Nette Bilder, aber nichts Neues
30. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Ernüchterung nach Spitzentreffen

Ökumenisches Gipfeltreffen: »Unser Herz brennt nach mehr«, erklärte Nikolaus Schneider (links), Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, nach seinem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster. (Foto: epd-bild)
Sie wurde von vielen als Höhepunkt der Papstreise angesehen: die Begegnung zwischen Benedikt XVI. und den Spitzenvertretern des deutschen Protestantismus im Erfurter Augustinerkloster.
Immerhin das erste Mal in der Geschichte, dass ein katholischer Oberhirte eine Lutherstätte besuchte und das zweite Mal, dass der Bischof von Rom einen Gottesdienst mit evangelischen Christen feierte. Daneben stand das Gespräch im kleinen Kreis, von dem sich viele Menschen – wenn schon nicht die Klärung aller Probleme in der Ökumene – so doch konkrete Impulse, etwa für den Weg zu einem gemeinsamen Abendmahl erwarteten. Und hatten sich wohl auch gewünscht, dass der Papst für Martin Luther nicht nur anerkennende Worte finden, sondern den einst verhängten Kirchenbann aufheben möge.
Doch so nahe sich Papst Benedikt XVI. und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Nikolaus Schneider, im ebenso hermetisch abgeriegelten wie sonnendurchfluteten Klosterhof auch kamen (siehe Foto) – die Bilanz fällt ernüchternd aus.
Das Treffen habe in »geschwisterlicher Atmosphäre« stattgefunden, betont Schneider. »Wir haben wirklich aufeinander gehört.« Aber dennoch: »Unser Herz brennt nach mehr«, so Schneider. (GKZ)
Papst Benedikt XVI. hat in seiner Begegnung mit den Vertreterinnen und Vertretern der EKD im Augustinerkloster in Erfurt von unserer gemeinsamen ökumenischen Aufgabe gesprochen, uns gegenseitig dabei zu unterstützen, tiefer und lebendiger zu glauben. Daran sollten wir anknüpfen.
Natürlich hätten wir uns mehr und konkretere Aussagen zur Ökumene erhofft, auch wenn nicht zu erwarten war, dass wir einen ökumenischen Vertrag unterschreiben würden. Ich verstehe die Aussage des Papstes aber als eine Aufforderung und als Protestanten sind wir bereit, uns gemeinsam auf den Weg zu machen – durchaus in ökumenischer Ungeduld.
Jedenfalls habe ich die Hoffnung und bin ermutigt, dass wir uns jetzt gemeinsam mit der römisch-katholischen Kirche in Deutschland aufmachen, das Fest zum 500. Jubiläum der Reformation 2017 zu bedenken und zu feiern.
Katrin Göring-Eckardt, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Teilnehmerin der Papstbegegnung
Der Besuch des Papstes im Evangelischen Augustinerkloster zur Begegnung mit einer Delegation der EKD und der anschließende gemeinsame Gottesdienst – beides war ein deutliches ökumenisches Signal. Dies wurde mir noch einmal besonders klar am Samstag während der Messe auf dem Domplatz. Im Vergleich zu dieser riesigen Veranstaltung und zur sehr großen Entfernung zwischen Papst und Gemeinde dort war das Treffen im Augustinerkloster ein großes Signal an das Miteinander.
Positiv überrascht hat mich, wie klar und ausdrücklich er Martin Luthers Theologie und geistliches Ringen für unser gemeinsames christliches Zeugnis heute aufgenommen hat.
Und enttäuschend ist für mich, dass er keine weiteren konkreten Schritte im ökumenischen Miteinander angeregt hat, auch nicht auf ausdrückliche evangelische Nachfrage im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 hin. Seine Antwort war dennoch ermutigend. Sinngemäß sagte er: Schaut, ob es Euch in Eurem Herzen drängt, hier mehr Schritte aufeinander zu und miteinander zu tun. So hat er das weitere ökumenische Miteinander – ganz evangelisch – in die Hände und Herzen der Kirchen und Gemeinden vor Ort gelegt.
Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Teilnehmerin der Papstbegegnung
An den Besuch des Papstes hatten sich im Vorfeld viele Erwartungen geknüpft, auch in Bezug auf das ökumenische Verhältnis. Ich sehe es so, dass die Begegnung als solche dementsprechend der ökumenische Zugewinn war, und das wird verstärkt durch den Ort, an dem sie stattfand. So war es wohltuend zu hören, wie der Papst die Person Martin Luther als einen Gottes- und Wahrheitssucher gewürdigt hat.
Zu den konkreten Fragen der ökumenischen Situation hat sich der Papst, auch auf Nachfrage, nicht geäußert. Auch wenn man realistischerweise nichts anderes erwarten konnte, so war dies doch bedauerlich. Auch nach diesem Besuch ist nicht damit zu rechnen, dass die römisch-katholische Kirche ihre bisherige Sichtweise in absehbarer Zeit revidiert.
Jochen Bohl, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Teilnehmer der Papstbegegnung
Bestes Wetter, freundliche Stimmung, bunte Bilder. Sonst nichts, was einen Aufbruch auch nur andeuten würde.
Im nichtöffentlichen Teil fand der Papst würdigende Worte für Luthers Gottesringen und dessen christozentrischen Glauben. Die Freiheitsbotschaft blieb ausgespart.
Im öffentlichen Gottesdienst vermied er das »L«-Wort gänzlich. Und zur Verhandlung steht nichts. Folgerichtig waren die Reformen anmahnenden Katholiken keines Gesprächs, nicht einmal eines Wortes wert.
Auch der Bundespräsident blieb ohne Antwort – weil der Oberhirte keinen Hirtenhut aufhatte und die prächtige Mitra zu fest saß. Es geht doch nicht vorrangig um Lehrunterschiede, sondern um gegenseitige Öffnung und Gleichachtung im Geiste Jesu Christi!
Das Ganze blieb so mager wie teuer.
Friedrich Schorlemmer, evangelischer Theologe und Publizist, Wittenberg
»Wo Gott ist, da ist Zukunft« war das Motto des Papstbesuches. Dass das auch für seinen »Stellvertreter auf Erden« gilt, wird man nach Abschluss der Reise nicht sagen können.
Auf alle konkreten Zukunftsfragen der Kirche blieb Benedikt XVI. Antworten schuldig.
Beispiel Ökumene: Den großartigen Kairos, in Erfurt wertschätzende Worte über Martin Luther mit ein paar Anstößen zur Zukunft der Ökumene zu verknüpfen, hat der Papst vertan. Stattdessen die beinharte Position: Über Fragen des Glauben wird nicht verhandelt.
Das war anmaßend und ein Schlag ins Gesicht für alle, die aus ihrem Glauben für ökumenische Öffnungen der Kirchen arbeiten. »Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern Diener eurer Freude«, schrieb Paulus an die Korinther (2. Kor, 1,24).
Eine Vertröstungs-Ökumene, die sich anmaßt, endlos mit Gottes Geduld spielen zu können, ist in Erfurt an ihr Ende gekommen. Fazit: Erwartet nichts von oben, lebt Ökumene an der Basis!
Joachim Garstecki, katholischer Theologe, Magdeburg
Lange erwartet, von vielen ersehnt, von manchen erhofft, von einigen abgelehnt, aber immer in der öffentlichen Debatte – der Papst. Seine Rede vor dem Deutschen Bundestag war umstritten, nicht wegen des Inhaltes, denn den hätte man sich erst anhören müssen, um streiten zu können, sondern ob der Tatsache, dass ein Kirchenoberhaupt und der Vertreter des Vatikanstaates im deutschen Parlament spricht.
Ich habe ihn mir angehört und kann für mich feststellen, dass die Rede von Parlamentspräsident Lammert für mich als evangelischen Christ sogar die spannendere war. Denn er mahnte die Ökumene an und viele weltliche Fragen, denen sich auch die Kirche stellen müsste.
Benedikt hat eine professorale Rede vor dem Bundestag gehalten, die auf Werte, Recht und Gerechtigkeit verweist, aber leider auch Anleihen an der Naturrechtslehre nimmt, die er als katholisches Oberhaupt eben katholisch fundamentiert.
Amüsiert habe ich mich allerdings, dass die katholischen Würdenträger der Papstdelegation in ihren roten beziehungsweise violetten Ornaten Platz nahmen auf den leeren Abgeordnetenplätzen der LINKEN. Soviel rot war selten bei uns Roten.
Bodo Ramelow, Fraktionsvorsitzender von DIE LINKE im Thüringer Landtag
Papst Benedikt XVI. hat nichts Neues gesagt, nicht in der rechtsphilosophischen Vorlesung vor dem Bundestag, nicht im Augustinerkloster in Erfurt. Der wache Mann mit verschmitztem Humor jenseits des Redemanuskripts bringt religiöse Fragen, Gott, Jesus Christus zur Sprache. Er will diese Welt nicht dem rein Funktionalen und dem »Diktat des Relativen« überlassen. Intellektuell anspruchsvoll, geistlich anregend und zeitgeistig inkorrekt war das. Applaus!
Der Pomp, das Papstamt an sich und die Prinzipienreiterei stehen auf einem anderen Blatt. Die römisch-katholische Kirche hat einen langen Atem. Da kann Protestanten schon mal die Luft ausgehen.
Die nicht überraschende Konsequenz lautet: Am Miteinander von Protestanten und Katholiken ändert der Besuch nichts. Nichts zum Guten und nichts zum Schlechten.
Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, Witten, und Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen
Ein Leben für die Hoffnung auf Versöhnung
26. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Porträt: Der Pazifist und Ökumeniker Paul Oestreicher wird am 29. September 80 Jahre alt.

Fast eine Meditation: Paul Oestreicher ruft mit den Glocken zum Abendgottesdienst in das Gemeindehaus von Neundorf. (Foto: Tilman Baier)
Dunkle Wolken ziehen auf am Abendhimmel über Hiddensee. Vor dem evangelischen Gemeindehaus im südlichen Inselort Neuendorf bremsen eilige Radfahrer, die möglichst schnell noch ins Trockene wollen. Es sind vor allem junge Leute, die sich durch die Tür drängen. Außerdem kommen noch fünf, sechs ältere Urlauber. An der Tür werden sie von einem alten Herrn in weißem Talar und bunter Stola begrüßt, bevor er zum Glockenstuhl geht und, versunken wie in eine Meditationsübung, den Sonntag einläutet.
Das Plakat im Schaukasten hat zum Abendgottesdienst mit dem Kurprediger Paul Oestreicher aus Brighton/Großbritannien geladen. Dazu ist die Unterstützung durch einige Mitglieder der Musici Jenensis angekündigt, einer musikalischen Vereinigung aus Thüringen, die jedes Jahr im Sommer auf der Insel probt und das kirchenmusikalische Angebot bereichert.
Im Inneren des Gemeindehauses fällt neben einem großen hölzernen Kruzifix ein weiteres Kreuz auf, das auf dem Altar steht: Es ist ein sogenanntes Nagelkreuz, dessen Vorbild aus den Eisentrümmern der Kathedrale von Coventry in England geschmiedet wurde, die deutsche Bomben im Zweiten Weltkrieg zerstörten.
Dieses Nagelkreuz ist der Auslöser dafür, dass es Paul Oestreicher vor neun Jahren erstmals nach Hiddensee verschlug: Oestreicher war oft zu Gast in den Kirchen der DDR, in den 60er Jahren als Osteuropareferent, dann in den 80er Jahren als Leiter des Außenamtes des Britischen Kirchenrates.
Diese Verbindung hielt auch, als er 1985 Domkapitular und Leiter des Internationalen Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry wurde. Von Coventry ging die weltweite Bewegung der Nagelkreuzgemeinden aus. Wer hier Mitglied ist, verpflichtet sich zu einer aktiven christlichen Versöhnungsarbeit.
In jenen Jahren lernte Oestreicher auch Manfred Domrös kennen, Landesjugendpfarrer in Brandenburg und dann ab 1986 bis vor zwei Jahren Inselpastor auf Hiddensee. Domrös wollte, dass auch seine pommersche Inselgemeinde Mitglied der Nagelkreuzbewegung wird und lud 2002 den anglikanischen Domkapitular, nun im Ruhestand, nach Hiddensee ein.
Seitdem kommt Paul Oestreicher, fasziniert von Landschaft, Menschen und der Möglichkeit, wie er fröhlich bekennt, ohne Badehose schwimmen zu gehen, jedes Jahr als Kurprediger auf die Insel. Unterstützt wird er dabei von seiner zweiten Frau, der neuseeländischen Professorin Barbara Einhorn.
Engagiert in Ost und West, Nord und Süd
Das tut sie, obwohl sie keine Christin ist, auch in diesem Abendgottesdienst in Neuendorf und souffliert leise von hinten. Denn Paul Oestreicher predigt frei und hält sich nicht an hergebrachte Liturgieabläufe. Doch heute Abend ist der 79-Jährige in seinem Element und braucht keine Hilfe: Er spricht über den 6. August 1945, den Tag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, über die Verantwortung der Christen für Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Fukushima wird angesprochen, aber auch die Kriege in Afghanistan und Libyen. Gebannt hören vor allem die Jugendlichen zu.
Wenn Paul Oestreicher von Versöhnung als Aufgabe der Christen spricht, dann redet jemand, der diese Versöhnung mit seinem Leben auch abdeckt: Kaum in seiner Geburtsstadt Meiningen (Thüringen) eingeschult, muss Paul 1939 mit seiner Familie Deutschland verlassen, weil der Vater, ein Kinderarzt, jüdischer Abstammung ist. In Neuseeland finden sie Asyl.
Trotzdem zieht es ihn nach dem Krieg immer wieder zurück nach Deutschland. Nach dem Studium von Germanistik und Politologie wird er 1955 für ein Jahr Forschungsstipendiat beim Bonner Theologieprofessor Helmut Gollwitzer und forscht über das Verhältnis von Christentum und Marxismus.
Theologie, damit kokettiert der Geistliche, hat er wie etliche anglikanische Gemeindepfarrer nie studiert. Um für die zweijährige Ausbildung am Priesterseminar angenommen zu werden, reicht irgendeine abgeschlossene Ausbildung und erwiesene menschliche Eignung. Nach dem Priesterseminar in England zieht es Paul Oestreicher wiederum nach Deutschland, er wird Gastvikar in der evangelischen Kirche von Hessen-Nassau.
1960 in England zum Priester geweiht, arbeitet er in einer sozialen Brennpunktgemeinde im Osten Londons.
Doch Paul Oestreicher will sich stärker gesellschaftlich einmischen.
Von 1961 bis 1964 arbeitet er als Programmdirektor für die Abteilung Kirche und Gesellschaft bei der BBC, danach beim Britischen Kirchenrat. Er bereist den Ostblock, will etwas gegen die große Kriegsgefahr tun. Manches davon scheint heute naiv im besten Sinne zu sein: So versucht er bei einem Treffen mit Walter Ulbricht, diesem wegen der menschlichen Folgen des Mauerbaus ins Gewissen zu reden. Er engagiert sich aktiv in der Christlichen Friedenskonferenz (CFK), einer Vereinigung von Theologen, die sich dem Sozialismus verbunden fühlen.
Doch 1968, schon vor der Niederschlagung des Prager Frühlings, erkennt er, wie stark die CFK von den Machthabern im Ostblock gesteuert wird.
Klarsichtiger Realismus und tiefe Hoffnung
Paul Oestreicher bleibt als Priester, als Kirchendiplomat, aber auch als Journalist und Publizist weiter aktiv für Menschenrechte und Frieden. Als Vorsitzender der britischen Sektion von Amnesty International tritt er für politische Gefangene in Osteuropa und Südafrika ein, fördert die Beziehungen seiner Kirche von England zu den Kirchen in der DDR und in Südafrika.
Auch in seinen letzten Dienstjahren hat er einen entscheidenden Anteil an der Ost-West-Versöhnung als Vorsitzender des Versöhnungswerkes der Kathedrale von Coventry. Und er gründet den »Dresden Trust«, der den britischen Anteil zum Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden beisteuert.
Das alles schwingt mit, wenn er nun als alter Mann zu den Jugendlichen predigt. Es fasziniert dabei vor allem sein unverbrüchlicher Glaube an das Gute im Menschen, dem Ebenbild Gottes, trotz alledem.
Ebenso fasziniert und irritiert nach dem Gottesdienst noch am Abend bei einer Flasche Rotwein sein klarsichtiger Realismus einerseits und sein großer Glaube an die Demokratie, an gesellschaftlichen Fortschritt, an die Versittlichung des Menschen andererseits: Er nennt als Beispiel den Kampf einiger weniger evangelikaler Christen im England des späten 18. Jahrhunderts gegen die Sklaverei.
Diese Christen standen damals gegen die Mehrheit in der Gesellschaft, auch die Bischöfe stimmten im Oberhaus geschlossen gegen die Abschaffung.
»Heute ist die Sklaverei weithin geächtet«, sagt er, und: »Heute muss unser Kampf gegen den Unglauben gehen, dass es einen gerechten Krieg gibt.«
Unbeirrter Glaube an die Möglichkeit des Unmöglichen
Die Friedensfrage ist für ihn fundamental. Darum geht er mit seiner Kirche von England heftig ins Gericht. Sie sei einer friedensethischen Debatte aus dem Weg gegangen, sei geflüchtet. Zu oft noch werde Kaisers Willen mit Gottes Willen verwechselt. Die Evangelische Kirche in Deutschland würde wenigstens immer wieder einmal darüber diskutieren, sei aber auch zu lau.
Aber er will die Hoffnung nicht aufgeben: Irgendwann wird, wie Sklaverei oder Mord heute schon, auch der Krieg juristisch geächtet werden. Für die Durchsetzung solch allgemein anerkannten Rechts, von Ordnung und Sicherheit, so hofft er, reiche eine internationale Polizei aus.
»Und die Politiker werden es schon tun, wenn wir als Wähler es nur wirklich wollen.« Daran kann auch die Skepsis der Zuhörer nichts ändern. Er lächelt nur und meint abschließend: »Wenn wir nicht an die Möglichkeit des scheinbar Unmöglichen glauben, können wir aufgeben.«
Draußen zieht der Leuchtturm vom Dornbusch Lichtstreifen durch die Nacht. Er erscheint plötzlich wie ein Bruder dieses alten Mannes, der nun am 29. September zu seinem 80. Geburtstag in seiner Geburtsstadt Meiningen groß geehrt werden soll. Und der auch das bescheiden lächelnd über sich ergehen lassen wird.
Tilman Baier
Christen halten (noch) zu Assad
24. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Syrien: Die Kirchen des Landes beteiligen sich bisher kaum an den Protesten gegen die Regierung.
Syrische Pro-Assad-Demonstranten bekunden am 10. September in Damaskus ihre Verbundenheit mit dem Regime. Auch viele Christen des Landes sehen in ihm einen Garanten ihrer relativen Freiheit. (Foto: picture alliance)
Syriens Christen fürchten ein Chaos wie im Irak mehr als die Diktatur von Staatspräsident Baschar al-Assad.

Syrische Pro-Assad-Demonstranten bekunden am 10. September in Damaskus ihre Verbundenheit mit dem Regime. Auch viele Christen des Landes sehen in ihm einen Garanten ihrer relativen Freiheit. (Foto: picture alliance)
»Wir haben keine Angst vor dem Islam. Wir fürchten ein Chaos wie im Irak.« Der Wortführer der syrischen Christen, Patriarch Gregorius III. (früher als Lutfi Laham Erzbischof von Jerusalem) von der mit Rom unierten Melkitischen Griechisch-Katholischen Kirche, hat offene Briefe an Regierungen in Europa und den USA geschickt mit der Bitte, sich in Syrien nicht einzumischen.
Die rund zwei Millionen Christen in Syrien halten sich bedeckt und unterstützen das Regime des Präsidenten Baschar al-Assad. Während zunehmend westliche Politiker ihrer Abscheu über Massaker in Syrien mit immer schärferen Worten Ausdruck verleihen, die Türkei offen mit Krieg droht, haben erste arabische Länder sogar ihre Botschafter abgezogen.
Allerdings: Erzbischof Gregorius III. hat vom Libanon aus gegenüber dem deutschen Programm von Radio Vatikan sein »Beileid für die Toten beider Seiten« ausgesprochen.
Das war ein gewagter Schritt, den er gegenüber den syrischen Staatsmedien nicht getan hätte. Denn das offizielle Syrien sieht in den toten Zivilisten »Terroristen«, denen kein Beileid gebührt, da sie Angehörige von Armee und Polizei ermorden.
Gemäß den dürftigen und unzuverlässigen Informationen aus dem abgeschotteten Staat scheinen sich Christen nicht an den Demonstrationen zu beteiligen. Der syrisch-orthodoxe Patriarch Ignatius Zakka I. hat sich sogar offen zum Befürworter Assads erklärt.
Die Treue zu Assad hat für die christliche Minderheit einen guten Grund. Ähnlich wie im Irak unter Saddam Hussein definiert sich Syrien unter dem Regime der Baath-Partei als »weltlich«. Den religiösen Minderheiten, allen voran den Christen, wird Religionsfreiheit gewährt.
Die Gläubigen genießen eine weitgehende Gleichberechtigung und Autonomie. Zwar muss in Syrien laut Verfassung der Präsident ein Moslem sein, aber Christen dienen als Offiziere in der syrischen Armee ebenso wie Drusen und Kurden. So genießen die Christen deutlich mehr Freiheiten als in den meisten anderen arabischen Staaten.
Für Gregorius III. ist der Irak ein abschreckendes Beispiel. Unter dem Schreckensregime des Saddam Hussein konnten die Christen weitgehend »in Frieden« überleben. Seit dessen Sturz haben muslimische Gruppen durch Überfälle und Selbstmordattentate für eine Massenflucht von Christen aus dem Zweistromland gesorgt. Hunderttausende flohen in die Türkei und nach Syrien.
Einige syrische Bischöfe beginnen angeblich, hinter vorgehaltener Hand in Privatgesprächen das Blutvergießen infrage zu stellen, seitdem Katar und Saudi Arabien ihre Botschafter abgezogen haben, die Wirtschaft zugrunde geht und damit das Elend der Bevölkerung zunimmt.
Aber auch der Vatikan hält sich bisher bedeckt und schließt sich nicht dem Chor der westlichen und arabischen Politiker an, die mit »Erschütterung« und »Abscheu« die Massaker in Syrien verurteilen.
Beim Angelus-Gebet im Juli äußerte Papst Benedikt XVI. »tiefe Besorgnis« und meinte neutral, dass »Waffen nirgendwo Probleme gelöst hätten«. Ohne Gaddafi oder Assad namentlich zu nennen, rief der Papst zum »Dialog« zwischen der Bevölkerung und den Behörden in Libyen und Syrien »für eine friedliche Koexistenz« auf.
Ulrich W. Sahm
Annäherung – Kunst trifft Kirche
23. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Kongress: Wie die Kunst wieder Raum in Kirchen und Gemeinden bekommen kann.
Kunst und Kirche – sie führen meist ein Leben nebeneinander, selten miteinander. Sie beide näher zueinander zu bringen, das war Anliegen des ersten evangelischen Kirchen-Kultur-Kongresses, der vom 15. bis 18. September in Berlin stattfand.

Jens Schäfer als Paulus in dem gleichnamigen Musiktheaterstück. (Foto: epd-bild)
Wie Kunst und Kirche wieder in ein Gespräch kommen können, war das Thema des ersten Kirchen-Kultur-Kongresses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Rund 500 Teilnehmer beschäftigten sich in acht Foren mit Architektur, Bildender Kunst, Film, Gedenkkultur, Interkultur, Literatur, Musik und Theater.
Eröffnet wurde der Kongress mit dem Musiktheaterstück »Paulus. Das ängstliche Harren der Kreatur«. Der Apostel, gekleidet in helle Hosen und weißes Hemd ist in dem Stück eine Figur der Gegenwart, die sich auf Partys und in Talkshows wiederfindet. Die ersten beiden Szenen zeigen die Wandlung des Christenverfolgers Saulus zum glühenden Christusverehrer Paulus.
In der zweiten Hälfte des Stückes tritt der Apostel, knapp der Lynchjustiz entkommen, mit den sichtbaren Zeichen der Verfolgung und blutiger Angriffe, auf. Ein Mensch, der von seinen Zeitgenossen nicht verstanden wird, dessen Thesen als Brandstiftung gelten, einsam und dennoch leidenschaftlich bemüht, mit den Menschen in einen Dialog zu treten.
Christian Lehnert, Studienleiter für Theologie, Zeitgeschichte und Kultur an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt schrieb das Libretto zu dem Bühnenstück. Im Programmheft erläutert er: »Die Briefe des Paulus bezeugen ein hartnäckiges Ringen um Sprache. Unbeholfen, mal sprudelnd, mal stammelnd ist sein Griechisch. Wenig ist vorgeprägt. Der Autor muss sich selbst in die Geheimnisse seiner Glaubenserfahrung hineinsprechen. Hier sucht jemand nach Worten für etwas, das er um des Himmels willen nicht verschweigen kann.«
Seine Uraufführung erlebte das Stück in der Berliner St.-Elisabeth-Kirche. 1835 von Karl Friedrich Schinkel erbaut, wurde die Kirche im Zweiten Weltkrieg zerstört und stand fast fünf Jahrzehnte als Ruine da. Seit den 1990er Jahren ist sie wieder aufgebaut, wobei bewusst darauf verzichtet wird, die zerstörte Holzdecke, Emporen, Kirchenbänke und Altar zu rekonstruieren. In dem von den wieder errichteten Mauern umgebenen Raum sind die Zeichen der Zerstörung sichtbar.
Die Kombination von ehemaligen und modernen Elementen verleiht dem großen Kirchenraum eine eigene Atmosphäre, einen Hauch von Vorläufigkeit. Das Ensemble nutzte für das Stück den gesamten Raum, sodass Paulus, dargestellt von dem aus Fernseh-Produktionen bekannten Schauspieler Jens Schäfer, hautnah zu erleben war.
Das Musiktheaterstück wurde von der EKD eigens für den Kongress in Auftrag gegeben. Ein Umstand, der nach Ansicht von Petra Bahr, Kulturbeauftragte der EKD, leider eine Ausnahme darstelle. Sie wünsche sich, dass die Kirche wieder, wie es in vergangenen Zeiten häufiger der Fall war, als Auftraggeberin von Kunstwerken in Erscheinung tritt.
In den zurückliegenden Jahren war oft die Rede von der multifunktionalen Nutzung der Kirchenräume. So manche Gemeinde, die sich Sorgen macht um die Auslastung und Erhaltung ihrer Kirchengebäude, dachte über Möglichkeiten einer erweiterten Nutzung nach. Auf dem Kirche-Kultur-Kongress hingegen waren ganz andere Töne zu hören.
Gesine Weinmiller, Architektin und Ratsmitglied der EKD, warnte davor, Kirchen wie Mehrzweckhallen für kirchliche und kulturelle Anlässe zu öffnen. »Multifunktionalität kann alles, aber nichts richtig.« Für zukünftige Kirchengebäude entwarf sie ein sehr schlichtes Bild. »Ein Tisch, vier Wände, eine Decke und eine Kerze – das ist die Zukunft der Kirche.« Denn ihrer Meinung nach reichten diese vier Elemente aus, um Ruhe zu finden.
»Krippenspiel etc. Das meistgespielte Stück der Welt und andere biblische Geschichten als Bühnenstoff« – Das Motto der Veranstaltung im Rahmen des Forums »Theater« weckte Erwartungen auf pfiffige Ideen für Krippenspiele. Wer auf derartige Anregungen hoffte, war hier fehl am Platze. Dennoch erwies sich die Arbeit in Gruppen zwar anders als erwartet, aber nicht weniger gewinnbringend.
Die Schauspielerin Tanya Häringer zum Beispiel übte mit den Workshop-Teilnehmern das Sprechen von Texten und das Lesen der biblischen Weihnachtsgeschichte. Verblüffend die Erfahrung, wie anders der alte Text klingt, wenn er ohne Pathos schlicht erzählt wird, etwa so wie sich zwei einander nahestehende Menschen unterhalten.
2009 verlieh die EKD erstmals den evangelischen Kulturpreis »Grenzgänger« – ein Preis, der den Dialog von Kirchen und Gemeinden mit der Kultur fördern soll. Auf dem Kongress in Berlin wurden zum zweiten Mal »Grenzgänger« ausgezeichnet, die sich in Bereiche zwischen Kultur und Kirche vorgewagt hatten.
Der erste Preis ging an die »Community Dance Minden« für ihr Projekt »Verdi Requiem: Hommage an das Leben«. Das Chor-, Orchester- und Tanzprojekt gelang durch die jahrelange Zusammenarbeit der evangelischen St.-Marien-Gemeinde in Minden mit Schulen und dem städtischen Kulturbüro.
Mit dem zweiten Preis wurde der Kunstdienst der sächsischen Landeskirche für die Fotoausstellung »Nedomalzlenky – Zuneigungshunger« des tschechischen Künstlers Ondrej Stanek ausgezeichnet. Er fotografierte körperlich, mental oder sozial behinderte Mädchen einer katholischen Schule in Prag.
Den dritten Preis erhielt das Projekt »Passage 2011«, das in Kooperation von der St. Lukas-Gemeinde München und der evangelischen Gemeinde von Venedig entstanden ist. Als Beitrag zur 54. Biennale in Venedig wurde dabei ein rotes Boot über die Alpen gezogen.
Sabine Kuschel
Von der Lust, zu leben und zu lieben
23. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Sexualität – eine schöne Gabe Gottes, Lebenskraft und Liebesfähigkeit.
Was hat Sexualität mit Spiritualität zu tun? Sexualität ist ein Spiegel unserer Gottesbeziehung. Sexualität und Heiligung gehören zusammen.
»All diese Blumensträuße, die nach einem Herz suchen und nur eine Vase finden.« Dieser Satz lässt mich fragen: Wohin stelle ich die Blumensträuße Gottes? Denn ich gehe davon aus, dass der Blumen- und Menschenerfinder uns wunderschöne Sträuße schenkt. Verliebte tun das gern.
Einen Strauß möchte ich heute besonders hervorheben, den er uns allen gleichermaßen geschenkt hat: die Gabe unserer Sexualität. Paulus selbst bringt mich auf diese Idee mit seinen Worten an die Thessalonicher.
Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen … Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt (1. Thessalonicher 4,3-8).
Welch wunderbarer Strauß – diese Kraft der Sexualität, mit ihren Blüten des Begehrens und der Hingabe. Und wo stellen wir ihn hin? Oder ab?
Er bräuchte zum Fassen wohl meine Glieder und mein Herz, mein Geschlecht, ja mich – ganz. Der Strauß ist ziemlich groß. Und sucht ein Gefäß.
Skeuos, das griechische Wort in Vers 4, heißt Gefäß.
Luther übersetzte es mit Frau: »Jeder von euch gewinne seine eigene Frau in Heiligkeit und Ehrbarkeit.« Vielleicht aus seinem geschichtlichen Kontext heraus.
Skeuos ist aber zuallererst Gefäß und lässt sich auf beiderlei Geschlecht beziehen: das Gefäß für unser Mannsein und Frausein, unsere Geschlechtlichkeit, unsere Sexualität, die uns ganz meint und nicht nur ein Teil von uns ist. Mir scheint, diese wurde oft, um im Bild zu bleiben, nicht ins Herz, sondern in eine Vase gestellt. Die vielen kleinlichen selbst gemachten Gebote rund um die Sexualität herum, sie erscheinen mir wie viel zu kleine Vasen, in die die überquellende Gabe Gottes hineingepresst wurde.
Gebote wie keine körperliche Liebe vor der Ehe oder nur zur Zeugung oder nur ohne Lust, am besten lichtlos und im Alter sollte es sich legen.
Gebote, die regulieren und kontrollieren wollen, was Gottes Sache ist. Medienwelt und »freier Markt« verwüsten diese Gabe mit einer Sprache, die Sexualität auf eine Technik oder Handelsware reduziert. Der Geber der Liebeskraft wird völlig vergessen. Dabei will der so schenkende Gott unsere Heiligung.
Wie geschieht Heiligung meiner Sexualität?
Vielleicht fängt sie mit der Annahme des Straußes an. Dass ich Gottes Blumen ans Herz nehme, indem ich bewusst meine sexuellen Regungen und mein Begehren nicht als Störung, nicht als isolierten Triebfaktor, sondern als lebendig blühende Kraft annehme.
Meine Lebenskräfte und -säfte in Gottes Strom fließen lasse.
Meine sexuelle Begabung will als eine große Liebesfähigkeit in vielerlei Gestalt gelebt sein: in körperlicher Vereinigung und in meiner Vereinigung mit Gott, meinem Gebet, meiner Hingabe an Gott. Ich darf mich lieben lassen und ihm unverschämt nahe kommen.
Mein Gebet kann ein Liebesaustausch mit Gott sein, so wie es die Mystiker und Mystikerinnen wagten. Ihre Gebetsprache ist nach dem Vorbild des Hoheliedes durchtränkt mit erotischen Bildern. In Lukas 7 wird die Jesus salbende Frau, eine stadtbekannte Hure, zum Vorbild. Mit ihren Tränen benetzt sie seine Füße und trocknet sie mit ihren Haaren.
Wir alle sind zum Heiligsein berufen, eben gerade als sexuelle Wesen. Ich denke, es ist Zeit, die Heiligkeit wieder zu erden und sie hineinzuholen in unser Dasein.
Könnten wir doch mehr von der Berufung zur Heiligkeit hineinstreuen in unsere Gesellschaft und aufhören, das Wort heilig als zu groß für unser Leben anzusehen. Denn dann könnte es geschehen, dass ich alles Geschaffene als Bruder und Schwester ansehe, Lebendiges lebendig sein lasse, auch in mir.
Mich freue am Genuss, nicht am Verschlingen, mich freue an meiner Lust und Wege finde, sie zu leben ohne wehzutun, meine Sexualität in das Bett der Treue und der Liebessprache lege, denn sie braucht Worte und Gesten, die das Herz des anderen finden.
Thea Vogt
Die Autorin ist promovierte Pfarrerin im Geistlichen Zentrum Schwanberg.
Der Trostkreislauf
17. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Wie Leidende zu Tröstern werden.
Oliver Merz findet im Apostel Paulus ein Vorbild für den Umgang mit Leid.
Solange es uns gut geht, fällt es uns nicht schwer, Gott dankbar zu sein. Erst Leid und Schmerzen stellen den Glauben auf die Probe. Erst recht, wenn das Leiden dauerhaft ist und auch Gott nicht heilend eingreift.
Oliver Merz kennt das Hadern und die Fragen: Er erkrankte mit 20 Jahren an Multipler Sklerose und ist seither in seinen Bewegungen eingeschränkt. Warum er dennoch Trost gefunden hat und wie er dadurch anderen zum Trost werden konnte, das beschreibt der Pastor aus der schweizerischen Stadt Thun.
Glück, Leid und Heilung
In einem kleinen Dorf wohnte ein großes Glück. Ein Mann und eine Frau bekamen ein Mädchen, das der Sonnenschein aller wurde.
Eines Tages wurde das Kind vor den Augen der Eltern auf der Straße überfahren. Das ganze Dorf nahm Anteil an der Trauer der Eltern.
Auch nach über einem Jahr war die Mutter über den Verlust ihres Kindes untröstlich. Sie konnte keine Kinder mehr spielen sehen ohne bitteren Gedanken.
Langsam wuchsen in ihr Hass und Zorn, Neid und Eifersucht auf alles Lebendige und Gesunde. In ihren Gedanken lebten alle Menschen glücklich und zufrieden. Nur sie war geschlagen und voller Leid.
In ihrer Not ging sie zum Pfarrer. Der bat sie, durch das Dorf zu gehen und sich aus jedem Haus, in dem kein Leid wohnt, eine Blume zu erbitten. Mit dem Strauß sollte sie dann nach einer Woche wiederkommen.
Die Frau ging durch ihr Dorf von einem Haus zum anderen.
Als sie nach einer Woche zum Pfarrer kommt, hat sie nicht eine einzige Blume, aber einen Strauß von Erfahrungen. Sie musste erleben, dass in jedem der Häuser ein Leid wohnt, eine Not ist und Trost nötig war. So konnte sie manchen Leuten aus ihrer eigenen Schmerzerfahrung raten und beistehen.
Das war der Anfang einer inneren Heilung.
Aus: Kühner, Axel: Überlebensgeschichten für jeden Tag. 18. Auflage, Neukirchener Aussaat, 352 S., ISBN 978-3-7615-5873-7, 9,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

Der Autor Oliver Merz ist Theologe und lebt mit seiner Familie in der Schweiz.
Wenn Paulus über das Trösten redet, beginnt er bei Gott selbst. Er beschreibt Gott als die Quelle des Trostes. Paulus schrieb diesen Brief in erster Linie, um auf Kritik an seiner Person zu reagieren. Einflussreiche Leiter und Gemeindeglieder zweifelten an seiner geistlichen Vollmacht und Autorität, weil Paulus äußerlich anscheinend eine erbärmliche Erscheinung abgab.
Wahrscheinlich konnte er auch nicht sehr überzeugend und packend referieren. Durch so einen konnte unmöglich Gott selbst reden und wirken, folgerten manche. Die Gegner von Paulus gingen teils noch weiter und kamen zum Schluss: So einer kann nicht wirklich zu Jesus gehören. Gott ist doch ein Gott der Stärke!
Paulus geht bereits im Briefeingang auf diese Angriffe ein. Er leugnet nicht, dass er tatsächlich ziemlich erbärmlich aussieht, stellt das allerdings in einen besonderen Zusammenhang. Paulus offenbart uns damit auch einen möglichen Sinn des menschlichen Leidens, ich nenne das den »Trostkreislauf«.
Das Wort »Trost« hat im Neuen Testament eine große Bedeutungsbreite – etwa ermutigen, ermahnen, zurechtweisen, stärken, innerlich festigen. Wenn von Gott als Tröster die Rede ist, meint das also viel mehr als bloß »bemitleiden«.
Als ich mit 20 Jahren plötzlich kaum mehr gehen, schreiben und lesen konnte, fragte ich mich, wie ich das nun mit einem liebenden und barmherzigen Gott zusammenbringen sollte. Ich sehe mich noch heute am Zimmerfenster im Spital stehen und denken: Ob ich da nicht lieber runterspringen sollte?
Der Apostel Paulus rechnete oft nicht mehr damit, lebendig aus Notsituationen herauszukommen. Dennoch kann er sagen, dass er von Gott getröstet wurde. Wie erlebte Paulus diesen Trost von Gott? Wir erfahren es nur bruchstückhaft. Er verstand wohl unter Trost ermutigen, ermahnen und stärken. Er sagt, dass er zum Beispiel durch den liebevollen Umgang der griechischen Christen mit einem Freund von ihm getröstet, gestärkt und ermutigt wurde.
In einem erlebte Paulus aber besonders Gottes ermutigendes und stärkendes Trösten: Er bekam immer wieder die Kraft, um seinen Weg mit Jesus und seinen Dienst für ihn gegen alle Widerstände und vermutlich trotz eines zusätzlichen chronischen Leidens zu gehen.
Die Erfahrung, dass auch andere Menschen mit Schwerem leben lernen müssen, wirkt tröstend.
Bei mir war und ist das ähnlich. Mit anderen Betroffenen über Erfahrungen und Gefühle im Umgang mit der eigenen Behinderung zu reden, tut meistens gut. Es gibt aber auch Zeiten, in denen es mir nicht nach Reden ist. Da bin ich darauf angewiesen, dass jemand einfach da ist.
Es kann sogar so weit gehen, dass ich Freunde brauche, die für mich glauben und beten, weil mir nicht mehr danach zumute ist.
Gerade uns Menschen mit Behinderung befreit Gott meistens nicht einfach von unseren Einschränkungen, wie sehr wir ihn auch darum bitten mögen. Wir brauchen in unserem Leben mit Einschränkungen manchmal die Unterstützung von Freunden und der Familie.
Paulus schreibt in seinem Briefeingang: »… damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden.« So kann sich Gottes Trost auswirken. Getröstete werden zu Tröstenden! Damit wir Gottes Wirken in unserer Not tröstend empfinden können, kostete ihn alles: Jesus Christus.
Gottes Trost ist zutiefst leidgeprüft! Eigene Leiden machen sensibel für die Leiden des Nächsten. Wenn jemand aus eigener Betroffenheit Trostworte spricht, dann sind das mehr als Worte!
Körperlich und seelisch begrenzte Pfarrerinnen und Pfarrer, Priester und Pastoren sind für ihre Kirchen eine unentbehrliche Bereicherung, ein Mehrwert! Sie fallen dadurch auf, dass sie mitunter einfühlsamer für die Nöte anderer sind. Pfarrer mit offensichtlichen Grenzen sind häufig ein Vorbild für den Umgang mit persönlichem Leiden.
Kurz nachdem ich selbst an MS erkrankt war, lernte ich andere kennen, die unerwartet mit schweren Diagnosen umgehen mussten. Andere wurden durch mein leidgeprüftes Leben irgendwie von Gott ermutigt und getröstet, ihre eigenen Herausforderungen zu tragen.
Ich scheine seither Menschen mit schwierigen Lebensumständen richtiggehend anzuziehen.
Das Erstaunliche ist: Wir werden dabei ermutigt und getröstet! Trost und Trösten ist also keine Einbahnstraße. Eine Bedingung gibt es allerdings: Wir dürfen nicht in der Isolation bleiben. Diese Phasen gibt es zwar. Wenn wir uns danach aber wieder zugänglich zeigen, den Weg ins Leben zurück suchen, dann können wir Ähnliches erleben wie Paulus und seine Freunde damals.
Doch es fehlt noch etwas Wichtiges: der Dank.
Den Schluss des Briefeingangs im 2. Korintherbrief habe ich lange überlesen, dabei enthält er ein überraschendes Detail: »Helft aber auch ihr, indem ihr für uns betet, damit viele Menschen in unserem Namen Dank sagen für die Gnade, die uns geschenkt wurde.« Am Anfang und am Schluss stehen der Dank und die Ehrerbietung an Gott.
Hier schließt Paulus zum Thema Trost einen Kreis. Wer in der Not erlebt, dass er von Gott und von Menschen getröstet wird, der ist auch ermutigt, Gott wieder und wieder um seine Hilfe zu bitten! Und er ist sich nicht zu schade, auch andere in seinem Umfeld über seine Situation zu informieren und um Gebet für ihn zu bitten. Nicht zuletzt schwingt hier auch eine missionarische Dimension mit!
Oliver Merz
Die Königsmacher
16. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Kultur
Rundfunk: Evangelische Christen sind in den Aufsichtsgremien des MDR stark vertreten.

Bei der Wahl des neuen MDR-Intendanten prallen auch politische Interessen aufeinander – Vertreter der Kirchen streiten für einen unabhängigen Rundfunk.
Das Telefon auf dem Schreibtisch des Rochlitzer Superintendenten Johannes Jenichen klingelt unablässig, sein Handy auch. Der Theologe aus der mittelsächsischen Stadt findet sich dieser Tage unversehens im Epizentrum eines machtpolitischen Erdbebens wieder: der Wahl des MDR-Intendanten. Jenichen ist Vorsitzender des MDR-Rundfunkrats, der den neuen Senderchef am 26. September wählen soll.
Die Kirchen haben in den Gremien der Rundfunkanstalt keinen geringen Einfluss – theoretisch.
Von den sieben Mitgliedern des MDR-Verwaltungsrats, der am 5. September den Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung Bernd Hilder zum einzigen Kandidaten für den Intendantenposten wählte, sind vier evangelisch.
Erst nach vier Wahlgängen entschieden sich die notwendigen fünf Delegierten des wirtschaftlichen Aufsichtsgremiums für den Zeitungsmann Hilder. Hinter der zähen Entscheidung sieht der MDR-Verwaltungsrat Jürgen Weißbach den politischen Druck der sächsischen CDU. Fünf der sieben Verwaltungsräte stünden der CDU nahe oder seien in ihr Mitglied, sagt der evangelische Theologe aus Halle und langjährige Vorsitzende des DGB Sachsen-Anhalt.
Auch Beobachter und nicht wenige Mitarbeiter des MDR sehen das so. Der Bautzener Oberbürgermeister Christian Schramm – Vorsitzender des Rates der Diakonie Sachsen, Mitglied der sächsischen Landessynode sowie der CDU – möchte als MDR-Verwaltungsrat wegen der angespannten Debatte nichts zu der knappen Entscheidung sagen.

Der Rochlitzer Superintendent Johannes Jenichen vor der Leipziger MDR-Zentrale. Er ist Vorsitzender des Rundfunkrates. (Foto: Armin Kühne)
Abgestimmt haben die evangelischen Mitglieder der Aufsichtsgremien des Senders ihre Positionen bislang nicht. »Ich bedaure das«, sagt Verwaltungsrat Weißbach. »Die Katholiken sind da koordinierter.«
Um das zu ändern, haben im Vorfeld der Intendanten-Wahl die Medienverbände der sächsischen und der mitteldeutschen Kirche erstmals Empfehlungen an die evangelischen Mitglieder der Aufsichtsgremien ausgesprochen.
Ein neuer Intendant solle »den MDR unabhängig von der Einflussnahme Dritter« führen, heißt es in dem Papier – eine klare Absage an den Druck aus der Politik. Zudem wünsche man sich von der neuen MDR-Spitze, dass sich »der alltägliche Vollzug evangelischen Lebens angemessener als bisher in den Programmangeboten wiederfindet« und dass die Berichterstattung über die DDR-Vergangenheit nicht einer »unreflektierten Verklärung des Alltags in der Diktatur« Vorschub leiste. Beides kann auch als Kritik am Programm des Senders gelesen werden.
Nach dem Vorschlag des MDR-Verwaltungsrates hat bei der Intendanten-Wahl der Rundfunkrat des Senders das letzte Wort.
Dessen Vorsitzender Johannes Jenichen appelliert an die 43 Mitglieder des Gremiums, den Sender nicht dem Staat oder den Parteien auszuliefern (siehe Interview unten). Als Kirchenmann gilt der Rochlitzer Superintendent als neutraler Moderator.
Der Rundfunkrat besteht als Vertreter der Allgemeinheit aus einem engmaschigen Netz von Quoten: Delegierte aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben in ihm feste Sitze, Vertreter der Wirtschaft, der Bauern, der Frauen, der Jugend, der Parteien, der Religionsgemeinschaften. »Bei den Abstimmungen kommt meist eher die persönliche Meinung durch als die des Verbandes oder der Partei«, sagt Rundfunkrat Carsten Meyer, Grünen-Abgeordneter im Thüringer Landtag und davor Geschäftsführer der Diakonie in Weimar. »Es gibt hier sehr differenzierte Debatten.«
Die drehen sich oft um die Qualität des Programms – nicht immer ändert sich danach etwas. Noch öfter aber drehen sich die Diskussionen in letzter Zeit um Enthüllungen zweifelhafter Geldschiebereien leitender MDR-Mitarbeiter. Rundfunk- und Verwaltungsräte des Senders erfuhren davon erst aus der Zeitung. Ihr Unmut darüber war deutlich vernehmbar.
Bei der Wahl des Intendanten aber sind die 43 Rundfunkräte am Zug. Ein bloßes Abnicken wird es diesmal wahrscheinlich nicht geben. Lehnen sie Hilder ab, müssten neue Kandidaten gesucht werden. Alles scheint offen.
Andreas Roth
Fragen an den Rundfunkrats-Vorsitzenden Superintendent Johannes Jenichen
Herr Jenichen, der Verwaltungsrat des MDR hat dem Rundfunkrat den Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung, Bernd Hilder, als neuen Intendanten vorgeschlagen – ist seine Wahl schon sicher?
Jenichen: Am 26. September wählt der Rundfunkrat diesen Kandidaten – oder nicht. Für einige Rundfunkräte ist die Entscheidung nicht mehr offen. Sie entscheiden sich so wie der Verwaltungsrat oder haben sich untereinander abgestimmt und stimmen zu. Andere sind noch am Überlegen und wollen die Präsentation des Kandidaten in den Landesgruppen abwarten. Der Ausgang dieser freien und geheimen Wahl scheint demnach offen.
Haben Sie sich schon entschieden?
Jenichen: Meine Entscheidung steht fest, aber die ist geheim.
Beobachter kritisieren, die sächsische CDU versuche, auf die Wahl zugunsten Hilders Einfluss zu nehmen – haben Sie das gespürt?
Jenichen: Auf mich hat die sächsische CDU keinen Einfluss ausgeübt. Ich bin nicht ferngesteuert und es gab auch nicht den Versuch dazu. Aber ich kann nicht für andere sprechen. Ich habe bemerkt, dass sich verschiedene Gruppen im Rundfunkrat absprechen. Die Mehrheit des Gremiums scheint mir jedoch nicht an eine bestimmte Partei gebunden. Da gibt es viele verschiedene Interessen – auch innerhalb der Parteien.
Dürfen denn Parteien und Landesregierungen Einfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausüben?
Jenichen: Eines der hohen Gebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist eine gewisse Staatsferne. Vor dem Hintergrund der DDR-Geschichte bin ich heilfroh, dass wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit dem Grundsatz zur Unabhängigkeit haben. Mit uneingeschränkter Wachsamkeit haben wir eine für die Demokratie konstituierende freie Meinungsbildung zu fördern.
Sehen Sie es als Vorsitzender des Rundfunkrates und Vertreter der Kirche als Aufgabe, dies zu verteidigen?
Jenichen: Dass die Parteien Zustimmung gewinnen wollen, finde ich in Ordnung. Persönlich entscheide ich als freier Christenmensch in der Anwendung des biblischen Mottos: Prüfet alles und das Beste behaltet.
Wollen Sie diese Haltung auch in die Rundfunkrats-Sitzung zur Wahl des Intendanten hineintragen?
Jenichen: Unbedingt. Ich bitte die Rundfunkräte, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden. Das heißt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk weder dem Staat noch einer gesellschaftlichen Gruppe ausgeliefert wird.
Die Fragen stellte Andreas Roth
Prostitution für einen Hotdog
11. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Brasilien: Die Kirche attackiert grassierenden Sextourismus und damit verbundenen Kindesmissbrauch.
Die Bischöfe fordern von der Regierung angesichts neuer gravierender Fälle von Sextourismus Gegenmaßnahmen. Massenelend zähle zu den Hauptursachen sexueller Ausbeutung.
Die riesige Flussinsel »Ilha de Marajó« im Delta des Rio Amazonas wird in der deutschen Tourismuswerbung als paradiesisch gerühmt – malerische Strände, idyllische Fischerdörfchen. »Ich lebe im Delta und schaue genauer hin, empöre mich über pures Elend und Seuchen«, sagt Bischof Flavio Giovenale in der Diözese Abaetetuba. »Von den rund 15000 Inselbewohnern erkrankten seit Jahresbeginn über 12000 an Malaria – doch medizinische Betreuung fehlt! Hilfsgelder werden häufig abgezweigt, kriminelle Organisationen sind sehr aktiv.«

Neuerdings wird Sextourismus zumindest auf Airport-Plakaten der Regierung als Verbrechen gebrandmarkt. (Foto: Klaus Hart)
Er weiß, dass seine Worte viele Europäer schockieren. »Es ist trist – Menschen prostituieren sich für einen Hotdog, aus Hunger. Die Misere ist so groß, dass oft als völlig normal gilt, wenn sich Familienmitglieder feilbieten.«
Nur selten greift die Bundespolizei ein. Jetzt wurde eine Bande aus Nordamerikanern und Brasilianern verhaftet, die gar Amazonas-Sexreisen mit Indiomädchen verkaufte. »Viele Leute haben an solchem Tourismus großes wirtschaftliches Interesse und propagieren Brasilien daher als karnevaleskes Land, wo alles erlaubt ist.«
Neuerdings wird Sextourismus zumindest auf Airport-Plakaten der Regierung als Verbrechen gebrandmarkt. »Das finde ich positiv.«
Brasilien reagierte damit auf jahrelange Proteste der Kirche, denen sich selbst die UNO anschloss.
Die Bischöfe erreichten sogar einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der sich viele konkrete Vorschläge gegen sexuelle Ausbeutung, gegen Menschenhandel, Zwangsprostitution brasilianischer Frauen und Männer in Mitteleuropa anhören musste. Opfer des Sextourismus sind auch immer mehr Kinder.
Die Anklagen machen stutzig – bekämpft Brasiliens Regierung nicht seit acht Jahren erfolgreich die Misere?
»Das Anti-Hunger-Programm der Regierung hat krasses Elend verringert, doch wegen der hohen Preise reichen die Hilfen nicht. Eine Familie mit mehr als drei Kindern erhält monatlich umgerechnet höchstens 50 Euro, eine mit zwei Kindern nur an die 20 Euro. Davon kann man unmöglich leben.«
Bislang galt Thailand als wichtigste Sextourismus-Destination – Ermittler in den USA sehen ebenso wie im Frauenhandel inzwischen Brasilien an erster Stelle.
Giovenale: »Wir sind in einer komplizierten Situation, die uns ängstigt. Als Kirche leisten wir Präventionsarbeit, vermitteln christliche Werte – haben aber nicht die Macht, diese Probleme allein zu lösen – der Staat muss aktiv gegen das Verbrechen vorgehen, was aber nicht geschieht.«
Im Delta des Rio Amazonas liegen unzählige Inseln, die sich gut als Verstecke eignen, doch es gibt nicht einmal eine Wasserschutzpolizei.
»Das ist hier wie Niemandsland – der Staat ist nicht präsent, auch illegale Waffenhändler und die Drogenmafia haben freie Hand«, analysiert Giovenales Amazonas-Amtsbruder, Bischof José Luiz Azcona, der sich wegen seiner Anzeigen gegen sexuelle Ausbeutung ebenfalls viele Feinde machte, Morddrohungen erhält. Auch Giovenale hat die polizeiliche Bewachung nach einiger Zeit stoppen lassen.
»Für mich war das ein Unding. Die Polizei beschützt den Bischof – doch die Gläubigen bleiben schutzlos – so geht das nicht!«
Monique Laroche, kirchliche Expertin für Sextourismus, leitet Ausstiegsprojekte für Prostituierte. »Manche absolvieren einen berufsbildenden Kurs, finden hinterher aber keine Arbeit – und da sie von irgendetwas leben müssen, kehren sie in die Prostitution und zu den Drogen zurück.«
Sie ärgert, dass sexueller Missbrauch verharmlost werde. »Selbst im Fernsehen wird es so dargestellt, als sei Prostitution ein lukrativer Beruf der Zukunft, mit Glamour und Kick. Gerade wenig gebildete Mädchen der Unterschicht denken dann, wenn Prostitution also weder negativ noch problematisch ist, gehe ich eben auf den Strich.«
Doch dann, so analysiert Monique Laroche, sitzen sie regelrecht in der Falle, werden von einer Zuhältermafia beherrscht. »Prostitution zerstört die geistige und körperliche Gesundheit – wir sehen viel Grauenhaftes, Deprimierendes auf diesem Menschenmarkt.«
Klaus Hart
Das Recht der Großeltern auf ihre Enkelkinder
11. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Scheidung: Ein Kind braucht nach der Trennung seiner Eltern die Verwandten beider Seiten.
Wenn Eltern sich trennen, leiden vor allem die Kinder. Doch was ist mit den Großeltern? Viele trauen sich gar nicht, über dieses Thema zu sprechen. Dabei wollen sie vor allem eines: den Kontakt zu den Enkeln nicht verlieren.
»Ich verlasse meine Frau. Ich liebe eine andere.« Eine Nachricht, die Hans und Katharina Kramer (Namen geändert) schockierte und traurig machte. Katharina Kramer erinnert sich: »Ich mag meine Ex-Schwiegertochter sehr. Ich dachte immer, wenn eins meiner Kinder eine stabile Ehe führt, dann dieser Sohn mit dieser Frau. Man hätte so schrecklich gern alles in Ordnung!«

Glückliche Großeltern: Sie genießen das Zusammensein mit ihrem Enkelkind. (Foto: picture-alliance/dpa)
Die Kramers sind in ihrer Gemeinde auf dem Lande engagiert, hatten ihren Kindern christliche Werte vermittelt und sind nicht zuletzt durch die eigene stabile Ehe Vorbild.
»Für christliche Ehepaare ist es besonders schwierig, damit umzugehen und es nach außen hin zu vertreten, wenn eins ihrer Kinder sich scheiden lässt«, hat auch Isabell Rössler, Referentin für Offene Altenarbeit beim Diakonischen Werk Württemberg, beobachtet.
Großeltern können durchaus dazu beitragen, dass junge Familien stabil bleiben, indem sie nicht über Schwiegertochter oder Schwiegersohn herziehen, sich in Alltagsfragen und Erziehung nicht einmischen und in Krisenzeiten da sind. Zuhören, vermitteln oder durch Babysitterdienste das Paar entlasten.
Manchmal genügt all das nicht.
Gründe, warum einst verliebte Paare es nicht mehr miteinander aushalten, gibt es viele: »Er hat ein Alkoholproblem.« – »Wir waren zu jung, um zu sehen, dass wir nicht zusammenpassen – jetzt haben wir uns auseinanderentwickelt.« – »Als Kinder kamen, war ich plötzlich für meine Frau unsichtbar.« Dass niemand mehr per Gesetz oder von der Kirche dazu gezwungen wird, bei einem Partner zu verharren, der ihn unglücklich macht oder sogar missbraucht, ist durchaus etwas Positives.
Statistisch gesehen, scheitern in Deutschland zurzeit ca. 38 Prozent aller Ehen. Etwa 150.000 Kinder pro Jahr sind davon betroffen. Sie sind es, die besonders viel Liebe und Rückenstärkung brauchen.
Scheidungskinder, wissen Psychologen, beziehen den Unfrieden zwischen den Eltern automatisch auf sich. Sie sind damit überfordert, wenn ein Elternteil sie als Stütze, Partnerersatz oder Verbündeten gegen den Expartner einsetzt.
Als Folge können Probleme in der Schule oder später Bindungsunfähigkeit auftreten. Mitunter reagieren sie mit einem geschwächten Immunsystem.
»Die Erde braucht einen Nord- und einen Südpol, ein Kind braucht Mutter und Vater und Verwandte beider Seiten, um sich gut zu entwickeln«, so Rita Boegershausen. Die vierfache Oma ist Spezialistin für komplizierte Großeltern-Enkel-Beziehungen.
Gemeinsam mit einigen anderen hat sie die Bundesinitiative Großeltern von Trennung und Scheidung betroffener Kinder (BIGE), gegründet.
Vor 14 Jahren gingen ihr Sohn und dessen Freundin auseinander, die Kinder blieben bei der Mutter. Den Kontakt zu ihnen zu erhalten, war schwierig.
Beim Jugendamt sagte man den Großeltern: »Sie sind ja ein Einzelfall.« Kurze Zeit später fuhren Boegerhausens zu einer Demo von Vätern, die für das Umgangsrecht kämpften. Dieses beschreibt den Anspruch auf Umgang eines minderjährigen Kindes mit seinen Eltern, gegebenenfalls auch das Recht Dritter mit dem Kind.
Bei diesem Treffen kam das Ehepaar mit anderen Großeltern ins Gespräch, die sich ebenfalls um den Kontakt zu ihren Enkelkindern bemühten. Sie beschlossen, gemeinsam etwas zu tun. Trauer und Wut gemeinsam verarbeiten, über Sorgen sprechen und wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entwicklung von Kindern in Krisen sammeln.
Ein Anliegen der BIGE ist es, für stabile Ehen und faire Trennungen einzutreten. Eine Eltern- und eine Großelternschule wünscht sich Rita Boegershausen. Sie gibt zu bedenken, dass ein Kind die ganze Familie brauche.
Die Erfahrung hat sie gelehrt: »Nach einer Trennung oder Scheidung tut es Kindern und Jugendlichen sehr gut, wenn sie sich bei Oma und Opa einfach nur erholen können.«
Als sich ihr Sohn von seiner Frau trennte, hielten Kramers ihr Haus für die Schwiegertochter offen und pflegten den Kontakt zu ihrem Enkel, der damals Teenager war. »Er wollte nicht reden«, erinnert sich Katharina Kramer. Beruhigt war sie, als er einmal erzählte, dass er mit seinem Freund, dessen Eltern ebenfalls geschieden waren, über das Thema sprechen könnte.
In Kramers Familie gab es eine Art Happy End. Ihr Enkel entwickelte sich zu einem herzlichen jungen Mann, zu dem sie regen Kontakt haben. Darüber freuen sich die Kramers. Ihr Sohn lebt mit seiner zweiten Frau in einer stabilen Beziehung.
Es kann auch ganz anders sein. »Wenn das Kind benutzt wird, um Macht über den Expartner zu behalten, ist das ganz schrecklich«, sagt Rita Boegershausen.
Schwierig sei auch, wenn Großeltern ihr Enkelkind bei jedem Treffen gegen seine Eltern aufhetzen mit Aussagen wie: »Jetzt komm zu deiner richtigen Oma! Deine Mama oder dein Papa ist doch blöd!« Wer solche Gedanken hegt, sollte sie auf keinen Fall vor dem Kind äußern.
Großelterntreffen oder Selbsthilfegruppen seien Möglichkeiten, um schlechten Gefühlen Raum zu geben.
»Wir hatten unser Netzwerk, das hat uns getragen«, erinnern sich die Kramers. Außerdem gibt es mehr und mehr kompetente kirchliche Ehe- und Familienberatungsstellen, die sich den Anliegen von Großeltern, deren Kinder sich scheiden lassen, öffnen.
Was tun, wenn die Schwiegertochter oder der Schwiegersohn –, immer häufiger kommt das vor –, das alleinige Sorgerecht bekommt und keinen Kontakt zwischen Großeltern und Enkelkind zulässt?
Rita Boegershausen rät Großeltern, alle friedlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, bevor der Klageweg beschritten wird. »Eine Klage ist zwar möglich, aber belastend für die Enkelkinder.«
Die BIGE setzt auf Geduld. »Schreiben Sie Briefe, schalten Sie zum Geburtstag eine Annonce in der Zeitung, führen Sie ein Tagebuch für Ihren Enkel oder zahlen Sie auf ein Sparbuch immer wieder einen kleinen Betrag ein.« Irgendwann ist das Enkelkind erwachsen genug, um sich ein eigenes Bild zu machen und zu erkennen: »All die Jahre haben Opa und Oma mich geliebt.« Es ist nie zu spät, eine gute Beziehung aufzubauen.
Petra Plaum
Förderin der Reformation
4. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Kultur
Frauen des Mittelalters: Felicitas von Selmenitz.

Wappen der Familie von Selmenitz (Quelle: M. Hofmann)
Deren nachgelassene Bücher wurden nach dem Tod ihres Sohnes Georg zusammen mit dessen Büchersammlung der Marienbibliothek in Halle übergeben.
Die Familienbibliothek derer von Selmenitz ist die erste große Schenkung an die 1552 gegründete Marienbibliothek, eine der ältesten evangelischen Kirchenbibliotheken Deutschlands. Sie bildet eine wertvolle Ergänzung zu den schon vorhandenen Reformationsschriften.
Unterstreichungen, Wiederholungen von für sie bedeutungsvollen Worten und eine eigene Bildsprache an den Seitenrändern machen deutlich, dass Felicitas von Selmenitz die Heilige Schrift gründlich studiert hat.
Felicitas von Münch wurde 1488 geboren. Sie stammt aus einer am Hofe des Kurfürsten Friedrich von Sachsen hoch angesehenen Adelsfamilie. Ihr Vater, Hans von Münch, war Vogt zu Bürgel, Gleißberg, Windberg, Eisenberg und saß in Würschhausen. 1507 heiratete sie den verwitweten Schlosshauptmann Wolf von Selmenitz. Dem Ehepaar werden sieben Kinder geboren.
Das Jahr 1519 wird zum Schicksalsjahr der jungen Frau. Ihr Mann, Wolf von Selmenitz, wird nach einer Hochzeitsfeier auf den Stufen des »Goldenen Ringes«, eines Gasthauses mitten in Halle, hinterrücks von Moritz Knebel ermordet. Hintergrund für diese Mordtat waren alte Familienstreitigkeiten.
Felicitas ist 31 Jahre alt. Von ihren sieben Kindern sind bereits vier gestorben, zwei verliert sie kurz darauf an der Pest. Allein Georg, der Zweitgeborene, überlebt. Mit ihm verlässt sie ihren Witwensitz auf der Vitzenburg und siedelt in ihr Gut nach Glaucha bei Halle über.
Hier hat sie Kontakt zum Zisterzienserinnenkloster, der sog. Marienkammer, und trifft Thomas Müntzer. Aufmerksam verfolgt sie die Verbreitung der lutherischen Lehre, der ihr Schwager Sebastian von Selmenitz schon länger anhängt und nimmt schon 1523 das Abendmahl in beiderlei Gestalt entgegen.
Den Anfeindungen Kardinal Albrechts ausgesetzt, entflieht sie 1528 der Stadt Halle, nachdem sie bei Luther angefragt hat, wie sie sich in dieser Situation verhalten sollte. Felicitas von Selmenitz begleitet ihren Sohn Georg zum Studium der Rechtswissenschaft nach Wittenberg. Hier trifft sie auf die Familien der Reformatoren, auf Martin Luther, Philipp Melanchthon, Justus Jonas, Johannes Bugenhagen und Caspar Cruciger. Sie alle schenken ihr mit persönlichen Widmungen ihre Schriften und achten sie als Schwester im Glauben.
Immer wieder auf der Flucht vor der Pest begleitet sie ihren Sohn nach Jena, Magdeburg und Zerbst, um sich endlich ab 1547 wieder in Halle niederzulassen. Hier hatte sich inzwischen die lutherische Lehre seit 1541 durchgesetzt. Justus Jonas war der erste evangelische Prediger und spätere Superintendent an der Hauptkirche »Unser lieben Frauen« in Halle.
Ihr Sohn Georg von Selmenitz heiratete 1551 die wohlhabende Witwe des Kanzlers Christoph Türck, Ursula Türck, geb. Keller, aus Leipzig und bezog das Passendorfer Gut bei Halle. Eine Anstellung fand er als Hofrat beim Bischof von Merseburg, Michael Helding, gen. Sidonius. Seiner Familie errichtete er 1557 auf dem neuen Gottesacker auf dem Martinsberg einen Schwibbogen als Erbbegräbnis.
Das eindrucksvolle Epitaph zeigt uns die Familie kniend vor der Kreuzigungsszene, rechts Felicitas mit ihren Töchtern Anna und Dorothea, links Wolf von Selmenitz mit den fünf gemeinsamen Söhnen, die jeweiligen Familienwappen beigegeben.
Am 1. Mai 1558 stirbt Felicitas von Selmenitz und wird auf dem Stadtgottesacker begraben. Der Kirche »Unser lieben Frauen« in Halle hinterlässt sie laut Testament einen erheblichen Geldbetrag von zwölf Schock.
Die Bibel der Felicitas von Selmenitz war bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts am Reformationstag auf dem Altar der Marktkirche in Halle in Gebrauch und wird heute als kostbares Zeugnis der Reformation für kommende Generationen in der Marienbibliothek aufbewahrt.
Seit 1998 trägt eine Straße im Süden von Halle, in unmittelbarer Nähe der Lutherkirche, den Namen dieser frommen tapferen Frau. Der Freundeskreis der Marienbibliothek stiftete 2009 ein Zusatzschild zum Straßenschild mit folgendem Hinweis: Felicitas von Selm(e)nitz, 1488–1558, erste Förderin der Reformation in Halle, Freundin der Familie Luthers.
Mechthild Hofmann
Die Autorin ist wissenschaftliche Bibliothekarin und Vorsitzende des Freundeskreises der Marienbibliothek Halle e.V.
»In einer Gemeinschaft passiert etwas«
3. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Wie Menschen zum Glauben kommen – Zum Beispiel Matthias Böcking aus Bad Berka.

Den Fisch, das Symbol für Christus hatte Matthias Böcking schon oft gesehen und gedacht: »Wenn ich ein Auto habe, möchte ich auch so einen Fisch.« Das Auto fahren er und seine Mutter gemeinsam. (Foto: Sabine Kuschel)
Eigentlich hatte er nur für eine Woche gebucht, aber da es ihm dort so gut gefiel, blieb er noch länger.
»Ich bin dann fünf Jahre hintereinander hingefahren und habe immer mehr Zugang zum Glauben gefunden«, erzählt er. Die Gemeinschaft mit anderen zu erleben, sei von großem Wert gewesen. »Zu fühlen, dass in einer solchen Gemeinschaft etwas passiert.« Zum anderen erinnert er sich gern an die intensiven Gespräche in Hoheneiche mit den Mitarbeitern.
»Das war sehr toll, das hat mich geprägt und erst richtig zum Glauben gebracht«, sagt er. Seit drei Jahren ist Böcking selbst Mitarbeiter bei den Jugendfreizeiten.
Beeindruckt ist er auch vom internationalen Jugendtreffen in Taizé, an dem er voriges Jahr das erste Mal teilnahm. Dort werde viel Wert auf das Nachdenken über grundsätzliche Fragen gelegt. »Das hat mir sehr gut getan.«
Der junge Mann lebt in Bad Berka bei seinen Eltern. Bis zur zehnten Klasse besuchte er das Gymnasium in Blankenhain. Damals wollte er Informatik studieren.
Seine Bewerbung für das Musikgymnasium Schloss Belvedere, der Weimarer Spezialschule für musikalisch begabte Kinder und Jugendliche schlug fehl. Dass er kurzfristig dann doch noch auf eine Schule mit Spezialklassen für Musik kam, dem Goethe-Gymnasium/Rutheneum in Gera, dahinter vermutet er eher eine »Hilfe von oben« als Zufall.
Die Bewerbungsfrist auf dem Geraer Gymnasium war eigentlich schon abgelaufen. Aber als er anrief, erfuhr er, dass es noch einen freien Platz gäbe, auf den sich allerdings sieben Leute beworben hatten. »Dass die mich sehr gern haben wollten, das war schon ein Fingerzeig für mich«, sagt er. »Und die prägendste Zeit für mich im musikalischen Sinne.«
Böcking studiert Kirchenmusik an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar im 5. Semester. Dass er sich für die Kirchenmusik entschieden hat, sei ein Resultat seines Nachdenkens als Christ. »Sonst hätte ich vielleicht etwas anderes gemacht. Ich hätte überlegt, wo ich viel Geld verdienen, ein glückliches Leben haben kann. So habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich etwas für Gott machen kann.«
Er ist stolz auf die, wie er sagt, hervorragende künstlerische Ausbildung in Weimar, mit der er sich nach dem Studium gute Chancen für eine A-Kirchenmusiker-Stelle ausrechnet.
Dass in den Gemeinden allerorts gespart wird, auch bei der Kirchenmusik, ist für ihn kein Grund zur Sorge. »Es werden zwar Stellen gekürzt, aber es studieren auch weniger Leute. Ich bin der Einzige im Semester.« In den drei folgenden Semestern studiere auch niemand Kirchenmusik. Erst jetzt im neuen Studiengang würden wieder vier Leute beginnen.
»Ich möchte eine A-Stelle, weil ich auch einen künstlerischen Anspruch habe«, sagt er. Doch zugleich betont er, dass die Musik Mittel zum Zweck sei, sprich: sie soll Gott verkündigen.
Neben der Musik ist das Nachdenken über Gott und das Leben für den jungen Mann wichtig. »Ich bete regelmäßig.« Das Gebet sei für ihn eine Möglichkeit, mit Gott in Beziehung zu treten und das eigene Handeln zu reflektieren.
Im wöchentlichen Hauskreis stehen ebenfalls Gebet, Bibellesen und der Austausch über den Glauben im Mittelpunkt. »Das ist sehr schön und man merkt, wie man eine andere Sicht auf bestimmte Situationen bekommt.«
Glauben an Gott hat für den angehenden Kirchenmusiker außer dem Nachdenken auf intellektueller Ebene auch eine emotionale Seite. Diese werde in der Gemeinschaft und durch Musik angesprochen.
Sabine Kuschel
Weiter auf dem »Dritten Weg«?
2. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Im Blickpunkt
Diakonie und Arbeitsrecht: Seit Jahren schwelt der Konflikt um das Arbeitsrecht in der Diakonie – ein Hintergrund und ein Pro und Kontra zum Thema.

Fotoquelle: BilderBox.com
Die Diakonie steht in der Zerreisprobe: Soll der »Dritte Weg« im Tarifrecht beibehalten werden: Mitarbeitervertretungen und Gewerkschaften wollen eine Änderung. Im Bereich Mitteldeutschland laden sie deshalb am 6. Oktober zu einem »Fachtag Sozialer Dialog in der Diakonie« nach Leipzig. Im Mittelpunkt stehen dabei die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter und die Aushandlungsprozesse in den diakonischen Einrichtungen. Veranstaltet wird der Fachtag vom Gesamtausschuss der Mitarbeitervertretungen im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland und der Dienstleistungsgewerkschaft verdi gemeinsam mit dem Ostwindinstitut in Meißen.
Kirche und Diakonie regeln ihre inneren Angelegenheiten, also auch das Tarifrecht, selbst. Doch im Bereich der Diakonie ist über diesen »Dritten Weg« seit Jahren ein Streit entbrannt. Was steckt dahinter?
Bei der Ausgestaltung des Arbeitsrechts gibt es in Deutschland grundsätzlich drei Wege. Der sogenannte »Erste Weg« ist der direkteste: Die Bedingungen werden dabei vom Arbeit- beziehungsweise Dienstgeber einseitig festgesetzt. Der Arbeit- beziehungsweise Dienstnehmer kann wählen, ob er auf das Angebot eingeht oder nicht. Handelt es sich um eine begehrte Fachkraft, kann sie unter Umständen höhere Forderungen durchsetzen. Arbeitsverhältnisse für Führungskräfte in der freien Wirtschaft werden in der Regel auf diesem Weg ausgehandelt. Auch das Beamtenrecht entspricht weitgehend dem »Ersten Weg«.
Beim »Zweiten Weg« schließen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer jeweils branchenspezifisch in Interessenvertretungen zusammen: Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände stehen sich stellvertretend für ihre Mitglieder gegenüber und handeln im Auftrag ihrer jeweiligen Klientel Tarifverträge aus. Diese gelten dann in den angeschlossenen Unternehmen für alle. Zur Durchsetzung beziehungsweise Abwehr von Forderungen gibt es dabei die Instrumente des Arbeitskampfes: Streik und Aussperrung. In den Betrieben selbst wachen von der Belegschaft gewählte Betriebsräte laut Betriebsverfassungsgesetz über die Einhaltung der Vereinbarungen.
In den Kirchen ist freilich alles anders.
Durch den Paragraf 140 des Grundgesetzes wird das »Kirchliche Selbstbestimmungsrecht« aus der Weimarer Verfassung übernommen. Das bedeutet, dass Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften und die ihnen zugeordneten Vereine oder Einrichtungen – sofern sie als »Wesens- und Lebensäußerung« der jeweiligen Gemeinschaft gelten – ihre inneren Angelegenheiten selbst regeln. Das gilt auch für das Arbeitsrecht. Dies geschieht in der Diakonie, die sich selbst als eine solche »Lebens- und Wesensäußerung« der Kirche versteht, durch den sogenannten »Dritten Weg«.
Konkret heißt das unter anderem, es gibt Mitarbeitervertretungen statt Betriebsräte und es gibt »Arbeitsrechtliche Kommissionen« (ARK), in denen im Konsensverfahren die Rahmenbedingungen ausgehandelt werden. Da man sich nicht als gewinnorientiertes Unternehmen, sondern als eine Dienstgemeinschaft im Auftrag Gottes versteht, wird der »solidarische Interessenausgleich« beschworen.
In einer Stellungnahme des Verbandes der Diakonischen Dienstgeber (VdDD) heißt es dazu: »Aus dem Gedanken der Dienstgemeinschaft folgt, dass es einen Arbeitskampf (Aussperrung/Streik) in Diakonie und Kirche nicht geben kann.«
Doch der »Dritte Weg« ist zunehmend umstritten.
Längst sind die diakonischen Einrichtungen zu Sozialunternehmungen geworden, die auf dem freien Markt mit anderen Anbietern konkurrieren. Ausgliederungen von Arbeitszweigen und der Einsatz von Leiharbeitern zur Kostensenkung gehören weithin zum Alltag.
Dazu kommt: Besonders in den neuen Bundesländern sind ein großer Teil der Mitarbeiter keine Kirchenmitglieder und deshalb von der Mitwirkung in den Mitarbeitervertretungen ausgeschlossen. Die Mehrzahl der Mitarbeitervertretungen fordert deshalb, unterstützt durch die Gewerkschaften, den »Dritten Weg« zu beenden und auch im Bereich der Diakonie Flächentarifverträge abzuschließen.
Harald Krille
Pro: Eckart Behr
Das Wort des Feldherrn Clausewitz, »Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln«, trifft auf den Konflikt zwischen diakonischen Dienstgebern und Dienstnehmern gottlob nicht zu. Auch wenn die Homepage des Gesamtausschusses der mitteldeutschen Mitarbeitervertretungen noch immer Sprüche von Kampf, Feind und Sieg genüsslich verbreitet.
Mit »anderen Mitteln« wollen einige Vertreter erreichen, was auf dem Verhandlungsweg nicht gelang. So die legendäre Forderung nach achtprozentiger Gehaltssteigerung. Seit sie nicht durchsetzbar war, wird der »Dritte Weg« blockiert.
Übrigens jahrelang auf dem finanziellen Rücken der Mitarbeitenden. Es gilt, die Überleitung in das andere System zu erzwingen.
Dass dieses Anliegen von Gewerkschaftlern protegiert wird, ist wegen deren Ausschau nach Betätigungsfeldern und Neumitgliedern verständlich. Der Gesamtausschuss der Mitarbeitervertretungen verdrängt, dass auch dann keine Luftschlösser erreichbar wären. Gewerkschaftlich verhandelte Tarife sind nicht automatisch höher als etwa die Gehaltstabellen der Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR) der Diakonie.
Auch sei erinnert, dass tarifliches Augenmaß für den Fortbestand von Einrichtungen und damit von Arbeitsplätzen unverzichtbar ist.
Nun sind diakonische Arbeitsvertragsrichtlinien zu komplizierten Texten und Tabellen herangereift, die nicht alle Beteiligten verstehen oder gar weiterentwickeln können. Da mag mancher Dienstgeber überfordert sein.
Erst recht Dienstnehmende, die sich als Krankenschwester, Ärztin, Hausmeister oder Sekretärin nicht auch noch zu Arbeitsrechtsexperten und Tarifmathematikern entwickeln wollen. Genau dafür regelte unsere Synode beispielsweise die Kostenübernahme für Experten, Sachkosten, Weiterbildung und Freistellungen für die Arbeitnehmerseite.
Als Geschäftsführer und Diakon in einer evangelischen Rehabilitationsklinik ist mir eine vertrauensvolle Zusammenarbeit wichtig, die sich »in guten und schlechten Kliniktagen« bewährt. Streikposten in Warnwesten, Aussperrungen und Arbeitskampf würden dem Renommee der Klinik und damit unmittelbar den Arbeitsplätzen schaden. Das wäre der »Zweite Weg«. Auch der »Erste Weg«, die einseitige Gehaltsanordnung, würde mir schwerfallen. Zu viele Risiken und Ungerechtigkeiten drohten, wenn individuelle Gehälter zu vereinbaren wären.
Bleibt also der »Dritte Weg«. Ein reiner Verhandlungsweg einer Dienstgemeinschaft, an dessen Ende ein gemeinsam errungenes Gehaltsergebnis steht.
Mir erschließt sich einfach nicht, was am zielführenden und verpflichtenden Aushandeln so schlecht sein sollte. Hardliner mögen den Begriff der Dienstgemeinschaft kritisieren. Vielleicht machten sie schlechte Erfahrungen. Mit ihrem eigenen AVR-Dienstvertrag haben sie sich allerdings vertraglich daran gebunden. Die ständige Sehnsucht nach »anderen Mitteln« lähmt einfach nur.
Eckart Behr ist Geschäftsführer der Sophienklinik Bad Sulza
Kontra: Annegret Köhlmann
Bis etwa 2003 haben vernünftigerweise alle Arbeitsrechtlichen Kommissionen (ARK) in der Diakonie, der Caritas und in den Kirchen im Wesentlichen einen bereits bestehenden Tarifvertrag übernommen, den Bundesangestellten-Tarifvertrag (BAT). Die Kommissionen hatten eine Koordinierungsaufgabe, keine Konfliktlösungsaufgabe.
Erste Schwierigkeiten entstanden durch Veränderungen in der Sozialpolitik in den 1990er Jahren. Das Selbstkostendeckungsprinzip wurde nicht mehr gewährleistet, die Einrichtungen bekamen ihre Kosten nicht mehr vollständig von den Kostenträgern erstattet.
Die Vorrangstellung der Träger der Freien Wohlfahrtspflege entfiel. Freie Marktwirtschaft, Wettbewerb und Konkurrenz unter den »Leistungserbringern« war das Ziel. Die Diakonie als eine der größten Arbeitgeberinnen auf dem Sozialmarkt verpasste es, sich politisch dagegen zu wehren.
Das neoliberale Denken fand Einlass in die Köpfe vieler christlicher Geschäftsführer diakonischer Einrichtungen. Man zog es vor, sich vom Tarif des öffentlichen Dienstes zu lösen und den Druck nach unten, an die Beschäftigten weiterzugeben.
Zu diesem Zweck bildeten sich Arbeitgeberverbände in der Diakonie, zum Beispiel der Verband diakonischer Dienstgeber in Deutschland (VdDD). Dieser schloss sich der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) an und ist dort auch im Vorstand vertreten.
Die Arbeitgeberverbände in der Diakonie entwickeln Personalkostensenkungskonzepte, sie erlangten Einfluss in allen wichtigen Gremien und bestimmen die Arbeitgeberpositionen in vielen Arbeitsrechtlichen Kommissionen.
Der Konflikt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist in der Diakonie aufgebrochen. Dieser Konflikt kann in den Kommissionen nicht gleichgewichtig gelöst werden, denn die Arbeitgeber sind dort strukturell überlegen. Sie können die Forderungen der Arbeitnehmer einfach aussitzen. Die Schlichtungsausschüsse bieten für die Arbeitnehmer keinen Ersatz, denn die Arbeitgeber können deren Beschlüsse ignorieren.
Durch etliche Entscheidungen wurde die Position der Arbeitnehmervertreter in den ARKs weiter geschwächt: So entschied der Kirchengerichtshof der Evangelischen Kirche von Deutschland im Januar 2010, dass Mitarbeitervertretungen die Beschäftigten nicht über die Verhandlungen in den Kommissionen informieren dürfen.
Die Diakonische Konferenz beschloss im Juni 2010 den Ausschluss kritischer Mitarbeitervertretungen aus der ARK. Und in der ARK des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland können per kirchengesetzlicher Regelung Beschlüsse auch ohne die Anwesenheit von Arbeitnehmervertretern gefasst werden.
Die Kommissionen sind ein Mittel der Arbeitgeber, ihre Interessen durchzusetzen. Sie sind kein Konsensmodell. Sie verletzen die Grundrechte der Beschäftigten. Die Beschäftigten in der Diakonie brauchen deshalb eigene gewerkschaftlich gestützte Verhandlungsmacht.
Annegret Köhlmann ist Vorsitzende des Gesamtausschusses der Mitarbeitervertretungen der Diakonie Mitteldeutschland
Die Menschen erwarten, dass die Kirche für sie da ist
1. September 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Norwegen: Demokratietest für die Gläubigen – eine Staatskirche auf dem Weg in die Selbstständigkeit.
In Norwegen hat bis dato die lutherische Kirche den Status einer Staatskirche. Doch das soll sich mit der bevorstehenden Kirchenwahl ändern.

Rund 80 Prozent der Einwohner Norwegens sind Mitglieder der evangelisch-lutherischen Volkskirche »Den norske kyrkja«. Am 12. September haben sie die Wahl. Sie dürfen nicht nur ihre Vertreter für die Kommunal- und Regionalparlamente, sondern auch für die Kirchgemeinde- und Bistumsräte wählen. Die kirchlichen Wahllokale befinden sich häufig Tür an Tür mit den staatlichen. Dies geschieht auf Anweisung des Staates, denn die Kirche ist de facto noch immer eine Staatskirche.
Der Staat finanziert die Gehälter der Pfarrer und der anderen Angestellten der elf Bistümer. Die Kosten der lokalen kirchlichen Arbeit tragen fast ganz die Kommunen. Der Staat ernennt im Gegenzug aber auch die Bischöfe und mischt sich durchaus in theologische Fragen ein.
Deshalb ist diese Kirchenwahl so wichtig, auch wenn es bereits die zweite innerhalb von zwei Jahren ist: Sie ist nämlich ein Demokratietest für die Kirche.
Die Kirche soll das Wählen lernen, deshalb wurde 2009 gemeinsam mit den Parlamentswahlen gewählt und dann gründlich evaluiert: Während 1997 nur drei Prozent und 2005 etwas mehr als vier Prozent der Kirchenmitglieder zur Wahl gingen, waren es 2009 immerhin schon 13 Prozent.
Doch es gab Schwachstellen: Weil etwa die Kandidatenlisten für die Wahlen zu den Bistumsräten und damit auch zum »Kyrkjemø« genannten Kirchenparlament alphabetisch sortiert waren, war es für Herrn und Frau Andersen wesentlich einfacher gewählt zu werden als für Frau Øygard oder Aartun, da viele einfach nichts an den Stimmzetteln veränderten und somit die ersten Kandidaten der Liste wählten. Æ, Ø, und AA beziehungsweise Å sind nun einmal die letzten Buchstaben des norwegischen Alphabetes.
Doch grundsätzlich haben sich alle Parteien darauf verständigt, dass die Kirche eine Glaubensgemeinschaft und kein staatliches Religionswesen sein soll. Besteht die Kirche den Demokratietest, darf sie sich in Zukunft stärker selbst verwalten, ihre Bischöfe selbst wählen und der evangelisch-lutherische Glaube wird nicht mehr Staatsreligion sein.
17 Prozent Wahlbeteiligung sind zwar keine explizite Bedingung des Staates, werden aber von der Kirche angestrebt. Dazu werden Anzeigen geschaltet und es wird fleißig plakatiert.
Norwegen kennt keine Kirchensteuer. Die Volkskirche wird durch den Staatshaushalt und die kommunalen Haushalte finanziert. Alle anderen Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften erhalten sowohl auf staatlicher als auch auf kommunaler Ebene einen Zuschuss, der dem entspricht, was die Volkskirche pro Mitglied vom Staat erhält. Niemand verlässt die Kirche also aus finanziellen Gründen und die absolute Mitgliederzahl geht auch nur leicht zurück.
Die prozentuale Mitgliederzahl nimmt allerdings kontinuierlich ab, denn die Volkskirche ist vor allem eine norwegische Kirche. Man muss getauft sein und entweder norwegischer Staatsbürger oder in Norwegen wohnhaft sein, um Mitglied sein zu können.
Ist man nicht in der Kirche in Norwegen getauft, muss man aktiv eintreten. Den vielen Einwanderern ist dies nicht bekannt. Deshalb gelten zum Beispiel die meisten deutschen Einwanderer laut Statistik als konfessionslos, auch wenn sie evangelisch oder katholisch sind.

Das Wappen der Norwegischen Kirche.
Als ich dann als Gemeindepfarrer nach zwei Jahren im Amt bei meiner ersten Kirchenwahl das Mitgliedsregister überprüfte, musste ich feststellen, dass ich dort nicht als Mitglied geführt wurde. Erst nach einem Anruf war ich dann endlich Mitglied der Kirche, für die ich arbeite.
Eine Weltanschauung zu haben ist nach norwegischer Sicht ein Grundbedürfnis des Menschen und wichtig für eine funktionierende Gesellschaft.
Deshalb betreibt der Staat eine aktiv stützende Religionspolitik. Und die Menschen erwarten, dass die Kirche für sie da ist: zur Taufe, Konfirmation und auf jeden Fall zur Beerdigung.
Doch auch in persönlichen, lokalen und nationalen Krisen ist vielen die Kirche wichtig. Es gibt häufig einen engagierten Gemeindekern. Aber darüber hinaus ist es oft schwierig, die Menschen zu mobilisieren.
Ob dies bei der anstehenden Wahl gelingt? Doch: Wie hoch ist eigentlich die Wahlbeteiligung bei Gemeindekirchenratswahlen in den deutschen Landeskirchen, die doch schon bald 100 Jahre vom Staat unabhängig sind?
Michael Hoffmann
Der Autor stammt aus Sachsen und ist Gemeindepfarrer in den norwegischen Gemeinden Haram und Fjø.
»Wir haben durch Loriot lachen gelernt«
26. August 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Am 22. August starb Vicco von Bülow, Deutschlands berühmtester Karikaturist.
»Mit 70 muss man damit rechnen, aus biologischen Gründen vertragsbrüchig zu werden …«, witzelte Loriot vor Jahren. Da war Vicco von Bülow selbst schon über 80. Und er begegnete dem eigenen Altern mit einer gehörigen Portion schwarzen Humors.
Am 22. August, Montagnacht, ist Deutschlands berühmtester Karikaturist mit 87 Jahren in Ammerland am Starnberger See gestorben – an Alterschwäche. Als einer der ersten brachte Bundespräsident Christian Wulff seine Trauer zum Ausdruck: »Wir haben durch Loriot lachen gelernt.«
»Wach bleiben, nichts als selbstverständlich hinnehmen und sich über alles wundern« – hatte der einst sein Erfolgsrezept beschrieben.
Als Cartoonist, Autor, Schauspieler und Regisseur war Loriot vor allem für seine exakte Planung von Witz und Hintergründigkeit bekannt. »Ich zeige ja allzu menschliche Dinge, die wirklich jedem passieren und einen großen Wiedererkennungswert haben«, sagte er. Über bestimmte Themen wie etwa Kirche mache er jedoch keine Witze, erläuterte er einmal.
Den meisten Deutschen ist er wohl durch die gespielten Sketche seiner sechsteiligen Fernsehserie »Loriot« im Gedächtnis – oft an der Seite von Evelyn Hamann (1947–2007). Legendär ist etwa die »Liebeserklärung«, die an einer Nudel auf der Nase scheitert.
Aber auch die Trickfilme mit Dr. Klöbner, Herrn Müller-Lüdenscheidt und einer Gummi-Ente in der Hotelbadewanne zählen zu den unvergessenen Loriot-Klassikern. Später wurden seine Kinofilme »Ödipussi« (1988) oder »Pappa ante portas« (1990) zu großen Erfolgen.
Der am 12. November 1923 in Brandenburg an der Havel geborene Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow stammt aus einer alten preußischen Offiziersfamilie. Er wuchs bei seiner Großmutter in Berlin auf, wurde zum Kriegsdienst eingezogen, nahm am Russlandfeldzug teil.
Nach Kriegsende studierte er Malerei und Grafik und zeichnete ab 1950 unter dem Pseudonym »Loriot« Karikaturen. Der Name, der später sein Markenzeichen wurde, geht auf das Wappentier der Familie zurück: den starengroßen, gelbschwarzen Pirol, der auf Französisch Loriot heißt.
Vicco von Bülow war seit 1951 mit seiner Frau Romi verheiratet und Vater von zwei Töchtern. Er lebte bis zuletzt am Starnberger See.
In einem Interview äußerte er sich zu seinem Glauben: »Ich bin ein ganz normal erzogener norddeutscher Christ. Das spielt in meinem Leben schon eine Rolle. Ich versuche, nicht gereizt zu reagieren auf Dinge, die mir nicht gefallen.« Und seine Reaktion auf die Frage, was ihn trösten würde: »Schwer zu sagen. Die Bibel? Ja, sicher.«
Seit einigen Jahren war es stiller geworden um ihn. Loriot hatte sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Das Fernsehen sei heute »zu schnell geworden für meine Komik«, befand er. Die von ihm stets angestrebte und geleistete »komische Qualität« sei kaum mehr erreichbar im hektischen TV-Geschäft. Besonders zugeneigt blieb der Humorist zeitlebens dagegen der klassischen Musik und der Oper.
Anlässlich seines 85. Geburtstags zeigte das Berliner Museum für Film und Fernsehen 2008/2009 die bislang größte Ausstellung zu seinem Werk. Das ist hochdekoriert, unter anderem mit einem Adolf-Grimme-Preis (1974), der Goldenen Kamera (1978), dem Deutschen Kleinkunstpreis (1979), zwei »Bambis« (1988, 1993), dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache (2004) und dem Deutschen Comedypreis/Ehrenpreis (2007). Victor von Bülow ist zudem Träger des Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1998).
Dem Publikum bleibt er wohl vor allem durch seine Filme und Fernsehsketche in Erinnerung. »Der deutsche Film ist angenehmer als eine Nase, denn bei durchschnittlicher Länge läuft er nur 90 Minuten.« Diesen Ausspruch über die Filmkunst legte Vicco von Bülow seinem berühmten Knollennasen-Männchen in den Mund.
Andreas Rehnolt und Renate Kortheuer-Schüring (epd)
Der neue Mann in Bad Blankenburg
12. August 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Im Gespräch: Thomas Günzel folgt Reinhard Holmer als Direktor des Evangelischen Allianzhauses.
Thomas Günzel, 1960 in Waldkirchen im Erzgebirge geboren, erlernte zunächst den Beruf eines Eisenbahners und arbeitete als Fahrdienstleiter. Nach einem Theologiestudium am Berliner Paulinum wurde er Gemeinschaftsprediger und Jugendbildungsreferent im sächsischen Jugendverband »Entschieden für Christus« (EC). Von 1994 bis 1998 arbeitete Günzel als Jugendbildungsreferent im sächsischen Landesjugendpfarramt, anschließend als Lehrer, Theologe und Pfarrer im Ehrenamt beim diakonischen Berufsbildungswerk für Hör- und Sprachgeschädigte in Leipzig. (Foto: Harald Krille)

Von Leipzig nach Bad Blankenburg, was ist da die größte Umstellung?
Günzel: Die größte Umstellung ist vielleicht wirklich die Einwohnerzahl. Aber ansonsten bin ich in den Bergen geboren und darf jetzt wieder in den Bergen wohnen. Das ist gar nicht so schlecht. Und ich finde, dass Sachsen und die Thüringer beides gemütliche Völkchen sind, wo man als ein fröhlicher Mensch gut leben kann.
Bad Blankenburg und das Allianzzentrum sind Ihnen ja nicht fremd.
Günzel: Ich war 1978 zum ersten Mal hier zu einer Konferenz. Das hat mich so fasziniert, dass ich eben immer wiedergekommen bin. Während des Theologiestudiums sprach mich ein Mitstudent an und sagte: Wenn du hinfährst kannst du auch mit Zeltplatzhelfer machen. Also wurde ich Zeltplatzhelfer. Und dann kam schon so langsam die Wendezeit und mein beruflicher Einstieg in der Jugendarbeit der Landeskirchlichen Gemeinschaften. Und da bin ich dann in den Jugendarbeitskreis der Evangelischen Allianz hineinberufen worden.
Was sind die größten Herausforderungen, die Sie für Ihren neuen Dienst sehen?
Günzel: Eigentlich ist alles ganz spannend. Aber die größte Herausforderung ist auf der einen Seite die Frage der Wirtschaftlichkeit. So ein Haus will gefüllt sein und soll sich weitgehend selbst tragen. Aber wir wollen mit unserem Haus auch offen stehen für Leute, die wenig Geld haben: für Christen aus Osteuropa beispielsweise. Deshalb brauchen wir trotz allem weiter Spenden.
Die andere Herausforderung: Bad Blankenburg ist ein Ort mit einer langen geistlichen Tradition. Und das soll auch so bleiben: Ein Ort, an dem gebetet wird, an dem Menschen von Gott bewegt werden aber auch gesellschaftliche Situationen vor Gott bewegt werden.
Sind schon inhaltliche Schwerpunkte absehbar, die Sie setzen wollen?
Günzel: Da ist zum einen das Problem des sogenannten »Burn-out-Syndroms« unter kirchlichen Mitarbeitern. Ich habe im Gespräch mit anderen Hauptamtlichen gemerkt, wie viele eigentlich hart an der Grenze des Möglichen arbeiten oder manchmal auch drüber rausgehen. Und ich habe festgestellt, dass das Problem nicht neu ist: Die Gründerin des Allianzhauses, Anna von Weling, kannte das Phänomen schon im 19. Jahrhundert. »Im Dienst ermüdete Reichsgottesarbeiter«, nannte man das damals. Das Allianzhaus soll auch ein Haus der Seelsorge sein, in dem diese Probleme einen Platz haben.
Daneben ist mir der Bildungsaspekt wichtig. Ich möchte schon so ein bisschen eine Art evangelikale Akademie entwickeln. Man soll bei uns über Themen diskutieren können, wo sich andere vielleicht nicht ran trauen. Und ich wünsche mir, dass dabei Christen aus verschiedenen Gemeinden und verschiedenen Frömmigkeitstraditionen miteinander ins Gespräch kommen. Das soll nicht in Konkurrenz zu bestehenden Evangelischen Akademien geschehen, sondern eher in Ergänzung. Aber darüber hinaus ist natürlich weiter jede und jeder zu Seminaren, Tagungen oder einem Urlaubsaufenthalt eingeladen.
Welche Wünsche und Erwartungen hat der neue Allianzhaus-Direktor an die Kirche, speziell die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland?
Günzel: Also ich möchte bewusst Mitglied dieser, meiner Kirche sein und mich auch einbringen – hier vor Ort und darüber hinaus. Dabei wünsche ich mir, dass man nicht gleich in eine Ecke gestellt wird. Ich weiß, dass das manchmal auch Allianzler machen und das tut mir weh. Genauso weiß ich aber auch, dass mancher, der in der Kirche zu Hause ist und Allianz kritisch beäugt, auch so seine Ecken hat, wo er Leute hinstellt. Und denen sage ich: Bitte stell mich nicht in eine Ecke, sprich mit mir, entdecke mich, so wie ich dich auch entdecken möchte.
»Du sollst ein Segen sein«
7. August 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Unterwegs Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen. Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen. Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen. Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst.
Irischer Reisesegen /Foto: ddp images
Eine persönliche Betrachtung über die Bedeutung von Segenshandlungen.
Was Segen für sie persönlich bedeutet, beschreibt die Autorin Karin Vorländer, in einem zweiteiligen Beitrag. Hier die Fortsetzung der in der vorigen Ausgabe begonnenen Ausführungen.
Der Reisesegen. Reisen bedeutet Aufbruch ins Ungewisse. Wenn in der katholischen Kirche zu Beginn der Urlaubszeit Autos gesegnet werden, werden nicht die Fahrzeuge als solche gesegnet. Es geht um die berechtigte Angst vor einem Unfall mit vielleicht schrecklichen Folgen. Mit dem Segen bitten wir Gott um seinen Schutz und vergewissern uns, dass wir in Gottes Hand sind. Oder ein Segen zu Beginn des neuen Schuljahres?
Ganz handgreiflich mit dem Auflegen der Hand, sozusagen zur Unterstreichung des Streichelns.
Viele Gemeinden bieten so einen Segnungsgottesdienst beim Übergang in die weiterführende Schule inzwischen an. Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Ich stelle mir Segen vor wie das Fließen eines Stromes.
Segen ist fließende, in unser Leben hineinfließende, in unserem Leben zirkulierende und aus unserem Leben herausfließende Lebenskraft. Segen widerfährt einem Menschen – er tut selbst nichts dazu.
Segen heißt im Alten Testament ganz arglos und konkret: dass es dem Menschen gut geht, dass er, seine Kinder, sein Vieh und sein Getreide gedeihen! Gott erscheint als der Segnende ungemein großzügig. Viele Christinnen und Christen können das nur schwer glauben und annehmen, weil sie aus einer Tradition kommen, in der gilt: Um Gott zu dienen, muss man sein Letztes geben und darf auf keinen Fall an sein eigenes Glück denken.
Erfülltes Leben, Segen und gesegnet sein, heißt in der Bibel auch: Damit wir ein Segen sind, soll es in unserem Leben eine Erfahrung von Fülle geben. Erst allmählich hat man begriffen: Das muss mehr bedeuten als Gesundheit, Kinderreichtum und materieller Reichtum.
Segen als Fülle wird vielleicht auch andere Formen haben!
Es kann sein, dass jemand weder gesund noch kinderreich noch reich ist, aber dieser Mensch ist eine Wohltat für andere, weil er oder sie in einem inneren Einklang ist, mit dem eigenen Schicksal, mit sich selbst, mit seiner Umgebung und mit Gott.
Nun gibt es aber eine Bestimmung von Segen, die noch eine tiefere Daseinsebene erreicht: Segen bzw. gesegnet sein, das ist radikales Bejaht sein, und zwar im Tiefsten durch Gott.
Meine Einzigartigkeit ist damit verbürgt, das Recht meines So-Seins. Ich bin ein Geschenkpaket. Vielleicht in einer schlechten Verpackung. Vielleicht muss man lange daran aufpacken, bis man an den Kern kommt. Aber der Kern heißt: Ich bin das lebendige Ja Gottes!
Darauf müsste dann auch in einer christlichen Familie alles hinauslaufen: dass die Kinder, die Kleinen und Großen vermittelt bekommen: »Du, nimm dich genauso an, wie Gott dich gemacht hat! Und: Glaube daran, dass du einzigartig und wertvoll bist und Gott dich zum Segen setzt!« Diesen Segen sind wir unseren Kindern schuldig!
Und dann ist eigentlich sofort klar, warum es nach dem ersten Satzteil: »Ich will dich segnen«, sofort und ohne Verzögerung heißt und heißen muss: »… und du sollst (bzw. im Hebräischen: wirst) ein Segen sein!« Wo Menschen in diesem Gefühl von bejaht sein und Fülle leben, schwappt etwas von der Fülle über! Großzügigkeit und Annahme machen sich breit!
Segen über den Tod hinaus.
Das Gesegnet-sein-und-zum-Segen-werden kennt die Todesgrenze nicht, weil Segen und segnen mit dem Sterben eines Menschen nicht aufhört. Der Segen soll aus einem Menschenleben zumindest bis »ins dritte und vierte Glied« fließen! Der Segen schließt die Kinder und Kindeskinder mit ein!
Wer sich fragt, was das heißen soll, der soll sich nur erinnern: Kennen wir nicht wenigstens einen Menschen, dessen Leben erst recht und noch mehr zu leuchten begann, seitdem er nicht mehr unter uns ist? Da wird das Sterben zur Aussaat. Und die Nachkommenden bringen die Ernte ein – und wissen vielleicht nicht einmal, wer zuvor gesät hatte.
Auch in dieser Hinsicht ist Segen ein Licht im Dunklen, auch beim Gedanken an den eigenen Tod, kann ich darauf vertrauen: Gott hat auch in mein Leben etwas hineingelegt, dass den Lebenden noch für eine Weile Segenskraft sein wird. Es wäre schön, wenn alte Menschen in dieser Gewissheit ihre Kinder und Enkel segnen würden.
Der Lügenwall
6. August 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Erinnert: Vor 50 Jahren begann die DDR-Führung damit, das eigene Volk einzumauern.

Ein Relikt des wohl monströsesten Bauwerks der jüngeren deutschen Geschichte in Berlin. (Foto: picture alliance/Eventpress Mu)
Was mit Postenketten und Stacheldrahtrollen begann, wurde in kurzer Zeit zur »Mauer«, die Berlin und Deutschland trennte. Manche gewöhnten sich an das Bauwerk – auch im Westen.
Lügen haben kurze Beine, sagt das Sprichwort und weiß sich gültig im niederen Alltag der Menschen wie in der hohen Politik. Eine der kürzesten politischen Lügen der Weltgeschichte war zweifelsohne jener berüchtigte Satz Walter Ulbrichts, den er mit der ihm eigenen Verschlagenheit auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin am 15. Juni 1961 in die Mikrofone der Weltöffentlichkeit sprach: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.«
Keine zwei Monate später wuchs sie in Berlin sowie an der gesamten innerdeutschen Grenze über Nacht aus dem Boden und hielt bis zum 9. November 1989, als der SED-Diktatur das Wasser bis zum Hals stand und die sowjetischen Besatzungstruppen dank Michael Gorbatschow nicht mehr rettende Feuerwehr spielen durften.
Die mit der ersten verbundene zweite Lüge, es handele sich bei dieser Mauer um einen »antifaschistischen Schutzwall«, gerichtet gegen den potenziellen Aggressor im Westen, die »Bonner Ultras«, benötigte noch weniger Zeit, um sich, ebenso weltöffentlich, restlos zu entlarven: Die ersten Toten an der Mauer, noch im Errichtungsmonat August erschossen, ertrunken, aus Fenstern gestürzt, waren eben nicht Opfer des Westens, sondern exakt jener monströsen Gewaltmaßnahme, die SED-Diktator Ulbricht angeordnet und Erich Honecker, sein aus dem Saarland stammender Sicherheitssekretär im Politbüro, erfolgreich umgesetzt hatte. Sie hießen Rudolf Urban und Ida Siekmann, geboren 1914 und 1902, zu Tode gestürzt beim Fluchtversuch aus Häusern der Bernauer Straße, oder Roland Hoff, 1934 geboren, auf der Flucht durch den Teltow-Kanal erschossen am 29. August 1961.
So ist es geblieben, bis ins Jahr des Mauerfalls, als am 5. Februar 1989 mit dem 21-jährigen Chris Gueffroy das 94. und letzte Maueropfer in Berlin zu beklagen war: ermordet von den Grenzsoldaten der NVA Ingo Heinrich, Peter Schmett, Andreas Kühnpast und Mike Schmidt. Sie alle willige Vollstrecker jenes Schießbefehls von ganz oben, an den sich nach dem Zusammenbruch der SED-Diktatur keiner von denen, die ihn erfunden hatten und in der täglichen Vergatterung von Grenzsoldaten verwirklicht wussten, mehr erinnern konnte.
Heute wissen wir, dass dem von der SED zu verantwortenden mörderischen innerdeutschen Grenzregime über 1000 Menschen zum Opfer gefallen sind.
Was zuerst und zuletzt nur bedeutet: Nie konnte es eine Illusion über den tödlichen Charakter dieses Bauwerks geben und wem es galt. Noch weniger über die, die den Befehl gaben, sie zu errichten, weil sie die Menschen in ihrem Machtbereich fortan daran hindern wollten, massenhaft die Flucht zu ergreifen angesichts des politischen und ökonomischen Terrors, den der sogenannte »erste deutsche Arbeiter- und Bauernstaat« zur alltäglichen Erfahrung gemacht hatte.
Dieser ständigen Abstimmung mit den Füßen über die Legitimität des Systems »DDR« musste ein Ende bereitet werden, bewies sie doch, dass es sich mit ihr um eine ordinäre Diktatur handelte und sonst nichts, der zweiten in der deutschen Geschichte.
Heute ist auch sie Geschichte und der Mauerbau ein gut erforschtes Ereignis.
Weniger gut verankert im öffentlichen Bewusstsein unserer Tage ist aber das, was man den zweiten Mauerbau nennen könnte: Jene nach 1961 wachsende Anerkennung der SED-Diktatur durch westdeutsche Politiker, Journalisten, Geisteswissenschaftler und Theologen, mit der nicht nur die faktische Existenz der Diktatur gemeint war, um Politik auf der Basis der Realitäten, wie es, vernünftig klingend, hieß, machen zu können, zumal im Interesse der getrennt lebenden Menschen in Deutschland.
Gemeint war in wachsendem Maße auch so etwas wie eine politisch-moralische Legitimität, die der Diktatur im Laufe der Zeit angeblich zugewachsen war, weil sie »antifaschistische Wurzeln« hätte, aber ein durch den Kalten Krieg schlecht verlaufenes Experiment sei und die Teilung Sühne für die Massenverbrechen der NS-Diktatur.
Die Bücher, die mit ihren abstrusen Thesen dazu zwischen 1961 und 1989 im Westen erschienen, sind Legion und hatten so scheinheilige Titel wie »Das geplante Wunder. Leben und Wirtschaften im anderen Deutschland« (Joachim Nawrocki, 1967) oder »Modell DDR. Die kalkulierte Emanzipation« (Rüdiger Thomas, 1972).
Der Ex-Diplomat und Publizist Günter Gaus schließlich, gern gesehener Jagdpartner Honeckers während seiner Zeit als bundesrepublikanischer Diplomat in der DDR, verstieg sich noch wenige Monate vor dem Mauerfall zu der Forderung, die Ostdeutschen im Westen zu diskriminieren, um sie von der Auswanderung aus der DDR abzuhalten.
Dass Vorstellungen und Vorschläge dieser Art hauptsächlich aus linken wie linksliberalen Kreisen kamen, hing mit der dort weitverbreiteten Überzeugung zusammen, dass die Deutschen kein politisch-moralisches Recht mehr auf einen einheitlichen Staat hätten.
Es waren die Deutschen im Osten, die sich diesem Pseudomoralismus nicht beugten, weil er nicht der Freiheit, sondern einer Diktatur zuarbeitete. Sie aber wollten Freiheit und Einheit und überrannten schließlich das tödliche Bauwerk in der humansten Revolution der Weltgeschichte.
Ulrich Schacht
Der Autor, Ulrich Schacht, wurde in der DDR 1973 wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und 1976 von der Bundesrepublik freigekauft. Er lebt heute als Schriftsteller und Journalist in Schweden.
Lateinische Gebete und bayerische Blasmusik
27. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Spontaner Papst: Trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen am Pfingstfest bricht Papst Benedikt XVI. immer wieder aus dem Ring seiner Personenschützer aus, um während seines Ein- und Auszuges im Peterdom unter dem Beifall der Gottesdienstbesucher Kinder zu segnen. Fotos: Harald Krille
Reportage: Rom – die »Ewige Stadt« ist Zentrum der katholischen Weltkirche und täglich Ziel tausender Pilger.
Im September besucht das Oberhaupt der katholischen Kirche und zugleich Staatsoberhaupt des Vatikanstaates Deutschland. Im Vorfeld sammelten zwei Journalisten in ökumenischer Eintracht Eindrücke vom Leben im Zentrum der Weltkirche.
Auf der Via della Conciliazione geht am späten Nachmittag des Pfingstsonnabends gar nichts mehr. Trotz mehrerer Fahrspuren steht der Verkehr, unser Taxi mittendrin. Die prachtvolle »Straße der Versöhnung« führt direkt von Engelsburg und Tiberbrücke zum Petersplatz und Petersdom, dessen Kuppel sich am Ende der Blickachse majestätisch erhebt. 1937 ließ der faschistische Diktator Benito Mussolini die Schneise durch das dicht bebaute mittelalterliche Handwerkerquartier, das Borgo, schlagen. Damit erfüllte er einen alten Wunsch der Päpste und bedankte sich zugleich für die 1929 unterzeichneten Lateranverträge. Mit ihnen wurde der Frieden zwischen dem Papst und dem jungen italienischen Nationalstaat besiegelt. Zugleich sind sie die Grundlage der bis heute weltweit anerkannten völkerrechtlichen Unabhängigkeit und Souveränität des Kirchenstaates.
Der Papst in allen Varianten
Links und rechts der Conciliazione reihen sich die Eingänge zu diversen exterritorialen Gebäuden des Vatikans. Das päpstliche Presseamt hat hier seinen Sitz, um die Ecke herum bei der Engelsburg sind die Redaktionsräume von Radio Vatikan. Wappenschilder markieren die Sitze diverser Botschaften, die praktisch alle Länder, auch muslimische, am Heiligen Stuhl unterhalten. Durchmischt wird das ganze von Hotels, Gaststätten und vor allem Souvenirläden. Die Bandbreite des Angebotes reicht von handwerklich und künstlerisch hochwertigen Kreuzen, Monstranzen und Leuchtern bis zur Plastikkrippe mit Maria, Josef und dem Jesuskind in der Schneekugel.
Dazwischen der Papst in allen Varianten: auf Teppichen, als Anstecknadel, als Plastikpuppe. Und weil gerade der Vorgänger von Benedikt XVI., der polnischstämmige Johannes Paul II. selig gesprochen wurde, ist auch dieser allgegenwärtig. Selbst beide zusammen sind zu haben – auf einem Frühstückstellerchen. Die Preise, so das Gefühl, steigen mit zunehmender Nähe zum Petersplatz …
Rom-Wallfahrt der Pferdezüchter
Doch uns steht der Sinn nicht nach Shopping, wir wollen zum Vatikan. Also aussteigen und zu Fuß weiter. Wir trauen unseren Ohren nicht: Aus Richtung Petersplatz erklingt gut bayerische Marsch- und Volksmusik. Ungläubiges Staunen: Pferdewagen mit Fässern Münchner Brauereien beladen, andere mit den Modellen bayerischer Kirchen, sind für das Verkehrschaos verantwortlich. Dazwischen Blaskapellen, Reiterformationen und Trachtengruppen. Schrill kreischt eine Schar asiatischer Touristinnen auf, als einer der Kutscher über ihren Köpfen wieder und wieder seine Peitsche knallen lässt. Der Zug quält sich rund um den Petersplatz durch die unübersehbare Menge von Schaulustigen. Dicht gefolgt von den dröhnenden Fahrzeugen der Stadtreinigung, die jeden Pferdeapfel sogleich wegkehren. 42 Pferde und sechs Gespanne, so erfahren wir später, gehören zur Rom-Wallfahrt des Bayerischen Pferdezuchtverbandes. Begleitet von fünf Musikgruppen aus Deutschland, Österreich und Italien.
Wir müssen zum Bronzetor am rechten Ende der Kolonnaden, dem Haupteingang zum päpstlichen Palast. Dort sind die bestellten Eintrittskarten für die Messe mit dem »Heiligen Vater« am Pfingstsonntag für uns hinterlegt. Zwar ist der Besuch von Gottesdiensten oder der Generalaudienz am Mittwoch auf dem Petersplatz kostenlos. Aber selbst für Sankt Peter, die größte Kirche der Welt, die immerhin bis zu 60000 Gläubigen Platz bietet, gibt die »Präfektur des päpstlichen Hauses« Billetts für die Teilnahme aus. Wie viele Pilger jährlich nach Rom kommen, vermag niemand mit Sicherheit zu sagen. Zudem: Wer ist Pilger und wer »nur« normaler Tourist? Die Stadt Rom zählte im vergangenen Jahr 20 Millionen Übernachtungsgäste – mithin im Durchschnitt rund 55000 pro Tag. Tendenz steigend.
Militärisches Korps des Vatikans
Zwei Schweizer Gardisten in maßgeschneiderter Renaissanceuniform bewachen mit mächtiger Hellebarde das Bronzetor wie auch jeden anderen Eingang in den Vatikan. 110 Mann stark ist das einzige militärische Korps des Vatikans für die unmittelbare Sicherheit des Papstes und seiner Gebäude zuständig. Die Prunkgewänder dienen der Repräsentation – ansonsten tragen sie schlichte blaue Uniformen, sind in Nahkampf und Personenschutz trainiert, tragen Pfefferspray und moderne Schusswaffen bei sich. Sie werden den Papst auch bei seinem Deutschlandbesuch begleiten – dann aber in Zivil.
Daneben gibt es die Vatikanische Gendarmerie, die alle Polizeiaufgaben wahrnimmt. Großen Widerhall fand vor einiger Zeit die Meldung, dass der nur 0,44 Quadratkilometer große Kirchenstaat bezogen auf seine wenigen Hundert Bewohnern die höchste Kriminalitätsrate der Welt habe. In die Statistik fallen eben auch alle Taschendiebstähle auf dem täglich von Tausenden besuchten Petersplatz.
Offizielle Amtssprache ist übrigens Latein – doch darin werden nur die offiziellen Dokumente abgefasst. Verkehrsprache ist Italienisch. Immerhin aber soll es in einem Gebäude nicht weit von der Peterskirche den wohl weltweit einzigen Bankautomaten mit wahlweise lateinischer Menüführung geben … Und die weltweit meistfrequentierte Apotheke befindet sich hinter den Mauern des Kirchenstaates: Wer ein Rezept für ein in Italien sonst nicht oder nur wesentlich teurer erhältliches Medikament vorweisen kann, bekommt so Einlass in die sonst verschlossene Stadt und die päpstliche Apotheke.
»Sicher ist sicher«, sagen wir uns und frühstücken am Sonntag schon um sieben Uhr. 20 Minuten vor acht Uhr sind wir mit unseren Eintrittskarten auf dem Petersplatz, 9.30 Uhr soll die Messe beginnen. Es erwartet uns eine fünfreihige Warteschlange, die bereits das halbe Rund des wahrlich nicht kleinen Platzes füllt. Der Begriff Weltkirche wird greifbar: Afrikaner, Asiaten, Nord- und Südamerikaner, Ost und Westeuropäer gehören zur Warteschar. Unmittelbar vor und hinter uns sind deutsche Pilger. Die Stimmung ist gelöst – bis sich eine italienische Gruppe von der Seite untermischen will. »Nix da! Hinten, hinten, sonst Patschi, Patschi!«, droht ein frommer Germane lautstark.
Pilgergruppen aus aller Welt
Nach dem Gottesdienst, den Tausende per Videoleinwand auf dem Petersplatz verfolgen, ist die römische Luft schon wieder von Peitschenknall und »Dicke-Backen-Musik« erfüllt. Die Pferde-Pilger aus Bayern und ihre begleitenden Blaskapellen nehmen Aufstellung für das mittägliche Angelusgebet des Papstes, dass er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers im obersten Stock des vatikanischen Palastes hält. Nach dem Gebet begrüßt er die größten Pilgergruppen in ihren Landessprachen. Während Brasilianer, Slowaken und US-Amerikaner zur Antwort jubeln und winken, intonieren die deutschen Kapellen das ökumenische »Großer Gott, wir loben dich«. »Danke für die schöne Musik aus meiner Heimat«, antwortet Benedikt, und: »Vergelt’s Gott!«
Von Harald Krille und Matthias Holluba
Harald Krille, Chefredakteur der Gemeinsamen Redaktion der evangelischen Kirchenzeitungen in Mitteldeutschland, und Matthias Holluba, Chefredakteur vom »Tag des Herrn«, der katholischen Bistumszeitung für die Bistümer Erfurt, Magdeburg und Dresden-Meißen, besuchten Pfingsten gemeinsam Rom und den Vatikan.
Buchtipp für weitere Hintergrundinfos zum Vatikan: Erbacher, Jürgen (Hg): Der Vatikan – Das Lexikon, St. Benno-Verlag, 474 S., ISBN 978-3-7462-2752-8, 9,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161
Heimkehr einer Sammlung
26. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Die Projektleiterin: Sabine Maier, Professor für Konservierung und Restaurierung an der Fachhochschule Erfurt, zu Besuch in der Abteilung für Kopie in der Muchina-Akademie St. Petersburg. Foto: privat
Im Landgut Holzdorf sollen Meisterkopien impressionistischer Bilder gezeigt werden.
Dass sich die Wege von Kultur und Diakonie streifen können, zeigt ein außergewöhnliches Projekt, das im Landgut Holzdorf (bei Weimar) vorgestellt wurde. Es sieht vor, 20 impressionistische Gemälde aus der Sammlung des Unternehmers Otto Krebs (1873–1941) zu kopieren, die als sogenannte »Beutekunst« in der Eremitage in St. Petersburg gezeigt wird.
Der Mannheimer Fabrikant, der das stattliche Anwesen südlich von Weimar 1917 erworben hatte, liebte die Impressionisten. Seit Anfang der 20er Jahre erwarb er mit großem Sachverstand einen Bestand an 98 Gemälden und 19 Skulpturen, der als umfangreichste deutsche Impressionistensammlung gilt. Ihr Gesamtwert wird auf 800 Millionen Euro geschätzt! Zu ihnen gehören unter anderem »Das Weiße Haus bei Nacht« von Vincent van Gogh, »Mädchen mit Hut« von Pierre-Auguste Renoir oder »Zwei Schwestern« von Paul Gauguin.
Die Bilder hingen – in wechselnder Konstellation – nicht nur in den Gesellschaftsräumen der Sommerresidenz, sondern ebenso in den Privaträumen und Gästezimmern des oberen Stockwerks. Nach der Machtergreifung der Nazis und der 1938 gezeigten Ausstellung mit »Entarteter Kunst« bewahrte Otto Krebs die kostbaren Bilder im Tresor auf, wo sie auch nach seinem Tod verblieben.
Die Wände der Repräsentationsräume zierten seither belgische Gobelins und goldverzierte Ledertapeten. Die Sammlung überstand den Zweiten Weltkrieg unversehrt, wurde jedoch nach dem Sieg der Alliierten 1947 von den sowjetischen Besatzungstruppen nach Leningrad abtransportiert. Danach verging ein halbes Jahrhundert, bis sie in der Ausstellung »Verschollene Meisterwerke deutscher Privatsammlungen« wieder in der Eremitage auftauchte.
Als die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein die Trägerschaft des Landgutes im Jahr 2000 antrat, ging sie neben ihrer Kernaufgabe gegenüber der Stadt Weimar auch die Verpflichtung ein, die kunsthistorische Bedeutung des Ortes lebendig zu halten. Daraus entwickelte sich die Idee, die herausragende Qualität der Gemäldesammlung Otto Krebs wieder erlebbar zu machen. Um dies zu ermöglichen, kam es zu der Idee, im Rahmen eines Studienprojektes Meisterkopien ausgewählter Exponate anzufertigen und im Landgut Holzdorf auszustellen.
Sabine Maier, Professorin für Konservierung und Restaurierung an der Fachhochschule Erfurt, betreut das ehrgeizige Vorhaben gemeinsam mit Professorin Tatjana Potzelujewa von der Muchina-Akademie in St. Petersburg.
Während im russischen Restauratorenstudium das Fach Kopie einen hohen praktischen Stellenwert einnehme, gehe es in Erfurt vor allem um die Ergründung maltechnischer Besonderheiten der Impressionisten, erläuterte Sabine Maier in Holzdorf die jeweiligen Arbeitsschwerpunkte. Dabei sei noch nicht klar, welche Untersuchungstechniken in St. Petersburg eingesetzt werden dürften, da das Thema »Beutekunst« auf beiden Seiten sehr viel Sensibilität erfordere.
Neben der wissenschaftlichen Dokumentation sollen noch in diesem Jahr die ersten Kopien entstehen. Die Gesamtkosten betragen 50000 Euro, wovon die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen sowie die Sparkasse Mittelthüringen und die Kreissparkasse Saale-Orla vier Fünftel finanzieren. Nach ihrer Fertigstellung sollen die Gemälde 2012 an ihrem ursprünglichen Standort ausgestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Dabei verfolgen die Verantwortlichen die Aufgabe, so Professorin Maier, die »Geschichte dieser Notlösung« darzustellen. »Unser Ziel ist ein Bild«, sagte augenzwinkernd Aufsichtsratsmitglied Heinz-Günter Maaßen von der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein. Auch wenn Boris Jelzin die Rückgabe der Sammlung per Gesetz ausgeschlossen habe, solle man die Hoffnung nicht aufgeben, dass vielleicht beim nächsten Besuch eines russischen Staatspräsidenten wieder eines der Bilder nach Holzdorf heimkehre.
Michael von Hintzenstern
»In Rom blüht und gedeiht die Ökumene«
24. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Jens-Martin Kruse ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Foto: Harald Krille
Begegnung: Ein Besuch beim Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in der Ewigen Stadt.
Wer Orte mit funktionierender Ökumene sucht, denkt nicht sofort an Rom. Doch der erste Blick täuscht. In der Stadt, die das Zentrum der katholischen Weltkirche beherbergt, klappt’s mit der Ökumene.
Jens-Martin Kruse hält nichts von der Klage über eine ökumenische Eiszeit. »Es gibt in Sachen Ökumene so viele positive Signale. Die Ökumene blüht und gedeiht«, sagt der evangelische Pfarrer. Seine Erfahrungen in dieser Hinsicht sammelt der evangelische Theologe an einem Ort, den manch deutscher Beobachter in den letzten Jahren nicht auf den ersten Blick mit ökumenischem Fortschritt in Verbindung bringen würde: Kruse ist seit August 2008 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Als Beleg für seine These kann er auf eine ganze Reihe ökumenischer Aktivitäten verweisen. Zu den Höhepunkten gehört dabei der ökumenische Gottesdienst, zu dem Kruses Gemeinde an Christi Himmelfahrt einlädt.
Wieso funktioniert ausgerechnet in Rom die Ökumene so gut? Rom ist nicht nur das Zentrum der katholischen Weltkirche. »Hier ist die Weltchristenheit präsent«, erklärt Kruse. Dabei sind die Lutheraner im ökumenischen Miteinander seiner Ansicht nach ein entscheidender Faktor. Zwar ist die Kirche zahlenmäßig verschwindend klein.
Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien (ELKi) zählt landesweit etwa 6000 Mitglieder. Die römische Gemeinde hat 500. Aber anders als die größere Kirche der Waldenser, die in Italien etwa 60000 Mitglieder hat, können die Lutheraner unbefangener mit den Katholiken umgehen, meint Kruse. »Die Waldenser definieren sich aufgrund ihrer Verfolgungserfahrungen durch die katholische Kirche bis heute durch Abgrenzung. Wir Lutheraner verstehen uns da eher als durch die Reformation hindurchgegangene katholische Kirche.«
Wer zur Minderheit der Lutheraner gehört, steht im katholischen Italien dennoch fast täglich vor der »Notwendigkeit zu erklären, dass er kein Häretiker ist«, sagt Kruse. »Aber das schärft den Blick für die eigene Identität.« Dabei ist die Situation der Gemeinde heute kaum noch mit der Gründungszeit vergleichbar. Damals (1819) gab es noch den Kirchenstaat und evangelische Gottesdienste konnten nur im Schutz der Preußischen Botschaft gefeiert werden.
1870, als der Kirchenstaat an das Königreich Italien angeschlossen und Rom dessen Hauptstadt wurde, konnte die Gemeinde in die Öffentlichkeit treten. Bis zum ersten Gottesdienst in der eigenen Kirche dauerte es aber noch bis 1922. Ökumene mit der katholischen Kirche wurde aber erst in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) möglich, nachdem die Katholiken ihr Verhältnis zu den anderen christlichen Kirchen neu bestimmt hatten. Seit dieser Zeit schrieb dann die lutherische Christuskirche in Rom aber gleich zweimal ökumenische Weltgeschichte: 1983 – im Jahr des 500. Geburtstages von Martin Luther – besuchte hier mit Johannes Paul II. zum ersten Mal ein Papst eine evangelische Kirche. Und im Jahr 2010 feierte sein Nachfolger Benedikt XVI. mit der Gemeinde hier einen Gottesdienst. Dieses Ereignis kann Kruse nicht hoch genug bewerten: »Wenn der Papst bereit ist, Gottesdienst in unserer Tradition zu feiern, dann ist das doch für uns die Anerkennung als Kirche.« Und was der Papst in Rom konnte, das kann er nun überall auf der Welt. Und so wird er bei seinem Besuch im September in Erfurt im Augustinerkloster einen vergleichbaren Gottesdienst halten.
Dass der Papst bei seinem Deutschlandbesuch so viel Wert auf Ökumene legt, verwundert Kruse nicht: »Ökumene ist vermutlich das zentrale Thema seines Pontifikats.« Das zeigte sich schon in seiner ersten Ansprache nach seiner Wahl zum Papst, als Benedikt XVI. es als vorrangige Verpflichtung bezeichnete, »mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten«.
Natürlich sieht auch Kruse, dass sich in manchen theologischen Fragen nichts bewegt. Aber: »Hinter die gelebte und gefeierte Ökumene kann niemand zurück. Und die theologischen Fragen werden sich dann klären.« Dabei müsse man – was die Äußerungen der katholischen Kirche betrifft – lernen, »zwischen den Zeilen zu lesen«. Da sende der Vatikan viele positive Signale. Wenn es dann einmal katholische Äußerungen gibt, die ökumenisches Porzellan zerschlagen, hilft es Kruse, »wenn unsere katholischen Partner anrufen und sagen, dass ist nicht unsere Position. Ökumene hat auch viel mit Aushalten zu tun«.
Bei entsprechenden Äußerungen aus seiner eigenen Kirche reagiert Kruse schärfer. Aussagen wie die von Margot Käßmann aus ihrer Zeit als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dass sie von Benedikt XVI. in Sachen Ökumene nichts erwarte, seien »riesige Rückschläge«. Wir Protestanten müssen von unserem hohen Ross herunter und lernfähig werden.« Für Kruse schließt das sogar ein, dass er sich einen Papst in einer synodalen Präsesfunktion für die Gesamtkirche vorstellen kann: ein »Erster unter Gleichen«, der für alle Christen spricht.
Von Harald Krille und Matthias Holluba
Hinweise: Informationen über die evangelisch-lutherische Gemeinde in Rom gibt es im Internet:
www.ev-luth-gemeinde-rom.org
Pfarrer Kruse freut sich über Pilgergruppen (auch aus katholischen Gemeinden), die ihm und der Gemeinde einen Besuch abstatten.
Das von Jens-Martin Kruse und Jürgen Krüger herausgegebene Buch über die »Ökumene in Rom« ist im Verlag »arte factum« in Karlsruhe erschienen (ISBN 978-3-938560-23-5) und kostet 28 Euro.
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161
Ein Ilmenauer in Wien
10. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Ausstellung in der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Michael Reichel
Ausstellung widmet sich dem bildnerischen Schaffen von Horst Aschermann.
Das Unglück kam an einem heißen Sommertag 1965. In der prallen Sonne mühte sich der 33-jährige Bildhauer Horst Aschermann am harten Stein eines drei Meter hohen Marmorkreuzes. Die Pestsäule sollte ein Mahnmal setzen in Purkersdorf, jenem kleinen Ort im Wienerwald, in dem der Schwarze Tod im Jahr 1713 die Hälfte der Bewohner dahinraffte. Dort, so idyllisch in der Natur und doch so nahe der Metropole Wien gelegen, hatte Aschermann nach seiner Flucht aus Thüringen seine neue Heimat gefunden.
Anfang der 1950er Jahre hatte er seiner Geburtsstadt Ilmenau den Rücken gekehrt, um in Mainz und später in Wien jene »Freiheit des Geistes« zu finden, die er so vermisst hatte in der DDR. Auf die Ausbildung als Kerammodelleur in der Ilmenauer Porzellanmanufaktur Müetzler & Ortloff folgten fünf Jahre Arbeit in seinem Lehrberuf in Mainz. Schließlich, 1957, begann er ein Studium an der Akademie für angewandte Kunst in Wien, wo er bereits 1964, zwei Jahre nach seinem Studienabschluss, einen Lehrauftrag für Bildhauerei annahm. Und dann die Plackerei an dem Mahnmal aus Marmor. Der 1932 geborene Künstler hatte sich bei der Bearbeitung des harten Gesteins in der prallen Sonne so überanstrengt, dass er schwer erkrankte.
Aus dem Ringen mit der Form wurde nun auch ein Ringen mit der Krankheit, einer seltenen Form von Parkinson, die ihn zwang, statt mit der rechten mit der linken Hand zu arbeiten.Der Steinbildhauer wandte sich dem Metallrelief zu, häufig in Verbindung mit religiösen Themen wie dem Kreuzgang und der Genesis. Aschermanns Reliefe gleichen Aufnahmen aus der Vogelperspektive. Sie komponieren Menschen, Säulen oder Kuppelformen zu rhythmischen Ordnungen in Metall, zeigen enge Besiedlungen, Tempel, üppige Pflanzenwelt. Die Widrigkeiten der Herstellung entblößen die Werke derweil nicht.
Die Kunst des gebürtigen Ilmenauers ist zum Beispiel an den Türen der Wirtschaftsuniversität Wien, an Hausfassaden, auf freien Plätzen und in Kirchen zu sehen. Vier Reliefserien, entstanden zwischen 1969 und 1986, widmen sich dem Kreuzweg. Sie zeigen die zusammengeschnürten Hände, das Haupt mit der Dornenkrone oder die Abnahme vom Kreuz. Details wechseln mit der Darstellung kleiner Szenen. Ein Gotteshaus, die evangelische »Kirche am Wege« in Hetzendorf, einem Wiener Gemeindebezirk, birgt eines der Hauptwerke Aschermanns, eine achtteilige Genesis aus großformatigen Aluminiumreliefen aus dem Jahr 1972. Die Reihe beginnt mit »Das Prinzip« – einer wüsten und leeren Erde, die doch Fruchtbarkeit in sich trägt. Es folgen Pflanzen, die Tiere zu Land, zu Wasser und in der Luft, schließlich das nackte erste Menschenpaar und der Turmbau zu Babel. Die letzten beiden Reliefs mit den Namen »Ecce homo« und »Ecce mundus« zeigen Kreuzigung und Apokalypse. Das gleiche Thema, jedoch nun farbenfroh und abstrahiert, gestaltet Aschermann 1980 noch einmal mit Glasfenstern in der St. Jakobskirche in Purkersdorf.
Marmor, Bronze, Glas, Aluminium, Kohle, Gips, Beton, Tusche, Holz, Eisen, Buntstift, Acryl-, Öl- und Aquarellfarben. Gegossen, behauen, gezeichnet, gemalt. Collagen, Materialbilder, Skulpturen, Reliefs, Gemälde. – Facettenreich präsentiert sich Aschermanns Werk in der Retrospektive im Goethe-Stadtmuseum und der Jakobuskirche Ilmenau. Sie erinnert an einen Künstler, der die eigenwillige Fügung seines Lebens annahm. Der
in die Fremde ging, um geistige Freiheit zu finden, dabei aber seine körperliche Freiheit einbüßte. 2005 starb Horst Aschermann im Alter von 72 Jahren.
Susann Winkel
Die Ausstellung »Horst Aschermann. Ein Ilmenauer in Wien« ist bis 6. November im Goethe-Stadtmuseum Ilmenau (geöffnet täglich von 10 bis 17 Uhr) sowie bis 9. Oktober in der Jakobuskirche Ilmenau (geöffnet zu den Zeiten der »Offenen Kirche« und sonntags vor und nach den Gottesdienstzeiten) zu sehen.
»Ich bin immer wieder neu begeistert«
9. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Katrin Göring-Eckardt hat Theologie studiert ohne akademischen Abschluss. Die Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen) ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Foto: Archiv
Katrin Göring-Eckardt beschreibt, was Jesusnachfolge für sie bedeutet.
Jesus fasziniert mich, seit ich als Jugendliche in der DDR mit seinem Leben und Wirken zum ersten Mal in Berührung gekommen bin: Was waren das für wundersame Geschichten, die von ihm erzählt wurden! Was waren das für schöne Worte, die er sprach. Was ist das nur für ein Mensch gewesen, der sich nicht einschüchtern ließ von den Autoritäten seiner Zeit, der nicht den Mund hielt, sich nicht hinter Konventionen versteckte und genau das tat, was er sagte. Einer, der seine Überzeugung lebte bis hinein in die bittere Konsequenz seines Sterbens. Ein Mensch, der im Angesicht seines Todes sein Versprechen »ich bin das Leben« nicht zurücknahm und damit zum Leben für uns alle wurde.
Gerade unter den Bedingungen der Diktatur war Jesu Ruf in die Nachfolge für mich etwas Existenzielles. Er machte mir Mut für das einzustehen, was ich als richtig und unbedingt notwendig erkannt hatte. Viele Christinnen und Christen, die in der DDR aufgewachsen sind, haben ihren Glauben in einer Intensität erlebt, die für viele prägend ist und hoffentlich weiter bleiben wird.
Aus dieser christlichen Überzeugung und Begeisterung für die Botschaft Jesu wollten wir zur Zeit der friedlichen Revolution unsere Gesellschaft verändern. Jesu Worte machten uns Mut für eine Vision von Kirche und Gesellschaft, für die es sich zu arbeiten, zu kämpfen lohnte. »Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.« (Matthäus 5,6) Jesu Sätze haben mich darin bestärkt, selbstständig und manchmal unbequem zu denken. Die Kirchen haben Schutz und einen Freiraum geboten, den das »verordnete Denken« der Mächtigen gerne verhindert hätte.
Dort, wo wir uns in Jesu Namen versammelten, spürten wir, was die DDR-Oberen am meisten hassten: Freiheit. Die Freiheit des Evangeliums. Die Freiheit Jesu. Diese wunderbare Freiheit widersetzte sich den Anmaßungen und Zumutungen des Regimes und dessen Absolutheitsanspruch. Denn da ist einer, der größer ist als alles, was die Mächtigen wollten und womit sie drohten und Angst verbreiteten.
Unser Wissen um Gottes Gegenwart hat in einem totalitären Umfeld den Totalitarismus des Staates ins Verhältnis gesetzt – ins Verhältnis zu etwas Größerem, das über allem steht.
Von dem Wissen um diese Freiheit aus dem Glauben lebe ich bis heute. Der, dem allein ich Rechenschaft zu geben habe, ist nicht von dieser Welt, er lebt aber ohne Zweifel in der Welt. Dieser Glaube gibt mir Kraft und Mut, mich als Politikerin zu engagieren und doch zu wissen, dass das nicht alles ist. Als Politikerin unterscheide ich mich in vielem nicht von meinen parlamentarischen Kolleginnen und Kollegen und von Menschen mit anderen Berufen oder Biografien.
Als Christin aber weiß ich, dass es etwas Größeres gibt als das nächste Radiointerview, die nächste Stufe auf der Karriereleiter, die nächste Wahl. Ich weiß und spüre, dass ich getragen und gehalten bin durch Gottes Kraft.
Jesu nachzufolgen heißt, seine Botschaft offen zu hören und jeden Tag zu versuchen, sie in unserer Gegenwart zu verwirklichen. Denn ich will diese Welt nicht einfach so hinnehmen, wie sie ist. Ich will mich nicht verführen lassen von der sogenannten »Macht des Faktischen«.
Jesu Worte aus der Bergpredigt (Matthäus 5) sind mir vertraut und bedeuten mir sehr viel. Sie sind für mich keine Träumereien, die nur etwas für Spinner und Visionäre wären. Die Verfolgten und Unterdrückten dieser Welt werden selig gepriesen, ihnen wird das Reich Gottes verkündet, das alle Ketten sprengt! Die Trauernden dieser Welt bleiben nicht in ihrer Trauer stecken, sondern sie bekommen Trost zugesprochen! Bloß ein irreales, irrationales Wunschbild, das hier gezeichnet wird? Freilich, unserer Erfahrung nach werden nicht alle Hungernden satt und alle Trauernden getröstet. Nein, so ist die Welt nicht. Aber: So könnte sie sein!
Genau das ist die Hoffnung, die ich in der Nachfolge Jesu nicht aufgebe. Die Hoffnung, die mich als Politikerin und Kirchenfrau antreibt zu handeln, zu verändern und die Schritte zu tun, die zu meiner Schuhgröße passen. Ich muss und kann nicht mit Sieben-Meilen-Stiefeln vorwärtsstürmen und jeden Tag Revolution machen auf dem Weg zum Reich Gottes. Aber die Füße einfach hochlegen und Däumchen drehen vereinbart sich auch nicht mit meinem Glauben.
Es sind immer die Sanftmütigen, die viel bewirken können. Im Herbst 1989 waren es die stillen, friedlichen Gebete und die Macht der tausend Kerzen. Ich erinnere mich an den unüberhörbaren Ruf ungezählter Menschen »Keine Gewalt!«, an den Mut und das Drängen auf Veränderung, die zuvor unmöglich schien. Und an die wir doch glaubten, auf die wir hofften, die wir so unbedingt wollten. Wer will nach dieser Erfahrung noch sagen, die Welt ist eben, wie sie ist, Jesu Worte sind verrückt? »… denn ihnen gehört das Himmelreich« – das ist keine billige Vertröstung aufs Jenseits, wo es all denen einmal besser geht, die hier auf Erden Hunger, Durst, Folter und Elend ertragen müssen.
Der Glaube an die Seligkeit der Bedürftigen spornt dazu an, etwas dagegen zu tun, dass Menschen hungern. Wo so gehandelt wird, da ist das Himmelreich schon nah. Wenn es nicht mehr darum geht, ungerechte Entscheidungen einfach hinzunehmen oder mit sogenannten Sachzwängen zu begründen, sondern das zu tun, was den Schwächsten hilft, da ist das Himmelreich schon mitten unter uns, hier auf unserer Welt.
Das wird mir in den Geschichten und Gleichnissen Jesu immer wieder deutlich und fasziniert mich aufs Neue: Jetzt schon werden Menschen geheilt, finden Stumme Worte, Ausgestoßene eine Heimat. Jetzt schon beginnen Reiche zu teilen, widerfährt Armen Gerechtigkeit, und alle werden miteinander satt. Jesu Leben macht mir Mut und fordert mich auf, mich einzubringen in diese Welt. Mich nicht entmutigen zu lassen von ihren Unzulänglichkeiten, von meinen eigenen Fehlern und den Fehlern anderer – und auch von den Kompromissen, die wir im Leben und in der Politik eingehen. Und so bin ich mutig und fröhlich, stehe mit den Füßen auf der Erde und habe den Himmel in meinem Herzen, bin immer wieder neu von diesem Jesus begeistert.
Katrin Göring-Eckardt
Etwas in Bewegung gesetzt
4. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Das Gottvertrauen gelernt: Rolf Strobelt mit einheimischen Mitarbeitern bei einer der wochenlangen Touren durch unwegsames Gelände. Foto:privat
Er ist der älteste Überseemitarbeiter des Leipziger Missionswerkes. 20 Jahre hat er anderen gegeben – und selbst gelernt. Denn nur so funktioniert heute Mission.
Es ist der letzte Rundbrief von vielen, die Rolf Strobelt 20 Jahre lang regelmäßig aus Papua-Neuguinea nach Deutschland schrieb. Nun muss er Worte für den Abschied finden: »Es kommt jetzt immer öfter vor, dass ich mir die Naturkonzerte des Morgens mit Wehmut anhöre.« Wenige Wochen später im Haus des Leipziger Missionswerkes (LMW) freut sich Strobelt, mit Gahanema Siniwin aus Papua-Neuguinea zu sprechen. Sie ist Teilnehmerin beim »Mission to the North«-Programm des LMW und gerade für zwei Monate in Sachsen zu Besuch. Dann zeigt er stolz auf eine schwarz-rot-gelbe Blumenkette, die er von Siniwin zur Begrüßung in Deutschland geschenkt bekommen hat – beide Länder vereinen die gleichen Farben auf ihren Flaggen. Strobelt muss nachdenken. »Es ist ein gewaltiger Schritt«, sagt er.
Ein gewaltiger Schritt, das war auch sein Weg als Missionar. Schon während seines Theologiestudiums in Leipzig steht für ihn fest, dass er missionarisch tätig sein will. Dann, kurz nach der friedlichen Revolution, wird der damals 32-Jährige vom Bayerischen Missionswerk in die Evangelisch-Lutherische Kirche Papua-Neuguineas entsandt. Dort soll der gelernte Krankenpfleger ein Krankenhaus im westlichen Hochland leiten. »Am Anfang, wenn man aus Deutschland kommt, will man alles perfekt machen«, erinnert er sich an die Anfangsjahre. »Aber mit der Zeit wird man abgeschliffen. Die Probleme der Menschen dort sind existenziell. Man lernt mit ihnen zusammen zu arbeiten, sie zu verstehen.«
1994 wird Rolf Strobelt nach Rabaul auf die Insel East New Britain versetzt. Schon kurz nach seiner Ankunft bricht der nahe gelegene Vulkan Tavurvur aus. Aus Strobelts Aufgabe, sich um das geistliche Leben in den verschiedenen Kirchgemeinden zu kümmern, wird zunächst ein Hilfseinsatz im Krisengebiet. Von der Stadt wechselt er 1999 in eine schwer erreichbare Station im Kirchenkreis Nomane. Dort bildet er kirchliches Personal aus, leistet Drogen- und Aids-Prävention, baut diakonische Hilfe für Kranke und Menschen mit Behinderung auf. 2007 wechselt er erneut und arbeitet bis 2011 als Dozent am Theologischen Seminar Ogelbeng.
Es sind vier Stationen in 20 Jahren, die seine Vorstellung von Mission geprägt haben: »Man denkt immer, dort, wo man gerade ist, wird man ganz dringend gebraucht. Aber es gibt immer Orte, an denen man noch dringender benötigt wird.« Mission bedeute deshalb, erst einmal etwas in Bewegung zu setzen, damit es von den Einheimischen fortgesetzt werden kann.
In Papua-Neuguinea leben rund fünf Millionen Menschen. Etwa eine Million gehören zur Evangelical Lutheran Church of Papua New Guinea (ELC-PNG), die nach der katholischen die zweitgrößte Kirche des Landes und die größte lutherische Kirche Asiens ist. »Es ist ein junges Land, aber die Jugend findet keine Arbeit.« Die Menschen hätten gespürt, dass sich durch die Hilfe der Kirche etwas entwickelt: Schulen, Krankenhäuser, Flugplätze wurden gebaut. »Von manchem Christ wird deshalb bedauert, dass die Überseemitarbeiter wieder gegangen sind.« Missionsarbeit, da ist sich Rolf Strobelt sicher, braucht Kontinuität in der Aufklärungsarbeit und Entwicklungshilfe und besonders in der theologischen Weiterbildung.
Es fiel ihm deshalb nicht leicht, denen den Rücken zu kehren, deren Rücken er jahrelang gestärkt hat. Nur mit Uwe Hummel als Nachfolger war es einfacher. Und schließlich war es seine bewusste Entscheidung. Der gebürtige Sosaer möchte wieder näher bei seinen Eltern im Erzgebirge sein. »Es war an der Zeit zurückzukommen, um etwas von der Unterstützung wiederzugeben, die ich jahrelang von hier erhalten habe«, sagt Rolf Strobelt.
Was nimmt er mit aus 20 Jahren in Papua-Neuguinea? »Von den Einheimischen habe ich dieses Gottvertrauen gelernt. Hier in Deutschland funktioniert ja alles. Aber wenn du wochenlang zu Fuß unterwegs bist in unwegsamen Gebieten ohne Infrastruktur, dann bist du einfach froh, lebend zurückzukommen.« Jetzt werde er die Annehmlichkeiten genießen, die seine Heimat zu bieten hat, und Rolf Strobelt ist gespannt auf neue Aufgaben, in die er seinen schwarz-rot-gelben Schatz an Erfahrungen in Zukunft einbringen kann.
Maxie Thielemann
Sag mir wo die Nieren sind …
1. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Noch lange nicht selbstverständlich in Deutschland: Der Organspendeausweis im Portemonnaie. Foto: epd-bild
Organspende: Weil es in Deutschland zu wenig Spender gibt, denkt die Politik über eine Gesetzesänderung nach.
Rund 12500 Menschen warten in Deutschland auf eine Organtransplantation. Jeder Dritte von ihnen stirbt während der Wartezeit, weil es nicht genügend Spenderorgane gibt.
Es ist noch gar nicht so lange her, da handelte es sich noch um Sensationen: 1954 wurde in den USA die erste Niere bei einem Menschen erfolgreich verpflanzt. 1963 wurden erstmals Leber und Lunge transplantiert, zwei Jahre später die erste Bauchspeicheldrüse. Für Furore sorgte die erste Herztransplantation des südafrikanischen Chirurgen Christian Barnard 1967. Der Patient überlebte damals allerdings nur 18 Tage.
Heute gehören viele dieser Eingriffe schon fast zur Routine und sind inzwischen auf eine Vielzahl weiterer Organe und Organsystem (wie Finger oder Hände) ausgedehnt. Das Problem allerdings ist der gravierende Mangel an geeigneten Spenderorganen. Das wird etwa beim Anblick der statistischen Daten von Eurotransplant deutlich, einer 1967 gegründeten Vermittlungsstelle für Organspenden in den Benelux-Ländern, Deutschland, Österreich, Slowenien und Kroatien. So standen im vergangen Jahr in Deutschland beispielsweise 1182 Nierenspendern insgesamt 7515 Menschen auf den Wartelisten für ein solches Organ gegenüber. Ähnlich sieht es bei anderen Organen aus – auf 1077 Leberspenden warteten 2087 potentielle Empfänger.
Seit Jahren geht daher die Diskussion, wie die Bereitschaft zu einer Organspende, insbesondere etwa nach Unfalltod, erhöht werden kann. Denn Organe dürfen nur bei Menschen entnommen werden, die zu Lebzeiten dazu ihre Einwilligung gegeben haben oder deren unmittelbaren Angehörige dies nach der Feststellung des Hirntodes tun (siehe Kasten). Eine von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage brachte zutage, dass im Bevölkerungsdurchschnitt 74 Prozent grundsätzlich mit einer Organentnahme nach ihrem Tod einverstanden wären.
Kein Wunder, wenn Politiker zu der Schlussfolgerung kommen, dass man die Zustimmung sozusagen stillschweigend voraussetzen könne. Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU), derzeit Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz, will deshalb die restriktive Gesetzeslage kippen. Mit Unterstützung seiner Kollegen aus Bayern und Sachsen-Anhalt würde er gern von der erweiterten Zustimmungs- zur erweiterten Widerspruchslösung kommen. Das bedeutet: Jeder ist automatisch Organspender, der nicht bei Lebzeiten widersprochen hat oder dessen unmittelbare Angehörigen dies nach seinem Tod tun.
Für diesen Mittwoch (nach Redaktionsschluss dieser Zeitung) hatte der Gesundheitsausschuss des Bundestages eine Anhörung zum Thema angesetzt. Am Montagabend kündigte der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder dazu einen gemeinsam mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier geplanten Gruppenantrag an: Mit ihm soll die Entscheidungslösung als eine Art Königsweg favorisiert werden. »Wir wollen keinen Zwang ausüben und sagen: ›Du musst deine Organe zur Verfügung stellen!‹ Aber jeder soll einmal darüber nachdenken müssen«, so Kauder.
Harald Krille
Rechtliche Alternativen bei der Organspende
Zustimmungslösung: Im deutschen Transplantationsgesetz ist seit 1997 die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung verankert. Nach dem Hirntod eines Patienten dürfen dessen Organe nur entnommen werden, wenn der Verstorbene vor seinem Tod seine Zustimmung gegeben hat oder seine Angehörigen in eine Transplantation einwilligen.Widerspruchslösung: Spanien setzt gemeinsam mit acht anderen EU-Ländern auf die sogenannte Widerspruchslösung. Das bedeutet, dass jeder nach seinem Tod zum Organspender werden kann, wenn er der Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Andere Staaten praktizieren das Modell der erweiterten Widerspruchslösung, bei der auch ein Widerspruch der Angehörigen gegen eine Organentnahme bindend ist (Finnland, Frankreich, Italien, Norwegen und Schweden).
Entscheidungslösung: Um hierzulande zu mehr Organspenden zu kommen, diskutieren Bundes- und Landespolitiker darüber, die sogenannte Entscheidungslösung gesetzlich zu verankern. Diese Linie verfolgt auch der Deutsche Ethikrat und wirbt für eine »Äußerungspflicht«. Demnach soll jeder Bürger zu seiner Bereitschaft für oder gegen die Organspende befragt und die Entscheidung auf dem Personalausweis, Führerschein oder der Krankenversicherungskarte dokumentiert werden. Unter Experten ist jedoch umstritten, ob der Staat seine Bürger per Gesetz zu einem solchen Votum anhalten kann. (epd)
Zwischen Abbruch und Aufbruch
27. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Große Kirchen, schrumpfende Dörfer – so sieht weithin die Realität in Mitteldeutschland aus. Im Bild: Blick auf die Kirchen von Grumbach (vorn) und Callenberg bei Glauchau. (Foto: Burkhard Dube)
Kirche auf dem Land: Wie man auf den Strukturwandel reagieren kann war Thema der ersten Landkirchenkonferenz der EKD.
Kein Bäcker, keine Post, kein Arzt – und bald auch keine Kirche mehr im Dorfe? In Gotha wurde nach Alternativen gesucht.
Zwischen Kassel und Görlitz, Bördekreis und Sonneberg ist die Welt blau bis dunkelblau. Diese Farbskala markiert auf der Karte des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung die Regionen, die bis 2025 zehn, 15 und mehr Prozent ihrer Bevölkerung verlieren werden.
Alles nur Horrorszenarien wirklichkeitsfremder Statistiker?
Eine andere Karte zeigt den Ist-Stand im Jahr 2007: Mit Ausnahme der wenigen großen Städte in Mitteldeutschland zeigt die reale Bevölkerungsentwicklung überall deutlich nach unten: Sterbeüberschuss gegenüber den Geburtszahlen. Hinzu kommen Wanderungsverluste. Menschen, besonders junge, ziehen weg in die Boomregionen wie Berlin oder den Großraum München. Ein Phänomen, das im Osten besonders stark ausgeprägt ist, inzwischen aber auch weite Regionen des Westens erreicht hat.
Dass Kirche in diesem Prozess nicht nur reagieren, sondern agieren will, wurde in der vergangen Woche deutlich: Rund 70 Pfarrerinnen und Pfarrer aus ländlichen Regionen Deutschlands folgten der Einladung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur ersten Landkirchenkonferenz nach Gotha. Drei Tage standen Vorträge, Exkursionen zu Beispielen kirchlicher Arbeit im Kirchenkreis Gotha sowie intensive Diskussionen auf dem Programm.
Für Thomas Schlegel vom Zentrum für Mission in der Region an der Universität Greifswald gibt es kein Patentrezept, wie kirchliche Arbeit auf dem Lande künftig aussehen kann. Denn »es gibt nicht den ländlichen Raum, sondern nur einmalige Dörfer und unverwechselbare Regionen«.
Antworten könnten nur im Kontext des jeweiligen Ortes entwickelt werden. Falsch sei es deshalb auch, wenn die Arbeit in der Fläche und die Konzentration auf geistliche Zentren (»Leuchttürme«) als sich ausschließende Alternativen dargestellt werden. Vielmehr müsse der Blick nach außen gerichtet werden: »Wie können wir als Kirche den Menschen unserer Region dienen?«
Und: Die Umstrukturierung der Arbeit geht nur mit den Menschen der Region. »Trauen wir den Ehrenamtlichen etwas zu und geben wir ihnen auch entsprechende Rechte?«, so Schlegels Frage.
Deutsch sei nicht ihre Muttersprache, weshalb sie ihre Anmerkungen nicht in »akademische Schleier« verhülle: Die finnische Pastorin Aulikki Mäkinen kommt aus einem Land, das Erfahrungen mit ausgedünnten Strukturen hat. 15 Einwohner leben hier im Durchschnitt pro Quadratkilometer. Zudem hat auch ihre Kirche einen rasanten Rückgang und entsprechende Umstrukturierungen zu verkraften.
»Sie sind unheimlich pfarrerzentriert«, so der erste Punkt.
Die Diskussion um Strukturveränderung oder Zusammenarbeit in größeren Regionen kreist nach Mäkinens Wahrnehmung nicht zuerst um die Frage, was den Gemeinden hilft, sondern »was mit mir geschieht, was das für meine Stellung als Pfarrer bedeutet«.
»Haben Sie keine Angst vor größeren Einheiten und Zusammenschlüssen«, so ihr dringender Rat. Und: »Bilden Sie diese Einheiten, bevor die Not groß ist, solange sie noch handeln können.«
Die Erfahrung in Finnland zeige, dass solche Zusammenschlüsse sich auch für die Mitarbeiter lohnen: Die so mögliche Spezialisierung und Professionalisierung in regionalen Mitarbeiterteams gegenüber dem überforderten Allrounder brächten am Ende für alle spürbare Entlastung.
Und noch einen praktischen Rat hat die Finnin: Lieber große Schritte und Schnitte wagen, als ständig ein Reförmchen nach dem anderen. Denn nichts frustriere Mitarbeiter und Gemeinden mehr, als ein Reformprozess ohne Ende.
Harald Krille
Zwischen Ruhm und Linientreue
24. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Lassen sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen: Zwar verloren die Koreanerinnen im Mai 0:2 gegen die deutsche Frauen-Elf, dennoch gelten sie als starker Gegner. Hier Un Ju Kim im Duell mit Simone Laudehr. (Foto: picture alliance/Augenklick/Kunz/Moray)
Frauenfußball: Die nordkoreanischen Fußballerinnen gehören hierzulande zu den eher unbekannten Heldinnen.
In Nordkorea werden sie als Heldinnen gefeiert, haben Privilegien und schaffen, was ihren männlichen Kollegen nicht gelingt: die Stadien zu füllen.
In Deutschland eilt der nordkoreanischen Frauenfußball-Nationalmannschaft der Ruf der mysteriösen Unbekannten voraus. Vor der an diesem Sonntag beginnenden Weltmeisterschaft in Deutschland tauchte die Mannschaft komplett von der Öffentlichkeit abgeschirmt mal hier, mal dort auf. Informationen über Aufenthaltsorte sind spärlich, Kontakt zu den Spielerinnen unmöglich.
Nach der 2:0-Niederlage im Testspiel gegen Deutschland in Ingolstadt im Mai beschrieb ihr Trainer Kwang Min Kim die Frauen als jung und teilweise sehr unerfahren. Ansonsten ließ er die meisten Fragen unbeantwortet, was die Gerüchte über die Spielerinnen weiter schürt.
Wilde Spekulationen über sklavenähnliche Haltung und hämische Kommentare zu den ähnlichen Haarschnitten begleiten die Sportlerinnen. Doch auf dem Rasen traut man den Nordkoreanerinnen einiges zu: Die Weltranglisten-Achten und dreifachen Asienmeisterinnen zählen zum Favoritenkreis.
Nach Vorstellung vieler Westler beruht dieser Erfolg auf einem unmenschlichen Drill und der Androhung von Arbeitslager bei Misserfolg.
Ein ganz anderes Bild zeichnet die österreichische Regisseurin Brigitte Weich, die einen Film über vier Frauen aus der nordkoreanischen Nationalmannschaft gedreht hat. »Ich hatte nie den Eindruck, dass sie in irgendeinem Moment zu irgendetwas gezwungen wurden«, betont Weich, die die Spielerinnen sechs Jahre lang begleitete.
Der Koreanist Rüdiger Frank erläutert: »Der Sport bietet in einer ansonsten sehr einengenden Gesellschaft einen Entfaltungsraum und schafft Möglichkeiten für Erfolgserlebnisse.« Der Nordkorea-Kenner Nicholas Bonner ist sich sicher, dass dies die Spielerinnen zu hohen Leistungen anspornt. »Sie trainieren sehr hart, weil sie zur Weltspitze gehören wollen, sie werden bis an ihre Grenzen gebracht, aber nicht weiter.«
Der in China lebende Brite führt mit seiner Reiseagentur Touristengruppen in das isolierte Land. »Fußball ist der unangefochtene Lieblingssport in Nordkorea«, betont Bonner, der an einem Film über die Männermannschaft beteiligt war, die 1966 in England mit einem Überraschungssieg über Italien in das WM-Viertelfinale gelangte. »Aber heutzutage will niemand zu den Männerspielen gehen, nur bei den Frauen sind die Stadien voll.«
Die Frauen seien besser und auch öfter auf den Titelseiten, erzählt Bonner. »Fußball ist einer der Bereiche, in denen die Geschlechter gleichberechtigt sind.«
Auch Weich zeigt in ihrem Film »Hana, dul, sed« (Eins, zwei drei), der seit zwei Wochen in den deutschen Kinos läuft, dass der Frauenfußball in dem autoritär regierten, kommunistischen Land weit mehr ist als reine Staatsdoktrin.
Gleichzeitig habe diese staatliche Förderung in einem Land mit ausgesprochen konservativen Geschlechterrollen zur Emanzipation beigetragen. »In diesem speziellen Fall hat es genützt, plötzlich dürfen diese Frauen machen, was sie wollen«, sagt Weich. Den Fußballerinnen komme eine wichtige Vorbildfunktion zu.
Dennoch verstehen sich die Spielerinnen als Botschafterinnen ihres Landes und sehen ihre Aufgabe darin, dem »geliebten Führer«, Staatschef Kim Jong Il, Freude zu bereiten. Dass sie Hosen tragen auf dem Platz, später heiraten und insgesamt mehr Freiheit genießen als andere Nordkoreanerinnen, ändert Weich zufolge nichts an ihrer Linientreue.
Entsprechend schockiert sei sie bei ihrem ersten Dreh in Nordkorea gewesen, nachdem sie die Frauen mehrmals bei internationalen Turnieren getroffen hatte, sagt Weich. »Ich konnte die beiden Bilder nicht überein kriegen zwischen den führerverehrenden, ergebenen Bürgerinnen in Pjöngjang und den fröhlichen, toughen Frauen, mit denen wir rund um die Welt gereist waren und tolle Dinge erlebt hatten.«
Allein schon der in der Heimat jederzeit am Revers getragene Anstecker mit dem Konterfei des Staatschefs Kim Jong Il habe sie irritiert.
Seit wenigen Tagen sind die Frauen wieder in Deutschland. Während der Vorbereitung in Leipzig war wenig von ihnen zu sehen, auch ein Testspiel gegen England in Halle findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Doch am kommenden Dienstag, 28. Juni, werden die Asiatinnen in Dresden zu ihrer ersten Vorrundenbegegnung antreten. Ihr Gegner ist ausgerechnet das Team aus den ideologisch so verhassten USA.
Natalia Matter (epd)
18. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Die nigerianische Spielerin Onome Ebi im November vergangenen Jahres im Zweikampf mit Birgit Prinz von der Deutschen Nationalmannschaft. In dem Länderspiel verloren die Nigerianerinnen allerdings mit 0:8. (Foto: imago sportfotodienst)
Christinnen und Muslimas spielen gemeinsam in der nigerianischen Frauenfußball-Nationalmannschaft. Und zumindest in Afrika kommt an den Super Falcons niemand vorbei.
Auf dem Trainingsgelände neben dem modernen Bau, der wie ein Fremdkörper aus der Silhouette der mit rotem Sand bedeckten Ebene heraussticht, machen sich die Frauen warm. Es ist später Nachmittag und nicht mehr so heiß. Ein paar Bäume spenden Schatten und dienen gleichzeitig als Kleiderhaken für Trainingsjacken und Rucksäcke.
Achtmal gewann die Nationalmannschaft Nigerias den Africa-Cup. Jetzt bereiten sich die Sportlerinnen auf die Weltmeisterschaft in Deutschland vor.
Das Training beginnt auch dieses Mal mit einem muslimischen und christlichen Gebet. Die Spielerinnen stellen sich im Kreis auf und halten sich an den Händen. Die Situation ist ruhig, fast andächtig.
Dann ertönt der Pfiff von Coach Eucharia Uche.
Heute steht Fitness auf dem Programm. Doch immer wieder klingelt das Handy der Trainerin, die als Pionierin im nigerianischen Frauenfußball gilt. »Moment, es geht gleich weiter«, ruft sie dann und kümmert sie sich um Flüge, Visa und Hotelunterkünfte für ihre Mannschaft. »Man muss viel improvisieren in Nigeria«, erklärt sie schmunzelnd.
Jedes Kind in Nigeria kennt die Super Falcons. Die Mannschaft mit den Stürmer-Stars Perpetua Nkwocha und Stella Mbachu ist der ganze Stolz der Fußballnation Nigeria.
Bei der WM 2011 wird Nigeria neben Äquatorialguinea Afrika vertreten. »Wir verstehen uns als Botschafterinnen unseres Kontinents«, sagt Trainerin Uche stolz.
»Die Mannschaft hat unheimlich Potenzial«, sagt auch Thomas Obliers, der als sportlicher Leiter das Team für die WM fit machen soll. Auch die Schmach der 8:0-Niederlage im Freundschaftsspiel gegen Deutschland im vergangenen Jahr soll so wieder wettgemacht werden.
Obliers, der bis vor Kurzem noch die Bundesliga-Frauen von Bad Neuenahr trainierte, hat den Spielerinnen deshalb ein hartes Fitnesstraining verordnet. »Das Spiel muss schneller werden«, mahnt der 43-Jährige. Was besser klappt als in Deutschland sind die Hilfsbereitschaft und Solidarität unter den Spielerinnen, hat Obliers festgestellt.
Nigeria ist ein gespaltenes Land – religiös, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Die meisten Spielerinnen der Nationalelf kommen aus dem christlichen Süden. Fast alle Stars starteten ihre Karriere in so bekannten Clubs wie Rivers Angels und Delta Queens in den ölreichen südlichen Bundesstaaten. Mehrere National-Spielerinnen sind heute Profis in schwedischen Clubs.
Muslimische Mädchen müssten härter darum kämpfen, Fußball spielen zu dürfen, meint auch Coach Uche. Oftmals müsse der Trainer das Gespräch mit der Familie suchen und das Familienoberhaupt überzeugen. Auch in der Nationalmannschaft sind sie deutlich in der Unterzahl. »Aber die Zahl der weiblichen Fußballspieler wächst überall in Afrika.«
»Nigeria ist noch eine männerdominierte Gesellschaft«, räumt auch der ehemalige Fußball-Profi Stanley Akpu ein. »Aber der Fußball eint unser Land.« Im Gegensatz zur Politik spiele Religion auf dem Fußballfeld keine Rolle, meint Akpu, der gerade eine Organisation aufbaut, die Nachwuchskicker fördern soll.
Viele Nigerianer sehen im Fußball nicht nur ein soziales, sondern auch ein politisches Ventil. »Der Fußball macht uns vor, dass es möglich ist, für ein gleiches Ziel zu kämpfen, egal welcher Religion oder welchem Stamm man angehört«, sagt Akpu.
Wenn die Falcons auf dem Flughafen ankommen oder ein Hotel beziehen, werden die Frauen und ihre resolute Trainerin von Fans umlagert. Doch auch wenn die sportliche Bilanz der Super Falcons die des Männer-Nationalteams übertrifft, bei Sponsoring und Medienpräsenz haben sie das Nachsehen.
So wurde kürzlich bekannt, dass die Gehaltszahlungen des nigerianischen Fußballverbandes an Uche seit knapp zwei Jahren ausstehen. »Eine unschöne Situation«, gab ein Funktionär zerknirscht zu und versprach eine Nachzahlung.
Bei der WM in Deutschland warten auf die Super Falcons in der Gruppe A schwere Gegner wie Deutschland (30. Juni), Kanada und Frankreich. Aber den Sprung ins Viertelfinale wollen die Nigerianerinnen unbedingt schaffen.
Susann Kreutzmann (epd)
Die Frauen-Fußball-WM in Deutschland
Die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen beginnen am 26. Juni in Sinsheim (Nigeria – Frankreich) und Berlin (Deutschland – Kanada).
Einziger Austragungsort im mitteldeutschen Raum ist Dresden. Dort treffen am 28. Juni die Frauen der USA auf ihre Gegnerinnen aus Nordkorea, am 1. Juli spielen die Mannschaften von Neuseeland und England gegeneinander, am 5. Juni steht die Begegnung Kanada – Nigeria auf dem Spielplan. Danach wird Dresden noch einmal am 10. Juli Austragungsort eines Spiels im Viertelfinale sein.
Das Finale läuft am 17. Juli in Frankfurt am Main.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bietet wieder für Gemeinden die Möglichkeit des kostenlosen »Public Viewing« der von ARD und ZDF übertragenen Spiele an.
Zudem gibt es ein Materialheft unter dem Titel »Gemeinsam fiebern, freuen, feiern« mit Anregungen für die Gestaltung von Gemeindeabenden, Gottesdiensten oder den Konfirmandenunterricht. Es kann kostenlos angefordert werden beim Kirchenamt der EKD, Herrenhäuser Straße 12, 30419 Hannover, Fax 0511/2796-722.
Geborgen sein in der Liebe Gottes
8. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Warum viele Hochzeitspaare sich eine kirchliche Trauung wünschen.
Ab Mai registrieren Standesämter und Kirchengemeinden die meisten Trauungen. Obwohl die Zahl der Eheschließungen insgesamt zurückgegangen ist, trauen sich in Deutschland immerhin jedes Jahr rund 370.000 Paare, einander öffentlich das Jawort zu geben – manche von ihnen auch das zweite und dritte Mal. Die Faszination der Ehe scheint ungebrochen.
Gesellschaftliche Konventionen sind es längst nicht mehr, die eine Heirat wie früher zwingend notwendig machen. Wer heute heiratet, tut es aus freien Stücken. Häufig schließt die Eheschließung eines Paares die Phase langjähriger Prüfung ab und eröffnet eine neue. Die Unsicherheit, ob sie zusammenpassen oder nicht, soll ein Ende haben.
Dass dazu ein schönes Fest gehört, ist für die meisten selbstverständlich: sich den »Traum in Weiß« erfüllen. Sich mit einem schicken Mann, einer schönen Frau zu präsentieren. Gemeinsam im Mittelpunkt stehen. Die Freunde und Familien beider Seiten zusammenbringen. Viele gute Wünsche und Geschenke entgegennehmen. Miteinander essen, trinken, tanzen und fröhlich sein.
Und was haben Gottesdienst und Kirche mit alldem zu tun? Allein den festlichen Rahmen?
Für manche Paare ist das so. Aber die überwiegende Zahl derer, die heute bewusst auch eine kirchliche Trauung wünschen, hat andere Gründe.
Im Traugespräch finden sie nicht immer gleich die richtigen Worte dafür. Aber nach einiger Zeit ist es heraus.
Ja, da sei etwas. Etwas, was sie schwer beschreiben könnten. Irgendwann fällt dann das Wort Segen.
Ja, der Segen sei ihnen wichtig für das Leben zu zweit.
Gesegnet sein. Etwas geschenkt zu bekommen, das mehr ist als du und ich. Die gemeinsame Liebe in einen Horizont stellen zu können, der weiter und höher ist als die Bindung aneinander. Von einer Liebe gehalten werden, die auch dann noch trägt, wenn man sie selbst kaum tragen kann.
Wenn Paare um Gottes Segen bitten, vertrauen sie ihre menschliche Liebe der Liebe Gottes an. Dieses Geborgensein in der viel größeren Liebe Gottes gibt Kraft und Mut für den gemeinsamen Weg. Das gilt besonders für die Zeit, in der Krisen kommen, wie sie wohl in keiner Ehe ausbleiben.
Der gemeinsam empfangene Segen kann daran erinnern, dass es auch für Ehen, die in die Jahre gekommen sind, durch Vergeben und Verzeihen immer wieder einen neuen Anfang gibt. Oder wenn das nicht möglich ist, sich in Achtung voreinander zu trennen.
»Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei«, begründet die Schöpfungsgeschichte die auf Lebenszeit angelegte Partnerschaft als die von Gott gestiftete Ordnung. Es tut dem Menschen gut, Seite an Seite mit einem anderen durchs Leben zu gehen.
Die Ehe gibt dem Zusammenleben einen festen Rahmen, ermöglicht neues Leben und in der Familie verlässliche Beziehungen, die auf Dauer angelegt sind. Andere Lebensformen sind dadurch aber nicht weniger wert.
Für Martin Luther war die Ehe kein Sakrament und die kirchliche Trauung kein Rechtsakt, sondern »ein weltlich Ding«. Die Pfarrer haben für ihn die Aufgabe, für das Paar zu beten und es zu segnen.
Ein Dekret des Preußischen Landrechts drängte 1794 dieses Verständnis der kirchlichen Trauung als Segenshandlung in den Hintergrund. Eine rechtsgültige Ehe konnte seitdem nur durch eine »priesterliche Trauung« vollzogen werden.
Die Einführung der obligatorischen Zivilehe im Jahre 1875 korrigierte diese Entscheidung. Seitdem ist die kirchliche Trauung nicht länger mit einem Rechtsakt verbunden. Die rechtliche Eheschließung geschieht im Standesamt.
Aufgabe der Pfarrer ist es, einen »Gottesdienst zu Beginn einer Ehe« zu gestalten. Sie sollen nicht das überhöhen, was auf dem Standesamt bereits geschehen ist. Aber auch nicht verschweigen, dass Recht allein nicht genügt, eine Ehe zu begründen.
Es geht um mehr: Um Liebe, die wir empfangen, damit wir selber lieben können.
Wolfgang Riewe
ChurchNights oder Kirchennächte?
6. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Pro und Kontra: Zur Verwendung von aus dem Englischen stammenden Fremdwörtern in der Kirche.
Anglizismen sind modern – auch in der Kirche. Diese Vermischung unserer Muttersprache mit Begriffen aus dem Englischen ist dem Verein Deutsche Sprache (VDS) ein Dorn im Auge und zur »Strafe« vergibt er den Negativpreis »Sprachpanscher des Jahres«. Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ist einer der diesjährigen Kandidaten, stellvertretend für die evangelischen Christen. Sollte er auf die unrühmliche Auszeichnung pfeifen?
Pro: Reinhard Süpke, Pfarrer in Oldisleben und Stellvertreter des Superintendenten des Kirchenkreises Bad Frankenhausen-Sondershausen
Ich sage es auf Deutsch: Ich finde viele Anglizismen peinlich. Sie sind oft genug keine Wellness für unsere Sprache, sondern ein Loch Ness – ein Sprachungeheuer.
Aber wir müssen uns fragen, wer hat in Sachen Sprache in der Kirche das Sagen? Der Herr der Kirche, Jesus Christus. Der hat nach seiner Auferstehung den Auftrag gegeben: »Geht in alle Welt und macht alle Völker zu meinen Jüngern.«
Seine Freunde zogen zu den Heiden und nahmen dabei auch die Heidenarbeit auf sich, fremde Sprachen zu lernen, um die Einladung des Evangeliums zu überbringen. So kamen sie schließlich auch zu einer Gruppe Menschen, die sich zum »Volk der Dichter und Denker« mausern sollten.
Dass wir Deutschen uns so nennen, hat ohne Zweifel mit dem Evangelium zu tun, das unseren Vorfahren gepredigt wurde.
Ein Mönch namens Luther schaute dem »Volk aufs Maul« und übersetzte die Bibel in ein verständliches Deutsch.
Ist uns klar, was für ein Skandal das damals für manchen ernsten Kirchenmann war?
Aber wo wären wir heute? Wo sind wir heute?
Im »Volk der Dichter und Denker« denken viele nicht mehr daran, ein Gedicht zu lesen, geschweige denn, eins zu schreiben. Sie denken zuerst daran, wie sie ihr Leben meistern, wie sie mit wenig Mühe viel Spaß haben, wie sie mit Hartz IV leben können oder mit einem schweren Schicksal klarkommen.
Die Jünger Jesu stehen in unserem Land vor einem Problem: Es gibt nicht nur eine deutsche Sprache, sondern die Sprachen ganz verschiedener Milieus. »Geht in alle Welt«, heißt heute: Schaut euch in eurem Land um, die Menschen ein und desselben Volkes leben in verschiedenen Welten und haben ihre eigenen Sprachen.
Sollen sie erst Lutherdeutsch lernen? Oder sollten wir nicht ihre Sprachen lernen, auch wenn sie noch so gepanscht sind?
Das Achtungszeichen des Vereins Deutsche Sprache (VDS) finde ich beachtenswert. Es sollte nicht peinlich werden, wenn wir Menschen gewinnen wollen. Aber der Auftrag Jesu verdient mehr Beachtung als der Preis »Sprachpanscher des Jahres«.
Dem VDS geht es nur um die Sprache unseres Volkes. Und nur um einen Teil dieses Volkes.
Jesus ruft ein Volk Gottes aus allen Völkern zusammen. Die wichtigste Sprache, die darin in dieser Zeit und Welt gesprochen wird, ist die Sprache der Liebe Gottes, die in die Herzen geschrieben wird.
Darum sage ich: »Sprachpanscher des Jahres« – na und? Lasst uns bemüht sein, zuerst dem Auftrag Jesu gerecht zu werden. Solange die Sprache des Herzens stimmt.
Kontra:
Lutz Vogel, promovierter Germanist, war von 2001 bis 2008 Beigeordneter für Kultur und Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Dresden.
Ob Nikolaus Schneider die vom VDS erwogene Verleihung des Preises »Sprachpanscher des Jahres« persönlich verdient hätte, vermag ich nicht zu beurteilen, zu vermuten ist, dass er als Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) seinen Kopf für die um sich greifende Verwendung von Anglizismen in der Kirche herhalten muss.
Das Programm des Kirchentages in Dresden jedenfalls zeichnet sich wohltuend durch eine verständliche Sprache aus. Zwar schleichen sich auch hier »Godly Play mit Kindern«, eine »Impro Performance« oder ein »Speed-Talking« ein, angesichts der großen Anzahl der Veranstaltungen bleiben dies Ausnahmen. Anders in vielen Gemeinden, in denen »ChurchNigths«, »Public-Viewing-Angebote«, »Eventgottesdienste« oder »Worships« grassieren. Was zeitgemäß klingen soll, erweist sich als Anbiederung an den Zeitgeist, als vermeintliche Modernität.
Die Sprache bringt alles an den Tag, unfreiwillig und entlarvend.
Wenn der in die Jahre gekommene Jugenddiakon seine »Activities for Kids« oder das Treffen der Mädchengruppe »Girls only« ankündigt, wirkt dies nicht nur albern, sondern zuallererst unglaubwürdig.
Ich höre schon das Argument: »Auch Jesus würde heute …« Solch unhistorische Hohlformeln werden stets bemüht, wenn etwas als unangreifbar begründet werden soll.
Natürlich hat jede Zeit ihre Sprache. Luther hätte heute die Bibel anders übersetzt. Eine Kirche, die auf Luther gegründet ist und der Schönheit und schöpferischen Bildhaftigkeit seiner Sprache nicht mehr traut, einer solchen Kirche kann ich nicht trauen.
Wie bei der Deutschen Bahn der lächerliche Meeting Point über die Unpünktlichkeit der Züge nicht hinwegzutrösten vermag, so kann eine gedankenlose, von überflüssigen Anglizismen durchsetzte Sprache in der Kirche das sich so zu erkennen gebende Renommiergehabe nicht kaschieren.
Nicht minder ärgerlich und geistliche wie geistige Dürftigkeit offenbarend, sind die häufig zu hörenden Phrasen von Betroffenheit, Wut und Trauer oder der psychologisierende Jargon verschiedenster Selbstfindungsangebote. Dies ist freilich ein anderes Thema.
Gebraucht wird in unserer Kirche nicht stromlinienförmige Anpassung, sondern Glaubwürdigkeit. Diese aber erlangt man durch Aufrichtigkeit und Unangepasstheit.
Für die Kirche gilt, was mit Blick auf das Theater so formuliert wurde: »Wer dem Publikum hinterherläuft, sieht nur dessen Rückseite.«
Schwarz-grünes Protestantentreffen
3. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Einige (politisch nicht ganz korrekte) Anmerkungen zum diesjährigen Kirchentag.
Lindgrün strahlt das Kirchentagsplakat am Leipziger ICE-Bahnsteig. Zwei stilisierte schwarze Hände umfassen das Logo des Kirchentags, das Herz. Es ist grün. So grün wie das Parteibuch der Kirchentagspräsidentin, so auch wie weite Teile des Kirchentagsprogramms.
»… da wird auch dein Herz sein« – und vielleicht auch dein Kreuz, wenn du das nächste Mal an die Wahlurne gehst? Selten war ein Kirchentag auch politisch so grün, wie in diesem Jahr in Dresden. Schon im Januar, bei den ersten Pressekonferenzen des diesjährigen Protestantentreffens, wurde das deutlich. Von Wutbürgern war da die Rede, von den Protesten gegen Stuttgart 21, von den negativen Folgen der Globalisierung.
Natürlich, Kirchentage stehen und standen immer an der Seite der Umweltbewegung – und das ist auch gut so, schließlich ist die Klimakatastrophe wohl kaum noch aufzuhalten, schließlich war die durch Dresden strömende Elbe lange genug eine braune Brühe, auf deren nun drohendes Schicksal als kanalisierter Großschifffahrtsweg nicht zuletzt die kleine Landeskirche Anhalts verdienstvollerweise immer wieder aufmerksam macht.
Aber in diesem Jahr ist doch manches anders: So hält etwa die mitten im Wahlkampf befindliche Berliner Grünen-Chefin Renate Künast eine Bibelarbeit, während von anderen Berliner Landespolitikern nichts zu sehen ist.
Themen wie der Ausstieg aus der Atomenergie bekommen seit Fukushima eine neue Bedeutung – doch das Kirchentagsprogramm war weitgehend schon vor der Kernschmelze im Japan fertig. Und der Dresdener Kirchentags-Pressesprecher Hubertus Grass ist ehemaliger Landesgeschäftsführer der sächsischen Grünen und kandidierte bei der letzten Bundestagswahl im Wahlkreis Osterzgebirge für ein Direktmandat.
Was durchaus delikat ist, bedenkt man, dass zunächst der Berliner Theologe Miguel-Pascal Schaar für diesen Posten vorgesehen war, dem dann kurzfristig gekündigt wurde.
Doch auch die Schwarzen sind beim Kirchentag vertreten, stärker noch als die SPD. Zwar ist die CDU derzeit Regierungspartei in Berlin (und Dresden), weswegen die Auftritte etwa von Angela Merkel als gesetzt zu gelten haben. Doch ist es durchaus eine Premiere für das Protestantentreffen, wenn nun mit Thomas de Maiziere ein amtierender Bundesverteidigungsminister zu den Mitgliedern des Präsidiums des Kirchentags gehört.
Und mindestens genauso bemerkenswert ist es, wenn der Amtswechsel im Berliner Kabinett dazu führt, dass mit einem Dialog zwischen ihm und dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider extra noch eine eigene Veranstaltung ins Kirchentagsprogramm gehoben wird.
Aber der Kirchentag ist eben nicht nur grün. Er ist schwarz-grün, so wie die schwarzen beiden Hände, die auf dem Plakat im Leipziger Hauptbahnhof das grüne Herz des Kirchentags umfassen.
Benjamin Lassiwe
Bob Dylan: Der »krächzende Rabe« wird 70
23. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Mehr als 500 eigene Songs, viele davon Hits, und immer wieder die Fragen nach Heil und Unheil, Sünde und Erlösung.

Die Anfänge: Gemeinsam mit Joan Baez singt Bob Dylan bei einem Auftritt im Rahmen des »March on Washington« am 28. August 1963 das Lied »We Shall Overcome«. (Foto: epd-bild/akg-images)
Als Folk- und Protestsänger wurde er bekannt, doch ließ er sich nie in Schubladen sperren. Bis heute gehört Bob Dylan zu den ganz Großen der Musikwelt.
Sein 33. Studioalbum war für viele Kritiker eine Überraschung: Nach drei eher illusionslos-melancholischen Meisterwerken in den zehn Jahren zuvor, die jedes Mal als sein Vermächtnis gefeiert wurden, hatte Bob Dylan im April 2009 ein Album herausgebracht, das von einer bisweilen geradezu heiteren und beschwingten Stimmung geprägt war. »Together Through Life«, hieß diese CD, die in zahlreichen Ländern die Nummer eins in den Verkaufslisten erreichte – in Großbritannien stand Dylan damit zum ersten Mal wieder seit 1970 an der Spitze.
»Gemeinsam durchs Leben« – der Titel des Albums ist wie eine Überschrift über den Weg Dylans mit seinen Fans. In nunmehr fünf Jahrzehnten hat er wie kein anderer die Geschichte der populären Musik geprägt, und auch heute noch gibt er rund 100 Konzerte pro Jahr; vor Kurzem zum ersten Mal in China und Vietnam.
Seine Anhänger haben ihm, über kurz oder lang, all seine Wandlungen und Häutungen verziehen oder sie mitvollzogen – zum Unverständnis der Umwelt, für die Dylan lediglich ein »krächzender Rabe« ist, »der seit 50 Jahren dasselbe Lied singt«.
Mich begleitet Dylan seit über 30 Jahren durchs Leben.
1979 habe ich mir, als 15-Jähriger, die erste Platte von ihm gekauft: »Slow Train Coming«. Eigentlich war in der streng pietistischen Gemeinde, in der ich groß geworden war, Rockmusik strengstens verboten: Sie war »vom Teufel«, und im Schlagzeug und in den E-Gitarren wirkten »die Dämonen«. Dennoch – oder vielleicht deswegen – waren christliche Rock- und Pop-Bands wie die legendären Damaris Joy Helden der EC- und CVJM-Jugend. Beeinflusst waren diese Bands von den Pionieren des christlichen Rocks aus den USA wie Keith Green und Larry Norman, die sich die Frage stellten: »Why should the devil have all the good music? – Warum sollte der Teufel all die gute Musik haben?«
Natürlich hatte ich Bob Dylan trotz Verbots gekannt: Ich hatte – mehr oder weniger heimlich – bei einem Klassenkameraden seine Platten gehört.
Umso größer war meine Freude, als ich im Herbst 1979 auf der Titelseite eines christlichen Musikblättchens ein Porträt Bob Dylans entdeckte.
Bob Dylan, die Ikone der Protestbewegung, war Christ geworden, er hatte sich bekehrt!
Er war nun einer von uns!
Es gab für mich kein Halten mehr: Ich begab mich umgehend in den nächsten Plattenladen und holte mir die empfohlene »Slow Train Coming.«
Welche Erschütterungen Dylan’s Bekehrung zum Christentum – nicht nur in der Musikwelt – hervorgerufen hatte, konnte ich damals nicht ahnen. Es war für die meisten unfassbar – und ist es für viele Wegbegleiter Dylans bis heute: Da wirft jemand ein Kreuz auf die Konzertbühne und Dylan beginnt, in der evangelikalen Vineyard-Gemeinde in Kalifornien Bibelkurse zu besuchen, er bekehrt sich und schließt sich den wiedergeborenen Christen an.
Dylan wurde fortan als »Bibel-Cowboy« verspottet oder – wie im Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« – als »seltsamer Prediger«, dessen »frömmelnd-reaktionäre« Texte von »schlichter Bibelstunden-Einfalt« seien.
Dylans fromme Zeit hielt allerdings nicht lange an.
Bereits vier Jahre später, 1983, veröffentlichte er ein Album, das den programmatischen Titel trug: »Infidels – Ungläubige«.
Auch Dylans schärfste Kritiker sehen ihm inzwischen die »Born-Again-Phase« nach: als Episode in seinem wahrlich nicht widerspruchsfreien Wirken. Dylan selbst hat sich in allen Phasen seiner Karriere jeglichen Vereinnahmungen rigoros entzogen und stattdessen einst vorgeschlagen, lieber einen Groschen in die Parkuhr zu stecken als irgendwelchen Führern zu folgen.
Gleichwohl sind Religion und Gott ein entscheidendes Thema im Werk des »Rock-Messias«.
Betrachtet man die über 500 Songs, die der Kandidat für den Literatur-Nobelpreis geschrieben hat, ist nicht zu übersehen: Von seinen Anfängen als junger Folk- und Protestsänger Anfang der 1960er Jahre bis zu seinem Spätwerk sind Gericht und Gnade, Sünde und Erlösung, Heil und Unheil, Himmel und Hölle Dylans zentrale Stoffe.
Abraham und der Erzengel Gabriel, David und Goliath, Jesus und der Teufel, Verführer und Verführte bevölkern seine Songwelt. Von der Sintflut zur Bergpredigt, vom Garten Eden bis zum Garten Gethsemane, von Armagedon bis Jerusalem – Dylan ist an allen Orten der biblischen Überlieferungen zu Hause.
Dylans Religion ist eine, die über das Leiden und die Sünde Bescheid weiß und in der ein bekennender Sünder der wahre Heilige ist.
Am 24. Mai feiert der rastlose Pilger und Prophet, der 1941 als Robert Allen Zimmerman oder – so sein jüdischer Name – Shabtai Zisel ben Avraham in Duluth/Minnesota geboren wurde, seinen 70. Geburtstag.
Uwe von Seltmann
Hinweis: Bob Dylan tritt am 25. Juni in Mainz und am 26. Juni in Hamburg auf.
Gott spricht auf mancherlei Weise
15. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Der Gottesdienst hat noch mehr zu bieten als die Predigt.
Hand aufs Herz: Wer hat nicht auch schon so gefragt, bevor er sich am Sonntagmorgen auf den Weg zur Kirche machte? Zu welcher Kirche? Das ist die Frage.
Natürlich kann man so nur in der Großstadt fragen, wo man das Privileg der großen Auswahl hat. Rechtzeitig zur Wochenmitte sind die Namen aller Prediger und Predigerinnen gegebenenfalls in der Zeitung aufgeführt. Da sollte sich doch etwas finden lassen!
Ich muss gestehen: Ich habe oft genug das Angebot studiert, die Speisekarte rauf und runter.
Nach meinem Ausscheiden aus dem Gemeindedienst war ich ja frei, an jedem Sonntag einen anderen Kanzelredner aufzusuchen. Da gibt es Bischöfe aus aller Herren Länder, auch Bischöfinnen selbstverständlich, Professorinnen und Professoren, General- und andere Superintendenten, Pröpstinnen und Pröpste, oft genug garniert mit einem reichen musikalischen Programm.

Im Gottesdienst predigt außer dem Prediger noch vieles andere, zum Beispiel Elemente im Kirchenraum. (Foto: epd-bild)
Mit der Zeit verlor das Kanzelhüpfen seinen Reiz. Eine Weile ging ich noch zu Kollegen und Kolleginnen, die ich schon immer einmal hören wollte.
Aber ehrlich gesagt: In dieser Phase war mein Interesse bald erschöpft.
Jetzt blieb ich öfter mal zu Hause vor dem Fernseher oder ging doch wieder mal in meine eigene Gemeinde gleich um die Ecke, fußläufig zu erreichen. Und je häufiger ich dort erschien, von Mal zu Mal vertrauter wurde mit dem Raum und mit den Menschen und den Besonderheiten der Gemeinde, desto wohler fühlte ich mich da.
Nicht dass es mir egal gewesen wäre, wer da nun predigte. Aber die Predigt war mir nicht mehr ganz so wichtig. Anderes wurde wichtiger. Vor allem die Vertrautheit, das Gefühl der Zugehörigkeit. Vielleicht auch etwas ganz Banales: die Erreichbarkeit, die Nähe und die Chance, den einen oder anderen Nachbarn in der Kirche anzutreffen.
Dies ist kein Plädoyer für die Vernachlässigung der Predigt.
Im Gegenteil.
Die Predigt ist und bleibt nach meiner festen Überzeugung das Kernstück unseres Gottesdienstes. Sie verdient die optimale Ausarbeitung und die bestmögliche Darbietung. Sie zu vernachlässigen hieße, Gott selbst nicht ernst zu nehmen.
Und dennoch: Wir müssen wieder lernen, ernst zu nehmen, dass der Gottesdienst nicht mit der Predigt steht und fällt, dass er noch anderes zu bieten hat. Wir müssen wieder lernen, ernst zu nehmen, dass der Gottesdienst mehr ist als eine Veranstaltung des Predigers, dass er von der versammelten Gemeinde und nicht vom Prediger »gehalten« wird.
Es predigt noch so viel anderes außer dem Prediger oder der Predigerin. Die Ausstattung und Pflege des Raumes, der Empfang, will sagen die Begrüßung an der Tür, der Schaukasten draußen, der ganze Umgangston, die Atmosphäre einer Kirche und nicht zuletzt die Art und Weise, wie eine Pfarrerin oder ein Pfarrer sich der Gemeinde zuwendet, mental und mimisch auf sie zugeht.
Natürlich predigt auf ihre Weise auch die Musik und der gemeinsame Gesang. Und auch die Liturgie natürlich. Was wäre eine Predigt ohne Liturgie!
Ohne die uns überkommene, von Erfahrungen gesättigte und in Erfahrungen bewährte Sprache der liturgischen Gesänge, der Psalmen, des Vaterunsers und auch des Apostolikums!
Was für ein Schatz und was für eine Chance, dass wir noch immer diese Texte haben und sie gemeinsam sprechen, uns von ihnen tragen lassen und mit ihnen in das Lob Gottes einstimmen können, das schon so viele andere vor uns gesprochen und gesungen haben!
»Wer predigt heute?« Wenn wir so fragen, sollten wir nicht vergessen, dass Gott nicht nur »vorzeiten«, sondern auch heute noch »auf mancherlei Weise« (Hebräer 1,1) gesprochen hat und spricht, nicht nur »durch die Propheten« und nicht nur »durch den Sohn« und auch nicht nur durch die Prediger und Predigerinnen, sondern durch ein Zusammenspiel der Kräfte und Begabungen, die in der versammelten Gemeinde, auch in der kleinsten, wirksam sind.
Ulrich Hollop
Der Autor ist Pfarrer im Ruhestand in Berlin.
Nur mit Rock und Kopftuch
10. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Wenn Stefanie Fendler in ihrer brüderisch geprägten Gemeinde von Nowosibirsk einen Gottesdienst hält, gehört unter den Talar ein Rock und auf den Kopf ein Tuch. Neben dem traditionellen Gottesdienst in Deutsch bietet das Pastorenehepaar aber auch zeitgemäße Gottesdienste in Russisch. Foto: privat
Sibirien: Ein Kirchenbezirk so groß wie Westeuropa – Besuch bei dem deutschen Pfarrerehepaar von Nowosibirsk
Frauen waren in der Zeit des Kommunismus in Russland für die Bewahrung deutscher lutherischer Tradition unerlässlich – aber als Pastorinnen haben sie bis heute einen schweren Stand.
Drei blonde Kinder im Grundschulalter stürzen sich auf die Kekse und den Tee. Russland war nicht ihre erste Wahl, sagt Pfarrerin und Mutter Stefanie Fendler. Eigentlich wollte sie zurück nach Afrika, wo sie vor ihrem Studium als Freiwillige gearbeitet hatte. Dennoch folgte das Ehepaar dem Ruf nach Sibirien und reiste mit dem zwei Monate alten Erstgeborenen aus.
Zehn Jahre arbeitet sie bereits in Russland im Dienst der Evangelisch-Lutherischen Hermannsburger Mission, bei der sie als Theologin ausgebildet wurde. Laut Vertrag besetzt sie allein die Stelle. Tatsächlich aber teilt sie sich die Arbeit mit ihrem Mann Michael. Dieser ist ebenfalls Theologe und absolvierte sein Vikariat in der bayrischen Landeskirche.
Die Pionierarbeit reizte die beiden an ihrer ersten Pfarrstelle in der südsibirischen Region Chakassien. Sie sollten dort eine Gemeinde in der Hauptstadt Abakan am Jenissei gründen. Als einzige Europäer standen sie schnell im Fokus der Aufmerksamkeit. Bald waren sie mit sämtlichen einflussreichen Personen bekannt, was sie aktiv für ihren Missionsauftrag nutzten.
Zum Start in Nowosibirsk gab es gleich einen Eklat
Nach sechs Jahren folgte Stefanie einem neuen herausfordernden Ruf ins westsibirische Nowosibirsk. Die evangelische Gemeinde dort bestand ausschließlich aus alten Leuten. Von den ursprünglich leitenden 30 Brüdern war nur noch ein über 70-Jähriger übrig. »Es begann mit einem Skandal«, erzählt Michael. Zur Einführung habe der konservative Bischof anstelle der obligatorischen Dankesrede über die Frauenordination gewettert. »Womit er uns eigentlich einen Dienst erwiesen hat«, sagt Michael, denn die Gemeinde sei aufgestanden und habe ihre neue Pastorin vor dem Bischof verteidigt.
Bis zu Stefanies Amtseinsetzung hatte die Gemeinde Lesegottesdienste gefeiert. Die Texte stammten aus dem Werk des »Wolgapredigers« Carl Blum (1841–1906), dessen mehr als 100 Jahre alte Predigten die Gemeinde mittlerweile auswendig kannte. »Die sehr große geistliche Erfahrung, die die Gemeinde durch das letzte Jahrhundert des Kommunismus hindurch trug, ist ein Schatz in einem unheimlich alten Gefäß. Und dieses zerbröselt nun vor unseren Augen«, erzählen die Fendlers. Doch Form und Inhalt seien extrem stark verschmolzen, was die Weitergabe des Glaubens an Jüngere unmöglich mache. Für Außenstehende sind die sehr traditionellen Gottesdienste gänzlich unverständlich – nicht zuletzt, weil sie seit jeher auf Deutsch gehalten werden.
Darum bietet das Pfarrerpaar seit drei Jahren zusätzlich zu dem traditionellen deutschsprachigen Gottesdienst jeden Sonntag einen zeitgemäßeren auf Russisch an. Insbesondere wollen sie die Kinder und Enkel der Russlanddeutschen gewinnen, die systembedingt nur noch Russisch sprechen. Zehn neue Gemeindemitglieder gäbe es schon, vier davon seien Enkel der alten Kirchgänger, so die Geistlichen.
Russische Gemeinden sind wie sibirisches Holz
Michael Fendler arbeitet seit 2004 ehrenamtlich als lutherischer Propst. Er betreut die Pfarrer und weitflächig verteilten kleinen Gemeinden der Region Mittelsibirien. Dieser Bezirk entspricht der Größe Westeuropas. Für Stefanie als Frau ist es schwieriger, in ihrem Dienst als Pfarrerin voll akzeptiert zu werden. Also legte sie ihren Nasenstecker ab und zieht im traditionellen Gottesdienst Kopftuch und Rock an. Sie wirkt müde, wenn sie über das Thema der Akzeptanz von Frauen als Pastorinnen spricht und meint, Gott hätte doch zu Pfingsten nur ganze Flammen verteilt, keine halben und auch keine größeren und kleineren.
Wir sitzen immer noch am Tisch. Michael zieht ein großes Blech Pizza aus dem Ofen. Er erzählt von einem Holzhändler, jetzt Pastor, der russische Gemeinden mit sibirischem Holz vergleicht: »Sie wachsen langsam, aber mit guter Qualität.« Michael ist beeindruckt von der Opferbereitschaft, mit der viele Christen in Russland treu ihren Glauben leben.
Die Rote-Bete-Pizza auf dem Tisch ist eine gelungene Mischung aus russischer und italienischer Küche. Im Sommer dieses Jahres kehren Fendlers nach Deutschland zurück, um ihre Kinder dort ins Gymnasium zu schicken. »Es war eine reiche Zeit, und eine gute Vorbereitung«, meint Michael, denn weite Wege zwischen kleinen Gemeinden seien zukünftig auch in Deutschland absehbar.
Von Raphaela und Katharina Helbig
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes
8. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Was das Leben des Jesus von Nazareth ausmachte und warum er Menschen mit Glück ansteckte
War Jesus glücklich? Mit diesem Beitrag schließen wir die zweiteilige Folge zu diesem Thema ab.

Christus-Darstellung in Sant'Apollinare Nuovo, Ravenna, 6. Jahrhundert. Foto: wikipedia
Was bei Jesus auch auffällt, ist dieses Planlose, dieses Gehen von Ort zu Ort, das Verweilen, sich Zeit nehmen für die Menschen, die sich ihm in den Weg stellen. Eine unglaubliche Wachheit für den Augenblick. Wir planen unser Leben bis ins Letzte und hoffen auf diese Weise, dem Leben alles Glück abzuringen.
Zeitmanagementseminare waren eine Zeit lang die am besten besuchten Fortbildungen. Sicher, es ist hilfreich, mit seiner Zeit sorgfältig umzugehen, um einerseits den Dienstpflichten nachzukommen und andererseits Zeit für Beziehung und zweckfreie Kreativität zu haben. Was in diesen Seminaren jedoch selten vorkommt, ist das Lebensziel, das Paulus das Wachsen des inneren Menschen nennt oder von dem Jesus in der Bergpredigt spricht: »Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist« (Matthäus 5,48). Jesus geht äußerlich planlos, unabgesichert von Ort zu Ort. Und doch ist dieses Leben nicht ziellos dahingelebt. Immer ist klar, worum es geht: Befreiung, Wachstum, das Gottgemäße in Menschen und Begegnungen. Äußere Ziele, bürgerliche Ziele im Leben hat Jesus von Nazareth nicht verfolgt. Den Zimmermannsberuf hat er aufgegeben, hat keine Familie gegründet. In diesem Sinne ein völlig anderer Lebensweg als der, der unseren Vorstellungen von Glück und Lebensfülle entspricht. Und doch setzt er für alle Menschen ein Ziel, in welchen Lebensbezügen auch immer sie sich befinden, ob verheiratet, verwitwet, alleinstehend, ob in einem Beruf tätig oder von der Versorgung anderer abhängig. Für alle soll gelten: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, dann wird Gott euch alles andere hinzufügen« (Matthäus 6, 33). Es ist das Glück eines Menschen, der sich die Welt nicht einverleiben, sondern zu ihrem Erhalt beitragen will, zu ihrer Verwandlung und Heilung.
Warum überliefern die Evangelien dann nicht ein einziges Lachen? Nur sein Weinen über seinen Freund Lazarus, seine Traurigkeit über den reichen Jüngling, seine Klage über Jerusalem? Ich möchte es nicht hineinfantasieren, das Lachen, und sehe es trotzdem, wenn er Kinder in den Arm nimmt und streichelt, auf einer Hochzeit zu Gast ist und wieder und wieder mit Menschen unterschiedlichster Couleur am Tisch sitzt, isst und trinkt, berührt und sich berühren lässt.
Aber sein Tod. »Wen die Götter lieben, der stirbt jung«, das war die Antwort in der Antike auf das Warum eines zu frühen Todes. »Only the good die young« –, heißt es heute. Keine befriedigenden Formeln. Aber auch die Deutungsmuster christlicher Tradition haben bisweilen mehr verzerrt als offengelegt. Jesus erscheint da manchmal mehr in den Tod und ins Leiden verliebt als ins Leben. Die Evangelien sparen nichts aus – nicht die Gewalt und die Verzweiflung, nicht die Angst und die Agonie. Aber es wird auch nichts von dem, was vorher gelebt, gesagt, passiert ist, zurückgenommen: »Ich bin das Leben«, »liebt eure Feinde«, »vergebt 7 mal 70 mal«, »niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde.« Jesus von Nazareth hält das Nein zur Liebe Gottes aus, das ihm in seinen Peinigern und auch in seinen Jüngern begegnet, um am Ende doch alle zu umarmen. Ich weiß nicht, ob man das noch Glück nennen darf. Das biblische Wort dafür ist Auferstehung – Gott setzt den ausgestoßenen Gerechten ins Recht und nimmt dem Tod, dem Nein die zerstörerische Kraft.
Melitta Müller-Hansen
»Das Mahnen kommt mir deutlich zu kurz«
7. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Gert Schramm, einer der letzten noch lebenden ehemaligen Häftlinge aus dem KZ Buchenwald. Foto: Steffen Reichert
»Tag der Befreiung«: Zwei Menschen aus zwei Generationen und ihr Umgang mit der Erinnerung an eine dunkle Zeit
Als Schwarzer in Buchenwald, als Kumpel bei der Wismut und im Ruhrgebiet, als Rückkehrer in die DDR: das bewegte Leben des Katholiken Gert Schramm
An manchen Tagen ging es leicht von der Hand. Gert Schramm setzte sich an den kleinen Schreibtisch in der Nische seines Wohnzimmers und fing die Erinnerungen ein, Zeile um Zeile. Und dann gab es wieder Tage, da musste er es lassen. Das waren die Tage, an denen die Bilder von einst zu mächtig und dämonisch wurden. An diesen Tagen war er nicht Gert Schramm. Er fühlte sich wie Nr. 49489. Die Häftlingsnummer aus Buchenwald.
Nun aber hat er es geschafft. Das Buch, die Erinnerungen eines Afrodeutschen, liegt vor ihm auf dem Couchtisch. Die Nachbarn haben geklingelt und Fragen gestellt. Und schließlich hat Matthias Platzeck bei ihm angerufen. Er habe das Buch, sagte Brandenburgs Regierungschef dem 82-Jährigen, in einem Atemzug die halbe Nacht gelesen. Er sei erschüttert, aber auch beeindruckt. Und dass er ihn gerne mal bei einer Tasse Kaffee kennenlernen würde. Da wusste Gert Schramm aus dem Städtchen Eberswalde, dass es die Mühen wert gewesen war. »Mir ist es wichtig«, umreißt er sein Credo, »dass auch die Jüngeren erfahren, was in Deutschland möglich war.«
Es ist 1928, als der Farbige in Erfurt geboren wird. Sein Vater ist afroamerikanischer Stahlarbeiter, der für einen Zeitvertrag nach Deutschland kommt, seine Mutter Schneiderin. Eine »strenge, aber glückliche Kindheit« erinnert Schramm, der im christlich geprägten Umfeld aufwächst. Er ist trotz seiner Hautfarbe akzeptiert. Noch gibt es die Republik von Weimar, aber sie ist verletzlich. Als die Nazis 1933 die Macht an sich reißen, ist es für den Jungen ein schleichender Weg von der Diskriminierung bis zur Internierung. Er darf keine Lehre absolvieren, schlägt sich als Jungarbeiter in einer Autowerkstatt durch. Vom Arbeitsplatz holt ihn 1943 plötzlich die Gestapo ab.
»Schutzhaft« nennt sie das, was dem knapp 15-Jährigen widerfährt. Es geht von Gefängnis zu Gefängnis, Verhören folgen Schläge, den Schlägen folgt der Hunger in der Einsamkeit. Bis er, dem nicht gesagt wird, was sein »Verbrechen« sei, im Juli 1944 von Weimar ins KZ Buchenwald gebracht wird. Gert Schramm ist der jüngste farbige Häftling, der in Buchenwald eingesperrt ist. Auch er bekommt den roten Winkel eines »Politischen«, aber er hat hier keinen Namen mehr. Er ist nun Nr. 49489 aus Block 42.
Gert Schramm sieht mehr Leid und mehr Tote jeden Tag, als er sich je vorstellen können wird. Und doch stellt er, das lernt er sofort, am besten keine Fragen. Jedes Auffallen kann sein Ende bedeuten. Er fragt auch nicht, als er nach wenigen Tagen aus dem Arbeitskommando Steinbruch, das der schmächtige Jugendliche »keine drei Wochen überlebt hätte«, herausgelöst und in eine Gerätekammer mit leichter Innenarbeit abgestellt wird. Er weiß nicht warum, »ich habe ja von den Illegalen nichts gewusst«. Aber diese geheimen Häftlingsstrukturen, sie retten ihm das Leben, und der Glaube und der Zusammenhalt, sie prägen ihn auf Dauer. Als die Amerikaner im April 1945 das Lager befreien, ist Gert Schramm einer von 21000, die es geschafft haben – die Spur seines Vaters verliert sich dagegen auf dem Weg nach Auschwitz. Für ihn, den Jugendlichen, beginnt ein neues Leben: »Aber es hat mich hart gemacht, auch gegen mich selbst.«
Gert Schramm dolmetscht bei der russischen Kommandantur, dann wird er 1950 Kumpel bei der Wismut. Später zieht er mit seiner jungen, ebenfalls katholischen Frau ins Ruhrgebiet nach Essen, wo noch besser und vor allem in D-Mark bezahlt wird, wo er sich einrichtet und versucht, Ruhe zu finden. Dass er 1964 wieder in die DDR übersiedelt, ist nur seiner Schwiegermutter geschuldet, die die Tochter immer wieder bittet heimzukehren. Irgendwann sagt er Ja.
Eberswalde heißt die neue Heimat. Die 40000 Seelen zählende Stadt wird auf tragische Weise bekannt, weil hier 1990 mit dem Angolaner Amadeu Antonio das erste Todesopfer rechtsextremistischer Gewalt im vereinten Deutschland zu beklagen ist. Auch wenn das nun 20 Jahre her ist, es »ruhiger geworden ist; wie der vierfache Vater versichert: Gert Schramm kämpft noch immer gegen die braune Gesinnung. Seit zwei Jahrzehnten wirbt er als Zeitzeuge in Schulklassen für Toleranz, ringt als Mitglied im Häftlingsbeirat um das richtige Bild von Buchenwald.
Aber er macht sich als Mitglied im Schützenverein auch dafür stark, dass alle anerkennen, dass die deutsche Einheit selbstverständlich, ihre Demokratie freilich verteidigt werden muss. »Ich verstehe nicht, warum die NPD nicht verboten wird«, klagt er. »Eine Partei, die die Demokratie abschaffen will, kann sich nicht auf den Schutz der Demokratie berufen.«
Die Angst vor dem »Noch einmal«. Es ist einer dieser Punkte, den er den einstigen Häftlingen von Buchenwald erklären muss, wenn sich die letzten Überlebenden in Weimar treffen. Es gibt nicht mehr viel, die aus eigenem Erleben vom KZ berichten können. Vielleicht 100 aus den Ländern dieser Welt, ganze fünf noch aus Deutschland. Gert Schramm will nicht nur Gedenken: »Das Mahnen kommt mir deutlich zu kurz«, lautet sein Resümee.
Von Steffen Reichert
Buchtipp:
Schramm, Gert: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann. Mein Leben in Deutschland,
Aufbau Verlag 2011, 267 Seiten, ISBN 978-3-351-02727-8, 19,95 Euro.
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161
Kindergeschichte: »Emma und das neue Leben«
22. April 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Aufregendes ereignet sich zwischen Karfreitag und dem Ostermorgen auf Josis Hühnerhof.
Josi lag im Bett und weinte. Wegen Emma. Mama saß am Bettrand und streichelte Josi übers Haar. Sie sagte dabei nichts.
Karfreitag war sowieso ein komischer Tag.
Am Karfreitag erinnerte man sich daran, dass Jesus gestorben war. Das wusste Josi aus der Christenlehre. Deshalb waren alle Geschäfte geschlossen, es durfte keine fröhliche Musik gemacht werden und die Glocken läuteten auch nicht mehr.
Aber dieser Karfreitag war besonders schlimm. Denn heute Nacht war Emma gestorben.
Am Mittwoch war die Klasse 2b im Zoo gewesen. War das eine Aufregung! Josi liebte alle Tiere. Sie wollte mal Tierärztin werden. Gar nicht sattsehen konnte sie sich an den Affen, den Elefanten, den Tigern und den Krokodilen! Und zum Schluss durfte sogar jeder eine Runde auf einem Kamel reiten!
Am Donnerstag fragte Frau Hermann, die Klassenlehrerin, jeden aus der 2b nach seinem Lieblingstier. Florian sagte: »Löwe!«, Lucie sagte: »Affe!«, Jonathan sagte: »Lama!«, Julia sagte: »Zebra!« Außerdem wurden noch dreimal die Giraffen genannt, zweimal die Kängurus und die Erdmännchen sowie je einmal die Eisbären, die Otter, die Chinchillas und die Nashörner. Josi war als Letzte dran und sagte: »Hühner.« Hinter ihr wurde gekichert, und Florian rief: »Die gab’s gar nicht im Zoo!«
Frau Hermann schaute Florian streng an, weil er – wie immer – einfach reingerufen hatte. »Ich habe ja nicht gesagt, dass es ein Tier aus dem Zoo sein muss. Wenn Josi Hühner mag, ist das doch in Ordnung.«

Das war wirklich so. Am liebsten mochte Josi die Hühner. Sie hatten zu Hause sieben Hennen. Josi hatte ihnen sogar Namen gegeben und konnte alle unterscheiden. Und hier sind sie:
Berta mit dem weißen Fleck am Hals,
Frieda mit der hohen Stimme,
Hilda, die dauernd scharrte,
Herta, die kleinste von allen,
Emma mit den langen Schwanzfedern,
Klara, die zutraulichste und
Wilma, die als Einzige braune Eier legte.
Und dann gab’s natürlich noch August den Starken. Das war der Hahn.
Frieda und Emma saßen seit fast drei Wochen auf ihren Eiern und brüteten. Erst hatten beide jeden Tag ein Ei gelegt: Frieda insgesamt sieben und Emma vier. Dann hatten sie sich draufgesetzt. Und sie gingen nur kurz von ihren Eiern runter, um was zu fressen oder zu trinken.
»Wieso setzt sich Frieda auf sieben Eier und Emma nur auf vier?«, hatte Josi ihren Papa gefragt. »Das wissen nur die beiden«, hatte der geantwortet. »Sie sind dann halt in Brutstimmung.« Dieses Wort hatte Josi noch nie gehört, aber sie wusste, was es bedeutet. Wenn sie nachschauen wollte, ob noch alle Eier unter Frieda und Emma lagen, dann begannen die beiden sofort nach ihrer Hand zu hacken und wild zu gackern. Keine Chance! Brutstimmung eben.
»Ein brütendes Huhn nennt man Glucke«, hatte Papa ihr erklärt. Die beiden Glucken Frieda und Emma hatten es fast geschafft. Nur noch wenige Tage, bis aus den Eiern kleine gelbe kuschelige Küken schlüpfen würden. Und dann das …
Als Josi heute Morgen in den Stall ging, um nach den Hühnern und den Eiern zu schauen, lag Emma neben ihrem Nest und bewegte sich nicht mehr. Josi rannte sofort zurück zu Papa und rief: »Komm schnell, mit Emma ist was ganz Schlimmes passiert!« Josi und Papa liefen in den Stall.
Papa nahm Emma hoch, untersuchte sie und sagte leise: »Sie ist tot. Aber noch warm. Es muss grade erst passiert sein.« Josi schossen sofort die Tränen in die Augen. »Warum ist sie gestorben, Papa?« »Sie ist sechs Jahre, Josi. Das ist für ein Huhn schon ziemlich viel. Sie war einfach alt.«
Und jetzt lag Josi im Bett und weinte. Wegen Emma.

»Was wird eigentlich aus Emmas Eiern?«, fragte Josi zwischen zwei Schluchzern. »Papa hat sie Frieda mit untergeschoben. Vielleicht brütet sie ja Emmas Eier mit aus«, erwiderte Mama. »Aber Frieda hat doch selber sieben Eier.« »Na, sieben eigene und vier fremde, das macht zwölf. Das schafft Frieda schon.« »Sieben und vier macht Elf, Mama. Ich kann ja besser rechnen als du!« Josi musste sogar schon wieder lächeln.
»Komm schnell in den Stall!« Es war Sonntagmorgen – Ostermorgen –, und Papa war ganz aufgeregt. Josi zog sich schnell Jacke und Schuhe an und rannte über den Hof. Im Stall gackerte Frieda zufrieden vor sich hin, und um sie herum wuselten elf kleine gelbe Wattebällchen. August der Starke stand in der Nähe, hielt den Kopf schief und beschaute sich seinen Nachwuchs. Papa war richtig aufgedreht.
»Sogar Emmas Küken sind geschlüpft! Alle vier!« Papa lachte vor Freude. »Welche sind Emmas Küken?«, fragte Josi und hockte sich hin. Papa schaute sie erstaunt von der Seite an. »Also Josi, woher …« Dann brach er ab, schob vier Küken ein wenig zur Seite und sagte: »Die sind es.«

Josi hatte nur Augen für Emmas Küken. Die kleinen gelben Dinger waren noch ganz wacklig und fiepten leise. »Du bist Klein-Emma. Du bist Emmalein. Du bist Emily. Und du bist Emma Zwei. Eure Mama war toll. Sie hatte die längsten Schwanzfedern von allen!«
Text: Thomas Reuter / Zeichnungen: Kathrin Gehres-Kobe
Ostern mit Gänsehaut-Gefühl
15. April 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Interview: Für den deutschen Propst in Jerusalem bringen Karwoche und Osterfest einen Veranstaltungsmarathon.
In diesem Jahr fallen westliches und östliches (orthodoxes) Osterfest zusammen, darüber hinaus beginnt am Karmontag das achttägige jüdische Hochfest Pessach. Johannes Zang sprach darüber mit Propst Uwe Gräbe.

Uwe Gräbe ist evangelisch- lutherischer Propst in Jerusalem. Der 45-jährige, promovierte Theologe lebt mit Familie in Jerusalem und leitet die deutschsprachigen evangelischen Einrichtungen in Israel, Palästina und Jordanien. Foto: Johannes Zang
Wie begehen Sie als lutherischer Propst die Karwoche?
Gräbe: Wir haben vom Palmsonntag an eine genauso volle Woche wie alle Kirchen hier. Am Palmsonntag haben wir selbst natürlich keine Prozession, aber ganz viele Leute aus unserer Gemeinde sind mit der traditionellen Palmsonntagsprozession unterwegs. Obwohl es ursprünglich eine katholische Veranstaltung ist, ist sie inzwischen ganz ökumenisch geworden.
Was heißt »eine volle Woche wie alle Kirchen in Jerusalem«?
Gräbe: Wir haben während der ganzen Karwoche jeden Tag Passionsandachten. Zudem feiern wir am Gründonnerstag einen gemeinsamen internationalen Gottesdienst mit unseren arabischen und anderen internationalen Partnern; danach gehen wir in einer Prozession zum Garten Gethsemane, kommen spät nach Hause, und haben am Karfreitag ganz früh schon wieder gemeinsam mit den Anglikanern eine Prozession auf der Via Dolorosa. Und dann natürlich den Karfreitagsgottesdienst am Nachmittag um 15 Uhr zur Todesstunde Jesu.
Wie werden Sie Ostern feiern?
Gräbe: Ostersonntag beginnen wir in aller Frühe mit einem Osternachtsgottesdienst oben auf dem Ölberg im Garten des Archäologischen Instituts mit Blick über die Judäische Wüste nach Osten. Dort stimmen wir dann das große Osterhalleluja an wenn die Sonne gerade irgendwo über Amman aufgeht. Das ist eine ganz bewegende Erfahrung, gerade für die vielen jungen Leute, die Freiwilligen- und Zivildienst hier im Land leisten. Das macht eine Gänsehaut. Nach diesem Osternachtsgottesdienst frühstücken wir miteinander. Gestärkt wandern wir dann in der Gemeinschaft runter in die Altstadt. Hier gibt es abschließend den großen Hauptgottesdienst in der Erlöserkirche. Danach wird erst einmal geschlafen.
Erlebt man hier in der Konfliktregion Nahost die Karwoche und Ostern intensiver als anderswo?
Gräbe: Auf jeden Fall! Schon weil der politische Konflikt eigentlich immer mitschwingt. Ganz exemplarisch ist die Frage der Permits, der Passierscheine, für Christen. Es ist ja so, dass Menschen aus dem Westjordanland, besonders wenn sie zu einer bestimmten Altersgruppe gehören, es grundsätzlich sehr schwer haben, eine Erlaubnis zu bekommen, um auf diese Seite der Sperranlage zu gelangen. Zwar haben die Israelis eigentlich die Regelung, an hohen christlichen Feiertagen sehr freigiebig mit Permits zu sein, aber sie haben auf der anderen Seite ebenso die Regelung, zu den ganz hohen jüdischen Feiertagen, die Kontrollpunkte einfach zuzumachen. Und so kann es dann in der Karwoche und zu Ostern zu der Situation kommen, dass die Christen in Bethlehem zwar alle Passierscheine haben, aber dann trotzdem der Checkpoint zugemacht wird, weil gerade einer der Haupttage von Pessach ist.
Gibt das Fest der Auferstehung auch Hoffnung, dass es jemals zu einer guten Lösung des Konflikts kommt?
Gräbe: Sonst wären wir, glaube ich, nicht Christen. Ich erlebe es ganz oft mit Solidaritätsgruppen: Die kommen so richtig belastet hierher, haben vorher ganz viel studiert und wissen, der Nahostkonflikt ist so schwierig. Und dann haben sie oft so theoretische Überlegungen, die noch mehr Schwere im Raum verbreiten. Und dagegen zu erleben, dass die Menschen hier, die es wirklich am allerschwersten haben, am allerfröhlichsten das Osterhalleluja anstimmen können – das ist etwas, was durchaus überspringen sollte.
Landkonflikt am Posaunenberg
11. April 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Conchita Benjamin und einige Mitglieder der Gemeinde Neu Herrnhut auf der Karibikinsel St. Thomas überlegen, wie sie altes Kirchenland zurückbekommen können. Foto: Andreas Herrmann
Karibik: Auf der US-Insel St. Thomas kämpfen Herrnhuter Christen um ihr ehemaliges Kirchenland
Auch in »Gottes eigenem Land«, wie sich die USA gern bezeichnen, müssen Kirchengemeinden gelegentlich
vor Gerichten ihr Recht erstreiten.
Conchita Benjamin von der Gemeinde Neu Herrnhut auf der Karibikinsel St. Thomas – die zu den in USA-Besitz befindlichen American Virgin Islands gehört – hat einen Traum: Sie möchte eine kleine Siedlung mit verschiedenen diakonischen Einrichtungen, wie Altenheim, Schule und Wirtschaftsbetriebe einrichten. Ihr Vorbild dazu liegt bei der Diakonie im ostsächsischen Herrnhut. Von hier zogen zu Zeiten des Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf ab 1732 Missionare nach Westindien – so eine ältere Bezeichnung für die Karibik. Bis heute trägt die karibische Provinz der weltweiten Brüder-Unität, zu der neben St. Thomas noch weitere sieben Inseln der Kleinen Antillen gehören, den Namen Westindien Ost.
Für den Traum der Mittvierzigerin fehlt jedoch neben Geld auch Land. Das möchte sie ändern und hat dazu auch einen Plan. Nach alten Landkarten war den Herrnhutern vor knapp 280 Jahren von der damaligen dänischen Kolonialverwaltung mehr Grund und Boden zugesprochen worden, als jetzt noch der Gemeinde gehört. Von dem Gebiet am Posaunenberg – ein Name, den Graf Zinzendorf bei seinem Besuch 1739 höchstselbst dem Hügel gegeben hat – sei heute nur noch ein Viertel übrig geblieben, klagt Conchita Benjamin.
Im Jahre 1917 hatten die USA die Inseln St. Thomas sowie St. Croix und St. John von Dänemark gekauft, womit die American Virgin Islands mit der Hauptstadt Charlotte Amalie entstanden. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erstellte die US-Regierung dann ein Landkataster. Später sind jedoch die alten Dokumente vernichtet worden, berichtet die Aktivistin. Viel Kirchenland, rund 600 Acres – ein Acre entspricht etwa 4000 Quadratmetern – seien da schon in Privathand gelangt. Einflussreiche Leute in der Nachbarschaft hätten Grenzsteine versetzt und das Land als ihres genommen.
In seiner Kindheit, erinnert sich auch Gemeinderat Glenn Kuabena Davis, existierte rund um die alte Herrnhuter Missionsstation ein Aberglaube, dass nachts Teufel über das Land zögen. In Wirklichkeit aber seien das Männer gewesen, die Grundmarken versetzten.
Die Pastorin der Gemeinde Neu Herrnhut, Anique Elmes-Matthew, ist dagegen vorsichtig und rät im Streit um das Land eher zur Zurückhaltung. Zunächst müsse recherchiert werden, ob die Übertragungen von Kirchenland an Privateigentümer in der Vergangenheit wirklich ohne rechtlichen Status erfolgt seien, sagt sie. Darüber hinaus könne sich ihre kleine Kirche einen komplizierten Rechtsstreit gar nicht leisten.
Denn das Land am Posaunenberg gehört derzeit zu weiten Teilen offiziell einer der einflussreichsten Familien auf St. Thomas, mit besten Kontakten zu guten Anwälten in den USA und natürlich ganz anderen finanziellen Möglichkeiten. Hinzu kommt, dass sich die rund 230 Mitglieder der Gemeinde Neu Herrnhut und die heutigen Nutzer des ehemaligen Kirchenlandes auch persönlich kennen und so zwischenmenschliche Konflikte vorprogrammiert sind, die Christen eigentlich vermeiden sollten, gibt die Pastorin zu bedenken.
Die Leute vom Ältestenrat um Conchita Benjamin aber möchten nicht aufgeben. Nächstes Ziel ist die Herbeischaffung weiterer Grundstücksakten, die sich möglicherweise im Archiv der Herrnhuter Brüderunität in Deutschland befinden. Vielleicht sei aber auch eine andere Lösung als die Landrückgabe möglich, meinen sie. Zum Beispiel ein finanzieller Ausgleich durch die US-Regierung, der dann in diakonische Arbeit an anderer Stelle fließen könnte. Aber auch dafür müsse man eben streiten.
Andreas Herrmann
Das Wort vom Kreuz ist ein Lebenswort
9. April 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Begründete Hoffnung für alle Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind

Foto: Harald Krille
Doch dies ist nur die eine Seite des Wortes vom Kreuz, seine befreiende Kunde für alle, die Unrecht getan oder das Gute zu tun versäumt haben. Denn das Wort vom Kreuz geht nicht in dem auf, was Gott in der Passion Jesu für andere tut, sondern fragt auch danach, was Gott für den Gekreuzigten selbst tut. Ein solcher Perspektivenwechsel nimmt Jesus zunächst nicht als Sühnopfer, sondern als ein Gewaltopfer in den Blick, als einen von vielen Menschen, die Opfer von Gewalt sind.
Denn der Tod Jesu am Kreuz ist als letzte Konsequenz seines Lebens nach dem Willen Gottes gleichwohl eine brutale Gewalttat. In einer Welt, in der Menschen hoch hinaus wollen, in der sie herrschen und siegen, andere und sich selbst je neu übertreffen wollen, ruft eine Gestalt, die den Gegenweg geht, den von oben nach unten, nicht nur ungläubiges Staunen und Verwunderung, Hohn und Spott, sondern Aggression und blanken Hass hervor. Die Machtspiele des Fortschritts und der Herrschaft nicht mitzuspielen, das stört und blamiert diejenigen, die sie inszenieren oder sich auch nur daran beteiligen. Spielverderber können darum nicht geduldet werden.
Wie kommt nun Gott seinem zum Opfer von Gewalt gewordenen Sohn zu Hilfe? Gott setzt sich in der Auferweckung des Gekreuzigten zu dieser Gewalttat ins Verhältnis. Das Wort vom Kreuz ist kein Sterbenswörtchen, sondern ein kräftiges Lebenswort: Die Auferweckung Jesu von den Toten ist Gottes schöpferische Antwort auf das Unrecht, das Jesus ans Kreuz gebracht hat. Auferweckung ist Neuschöpfung, Ruf in ein Leben, über das der Tod keine Macht mehr hat.
Sie ist Gottes Widerspruch gegen die, die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Die Auferweckung des unschuldig Hingerichteten ist eine göttliche Protest- und Widerstandshandlung gegen Verhältnisse und Strukturen, in denen Menschen zu Opfern und Tätern von Gewalt werden.
Indem Gott den Gekreuzigten nicht im Tod lässt, setzt Gott das Leben gegen den Tod, den Segen gegen den Fluch durch. Die Auferweckung ist als schöpferisches Tun eine göttliche Segenshandlung am Gekreuzigten. Gott segnet den Gekreuzigten mit unvergänglichem Leben.
Gott ergreift Partei für den, der grausam zu Tode gequält wurde. Gott identifiziert sich mit dem, der zum Opfer gott- und lebensfeindlicher Mächte und Gewalten geworden ist. Mit der Auferweckung des Gekreuzigten entzieht Gott den Gewalttätigen jede Legitimation für ihre Tat. Gott setzt das Gewaltopfer ins Recht. Die Auferweckung Jesu ist ein göttlicher Rechtsakt.
Und nicht zuletzt liegt darin eine Selbstdefinition Gottes. Indem Gott Jesus nicht im Tod belässt, gibt Gott gleichsam zu Protokoll, nicht mit denen verwechselt werden zu wollen, die Menschenopfer fordern oder denen man sie meint darbringen zu müssen.
Unbestritten ist der Gekreuzigte ein Opfer von Gewalt, Gott wurde er damit aber gerade nicht zum Opfer dargebracht. So von der Auferweckung Jesu zu reden, macht hellhörig, wenn von Opfern die Rede ist, die wir angeblich in Kauf nehmen müssen. Ein solches Wort vom Kreuz fordert dazu heraus, im Namen Gottes erhobene Opferforderungen als Missbrauch des Namens Gottes zu entlarven, die Verschleierung von Opferverhältnissen aufzudecken, der Bereitschaft zur Selbstaufopferung entgegenzuwirken, die Faszination, die von der Opferrolle durchaus auch ausgehen kann, zu enttäuschen.
So von der Auferweckung Jesu zu reden, weckt die begründete Hoffnung für alle, die zum Opfer von Gewalt geworden sind, dass Gott der ihnen widerfahrenen Gewalt nicht das letzte Wort lässt, sondern sich an ihnen als protestierender, segnender, zurechtbringender Gott erweist, der nicht tatenlos zuschaut, wenn auch nur einem Geschöpf Gewalt widerfährt. Denn wer Menschen Gewalt antut, schneidet dem menschgewordenen Gott ins eigene Fleisch.
Magdalene L. Frettlöh
Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum.
Auf der Suche nach Elite
8. April 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Elite ist gefragt – auch im Bereich der Universitäten: Absolventinnen und Absolventen der Bonner Friedrich-Wilhelm-Universität warten in Talaren und Baretten auf ihre Abschlussurkunden. Foto: JOKER/Karl-Heinz Hick
Kirche und Gesellschaft: Die evangelische Kirche will der Milieuverengung in ihren Reihen entgegenwirken
Ein neues Positionspapier beschreibt das Verhältnis der Kirche zu den Führungskräften in der Gesellschaft.
Evangelische Kirche ist in Deutschland bürgerlich. Zu den Kirchengemeinden gehören Menschen aus dem Mittelstand – Beamte, höhere Angestellte, kleine Selbstständige und ihre Familien. Hartz-IV-Empfänger sucht man in Gemeindekirchenräten, Presbyterien und ähnlichen Gremien dagegen oft vergebens. Und für Unternehmer, Politiker und Professoren gilt dasselbe. Zumindest das aber soll sich in Zukunft ändern: Denn mit einem am Dienstag in Berlin veröffentlichten Text will die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihr Verhältnis zu den Eliten in Deutschland neu definieren.
Im Zentrum steht dabei ein Begriff, der zugleich der Titel des in der Reihe der EKD-Texte erschienenen Positionspapieres ist: »Evangelische Verantwortungseliten«. Ein Großteil des 33 Seiten umfassenden Textes beschäftigt sich mit der Frage, was »Elite« eigentlich ist. »Der Begriff Evangelische Verantwortungselite zielt auf evangelische Christen, die ihre gesellschaftlichen Aufgaben aus einer christlichen Überzeugung heraus wahrnehmen«, heißt es in dem Papier. Es gehe nicht um Vorstellungen von Elite, die nur an Herkunft, Besitz oder Bildungsstand anknüpfen. Fast in jeder Zeile des neuen Textes ist zu spüren, dass die EKD hier einen ziemlichen Spagat beginnt.
Einflussreiche und materiell vermögende Menschen sollen in die Kirche eingebunden werden, ohne zugleich die Grundposition des Protestantismus zu verändern, der sich in erster Linie an der Seite der Armen sieht. »Mein Kirchenverständnis ist von Dietrich Bonhoeffer geprägt«, sagt der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, der an diesem Text mitgearbeitet hat. »Kirche kann nur sein, wenn sie Kirche für andere ist.« Doch die Kirche habe nicht nur den Kontakt zu Industriearbeitern, sondern auch zu Führungskräften verloren.
In den letzten 20 Jahren seien der Einfluss und die Prägekraft des Protestantismus im Bereich der Eliten geschwunden. Um diesen Zustand zu ändern, plädiert der Text dafür, die Erwartungen von Eliten an »ihre« evangelische Kirche stärker wahrzunehmen. »Spezifisch ethische und persönliche Fragestellungen und Konfliktlagen sind hier ebenso zu berücksichtigen, wie der besondere Bedarf an Vertrauen und Verschwiegenheit.«
Übergemeindliche Angebote für Führungskräfte, Profil- und Personalgemeinden böten Möglichkeiten, um zu vermeiden, dass »in der evangelischen Kirche der Eindruck eines Ausschlusses der gesellschaftlichen Verantwortungsträger von der Botschaft des Evangeliums entsteht.«
Auf der Suche nach guten Beispielen bedient sich der neue EKD-Text deswegen noch einmal bei Wolfgang Huber. »Veranstaltungen in der Verantwortung kirchlicher Leitungspersonen, von herausragenden Konzerten bis zum gesprächsintensiven Bischofsdinner« seien gefragt, heißt es. Genau das hatte dieser in seiner Zeit als Hauptstadt-Bischof immer wieder angeboten. Es ist ein Teil seines Vermächtnisses an die EKD, wenn der neue Text dazu auffordert, protestantische Eliten zu fördern und zu pflegen – denn ohne sie hat die Kirche ebenso wenig Zukunft wie ohne die breite Masse der Gemeindeglieder.
Benjamin Lassiwe
www.ekd.de/download/ekd_texte_112.pdf
Elite kontra Mittelmaß?
Worte wie Elite und Eliteförderung sind derzeit in aller Munde – auch in den Kirchen. Als Gegensatz dazu wird oft das Schreckgespenst des Mittelmaßes an die Wand gemalt. Der studierte Politikwissenschaftler und Historiker Markus Reiter hält dem sein »Lob des Mittelmaßes« entgegen. Darin erklärt der freie Journalist und Publizist, »warum wir nicht alle Elite sein müssen«, wie es im Untertitel des Buches heißt. Denn: Ob Sport, Wissenschaft, Wirtschaft oder Ökonomie – es sind gerade die mittelständischen Unternehmen, es sind die breiten und stabilen Mittelschichten, die unser Land und die Gesellschaft tragen. Freilich: »Mittelmaß heißt nicht Stillstand, heißt nicht, sich treiben zu lassen. Auch das Mittelmaß bedarf steter Anstrengung und eines gewissen Eifers. Es heißt aber sehr wohl, die Beschränktheit menschlicher Möglichkeiten zu erkennen und anzuerkennen.« Angesichts der aktuellen Diskussion um die Atomenergie und ihre Folgen ein geradezu prophetischer Ansatz. (GKZ)Reiter, Markus: Lob des Mittelmaßes. Warum wir nicht alle Elite sein müssen,
oekom-verlag, 93 Seiten, ISBN 978-3-86581-239-1, 12,95 Euro

Papst Benedikt XVI. hat in seiner Begegnung mit den Vertreterinnen und Vertretern der EKD im Augustinerkloster in Erfurt von unserer gemeinsamen ökumenischen Aufgabe gesprochen, uns gegenseitig dabei zu unterstützen, tiefer und lebendiger zu glauben. Daran sollten wir anknüpfen.
Der Besuch des Papstes im Evangelischen Augustinerkloster zur Begegnung mit einer Delegation der EKD und der anschließende gemeinsame Gottesdienst – beides war ein deutliches ökumenisches Signal. Dies wurde mir noch einmal besonders klar am Samstag während der Messe auf dem Domplatz. Im Vergleich zu dieser riesigen Veranstaltung und zur sehr großen Entfernung zwischen Papst und Gemeinde dort war das Treffen im Augustinerkloster ein großes Signal an das Miteinander.
An den Besuch des Papstes hatten sich im Vorfeld viele Erwartungen geknüpft, auch in Bezug auf das ökumenische Verhältnis. Ich sehe es so, dass die Begegnung als solche dementsprechend der ökumenische Zugewinn war, und das wird verstärkt durch den Ort, an dem sie stattfand. So war es wohltuend zu hören, wie der Papst die Person Martin Luther als einen Gottes- und Wahrheitssucher gewürdigt hat.
Bestes Wetter, freundliche Stimmung, bunte Bilder. Sonst nichts, was einen Aufbruch auch nur andeuten würde.
»Wo Gott ist, da ist Zukunft« war das Motto des Papstbesuches. Dass das auch für seinen »Stellvertreter auf Erden« gilt, wird man nach Abschluss der Reise nicht sagen können.
Lange erwartet, von vielen ersehnt, von manchen erhofft, von einigen abgelehnt, aber immer in der öffentlichen Debatte – der Papst. Seine Rede vor dem Deutschen Bundestag war umstritten, nicht wegen des Inhaltes, denn den hätte man sich erst anhören müssen, um streiten zu können, sondern ob der Tatsache, dass ein Kirchenoberhaupt und der Vertreter des Vatikanstaates im deutschen Parlament spricht.
Papst Benedikt XVI. hat nichts Neues gesagt, nicht in der rechtsphilosophischen Vorlesung vor dem Bundestag, nicht im Augustinerkloster in Erfurt. Der wache Mann mit verschmitztem Humor jenseits des Redemanuskripts bringt religiöse Fragen, Gott, Jesus Christus zur Sprache. Er will diese Welt nicht dem rein Funktionalen und dem »Diktat des Relativen« überlassen. Intellektuell anspruchsvoll, geistlich anregend und zeitgeistig inkorrekt war das. Applaus! 