Frauenpower in der frühen Christenheit
25. Juli 2011 von DER SONNTAG
Abgelegt unter Glaube und Alltag
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Warum eine Frau, mutiger als alle Männer und erste Zeugin der Auferstehung, zum Sexsymbol verfälscht wurde.
Dass Jesus mit Maria aus Magdala eine Liebesaffäre hatte oder Kinder oder dass er mit ihr verheiratet war, gehört zu dem wissenschaftlich unhaltbaren Schwachsinn, der sich auf dem Buchmarkt so gut verkauft. Hätte es dafür irgendwelche Indizien gegeben, hätten sich die spöttischen heidnischen Philosophen in ihrem literarischen Abwehrkampf gegen die frühen Christen das Thema mit Sicherheit nicht entgehen lassen.
Aber auch im christlichen Lager selbst waren seit dem späten vierten Jahrhundert die Fälscher am Werk: Ephräm der Syrer setzte Maria Magdalena, wie sie latinisiert genannt wurde, mit der namenlosen Sünderin aus dem Lukasevangelium gleich, die Jesus die Füße gewaschen hat.
Andere identifizierten sie mit Maria von Bethanien, die dasselbe tat, bevor Jesus seinen Leidensweg antrat; Maria oder Mirjam hießen zu biblischen Zeiten so viele. Papst Gregor der Große machte sie in seinen Moralpredigten vollends zu einer reuigen Prostituierten, Verführerin, Sexkönigin.
Dabei war alles ganz anders. In der Bibel steht kein Wort von einer anrüchigen Vergangenheit der Maria aus dem Fischerdorf Magdala am See Gennesaret. Sie schloss sich dem Wanderrabbi Jesus an, weil der sie von »sieben Dämonen« (Lukas 8,2) befreit hatte – was für die Fälscher natürlich nur schlimme sexuelle Ausschweifungen bedeuten konnte, nach damaligem Sprachgebrauch aber auf eine ernste, möglicherweise psychosomatische Krankheit hinweist, vielleicht auf lähmende Depressionen.
Dürfen wir vermuten, dass erst dieser Jesus ihrem Leben einen Sinn gegeben hat? Dass sie deshalb mit ihm zog, weil sie bei ihm Güte, Zuwendung, Zärtlichkeit, Hoffnung für die Welt fand? Dass sie und die anderen Frauen in seiner Nähe mutig wurden, dass sie lernten, sich etwas zuzutrauen?
Spätestens beim Kreuzestod Jesu wuchs Maria eine führende Rolle im Jüngerkreis zu: Während die später
zu Säulen der Kirche stilisierten Männer allesamt in panischer Angst flohen, um das eigene Leben zu retten, harrten die Frauen unter dem Schandpfahl aus. Als man den toten Jesus bestattet hatte, wollte Maria das Grab nicht verlassen. Und als sie am Auferstehungsmorgen erneut zur Felsengruft eilte, war sie nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums die erste, die das Grab leer fand. Und auch die erste, die den verschwundenen Jesus suchte. Denn Petrus und Johannes, von ihr verständigt, sind verwirrt wieder davongegangen; Maria aber bleibt auch diesmal beim Grab, weinend, hartnäckig, dieses Ende nicht akzeptierend. Sie sieht einen Mann, hält ihn für einen Gärtner und fleht ihn verzweifelt an: »Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast; dann will ich ihn holen.« (Johannes 20,15)
Und dann der Zauber der Wiedererkennungsszene, die ein Glaubensbekenntnis in Poesie fasst: »Maria!«, sagt der Auferstandene. Und auch sie sagt nur ein Wort: »Rabbuni!« Die Männer sind längst wieder in ihrem Versteck, und Christus schickt ihnen die Frau, die seine Auferstehung und zugleich seine Vergebung verkünden soll: »Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.« (Johannes 20, 17) »Brüder« nennt er sie liebevoll, die Kleingläubigen, die ihn alleingelassen haben. Maria Magdalena aber macht er zur Prophetin, und darum nennt sie die Ostkirche heute noch in begeisterter Verehrung »Apostelin der Apostel«.
Dass zum Freundeskreis Jesu auch Frauen gehörten (die der umherziehenden Schar mit ihrem Vermögen eine gewisse materielle Sicherheit verschafften), hatte schon seine Zeitgenossen entsetzt: Ein Rabbi durfte nach der strengen Version des Gesetzes mit Frauen nicht einmal reden. Den Strategen der zur Staatskirche gewordenen Christenheit war so viel Frauenpower aus den eigenen Anfängen ebenfalls peinlich.
Nach heutigem Forschungsstand waren Frauen in den ersten Jahrzehnten an Predigt und Gemeindeaufbau gleichberechtigt beteiligt. Aber spätestens im vierten Jahrhundert, als die Gottesdienste aus den Privathäusern in die neu entstandenen Basiliken verlegt wurden, passte man sich den gesellschaftlichen Regeln an und nahm die Frauen von der öffentlichen Bühne.
Kult, Verkündigung, Theologie, Ordnungsstrukturen, alles blieb jetzt eisern in Männerhand konzentriert. Im Zuge dieser Umorientierung mutierte auch Maria Magdalena von der glaubensstarken Prophetin zur bekehrten Sünderin, demütig und auf fremde Gnade angewiesen.
Nur die Künstler haben sich eine Ahnung davon bewahrt, dass es anders gewesen sein muss. Auf dem Isenheimer Altar des Matthias Grünewald trauern in einiger Distanz zum toten Christus eine zur Statue gewordene Mutter Maria, ein blasser, durchgeistigter Apostel Johannes, der sie ungeschickt stützt – und eine in stürmischem Schmerz zu Füßen des Kreuzes hingesunkene Maria Magdalena, die Haare offen, die Hände ringend: eine Liebende, die den toten Geliebten ins Leben zurückholen will.
Christian Feldmann
Buchtipp:
Feldmann, Christian: Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler. Große Gestalten und Heilige für jeden Tag, Herder Verlag, 664 S., ISBN 978-3-451-32049-1, 29,90 Euro
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