, dem Hofmusiker Bach, dem Komponisten und Kantor Bach.
Bachs Leipziger Zeit gilt als seine produktivste und nachhaltigste. Diesem Lebensabschnitt ist deswegen auch der größte Raum gewidmet. Auf einem auf den Boden gedruckten Stadtplan wandelt der Besucher in Gassen und auf Plätzen durch den Alltag des Komponisten und klickt sich an den entsprechenden Stationen auf kleinen Bildschirmen durch historische Ansichten und Informationen zur Bedeutung der Orte im Komponistenleben.

Neben dem als Dauerleihgabe ausgestellten Spieltisch der Orgel der alten Leipziger Johanniskirche, die Bach auf ihren Klang geprüft haben soll, und einer neu entdeckten Geldkassette der Familie Bach gehören mehrere Autographe zu den Höhepunkten der Ausstellung.

Augenfällig in allen Räumen des Museums sind die zahlreichen Kopfhörer. Die Hörstationen sollen dem Besucher an Bachs Karriere entlang einen Eindruck seiner musikalischen Entwicklung geben, erläutert Museumsleiterin Wiese. Der Besucher lauscht an raumhohen Metallrohren, die durch Berühren Orgelmusik von sich geben. Im abgegrenzten Hörkabinett kann sogar das gesamte Werk des Komponisten abgerufen werden, erklärt Wiese.

Corinna Buschow (epd)

Die eingebildete Hässlichkeit

26. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Forschung: Bielefelder Wissenschaftler wollen die psychische Störung »Dysmorphophobie« ergründen

Sie selbst finden sich unansehnlich, obwohl ­andere an ihnen keinen ­Makel ­erkennen. Menschen mit Dysmorphophobie ­mögen ihr Spiegelbild nicht. Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung ­leiden an dieser Störung.

Wissenschaftler erstellen mit Hilfe von Kameras und Computern Analysen der Blickbewegungen beim Betrachten eines fremden Gesichtes. Foto: epd-bild

Wissenschaftler erstellen mit Hilfe von Kameras und Computern Analysen der Blickbewegungen beim Betrachten eines fremden Gesichtes. Foto: epd-bild

Im Spiegel lauert ein grässliches Monster: »Ich habe nur sehr, sehr selten ‘ne so hässliche Kreatur wie mich gesehen«, schreibt ein Internet-Nutzer unter dem Namen »Raumschiff«. Ein weiterer Schreiber ergänzt: »Immer wenn ich mich sehe, werde ich total depressiv.« Er habe eine riesige, breite Nase, dazu kleine Augen, ein fettes Kinn und dünne Haare, führt er in einem Selbsthilfe-Internet-Forum zum Thema »eingebildete Hässlichkeit« aus. Und ein Mädchen, das sich Feney nennt, gesteht: »Ich hasse mein Spiegelbild einfach.«

Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung leiden Schätzungen zufolge an der psychischen Störung »Dysmorphophobie« (etwa: »Angst vor Missgestaltung«). Die Erforschung der »eingebildeten Hässlichkeit« steckt jedoch noch weitgehend in den Kinderschuhen. In einem bundesweit einmaligen Projekt an der Universität Bielefeld wollen Psychologinnen nun herausfinden, ob Menschen mit einer solchen Störung andere Sehgewohnheiten haben. Mitte des Jahres sollen die ersten Zwischenergebnisse vorliegen.

»Menschen mit Dysmorphophobie sehen an sich einen Makel, der für ­andere nicht zu sehen ist«, schildert Psychologin Anja Grocholewski die Symptome. Kennzeichen der Krankheit ist eine so übertriebene Beschäftigung mit der vermeintlichen Entstellung, dass für nichts anderes mehr Raum bleibt. Manchmal können Erkrankte bis zu acht Stunden damit zubringen, sich im Spiegel zu betrachten oder ihre vermeintlichen Deformierungen mit Schminke, weiten Pullis und Hosen oder einer Sonnenbrille zu »tarnen«.

Im Extremfall wagen sie es nicht mehr, ihre Wohnung zu verlassen – aus Angst vor abschätzigen Blicken. Nicht selten müssen sie dann Schule oder Job aufgeben. Da auch nach einer Schönheits-Operation die eingebildete Riesennase nicht schrumpft, werden manche süchtig nach weiteren Schnitten. Jeder vierte von ihnen, so schätzt man, denkt daran, sich umzubringen. Betroffen sind gleichermaßen Frauen wie Männer, Junge wie Alte. Einige Psychologen sehen auch in den vielen Gesichtsoperationen des im vergangenen Jahr gestorbenen Popstars Michael Jackson einen Hinweis auf diese Krankheit.

In dem Bielefelder Forschungsprojekt blicken die Probanden durch eine Apparatur, die an ein Gerät beim Optiker zur Ermittlung der Sehstärke erinnert. Anstelle von Buchstaben sehen die Freiwilligen verschiedene Gesichter – auch ihr eigenes. Das Gerät zeichnet die Blickbewegungen auf. Hinter einer Trennwand beobachtet Grocholewski zusammen mit ihrer Kollegin, der Psychologieprofessorin Nina Heinrichs, auf einem Bildschirm, wie sich der Blick über die gerade ­gezeigten Gesichter bewegt.

Rund 40 Freiwillige nehmen bislang an dem Projekt »Augenblicke« teil. »Einige brauchen mehrere Anläufe, bis sie dann tatsächlich zu uns gelangen«, erzählt Grocholewski. Viele kommen erst im Dunkeln, weil sie sich bei Tageslicht nicht auf die Straße wagen. Dass sich die Probanden doch durchringen, liegt nach Eindruck Grocholewskis daran, dass sie bei einem Vorgespräch eine Diagnose erhalten. »Viele möchten wissen, wie es weitergehen kann«.

Die Krankheit wurde zwar bereits 1886 von dem Turiner Neurologen Enrico Morselli als »Dysmorphophobie« beschrieben. Dass sie aber bis heute nur wenig bekannt ist, liegt daran, dass sich die Betroffenen aus Scham kaum jemanden anvertrauen. Oft landen sie als Patienten bei Dermatologen, Zahnärzten, vor allem aber in der plastischen Chirurgie, wie der Neurologe Volker Faust von der Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit beklagt. Weil sie da nur selten als seelisch gestört erkannt und behandelt würden, gingen das Leiden und der eingeleitete Teufelskreis weiter.

Bei der Suche nach den Auslösern tappen die Experten noch weitgehend im Dunkeln. Einige Betroffene wurden als Kind wegen einer starken Akne oder eines zu großen oder zu kleinen Busens gehänselt. »Später ist die Akne weg, aber das Gefühl bleibt«, erklärt Grocholewski. Das allein führe aber noch nicht zu einem Ausbruch der Krankheit. Dazu müssten auch ein besonderes ästhetisches Empfinden und ein Hang zum Perfektionismus kommen, vermutet sie.

Bislang gibt es laut Grocholewski kein Patentrezept für eine Heilung. In Verhaltenstherapien lasse sich jedoch lernen, mit der Störung zu leben. ­Einem steigenden Erwartungsdruck durch TV-Castingshows für Superstars und Supermodels die Schuld zuzusprechen, hält Grocholewski für zu einfach. Nur besonders verletzliche Menschen seien anfällig. »Wer das nicht ist, wird auch nach der 100. Sendung von ›Germany’s Next Topmodel‹ keine Dysmorphophobie bekommen oder zu einer Schönheits-OP gehen«.

Von Holger Spierig (epd)

Zeichen des Todes und des Sieges

13. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Kreuze reden vom Sterben, aber viel stärker vom durch Gott geschenkten Leben

Kreuz- darstellungen des zeit- genössischen Wiener Künstlers Arnulf Rainer,  Fotos: KNA-Bild

Kreuzdarstellungen des zeitgenössischen Wiener Künstlers Arnulf Rainer, Fotos: KNA-Bild

Kreuze sind Symbole des Sterbens. Sie erzählen die Passion Jesu. Manche begleiten mich schon lange in den Tiefen und Höhen meiner Glaubenswege. Mit einigen verbinde ich Erlebnisse, die mein Leben prägten. Mancher Zweifel bildet sich in diesen Kreuzen ab wie der Sehnsuchtsruf Jesu am Kreuz, als er sich von Gott verlassen fühlt. Manche sind als Bild, Buch oder Postkarte bei mir geblieben. Es gibt Kreuze, die warten auf mich in dieser oder jener Kirche. Ich muss zu ihnen gehen, und es zieht mich auch immer wieder zu ihnen. Andere sind nur noch Erinnerung. Aber das macht sie für mich nicht ­weniger lebendig. Ich denke an ein mannshohes Kruzifix im Diözesanmuseum von Bamberg. Ich konnte dem Gekreuzigten ins Auge blicken und kam lange von seinem Blick nicht los.

Es gibt solche Kreuze, von denen ich nicht mehr loskomme. Eines habe ich nur als Postkarte. »DDR 0,20 M. Passion Jürgen Ammer. Kirchlicher Kunstverlag Dresden« steht auf der Rückseite. Ich habe 1985 mindestens zehn davon gekauft. Dieses Kreuz soll mich begleiten, war dabei mein Wunsch. Ich war kurz versucht, es nachzubauen, um diese »Passion« ganz nah bei mir zu haben. Hölzerne Orgelpfeifen zeichnen das Kreuz Jesu nach. Er selbst, sein gequälter Leib, ist aus metallischen Orgelpfeifen geformt. Ein Zirkel steckt in seiner Seite. Der Schmerz ist stechend spürbar. Das Sterben Jesu bleibt zwar gesichtslos. Aber der gebogene, zerknitterte Leib aus Orgelpfeifen spricht dieses »für euch gestorben« aus. Dieses Kreuz begleitet mich jetzt 25 Jahre. Es erinnert mich an ­Begegnungen zwischen ost- und ­westdeutschen Theologiestudenten in Leipzig. Es erzählt zugleich davon, dass ich vor allem über musikalische Kreuzeserfahrungen, über Johann Sebastian Bachs Passionen zum Beispiel, Glaubenswege entdeckt habe.

Andere Kreuzesdarstellungen zeigen mir in besonderer Weise Jesu ­Todeskampf. Sein Gesicht zieht sich in den Schmerz zurück, die Augen zusammengekniffen, der Mund schreiend schwarz. Schwer ist das für ­manchen auszuhalten, wenn er den ­modernen Kreuzesübermalungen des österreichischen Malers Arnulf Rainer gegenübersteht. Fremd ist ihnen seine moderne Interpretation. Mir ­dagegen nehmen die Übermalungen das Hölzerne des Kruzifixes. Ich sehe hinter den Übermalungen kein Holz mehr, sondern Jesu menschliches ­Gesicht. Das ist der Gekreuzigte. So bleibt Jesus Christus einer Welt fremd, in welcher der Erfolg Maß und Rechtfertigung aller Dinge ist. Vielleicht zieht es mich darum immer wieder zu den Kreuzen. Sie sagen mir, dass ich mich nicht allein erlösen kann, aber auch nicht allein erlösen muss. Wo immer ich sie sehe, erinnern sie mich, dass Gott meinen Schmerz mit aushält.

Zwei Kreuze prägten noch meinen Lebensweg. Sie sind weit weg im westfälischen Münster, meinem ersten Studienort. In der Ludgerikirche hängt ein handgeschnitztes Bildnis des Gekreuzigten. Es wurde bei einem Bombenangriff 1944 beschädigt. Nach Kriegsende beschloss die Kirchengemeinde, dieses Kreuz als Mahnung in seiner beschädigten Form hängen zu lassen. Der Figur fehlen beide Arme. An ihrer Stelle mahnt eine Inschrift: »Ich habe keine anderen Hände als die euren.« Ein weiteres Kreuz ist längst nicht mehr zu sehen. Es war während einer Kunstausstellung in die Innenwände einer Apsis eingeritzt. Aus den weißgekalkten Wänden trat das Kreuz als freigelegtes, rotes Ziegelmauerwerk, fast blutend, hervor. Das war ein Eindruck, den manche Kreuze in durchsanierten Kirchen nur schwer vermitteln können.

Kreuze, sie sind Zeichen des Sterbens, zugleich Zeichen des von Gott geschenkten Lebens. In der Passionszeit war es früher üblich, das Kreuz zu verhüllen, um es bewusster wahrzunehmen. Die Liturgie war der erste Verhüllungskünstler. Erst am Karfreitag wurde das Kreuz zu den Worten enthüllt: »Seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen.« Das leere Kreuz ohne Jesu Leib wurde ab dem 4. Jahrhundert auch zum Siegeszeichen. Es ruft in jeder Kirche: »Seht, er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!« So sehe ich auch »mein« letztes Kreuz. Es steht in österlichem Weiß über Greiz, weithin sichtbar. Fürst Heinrich XX. Reuß Ältere Linie ließ es zum Gedenken an seine früh verstorbene Frau, Prinzessin Sophie von Löwenstein-Wertheim, errichten. Es redet vom Sterben, aber viel stärker vom durch Gott geschenkten Leben.

Andreas Hausfeld, der Autor ist Pfarrer in Greiz.

Literatur zum Thema:

Diözesanmuseum Freising (Hg.): Kreuz und Kruzifix.
Zeichen und Bild, Kunstverlag Josef Fink,
376 S., meist farbige Abb.,
ISBN 978-3-89870-217-1, 29,00 Euro

Chapeaurouge, Donat de: Einführung in die Geschichte der christlichen Symbole,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 159 S.,
ISBN 978-3-534-01831-4, 29,90 Euro

Verbissener Krieg der »Häuslebauer«

12. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Provokation in Stein und Beton: das von rechtsgerichteten jüdischen Siedlern im arabischen Stadtteil Silwan errichtete Hochhaus. Foto: Ulrich W. Sahm

Provokation in Stein und Beton: das von rechtsgerichteten jüdischen Siedlern im arabischen Stadtteil Silwan errichtete Hochhaus. Foto: Ulrich W. Sahm

Wohnhäuser – eigentlich Symbol friedlicher Existenz, sind im Nahen Osten eine Waffe im Kampf um Herrschaftsansprüche geworden. Ein Beispiel aus Jerusalem.

Ich fühle mich wohl hier und habe keine Angst. Meine Kinder sind hier glücklich«, sagt ein bärtiger Israeli mit der Kipa frommer Juden auf dem Kopf. Fernsehgerecht steht er vor einer flatternden israelischen Flagge auf dem Dach des siebenstöckigen Hochhauses »Beth Jehonatan« mitten im Silwan. Doch die Journalisten dürfen ihn nicht fotografieren.

Silwan ist ein arabisches Stadtviertel Jerusalems mit 40000 Einwohnern und klebt am Steilhang gegenüber dem Tempelberg. Obgleich sich der Mann »sicher« fühlt, hängt an keiner der 30 Wohnungstüren ein Namensschild, aus »Sicherheitsgründen«. Im Erdgeschoss, hinter einer Panzertür, sitzen schwerbewaffnete Sicherheitsleute. Mit Kameras wird die Umgebung ständig beobachtet. Am Sonntag wurde ein Jeep dieser Sicherheitsleute beschossen. Provokativ haben die rechtsgerichteten jüdischen Bewohner eine 20 Meter lange israelische Flagge an die Fassade des Hochhauses genietet und es nach Jonathan Pollard benannt. Der spionierte für Israel und sitzt seit 1987 in den USA im Gefängnis. Der Sprecher der Organisation »Priesterkrone«, Daniel Luria, erzählt mit hassverzerrtem Gesicht, wie 1882 Juden aus dem Jemen die ersten Häuser in Silwan errichteten, aber 1929 bei einem Pogrom vertrieben wurden. Dazu hatte Jerusalems Mufti, Hadsch Amin el Husseini, aufgerufen. »Und jetzt unternehmen wir alles, damit ­Juden wieder in Silwan leben.«

Illegal und ohne Rücksicht werden Häuser gebaut
Wenige Hundert Meter entfernt, zu Füßen der David-Stadt, wo Archäologen Befestigungen und unterirdische Wasserwerke aus der Zeit des Königs ­David ausgraben, empfangen Palästinenser die Journalisten in einem Zelt für »Palästinensisches Kulturerbe«. Die Stadtverwaltung habe beschlossen, alle illegal – ohne Baugenehmigung – errichteten Häuser in Silwan und im »Bustan«, in der Bibel als »Königsgarten« erwähnt, abreißen zu wollen, klagt Siad Abu Diab, ein Sprecher der vom Abriss ihrer Häuser bedrohten Araber. »Wie kann man behaupten, dass unsere Häuser illegal sind. Wir zahlen doch Stadtsteuern.«

Der Königsgarten war bis 1967 weitgehend frei von Häusern. Ohne Rücksicht auf archäologische Stätten oder Landschaftsplanung betreiben die Palästinenser eine gezielte »Siedlungspolitik«, genauso wie rechtsgerichtete Juden sich mitten in arabische Viertel einnisten. In einer im ­palästinensischen Zelt ausgeteilten Broschüre heißt es, dass Jerusalems Stadtverwaltung einen »kolonialen Angriff« gestartet habe, um die Stadt zu »verjuden«. Peinlich berührt muss Abu Diab allerdings gestehen, dass die illegalen Häuser an das Strom- und Wassernetz angeschlossen sind, und dass die Stadtverwaltung sogar eine Schule für die Kinder errichtet habe.
»Wir zahlen die Stadtsteuern, um unseren Ausweis nicht zu verlieren …« Gemeint ist der israelische Ausweis. Mit dem können sie sich frei in Israel bewegen und arbeiten. Das komplette israelische Sozialnetz mit Kranken-, Arbeitslosen- und Altersversicherung steht ihnen offen. Um keinen Preis in der Welt wollen sie in die autonomen Palästinensergebiete abgeschoben werden, wo es das alles nicht gibt.

Dennoch boykottieren Jerusalems Palästinenser seit 1967 die Stadtratswahlen, »um nicht die israelische Besatzung zu legitimieren«, so Abu Diab, fordern aber volle Gleichberechtigung. Der Wahlboykott bedeutet, dass rund 250000 Araber Jerusalems, ein Drittel der Stadtbewohner, nicht im Stadtrat vertreten sind. Von den jüdischen Stadträten erwarten sie dennoch Gelder für die arabischen Stadtviertel.

Bisher scheiterte jede Suche nach Kompromissen
Unter Bürgermeister Nir Barkat ist die Frage der illegalen Häuser in Silwan zur Zerreißprobe geworden. Ihr Abriss auf richterliches Geheiß würde das Pulverfass Jerusalem zur Explosion bringen, aber »Recht und Ordnung« wieder herstellen. Auch »Jehonathan Haus« müsste auf vier Stockwerke gestutzt oder ganz abgerissen werden. Aber das könnte Bürgermeister Barkat das Amt kosten.
Die Stadträtin Naomi Zur erzählte von der Möglichkeit, illegale Häuser zu legalisieren, »denn es ist doch sinnlos, sie abzureißen und dann mit Baugenehmigung wieder neu zu errichten«. Abgerissen sollten nur Häuser werden, die einem öffentlichen Park im Wege stehen oder mitten auf einer Straße gebaut wurden. Für Palästinenser wie Abu Diab wäre auch das eine »Kriegserklärung«. Alle Versuche der Stadtverwaltung, mit den Bewohnern von Silwan einen Kompromiss auszuhandeln, sind bisher gescheitert.

Seit dem Herbst kommt es alle paar Wochen zu Gewaltausbrüchen, etwa weil radikale Palästinenser eine französische Touristengruppe auf dem Tempelberg für »rechtsradikale Siedler« hielten, oder weil die israelische Regierung biblische Grabstätten in Hebron und bei Bethlehem, also im palästinensischen Gebiet, zum »israelischen Nationalerbe« erklärt hatte. Jetzt liefert Barkat einen neuen Auslöser für palästinensische Gewalt, weil ein Teil der Häuser im »Bustan« doch abgerissen werden soll, um Ausgrabungen zu ermöglichen und einen städtischen Park einzurichten. Barkat will die Bewohner freilich nicht abschieben oder ­vertreiben, sondern in Silwan selber umziehen lassen.

Von Ulrich W. Sahm, er arbeitet als freier Journalist in Jerusalem.

Einspruch!

11. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Rund 39 Millionen Karteikarten und 180 Kilometer Aktenbestände gehören zu den bisher aufgefundenen Hinterlassenschaften des DDR-Geheimdienstes. Doch entsprechen dessen Berichte und Einschätzungen in jedem Fall der Wahrheit? Foto: epd-bild/version/Ralf Maro

Rund 39 Millionen Karteikarten und 180 Kilometer Aktenbestände gehören zu den bisher aufgefundenen Hinterlassenschaften des DDR-Geheimdienstes. Doch entsprechen dessen Berichte und Einschätzungen in jedem Fall der Wahrheit? Foto: epd-bild/version/Ralf Maro

Die Akten der Staatssicherheit gelten vielen als Kronzeugen für eine erfolgreiche Unterwanderung und Steuerung der DDR-Kirchen. Doch wie zuverlässig sind die Hinterlassenschaften?

Dass die Hinterlassenschaft des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) trotz ihres erhaltenen Aktenbestandes von 178 laufenden Kilometern nicht ausreicht, um der DDR-Wirklichkeit auf die Spur zu kommen, wird niemand infrage stellen. Was der Geheimdienst bienenfleißig, interessengeleitet und menschenverachtend an Informationen gesammelt hat, kann nicht für bare Münze genommen werden, sondern muss sich an anderen Quellen messen lassen. Selbst als zeitgeschichtliche Primärquelle können sie nicht dienen, obschon die Enthüllungsliteratur der 90er Jahre dies weitgehend praktiziert hat. »Wer dem problematischen Charakter der Stasiakten nicht Rechnung trägt, setzt ihr Zerstörungswerk fort«, ist sich der Thüringer Oberkirchenrat i. R. Ludwig Große sicher. »Auch die verheerende Wirkung missbrauchter oder fahrlässig gehandhabter Akten gehören zur Wirkungsgeschichte des MfS.«

1999 wurde Ludwig Große von seiner Landeskirche und der Jenaer Theologischen Fakultät beauftragt, Einflussversuche des MfS auf die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen und über sie auf die Organe des Bundes Evangelischer Kirchen in der DDR (BEK) exemplarisch zu prüfen und den Umgang mit Stasiakten aus hermeneutischer Sicht zu erörtern.

Der 1933 in Zeutsch geborene Tannrodaer Gemeindepfarrer, Saalfelder Superintendent, Leiter der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft und Eisenacher Oberkirchenrat für Ausbildung und Erziehung weiß, wovon er redet, war er doch selbst 28 Jahre lang aktenkundig im Visier der Staatssicherheit, wurde in drei operativen Vorgängen mit dem Ziel der Zersetzung bearbeitet und war wegen seines mutigen Auftretens der Lieblingsfeind staatlicher Stellen. Als Synodaler seit 1964 in Thüringen und seit 1974 auch im DDR-Kirchenbund, Mitglied in der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen, in der Beratergruppe zwischen ostdeutschem BEK und westdeutscher EKD und schließlich im Thüringer Landeskirchenrat, bekam der Theologe auf allen ­Ebenen Informationen aus erster Hand. Offizielle kirchliche Verlautbarungen, aber auch sorgsam archivierte interne Gremienprotokolle und persönliche Aufzeichnungen ermöglichten es, der vielschichtigen Wahrheit im Vergleich von Stasiakten, kirchlicher Überlieferung und Zeitzeugeninterviews näherzukommen. Wobei letzteren besondere Bedeutung zukommt, wenn es um die Geschichte ­einer Diktatur geht, in der Widerständiges aus naheliegendem Grund oft nur mündlich oder verschlüsselt weiterge­geben wurde.

Nun liegt das Ergebnis der Recherchen vor in einem von der Evangelischen Verlagsanstalt herausgegebenem dicken Band mit dem Titel »Einspruch!« und ­einem Vorwort des letzten Thüringer Landesbischof Christoph Kähler. Gleich die ersten Buchseiten zeigen am Beispiel der Vorgänge um den Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen«, wie unterschiedlich bis gegensätzlich die verschiedenen Quellen reden. Während staatliche Stellen und das MfS von der gelungenen Spaltung der Landeskirchen einerseits und der Träger des Symbols und den Kirchen andererseits zu berichten wissen, dokumentieren kirchliche Informationen, u. a. im Blick auf das am 7. April 1982 stattgefundene Gespräch der Konferenz der Kirchenleitungen mit Staatssekretär Klaus Gysi in dieser Sache, eine geschlossene kirchliche Front. »Wer die staatlichen Texte mit den kirchlichen vergleicht, muss sich fragen: Ist hier von der gleichen Veranstaltung die Rede?«

Wenn ein Zeitzeuge die Akten ehemaliger Gegner liest und sie bei einer Fülle von Fallbeispielen mit eigenen Quellen und den Erfahrungen Dritter zusammenbringt, wird auch nicht die Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit herauskommen. »Ein bewusst oder unbewusst wirksames Vorverständnis liegt jeder Untersuchung zugrunde, auch dieser«, gibt der Autor zu. Wer ihn kennt, wird ohnehin nicht eine leidenschaftslos nüchterne Bilanz erwarten, sondern eine Streitschrift.

Sie bietet auftragsgemäß und notwendigerweise keine lückenlose Chronik der MfS-Einflussversuche auf die Thüringer Kirche, sondern nur exemplarisch untersuchte Vorgänge und Texte. Wobei sich manches, was in der Superintendentur Saalfeld vor sich ging, nicht unbedingt auf alle anderen Regionen oder Landeskirchen übertragen lässt. Immer wieder wichtig ist dem Autor der Hinweis auf die von den Genossen völlig unterschätzte politische Wirkung biblischer Texte als Handlungsgrundlage einer Kirche, die Ludwig Große immer als Versammlung aller Gläubigen und nicht als Institution begreift.

Dass die Einschätzung der Kirche durch das MfS nach energischem »Einspruch« verlangt und deren geheime Akten der Auslegung bedürfen und nicht als Kronzeugen verwendet werden können, wird durchgängig deutlich. Und auch, dass jeder Vorgang für sich bewertet werden muss im Spiegel unterschiedlicher Aussagen. Wenn dafür jetzt mehr kirchliche Quellen und Zeitzeugenberichte zur Verfügung stehen als vorher, ist das ein Verdienst dieses Buches und seines kenntnisreichen Verfassers. Eine Unmenge von Anmerkungen, Dokumenten, umfangreiche Literatur-, Personen- und Sachregister fördern Verständnis und Weiterarbeit.

Christine Lässig

Buchcover-EinspruchGroße, Ludwig: Einspruch!
Das Verhältnis von Kirche und Staatssicherheit im Spiegel gegensätzlicher Überlieferungen,
Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig,
776 S., ISBN 978-3-374-02713-2, 38,00 Euro

Bezug über den ­Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer ­Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161

Die Freiheit eines Christenmenschen

5. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Öffentliche Ämter: Zum Rücktritt von Margot Käßmann und zum Anspruch an Menschen in Spitzenpositionen

Sollten Menschen in herausgehobenen Positionen ­Vorbild sein? Oder sind die Maßstäbe, die an sie angelegt werden, zu hoch? Margot Käßmanns Rücktritt hat über diese Fragen eine lebhafte Diskussion ausgelöst.

Foto: Archiv

Foto: Archiv

Margot Käßmanns Verfehlung und ihr Rücktritt – sie haben eine heftige öffentliche, auch sehr emotionale Debatte ausgelöst über die Frage: Was darf man – legitimerweise – erwarten, was darf man verlangen von Menschen in herausgehobenen öffentlichen Ämtern in Politik, Gesellschaft, Kirche? Sollen sie, müssen sie Vorbild sein, und wenn ja, in welchem Sinne?

Zunächst eine einfache Beobachtung: Im öffentlichen Amt, in herausgehobener Position sind Siege, sind Erfolge strahlender, erscheinen schöner und größer, weil öffentlich – das macht das öffentliche Amt verführerisch. Zugleich aber sind Niederlagen, Fehler, Misserfolge schlimmer und schmerzlicher, weil eben öffentlich – das macht das öffentliche Amt riskant. Mit einem öffentlichen Amt wächst nicht nur die Verantwortung, sondern auch der Zwang, Vorbild, gar vollkommen sein zu müssen oder jedenfalls besser als die (beobachtende) Mehrheit – die zugleich argwöhnisch verfolgt, ob die öffentliche Person diese Erwartung auch erfüllt. Wehe, wenn nicht.
Aber die Person im öffentlichen Amt bleibt doch ein Mensch, also fehlbar, unvollständig, des Erbarmens würdig! Sie wird (fast) nie identisch sein können mit dem erwünschten Idealbild, mit der von vieler Leute Wünsche und Hoffnungen gemalten Ikone von diesem Menschen. Eine Ikone aber ist ein ohne Tiefe gemaltes Bild. Selbst im Amte sind wir indivi­duelle Person, nie ganz identisch mit einem Amt, das Amt bleibt mehr als dessen Inhaber.

In einem Kommentar der »Berliner Zeitung« war zu lesen: Bischöfin Käßmann »sei über ihren moralischen Hochmut gestolpert – rufen ihr diejenigen hinterher, die jegliche Moral zum Hochmut erklären, die über ihre Begriffe geht.« Und tatsächlich: »Moralist«, »Gutmensch« sind zu Schimpfworten in der medialen Öffentlichkeit geworden. Allzu hohe moralische Ansprüche erwecken Misstrauen und Spott. Willkommen in unserer Gosse, wenn einer scheitert.

Sollten wir also die Maßstäbe absenken, weil wir doch allzu oft unter ihnen bleiben? Was ist wirklich zu verlangen von Menschen in »öffentlichen Ämtern«? Gewiss nicht, dass sie Heilige sind oder werden. Aber doch, dass sie Vorbilder sind in einem ganz bestimmten Sinn: Politiker sollten Vorbilder sein für die Einhaltung der Regeln, die für unser demokratisches Gemeinwesen konstitutiv sind, sie sollten erkennbar für das Gemeinwohl engagiert arbeiten und nicht nur fürs eigene materielle Wohl. (Wo das nicht geschieht, haben die Bürger die demokratische Möglichkeit, den betreffenden Politiker abzuwählen.) Wirtschaftsmanager sollten nachvollziehbar für das Wohl des Unternehmens tätig sein, also nicht nur für die Eigentümer, sondern ebenso auch für die Arbeitnehmer. (Von Rücktritten nach folgenreichen Fehlentscheidungen ist in diesem Milieu wenig bekannt.) Bischöfe und Pfarrer sollten das Evangelium mit Überzeugung und glaubwürdig vermitteln und vertreten. Müssen wenigstens sie dafür Heilige sein? Nein. Auch die Jünger Jesu waren es nicht, sie waren vielmehr gewöhnliche Menschen, Petrus hat sogar gelogen. Trotzdem wurden sie Zeugen Jesu und seiner Lehre – weil sie durch ihr Leben und Sterben für die Frohe Botschaft einstanden.

Margot Käßmann sei an ihren eigenen Maßstäben gescheitert, heißt es. Aus einer falschen Augenblicksentscheidung wurde ein schwerwiegender Fehler: Die Bischöfin hat daraus Konsequenzen gezogen. Mit ihrem Rücktritt bestätigt sie jene moralischen Maßstäbe, an deren Geltung sich so viele stören! Musste sie unbedingt zurücktreten, war ihre Entscheidung alternativlos? Nein, gewiss nicht, aber sie hat sich in Freiheit und Demut so entschieden. Das verdient dankbaren Respekt, auch wenn ich traurig bin über den Verlust. Margot Käßmann hat ein Beispiel gegeben für die Freiheit eines Christenmenschen.

Der Autor Wolfgang Thierse ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages.

Wolfgang Thierse

Vergessene Mitstreiterinnen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Mit diesem Beitrag eröffnen wir eine Reihe über Frauen in der Reforma­tionszeit, die wir in einer losen Folge mit Porträts fortsetzen.

Katharina von Bora, die Ehefrau ­Martin Luthers. Ausschnitt aus einem Bild, das im Sterbehaus des Reformators in Eisleben hängt. Foto: epd-bild

Katharina von Bora, die Ehefrau ­Martin Luthers. Ausschnitt aus einem Bild, das im Sterbehaus des Reformators in Eisleben hängt. Foto: epd-bild

Sie schauen majestätisch-huldvoll, demütig-bescheiden, manche selbstbewusst: Frauen des 16. Jahrhunderts, die uns Maler wie Lukas Cranach d. Ä. in ihren Bildern bis heute lebendig erhalten. So vertraut uns auch ihre Bildnisse sind, über ihr Leben, ihre Wünsche und Träume wissen wir nur wenig. Wie sah ihre Realität aus, welche Gestaltungsmöglichkeiten hatten sie in jener Zeit, die wir heute Renaissance nennen?

Auch im 16. Jahrhundert noch realisierte sich Frausein offiziell und grundsätzlich zwischen der Sündhaftigkeit Evas und der Jungfräulichkeit Marias; die eine des Teufels Werk, die andere das erstrebenswerte Ideal der Kirche. An diesem Jahrhunderte lang propagierten Bild der Frau ­änderte auch die Reformation nicht allzu viel.

Die Reformation verdrängte zwar das Ideal der keuschen Jungfrau durch das der Ehefrau und Mutter und stärkte damit das Selbstbewusstsein der Frau, doch an ihrer sozialen Stellung änderte sich kaum etwas. Die Frau bedurfte weiter in nahezu allen Angelegenheiten des Lebens der Entscheidung des Mannes und war ihm rechtlich unterstellt, zuerst dem Vater, dann dem Ehemann. Als Witwe konn­te sie die Vormundschaft über minderjährige Kinder und Verfügungsgewalt über ihren Besitz nur dann erlangen, wenn der Ehemann oder der von ihm bestellte Vormund zustimmte. Auch Luthers Witwe musste sich das Recht, für ihre Kinder und ihren Besitz Sorge zu tragen erstreiten, weil ihr Mann es versäumt hatte, eindeutige Regelungen zu treffen.

Eine Ehe – die Braut war mitunter kaum älter als 14/15 Jahre – entsprang zu jener Zeit in erster Linie rationalem Kalkül. Waren es in adligen Kreisen politische Konstellationen und Besitz, so bestimmten im Bürgertum und Bauernstand adäquates Vermögen und Beruf, mitunter auch persönliche Eignung die Auswahl des Ehemannes. So bot beispielsweise der Goldschmiedemeister Hieronymus Holper seinem 40-jährigen Gesellen Albrecht Dürer d. Ä. seine 15-jährige Tochter Barbara als Braut an. Die Heirat sicherte Holper einen Nachfolger und Dürer den ansonsten wohl unerreichbaren Meistertitel, Voraussetzung seines Erfolgs. Auch wenn Liebe bei einer Heirat oft fehlte, konnte sie sich, wie bei Dürer und seiner Frau, Martin Luther und Käthe oder dem kursächsischen Paar Sibylle von Cleve
und Johann Friedrich I., durchaus einstellen.

Trotz aller Beschränkungen gab es aber immer wieder Frauen – insbesondere auf dem Land oder im Bürgertum der Städte – die sich ­ihren Platz in der Gesellschaft erobert hatten. Sie waren nicht nur als Hausfrau und Mutter anerkannt, sie leiteten darüber hinaus oft große Hauswirtschaften, führten selbstständig Geschäfte und betrieben Handwerke. Manche arbeiteten in städtischem Dienst als Hirtinnen oder Schreiberinnen, Hebammen und Heilkundige, manche als Dirnen. Es gab politisch autonome Herrscherinnen wie Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg, die »Mutter der Reformation«. Es gab gebildete Nonnen, wie die Klarissin und Humanistin Caritas Pirckheimer, »ein unverschämt gelehrtes Weibsbild« (so Andreas Osiander, der Reformator Nürnbergs), die selbstbewusst mit Gelehrten wie Melanchthon disputierte.

Auch in Luthers unmittelbarem Umfeld treffen wir auf selbstständige Frauen, die sich neben den Männern behaupteten, wie Katharina von Bora, Magdalena von Staupitz, die Leiterin der ersten Mädchenschule Mitteldeutschlands in Grimma oder Argula von Grumbach (Stauff), die nicht nur Hausfrau und Mutter war, sondern auch die Reformation aktiv durch Wort und Schrift verbreitete. Obgleich Luther den Frauen grundsätzlich konservativ gegenüberstand – »Weiber­regiment hat nie etwas Gutes ausgericht« – musste er ihre Leistungen anerkennen: »Stellt euch vor, es gäbe das weibliche Geschlecht nicht. Das Haus und was zum Haushalt gehört, würde zusammenstürzen, die Staaten und die Gemeinden.« Doch selbst dieses Lob von höchster reformatorischer Autorität brachte den Frauen offiziell keine Besserung ihrer Lage. Nicht nur das Predigt- und Pfarramt blieb ihnen auch durch die Reformatoren verwehrt.   

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Mediävistin, sie arbeitet als freie Autorin und Publizistin. (Mediävistik ist die Wissenschaft vom europäischen Mittelalter.)

Gott setzt die Scherben neu zusammen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit dem Scheitern

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Scheitern geht es im zweiten Beitrag unserer dreiteiligen Serie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

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Scheitern gehört zu unserem Menschsein. Der eine scheitert in seiner Ehe. Er hat vor dem Traualtar das Versprechen ewiger Treue gegeben. Doch nun vermag er das Jawort nicht durchzuhalten. Er fühlt sich ­gescheitert.

Der andere scheitert in seinem ­Beruf. Er gibt sich alle Mühe in seiner Arbeit. Aber er erfährt Mobbing. Wieder ein anderer scheitert, indem er seinen Arbeitsplatz verliert, weil es der Firma nicht gut geht. Viele, die an ihrem Leben scheitern, fühlen sich beschämt. Sie schämen sich, vor anderen zuzugeben, dass sie gescheitert sind. Andere verdrängen das Scheitern. Sie flüchten in viele Aktivitäten, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie gescheitert sind. Andere beschuldigen sich selbst. Sie suchen die Schuld beim Scheitern bei sich selbst und zerfleischen sich mit Schuldgefühlen.

Es kommt immer darauf an, wie ich das Scheitern interpretiere. Wenn ich es als Versagen deute, dann kann ich nicht gut damit umgehen. Dann zieht es mich nieder. Wenn ich es aber ­einfach akzeptiere als etwas, was mir widerfahren ist, dann vertraue ich ­darauf, dass aus dem Scheitern Neues entstehen kann. Wir Christen schauen in der Passionszeit auf das Kreuz Jesu Christi. Das Kreuz ist zunächst auch ein Scheitern. Jesus ist mit seinem Versuch, die Frohe Botschaft vom barmherzigen Vater und von der Nähe des Reiches Gottes den Menschen zu verkünden, gescheitert. Dieser wunderbare Rabbi, der die Kranken geheilt hat und den Menschen durch seine Botschaft Hoffnung und Zuversicht geschenkt hat, wird von der ­römischen Staatsmacht hingerichtet. Die Emmausjünger haben das als Scheitern erlebt und sind davongelaufen, weil sie das Scheitern ihres geliebten Rabbi nicht ausgehalten haben. Doch das Kreuz ist nicht das Ende. Kreuz und Auferstehung Jesu sind das Hoffnungszeichen schlechthin.

Wenn wir in jeder Eucharistie Tod und Auferstehung Jesu feiern, dann bekennen wir, dass es kein Scheitern gibt, das nicht zu einem Neuanfang werden kann. Es gibt keine Dunkelheit, die nicht erleuchtet wird, keine Erstarrung, die nicht aufgebrochen werden kann, kein Grab, in dem nicht das Leben aufblüht.

Der deutsche Mystiker Johannes Tauler hat uns noch eine andere Deutung des Scheiterns gegeben. Er interpretiert Jesu Gleichnis von der verlorenen Drachme in diesem Sinn. (Lukas 15,8-10) Wenn der Mensch sich in seinem Leben gut eingerichtet hat, hat er oft genug seine Drachme verloren, seine Mitte. Er hat die Beziehung zum Grund seiner Seele verloren. Oder wie der griechische Mystiker Gregor von Nyssa sagt: Er hat das Bild Christi in sich verloren. Dann macht es Gott wie eine Frau, die etwas Wertvolles sucht.

Er stellt alle Stühle auf den Tisch, verrückt die Schränke, um die verlorene Drachme zu finden. Gott selbst führt den Menschen also ins Gedränge, um ihn in den Grund seiner Seele zu führen. Das Scheitern, das mein äußeres Lebensgebäude zerbricht, ist also für Tauler der Weg in den Grund der Seele. Dort wartet Gott auf mich. Ich muss also nicht ständig die Schuld für das Scheitern bei mir selbst suchen und mich durch Schuldvorwürfe selber lähmen. Natürlich gibt es ein Scheitern, bei dem ich selbst schuld bin. Aber auch dann hilft es nicht weiter, sich nur zu beschuldigen. Gott hat meine Schuld vergeben. Ich soll Abschied nehmen von der Illusion, ich würde immer alles richtig machen. Und ich soll Abschied nehmen von der Illusion, dass mir alles gelingt, was ich in die Hand nehme. Das Scheitern zerbricht mein Lebensgebäude, um mich in den Grund meiner Seele zu führen und dort Gott zu finden.

Viele haben das ­Gefühl, sie würden vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens sitzen, wenn sie gescheitert sind. Doch – das ist die frohe Botschaft der Bibel – Gott wird die Scherben meines Lebens wieder neu zusammensetzen. Er wird ein neues Haus errichten, das meinem Wesen noch mehr entspricht.

Wie jemand mit dem Scheitern umgeht, das hängt von der Deutung ab, die er dem Scheitern gibt. Die Bibel zeigt uns in den Worten Jesu und in seinem Tod und Auferstehung ein Deutungsmuster, das uns hilft, uns mit dem Scheitern auszusöhnen und darin einen Weg zu entdecken, unser Leben von Gott neu formen zu lassen.


Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spiri­tuellen Themen.

Sie wurden im Einigungsvertrag schlicht vergessen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Frauen, die in der DDR ­geschieden wurden, leben heute oft an der Armutsgrenze. Ihre Lage ließe sich verbessern, würde ein 20 Jahre alter Fehler endlich korrigiert.

Rechtlich noch immer »hinter der Mauer«: Den seit 1977 in der alten Bundesrepublik bestehenden Versorgungsausgleich für geschiedene Frauen gibt es für ­Betroffene aus der ehemaligen DDR bis heute nicht. Foto: ullstein bild – CARO/Ponizak

Rechtlich noch immer »hinter der Mauer«: Den seit 1977 in der alten Bundesrepublik bestehenden Versorgungsausgleich für geschiedene Frauen gibt es für ­Betroffene aus der ehemaligen DDR bis heute nicht. Foto: ullstein bild – CARO/Ponizak

Der Rotstift ist seit Jahren Hanna Kirchners treuester Begleiter. Von ihren 796 Euro Rente geht knapp die Hälfte für die Warmmiete drauf: »Auch kleine Wohnungen sind teuer«, sagt sie. Zeitungsabo? Fehlanzeige! Kosten für Praxis­gebühr und verschreibungspflichtige Medikamente schlagen zu Buche. Und die Mobilität leidet. Reisen mit der Bahn und eine Monatskarte für die Straßenbahn sind bei der Magdeburgerin nicht drin. Seit sie im vergangenen Jahr am Fuß operiert wurde, sind auch Radfahren und Gehen für die ehemalige Lehrerin, Jahrgang 1938, zum Problem geworden.

Elfriede Jung, Jahrgang 1939 und Bürokauffrau von Beruf, muss nach 44 Arbeitsjahren mit 764 Euro monatlich über die Runden kommen. »Davon kann man doch nicht leben«, kommentierten bei einem ihrer selten möglichen Besuche die Verwandten in Westdeutschland ihre Situation. Doch man – oder besser: Frau – kann nicht nur, sondern muss. Hanna Kirchner und Elfriede Jung haben mit hunderttausenden Frauen mehrere Dinge gemein: Die meisten ihrer Arbeitsjahre fielen in die DDR-Zeit. Nach 1989 verloren sie ihre Arbeit. Und: Sie wurden zu DDR-Zeiten geschieden.

Einen Versorgungsausgleich zwischen den Partnern, wie ihn seit 1977 das Scheidungsrecht der alten und auch das der neuen Bundesrepublik seit 1992 kennt, der eine faire Rentenberechnung für die gemeinsamen Ehejahre garantiert, gab es in der DDR nicht. Mit der Scheidung endeten die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Partnern. Unterhalt musste nur für gemeinsame Kinder gezahlt werden. Für die Rentenberechnung zählten jeweils die letzten 20 Arbeitsjahre und die Beiträge zur Freiwilligen Zusatzrente. Auch wer nicht berufstätig war, konnte sich durch Zahlung von drei DDR-Mark monatlich über 20 Jahre eine Mindestrente von 330 Mark sichern. Heute würden die drei Mark wie ein Verdienst gerechnet. Über 20 Jahre eingezahlt, ergäbe sich eine monatliche Rente von 4,72 Euro.

Wäre alles gut gegangen, hätte Hanna Kirchner, die einen Sohn und eine schwerhörige Tochter großzog, heute keine materiellen Sorgen. Ging es aber nicht: Ihre Ehe mit einem Arzt wurde nach 23 Jahren geschieden, ihre Berufsschule 1991 »abgewickelt« und sie entlassen. Bis zum Renten­alter und darüber hinaus gab sie Nachhilfe und nahm Honoraraufträge an. Jetzt macht die Gesundheit nicht mehr mit.

Familienarbeit wird besonders »bestraft«

Elfriede Jung, die ein Kind großzog, war in erster Ehe 22 Jahre verheiratet. Ihre zweite Ehe dauerte 17 Jahre und wurde 1992 geschieden. »Ohne den Versorgungsausgleich aus dieser Ehe«, sagt sie, »würde ich nur unter 700 Euro eigene Rente bekommen.« Auch sie verlor nach der Wende ihre Anstellung und hielt sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser.

Übrigens: Nicht nur geschiedene Frauen und (einige) Männer sind von der Nichtbeachtung im Rentenüberleitungsgesetz betroffen. Auch die Sonderregelungen etwa für Mitarbeiter der Bahn, der Post, von Künstlern oder den Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen entfielen. Doch die geschiedenen Frauen trifft es härter als andere. Denn die persönliche Entscheidung vieler, ganz oder teilweise in ihren Familien zu arbeiten anstatt in Büro oder Fabrik, die Kinder zu betreuen, dem Karriere machenden Mann den Rücken freizuhalten oder als »mithelfende Ehefrau« den Handwerksbetrieb zu stützen, wird nicht anerkannt. Und eine ausgebaute Kinderbetreuung, die auch Müttern kleiner Kinder die volle Berufstätigkeit ermöglicht hätte, gab es in der DDR erst ab den 70er Jahren.
Zwar heißt es im Einigungsvertrag, der am 29. September 1990 in Kraft trat, dass für die Rentenberechnung in der DDR Geschiedener noch eine »spezialgesetzliche Regelung« erfolgen müsse, sobald die Angleichung der Ostrenten abgeschlossen sei. Doch die Regelung fehlte im Rentenüberleitungsgesetz von 1991 – und sie fehlt bis heute.

Mit dem 1999 gegründeten »Verein der in der DDR geschiedenen Frauen« mit Gruppen in fast allen neuen Ländern und Berlin gibt es zumindest eine Interessenvertretung. Hier sind die beiden Magdeburgerinnen engagiert. Doch das, was die Politik tut, sorgt bei ihnen immer wieder für ­Ärger. So kam eine interministerielle Arbeitsgruppe zu dem Schluss, dass jede andere Lösung als die bestehende erheblichen Verwaltungsaufwand mit sich bringen und neues ­Unrecht hervorrufen würde.

Das Bundesverfassungsgericht lehnte eine Gemeinschaftsklage ab, weil die Kläger den falschen Weg durch die Instanzen gegangen waren: Statt vor das Sozial- hätten sie vor das Familiengericht ziehen müssen. Im vergangenen Herbst wiesen die Karlsruher Richter die Klage einer Frau ab, weil die Angaben zur Erwerbsbiografie ihres geschiedenen Mannes fehlten. Dabei hätte nur das Gericht die Zahlen vom Rentenversicherungsträger anfordern dürfen, nicht aber die Klägerin. Doch diese gibt nicht auf und will jetzt vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen.

Viele haben den Mut zum Kämpfen verloren
1989 betraf der vergessene Versorgungsausgleich schätzungsweise 800000 Frauen. Heute leben noch ­weniger als die Hälfte. Die meisten von ihnen beziehen Renten, die zwischen 650 und 750 Euro liegen. Ob sich ihre Lage je verbessern wird, ist offen. Denn im vergangenen Jahr entschieden sich die Abgeordneten des Bundestages gegen eine Lösung, die die Fraktion der Linken vorgeschlagen hatte: Die Frauen sollten einen aus Steuern finanzierten fiktiven Versorgungsausgleich und damit nachträglich Recht erhalten. Denn die Scheidungsurteile aus DDR-Zeiten haben aufgrund des Rückwirkungsverbotes Bestand.

Mit den Jahren sind die Frauen müde geworden. Manche haben sich aufgrund von Anfeindungen aus der Vereinsarbeit zurückgezogen. Sollte, wie manche befürchten, das Problem nicht auf politischem, sondern auf »biologischem« Weg gelöst werden?

Am 8. März wollen Frauen in Leipzig gegen das fortgesetzte Unrecht demonstrieren. Sie planen für 15.30 Uhr auf dem Augustusplatz eine Kundgebung. Um 17 Uhr gehen sie zur ­Andacht in die Nikolaikirche.

Angela Stoye

Wie Gottes Wort von der Kanzel hörbar werden kann

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Die protestantische Predigtkultur – Ein Beitrag von Friedrich Schorlemmer

Foto: T. Rolf, sxc.hu

Foto: T. Rolf, sxc.hu

Bei uns Protestanten kommt alles aufs Wort an. Auf das zutreffende und treffende, das tröstende und mahnende, das befreiende und verpflichtende. Das Wort, das von Herzen kommt und das im Herzen ankommt, freilich auch der Kopf nicht entbehrlich wird. (»Verkopft« lautet oft der Vorwurf.) Wir sind in einer Zeit der Bilderdominanz schlecht dran, vor allem dann, wenn wir das Wort nicht wirksam zu handhaben wissen, wenn das Wort uns nicht so ergreift, dass auch andere ergriffen werden.

Es gibt eine große protestantische Predigtkultur von Luther über Löscher bis zu Schleiermacher und Bonhoeffer. Ich selber habe Menschen erleben können, große Prediger aus unserer Region, an die ich mich so dankbar ­erinnere. An Dietrich Mendt und ­Ludwig Große, an Christof Ziemer und das Ehepaar Gabriele und Andreas Herbst, an Klaus-Peter Hertzsch und Heino Falcke, an Werner Krusche und Johannes Jänicke. Die haben mich mit ihrer besonderen Begabung nie kleingemacht, sondern mir Mut gemacht. Sie konnten und können nicht nur reden, sondern hatten etwas zu sagen, das ganz aus ihnen kam und ansprechend zu uns Hörern »rüberkam«.

Vor allem anderen steht die Frage, wie SEIN Wort in meinen Worten von der Kanzel herab hörbar wird. Wie bekommt das Göttliche im Menschlichen Stimme? Es war der Germanist Walther Jens, der die Predigt als Rede(kunst) wiederzuentdecken empfahl. Das WAS bestimmt das WIE, der Inhalt die Sprachform, der Anlass die Sprechweise. (Um es nett zu sagen: Unsere Predigtkultur ist in einem durchaus verbesserungsfähigen Zustand.)

Das Wichtigste bleibt die Frage, was den Prediger/die Predigerin treibt: als wache Zeitgenossen, als einfühlsame Seelsorger, als denkende Subjekte mit tiefem Respekt vor dem Bibelwort – die Kunst des Verstehens und des Verständlichmachens so gut es eben geht zu beherrschen. Wie bringen sie den Text des ­Lebens mit dem auszulegenden Abschnitt aus der Schrift zusammen? Der Prediger braucht nicht mehr und nicht weniger als ein gutes Gefühl für die Sprache, die Fähigkeit zum Sprechen und die Erkenntnis dessen, was jetzt zur Sprache kommen soll. Alle die, die zu einem Gottesdienst bei uns Evangelischen kommen, erwarten besonders etwas von der ­Predigt und beurteilen den ganzen Gottesdienst von der Predigt her. Das ist geradezu misslich. Gehören dazu nicht die Lieder, die Psalmen, die ­Gebete, die Lesungen, der Raum, das Licht, das Kirchenjahr und die Mithörenden, die ganze Atmosphäre?

Unser Dilemma kommt aus einer gewichtigen theologischen Entscheidung Martin Luthers bei der Übersetzung des Römerbriefes, wo er übersetzt: »Der Glaube kommt aus der Predigt.« (Römer 10,17) Dort heißt es eigentlich: Der Glaube kommt aus dem Hören. Luther hat nicht falsch übersetzt, aber damit Glaubensvermittlung zu sehr an unser (Kanzel-) Predigen gebunden, wiewohl jeder Hausvater es auch tun soll.

Inzwischen hat das Predigen im allgemeinen Sprachgebrauch eher einen pejorativen Klang. Wenn es da heißt, dass ein Schriftsteller oder gar ein ­Kabarettist predigen würde, so meint man, dass sie etwas ernst und gut gemeint hätten, aber das gut Gemeinte würde das Peinliche.

Unsere bestallten Prediger sollten mehr lernen von den großen Rednern und wissen, dass die Predigt eine Rede ist. Sie hat einen Unterhaltungswert, der nicht zu gering zu schätzen ist, sofern das nicht flapsig wird. Es muss in jeder Weise ein Vergnügen sein zuzuhören. Was da gesagt wird, mag nahegehen und angehen. Und es ist nicht schlecht, wenn man es »schön gesagt hat«. Zur Fortentwicklung der Predigtkultur in jeder Zeit gehört, dass Predigende ­täglich ein gutes Stück Literatur zu sich nehmen und dass sie die Heilige Schrift auch als Literatur zu würdigen verstehen.

Der aus der Antike stammende Gleichklang von docere, movere und delectare ist schon ein guter Kompass für die Predigtvariationen. Man kann sich das auch so übersetzen: Orientieren, Anrühren und Aufmuntern. Dem Wort in der Geräuschwelt und im Talk-Geschwätz etwas zutrauen, dem Wort nachhören, ehe man es ­selber zur Sprache bringt. Bloße Predigttechnik jedenfalls reicht nicht nur nicht aus, sondern wäre das Falscheste, was wir machen könnten; doch was man machen und lernen kann, soll man wohl auch ­machen und lehren.

Ansonsten muss man es kommen lassen: natürlich, authentisch, selber errungen – um dann genau das zu ­sagen, was einen wirklich drängt. Wes das Herz nicht übergeht, der soll auch nicht reden. Es gilt zuförderst zuhören zu lernen, den Text zu lesen und noch einmal zu lesen und noch einmal zu ­lesen. Laut. Die Poesie der Schrift zu entdecken und sie hörbar zu machen. Das Reden als einen ganzheitlichen Vorgang verstehen. Predigen ist der stetige Versuch, ein Schriftwort zu erklären, Dunkles und Verworrenes zu klären, aber auch zu überzeugen. Und das Gesagte ins Gespräch zu bringen – mit mündigen Mitchristen, mit allen existenziell Fragenden, mit Suchenden und (Ver-) Zweifelnden.

Luther hat 1530 in seiner Vorrede zu den Seligpreisungen so wunderbar gesagt, was zu einem Prediger gehört: Auftreten. Mund auftun. Etwas sagen. Rechtzeitig aufhören. Und fügte hinzu: frisch und getrost. Nichts verschweigen oder nur murmeln. Alles unerschrocken und klar heraussagen, es treffe, wen oder was es wolle. Ordentlich zurechtgemacht sein, schade auch nicht.

P. S.: Warum kommen nicht alle Pfarrer regelmäßig zu einer Predigt-Weiterbildung zusammen? Eine Art Balint-Gruppe für Prediger!
Aber, Ihr Prediger und Predigerinnen, vergesst nicht: ohne die Musik wird alles nichts, denn sie geht ins Herz. Das am Freitag in Lutherstadt Wittenberg eröffnete »Zentrum für evangelische Predigtkultur« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wird viel zu tun haben. Das mag (un)merklich allen zugute kommen.

Friedrich Schorlemmer

Die Bombardierung Dresdens – Tragödie und Rettung

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Holocaustgedenken: Ein neues Projekt ermöglicht Gespräche zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen

Michal Salomonovic im Bethaus der Jüdischen Gemeinde Ostrava (Ostrau). In dem Buch auf der rechten Seite, links ­unten, ein Bild seines Vaters, der von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Stutthof ermordet wurde. Foto: Steffen Neumann

Michal Salomonovic im Bethaus der Jüdischen Gemeinde Ostrava (Ostrau). In dem Buch auf der rechten Seite, links ­unten, ein Bild seines Vaters, der von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Stutthof ermordet wurde. Foto: Steffen Neumann

Der tschechische Jude ­Michal Salomonovic überlebte vier Konzentrationslager und die Zerstörung Dresdens. Am 13. Februar war er wieder in der Stadt.

Michal Salomonovic hat begonnen, zu erzählen, als es immer weniger wurden, die das erlebt hatten. Er spricht vor tschechischen Schülern, und auch vor deutschen Jugendlichen aus Dresden. Möglich ist das durch ein neues deutsch-tschechisches Projekt der Dresdner Brücke/Most-Stiftung mit dem Collegium Bohemicum aus Usti nad Labem, das Gespräche zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen vermittelt. Salomonovic kommt aber nicht nur deswegen nach Dresden. Mit der Stadt und ihrer Zerstörung verbin-
det ihn seine ganz persönliche Geschichte.

Es ist die Kindheit als jüdischer Häftling der Nationalsozialisten. Bereits im Oktober 1939, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wird sein Vater mit einem der ersten organisierten Transporte von Juden überhaupt aus dem heimatlichen Ostrava ins polnische Nisko geschafft. Der ­Versuch, hier ein jüdisches Lager ­aufzubauen, misslingt. Der Vater darf zurückkehren und die Familie übersiedelt nach Prag. Doch dieser Schritt bringt ihnen kein Glück. Als dann mit der Konzentration der Juden an einzelnen Orten begonnen wird, sind sie wieder die ersten. Am 3. November 1941 bringt sie ein Transport ins Ghetto nach Litzmannstadt (Lodz). »Wir waren 1000 Menschen, ganze ­Familien, nur 46 haben den Krieg überlebt«, sagt Salomonovic leise, freundlich und bestimmt.

Die Freundlichkeit in Salomonovics Stimme irritiert. Als ob er seine Zuhörer vor der Grausamkeit, die er erlebt hat, in Schutz nehmen möchte. Und doch sagt er es bestimmt. In Litzmannstadt entschied sich sein Schicksal. Als sie im Ghetto ankamen, war er acht Jahre alt, die Grundschule musste er nach einem Jahr ­abbrechen. Während sein Vater ihm einen Platz in der Metallfabrik besorgen konnte, musste sich sein dreijähriger Bruder Josef verstecken. »Kinder und Alte wurden zuerst aussortiert und in den Tod geschickt«, begründet Salomonovic die Vorsicht.

Die Arbeit in der Fabrik brachte ihm jeden Tag eine Suppe zusätzlich. »Der Hunger war allgegenwärtig, wir lebten immer bis zum nächsten Bissen.« Für die Suppe musste der Junge zwölf Stunden an sieben Tagen der Woche arbeiten. In der ganzen Zeit ging ein Transport nach dem anderen Richtung Auschwitz ab. Die Arbeiter im Werk wurden verschont, bis das Ghetto im August 1944 aufgelöst und die restlichen Insassen ebenfalls nach Auschwitz deportiert wurden.

Nach etwa einer Woche Aufenthalt im Todeslager geschah das Wunder, die Gruppe brach samt mobiler ­Munitionsfabrik wieder auf. Neues Ziel war das Konzentrationslager Stutthof. Das Wunder hatte eine einfache Erklärung. Die Führung solcher Werke lag in den Händen von hochrangigen Nationalsozialisten, die dafür Sorge trugen, dass sie über genügend »arbeitsfähiges« Personal verfügten. Dass diese Sorge zynischer Eigennutz war und keine ­Lebensgarantie bedeutete, musste Salomonovic kurz darauf schmerzlich feststellen. In Stutthof fragten die SS-Aufseher, wer Vitamine braucht. Wer krank war, wurde gnadenlos umgebracht. Sein Vater sagte ihm: »Ich melde mich und gebe sie dann dir.« Michal sah den Vater zum letzten Mal. »Er hatte den Deutschen immer geglaubt«, beschreibt Salo­monovic heute das Verhängnis seines Vaters.

Die Front rückte näher und bestimmte erneut den weiteren Weg. So landeten sie in Dresden, einer der ­wenigen deutschen Großstädte, die bis dahin vom Krieg verschont ­wurden. Hier befand sich ein wichtiges Eisenbahnkreuz, und konnte die Kriegswirtschaft ungestört auf Hochtouren produzieren. Die Arbeitskraft dafür stellten Zwangsarbeiter und ­jüdische Häftlinge wie Salomonovic, weshalb das Konzentrationslager Flossenbürg immer mehr Außenstellen in und um Dresden ansiedelte. »Wir wurden von Stutthof nach ­Dresden in offenen Waggons transportiert. Es war Winter, ungefähr so kalt wie jetzt«, fährt Salomonovic fort. Vom Bahnhof ging es zu Fuß in die Schandauer Straße. Eine Tabakfabrik wurde zum Munitions­betrieb umfunktioniert.

Hier in den weitläufigen Kellergewölben überlebten sie den Bombenangriff im Februar 1945, der für die ­Familie Tragödie und Rettung zugleich war. Denn die herannahenden Flieger verhinderten, dass die SS Salomonovics Bruder Josef, den sie am Tag zuvor bei einer Kontrolle entdeckt ­hatten, umbrachte. »Dieser Angriff war schrecklich. Jedes Mal, wenn ich ein Flugzeug hörte, bekam ich vor Angst Durchfall«, erinnert sich Michal Salomonovic. Sie hatten Glück, in Dresden-Striesen fielen nur ­Brandbomben, die den Keller nicht erreichten.

Nachdem sie noch wochenlang zu Aufräumarbeiten eingesetzt wurden, gelang ihnen auf dem nachfolgenden Todesmarsch nach Bayern in Böhmen die Flucht. Nach dem Krieg kam Salomonovic immer wieder nach Dresden, das zu seiner Heimatstadt Ostrava eine Partnerschaft pflegt. Das Erinnern und Gedenken an Holocaust und Krieg ist ihm ein besonderes Anliegen. Deshalb kam er gerade zum Jahrestag des Luftangriffs, den Rechtsextreme seit Jahren zur Verharmlosung der Geschichte missbrauchen.

Steffen Neumann

Die Lage bleibt ernst

28. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Christenverfolgung: Ein Gespräch mit Markus Rode von »Open Doors«

Immer am Jahresanfang ­veröffentlicht das christliche Hilfswerk »Open Doors« ­seinen Weltverfolgungsindex.

Benjamin Lassiwe sprach ­darüber mit Markus Rode.

Markus Rode ist Leiter des überkonfessionellen Hilfswerkes »Open Doors«-Deutschland. Foto: Open Doors

Markus Rode ist Leiter des überkonfessionellen Hilfswerkes »Open Doors«-Deutschland. Foto: Open Doors

Herr Rode, wie steht es zu Beginn des Jahres 2010 um die Religionsfreiheit?
Rode:
Besorgniserregend. Besonders Christen in Nordkorea und in streng islamischen Ländern spüren keine Veränderung. Im Gegenteil: Nordkorea ist zum achten Mal in Folge mit Platz 1 der schlimmste Christenverfolgerstaat weltweit. Cirka 70000 Christen sind aufgrund ihres Glaubens im Arbeitslager. Unter den ersten zehn Ländern im Index sind acht islamisch geprägte Länder. Wir erleben einerseits, dass viele Muslime etwa im Iran oder auch Algerien am christlichen Glauben interessiert sind und Christen werden. Doch andererseits sind gerade in diesen Ländern der Druck und die Verfolgung von ehemaligen Muslimen hoch. Denn die persönliche Entscheidung eines Muslims, seine Religion zu wechseln, wird von religiösen Eiferern und häufig der ­Familie des Konvertiten nicht respektiert.

Was hat sich beim Weltverfolgungsindex im Vergleich zum letzten Jahr verändert?
Rode:
In der islamischen Welt spüren wir massive Verschlechterungen. Der jetzige Drittplatzierte Saudi-Arabien ist von Platz zwei des Index abgelöst worden vom Iran. Dort gab es Verhaftungswellen, bei denen die Geheimpolizei Wohnhäuser gestürmt hat und 85 Christen wegen ihres Glaubens inhaftiert und misshandelt hat. Dramatisches hören wir auch aus Mauretanien, mit der größten Veränderung im Index. Zehn Positionen von 18 auf acht rückte das islamische nordafrikanische Land unter die ersten zehn schlimmsten Verfolgerstaaten. Voriges Jahr wurde dort ein ausländischer, christlicher Entwicklungshelfer von Islamisten ermordet.

Wie kommen Sie an solche Informationen – Länder wie Nordkorea sind ja gemeinhin abgeschottet?
Rode:
Als Hilfswerk berichten wir nicht nur über verfolgte Christen, wir unterstützen sie auch. Das sind unsere Arbeitsgebiete. Zu Christen in Nordkorea beispielsweise unterhalten wir enge Kontakte, die sich im Laufe der Jahre – wir sind seit Mitte der 1990er Jahre dort aktiv – verdichtet haben. Dadurch erfahren wir auch, welche Hilfe für die Gemeinden dringend benötigt wird. Die Informationen kommen aus erster Hand und ­zuverlässigen Quellen.

Sind Sie in allen Ländern ihres Indexes aktiv?
Rode:
Wir sind in über 50 Ländern ­aktiv, doch nicht aus allen können wir über die Projekte berichten, um die Christen vor Ort nicht zu gefährden.

Aber das ist ja genau die Frage: Nutzt es verfolgten Christen wirklich, wenn ein ausländisches Hilfswerk im eigenen Land eine Untergrundorganisation aufbaut?
Rode:
Kirchenleiter vor Ort kennen ihr Land und die Bedürfnisse der Gemeinden am besten. Daher arbeiten wir mit ihnen, aber auch mit einheimischen Organisationen und Kirchen zusammen. Unsere Mitarbeiter sind einheimische Christen, die selbst Verfolgung erlebt haben. Wir entsenden keine Missionare etwa nach Nordkorea, die dann da eine Organisation aufbauen. Das war nie unsere Arbeitsweise. Sondern wir sprechen mit verfolgten Christen und unterstützen sie bei ihrem Dienst.

Wo hat sich die Situation der Christen denn verbessert?
Rode:
Wenngleich sich die Situation in Algerien de facto nicht verändert hat, hat sie sich doch beruhigt. Das
ist auch dem internationalen Protest geschuldet. Die algerische Kirche wächst – was für Ärger unter den einheimischen Muslimen sorgt. Nachdem nach Erlass eines neuen Gesetzes viele Kirchen geschlossen wurden, haben Christen im Ausland und Politiker massiv protestiert. Oder Indien: 2008 hatte die Verfolgung von Christen im Bundesstaat Orissa einen Höhepunkt erreicht. Zwar kommt es in Indien weiterhin fast täglich zu Angriffen auf Christen, aber ein zweites Orissa gab es nicht.

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