Ein Gefängnis wird zum Ort der Freiheit

22. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Internationale Gegenwartskunst trifft auf Martin Luther, den Avantgardisten seiner Zeit. Ein Rundgang durch die Ausstellung »Luther und die Avantgarde«.

Ein ehemaliges Gefängnis wird zu einem Ort der Freiheit, der künstlerischen Auseinandersetzung mit der geistigen Freiheit. Am 19. Mai öffnet das Alte Gefängnis in Lutherstadt Wittenberg seine Türen für die Besucher und präsentiert bis 17. September in der Ausstellung »Luther und die Avantgarde« zeitgenössische Kunst. Der Reformator steht nicht als historische Person im Vordergrund. Er dient als Denkmodell, als Ideengeber und wird als Avantgardist seiner Zeit verstanden. Luther habe die Religion und die Sprache revolutioniert und die Welt verändert, so Kuratorin Dan Xu. Die Ausstellung im Alten Gefängnis in Wittenberg frage nach der aktuellen Bedeutung der Reformation und
zeige dabei die Perspektive der Kunst.

Wandmalerei des chinesischen Künstlers Sun Xun: Ihn interessiert, wie geschichtliche Ereignisse reflektiert werden. Foto: Sun Xun

Wandmalerei des chinesischen Künstlers Sun Xun: Ihn interessiert, wie geschichtliche Ereignisse reflektiert werden. Foto: Sun Xun

70 Künstlerinnen und Künstler aus fünf Kontinenten setzen sich wie einst Martin Luther mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Der Ausstellungsort, das Alte Gefängnis in Wittenberg mit seiner rustikalen Atmosphäre, ist außergewöhnlich. Die ehemalige Haftanstalt wurde eigens für die Ausstellung öffentlich zugänglich gemacht. Jeder Künstler gestaltete eine der auf drei Etagen befindlichen Zellen. Zu sehen sind Gemälde, Skulpturen, Installationen, Wandmalereien, Fotografien, Filme und Videos.

Mehrere Künstler nehmen Luthers Bibelübersetzung zum Anlass, sich der Sprache zuzuwenden. Die Wände im Treppenaufgang zieren chinesische Schriftzeichen. Es sind Schriftzeichen, die in China verboten wurden und deshalb verloren gingen. Etwa zwei Drittel der traditionellen Schriftzeichen seien aus dem Schrift- und Sprachgebrauch verschwunden. Die chinesische Künstlerin Jia wolle zeigen, wie mit dem Verlust der Schriftzeichen zugleich Kultur und Tradition in ihrem Land verloren gegangen sei. Der Text aus diesen Schriftzeichen, der sich den Treppenaufgang des Gefängnisses hinaufzieht, ist ästhetisch ansprechend, er sei jedoch bedeutungslos, so Kuratorin Xu.

Ein Roboter schreibt in handschriftlicher Kalligrafie die gesamte Bibel ab, eine Arbeit, die früher Mönche erledigten.

Xu Bing, ein chinesischer Künstler, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Sprache und Schrift. Er schuf eine Sammlung von Büchern mit Schriftzeichen, ähnlich den chinesischen, die jedoch keine lesbare Bedeutung haben. Im Gegensatz dazu enthält sein »Book from the ground« Bildschriftzeichen, Emojis, die jeder Mensch interpretieren kann. Das 2014 veröffentlichte Buch ist als erstes belletristische Werk nur mit Emojis als Schriftzeichen geschrieben. Für die Ausstellung in Wittenberg übersetzte Xu Bing die Bibel in eine Symbolsprache.

Sun Xun, ebenfalls ein chinesischer Künstler, wuchs in der Zeit unmittelbar nach der chinesischen Kulturrevolution auf. Wie Kuratorin Dan Xu sagt, beeinflussen diese Erfahrungen seine Arbeit. Ihn interessiere, wie geschichtliche Ereignisse von den Menschen wahrgenommen und von den Medien dargestellt werden. Mit Luther habe er sich aus der Distanz heraus beschäftigt und gehe der Frage nach, was die heutige Lutherbibel mit der von damals zu tun habe.

Thema der tschechischen Künstlerin Eva Kotátková ist die Anatomie des menschlichen Körpers. In ihren Arbeiten geht es darum, wie Regeln, Erziehung, Konventionen und Kon­trollmechanismen auf den Menschen wirken. In Wittenberg präsentiert sie Folterinstrumente, unter anderem eine zur Foltermaschine umgebaute Druckmaschine.

»Licht ins Dunkel bringen« ist das Thema der Arbeit von Monica Bonvicini, einer Lichtinstallation.

Neben den genannten präsentieren auch bekannte Künstler wie Ai Weiwei, Stephan Balkenhol und Günther Uecker ihre Werke. Zum Teil wurden die Arbeiten eigens für die Ausstellung angefertigt, einige entstanden vor Ort oder wurden gezielt ausgewählt. Die künstlerischen Reflexionen kreisen um Themen wie Freiheit und deren Gefährdung, Demagogie und Widerstand, Verantwortung und Toleranz.

Sabine Kuschel

Große Bühne für die Reformation

22. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Drei, zwei, eins und … los! Jetzt heißt es »Bühne frei« für die Weltausstellung Reformation in Wittenberg.

Noch in der letzten Woche brauchte man viel Vorstellungskraft, um zu erahnen, was hinter den Bauzäunen entsteht. Aus Holz und Stahl und Lehm wuchsen in der Lutherstadt Pavillons und Bühnen. Für mehr als 100 Veranstaltungen pro Woche sollen sie vom 20. Mai bis 10. September Platz bieten für Gottesdienste und Podiumsdiskussionen, Workshops, Klassik- und Popkonzerte. Zum Startschuss der Weltausstellung anlässlich des 500. Reformationsjubiläums will die Wittenberger Altstadt von sieben Themengebieten umgeben sein, den »Toren der Freiheit«.

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Wer am Hauptbahnhof mit dem Rundgang durch die ehemaligen Wallanlagen um die Lutherstadt startet, kann sich von der größten erklimmbaren Bibel der Welt aus einen Überblick verschaffen. Die Treppe im Turminneren bringt die Gäste im Zickzack dem Himmel näher und soll ihnen einen Perspektivwechsel ermöglichen. Auch der Platz für den Truck des Europäischen Stationenweges ist im Willkommensbereich vorgesehen. Er zeigt Reformationsgeschichten, die er aus verschiedenen Ländern mit nach Wittenberg bringt.

Daneben schicken alle Stationen der vergangenen Monate Städtebanner nach Sachsen-Anhalt. Von ihnen wird der Fußweg vom Bahnhof in die Innenstadt flankiert.

Zu den Themen Spiritualität, Jugend, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Globalisierung, Kultur sowie Ökumene und Religion haben Institutionen aus Politik und Gesellschaft verschiedene Orte zum Innehalten, Lernen und zum Austausch geschaffen, zum Beispiel das »House of One« als interreligiöses Begegnungszentrum oder die Stege am Bunkerberg neben dem Lutherhaus zur Selbsterfahrung und Meditation.

Auch Landeskirchen aus dem Verbund der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) tragen mit eigenen Projekten zur Weltausstellung bei. So lassen die Bayern im Torraum Ökumene einen Garten entstehen, der aus jedem Jahrhundert seit Martin Luther einen Reformator der bayerischen Kirchengeschichte vorstellt. Hannover schafft einen »Erlebnis-Raum«, in dem sich Besucher mit der Bedeutung der Taufe auseinandersetzen und an ihr eigenes Christwerden erinnern lassen können.

Einen weiteren Erlebnisraum bietet die Landeskirche Hessen und Nassau rund um das Thema »Segen«. Neben ihrer preisgekrönten »LichtKirche«, die für Trauungen und Taufen gebucht werden kann, soll im Torraum Globalisierung der Segens-Roboter »BlessU-2« zur Diskussion anregen.

Dienstags ist Ruhetag auf der Welt­ausstellung, was aber keine Langeweile bedeutet. Vier Besuchermagnete der Lutherstadt werden durchgehend geöffnet sein: das Riesenrad »Zwischen Himmel und Erde« in den südlichen Wallanlagen dreht sich für Aussichts- und Gesprächssuchende gleichermaßen, denn auf Wunsch steigt ein Seelsorger mit in die Gondel. Yadegar Asisis Panorama »Luther 1517« lädt zu einem Rundgang durch das damalige Wittenberg ein. Und auch die beiden Kunstausstellungen (»Luther! 95 Schätze – 95 Menschen« mit der Mitmachausstellung »Der Mönch war’s!« sowie »Luther und die Avantgarde«) am Ost- und Westende der Altstadt haben Dauerbetrieb.

Christina Özlem Geisler (epd)

Billig ist nicht der Maßstab

16. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Bilder rüttelten auf: Beim Einsturz des Rana-Plaza-Hochhauses in Bangladesch starben vor vier Jahren 1 129 Textilarbeiter, etwa doppelt so viele wurden verletzt. Mit dem Europaabgeordneten Arne Lietz (SPD), einem der Initiatoren für ein Gesetz, das Modeunternehmen zu einem verantwortlicheren Handeln zwingen soll, sprach Adrienne Uebbing.

Was hat sich an den Produktionsstandorten verändert? Gibt es Unterschiede in den Ländern?
Lietz:
In Bangladesch hat sich seit dem Unglück recht viel getan. Ein Beispiel von vielen ist der »Bangladesch Accord« zur Verbesserung des Brandschutzes und der Gebäudesicherheit in Bangladesch – ein rechtlich bindendes Abkommen zwischen den internationalen Gewerkschaften IndustriALL und UNI Global, Gewerkschaften in Bangladesch sowie internationalen Marken und Einzelhändlern.

Protestaktion zum Jahrestag der Tragödie: 2014 legten sich Demonstranten auf den Berliner Kurfürstendamm – bedeckt von Pappschildern mit den Namen der Unternehmen, die im Rana Plaza produzieren ließen. Der Welthandelsorganisation zufolge kommen mehr als 70 Prozent der EU-Textil- und Bekleidungsimporte aus Asien. Auftraggeber sind weltweit vertretene Markenhersteller auf der Suche nach niedrigen Preisen und kurzen Produktionszeiten. Foto: epd-bild

Protestaktion zum Jahrestag der Tragödie: 2014 legten sich Demonstranten auf den Berliner Kurfürstendamm – bedeckt von Pappschildern mit den Namen der Unternehmen, die im Rana Plaza produzieren ließen. Der Welthandelsorganisation zufolge kommen mehr als 70 Prozent der EU-Textil- und Bekleidungsimporte aus Asien. Auftraggeber sind weltweit vertretene Markenhersteller auf der Suche nach niedrigen Preisen und kurzen Produktionszeiten. Foto: epd-bild

Bisher ist Bangladesch das Land, in dem die meisten Initiativen stattgefunden haben, andere produzierende Länder wie Indien oder Pakistan hängen da noch weit hinterher. Aber auch in Bangladesch werden weiterhin Armutslöhne gezahlt oder Arbeitnehmerrechte verletzt. Deswegen brauchen wir eine europäische Gesetzgebung, denn Handelspolitik ist Europapolitik.

Das EU-Parlament hat vor wenigen Tagen mit 505 Ja-Stimmen bei 49 Gegenstimmen und 57 Enthaltungen die EU-Kommission aufgefordert, die Modeunternehmen per Gesetz zu einem verantwortlicheren Handeln in den Produktionsländern zu zwingen. Wie soll das konkret aussehen?
Lietz:
Wie schon bei dem Gesetzesvorschlag zu den Konfliktmineralien sollen die Unternehmen verpflichtet werden, ihre Lieferketten nachzuverfolgen. Dazu sind im Februar 2017 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Leitsätze für verantwortungsvolle Lieferketten von Bekleidung und Schuhen veröffentlicht worden, also ein Verhaltenskodex für weltweit verantwortliches Handeln von Unternehmen.

In diesen Leitsätzen werden die Sorgfaltspflichten für die Lieferketten definiert und Empfehlungen für verantwortliches Unternehmerverhalten bezüglich Transparenz, Arbeitsbeziehungen oder Umwelt gegeben. Die europäische Gesetzgebung soll sich an diesen OECD-Leitsätzen orientieren.

Was kann die EU – abgesehen vom angestrebten Gesetz – tun, um solche Katastrophen in Zukunft zu vermeiden?
Lietz:
Die EU kann vor allem in ihren Handelsverträgen mit den einzelnen Staaten darauf beharren, dass international anerkannte Arbeitnehmerrechte in den Verträgen verankert und in der Praxis implementiert werden. Außerdem können die EU-Institutionen bei sich selbst ansetzen und ihre öffentliche Beschaffung von Textilien an nachhaltigen Kriterien ausrichten. Im Europäischen Parlament haben wir bereits Fair-Trade-Kaffee, warum dieses nicht auf die Textilien ausweiten?

Nicht nur die Institutionen sind gefragt. Wie können wir als Christen verantwortlich handeln bzw. einkaufen?
Lietz:
Wir sollten uns zunächst fragen: Brauchen wir dieses eine Kleidungsstück unbedingt? Brauchen wir quantitativ mehr Kleidung oder brauchen wir qualitativ bessere Kleidung? Dann sollten wir uns immer beim Kauf fragen: Wo kam dieses Kleidungsstück her, wer konkret hat es produziert? Dazu gibt es eine tolle Initiative von Fashion Revolution: »Who made my clothes?«

Wenn wir mehr hinterfragen, wo und unter welchen Bedingungen unsere Kleidung hergestellt wird, ist ein erster Schritt getan. Dann können wir uns über Labels und fair produzierende Unternehmen informieren und feststellen, dass ein Fair-Trade-T-Shirt nicht teurer sein muss als ein normales Marken-T-Shirt.

Bei Modemarken ist das Image entscheidend – doch die Marke ist kein Garant für gute Produktionsbedingungen. Wie können sich Verbraucher hierzulande informieren?
Lietz:
Es gibt zum Beispiel den vor Kurzem veröffentlichten Transparenz-Index von Fashion Revolution, in dem aufgestellt wird, welches Unternehmen wie weit seine Lieferketten offenlegt.

Können Sie ein Umdenken seitens der Bekleidungsindustrie feststellen?
Lietz:
Leider haben nur sehr wenige Unternehmen ihr Geschäftsmodell umgestellt. Viele Unternehmen produzieren weiter unter schlechten Bedingungen. Die freiwilligen Initiativen (die teilweise von den Unternehmen mitgetragen werden) greifen nicht tief genug, bzw. führen nicht zur Verbesserung der Arbeits- und Umweltstandards. Deswegen die Forderung nach einer Gesetzesinitiative auf europäischer Ebene.

Intellektueller Kopf der Reformation

16. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Porträt: Ohne Philipp Melanchthon gäbe es die evangelische Kirche nicht

Wittenberg, 29. August 1518. Der größte Hörsaal der Universität ist überfüllt. Die Studenten warten auf ein Wunderkind, das ihr neuer Professor sein soll. Erst 21 Jahre ist er alt, dieser Philipp Melanchthon (1497–1560), und schon zum Lehrstuhlinhaber für griechische Sprache ernannt. Ein sagenhafter Ruf eilt ihm voraus. Ein kleines Männchen erklimmt den Katheder, schüchtern und mit hängenden Schultern. Leise, stockend beginnt der knabenhafte Professor zu reden, einen Sprachfehler hat er auch.

Was er zu sagen hat, reißt die Hörer mit. »Zu den Quellen«. Zurück zum Urtext der Bibel. Das ist – bereits in der allerersten Vorlesung – das Programm für eine Revolution des ganzen Bildungswesens. Auch Melanchthons vierzehn Jahre älterer Kollege Martin Luther, in Wittenberg Professor für biblische Theologie, ist fasziniert.

Das war der Beginn einer nicht gerade überschwänglichen, aber beständigen Freundschaft. Die beiden Männer waren in ihrer Persönlichkeit denkbar verschieden: Luther der stürmische Kraftmensch, der gern mit dem Kopf durch die Wand wollte, hitzig, reizbar, cholerisch, in seinen Attacken oft maßlos übertreibend. Melanchthon vorsichtig, stets auf Ausgleich bedacht, klug abwägend, aber auch ängstlich und risikoscheu. Bei der Motivation aber war dieselbe: die leidenschaftliche Sehnsucht nach einer geläuterten, zum Ursprung zurückgeführten Kirche, und die Liebe zur Bibel, die wieder zum alleinigen Maßstab christlicher Lehre werden sollte.

Philipp Melanchthon ist jener messerscharfe Denker gewesen, der die luthersche Vision mit humanistischer Gelehrsamkeit verbunden und damit den reformatorischen Ideen ihre solide gedankliche Basis gegeben hat.

Melanchthon war es, der Luther zu seiner Bibelübersetzung anregte. Es war Melanchthon, der die reformatorische Theologie in geschliffenen wissenschaftlichen Abhandlungen verteidigte, bei Religionsgesprächen und auf Reichstagen als Wortführer der Protestanten auftrat und die ersten Bekenntnisschriften verfasste. Die Reformation hatte ja erst begonnen, die alte römische Kirche und die neue protestantische Bewegung waren noch nicht getrennt, und es gab intensive Diskussionen über die richtige Lehre.

1521 landete er einen theologischen Bestseller. Das waren seine »Loci communes«, auf Deutsch könnte man »Theologische Grundbegriffe« sagen. Das beherrschende Thema in dieser griffigen, systematischen Zusammenfassung reformatorischer Theologie: Der Glaube allein macht selig. Melanchthon hatte unzweifelhaft seinen eigenen Kopf. Doch gerade weil er nicht einfach der unkritische Parteigänger einer bestimmten Richtung war, konnte er bei den vom Kaiser und von Rom veranstalteten Religionsgesprächen als idealer Vermittler dienen.

Das Denkmal des Reformators Philipp Melanchthon auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg. Foto: epd-bild

Das Denkmal des Reformators Philipp Melanchthon auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg. Foto: epd-bild

Einen ersten Höhepunkt erreichten die zähen Verhandlungen auf dem Reichstag von Augsburg 1530: Kaiser Karl V. wollte hier endlich einen Ausgleich zwischen den Religionsparteien herbeiführen. Alle Kräfte im Reich sollten einig sein, denn die Türken standen vor den Toren. Mit einem von ihm redigierten Kompromisspapier gelang es Melanchthon, zumindest die verschiedenen Fraktionen der Reformation unter einen Hut zu bringen. Dieses »Augsburger Bekenntnis«, lateinisch »Confessio Augustana«, sollte zeigen, dass die Protestanten keine wilden Rebellen waren, sondern auf dem Boden der kirchlichen Tradition standen – treu dem Evangelium und dem
unverfälschten Glauben der Väter.

Melanchthon stellte klar: Die reformatorische Lehre ist die gute, alte Lehre der Kirche abzüglich der in Rom eingerissenen Missstände. Damit war auch Luther völlig einverstanden; er mokierte sich allerdings etwas über Melanchthons behutsam-versöhnlerischen Ton – »ich kann so sanft und leise nicht treten!« Hatte »Magister Philippus« doch im Bemühen, die Römer nicht zu verprellen, auf die Erörterung solcher Reizthemen, wie der Stellung des Papstes und der Mittlerfunktion des Priesters, verzichtet. Das Gemeinsame war ihm stets wichtiger als das Trennende.

Melanchthon beschränkte sich nicht auf Verteidigungsschriften und theologische Summen. Die organisatorische Gestalt des deutschen Protestantismus mit Kirchenverfassung und Disziplin ist ohne ihn nicht denkbar. Und er setzte die tiefgreifendste Bildungsreform aller Zeiten in Deutschland in Gang, getreu seinem stolzen Motto: »Bildung ist mehr als Troja erobern!«

Denn mit Bildung, Wissen und Verstand lasse sich der Mensch veredeln und so die Welt verbessern. Deshalb beteiligte er sich unter anderem an der Gründung hoffnungsvoller neuer Universitäten in Jena, Marburg, Königsberg.

Doch der Einigungsprozess scheiterte erneut, weniger an theologischen Differenzen, sondern an Nebensächlichkeiten, Besitz- und Machtfragen. Die politischen Fronten verhärteten sich: Kaiser Karl V. träumte von einem Konzil, das die Lutheraner wieder in den Schoß der römischen Kirche zurückführen und ihm ein lästiges Problem vom Hals schaffen würde. Die protestantischen Fürsten wiederum fürchteten, der Kaiser werde die Einheit gewaltsam wiederherzustellen suchen, und gründeten ein Militärbündnis, den Schmalkaldischen Bund, zur Verteidigung ihrer Sache. Mittendrin Philipp Melanchthon, der immer wieder wesentliche Stücke einer Einigung zustandebrachte, aber eben nie den kompletten Friedensschluss; den hätte die Politik mit allen Mitteln torpediert.

Die zunehmende Kritik aus den eigenen Reihen stärkte Melanchthons Position nicht gerade. Dabei rackerte er sich für seine Kirche ab wie kein anderer, als Verhandlungsführer, als rühriges Mitglied zahlreicher Kommissionen und Gesprächskreise, als Autor und akademischer Lehrer, mit einer seltenen Besessenheit. Täglich hielt er drei bis vier Vorlesungen, doppelt so viele wie seine Kollegen. Ein einziges Mal fiel eines seiner Seminare aus: am Tag seiner Hochzeit mit der Kaufmannstochter Katharina Krapp.

Natürlich hatte Martin Luther die Beziehung eingefädelt; Melanchthon hatte schlicht keine Zeit zur Brautschau. Und wertete seinen Hochzeitstag später mürrisch als »Tag der Trübsale«. Immerhin gingen vier Kinder aus der sonderbaren Beziehung hervor. Philipp Melanchthon stand um zwei oder drei Uhr morgens auf, schrieb Briefe und arbeitete an seinen Vorlesungen. Nach einer Andacht mit Ehefrau und Dienstboten um sieben Uhr eilte er zur Hochschule. Er ging früh schlafen – nicht ohne noch ein Glas Rheinwein getrunken zu haben. Das scheint das einzige Zugeständnis des Asketen an die lustvollen Seiten des Lebens gewesen zu sein.

Als Melanchthon unter der dauernden Überlastung zusammenbrach und mit dem Tod rang, saß Luther stundenlang an seinem Bett und bestürmte den Himmel. Melanchthon wurde tatsächlich wieder gesund und wollte 1545 am Trienter Konzil teilnehmen, musste aber wegen kriegerischer Wirren umkehren. Das Konzil brachte die ernüchternde Erkenntnis, dass die Einheit endgültig verspielt war. »Gegenreformation« statt Dialog. Daheim in Wittenberg, seine Frau war gestorben und auch Luther überlebte die Konzilseröffnung nur um wenige Monate, kämpfte Melanchthon mit Schlaflosigkeit und Augenschwäche – und freute sich, obwohl er erst 48 Jahre alt war, auf den Tod, der ihn von der »Wut der Theologen«, wie er sagte, befreien würde.

Doch der Erlöser kam erst 15 Jahre später, am 19. April 1560. Auf Melanchthons Schreibtisch fand man einen Zettel, auf dem er notiert hatte: »Du kommst zum Licht. Du wirst Gott schauen und den Sohn sehen. Du wirst die wunderbaren Geheimnisse erfahren, die du in diesem Leben nicht begreifen konntest: warum wir so geschaffen sind und nicht anders und was es damit auf sich hat, dass wir Christus als Gott und Mensch zugleich bekennen.«

Christian Feldmann

Mit dem Herz bei den Menschen

15. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Tag der Pflege – für Steffi Schmaltz (51) und Hans-Jörg Vollbrecht (47) ist dieser Tag nicht nur einmal im Jahr. Mit der Pflegerin und dem Pfleger sprach Adrienne Uebbing.

Warum haben Sie sich für einen Pflegeberuf entschieden?
Schmaltz:
Ich hab, ganz ehrlich gesagt, keinen anderen gekannt (lacht). In meiner Familie sind sie alle Krankenschwester, und ich hab mit 16 Jahren Krankenschwester gelernt, also nach der 10. Klasse. Wahrscheinlich habe ich mich aus Familientradition dazu berufen gefühlt, zu helfen und in die Pflege zu gehen.
Vollbrecht: Ich hatte mich ursprünglich nicht für den Pflegeberuf entschieden. Das geschah eher aus der Not heraus. Ich bin gelernter Koch und war hier Küchenleiter. Als die Küche geschlossen wurde, ist die Geschäftsführerin auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich mir auch vorstellen könnte, in die Pflege zu gehen. Das habe ich dann getan, mich entsprechend weiterqualifiziert und für mich passt das jetzt sehr gut. Es war rückblickend ein Glücksfall. Wenn man mit Menschen umgehen kann und gerne hilft, dann ist das kein Problem.

Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Schmaltz:
Also, ich bin ja noch nie woanders gewesen als berufstätige Frau, ich hab immer diesen Beruf gemacht. Und er macht mir heute noch Spaß, sonst hätte ich das bestimmt schon eher mal aufgegeben. Aber ich bin mit Leib und Seele Krankenschwester. Ich kann nichts anderes und das ist für mich meine Berufung.

Was macht die Diakonie als Arbeitgeber aus?
Schmaltz:
Ich habe 1990 hier angefangen und bin auch in die Brüdergemeine eingetreten. Ich habe mich taufen lassen, zusammen mit meiner Tochter und meiner Mutter. Für mich ist der Glaube sehr wichtig. Und wir sind ja ein christliches Haus: Bei uns finden Gottesdienste statt und auch Andachten. Ganz ehrlich: Das macht für mich sehr, sehr viel aus. Das gibt mir viel Kraft. Meine Mitarbeiter sind nicht alle in der Kirchgemeinschaft, aber viele sind auch christlich, und das gibt mir Kraft.

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht.Foto: Sandra Smailes

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht. Foto: Sandra Smailes

Vollbrecht: Das macht wirklich einen Unterschied, ja. Ich bin Mitarbeitervertreter und wir haben etliche Kollegen, die wegen zwei-, dreihundert Euro mehr in andere Heime gehen. Von denen kommen ganz viele wieder zurück, weil sie sagen: Hier bei der Diakonie erleben wir Gemeinschaft und Teamgeist. Einer springt für den anderen ein, man lässt sich nicht hängen. Normalerweise, Ausnahmen gibt es immer, ist ja klar (lacht).

Wie empfinden Sie das Image des Pflegeberufes, was halten Ihre Familien und Freunde davon?
Vollbrecht:
Na ja, oft kommt ein ganz großes »Chapeau«, man zieht den Hut vor unserer Arbeit, aber: wirklich machen will sie keiner. Und wenn ich wieder einspringen muss, dann kommt schon von der Partnerin ein kritischer Blick. Aber das ist auch, denke ich, legitim.
Schmaltz: Was meinen Freundes- und Bekanntenkreis anbelangt – die schätzen meine Arbeit schon. Viele sagen aber: »Oh, das könnte ich nicht. Und immer feiertags arbeiten und am Wochenende …« Meine Familie hat Verständnis für die ungewöhnlichen Arbeitszeiten, für die Schichtarbeit. Wir kriegen das gut unter einen Hut. Da gibt es keine Fragen, es ist ganz normal, gehört eben dazu – wir kennen es nicht anders.

Frau Schmaltz, führt Ihre Tochter denn die Familientradition fort?
Schmaltz:
Nein. Stellen Sie sich das vor: Sie ist die Einzige, die das nicht kann. Bei uns sind ja alle in der Pflege gewesen: meine Oma, meine Mutter, meine Tante. Als meine Tochter es mal als Ferienarbeit versuchen sollte, hat sie gesagt: »Ich kann das nicht, Mutti.« Die ist aus der Art geschlagen (lacht).
Vollbrecht: Ja, manch einer kann z. B. mit Ausscheidungen von Menschen nicht so gut umgehen oder hat ein sehr starkes Geruchsempfinden. Damit muss man umgehen können.

Warum können Sie jungen Menschen empfehlen, einen Pflegeberuf zu ergreifen?
Vollbrecht:
Erstens, weil Pflegepersonal gebraucht wird. Denn die zu Pflegenden werden nicht weniger. Und außerdem kann man anderen helfen. Man bekommt Dankbarkeit zurück – auf alle Fälle.
Schmaltz: Ich empfehle den Beruf, weil der Dienst an den Menschen in meinen Augen mit das Wichtigste ist, was man machen kann. Und vor allem an den alten Menschen. Es ist nicht immer einfach, das wissen wir selbst. Auch wenn sie sterben – es ist schwierig, damit zurechtzukommen. Manchmal auch für mich, auch noch nach all den Jahren. Aber ich kann den Pflegeberuf nur empfehlen, weil unsere alten Leute bestimmt nicht weniger werden. Und hoffentlich gibt es dann noch Menschen, die das gerne machen.

Wenn Sie einen Wunsch in Bezug auf Ihren Arbeitsplatz frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Vollbrecht:
Mehr Zeit für die Patienten, für die zu Pflegenden, weniger Bürokratie, weniger Dokumentation. Ich glaube, diesen Wunsch haben alle.
Schmaltz: Auf meiner Arbeitsstelle ist es eigentlich wirklich schön und angenehm. Aber ich würde mir wünschen, dass wir vielleicht mehr Zeit hätten für unsere Bewohner. Ein bisschen mehr Zeit, um Gespräche führen zu können – das würde ich mir von von Herzen wünschen. Mal am Bett sitzen zu können, 20 Minuten oder eine halbe Stunde. Und den Menschen, den ich pflege, um den ich mich kümmere, noch besser kennenzulernen und nicht zum nächsten Bewohner zu rennen.

Aus drei wird eins
Die Reform der Pflegeberufe sieht vor, dass ab 2019 die bisher getrennten Bildungswege in der Pflege abgeschafft und in einer gemeinsamen Pflegeausbildung zusammengefasst werden. Wer diese dann drei Jahre lang durchläuft, kann anschließend sowohl als Kranken-, Alten- oder Kinderkrankenpfleger arbeiten. Wer sich aber auf Alten- oder Kinderkrankenpflege festlegen möchte, kann nach zwei Jahren auch in einen spezialisierten Zweig einschwenken. Die neuen Ausbildungsregeln sollen zunächst für sechs Jahre getestet werden.

(G+H)

»In vier Jahren bist du tot«

14. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Eine krasse Idee: Der württembergische Pfarrer Heiko Bräuning hat sich ein Sterbedatum gesetzt. Er wollte spüren, wie es sich im Angesicht des Todes lebt. Nun kündigt er seine Arbeitsstelle.

Die Traueranzeige hatte er im Jahr 2012 entworfen:

Feuilleton-3-19-2017Doch das Ganze nur als Experiment, als Gedankenspiel. Der evangelische Pfarrer setzte sich das fiktive Sterbedatum, um zu erfahren, wie es sich angesichts des bevorstehenden Todes lebt. Seine Erlebnisse und Gedanken aus diesen vier Jahren hat er in einem Buch zusammengefasst.

In Kirchen hört man das Gebet aus Psalm 90, Vers 12 häufiger: »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.« Doch wie soll man das bedenken, wenn es einen jeden Tag treffen kann, andererseits statistisch das Lebensende noch Jahrzehnte entfernt liegt? Genau deshalb ist Bräuning auf die Idee eines vier Jahre entfernten Todestages gekommen.

Kaum steht der Termin im Kalender, verändert sich vieles. Warum soll er noch so viele Überstunden im Büro machen, anstatt mit seinem Sohn auf den Fußballplatz zu gehen, fragt er sich. Warum soll er mit seiner Ehefrau im Clinch liegen, wenn demnächst ohnehin alles vorbei ist? Warum soll er in den letzten Monaten seines Lebens noch in Dinge investieren, die ihm weder Spaß machen noch sein Interesse finden? Zeit wird auf einmal sehr kostbar.

Ihm gehe es »nicht um eine perfekte Sterbevorbereitung, sondern um eine gute Lebenseinstellung«, schreibt Bräuning. Für den verheirateten Vater von vier Kindern hat das Experiment weitreichende Konsequenzen. Der 47-Jährige erkennt, dass er als Gemeindepfarrer – derzeit auf einer 50-Prozent-Stelle – nicht am richtigen Platz ist. Deshalb wird er zur Jahresmitte aus dem landeskirchlichen Dienst aussteigen.

Heiko Bräuning: Manche haben ihn vor einer »selbsterfüllenden Prophezeiung« gewarnt. Foto: epd-bild

Heiko Bräuning: Manche haben ihn vor einer »selbsterfüllenden Prophezeiung« gewarnt. Foto: epd-bild

Gewachsen ist seine Leidenschaft für den TV-Gottesdienst »Stunde des Höchsten«, den er vor acht Jahren ins Leben gerufen hat. Die Sendungen werden auf Bibel TV und im Internet ausgestrahlt. Das Diakoniewerk »Die Zieglerschen« in Wilhelmsdorf bei Ravensburg, bei dem Bräuning ebenfalls zu 50 Prozent angestellt ist, unterstützt diese Medienaktivitäten. Weiterhin wird der Fernsehpfarrer und Liedermacher Konzerte geben sowie in der Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg mitarbeiten.

Die persönliche Deadline hat den Theologen dazu geführt, schneller Nägel mit Köpfen zu machen. »So viele Entscheidungen werden nicht getroffen, weil ich Angst davor habe, was andere über mich sagen«, schreibt er. Und deshalb gönnt er sich Dinge, die immer wieder aufgeschoben wurden: Der begeisterte Klavierspieler kauft sich einen Flügel, nimmt sich viel mehr Zeit fürs Texten und Komponieren, macht den Bootsführerschein, besucht die Passionsfestspiele in Oberammergau, geht mit seinen Kindern ins Stadion zu einem Spiel der Fußball-Nationalmannschaft.

Sein neues Motto: »Nichts mehr auf die lange Bank schieben. Nichts mehr aussitzen. Nichts mehr abwarten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.«

Bräuning, Heiko: Mein Deadline-Experiment. Vom fiktiven Sterben zum glücklicheren Leben, cap-books, 160 S., ISBN 978-3-86773-283-3, 13,99 Euro

Bräuning, Heiko: Mein Deadline-Experiment. Vom fiktiven Sterben zum glücklicheren Leben, cap-books, 160 S., ISBN 978-3-86773-283-3, 13,99 Euro

Als das gesetzte Todesdatum näher rückt, bekommt es Bräuning allerdings mit der Angst zu tun. Manche haben ihn vor einer »selbsterfüllenden Prophezeiung« gewarnt. An dem Tag selbst rechnet er jeden Moment damit, einen tödlichen Unfall zu erleiden oder an einem Herzinfarkt zu sterben. Doch es passiert nichts – und das Leben geht für ihn weiter.

Heute lebt er nach eigenen Worten anders, bewusster. Wie das auch anderen Menschen gelingen kann, ohne gleich einen Todestermin in den Kalender zu setzen, beschreibt er im letzten Abschnitt seines Buchs. Er wirbt dafür, die eigene Mitte im Leben zu finden, Dankbarkeit zu entdecken, Belastendes loszulassen und den Genuss in den Alltag zurückzuholen – bevor der Tod tatsächlich kommt.

Marcus Mockler (epd)

Heilung der Erinnerung

9. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Im Vorfeld der 12. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Namibia (11. bis 16. Mai) hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Nachfahren des Völkermords im früheren Deutsch-Südwestafrika um Vergebung gebeten.

Von 1884 bis 1915 war das heutige Namibia eine deutsche Kolonie. Die afrikanische Bevölkerung, besonders die Herero und die Nama, setzte sich gegen die zunehmende Entrechtung und Enteignung sowie rassistische Diskriminierung zur Wehr. Ihr Aufstand wurde mit Vernichtungsbefehlen beantwortet und blutig niedergeschlagen; bei Kämpfen, Massakern und später in Konzentrationslagern starben Schätzungen zufolge in den Jahren 1904 bis 1908 bis zu 100 000 Menschen – aus Sicht von Historikern der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

In einer vom Rat der EKD Ende März verabschiedeten Erklärung stellt sich die Evangelische Kirche in Deutschland ausdrücklich ihrer historischen Mitverantwortung für die im heutigen Namibia begangenen Gräueltaten. Auch wenn nach Quellenlage die nach Südwestafrika entsandten deutschen evangelischen Pfarrer nicht selbst direkt zu den Massentötungen aufgerufen hätten, traten sie doch bis auf wenige Ausnahmen dem Völkermord nicht entgegen. Vielmehr sei durch die theologische Rechtfertigung von imperialem Machtanspruch und kolonialer Herrschaft der Boden für den Tod vieler Tausender Angehöriger der namibischen Volksgruppen bereitet worden.

Ein »tiefsitzender Rassismus, gespeist aus einem kulturellen Überlegenheitsgefühl und einer tief gegründeten Angst um die eigene, möglicherweise gefährdete Identität« habe ihr Denken geprägt und ihr Reden und Handeln vergiftet, heißt es in der Erklärung. »Dies ist eine große Schuld und durch nichts zu rechtfertigen.«

Als Nachfolgeinstitution des einstigen Evangelischen Preußischen Oberkirchenrats, der seinerzeit im Auftrag aller deutschen evangelischen Landeskirchen handelte, bekenne sich die EKD »heute ausdrücklich gegenüber dem gesamten namibischen Volk und vor Gott zu dieser Schuld. Wir bitten die Nachfahren der Opfer und alle, deren Vorfahren unter der Ausübung der deutschen Kolonialherrschaft gelitten haben, wegen des verübten Unrechts und zugefügten Leids aus tiefstem Herzen um Vergebung.«

Dieses Schuldbekenntnis sei Ausdruck einer bleibenden historischen und ethischen Verpflichtung. Man wolle gemeinsam mit den Nachfahren der Ermordeten das Gedenken an die Opfer wachhalten und für die Anerkennung des Genozids öffentlich eintreten. Es gehe darum, »an der Überwindung des durch die deutsche Kolonialherrschaft begründeten und danach fortgesetzten Unrechts zu arbeiten«.

Der Erklärung war ein zweiteiliger Studienprozess (2007–2015) zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Rolle der Kirche und Missionswerke während der Kolonialzeit vorangegangen. Die Aufarbeitung soll allen Beteiligten dabei helfen, »als Kirche Jesu Christi nicht nur Vergangenes besser zu verstehen, sondern auch die Wunden der Vergangenheit zu heilen und eine friedliche und gerechte Zukunft mitzugestalten«.

»Wir müssen uns an die Zeit des Kolonialismus erinnern, aber wir brauchen dazu den Geist der Versöhnung. Die Befreiung unserer Länder kann nur dann gelingen, wenn Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen zusammenkommen, sich den Schmerz und die Sorgen der anderen anhören und sich die Hand reichen«, wird der frühere Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Namibia, Zephania Kameeta, in der EKD-Erklärung zitiert.

Kameeta, heute Minister für Armutsbekämpfung und soziale Wohlfahrt, wird anlässlich der LWB-Vollversammlung bei der großen Reformations-Gedenkfeier am 14. Mai im Sam-Nujoma-Fußballstadion in Windhuk die Predigt halten.

Im Vorfeld der LWB-Vollversammlung in der namibischen Hauptstadt hat dessen Generalsekretär Martin Junge die Hoffnung geäußert, dass die EKD-Erklärung zu den Kolonialverbrechen sowie Gespräche zwischen den Kirchen in Namibia und Deutschland die Aussöhnung zwischen beiden Ländern beschleunigen könne. Er begrüßte zudem die Aufarbeitung der Verbrechen durch beide Regierungen: »Das ist ein Versöhnungsprozess zwischen Namibia und Deutschland«, sagte Martin Junge dem Evangelischen Pressedienst.

Sollte der LWB gebeten werden, dabei zu vermitteln, sei der Dachverband dazu bereit. Bisher habe sich der Weltbund aus gutem Grund nicht in diesen komplexen Prozess eingemischt. »Jeder Versöhnungsprozess ist einzigartig, es gibt keine Standardlösungen, vielmehr müssen die Akteure herausfinden, wie das Geschehene gemeinsam benannt werden soll und wie man sich einer gemeinsamen Zukunft zuwenden kann«, so Martin Junge. Aussöhnung sei das Fundament für zukünftige Zusammenarbeit.

Ende Februar hatten Nachfahren der Völkermord-Opfer die deutsch-namibischen Regierungsverhandlungen über die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte kritisiert. Vertreter der Volksgruppen der Herero und Nama seien an den Gesprächen nicht beteiligt, sagte die Vorsitzende der Ovaherero Genocide Foundation, Esther Muinjangue. Sie betonte, dass die Opfervertreter keine individuellen Entschädigungen forderten. Auch eine konkrete Summe wurde nicht genannt. Vorstellbar sei stattdessen etwa der Bau einer von Deutschland finanzierten Universität im südlichen Namibia, die Herero und Nama sowie anderen Bewohnern Namibias offenstehen solle, sagte Muin­jangue.

Auch sei eine offizielle Entschuldigung Deutschlands für den Genozid dringend erforderlich.

Adrienne Uebbing

www.ekd.de/EKD-Texte/weitere_texte.html

Blog zur LWB-Vollversammlung in Namibia:
felixkalbe.de/category/namibia/

Sie schwingen und klingen

Kirchenglocken: Zu hören sind sie mindestens jeden Sonntag, meist auch öfter in der Woche. Warum Glocken­geläut Musik ist und warum welche Glocken wann läuten.

Glocken sind das öffentlich wahrnehmbare Signum christlicher Kirchen. Die weithin zu hörenden Musikinstrumente kennzeichneten die Kirchen, lange bevor es Orgeln gab. Doch Glocken sind bedroht. Weniger sind es Wind und Wetter, die den bronzenen Kunstwerken zusetzen. Schließlich haben viele, die heute in den Kirchtürmen hängen, nicht nur Gewitter und Stürme, sondern selbst Kriege und Plünderungen überstanden. Was den Glocken zusetzt, sind Unverständnis und Ignoranz. Nicht jedes Mitglied einer Kirche würde vermutlich dem Satz zustimmen: Glocken sind Musikinstrumente.

In der Tat: Glocken können unter bestimmten Umständen auch dem Bundes-Immissionsschutzgesetz und dessen Umsetzung der »Technischen Anleitung zum Schutz vor Lärm« unterliegen. Heute ist indes höchstrichterlich geklärt, dass Glocken nur dann dieser Verwaltungsvorschrift entsprechend verstanden werden, wenn sie die Zeit anzeigen – der Stundenschlag also gilt verwaltungstechnisch als »Lärm«. Dabei ist der Klang eines jeden Geläuts musikalisch bestimmt.

Jede Glocke hat ihre eigene Aufgabe. Foto: Gina Sanders – fotolia.com

Jede Glocke hat ihre eigene Aufgabe. Foto: Gina Sanders – fotolia.com

Das kirchlich-liturgische Geläut unterliegt einer anderen Regel. In jeder Kirchengemeinde sollte es entsprechend der örtlichen Traditionen Läuteordnungen geben.

Jede Glocke, gleich wie viele im Turm hängen, hat ihre eigene Aufgabe: gibt es zwei Glocken im Turm, so ist die größere die »Betglocke«, die kleinere wird als »Kreuzglocke, Tauf- und Schiedglocke« geläutet. Stehen drei Glocken zur Verfügung, so wird die mittlere zur Kreuz- und Schiedglocke. Am häufigsten anzutreffen sind vierteilige Geläute. Sie bestehen aus der größten Glocke, die meist als Betglocke geläutet wird, die nächstkleinere wird zur Kreuz- und Schiedglocke, die dritte zur Zeichenglocke und die kleinste zur Taufglocke.

Die Betglocke wird üblicherweise am Morgen und am Abend geläutet. Außerdem erklingt sie zur Mittagszeit. Die Morgenglocke will zum Morgengebet wecken und täglich an die Auferstehung Christi erinnern. Die Mittagsglocke ruft – anders als vielerorts angenommen wird – nicht zum Mittagessen oder zur Mittagspause, sondern zum Gebet für den Frieden. Das Abendgeläut erklingt zur dritten Gebetszeit des Tages, zum Dank für den Tag und zum Bedenken des Endes. Die Betglocke bekommt auch im sonntäglichen Gottesdienst eine Aufgabe: Sie läutet, während die versammelte Gemeinde das Vaterunser spricht, und lädt damit all jene ein, das Gebet mitzusprechen, die nicht am Gottesdienst teilnehmen können.

Dort, wo es Kreuzglocken gibt, werden diese um 11 Uhr am Vormittag und um 15 Uhr geläutet, mancherorts bereits um 9 Uhr. Zu diesen Zeiten wird an Leiden und Sterben Jesu Christi erinnert: 9 Uhr gilt als die Stunde der Kreuzigung, 11 Uhr als die Stunde der hereinbrechenden Finsternis, von der die Evangelisten Matthäus (Kapitel 27), Markus (Kapitel 15) und Lukas (Kapitel 23) berichten. 15 Uhr gilt demnach als die Todesstunde Jesu. Deshalb wird diese Läutezeit auch »Schiedungsläuten« genannt.

Die Zeichenglocke erinnert eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn an den Kirchgang. »Denn mit der Freude Feierklange / Begrüßt sie das geliebte Kind / Auf seines Lebens erstem Gange, / Den es in Schlafes Arm beginnt«, so beschreibt Friedrich Schiller in seinem »Lied von der Glocke« die Aufgabe der kleinsten Glocke. In der Regel wird sie als Taufglocke genutzt. Die Taufglocke erklingt, während im Gottesdienst ein Mensch getauft wird. Wenn es aber bei Schiller heißt: »Schwer und bang / Tönt die Glocke / Grabgesang. / Ernst begleiten ihre Trauerschläge / Einen Wandrer auf dem letzten Wege«, dann ist es die Schiedglocke, die eingesetzt wird. Sie läutet, wenn ein Mitglied der örtlichen Kirchengemeinde verstorben ist. Je nach örtlichem Brauch wird sie am Folgetag um die Mittagszeit oder am Vormittag geläutet. Dieser Glockenruf erinnert an den oder die Verstorbenen und mahnt wie Psalm 90 (Vers 12) an den eigenen Tod.

»Quillt der Segen / Strömt der Regen, / Aus der Wolke, ohne Wahl, / Zuckt der Strahl! / Hört ihr’s wimmern hoch vom Turm! / Das ist Sturm! / Roth wie Blut / Ist der Himmel. / Das ist nicht des Tages Glut!« Zur Warnung vor Unwetter und bei Feuer geläutet wurde noch zu Zeiten Schillers und lange danach. Diese Funktion haben Kirchenglocken heute nicht mehr.

Läuten zum Gottesdienst ist die zentrale Aufgabe der Glocken. Doch auch da gibt es Unterschiede. So wird mancherorts nur einmal, andernorts zweimal mit einer Glocke geläutet, und zwar eine und dann nochmals eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn drei bis fünf Minuten lang. Das volle Geläut erklingt zu den Hauptgottesdiensten am Sonntag und an den hohen Feiertagen. Dabei gibt es immer wieder Diskussionen darüber, wann das volle Geläut ertönen soll. »Vorläuten« heißt es, wenn die Glocken etwa zehn Minuten vor dem Gottesdienstbeginn klingen.

Beim festlichen Geläut zu Gottesdiensten soll, damit die volle Wirkung zu hören ist, mit der kleinsten Glocke begonnen werden. Dann werden in Abständen von etwa zehn Sekunden die weiteren Glocken von klein nach groß eingeschaltet. In der gleicher Reihenfolge wird das Geläut beendet, sodass die jeweils größte Glocke, häufig als Dominika, die Beherrschende, bezeichnet, als letzte ausklingt.

M. Ernst Wahl

Der Gesellschaftsreformer

8. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Mit Blick auf Europa können wir von Martin Luther noch eine Menge lernen, findet Klaus-Rüdiger Mai. Mit dem Schriftsteller sprach Sabine Kuschel.

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Herr Mai, Sie beschäftigen sich in Ihren Büchern als Historiker und Philosoph mit Martin Luther. Was interessiert Sie an ihm?
Mai:
Wir machen einen Fehler, wenn wir Luther als Theologen im heutigen Sinne verstehen. Denn heute ist die Theologie eine Fachwissenschaft – wie Medizin, Geschichte, Philosophie und Physik. Im Mittelalter war sie Allgemeinwissenschaft. Alle Fächer gingen in Theologie über. Für alle alltäglichen und wissenschaftlichen Fragen galt immer die Autorität der Theologie. Ich würde Martin Luther aus heutiger Sicht als Gesellschaftsreformer, Gesellschaftsdenker sehen. Er hat über alles nachgedacht und geschrieben: über Bildung, über Wirtschaft, über Eheleben, Kriegswesen, um nur einige Beispiele zu nennen – Themen, die nicht unbedingt Kernthema von Theologie sind. Insofern hat mich, wenn ich mich mit dieser Zeit beschäftige, Luther interessiert.

Was ist in Ihren Augen die besondere Leistung Luthers?
Mai:
Luthers Ansatz von der Freiheit eines Christenmenschen ist für mich das Gründungsdokument des modernen Europas. Wer nicht genauer hinschaut, mag das übertrieben finden. Aber die Grundlage unserer modernen Gesellschaft beruht auf dem Individuum, auf dem Bürger. Genau das hat Luther definiert. Nämlich die Freiheit der Bürger. Das begeistert mich an dem Reformator. Er ging vom Individuum aus, vom Christen, der die Gnade des Glaubens hat.

Der Gerechte lebt aus Glauben allein. Das heißt auch, er ist nicht Masse, nicht Verfügbarkeit, sondern ein Einzelner, der sich dieses Geschenkes bewusst werden sollte. Luther definiert in seiner Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, was Freiheit ist. Er sagt: Der Christenmensch ist frei und keinem untertan. Und er sagt: Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und aller Dinge und jedem untertan. Damit meint er, dass der Christ eine Verantwortung für die Schöpfung hat. Und deswegen ist Luthers Freiheitsbegriff der modernste. Er balanciert Freiheit, Gewissen und Verantwortung aus. Ich habe in den nachfolgenden 500 Jahren nichts Klareres, Besseres als Luthers Definition gefunden.

Wir können also von Luther noch etwas lernen?
Mai:
Unbedingt! Die Vorstellung von einem Zentralstaat war Luther fremd. Dass es ein Zentrum in Rom gibt, dem alle zuzuarbeiten haben, hat Luther nicht akzeptiert. Er denkt, modern gesprochen, föderaler, regionaler. Seinen Widerstand gegen Rom, gegen eine über allem thronende Macht, wo der Christ, der Untertan als Einzelner nicht mehr vorkommt, finde ich nahezu modern. Wenn wir heute in Europa über zentrale oder regionale Strukturen, über ein EU-Brüssel oder ein Europa der Regionen reden, können wir von Luther eine ganze Menge lernen.

Die nationale Sonderausstellung beleuchtet Luthers Verhältnis zu den Deutschen. Dabei geht es in besonderer Weise um seine Bibelübersetzung …
Mai:
Es gab bereits Bibelübersetzungen ins Deutsche. Die fanden aber keinerlei Anwendung. Denn es war zu Zeiten des Reformators und davor verpönt, die Bibel zu lesen. Martin Luther hatte im Kloster Schwierigkeiten, weil man nicht verstanden hat, warum er so oft, so intensiv die Bibel studierte. Die Kirche fürchtete, dass die Bibel falsch verstanden werden konnte, sie sorgte sich um ihre Deutungshoheit. Deswegen sollten die Leute nicht in die Bibel schauen. Luther aber sagte: Alle Christen sind gleich, es gibt keinen Unterschied zwischen den Christen, zwischen dem Bauern, der ein Christ ist, und dem Papst, keine Über- und keine Unterchristen. Wenn sich alle mit der Bibel beschäftigen sollen, dann muss sie auch für alle verständlich sein.

Luther verbindet seine Bibelübersetzung mit der Forderung an jeden Christen, sie täglich zu lesen. Auch aus diesem Grund tritt er dafür ein, dass alle lesen und schreiben lernen. Die Bibelübersetzung wiederum wird notwendig, damit dieses Ziel erreicht werden kann.

Illustrationen: www.3xhammer.de

Illustrationen: www.3xhammer.de

Da er möchte, dass die Leute die Bibel auch verstehen, »schaut er dem Volk aufs Maul«. Luthers Sprachgenie gilt noch immer als unerreichbar und als Vorbild …
Mai:
Martin Luther hatte ein unglaubliches Gehör für Dialoge, für die Ausdrucksweise der Menschen. Das hat zu tun mit seiner Herkunft. Er ist in der sehr vitalen, sehr vielgestaltigen wirtschaftlichen Welt des Erzbergbaus in Mitteldeutschland groß geworden. Dort entwickelte er das Gespür für die deutsche Sprache, die damals noch keine Literatur- und Kultursprache war. Kultur- und Wissenschaftssprache war Latein.

Mit anderen Worten, Luther hat mit seiner Bibelübersetzung die Volkssprache auf ein literarisches Niveau gehoben, ohne dass dabei die Verständlichkeit verlorenging, ohne dass die Sprache dadurch abstrakt, blutleer wurde, ohne dass sie ihre Verhaftung im Alltagsleben der Menschen einbüßte.

Die Menschen des Mittelalters waren von Angst gepeinigt. Theologisch ist Luther zu der Erkenntnis gelangt, dass der Christ nichts leisten, keine Werke vollbringen muss. Er ist gerecht aus Glauben. Das war das Neue, das Befreiende …
Mai:
Luthers Erkenntnisse öffneten zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Tore und Türen zu einem neuen, sehr praktischen Lebensverständnis. Auch Luther hatte zunächst Angst vor Jesus Christus, der für ihn ein schrecklicher Richter war. Aber er kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass Gottes Gerechtigkeit vollkommen anders funktioniert, als es bisher gelehrt wurde. Erstens entdeckt Luther in Christus den Liebenden und zweitens begreift er, dass der Gerechte aus Glauben allein lebt. Diese Vorstellung schiebt die ganze Ablasspraxis, die ganze Werkgerechtigkeit vollkommen beiseite. Das bringt eine ungeheure Befreiung. Albrecht Dürer, der ein großer Verehrer von Luther war, schreibt deshalb: »Martin Luther hat mich befreit.«

Luther wies den Menschen seiner Zeit, die in Glaubensbedrängnissen litten, einen neuen Weg. Deswegen diese plötzliche Begeisterung vieler Zeitgenossen für Luther und für das, was er sagte.

Die zehnjährige Beschäftigung mit der Reformation treibt gelegentlich sonderbare Blüten. Wie geht es Ihnen damit?
Mai:
Na ja, ich würde mir Luther nicht als Playmobil kaufen und hinstellen. Aber dem Reformator schadet das nicht. Solche Blüten dürfen jedoch nicht zum Gegenstand ernsthafter Kritik erhoben werden. Ich stimme nicht in die Kritik einiger Kirchenhistoriker ein, die eine zu große Oberflächlichkeit festzustellen meinen. Meine Kritik richtet sich gegen einen anderen Effekt, der eintritt, wenn zehn Jahre lang gefeiert wird. Man wird mäklig. Und dann fängt man an, die dunklen Seiten der Reformation und Luthers aufdecken zu wollen und kippt ahistorisch wohl eher selbst schwarze Farbe hin, als dass man tatsächlich dunkle Stellen ausfindig macht.

Überdies habe ich manchmal den Eindruck, dass die Funktionäre der EKD verführt zu sein scheinen, nicht Martin Luther, sondern sich selbst in der Reformationsdekade zu feiern.

Ich hingegen möchte Martin Luther feiern, indem ich die Aktualität seines Denkens und Handelns immer aufs Neue entdecke.

Klaus-Rüdiger Mai (Jahrgang 1963) ist Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. In seinen Sachbüchern beschäftigt er sich mit religiösen und gesellschaftspolitischen Fragen. Zwei Bücher über Martin Luther stammen aus seiner Feder.

• Mai, Klaus-Rüdiger: Martin Luther – Prophet der Freiheit. Romanbiografie, Kreuz Verlag, 448 S., ISBN 978-3-451-61226-8, 22 Euro (siehe Rezension Seite 13)
• Mai, Klaus-Rüdiger: Gehört Luther zu Deutschland? Herder Verlag, 208 S., ISBN 978-3-451-34846-4, 19,99 Euro

Luther würde andere Zeichen senden

8. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Sorgte für Furore: Erik Flügges Buch »Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt.« Katja Schmidtke sprach mit Erik Flügge über Luthers Bibelübersetzung und dass sein Deutsch heute nicht zum Vorbild taugt.


Herr Flügge, Martin Luther hat auf der Wartburg die Bibel übersetzt. Mögen Sie sein Deutsch?
Flügge:
Ich kann es nicht nicht mögen, weil ich es – wie wir alle in Deutschland – spreche. Die Kraft seiner Bibelübersetzung war so groß, dass sich die allgemeine deutsche Sprache daran anpasste. Wir sprechen heute alle Lutherisch.

Was wir von ihm lernen können: In seiner Zeit produziert er den dichtesten und kraftvollsten Text. Aber ich bin mir sicher, würde Luther heute leben, würde er nicht noch einmal die Bibel übersetzen. Es gibt ja bereits Dutzende Übersetzungen. Nein, er würde andere Zeichen in diese Welt senden.

Erik Flügge, geboren 1986, ist Kommunikationsberater und politischer Stratege. Zuvor war er in der katholischen Bildungsarbeit tätig. Foto: David Sievers Photography

Erik Flügge, geboren 1986, ist Kommunikationsberater und politischer Stratege. Zuvor war er in der katholischen Bildungsarbeit tätig. Foto: David Sievers Photography

Prediger von heute können sich also an Luthers Deutsch kein Beispiel nehmen?
Flügge:
Nein. Denn es ist ein Deutsch aus Luthers Zeit. Er hat etwas für die Menschen seiner Zeit formuliert. Und diese Menschen hatten Eigenschaften, die wir heute in Deutschland nicht mehr haben: Es handelte sich zum überwiegenden Teil um Analphabeten, um angstgetriebene Menschen, die in tiefer Furcht davor waren, in die Hölle zu kommen. Und für sie produziert Luther den passenden, den befreienden Text.

Das ist das Problem protestantischer Verkündigung: Pfarrer, die heute Luthers Sprache reproduzieren und sich fragen warum es nicht funktioniert. Wir leben in einer anderen Welt, mit anderen Fragen und Bildungsvoraussetzungen.

In Ihrem Buch kritisieren Sie die Sprache der Kirche als Gefühlsduselei und Aneinanderreihung von Worthülsen. Was erwarten Sie von einer guten Predigt?
Flügge:
Ich bin Katholik und habe ein Buch über den Katholizismus geschrieben, der tendiert zur Gefühlsduselei. Der Protestantismus hat eine andere Schwachstelle: Er tendiert zum ewigen Zitat. In Predigten finden sich pausenlos Zitate Luthers, Melanchthons, anderer Denker, wörtlich aus der Bibel. Dabei geht völlig verloren, eigene – auf der Bibel basierende – aber eben eigene Gedanken zu produzieren.

Eine Predigt, über die sich nicht mindestens eine Person aufregt, ist nichts wert. Sie enthält keine Position. Die durchaus umstrittene Margot Käßmann weiß das und sie bezieht in der Frage von Krieg und Frieden klar Position. Sie eckt damit an. Aber sie wird damit auch erkannt.

Also ist Ihre Kritik weniger eine Kritik an der Sprache als an Inhaltslosigkeit?
Flügge:
Sprache ist komplex – deswegen hat es für ein ganzes Buch gereicht. Aber ja. Einer meiner Kritikpunkte lautet: Ihr habt keine Position mehr. Ich finde es dramatisch, dass es das Reformationsjubiläum bis jetzt nicht geschafft hat, auch nur einen einzigen großen gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen.

Das bisschen Gerede um die Ökumene interessiert in der Gesamtbevölkerung nicht. Bislang gibt es keine Knallerthese, über die ganz Deutschland zumindest mal eine Woche debattiert und meine Vermutung ist, das wird auch nicht noch passieren. Also bleibt es beim Reformationsgedenken.

Laut idea sind die Gottesdienstbesuche auf einem neuen Tiefstand. Aber bei Hauskreisen, Gesprächsabenden, wenn man anpacken kann, sind Leute da. Wie kommt das?
Flügge:
In solchen Hauskreisen geht es konkret um den Glauben, es wird überhaupt mal statuiert, was ich glaube und dass ich an Gott glaube. Das geht vielen Predigten ab. Da wird Universität gespielt anstatt Zeugnis über den Glauben abzulegen. Hinzu kommt: In kleinen Zirkeln fällt auch die Inszenierung, die Pseudoautorität weg. Und da sind wir bei dem, was frühe Christen gemacht haben: Sie stellten sich nicht mit Mikrofonen in Hallen, sondern sie gingen zu Menschen und aßen rituell gemeinsam und sprachen über ihren Glauben.

Nicht ganz Trumps Amerika

2. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

100 Tage im Amt: Am 20. Januar wurde Donald Trump als 45. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt – ein erstes Resümee.

Präsident Trump verwirrt. Erst war er skeptisch wegen des US-Militäreinsatzes in Syrien, dann schickte er Marschflugkörper. Im Konflikt um das nordkoreanische Atomprogramm setzt er auf eine verstärkte Präsenz seines Militärs im Pazifik. Russland mutierte zum »Bad Guy« (bösen Buben). Doch viel wirklich Superneues gibt es nicht in den USA: Zur Person Donald Trump ist Amerika nach wie vor gespalten. Dessen Sprüche und Programme bleiben nationalistisch, ziemlich radikal marktorientiert. Die Umsetzung stößt allerdings auf beträchtliche Opposition.

Drei Monate Donald Trump im Weißen Haus beziehungsweise an Wochenenden: Donald Trump im Mar-a-Lago Luxusresort in Palm Beach in Florida – wo die Kronleuchter funkeln, das Sonnenlicht auf dem Wasser glitzert und der Privatstrand am Atlantik eben privat ist. Doch manchmal entsteht der Eindruck, der Präsident sehne sich zurück nach dem Wahlkampf. Das mit dem Regieren ist gar nicht so einfach, trotz seiner Twitter-Ausbrüche zu allem Möglichen und der großen Trump-Statements zu Wirtschaftsbelebung und Sicherheit. Gerne tritt der Präsident auf bei Großveranstaltungen in Kentucky und Tennessee und anderswo, wo »seine Leute« groß für ihn gestimmt haben, und viele offenbar noch heute darauf vertrauen, dass Trump ihre Lebensumstände verbessern und Amerika wieder großartig machen wird.

Im Mai spricht Trump bei der Abschlussfeier der evangelikalen »Liberty University« in Virginia. Deren Chef Jerry Falwell zählt zu Trumps engsten evangelikalen Fans; er verteidigte Trump auch zu Zeiten, als der Kandidat wegen frauenfeindlicher Bemerkungen ins Schlingern kam. Falwell erklärte im »Christian Broadcasting Network«, Trumps Unterstützer, »einschließlich mehr als 80 Prozent der evangelikalen Community, sind begeistert«. Dass die »Mainstream Medien … ihn ständig angreifen … mit grundlosen und unehrlichen Behauptungen, ist Zeichen, dass Präsident Trump wunderbare Arbeit leistet«.

Trumps Amerika und viele Trump-Wähler sehen sich als Opfer von gegen sie gerichteten Veränderungen – demografische, kulturelle, und wirtschaftliche. Kandidat Trump hatte kaum konkrete Pläne vorgelegt, vielmehr das Gefühl vermittelt, in seinem Amerika werde der von Regierung und »Estab­lishment« vergessene Amerikaner Gehör finden. Und nun? Die Kluft zwischen Reden und Regieren trat krass hervor bei Präsident Trumps erstem großen Realitätstest, dem fest versprochenen Abschaffen der Krankenversicherung »Affordable Care Act«, im Volksmund Obamacare genannt – angeblich ein »Desaster« wegen der Versicherungspflicht und hoher Kosten.

Trumps Alternative scheiterte trotz der republikanischen Mehrheit im Kongress. Manchen Politikern war sie nicht marktorientiert genug, andere waren schockiert von der Analyse des überparteilichen Haushaltsbüros, vierzehn Millionen Menschen würden 2018 bei »Trumpcare« ihre Versicherung verlieren. Gegenwärtig haben manche Republikaner Probleme, den in Trumps Haushaltsentwurf vorgesehenen sozia­len Kahlschlag zu verkaufen. Er passt zum ideologischen Wunsch nach wenig Regierung, täte jedoch auch vielen Trump-Wählern weh.

Öffentlichkeitswirksam waren die Inszenierungen, bei denen Trump mit einem dicken Stift Exekutivanordnungen unterzeichnete: Zu Einreisebeschränkungen für Muslime und Flüchtlinge, für die Mauer an der Grenze zu Mexiko, für den Bau von Erdöl-Pipelines und gegen Umwelt- und sonstige Vorschriften, mit denen die Industrie und die fossile Energie laut Trump behindert worden seien.

Gerichte haben die neuen Einreiseregeln erst einmal blockiert, und mit den anderen Vorschriften hat Trump auch eine Oppositionsbewegung belebt. Viele hundert neue Aktionsgruppen sind gegründet worden. Abgeordnete und Senatoren berichten von in diesem Ausmaß noch nie dagewesenen telefonischen, E-Mail- und persönlichen Kontakten von Wählern – die meisten gegen Trump.

In den acht Barack-Obama-Jahren irgendwie zufrieden vor sich hindösende Menschen aus dem progressiven Spektrum sind politisch wieder erwacht. Viele junge Leute, viele Frauen. Hauptsächlich in Städten, nicht so sehr auf dem Land. Es sind dezentrale Bewegungen, von denen man freilich nicht weiß, wieviel Standvermögen sie haben und ob aus Protest politische Macht werden kann.

Kirchen und religiöse Gruppen, die bei der Bürgerrechtsbewegung und der Friedensbewegung oft zentral waren, sieht man weniger. Manchmal kommen kirchliche Statements gegen Trumps Einwanderungspolitik oder gegen soziale Kürzungen, doch prägend ist das nicht. Und gleichzeitig begrüßen konservative Kirchen und die römisch-katholische Donald Trumps Haltung gegen legalisierte Abtreibung.

Im US-Rundfunksender NPR läuft seit Januar jeden Abend eine interessante Talkshow, genannt »Indivisible« (unteilbar). Die Moderatoren tun das, was es im Amerika in der Trump-Ära nicht oft gibt: Sie bringen Menschen miteinander ins Gespräch, die in ihrer Haltung zu Trump an entgegengesetzten Polen stehen.

Eine kürzlich ausgestrahlte Show hat sich mit dem »amerikanischen Traum« befasst. Für viele Menschen habe dieser Traum nie funktioniert, sagten die einen. Andere vertraten die Auffassung, der Traum sei ihnen entglitten, und der neue Präsident werde ihn zurückbringen. Trumps Amerika ist für viele Menschen Glaubenssache. Vor seinem Sieg haben viele US-Amerikaner geglaubt, wie Ex-First Lady Michelle Obama zuversichtlich vermittelte, dass das Land nicht für so einen Kandidaten stimmen würde. Obama hat übersehen, was Trump einmal in einer Wahlkampfrede in Iowa formulierte: »Ich könnte auf der Fünften Avenue mitten auf der Straße stehen und jemanden erschießen, und ich würde keine Wähler verlieren.«

Trumps Fans wollten und wollen glauben, dass hier einer kommt, der die Wahrheit sagt, und »die anderen« in ihre Schranken weist. Doch irgendwann werden sie wohl Resultate sehen wollen. Aber ob die Opposition dann in der Lage ist, enttäuschte Menschen anzusprechen? Der Ausgang ist vollkommen offen.

Konrad Ege

Schmusetiere als Bettgenossen

1. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Erzählung von Theodor Weißenborn mit einer Illustration von Maria Landgraf

Steffi liebte Hunde und sprach auf unsern Spaziergängen jeden uns begegnenden Hundebesitzer an. Einmal, als wir am Grüngürtel auf einer Bank saßen, hielt ein Mann mit Fahrrad vor uns an, um an dem Rad etwas zu richten. Das Fahrrad hatte einen zweirädrigen gummibereiften Hänger mit einem Bänkchen, und darauf saß ein vielleicht dreijähriges Mädchen, das einen Mops auf dem Schoß hielt.

Steffi war sofort hellauf begeistert und sagte zu dem Kind: »Das ist aber ein lieber Hund! Darf der denn auch mit ins Bett?« – »Jaaaaa!«, hauchte das Kind mit sich plötzlich verklärendem Gesicht und drückte den Mops fest an sich. Und das gedehnte und ein wenig zaghaft, mehr gehauchte als gesprochene Ja schien zugleich mehr zu sein als eine bloße Bestätigung, es schien vielmehr zu sagen: Eigentlich darf er ja nicht. Aber wenn’s keiner sieht, hole ich ihn zu mir ins Bett, und dann darf er bleiben. – »So muss das auch sein«, sagte Steffi, »Hunde gehören ins Bett und sind ja auch viel lieber als Stofftiere oder Puppen, weil sie lebendig sind.«

Da nickte das Kind lebhaft und plapperte etwas, was ich nicht verstand. Aber ich sah wohl, dass sein ganzes Wesen erstrahlte, und während der Mann (wahrscheinlich der Vater) sich auf sein Rad schwang und mitsamt dem Hänger mit Kind und Mops gemächlich davonfuhr, dachte ich fast neidvoll: Was für ein glückliches Kind!

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

In meinem Elternhaus hatte es keine Tiere gegeben, und was Hunde betraf, so sagte mein Vater (das hatte er in Russland gelernt): »Wer mit Hunden ins Bett geht, steht mit Flöhen wieder auf.« Daran dachte ich, als ich vor etlichen Jahren aus Griechenland den herrenlosen und kranken Phylax mitbrachte. Der wurde rasch geheilt und tierärztlich aufs Beste versorgt.

Und als ich meinen Schulfreund Horst, der Arzt war, fragte, ob ich den Hund mit ins Bett nehmen solle, sagte der Fachmann: »Das ist eine gute Idee! Vielleicht das Beste, wozu man einem Herzkranken raten kann. Ein Tier kann besser sein als ein teures Medikament. Dein Bluthochdruck würde sinken, dein Puls sich verlangsamen, und auch seelisch ginge es dir besser, denn das Glück, das der Hund empfände, würde sich auf dich übertragen.«

So wurde Phylax mein Bettgenosse, und wir wärmten und trösteten einander in wechselseitiger Zuneigung, bis er starb.

Danach nahm der Kater Rufus seine Stelle ein, der, um genau zu sein, nicht nur wie Phylax am Fußende meines Bettes lag, sondern so dicht an mich herankroch, wie es nur ging.

Lag ich auf dem Rücken und hatte ich dabei den rechten Arm ein wenig abgespreizt, so schien gerade die Mulde zwischen meiner Brust und meinem Oberarm ihn anzulocken. Er kroch dann neben mir herauf, schob die Vorderpfoten unter meine Achsel, legte sein Kinn auf meine Schulter, wobei sein rechtes Ohr meine Wange berührte, und wenn er mitunter mit den Ohren zwinzte und sein Schnurren mich beim Einschlafen in meine Träume hineinbegleitete, dann war mir, als würde ich selbst so leicht wie eine Feder und glitte zurück in ein heiteres Gefilde, in dem Mensch und Tier keine Sorge kennen.

Dann, wenn ich doch einmal des Nachts erwachte und den leichten Kitzel seiner Schnurrhaare an meinem Kinn verspürte, dann dachte ich wohl gelegentlich an Virginia Klemm, die an Tuberkulose dahinsiechende junge Frau meines Lieblingsautors Edgar Allan Poe, deren ganzes Glück eine weiß-gelblich getigerte Katze namens Catherine gewesen war. Diese Katze hatte auf Virginias Brust gelegen und sie getröstet mit ihrem Geschnurr und mit der Wärme ihres Körpers, wenn die Kranke fieberte und an Schüttelfrosten litt. Und wenn einmal ein Hustenanfall Virginias Catherine aufscheuchte und für Minuten vertrieb, so kehrte die Katze doch stets getreulich zu Virginia zurück, um sich erneut auf ihr zu betten. Sie hatte sich Virginia einmal als Schlafgenossin erkoren und blieb ihr bis zu deren letztem Atemzug innigst verbunden.

Mein Rufus verändert seine Lage nur dann, wenn ich mich einmal auf die andere Seite lege. Dann steigt er über mich hinweg und bettet sich in die Mulde, die sich nun zwischen meiner Brust und meinem linken Oberarm gebildet hat und die ihm womöglich noch mehr behagt als die auf meiner rechten Seite. Der Grund könnte sein, dass er hier meinem Herzen näher ist, dessen Pulsieren ihn, feinfühlig, wie er ist, vielleicht an seine Kindheit und Säuglingszeit, wohl gar an die Zeit vor seiner Geburt erinnert, da er geborgen im Mutterleib ruhte, an jenem Ort, von dem wir, er wie ich, ausgegangen sind und an den zurückzukehren wir vielleicht beide eine geheime Sehnsucht hüten.

Sauberer Verkündigungsdienst

1. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Die Diskussion über Elektromobilität im kirchlichen Dienst, über ihre ökologischen und wirtschaftlichen sowie Vorbild-Aspekte ist angestoßen. Es wird geredet und es wird Vorreiter geben, auf deren Erfahrungen – gute wie schlechte – andere aufbauen können.

Wieso ausgerechnet ein Elektro-Auto die Attraktivität einer Pfarrstelle auf dem Lande erhöht, erschließt sich dem unbedarften Leser der Studie »Auf dem Sprung zur Wirtschaftlichkeit?« nicht. Im Untertitel versteckt sich der entscheidende Hinweis: Machbarkeitsstudie über die Einführung von Dienstfahrzeugen (PKW) mit Elektro-Antrieb im Verkündigungsdienst des Kirchenkreises Egeln. Es geht um Dienstwagen – bisher nutzen Pfarrer, Kirchenmusiker und Gemeindepädagogen ihre Privatfahrzeuge und rechnen je Kilometer 30 Cent ab.

»Wir bekommen die Pfarrstellen nicht besetzt«, sagt Superintendent Matthias Porzelle. In seinem Kirchenkreis Egeln gibt es alle drei bis acht Kilometer ein Dorf oder ein Städtchen. Ähnlich die Situation im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt. Dort tut Pfarrer Dieter Kerntopf Dienst. »Wir fahren auf den kurzen Strecken die Motoren nie warm und erzeugen dadurch noch mehr Dreck«, hadert er mit dem Vergehen gegen die Schöpfung.

Fahren, viel fahren, gehört vor allem in Landpfarrstellen für die meisten Mitarbeiter zum Beruf. Superintendent Matthias Porzelle nahm am Rande des Fachtags, bei dem Kirchenmitarbeiter über Elektromobilität im ländlichen Raum diskutierten, probehalber am Steuer eines E-Autos Platz. Foto: Renate Wähnelt

Fahren, viel fahren, gehört vor allem in Landpfarrstellen für die meisten Mitarbeiter zum Beruf. Superintendent Matthias Porzelle nahm am Rande des Fachtags, bei dem Kirchenmitarbeiter über Elektromobilität im ländlichen Raum diskutierten, probehalber am Steuer eines E-Autos Platz. Foto: Renate Wähnelt

Der ökologische Aspekt, eine größere Attraktivität der Landpfarrstellen und nicht zuletzt das Signal, das die Kirche mit dem Einsatz von umweltschonenden Elektro-Autos aussendet, haben den Kirchenkreis Egeln bewogen, oben genannte Studie beim Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg in Auftrag zu geben. Ihr Autor Peter Bickel analysierte, welche Strecken die Seelsorger im Kirchenkreis Egeln in den vergangenen Jahren dienstlich gefahren sind, und setzte sie ins Verhältnis zur Reichweite diverser Elektro-Autos. Er untersuchte Anschaffungskosten für Fahrzeuge und Ladestationen, erfragte die Akzeptanz eines E-Mobils bei den Pfarrern. Schließlich kam der promovierte Wirtschaftsingenieur zu dem Fazit, dass sich die Elektromobilität rechnen kann. Auch einen Blick auf die Sauberkeit für die Umwelt wirft er.

Überlegungen, auf Elektromobilität zu setzen, gibt es in etlichen Kirchenkreisen. »Da bewegt sich etwas von unten. Und nachdem wir vor sechs Jahren die Klimakampagne hatten, nach der viel beschriebenes Papier in die Schreibtische gelegt wurde, wollte ich diese Bewegung unterstützen«, erinnert sich Dieter Lomberg. Der Synodale aus dem Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt und Präses der Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) beantragte im November, die Landeskirche möge für die Einführung einer Testphase mit E-Autos Geld zur Verfügung stellen: Für je fünf Elektro-Autos in zwei Kirchenkreisen 20 000 Euro als Anschubfinanzierung.

Der Antrag steht nun auf der Frühjahrssynode erneut zur Diskussion. Erstmal hatte es einen Fachtag gegeben. Dort berichtete Pfarrer Kerntopf von seiner zweiwöchigen Testphase, nach der er dem E-Auto uneingeschränkte Tauglichkeit bestätigte. Auch finanziell für den Kirchenkreis.

Die Aufgeschlossenheit ist groß, bestätigt die Klimaschutzmanagerin für Mobilität in der Nordkirche, Klaudia Morkramer, einen großräumigen Trend. »Als wir unsere Ladesäule in Melsdorf im Kirchenkreis Dithmarschen einweihten, war die Resonanz riesig«, berichtete sie bei der Tagung. Im Kirchenkreis Pommern bietet sich ein Dienstleister an, Ladestationen aufzustellen und zu warten. Ähnliches gebe es im Kirchenkreis Mecklenburg. »Wir diskutieren«, sagt sie. Die vielen Anfragen bezeugen Interesse und Informationsbedarf. Erste Erfahrungen gibt es in Hamburg und Umland. »Ein Problem ist natürlich das Geld. Die Angst vor zu geringer Reichweite hat sich mit den neuen Modellen erledigt.«

Die technische Entwicklung ist rasant. Das unterstrich Matthias Vie­tor von der Wirtschaftsgesellschaft der Kirchen in Deutschland mbH. Er stellte mögliche Modelle und Finanzierungen vor und gab zu bedenken: »Die rasante Entwicklung spricht dafür, jetzt einzusteigen, aber genauso, noch abzuwarten.«

Eher zögerlich sprach der im Landeskirchenamt der EKM für die Mittlere Ebene Finanzverantwortliche Torsten Bolduan. Ob es denn zur Kernaufgabe der Kirche gehöre, Vorreiter bei der E-Mobilität zu sein, fragte er beim Fachtag. Eine Förderung durch die Landeskirche stellte er allenfalls über eine um zehn Cent erhöhte Kilometerpauschale in Aussicht. Denn das Modell personengebundener Elektro-Dienstautos scheitere an der Regel, dass es diese erst ab 30 000 Kilometer Jahresfahrleistung gebe. »Die Initiative muss von den Nutzern ausgehen«, unterstrich Bolduan.

Da das Aufladen der Autobatterien über Nacht an der heimischen Steckdose absehbar nicht ausreichen wird, könnten Ladestationen an kirchlichen Einrichtungen installiert werden. Öffentlich zugänglich, sodass nicht nur die Kirchenautos dort Strom tanken. Natürlich ergeben sich Probleme, wenn die Gemeinde oder der Kirchenkreis plötzlich zum Strom-Verkäufer würden. Um diese zu lösen, sind Kooperationen mit Stadtwerken oder anderen Partnern denkbar, wie sie sich in der Nordkirche andeuten. »Wenn klar ist, was wir wollen, lassen sich auch relativ leicht Finanzierungsmöglichkeiten finden«, sagte Torsten Bolduan bei der Veranstaltung – ehe er eine direkte Förderung der Landeskirche verneinte.

Renate Wähnelt

Die erste Zeugin der Auferstehung

25. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Es ist fast wie eine Kriminalgeschichte, über Maria Magda­lena zu berichten. Sie gehört zu den faszinierendsten Frauengestalten im Neuen Testament, wurde aber auch zu einer der schillerndsten Figuren der christlichen Tradition.

Die männlichen Fantasiebilder späterer Zeiten, wie sie sich in der Malerei vielfach niedergeschlagen haben, darf man nicht auf die historische Maria Magdalena zurückprojizieren: jung, schön und ein wenig lüstern – so stellt man sie nur zu gern dar. Wir haben es in der Überlieferung jedoch mit zwei Frauen zu tun: mit einer namenlosen Frau, einer Sünderin, die Jesus begegnet, und mit Maria Magdalena, einer Jüngerin Jesu, die zu seiner engsten Umgebung gehörte.

Die Bibel spricht von der namenlosen Frau in Lukas 7,36–50. Sie galt als Sünderin, im damaligen Verständnis eine Dirne, eine Prostituierte. Von Maria Magdalena ist im Anschluss an die Geschichte von der Sünderin die Rede (Lukas 8,1–3). Beide Frauen haben nichts miteinander zu tun.

Maria Magdalena wird in den Evangelien häufig genannt. Das Lukasevangelium erwähnt, dass Jesus in Galiläa nicht nur von den zwölfen, sondern auch von einigen Frauen begleitet wurde. Maria Magdalena hat sich Jesus angeschlossen, nachdem er sie von bösen Geistern geheilt hatte. Sie bleibt bei ihm und gehört zu der Gruppe, die mit ihm und anderen Frauen und Männern durch Palästina zieht.

Maria Magdalena stammt aus Magdala am See Genezareth – von daher stammt ihr Beiname Magdalena. Sie scheint nicht verheiratet gewesen zu sein. Denn ihr Name ist nicht – wie es üblich war – mit einem Männernamen, auch nicht dem eines Vaters oder Sohnes verbunden worden. Die biblischen Texte sagen, dass die Frauengruppe um Jesus groß war. Sie zogen mit ihm durchs Land. In den Evangelien sind sie meist nur als anwesend gedacht und werden nicht ausdrücklich erwähnt.

Ostergeschehen mit Jesus und Maria Magdalena auf dem Glasfenster in der Stadtkirche im sächsischen Stolpen. Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Ostergeschehen mit Jesus und Maria Magdalena auf dem Glasfenster in der Stadtkirche im sächsischen Stolpen. Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Das Markus-Evangelium erzählt, dass die Jünger geflohen sind, als Jesus verhaftet wurde. Sie hatten Angst, ebenfalls verhaftet und verurteilt zu werden. (Markus 15,40) Es sind die Frauen, unter ihnen Maria Magdalena, die in Sichtweite des Kreuzes bleiben, bis Jesus stirbt. Bei Markus und Matthäus ist sie auch dabei, als der Leichnam Jesu ins Grab gelegt wird.

In den synoptischen Evangelien Matthäus, Markus und Lukas gehört Maria Magdalena zu den Frauen am Ostermorgen, die zum Grab gehen. Doch Jesus ist nicht im Grab, sondern ein Engel verkündet ihnen: »Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden.« (Markus 16,6) Im später geschriebenen Schluss des Markus-Evangeliums (16,9–20) wird Maria Magdalena als die herausgestellt, der der Auferstandene als Erster erschienen ist und ihr die Osterbotschaft verkündet hat.

Nur bei den Evangelisten Markus und Matthäus erhalten die Frauen den Auftrag, die Botschaft »Jesus lebt!« den Jüngerinnen und Jüngern weiterzugeben. Sie sollen nach Galiläa gehen, wo sie den Auferstandenen sehen werden. Bei Matthäus führen die Frauen diesen Auftrag aus, bei Lukas verkündigen sie seine Auferstehung, ohne ausdrücklich den Auftrag erhalten zu haben. Bei Markus sagen sie niemandem etwas. Sie erschrecken und flüchten vom Grab. Beim Evangelisten Johannes wird Maria Magdalena zweimal genannt, bei der Kreuzigung und am Ostermorgen. Wie die Synoptiker nennt auch Johannes eine Gruppe von Frauen beim Kreuz (Johannes 19,25). Maria Magdalena ist hier nicht als Erste, sondern als Letzte genannt. Am Ostermorgen sucht sie allein nach dem Leichnam Jesu. (Johannes 20,1–18)

Der Text erzählt von ihrer Trauer: Maria stand draußen vor dem Grab und weinte. Sie entdeckt das offene Grab und sieht darin zwei Engel in weißen Gewändern sitzen. Diese fragen: Frau, warum weinst du? Sie antwortet ihnen: »Sie haben meinen Rabbi fortgenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben.« Da erscheint ihr der Auferstandene.

Sie hält ihn erst für den Gärtner. Da ruft er sie beim Namen, worauf sie erkennt, dass es Jesus ist. Maria wendet sich ihm zu und nennt ihn Rabbuni (mein Meister). Sie will Jesus berühren. Er aber sagt: Rühre mich nicht an! Dieser Satz auf Latein »Noli me tangere« wurde zu einem festen Begriff in der Kulturgeschichte des Christentums. Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu Gott, meinem Ursprung, aufgestiegen. Es heißt: Der Auferstandene ist nicht festzuhalten. Er bleibt in der Distanz der Nahe, der Zugewandte. »Rühre mich nicht an! Halte mich nicht fest!«, lässt sich vielleicht übersetzen: Akzeptiere die Veränderung, nimm den Trennungsschmerz an.

Jesus schickt Maria Magdalena auf den Weg des Lebens. Diesen Weg Marias zum Osterglauben beschreibt der Evangelist Johannes als einen Weg von der Blindheit zum Sehen. Zu Beginn sieht Maria Jesus, erkennt ihn aber nicht. Erst als sie hört, wie er sie beim Namen ruft, gehen ihr die Augen auf.

Bei Johannes hat Maria Magdalena eine herausragende Stellung: Sie ist die einzige Zeugin des leeren Grabes. Ihr erscheint Christus. Ihr gibt Christus den Verkündigungsauftrag. Aber diese große Frau, wie sie Johannes darstellt, die in der Urkirche eine große Rolle gespielt hat, wurde verkannt und verzeichnet.

In den Berichten, in denen es um den Tod und die Auferstehung Jesu geht, spielen die Frauen eine erhebliche Rolle. Als Jesus verhaftet wurde, waren die Männer nicht mehr da. Von den Frauen jedoch wird in allen Evangelien berichtet, dass sie bei der Kreuzigung zugegen und am Ostermorgen am Grab waren. Sie waren die ersten, die begreifen: Das Kreuz war nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang.

Der Name der historischen Maria Magdalena ist mit der Geburtsstunde der christlichen Kirche verbunden wie kein anderer Name. Während die vier Evangelien dieses Bild zeichnen, widerspricht dem die Aussage des Paulus in 1. Korinther 15,3 ff. Da zählt er Namen von Menschen auf, denen der auferstandene Christus erschienen ist. Maria Magdalena ist nicht dabei – überhaupt keine Frau wird erwähnt.

Bei Paulus dominiert die patriarchalische Ordnung. Er hat die Geschehnisse um Jesus intellektuell reflektiert und den Glauben an Christus in die Welt getragen. Aber er ist auch derjenige, der die Weichen dafür gestellt hat, dass das Christentum leibfeindlich und frauenfeindlich wurde. Die traditionelle Exegese folgte vorrangig Paulus und bestritt, dass Maria Magdalena und andere Frauen die ersten waren, die die Auferstehung Jesu bezeugen konnten. Neben die patriarchalische Erfahrung und Theologie tritt heute die weibliche Erfahrung und Theologie. Was hat sie uns zu sagen, die geheilte Frau, die Freundschaft und Hingabe, Eros und Agape vereint? Die Theologie Maria Magdalenas ist noch nicht geschrieben.

Maria Magdalena hat eine Frauenrolle in der Kirche angebahnt, die in der Folgezeit nicht ohne Nachwirkungen bleiben sollte: die Rolle der predigenden Frau, die in Konkurrenz zur Vorherrschaft der Männer in der Kirche tritt. Katholische Frauenforschung hat bewiesen, dass es in der frühen Kirche das apostolische Frauenamt gegeben hat. Seit frühesten Anfängen war diese Konkurrenz den Männern ein Dorn im Auge – und die heutige Ablehnung der Ordination von Frauen innerhalb der katholischen Kirche und manchen protestantischen Kirchen ist nur ein letzter Nachklang.

Ursula Baltz-Otto

Quo vadis: Wohin geht die Reise, Anhalt?

24. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Über die Zukunft der kleinsten Gliedkirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sprach Willi Wild mit Kirchenpräsident Joachim Liebig und Pfarrer Wolfram Hädicke, dem stellvertretenden Präses der Landessynode.

Wie lässt sich der aktuelle Zustand der Landeskirche Anhalts beschreiben?
Hädicke:
Von außen sieht das auf der EKD-Landkarte mit unserer kleinen Landeskirche ein bisschen seltsam aus. Die Innensicht unterscheidet sich aber doch ein ganzes Stück. Derzeit glaube ich nicht, dass grundlegende Veränderungen der Landeskirche hinsichtlich ihrer Selbstständigkeit unmittelbar bevorstehen.

Es gab kritische Fragen hinsichtlich der Finanzen unserer Landeskirche, der Rücklagen, der Verpflichtungen sowie der Versorgungslasten. Das ist in den Ausschüssen und in der Kirchenleitung besprochen worden. Das Zwischenergebnis dieses Prozesses lautet: Wenn wir die landeskirchlichen Strukturen anpassen, steht die Selbstständigkeit der Landeskirche mittelfristig keineswegs in Frage.

Bei der Herbstsynode konnte man einen anderen Eindruck gewinnen. Gibt es Druck auf die kleine Landeskirche und wer übt ihn aus?
Liebig:
Seit dem EKD-Papier »Kirche der Freiheit« aus dem Jahr 2006 gibt es diesen mittelbaren Druck auf kleinere Landeskirchen. Das betraf nicht nur uns, sondern alle EKD-Gliedkirchen, die nicht dem damals genannten Kriterium von mindestens einer Million Mitgliedern entsprachen.

Der EKD-Finanzausgleich, der für uns und alle anderen östlichen Glied­kirchen von großer Bedeutung ist, wird jedes Jahr erneut verhandelt. Die größte Befürchtung seitens der anderen Gliedkirchen und sicherlich auch des Finanzbeirates der EKD ist, dass wir in zehn Jahren oder später nicht mehr in der Lage sein könnten, unsere gesetzlichen Verpflichtungen zu erfüllen. Das nehmen wir sehr ernst. Zukünftig allen Verpflichtungen nachzukommen, das ist die Aufgabe und Bewährungsprobe, vor der wir permanent stehen.

Können Sie ein Beispiel für die gesetzlichen Verpflichtungen nennen, die Sie als Teil der EKD erfüllen müssen?
Liebig:
Ich denke jetzt im Besonderen an die Versorgungsleistungen, die wir für unsere Mitarbeitenden leisten müssen. Eine unserer großen Sorgen ist, dass wir einmal diese Leistungen nicht mehr aus eigener Kraft stemmen könnten. Wir müssen deshalb versuchen, die Zahl der Versorgungsberechtigten mittelfristig zu reduzieren. Bis 2025 werden uns etwa 30 Prozent der Mitarbeitenden in allen Berufsgruppen in den Altersruhestand verlassen. Wir werden nicht in der Lage sein, diese 30 Prozent eins zu eins wieder aufzufüllen.

Wenn wir weniger Personal haben, zahlen wir auch weniger in das Solidarsystem der Gliedkirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland ein.

Wie groß oder klein ist dieser Anteil an dem Solidarsystem?
Liebig:
Im Haushalt der Landeskirche sind ein Viertel Einnahmen aus Kirchensteuern und ebenfalls rund ein Viertel Erträgnisse aus der Vermietung und Verpachtung unseres immobilen Vermögens. Ein weiteres Viertel sind die sogenannten Staatsleistungen. Und noch ein Viertel ist der Solidarbeitrag der Gliedkirchen der EKD. Damit liegen wir im Durchschnitt.

Hädicke: Der Gesamthaushalt liegt bei 17,03 Millionen Euro für 2017 und der EKD-Finanzausgleich bei 4,3 Millionen.

Welchen Beitrag müssen Sie wieder an die EKD abführen?
Liebig:
Wir müssen für jede versorgungsberechtigte Person annähernd 20 Prozent eines Jahreseinkommens in den Versorgungsfonds einzahlen.

Grafik: Adrienne Uebbing

Grafik: Adrienne Uebbing

Ein Viertel der Einnahmen kommen aus der Kirchensteuer. Wie sieht derzeit die Entwicklung bei den Kirchenmitgliedern aus?
Liebig:
Unser zentrales Problem ist tatsächlich ein weiterer Mitgliederrückgang, der wesentlich an der Demografie hängt, weil unsere Kirchenmitglieder durchweg älter sind. Austritte fallen nicht so stark ins Gewicht. Sie werden in etwa mit den Eintritten kompensiert. Wir haben zu wenig junge Menschen, die in Anhalt leben und arbeiten.

Gibt es eine Untergrenze für die Eigenständigkeit?
Hädicke:
Ich denke, man kann das nicht an einer konkreten Gemeindegliederzahl festmachen.

Über welche Einsparungen oder Veränderungen denken Sie nach?
Hädicke:
Im Verhältnis zu unseren Nachbarkirchen haben wir deutlich mehr Pfarrpersonen pro Gemeindeglied. Da müssen wir reagieren. Vieles wird sich aber in den nächsten Jahren auf natürlichem Weg, vor allem durch Pensionierung, erledigen. Wir sind im Moment noch nicht so weit, dass wir in die Kirchenkreise Eckzahlen geben können.

In Anhalt gibt es einen Reformstau im Hinblick auf Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden. Wir haben eine Vielzahl von kaum lebensfähigen Kleinstgemeinden, die eine Verwaltung benötigen. Das schafft Handlungsdruck, auch bezüglich der Zukunft unserer Pfarrhäuser.

Liebig: Wir wollen aber nicht einfach nur den Rückgang organisieren. Es geht eher um eine neue Bestimmung der kirchlichen Professionen zueinander. Wenn wir auf der einen Seite eine Reduzierung des Pfarrpersonals haben, kann ich mir gut vorstellen, dass wir in anderen Bereichen, wie der Gemeindepädagogik oder in der Kirchenmusik, einen moderaten Aufwuchs haben.

Wie viele Gemeinden wird das betreffen? Und gab es da schon Gespräche?
Hädicke:
Im Prinzip betrifft es alle Gemeinden. Wir wollen uns nicht nur dem Diktat der Finanzen beugen, sondern nach den optimalen Bedingungen für Verkündigung in unserer Region suchen. Dass es da nicht nur um Pfarrer gehen kann, liegt auf der Hand.

Werden Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden Thema auf der Sy­node sein?
Hädicke:
Wir versuchen, Gemeindeglieder und Kirchengemeinden einzubinden. Davon wird auch diese Synode geprägt sein. Ob wir in näherer Zukunft den Druck hinsichtlich des Zusammenschlusses der Kirchengemeinden erhöhen müssen, wird sich zeigen. Die Meinungen gehen diesbezüglich doch recht weit auseinander.

Ich persönlich tendiere dazu, den Druck zu verstärken. Da gibt’s unterschiedliche Instrumente. Nicht alle Gemeindeglieder werden hurra schreien.

Können Sie konkreter werden?
Hädicke:
Wenn eine Kirchengemeinde nicht mehr die Mindestanzahl von Kirchenältesten gewinnen kann, könnte das den Zwangsanschluss an die Nachbargemeinde zur Folge haben. Einem wie auch immer ausgestaltetem Gemeindeverbund wäre der Vorzug zu geben gegenüber einer Anzahl selbstständiger kleiner Gemeinden.

Vor 15 Jahren hat die Synode die Fusionsgespräche mit der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) und der Thüringer Landeskirche beendet. Würde die Entscheidung heute anders lauten?
Hädicke:
Damals hat man sich auf Augenhöhe angenähert. Jetzt gibt es die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland.

Für Anhalt käme nur noch der Anschluss infrage. Das wäre mit heftigen Einschnitten verbunden. Zudem hat sich in unseren Nachbarkirchen auch nicht alles optimal entwickelt, sodass wir nicht begierig sind, uns deren Regularien zu unterwerfen.

Wie sehen denn die Gemeindeglieder die Situation?
Hädicke:
Das ist sehr unterschiedlich. Je nachdem, wie eng jemand mit der Kirchengemeinde verbunden ist. Es gibt einige, die sagen: Wenn ich Kirche lebensbiografisch brauche, dann möchte ich einen Pfarrer in Reichweite haben. Alles andere interessiert mich nicht. Die Engagierten in unseren Gemeinden, die haben ein anhaltisches Selbstbewusstsein: Wir sind nicht einfach nur Bürger von Sachsen-Anhalt, sondern wir sind Anhalter!

Und dieses Selbstbewusstsein wird in besonderer Weise auch in unserer Landeskirche gepflegt. Sie ist die letzte Institution, die das alte Land Anhalt abbildet. Der Glaube verbindet sich mit der Kultur, und die Tradition hilft mit, den Glauben zu stabilisieren.

Haben Sie einen Plan für die Entwicklung der Kirchengemeinden und der Landeskirche in der Schublade?
Hädicke:
Wir haben die Zauberformel noch nicht entdeckt und befinden uns da in der gleichen Situation wie unsere Nachbarkirchen im Osten Deutschlands. Wir versuchen als Kirche in die Gesellschaft hineinzuwirken.

Leider steht das in keinem guten Verhältnis zu den zahlenmäßigen Effekten. Das sollte uns aber nicht entmutigen. Umbrüche und Aufschwünge in der Kirche haben wir nicht in der Hand. Da muss der Heilige Geist zum Zuge kommen.

Das klingt nach Abwarten. Was motiviert Sie oder richtet Sie auf in dieser Situation?
Liebig:
Gerade heute Morgen erreichte mich die Nachricht einer größeren Gemeinde, die sagt: Wir wollen den Weg der Veränderung gehen und haben darüber im Gemeindekirchenrat diskutiert. Das bestätigt, dass wir nicht vorhaben, Konzepte von oben nach unten durchzusetzen. Veränderungen müssen von der Basis in den Gemeinden
ausgehen.

Ich sehe, dass wir in Anhalt einen Prozess begonnen haben, der im Grunde auch auf alle anderen Landeskirchen in Deutschland zukommt. Was wir tun, hat auch immer ein wenig Laborcharakter.

Wir fragen uns: Was ist Kirche? Im Kern sind wir eine Bewegung und gar nicht institutionalisiert. Wir haben alle Möglichkeiten, alle Chancen. Wir sind frei in unseren Entscheidungen und geben uns Zeit bis 2025. Bis dahin müssen die Dinge spürbar anders geworden sein, ganz gleich, in welche Richtung es nun geht.

Die Evangelische Landeskirche Anhalts in Zahlen:

Rund 34 500 evangelische Gemeindeglieder leben in Anhalt in rund 150 selbstständigen Kirchengemeinden, die sich auf fünf Kirchenkreise verteilen: Ballenstedt, Bernburg, Dessau, Köthen und Zerbst. In den Gemeinden sind 54 Pfarrerinnen und Pfarrer sowie 39 hauptamtliche Mitarbeitende im Verkündigungsdienst beschäftigt.

Leitungsorgane der Landeskirche sind Landessynode, Landeskirchenrat und Kirchenleitung. (Stand 2015)

Klein-Deutschland in Äthiopien

24. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Eine Nachfahrin der Königin von Saba, Königin Taytu, ließ sich 1888, aus den rauen Bergen kommend, an einer warmen Quelle im Tal ein Haus bauen, gründete eine Stadt und gab ihr den Namen »Addis Abeba« – die Neue Blume. Kürzlich hatte die Deutsche Evangelische Kreuzkirche Besuch vom katholischen Seelsorger aus Sambia.

Auf dem Altarplatz der Deutschen Evangelischen Kreuzkirche in Addis Abeba ein ungewohntes Bild: Neben Pastorin Anja Jacobi im lutherisch-schwarzen Talar der katholische Reiseseelsorger Thomas Matthaei aus Sambia in der weiß-violetten Robe seiner Kirche. Ungewohnt aber vor allem, weil der Pater, der seit 33 Jahren in Sambia amtiert, zum ersten Mal Äthiopien besucht. Sowohl das Pastoren-Ehepaar Anja und Karl Jacobi als auch Pater Matthaei kommen ursprünglich aus Mainz und haben sich seit Langem dem Dienst in Afrika verschrieben.

Der Glockenturm der Deutschen Evangelischen Kirche, »Umschlagplatz der Güte und Güter Gottes« für Deutschsprachige in der äthiopischen Hauptstadt, wird noch von Hand geläutet. Foto: Georg Meusel

Der Glockenturm der Deutschen Evangelischen Kirche, »Umschlagplatz der Güte und Güter Gottes« für Deutschsprachige in der äthiopischen Hauptstadt, wird noch von Hand geläutet. Foto: Georg Meusel

In diesem Gottesdienst in der äthiopischen Hauptstadt erlebe ich ein Stück lebendiger deutsch-afrikanischer Ökumene mit. Die Farbe Ocker der Äthiopischen Orthodoxen Kirche Tewahedo fehlt allerdings. Pfarrer Jacobi erklärt mir, dass sich die orthodoxe Geistlichkeit im Blick auf Ökumene vor Ort zurzeit zurückhalte. Zur protestantischen Mekane Yesus Church (»Der Ort Jesu«), die auf Missionstätigkeit von Lutheranern und Anglikanern zurückgeht, hat die deutsche evangelische Gemeinde gute Kontakte.

Der ökumenische Gottesdienst wird von jugendlichen und erwachsenen Gemeindegliedern mitgestaltet und ist der Höhepunkt des Besuches von Pfarrer Matthaei.

Der Gast berichtet von seiner Arbeit als Diozösan-Priester seit 1984 und einziger weißer Priester in dem von 72 Stämmen bewohnten Norden Sambias. Etwa die Hälfte der Bevölkerung seien Christen. Er selbst predige in Bantu, welches von vielen als Umgangssprache verwendet wird. Thomas Matthaeis Diözese hat eine Ausdehnung von 500 Kilometern von Nord nach Süd und er betreut dort 15 Pfarreien. Als er nach 20 Dienstjahren in Sambia nach Deutschland zurückkehren wollte, habe sein Heimatbischof in Mainz humorvoll zu ihm gesagt: »Du bist verbuscht, bleibe am besten, wo du bist.« Nun ist er nach 33 Jahren noch immer in Afrika aktiv und wird als Reiseseelsorger künftig von Sambia aus viermal im Jahr nach Addis Abeba kommen.

In der äthiopischen Hauptstadt leben nicht wenige Deutsche. Nachdem Kaiser Haile Selassie der deutschen evangelischen Gemeinde in Addis Abeba ein Grundstück geschenkt hatte, konnte dort die Kreuzkirche errichtet und das Projekt später um die German Church School erweitert werden. »Klein-Deutschland« wird die German Church von vielen genannt. Das zeigt, dass sie Treffpunkt vieler Deutschsprachiger und Umschlagplatz von Nachrichten ist. Immer wieder kommen Äthiopien-Neulinge hierher, um sich bei denen zu informieren, die schon länger im Land sind.

Das Pfarrer-Ehepaar machte es zur Tradition, dass, wer zum ersten Mal in ihrem Gottesdienst auftaucht, sich der Gemeinde vorstellt. So erfährt man voneinander und auch von den unterschiedlichsten Gründen, weshalb und für wie lange Deutsche, Österreicher und Schweizer nach Addis Abeba kommen. Oft sind es junge Leute, die auf Zeit an Hilfsprojekten mitarbeiten, manchmal langjährig Erfahrene, die schon in anderen afrikanischen Ländern Hilfe geleistet haben. Und dann diejenigen, die eine Äthiopierin heirateten und gemeinsame Kinder haben. Deren Urgestein ist der über 80-jährige Karl Hildebrandt, der die Kirche mit aufgebaut hat und seit mehr als 50 Jahren in Addis Abeba eine deutsche Apotheke betreibt. Die Gemeindeglieder sind gerührt, als im Gottesdienst der Tod seiner äthiopischen Frau abgekündigt wird. Sie war zur Krebstherapie nach Deutschland geflogen worden. Karl Hildebrandt hat sie dort noch besucht. In äthiopischer Erde wurde sie inzwischen bestattet.

Viele Kinder weißer und schwarzer Hautfarbe fliegen nach dem Kindergottesdienst ihren Eltern in die Arme und strömen zusammen mit den anderen Besuchern zum Kirchenkaffee und zum Austausch ins Gemeindehaus. Die evangelische Kreuzkirche in Addis Abeba – nicht nur an diesem Tag der Ökumene ein Umschlagplatz der Güte und Güter Gottes.
Das Christentum ist in Äthiopien, wie das Land in der Antike hieß und nach dem Sturz von Kaiser Haile Selassie 1974 sich wieder nennt, sehr alt.

Mit dem laut Apostelgeschichte im Neuen Testament durch Philippus bekehrten »Kämmerer aus dem Mohrenland« gelangte es schon im 1. Jahrhundert nach Äthiopien. Nach anderer Überlieferung wurde die christliche Botschaft von den Brüdern Frumentius und Aidesios aus Tyrus, die auf einer Reise an der Küste des Roten Meeres überfallen und an den Hof des Königs von Aksum verkauft wurden, nach Äthiopien getragen.

Heute bildet die äthiopische orthodoxe Kirche mit etwa 50 Millionen Gläubigen und mehr als 50 Prozent der Einwohner des Landes eine überwältigende Mehrheit.

Vor Ort verhält sich die orthodoxe Geistlichkeit gegenüber der Ökumene reserviert. Nach einem Gottesdienst in der St. Urael Church nehme ich mit einem Priester Kontakt auf. Ich stelle mich mit einem Flyer des Martin-Luther-King-Zentrums vor. Dieser zeigt ein Porträt des Baptistenpastors und Bürgerrechtskämpfers King. Der Priester sagt abweisend: »That is not our leader« (Das ist nicht unser Vorbild).

Georg Meusel

Wenn Sie die Gemeinde unterstützen wollen:
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Sonntagsreden zu Alltagsfragen: »Was ist uns heilig?«

23. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Sonntagsreden. Nachdenken über das Heilige sonntags um 11 Uhr – nicht in der Kirche, sondern im Deutschen Nationaltheater. Seit 1994 gibt es die Weimarer Reden jedes Jahr im März zu den unterschiedlichsten Themen. Eine Erfolgsgeschichte.

Diesmal also die Gretchenfrage: »Wie hältst du’s mit der Religion?« Oder eben allgemeiner gefragt: »Was ist uns heilig?« Ein weites Feld. Drei Prominente waren auf die Bühne gebeten worden: ein Muslim, ein Katholik und eine Jüdin. Martin Luther hätte wohl für alle drei Redner nicht viel übriggehabt, mutmaßte Feridun Zaimoglu (52), der als Erster auftrat und in einem Vorgespräch mit der Journalistin Liane von Billerbeck auf seinen Luther-Roman »Evangelio« angesprochen wurde. »Es war eine unversöhnliche Zeit.«

Das ist jetzt zum Glück anders, jedenfalls hier und heute. Wer den Sonntagsreden zugehört hat, kann sich lebhaft vorstellen, dass der muslimische Schriftsteller und Künstler mit dem Psychiater und katholischen Theologen Manfred Lütz (63) und der Journalistin und Rabbinerin Elisa Klapheck (54) sehr gut auskommen könnte. Der jeweilige Kontext ist verschieden, man weiß, wo man herkommt, aber allen ist eine große Offenheit gegenüber jedem eigen, für den anderes heilig ist.

Feridun Zaimoglu, Foto: Melanie Grande; Manfred Lütz, Foto: Amanda Berens; Elisa Klapheck, Foto: Rafael Herlich

Feridun Zaimoglu, Foto: Melanie Grande; Manfred Lütz, Foto: Amanda Berens; Elisa Klapheck, Foto: Rafael Herlich (von links)

Auf eine poetisch-literarische Spurensuche nach dem Heiligen im Alltag machte sich eigens für diesen Anlass Feridun Zaimoglu und ging – überraschenderweise – von der ersten Seligpreisung Jesu im Lukasevangelium aus. »Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer.« Und weil es für diesen Schriftsteller unverzichtbar ist, dass »Wort und Körper beieinander sind«, wie er sagt, ging er hin zu den Armen.

Was ist kostbar und unverzichtbar, fragte er den Rentner, den man den Krüppel nennt; der immer zwei Schnäpse zu viel trinkt und mit einem jungen Syrer befreundet ist. Heilig sind ihm die Kleider seiner verstorbenen Frau, mit der er jeden Abend spricht. – Und Zaimoglu ging zu der jungen Frau an der Kasse des Discounters, Vater tot, Mutter dement und der Bruder untauglich fürs Leben. Sie putzt nebenbei, hat Probleme mit der Liebe und hasst philosophierende Männer. »Meine Mutter ist mir heilig, mehr musst du nicht wissen.« – Und Zaimoglu ging zu dem verarmten Dichter, der wirre Geschichten erzählt, und zum Kommunisten, mit dem nicht wirklich zu reden ist vor lauter Dogmen. Er sieht die Armen der Bahnhöfe, die Kippengreifer und Pfandflaschensammler, die Obdachlosen und Trinker, Fremde und Einheimische. Aber er sieht auch Menschen, denen es etwas ausmacht, dass ihr Nächster hungert. Spurensuche ganz unten.

Die zweite Rede war ganz anderer Art. Obwohl von seinem Buchhändler gewarnt (Theologensprache ist unverkäuflich), hat Manfred Lütz ein Bestsellerbuch über »Gott. Eine kleine Geschichte des Größten« geschrieben, sehr unterhaltsam, sehr tiefgründig und in einer Sprache, die nachweislich auch sein Metzger versteht. Einen Teil davon hat er unter der Überschrift »Die Werte, die Wahrheit und das Glück« in Weimar zum Besten gegeben. »Geht’s nicht ein bisschen kleiner?«, wurde im vorausgehenden Interview gefragt. In aller Bescheidenheit, nein, findet er, denn Kirche, Beten, Glaube – das gehöre in die Öffentlichkeit. Man müsse den religiösen Bürger im säkularen Staat wieder ernst nehmen.

In einer Zeit, in der Menschen auf Glücksratgeber hören oder Drogen nehmen, als ob das Glück machbar sei, die vorbeugend leben, um dann gesund zu sterben oder die Ewigkeit leugnen und damit ihr Leben verkürzen, sei die Frage nach Gott wichtig. Für ihn als bekennenden katholischen Christen ist klar: »Gott allein ist mir heilig.« Und da Manfred Lütz nicht nur Theologie, sondern auch Humanmedizin, Psychiatrie und Philosophie studiert hat, Humor besitzt und mit offenen Augen durch die Welt geht, war es für Gläubige und Atheisten gleichermaßen ein anregendes Vergnügen, ihm zuzuhören.

Vom »Judentum als politische He­rausforderung« handelte die dritte Rede. Welche Werte sind uns heilig? Säkulares und Religiöses waren schon im Alten Testament zwei Seiten einer Medaille, das wurde im Talmud unter veränderten Bedingungen fortgeschrieben und ist bis heute in der Diskussion. Elisa Klapheck, von Hause aus Politologin und Journalistin, ist eine von insgesamt sieben Rabbinerinnen in Deutschland. Holocaust und Opferrolle sind ihr Thema nicht, sie will sich aktiv in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs einmischen – als Rabbinerin in ihrer Frankfurter Einheitsgemeinde, wo orthodoxe und liberale Juden aus vielen Ländern gut miteinander auskommen, als Professorin mit einem Lehrstuhl für jüdische Studien in Paderborn und als Autorin zahlreicher Bücher. Was kann das Judentum auf seinem Weg ins messianische Zeitalter beitragen zu einer gerechteren Gesellschaft? Wie war das doch mit dem Zehnten? Welche Rechte hat der Einzelne in einem Gemeinwesen und welche Pflichten? Wie sieht der Minimalkonsens aus, der Pluralismus möglich macht? Alte Fragen nach heiligen Werten ganz aktuell. Sonntags­reden zu Alltagsfragen.

Christine Lässig

Christus, Kreativität, Kunst

17. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Bevor Johannes Stüttgen an der Kunstakademie Düsseldorf studierte, war er Theologiestudent bei Joseph Ratzinger. Als ehemaliger Meisterschüler von Joseph Beuys engagiert er sich für dessen Ideen. Darüber sprach Sabine Kuschel mit ihm.

Herr Stüttgen, im Blick auf sein Christusbild begegnet Joseph Beuys uns als ein sehr interessanter Künstler. Allerdings nicht unbedingt sofort zu verstehen?
Stüttgen:
Aber er arbeitet mit dem Element der Zeit. Er weiß ganz genau, dass bestimmte Dinge ihre Zeit brauchen und sich einprägen. Und einem dann unter Umständen sehr viel später aufgehen. Darauf kommt es an, dass man sich Zeit nimmt, dass man den Dingen auf den Grund geht und nicht einfach immer nur die herrschenden Ideologien wiederkaut und sich in denen einrichtet.

Beuys-Schüler Johannes Stüttgen im Kunsthaus Apolda Avantgarde. Der Künstler und Autor hielt einen Vortrag über »Joseph Beuys und Jesus Christus«. Fotos: Adrienne Uebbing

Beuys-Schüler Johannes Stüttgen im Kunsthaus Apolda Avantgarde. Der Künstler und Autor hielt einen Vortrag über »Joseph Beuys und Jesus Christus«. Foto: Adrienne Uebbing

»Das ist der Erfinder der Dampfmaschine«, steht unter einer Christusdarstellung von Beuys. Er will damit offenbar ausdrücken, dass das Schöpferische im Menschen Christus ist?
Stüttgen:
Ganz genau das. Das Schöpferische im Menschen bedeutet, dass aus dem Nichts heraus etwas entstehen kann. Dieses Nichts ist eigentlich nur die Bezeichnung für das Ich. In der deutschen Sprache ist das schön zu sehen. Das Wort Nichts wird eingekleidet vorn durch das N und am Schluss durch das ts. Dazwischen ist das Ich. Das Ich ist der Ursprung des kreativen, schöpferischen Wesens des Menschen. Das man eben auch als die Substanz bezeichnet, die der Mensch gewordene Gott mitgebracht hat. Also praktisch eine Art Inkarnationsprozess, der auf der Erde sozusagen umgestaltet wird in einen Substanzbildungsprozess im Sinne einer Auferstehung.

Ein Prozess, der allgegenwärtig ist?
Stüttgen:
Allgegenwärtig. Also eine Allgegenwärtigkeit, die ununterbrochen wirksam ist, die gleichzeitig auch Aktion, Wille, Tat ist. Das zusammen ergibt, was Beuys den Kunstbegriff nennt. Also insofern ist dieser Christus, die Christuswirksamkeit, die als die Göttlichkeit in den Menschen hineingekommen ist, wirksam als die schöpferische, künstlerische Arbeit. Das mag vielleicht erst mal befremdlich klingen. Wenn man aber etwas länger drüber nachdenkt, wird man feststellen, dass es eine sehr präzise Beschreibung der menschlichen Seele ist.

Komplizierte, tiefgründige Gedankengänge, die Beuys da geführt hat?
Stüttgen:
Sind die wirklich so kompliziert? Na ja, man muss sich dran gewöhnen. Aber ich behaupte, sie sind eigentlich gar nicht so kompliziert. Viel schlimmer ist, dass wir in einer vollkommen verkomplizierten Vorstellungswelt leben. Deswegen haben wir Schwierigkeiten, an die einfachen, grundlegenden Fragestellungen he­ranzukommen. Wir stehen uns da selbst im Weg.

Wie definieren Sie Beuys’ Verhältnis zur Religion und zu Gott?
Stüttgen:
Dieses Verhältnis hatte zwei Seiten. Die eine Seite könnte man die Tradition nennen, in der wir alle großgeworden sind. Die aber jetzt interessanterweise bezüglich der religiösen Momente immer mehr nachlässt. Man kann sagen: Der Materialismus hat sich wirklich durchgesetzt. Das ist die eine Seite der Medaille, die Vergangenheit. Dann haben wir die Gegenwart, d. h. unsere jetzige Ich-Not an dieser Vergangenheit. Auch an den Zuständen, die wir durch diese Vergangenheit hervorgerufen haben. Die nächste Frage geht in die Zukunft. Wir müssen dieses Christusereignis in uns selber vollziehen. Christus ist auf die Erde gekommen als Gott. Er hat auf der Erde seine 30 Jahre gearbeitet und gelehrt. Dann ist er drei Jahre lang sozusagen vollkommen in die menschliche Substanz eingegangen. Denn der Christus ist durch die Johannis-Taufe überhaupt erst gegenwärtig geworden.

Foto: Adrienne Uebbing

Foto: Adrienne Uebbing

Dadurch bricht ein ganz neues Zeitalter an. Das kommt uns vielleicht erst jetzt allmählich zu Bewusstsein, nachdem wir diese ganzen Todesvorgänge in unserer Geschichte durchexerziert haben.

Beuys muss durch Krisen gegangen sein, um diese Gedanken hervorzubringen?
Stüttgen:
Ja, er ist durch etliche Krisen gegangen. Durch Krisen hat er diese Kraft entwickeln können. Aber er hatte mit Sicherheit von Anfang an einen sehr klaren Sinn für seine künstlerische Bestimmung. Wie alle großen Geister, die schon sehr früh wissen, wofür sie auf der Erde sind.

Er hat bewusst einige Eklats im Voraus einkalkuliert und konnte souverän damit umgehen?
Stüttgen:
Absolut. Er war einer, der dem System Paroli geboten hat. Er hat gesagt: Das System, egal ob im Westen oder Osten, ist für mich nicht zuständig. Ich bin als Mensch für mich zuständig. Ich habe den Auftrag, mit anderen Menschen eine Gemeinsamkeit in Freiheit zu entwickeln, um die Systeme zu überwinden. Weil die Systeme alle ihrem Wesen nach Todessysteme sind. Ziel ist die Entwicklung der sozialen Skulptur.

Sie haben 20 Jahre Ihres Lebens mit ihm verbringen dürfen. Das war ein großes Glück?
Stüttgen:
Ja, das war ein großes Glück, und von daher habe ich die Verpflichtung, daran weiterzuarbeiten. Ich habe immer wieder erlebt, dass Leute, die ihn kennenlernten, ganz erstaunt darüber waren, wie menschlich er war. Die meisten kannten ihn nur durch die Medien als Superstar. Beuys war ein Mensch, der genau zuhören konnte. Als Lehrer hat er regelrecht Hebammenhilfe geleistet. Was will der Schüler? Das herauszuarbeiten, hat er mitgeholfen. Er hatte einen sehr tiefen Einblick in die Seele. Das war eigentlich sein ganzes Kapital. Er war übrigens ein sehr bescheidener Mensch.

Oster-Picknick auf dem Friedhof

17. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

In diesem Jahr feiern die östlichen Kirchen Ostern gleichzeitig mit den westlichen. Für die Orthodoxen ist Ostern das wichtigste und populärste religiöse Fest des Jahres, noch beliebter als Weihnachten. In Rumänien bringen die Karwoche und die Nacht der Auferstehung die ganze Gesellschaft zusammen – manchmal über den Tod hinaus.

Christus ist auferstanden«, grüßen die Bäuerinnen auf dem Markt, bevor sie anfangen, ihre zahlreichen Käse- und Wurstwaren hoch zu preisen. »Wahrlich ist er auferstanden«, antworten die Kunden und freuen sich auf die Kostprobe. Trotz 45 Jahren Staatssozialismus und einer raschen Modernisierung bleiben in Rumänien die alten Traditionen überraschend lebendig. Noch immer wirken sie selbst in der Hauptstadt irgendwie natürlich, als ob die Säkularisierung gar nicht stattgefunden hätte.

Die Orthodoxe Kirche, der 85 Prozent der Bevölkerung angehören, strebt seit der Wende eine führende gesellschaftliche Rolle an und macht mittlerweile keinen Hehl aus ihrem Stolz. Für ausländische Besucher oder für die wenigen evangelischen Deutschstämmigen, die hauptsächlich in Siebenbürgen leben, mögen die langen Rituale und die prunkvollen Auftritte der orthodoxen Geistlichen zunächst etwas übertrieben und befremdlich wirken. Dass diese traditionelle Spiritualität heute noch von so vielen Menschen im Alltag gelebt wird, bleibt jedoch unumstritten – und beeindruckend.

Von wegen leise: Auf den Friedhöfen in Rumänien wird die Auferstehung an Ostern im wahrsten Wortsinn lebendig gefeiert. Foto: George »Poqe« Popescu, Bukarest

Von wegen leise: Auf den Friedhöfen in Rumänien wird die Auferstehung an Ostern im wahrsten Wortsinn lebendig gefeiert. Foto: George »Poqe« Popescu, Bukarest

Und selten ist das so offensichtlich wie in der Osterzeit. Das wichtigste christliche Fest wird in diesem Jahr ausnahmsweise gleichzeitig gefeiert im Osten und im Westen. Aber in Rumänien ist Ostern nicht nur aus theologischer Sicht von zentraler Bedeutung, sondern es bringt, ähnlich wie Weihnachten, wenn nicht sogar mehr, die ganze Gesellschaft zusammen. Am Ende einer strengen, siebenwöchigen Fastenzeit, die von ungefähr 30 Prozent der Bevölkerung tatsächlich gehalten wird, steht ein Feiertag der Lichter und der Liebe.

Bereits in der Karwoche sammeln sich jeden Abend unglaublich viele Menschen in den kleinen Kirchen, um die byzantinischen Lieder von den Passionen Christi mitzusingen – meistens ohne Gesangbuch. Tagsüber steht man Schlange vor dem Beichtstuhl, um in der Nacht der Auferstehung an der Kommunion teilnehmen zu dürfen.

Die Osterliturgie fängt immer kurz vor Mitternacht an und dauert bis in die frühen Stunden. Anstelle der bisherigen schwarzen Gewänder tragen die Priester Weiß und Gold. Da praktisch jeder in die Kirche kommt, auch diejenigen, die sonst keine Gottesdienste besuchen, wird die Messe im Großen und Ganzen draußen auf dem Hof oder auf der Straße gefeiert.

Diese Tradition hat aber auch liturgische Gründe, sie soll die Auferstehung als radikale Öffnung zelebrieren, als einzigartigen Befreiungsmoment, in dem alte Grenzen, Fesseln und Zwänge, allen voran der Tod, überwunden werden. In der orthodoxen Spiritualität spielt nämlich die nicht lediglich moralische, sondern auch metaphysische und fast physische Deutung des Osterfests eine sehr wichtige Rolle.

Pünktlich um Mitternacht, wenn die Glocken läuten und die Priester mit Fackeln aus den Kirchen herausgehen, um das Licht Christi unter alle Menschen zu bringen, erleben die Gläubigen immer aufs Neue die Öffnung einer neuen Dimension des menschlichen Daseins.

Das Gefühl der Kommunion streckt sich über den Tod hinaus, und wird in manchen Gemeinden in der Woche nach Ostern entsprechend gefeiert. So treffen sich die Menschen etwa in der östlich gelegenen Stadt Buz˘au auf dem Friedhof, um dort zusammen mit den Verstorbenen zu essen und zu trinken. Der skurrile Brauch ist vor allem bei den Roma weit verbreitet und wirkt aus westeuropäischer Sicht etwas frappierend, denn bei uns pflegt man in der Regel einen sehr leisen und diskreten Umgang mit dem Tod und den Toten.

Warum eigentlich, fragt man sich in Rumänien. Wenn die Auferstehung kein bloßes Symbol, sondern eine theologische und metaphysische Realität ist, dann verliert doch das Ende des Lebens in dieser Welt seine tragische, ultimative Dimension. Es ist ja für die Menschen auf dem Friedhof in Buz˘au eher ein Anfang, der durchaus gefeiert werden darf, mit allem, was zu einer Feier gehört.

Dabei ist auch Gastfreundlichkeit wichtig: Niemand darf vom Fest ausgeschlossen werden, und es gibt meistens, trotz der relativen Armut, in der zahlreiche Rumänen immer noch leben, Grillgut und Wein für alle möglichen, erwarteten und unerwarteten, Gäste. Traditionell für Ostern sind neben den auch in Mitteleuropa bekannten
Ostereiern der Lammbraten und ein Hefekuchen mit Quark und Rosinen, der »pasca«, also Osterkuchen heißt.

Gewissermaßen ist das Fest der Auferstehung, ähnlich wie Weihnachten, ein Familienfest. Doch vor allem außerhalb der Großstädte sind die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen eher fließend. Freunde und Nachbarn werden oft eingeladen – oder sie kommen sowieso. Und wenn das Haus zu klein wird, dann deckt man den Tisch eben in der Straße. Auch dieser Brauch basiert auf den traditionellen Agapen, jenen gemeinschaftlichen Essensfeiern, die in vielen orthodoxen Kirchen heute noch üblich sind.

Spätestens seit der Wende befindet sich die rumänische Gesellschaft in einem kontinuierlichen Umbruch, der nicht nur eine wirtschaftliche, politische und soziale Transformation in den 1990er-Jahren bedeutete. Im Laufe der beschleunigten Modernisierungsprozesse ändern sich natürlich auch die alten religiösen und kulturellen Traditionen, die das Land und die ganze Region prägen. Ob und wie viel vom historischen Erbe überleben wird, steht auf einem anderen Blatt.

Silviu Mihai

Gott kommt zu seinem Recht

16. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

In der Auferstehung Jesu Christi ist die Macht des Todes gebrochen – Ein Oster-Gedanke Martin Luthers

Das ist eine seltsame, unerhörte Predigt, welche die Vernunft nicht fassen kann, sie muss geglaubt sein, dass Christus lebe, und dennoch tot sei, und so tot, dass doch der Tod in ihm sterben muss und alle seine Macht verlieren. Es wird aber solches uns zum Trost gepredigt, dass wir glauben und lernen sollen, der Tod habe seine Macht verloren. Denn da findet sich – Gott habe ewig Lob! – ein solcher Mensch, welchen der Tod angreift, wie alle anderen Menschen, und würgt ihn: Aber im Würgen muss er selbst sterben und verschlungen werden, und der gewürgte Christus soll ewig leben.

Martin Luther

Auferstanden von den Toten« – das ist nach Luther der im Namen Gottes erfolgende Aufstand des getöteten Christus gegen den Würge-Tod. Gegen die Sieger der Geschichte. Gegen die, die so viele erwürgt haben und über Leichen gegangen sind. Mit Blick auf den Gekreuzigten und Auferstandenen bestreitet der Reformator, dass den Würgern die Zukunft gehört. Es geht stattdessen in der Auferstehung des Christus darum: Gott kommt zu seinem Recht. Und er setzt sich vor aller Augen durch. Und erst recht setzt er die Opfer ins Recht.

Luther besteht auf der neuen Leiblichkeit

Der Wittenberger Professor hätte sich nie damit abgefunden, wenn einer nur von einer geistigen Fortexistenz des Gekreuzigten gesprochen hätte. Vielmehr besteht dieser Lehrer der Kirche auf der neuen Leiblichkeit des Christus. Von der »anderen Gestalt« des Auferstandenen ist im Markusevangelium (16, 12) die Rede. Von dorther speist sich Luthers glühende Hoffnung auf Erneuerung auch seiner Leiblichkeit. Sein Vertrauen in den Gott, der den Menschen mit Leib und Seele geschaffen hat, schreit nach der neuen Leiblichkeit im Licht: »Wo Christus auch immer ist, da ist Licht!«

Handgemalte Szene aus der Bibelabschrift des Künstlers El Shalom Wieberneit (91) aus Ennepetal (Nordrhein-Westfalen). Auf dem Bild zeigt Jesus nach seiner Auferstehung dem zweifelnden Thomas und den anderen Jüngern seine Nägelmale. Wieberneit hat in den vergangenen Jahrzehnten alle 27 Bücher des Neuen Testaments und viele des Alten Testaments abgeschrieben. Zu den biblischen Geschichten malt Wieberneit Ornamente und Bilder. Foto: epd-bild

Handgemalte Szene aus der Bibelabschrift des Künstlers El Shalom Wieberneit (91) aus Ennepetal (Nordrhein-Westfalen). Auf dem Bild zeigt Jesus nach seiner Auferstehung dem zweifelnden Thomas und den anderen Jüngern seine Nägelmale. Wieberneit hat in den vergangenen Jahrzehnten alle 27 Bücher des Neuen Testaments und viele des Alten Testaments abgeschrieben. Zu den biblischen Geschichten malt Wieberneit Ornamente und Bilder. Foto: epd-bild

Martin Luther entnimmt den Ostererzählungen des Neuen Testaments eine beispiellose Hoffnung: In der Auferstehung Jesu Christi ist die Macht des Todes spürbar und unwiderleglich gebrochen. Denn es geht beim auferstandenen Christus um Gott. Gott siegt in einem aufsehenerregenden Krieg, in einem schlimmen Kampf. Luthers Bild: Es ist der Krieg des erwürgten Christus gegen den Erwürger Tod. Hier steht Gott zu seiner Verheißung, es werde einmal mit dem Tod und dessen Herrschaft ganz und gar aus sein. Einmal wird aus dem Es-ist-Versprochen ein Es-ist-Geschehen. Die dem Tod verfallene Welt und unsere Wirklichkeit werden ins ewige Leben verwandelt – in die »andere Gestalt«. Die Auferstehung des Gekreuzigten trägt unsere Auferstehung in sich. Und dem kann dann niemand mehr widersprechen. Der Auferstandene zieht uns durch den Tod zu sich: »Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell« (Paul Gerhardt). Und so versteht Luther das Ereignis des Ostertages als ein Kampfgeschehen, dessen Sieg nunmehr schon geschehen ist, aber erst in der Kraft der großen Auferstehung aller vollendet sein wird.

Für Luther ist der zweifelnde Jünger Thomas der wichtigste Oster-Zeuge. Und eben dieser sei vor der Erscheinung des Auferstandenen in die Knie gegangen. So wie ein Gläubiger aus dem Volk Israel vor der Erscheinung Gottes in die Knie geht. Und er habe das klarste Glaubensbekenntnis in der Begegnung mit dem lebendigen Christus ausgesprochen: »Mein Herr und mein Gott!« (Johannes 20, 28). Und dieses Thomas-Bekenntnis nimmt der Reformator auf: »Fragst du, wer der ist, er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth und ist kein andrer Gott, das (Kriegs-) Feld muss er behalten.«

Erfahrungen, die den Zweifel mildern

Wer sich auf den kampferprobten Jesus verlässt, macht Erfahrungen mit Gott, die – wie bei Thomas – den Zweifel mildern oder gar ausräumen. Es sind schon jetzt Lebenserfahrungen, dass die Hoffnung größer ist als die Angst. Trotz der Bedrohungen bleiben Lebensbejahung, Zuversicht, Menschenfreundlichkeit. Nichts Menschliches wird mehr vergöttert. Auch unser eigener Kampf mit dem Tod kann und soll durchgestanden werden. Auch mein »Madensack«, wie Luther den Leib manchmal nennt, wird in die Auferstehung hineingenommen: Ach, das ist der schöne Gesang, von den alten Christen, die da singen: »Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.« Das unschuldige Lamm Christus hat uns arme irrende Schafe mit seinem Vater versöhnt, und ist ja ein wunderbarer Krieg, dass Tod und Leben miteinander kämpfen, und der Herr des Lebens stirbt, aber dennoch wieder lebt und regiert.

Rolf Wischnath

Der Autor war Generalsuperintendent in Cottbus. Er lehrt Systematische Theologie an den Universitäten Bielefeld und Paderborn.

Auferstehung in Rösa

15. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Rösa hat eine beeindruckende, doch bislang namenlose Dorfkirche. Zur Osternacht ändert sich das: Das Gotteshaus wird zur Auferstehungskirche. Im Reformationsjahr erhalten weitere Kirchengebäude einen Namen.

Christus kommt zu uns auf Wegen, die wir nicht immer nachvollziehen können. Keiner weiß, welche verschlungenen Pfade die geschnitzte Christus-Figur genommen hat, bis sie eines Tages im Pfarrhaus von Pouch bei Bitterfeld gefunden wurde, nach Rösa kam, restauriert wurde und nun an der Südseite der Apsis in der kleinen, aber mächtigen Dorfkirche hängt. Christus ist ein Torso, die Arme sind verloren gegangen. Ein Geschundener. Auf den ersten Blick. »Denn steht man vor ihm, merkt man: Ihm fehlt nichts«, sagt Pfarrer Albrecht Henning. »Er ist schon hindurch. Ostern ist erkennbar, spürbar.«

Die kleine Dorfkirche von Rösa im Frühlingslicht. Zur Osternacht wird dem bislang namenlosen Gotteshaus der Name »Auferstehungskirche« gegeben. Foto: Thomas Klitzsch

Die kleine Dorfkirche von Rösa im Frühlingslicht. Zur Osternacht wird dem bislang namenlosen Gotteshaus der Name »Auferstehungskirche« gegeben. Foto: Thomas Klitzsch

Besonders in Rösa. Die Gemeinde gehört zum Pfarrbereich Krina im Kirchenkreis Wittenberg. Von neun Kirchen hatte bis auf die Barockkirche Burgkemnitz keine einen Namen. Welchem Heiligen das Gebäude einst gewidmet wurde, lässt sich nicht belegen. Das Landeskirchenamt fand keine Zeugnisse, auch nicht aus vorreformatorischer Zeit. Während also im nahen Wittenberg das 500. Reformationsjubiläum mit viel Aufwand und Hunderten Veranstaltungen gefeiert wird, starten die Christen im Pfarrbereich Krina ihre eigene Erneuerungsbewegung: Sie geben ihren namenlosen Kirchen Namen.

Der Christus-Torso im Chorraum (re.) gab den Anstoß für Namenswahl und künstlerische Ausgestaltung. Fotos: Thomas Klitzsch, Katja Schmidtke

Der Christus-Torso im Chorraum (re.) gab den Anstoß für Namenswahl und künstlerische Ausgestaltung. Fotos: Thomas Klitzsch, Katja Schmidtke

Zu Ostern wird Rösa zur Auferstehungskirche. Der Gottesdienst am Karsamstag beginnt um 22.30 Uhr. Bereits zum dritten Mal wird die Auferstehung Jesu auf diese Weise so in Rösa gefeiert. In diesem Jahr werden zwei Kinder getauft – und die Kirche erhält ihren Namen. Eine Woche später bekommt dann die Kirche in Krina den Namen Trinitatiskirche. Die bisherige Barockkirche Burgkemnitz wird am 25. Mai wegen ihres Deckengemäldes umbenannt in Barockkirche Christi Himmelfahrt. Mit einem Wandelkonzert am 19. August feiert die Gemeinde die Benennung der Kirche Gröbern als Elisabethkirche.

Und zum Tag des offenen Denkmals wird die Dorfkirche Schwemsal zur Erlöserkirche – hier gibt es ein modernes Gemälde, das auf die Himmelsleiter anspielt. Zu Erntedank am 30. September erhält die Marienkirche Schlaitz ihren Namen. Noch offen sind Termine zur Namensgebung der Christuskirche in Schköna und der Dornbuschkirche in Hohenlubast. Bereits ihren Namen erhalten hat die Christophoruskirche in Gossa. Die beiden historischen Ritzzeichnungen ergänzte Jochem Poensgen mit einem Glasfenster.

»Auferstehungskirche« – damit verbindet Hans-Ulrich Eckardt auch die jüngste Geschichte des Gebäudes. Rösa liegt im Braunkohlengebiet; zu DDR-Zeiten gab es Pläne, das Dorf zu überbaggern, die Kirche war ruinös. Erst Ende der 1980er-Jahre genehmigte der Staat eine Sanierung. »Aber nur mit eigenen Mitteln«, erinnert sich Hans-Ulrich Eckardt. Von 1988 bis 1993 arbeiteten die Rösaer an ihrem Gotteshaus. Eine auferstandene Kirche.

Die Auferstehung Jesu greift im Kircheninneren nicht nur der Christus-Torso auf. Ausgehend von ihm hat der Künstler Sven Göttsche ein Apsisfenster sowie ein Altarkreuz und zwei Leuchter geschaffen. Sven Göttsche erinnert sich noch wie heute, wie er die Figur zum ersten Mal sah. Eigentlich hatte der Druckgrafiker, Bildhauer und Glaskünstler, der direkt gegenüber der Kirche wohnt, gerade den Entwurf für das Fenster vorgestellt, Pfarrer und Gemeinde waren zufrieden. Dann sah Göttsche den Christus. »Das war für mich als Künstler ein Schock, weil mein Fenster-Entwurf mit dieser Figur nicht zusammenging. Andererseits war dieser Christus beeindruckend. Das war kein Korpus am Kreuz. Seine Armlosigkeit hat etwas Raketenhaftes. Er hat mich zum Gespräch herausgefordert«, erinnert sich der Künstler.

Er verwarf seinen ersten Entwurf, begann die Arbeit neu – mit dem Christus-Torso als Leitmotiv. Die Umrisse der spätgotischen Schnitzerei sind im Fensterbild zu erkennen, ebenso wie im Altarkreuz. Auch hier ist Jesus nicht der Leidende, das Kreuz kein Marterwerkzeug, sondern Hoffnungszeichen. Die Kerzenleuchter hat Sven Göttsche als stilisierte Hände gestaltet, die das Licht bringen. Auch sie sind vom Kreuz gelöst.

Der Künstler lädt dazu ein, Kreuz und Leuchter zu erkunden, Anfassen ausdrücklich erwünscht. Das hilft, Ostern zu begreifen. Das große Geheimnis der Auferstehung, das, so sagt Pfarrer Albrecht Henning, so schwer in Worte zu fassen ist.

Katja Schmidtke

Kirchennamen – woher sie kommen

95 Prozent der Kirchen erhielten ihren Namen im Mittelalter, berichtet Dr. Bettina Seyderhelm, Kirchenkonservatorin im Referat Kunst- und Kulturgut bei der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Die Benennung ging meist mit Reliquienbesitz einher.

Auch regionale Besonderheiten spielen eine Rolle: So gibt es im Kirchenkreis Halberstadt viele Gotteshäuser, die dem Heiligen Stephanus geweiht sind. Eine detaillierte Statistik hat die EKM nicht, aber die »Hitliste« der Kirchennamen führen St. Nicolai, St. Johannis, St. Michaelis und Maria sowie Dreifaltigkeitskirche an.

Beziehungskrise?

11. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Über das deutsch-russische Verhältnis sprach Harald Krille mit dem Bundestagsabgeordneten Christoph Bergner (CDU), der als bekennender Protestant (Mitglied der Herrnhuter Brüdergemeine) im Auswärtigen Ausschuss sowie im Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union aktiv ist.

Dr. Christoph Bergner. Foto: Harald Krille

Dr. Christoph Bergner. Foto: Harald Krille

Herr Dr. Bergner, warum sind die deutsch-russischen Beziehungen auf einem Tiefpunkt, obwohl sich die Mehrheit der Bevölkerung laut Umfragen ein gutes Verhältnis zur einstigen Supermacht wünscht?
Bergner:
Der Wunsch nach guten, partnerschaftlichen Beziehungen ist verständlich: Russland ist als Rechtsnachfolger der Sowjetunion von großer weltpolitischer Bedeutung. Das Pro­blem besteht darin, dass sich die russische Politik seit dem Fall des Eisernen Vorhangs dramatisch verändert hat. Und dass wir in Europa und auch in Deutschland diese Veränderung noch immer nicht richtig verstanden haben.

Worin sehen Sie die dramatischen Veränderungen?
Bergner:
Wenn wir auf die Aufbruchsjahre von 1990/91 zurückblicken, dann war damals das Bild vom Haus Europa, das ja von Gorbatschow stammt, prägend. Es gab Vereinbarungen und ein Bekenntnis zu gemeinsamen Grundwerten. Verglichen damit ist die jetzige russische Politik anders orientiert. Sie ist – plakativ gesagt – an einem eurasischen Konzept orientiert, in dem die Werte von Rechtsstaat und Demokratie nachrangig sind. Und bei dem auch völkerrechtliche Vereinbarungen machtpolitischen Zielen untergeordnet werden, wie wir das in der Ukraine und bei der Annexion der Krim gesehen haben.

Wurde diese Entwicklung nicht durch die überhebliche Haltung des Westens begünstigt?
Bergner:
Ich sehe nicht, dass man der deutschen Politik diesen Vorwurf machen kann. Aber selbst wenn das international gelegentlich so war, liegt das eigentliche Problem woanders, nämlich darin, dass in Russland die Transformation zu Demokratie und Rechtsstaat bedauerlicherweise misslungen ist. Sie ist misslungen, weil sich in dieser Transformation eine Oligarchenherrschaft herausgebildet hat.

Der zweite Punkt ist, Russland hat sich mit inneren Konflikten herumschlagen müssen. Der dramatischste war der Tschetschenien-Konflikt. Das führte dazu, dass die Macht des Staates eine immer größere Bedeutung bekam und damit auch das Land totalitärere Züge angenommen hat.

Nun hat die EU mit Unterstützung Deutschlands die Sanktionen gegen Russland verlängert. Was bringt das außer einer weiteren Verhärtung der Fronten?
Bergner:
Sanktionen sind die einzige Möglichkeit, um beispielsweise das vereinbarte Friedensabkommen von Minsk beziehungsweise einen Waffenstillstand durchzusetzen. Insofern kann ich das etwas leichtfertige Gerede von Sanktionen, die nichts bringen, nicht verstehen. Wer keine militärischen Mittel will und sich trotzdem für Recht und Gerechtigkeit in der Völkerfamilie einsetzen will, der muss bereit sein, wenigstens dieses Instrument zu nutzen. Deshalb: Solange wir einen solch eingefrorenen Krieg in der Ostukraine haben und solange wir eine De-facto-Besetzung eines Teiles der Ukraine haben, müssen wir standfest bleiben und die Sanktionen aufrechterhalten.

Sie sagen, Europa schließe militärische Antworten aus. Andererseits steht die Nato heute unmittelbar an den Grenzen Russlands und führt dort Militärmanöver durch.
Bergner:
Die baltischen Staaten haben aus eigenem Entschluss um die Mitgliedschaft in der Nato gebeten. Und als Mitgliedsstaaten haben sie ein Recht auf Beistand. Und wir haben auf der anderen Seite Russland, das erkennbar versucht, diese baltischen Staaten einzuschüchtern. Darüber hinaus versucht Moskau, Einfluss auf die russischsprachige Minderheit in den baltischen Staaten auszuüben. Die Nato hat bisher, wie ich finde, sehr besonnen reagiert. Die Natostaaten zeigen Präsenz in der Region. Es ist ein wichtiges Signal an Russland, dass das, was man auf der Krim gemacht hat, mit den Territorien im Baltikum nicht geht. Aber um das ganz klarzumachen: Die Einheiten, die dort stationiert sind, sind völlig ungeeignet, um etwa gegenüber Russland aggressiv werden zu können.

Wie kommt man von diesem Konfrontationsniveau wieder herunter?
Bergner:
Zuerst einmal bleibt es ein wichtiges Anliegen, in allen Bereichen, die von der Konfrontation nicht betroffen sind, die Dialogstrukturen weiterzuführen. So ist beispielsweise in der Kultur- und Bildungspolitik die Zusammenarbeit völlig unverändert und unbeschränkt. Auch der Petersburger Dialog findet weiter statt. Der Punkt ist: Wir müssen Russland klarmachen, dass wir uns nicht belügen lassen. Denn Russland hat versucht, uns zu belügen, und belügt uns mit seiner Propaganda immer wieder. Es muss klar sein, wir lassen uns nicht instrumentalisieren für Hegemonie-Bemühungen gegenüber anderen postsowjetischen Staaten.

Und: Wir beobachten leider, dass Russland Versuche unternimmt, europafeindliche Kräfte zu unterstützen und den europäischen Einigungsprozess zu schwächen. Das sieht man von Pegida bis zur französischen Front National und möglicherweise auch bis zur AfD. Dazu kommen gezielte Hacker-Angriffe und die Produktion von sogenannten Fake-News. Das müssen wir abwehren. Wenn wir diese Prämissen konsequent gegenüber der russischen Seite verständlich machen, ist eine Basis gefunden, auf der man zumindest redlich miteinander umgeht, auch wenn wir nicht mehr auf denselben Wertegrundlagen operieren.

Sie sehen hinter den europakritischen Strömungen bei AfD und Pegida direkten russischen Einfluss?
Bergner:
Also ich sehe zumindest russische Fahnen bei Pegida, was ja schon erklärungsbedürftig ist. Russia today hat die Pegida-Demonstrationen von Beginn an live aus Dresden übertragen. Ich sehe, dass in der AfD die Forderung nach Sanktionsaufhebung besonders deutlich artikuliert wird. Ich weiß von finanzieller Unterstützung der Front National in Frankreich durch Russland.

Die russische Politik hat erkennbar ein Interesse daran, den europäischen Einigungsprozess zu stören und zu schwächen. Und dagegen müssen wir uns wehren. Denn aus meiner Sicht ist der europäische Einigungsprozess das wertvollste politische Konzept, was wir für die nachfolgende Generation bewahren müssen.

Jonny vom Dahl: Christ und coole Socke

10. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

»The Voice of Germany«: In der Castingshow von SAT 1 und ProSieben hat er es ganz weit gebracht, Jonny vom Dahl, BWL-Student in Jena und christlicher Musiker. Trotz des Erfolgs ist er auf dem Teppich geblieben.

Er ist da. Es ist doch kein Werbe-Gag. Der Gottesdienst hat schon angefangen und da schlängelt er sich durch die Reihen. Ganz unauffällig, im Holzfällerhemd. An Jonny vom Dahl erinnert wenig an einen Bühnenstar. In der Weimarer Baptisten-Gemeinde geht auch kein Raunen durch das Gemeindezentrum, wenn der Sänger den Raum betritt. Immerhin ein junger Musiker, vor dem sogar Weltstar Robbie Williams den Hut zog: »Deine Stimme und dein Klang sind großartig.«

Jonnys Kandidatenprofil auf www.the-voice-of-germany.de/talente/jonny-vom-dahl Fotos: Screenshots G+H

Jonnys Kandidatenprofil auf www.the-voice-of-germany.de/talente/jonny-vom-dahl Fotos: Screenshots G+H

Man kennt ihn hier, seit zwei Jahren besucht er, für einen Studenten relativ regelmäßig, am Sonntagmorgen den Gottesdienst. Die moderne Form gefällt dem 21-Jährigen. Vor allem der Lobpreis. Mit Lobpreisliedern und eigenen Songs ist er dann auch vor einem Jahr zum Casting gefahren. Eine Wette mit seinen Kumpels. Er scheint noch immer erstaunt darüber, dass es geklappt hat, wenn er heute davon erzählt. Unter vielen hundert Bewerbern hat man ihn zunächst für die Vorrunde der SAT 1-Castingshow »The Voice of Germany« (die Stimme Deutschlands) ausgewählt. Sein Vater, evangelischer Pfarrer im hessischen Hofheim und selbst Musiker, war zunächst überrascht von der verrückten Idee. Aber dann saß die ganze Familie am Fernseher und fieberte mit. Vom Vater hat er auch das Talent geerbt. Das Cello tauschte Jonathan, genannt Jonny, im Alter von 11 Jahren mit der Gitarre und gestaltete Jugendgottesdienste, sang im Jugendchor. Bald hat er seine erste Band. Dass er Musik mit christlichen Texten macht, ist für ihn selbstverständlich. »Ich bin mit einem sehr positiven Bild von Kirche aufgewachsen.«

Eigentlich kommt er aus einer evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde. Dass er bei den Baptisten gelandet ist, hat mit seinen Freunden und der Freundin zu tun. Er sieht das ganz locker. Unterschiede scheint es für ihn nicht zu geben. Jungschar, Konfi-Gruppe, Jugendgruppen, das habe ihn geprägt. »Dass ich Christ geworden bin, hängt aber nicht mit meiner Herkunft oder dem Elternhaus zusammen«, erklärt er. Vor anderthalb Jahren erst habe er sich tatsächlich dafür entschieden. »Es gibt keinen speziellen Zeitpunkt, aber in dieser Zeit hat sich mein Glaube gefestigt«, versucht er den Vorgang zu beschreiben.

Neben seinem Glauben spielt die Musik in seinem Leben eine wichtige Rolle. »Ich höre gern Musik, um abzuschalten. Wenn ich Musik höre oder selber mache, dann kann ich mich darin fallen lassen.« Gitarre, Bass, Klavier, Cajón oder Gesang, Jonny vom Dahl ist vielseitig.

Jonny vom Dahl bei seinem Auftritt bei »The Voice of Germany«

Jonny vom Dahl bei seinem Auftritt bei »The Voice of Germany«

Smudo von den »Fantastischen Vier«, einer seiner prominenten Begleiter beim Talente-Wettbewerb im Fernsehen, bescheinigt ihm eine starke Bühnenpräsenz und eine coole Stimme, trotzdem muss und will der sympathische Student nicht ständig im Rampenlicht stehen. Sein Betriebswirtschaftsstudium hat auch nach dem Fernseherfolg Priorität. »Das BWL-Studium gibt mir die Grundlage, als Mensch, der irgendwie auch erwachsen werden muss.« Sollte der Weg ihn später doch mal ins Musikgeschäft führen, sei es ja auch nicht schlecht, Ahnung von Wirtschaft, Recht und Finanzen zu haben, meint er vorausschauend.

Angebote von Produzenten habe er nach der Castingshow einige gehabt. Schneller Erfolg sei ihm aber nicht wichtig. Deshalb hat er sich auch für die Zusammenarbeit mit einem Musikproduzenten aus seiner Kirchengemeinde entschieden. In aller Ruhe will er darangehen, Lieder zu komponieren und aufzunehmen. Seine Fangemeinde ist durch die Medienpräsenz enorm gewachsen. Auf Facebook hat er mittlerweile fast 5 000 Follower. Sein Leben habe sich aber durch den Schnupperkurs im Showbusiness nicht verändert.

Im Gegensatz zu seinem Glauben: »Ich habe einen Sprung ins Ungewisse gewagt. In eine Welt, die ich nicht kannte. Und ich bin mit der Mission da reingegangen, ein Beispiel für einen normalen, jungen Menschen zu sein, der Christ ist.« Gott habe aus seinem Ausflug ins Showgeschäft ganz viel gemacht, glaubt vom Dahl. Jeder Zuschauer hätte mitbekommen, dass er als Christ dort auftrete und der Glaube seine Lebensgrundlage sei. Dass man ihn in seiner Kirchengemeinde aufgefangen hat und ganz normal mit ihm umgeht, dafür ist er dankbar. Das gebe ihm ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit. »Ich werde trotzdem noch zum Kaffeekochen eingeteilt«, bemerkt er schmunzelnd. »Ich war im Fernsehen nur der Jonny und niemand anders, und ich bin auch jetzt kein anderer Typ als vorher.« Mit den Mitgliedern der Band »Die Fantastischen Vier« und mit Yvonne Catterfeld steht er im persönlichen Kontakt. Mit Catterfeld hat er auch über seinen christlichen Glauben gesprochen. Sie hat ihn bei der Präsentation ihres neuen Studioalbums bei einem Konzert auf die Bühne geholt. »Du weißt, Jonny, ich bin ein Fan von dir«, sagte die Sängerin bei »The Voice of Germany«, und da ist sie wahrlich nicht die Einzige.

Willi Wild

https://de-de.facebook.com/JvDProductions/

Traditionen folgen und Neues wagen

10. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Alle Jahre wieder stellen sich die Verantwortlichen die Frage: Wie soll Konfirmationsunterricht heute aussehen? Muss er sich den Wünschen der Mädchen und Jungen und ihren veränderten (Er-)Lebensgewohnheiten anpassen oder sollte er als »Fels in der Brandung« vor allem traditionelle Glaubensunterweisung bieten? Zwei Stellungnahmen von Pfarrern, die ihre Sichtweise von zeitgemäßer Konfirmandenarbeit darlegen:

Blick-14-2017
Kurz nach der Jahrtausendwende ließen Verantwortliche für die Kinder- und Jugendarbeit aus dem Magdeburger Konsistorium verlauten: Die Auftraggeber für den Konfirmandenunterricht seien die Konfirmanden (also nicht etwa die Kirche oder letztlich Christus), an ihren Bedürfnissen sei die Beschäftigung mit ihnen auszurichten; vor allem dürfe man den Unterricht nicht als Maßnahme zur Nachwuchsgewinnung betrachten. Ist das eine angemessene Haltung in Sachen Glaubensunterweisung?

Es mag für manche verstaubt und altbacken klingen: In Wasungen findet Woche für Woche der Konfirmandenunterricht für die Siebt – und Achtklässler statt, in dem wir singen, beten, auch spielen, aber vor allem lernen: Glaubensinhalte, Liturgie, biblische Inhalte.

Auch wenn die meisten Jugendlichen den Religionsunterricht besuchen, haben sie doch weiter ein großes Interesse an »harten Fakten«, an Informationen über die Kirche, über innere und äußere Zusammenhänge unseres Glaubens. Sie spüren, dass Lernen, gerade kognitives Lernen, ihnen hilft, Sicherheit zu gewinnen in einer Zeit, in der zu oft »Kompetenzen« wichtiger als Inhalte geworden sind.

Bei aller Kritik, die seit Jahrzehnten berechtigt und unberechtigt am Konfirmandenunterricht geübt wird, so am Alter der Konfirmanden und an der oft gegebenen Verbindung mit der Vorbereitung auf das Abendmahl, erlebe ich die Zeit mit den Konfirmanden als segensreich. Und: In jedem Jahr können wir vor der Konfirmation, in der Osternacht, junge Menschen taufen, die aus eigenem Entschluss zu uns gestoßen und geblieben sind.

Stefan Kunze, Pfarrer in Wasungen

Die Frage, ob 14-Jährige reif für ein Bekenntnis wie die Konfirmation sind, diskutiert die Kirche seit Jahrzehnten. Gegenfrage: Warum lassen sich eigentlich so viele Erwachsene scheiden? Auch 30-Jährige treffen nicht all ihre Entscheidungen nach reiflicher Überlegung, oder kippen später um. Das ist für mich kein Argument. Jesus hat Kinder und Jugendliche sehr ernst genommen, sie Erwachsenen in ihrer Entschiedenheit sogar zum Vorbild gemacht.

Die eigentliche Frage lautet: Können wir jungen Menschen bewusst machen, was die Konfirmation bedeutet? Man mag in diesem Alter vieles infrage stellen, aber es ist auch eine Zeit, in der man sich voller Eifer auf etwas stürzt und mit Leib und Seele dabei ist. Dazu ermutige ich die Konfirmanden, indem ich ihnen etwas zutraue und sie zu Entscheidungen herausfordere.

Ja, die Persönlichkeit des Pfarrers oder Gemeindepädagogen spielt bei der Konfirmandenarbeit eine Rolle. Aber auch Strukturen und die ihnen innewohnende Haltung sind nicht zu vernachlässigen. Wir müssen weg vom Säulendenken, in dem es in der Gemeinde eine Säule für die Konfirmanden, eine für die Kinder und Familien und eine für junge Erwachsene gibt. Es ist anachronistisch, mit der Konfi-Arbeit erst im Konfi-Alter zu beginnen. Wir brauchen Angebote für alle Altersgruppen und wir müssen Brücken bauen zwischen den und innerhalb der Generationen. Vor allem müssen wir junge Menschen einbinden. Gewähren wir ihnen zwei Jahre Gastrecht in der Gemeinde oder trauen wir ihnen zu, Christ zu sein für den Rest ihres Lebens?

Ich habe in der DDR-Zeit zum Glauben gefunden. Glauben hat für mich sehr mit Freiheit zu tun. Ich mag aus diesem Grund auch z. B. die Stempelkarten nicht, mit denen sich Konfirmanden ihre Teilnahme am Gottesdienst bestätigen lassen müssen. Was ist der Subtext solcher Karten? Dass, wenn sie voll ist, genügend Gottesdienste besucht wurden?

Natürlich lernen unsere Konfirmanden das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis, aber weniger auswendig, eher inwendig – durch Gottesdienste und Aktionen, die wir gemeinsam machen. Sind nicht Millionen von Menschen, die all das bimsen mussten, trotzdem aus der Kirche ausgetreten und haben dem Glauben den Rücken gekehrt?

Es geht darum, altersgerecht Glauben und Gottesbeziehung zu leben – praktisch, nicht nur mit dem Kopf. Wir stellen Glaubensinhalte, die persönliche Beziehung zu Gott in Jesus Christus, in den Mittelpunkt. Musik, gemeinsames Singen, Gebet spielen eine große Rolle. Andererseits machen wir viele herrliche Faxen, spielen und quatschen, trinken Tee, machen Ausflüge. Wer sich dann konfirmieren lassen will, nimmt an einer besonderen Konfi-Freizeit teil. Wir reden über Taufe, Abendmahl, über den Sinn der Konfirmation. Konfis müssen sich einbringen, sie gestalten Gottesdienste und Projekte mit, wir erwarten sie zum Abendmahl an Gründonnerstag. Die Konfirmation ist nicht irgendeine Segenshandlung, sie ist eine Taufbestätigung, sie ist ein »Ja, mit Gottes Hilfe«.

Ernst-U. Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Das stärkste Symbol des Glaubens

9. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Das Kreuz konterkariert das Bild vom planbaren und makellosen Idealmenschen

Das Kreuz ist das stärkste Symbol des christlichen Glaubens. Doch über alle Zeiten haben sich Christen mit diesem Todessymbol schwergetan. In der Urkirche hatte es als Erinnerung an den Tod des Gerechten eine herausragende Bedeutung, wurde aber unter dem starken Verfolgungsdruck nicht gezeigt. In der Kunst der Romanik thront ein nach oben blickender Christus als schmerzfreier Pantokrator aufrecht am Kreuz, die Gotik erst stellte dann realistisch das Leiden des Gottessohnes dar. Moderne Theologen haben den Kreuzestod beiseitegeschoben und den Reich-Gottes-Verkünder ins Zentrum gerückt, den Revolutionär, den ersten Feministen, den sanftmütigen Wanderprediger, neuerdings in evangelikalen US-Gemeinden den Jesus, der materiell reich macht. Als sei sein elender Kreuzestod ein dummer Zufall.

Die Passionsgeschichte lehrt: Jesus hat den Tod gefürchtet, aber er ging ihm nicht aus dem Weg. Er suchte die Konfrontation mit dem Tod, um ihn zu besiegen. Die Selbsterniedrigung Gottes bis zum Tod am Kreuz ist deshalb der Kern des Christentums. Gleichwohl hat jede Epoche diesen Tod neu interpretiert.

Gewiss war sein Leiden und Sterben nach dem Zeugnis des Neuen Testaments einzigartig, weil ein Gerechter gestorben ist, einer ohne Sünde (Hebräer 4,15). Das Besondere an Jesu Tod ist, dass Gott sich damit in die tiefste Niederung der menschlichen Existenz begeben hat. »O große Not, Gott selbst ist tot«, brachte Luther seine Kreuzestheologie auf den Punkt. Eine Torheit den Griechen, ein Ärgernis den Römern, eine Provokation für die Juden.

Die Verherrlichung des Kreuzestodes Jesu gehört dagegen zum Aberglauben der Kirche. Denn die Art seines Todes ist nicht außergewöhnlich. Es gab und gibt immer noch weit schlimmere Folter- und weit brutalere Hinrichtungsmethoden.

In manchen Kirchen werden in der Passionszeit Altarkreuze und -bilder verhüllt. Foto: epd-bild

In manchen Kirchen werden in der Passionszeit Altarkreuze und -bilder verhüllt. Foto: epd-bild

Das Heil liegt nicht in den äußeren Umständen des Todes Jesu, etwa in seinem grausamen Sterben am Kreuz oder in der Tatsache, dass bei seiner Hinrichtung Blut floss. Der Tod Jesu ist nicht der Grund der Erlösung, denn nicht die Kreuzigung war Gottes Eingriff in die Weltgeschichte (das haben die Menschen besorgt), sondern die Sendung Jesu und die Bestätigung seines Lebens und seiner Botschaft durch die Auferweckung. Gott hätte diesen Tod nicht gebraucht, er war aber die Konsequenz des Lebens und der Verkündigung Jesu. Gott hat mit seiner Auferweckung eingegriffen. Der Auferstandene ist Erstling unter vielen (1. Korinther 15,20), Grund zur Hoffnung für alle Leidenden, Sterbenden und Trauernden.

Wenn also die mittelalterliche Sühnopfertheologie verabschiedet wird, kann die Passion Jesu in der Verkündigung auf andere Weise an Bedeutung gewinnen: Der leidende Gott am Kreuz ist der schärfstmögliche Widerspruch gegen alle Macht- und Vollkommenheitsfantasien des Menschen, gegen alle innerweltlichen Erlösungs- und Machbarkeitsideologien. Das Kreuz konterkariert das Bild vom planbaren und makellosen Idealmenschen.
Die österliche Botschaft des Christentums ist: Der Gekreuzigte hat den Tod überwunden, Christus ist auferstanden. Berichte, wie die Auferstehung vor sich ging, gibt es im Neuen Testament nicht. Selbst im apokryphen Petrusevangelium wird nur gesagt, dass zwei Engel auf das Grab hinabstiegen, dass aber drei Personen aus dem Grab hervorgingen: Die Engel – und Jesus in der Mitte.

Helmut Frank

Reformation ohne Luther

4. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Schweiz: Über das Reforma­tionsjahr bei den Eidgenossen und die Rolle der Reformatoren dort sprach Markus Wetterauer mit Gottfried Locher, dem Ratspräsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, zu dem 2,4 Millionen Protestanten gehören.

Sie sind am 31. Oktober, am Reformationstag, geboren. Ist das eine Freude oder Last für Sie als Theologe?
Locher:
Es ist eine Freude! In der Schweiz ist der 31. Oktober nicht so zentral wie hier. Bei uns wird Reformationssonntag gefeiert, nicht Reformationstag. Ich habe erst im Verlauf des Studiums herausgefunden, welche Bedeutung mein Geburtstag hat.

Wie wichtig ist das Reformations-Jubiläum in der Schweiz?
Locher:
Es ist schön, dass Sie vom Reformations-Jubiläum und nicht einfach vom Lutherjahr sprechen. Bei uns ist 2017 nicht so entscheidend wie hier in Deutschland. Bei uns war die Reformation kantonal, also nicht in der ganzen Eidgenossenschaft gleichzeitig, deshalb haben wir einen Termin gefunden, der allen passt – und das ist eben 2017.

Blick in das Reformationsmuseum im Kreuzgang des Großmünsters in Zürich, einem der Fixpunkte der weltweiten Reformation. Am 1. Januar 1519 trat Ulrich Zwingli hier seine Stelle als Pfarrer an. Foto: epd-bild

Blick in das Reformationsmuseum im Kreuzgang des Großmünsters in Zürich, einem der Fixpunkte der weltweiten Reformation. Am 1. Januar 1519 trat Ulrich Zwingli hier seine Stelle als Pfarrer an. Foto: epd-bild

In Mitteldeutschland ist Luther omnipräsent. Wie ist das in der Schweiz?
Locher:
Luther ist der wichtige Reformator auch für die Schweiz. Aber dann hat sich die Schweizer Reformation auch mit eigenen Persönlichkeiten entwickelt. In Zürich mit Huldrych Zwingli, dann mit Heinrich Bullinger, und in Genf mit Johannes Calvin und anderen.

Fangen wir mit Zwingli (1484–1531) an. Was war für ihn wichtig?
Locher:
Es waren dieselben Ideen der Kirchenerneuerung wie in Deutschland. Es ging auch hier darum, Glauben so neu zu fassen, dass er verständlich und zugänglich für die Menschen wird. »Solus christus« war für Zwingli ganz entscheidend: den Blick frei zu bekommen auf Jesus Christus.

Dann gibt es aber Eigenheiten. Zwingli legte viel Gewicht auf soziale Erneuerung. Er war eine politische Figur. Er wollte, dass das Söldnerwesen in Zürich beendet wird. Er wollte die Bildung verstärken. Zwinglis Kirchenerneuerung war eine Erneuerung der ganzen Gesellschaft, und hier unterscheidet er sich ein bisschen vom Augustinermönch, der viel stärker den Glauben im Mittelpunkt hatte.

Calvin (1509–1564) hat dann noch mal andere Schwerpunkte gesetzt.
Locher:
Die sicher etwas vereinfachende Formel gilt noch: Luther hat den Glauben erneuert, Zwingli hat die Gesellschaft erneuert und Calvin hat die Theologie erneuert.
Calvin war der systematische Denker. Ich lese immer noch mit viel Gewinn Calvins »Institutio«. Ich glaube auch, dass Calvin als Reformator der zweiten Generation anders als Luther und Zwingli versucht hat, Brücken zu schlagen. Calvins Sakramentenlehre beispielsweise versucht, die Gräben in der Abendmahlsfrage zu überwinden.

Was ist denn übrig geblieben von den Ideen der beiden heute in der Schweiz – nach fast 500 Jahren?
Locher:
Die Schweiz, wie wir sie heute kennen, wäre nicht so ohne die Reformation. Es gibt bis heute katholisch geprägte Kantone und reformiert geprägte Kantone. Aufs Ganze gesehen waren die reformierten Orte die fortschrittlichen, es waren die Stadt-Kantone, die der Reformation besonders zugetan waren. Das hat dann auch einen Graben geschaffen zwischen progressiven, auch wirtschaftlich erfolgreichen Orten – eher reformiert geprägt – und katholischen, eher ländlichen Gebieten.

Calvin hat ja vor allem in Genf gewirkt, Zwingli überwiegend in Zürich. Hat das die Regionen geprägt?
Locher:
Die Liturgie beispielsweise ist auf calvinischer Seite, also in den französisch-sprachigen Kantonen, näher am Lutherischen. Es ist weniger reduziert. Wenn Sie in einen reformierten Gottesdienst gehen und es nicht gewohnt sind, dann fragen Sie sich: Wo ist die Liturgie? Die Predigt spielt oft eine alles dominierende Rolle. Im Kanton Bern, wo ich herkomme, spricht man noch heute davon, dass man nicht in den Gottesdienst geht, sondern man geht »z’ Prädig«, also man geht »die Predigt hören«.

Kritisch wird hier in Deutschland das Verhältnis von Luther zu den Juden gesehen. War das bei den Schweizer Reformatoren ähnlich?
Locher:
Bei uns ist ein anderes Thema im Mittelpunkt, nämlich der Umgang der Reformierten mit den Täufern. Insbesondere in Zürich, wo sie in der Limmat ertränkt wurden – mit dem Segen der Reformatoren. Da haben schon große Buß-Akte stattgefunden. Das ist weitgehend aufgearbeitet.

Wie ist das Verhältnis zwischen den Konfessionen im Reformationsjahr in der Schweiz?
Locher:
Ich glaube, es würde dem Anliegen der Reformatoren diametral widersprechen, wenn wir hier Konfessionsgrenzen zelebrieren würden. Wir haben drei große Elemente zusammen mit der katholischen Kirche. Erstens haben wir einen gemeinsamen Schweizer Pavillon an der Weltausstellung Reformation in Wittenberg. Zweitens haben wir eine große Nationale Feier in Zug. Wir feiern nicht nur 500 Jahre Reformation, sondern auch 600 Jahre Niklaus von Flüe. Er ist der auch über die Konfessionsgrenzen hinaus verehrte Heilige. Und drittens haben wir einen Festgottesdienst im Juni mit den Spitzen der Konfessionen.

Was ist für Sie persönlich der Kern, das Entscheidende der Reformation?
Locher:
Es ist für mich »solus christus«. Wie sagen wir das in einer Form, dass es nicht einfach frömmlerisch klingt? Oder dass es zwar nett ist, theologisch richtig, aber niemanden bewegt? Was heißt es denn heute: den Blick auf Christus frei bekommen? Was heißt es, in der Nachfolge zu sein? Die Herausforderung ist heute formal nicht dieselbe wie in der Reformationszeit, aber inhaltlich: die Menschen für Christus zu begeistern in einer Form, dass sie zeitgemäß ist.

Auf dem Weg zueinander

Die Hoffnung bleibt, dass evangelische und katholische Christen eines Tages gemeinsam am Tisch des Herrn sitzen

Ökumenische Gottesdienste sind für uns heute nichts Außergewöhnliches mehr. In vielen Gemeinden existieren etablierte ökumenische Gottesdienstformen zu besonderen Anlässen, wie gemeinsame Wort-Gottes-Feiern, etwa zur Gebetswoche für die Einheit der Christen am Pfingstmontag oder zu kirchlichen Festen. Auch ökumenische Feiern der Trauung oder doch zumindest die Feier der Trauung bei konfessionsverbindenden Ehen sind keine Seltenheit.

Auch regelmäßige ökumenische Feiern ohne einen besonderen Anlass sind weitverbreitet. So nimmt die Bedeutung einer gemeinsam gefeierten Stunden- oder Tagzeitenliturgie, etwa eines ökumenischen Morgen- oder Abendlobs, zu. Eine solche ökumenisch gefeierte Heiligung des Tages findet sich etwa im Rahmen einer sogenannten »City-Pastoral« in Großstädten, bei den Kirchen- und Katholikentagen sowie bei den Gebetstreffen von Jugendlichen in bewusster Anlehnung an die liturgische Tradition der ökumenischen Kommunität von Taizé.

Das liturgische Gedächtnis der einen Taufe

Doch trotz solch vielfältiger Möglichkeiten wird von vielen engagierten Gläubigen beklagt, dass ökumenische Gottesdienste immer »nur« Wortgottesdienste sein könnten. Eine solche Einschätzung bewertet ökumenische Wort-Gottes-Feiern als defizitär gegenüber einer gemeinsamen Feier von Eucharistie/Abendmahl. Hierin artikuliert sich der Wunsch, man wolle endlich auch in den Gemeinden vor Ort die Eucharistie/das Abendmahl gemeinsam feiern können und dürfen.

Christen beten gemeinsam um den Frieden. Foto: epd-bild

Christen beten gemeinsam um den Frieden. Foto: epd-bild

Dieses weitverbreitete Empfinden steht jedoch in einem gewissen Widerspruch zur tatsächlichen Relevanz von Wort-Gottes-Feiern für das liturgische Leben der Gemeinden vor Ort. Denn auch in der römisch-katholischen Kirche gibt es in Zeiten des Priestermangels immer mehr Gemeinden, wo diese liturgische Form oftmals die sonntägliche Eucharistiefeier ersetzt.

Hinzu kommt, dass sich in den vergangenen Jahren der Fokus auch liturgiepraktisch wie liturgietheologisch verschoben hat: Statt einer ständigen, schmerzlichen Fixierung auf die zurzeit noch nicht mögliche gemeinsame Feier von Eucharistie/Abendmahl hat sich in den vergangenen 15 Jahren gerade die Feier des gemeinsamen ökumenischen Gedächtnisses der einen Taufe als eine besonders gelungene Form des gemeinsamen ökumenischen liturgischen Feierns etabliert. In diesen ökumenischen Feiern wird die Einheit aller Getauften bereits feiernd begangen.

Die gottesdienstliche Praxis der anderen wertschätzen

Die ökumenische Bewegung hat sich von Anbeginn an auch der Frage des Gottesdienstes zugewandt. Unterstützt durch historische Studien, welche die Vielgestaltigkeit christlicher Gottesdienstformen schon in frühester kirchlicher Zeit belegten, stand dabei die Erreichung einer Konvergenz über die Grundgestalt und den Inhalt, den sogenannten Sinngehalt des christlichen Gottesdienstes, im Mittelpunkt.

Ebenso bedeutsam war das wachsende Bewusstsein einer gemeinsamen gottesdienstlichen Tradition, die es positiv wertzuschätzen und zu pflegen gilt. Auch die ökumenische Zusammenarbeit auf wissenschaftlicher Ebene zwischen Liturgiewissenschaftlern verschiedener christlicher Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften hat hier zu neuen, fruchtbaren Erkenntnissen geführt. Es gibt eine gemeinsame gottesdienstliche Tradition, die allen Christen zu eigen ist. Christen aller Konfessionen sehen in der Heiligen Schrift die Gründungsurkunde ihres Glaubens. Die Verkündigung der Schrift hat ihren Ort im Gottesdienst. Die Verkündigung der Schrift ist dabei zum einen die Proklamation der Heils­taten Gottes, die im Heilshandeln Gottes in Jesus Christus ihren unüberbietbaren Höhepunkt findet.

Christen machen sich aber auch Worte der Schrift zu eigen, um so mit den Worten der Psalmen und Gesänge Gott zu loben und zu preisen, ihn zu bitten und ihn anzuflehen, ihn anzubeten und zu verherrlichen. Die Schrift schließlich benennt normative Bezugspunkte für das gottesdienstliche Handeln der Kirche in jenen liturgischen Grundvollzügen, die wir die Feier der Sakramente nennen. Unabhängig von der konkreten Anzahl der Sakramente in den einzelnen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ist eine Rückbesinnung auf das Zeugnis der Schrift für eine ökumenische Verständigung über die einzelnen Sakramente und für eine Annäherung im Verständnis der Liturgie von großer Bedeutung.

Dies lässt sich noch weiter entfalten: Christen sind getauft auf den Namen Jesu Christi, sie sind so wiedergeboren in Wasser und Heiligem Geist. Christen feiern ein Gedächtnis des letzten Abendmahles. Sie versammeln sich am ersten Tag der Woche, um der Auferstehung Jesu Christi zu gedenken. Sie entfalten die Heilsgeheimnisse Jesu in einer strukturierten Feier des liturgischen Jahres. Christen treten in der Feier der Liturgie ein in den Dialog mit Gott, sie hören die Proklamation der Heilstaten Gottes in der Heiligen Schrift, sie wenden sich an den Gott und Vater Jesu Christi in Lobpreis, Dank und Bitte.

Bei aller Unterschiedlichkeit gibt es Gemeinsamkeiten

Bei allen Unterschiedlichkeiten in den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gibt es somit auch eine gemeinsame gottesdienstliche Tradition. Diese wurzelt zum einen in einer realen gemeinsamen liturgischen Tradition aus einer Zeit der Einheit, die vor den jeweiligen Kirchenspaltungen schon bestand. Aber auch nach den erfolgten Schismen und Spaltungen und nach der Zeit der Konfessionalisierung waren die jeweiligen liturgischen Traditionen keinesfalls so hermetisch gegeneinander abgeschieden, wie dies vielleicht aus den kontroverstheologischen Polemiken heraus rückgeschlossen werden mag. Hier gab es vielmehr im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder ein wechselseitiges Geben und Nehmen, wodurch die jeweils eigene Tradition mit angereichert wurde.

Besonders schön lässt sich dies etwa am Beispiel der Kirchenlieder aufzeigen: Paul Gerhardts »O Haupt voll Blut und Wunden« wird heute in römisch-katholischen Gemeinden wohl kaum als protestantisches Liedgut empfunden. Die Vielzahl an ökumenischen Liedern stellt eine gemeinsame gottesdienstliche Tradition dar, in der wirkliches Einheitspotenzial begründet liegt.

Positiv ist festzuhalten, dass auf dem Weg zur sichtbaren Einheit aller, die an Christus glauben, in den vergangenen Jahrzehnten nicht nichts geschehen ist – ganz im Gegenteil. Alleine schon die gegenseitige Anerkennung der Taufe, wie sie das »Direktorium zur Ausführung der Prinzipien über den Ökumenismus« fordert, ist mehr als ein bloßer Höflichkeitsakt, sondern, so Papst Johannes Paul II., eine »ekklesiologische Grundaussage«. Und die Hoffnung, eines Tages alle Sakramente gemeinsam feiern zu können, bewegt nach wie vor viele Christen und bleibt bestehen.

Martin Stuflesser

Der Autor ist Liturgiewissenschaftler an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg.

Von Glaube, Liebe und Hoffnung

3. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Reformationsbotschafter Dr. Eckart von Hirschhausen nimmt sich in einem exklusiven Programm Martin Luther vor. Er will unter anderem der Frage nachgehen, ob der Reformator Komiker war. Maria Socolowsky (MDR) und Willi Wild haben den Entertainer getroffen.

»War Luther Komiker?« Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
von Hirschhausen:
Das wäre ein schlechter Komiker, der die Pointe vorwegnimmt. Aber ich bin natürlich als Sprachkünstler sehr froh über Luthers Freude an der deutschen Sprache, über sein Geschick, Bilder, Metaphern, geflügelte Worte zu finden. Und die sind ja so geläufig geworden, dass wir oft gar nicht mehr wissen, dass sie von Luther sind, zum Beispiel: Unterhalten sich zwei Säue am Trog. Was gibt es denn heute? Ach, schon wieder Perlen. Wer nicht weiß, dass »Perlen vor die Säue werfen« eine lutherische Bezeichnung ist, kann darüber gar nicht lachen.

Foto: Willi Wild

Foto: Willi Wild

Ich bin selber von Kind auf Protestant und bin mit lutherischem Liedgut aufgezogen worden. Beim großartigen Pop-Oratorium »Luther« von Michael Kunze und dem Komponisten Dieter Falk habe ich kürzlich sogar mitgesungen. Moderne, mitreißende Musicalmelodien – da habe ich Gänsehaut bekommen, als da plötzlich 3 000 Chorsänger und 10 000 Leute im Publikum ergriffen sind, von der Geschichte, von den Konflikten und dem Kampf zwischen weltlicher und geistlicher Macht. Mir wurde plötzlich klar, wie aktuell das alles ist. Wir brauchen heute wie vor 500 Jahren Menschen, die sich hinstellen und sagen: Hier stehe ich und ich stehe zu etwas und ich kann auch nicht anders. Ich widerrufe nicht das, woran ich glaube.

»Humor hilft heilen«, so heißt Ihre Stiftung. An anderer Stelle schreiben Sie von der Wunderwirkung der Musik. Sind Humor und Musik die besseren Tabletten?
von Hirschhausen:
Die Musik wird als Heilkraft unterschätzt, genauso wie Humor und Gemeinschaft. Mein Buch »Wunder wirken Wunder« ist praktisch ein Wiederentdecken von dem, was man gerne unter Selbstheilungskräfte subsumiert. Ganz konkret und wissenschaftlich untermauerbar kann Musik Menschen erreichen, die demenziell erkrankt sind. Ich habe für die ARD eine Reportage gedreht, wo ich mich drei Tage in einem Altenheim einquartiert habe. Ich habe den Bewohnern Musik ihrer Jugendzeit vorgespielt. Es ist rührend, zu erleben, wie Menschen dann plötzlich auftauen – Menschen, die ganz weit weg sind, kaum zu erreichen mit Sprache.

Plötzlich fangen sie an, zu sprechen, zu lachen, mitzutanzen. Das ist die Heilkraft der Musik. Musik spielt im Alter zwischen 15 und 25 eine wichtige Rolle, es ist die Zeit intensiver Ersterfahrungen. Die werden offenbar im Gedächtnis viel stärker eingebrannt. Es gibt einen sehr schönen Satz: »Das Herz wird nicht dement, das Ohr auch nicht.«

Welche Rolle spielt die Musik im Luther-Programm?
von Hirschhausen:
Ich genieße es, wie Luther, auf der Bühne das freie Wort zu ergreifen. Im schönen Spiegelzelt in Weimar werde ich ein bisschen singen und das Publikum auch dazu animieren. Ich bin kein ausgebildeter Sänger und mein Gesang ist sicher nicht der reine Genuss. Da gibt es Leute, die das besser können. Aber ich kann mich mit Musik anders ausdrücken als mit Sprache allein.

Es ist auch kein Zufall, dass Luther Kirchenlieder geschrieben hat, die wir bis heute singen. Wenn es da Hits gibt, die seit mehreren hundert Jahren gesungen werden, von Luther, von Bach im Weihnachtsoratorium oder in Passionen, die uns heute noch bewegen, dann ist das doch auch ein kleines Wunder.

Wie Luther damals, mache auch ich deutsche Texte auf bekannte Melodien, beispielsweise auf die Melodie von »Tears in heaven«. Eric Clapton verarbeitet darin den Unfalltod seines vierjährigen Sohnes, der 1991 aus dem 53. Stock einer Wohnanlage gefallen ist. Was gibt uns Trost? »Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand«, das sagt sich leichter als es ist, wenn einem schreckliche Dinge passieren.

Welche Rolle spielen Kirche und Reformation in dem Programm?
von Hirschhausen:
Ich beschäftige mich mit der Frage: Welche Rolle hat Glaube heute? Was ist uns noch heilig? Was ist der Ablasshandel von heute? Die Deutschen geben eine Milliarde Euro für Nahrungsergänzung und Vitaminpräparate aus. Wissenschaftlich ist das totaler Unsinn. Es ist längst nachgewiesen, dass eine Überdosierung davon schadet und niemandem etwas nützt. Man kriegt mehr Krebs und nicht weniger davon. Das ist alles klar. Trotzdem wird es gekauft. Für mich ist das so ein Beispiel von Ablasshandel. Du kaufst etwas Sinnloses, damit deine Seele gerettet wird – ohne dich selbst und dein Verhalten ändern zu müssen. Die Mechanik ist dieselbe wie vor 500 Jahren.

Es gibt lustige Zitate von Luther: »Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.« Heute heißt das Lactoseintoleranz. Im Kern hat er natürlich recht. Viele beschäftigen sich mehr mit ihrer Verdauung als mit den großen Fragen: Wofür sind wir hier auf der Erde? Was gibt uns Freude? Was inspiriert uns? Was hat uns Jesus vorgelebt? Was ist davon heute noch wichtig?

Letzten Endes geht es um den Placebo-Effekt. Um die große Trias von Glaube und Liebe und Hoffnung. Wenn ich einem Patienten eine Tablette gebe, die keinen Wirkstoff enthält, und sein Zustand bessert sich, dann ist das doch eigentlich ein Wunder. Zuwendung hat einen unglaublichen Effekt. Und dass Menschen, die wieder an sich glauben können, Kräfte zuwachsen, ist doch längst belegt. Die Ärzteschaft hat diese Heilkräfte, die sich nicht in eine Tablette pressen lassen, in den letzten 20, 30 Jahren ziemlich vernachlässigt. Und es ist höchste Zeit, sie wiederzuentdecken.

Wie ernst ist es Ihnen mit den Wirkstoffen Glaube, Liebe, Hoffnung?
von Hirschhausen:
In den Vorlesungen, die ich für Medizinstudenten halte, sage ich: 40 Prozent der Wirkung von jedem Medikament seid ihr selber. Es ist der Kontext. Zu Luthers Zeiten gab es keine wirksamen Medikamente. Damals haben sie einen Bibelspruch oder ein kraftvolles Wort auf einen Zettel geschrieben und den Zettel gekaut und runtergeschluckt. Bis heute sagen wir, dass man lange auf etwas herumgekaut hat. Das kommt von diesen mittelalterlichen Ritualen. Stellen Sie sich mal vor, Patienten würden nicht die Tablette, sondern den Beipackzettel schlucken – sie würden wahrscheinlich alle Nebenwirkungen bekommen, die sie vorher gelesen haben.

Die beiden Veranstaltungen im Spiegelzelt sind zugunsten Ihrer Stiftung »Humor hilft heilen«. Welchen Zweck verfolgen Sie damit?
von Hirschhausen:
In ganz Deutschland gibt es durch die Stiftung ungefähr 500 Klinikclowns. Der Grundgedanke ist sehr einfach. Lachen hilft gegen Schmerzen. Das lässt sich schnell beweisen. Hauen Sie sich einfach mit einem Hammer auf den eigenen Daumen. Machen Sie das einmal allein und dann noch einmal in Gesellschaft. Sie werden feststellen, alleine tut es sehr lange sehr weh. In Gesellschaft müssen Sie über Ihr Missgeschick lachen und der Schmerz lässt nach. Deshalb sollten Menschen mit Schmerzen nicht alleine sein und etwas zu lachen haben. Das ist der Grundansatz von »Humor hilft heilen«.

In der Bibel wird Jesus mit den Worten zitiert: »Wo zwei oder drei versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.« Wir nutzen in der Medizin viel zu wenig die positiven Kräfte von Gemeinschaftserfahrung. Menschen können anderen Menschen guttun.

So wie Luther ein Priestertum aller Gläubigen ausgerufen hat, rufe ich ein »Heilertum aller Gläubigen« aus. Damit meine ich, dass man nicht zu einem Guru rennen, in Indien oder in Japan, oder bei einem ayurvedischen Wunderheiler in Sri Lanka das Heil suchen muss. Das »Heilertum aller Gläubigen« wirkt überall, wo Menschen sich füreinander engagieren und einsetzen. Es tut einfach gut, wenn man im Kreis sitzt, miteinander still wird und das Gefühl hat, die Menschen meinen es gut mit dir und wünschen dir Gutes.

Und du legst ihnen vielleicht die Hand auf oder auch die Hand auf die Schulter. Uralte kleine Rituale könnte man tun, ohne falsche Versprechung, und ohne falsche Hoffnung zu wecken. Dafür möchte ich mich in der evangelischen Kirche einsetzen: Menschen mit existenziellen Fragen und Krisen nicht alleine zu lassen. Ich will nach Formen suchen, die modern, zeitgemäß und verantwortlich sind.

Was bedeutet für Sie heute, evangelisch zu sein?
von Hirschhausen:
Evangelisch wird oft als etwas sehr Nüchternes abgetan. Damit tun wir, glaube ich, dem Luther unrecht. Ich habe mit dem Kirchenhistoriker Volker Leppin studiert. Er schreibt, dass Luther in Teilen auch ein großer Mystiker war. Er wusste sehr wohl um die Kraft von Ritualen. Ich kann jeden verstehen, der mit kirchlichen Formen nichts mehr anzufangen weiß. Aber als Mediziner kann man einfach mal anerkennen, wie viel sozialpsychologische Weisheit in der Bibel steckt. Wer gibt, der empfängt, das ist bis heute wichtig.

Wir leben in einer Zeit, wo es ums Haben geht, um Status, um Besitzen. Das macht die Menschen seelisch total arm. Wir kaufen uns Dinge, die wir nicht brauchen, von Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen. Das ist eigentlich ein total idiotisches Spiel.

Da hat Kirche bis heute eine ganz wichtige Aufgabe, nämlich zu sagen: Es gibt einen Raum innerhalb der Gesellschaft, wo Status keine oder zumindest eine geringere Rolle spielt. Ob du mit dem Porsche, dem Fahrrad oder dem Rollstuhl in die Kirche kommst, ist gar nicht wichtig. Und ob du 5 Jahre, 50 oder 95 bist, ist auch nicht entscheidend. Wo gibt es noch Institutionen, die so eine verbindende Kraft haben?

Was schätzen Sie an Luther?
von Hirschhausen:
Ich finde längst nicht alles gut an Luther. Seinen Antisemitismus beispielsweise. Aber mir machen viel mehr die Menschen in Deutschland Sorgen, die heute genauso antisemitisch denken wie vor 500 Jahren. Die haben nichts dazugelernt.

Von Luther kann man die Grundfreiheit lernen, nicht mit der Horde zu grölen, sondern zu sagen, was einem selber wichtig ist. Dafür einzustehen, auch wenn es wehtut und unangenehm wird. Das ist eine Haltung, vor der ich absolut Respekt habe.

Der linke Flügel der Reformation

3. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Opposition: Radikale Reformation ist der Sammelbegriff für die Gruppierungen, die sich neben den lutherischen und zwinglianischen Bewegungen entwickelt haben: Schwärmer, Wiedertäufer oder Nichttrinitarier (die die Dreieinigkeit Gottes nicht anerkennen).

Die Männer kannten sich in der Bibel aus. Dabei waren sie einfache Leute, vor allem ihr Sprecher Nikolaus Storch, ein Tuchmacher. Sie predigten, dass man an ihren Lippen hing. Sie sagten, dass man das Wort Gottes nicht nur hören, sondern tun müsse. Deshalb galt es, alles abzulegen, was nicht aus Gottes Wort zu begründen sei. Zum Beispiel die Kindertaufe. Drei von ihnen waren aus Zwickau gekommen. Dort hatten sie den Pfarrer Thomas Müntzer überzeugt. Jetzt, 1521 in Wittenberg, gewannen sie den jungen Professor Andreas Bodenstein für sich. Sogar Philipp Melanchthon, der Kopf der reformatorischen Bewegung, war von ihnen beindruckt. Luther war verschwunden. Bodenstein ließ Heiligenbilder verbrennen, er zog kein Messgewand mehr an, feierte Gottesdienst auf Deutsch und reichte der Gemeinde in der Eucharistie auch den Kelch. Die Besucher protestierten. Er ließ sich nicht beirren.

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Auf einmal, im März 1522, war Luther wieder da. In acht Predigten wies er Bodenstein in die Schranken und die frommen Prediger auch. Er verspottete sie als »Zwickauer Propheten«. Nach einer Woche war die Ordnung wieder hergestellt. Melanchthon bereute seine Offenheit für die Zwickauer und meinte fortan, dass man Ketzer wie sie mit dem Tod bestrafen müsse.

Luthers Urteil hat die Sicht auf die Dissidenten der Reformation und ihre Nachfolger über Jahrhunderte geprägt. Erst 1941 hat der amerikanische Theologe Ronald Herbert Bainton einen neutralen Begriff dafür gefunden: der linke Flügel der Reformation. Der mennonitische Theologe Heinold Fast hat ihn ins Deutsche eingeführt.

Zu den Ursprüngen des Christentums zurück

Zum linken Flügel der Reformation werden meist drei Gruppen gezählt: Spiritualisten wie die Männer aus Zwickau, Antitrinitarier, die das Dogma der Dreieinigkeit ablehnen, und die Täufer. Alle drei wollten zu den Ursprüngen des Christentums zurückkehren. Und alle drei, so verschieden sie sonst waren, lehnten die Kindertaufe ab, denn sie ist aus dem Neuen Testament nicht zu begründen. Dieses Nein brachte ihnen Konflikte auch mit der weltlichen Obrigkeit ein. Denn die Taufe war Reichsrecht. Wer sie ablehnte, spaltete die Einheit von Staat und Kirche.

Zu den Spiritualisten gehörte auch Thomas Müntzer, der »Mystiker der Revolution«. Schon als Pfarrer von Zwickau hatte er sich für soziale Gerechtigkeit eingesetzt und ging mit der Obrigkeit hart ins Gericht. Dafür musste er gehen. 1524 brach Müntzer mit Luther. Er veröffentlichte eine Schrift mit dem Titel: »Wider das geistlose sanftlebige Fleisch zu Wittenberg«. Die Theologie der Reformation, meinte er, sei nicht konsequent, schließe Kompromisse und stütze ja doch nur die Herrschaft der Gottlosen.

Thomas Müntzers unbekannte Seite

Als Pfarrer in Mühlhausen schlug er sich auf die Seite der Bauern, die sich gegen die Fürstenherrschaft erhoben. Luther dagegen hatte zwar Verständnis für den Unmut der Bauern, aber er lehnte Gewalt in den Händen der Untertanen ab. Deshalb empfahl er den Fürsten die Niederschlagung des Aufstandes. In der Schlacht bei Frankenhausen im Mai 1525 kamen rund 5 000 Bauern auf dem Schlachtfeld ums Leben. Auch Müntzer wurde gefangen genommen, gefoltert und vor den Toren von Mühlhausen enthauptet. Die DDR machte ihn deshalb zur Ikone der frühbürgerlichen Revolution. Der Fünfmarkschein trug Müntzers Bild.

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

Seine andere Seite ist kaum bekannt: Er hat als einer der ersten Reformatoren den Gottesdienst erneuert. Schon vor Luther übersetzte er 1523 die lateinische Messe ins Deutsche. Noch Jahrzehnte nach seinem Tod wurde in Thüringen nach seiner Reform Gottesdienst gefeiert. Nur durfte niemand mehr seinen Namen nennen. Und erst bei der letzten Gesangbuchreform 1993 wurde eines seiner Lieder, die Nummer 3, neu aufgenommen: »Gott, heilger Schöpfer aller Stern,/erleucht uns, die wir sind so fern,/dass wir erkennen Jesus Christ,/der für uns Mensch geworden ist.«

Der Sündenfall der Reformation

Zu den bekannten Antitrinitariern gehörte der spanische Arzt Michel Servet. Heute gilt sein Schicksal als Sündenfall der Reformation: Auf Betreiben Johannes Calvins wurde er 1553 wegen seines Glaubens lebendig verbrannt. Servet wollte zurück zur ursprünglichen Religion der ersten Christen. Jesus und seine Jünger, meinte er, seien nie vom Monotheismus des Judentums abgewichen. Das Dogma von der Trinität war in Servets Augen ein Abfall, ein Kompromissprodukt des von Kaiser Konstantin befohlenen Konzils von Nicäa im Jahr 325. Melanchthon befürwortete Servets Hinrichtung. Nach dem Druck der Reformationszeit sind die Antitrinitarier für Jahrhunderte verstummt. Ihre neuzeitlichen Vertreter sind etwa Zeugen Jehovas, die Mormonen und die liberalen Quäker.

Das Täufertum ist an verschiedenen Orten gleichzeitig entstanden. 1525 wurden in Zürich die ersten Täufer zum Tod verurteilt. Doch da gab es schon täuferische Kreise in ganz Süddeutschland und auch in den Niederlanden. Sie beeindruckten den katholischen Priester Menno Simons im friesischen Witmarsum. Er wurde zum Theologen und Organisator der Täuferbewegung. Und er sagt aller Gewalt ab und meint, dass Christen wehrlos sein müssen. 1544 nennt ein Polizeiprotokoll die Täufer zum ersten Mal »Mennoniten«. Doch Menno Simons muss vorsichtig sein. Der Kaiser hat ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Er reist nach Köln, aber muss bald wieder nach Norddeutschland zurückkehren.

Von der Täuferbewegung bis heute
1614 wird zum letzten Mal ein Täufer hingerichtet. Doch noch lange werden die religiösen Dissidenten diskriminiert und vertrieben. Erst unter dem Einfluss der Aufklärung wächst ein Freiraum auch für sie heran. Im 19. Jahrhundert gewährt Preußen Versammlungsfreiheit. Zum ersten Mal können Mennoniten in ihrer Heimat unbehelligt zusammenkommen – zusammen mit neuen Täuferkreisen. Sie kommen aus England, etwa die Baptisten, oder wie die Freien evangelischen Gemeinden aus Frankreich und der Schweiz. Aber Mennoniten sind die einzige täuferische Kirche, die auf die Reformationszeit zurückgeht. Heute leben etwa 40 000 Mennoniten in Deutschland.

1919, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, macht die junge Weimarer Demokratie Ernst mit der Trennung von Staat und Kirche. Sie schafft die Basis dafür, dass heute Volks- und Freikirchen in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen zusammenarbeiten. An die Geschichte erinnert nur noch, dass die Freikirchen in Deutschland nie auf große Zahlen gekommen sind.

Wolfgang Thielmann

Die Mennoniten
Die Mennoniten sind eine evangelische Freikirche, die aus dem pazifistischen Flügel der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts entstand. Rund 40 000 Mennoniten gibt es in Deutschland. Die Protestanten, die sich nach dem niederländischen Theologen Menno Simons (1496–1561) benannt haben, lehnen Waffendienst und Eid konsequent ab. Sie fordern eine vom Staat unabhängige Kirche, die sich in allen Fragen des Glaubens und Lebens am Modell der neutestamentlichen Gemeinde orientiert.

www.mennoniten.de



Türken in Deutschland: Auf der Suche nach der Heimat?

28. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Die Partei des türkischen Präsidenten Erdogan versteht es meisterhaft, die Suche vieler Deutsch-Türken nach Heimat und Identität für ihre Ziele auszunutzen. Im Moment eskaliert die Lage, und allem Anschein nach wird sich daran bis zum Tag des Referendums über die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei am 16. April nichts ändern. Präsident Recep Tayyip Erdogan wird weiter provozieren und den Feind außen suchen, um im Inneren die Menschen hinter sich zu scharen.

Während die Niederlande klare Kante zeigen, ist Deutschland noch auf der Suche nach dem richtigen Weg. Immerhin hat das Bundesverfassungsgericht inzwischen grünes Licht dafür gegeben, die umstrittenen Wahlkampfauftritte türkischer Politiker hierzulande zu untersagen, weil diese sich nicht auf das Recht auf Meinungsfreiheit berufen können. Nun ist es an der Bundesregierung, zu entscheiden und den Kommunen die Last der Verantwortung von den Schultern zu nehmen. Der Streit um die Wahlkampfauftritte ist eine Frage der Außenpolitik. Das hat auch das Verfassungsgericht festgestellt.

Unabhängig aber von der weiteren Entwicklung in dieser Sache haben die Diskussionen ein innenpolitisches und gesellschaftliches Problem offenbart, und das hat mit den in Deutschland lebenden Türken zu tun: Was ist es, das sie in großen Scharen einem Mann in die Arme treibt, der aus seinem Land eine Diktatur machen will?

Ratlos steht man davor und fragt sich: Haben diese Menschen die Werte der Demokratie und die damit verbundenen politischen Rechte, von denen doch wir alle profitieren, nicht schätzen gelernt? Haben sie nicht verstanden, wohin Diktaturen führen können?

Das mag so sein, muss aber nicht. Denn vielleicht geht es im Kern ja gar nicht um Politik, wenn Tausende in deutschen Hallen die türkischen Fahnen schwenken. Vielleicht geht es um etwas viel Tieferes. Um die eigene Identität? Um die Suche nach Heimat? Nach Verankerung? Einer Verankerung, die eine große Zahl von Deutsch-Türken offenbar in der deutschen Gesellschaft nicht findet. Fachleute warnen schon seit Langem, dass sich viele von ihnen nicht angenommen, nicht wertgeschätzt fühlen. Sie schwimmen zwischen zwei Kulturen, zwei Identitäten.

Wer dafür die Verantwortung trägt, ist schwer festzumachen. Erdogans Partei AKP jedenfalls versteht es meisterhaft, diese Gemütslage für ihre Ziele auszunutzen. Immerhin erhielt sie 2015 etwa 60 Prozent der Stimmen der in Deutschland lebenden Türken. In der Türkei erreichte sie nur etwa 50 Prozent.

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft und die Politik müssen diese Realitität ernst nehmen. Dazu gehört, auf allen Ebenen die Ohren zu öffnen – übern Gartenzaun und auf politischer Bühne, nicht über »die Türken« zu reden, sondern mit ihnen. Denn es wäre fatal, wenn sich die größte Minderheit in Deutschland innerlich von diesem Land und seinen Werten lossagen würde.

Am Ende muss es so sein wie mit der AfD oder Pegida, deren Ziele ebenso schwer nachvollziehbar sind wie die der Erdogan-Anhänger: Wir müssen sprechen. Nicht als Türken oder Deutsche. Als Menschen. Das ist zwar mühsam, aber der einzige Weg zum Fortbestand des sozialen Friedens.

Annemarie Heibrock

Die Freiheit eines Christenmenschen

28. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Wulf Bennert ist renommierter Kirchenrestaurator und engagierter Christ. Er hat viele Gotteshäuser gerettet und fühlte sich der Kirche eng verbunden. Dennoch ist er ausgetreten.

Ringsherum ist nichts. Nichts als das weite Weimarer Land. Im Winter und weißverschneit wirkt es noch weiter. Fern am Horizont kann man Buchenwald sehen. Die alte Windmühle von Hopfgarten ist ein selbstgenügsamer Ort. Der Müller, der sie nur wenige Jahre nach Goethes Tod hatte bauen lassen, besaß seinen eigenen Brunnen, und auf den alten Fotografien gab es die Windräder noch. Dann ist die Mühle verfallen. Wulf Bennert hat sie wieder aufgebaut. Er war schon zu DDR-Zeiten mit seiner Familie dort hinausgezogen. Aus der Enge der Stadt. Weiter weg ging damals nicht. Bennert hat den Brunnen saniert, 15 Meter tief bis zum Schichtwasser; er hat einen riesigen Ofen gesetzt und mit einem alten Magnetbandmotor einen Savonius-Rotor für die Windkraft gebaut. Heute steht im Brunnenhaus ein nagelneues Notstromaggregat. Es wird penibel gewartet und springt sofort an. »Ich möchte unabhängig sein«, sagt Wulf Bennert lächelnd, und man versteht sein Lebensprinzip.

Hausbesuch: Wulf Bennert war schon zu DDR-Zeiten ins Weimarer Land gezogen, wo er die alte Windmühle in Hopfgarten wieder aufgebaut hat.  Foto: Maik Schuck

Hausbesuch: Wulf Bennert war schon zu DDR-Zeiten ins Weimarer Land gezogen, wo er die alte Windmühle in Hopfgarten wieder aufgebaut hat. Foto: Maik Schuck

Wulf Bennert ist ein freier Mann und das war er schon zu DDR-Zeiten. Er war kein Revolutionär. Er hat einfach nicht mitgemacht. Das ging viel leichter als man heute glauben möchte, sagt er in seiner bedächtigen Art. »Was sollte mir schon passieren? Wenn es Gehaltserhöhungen gab, wurde ich gelegentlich mal übergangen.« Oberassistent war er damals als Physiker an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar. Oberassistent, das war die akademische Endstation für widerspenstige Geister. Zu jener Zeit hat er ein Buch über Windenergie geschrieben. Das einzige, was es zu DDR-Zeiten gab. Dass es nach der Wende eine Neuauflage erfuhr, erzählt er nicht ohne Stolz. Wulf Bennert weiß genau, was er tut. Er hat sein Leben immer präzise geplant. »Ich bin eben Physiker«, sagt Bennert, während er die steilen Stiegen hinauf in die Turmhaube klettert.

Ganz oben auf dem alten Drehkranz der Mühle hat er sich sein Schwalbennest eingerichtet. Die Kaffeekanne steht auf dem Stövchen, es gibt Kekse, und der Blick fällt wieder hinaus über das langsam wegdämmernde Weimarer Land. Es ist die Stunde der Erzählungen. Und Wulf Bennert erzählt aus seinem Leben. Wie sie sich aufgemacht haben als junge Studenten und auf eigene Faust durchs Pamir-Gebirge und den Altai gewandert sind, mehr als fünfzig Kilo Gepäck auf den Schultern. Ihre Reisegenehmigung hatten sie mit Hilfe einer alten russischen Schreibmaschine selber verfasst, aber irgendwann fing der sowjetische Geheimdienst sie doch wieder ein. Es gibt Bilder von ihnen inmitten einer kargen, menschenleeren Natur. Und diese Bilder zeigen die trotzigen jungen Gesichter der DDR-Opposition.

»Wir sind für unser Leben gerne geklettert«, erzählt Bennert. In Bergwände zu steigen, war seine Passion. Dass daraus einmal ein erfolgreicher Beruf werden würde, konnte er damals nicht ahnen. Aber die Hobbybergsteiger waren zu DDR-Zeiten gefragt, wenn es darum ging, alte Dächer zu retten. Er hat sie nicht gezählt, die vielen Dorfkirchen, denen er die Bekrönung wieder aufgesetzt hat. Aber aus den waghalsigen Einsätzen wurde ein methodisches Prinzip. »Wir haben einen anderen Zugang gewählt als die üblichen Baufirmen. Wir haben uns abgeseilt. Wir haben eigene Aufstiegstechniken entwickelt und auf Sitzbrettern in großer Höhe gearbeitet. Wir brauchten keine teuren Gerüste. Wir hatten uns selbst.«

Diese außergewöhnliche Methode war die Geschäftsidee, mit der Bennert sich gleich nach der Wende selbstständig machte. Er hatte Erfolg. Sein Unternehmen wurde bald das größte für Bauwerkssicherung und Restaurierung in Deutschland. 400 Mitarbeiter hat er damals beschäftigt und mehr als 3 000 Baudenkmale saniert. Spektakuläre Fälle waren darunter wie das Brandenburger Tor, der Turm der Schlosskirche zu Wittenberg oder Schloss Neuschwanstein. Sein Blick fällt aus dem Fenster in Richtung Buchenwald. »Auch den Glockenturm dort haben wir saniert und das nasse Mauerwerk trocken gekriegt.«

Doch es sind immer wieder Kirchen, die er gerettet hat. Für ihn das Sinnbild der Mitte. Wulf Bennert ist ein gläubiger Mensch und er hat seiner Kirche immer gedient. Zu DDR-Zeiten war er jahrelang Vorsitzender des Kirchenrats seiner Heimatgemeinde, weil er vermitteln und Streitfälle schlichten konnte. Er wurde stellvertretender Synodaler der Thüringer Landeskirche und empfand seine evangelisch-lutherische Kirche als einen »wesentlichen Inhalt« seines Lebens.

Das hat er auch seiner Bischöfin geschrieben. Doch nach sechzig Jahren der Mitgliedschaft, kurz vor Beginn des Lutherjahres, hat Wulf Bennert seiner Kirche den Laufpass gegeben. Es war keine abrupte Entscheidung, wie er sagt. Es war ein Prozess »schmerzhaften Ringens«.

Er hat kein großes Aufheben darum gemacht. Er hat Ende November letzten Jahres einen Brief nach Magdeburg geschickt und seine Motive dargelegt. Und er hat ein paar dürre Zeilen zurückbekommen, dass man seinen Schritt zwar bedaure, er aber mit seinem Austritt das Gespräch ja selbst abgebrochen habe. Im Übrigen würde der Superintendent sich um ihn kümmern. So jagt man keinen Hund vor die Tür.

Es ist draußen dunkel geworden und die beiden Schweizer Sennenhunde ziehen ums Haus. Wulf Bennert beschreibt, was ihn stört. Dass sein Glaube den Moden unterworfen werde. Aber vor allem, dass seine Kirche die Gemeinden inzwischen auf abweichende, auf »feindliche Einstellungen« überprüfen lasse. Der DDR-Gegner Bennert nimmt das persönlich. Er fühle sich, schreibt er der Kirchenleitung, »in fataler Weise an die Gesinnungsschnüffelei des DDR-Regimes erinnert«. Auch er stünde mit seiner Haltung zum politischen Islam wohl auf der Seite der »feindlichen Einstellungen«. Einer Glaubensgemeinschaft aber, »die mich als ihren Feind betrachtet«, könne er nicht mehr angehören. Man wolle mit Andersdenkenden ins Gespräch kommen, hat ihm seine Bischöfin geantwortet. Aber als Andersdenkender hat sich Bennert in seiner Kirche nie gefühlt.

Er blickt in das dunkle Weimarer Land hinaus und spricht von der versöhnenden Rolle von Kirche in der Gesellschaft, und dass sie heute mehr denn je gebraucht würde. Es sei nicht ihre Aufgabe, politische Positionen zu beziehen, auch nicht gegen »populistische Angstmache und rechte Hetze«. Sie müsse versuchen, den Graben zu schließen, der unser Land heute durchzöge, und nicht mithelfen, ihn noch zu vertiefen. Versöhnen statt spalten, hieß das in der alten Westrepublik einstmals, als es dort noch eine politische Mitte gab.

Er redet nicht um den heißen Brei herum und nennt auch die AfD beim Namen. Aber, und er schaut nachdenklich auf das Wälzlager der alten Mühle: Brauchen wir in der Kirche jetzt die politische Kante oder nicht eher das versöhnende Gespräch? Ob das auch für die unerträglichen Hetzreden Björn Höckes gelte? Als Antwort zieht Bennert den Brief eines Thüringer AfD-Mitglieds aus der Mappe, der mit seinem Fraktionsvorsitzenden rigoros abrechnet. Die Grenze nach rechts ist glasklar. »Wir ehemaligen DDR-Bürger, fügt Bennert erklärend hinzu, sind viel stärker als die Menschen im Westen an eine kritische Distanz zum politischen System gewöhnt. Wir mussten das Vertrauen erst lernen.«

Wulf Bennert ist kein politischer Eiferer; er sieht sich nicht am populistischen Rand; er ist ein gläubiger Mensch und das christliche Kreuz bedeutet ihm viel. Dass die beiden deutschen Kirchenoberhäupter bei ihrem Gang auf den Tempelberg und vor die Klagemauer in Jerusalem ihre Kreuze abgelegt haben, bringt ihn in Rage. Schäbig sei das gewesen und opportunistisch. Er wolle aber kein Mitglied einer Kirche sein, deren höchster Repräsentant ohne Not das zweitausendjährige, die gesamte Christenheit einigende Symbol des Kreuzes verleugne.

Bennert unterschreibt diese Begründung mit allen seinen akademischen Titeln und dem Hinweis, dass er Träger des Bundesverdienstkreuzes sei. Hier tritt nicht einer aus der Kirche aus, soll das heißen, der am Rande steht, sondern einer aus ihrer Mitte, aus dem Glaubenskern ihrer Konfession; einer zudem, der auch im Leben Erfolg hatte und eine der großen Erfolgsgeschichten der Wiedervereinigung schrieb.

Er hat seinen Schritt nicht publik gemacht und wollte kein öffentliches Aufsehen. Aber der Fall beunruhigt seine Kirche trotzdem. Sein Brief wird weitergereicht. Er gilt inzwischen als ein Fall seelsorgerischen Versagens. Er habe das Gespräch doch selbst abgebrochen, heißt es. Eine versöhnende Kirche könnte es wohl wiederaufnehmen. Inzwischen hat er Unterschlupf bei den Freikirchen gefunden. Ganz ohne Glaubensheimat geht es wohl nicht.

Vor Jahren hat Bennert seine Unternehmensgruppe an eine gemeinnützige Stiftung verkauft. Doch er hat schnell neue Betätigungsfelder gefunden. So beschäftigt ihn jetzt der demografische Wandel und die Auswirkung auf den ländlichen Raum. Als wissenschaftlicher Direktor der Stiftung Schloss Ettersburg hat er sich mit der Zukunftsfähigkeit von Siedlungsstrukturen befasst und dafür seine eigene Methodik entwickelt. Außerdem arbeitet er als Bausachverständiger und Hochschullehrer. Dass er auch mal einen Radiosender mitbegründet hat und viele Jahre in dem von ihm sanierten Schloss Nimritz bei Pößneck wohnte, erfährt man ganz nebenbei.

Wulf Bennert deckt den Abendbrottisch und steht selber am Herd.

Er sei eben ein wahrhaft ganzheitlicher Mensch, beschreibt ihn die frühere Pfarrerin aus der Nachbargemeinde. Christine Lieberknecht war lange in der Politik. Bennerts Austritt empfindet sie als Verlust.

Es ist fast Mitternacht geworden und der Rückweg führt durch das dunkle Weimarer Land. Noch von Weitem sieht man die hellerleuchtete Mühle. Wulf Bennert hat seine Kirche verlassen. Aber im Glauben ist er immer noch da.

Johann Michael Möller

Der Autor war bis Oktober 2016 Hörfunk­direktor des MDR.

»Ich sehe, dass es wahr ist, was ich glaube«

27. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Glaubenskurs zur Theologie Martin Luthers: »Sola fide« – allein durch den Glauben

Luthers Theologie und Spiritualität ist durch eine Konzentration auf den individuellen Glauben bestimmt. Das reformatorische Glaubensverständnis zeichnet sich durch einen im Spätmittelalter höchstens in der Mystik gekannten Gewissheits-, Intensitäts- und Subjektivitätsgrad aus. Inhaltlich versteht Luther den Glauben als ein Sich-Halten an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.

Der Glaube ist der Weg, die Gnade Gottes persönlich zu erfahren. Luther hat an mehreren Stellen in der Sprache der Brautmystik den seligen Tausch beschrieben, den der Glaube zwischen Christus und dem Christen bewirkt: »Darum, mein lieber Bruder, lerne Christum und zwar den Gekreuzigten. Ihm lerne lobsingen und an dir selbst verzweifeln. Dann sprich zu ihm: Du, o Herr Jesu, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde; du hast, was mein ist, angenommen, und mir gegeben, was dein ist. Was du nicht warst, nahmst du an und gabst mir, was ich nicht war.« Indem ich im Glauben Gottes Urteil über mein Sündersein bejahe, trete ich auf seine Seite, auf die Seite der Wahrheit. Glaube besteht für Luther paradoxerweise nicht im sittlichen Streben, sondern primär im Eingestehen der Größe der eigenen Schuld.
GuA-03-2017

Es ist heute notwendig, diese Aussage Luthers vor einem Missverständnis zu schützen. Sünder zu sein war für Luther kein Ausdruck einer entmündigenden und kleinmachenden, sondern einer heilsam rettenden Erfahrung. Das Stehen zu meinem Sündersein ermöglicht mir die Einkehr in eine Selbstbegrenzung, die mir letztlich zugutekommt, weil Schuldigwerden zum Humanum wesentlich dazugehört. Eine Bagatellisierung der Schuld würde eine Missachtung der Würde meines Menschseins bedeuten.

Auf diesem Hintergrund wird auch eine der umstrittensten seelsorgerlichen Ratschläge Luthers verständlich. Mitten in den von den Zwickauer Propheten ausgelösten Wittenberger Wirren schrieb er 1521 von der Wartburg an Melanchthon: »Pecca fortiter, sed fortius fide …« Im Briefkontext lautet dieses Wort übersetzt: »Sündige kräftig, aber glaube noch kräftiger und freue dich in Christus.« Das pecca fortiter wahrt den entscheidenden, weil heilsnotwendigen Unterschied zwischen Glaube und Moral. Im Glauben an Jesus Christus ist der alte Mensch ertränkt samt seines Gewissens. Das Streben nach Heiligkeit hat in sich keinen Wert. Im Gegenteil bedroht es sogar den Glauben, wenn es als dessen eigentliche Aufgabe missverstanden wird.

Durch die Konzentration auf den individuellen Glauben ging evangelischer Spiritualität im Lauf der Geschichte – gegen Luthers Intention – immer mehr die Dimension der Gemeinschaft verloren. Die Konsequenz der Ausblendung der christlichen Gemeinde aus dem Glauben war eine entscheidungs- und profillose protestantische Spiritualität. So sehr Luther den Glauben des Einzelnen von klerikaler Bevormundung befreien wollte, intendierte er doch nie eine Spiritualität unabhängig von der christlichen Gemeinde. Das zeigt besonders schön seine Auslegung des 3. Glaubensartikels im Kleinen Katechismus.

Neben der Dimension der Gemeinschaft ist es höchste Zeit, auch das Moment der Erfahrung für den Glauben zurückzugewinnen. Auch wenn Luther davon ausgeht, dass der Mensch durch den Glauben keine neue sittliche Qualität bekommt, ist für ihn selbstverständlich, dass dieser dem Menschen zur gelebten Erfahrung wird. »Da muss nun angehen die Erfahrung, dass ein Christ könne sagen: Bisher hab ich gehört und geglaubt, dass Christus mein Heiland sei, so meine Sünde und Tod überwunden habe. Nun erfahre ich es auch, dass es so ist. Denn ich bin jetzt und oft in Todes Angst und des Teufels Stricken gewesen, aber er hat mir herausgeholfen und offenbaret sich mir so, dass ich nun sehe und weiß, dass er mich lieb habe, und dass es wahr ist, was ich glaube.«

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Nächstenliebe verlangt Klarheit

26. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Populismus: EKM will die inhaltliche Auseinandersetzung befördern


Christen und Populismus in der Kirche. Darüber sprach Willi Wild mit dem Leiter des Personaldezernats, Oberkirchenrat Michael Lehmann, und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, dem Leiter des Dezernats Gemeinde in der EKM.

Haben Sie Kenntnis von rechtspopulistischen Tendenzen in der EKM?
Lehmann:
Lassen Sie mich, bevor ich auf Ihre Frage antworte, zwei Dinge sagen. Zunächst: Das Personaldezernat spürt nicht den politischen Überzeugungen der Pfarrerschaft und der kirchlichen Mitarbeiter nach. Für uns ist lediglich maßgebend, dass die Glaubwürdigkeit unserer christlichen Botschaft nicht verletzt und der Dienst nicht beeinträchtigt wird. Wir als Landeskirche vertrauen darauf, dass unsere Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst wissen, dass sie an alle ihre Gemeindeglieder gewiesen sind und nicht nur an diejenigen mit gleicher politischer Präferenz.

Zweitens: Die Kirche ist Teil der Gesellschaft, und gesamtgesellschaftliche Tendenzen finden sich auch in unserer Kirche wieder. Im Blick auf unsere Mitarbeitenden ist das im
Prinzip nicht anders. Allerdings sehe ich, wie viele von ihnen sich glaubwürdig gegen Verachtung und Ressentiments aussprechen und auch selbst beispielhaft handeln, indem sie etwa angesichts der Flüchtlinge vor Ort konkrete Hilfe geleistet und organisiert haben.

Nun zu Ihrer Frage: Ja, in der jüngsten Vergangenheit gab es in der EKM einen Fall: Ein Gemeindepädagoge hatte sich aktiv an einer rechtsextremistisch motivierten Demonstration beteiligt. Nach entsprechenden Personalgesprächen blieb dem Kirchenkreis keine andere Möglichkeit, als sich von diesem Mitarbeiter zu trennen. Der Fall kam vor das Arbeitsgericht, das aber hat uns klar in dieser Entscheidung bestätigt.

Fuhrmann: Auch bei ehrenamtlich in der EKM Engagierten gibt es keine Abfrage nach der Parteizugehörigkeit. Die Kirchengemeinden sind immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und damit gesellschaftspolitischer Positionen. Entscheidend ist für mich dabei, ob es uns gelingt, ein christlich motiviertes Gespräch mit allen hinzubekommen. Ich vermute aber, dass derzeit in den Kirchengemeinden die unterschiedlichen Positionen kaum zur Sprache kommen, weil es schwierig ist, die konträren Standpunkte zusammenzubringen.

Wie schätzen Sie auf der anderen Seite die Bedrohung von Pfarrern in der EKM ein, die sich klar gegen rechte Gesinnung wenden?
Lehmann:
Tatsächlich werden Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Landeskirche Opfer von Herabwürdigung und Bedrohung im Internet. Als ein Beispiel nenne ich unsere Landesbischöfin, die leider immer wieder zum Ziel rechtsradikaler Hetze wird. Im Fall eines Thüringer Pfarrers nahm die Androhung von Gewalt gegen ihn und seine Familie solche Ausmaße an, dass wir ihm die Aufhebung der Dienstwohnungspflicht angeboten haben. Gerade wer sich für einen mitmenschlichen Umgang mit Menschen anderer Sprache und Herkunft einsetzt, merkt: Das Doppelgebot der Liebe war nicht nur zur Zeit Jesu, sondern ist auch heute für viele ein Ärgernis. Ich sehe aber gerade da, spätestens seit Beginn der Flüchtlingskrise, eine große Glaubensgewissheit und Klarheit in unserer Pfarrerschaft. Das beeindruckt mich sehr.

Wie begegnet die EKM populistischen Tendenzen in Kirchengemeinden?
Fuhrmann:
Aus dem Landeskirchenamt heraus können wir erst mal wenig tun. Was ich als Aufgabe sehe, ist, dass wir immer wieder Impulse setzen für das Gespräch. Wir möchten ermutigen und einladen zur Debatte. Die Initiative sollte aber aus den Kirchengemeinden kommen. Wir unterstützen Angebote der Gemeinden und Einrichtungen, wo es um Begegnung geht, und stehen gern beratend zur Seite.

www.ekmd.de/kirche/themenfelder/rechtsextremismus

Tschechien: Vom drohenden Ende der Dorfwirtshäuser

22. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Die Tschechen gelten als das atheistischste Volk Europas. Bei der letzten Volkszählung 2011 erklärten sich etwas mehr als zwei Millionen Menschen für gläubig, das sind gut 20 Prozent der Bevölkerung. Dagegen erklärten 30 Prozent, dass sie weder an Gott noch an eine andere höhere Kraft glauben. Vor allem auf den Dörfern bleiben Kirchen den größten Teil des Jahres geschlossen. Das hat auch Auswirkungen auf die Dorfgemeinschaft. Längst vorbei sind die Zeiten, als sich die Gläubigen nach dem Gottesdienst noch zum Frühschoppen im Wirtshaus trafen.

Auch für nur ein Bier wird ein elektronischer Kassenbeleg fällig. Foto: Petr Špánek

Auch für nur ein Bier wird ein elektronischer Kassenbeleg fällig. Foto: Petr Špánek

Das liegt aber inzwischen nicht mehr nur an der Kirche. Ein staatliches Gesetz geht den Dorfkneipen an den Kragen. Jeder Gast, der auch nur ein Bier getrunken hat, muss seit Dezember einen gedruckten Kassenbeleg bekommen. Und nicht nur das. Der Wirt muss eine elektronische Kasse mit Onlineverbindung haben. Denn alle Umsätze werden in Echtzeit ins Finanzministerium gemeldet, das im Gegenzug bestätigt, dass der Wirt ordnungsgemäß Umsatzsteuer entrichtet. Ausgedacht hat sich das der Finanzminister, weil ihm jedes Jahr Milliarden durch Steuerbetrug entgehen. Der Minister ist zugleich einer der reichsten Tschechen und war vorher einer der erfolgreichsten Unternehmer, der den Eindruck hatte, dass er zwar ehrlich Steuern zahlt, der Staat mit seinem Geld aber ineffizient umgeht. Deshalb ging er in die Politik mit dem Versprechen, den Staat wie eine Firma zu führen. Doch die Kehrseite bekommen die »kleinen Gastwirte« zu spüren. Sie sollen nun ausbaden, was wahrscheinlich am wenigsten sie selbst verbrochen haben. Schon haben die ersten aufgegeben.

Die Anschaffung einer elektronischen Kasse samt Drucker und leistungsfähiger Internetverbindung war ihnen zu aufwändig. Oder sie wollten sich damit auf ihre alten Tage nicht mehr befassen. Sieht man sich manche Kneipe an, erscheint so viel moderne Technik in der Tat anachronistisch.

Eine Dorfkneipe brauchte bisher nicht viel, um zu funktionieren. Hier wird nicht teuer getafelt. Die Umsätze halten sich im Rahmen.

Manche Wirtsleute betreiben Dorfgasthäuser sogar im Nebenberuf oder als Zuverdienst zur Rente. Wie die aktuelle Neuerung am Stammtisch ankommt, kann sich jeder ausrechnen. Doch der hat weniger Einfluss, als ihm gemeinhin zugesprochen wird.

Der Dorfkneipe fehlt die Lobby. Die Stadt bestimmt auch in Tschechien das Geschehen. Dazu kommt, dass besagter Finanzminister sehr populär ist – ein Macher und Aufräumer, so dass viele ihm seine Online-Erfassung durchgehen lassen. In den meisten Gaststätten funktioniert das System reibungslos. Die Gäste merken nichts davon. Es kann höchstens passieren, dass sie zum Zahlen an den Tresen gebeten werden. Tschechien wird moderner und opfert dafür seine letzte Dorfinstanz.

Steffen Neumann

Ins Leben zurückgefunden

22. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Jedes Jahr am 22. März wird an die Situation von Menschen erinnert, die durch Kriminalität und Gewalt geschädigt wurden. Viele sind angewiesen auf Schutz, praktische Hilfe und Solidarität.

Die schlanke, durchtrainierte Frau ist mit ihrem Fahrrad unterwegs. Vor der Kirche wartet sie auf den Beginn des Gottesdienstes. Sie hat eine Vorliebe für sportliche Kleidung in dezenten Farben. Im Sonnenschein des Sonntagmorgens macht sie den Eindruck, als habe sie ihr Leben im Griff. Doch das täuscht. »Hier auf dem Kirchplatz erscheint mir alles sehr hell und sehr licht«, sagt sie, während sie ihr Fahrrad abschließt. »Ich merke, dass mir der Gedanke an den Gottesdienst Freude macht und dass ich einmal nicht diesen Geist neben mir herlaufen habe, dieses Unsichtbare, das droht, mich zu ertränken.«

Die Frau mit kurz geschnittenen Haaren ist Mitte vierzig. Sie lässt ihren Blick über den Platz schweifen, immer aufmerksam, was um sie herum geschieht. »Mein Name ist Kerstin. Ich tue mich sehr schwer damit, meinen Nachnamen zu sagen. Im Rahmen einer Traumatherapie lerne ich langsam, mich mit meiner Geschichte zu identifizieren. Nach und nach erkenne ich, dass es nie zu spät ist, neu zu beginnen, und dass es viele Menschen gibt, die helfen.«

Vor dem Kirchenportal wird Kerstin per Handschlag vom Pastor der Stiftsgemeinde Schildesche in Bielefeld begrüßt. Hermann Rottmann ist Opferschutzbeauftragter des Kirchenkreises Bielefeld.

Gut gelaunt setzt sich Kerstin auf eine der hölzernen Bänke und schaut sich in der neugotischen Saalkirche um. Tags zuvor war ihre Stimmung noch trüb: »Es passiert manchmal, dass ich eine Phase habe, in der die Wogen des Misstrauens über mir zusammenschlagen. Dann sehe ich alles nur noch schwarz und fühle mich einsam.«

Vier Monate sind vergangen, seit Kerstin alle Kontakte zu ihrem früheren Leben abgebrochen hat. Sie bemüht sich, die schmerzlichen Erinnerungen an ihre Beziehung mit einem gewalttätigen Mann zu überwinden: »Er hat mir alles genommen. Ich hatte tatsächlich niemanden mehr, der zu mir stand. Aber das braucht man. Man braucht Menschen, die dastehen und schützen, bedingungslos schützen.«

Vom Altar aus begrüßt der Pastor seine Gemeinde. Kerstins Augen strahlen. Sie murmelt: »Ich hatte schon gedacht, dass ich den Zugang zum Glauben verloren habe. Aber das scheint nicht der Fall zu sein.«

Nachdem ein Verbrechen aufgeklärt wurde, fokussiert die öffentliche Aufmerksamkeit meist die Täter. Über sie berichten die Medien, um sie dreht sich das Gerichtsverfahren. In der Kirche bekommen sie die Möglichkeit, wieder mit Gott ins Reine zu kommen. Und die Opfer? Opferschutzbeauftragter Rottmann ist der Meinung, Kirche und Gesellschaft müssten mehr leisten: »Die Opfer sind über lange Zeit zu kurz gekommen. Wir müssen sie mehr in den Mittelpunkt unserer Hilfsangebote rücken. Die Täter sicherlich auch, das will ich gar nicht in Abrede stellen, aber wir haben einen Nachholbedarf, was die Opfer angeht.«

Kerstin schaudert, wenn sie sich an die erlebte Gewalt erinnert. »Er hat mich extrem geschlagen. Mein Hals hat geknackt. Ich weinte immer und habe ihn gefragt, warum er das macht. Er sagte nur: ›Im Bett ist das erlaubt.‹«

Kerstin hat Hilfe gesucht und sie gefunden. So ist es ihr gelungen, sich aus der Beziehung zu lösen: »Ich hatte das ungeheure Glück, dass ich einige ganz wichtige Personen gefunden habe, die sich wie ein Kreis um mich geschlossen haben. Dazu gehört auch die Polizei und das Gericht. Die haben mir geglaubt. Ohne diese Unterstützung hätte ich keine Chance gehabt aus diesem Morast, aus dieser totalen Kontrolle herauszukommen.«

Pastor Rottmann ist ein kräftiger, großer Mann, der viel lacht und im Urlaub gern in den Süden fährt. Seine Haut ist braungebrannt. In der Gemeinde ist er beliebt und gilt als Frohnatur. Es gelingt ihm, seine fröhliche Haltung auch dann zu bewahren, wenn er sich dem Grauen des Lebens zuwendet. Er hat Erfahrung im Umgang mit Verbrechensopfern, als Telefonseelsorger, als Seminarleiter und in vielen persönlichen Gesprächen. »Das erste ist, den Menschen Sicherheit zu geben«, sagt er. »Manchmal ist es auch gut, mit ihnen zu beten. Es geht ums Zuhören, die ganzen Klagen, die Verzweiflung. Das braucht Zeit.«

Wenn ein Mensch akut therapeutische Hilfe braucht, kann Pastor Rottmann auch schnell einen Termin mit einer Fachärtzin für Psychiatrie und Psychotherapie besorgen.
Kerstins Leben war geprägt von Gewalt. Der Leidensweg begann schon in der frühesten Kindheit: »Ich bin die Erstgeborene. Eigentlich wollte mein Vater unbedingt einen Jungen. Deshalb hat er weggeschaut, als ich schwer missbraucht wurde, über einen sehr langen Zeitraum, von einem Verwandten. Dieser Cousin war für meinen Vater wie ein Sohn. Man fühlt sich so lebensunwürdig. Als wenn man keine Daseinsberechtigung hat.«

Über diese ganzen Zusammenhänge kann sie erst jetzt in der Traumatherapie sprechen. Es wird noch lange Zeit dauern, bevor ihre psychischen Wunden verheilt sind. Sie hat gerade erst begonnen, sich in einem eigenständigen Alltag ohne Bedrohung zurechtzufinden. Aber sie erlebt immer öfter Momente, in denen sie hoffnungsfroh in die Zukunft blickt: »Das ist wie eine Wiedergeburt. Als würde ich nochmal auf die Welt kommen und nochmal ganz neu anfangen. Das Gefühl, Opfer zu sein, ist auch ein Ausdruck einer Krise des Glaubens: des Glaubens an die eigenen Fähigkeiten und des Glaubens an Gott. Erst seit Kerstin wieder lernt, selbst über ihr Leben zu bestimmen, fasst sie neues Vertrauen: Vertrauen in andere Menschen und Vertrauen in Gott. »Ich habe erlebt, dass mir geholfen wird, und ich weiß jetzt, dass es für mich nie zu spät ist, mein Glück zu suchen.«


Andreas Boueke

Berauscht von der Bibel

21. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Zum Reformationsjubiläum gibt es auf dem Büchermarkt eine Flut von Neuerscheinungen. Noch druckfrisch ist der Luther-Roman »Evangelio« von Feridun Zaimoglu. Wer eintauchen will in die Welt vor 500 Jahren, sollte ihn lesen.

Eine schnelle Nummer war das nicht«, sagt Feridun Zaimoglu (53), Autor und Maler aus Kiel. Seit 22 Jahren schreibt er Bücher und Zeitungsartikel, ist mit vielen Preisen bedacht worden. Der Luther-Roman hat nicht nur ein Jahr intensiver Recherche gekostet, er hat eine Vorgeschichte, die in die Kindheit reicht. Mit 10 Jahren hat der aus Anatolien stammende Schriftsteller Luthers »Biblia Teutsch« gelesen entgegen dem wohlmeinenden Rat der Bibliothekarin. Verstanden habe er erwartungsgemäß nichts, gibt er bei einem Interview im Weimarer Nationaltheater zu, aber er sei von den Worten berauscht gewesen. Seitdem habe er die Bibel ohne zu übertreiben mehr als drei Dutzend Mal gelesen. Wer von uns Christen kann das von sich behaupten?

Ein Andersgläubiger schreibt einen Luther-Roman? »Mit meinen türkischen Wurzeln hat das absolut nichts zu tun.« Zaimoglu sieht sich als gläubigen Muslim, allerdings möchte er »verschont bleiben vom Wahnsinn religiöser Exzentriker aller Abteilungen«. Luther ist für ihn ein großer Mann, er liebt dessen deftige Sprache, die bei Thomas Mann beispielsweise das Gegenteil bewirkt hat: »Das spezifisch Lutherische, Cholerisch-Grobianische, das Schimpfen, Speien und Wüten, das furchtbarlich Robuste erregt meine instinktive Abneigung. Ich hätte nicht Luthers Tischgast sein mögen.« Feridun Zaimoglu seinerseits wäre es liebend gern gewesen. Er ist so tief eingetaucht in die Sprache Luthers und seiner Zeit, dass er sie am Ende unbewusst auch im Gespräch mit kopfschüttelnden Freunden gebrauchte.

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Der Roman beschränkt sich auf eine kurze, aber besonders wichtige Zeit in Luthers Leben. Vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 lebt der vogelfreie Reformator als Junker Jörg auf der Wartburg in Eisenach. Der Burgvogt Hans von Berlepsch hat ihn im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen in Schutzhaft genommen. Der Autor stellt dem falschen Junker den fiktiven Landsknecht Burkhard an die Seite, aus dessen Perspektive die Geschichte geschildert wird. Luther selbst als Ich-Erzähler wäre vermessen gewesen, fand Zaimoglu. »Hüt ihn gut«, war dem Katholiken Burkhard aufgetragen worden, und er tut, was er kann, um dem von Selbstzweifeln und Albträumen verfolgten, von Depressionen, Darmkrämpfen und Schlaflosigkeit geplagten Ketzer den erzwungenen Aufenthalt erträglich zu machen. Luther fühlt sich vom Teufel verfolgt. »Oft plagte mich der Satan durch seine Erscheinungen, ganz besonders auf jener Burg, in der ich eine Zeit lang gefangen gehalten wurde.« Den Mitbewohnern sind seine Anfälle unheimlich.

Als gelernter Papist ist Burkhard hin und her gerissen. »Ich achte dich, Mönch, und ich hasse dich.« Sie reden miteinander über Gott und die Welt, über Hexen und Teufel, Zauberei und Höllenangst, Folter und Mord. Beide unterscheiden sich fundamental in Glaubensdingen, Mentalität und Bildung – und kommen doch gut miteinander aus. Der Landsknecht seinerseits hat viel Schreckliches gesehen in seinem Leben, während Luther in der Klosterzelle gebetet hat. Der Leser bekommt eine Ahnung von den Ängsten der Menschen im ausgehenden Spätmittelalter, lernt ihre Albträume kennen. Die Kirche hat nicht wenig Anteil daran mit ihren Bildern von Höllenqual und Sündenpfuhl.

Martin Luther fehlt der Gedankenaustausch mit den Weggenossen. Er schreibt über 100 Briefe und 14 Schriften, die mit reitendem Boten nach Wittenberg gebracht und dort gedruckt und beantwortet werden. Er schreibt an gegen Depressionen und Dämonen. In den Roman eingestreut sind fiktive Briefe. »Ihm raucht die Hand vom Schreiben«, beobachtet Burkhard. In den letzten Wochen auf der Wartburg übersetzt Martin Luther das Neue Testament aus dem griechischen Urtext. Das ist ein Meilenstein für die Entwicklung der deutschen Sprache. Sein Bewacher erkennt aber auch die theologische Bedeutung: »Der teutsche Gott säubert uns die Angst aus der Brust. Dafür schütze ich den Ketzer.«

Christine Lässig

Zaimoglu, Feridun: Evangelio, Ein Luther-Roman, Kiepenheuer & Witsch, 345 S., ISBN 978-3-462-05010-3, 22 Euro

Ganzjährig blühend

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Die Lutherrose: Merkzeichen der Theologie des Reformators

Symbole haben es in sich. Je populärer ein Markenzeichen, je offensichtlicher die Reaktion beim Anblick. Der angebissene Apfel auf dem Deckel eines Notebooks vermag ehrfürchtiges Staunen, neidisches Begehren oder hilfloses Versagen bewirken. Was passiert bei Betrachtung einer Lutherrose? Trotz ihres weltweiten Verbreitungsgebietes schränkt sich ihr Bekanntheitsgrad ein. Wer etwas damit anfangen kann, weiß: Jetzt wird’s ernst. Hinter diesem Signum steht eine Botschaft, die Himmel und Erde umschließt. Es geht um das Leben. Wie kann es sinnvoll gelingen? Wer hat das Sagen und was kommt am Ende? Martin Luther versteht sein Signum als »Merkzeichen« seiner Theologie. Zugleich sieht er seinen Glauben darin zusammengefasst. So möge dieses Zeichen Menschen bewegen wie der Stern den Autofreund.

Nachdem Luther vom Nürnberger Ratsherrn Lazarus Spengler einen Siegelentwurf erhalten hatte, der sich am Vorbild des »Löwen und Papageienfensters« im Erfurter Augustinerkloster orientierte, ergänzt und präzisiert er ihn. Das Evangelium und seine Auswirkung müssen sichtbar auf den Punkt gebracht werden. Ein berühmt gewordener Brief Luthers vom 8. Juli des Jahres 1530 enthält dann quasi den verbalen Aufguss des Dargestellten. Eine Illustration. Denn das Zeichen soll eigentlich für sich sprechen. Es bedürfe keiner Gebrauchsanweisung, meint sein Eigner. Die Zeiten ändern sich.

Im Zentrum des Blütenstandes ruht das Kreuz. Schwarz. Der gehängte Gottessohn wird den Christen zum Aufhänger ihres geretteten Lebens. Weil einer unschuldig die Schuld aller anderen mit dem Tode bezahlte, haben alle anderen das unverdiente Glück, mit unverlierbarem Leben davonzukommen. Verstehen kann man das nicht. Nur glauben. Darum ist und bleibt seliger Glaube reine Herzenssache. Dass wir darauf vertrauen, was von Gott ausgeht. Das Kreuz liegt ins Herz gebettet. Rot zeigt die Leidenschaft an.
Glaube-Alltag-10-2017Diese Mitte wird von fünf voll geöffneten Blütenblättern umgeben. Strahlend weiß. Wie Taufkleider. Was für ein Kontrast. Luther bekennt: »Weiß ist die Farbe der Geister und aller Engel Farbe.« Freude, Trost und Friede wollen sich hell leuchtend erheben, gleich der glänzenden Mittagssonne. Glaube bleibt Vertrauenssache. So wie sich die Lutherrosenblüte ihrem Betrachter öffnet, begegnet ihm Gottes Liebe. Darum geht dieses herrliche Blühen im blauen Himmel auf. Dass seine unendliche Weite, die uns auf Erden berührt, zeige, wohin wir gehören. Des Herrn sind wir, der Himmel und Erde gemacht hat. Ihm verdanken wir, den Tod nicht fürchten zu müssen. Das Ganze nun wird von einem goldenen Ring umschlossen. Martin Luther erklärt: »Um ein solch Feld einen goldenen Ring, dass solche Seligkeit im Himmel währet und kein Ende hat und auch köstlich ist über alle Freude und Güter …«

Kurprinz Johann Friedrich überreichte auf der Veste Coburg dem Festgehaltenen und im Reich Geächteten diesen Siegelring. Ein Goldrand umschließt den kostbaren Schatz. Gott hat den Gekreuzigten dem Menschen ins Herz gelegt. Das daraus folgende Privileg gleicht dem Gold, das »… das edelste, köstlichste Erz ist«. Der Bergmannssohn weiß, welchen Vergleich er hier bemüht.

Man trifft in zahlreichen Kirchen auf dieses Zeichen des befreiten Menschen. Die Lutherrose blüht in Glasfenstern, entfaltet sich in Deckengewölben, auch in manchen Stadtwappen. In einigen Wochen wird vom Bundesfinanzministerium eine Goldmünze mit der Lutherrose darauf herausgegeben. Im Jubiläumsjahr steigt ihre Präsenz. Vielleicht besitzen Sie eine Tasse mit diesem »Merkzeichen« darauf. Sie könnten es auch auf einem Brieföffner oder Schlüsselanhänger finden. Sogar als Einkaufschip. Ehe aber Aufregung darüber entstehen könnte, ob solche Vermarktung angemessen sei oder nicht, mag uns die Botschaft dieses Zeichens aus der Ruhe bringen. Du bist der geliebte Mensch. Um Christi Willen. Symbole haben es in sich.

Karsten Loderstädt

Lebenslänglich wegen »Spionage«

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Sudan: Die Freilassung Petr Jašeks aus einem sudanesischen Gefängnis wirft ein Schlaglicht auf die bedrohliche Lage der Christen in dem Land.

Nur vier Tage wollte der tschechische Entwicklungshelfer Petr Jašek im Dezember 2015 in den Sudan reisen. Es wurden 15 Monate daraus. Er hatte schon zur Rückreise eingecheckt, als ihn auf dem Flughafen in Khartum Mitglieder der Sicherheitspolizei NISS abführten. Wegen des Verdachts auf Spionage wurde er monatelang in verschiedenen Gefängnissen festgehalten. Nach einem mehrmonatigen Prozess fiel Ende Januar 2017 das Urteil: lebenslänglich wegen Spionage, Diffamierung des Staates und weiterer Vergehen. Das sind im Sudan 20 Jahre. Ende Februar gelang es dem tschechischen Außenministerium, für ihn von Staatspräsident Umar al-Baschir Be­gnadigung zu erwirken.

Was hatte Jašek getan? »Ziel meiner Reise war, Geld für die Behandlung eines Christen zu übergeben, der bei einer Demonstration großflächige Verbrennungen erlitt. Außerdem traf ich Pfarrer, die mir die Situation der Christen im Sudan schilderten und zerstörte Kirchen zeigten«, schildert Jašek. Der Geldbetrag wurde umgehend an das Krankenhaus übergeben. »Sonst hätte ihn die Geheimpolizei beschlagnahmt«, ist sich Jašek sicher. Zwei Pfarrer und ein Student mussten ihre Treffen mit ihm allerdings teuer bezahlen. Sie wurden wegen der Unterstützung von Jašeks »Spionagetätigkeit« ebenfalls monatelang festgehalten. Einer kam aus Mangel an Beweisen frei, die zwei anderen sitzen bis heute hinter Gittern.

Jašeks Beispiel dokumentiert, unter welchen Bedingungen Christen in dem mehrheitlich muslimisch geprägten Staat leben. 2011 hatte sich der eher christlich geprägte Südsudan in einem Referendum vom Kernland losgesagt. Doch Christen leben im Sudan immer noch in großer Zahl. Unterschiedlichen Angaben zufolge stellen sie bis zu fünf Prozent der Bevölkerung. Die meisten leben in der Hauptstadt Khartum und im Süden. Ihre Lage ist dramatischer denn je. Sudan gehört zu einem der für Christen gefährlichsten Staaten.

»Die Lage hat sich seit der Ausweisung fast aller christlicher Organisationen Anfang 2013 verschlimmert«, bestätigt Jašek, der für die Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK) arbeitet. Damals mussten die Organisationen binnen 24 Stunden das Land verlassen, ihr Besitz wurde konfisziert. Die HMK hatte zwar keine Vertretung dort, aber auch ihre Arbeit wurde erschwert, wie Jašek am eigenen Beispiel erzählt: »Ich bin mit einem Touristenvisum eingereist, war also offiziell nur Tourist. Anders wäre meine Einreise nicht möglich gewesen. Trotzdem verfolgte mich der Geheimdienst auf Schritt und Tritt und wusste von mir alles, wie ich später feststellen musste.« Der Geheimdienst konfrontierte ihn sogar mit Fotos, die mit Wärmebildkamera aufgenommen wurden. »Die haben nichts dem Zufall überlassen«, kommentiert der Nothelfer.

Petr Jašek mit seinen Freunden im Gefängnis Al-Houda. Pastor Hassan Kodi (2. v. l.) und der Student Abdelmoneim Abdalmwlla (ganz rechts) sind bis heute hinter Gittern. Foto: privat

Petr Jašek mit seinen Freunden im Gefängnis Al-Houda. Pastor Hassan Kodi (2. v. l.) und der Student Abdelmoneim Abdalmwlla (ganz rechts) sind bis heute hinter Gittern. Foto: privat

Auf diese Weise konnte er die systematische Zerstörung von Kirchen nicht wie geplant fotografisch festhalten. »Das hätte meine umgehende Verhaftung zur Folge gehabt«, sagt er. Aber er hat sie gesehen. »Unser Anwalt hat uns informiert, dass, allein während ich im Gefängnis saß, 25 Kirchenbauten demoliert wurden.« Von alltäglicher Diskriminierung, zum Beispiel bei der Vergabe von Jobs, gar nicht zu reden. Am stärksten betroffen sind die südlichen Provinzen Blauer Nil und Südkordofan mit dem Nubagebirge. »Hier betreibt Staatschef al-Baschir eine systematische Vertreibung der christlichen Bevölkerung«, sagt Jašek. Offiziell richtet sich der Kampf gegen die Befreiungsarmee nördlicher Südsudan (SLMP-N). »Doch die Bombenziele sind keine militärischen Anlagen, sondern Kirchen«, so Jašek. Das belegt auch ein Brief von Hilfsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch vom September an das UN-Menschenrechtskonzil. Darin sind allein für April und Mai letzten Jahres 101 Fälle von Flächenbombardements auf zivile Objekte, wie Schulen und Krankenhäuser in den genannten Provinzen, dokumentiert.

Die Strategie al-Baschirs ist nicht nur für Jašek klar. Das Staatsgebiet soll von Christen und anderen Religionen gesäubert werden. Seit der Lossagung des Südsudan verstärkte al-Baschir die Umwandlung des Sudan in einen islamisch geprägten Staat auf Basis der Scharia. Diese gilt zwar nicht uneingeschränkt, wie Jašek sagt. In einem Fall wird sie aber strikt angewandt: Wer vom Islam zum Christentum übertritt, wird mit dem Tod bestraft. Weltweit bekannt wurde der Fall der jungen Sudanesin Maryam Ishaq. Sie war von ihrer Mutter christlich erzogen. Die muslimische Familie des Vaters drängte sie aber zur Rückkehr zum Islam und zeigte sie an. Nur mit massiver weltweiter Unterstützung wurde die Todesstrafe verhindert und eine Ausreise Ishaqs und ihrer Familie ermöglicht.

Auch Jašek kennt Christen, die nur durch Flucht Gefängnis oder Tod entgingen. Das ist aber nicht die Intention der HMK. Sie setzt sich für die freie Religionsausübung der Menschen in ihrer Heimat ein. Die ist heute jedoch entfernter denn je. Mehr als 100 Millionen Christen weltweit gelten als verfolgt. Die HMK hilft in 70 Ländern, die meisten davon hat Jašek bereist. »Ich kenne nur eins, wo Christen nicht mehr verfolgt werden. Das ist der Südsudan«, bilanziert der frühere Arzt. Die HMK hilft sehr praktisch, sammelt Geld zur Versorgung der Familien Inhaftierter, Ermordeter oder Vertriebener. Sie besorgt Computer, Megaphone, Autos oder zahlt Raummiete für Versammlungen. Sie schickt Bibeln, und nicht zuletzt informiert sie über die Situation der Christen in den jeweiligen Ländern.

Jašeks Arbeit wird sich in Zukunft ändern. »Ich bin zu bekannt für meine Tätigkeit«, sagt er. Die muss oft im Geheimen ablaufen, weshalb er über vieles nicht offen sprechen kann. Er würde Menschen in Lebensgefahr bringen. Doch ein Gutes hatte seine Verhaftung. Sie sorgte für Aufmerksamkeit. »Noch während meiner Haft konnte Geld für die Familien der mit mir inhaftierten Pastoren gesammelt werden.«

Steffen Neumann

Pfarrerinnen und Pfarrern in den Kleiderschrank geschaut

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Liturgische Kleidung: Deutschland ist »eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt« – Geschichte und Bedeutung von Talaren, Alben, Chorhemden und Stolen

In einer Gruppe von Geistlichen verschiedener Konfessionen und Herkunftsländer wird ein evangelischer, deutscher Pfarrer in der Regel schnell erkannt: am schwarzen Talar mit weißem Beffchen. »Deutschland ist eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt«, konstatiert Frank Schmidt, Leiter des Kunstdienstes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. »Für viele sind Geistliche in bunter Kleidung etwas Exotisches oder sie werden in erster Linie mit dem Katholizismus in Verbindung gebracht«, so der Kunsthistoriker und Theologe.

Weltweit betrachtet ist der schwarze Talar als gottesdienstliche Kleidung die Ausnahme. Er gilt auch nicht als liturgisches Gewand, sondern war im Ursprung ein Gelehrtengewand; seine Einführung geht auf den preußischen König Friedrich Wilhelm III. zurück. Er verfügte im November 1811, dass Rabbiner, Richter und die Pfarrer der lutherischen und reformierten Gemeinden den schwarzen Talar als Diensttracht zu tragen hatten. Als Beamte des preußischen Staates mussten sie dem Folge leisten. Ausschlaggebend für den Erlass waren fehlende Vorschriften seitens des lutherischen Christentums. Für Luther selbst zählte liturgische Kleidung zu den äußeren Dingen; nützliche, aber für das Heil nicht notwendige Dinge. Im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin schaffte er Messgewänder im Gottesdienst nicht ab.

Infolge der Reformation wurde ein sehr individueller Umgang mit liturgischer Kleidung gepflegt, teilweise wurde sie gänzlich abgeschafft. »Fälschlicherweise dachten reformierte Gemeinden, sie müssten sich an gar keine Regeln mehr halten«, erklärt Frank Schmidt. Die Aufklärung und der Pietismus sowie die damit einhergehende Rationalisierung fundierten die Daseinsberechtigung des Talars.

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Dazu gehörte primär das Grundgewand, die Albe. Sie entwickelte sich aus dem römischen Alltagsgewand, der Tunika. Nach der Verdrängung des römischen Stils und dem Einzug der germanischen Hosenmode wurde die alte Kleidungsform weiterhin für Gottesdienste genutzt. Eine symbolische oder gar theologische Bedeutung hatten die Gewänder ursprünglich nicht. Die Albe wird jedoch als Taufkleid mit Christus in Verbindung gebracht. Eine jahreszeitlich bedingte Form der Albe ist das Chorhemd. Es ist weiter geschnitten, um über der warmen Winterkleidung getragen werden zu können.

Weiterhin gehört zur gottesdienstlichen Kleidung die etwa 10 Zentimeter breite und 250 Zentimeter lange Stola, in ihrem Ursprung ein Schweißtuch. Sie symbolisiert das Joch, das Jesus allen, die mühselig und beladen sind, anbietet. Aufgrund seiner besonderen Deutung wird die Stola je nach theologischer Deutung und kirchlicher Zulassung auch als ökumenische Insignie der Ordination verstanden und kann folglich nur von ordinierten Personen getragen werden. Für Lektorinnen und Lektoren kann der Gemeindekirchenrat beschließen, einen Lektorentalar zu tragen.

Nach einer ersten Rückkehr zur liturgischen Kleidung nach dem Ersten Weltkrieg wird seit den 1980er-Jahren vor allem für die Verwendung der liturgischen Gewänder in den liturgischen Farben je nach Kirchenjahreszeit plädiert. Die Ordnung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sieht zwar den schwarzen Talar mit weißem Beffchen als Dienstkleidung für Pfarrer vor, kennt aber auch die Möglichkeit der weißen Mantelalbe, auch heller Talar genannt, und des Chorhemds über dem schwarzen Talar – jeweils mit einer Stola in den Farben des Kirchenjahres – als legitime gottesdienstliche Kleidung.

Kritiker sehen darin jedoch die Übernahme eines Priesteramtsverständnisses, was der evangelischen Ämterlehre widerspräche. Sicherlich auch aus diesem Konflikt heraus entwickelte sich ein aktueller Trend: eine Stola über dem schwarzen Talar. Laut Ordnung der EKM ist das zulässig, aber auch hier gibt es Widerspruch: Die Stola als liturgische Insignie und der Talar als Standesinsignie seien nicht miteinander kompatibel. Außerdem fehle dafür eine historische Grundlage, so Frank Schmidt. Denn: »Farbiges gehört auf Weißes.«

Mirjam Petermann

Der Farbkanon

Grün: Farbe des Wachstums, des Heils und der Hoffnung ist die am häufigsten verwendete liturgische Farbe des Kirchenjahres, vor allem in der Trinitatiszeit.
Farbe der Vollkommenheit, symbolisiert Reinheit und Klarheit und ist damit auch Farbe Christi; gehört z. B. zum Weihnachtsfestkreis wie zum Fest der Auferstehung.
Schwarz: Symbolisiert Trauer und ist Karfreitag und -samstag sowie Trauertagen vorbehalten.
Rot: Verweist auf das Leben und den menschlichen Leib, ist auch die Farbe des Leibes Christi, der Kirche für besondere Feste der Kirche, wie zum Reformationstag und Missionsfesten, Konfirmationen und Ordinationen, für die Gedächtnistage an die Zeugen des Glaubens.
Violett: Steht für den Himmel und das Reich Gottes, symbolisiert die Kommunikation zwischen Mensch und Gott in der Erwartung auf Gottes Heil; Verwendung für Fastenzeiten und -tage, als besondere Zeiten der Besinnung der Glaubenden auf ihrem Weg zu Gott.

Diakone im Dialog

12. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Falk-Schüler unter sich: Verena Armstroff (39) und Jörg Rumpf (47) sind gelernte Erzieher mit Diakonenausbildung. Beide wohnen mit ihren Familien in Eisenach. Während Verena Armstroff seit 2009 die evangelische Kindertagesstätte in Herda leitet, arbeitet Jörg Rumpf seit über 20 Jahren als Jugenddiakon in der Kirchengemeinde Eisenach. Beide trafen sich zu einem Gespräch mit Mirjam Petermann über die Ausbildung, ihren Beruf und die Mitgliedschaft in einer diakonischen Gemeinschaft.

Wie kam es, dass Sie sich für die Ausbildung zum Diakon entschieden haben?
Armstroff:
Ich habe die Erzieherin-Ausbildung an der Falk-Schule gemacht und dort den Diakonen-Kurs kennengelernt, der für die Andachten verantwortlich war. Ich wurde neugierig und habe mich über die Ausbildung informiert.
Rumpf: Nach dem Abitur hat man ja verschiedene Vorstellungen, was man gerne werden möchte. Ich hatte Chemie, Philosophie und Theologie im Blick. Mit Theologie hatte ich aber vorher nicht viel am Hut. Ich war nicht getauft und habe mir dann gesagt, du kannst nicht gleich von null auf hundert, sondern du musst irgendwas vorschalten, um da reinzukommen. Dann habe ich im Falk-Haus einen Termin gemacht.

Die Ausbildung im Falk-Haus gestaltete sich zu der Zeit schwierig. Durch die Wiedervereinigung war alles im Umbruch. Wie ging es für Sie weiter?
Rumpf:
Ich bin für ein Freiwilliges Jahr im diakonischen Dienst nach Bad Blankenburg in ein Heim für mehrfach Schwerstbehinderte gegangen. Danach konnte das Falk-Haus immer noch nicht ausbilden. So ist ein Teil von uns in die zweijährige Erzieherausbildung nach Schwalmstadt-Treysa in Hessen gegangen; für die Grundausbildung Diakon ging es danach ein Jahr nach Eisenach. Damit waren wir 1993 der erste Kurs nach der Wende.

Was war für Sie das Besondere an der Diakonen-Ausbildung?
Armstroff:
Ich finde, sie hat per se ganz viele Inhalte, die auch in der Pädagogik eine große Rolle spielen, wie Wertschätzung, Partizipation oder Empathie. Das sind Punkte, auf die ganz besonders Wert gelegt wurde, weil es die Arbeit mit Menschen betrifft.

Verena Armstroff

Verena Armstroff

Würden Sie als Leiterin einer Kindertagesstätte sagen, Sie arbeiten als Diakonin?
Armstroff:
Das Erste, was mir einfällt, wäre schon Kindheitspädagogin und Leiterin Kindertagesstätte. Aber wie das üblich ist, stellen wir uns im Eingangsbereich vor. Da war es mir wichtig, das »Diakonin« auch zu benennen. Ich hatte schon die eine oder andere Nachfrage, was das überhaupt sei. Dann habe ich das sehr gerne erzählt, weil mir das wichtig ist. Ich bin zwar nicht in erster Linie als Diakonin angestellt, aber wir sind eine evangelische Tagesstätte. Uns ist wichtig, dass die Eltern wissen, was wir in der Einrichtung leben, welche Werte dahinterstecken.

Herr Rumpf, wie erklären Sie Menschen, die mit Ihrer Berufsbezeichnung nichts anzufangen wissen, Ihren Job?
Rumpf:
Ich sage dann, ich bin kirchlicher Sozialarbeiter. Das verstehen die Leute, darunter können sie sich etwas vorstellen. Sozialarbeit, die kirchlich unterlegt ist – für mich ist es das.
Armstroff: Das, finde ich, ist eine total tolle Umschreibung.

Wie sieht diese kirchlich unterlegte Sozialarbeit konkret aus?
Rumpf:
Meine Arbeit beginnt mit den Vorkonfirmanden und geht bis zu den Jugendlichen. Ich habe keine festen Sprechzeiten, aber wenn ich aus der jungen Gemeinde rausgehe, dann bleibt immer mal einer stehen und dann redet man nochmal miteinander. Diese Seelsorge zwischen Tür und Angel ist eines der »Kerngeschäfte«.

Machen Sie damit das Gleiche wie ein Gemeindepädagoge?
Rumpf:
Wenn im kirchlichen Rahmen gesagt wird, »ihr seid ja jetzt gemeindepädagogische Mitarbeiter«, dann sage ich trotzdem: »Ich bin Diakon.« Weil das meine Berufsbezeichnung ist. Wir haben etwas ganz anderes gelernt als die Gemeindepädagogen. Ich bin das zwar auch ein Stück weit, aber unsere Berufsbezeichnung ist Diakon, und da bestehe ich drauf.

Warum ist es für Sie so wichtig, Diakon genannt zu werden?
Rumpf:
Das hat etwas mit der Zeit, mit der Erzieherausbildung und ganz viel mit dieser Gemeinschaft zu tun, in der ich bin. Da habe ich immer wieder erfahren und erfahre ich, dass sie wie eine Ersatzfamilie ist. Wenn Kirche uns als Diakone lange Zeit stiefmütterlich behandelt hat, hat sie uns trotzdem durchgetragen. Das war wichtig. Ich denke, wenn nicht einige von uns gekämpft hätten, wäre es lange nicht so geworden, wie es jetzt ist. Für das Diakonengesetz haben wir lange gestritten.

Jörg Rumpf

Jörg Rumpf

Hat sich mit dem neuen Gesetz für Sie etwas geändert?
Rumpf:
Jetzt habe ich das Gefühl, wir werden von der Kirche wieder wertgeschätzt.

Gibt es Ihrerseits auch Kritikpunkte am neuen Gesetz?
Rumpf:
Man muss ja nun in einer Gemeinschaft sein, um sich Diakon nennen zu dürfen. Das hat ein bisschen was von Zwang. Ich weiß nicht, ob das wirklich gut ist.

Nach der Diakonen-Ausbildung wurden Sie zum »Schnuppern« in den Hauptkonvent eingeladen. Warum sind Sie damals schon, und ohne Zwang, in der Gemeinschaft Mitglied geworden?
Rumpf:
Das lag einfach an der Atmosphäre. Da saßen Ältere, und kleine Kinder hüpften herum. Dieses Wuseln und Miteinanderleben hat mich total beeindruckt. Deswegen bin ich auch dabeigeblieben. Ich genieße das jedes Mal und ärgere mich, wenn ich nicht zum Hauptkonvent fahren kann.

Frau Armstroff, Sie sind nicht mehr Mitglied der Brüder-und Schwesternschaft Johannes Falk? Warum nicht?
Armstroff:
Die meisten unseres Kurses haben gleich gesagt, wir wohnen nicht hier vor Ort, wir gucken uns bei uns um. Ich bin erst einmal in die Gemeinschaft eingetreten und habe dann gemerkt, dass mir, wahrscheinlich auch zeitlich bedingt, einfach der Bezug gefehlt hat. Mir ist es wichtig, wenn ich irgendwo dabei bin, dann möchte ich mich auch aktiv einbringen. Mir hat die Nähe gefehlt, die für mich wichtig ist, wenn man sich einer Gemeinschaft zugehörig zählt.

Würden Sie die Ausbildung und den Beruf des Diakons weiterempfehlen?
Rumpf:
Grundsätzlich denke ich, es ist eine Berufsbezeichnung und eine Ausbildung, die auch Chancen am großen Markt hat. Ob ich es wieder hier in Eisenach, jetzt in einer Teilzeit-Ausbildung, machen würde, weiß ich nicht. Mit der Aufwertung, die es durch das neue Diakonengesetz gegeben hat, hat der Beruf noch einmal an Attraktivität gewonnen.
Armstroff: Ich sehe es bei uns im ländlichen Raum, wo die Kirchgemeinden zusammengelegt werden und die Zeit fehlt, da müssten junge Leute da sein, die die Kinder- und Jugendarbeit stärker auffangen würden. Darin sehe ich eine große Chance des Berufs. Ich möchte die Zeit der Diakonen-Ausbildung einfach nicht missen. Es hat auch einen Teil Biografiearbeit für mich gehabt, wo man sich selber erdet.

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