Wo alles begann

24. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Frau berührt den Stern in der Geburtsgrotte unter der Geburtskirche in Bethlehem. Er trägt die Inschrift »Hic de ­Virgine Maria Jesus Christus natus est« - »Hier wurde von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren«.	Foto: epd-bild/Kobi Wolf.

Eine Frau berührt den Stern in der Geburtsgrotte unter der Geburtskirche in Bethlehem. Er trägt die Inschrift »Hic de ­Virgine Maria Jesus Christus natus est« - »Hier wurde von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren«. Foto: epd-bild/Kobi Wolf.


 

Bethlehem: Hier soll nach der Tradition in einer als Stall genutzten Grotte Maria den Heiland geboren haben.


 
Wo sie steht, soll sich einst die Geburt des Friedefürsten ereignet haben. Doch bis heute geht es in und um die Geburtskirche in Bethlehem mitunter alles andere als friedlich zu.

 
Im vierten Jahrhundert nach Christus machte die byzantinische Königinmutter Helena eine Reise ins Heilige Land und lokalisierte dabei die meisten traditionellen Heiligen Stätten – so etwa den Berg Sinai, die Grabeskirche und die Geburtsgrotte Jesu. Zwischen 327 und 333 ließ Kaiser Konstantin eine erste Basilika bauen. Als im 7. Jahrhundert die Perser alle Kirchen des Landes dem Erdboden gleichmachten, blieb die Geburtskirche verschont. Der persische Kommandeur soll von einem Fresko der Drei Weisen aus dem Morgenland so beeindruckt gewesen sein, dass er das christliche Gotteshaus stehen ließ: Die drei Magier waren persisch gekleidet.
 
Bis in die jüngste Zeit hinein hat die Geburtskirche eine bewegte Geschichte und ist Gegenstand des Streites christlicher Konfessionen. Mitte des 19. Jahrhunderts war sie einer der Hauptgründe dafür, dass die Franzosen in den Krimkrieg gegen Russland einstiegen. Auch während der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzungen wurde sie immer wieder Schauplatz von Kämpfen. Im Frühjahr 2002 verschanzte sich eine Gruppe militanter Palästinenser in dem Gebäude und wurde von der israelischen Armee belagert.
 
Die heutige, im fünften Jahrhundert errichtete Kirche, gehört zu den wenigen vollständig erhaltenen Bauten aus der frühen Christenheit und hat für viele Menschen eine geradezu mystische Ausstrahlung. Selbst muslimische Frauen kommen, stecken ihre Finger in kreuzförmige Löcher einer der uralten Säulen und bitten um Fruchtbarkeit. Palästinensische Christen bringen ihre Neugeborenen an den Geburtsort des Herrn. Sie versprechen sich davon einen besonderen Segen.
 
Zankapfel der Politik und der Konfessionen

Zu Weihnachten geht es in Bethlehem hoch her. Am späten Vormittag des 24. Dezember wird der lateinische Patriarch, der seinen Sitz in Jerusalem hat, von Bevölkerung und Geistlichkeit Bethlehems pompös vor der Geburtskirche empfangen. Aus der katholischen Katharinenkirche, direkt neben der orthodoxen Basilika gelegen, wird am Heiligabend die Christvesper weltweit im Fernsehen übertragen.
 
Nachdem der Moslem Jasser Arafat zum Weihnachtsfest 1995 an diesen Festivitäten teilgenommen hatte, erlebten sie eine zunehmende Politisierung. Zu Ehren des PLO-Vorsitzenden wurde damals ein Modell des Felsendoms auf dem Dach der Geburtskirche platziert, was Beobachter als Demonstration der Herrschaft des Islam über die heiligste christliche Stätte ­interpretierten. Erstmals in der Geschichte der Geburtskirche hing eine Nationalflagge, die palästinensische, an der Kirchenmauer – was weder unter den Türken, noch unter Briten, Jordaniern oder Israelis jemals der Fall gewesen war.
 
Auch ohne Weltpolitik bietet das Areal genug Zündstoff für Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen christlichen Denominationen, die Anspruch auf die Geburtsgrotte Jesu erheben. Besonders zu Festzeiten wird jeder Tritt einer Prozession, die genaue Länge von Gottesdienstzeiten, jeder Besenstrich eines Mönchs beim Hausputz vor dem Fest, mit eisernem Ernst durchfochten. Deshalb haben die britischen Kolonialherren 1929 jede Einzelheit im sogenannten »Status quo« schriftlich dokumentiert, nachdem dieser 1856 in Paris festgelegt und auf dem Berliner Kongress 1878 und im Vertrag von Versailles 1919 noch einmal bestätigt worden war.
 
Zwar konnten die römischen Katholiken (Lateiner) mit Dokumenten aus dem 17. und 18. Jahrhundert
ihre uralten Ansprüche »beweisen«. Durchgesetzt haben sich aber die ­Orthodoxen, die heute das alleinige Recht besitzen, im Hauptschiff der kreuzförmigen Kirche Prozessionen abhalten zu dürfen. Die Armenier, die im nördlichen Querschiff sitzen, dürfen das Hauptschiff nur auf dem Weg in ihren Bereich durchqueren. Und die Lateiner, die den Krippenaltar in der Grotte besitzen, haben nur Durchgangsrechte vom Haupteingang zum Eingang ihres Konvents, und von ihrer Kirche in einer geraden Linie durch das nördliche Querschiff zur Nordtür der Grotte.
 
Sie dürfen keinerlei religiöse Zeremonien in der Basilika durchführen und dürfen dort auch nicht putzen. Die eifrigen Nachfolger des Friedefürsten kämpfen um jeden Quadratzentimeter, um jedes Quäntchen Staub, um jedes Jota Rechtsanspruch. Was zuweilen bis zu blutigen Schlägereien führt. Die Staatsmacht wird in solchen Fällen zur Schlichtung gerufen. Vor einigen Jahren war das noch die israelische Militärregierung, heute ist es die Palästinensische Autonomiebehörde.
 
Die westliche Christenheit kümmert der kleinliche Streit um den Geburtsort Jesu nur wenig. Sie feiert Weihnachten am 24. Dezember – und am Abend dieses Tages sind die Lateiner Alleindarsteller in der Geburtskirche. Die evangelischen Lutheraner haben ihre Weihnachtskirche Luftlinie ein paar Hundert Meter entfernt auf der anderen Seite der Altstadt von Bethlehem und erheben keinen Besitzanspruch auf den angeblich originalen Geburtsort Jesu. Und die orthodoxen Ostkirchen feiern das Christfest erst am 6. Januar.
 
Der wichtige Großputz, beim dem jeder Besenstrich ein Akt von weltpolitischer Bedeutung ist, weil es weniger um Sauberkeit als um Besitzansprüche geht, ist ein Streitpunkt ­zwischen Gläubigen der Ostkirchen. Auch er findet erst im Januar statt, wenn für die Westkirche das Weihnachtsfest schon längst im Rummel von Silvester und Jahreswechsel verklungen ist.
 
Johannes Gerloff

Der Herr des Tages und der Nacht

23. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Foto: picture alliance

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Theologie: Tag und Nacht gehören zur Schöpfung Gottes und stehen unter seiner Herrschaft – Nachdenken über »Heilige Nächte«.

 
In der Nacht erscheint Gott dem Abraham, im Bethlehemer Stall wird des Nachts der Heiland geboren, der später ebenso in einer Nacht ­ver­raten wird. Ein nächtlicher Streifzug durch die Bibel.
 
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein!« – so beginnt ein Weihnachtslied von Dieter Trautwein (EG 56). Die tiefe Nacht der Gottesoffenbarung, die frohe Nacht der Geburt Jesu wird darin zur traurigen Nacht der Menschen in Beziehung gesetzt. In diesem Beziehungsgefüge leuchten Spuren dessen auf, was Nacht in der Bibel bedeutet.
 
Die Finsternis, das lehren die ersten Verse der Bibel, ist älter als das Licht. »Es werde Licht!«, spricht Gott als ersten Satz in der Schöpfung (1. Mose 1,3) und begrenzt mit diesem das Licht hervorbringenden Schöpferwort die Finsternis. Danach benennt Gott die Finsternis als Nacht und setzt sie sprachlich in Opposition zum Licht beziehungsweise zum Tag: Er »nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht«.
 
Tag und Nacht, Licht und Finsternis stehen so als aufeinanderbezogene Dimensionen unter dem Urteil, das Gott über seine Schöpfung gefällt hat: »Gott sah an, alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut«.
 
Nach der Vertreibung aus dem Paradies, nach der Rettung der Menschheit durch die Sintflut hindurch verheißt Gott: »Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht« (1. Mose 8,22).
 
Weder im Raum des Paradieses noch in dem der gefallenen Schöpfung wird also die Finsternis als unbegrenzte Macht oder absolute Kraft gedacht. Dies gilt trotz aller Gefahren, die nach biblischem Zeugnis die Nacht birgt als Zeit des menschlichen Versagens (zum Vergleich vor allem das Verhalten der Jünger Jesu in der Nacht seiner Verhaftung).
 
Dies gilt trotz aller todbringenden strafenden Begegnungen mit Gott in der Nacht (2. Mose 12,29+30) und allen Schmerzen, aller Angst, aller Einsamkeit und Unruhe, die vor allem die Psalmbeter und Hiob in Worte fassen. Und das gilt auch und vor allem angesichts des Todes, des dem Raum der Nacht zugeordneten Schlafes Bruder.
 
Dass die Nacht nicht gottlos ist, sondern dass die Finsternis vielmehr auch ein Bereich Gottes, ja ein Wohnort des göttlichen Geheimnisses ist, das wird in der Bibel vielfach bezeugt. Der weise König Salomo formuliert (1. Könige 8,12): »Die Sonne hat der Herr an den Himmel gestellt; er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen.«
 
»Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht« (EG 16, Strophe 5), dichtet Jochen Klepper in der Adventszeit 1938.
 
Zu dieser theologisch-weihnachtlichen Deutung der Nacht passt, dass die Nacht in der Bibel auch als die Zeit der Gottessuche und des Gebets verstanden wird: »Am Tage sendet der Herr seine Güte, und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.« (Psalm 42,9) Auch für Jesus, so berichten die Evangelien, war die Nacht der Raum für das persönliche Gebet (Lukas 6,12).
 
Vielfach werden in der Bibel nächtliche Gottesbegegnungen und Gotteserfahrungen bezeugt: In Träumen und Nachtgesichten erscheint Gott Jakob und Salomo; auch den nichtjüdischen König Abimelech warnt Gott im Traum und Paulus erfährt vielfach Gottes Ermutigung und Wegweisung in Nachtgesichten.
 
Sowohl im Alten wie im Neuen Testament ist die Nacht auch die Zeit der segensreichen Gottesoffenbarungen: In der Nacht verheißt Gott Abraham so viele Nachkommen als Sterne am Himmel zu sehen sind; in der Nacht sagt er Isaak seinen Segen und die Mehrung seiner Nachkommen zu; in der Nacht verheißt er durch den Propheten Nathan David und seinen Nachkommen das Königtum über Israel; in der Nacht offenbart er den ­Hirten die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem; in der Nacht erweist er seine Macht in der Auferweckung Jesu Christi vom Tode.
 
Auch die christliche Gottesdienstordnung ist von solchen Nachtbezügen gekennzeichnet: »In der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot …« heißt es in 1. Korinther 11,23 von der Einsetzung des Heiligen Abendmahls – und bis heute feiert die christliche Gemeinde am Gründonnerstag einen Abend- oder Nachtgottesdienst. Die zwei wichtigsten nächtlichen Gottesdienste sind bis heute jedoch die Osternacht, in Erinnerung an die Auferstehung Jesu Christi, und natürlich das Weihnachtsfest. Das Licht der Osterkerze am Ostermorgen bezeugt wie die vielen Kerzen in den Gottesdiensten der Heiligen Nacht Jesus Christus, der von sich gesagt hat: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.« (Johannes 8, 12)
 

Dass Jesus in der Heiligen Nacht geboren ist, Christus in der Nacht des Ostersonntags auferstand, findet seine Fortsetzung darin, dass das Gericht, das der Wiederkunft Christi vorausgeht, an manchen Stellen in der Bibel als ein nächtliches Ereignis beschrieben wird. Erst nach Christi Wiederkunft, am Ende der Zeit, so erzählt es die Offenbarung, verschwinden Tag und Nacht, das Fortschreiten der Zeit, ja verschwindet die Dunkelheit und Finsternis für ewig: »Und es wird keine Nacht mehr sein … denn Gott der Herr wird sie erleuchten.« (Offenbarung 22, 5)
 
Bis die Nacht endgültig besiegt sein wird, feiert die Christenheit Weihnachten und singt dabei mit den Worten Martin Luthers: »Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein; es leucht’ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht. Kyrieleis.« (EG 23, Vers 4)
 

Andreas Löw, der promovierte Theologe ist Pfarrer in Korntal.

Griechische Weihnacht: Fest ohne Hoffnung

16. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Mildes Wetter, dennoch harte Zeiten – immer mehr Hellenen kehren ihrer Heimat den Rücken zu

Die Gespenster der Schuldenkrise inspirieren auch griechische Graffiti-Künstler – wie hier auf einem Ladentor in der Hauptstadt Athen. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Aristidis Vafeiadakis

Die Gespenster der Schuldenkrise inspirieren auch griechische Graffiti-Künstler – wie hier auf einem Ladentor in der Hauptstadt Athen. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Aristidis Vafeiadakis


Die Krise in Griechenland wird immer drastischer. Die Wirtschaft liegt brach. Angesichts der Perspektivlosigkeit denken viele Menschen
an Auswanderung – nicht nur die ganz jungen.

Das Wetter ist mild. In den letzten Tagen vor Weihnachten ist das ungewöhnlich für Nordgriechenland. Die Bewohner sind zu dieser Jahreszeit einen rauen Seewind gewohnt. Vor allem in der Hafenstadt Thessaloniki tobt er sich aus. Ganz ­anders in diesem Jahr: Bei angenehmen 13 Grad und Sonnenschein herrscht dichtes Gedränge in der Innenstadt.

Die Massen ziehen an den Schaufenstern entlang, trotz der Krisen­situation herrscht in der Millionenmetropole noch Kauflaune – so als wolle man sich und seinen Liebsten ein letztes Mal etwas gönnen. Dennoch: Von einem regen Konsum vor dem Fest kann allerdings keine Rede sein. Etliche Beschäftigte warten seit Monaten auf ihre Bezahlung. Andere mussten Gehaltskürzungen von mehreren Hundert Euro hinnehmen. Oder sie waren vom massiven Stellenabbau in ihrer Firma betroffen. Wer noch regelmäßig rund 1200 Euro im Monat bekommt, kann sich glücklich schätzen. Die Lebenshaltungskosten sind denen in Deutschland vergleichbar.

»Ausverkauf« – Vorzeichen für kältere Tage

 
Dass die Zeiten sich radikal geändert haben, tritt auch in der City von ­Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands, deutlich zutage. Geschäftsleute klagen über einbrechende Umsätze. An beinah allen Läden gibt es Schilder, die mit Extrem-Rabatten locken. Preisnachlässe bis zu 50 Prozent sind die Regel. Bargeld muss dringend in die Kassen. Auch solche Hinweise sind zuhauf ausgehängt: »Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe« oder »Zu vermieten«. Täglich mehren sich diese Ankündigungen.

Vorzeichen kälterer Tage, Zeiten sozialer Härte. Weihnachten ist in Griechenland in diesem Jahr ein Fest ohne Hoffnung. Für die elf Millionen Hellenen, die zu 98 Prozent orthodox sind, ist es eine notwendige Auszeit vor den massiven Sorgen des Alltags. Die Angst vor Jobverlust, sozialem Abstieg und anhaltender Perspektiv­losigkeit geht um. Viele sehen eine Chance nur noch im Auswandern, auch wenn sie schon ein gesetzteres Alter erreicht haben.

Zu ihnen gehört der 46-jährige ­Kriton Grigoriou. Sein Ziel lautet: Melbourne in Australien. »Ich habe ein Touristenvisum für den Sommer, werde bei einem Verwandten wohnen und mich nach Arbeit umsehen«, berichtet er nüchtern. Die Lage in Griechenland sei »sehr schlecht« – und Aussicht auf zügige Besserung gebe es nicht.

Grigoriou hat in den USA und in England studiert. Sport und Tourismus-Management. Lange hat er in ­einem Reiseunternehmen gearbeitet, dann wurde ihm infolge der Krise gekündigt. Er schlug sich als Aufseher im Byzantinischen Museum von Thessaloniki durch, doch seit einem Monat ist er wieder arbeitslos. »Ein halbes Jahr lang erhalte ich den Einheitssatz von 450 Euro staatlicher Unterstützung«, sagt er.
Die Arbeitslosenhilfe ist in Griechenland zeitlich nach der Beschäftigungsdauer gestaffelt. Maximal wird sie ein Jahr lang gezahlt. Danach fallen viele ins Bodenlose. Sozialhilfe gibt es in Griechenland nicht.

Grigoriou sieht in der Übersiedlung auf den fünften Kontinent seine einzige Möglichkeit, wirtschaftlich wieder Fuß zu fassen. Die Zeit drängt. Er erklärt: »Einwandern kann man in Australien nur bis zum 50. Lebensjahr. Vorausgesetzt, dass man einen Beruf hat, bei dem Nachfrage besteht.« Das gelte besonders für Ärzte, Mechaniker, Pflegekräfte und eben Tourismus-Experten. Mulmig sei ihm schon zumute angesichts des Wechsels in eine neue Welt. Doch immerhin spricht er fließend Englisch und hat seine berufliche Ausbildung im angelsächsischen Ausland absolviert.

Heute gehen Fachkräfte – morgen fehlen sie dem Land

 
Der Abzug von Fachkräften – er könnte die Lage in Griechenland ­verschlimmern. Grigoriou weiß allein aus seinem Freundeskreis von vier Personen, die ihr Glück in einem anderen EU-Land suchen wollen. Der Tourismus gilt zwar als jene Branche, in der Griechenland gute Entwicklungschancen hat. Doch Grigoriou, der vom Fach ist, sagt entnervt: »Ich habe allein im letzten Jahr 250 Bewerbungen geschrieben und keine einzige Antwort erhalten.«

Die Wirtschaft liegt am Boden. Und viele befürchten, dass es wegen der Sparauflagen der Regierung noch schlimmer wird. Loukas Papademos, neuer parteiloser Regierungschef, musste als ersten Akt seiner Amtszeit per Unterschrift ein Bekenntnis zum Konsolidierungskurs des Landes abgeben – Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte es gefordert. Auch von den Chefs der Koalitionsparteien, den ­Vorsitzenden der Sozialisten, Konservativen und Rechtspopulisten. Die Schreiben galten als eine der Voraussetzungen für weitere EU-Hilfen.

In Griechenland teilen sich die Meinungen über den Einfluss und die Kontrolle der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) über den Haushalt des Landes. Viele sprechen auch von einer zu großen deutschen Dominanz. Andere wiederum sehen gerade in der EU-Führungsrolle Deutschlands die einzige Rettung – nicht nur für das eigene Land. Kriton Grigoriou ist dieser Auffassung: »Die Nachrichten überstürzen sich. Man weiß nicht mehr, was man glauben soll und kann. Fest steht: Ich bin für ein vereintes Europa.« Wie sich die Lage im alten Kontinent entwickelt, wird er aber aus dem fernen Australien beobachten.

Gorgio Tzimurtas

»Mein Leben wird von unsichtbarer Hand geführt«

16. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der Schauspieler Horst Krause alias Dorfpolizist Horst Krause über seine Arbeit, sein Leben und den Glauben

Der Brummbär in der Kirchenbank: (v. l.) Elsa Krause (Carmen-Maja Antoni), Horst Krause (Horst Krause), Meta Krause (Angelika Böttiger) und Rudi Weißglut (Tilo Prückner) im neuen Fernsehfilm »Krauses Braut«. Foto: rbb/Arnim Thomaß

Der Brummbär in der Kirchenbank: (v. l.) Elsa Krause (Carmen-Maja Antoni), Horst Krause (Horst Krause), Meta Krause (Angelika Böttiger) und Rudi Weißglut (Tilo Prückner) im neuen Fernsehfilm »Krauses Braut«. Foto: rbb/Arnim Thomaß


Horst Krause ist als liebenswert grummelnder Dorfpolizist im brandenburgischen »Polizeiruf« einem Millionenpublikum bekannt. Am 18. Dezember wird der Schauspieler 70. Am 20. Dezember ist er in der ARD in »Krauses Braut« zu sehen. Steffen Reichert sprach mit ihm.

Herr Krause, Sie werden in Ihren Interviews immer wieder auf die Kons­tellation angesprochen, Horst Krau­se vs. Horst Krause. Heute sollen Sie stattdessen sagen, ob Sie das nervt. Es ist ja für den Zuschauer tatsächlich schwer auseinanderzuhalten, was bei Horst Krause Fiktion und was Realität ist.
Krause: Das ist auch für den Zuschauer unwichtig. Wichtig ist, dass sich der Zuschauer mitgenommen fühlt. So, dass die Frage eigentlich gar nicht auftaucht. Wenn die Frage wirklich auftaucht – was ist Krause, was ist Figur –, dann stimmt vielleicht auch beim Zuschauer was nicht.

Sie sind in den letzten zehn, 15 Jahren ganz stark über die Rolle Krause identifiziert worden …
Krause: Also, wollen wir mal so sagen: Die Wende war für mich ein völlig neuer Abschnitt im Leben. Nach der Wende entdeckten auf einmal Leute Dinge bei mir, die vorher nicht gesehen wurden. Oder vielleicht vorher nicht gesehen werden wollten. Aus welchen Gründen, weiß man nicht. Aber auf jeden Fall – nach der Wende brach für mich eine Zeit an, für die ich dem Schöpfer danken kann.

Denken wir nur an die Geschichte mit der Frotteeunterwäsche. Sie beschwerten sich bis hin zum Parteisekretär eines Chemnitzer Kaufhauses, weil man Ihnen nicht fünf Garnituren verkaufen wollte. Sie waren also offensichtlich jemand, der auch schon vor 1989 deutlich gesagt hat, was er denkt.
Krause: Ja, aber so portioniert, dass man nicht sagen konnte: Der ist gesellschaftsfeindlich eingestellt. Sondern ich habe das so vorgetragen, dass man die Möglichkeit hatte, mich zu korrigieren.

War die Zeit in Chemnitz eigentlich Ihre schönste, Ihre prägendste Zeit?
Krause: Die längste Zeit. Ich war 15 Jahre in Chemnitz am Theater. Danach bin ich ja nach Dresden gegangen.

Sie haben mal gesagt, Sie hätten sich da unterfordert gefühlt …
Krause: Jaja, ich hätte dort vielleicht auch andere Rollen spielen können. Wenn ich mir überlege, was dort gemacht wurde – Don Quichotte und Sancho Pansa. Da hätte ich mich schon als Sancho Pansa gesehen. Aber die Konzeption hätte natürlich eine völlig andere sein müssen. Ich weiß nicht, woran es lag. Ob es an mir lag oder der damaligen Führung.

Ihr Repertoire ist sehr breit angelegt. Welche religiöse oder historische Rolle würden Sie gerne einmal spielen?
Krause: Mich hat immer sehr »Nathan der Weise« interessiert. Aber ich glaube nicht, dass ich ihn in meinem Leben noch spielen werde.

Verbinden Sie mit Kirche beziehungsweise mit Glaube ein besonderes Erlebnis, eine besondere Erfahrung?
Krause: Ja, ich glaube, dass mein ­Leben von einer unsichtbaren Hand geführt wird und habe den Eindruck, das auch zu spüren.

Haben Sie denn schon einmal in einer Kirche als einem Ort der Ruhe gedreht, die plötzlich zum hektischen Tatort wurde?
Krause: Diese Situation hatten wir einmal bei einem »Polizeiruf«. Aber in diesem Fall wird die Kirche zu einem Drehort wie jeder andere.

Nun steht ja in diesem Jahr ein großes Jubiläum an: Wohl wissend, dass Sie eher ungern über Ihr privates ­Leben reden …
Krause: Ja, das möchte ich nicht.

Wollen Sie dennoch sagen, wie Sie diesen 70. Geburtstag im Dezember feiern werden?
Krause: Ich werde nicht zu erreichen sein.

Mit diesem Jubiläum verbindet sich aber eine Frage …
Krause: Ich habe kein Jubiläum.

Okay. Dennoch: Ihr Kollege Peter Sodann ist als »Tatort«-Kommissar vom MDR mit 70 in den Ruhestand geschickt worden.
Krause: Wir sind beide nicht zu vergleichen!

Aber normalerweise wird man als Polizeibeamter spätestens mit 67 Jahren pensioniert. Denken Sie darüber nach?
Krause: Nein, denke ich nicht, weil ich glaube, dass das die Zeit entscheidet. Und da soll man nicht drüber nachdenken. Man soll sich auf das Heute freuen! Über das Gestern nachdenken und sich auf das Morgen auch freuen!

Das kommt ja wie in Stein gemeißelt. Was haben Sie denn sonst noch für Pläne – Theater zum Beispiel?
Krause: Ich mache manchmal unbewusst Theater.

Mal im Ernst…
Krause: So, wie ich im Moment zu tun habe, das genügt mir. Weil ich ja auch mit meiner Freizeit gerne etwas anzufangen weiß. Was kommt, wird gemacht, mit Freude gemacht. Wie war das bei Goethe? Ältestes bewahrt mit Treue, freundlich aufgefasstes Neue.

Advent und Weihnachten sollen im biblischen Sinne einladen zum Innehalten. Haben Sie Gelegenheit dazu?
Krause: Die innere Einkehr ist bei mir nicht an die Jahreszeit gebunden.

Fernsehtipp: »Krauses Braut« wird am
20. Dezember 2011 um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.

 
Zur Person
Horst Krause, geboren in Bönhof in Westpreußen, feiert am 18. Dezember seinen 70. Geburtstag. Im Zuge der Vertreibung als eines von fünf Kindern 1947 ins brandenburgische Ludwigsfelde gekommen, wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Er absolvierte eine Lehre als Traktorist, arbeitete als Laienschauspieler und wurde nach einem Schauspielstudium 1969 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) engagiert. Seinen nationalen Durchbruch erreichte er erst nach 1990. Krause drehte u. a. mit Hape Kerkeling und Wolfgang Stumph, Joachim Król, Evelyn Hamann und Gerd Dudenhöfer – meist stellt er humorvoll-markante Typen dar. ­Inzwischen als grummelnder, liebenswerter Polizeihauptmeister beim ­»Polizeiruf« des RBB ermittelnd, ist er längst einem Millionenpublikum ­bekannt. Aus dieser Krimireihe heraus ­entwickelte sich die erfolgreiche Filmreihe »Krauses Fest«, die den Polizeibeamten privat mit seinen Sorgen und Nöten zeigt.

Weniger ist mehr

15. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Überfluss: Die Volkskrankheit »Zuvielitis« macht auch vorm Kinderzimmer nicht Halt

Auch für die Weihnachtsgeschenke gilt: Es müssen nicht viele sein. Ein einziges Präsent kann Freude genug auslösen. Foto: picture-alliance/dpa

Auch für die Weihnachtsgeschenke gilt: Es müssen nicht viele sein. Ein einziges Präsent kann Freude genug auslösen. Foto: picture-alliance/dpa


Das Angebot an Spielsachen ist unüberschaubar groß und verlockend zugleich. Doch ein Zuviel an Geschenken und Eindrücken überfordert die Kinder.

Voriges Jahr durfte oder besser gesagt musste Jannik (6) jeden Tag vier Adventskalender öffnen: Den mit Schokolade von der netten Nachbarin, den mit den roten Säckchen von der Patentante, in dem Süßes oder ein Zettel mit der Ankündigung einer gemeinsamen Aktivität steckte, zwei von den Großeltern – ­einen mit einem Legospielzeug für ­jeden Tag und einen mit Mini-Bilderbuch. »Richtig freuen konnte sich Jannik gar nicht mehr – er hat nur noch abgeräumt«, erinnert sich seine Mutter Steffi Klein (Name geändert).

Diese Erfahrung mit der Überfülle weckt in ihr die Sehnsucht nach dem guten ­alten Adventskalender, der jeden Tag mit einem schlichten bunten Bild ­erfreute. »Weniger ist mehr«, hat sie deshalb beschlossen und Freunden und Großeltern mitgeteilt: »In diesem Jahr kriegt Jannik nur von uns einen Kalender.«

Mit ihrer Entscheidung liegt Steffi Klein auf der Linie dessen, was die neuere Hirnforschung belegt: »Zu viele Eindrücke legen das Lustzentrum des Gehirns lahm, sodass wir uns weder richtig begeistern noch freuen können«, erklärt Archibald Hart in seinem Buch »Wer zu viel hat kommt zu kurz«.

Immer neue Angebote zur Unterhaltung, Freizeitevents und Medien versprechen Glück, Zufriedenheit, Bildung und Erfolg. Und so führt für viele der Weg zum vermeintlichen Glück über das Kaufen und Konsumieren.

»Und so führt für viele der Weg zum vermeintlichen Glück über das Kaufen und Konsumieren«

 
Diese Haltung macht auch vor den Kinderzimmertüren nicht halt: Kuscheltiere en masse, Puzzles, Kons­truktionsspielzeug von Holzeisenbahn über Bauklötze und Legosteine, eine Flut pädagogisch wertvoller Lernspiele, von Büchern, Hörbüchern und Computerspielen lassen die Spielzeugregale überquellen. Mit dem Ergebnis, dass Kinder angesichts der Fülle kaum noch wissen, womit sie spielen sollen.

Erzieherin Reinhild Pelger setzt sich für ein reduziertes Angebot und die bewusste Auswahl von Spielzeug ein – und dafür, dass ­Eltern es aushalten, wenn ihre Kinder auch mal über Langeweile jammern. »Man muss Kinder auch mal in Ruhe lassen. Sie brauchen nicht unentwegt Vorschläge. Sie suchen und finden Spiel-Räume – man muss ihnen aber auch Zeit dafür lassen«, ist Pelgers Erfahrung.

Kinder brauchen nicht immer neues Spielzeug. Sie müssen nicht unentwegt unterhalten und beschäftigt werden. Kinder brauchen so etwas wie die »Expedition zu den Gegenständen des täglichen Lebens«, fordert Donata Elschenbroich. Sie gilt als Expertin für Bildung in den frühen Jahren und hat sich auf dem Gebiet der international vergleichenden Kindheitsforschung einen Namen gemacht. Sie ermutigt Eltern, Kinder nicht ausschließlich in die Sonderwelt von gekauftem Spielzeug zu entlassen, sondern sie in den ganz normalen Alltag einzubeziehen.

Kinder brauchen und lieben es, mitmachen und helfen zu dürfen. Beim Einkaufen und Aufräumen, beim Wäscheaufhängen und Autoputzen, beim Kochen und Backen, beim Laubfegen und Tischdecken. Und sie brauchen es, dass Eltern ­gemeinsam mit ihnen ganz banale Alltagsgegenstände entdecken. Denn, so führt Donata Elschenbroich aus: »In den Dingen steckt das Wissen der Welt und die Alltagsgegenstände sind spannender als viele Spielzeuge.«

Was zum Beispiel kann man mit einer Wäscheklammer alles machen? Und wie ist zu erklären, dass dieses Wunderding immer wieder in die Ausgangslage ­zurückkehrt? Wie funktioniert eine Stimmgabel? Und was lässt sich mit ihr entdecken? Donata Elschenbroich erinnert an die »Wunderkammer« des frommen Reformpädagogen August Hermann Francke, der für seine ­Zöglinge eine solche Wunderkammer mit alltäglichen und geheimnisvollen Exponaten anlegte, um »über die Welt staunen zu lernen und Gottes Taten
zu feiern«.

»So gewinnen womöglich die einfachen Freuden und die Rituale vergangener Tage wieder neue Bedeutung«

 
Die meisten Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Angesichts von verheerenden Pisa Studien boomt das Angebot von Frühförderungskursen: Englisch für Kleinkinder ab drei Monate, Frühschwimmen, musikalische Förderung und und und. »Verplante Kindheit«, nennen Wissenschaftler die nicht selten entstehende Terminhetze, denen Kinder vermehrt ausgesetzt sind. Hinzu kommt schon früher Medienkonsum: Kassetten und Hörbücher, Fernsehen, Playstation und Computer vertreiben zwar vordergründig die Langeweile oder vermitteln womöglich sogar Wissen.

Sie sorgen zugleich aber für Mangel an Bewegung und für eine Flut von kaum zu verarbeitenden Eindrücken. Handeln und Gestalten sind nicht ­gefragt. Das Fernsehkind wird leicht zum Konsumkind. Weil es beim Fernsehen nicht die Möglichkeit habe, selbst etwas einzubringen, fehle ihm das Gefühl, anderen etwas geben zu können. »Es bleibt ohne emotionale Bindung«, urteilt der renommierte Hirnforscher Prof. Gerald Hüther.

Nachhaltig präge sich nur das ein, was wiederkehrt und was eigene ­Aktivität erfordert, betont er. Neuronale Verknüpfungen und Bahnen entstehen durch Wiederholung und Rituale. Und so gewinnen womöglich die einfachen Freuden und die Rituale vergangener Tage wieder neue Bedeutung: die Reime und Kinderlieder, die Dämmerviertelstunde bei Kerzenlicht, das Gutenachtgebet, der Kakao nach dem Baden am Freitagabend, das Verkleide- und Verwandlungsspiel, der Spaziergang im Wald, und die Kunst, aus einem Stock eine Wünschelrute, einen Zauberstab oder eine Bohrmaschine zu machen. Weniger ist mehr – Eltern und Kinder können es gemeinsam entdecken.

Karin Vorländer

Lesetipps

Elschenbroich, Donata: Die Dinge. Expeditionen zu den Gegenständen des täglichen Lebens, Kunstmann Verlag, 206 S., ISBN 978-3-88897-681-0, 18,90 Euro
Hüther, Gerald/ Nitsch, Cornelia: Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden, Gräfe und Unzer, 224 S., ISBN 978-3-8338-0747-3, 19,99 Euro

Der trauernde Wirt

15. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Erzählung: Eine Variation zur biblischen Weihnachtsgeschichte

Foto: picture-alliance/dpa

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Der Wirt spielt in der Geschichte von Jesu Geburt eine undankbare Rolle.
Ein neuer Blick auf ihn.

Seit Rut am 3. Elul gestorben ist, quäle ich mich durch die Tage. Nichts macht mir Freude, nirgends sehe ich einen Sinn. Dabei bemühe ich mich, von meiner Leere nichts nach außen dringen zu lassen, und vermutlich gelingt mir das auch. Ich begrüße die Gäste freundlich wie immer, bediene sie schnell, nehme keine überhöhten Preise und versuche, jedem zu helfen. Aber ich habe keine Freude daran.

Es gab ja immer einmal Zeiten, in denen wir viele Gäste hatten und weder die Schlafplätze für die Menschen noch die ­Abstellplätze für die Gespanne ausreichten. Wie haben wir da geräumt und überlegt, um keinen abweisen zu müssen! … Dabei ging es uns nicht in erster Linie ums Geld, sondern wir hatten Freude, wenn uns die Arbeit gelang. Rut besonders. Wie war sie ­erfinderisch, wenn sie unbedingt noch Platz für einen Strohsack brauchte. Nie wurde ihr die Arbeit zu viel. Ich entsinne mich, wie sie mich einmal hinters Haus rief und mir die viele ­Wäsche zeigte, die sie gewaschen und aufgehängt hatte. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie lang weg gewesen wäre. Stolz und glücklich sah sie mich an.

Obwohl Rut nun fast vier Monate tot ist, kann ich ihren Verlust immer noch nicht fassen. Wenn ich an ihrem Grab stehe, und ich gehe jeden Morgen zum Friedhof, begreife ich nicht, dass sie darin liegt. Wenn ich morgens aufwache, verstehe ich nicht, weshalb sie nicht neben mir liegt. Soll das denn nun das ganze Leben so weitergehen, ohne sie aufwachen, ohne sie den Tag über arbeiten, ohne sie die nächtliche Runde gehen und dann ohne sie einschlafen?

Ich kann nicht sagen, dass niemand Anteil nähme. Vor allem natürlich die beiden Kinder; sie sind selbst traurig, aber sie haben ihre eigenen Familien, ihr Alltag hat sich nicht geändert. Die Tochter hat neulich vorgeschlagen, ich solle die Gastwirtschaft verkaufen und zu ihr ziehen. Auf ­ihrem Hof gäbe es genug Arbeit, und ich wäre nicht allein. Aber Rut fehlte mir dort genauso, wie sie mir hier fehlt. Hier habe ich wenigstens meine gewohnte Umgebung und meinen ­gewohnten, mit Rut gelebten Tagesablauf – wenn mir das alles auch nicht hilft.

Und die vielen herzlichen, teilnehmenden Worte, die ich seit Ruts Tod immer wieder höre. Die meisten sind wirklich ehrlich gemeint, denn wir ­haben viele Freunde. Die Nachbarn und die Verwandten wollen mir etwas Gutes tun. Ich höre, was sie sagen, denke, ja, sie haben Recht mit ihrer Mit-Trauer, mit ihren Beileidsäußerungen, mit den Versicherungen ihrer treuen Verbundenheit und auch mit den oft hilflosen Trostversuchen – aber sie erreichen mein Herz nicht. Ich hatte mir nie vorstellen können, jemals so verzweifelt, so ohne jede Freude und Hoffnung zu leben.

Das ist vielleicht die einzige Veränderung, die die Menschen in meiner Umgebung spüren: Ich singe nicht mehr. Ich habe früher stets bei der ­Arbeit gesungen. Und: Ich scheuche die Mägde und Knechte nicht mehr so heftig wie früher. Nicht, dass ich nicht nach wie vor auf Sauberkeit und Schnelligkeit achtete. Aber das tue ich eher aus Gewohnheit, es ist mir gleichgültig geworden.

Jetzt ist das Haus wieder voll. Ich habe mich all der Ecken und Winkel entsonnen, in denen Rut zusätzliche Schlafplätze eingerichtet hatte. Ich selbst werde heute Nacht auf dem Dach schlafen. Ganz zum Schluss, es war schon dunkel, hat mir Rut besonders gefehlt, und ich spürte meine Einsamkeit stärker als den ganzen Tag über: Ein Mann stand vor mir, seine schwangere Frau saß auf einem Esel, und sie suchten eine Unterkunft. Dass ich sie nicht abweisen konnte, war klar.

Ich wollte sie aber auch nicht aufs Dach schicken, dort war noch Platz. So habe ich die vier jungen Männer, die sich im Stall schon eingerichtet hatten, gebeten, aufs Dach zu gehen und dem Paar Platz zu machen. Sie haben gescherzt und gelacht und gesagt, wenn das Kind heute Nacht noch geboren würde, müsste ich ihnen Wein spendieren, am besten gleich allen Gästen, die hier übernachteten.
So vergnügt war ich auch einmal.

Wie hätte sich Rut um die Schwangere gekümmert! Fürsorglich hätte sie sich ihrer angenommen und es ihr so bequem wie möglich gemacht. Ich will der Magd gegenüber nicht ungerecht sein, die ich in den Stall geschickt habe. Sie hat sich große Mühe gegeben, und der Mann kam eigens noch einmal in die Wirtsstube, um sich für die Aufnahme und die Hilfsbereitschaft zu bedanken. Er wirkte sehr erschöpft und ist gleich wieder zu seiner Frau hinübergegangen.

»Dass die Familie morgen auf jeden Fall noch da sein wird, wirkt wie ein Trost«

 
Auch ich war erschöpft, als ich vorhin ums Gehöft gegangen bin. Es ist heute sehr spät geworden. Trotzdem wäre mir nicht in den Sinn gekommen, von etwas abzuweichen, woran ich mit Rut gewohnt war, und ohne diesen abendlichen Gang schlafen zu gehen. Natürlich habe ich auch einen Blick in den Stall geworfen, vermutlich von dem Paar gar nicht bemerkt: Die Frau hat tatsächlich ein Kind ­geboren.

Der Vater hielt es gerade in den Händen, als ich vorbeiging. Am liebsten wäre ich stehen geblieben und hätte es länger angeschaut. Aber ich sagte mir, lass die drei jetzt allein, du kannst morgen am Tag zu ihnen gehen und das Kind in Ruhe anschauen. Dass die Familie morgen auf jeden Fall noch da sein wird, wirkt wie ein Trost.

Nun sitze ich hier, wo ich mit Rut auch gesessen habe, und mit einem Mal habe ich das Gefühl, ich hätte sie nicht für immer verloren. Das ist Unsinn, denn sie liegt ja dort auf dem Friedhof begraben, und Tote sind noch nie wiedergekommen. Aber das neue Gefühl lässt sich nicht unter­drücken, und ich will es ja auch nicht unterdrücken; ich will mir nur nichts vormachen und mich nicht selbst betrügen.

Auch denke ich plötzlich, mein restliches Leben müsse nicht nur stumpf und sinnlos sein. Und vielleicht wache ich morgen zum ersten Mal nicht mit dem Gefühl auf, der neue Tag sei eine riesige Last, die ich auf mich zu nehmen und zu tragen habe. So hat seit Ruts Tod jeder Tag begonnen, und ich habe gedacht, das bliebe für immer so.

Ach Rut, wärst du doch bei mir! Du schautest gewiss noch einmal nach dem neugeborenen Kind und seiner Mutter.
Ich habe das Gefühl, du bist mir zum ersten Mal seit dem 3. Elul wieder nahe.

Jürgen Israel

Aus: Bick, Amet (Hg.): Der Wirt packt aus. Zwölf Variationen zur Weihnachtsgeschichte, Wichern-Verlag, 132 S., ISBN 978-3-88981-332-9, 12,90 Euro
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Glaubenssache: Brauchen wir ein neues Bekenntnis?

15. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Pro und Kontra: Ein gemeinsames Bekenntnis soll verbinden – doch immer wieder gibt es Streit um die traditionellen Formulierungen

In jedem Gottesdienst wird es gemeinsam ­gesprochen: das Glaubensbekenntnis. Zumeist das sogenannte Apostolikum. Doch an seinen Formulierungen reiben sich nicht wenige ­Christen. Für eine Neuformulierung gibt es gute Gründe. Doch auch für eine Beibehaltung des ­alten Textes gibt es gute Argumente.

Pro
Felix Leibrock, promovierter Theologe, Pfarrer in Apolda und ehrenamtlicher Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Felix Leibrock, promovierter Theologe, Pfarrer in Apolda und ehrenamtlicher Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Das Apostolikum ist alt und ehrwürdig. Es wird überall auf der Welt, auch ökumenisch gesprochen. Aber ist es zeitgemäß? Und wo ist die zentrale Botschaft des Jesus von Nazareth?

Zeitgemäß: Repräsentative Umfragen zeigen, dass der Glaube an dogmatische Lehrsätze dramatisch einbricht, auch unter
Christenmenschen. Viele wollen Gott bekennen als den, dessen Spuren sie ganz persönlich in ihrem Leben entdecken. Wer nicht betriebsblind sein will, sieht diese Verunsicherung vieler. Sie wird noch vergrößert durch das antik-mittelalterliche Weltbild von Himmel, Erde und Hölle, das hinter dem Apostolikum steht. Kopernikus hat mit der Vorstellung der Erde als Mitte des Universums aufgeräumt.

Ein zeitgemäßes Credo nimmt ­solche Erkenntnisse ernst. Sonst darf sich niemand wundern, wenn intelligente ­Religionskritiker wie Richard Dawkins die Bestsellerlisten erobern. Auch erschließt sich die »Theologengeheimsprache des 2. bis 5. Jahrhunderts« (J. Zink) nur schwer. Jesus hat mit seinen Reden die Hirten, Winzer, Frauen in ihrer Lebenswelt abgeholt. Luther hat dem Volk aufs Maul ­geschaut und die Bibel in zeitgemäße Sprache übersetzt. Das Credo ist zu wichtig. Es darf nicht irgendwann in der Mottenkiste landen, weil nur noch wenige seine Sprache und Bilder verstehen.

Jesu zentrale Botschaft: Heute fragen viele angesichts von Konsumdiktat und seelischer Obdachlosigkeit nach einem sinnerfüllten Leben. Jesus, der »glücklichste Mensch, der je gelebt hat« (D. Sölle), lebt ein solches Leben vor: Von Gott durchleuchtet, beflügelt, ermächtigt verströmt er Glück: Er wendet sich den Einsamen zu, stärkt die Position von Frauen und Kindern, betet abgeschieden, feiert mit den Menschen, predigt vom Seligsein, öffnet sich Ausländern, kritisiert die Gesetzesfanatiker, zweifelt auch an Gottes Nähe.

Er kennt grüne Auen und finstere Täler. Immer ist er verbunden mit Gott. Er zeigt eine andere Welt auf, zusammengefasst als »Reich Gottes«, das im Hier und Heute beginnt. Und das Apostolikum? Spart das aus. Zu seiner Entstehungszeit waren andere Themen wichtig. Das ist verständlich. Aber die Fragen ­haben sich heute gewandelt. Jesus hat Antworten. Die kann man bekennen.

Warum nicht ein ökumenisches Konzil? Hans Küng hat es schon einmal ­zuwege gebracht, sogar religionsübergreifend. Das Projekt Weltethos ist das ­Ergebnis. Ein Glaubensbekenntnis der Christenheit in unserer Sprache, das das naturwissenschaftliche Weltbild ernst nimmt und auch das Reich Gottes umfasst, das ist eine Aufgabe voller Verheißung.

Kontra

Martin Luther hat im Kleinen Katechismus fünf Texte zusammengestellt und mit Erklärungen versehen, die er für unentbehrlich für jeden Christenmenschen hielt: die Zehn Gebote, das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, den Taufbefehl und die Einsetzungsworte des Heiligen Abendmahles. Vier davon sind der Bibel entnommen. Das Glaubensbekenntnis ist eine Zusammenstellung von Bekenntnisaussagen der Alten Kirche, die sich aber alle für sich genommen in der Bibel finden.

Thomas Küttler, lutherischer ­Theologe, von 1979 bis 2002 Superintendent in Plauen, jetzt im Ruhestand.

Thomas Küttler, lutherischer ­Theologe, von 1979 bis 2002 Superintendent in Plauen, jetzt im Ruhestand.


Sicher kann jeder für sich persönlich ein Bekenntnis seines Glaubens formu­lieren. Luther selber tut das ja in seinen »Erklärungen« im Katechismus. Um der Einmütigkeit und Einstimmigkeit der Christen willen sollte jedoch niemand seinen Bekenntnistext an die Stelle des gottesdienstlichen Glaubensbekenntnisses treten lassen oder gar für andere verbindlich machen wollen. Das Nizänum verbindet uns mit Christen weltweit, das Apostolikum stärker mit der Christenheit aller Jahrhunderte seit Christi Geburt. Das ist ein kostbares Gut.

Dass es nicht unsere Sprache spricht, sondern die des Neuen Testaments, sollte niemanden verwundern. Übersetzungsarbeit ist allemal zu leisten. Ein Beispiel: Die Doppelzeile »empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria« ließe sich einmal übersetzen mit: »Er stammt von Gott und wurde von ­Maria zur Welt gebracht.«

Aber bei Übersetzungen geht meist etwas verloren. Das Original ist unersetzbar. Das Apostolikum mit seinen knappen Formulierungen spricht sich zudem gut im Chor. Wenn wir darauf achten, dass unsre Kinder noch dabei sind, wenn die Gemeinde im Gottesdienst ihren Glauben bekennt, dann wird ihnen der Text vertraut, und wir ­können dann das Vertraute einmal verfremden, um eine Aussage besonders zu betonen.

Es stellt sich auch die Frage: Gibt es ­etwas, was uns im Apostolikum zu sehr fehlt? Es geht nicht darum, das Glaubensbekenntnis mutwillig zu erweitern. Wohl aber ist denkbar, dass etwas Vermisstes aus besonderem Anlass einmal besonders herausgestellt wird. Ich denke an den 10. Sonntag nach Trinitatis. Da könnte unserm Bekenntnis zu Christus, das heißt zu dem Messias des erwählten Volkes, dazugesetzt werden: »… ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.« Eine biblische Einfügung (vgl. Jes.49,6; Luk 2,32).

Wer sich schon einmal derartige Gedanken gemacht hat, der lernt freilich auch das Staunen über die Prägnanz und Dichte der Sprache, die diese altkirch­lichen Texte sprechen, und kehrt immer wieder dankbar zu ihnen zurück.

Vorbereitung – Erwartung – Hoffnung

12. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Vorweihnachtszeit spirituell gestalten

Urheber: Steffen Giersch

Urheber: Steffen Giersch


Die Zeit vor Weihnachten sollte eine Vorbereitung sein auf das, was kommt. Advent heißt ursprünglich (lateinisch) Ankunft: Ankunft Gottes als Kind, als Mensch, bei/unter uns. Nun ist es im Jahresfestkreis immer so, dass große Feste eine Vorbereitungszeit haben, damit wir nachkommen innerlich. Wir sind getrieben vom sonstigen Lebenstempo, von Hast, die uns normalerweise treibt. Und so vergessen wir leicht dieses Lebensgesetz, dass alles eine Wartezeit braucht, Ouvertüre, Vorgeschmack.

Das zu erinnern, das zu lehren, das zu lernen, dazu hilft Advent. Damit wir bewusst erleben und üben können: Wenn Gott ankommen soll in der Welt und in unserem Leben, dann braucht das Vorlaufzeit. Wenn Liebe und Glück landen sollen in unserem Leben, dann braucht das auch Vorlaufzeiten.

Fragen Sie sich bitte einmal selber: Wie geht es mir beim Thema »Warten«? Was löst Warten in mir aus? Wenn man an einem beliebigen Tag im Dezember durch die Straßen einer deutschen Stadt geht, so wird jedem eines deutlich und klar: Hier muss ­irgendetwas los sein! Irgendetwas macht, dass die Menschen aufgeregter, geschäftiger, eiliger und unruhiger sind als sonst.

Wenn man sich in diesem bunten Gewühl treiben lässt, so fängt man vielleicht an, sich zu fragen: Was ist es eigentlich, was diese Menschen hier in Bewegung bringt? Was ist das Besondere an dieser Zeit? Was kann es sein, was die Menschen hier gewinnen oder zu ­gewinnen suchen? Kann es auch sein, dass das Ganze eine Kehrseite hat und dass die Menschen hier etwas verlieren oder gar vor etwas fliehen?

»Wenn Gott ankommen soll in der Welt und in unserem Leben, dann braucht das Vorlaufzeit«

 
Stellen Sie sich in eine belebte Geschäftsstraße oder mitten in ein Kaufhaus, und versuchen Sie, einige Minuten ganz still zu sein, Ihre »stille Zeit« zu haben, eine Insel der Ruhe, der Einkehr und der Stille zu finden!

Gehen Sie in eine Advents- oder Weihnachtsveranstaltung und achten Sie darauf, was die Klänge, Lichter, Gerüche und Inhalte in Ihnen bewirken! Finden Sie durch diese Beobachtungen eine Antwort auf diese Frage, was uns an der Advents- und Weihnachtszeit so anziehend und zugleich so schwer ist?

Und nun lassen Sie uns noch konkreter werden – Spiritualität mitten im Leben. Überlegen Sie bitte einmal, wie man die Advents- und Weihnachtszeit auch anders gestalten könnte … Dazu gäbe es eine wesentliche Voraussetzung: Wie gestalten Sie selbst denn die Feiertage und die Adventszeit? Sie können ja nicht gut Ruhe und Frieden verbreiten, den Sie selbst nicht haben! Es würde sich also vielleicht lohnen, selbst einmal nachzugraben in der eigenen Lebensgeschichte, welche Formen des Feierns für Sie angenehm sind? Wie war es für Sie früher? Wie ist es für Sie jetzt? Werden Sie kreativ und fangen Sie an, neue Formen des Feierns zu suchen und zu entwickeln.

Üben Sie selbst die Praxis der Stille und Meditation? Setzen Sie sich einmal hin vor eine brennende Kerze, ­legen Sie meditative und beruhigende klassische Musik auf und versuchen Sie, einfach ins Licht zu schauen und Ihre Gedanken kommen und gehen zu lassen. »Ich konzentriere mich nur auf das Licht, gleichzeitig auf meinen Atem, sonst nichts. Gedanken ziehen lassen wie Wolken am Himmel, Vögel oder Schmetterlinge, denen ich mich jetzt nicht zuwende, sondern ganz in diesen einen Augenblick eintauche, jetzt ganz bei mir bin.« Diese Übung, häufig wiederholt, stärkt Ihre eigene Persönlichkeit, Ihre Nerven, bringt Ihnen selbst Ruhe und Konzentration, die dann wiederum von innen ausstrahlen – aus Ihnen heraus.

»Nur in der Nacht siehst du die Sterne«

 
Bedenken Sie bitte einmal für sich selbst und auch mit anderen die Grundaussage des Glaubens in Bezug auf Advent und Weihnachten, dass wir »im ganz Unscheinbaren Gott erkennen« können, dass der Urgrund des Lebens sich nach christlicher Botschaft in einem Baby zeigt, mit menschlichem Gesicht. Dass die »Urkraft des Lebens und der Liebe« sich schenken und unser Schicksal teilen will. Das ist gemeint mit dem Lebensweg Jesu.

Meditieren Sie darüber ­hinaus auch einmal den Satz »Nur in der Nacht siehst du die Sterne.« Eine Aussage speziell für die hoffnungs­losen und schwärzesten Stunden des Lebens, der die Hoffnung beinhaltet, dass man das Licht manchmal erst und besonders dann sieht, wenn es im Leben dunkel geworden ist. Das bedeutet Advent: Ankunft »Gottes« – wie auch immer wir ihn verstehen – inmitten unseres Lebens!

Hans Gerhard Behringer

Der Autor ist Theologe, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Seminartrainer und Schriftsteller.

»Als Kirche dem Druck standgehalten«

12. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Vor 30 Jahren riegelten 42000 DDR-Sicherheitsleute die Kleinstadt Güstrow ab – weil Helmut Schmidt kam

Gemeinsam in der Kirchenbank: Bundeskanzler Helmut Schmidt (links) und DDR-Staatsratsvorsitzender Erich Honecker lauschen am 15. Dezember 1981 ­gemeinsam im Güstrower Dom den Orgelklängen. Foto: ullstein-bilderdienst

Gemeinsam in der Kirchenbank: Bundeskanzler Helmut Schmidt (links) und DDR-Staatsratsvorsitzender Erich Honecker lauschen am 15. Dezember 1981 ­gemeinsam im Güstrower Dom den Orgelklängen. Foto: ullstein-bilderdienst


Am 13. Dezember 1981 herrschte in der Kleinstadt Güstrow der Ausnahmezustand. Der damalige Bundeskanzler besuchte gemeinsam mit Erich Honecker die Stadt und ihren Dom.

Normalerweise ist Heinrich Rathke ein eher zurückhaltender Mensch. Aber als er, im Dezember 1981 mecklenburgischer Landesbischof, an jenem Morgen erfährt, dass ein ehemaliger Pastor im Pfarrhaus von der Stasi unter Hausarrest gestellt worden ist, da wird er sichtlich energisch. »Ich bestand darauf«, erinnert sich der heute 82-Jährige an die Vorgänge vor 30 Jahren, »Heiko Lietz in seiner Wohnung besuchen zu dürfen. Andernfalls müsste ein anderer als ich den Bundeskanzler begrüßen.« Also darf Bischof Rathke schließlich die Wohnung betreten.

Güstrow am 13. Dezember 1981: Nach zähem Ringen hinter den Kulissen besucht Bundeskanzler Helmut Schmidt nun offiziell das andere Deutschland. Am Tag vorher in Berlin in Gesprächen mit DDR-Partei- und Staatschef Erich Honecker zugange, wird er am Sonntag in die Kleinstadt Güstrow reisen, den Dom und die Ernst-Barlach-Gedenkstätte besichtigen. Für die DDR soll es ein großer Tag werden, das kleine Land erhofft sich Aufwertung und Anerkennung.

Tatsächlich wird es ein gespenstischer. »Operation Dialog« hat die Staatssicherheit ihre Planungen für ­jenes Wochenende genannt. Minister Erich Mielke persönlich führt die Planungen, die Honecker höchstselbst absegnet. Das Besondere des Gipfels ist nicht allein die Tatsache, dass ein Bundeskanzler in die DDR kommt.

Vor allem Schmidts geplanter Abstecher von Berlin nach Güstrow lässt bei der DDR alle Alarmglocken schrillen. Nicht nur, dass der Hanseat eine Kirche besuchen möchte. Nein. Vor allem sein Wunsch, mit möglichst authentischen Menschen in Berührung zu kommen, sorgt für Unruhe beim DDR-Sicherheitsapparat. Kein zweites Mal soll sich wiederholen, was 1970 in Erfurt geschah: dass DDR-Bürger unkontrolliert einem Bundeskanzler zujubeln. Damals ist es Willy Brandt gewesen.

Elf Jahre später betreibt die DDR deshalb einen Aufwand ohnegleichen, um eins sicherzustellen: Helmut Schmidt soll nur linientreuen Menschen begegnen. 21800 Stasileute und weitere 20000 Polizisten sollen an ­jenem Wochenende verhindern, dass der Westpolitiker bejubelt wird. So wird das Zentrum der Kleinstadt schließlich de facto evakuiert. In alle Häuser ziehen Sicherheitsleute ein. 10908 Personen stehen an jenem Tag unter Kontrolle der Staatssicherheit, 4481 Durchsuchungen sind im Vorfeld erfolgt, 4811 Anreiseverbote ausgesprochen und 5875 »Vorbeugungsgespräche« geführt worden.

Bürgerrechtler Lietz, damals gerade wegen seiner kirchenkritischen Haltung aus dem Kirchendienst entlassen und in Rostock als Essenausträger bei der »Volkssolidarität« untergekommen, wird noch in der Nacht vor Schmidts Besuch mit einem befreundeten Korrespondenten des Hamburger Magazins »Stern« durch Güstrow ziehen. »In unseren Kutten sahen wir genau aus wie die Teams von der Stasi, die in ganz Güstrow unterwegs waren. Gespenstisch«, erinnert er sich.

Am Morgen danach steht das MfS vor der Tür von Lietz und hindert den Familienvater am Gang zum Gottesdienst. Dass wenig später schließlich der gesamte Weihnachtsmarkt von »normalen Menschen« geräumt und mit Sicherheitsleuten besetzt wird, erfährt er deshalb erst später. Lietz, 1989 Mitbegründer des Neuen Forum und nach 1990 Landeschef von Bündnis 90/Die Grünen, verfolgt den Tag also per TV. Doch selbst die »Live«-Übertragung wird vorsorglich zehn Minuten versetzt ausgestrahlt.

Für den damaligen Bischof Heinrich Rathke freilich hat dieser Besuch noch eine andere Dimension. »Mit dem Besuch von Helmut Schmidt in einer Kirche musste auch Honecker erstmals eine Kirche als Kirche besuchen«, erinnert sich Rathke im Rückblick. Der Theologe verlangt zudem Redefreiheit für das Treffen im Dom. Und auch die ­Gemeinde besteht bereits im Vorfeld darauf, dass sie das Hausrecht behalten und eine Gruppe von Teilnehmern selbst benennen darf: darunter den Küster, die Katechetin und den Organisten.

Als die Orgel schließlich zu spielen beginnt und Helmut Schmidt sich demonstrativ in eine Bank setzt, um dem Choral andächtig zu lauschen, da muss es ihm Honecker gleichtun. Für den Schweriner Rathke ist dies ein bleibender Triumph: »Die Kirche hat an jenem Tag allem Druck standgehalten.«

Steffen Reichert

»Rettet unsere Revolution«

25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Ägypten: Die Gewalt zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in Kairo hält an

Kreuz und Halbmond zieren die ägyptische Fahne, die Demonstranten am Montag, 21. November, in Kairo den mit Tränengas und Gummigeschossen angreifenden Polizisten entgegenhalten. Tausende Ägypter sind in der Hauptstadt und anderen Städten auf den Straßen, um ein Ende der Militärherrschaft  zu fordern. Foto: picture alliance

Kreuz und Halbmond zieren die ägyptische Fahne, die Demonstranten am Montag, 21. November, in Kairo den mit Tränengas und Gummigeschossen angreifenden Polizisten entgegenhalten. Tausende Ägypter sind in der Hauptstadt und anderen Städten auf den Straßen, um ein Ende der Militärherrschaft zu fordern. Foto: picture alliance


Am 28. November sollen die Parlamentswahlen in Ägypten beginnen. Doch eine Woche zuvor gibt es wieder gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten.

Die Stimmung erinnert viele an die Tage der Revolution im ­Januar. Seit dem vergangenen Wochenende ist die ägyptische Hauptstadt Kairo erneut Schauplatz von Kämpfen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Friedliche Proteste schlugen am Sonnabend in Gewalt um. Aktivisten warfen Steine und Molotow-Cocktails, die Polizei setz­te Tränengas und Gummigeschos­se ein. Am Montag gingen die gewaltsamen Auseinandersetzungen weiter, mindestens 20 Menschen starben, meldete der britische Sender BBC am Vormittag. Die Aktivisten sprechen von mehr als 1500 Verletzten.

Im Januar hatten die Demonstranten nach 18 Tagen des Protestes Präsident Husni Mubarak zum Rücktritt ­gezwungen. Doch wirklichen politischen Wandel hat es aus ihrer Sicht seitdem nicht gegeben. »Das System ist noch das alte. Die Revolution muss weitergehen«, sagt die Studentin Salmar Mohammed.

Am Freitag hatten sich mehrere Zehntausend Aktivisten zu einer Demonstration unter dem Slogan »Rettet unsere Revolution« versammelt. Auch islamische Gruppierungen beteiligten sich in großer Zahl. Zunächst protestierten sie friedlich, doch dann kam es zu Kämpfen, als die Polizei ein Zeltlager der Aktivisten auf dem Tahrir-Platz räumte. Auch in anderen ägyptischen Städten wird seitdem demonstriert.

Viele Aktivisten sprechen bereits von einer neuen Revolution. »Wir sind enttäuscht, denn es hat sich viel zu wenig geändert. Die Generäle haben die Macht übernommen, doch sie führen Ägypten nicht wie versprochen zur Demokratie, sondern regieren schlimmer als Mubarak«, sagt der ­Demonstrant Scherif Hassan. »Wir wollen, dass die Militärregierung ­aufhört, Zivilisten vor Militärgerichte zu stellen und endlich einen Termin nennt, wann sie die Macht an eine ­zivile Regierung abgibt.«

In den vergangenen Wochen ist der Frust vieler Ägypten über die Generäle zunehmend gewachsen. Mehrere Blogger wurden festgenommen, und die Bürger leiden unter der Wirtschaftskrise und der steigenden Kriminalität. »Der Militärrat hat im politischen Spektrum massiv an Unterstützung verloren«, sagt auch Stephan Roll, Ägypten-Experte der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik. Eine erneute Massenbewegung erwartet er in nächster Zukunft dennoch nicht. Gerade in ländlichen Gebieten schätzen nach Rolls Ansicht viele Ägypter das Militär als einzige Ordnungsmacht.

In der ägyptischen Presse wird diskutiert, ob die für den 28. November geplanten Wahlen wegen der Unruhen verschoben werden. Bisher dementierte die Regierung das. Die Muslimbruderschaft, deren Partei gute Siegchancen eingeräumt werden, hat vor einer Verschiebung der Abstimmung gewarnt. Auch Roll glaubt, dass das Militär die Wahlen wie geplant abhalten will.

Die Armee wolle die unpopuläre direkte Verantwortung für den politischen und wirtschaftlichen Wandel so schnell wie möglich abgeben. ­Dennoch hätten die Generäle kein ­Interesse an einer starken Demokratie. Aber auch die Aktivisten sind seiner Ansicht nach nicht bereit, das Feld zu räumen. Wenn die Situation weiter eskaliere, sei nicht auszuschließen, dass die Wahlen doch verschoben würden.

Einige Demonstranten wittern eine Verschwörung. »Vielleicht hat die Regierung diese neue Krise angezettelt, um einen Vorwand zu haben, die Wahlen abzusagen«, sagt Mahmoud M., der einen Kopfverband trägt und sich am Rande des Tahrir-Platzes ­ausruht. »Im Grunde ist es auch egal, denn die Wahlen sind bloßes Theater.«

Tatsächlich sind viele Ägypter misstrauisch, denn die Vertreter des alten Regimes wurden nicht von der Wahl ausgeschlossen. Sie verfügen über Macht und Geld und könnten im Parlament eine starke Fraktion stellen. Viele Aktivisten befürchten, dass die Regierung Mubarak so auf ganz legalem Weg wieder zu Macht kommt.

Julia Gerlach und Jasmin Maxwell
(epd)

Luthers Thesen in Zinn

25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Bis zum Reformationstag 2012 sollen 30 Miniaturen entstehen

Eine ruhige Hand braucht Arnfried Müller beim Bemalen seiner filigranen Zinnfiguren. Foto: Uwe Kraus

Eine ruhige Hand braucht Arnfried Müller beim Bemalen seiner filigranen Zinnfiguren. Foto: Uwe Kraus


Der Betrachter glaubt, die Thesen, die Martin Luther an die Kirchentür schlägt, fast lesen zu können, so akribisch hat Arnfried Müller die Zinnfiguren für das Diorama gestaltet. Bis zum Reformationstag 2012 sollen rund 30 Luther-Dioramen die Offizin (Werkstatt mit angeschlossenem Verkaufsraum) Arnfried und Irmgard Müller am Waldrand von Güntersberge verlassen haben. Was kann es in der Luther-Dekade Besseres geben als solch eine besondere Ausstellung.

In Verantwortung des Städtischen Museums Halberstadt und mit Unterstützung einer Projektgruppe des Halberstädter Gymnasiums Martineum gestaltet Arnfried Müller die Miniaturen. Zu den ­Dioramen, an denen die Arbeiten bereits ­abgeschlossen sind, zählen »Luthers Hochzeit«, »Der Ablasshandel« und der bestaunte »Thesenanschlag«. Ab 2013 sollen die Miniatur-Kunstwerke durch die Lutherstädte wandern. Eine entsprechende Konstruktion der Dioramen und der dazu von einer Historikerin erarbeiteten Schrifttafeln soll es ermöglichen, die Lutherschau sowohl in Museen, auf der Wartburg, im Lutherhaus Eisleben und im Augustinerkloster Erfurt als auch in kleineren Kirchen zu zeigen, erklärt Müller.

Er schaut gerne, was die anderen Zinnfigurengießer so machen, welche Trends das Ausland setzt. Sein Spezialgebiet sind die Flachfiguren, die eigentlich nur im deutschsprachigen Raum verbreitet sind. »Die Vollfiguren sind sehr materialaufwendig, aber natürlich recht dekorativ.« Er schwärmt von den Meisterschaften, die die Zinngießer in Spanien oder Italien veranstalten. »Wenn da ein Reiter mit Pferd dargestellt wird und die Figur fünf Zentimeter hoch ist, malen die auf die Pferdedecke noch ein ganzes ­Gemälde.«

Vor dem Fenster seines kleinen Hauses in Güntersberge erstreckt sich ein wunderbares Harz-Panorama. Hier entstehen jedes Jahr eine neue Serie und ­einige Einzelfiguren. Das Teure daran sind die Gussformen, die sich der Gießer anschaffen muss. So fließen die Einnahmen zumeist in die Gestaltung einer neuen Zinnfiguren-Serie. Beliebt sind seine 30-Millimeter-Flachfiguren-Serien, die mit akribischem Historienverständnis gestaltet werden.

Für Thale schuf er ein Diorama zur Walpurgisnacht, 40 Figuren waren in durchaus auch deftigen Szenen zu betrachten. »Die Uniformen müssen farblich stimmen, die Helme und Perücken passen«, berichtet Arnfried Müller. »Vadder mit Rat« heißen die fünf Figuren, die eine historische Schachszene in Ströbeck nachempfinden. Für den »Tod Napoleons« gestaltet der Zinngießer vier Figuren, zwei Gruppen sowie den Kaiser auf dem Totenbett, »Der Tod von Marschall Kutusow 1813« umfasst immerhin 19 Figuren.

In Sammlerkreisen haben seine Figuren einen guten Namen. Zumeist werden diese Szenen als Blankserie verkauft, die von den Sammlern dann voller Ehrgeiz selbst bemalt werden.

Uwe Kraus

Maria aus evangelischer Perspektive

25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein neues Buch bietet einen Streifzug durch die Betrachtungsmöglichkeiten der Gestalt der Mutter Jesu
Buchcover-Maria.-Evangelisch
Es ist beachtenswert, wenn aus dezidiert evangelischer Perspektive ein Buch über Maria erscheint. Thomas A. Seidel und Ulrich Schacht haben im Auftrag der Evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden zu Erfurt in dem kürzlich erschienenen Sammelband »Maria. Evangelisch« Beiträge einer im Jahr 2008 stattgefundenen Tagung zur Gottesmutter Maria und andere Artikel zur Marienthematik publiziert.

Neben zehn Beiträgen, von denen die eine Hälfte theologische Reflexionen über Maria sind, und die andere Hälfte unter der Überschrift »Künstlerische Perspektiven« versammelt sind, ist die Übersetzung und der tiefsinnige Kommentar zum Magnifikat, dem Lobgesang Mariens in Lukas 1,46-55, von Martin Luther abgedruckt.

Seidel hat diesen ­um­fassenden Essay eingeleitet. Wie in seinem Beitrag macht er hierin die Bildtheologie als hermeneutischen Schlüssel zum Verständnis der Person Mariens und des lutherischen Marienbildes stark: Vieles wird bei der ­biblischen und theologischen Rede über Maria verständlich, wenn man sie als metaphorische Rede versteht, z. B. die Jungfrauengeburt.

Luthers Kommentar zum Magnifikat, dem Herzstück des Bandes, steht im geistig-geistlichen Strom der monastischen Marienfrömmigkeit. Darin offenbart sich nicht nur seine für heutige Leser überraschende Zuneigung zu und Verehrung für Maria, sondern entfaltet auch seine Mariologie. In Maria scheint die menschliche Haltung des puren Empfangens der Gnade Gottes auf. Hierin besitzt sie Vorbildcharakter für alle Menschen. Sie »verkörpert das menschliche Gefäß, die empfangsbereite Seele, in die hinein das Wunder der Inkarnation geschieht«.

Auch wenn sich Maria selbst als niedrig einschätzte, wurde sie dennoch von Gott angeschaut (»denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut«) und dazu ausersehen, den Heiland zu gebären. Das bedeutet für Luther, dass auch wir trotz unserer Abgründe von Gott gnädig angeschaut werden. Dass aber gerade Maria zur Gottesmutter auserwählt wurde, führt Luther auf die Gnade Gottes und nicht auf den Verdienst Mariens zurück (»… denn er hat mir getan große Dinge«).

»Dass aber gerade Maria zur Gottesmutter auserwählt wurde, führt Luther auf die Gnade Gottes und nicht auf den Verdienst Mariens zurück«

 
Dieses Marienbild von Luther stellt die interpretative Leitlinie der spezifisch evangelischen Sicht auf Maria dar, was zu reflektieren ja Intention des Sammelbandes ist und in den einzelnen Beiträgen immer wieder aufleuchtet. Die Beiträge nehmen verschiedene theologische Zugänge zum Ausgangspunkt der Reflexion und bieten insgesamt ­einen guten Streifzug durch die Betrachtungsmöglichkeiten der facettenreichen Gestalt Mariens, also metaphorisch, dogmatisch, ökumenisch, spirituell, frömmigkeitsgeschichtlich, tiefenpsychologisch oder künstlerisch. Wer sich als interessierter Laie mit den verschiedenen Ebenen der Maria vertraut machen möchte, ist mit diesem Band gut beraten.

Neben den schriftlichen Beiträgen beeindruckt der Sammelband durch die knapp 30 Kunstbilder mit Motiven aus dem Leben Mariens oder anderen Mariendarstellungen, wie etwa den Schutzmantelmadonna-Darstellungen. Alle Abbildungen weisen aufgrund des hochwertigen Papiers eine sehr gute Druckqualität auf. Auch wenn der Band auf den ersten Blick wie ein Ausstellungskatalog anmutet, laden viele Bilder zur kontemplativen Betrachtung ein.

Man würde dem Sammelband nicht gerecht werden, verstünde man seinen Titel kontroverstheologisch. Das ausführliche Autorenverzeichnis bezeugt die ökumenische Intention des Bandes. Dort findet man neben evangelischen Autorinnen und Autoren, lediglich einen römisch-katholischen Autor aus Frankreich und einen altkatholischen Theologen.

Dennoch hätte es dem Band mit seinem ökumenischen Anliegen inhaltlich gut getan, die Stimme eines weiteren römisch-katholischen Theologen oder einer Theologin zu Wort kommen zu lassen und die im Band angestoßenen ökumenischen Impulse zu bündeln. Dann wäre ersichtlich geworden, dass die Differenzen in der Mariologie dank der ökumenischen Forschung heute gar nicht mehr so virulent sind.

Es ist Konsens, dass Maria eine unverwechselbare Stellung in der Gemeinschaft der Heiligen einnimmt und alles, was Maria geschah oder was Maria bewirkte, unter der absoluten Gnade Gottes stand (sola gratia). Die Antwort auf diese Gnadengabe ist nur durch ein im Glauben gegebenes Ja möglich (sola fide).

Martina Bär

Die Autorin ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Exegese und Theologie des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt.

Seidel, Thomas A./Schacht, Ulrich (Hg.): Maria. Evangelisch, Evangelische Verlagsanstalt, 272 S., ISBN 978-3-374-02884-9, 19,80 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Jenas gutes Gewissen

25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Wie sich der Thüringer Jugendpfarrer Lothar König mit seiner Gemeinde gegen Rechtsextremismus engagiert

Rauschebart mit wachem Blick für die Gefahren rechts- extremen ­Denkens: Von manchem wurden Lothar Königs ­Einsatz gegen  Rassismus und Neonazismus schon als übertrieben bewertet. Doch die aktuellen Ereignisse geben ihm recht. Foto: picture-alliance

Rauschebart mit wachem Blick für die Gefahren rechts- extremen ­Denkens: Von manchem wurden Lothar Königs ­Einsatz gegen Rassismus und Neonazismus schon als übertrieben bewertet. Doch die aktuellen Ereignisse geben ihm recht. Foto: picture-alliance

Das Engagement gegen ­Neonazi-Umtriebe gehört zu seinem Leben. Doch während die rechte Terrorzelle aus Mitteldeutschland ­jahrelang unbehelligt ihr mörderisches Unwesen ­treiben konnte, geriet der ­Jenenser Lothar König ins ­Visier der sächsischen ­Ermittlungsbehörden.

Da war wieder dieses Reizwort: Tatsächlich Sachsen? Lothar König zuckt kurz mit den Augenbrauen. Dann legt er die Zigarette weg, die er sich gerade gedreht hat, und holt tief Luft. »Wenn es stimmt, dass Zielfahnder die drei in Chemnitz schon aufgespürt hatten, aber nicht zugreifen durften …« Er kann, er will es nicht fassen. Und dann beginnt der Jenaer Jugendpfarrer zu erzählen.

Von Beate Zschäpe, von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Von drei Leuten aus dem thüringischen Jena, wo praktisch jeder jeden kennt. Drei junge Menschen, die Mitte der 90er erwachsen, aber als Rechtsextremisten auch immer radikaler werden. König berichtet von der Zeit nach der Wende: von Übergriffen und überforderten Eltern, von belächelten Lehrern. Und davon, dass am Ende eine Terrorzelle steht, die aus Jena ab- und in Zwickau untertaucht, bis am Ende neun Migranten und eine Polizistin ermordet und 14 Banken überfallen sind. Und dann auch noch Chemnitz?

Einsatz gegen Rechts: »Einer muss es ja machen«

Königs Selbstgedrehte ist längst ausgegangen, die Asche abgefallen auf ­einen Tisch, der vollgepackt ist mit ­Papierstapeln und CD’s, mit Infomaterialien und Visitenkarten seiner jüngsten Besucher. Jetzt nimmt sich der Stadtjugendpfarrer Zeit an diesem späten Abend in seinem Büro, auch wenn er längst bei einem Treffen seiner Jugendgruppe sein müsste.

Der Tagesplan ist ohnehin aus dem Ruder gelaufen. Der »Guardian« aus London war gerade da, ein französisches TV-Team will noch kommen. Aus Hamburg rufen sie an, aus Hannover und Berlin: Und alle wollen sie wissen, wie doch sein konnte, was so unvorstellbar scheint. Und wie und warum er, der 57-Jährige, seit zwei Jahrzehnten in der Universitätsstadt gegen Rechtsextremismus, aber auch für Demokratie und Toleranz kämpft. »Einer muss es ja machen«, sagt er trocken. König ist so etwas wie das gute Gewissen von Jena.

Es ist ein langer Weg, den König, der Rauschebart, gegangen ist. Er hat ihn in Leimbach, einem Ortsteil des nordthüringischen Nordhausens, beschritten. Er ist als Bauernsohn aufgewachsen, hat harte Arbeit gelernt. Er wird 1968 als 14-Jähriger vom Prager Frühling begeistert. Aber ein Jahr ­später, als er das auch sichtbar an die Wand malt, sind die Weichen für sein Leben gestellt: Wohnungsdurchsuchung, kein Abitur, eine Lehre als Zerspanungsfacharbeiter.

Was folgt sind Protest, langes Haar, ein »Hinüberdriften zur Kirche«. »Ich wusste eigentlich nicht, was ich machen sollte, so wurde ich Diakon«, erinnert sich König. Eines Tages dann lernt er aber tatsächlich einen Pfarrer kennen, »der mir Jesus so erklärt hat, dass ich ihn auch verstanden habe«. Offene Jugendarbeit, Schwerter zu Pflugscharen und Nato-Doppelbeschluss, Gorbatschow und Neues Forum. Das alles prägt ihn.

Prägende Erfahrung mit den Skinheads in der DDR

Vor allem aber prägt ihn 1987 der rechtsradikale Überfall von DDR-Skinheads auf die Berliner Zionskirche. Und als er 1990 schließlich eine Stelle in Jena antritt und auch dort schon bald der erste Überfall von Rechts zu beklagen ist, da ist ihm klar: Dieses Engagement wird ihn sein ­Leben lang begleiten. Dennoch die Frage: Ist es ruhig geworden in Jena nach den Zeiten von Thüringer Heimatschutzbund und dem Untertauchen der drei späteren Terroristen?

König überlegt wieder einen Augenblick, er differenziert. »Äußerlich – Ja.« Aber er nennt es einen »römischen Frieden«. Sie gäben deshalb Ruhe, sagt er, weil sie in ganzen Stadtteilen bereits die Meinungsführerschaft innehätten. Das alles treibt ihn an, lässt ihn weitermachen.
Sein Job, seine Arbeit in der Jungen Gemeinde, ist sein Leben. Als »Bürger für Jena« ist er inzwischen Stadtrat, auch weil er mitgestalten will. Wird es ihm gedankt? Da lächelt er dann doch. »Heute sind wir hier die Vorzeigeinitiative, doch lange wurden wir geschnitten.« Aber so was ist ihm eigentlich egal.

Lothar König tut, wovon er überzeugt ist. Also fährt er mit seinem Kleinbus natürlich auch an diesem 19. Februar 2011 nach Dresden, will dabei sein, wenn die Mitte der Gesellschaft gegen Rechtsextremismus protestiert. Sechs Monate nach dieser Demo, bei der eine Million Handyverbindungen erfasst worden sind, werden seine Dienstwohnung und sein Büro durchsucht. Bischöfin Ilse Junkermann, das Landeskirchenamt und Minister der Landesregierung protestieren: Lothar König als der Staatsfeind Nummer eins? Er, der intellektuelle Kopf einer kriminellen Vereinigung?

»Da ist in Sachsen etwas aus dem Ruder gelaufen«

Neues Tabakpäckchen, neue Zigarette, dazwischen ein Telefonat. Der Pfarrer denkt nach, er will es präzise sagen. Er glaubt nicht mal, dass zunächst er im Fokus stand. »Da ist in Sachsen einfach etwas aus dem Ruder gelaufen«, ist der Theologe überzeugt. Und dann erzählt er von der Aktenlage, die existiert. Von sächsischen Ermittlungen wegen Marihuanabesitzes gegen irgendwelche Fremden.

Wie die Polizei diesen Personen auch Zusammenhänge von Rechts-Links-Ausein­andersetzungen zuordnet. Wie seine Tochter als Landtagsabgeordnete per Auto nach Dresden zu solchen Leuten fährt. Er erzählt von dokumentierten Observationen und Telefonüberwachungen. Von der Kfz-Halterfeststellung, die seinen Namen zutage fördert. Von der folgenden Datenbankabfrage im Landeskriminalamt, die zu seinem Namen 21 Treffer ausspuckt: 21 Mal aufgefallen im Zusammenhang mit Demonstrationen gegen Rechts. Und nun plötzlich ist da der Verdacht, der ihn zugleich zum Kopf einer kriminellen Vereinigung werden lässt. »Total konstruiert«, wie er findet.

In dieser Woche wollte die Staatsanwaltschaft Dresden über eine Anklageerhebung entscheiden. Er selbst ist zu den Vorwürfen noch nicht ­einmal befragt. Natürlich wird er sich wehren gegen den Vorwurf des schweren Landfriedensbruchs, denn den Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung hat man inzwischen klammheimlich fallen lassen. Aber wenn es denn einen Prozess geben wird, dann müsste er Zeugen bringen, die ihn entlasten für sein ­Verhalten auf der Demonstration. Und dass es dieses Verfahren gibt, da ist er sicher: »Es geht Sachsen um ­Gesichtswahrung.«

Demokratie darf nicht der Lethargie weichen

So ist es denn eine paradoxe Situation, in der sich der Pfarrer sieht. In diesen Tagen gilt er als Ansprechpartner für viele. Man fragt ihn als Experten, will wissen, wie zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechts befördert werden kann. Auf der anderen Seite soll er genau deshalb vor Gericht. Er wird sich dem stellen. Schließlich ist er überzeugt davon, dass er Menschen ermutigen will. Sonst laufe man, fürchtet der Pfarrer, eines Tages Gefahr, dass die Demokratie der Lethargie weicht.

Haben also die Ereignisse um die Zwickauer Terrorzelle, so furchtbar und beschämend sie sind, die Gesellschaft wachgerüttelt? Lothar König ist sich da nicht so sicher. »Die Medien haben sie aufgeschreckt«, findet er. Aber ob sich nach dieser Serie des Rechtsterrorismus auch die Menschen verändern werden? »Das muss man abwarten«, glaubt er. »Und vielleicht in zwei, drei Monaten noch einmal diskutieren.«

Und dann muss er los. Es ist zwar schon abends, lange nach acht. Aber wenn sich Lothar König beeilt, dann findet das Treffen der Jungen Gemeinde nicht völlig ohne ihn statt. Also rennt er.

Steffen Reichert

Hintergrund:

Ermittlungen gegen Jugendpfarrer König
In der Frühe des 10. August dieses Jahres durchsuchten sächsische ­Polizei­beamte in Abwesenheit von Lothar König die Dienst- und Privaträume des ­Jugendpfarrers in Jena. Akten, Infomaterial, Datenspeicher sowie ein Kleinbus wurden beschlagnahmt. Die im Vorfeld nicht mit den Thüringer Behörden ­abgestimmte Aktion sorgte für erhebliche Irritationen bis in die Reihen der thüringischen Landesregierung. Nachdem der zuvor erhobene Vorwurf der Bildung einer kriminellen (linken) Vereinigung gegen König fallen gelassen wurde, steht nun der Vorwurf der Anstiftung zum schweren Landfriedensbruch im Raum. König soll bei den teilweise gewalttätigen Demonstrationen gegen den Neonazi-Aufmarsch am 19. Februar in Dresden über Lautsprecher auf seinem Kleinbus zu Gewalt gegen Polizisten aufgerufen haben.

(GKZ)

Anmerkung der Redaktion: Die Staatsanwaltschaft Dresden hat am Mittwoch, 23. November, mitgeteilt, dass die Ermittlungen zum “Fall König” bisher noch nicht abgeschlossen seien. Die Entscheidung  über eine Anklageerhebung werde vermutlich erst bis Ende November erfolgen.

Hauptsache es gibt eine »schöne Leich«

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Das »Wiener Blut« und der Tod – Kurioses und Nachdenkliches im Bestattungsmuseum der Donaustadt

Letzte Ruhestätte für Fußballfans: Die Urne in Form des runden Leders kam ­anlässlich der Fußball-EM 2008 auf den Markt.	Foto: Ulrich Traub

Letzte Ruhestätte für Fußballfans: Die Urne in Form des runden Leders kam ­anlässlich der Fußball-EM 2008 auf den Markt. Foto: Ulrich Traub


»Bei uns liegen Sie richtig!« So begrüßt Wittigo Keller seine Gäste im Wiener ­Bestattungsmuseum, das in seiner Art durchaus ­einzig­artig ist.

Das jährliche Probeliegen in ­einem Sarg stoße immer auf großes Interesse, erfährt der verblüffte Besucher. Es scheint noch etwas dran zu sein am besonderen Verhältnis der Wiener zum Tod. 1967 wurde das Museum als weltweit erstes seiner Art gegründet. Und es ist ein Unikum geblieben. Das garantiert Wittigo Keller, Ethnologe und Designer, der sich seit einem Vierteljahrhundert der Sammlung und ihrer ­Vermittlung verschrieben hat.

Rund Tausend Exponate zeigt das Museum – von einer Leichendroschke über Postkartenserien, die zu besonderen Begräbnissen gedruckt wurden, bis zu Galauniformen von Sargträgern und Kutschern. Es gibt historische Dokumente, dazu Bibeln, Kreuze und Madonnenstatuen, Sargverzierungen und Urnen, von denen das wie ein Fußball geformte Modell ins Auge fällt. »Sie wurde zur Europa-Meisterschaft 2008 auf den Markt gebracht«, erklärt der Museumschef.

Im Zentrum der Ausstellung steht das Phänomen der »schönen Leich«, womit kein gut aussehender Dahingeschiedener gemeint ist, sondern eine pompöse Bestattungszeremonie. »Dafür nahmen sich die Wiener gerne einen Tag frei«, schmunzelt Keller – wobei nicht von Angehörigen, sondern von Schaulustigen die Rede ist. Zeitungsannoncen belegen, dass Fensterplätze zu Höchstpreisen vermietet wurden: ein todsicheres Geschäft. Der Trauerzug wurde als gesellschaftliches Ereignis angesehen. Für weniger Betuchte gab es Fachgeschäfte, in denen man seine Trauerkleidung, in der man schließlich nicht zweimal gesehen werden wollte, leihen konnte.

Im Wien der Monarchie, erzählt Wittigo Keller, sei der Tod ­all­gegenwärtig gewesen. »Aufwendige Feierlichkeiten waren eine Spezialität der Habsburger.« Aber im späteren 19. Jahrhundert gehörte die »schöne Leich« dann auch zum Selbstverständnis des Bürgertums. Häufig wurde ein ganzes Leben für diese letzte Etappe gespart. Hinter der Inszenierung stand, laut Keller, ein ganz und gar weltlicher Wunsch: »Bitte behaltet mich in guter Erinnerung.«

Als Zeremonienmeister des Spektakels fungierten die »Pompfüneberer«. Diese Bezeichnung haben die Wiener dem Französischen entlehnt. Pompes Funèbres ist ein Bestattungsunternehmen. »Heute spricht man von Ritualbestattern«, so der Wissenschaftler. »Die Wiener setzten sich nicht mit dem Tod auseinander, sondern mit der Art ihrer Bestattung.« Das Begräbnis diente zur Unterstreichung des sozialen Status. »Das ist in anderen Kulturen nicht so«, resümiert er.

Da kann es nicht verwundern, dass der Klappsarg nur kurz zum Einsatz gekommen ist. Ende des 18. Jahrhunderts sorgte der reformerisch veranlagte Kaiser Josef II. mit diesem Modell für einen Aufschrei in der Bevölkerung. Eine schnöde Kiste als Durchgangsstation, die nur dazu diente, die Dahingeschiedenen in die Grube plumpsen zu lassen. Sind nicht vor dem Tod alle gleich? Mag sein, aber mit Ausnahme der Wiener. Der Kaiser musste sein Dekret zurücknehmen.

Auch andere Exponate sind kurios: Ein Wecker, dessen Schnur vom Handgelenk des Verstorbenen bis ins Zimmer des Totengräbers reichte, sollte im Fall der Fälle eine schnelle Rettung ermöglichen. »Die Scheintod-Hysterie grassierte seinerzeit«, erläutert Wittigo Keller. Und weil das so war, gab es für Persönlichkeiten, die lieber auf Nummer sicher gehen wollten, das doppelschneidige Herzstichmesser. Da ging selbst der stärkste Scheintod k. o.

Ein Modell der schwarzen Leichenstraßenbahn, die zeitweise in Wien durch die Gassen ratterte und Särge zum Zentralfriedhof transportierte, sorgt für ungläubiges Staunen. Und wer glaubt, dass auf den Fotos aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Lebende zu sehen sind, täuscht sich. Zu dieser Zeit blühte die Totenfotografie. Leichen wurden ins Studio verfrachtet, wo sie in voller Montur ins rechte Licht gerückt wurden. Der Museumschef klärt auf: »Da hier niemand gewackelt hat, bereiteten die langen Belichtungszeiten auch kein Problem mehr.«

Sogar die Kleinsten wurden mit der »schönen Leich« vertraut gemacht – zum Beispiel mit einem Ausschneidebogen zum Bemalen, der einen stattlichen Trauerzug zeigt. Auch Wittigo Keller ist mit einem von ihm entworfenen Sitzsarg, der eine Gemäldevorlage des Surrealisten René Magritte aufgreift, im Museum vertreten. Bestattet wurde noch niemand darin – selbst in Wien nicht.

www.bestattungsmuseum.at

Ulrich Traub

Dem Tod auf der Spur

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Filmbesprechung: Andreas Dresen erzählt in »Halt auf freier Strecke« die Geschichte eines sterbenskranken Familienvaters

»Noch kein Film hat so überzeugend gezeigt, dass Leben zum Sterben gehört« - Filmszene mit Mika Seidel (re.) und Milan Peschel. Foto: Pandora Filmverleih

»Noch kein Film hat so überzeugend gezeigt, dass Leben zum Sterben gehört« - Filmszene mit Mika Seidel (re.) und Milan Peschel. Foto: Pandora Filmverleih


 
Frank ist Schichtleiter und mit Simone verheiratet. Die beiden haben sich ein Reihenhaus gekauft. Völlig unvorbereitet trifft Frank die Diagnose des Arztes, die einem Todesurteil gleichkommt: Krebs. Ein schonungsloser und berührender Film über das Sterben.

Die Ratlosigkeit, ist dem Gespräch anzumerken. Als der Arzt die Diagnose verkündet, herrscht erst einmal Schweigen. Ein inoperabler Gehirntumor. Nur noch wenige Monate oder gar Wochen zu leben. Man sieht nur den Gesichtern von Frank und seiner Frau Simone an, was sie fühlen. Ein Großteil des Gesprächs besteht aus Schweigen und holprigen Sätzen.

Einmal klingelt das Telefon, der Operationssaal ist dran, etwas Wichtiges. Man spürt förmlich, wie unvorbereitet die Diagnose, die für Frank einem Todesurteil gleichkommt, einschlägt. Und man merkt, dass auch der Arzt, der sie wahrscheinlich mehrmals pro Woche ­verkünden muss, immer noch hilflos dabei ist. »Hm«, sagt er oft.

Mit »Halt auf freier Strecke« hat Andreas Dresen einen schonungslosen und berührenden Film über das Sterben gedreht. Es gibt im deutschen Kino keinen anderen Regisseur, der so authentisch und lebensnah Alltag beschreiben kann wie Dresen. Das fängt schon bei den Lebensumständen der beiden Hauptfiguren an. Frank ist Schichtleiter bei DHL, Simone lenkt eine Straßenbahn. Die beiden haben sich ein Reihenhaus gekauft, irgend­wo an der Peripherie von Berlin. Nicht unbedingt schön, aber mit Charme, mit Blick ins Grüne. Es kommt nur am Rande vor, aber man weiß: Nach Franks Tod wird sich Simone dieses Haus, Inbegriff ihres kleinen Glücks, nicht mehr leisten können.

»Halt auf freier Strecke« folgt Frank in den letzten Monaten seines Lebens, zeigt seinen Versuch, so etwas wie Normalität zu wahren, obwohl er immer vergesslicher wird und schon mal ins Zimmer seiner Tochter pinkelt. Einmal schaut er fern, die Harald-Schmidt-Show, und da ist zu Gast: sein Gehirntumor, der prahlt, wie er sich in Frank eingenistet hat. Auch auf dem iPhone, mit dem Frank seinen Alltag und seine Beobachtungen in kleinen Filmen festhält, erscheint der Tumor. Was beim ersten Mal wie ein entlastender Gag wirkt, bekommt im Verlauf der Handlung einen tieferen Sinn: Jemand anderes gewinnt die Kontrolle über Frank.

Denn je weiter die unheilbare Krankheit fortschreitet, desto mehr verändert sich auch Frank, wird gebrechlich und jähzornig, die Haare fallen ihm wegen der Chemotherapie aus. Bei all seinem Naturalismus verliert der Film aber nie seinen Humor. Einmal fragt Franks Sohn seinen Vater: »Wenn du stirbst, darf ich dann dein iPhone haben?« Und als die ganze Wohnung beschriftet wird, weil Frank alles sehr schnell vergisst, klebt auch auf seiner Stirn ein Zettel. Darauf steht: »Papa«. Als Frank immer unselbstständiger wird, entschließt sich Simone, ihren Mann selbst zu Hause zu pflegen, mit einer Palliativärztin, die sich auf unheilbare Krebsfälle spezialisiert hat.

»Halt auf freier Strecke« beschreibt das Sterben im Mikrokosmos einer Familie, zeigt, wie sich das Leben und seine Abläufe verändern, zeigt, welche immense Belastung ein solcher Krankheitsfall bedeutet, zeigt aber auch, wie das Leben trotzdem weitergeht, weitergehen muss. »Ich muss zum Training«, sagt Franks Tochter, als ihr Vater gestorben ist. Für solche Szenen liebt man diesen Film, weil sie beiläufig daherkommen und doch von der Meisterschaft einer präzisen Inszenierung zeugen.

Denn der Film bleibt immer nüchtern, er weidet sich nie am Leiden, er beutet auch nie unser Mitleid aus. Dresen hat die Szenen mit den hervorragenden Darstellern, allen voran Milan Peschel und Steffi Kühnert, weitgehend improvisiert gedreht, die Ärzte und das Pflegepersonal sind Laien. Das ist dem Film sehr gut bekommen und ist gleichzeitig auch eine große Leistung: Es gibt nicht viele Schauspieler, die normale Menschen glaubhaft verkörpern können.

Am Ende gibt es keine Erlösung, keine Transzendenz, nur den Tod. Aber noch kein anderer Film hat so überzeugend gezeigt, dass das Sterben zum Leben gehört wie »Halt auf freier Strecke«. Vielleicht mag man sich diesen Film nur einmal anschauen. Aber er ist ein Ereignis. (epd)

D/F 2011. Regie: Andreas Dresen. Buch: Cooky Ziesche, Andreas Dresen. Mit: Steffi Kühnert, Milan Peschel, Talisa Lilly Lemke, Mika Seidel, Ursula Werner, Marie Rosa Tietjen. Länge: 110 Minuten. FSK: ab 6, ff. FBW: besonders wertvoll.

Rudolf Worschech

Der Weg führt durch Trauer zum Licht

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit Verlusten neu leben lernen – Eine Betrachtung zum Ewigkeitssonntag

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille


Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt«, sagt Erika (Name geändert). Für sie ist es jetzt ganz schlimm. Ihr Mann hat sich das Leben genommen. Lange schon war er schwer krank. Aber dass er so verzweifelt war, hatte sie nicht geahnt. In das Entsetzen über dieses Sterben mischt sich ein alter Schmerz. Vor Jahren kam ihr achtjähriges Kind, das einzige Mädchen, bei einem Unfall ums Leben. »Da hab’ ich mich gefühlt, als wäre ich nur noch halb«, sagt sie. Die Wunde ist wieder aufgerissen.

Ich weiß nichts zu sagen, was Erika trösten könnte. Sie selbst sagt das ­Entscheidende: »Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt.« Ich staune über ihre Hoffnungskraft. Dieser Satz redet nichts schön. Trauer und Entsetzen sind in ihr Leben eingekehrt. Obwohl da keine Worte sind, die auch nur annähernd ausdrücken könnten, was mit ihr geschieht, ist es nötig, das auszudrücken. Im Moment genügt dieser schlichte Satz: Es ist ganz schlimm.

Doch da ist noch der zweite Teil: Man darf nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt. Damit begibt sich Erika auf einen Weg. Sie bleibt nicht im Finsteren stecken, sondern sie geht Schritt für Schritt – wie durch einen Tunnel. Das Licht am Ende kann sie nicht sehen. Noch nicht. Aber sie weiß und glaubt, dass ihr Weg wieder zum Licht führt.

Jeder Verlust entreißt uns ein Stück unseres Lebens. Das kann auch der Verlust des Arbeitsplatzes sein, das Zerbrechen einer Partnerschaft oder eine Krankheit, die zu bleibenden Einschränkungen führt. Verluste hinterlassen Wunden in uns. Die heilen am besten, wenn wir sie betrauern. Tränen helfen dabei, dass der Schmerz sich in unserem Inneren löst und Ausdruck findet. Gefährlich wird die Trauer, wenn ein Mensch sie nicht als Weg versteht, sondern hocken bleibt. Oder wenn er sie gar nicht ­zulässt und versucht, so weiterzuleben, als wäre nichts geschehen. Dann wird sie sich in seinem Inneren verfestigen, und die Seele kann nicht gesunden.

»Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt«

 
Trauer braucht Zeit, oft viel Zeit. Und sie kostet Kraft. Nicht umsonst sprechen Fachleute von Trauer-Arbeit. Sie verläuft in verschiedenen Phasen, die manchmal auch durcheinanderlaufen oder sich wiederholen. Am Anfang kann unsere Seele noch nicht fassen, was geschehen ist. Vielleicht fühlen wir gar nichts, funktionieren einfach weiter und tun, was getan werden muss. Die Gefühle sind wie abgeschnitten. Dann wundern sich andere zuweilen, dass wir so »gefasst« sind, und halten das womöglich für besondere Glaubensstärke. Nach und nach erst kommen die Gefühle an die Oberfläche. Ganz verschiedene Gefühle: Zorn kann dabei sein, Zorn auf Menschen, die eigentlich gar nichts dafür können. Auch Zorn auf Gott. Oder auf sich selbst.

Dazwischen, wenn es gut geht, empfinden wir Dankbarkeit für glückliche Tage, die wir mitein­ander hatten, für Momente ­inniger Verbundenheit selbst im Schmerz, für die Zeichen der Liebe, die uns andere in solchen ­Zeiten geben. Wir spüren Gottes bergende Nähe. Oder das Gegenteil: Von Gott und Menschen im Stich gelassen zu sein. Manchmal verdichtet sich das Durcheinander der Gefühle so sehr, dass wir wie in ein schwarzes Loch ­fallen.

Es ist wichtig, dass wir unserer Seele in all dem Wirrwarr der Gefühle Gehör schenken. Dann liegt es in unserer Macht zu entscheiden, welche Gefühle wir bewahren wollen und welche wir besser loslassen. Vorwürfe beispielsweise, wenn wir sie festhalten, werden unser Inneres vergiften. Zorn, wenn er festgehalten wird, macht uns hart. Selbstmitleid wird wie eine undurchdringliche Mauer, die unser Inneres im Dunkel einschließt. Dankbarkeit dagegen gibt uns Kraft.

Mitten im Trauerprozess haben wir die Möglichkeit, bewusst Schönes zu suchen und uns an kleinen Dingen zu freuen. Erika beispielsweise hat sich von Freundinnen einladen lassen. Sie sind miteinander verreist. Das hat den Trauerweg nicht verkürzt. Aber es waren Lichtpunkte, die ihr Mut gaben, weiterzugehen.

Als ich sie frage, ob ich ihre Geschichte erzählen darf, stimmt sie sofort zu. Und sie ergänzt: »Aber schreiben Sie doch auch, was einem in solchen Zeiten wirklich hilft. Es sind ganz praktische Dinge. Die Leute brauchen gar nicht so viel zu sagen. Nur da sein und fragen, was man braucht.«

Das Ziel des Trauerweges besteht darin, neu leben zu lernen. Wir treten heraus aus dem Tunnel, genießen das Licht und die Farben. Das Verlorene tragen wir wie einen Schatz in uns und sind zugleich frei für das, was heute dran ist.

Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologin und Pfarrerin im Haus der Stille im evangelischen Zentrum Kloster Drübeck

Todsicher!

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Ewigkeitssonntag: Wenn mit dem Tod wirklich alles aus ist, dann wird das Leben zur »letzten Gelegenheit«

Paul M. Zulehner ist katholischer Priester und emeritierter ­Professor für ­Pastoraltheologie der Universität Wien. Er gilt als einer der ­bekanntesten ­Religionssozio­logen Europas. Foto: Andi Bruckner

Paul M. Zulehner ist katholischer Priester und emeritierter ­Professor für ­Pastoraltheologie der Universität Wien. Er gilt als einer der ­bekanntesten ­Religionssozio­logen Europas. Foto: Andi Bruckner

Im Blick auf den Tod herrscht bei vielen ein Gemisch aus Angst, Hoffnung und Zweifel. Ein Beitrag, wie Menschen mit dem Gedanken ans Ende umgehen.

Der Mensch von heute lebt mit Vielem, was unsicher ist: ob die Erde bewohnbar bleibt, ob jemand Arbeit hat, eine Partnerschaft hält, was aus den Kindern wird. Nur eines ist sicher: dass unser Leben vergänglich ist, ein ­sicheres Ende hat. Das ist »todsicher«, ­sagen wird. Dabei ist es oft nicht der eigene Tod, an den wir mit ­Unbehagen denken. Vielmehr leiden wir unter dem Tod derer, die wir lieben.

Keine Frage ist in der Geschichte der Menschheit älter als diese: Was ist am Ende stärker: der Tod oder die Liebe? Die alten Griechen erzählten zu dieser Frage die Geschichte von Orpheus und Eurydike. Der Spielmann Orpheus verliert, die er liebt. Aber die Liebe treibt ihn hinabzusteigen in die Unterwelt. Dank seines Liedes, begleitet von einer Lyra, kann er den Todesfluss überwinden, kommt zu den Herrschenden der Unterwelt, Hades und Persephone.

Diese sind von der Kraft seiner Liebe so beeindruckt, dass sie ihm gestatten, das Schattenwesen Eurydike in das Land des Lebens und der Liebe zurückzuführen. Er dürfe sich auf dem Weg zurück nur nicht umsehen – was er nicht schafft, und so verliert er sie für immer. Der Tod, so die alte depressive Erzählung, hat aus der Sicht des Menschen das letzte Wort.

Wenn wir heute Umfragen zu Rate ­ziehen, gibt es nicht wenige Menschen unter uns, welche diese dunkle Ahnung teilen. Für sie ist mit dem Tod alles aus. Ihre Hoffnung stirbt mit ihnen. Das hat Rückwirkungen auf das eigene Leben. Dieses wird zur »letzten Gelegenheit«, schreibt die kluge und nachdenkliche Marianne Gronemeyer. Solches Leben wird freilich hastig, anstrengend, überfordernd. Wir haben ja für das maßlose Sehnen nur mäßig Zeit. Zudem ­bedrängt uns untergründig die Angst, zu kurz zu kommen. Was uns wiederum entsolidarisiert.

Angst und Lieben passen nicht zusammen, so unsere Erfahrung. Andere freilich bauen ihr Leben auf die für sie sichere Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Die Bilder von einem solchen Danach sind freilich unscharf. Nicht wenige, reiseerfahren, denken an
Reinkarnation – Milliarden von Menschen in fernöstlichen Gebieten setzen darauf.

Andere ahnen, dass die Freiheit des Menschen eine Zielrichtung hat und auf eine endgültige Vollendung des Lebens drängt. Also rechnen sie mit einem ausgereiften Leben nach dem Tod. Wie es aussehen sollte dort, darüber sagt Maria-Luise Kaschnitz: »nur Liebe, freigewordene, mich überflutend«. Diese Menschen hoffen also, dass der Tod durch die Liebe besiegt wird. Das bewirkt, so spüren sie, dass sie weniger Angst vor der Todesgeburt in dieses Leben der Liebe haben müssen, was sie wiederum »freimacht von einem Leben krampfhafter Selbstbehauptung«.

»Es könnte die Angst von uns nehmen und uns frei machen zu einer Liebe, die den Tod nicht mehr fürchtet.«

 
Eine dritte Gruppe bleibt ein Leben lang voll Zweifel. Solche Skeptiker hoffen und misstrauen zugleich ihrer schwachen Hoffnung. Sie lassen es offen, wie es sein wird. Zugleich aber spüren sie, dass es Entscheidungen gleichsam »auf Leben und Tod« gibt: Ob ich mich in Liebe an jemanden verausgabe, ob ich den Mächtigen widerstehe, das Knie »nie mehr vor einer Partei« oder vor dem Konsum beuge.

Vielleicht trägt jede und jeder von uns heute alle drei Arten des Umgangs mit dem »todsicheren« Ende unseres Lebens in sich: Zunächst die naheliegende Erfahrung, die heute auch Naturwissenschaften teilen und für die große atheistische Denksysteme der Vergangenheit sich eingesetzt haben, dass mit dem Tod alles aus ist. Sodann fällt der Blick auf die Liebe und die geliebten Menschen, der es uns schwer macht ernsthaft zu glauben, dass der Tod die Liebe endgültig verschlingt. Und im Grunde schließlich der Zweifel, dass wir es letztlich aus unserer Erfahrung heraus kaum endgültig entscheiden können. So regiert bei vielen ein Gemisch von Angst, Hoffnung und Zweifel.

Die frühen Christen haben den depressiven Mythos der Griechen von Orpheus und Eurydike gut gekannt. In den römischen Begräbnisstätten, den Katakomben, gibt es Bilder, in denen Christus als Orpheus dargestellt wird. Er ist der liebende Spielmann Gottes. Die, die er liebt, seine Eurydike, das ist die Menschheit, die vom Tod erfasst wird. Von Gottes Spielmann erzählen Christen seit Anfang an, dass er aus dem raumzeitenthobenen Lebensraum in Gott »hinabgestiegen ist in das Reich des Todes«.

Und die christlichen Kirchen erzählen von Anfang an, dass er von dort – in seinem Tod und seiner Auferstehung – die Menschheit zurückgeführt hat in das Land todentrückten Lebens. Die Lyra, die ihm dabei behilflich ist, sei – so die alte Deutung – die Kirche: jenes Instrument, auf dem zugunsten der Menschen das rettende Lied des Lachens, der Hoffnung und der Auferstehung erklinge. Ob dieses Lied unsere zweifelnden Herzen erreicht und beruhigt? Es könnte die Angst von uns nehmen und uns frei machen zu ­einer Liebe, die den Tod nicht mehr fürchtet.

Paul M. Zulehner

Paul M. Zulehner ist katholischer Priester und emeritierter ­Professor für ­Pastoraltheologie der Universität Wien. Er gilt als einer der ­bekanntesten ­Religionssozio­logen Europas.

Zeichen des Glaubens und der Freiheit

12. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Sogar zur Hochzeit kommen Brautpaare mit ihren Eltern und Gästen zur Gedenkstätte. Foto: Günter Schenk.

Sogar zur Hochzeit kommen Brautpaare mit ihren Eltern und Gästen zur Gedenkstätte. Foto: Günter Schenk.


Litauen: Der »Berg der Kreuze« ist zum wichtigsten Pilgerort im Baltikum geworden

Die ersten Kreuze wurden Mitte des 19. Jahrhunderts für das Seelenheil der im Kampf gegen die Russen ­gefallenen Freiheitskämpfer aufgestellt. Seither erlebt das »Litauische Golgota« eine wechselvolle Geschichte.

Mitten in Litauen, nur ein paar Autominuten nördlich des Industriestädtchens Siauliai, recken sich mehr als Hunderttausend Kreuze in den Himmel. Alte und neue, große und kleine. Kreuze in allen Farben: aus Holz, Metall, Stein, Plastik und Pappe. Manche sind riesig, andere ganz winzig. Dicht an dicht stehen die Zeichen des Glaubens auf einem kaum zehn Meter hohen Hügel, den die Einheimischen stolz »Kryziu Kalnas« nennen: Berg der Kreuze. Es ist ein heiliger Ort und Stätte des Gedenkens – ­inzwischen aber auch eine der wichtigsten touristischen Attraktionen im Baltikum.

Es ist Sonnabend und wie oft drängen sich Brautpaare und andere Festgesellschaften an der Gedenkstätte. Längst nämlich gehört es für viele ­Familien Litauens zum guten Ton, zu Hochzeit und Geburt ein Kreuz zu ­stiften. Andere schleppen sie zum ­Zeichen des Dankes nach schweren Krankheiten an, nach überstandenen Operationen oder Unglücksfällen.

Zehntausende von Kreuzen stehen inzwischen zusammen. Viele stammen von den Souvenirhändlern, die zu Füßen der Pilgerstätte ihre Stände neben dem Parkplatz aufgeschlagen haben. Andere haben die Menschen von weither mitgebracht. Manche Kreuze tragen einfache Inschriften. Namen, die an in Sibirien verschollene Angehörige erinnern oder an viel zu früh verstorbene Kleinkinder. Andere sind Schuldbekenntnisse, so wie das Kreuz eines Deutschen, der um Vergebung für den Holocaust bittet.

Eine Treppe führt den Besucher zum Gipfel. Keine zehn Meter ist er hoch. Von oben reicht der Blick weit ins flache Land. Schmale Trampelpfade führen kreuz und quer durch die Reihen der Kreuze. Schlicht und einfach sind die meisten, viele aber auch kunstvoll gedrechselt und mit Schnitzereien verziert. Und immer wieder finden sich im Meer der Kreuze die Schmerzensmutter und der leidende Christus. »Litauisches Golgota«, heißt der Erinnerungsort deshalb heute auch noch.

Um seine Geschichte ranken sich viele Legenden. Eine erzählt von einem Vater, der am Bett seiner kranken Tochter eingeschlafen war. Im Traum sei ihm eine Frau erschienen, die ihm auftrug, ein Kreuz aufzustellen. Der Mann tat wie ihm geheißen – und fand bei seiner Rückkehr nach Hause seine Tochter gesundet. Schnell, so heißt es in Litauen, habe sich die Geschichte rumgesprochen und andere dazu bewogen, in Notsituationen ebenfalls ein Kreuz zu pflanzen.

Realistischer sind die Historiker, welche die ersten Kreuze vor den Toren der Stadt Siauliai Mitte des 19. Jahrhunderts verorten. Nach Aufständen gegen den Zaren hätte man Kerzen und Kreuze für das Seelenheil der im Kampf gegen die Russen gefallenen Freiheitskämpfer aufgestellt. Ende des 19. Jahrhunderts wurden so bereits rund 150 Kreuze gezählt, war der Kreuzberg schon ein bekannter Wallfahrtsort. Eine nationale Pilgerstätte, die Glaubensbekenntnis und Freiheitskampf vereinte. Noch mehr Kreuze kamen nach dem Zweiten Weltkrieg hinzu, nachdem die Rote Armee das zuvor für kurze Zeit unabhängige Land wieder besetzt hatte und viele Menschen aus den umliegenden Dörfern nach Sibirien deportierte.

Der Berg der Kreuze wurde so zum Erinnerungsort für Folteropfer und Verschleppte. Sehr zum Unmut der Sowjets, die schon bald darauf beschlossen, den heiligen Ort aufzulösen. Denn mit dem Berg der Kreuze sahen die Militärmachthaber ihre Autorität infrage gestellt. Im April 1961 walzten ihre Planierraupen das Gelände platt. Doch Tage später standen mehr Kreuze als zuvor da. Es war der Auftakt zu einem langen und verbissenen »Krieg der Kreuze«, der fast 20 Jahre währte. Immer wieder vernichteten die Kommunisten, was die Christen an Glaubenssymbolen auf den Hügel stellten. Vor allem Priester schmuggelten die oft schweren, von Kunsthandwerkern gefertigten Kreuze an den betrunkenen oder eingeschlafenen Wachen vorbei an den heiligen Ort.

Ende der 1980er Jahre, im Zeichen von Perestroika und Glasnost, wurde das Gelände weniger streng kontrolliert, stieg die Zahl der Kreuze sprunghaft an. 1990 wollte man schon 40000 Kreuze gezählt haben. Noch mehr wurden es im Januar 1991, als auf dem Höhepunkt des Unabhängigkeitskampfes mehr als ein Dutzend Litauer von russischen Spezialtruppen vor dem Fernsehturm in der Hauptstadt Vilnius erschossen wurden und Tausende ihre Trauer am Berg der Kreuze sichtbar zum Ausdruck brachten. Wenig später war Litauen unabhängig, der »Berg der Kreuze« neuer Pilgerort und Symbol der neuen Freiheit.

1993 stattete ihm Papst Johannes Paul II. einen Besuch ab, bei dem er die Franziskaner mit der Betreuung des Ortes betraute und sie ermunterte, hier ein Kloster zu errichten. Zur Jahrtausendwende war der zweistöckige Bau mit seinen 16 Mönchszellen fertig. Ein »Haus der Stille«, ein Ort des Gebetes und der Kontemplation – mit einem großen Glasfenster zum Meer der Kreuze hin. Wie viel es inzwischen sind, weiß niemand genau. Anfangs der 1990er Jahre versuchten Studenten der Universität Vilnius, sie zu zählen. Bei 50000 gaben sie auf, was Litauens Christen als einen weiteren Beweis werteten, dass man Gott mit dem Verstand allein nie begreifen könne.

Günter Schenk

Brille, Buchdruck, Globus

11. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

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Erfindungen und Entdeckungen zur Zeit Luthers

 
Wie hilfreich eine Brille sein kann, weiß jeder, der auf sie angewiesen ist. Auch der wohl weitsichtige Luther wusste diese Erfindung zu schätzen. Aus den arabischen Anfängen des Lesesteins hatten sich zu seiner Zeit verschiedene Formen der Lesehilfe entwickelt: Neben dem Monokel gab es die Nietbrille, deren Gläser in einem Rahmen aus Eisen, Holz oder Horn zusammengenietet und vor die Augen gehalten wurde.

Dazu kam die Bügelbrille, die man mittels eines geschlitzten Lederstückes auf die Nase setzte. Bei Damen war die Mützenbrille begehrt, deren Gläser mit einer metallenen Konstruktion an der Haube bzw. Mütze befestigt waren. Wir wissen nicht, welche Art Brille Luther bevorzugte. Nicht immer entsprach die ihm zur Verfügung stehende Brille jedoch seinen Anforderungen. So beschwerte er sich einmal bei seiner Frau: »Sage Meister Christianus, dass ich mein Tage schändlichere Brillen nicht gesehen habe, denn die mit seinem Briefe kommen. Ich kund nicht ein Stich dadurch sehen.«

Dass es für die Brille überhaupt einen so großen Bedarf gab, hatte mit einer anderen Erfindung zu tun, dem Buchdruck mit beweglichen Lettern, wie ihn Johann Gutenberg um 1445 in Mainz präsentierte. Das neue Verfahren ersetzte den aufwendigen Holzdruck, es leitete den Siegeszug des geschriebenen Wortes ein. Ohne diese Erfindung wäre eine Breitenwirkung, wie sie Luthers Schriften und das reformatorische Gedankengut entfalteten, kaum möglich gewesen.

In Wittenberg entstand eine ganze Druckindustrie, die Drucker-Verleger wurden reich, während Luther kein Honorar bekam. Doch die nun jedermann zugänglichen Schriften bahnten nicht nur neuen Denk- und Glaubensmodellen den Weg, manch einer sah damit auch die Moral gefährdet.

Stieß aber das Wort an seine Grenzen, bediente man sich anderer Mittel, um sein Ziel zu erreichen. Auch deshalb wurde das Schieß- oder Schwarzpulver, im Mittelalter »Donnerkraut« genannt, erfunden. Das war zwar hierzulande schon im 14. Jahrhundert, doch zur Lutherzeit wurde der gezogene Gewehrlauf entwickelt, in den das Pulver geladen wurde. Prompt wetterte der Reformator, die Fürsten seien Spitzbuben und Schalke, wo doch eigens für sie der gezogene Gewehrlauf erfunden worden wäre, dass sie anlegten auf ihre Untertanen.

Während Luther mit dem Gewehrlauf wohl kaum direkte Bekanntschaft machte, war ihm die Uhr ein unabding­barer Gebrauchsgegenstand geworden. Nutzte er eine mechanische Standuhr, die es seit dem 13. Jahrhundert gab oder besaß er schon eine der um 1510 von Peter Henlein in Nürnberg entwickelten Taschenuhren (nicht zu verwechseln mit dem »Nürnberger Ei«), die freilich ganz andere Ausmaße hatte als heute. Wir wissen es nicht genau.

Auf der Kanzel jedoch wusste er die Vorteile der altgedienten Sanduhr zu schätzen, die ihm stets 40 Minuten anzeigte. Denn so lange, und keine Minute länger, sollte nach Luthers Meinung ein Vortrag dauern, wollte er die Hörer erreichen.

Martin Luther wird vermutlich weder einen Globus noch eine Weltkarte gesehen haben. Für ihn war die Erde flach und eine Scheibe, ihr Zentrum war Rom oder Jerusalem - das hatte er gelernt, und davon wich er auch nicht ab. Foto: Wikipedia

Martin Luther wird vermutlich weder einen Globus noch eine Weltkarte gesehen haben. Für ihn war die Erde flach und eine Scheibe, ihr Zentrum war Rom oder Jerusalem - das hatte er gelernt, und davon wich er auch nicht ab. Foto: Wikipedia


 
Aus Nürnberg, dem »Auge und Ohr« Deutschlands, wie es Luther nannte, kam auch Martin Behaim, der 1491 den ersten Globus, den Erdapfel, baute, noch ehe Columbus Amerika entdeckte. Bereits 1507 erschien die Neue Welt, der deutsche Geographen versehentlich den Namen »America« gaben, auf der Weltkarte von Martin Waldseemüller. Luther wird vermutlich weder einen Globus noch eine Weltkarte gesehen haben. Für ihn war die Erde flach und eine Scheibe, ihr Zentrum war Rom oder Jerusalem – das hatte er gelernt, und davon wich er auch nicht ab. Ob die Kunde von den großen Entdeckungen, die das Weltbild so entschieden veränderten, überhaupt bis zu ihm gelangte, weiß man nicht.

Sylvia Weigelt

»Ich bin hier wohl das ›schwarze Schaf‹«

11. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Das Sprichwort vom »schwarzen Schaf« geht auf die Wertmaßstäbe der Schafzucht zurück, wonach die Wolle weißer Schafe als wertvoller anzusehen ist, da sie sich einfacher färben lässt. Foto: ddp images/dapd.

Das Sprichwort vom »schwarzen Schaf« geht auf die Wertmaßstäbe der Schafzucht zurück, wonach die Wolle weißer Schafe als wertvoller anzusehen ist, da sie sich einfacher färben lässt. Foto: ddp images/dapd.


 

Zusammenleben: Vom Umgang mit Außenseitern, Sündenböcken und Rebellen in der Familie

 
Kein Kind kommt als »schwarzes Schaf« auf die Welt, dennoch gibt es sie, die Problemkinder, die ­ständig anecken. Eltern ­können ­etwas tun, damit ihr Kind nicht ins Abseits gerät.

Mit Fleiß und Disziplin haben Helenes Eltern es geschafft, sich eine Existenz aufzubauen. Sie kommen, wie sie immer betonen, aus »kleinen Verhältnissen«. Als ihr ältester Sohn vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam, war das ein schwerer Verlust. »Er war so ein wunderbarer Junge«, heißt es seither. Dass ihr zweiter Sohn mit ­Bravour das Abitur geschafft hat und Aussichten auf ein Stipendium hat, ist ihr ganzer Stolz. Für Helene (16) dagegen schämen sie sich: Sie raucht, sie kleidet und schminkt sich auffällig, kommt erst mitten in der Nacht nach Hause, und es ist fraglich, ob sie einen Schulabschluss schafft.

Seit der Scheidung vor drei Jahren erzieht Annette ihre drei Kinder allein. Mit den beiden Töchtern gibt es keine Probleme. Aber ihr Ältester, der 16-jährige Patrick, der seinem Vater so ähnlich sieht, provoziert sie durch Unzuverlässigkeit und Leichtsinn. Er umgibt sich mit falschen Freunden, war schon mehrmals betrunken, und sie hat den Verdacht, dass er ihr Geld gestohlen hat. »Ich kann dir ja sowieso nichts recht machen«, blockt Patrick alle Vorhaltungen ab. Anders als seine Schwestern verbringt er jedes zweite Wochenende gerne bei seinem Vater. Und das, obwohl Annette seit Monaten auf den Unterhalt für die Kinder warten muss.

Teufelskreis
Ständig eckt der achtjährige Tim an. Wo immer er auftaucht, stiftet er durch impulsives Verhalten und Ungeschick Chaos. Auf Ermahnungen reagiert er bockig und störrisch. Tims Eltern fragen sich inzwischen: »Was haben wir falsch gemacht bei seiner Erziehung?« Neulich hat Tim wütend und traurig ausgedrückt wie er sich fühlt: »Ich bin wohl hier das ›schwarze Schaf‹?«

Kein Kind kommt als »schwarzes Schaf« zur Welt. Temperament, Kons­titution, Geschwisterkonstellation und die Paarbeziehung der Eltern spielen eine wichtige Rolle, wenn ein Kind in einer Familie als schwierig gilt und als Ursache für Konflikte und ­Probleme ausgemacht wird.

Das »schwarze Schaf« seinerseits fühlt sich ungerecht behandelt und ungeliebt. Ist die Rolle erst mal festgeschrieben, wird das betroffene Kind sich so ­verhalten, wie es charakterisiert wird. Schuldzuweisungen, Festlegungen und Konflikte haben verschüttet, was an Konstruktivem und Positivem in ­jedem Kind wohnt.

Familiensystem
Gar nicht selten ist es so, dass sich im »schwarzen Schaf« der Familie die Probleme des Elternpaares oder der Lebensgeschichte eines Elternteils wie in einem Brennglas fokussieren. »Die Erkenntnis, dass ein ›schwarzes Schaf‹ ein Symptomträger sein kann, ist für Eltern oft eine harte Nuss«, erlebt Familientherapeutin Renate Lang immer wieder.

Dabei gehe es nicht um Schuldzuweisung oder Verurteilung von Eltern. Wenn ein Kind schwierig ist, spiegelt sich darin oft eine Gesamtbelastung in der Familie wieder. Das »schwarze Schaf« nimmt das wahr und will – so paradox es sich anhört – mit seinem Verhalten das System Familie in Balance bringen. »Haben Sie abgesehen von diesem Kind keine Probleme?« Diese Frage öffne oft den Zugang zu einer neuen Betrachtung der Gesamtsituation.

Im Fall von Patrick etwa dämmerte es seiner Mutter Annette, dass sie die Trauer über die gescheiterte Ehe und ihren Zorn auf ihren Ex-Mann auf ihren Sohn übertrug. Weil Patrick zudem ihrem Ex-Ehemann äußerlich sehr ähnelt, hatte sie ihn innerlich festgelegt: »Du bist genau wie dein ­Vater.«

Mit neuem Blick
Ein Blick auf die Geschwister- und Rollenkonstellation einer Familie ist oft hilfreich. So hat etwa Helene gegen zwei ältere »Überbrüder« zu kämpfen. Der verstorbene Bruder erhielt so etwas wie einen »Heiligenschein«, und der lebende Bruder ist durch seine überragenden Leistungen der stolz präsentierte Vorzeigesohn. Helene entschied sich unbewusst dafür, gar nicht erst in Wettbewerb zu den beiden zu treten und die »Rebellin« der Familie zu sein.

Den Schlüssel zu Tims Verhalten fanden seine Eltern, indem sie ihn bei einem Neurologen vorstellten. Der stellte nach ausführlichen Tests eine Reizverarbeitungsstörung, auch als MCD (Minimale Reizverarbeitungsstörung) bekannt, fest. Sie kann als die Ursache für Tims Verhalten gelten. Er braucht keine ständigen Zurechtweisungen, sondern spezielle Förderung. Und er braucht Eltern, die die Zusammenhänge zwischen dem hirnneurologischen Defizit und Tims Verhalten erkennen und ihre Reaktionen darauf einstellen.

Hilfreiche Anstöße
Machen Sie sich klar, dass eine Familie ein System ist. Wie in einem Mobile reagiert das Ganze auf die Bewegung jedes einzelnen Teils.
Jedes Familienmitglied nimmt eine bestimmte Rolle ein. Oft ist es das bequemste, alle negativen Gefühle auf eine Person zu fokussieren und sie für jeden Konflikt verantwortlich zu machen.

Prüfen Sie, inwieweit andere Familienmitglieder an Konfliktsituationen beteiligt sind. Üben Sie, einen neuen Blick auf das »schwarze Schaf« zu werfen. Es ist immer noch das Kind, das sie kurz nach seiner Geburt staunend und beglückt in den Armen hielten und das geliebt sein will. Können Sie es segnen und Gott für dieses Kind danken?

Beschreiben Sie, was genau Sie am Verhalten Ihres Kindes als anstrengend erleben. Besprechen Sie mit Ihrem Kind respektvoll und in Ruhe, wie und warum sie künftig auf solches Verhalten reagieren werden und ­bitten Sie um seine Mithilfe. Kinder können das verstehen. Die Situation lässt sich nicht ändern, indem Sie sich auf das konzentrieren, was Sie stört, beschämt oder gar Schuldgefühle in Ihnen weckt. Schreiben Sie jede noch so winzige positive Kleinigkeit auf, die Sie an Ihrem »schwarzen Schaf« entdecken. – Bringen Sie das, was liebenswert an ihrem »Problemkind« ist, auch zum Ausdruck. Und zwar möglichst in entspannten »Friedenszeiten«.

Vermeiden Sie es, Ihr Kind auf ­Charakterzüge oder Eigenschaften festzulegen oder zu sagen: »Du bist genau wie …« Vermeiden Sie es, die Rivalität unter Geschwistern anzuheizen, indem Sie sie voreinander vergleichen oder einander als Vorbild hinstellen. Trennen Sie eigene Probleme von denen, die Sie mit dem Kind haben. Gestehen Sie sich ein, wo es in Ihrer Familie, in der Paarbeziehung, im Beruf Probleme gibt und holen Sie sich fachliche Hilfe. Lassen Sie überprüfen, ob das Verhalten des Kindes körperliche Ursachen haben könnte. Verabschieden Sie sich von der Vorstellung, perfekte Eltern in einer stets harmonischen Familie sein zu müssen.

Karin Vorländer

BUCHHINWEISE
Shaw, Elizabeth: Das kleine schwarze Schaf, Kinderbuchverlag Berlin, 56 S., ISBN 978-3-358-03039-4, 9,95 Euro
Zum Vorlesen ab 5 Jahre
Juul, Jesper: Elterncoaching. Gelassen erziehen, Verlag Beltz, 272 S., ISBN 978-3-407-85920-4, 17,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Geschenke der Nacht

10. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Träume: Sie bieten die Möglichkeit für seelische Reifungsprozesse und spirituelles Wachstum

Jeder Mensch träumt in der Nacht. Wer sechs bis acht Stunden schläft erzielt die meisten Traumerinnerungen. Foto: ddp images.

Jeder Mensch träumt in der Nacht. Wer sechs bis acht Stunden schläft erzielt die meisten Traumerinnerungen. Foto: ddp images.


 
Träume sind Schäume! Von wegen. Schon die Bibel misst den Träumen große Bedeutung bei. Sie dienen der seelischen Gesundheit und sind ein Übungsfeld für religiöse Erfahrung.

Über 120 Mal ist in der Bibel vom Träumen die Rede. Immer wird Großes dabei verhandelt, es geht um persönliche ­Gefährdung und Bewahrung, um Machterhalt und Herrschaftskritik, um intuitive Erkenntnisse und göttliche Führung. Die Bibel weist also sehr deutlich auf Träume als Übungsfeld für religiöse Erfahrung hin. Die Vielzahl biblischer Träume verrät große Wertschätzung für das Reich der Seele und differenzierte Kenntnisse.

Die Sprache der Träume wird als Zuspruch, Weisung oder Offenbarung Gottes verstanden. Josefs Traum von der Himmelsleiter illustriert die Erkenntnis einer beständigen Verbindung zwischen Immanenz und Transzendenz, Himmel und Erde. Träume markieren kritische Wendepunkte im Leben, die neben einem klaren Kopf auch Intuition erfordern. Matthäus plädiert für Träume als Sprache der Intuition, durch die man wie Josef, Marias Mann, sicherer durch reale Gefahren navigiert.

Die erste evangelische Traumsystematik stammt von Philipp Melanch­thon (1497–1560). Der Weggefährte Luthers schrieb nicht nur seine eigenen Träume auf, er deutete auch die Träume von Luther und seiner Frau Käthe. Der Gelehrte unterschied vier Arten von Träumen: Zunächst gibt es Träume, die Eindrücke des Tages verarbeiten und um aktuelle Probleme kreisen.

Zur zweiten Gruppe zählte er die weissagenden Träume der Warnungen, Vorausahnungen oder Prophezeiungen. Die dritte Gruppe bilden die geistigen, »von Gott gesandten« Träume. Dazu gehören alle klaren, eindrücklichen Träume, die Sinn, Ermutigung, Wegweisung oder auch Ermahnung und Kurskorrektur vermitteln. Zur letzten, »verwirrenden« Traumsorte rechnet er Träume, die ängstigen, lähmen und als verdreht und belastend erlebt werden.

Heute wissen wir, dass jeder Mensch in der Nacht vier- bis sechsmal träumt und der Traum für psychische Gesundheit sorgt. Träume sind besondere Bewusstseinszustände, messbar an den Rapid-Eye-Movements (REM), den schnellen ­Augenbewegungen im Schlaf. Unter der Schicht unseres Wachbewusstseins liegen unbewusste Wünsche, Fragen und Einstellungen, die der Traum symbolhaft zur Sprache bringt.

Träume werden heute als Möglichkeitsraum für innerpsychische Reifungsprozesse und spirituelles Wachstum verstanden. Sie sind ernst zu ­nehmende Angebote der Seele an das Bewusstsein, die transzendente Tiefe des Daseins auszuloten.

Wie können wir mit unseren Träumen umgehen? Hier einige Ratschläge dazu:

  1. Genügend Schlaf suchen. Mit sechs bis acht Stunden ungestörtem Schlaf erzielt man die meisten Traumerinnerungen. Die Träume gegen Morgen sind am ergiebigsten.
  2.  

  3. Signalisieren Sie Ihrem Unterbewusstsein vor dem Einschlafen, dass Sie sich für seine Traumbotschaften öffnen: »Ich werde mich morgen an meinen Traum erinnern.« Legen Sie ein Traumtagebuch oder ein Handy mit Diktierfunktion neben das Bett.
  4.  

  5. Lassen Sie beim Erwachen die Augen noch einen Moment zu und rollen sie vom letzten Bild her den Traum rückwärts auf. Damit ziehen Sie ihn ins Tagesbewusstsein herüber. Halten Sie den Traumverlauf wenigstens in Stichworten noch vor dem Aufstehen mit Datum fest.
  6.  

  7. Verknüpfen Sie die Traumbilder mit Ihrer derzeitigen Lebenssituation: Welche Erinnerungen, Konflikte, Ängste, Hoffnungen und Gedanken fallen Ihnen zu den Traumelementen ein? Was ist das Thema des Traums? Der Schlüssel zur Deutung sind immer die Gefühle, die der Traum weckt. Sind die Traumgestalten Ausdruck realer Personen oder spiegeln sie Aspekte Ihrer selbst? Gibt es unangenehme Wahrheiten, die Sie anschauen sollten? Oder eine kreative Lösung für ein aktuelles Problem, Hinweise für eine sinnvolle Verhaltensänderung?
  8.  

  9. Geistliche Dimension erkunden. Spiegeln sich aktuelle oder frühere Glaubenserfahrungen und Gottesbilder wider? Ist der Traum tröstlich, heilsam, versöhnlich, beglückend? Weckt er Ehrfurcht, Staunen, erschüttert er Sie stark? Ziel jeder geistlichen Traumarbeit ist innere Wandlung, Transformation. Wie könnte gerade dieser Traum Ihre geistliche Entwicklung befördern? Betrachten Sie den Traum durch die »trinitarische Brille« der Liebe, Weisheit und Barmherzigkeit Gottes. Führt dieser Traum Sie hin zu mehr Möglichkeiten des Guten? Öffnet er Ihnen die Augen für mehr Wahres? Oder erfüllt er Ihr Herz mit mehr Schönem?
  10.  

  11. Sich begleiten lassen. Betrachten Sie Ihre Träume mit einem kundigen Seelsorger oder Therapeuten. So lassen sich ungelöste Konflikte, seelische Störungen und Entwicklungspotenziale erkennen. Gute Traumarbeit ist immer auch Arbeit am unbewussten Schatten und fördert die Ganzwerdung der Person.
  12.  

  13. In Kirchengemeinden könnten sich kleine Traumgruppen ansiedeln. Christen hätten so einen geschützten Raum, um gemeinsam die spirituelle Dimension ihrer Träume auszuloten. Eine neue protestantische Traumkultur müsste bemüht sein, aufgeklärt-psychologische Traumdeutung mit der in der Bibel bezeugten Sinnvertiefung durch Hinwendung zu den ­innerseelischen Bildern zu verbinden. Wer einmal die Symbol-Sprache der Träume erlernt hat, kann auch die Zeugnisse christlicher Mystiker besser verstehen und seine Träume als Durchgangsfeld für tiefere Versenkungszustände wie der bilderlosen Kontemplation begreifen.

»Es ist dunkel, plötzlich öffnet sich die Zimmerdecke, und ein geflügeltes Wesen steigt mit Getöse herunter und erfüllt das Zimmer mit Bewegungen und Wolken. Ein Rauschen von schwingenden Flügeln. Ich denke: ein Engel. Ich kann die Augen nicht öffnen, es ist zu hell, zu leuchtend. Nachdem es das ganze Zimmer durchschritten hat, erhebt sich das Wesen und verschwindet durch die Spalte in der Decke. Es wird wieder dunkel. Ich erwache.«

Dieser Traum eines jungen Kunststudenten könnte unter unzähligen seiner später weltberühmten Bilder stehen: Der Träumer war Marc Chagall (1887–1985), dessen Lebenswerk wie eine einzige Einladung anmutet, die eigene Kreativität durch Traumbilder zu beleben und unseren Glauben damit zu intensivieren. Von Chagall kann man lernen, seine Träume der Welt zurückzuschenken als eine Erinnerung an den göttlichen Urgrund, aus dem sie Nacht für Nacht den Weg zu uns finden.

Marion Küstenmacher

Die Autorin ist evangelische Theologin. Gemeinsam mit ihrem Mann Werner Küstenmacher veröffentlichte sie eine Buchreihe »Simplify your life« (Vereinfache dein Leben).

»Herzschlag der Kirche«

10. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Eine Teilnehmerin des Dresdner Kirchentages formt mit ihren Händen ein Herz, das Symbol des Kirchentages. »... da wird auch dein Herz sein«, lautete das Motto. Das Herz der Kirche gehört der Mission. Foto: epd-bild.

Eine Teilnehmerin des Dresdner Kirchentages formt mit ihren Händen ein Herz, das Symbol des Kirchentages. »... da wird auch dein Herz sein«, lautete das Motto. Das Herz der Kirche gehört der Mission. Foto: epd-bild.


 
EKD-Synode: Das Thema Mission stand im Mittelpunkt der Beratungen des Kirchenparlamentes in Magdeburg.

Lange war Mission allenfalls ein Randthema im Protestantismus. Inzwischen hat die evangelische Kirche die Bedeutung erkannt. Die ­zentrale Frage lautet: Wie können Christen ihren ­Glauben so leben, dass er auch andere anspricht?

Die Zahlen lügen nicht: Der Artikel zum Kirchenaustritt der Internet-Enzyklopädie Wikipedia sei im November 1269 Mal aufgerufen worden, der Beitrag zum Kircheneintritt dagegen nur 37 Mal. Sehr offen gibt Pavel Richter, Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland e.V., Auskunft über sein Verhältnis zur Religion und zur Frage, was ihn daran hindert, Christ zu werden.

Diese Frage, eröffnet er am 7. November ­seinen Beitrag vor der EKD-Synode in Magdeburg, komme im Alltag kaum vor. »Ich weiß nicht mal, wann ich danach das letzte Mal gefragt worden bin.« Dabei versteht sich der Geschäftsführer durchaus als Christ im Sinne einer kulturellen Prägung, aber eben nicht als gläubig. Als einen Grund, warum er nicht in die Kirche eintritt, nennt er unter anderem die Kirchensteuer.

Zugleich gibt Richter aber auch eine Frage an die Synode zurück: »Was lockt mich, in die Kirche einzutreten?« Für sein »Christsein« brauche er die Kirche eigentlich kaum, gibt er zu Protokoll.

Vier ganz unterschiedliche Voten sollen die Synodalen auf das Schwerpunktthema Mission einstimmen. Neben dem Wikimedia-Geschäftsführer kommt Max Bank von »attac« zu Wort, der sich erst als 27-Jähriger hat taufen lassen. Die Ostberliner Jazzsängerin Pascal von Wroblewsky dagegen macht unmissverständlich klar, dass der Glaube für sie kein Thema ist. »Offenbar hat Religion auf mich keine Wirkung, hier bin ich immun.«

Die ­Tübinger Theologieprofessorin Birgit Weyel wirft schließlich einen Blick auf die fortschreitende Entkirchlichung. Gründe dafür sieht sie in
der Individualisierung des Religiösen. Dennoch sei das Christentum in Deutschland durchaus präsent. Etwa 62 Prozent der Menschen würden sich als Christen bekennen.

Aufgabe der Kirche sei es, das Gespräch über die christlichen Lebensdeutungen zu fördern. Dabei müssten die Menschen ernst genommen werden. »Sie sind keine Konsumenten, an die man vermeintlich passgenaue Angebote adressieren kann.« Bereits zum zweiten Mal nach 1999 hat die EKD-Synode das Thema Mission auf die Tagesordnung gesetzt.

Einen Tag lang nehmen sich die Synodalen Zeit, um über die Impulsreferate und den Kundgebungsentwurf unter dem Titel »Was hindert’s, dass ich Christ werde?« zu diskutieren. Der Grund liegt auf der Hand: In den letzten acht Jahren hat die evangelische Kirche rund zwei Millionen Mitglieder verloren.

Derzeit zählt die EKD noch 24 Millionen Christen. Vor allem im Osten stellt sich die Situation dramatisch dar. In Magdeburg etwa, dem ­Tagungsort der Synode, gehören gerade einmal 8,9 Prozent der Einwohner der evangelischen Kirche an. Bis 2040 rechnet die EKD mit einem Rückgang auf insgesamt 16 Millionen Mitglieder.

Trotzdem soll das Thema Mission keinesfalls als Programm zur Mitgliedergewinnung missverstanden werden. Weder gehe es um eine ­»christ­liche Motivationsstrategie« noch um die »Rekrutierung neuer Mitglieder«, so der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, der als Vorsitzender des Vorbereitungsausschusses den Kundgebungsentwurf einbringt.

»Die Kirche bedarf einer neuen Sprachfähigkeit des Glaubens, um die Botschaft fantasievoll, überzeugend und leidenschaftlich zu vermitteln.« Christliche Mission spüre sowohl »ihrem eigenen Herzschlag« nach, aber nehme gleichzeitig auch offen wahr, was die Menschen ihr zu sagen haben und was die Gesellschaft heute bewegt, sagt der ­Bischof bei der Einbringung. Die geistliche Herausforderung sieht er in der »geistlichen Konzentration und eine konsequente Ausrichtung auf das Zentrum, auf Gott und Christus selbst«.

Zugleich warnt Meister vor ­einer aktionistischen Engführung. Bei der Mission gehe es immer um die Freiheit des Gegenübers.
Doch der Entwurf, der am Mittwoch (nach Redaktionsschluss) verabschiedet werden soll, stößt im Kirchenparlament nicht nur auf Zustimmung.

Etliche Synodale kritisieren die »depressive Grundstimmung« und bemängeln die Ausrichtung. Die Ostberliner Sängerin Pascal von Wroblewsky kann der Diskussion ohnehin nichts abgewinnen. Für sie ist die Frage ebenso irrelevant wie für die Mehrheit der Ostdeutschen. Das allerdings spielt im Plenum der EKD-Synode keine Rolle.

Martin Hanusch

Nikolaus Schneider

»Nicht über unsere Verhältnisse leben«

EKD-Chef bekräftigte Reformnotwendigkeit in der Kirche und las der Finanzwirtschaft die Leviten

Am Anfang stand ein deutliches Bekenntnis des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Fortsetzung des Reformprozesses. Die evangelische Kirche sei ein offenes und missionarisches Haus und habe den Mut zu ­Reformen unter Beweis gestellt, sagte der rheinische Präses Nikolaus Schneider zum Auftakt der in Magdeburg tagenden EKD-Synode. Das geschehe nicht in »blindem Reformeifer zur Selbstprofilierung«, sondern im Blick auf die künftigen Aufgaben.

Es gebe allerdings auch in der Kirche so etwas wie eine »Reformmüdigkeit« und eine prinzipielle Zurückhaltung gegenüber notwendigen Veränderungen, räumte der EKD-Ratsvorsitzende ein, der seinen Bericht unter das Motto »Haus der lebendigen Steine« gestellt hatte. Die demografische Entwicklung, zurückgehende Kirchenmitgliedschaft und der Relevanzverlust der Institutionen stellten die Kirche »zwingend« vor die Aufgabe, nachhaltig lebbare Strukturen anzustreben. »Wir wollen und sollen als Kirche nicht in die Gefahr geraten, auf Dauer über unsere Verhältnisse zu leben.«

Ausführlich ging der EKD-Chef in seinem Bericht zudem auf die ­Papst­visite in Deutschland ein. Mit seinem Besuch im Erfurter Augustinerkloster habe Benedikt XVI. ein »starkes ökumenisches Signal« gesetzt, lobte Schneider. Zugleich äußerte er sich jedoch enttäuscht über das Treffen am 23. September. Es dürfe nichts schöngeredet werden, »was nicht schön war«.

Brennende Fragen des ökumenischen Dialogs seien im Gottesdienst gar nicht oder nur missverstehend und missverständlich angesprochen worden, kritisierte Schneider. Besonders irritiert habe viele Menschen die Rede des Papstes von einem »Gastgeschenk«, das er nicht dabei hätte. Niemand habe das erwartet, wohl aber inhaltliche Impulse. Trotz dieser ökumenischen Irritation lud der Ratsvorsitzende die katholische Kirche dazu ein, das Reformationsjubiläum 2017 mitzufeiern.

Breiten Raum nahmen in dem Bericht schließlich die gesellschaftlichen Entwicklungen vom Atomausstieg und der Suche nach einem Endlager über den Flüchtlingsschutz bis zur Eurokrise ein. So mahnte der EKD-Ratsvorsitzende Konsequenzen aus der internationalen Finanz- und Schuldenkrise an. »Wir benötigen eine Politik, die Finanzakteure so zügelt und Finanzstrukturen so steuert, dass sie nicht der Bereicherung Einzelner, sondern dem Leben vieler Menschen dienen.«

Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise drohten dagegen die Stabilität ganzer Staaten die Existenzgrundlage vieler Menschen zu ­gefährden, sagte Schneider. Von den Folgen der Finanzkrise seien weltweit die Armen am stärksten betroffen. Auch in Deutschland vergrößere sich die soziale Kluft. Er sei dankbar, dass die Politik wieder über Mindestlöhne diskutiere. Grundsätzlich müsse unter sozialethischen Gesichtspunkten gelten: »Eine volle Berufstätigkeit soll so entlohnt werden, dass ein eigenverantwortetes Leben möglich ist.«

Zugleich ging Schneider vor dem Kirchenparlament auch auf das umstrittene kirchliche Arbeitsrecht ein, das während der Synode beraten wurde. Dabei verteidigte der Ratsvorsitzende die Sonderregelungen, nach denen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer Dienstgemeinschaft verbunden sind. »Wir wollen eine Leitwährung für den Dritten Weg.« Letztlich ziele dieser auf ein gleichberechtigtes Miteinander und wolle dem Gegen­einander von Dienstgebern und Dienstnehmern im Sinn von Arbeitskämpfen wehren. Allerdings drohe das Verhalten einzelner Träger durch Ausgründungen und Zeitarbeit die Gemeinschaft auszuhöhlen. Hier brauche es bessere Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen durch die Dienstgeber, forderte der Ratsvorsitzende.

Martin Hanusch

Friedhofskultur auf Skandinavisch

9. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: An diesem Wochenende ist Totengedenken – Gottesäcker mit viel weniger Regeln als in Deutschland.

Pflegeleicht und wenig Regeln: Die Friedhofsvorschriften in Norwegen zwingen niemanden, aus Angst vor der Überforderung durch die Grabpflege auf ­anonyme Grabfelder auszuweichen. Foto: Michael Hoffmann.

Pflegeleicht und wenig Regeln: Die Friedhofsvorschriften in Norwegen zwingen niemanden, aus Angst vor der Überforderung durch die Grabpflege auf ­anonyme Grabfelder auszuweichen. Foto: Michael Hoffmann.


Am ersten Wochenende im November besuchen die Skandinavier die Gräber ­ihrer Lieben. Es ist der »Alle helgens dag«, das einzige große kirchliche Fest des Herbstes.

Der »Alle helgens dag« ist aus dem katholischen Fest Allerheiligen hervorgegangen, das auch als das Osterfest des Herbstes bezeichnet wird. Dieses Fest wird in orthodoxen Kirchen am ersten Sonntag nach Pfingsten und in der römisch-katholischen und der anglikanischen Kirche am 1. November gefeiert.

Es wurde ursprünglich zum Gedenken an alle Märtyrer begangen, die keinen eigenen Feiertag haben. Der in Halle geborene Arzt Johann Friedrich Struensee (1737–1772) verlegte 1770 als Regent des Königs von Dänemark-Norwegen den Feiertag im Rahmen einer Feiertagsreduktion.

In Dänemark und Norwegen wird er nun am ersten Sonntag im November und in Schweden einen Tag früher ­gefeiert. Inhaltlich entspricht er eher dem ­Allerseelentag, der in der katholischen Kirche am 2. November begangen wird und dem evangelisch-deutschen Ewigkeitssonntag: Es wird der im vergangenen Jahr Verstorbenen gedacht.

Alle Friedhöfe in Norwegen sind kirchliche Friedhöfe, auch wenn es in einigen Städten inzwischen muslimische Grabfelder gibt. Die Vorschriften für Beerdigungen sind sehr übersichtlich: Es gibt ein Gesetz. Dieses schreibt vor, in der Regel innerhalb von acht Tagen nach dem Todesfall zu beerdigen und es sichert, dass ein ­einfaches Grab in der Kommune des Wohnsitzes 20 Jahre kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

»Kultur ist lebendig, sie entwickelt und verändert sich. Dies gilt auch für christliche Friedhofskultur«

 
Es gibt eine Vorschrift zum Gesetz, das die Normen für die Einrichtung von Friedhöfen, die Abmessungen von Gräbern, einen Sargzwang, Regeln für die Behandlung von Särgen und Urnen, den Betrieb von Krematorien und insgesamt acht Paragrafen über Grabsteine auf Gräbern enthält.

Es soll in der Regel nur ein Grabstein pro Grab aufgestellt werden. Text, Fotografien, Verzierungen und Symbole sollen zurückhaltend eingesetzt und normalerweise nur die Namen der dort Beerdigten verzeichnet werden. Der Stein muss aus einem Material sein, das das norwegische Wetter und das Rasenmähen auf dem Friedhof verträgt, und er darf nicht zu groß sein.

Ein Gewicht von 300 Kilogramm soll nicht überschritten werden. Doch Ausnahmen sind möglich, so lange der Stein entsprechend der Vorschriften mit einem Fundament und Bolzen gegen Umfallen gesichert ist. Weitere Vorschriften gibt es nicht. Trotzdem ist der Friedhof ein Platz des stillen Gedenkens und kein Platz des Wettbewerbs.

Im Gegensatz zu deutschen Friedhöfen sind die Gräber meist nicht gegeneinander abgegrenzt. Manche, aber nicht alle, nutzen die Fläche eines A3-Blattes vor dem Grabstein für Blumen und Grabschmuck. Der Rest des Grabes ist mit Rasen überwachsen und wird von der Kirchengemeinde mit dem Rasenmäher gepflegt.

Kaum ein alter Mensch muss sich, aus Angst davor, seine Angehö­rigen mit der Grabpflege zu überfordern, für ein anonymes Grab entscheiden. Ich habe in Deutschland den Schmerz von Menschen erlebt, deren Angehörige in einem anonymen Grabfeld auf einem städtischen Friedhof weit weg beerdigt wurden, und die nun kein Grab haben um ihre Trauer auszudrücken.

Oft wünschten sich die Verstorbenen, die selbst viele Jahre lang Gräber aufopferungsvoll gepflegt hatten, für sich selbst ein einfach zu pflegendes Grab: Ohne regelmäßiges Harken und Bepflanzen, ein Ort für Andacht und stilles Gedenken. Doch dafür war auf dem kirchlichen Friedhof vor Ort kein Raum.

Ich verstehe, dass kirchliche Friedhöfe auch als solche zu erkennen sein sollen. Doch wer hat entschieden, dass es nur die eine christliche Friedhofskultur gibt? Warum ist es nicht möglich, einen Blick nach Herrnhut zur Brüder-Unität, ins katholische Bayern oder gar über die Landesgrenzen hinaus zu werfen? Vielleicht steckt hinter den oft detaillierten Friedhofsordnungen aber auch ein deutsches Bedürfnis, alle denkbaren und undenkbaren Möglichkeiten zu regeln?

Kultur ist lebendig, sie entwickelt und verändert sich. Dies gilt auch für christliche Friedhofskultur. Jeder Versuch, sie unverändert in einem engen Korsett zu konservieren, muss auf Dauer scheitern. Ich bin in meinen zehn Jahren als Pfarrer in Norwegen noch mit keiner Friedhofssatzung in Berührung gekommen. Mein persönlicher Entschluss steht übrigens auch fest: Ich möchte in einem einfachen norwegischen Grab beerdigt werden und nicht in einem engen deutschen kirchenbürokratischen Korsett.

Michael Hoffmann

Michael Hoffmann ist Pfarrer im norwegischen Haram und Fjørtoft.

Eine Boygroup besonderer Art

7. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Kirche ist Dieter Falk mit seinem Pop-Oratorium »10 Gebote« aufgefallen. Schon vorher hat der Erfolgsproduzent mit seinem Mix aus Klassik, Kirchenchoral und Popsong für Aufsehen gesorgt. Und Diskussionen. Sein neues Projekt: Bach.

Dieter Falk mit Söhnen Paul (links) und Max. Fotos: Gerd-Matthias Hoeffchen.

Dieter Falk mit Söhnen Paul (links) und Max. Fotos: Gerd-Matthias Hoeffchen.


Auf der Treppe in den Keller begegnet einem Daliah Lavi. Die Mädels von der TV-Popgruppe »Monrose«. Das Gesangs-Duo Marshall & Alexander. Und immer wieder: die Pop-Rock-Band »Pur«.

Wo bei anderen Leuten Trockenblumen oder Makramee-Knüpfereien an den Wänden hängen, ist die Tapete bei Familie Falk auf dem Weg ins Untergeschoss mit Goldenen Schallplatten gepflastert.

»Hier im Keller hat schon Karel Gott gesungen«, sagt Dieter Falk. Keller? Das klingt nach Waschmaschine und Wäschetrockner. Bei Falks sieht das so aus: ein Schlagzeug. Eine Orgel. Ein E-Piano. Eine Menge weiterer ­Tasteninstrumente. Trotzdem: Um ans Mikrofon zu kommen, musste wohl auch Karel Gott erst mal zwischen den Regalen mit Sportschuhen, Tennisschlägern und Koffern durch.

»Früher habe ich für Plattenproduktionen jedes Mal ein großes Studio angemietet«, erklärt Dieter Falk. Heute kann der mehrfach preisgekrönte Musiker dank modernster Computertechnik die Arbeit in seinem Keller daheim im schmucken Düsseldorfer Vorstadthäuschen erledigen.

Zwischen Instrumenten und Computern: Dutzende von Pappordnern. Gefüllt mit Noten, Arrangements und Verträgen. Handbeschriftet, schwarzer Filzstift: Howard Carpendale. Nino de Angelo. Katja Ebstein. Und eben Pur.

Pur: 20 Millionen Platten hat Dieter Falk in den 90er-Jahren als Produzent der damals erfolgreichsten deutschen Popgruppe verkauft. »Pur war für mich der Sprung in die Oberliga«, erinnert sich Falk. Schon zuvor hatte sich der junge Falk als Pianist und Keyboarder (Edwin Hawkins: »Oh happy Day«; Inge Brück: »Frag den Wind«; Arno & Andreas) sowie als Produzent (Pe Werner: »Dieses Kribbeln im Bauch«) einen Namen gemacht.

Mit Pur kam, kurz nachdem der bis dahin bei einer christlichen Plattenfirma Angestellte sich selbstständig gemacht hatte, dann der kommerzielle Erfolg. »400000 D-Mark hat eine Plattenproduktion mit Pur gekostet«, erinnert sich Dieter Falk, »und das war nicht mal besonders teuer.«

Was macht ein Produzent? Dieter: »Ich bin Regisseur der Lieder.« Beispiel Pe Werner: Die war »mit ihrer ­Gitarre und einer tollen Idee« bei ihm reingeschneit. Gemeinsam haben sie sich ans Klavier gesetzt, gesungen, probiert, verworfen. Weitere Musiker dazugeholt. Aufgenommen. Und am Ende all die Stimmen und Instrumente zu diesem wundervollen Lied zusammengefügt. »Der Produzent ist der Berater des Künstlers. Ein Song-Architekt.«

Rumms! Auftritt der beiden Falk-Söhne. Max am Schlagzeug. Paul an der Orgel. Max ist 17, Paul 14, beide ­legen los, als hätten sie nie etwas anderes als Musik gemacht. »Bei uns im Haus hat man keine Chance, der Musik zu entgehen«, meint Paul grinsend.

Trotz Schallisolierung hörte die Familie mit, was der Vater unten aufnahm. »Wir sind runtergelaufen, wenn uns was nicht gefallen hat«, ergänzt Max, »und haben gesagt, was Papa anders machen muss …«

»Die beiden sind mit Musik aufgewachsen«, erzählt Dieter. »Aber richtig geübt haben sie erst, als sie mit auf die Bühne durften.« Auf die Bühne mit dem großen Papa: Selbstverständlich war das nicht. Als Juror des ProSieben-Nachwuchswettbewerbs »Popstars« hatte Dieter Falk zwei Jahre lang Erfahrungen mit ehrgeizigen Eltern gemacht: »Was einige ihren Kindern da antun …« Den Falks ist die Balance wichtig.

Familie, Schule, Ausbildung dürfen nicht zu kurz kommen. Max denkt ans Medizinstudium. Paul ­sammelt Erfahrung als Schauspieler (»Kleine Morde«, mit Uwe Ochsenknecht, Kinostart 2012).

Was macht eigentlich Mutter Angelika, eine Grundschullehrerin? »Die holt uns auf den Boden zurück, wenn wir in die Wolken steigen wollen«, meint Paul. Wieder dieses Grinsen. Das hat er wohl vom Vater. Der wirkt mit 51 Jahren wie ein großer, unverschämt sympathischer Junge, der jeden gleich duzt: »Bei Musikern üblich.« Der andere Dieter (Bohlen) soll sich deshalb mal eine Anzeige eingefangen haben: Er hatte einen Polizisten geduzt.

Falk und Söhne – das ist eine Boygroup besonderer Art. Das Interesse an ihrem neuen Programm ist riesig. »Man kann uns buchen«, sagt Dieter. Das sei nicht billig, aber mit »nem Sponsor kann das auch eine Kirchengemeinde hinkriegen«. Spannend ist das allemal. Als Wandler zwischen den Welten – Klassik und Pop – hat Falk Grundlegendes geleistet.

Was aber nicht jedem gefällt: »Gerade von Kollegen aus der Kirchenmusik habe ich schon vor Jahren Schelte bekommen«, erinnert sich der studierte Jazzmusiker, dessen musikalische Wurzeln in der Kirche liegen – die Mutter war Leiterin eines Kirchenchors in Siegen.

Trotzdem: Seine CD »A Tribute to Paul Gerhardt« hat sich 30000 Mal verkauft; sein Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« wurde begeistert gefeiert. Und die Evangelische ­Kirche in Deutschland denkt bereits über weitere Projekte mit ihm nach.

Die Falks und die Musik – da ist das ganze Haus beteiligt. Wenn Daliah Lavi oder Katja Ebstein sich in den Pausen oben in der Küche ein Butterbrot schmieren, sind die ohnehin »ein Teil der Familie«, meint Dieter. Oder Karel Gott. Der hatte, ganz Kavalier der alten Schule, der Dame des Hauses einen Kasten Pralinen mitgebracht, bevor er zum Singen in den Keller ging.

Gerd-Matthias Hoeffchen

Gerhard Ulrich ist neuer Leitender Bischof der lutherischen Kirche

7. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Leidenschaftlicher Prediger

Gerhard Ulrich ist neuer Leitender Bischof der lutherischen Kirche.

 
Er gilt als eine treibende Kraft bei der Gründung der Nordkirche und scheut keine stressige Gremienarbeit mit Sitzungen bis in die Nacht. Seine Leidenschaft aber ist die Predigt. Gerhard Ulrich (60), neuer Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), will auch in seinem neuen Amt das tun, was er als Pastor, Propst und nordelbischer Bischof schon immer am liebsten getan hat: Menschen für das Evangelium gewinnen.

Gerhard Ulrich ist neuer Leitender Bischof der lutherischen Kirche.

Gerhard Ulrich ist neuer Leitender Bischof der lutherischen Kirche.


Als er im Juli 2008 Schleswiger Bischof wurde, sagte Ulrich auf Journalistenfragen, dass seine Leidenschaft für das Wort durch seine Geschichte geprägt sei. Dabei verwies der neue Spitzenmann des Zusammenschlusses von acht lutherischen Landeskirchen mit fast zehn Millionen evangelischen Christen auf ein zentrales Schlüsselerlebnis.

Er war Schauspielschüler. Kurz vor einem Auftritt beim Stück “Abelard und Heloise” hörte der damals 22-Jährige im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater, wie eine Kollegin den Psalm 139 rezitierte: “Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir … und nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.” Dieser Eindruck brachte Ulrich dazu, vom Studium der Germanistik, Theaterwissenschaften und Schauspielkunst 1974 zum Theologiestudium zu wechseln.

Er legt großen Wert darauf, beim Predigen in die Lebenswirklichkeit der Menschen “hineinzuerzählen”. “Weil ich es selbst so erfahren habe, kann ich mir es gar nicht anders vorstellen”, sagt der evangelische Theologe, der mit Ehefrau Cornelia vier erwachsene Söhne hat.

Auch sein beruflicher Werdegang als Pastor war von Abwechslung geprägt. Als Sohn eines Polizisten in Hamburg geboren war Ulrich zunächst Pastor in Barsbüttel (Kreis Stormarn) und Hamburg-Wellingsbüttel. Danach wurde er Ausbildungsmentor für Theologen in Schleswig und Direktor des Predigerseminars Preetz. Im März 1996 übernahm er das Propstamt im Kirchenkreis Angeln, 2008 wurde er Schleswiger Bischof als Nachfolger von Hans Christian Knuth.

Bereits als Propst war er Mitglied der nordelbischen Kirchenleitung und von Anfang an aktiv beteiligt an den Weichenstellungen für die Nordkirche als Zusammenschluss der nordelbischen, mecklenburgischen und pommerschen Kirche. Er ist derzeit nicht nur Vorsitzender der nordelbischen Kirchenleitung, sondern hat auch den Vorsitz der gemeinsamen Kirchenleitung aller drei Kirchen inne.

Hartmut Schulz (epd)

Die Freiheit zur Unvollkommenheit

2. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Warum sich Martin Luther seiner Tränen nicht schämte – Betrachtung zum Reformationstag.

 

Luther-Statue in Magdeburg, Foto: Kriss Szkurlatowski, sxc.hu.

Luther-Statue in Magdeburg, Foto: Kriss Szkurlatowski, sxc.hu.

 Hier stehe ich und kann nicht ­anders!« Mit diesen Worten soll Luther 1521 auf dem Reichstag in Worms seine Rede beendet haben, als er seine Schriften widerrufen sollte. Ein Satz – wie geschaffen für ein Denkmal. Allerdings hat Luther die legendären Worte wahrscheinlich nie gesagt, niemand hat sie aufgezeichnet.
 
Sein Mut ist eher seltsam doppelbödig. Heftig kann er polemisieren, doch da ist auch die bei ihm oft aufflackernde Angst vor der Bodenlosigkeit. In der Nacht vor dem entscheidenden Auftritt in Worms soll er gebetet haben: Schreie, Seufzer, Satzfetzen, die nicht denkmaltauglich sind. Dann aber kippt unversehens seine Stimmung, indem er sich auf Christus beruft, »der mein Schutz und Schirm sein soll, ja meine feste Burg«.
 
Eine ängstliche Seele sucht Zuflucht bei einem, der auch keinen ­Boden unter den Füßen hat, nämlich beim am Kreuz hängenden Christus. Luther widerruft seine Bücher schließlich nicht, »überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes«. Das Gewissen – auch das ist wie Christus oder die mysteriöse Himmelsburg eine ungreifbare Größe, womit sich keine Herrschaft machen lässt. Aber gerade darauf sind die hohen Herren offenbar nicht vorbereitet: Dass da einer ist, der nichts weiter sagt als – ich.
 
Über Jahre hat dieser Mönch in seiner Zelle die Bibel gelesen, ein Einzelner, er fühlte sich ungenügend, nichts genügt. Er findet endlich tiefe Ruhe als er merkt: Die schreiende Sehnsucht muss er nicht dämpfen. Gott setzt
die Unvollkommenheit ins Recht. Nicht die heute oft geforderte Ganzheit lässt Luther Atem finden, sondern die Entdeckung, halb sein zu dürfen. Es ist eine verwundete, verletzte Vollkommenheit.
 
Das hatte ihm kein spiritueller Meister sagen können – und vielleicht auch nicht wollen. Denn wenn einer von sich sagen kann, ich bin um Gottes Willen heil, dann kann das keine menschliche Autorität tilgen. »Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit«, urteilt Heinrich Heine.
 
Sich zur Halbheit zu bekennen, verlangt auch heute Mut. Die prägenden Traditionen und Deutesysteme sind zurückgetreten, wie es etwa der Philosoph Wilhelm Schmid treffend beschreibt. Die so entstandene Freiheit geht nun aber über in den Druck, seine Biografie auch erfolgreich zu ­gestalten. Fast jede Niederlage hat man sich selbst zuzuschreiben. »Die Risikogesellschaft verlangt nach dem psychischen und physischen Tarzan, der sich selbst als Gewinner produziert«, sagt die Theologin Gunda Schneider-Flume. Das Leben soll ­gelingen! Das höre man oft, auch in den Kirchen, was für Schneider-Flume Tyrannei bedeute.
 
Die Vertreter des gelingenden Lebens differenzieren freilich, sie wissen natürlich, dass es Krankheit, Vergeblichkeit und Scheitern gibt, nur könne man doch dadurch lernen nochmals erfolgreicher zu sein.
 
In Volkshochschulen gibt es Schlagfertigkeits-Seminare, man lernt, wie man Kränkungen verhindern kann. In Arbeits- und Bildungsprozessen wird der Mensch in Potenziale aufgegliedert, die sich bewerten und messbar optimieren lassen. Irgendwann einmal soll dann alles rund erscheinen. Vielleicht nehmen die sogenannten psychischen Erkrankungen auch deshalb zu, weil das Ungereimte niemals ungereimt bleiben darf?
 
Luther kümmerte sich noch um die schöne Verletzlichkeit einer einzelnen Seele, nämlich seiner – und damit bereits um andere. Denn wer seine Verletzlichkeit eingesteht, wird frei vom Anspruch, die Maske ewigen Gelingens zu tragen. Sich zur Dünnhäutigkeit zu bekennen, war für Luther keine Theorie.
 
Als seine kaum acht Monate alte Tochter Elisabeth gestorben war, schrieb er an einen Freund: »Sie hat mir ein seltsam bekümmertes, beinahe weibliches Herz zurückgelassen.« Warum schämte sich der große Reformator der Tränen nicht? Weil Schwäche für ihn keine Schwäche war, sondern eine Stärke, nämlich das Ende des Wahns, alles können zu müssen. Das ist die herrliche refor­matorische Freiheit, unfertig sein zu dürfen. Und etwas völlig anderes als jener Mut, der in dem Satz zum Ausdruck kommt: »Ich stehe hier und kann nicht anders.«
 
Das hat Luther in Worms nicht gesagt. Bezeugt ist stattdessen, dass er seine Rede auf dem Reichstag mit den Worten beendet hat: »Gott komm mir zu Hilfe.«
 
Georg Magirius
 
Der Autor hat evangelische Theologie studiert. Er ist freier Schriftsteller und arbeitet als Journalist für mehrere ARD-Hörfunksender.

Gentechnik und Kirche

1. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

»Angstdebatte mit vielfach widerlegten Behauptungen«

 
Grüne Gentechnik: Brauchen wir gentechnisch veränderte Pflanzen? Im Gespräch mit Professor Reinhard Szibor.
 
»Gendreck weg«, lautet ein in Deutschland vielfach zu ­hörender Spruch. Der Magdeburger Naturwissenschaftler Reinhard Szibor hält dagegen. Für ihn ist die Ablehnung der Grünen Gentechnik ein unverantwortlicher Fehler. Harald Krille sprach mit dem bekennenden Protestanten.
 

Professor Reinhard Szibor, Foto: Harald Krille.

Professor Reinhard Szibor, Foto: Harald Krille.

 Herr Professor Szibor, die überwiegende Mehrheit der Deutschen hat Angst vor der Grünen Gentechnik. Sie nicht?
Szibor:
Ich habe keine Angst, sondern die Sorge, dass man sie nicht nutzt. Man muss festhalten, dass es ein unglaubliches Unwissen über Züchtung überhaupt und die Grünen Gentechnik im Besondern gibt. Viele wissen gar nicht, dass die große Mehrheit der Pflanzen, die wir essen, Ergebnisse ungerichteter Mutationen sind. Veränderungen in der konventionellen Züchtung werden oft dadurch erzeugt, dass man Pflanzen mit radioaktiven Strahlen und mit chemischen Mutagenen behandelt und eine Fülle von unkontrollierten Veränderungen erhält. Diese sind meist nachteilig, die wenigen erwünschten sucht man dann heraus. Eine Prüfung oder institutionelle Überwachung gab es dabei überhaupt nicht. Manches davon war gesundheitsschädlich und musste wieder vom Markt genommen werden.
 
Und das ist bei der Gentechnik anders?
Szibor:
Bei der gentechnischen Veränderung einer Pflanze gibt es einen gezielten Eingriff an nur einer Stelle und dort wird eine gut analysierte Gensequenz eingebaut. Das wirkliche Alleinstellungsmerkmal der Grünen Gentechnik ist, dass alles dort Produzierte einer Sicherheitskontrolle unterworfen ist: Es wird genau geprüft, ob es Gefahren für die Umwelt oder die Gesundheit von Mensch und Tier gibt. Erst dann kommen solche Pflanzen auf den Markt.
 
Auch die Atomphysiker und Kraftwerksingenieure haben uns versprochen, dass Kernenergie eine saubere und beherrschbare Sache sei. Heute weiß man, dass die Risiken und Nebenwirkungen kaum beherrschbar sind.
Szibor:
Ich bin kein Verfechter der Kernenergie. Aber: Wenn Sie mal die Toten und gesundheitlich Geschädigten durch Unfälle und Katastrophen in Atomanlagen zusammenzählen, dann sind das wenige Prozent von der Anzahl der Opfer, die früher im gleichen Zeitraum durch die Nutzung der Kohle zu beklagen waren. So schlimm Tschernobyl und Fukushima auch sind, man muss die Realitäten und die Relationen sehen. Um die enormen Probleme unserer Welt zu lösen, brauchen wir auch neue Technologien!
 
Ist das Misstrauen gegenüber neuen Technologien nicht verständlich wenn man bedenkt, wie oft die Heilsversprechen nicht eingehalten wurden?
Szibor:
Das Problem ist, dass sich ­alles, was schief gegangen ist, fester in unser Gedächtnis einprägt als die Vieltausend guten Ergebnisse. Man hört zum Beispiel immer die Klagen über die Antibiotika-Therapien, dass es dadurch Resistenzen gibt und so weiter. Aber man vergisst, wie viele Millionen und Abermillionen Menschen durch diese Therapien gerettet wurden.
 
Wir müssen also mit Risiken leben?
Szibor:
Es gibt kein Nullrisiko. Wir müssen immer die Vorteile einer Technologie realistisch abwägen gegen ihre zweifellos bestehenden Risiken und gegen die Risiken, die sich aus dem Verzicht darauf ergeben. Bei der Grünen Gentechnik sind die Risiken durch zugelassene Pflanzen nahe Null, die Chancen groß und ein Verzicht verschärft die bestehenden Probleme.
 
Und warum sollen wir uns den Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik aussetzen?
Szibor:
Weil alle sechs Sekunden auf der Welt ein Mensch an Hunger stirbt. Und weil die konventionelle Züchtung ausgereizt ist und kaum noch einen Zuwachs an Erträgen und an Ertragssicherheit bringt. Wir brauchen jetzt im Blick auf den Klimawandel dringend Pflanzen, die gegen Trockenheit resistent sind. Frau Käßmann hat es auf dem Dresdener Kirchentag auf den Punkt gebracht. Sie fragte, was wohl wäre, wenn jährlich 2,2 Millionen Kinder in Westeuropa an Mangel- und Unterernährung stürben? Dann wären wir alle sehr aufgeregt und ­würden nichts unversucht lassen, die Situation zu ändern.
 
Die Gentechnik also als Wunderwaffe gegen den Hunger in der Welt?
Szibor:
Gentechnik allein kann die vielschichtigen Probleme nicht lösen. Aber gentechnisch veränderte Pflanzen sind wichtig im Ensemble der Möglichkeiten. In vielen Ländern müssen daneben politische Verhältnisse verändert, muss in Bildung investiert und eine moderne Form der Landwirtschaft entwickelt werden.
 
»Brot für die Welt« und andere Organisationen fordern vehement den Erhalt kleinbäuerlicher Strukturen mit konventioneller Landwirtschaft in den Entwicklungsländern …
Szibor:
Gegen kleinbäuerliche Strukturen ist nichts einzuwenden. Sie sind aber nur gut, wenn die Bauern auch ertragsfähige Sorten, moderne Pflanzen- und Bodenschutzmöglichkeiten und Wissen vermittelt bekommen. Sonst erwirtschaften sie nur einen Bruchteil des Ertrages, der möglich wäre! Aber davon abgesehen: Derzeit steigt der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen gerade bei Kleinbauern in Entwicklungsländern jährlich um etwa sechs Prozent.
 
Die machen das doch nicht aus Jux und Tollerei oder nur um Firmen wie »Monsanto« und »BASF« einen Gefallen zu tun. Auch diese Bauern können rechnen. Höheren Kosten für das Saatgut stehen höhere Erträge gegenüber. Gerade die Kleinbauern profi­tieren überdimensional von dieser Technologie. Zu den höheren Erträgen kommen weitere Effekte: So fällt etwa durch Schädlingsresistenzen der Einsatz von Giften weg, der neben Kosten vor allem viele Umwelt- und Gesundheitsprobleme mit sich bringt.
 
Aber letztlich verdienen vor allem die Großkonzerne, die die Grüne Gentechnik auf den Markt bringen …
Szibor:
Und genau das ist mein Vorwurf an diverse Umweltorganisationen und auch die Kirchen. Sie behindern die gentechnische Forschung in öffentlicher Hand! Wissenschaftler werden geradezu aus Deutschland vertrieben. Die gehen zu »Monsanto« und ähnlichen Firmen nach Amerika. Dort reibt man sich die Hände, hat das gesamte Wissen und kann diktieren, wie hoch die Lizenzgebühren sind. Wir müssen die Forschung und die Produktion von gentechnisch veränderten Pflanzen in die öffentliche Hand legen! Dann könnten die Politiker auch sagen, wir geben den Bauern in Afrika dieses Saatgut unter besonders günstigen Bedingungen.
 
Aber besteht nicht die Gefahr, dass sich gentechnisch veränderte Pflanzen unkontrolliert mit anderen Pflanzen kreuzen – mit unvorhersehbaren Folgen?
Szibor:
Das Auskreuzungsproblem ist ein reales, aber es wird total überzogen dargestellt, zumal es bisher kein belegtes Beispiel dafür gibt. Aber: Aus Gründen der biologischen Schädlingsbekämpfung wurde beispielsweise der asiatische Marienkäfer bei uns eingeführt – der ist nicht rückholbar und frisst nicht nur Blattläuse, sondern gefährdet unsere heimischen Marienkäfer und andere Nutzinsekten. Die größte Umweltkatastrophe der letzen 20 Jahre, die uns ausgerechnet der biologische Landbau beschert hat! Darüber redet niemand, aber die hypothetische Frage, ob möglicherweise gentechnisch veränderte Pflanzen auswildern, wird zu einem riesigen Problem hochstilisiert. Aber auch dieses Problem steht im Focus der Sicherheitsprüfung.
 
Sie schrieben kürzlich, ausgerechnet die Kirche der Reformation drohe »aus Sicht vieler Biowissenschaftler in einen wissenschaftlichkeitsfeindlichen Zustand zu verfallen, wie wir ihn aus Zeiten kennen, als man Darwin noch einen Ketzer nannte«. Was wünschen Sie sich von Ihrer Kirche?
Szibor:
Ich bin davon überzeugt, dass zur Lösung der größten Probleme der Zukunft – Ernährung und Energie – der Einsatz von Biotechnologien unumgänglich ist. Deshalb brauchen wir eine sachliche Diskussion mit wissenschaftlichen und ethischen Argumenten. Kirchenleute sollten sich von Wissenschaftlern mit nachgewiesener Kompetenz beraten lassen.
 
Derzeit führen wir auch in den Kirchen weithin eine Angstdebatte mit vielfach ­widerlegten Behauptungen. Ich habe deshalb ein Memorandum zur Verantwortung der Kirchen verfasst, das zu einer sachlichen Diskussion auffordert. Es ist im Internet abrufbar.

Protestantische Pflänzchen

31. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Skanderbeg-Platz im Herzen Tiranas ist nach dem Nationalhelden Gjergj Kastrioti (deutsch Georg Kastriota, 1405–1468), Skanderbeg benannt. Er gilt als Verteidiger des Landes gegen die türkischen Heere. Erst zehn Jahre nach seinem Tod konnten die Osmanen das Land für 400 Jahre erobern und islamisieren. Foto: epd-bild/Egmont Strigl

Der Skanderbeg-Platz im Herzen Tiranas ist nach dem Nationalhelden Gjergj Kastrioti (deutsch Georg Kastriota, 1405–1468), Skanderbeg benannt. Er gilt als Verteidiger des Landes gegen die türkischen Heere. Erst zehn Jahre nach seinem Tod konnten die Osmanen das Land für 400 Jahre erobern und islamisieren. Foto: epd-bild/Egmont Strigl

 

Albanien: Das Land war einst orthodox, wurde später islamisch und dann per Gesetz zum atheistischen Staat

 
Nach Jahren des gesetzlich verordneten Atheismus beginnen evangelische Kirchen in Albanien Fuß zu fassen – allerdings nicht ohne Konflikte.
 
Haxhi Murati, der in einem christlichen Zentrum in Tiranas Problembezirk Bathore als Sozialarbeiter tätig ist, weiß, dass Albanien ursprünglich christlich war. Erst später seien die Osmanen gekommen und hätten den Islam mitgebracht, sagt er. In der kommunistischen Zeit, unter dem Diktator Enver Hoxha, war gar keine Religion erlaubt, denn der große Führer hatte sein Land per Gesetz zum einzigen atheistischen Staat auf der Welt erklärt.

In Haxhi Muratis Dorf gab es früher zehn Kirchen und Moscheen. Einige wurden Museen. Aber manchmal hat man abends dort gebetet, erinnert er sich.

Neu für Haxhi Murati ist, dass der evangelische Glauben in Albanien Fuß gefasst hat. Das ist für ihn auch deshalb erstaunlich, weil es früher nur orthodoxe und katholische Kirchen gab. Dabei weiß er aus eigener Erfahrung, dass das Engagement der Protestanten nicht nur aus Kirche und Gebet besteht: Sein Sozialprojekt wird aus Mitteln der Herrnhuter Missionshilfe finanziert. Die kleine evangelische Freikirche mit sächsischen Wurzeln und einer großen Vergangenheit als Missionskirche ist eine der evangelischen Kirchen aus Deutschland, die sich seit den Umbrüchen der 90er Jah­re in dem kleinen Land engagieren.

In einer alten Villa, fast im Zentrum Tiranas, befindet sich heute der Sitz der Evangelischen Allianz Albaniens, einer Art Dachorganisation der evangelischen Kirchen. Auf dem schönen Grundstück ist auch ein Gästehaus mit einfachen Zimmern. Erst im Mai letzten Jahres wurden die Kirchen evangelischer Prägung vom albanischen Staat endlich als rechtliche Körperschaft anerkannt.

Über diesen langen Weg weiß ­Austin McCaskill von der christlichen Stiftung AEP (Albanian Encouragement Project – Albanian Ermutigung Projekt) bestens Bescheid. Der Amerikaner ist seit sechs Jahren als einer der Geschäftsführer der Stiftung im Land und war vorher Anwalt in den USA. Die Kirchen aus dem evangelischen Spektrum hätten sich nur unter Vorbehalten und auch dem Widerstand von Orthodoxen und der Katholiken etablieren können. Dabei sei Hilfe von außen, vor allem aus Deutschland und den USA gekommen, berichtet er.

Der deutsche Botschafter habe sich schon vor Jahren beim albanischen Parlament für die evangelischen Christen eingesetzt.

Politischen Druck hätten auch die Amerikaner ausgeübt. In den USA gibt es einen jährlichen Bericht zur Religionsfreiheit in der Welt. Darin wurden die Auswirkungen des Religionsgesetzes in Albanien angeprangert, durch das alle Religionsgemeinschaften – Orthodoxe, Katholiken, Moslems und Bektashi (eine Variante des Islam) – anerkannt worden. Nur die Protestanten nicht.

Erst nach langen Verhandlungen gelang es, mit der albanischen Regierung einen Vertrag zu schließen, der nicht nur die Ausübung ihrer Religion zulässt, sondern zum Beispiel auch Steuerfragen regelt. Zum protestantischen Spektrum in Albanien gehören heute Pfingstler, unabhängige evangelikale Gemeinden, Baptisten, Mennoniten, Methodisten, Moraven (Herrnhuter) und zahlreiche weitere Gruppen.

Doch auch hier sind kleinere Konflikte vorprogrammiert. 300 evangelische Missionare aus mehr als 30 Ländern und 70 verschiedene Missionsorganisationen arbeiten in Albanien, verrät Austin McCaskill. Doch trotz der Vielfalt achte man einander. »Einheit in Verschiedenheit« sei ein ­dringendes Motto.

Die Herrnhuter hätten dabei einen guten Ruf, weil sie über Konfessionsgrenzen hinaus soziale Arbeit machen, zum Beispiel auch Muslime in ihre vier Sozialprojekte im ganzen Land integrieren. Haxhi Murati in Bathore wiederum weiß das nur zu gut, denn er stammt selbst aus ­einer muslimischen Familie.

Andreas Herrmann

Rau, frisch und direkt!

31. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Das romantische Bild vom musizierenden Luther im Kreise der Familie (mit dem biertrinkenden Melanchthon im Hintergrund) ist ein Produkt der Fantasie des 19. Jahrhunderts. Dass für Luther Lieder und Musik wichtig waren, ist allerdings unbestritten. Repro: Archiv.

Das romantische Bild vom musizierenden Luther im Kreise der Familie (mit dem biertrinkenden Melanchthon im Hintergrund) ist ein Produkt der Fantasie des 19. Jahrhunderts. Dass für Luther Lieder und Musik wichtig waren, ist allerdings unbestritten. Repro: Archiv.

 

Reformation und Musik: Luther und die Lieder des Gottesdienstes.

 
Die Evangelische Kirche in Deutschland eröffnet an diesem Wochenende das Themenjahr »Reformation und Musik«. Und folgt damit einem wichtigen Anliegen des Reformators, der sich selbst auch dem Lied widmete. Luther war ein Übersetzer. Das stimmt und ist doch zu wenig gesagt. Luther erwartete alles von Texten.
 
Er erwartete von ihnen Aufschluss über sein Leben, den Ausbruch aus seinen Ängsten, die Lösung seiner anfänglichen Orientierungslosigkeit. Über einem Stück Römerbrief öffnete sich ihm die Pforte des Himmels, schrieb er einmal. Und genau das machte ihn zum Übersetzer. Er übertrug nicht nur Worte aus der einen Sprache in die andere, sondern er versuchte einen ­lebendigen und sprechenden Text so ins Deutsche zu bringen, dass er lebendig und sprechend blieb.
 
Diese Art von Lebendigkeit versuchte er auch in Liedern hervorzubringen. Wenn er den Psalm 46 zu ­einem Lied macht, überträgt er nicht Zeile für Zeile in Reime und metrisch gefügte Sätze, sondern er studiert offenbar vor allem den Geist des Psalms. Das Toben und Wüten der Elemente, das Aufbranden des Krieges, das dem Erzittern der Berge gleicht. Und dann das Gerettetsein in Gott, wie mühelos in all dem Toben. Denn Gott ist eine Burg, in der sein Volk sicher ist.
 
Daraus entsteht das Lied »Ein feste Burg ist unser Gott« (EG 362). Das Hauptmotiv übernimmt Luther aus dem Psalm, spricht dann aber von ­seiner eigenen Zeit, dem Toben der reformatorischen Wirren, Jesus Christus als dem Herrn der Heere und dem einen Wörtlein, das den Teufel fällen kann, sogar »wenn die Welt voll Teufel wär«.
 
Luther hat sich sehr früh um die Lieder des evangelischen Gottesdienstes gekümmert. Schon Ende 1523 nahm er mit Spalatin Kontakt auf, um den gelehrten Übersetzer für eine Reihe von Psalmliedern zu gewinnen. In Wittenberg arbeitete Luther die römische Messe um und ließ erstaunlich viel stehen.
 
Denn aus Luthers Feder stammen mehrere Verdeutschungen altkirchlicher Gesänge. Auch das waren offenbar Texte, von denen er Aufschluss erwartete. Er übersetzte etwa das frühmittelalterliche Antiphon »Media in vita morte« ins Deutsche. Mit zwei hinzugedichteten Strophen justierte er allerdings die Theologie des Liedes nach (EG 518). Die Übersetzung gilt als so beispielhaft gelungen, dass die erste Strophe »Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen« inzwischen sogar im katholischen »Gotteslob« steht.
 
Luthers Geistliche Lieder gelten oft als rau gefügt. Oft müsse die Melodie geschickt über die Holprigkeiten des Versmaßes hinweghelfen. Dieses Urteil wird man nicht gänzlich zurückweisen können. Zum Teil liegt aber auch der Charme seiner Lieder an ­dieser fehlenden letzten Raffinesse. Sie wirken so, als seien sie schnell für den Gebrauch zusammenmontiert worden und vor allem, als sei der Überschwang der richtigen Gedanken manchmal nicht vollständig ins Wortmaß gebracht. Das gibt ihnen eine ­Frische und eine Direktheit, die wohl für die Langlebigkeit der meisten ­Lutherlieder mit verantwortlich sind.
 
Darüber hinaus teilen die Lieder Luthers natürlich seinen Hang zur ­Zuspitzung und seine Vorliebe fürs Paradox. Das führt zu beinahe atemberaubenden Formulierungen wie in seinem Osterlied »Christ lag in Todesbanden« (EG 101). Hier tanzt die Sprache geradezu einen Ostertanz: »Die Schrift hat verkündet das, / wie ein Tod den andern fraß, / ein Spott aus dem Tod ist worden.«
 
Frank Hiddemann

Cyber-Mobbing ist sichtbar und unwiderruflich

28. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

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Jeder dritte Schüler in Deutschland wurde schon einmal Opfer von Mobbing im Internet. Foto: Matthias Vorländer.

Jeder dritte Schüler in Deutschland wurde schon einmal Opfer von Mobbing im Internet. Foto: Matthias Vorländer.

 
Internet: Das weltweite Datennetz wird zum Tatort – Warum Jugendliche mobben und was man dagegen tun kann.

 
Chatrooms, Foren, soziale Netzwerke und auch Videoplattformen werden gezielt genutzt, um andere zu beleidigen, lächerlich zu machen oder sogar massiv zu bedrohen und zu erpressen. ­Cyber-Mobbing oder Cyber-Bulling heißt die Form des virtuellen Fertigmachens.

Jan ist fassungslos. In seiner Klasse wird über Handy ein Foto verschickt, das ihn in einer peinlichen Situation zeigt. Nur wer genau hinsieht, entdeckt, dass das Foto ein »fake« ist. Jemand hat Jans Kopf auf ein Porno-Bild montiert. Wenn Jan über den Schulhof geht, gellen ihm das Kichern und die anzüglichen ­Bemerkungen von Mitschülern in den Ohren. Am liebsten würde er die Schule wechseln.

Mitschülerin Mareike ist ebenfalls fassungslos. Von ihrem E-Mail-Konto ist das Foto nämlich verschickt worden. Offenbar hat jemand sich Zugang zu ihrem Konto verschafft, sodass sie als Urheberin gelten muss.

Eine aktuelle Studie der Uni Münster zeigt: Sexuelle Gerüchte und ­Demütigungen, manipulierte Fotos und üble Beleidigungen gehören zum Alltag einer wachsenden Zahl von ­Jugendlichen. Jeder dritte Schüler in Deutschland, so die Studie, wurde schon einmal Opfer von Mobbing im Internet. In 80 Prozent der Fälle kennen sich Täter und Opfer aus der Schule.

Dass Mitschüler belästigt, bloßgestellt, systematisch an den Rand gedrängt, verleumdet und gedemütigt werden, ist kein neues Phänomen. Mobbing hat es auch in Vor-Internet-Zeiten gegeben. Psychologin Catarina Katzer, die die ersten Studien im deutschsprachigen Raum zum Thema Cyber-Mobbing veröffentlicht hat, beschreibt das gefährlich Neue von Mobbing im Internet so: »Cyber-Mobbing ist für Hunderttausende sichtbar. Cyber-Mobbing ist endlos. Was einmal an Gemeinheiten oder peinlichen Bildern und Videos im Netz steht, bleibt drin – ein Leben lang.« Selbst wenn die Täter ermittelt werden können, bleiben die Bilder und Filme im Umlauf und lassen sich nicht zurückholen.

Die Folgen für die Opfer sind oft schwerwiegend. Sie reichen von Scham und hilfloser Wut über Isolation und Lernschwierigkeiten, bis hin zu Stress und psychischen Problemen. Sogar Fälle von Suizid sind mittlerweile bekannt.

Ähnlich wie beim »normalen Mobbing« sind häufig solche Jugendlichen Opfer und Zielscheibe, die kein hohes Selbstbewusstsein haben und ohnehin am Rande stehen. Auffällig sei auch, so Catarina Katzer, dass viele Opfer keine gute Beziehung zu ihren Eltern haben. Wenn Eltern ihre Kinder von klein auf befähigen, selbstbewusst für die Wahrung ihrer Grenzen einzutreten, könnte das der beste Schutz vor Mobbing sein.

Gar nicht selten ist, dass Opfer selbst zu Tätern werden. Die Anonymität des Internets macht es leicht, sich zu rächen. Fachleute beobachten, dass auch Opfer von herkömmlichem Mobbing im Netz zum Täter werden. Im Internet sehen sie die Möglichkeit, selbst einmal das Gefühl von Überlegenheit zu entwickeln und unerkannt zu bleiben.

Die Motive der Täter sind ähnlich wie beim normalen Mobbing: Sie wollen sich überlegen fühlen, hoffen auf den Beifall ihrer Gruppe oder wollen sich für eine Niederlage rächen. Dabei haben sie oft keinerlei Unrechtsbewusstsein. »Sie wissen nicht, dass Beleidigung und Drohungen und das Verschicken pornografischer oder gewalthaltiger Inhalte an Jugendliche kriminelle Handlungen sind«, so Kriminalhauptkommissar Walter Steinbrech vom Ressorts Gewaltprävention. Hinzu kommt, dass die Täter im Gegensatz zur realen Auseinandersetzung nicht befürchten müssen, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Denn die Anonymität, mit der manche Homepages sogar werben, senkt die Hemmschwelle.

Catarina Katzer erlebt bei Tätern immer wieder einen eklatanten Mangel an Empathie. Diesen Mangel an Einfühlungsvermögen und Mitgefühl erklärt die Expertin für Cyber-Psychologie so: »Die Täter stehen ihren ­Opfern nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie sehen nicht deren Schmerz. Sie werten die eigene Tat womöglich ab und sagen: ›Das ist ja gar nicht so schlimm.‹« Catarina ­Katzer beobachtet zudem eine Art Trophäenjagd, bei der es darauf ankommt, das brutalste Video zu präsentieren.

Die Fachfrau für Medienethik plädiert deshalb für die Vermittlung von Werten und sozialer Kompetenz im Umgang mit den neuen Medien. Sie erlebt, dass allzu viele Eltern sich an diesem Punkt verweigern oder meinen, es genüge, wenn Kinder und ­Jugendliche versiert im Umgang mit den neuen Medien sind. »Wir müssen feststellen, dass die Eltern oft nicht die Zeit und die Fähigkeit haben. Manche wollen sich mit dem Thema auch nicht befassen«, bedauert sie. Aus ­ihrer Sicht kommt deshalb auf die Schulen und kirchliche Jugendarbeit eine neue große Verantwortung zu.

Wenn Eltern mitbekommen, dass ihr Kind Zielscheibe von Cyber-Mobbing-Attacken ist, dann sollten sie nicht mit Überbehütung und pauschalen Computer- und Internetverboten reagieren. Wichtig ist, dass sie ihren Kindern vermitteln: »Wir glauben dir, du darfst auch weiterhin ins Internet, aber du sagst uns, wenn ­etwas passiert, was nicht in Ordnung ist.« Catarina Katzer rät dazu, virtuelles Mobbing zur Anzeige zu bringen. Weil Täter und Opfer sich meist aus der Schule kennen, sollte auch die Schule eingeschaltet werden.

»Wenn die Schule die Polizei zu Rate zieht, hat das oft die Wirkung, dass die Täter aus ihrer bis dahin bei manchen Mitschülern anerkannten Rolle herauskommen«, so Katzers Erfahrung. Darüber hinaus sollten Beleidigungen umgehend an die Betreiber von Chat­rooms, Foren und Netzwerken gemeldet werden, damit sie dort nicht länger zu lesen sind.

Karin Vorländer

Jubel mit bitterem Beigeschmack

21. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Vorläufiges Ende eines Dramas – der entführte israelische Soldat Gilad Schalit ist wieder bei seiner Familie.


Fast fünfeinhalb Jahre kämpfte Noam Schalit um die Freilassung seines Sohnes aus der Geiselhaft. (Foto: israility.com)

Fast fünfeinhalb Jahre kämpfte Noam Schalit um die Freilassung seines Sohnes aus der Geiselhaft. (Foto: israility.com)

1027 rechtskräftig verurteilte arabische Gewalttäter gegen eine einzige israelische ­Geisel – Hintergründe zum wohl spektakulärsten Gefangenentausch der Geschichte.

Familie Schalit kann aufatmen. Nach 1491 Tagen in Hamas-Geiselhaft kehrt der heute 25-jährige Gilad nach Hause zurück.

Ein halbes Jahrzehnt haben Noam und Aviva um ihren Sohn gekämpft.

Die Tage waren lang, die Nächte zermürbend.

Keinen Aufwand haben sie gescheut, kaum einen relevanten Politiker außer Acht gelassen, um zu verhindern, dass der gefangene Soldat in Vergessenheit geriet. Jetzt dürfen sie ihn endlich in die Arme schließen.

In den vergangenen fünfeinhalb Jahren ist Gilad Schalit zudem Sohn einer ganzen Nation geworden. Israel hat mit der Familie gebangt. Jetzt jubelt das Volk über die Heimkehr des verlorenen Sohnes.

Doch diese Freude ist nicht ungebrochen. Sie hat einen bitteren Beigeschmack. 1027 arabische Terroristen werden für einen israelischen Soldaten auf freien Fuß gesetzt.

Zeitgleich mit der Entlassung Schalits kommen in einer ersten Aktion 450 Männer und 27 Frauen frei. 280 von ihnen sind zu mindestens lebenslänglicher Haft verurteilt. Gemeinsam zeichnen sie für den Tod von etwa 600 Israelis ­verantwortlich.

Verzweifelt haben Angehörige von Terroropfern bis zum letzten Augenblick und bis vor dem Obersten Gericht Israels versucht, den Deal zu verhindern.

Tatsächlich wird wohl erst im Rückblick und mit beträchtlichem Abstand klar erkennbar sein, was den jüdischen Staat der Freikauf eines einzelnen Soldaten gekostet haben wird. »Kein Staat der Welt hätte so etwas ­getan«, meint der Schriftsteller Eyal Megged, der sich für die Freilassung Schalits eingesetzt hat und die Entscheidung der Regierung Netanjahu unterstützt.

Der Schalit-Deal schafft einen gefährlichen Präzedenzfall: Welcher radikale Massenmörder sollte jetzt nicht hoffen dürfen?

Tatsächlich werden bereits Stimmen aus dem rechten politischen Spektrum in Israel laut, die eine Begnadigung von jüdischen Terroristen fordern, die arabisches Blut an ihren Händen haben. Auch an Jonathan Pollard wird in diesem Zusammenhang erinnert, der seit mehr als einem Viertel Jahrhundert eine Strafe für Spionage für den Staat Israel in einem US-amerikanischen Gefängnis verbüßt.

Mit großer Sorge beobachtet man, wie der Staat Israel erpressbar wird.

Die Hamas hat bereits angekündigt, auch die verbleibenden 5000 Palästinenser in israelischer Haft freipressen zu wollen. Der Wert eines einzelnen jüdischen Soldatenlebens scheint ins Unermessliche gestiegen zu sein. Palästinensische Islamisten haben verstanden: Israelis entführen lohnt sich. »Sind wir zu Geiseln einer unaufhaltsamen Zugeständnis-Spirale geworden?«, fragt ein Beobachter.

Dabei hatte schon Rabbi Meir von Rothenburg Lösegeldzahlungen abgelehnt, die zu weiteren Entführungen ermutigen – und dafür mit seinem ­Leben bezahlt. Er starb 1293 nach sieben Jahren in Geiselhaft. 1307 wurde sein Leichnam von einem Frankfurter Kaufmann für 20000 Pfund Silber ausgelöst, damit Meir in Worms begraben werden konnte. Der Fall des deutschen Rabbis wurde in den vergangenen Jahren in Israel im Zusammenhang mit der Gefangenschaft Schalits heiß diskutiert.

Nach dem Schalit-Deal ist jetzt erstmals seit Jahren kein israelischer Soldat mehr in fremder Geiselhaft.

­Juristen und Gesetzgeber beraten darüber, die Preise für die Auslösung von Geiseln gesetzlich zu limitieren. Und: Wer tot ist, kann nicht mehr freigehandelt werden. Deshalb fordern nicht wenige Stimmen die Todesstrafe für verurteilte Massenmörder.

Während des Gazafeldzugs 2008/2009 ­hatten israelische Soldaten in Anti-Guerillakampfeinheiten sich abgesprochen, auf die eigenen Kameraden zu schießen, sollte sich dadurch ein »zweiter Gilad Schalit« verhindern lassen. Die offensichtliche Verzweiflung treibt beängstigende Blüten. Welche Früchte wird sie tragen?

Die Entführung von Gilad Schalit und seine Freilassung fordern einen hohen Preis von der israelischen ­Gesellschaft, von den israelisch-­palästinensischen Beziehungen, vom gesamten Nahen Osten und seinen Menschen.

Einen Preis, dessen letztendliche Höhe wohl erst in einigen Jahren erkennbar sein wird. Es ist die große Herausforderung israelischer Politiker, in naher Zukunft wirksame Maßnahmen zu ergreifen, die der ­Deflation arabischer Menschenleben und der gleichzeitigen Inflation des Wertes von jüdischem Leben Einhalt gebieten – ohne dadurch die Werte zu gefährden, die einer freiheitlichen Demokratie zugrunde liegen.

Johannes Gerloff (Jerusalem)

Ich sorge mich um deine Seele

15. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Zuhören
Wer meint, seine Zeit sei zu kostbar,
als dass er sie mit ­Zuhören ­verbringen dürfte,
der wird nie Zeit haben für Gott und den Bruder,
sondern nur immer für sich selbst,
für seine eigenen Worte und Pläne.


Dietrich Bonhoeffer (1906–1945)


Die Sorge um das Wohl und das Seelenheil des anderen ist allen Christinnen und Christen aufgegeben.
 

»Sie können jederzeit bei uns vorbeikommen, wenn Sie jemanden zum Reden brauchen!« Gerade erst hatte die Frau ihren Mann ins Krankenhaus gebracht, voller Ungewissheit – da tat das aufrichtige Angebot einer Bekannten einfach gut.

Ein kleiner Satz, der zeigte: Da ist es jemandem wichtig, wie es mir geht.

Seelsorge: Jemand sorgt sich um die Seele eines Menschen; um sein Wohl, seine Bedürfnisse, sein Leben. Und um seine Beziehung zu Gott – um sein Seelenheil.

In der Vorstellung vieler Christinnen und Christen ist Seelsorge zur ­alleinigen Aufgabe der dafür ausgebildeten Pfarrerinnen und Pfarrer geworden.

Das aber war ursprünglich anders vorgesehen: Die Berichte, die das Neue Testament aus der Frühzeit der christlichen Gemeinde überliefert, setzen voraus, dass alle Gläubigen für die Seelsorge aneinander verantwortlich sind. »Nehmt euch der Nöte der Heiligen an«, schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom, und: »Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.«

Zuhören, mitfühlen, trösten oder praktische Hilfe leisten, das können alle Christen. Eine besondere Technik ist dafür nicht unbedingt notwendig. Was zählt, ist die Haltung – eine ­Haltung der Achtsamkeit und der Nächstenliebe.

Diese Haltung kann ­jeder einnehmen, egal ob theologisch oder therapeutisch gebildet oder nicht. Darum kann auch die Frage »Wie geht’s?«, die Einladung zum Kaffeetrinken oder der kurze Klön vorm Gemeindehaus zur Seelsorge werden.

Keine Situation ist zu banal, um jemandem zu zeigen: Es ist mir wichtig, wie es dir geht.

Gute Ratschläge sind dabei weniger gefragt. »Stattdessen ist es hilfreich, einen Menschen ein kleines Stück auf seinem Weg zu begleiten«, sagt etwa Pfarrerin Britta Möhring aus Schwerte, die ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche in die Technik des seelsorglichen Kurzgesprächs einführt.

Zu ihren Grundsätzen gehört: viel zuhören, weniger selber reden, nicht gleich ­wissen, was der andere meint. Denn: »Ich löse nicht für den anderen das Problem, sondern gehe mit ihm auf seiner Suche nach neuen Möglichkeiten«, so Möhring.

Die goldene Regel dabei lautet: zuhören, nicht selber reden. Den anderen ausreden lassen!

Oft kommt das eigentliche Thema erst nach einigen Sätzen.

Und: Wer zu schnell mit Ratschlägen bei der Hand ist, würgt ein Gespräch leicht ab.

Besser: mit dem Gesprächspartner gemeinsam nach neuen Möglichkeiten suchen.

Sätze wie: »Das wird schon wieder«, oder: »Irgendwann ist man darüber weg«, bergen zwar eine Wahrheit, nehmen die Gefühle des Gesprächspartners in der Situation aber nicht ernst. Besser fragt man: »Wie schaffst du das?«

Viele Menschen scheuen sich davor, andere auf ihre Trauer oder eine schwierige Situation anzusprechen. Tun Sie es trotzdem! Trauernde Menschen wollen andere mit ihrem Kummer nicht belästigen und verein­samen daher leicht.

Aber Vorsicht mit Bibelzitaten.

Auch wenn der Gesprächspartner sie als unpassend empfindet, wird er es kaum wagen, ­etwas dagegen zu sagen.

Als tröstend empfinden Menschen dagegen oft Sätze, die etwas »schenken«, etwa: »Ich denke an dich«, »Ich bete für dich«, »Ich wünsche dir viel Kraft und Gottes Segen«.

Mitweinen ist auch in Ordnung. Eine mitgeweinte Träne ist oft mehr Trost als 100 kluge Sätze.

Und: Auch praktische Hilfe und Unterstützung ist in manchen Situationen tätige Seelsorge.

Anke von Legat
Foto: © Bergsteiger

Trolle, Elfen, Lutheraner

14. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Naturgewalten: Die berühmten Islandponys vor der Silhouette des aktiven Vulkans Eyjafjoell, dessen Aschewolke im Frühjahr vergangenen Jahres halb Europa überzog.	 Foto: picture alliance/abacaPhoto

Naturgewalten: Die berühmten Islandponys vor der Silhouette des aktiven Vulkans Eyjafjoell, dessen Aschewolke im Frühjahr vergangenen Jahres halb Europa überzog.
Foto: picture alliance/abacaPhoto


Gewaltige Natur, Vulkane und Geysire prägen Island und die Vorstellungen seiner Menschen. Ein Blick in die ­religiöse Welt der Bewohner des diesjährigen Gastlandes der Frankfurter Buchmesse.

Island, bietet neben grandioser Landschaften manch andere merkwürdige Erfahrung. Fährt man beispielsweise den »Elfenhügelweg« entlang, muss man das Tempo drosseln, denn die Straße wurde verengt.

Die Erklärung: In dem unscheinbaren Steinhaufen, um den die Straße herumgeführt wurde, sollen Elfen wohnen.

Nicht nur, dass die Isländer ihre Computer wörtlich übersetzt »Zahlen-Prophetinnen« nennen, in diesem rauen Land sollen neben Menschen und Tieren auch unsichtbare Wesen leben. Von Elfen und Trollen hört man da, vom »verborgenen Volk«, das in Steinen wohnt und das nur ganz selten ein Mensch zu Gesicht bekommt.

Ist etwas dran an diesen Erzählungen oder sind es nur originelle Geschichten für esoterikbegeisterte Touristen?

Für die Touristen wird die Klavierlehrerin Erla Stefansdottir, die überzeugt ist, Elfen sehen zu können, schon einmal zur »Isländischen Elfenministerin« befördert. Und die ganz Wissbegierigen können eine Elfenschule besuchen, in der man in einem Nachmittagskurs zum Beispiel über die Unterschiede zwischen Elfen, Trollen aufgeklärt wird.

So lernt man beispielsweise, dass Trolle zu Stein ­erstarren, wenn sie nicht rechtzeitig vor Sonnenaufgang wieder in ihren Verstecken verschwinden, und dass das »verborgene Volk« den Menschen sehr ähnlich sieht, während Elfen eher kleine zarte Wesen mit spitzen Ohren sein sollen.

Fast alle Isländer sind lutherische Christen und obwohl die meisten Einwohner des Landes in der Hauptstadt Reykjavik ein modernes Leben führen, schließen nur wenige die Existenz unsichtbarer Wesen kategorisch aus. Die alten Sagen und Märchen gehören in der durch die uralte isländische ­Sprache geprägten Kultur zum Leben.

Christentum und heidnische Überlieferung scheinen einander in vielen ­Sagen kaum auszuschließen.

Einige Geschichten erzählen sogar davon, wie auch unsichtbare Wesen sich zum Christentum bekehren.

Und eine Legende beschreibt die Herkunft des »verborgenen Volkes« folgendermaßen: Eines Tages besuchte Gott Adam und Eva. Eva wollte Gott zeigen, was für gelungene Kinder sie hatte und wusch den Nachwuchs vor dem Besuch noch schnell. Doch als erst die Hälfte der Kinderschar gebadet war, tauchte Gott schon auf. Eva versuchte die Schmutzfinken vor Gott zu verstecken, doch der sagte nur »Was vor mir verborgen wird, soll auch den Menschen verborgen sein.« Seitdem sind diese Kinder für die Menschen unsichtbar und Leben in Steinen, Hügeln und Felsspalten.

Auf die Frage, wie die Kirche mit diesem Volksglauben umgehe, antwortet Kristján Valur Ingólfsson, Pastor der evangelisch-lutherischen Kirche Islands jedoch gelassen: »Der spielt eigentlich im wirklichen Leben keine Rolle. Aber die Touristen lieben es.«

Dennoch kann es in Island tatsächlich vorkommen, dass Straßen kurzerhand um Steinhaufen herumgeführt werden, dass Felsbrocken eine Hausnummer bekommen oder dass Bauvorhaben gestoppt werden, wenn sich Missgeschicke oder Unfälle auf der Baustelle häufen.

Manchmal werden dann Elfenseherinnen wie Erla Stefansdottir zu Rate gezogen, damit sie Auskunft darüber geben, ob in dem Hügel, der gerade abgetragen werden sollte, nicht vielleicht doch ein Troll wohnt, der angesichts der drohenden Beseitigung seines Heims in Wut geraten ist.

Mag manch einer das auch belächeln, fest steht, dass Felsformationen, die der Legende nach von unsichtbaren Wesen bewohnt werden, in Island zum Kulturgut gezählt werden und daher auch durch Bauvorhaben nicht einfach zerstört werden dürfen.

In vielen Legenden fordern Elfen und Trolle die Menschen auf, nicht unnütz in die natürlichen Gegebenheiten einzugreifen.

Das Leben auf ­einer Vulkaninsel, auf der der Boden plötzlich beben oder sich auftun und heißes Wasser spucken kann und auf der immer wieder ganze Landstriche durch Vulkanausbrüche verschluckt werden, lehrte die Menschen von Beginn an, dass nichts so sicher ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Es lehrt, auf die Natur zu hören und respektvoll mit ihr umzugehen.

Und wer einmal durch die überwältigende Einsamkeit karger Lavaebenen und grün bemooster Felsen gewandert ist, wer zwischen nebelbedeckten Wasserläufen und beim Blick in den endlosen Himmel über dem Atlantik die Zeit vergisst, der kann erfahren, wovon die Isländer wirklich sprechen, wenn sie von Elfen erzählen.

Sonja Poppe

Island ist Ehrengast der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt, die seit Mittwoch für Fachbesucher und an diesem Wochenende, 15. und 16. Oktober, auch für die Öffentlichkeit geöffnet ist.
www.buchmesse.de
www.sagenhaftes-island.is/de

Unter die Lupe genommen

14. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Diskussion: Was als medizinischer und diagnostischer Fortschritt gefeiert wird, wirft ethische Fragen auf.

Der DNA, der Trägerin der Erbinformationen, gilt immer mehr das Interesse der Forscher. Mögliche Behinderungen und Veranlagungen zu Krankheiten sollen möglichst schon im Mutterleib erkannt werden. (Foto: ddp images)

Der DNA, der Trägerin der Erbinformationen, gilt immer mehr das Interesse der Forscher. Mögliche Behinderungen und Veranlagungen zu Krankheiten sollen möglichst schon im Mutterleib erkannt werden. (Foto: ddp images)

Ein neues Untersuchungsverfahren soll es ermöglichen, Föten medizinisch ­risikolos auf Erbkrankheiten hin zu untersuchen. Aber mit erheblichen ethischen ­Nebenwirkungen.

Die Zeiten, in denen ein gesundes Kind dankbar als unverdientes Geschenk Gottes und ein krankes oder behindertes Kind als unvermeidliches Schicksal ebenso angenommen werden wollte, sind wohl endgültig vorbei. Kinder haben »gesund« zur Welt zu kommen. Dafür sorgen schon seit Langem diverse Methoden vorgeburtlicher Untersuchungen, die sogenannte Pränataldiagnostik (PND).

Angefangen von einfachen Ultraschalluntersuchungen über Doppler-Sonografie bis zur Analyse des Blutserums der Mutter auf bestimmte Hormonspuren wird versucht, Behinderungen möglichst frühzeitig zu erkennen.

Besonders im Blickpunkt ist dabei das sogenannte Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt. Ein Gen-Defekt, der in der Regel zu eingeschränkten geistigen Fähigkeiten führt.

Das Problem: Mit den genannten Verfahren kann nur ein statistischer Risikowert für eine derartige Behinderung erstellt werden.

Um Gewissheit zu erlangen, muss eine komplette Körperzelle des Embryos auf ihr Erbgut hin untersucht werden. An die kommt man aber nur mit einem massiven Eingriff heran: Es müssen über einen Einstich durch die Bauchdecke der Mutter mit einer Hohlnadel Fruchtwasser, Nabelschnurblut oder Zellen des sich bildenden Mutterkuchens entnommen werden. Ein sogenannter invasiver Eingriff, der in einem von 100 Fällen zur Fehlgeburt führt.

Doch derartige Risiken scheinen bald der Vergangenheit anzugehören.

Die Konstanzer Firma LifeCodexx will bis Jahresende, spätestens bis Anfang 2012, ein völlig neues Verfahren der Erbgutanalyse praxisreif haben. Ansatzpunkt dabei: Schon spätestens in der zehnten Schwangerschaftswoche finden sich im Blutkreislauf der Mutter Fragmente der Erbmoleküle des Fötus. Zwar nur in Bruchstücken, doch eine neue Generation automatisierter Gen-Sequenzer soll es ermöglichen, schon aus wenigen Millilitern Mutterblut die vollständige Erbinformation des Kindes in ihrem Bauch zu entschlüsseln.

In den Niederlanden läuft bereits die klinische Erprobung des Verfahrens. Trefferquote: 100 Prozent.

Die Konsequenzen sind weitreichend: Das neue, nicht-invasive ­Verfahren dürfte schon bald zur Routineuntersuchung bei beginnender Schwangerschaft werden. Der soziale Druck auf die Eltern, insbesondere auf die Mutter, ein behindertes Kind nicht auszutragen, sondern abzutreiben, wird immens werden.

Zudem: Das Verfahren bietet den Zugriff auf das gesamte Erbgut.

Bald könnten also auch genetische Veranlagungen zu anderen Krankheiten in den Blick kommen – Muskelschwund, Blindheit oder Anfälligkeiten für Krebs und Alzheimer oder auch neuropsychiatrische Befunde wie ein möglicher Autismus. Von anderen Möglichkeiten ganz zu Schweigen.

Noch etwas merken Kritiker an: Während der »normalen« Diagnose eines Arztes eine Therapie zur Heilung oder Linderung folgt, besteht die einzige »Therapie« bei der PND in der Abtreibung, der Tötung des behinderten Lebens. Man darf sich nichts ­vormachen: Die Selektion in »lebenswertes« und »lebensunwertes« Leben findet bereits statt.

Harald Krille
 

Kritisch angemerkt

Gene sind längst nicht alles!

Dr. theol. Hildburg Wegener ist seit 1995 im Sprecherinnenteam des Netzwerks gegen Selektion durch Pränataldiagnostik.

Dr. theol. Hildburg Wegener ist seit 1995 im Sprecherinnenteam des Netzwerks gegen Selektion durch Pränataldiagnostik.

Für die neue Technik gilt, was zu allen selektiven Diagnoseverfahren zu sagen ist: Sicherheit gibt es nicht.

Die meisten Behinderungen entstehen nach der Geburt.

Von den meisten angeborenen Behinderungen kennt die Medizin die Ursachen nicht. Es gibt einige durch ein einzelnes Gen bedingte Krankheiten, bei denen das Kind im Mutterleib oder nach der Geburt stirbt.

Bei allen anderen gilt: Von der genetischen Ausstattung zu dem Gesundheitszustand des damit geborenen Menschen gibt es keine direkte Linie.

Auch eineiige Zwillinge können sich unterscheiden, eine unterschiedlich schwere Behinderung haben und unterschiedliche Krankheiten entwickeln.

Wir alle tragen eine Anzahl von Genen in uns, die unter bestimmten Umständen zu einer Behinderung führen können, aber nicht geführt haben.

Pränataldiagnostik ist ein Geschäft, das mit den Ängsten der Frauen rechnet und diese durch ihr Angebot verstärkt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind mit einer schweren Behinderung zur Welt kommt, ist seltener, als uns die Medien und die Ärztinnen und Ärzte glauben machen wollen oder sogar selber glauben. Oft ist die Angst vor Behinderungen schlimmer als das reale Leben.

Wie ein Mensch mit einer Behinderung lebt, ist auch abhängig von den Fortschritten, die die Medizin noch machen wird, und von der Barrierefreiheit und Inklusivität und Vorurteilslosigkeit unserer Gesellschaft.

Und vor allem: Die genetischen Merkmale, die vorgeburtlich erkannt werden, sind unveränderlich, es gibt keine Behandlungsmethode.

Auch ein früher Abbruch ist ein Abbruch, der oft körperliche und seelische Spuren hinterlässt.

Richtig ist allerdings, dass die schwangere Frau zu dieser Zeit zwar körperliche Veränderungen, aber keine Kindsbewegungen spürt und deshalb vielleicht noch keine Beziehung aufgenommen hat. Aber die Vorfreude, die Neugier, die Zukunftspläne, all dies hat ja schon ein kleines Gesicht.

Eine Schwangerschaft auf Probe ist für Frauen ein emotionaler Balanceakt, der nur mithilfe von Verdrängungen gelöst werden kann. Soviel für die einzelnen Frauen und Paare.

Wir predigen ihnen keinen Verzicht, sondern fordern sie auf, sich – möglichst vor der Schwangerschaft – über die Grenzen der Genetik und die Wichtigkeit von liebevollen Beziehungen und Selbstvertrauen Gedanken zu machen.

Menschen, die sich auf der Ebene der politischen Gestaltung Gedanken machen, sind daran zu erinnern, dass die Diskussion der letzten Jahre immerhin zwei Grundsätze festgeschrieben hat.

Das Gesetz zur begrenzten Zulassung der Präimplantationsdiagnostik besagt, dass Embryonen nur gezielt, also aufgrund einer vorliegenden Diagnose oder begründeten Vermutung, genetisch untersucht werden dürfen. Das müsste auch auf die neue Technik angewendet werden.

Und das Gendiagnostikgesetz legt fest, dass vor einer genetischen Untersuchung über jede einzelne Krankheit, die dabei festgestellt werden könnte, vorher genetisch beraten werden muss. Auch das müsste der Ausweitung der neuen Technik eigentlich Grenzen setzen.

Hildburg Wegener

www.netzwerk-praenataldiagnostik.de

Die Flitterwochen sind vorbei

10. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Richtig eingesetzt, können Mikrokredite nach wie vor eine Hilfe zur Selbsthilfe sein: Diese Frau im indischen Bundesstaat Andra Pradesh hat sich damit beispielsweise erfolgreich eine kleines Dorfgeschäft aufgebaut. (Foto: epd-bild/Stefan Trappe)

Richtig eingesetzt, können Mikrokredite nach wie vor eine Hilfe zur Selbsthilfe sein: Diese Frau im indischen Bundesstaat Andra Pradesh hat sich damit beispielsweise erfolgreich eine kleines Dorfgeschäft aufgebaut.
(Foto: epd-bild/Stefan Trappe)


Entwicklungshilfe: Lange galten Mikrokredite als Wundermittel gegen Armut – doch ihr Ruf ist angeschlagen.
 
Mit Selbstmorden verschuldeter Frauen im indischen Bundesstaat Andra Pradesh geriet ein Erfolgsprojekt der Entwicklungshilfe ins ­Wanken: Mikrokredite.
 

Sie sind für Menschen in Entwicklungsländern gedacht, denen keine der großen Banken hilft. Es geht um wenige Dollar, etwa für Saatgut, eine Nähmaschine oder die Einrichtung eines kleinen Ladens.

Gerade in Deutschland zeigten sich viele von der Idee begeistert. Doch aus sozialen Banken wurden mancherorts Kredithaie.

Die gesamte Branche der Mikrofinanzen – Kredite, Versicherungen oder auch Sparangebote für Arme – geriet in Verruf. Experten versuchen sich nun in der Ehrenrettung.

2,7 Milliarden Menschen weltweit kommen nach Angaben des Bundesentwicklungsministeriums nicht an grundlegende Finanzdienstleistungen heran.

Das Ministerium hält an Mikrokrediten fest, Deutschland zählt zu den führenden Geberländern in diesem Bereich. Allerdings herrsche bei dem Thema derzeit ein »Kommunikationsproblem«, räumt Susanne Dorasil, Leiterin des Referats Wirtschaftspolitik im Ministerium, ein.

Tilman Ehrbeck sieht das ähnlich: Die Idee der Mikrokredite, für die der Bank-Pionier Mohammed Yunus 2006 den Friedensnobelpreis gewann, klingt »verführerisch einfach«, sagt er – zu einfach angesichts eines komplexen Bereichs mit vielen Angeboten. Umso größer war die Enttäuschung vieler, als Probleme auftauchten.

Ehrbeck ist Geschäftsführer der Beratergruppe CGAP, die im Auftrag der Weltbank zum Bereich Mikrofinanz arbeitet. Aus Ehrbecks Sicht entstand die Krise speziell der Mikrokredite aus dem enormen Erfolg: »Bei dem rasanten Wachstum kam die verantwortungsvolle Kreditvergabe oft zu kurz.«

Auch Ben Simmes, Direktor der Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit, sieht das sehr schnelle Wachstum und die Profitgier mancher Anbieter als eine der Ursachen für die Mikrokredit-Krise. »Die Flitterwochen sind vorbei«, fasst er die Situation der Branche zusammen. Simmes sieht weitere Probleme: Mangelnde Ausbildung bei Mitarbeitern der Mikrofinanzinstitutionen, harte Konkurrenz, die teils mehrfache Überschuldung der Kunden und die fehlende Transparenz im Sektor.

»Aus diesen Erfahrungen müssen wir lernen«, sagt Simmes. Es müsse geprüft werden, wie sozial die Mikrofinanzanbieter wirklich noch seien. ­Oikocredit begrüßt deshalb auch einen entsprechenden Gesetzesentwurf der indischen Regierung, durch den Kreditnehmer besser geschützt werden sollen.

Günther Kastner, Gründer der Anlageberatung Absolute Portfolio Management GmbH, hält das Bild der Mikrofinanzen als Mittel gegen die ­Armut in der Welt für falsch. »Für uns Investoren ist die Armutsbekämpfung gar nicht vordergründig«, erklärt der Geschäftsführer der Vermögensverwaltung.

In extrem verarmten Regionen könnten Mikrokredite und ähnliche Angebote gar nicht funktionieren, weil es an Infrastruktur und Menschen mit Erfahrung im Unternehmertum fehle. So hätten einige Institute Mikrofinanz in Gebieten ange­boten, in denen andere Formen der Entwicklungshilfe zunächst einmal nötiger seien.

»Es sind nicht nur Kredite wichtig, sondern auch unterstützende Angebote«, betont deshalb auch Jan Binder, Pressesprecher von Opportunity International Deutschland. Die christliche Stiftung bietet ihren Kreditnehmern beispielsweise begleitende Kurse in Buchhaltung an.

Und: Zu Mikrofinanzen gehören auch Sparbücher und Versicherungen für Arme. Damit können sich zum Beispiel Bauern gegen Ernteausfälle oder Händler gegen Krankheit absichern.

Der Mikrofinanz-Experte Jim Reiff von Opportunity International kritisierte deshalb Vorschläge, Kredite künftig ausschließlich für die Gründung einer Existenz anzubieten. Auch Kredite für die Renovierung von Häusern oder für das Schulgeld der Kinder seien unter Umständen sinnvoll. Man müsse aber mit dem Kreditnehmer abklären, in welchen Raten und über welchen Zeitraum er das Geld zurückzahlen könne.

Die Krise der Branche sieht Reiff deshalb auch als Chance für eine Neuausrichtung: »Der Fokus muss wieder darauf gelegt werden, was am besten für die Kunden ist, und nicht, was den meisten Profit für die Investoren bringt.«

Ann Kathrin Sost (epd/GKZ)

Kreuzweg auf dem Todesstreifen

9. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine der Stationen auf dem Kreuzweg, der die biblische Geschichte von Jesu Verurteilung bis zu seinem Tod am Kreuz nachbildet. (Foto: epd-bild)

Eine der Stationen auf dem Kreuzweg, der die biblische Geschichte von Jesu Verurteilung bis zu seinem Tod am Kreuz nachbildet. (Foto: epd-bild)

Monumentale Figuren erinnern in Thüringen an die Opfer von Willkür und Unterdrückung.
 

Der »Weg der Hoffnung« liegt auf dem ehemaligen Todesstreifen. Ein Kreuzweg: Monumentale Metallskulpturen von Ulrich Barnickel zeichnen an 14 Stationen die biblische Geschichte von Jesu Verurteilung bis zu seinem Tod am Kreuz und der Grablegung nach.

An der ehemaligen Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Rasdorf in Hessen und Geisa in Thüringen, soll damit an die Opfer von Willkür und Unterdrückung erinnert werden. Der Kreuzweg gehört zur Gedenkstätte Point Alpha in der Rhön.

Einst verlief hier die Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit, Demokratie und Diktatur.

Point Alpha war bis 1989 Beobachtungsstützpunkt der US-Streitkräfte in Europa. DDR-Grenzer und US-Soldaten standen sich direkt gegenüber.

Schnurgerade verläuft der Weg eineinhalb Kilometer Richtung Westen. Am Anfang steht der Gerichtsplatz: Pontius Pilatus bricht den Stab über Jesus, das Volk fordert dessen Tod am Kreuz. Doch Jesus steht aufrecht. Unter der Wucht des Urteils bricht er nicht zusammen. Er nimmt das Kreuz auf und macht sich auf den Weg.

Ein »Weg der Hoffnung« auf dem einstigen Todesstreifen?

Die ehemalige Grenze sei Beleg dafür, dass sich der Einsatz für die Freiheit lohne, sagt Uta Thofern, Direktorin der Point-Alpha-Stiftung. Und darum sei der Ort auch ein Symbol der Hoffnung.

Sie sieht eine Analogie zwischen christlichem Kreuzweg und Widerstand gegen Unterdrückung: Es gehe um Menschen, die für ihren Glauben oder ihre Überzeugung einstünden, auch wenn dadurch ihr Leben bedroht sei. Das sei eine Frage von »Leid und Verfolgung, aber auch von Haltung und Mut«.

An Station zehn etwa wird Jesus seiner Kleider beraubt. Ein Soldat, gesichtslos mit einem Helm auf dem Kopf, zerrt an seinem Bein. Der Soldat steht in ­seinem entwürdigenden Tun in den Knien gebeugt. In dieser Haltung reicht er Jesus bis zum Bauch. Der hält sich aufrecht, die Schultern mit den kurzen Armen nach hinten gezogen: »Nimm, was du brauchst, ich wehre mich nicht«, scheint er zu sagen.

»Christus hat seine Würde behalten«, beschreibt Künstler Ulrich Barnickel. ­»Jesus wurde seiner Kleider beraubt, DDR-Bürger nach einem Fluchtversuch ihrer Freiheit, ihres Eigentums, sogar ihrer Kinder.« Der Soldat in Jerusalem sei ebenso Befehlsempfänger gewesen wie die DDR-Soldaten an der Grenze.

Barnickel, 1955 in Weimar geboren, hat die Unterdrückung durch das SED-Regime in der eigenen Familie erfahren. Nachdem sich sein Bruder »früh in den Westen abgesetzt« hatte, wie er sagt, galt die Familie als politisch nicht zuverlässig. Das Medizinstudium wurde dem späteren Künstler verboten, 1985 wurde er »quasi über Nacht« in die Bundesrepublik ausgewiesen.

Durch die Arbeit an den 20 Figuren, die bis zu vier Meter hoch sind, hat sich der 56-Jährige auch mit der eigenen Geschichte beschäftigt. »Ich habe nicht vergessen wie es war, mit dem christlichen Glauben in der DDR aufzuwachsen«, sagt Barnickel. Nachdem die Mauer gefallen war, habe er zunächst zurück in den ­Osten gewollt, um »denen gründlich die Meinung zu sagen«. Schließlich aber hat er sich darauf besonnen, mit den Mitteln der Kunst »zu mahnen, zu erinnern und zum Denken anzuregen«.

Behilflich war Barnickel die Sprache des Materials. Die Figuren des Kreuzwegs sind rostig, das Metall ist verbogen, verbeult, zum Teil gerissen. Eine Symbolik, die auf Leid und Kummer, auf Gewalt und Widerstand schließen lässt.

Die 14 Stationen des Kreuzwegs stehen für sich. Es gibt keine Informationstafeln, weder zu seiner christlichen, noch zu seiner symbolischen Bedeutung als Erinnerung an den Widerstand gegen die sozialistischen Diktaturen in Mittel- und Osteuropa.

»Wir wollten nicht an einzelne Stationen schreiben ›Zum Gedenken an den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953‹ oder ›Zum Gedenken an den Prager Frühling 1968‹«, sagt Direktorin Thofern.

Das Kunstwerk lasse bewusst Raum. Als Ergänzung zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschehnisse an der Grenze solle es Emotionen wecken, sagt Thofern. Damit wird ein anderer Zugang zur Vergangenheit möglich, ist sie überzeugt. Jeder könne seine eigenen Erfahrungen reflektieren und überlegen, wo er Gewalt und Willkür erfahren habe: »So vollendet sich das Werk immer erst mit dem Blick und den Gedanken des Betrachters.«

Renate Haller (epd)

Das Bauernopfer der Politik

7. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Landwirtschaft: Große Agrargenossenschaften, industrielle Produktion – ein kritischer Blick auf den Niedergang der ländlichen Räume.
 
Begonnen hat er mit der ­Kollektivierung, seine Fortsetzung erfährt er bis heute: der Strukturwandel in der Landwirtschaft. Er hat weitreichende Folgen für die ländlichen Räume und die Ernährungssicherheit.
 
»Die Struktur einer Landwirtschaft ist ein Spiegelbild der politischen Verhältnisse.« Diesen Satz sprach der spätere Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Tierarzt Berndt Seite, im Frühjahr 1989 bei einem kirchlichen Umweltseminar in Schwerin. Er verglich die Einfalt der DDR-Agrarstruktur mit der Einfalt der Politbürokratie im SED-Staat.<br />
Und heute?<br />
Die Landwirtschaftsstrukturen in den ostdeutschen Bundesländern spiegeln noch weitgehend die DDR-Verhältnisse wider. Es scheint an der Zeit, danach zu fragen, warum das so ist und welche Folgen das für das Land hat.<br />
(Foto: ddp images)

»Die Struktur einer Landwirtschaft ist ein Spiegelbild der politischen Verhältnisse.« Diesen Satz sprach der spätere Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Tierarzt Berndt Seite, im Frühjahr 1989 bei einem kirchlichen Umweltseminar in Schwerin. Er verglich die Einfalt der DDR-Agrarstruktur mit der Einfalt der Politbürokratie im SED-Staat.
Und heute?
Die Landwirtschaftsstrukturen in den ostdeutschen Bundesländern spiegeln noch weitgehend die DDR-Verhältnisse wider. Es scheint an der Zeit, danach zu fragen, warum das so ist und welche Folgen das für das Land hat.
(Foto: ddp images)

Rund um das Erntedankfest geht unser Dank in zwei Richtungen: Zuerst an Gott, der alles wachsen lässt, was als Lebensmittel auf unseren Tisch kommt. In den Zeiten von Hochleistungszucht und Gentechnik muss man sich ja immer mal wieder bewusst machen, dass kein Lebe-
wesen durch den Menschen belebt und ­organisiert wird.

Der andere Teil unseres Dankes richtet sich an die Bauern, die in ­einer harten, aber erfüllenden Arbeit an der Erde die Gesamtbevölkerung ernähren.

Doch was heißt heute eigentlich noch Bauern?

Die mitteldeutschen Dörfer sind zwar durch schöne Bauernhöfe geprägt, aber Bauern im eigentlichen Sinne gibt es hier kaum noch.

Als die Vierseithöfe gebaut wurden, konnte eine Familie mit ein paar Angestellten auf und von einem solchen Hof und den dazugehörigen Äckern und Wiesen gut leben.

Die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung arbeitete als Kleinunternehmer im selbst gestalteten Wohnumfeld. Solange das so war, gab es in den Dörfern auch noch Schmiede und Tischler, Läden und Gastwirtschaften, Schulen und Arztpraxen, Gemeinde- und Pfarrämter.

Heute ist davon kaum noch etwas übrig – weil die Bauernschaft als tragende Schicht des ländlichen Raumes nicht mehr existiert.

Die Wenigen, die immer noch auf ihrem eigenen Hof eine bäuerliche Wirtschaft führen, werden oft mitleidig belächelt.

Als »modern« gilt die industrielle Agrarproduktion, die im Osten Deutschlands meist durch die LPG-Nachfolgeunternehmen betrieben wird.

Aus welcher Geschichte ist die ostdeutsche Landwirtschaft eigentlich hervorgegangen?

Die historische Analyse zeigt, dass die Bodenreform von 1945/46 und die Kollektivierung von 1952 bis 1960 zusammengehörten und zwei Teile desselben Plans waren. Dieser Plan sah nichts anderes vor, als die komplette Liquidierung der selbstständigen Bauern als Klasse.

Die leninsche Strategie zur Umsetzung der marxistischen Klassenideologie bestand aus einem Zweischritt: Zuerst Enteignung und Vertreibung der Groß- und Mittelbauern zugunsten von Kleinbauern und dann die Kollektivierung, das heißt die faktische Enteignung des gesamten Bauernstandes mit dem Ziel seiner Proletarisierung – und der hierfür erforderlichen Konzentration und Industrialisierung der gesamten Landwirtschaft.

In der Sowjetunion und in China wurden beide Teile dieses Plans mit einer unglaublichen Brutalität umgesetzt. Die Vernichtung der Bauernhaushalte löste Hungersnöte aus, deren Opfer im 1998 erschienenen »Schwarzbuch des Kommunismus« mit insgesamt 30 bis 50 Millionen beziffert werden.

Auch wenn in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR der Kampf gegen die Bauern nicht mit systematischen Erschießungen und Massendeportationen einherging – Bodenreform und Kollekti­vierung wurden in Ostdeutschland nach demselben Fahrplan umgesetzt, wie in der Sowjetunion.

Hier wie dort ging es um die ideologisch begründete Absicht, eine als »Klasse« definierte soziale Gruppe vollständig auszulöschen. Auch die Industrialisierung der DDR-Landwirtschaft seit Beginn der 1970er Jahre diente der Auslöschung des Bauernstandes. Mit der flächendeckenden Zerschlagung der selbstständigen Bauernwirtschaften war die Basis von nahezu allem vernichtet, was die gewachsenen Strukturen im ländlichen Raum – und damit die Identität der Menschen mit ihrer Heimat – geprägt hatte.

Neu- und Wiedereinrichter sind bis heute benachteiligt

Da es in der DDR keine Aussicht auf eine Existenz als selbstständiger Landwirt mehr gab, ergriffen die meisten Bauernsöhne und -töchter nichtlandwirtschaftliche Berufe.

Nach der Wende von 1989/90 gab es hier außer den LPG-Funktionären kaum noch jemanden, der in der Lage war, ein landwirtschaftliches Unternehmen selbstständig zu führen.

Noch schlimmer ist allerdings, dass bis heute die Wieder- und Neueinrichter in Ostdeutschland allen Grund dazu haben, über eine systematische Benachteiligung gegenüber den LPG-Nachfolgebetrieben zu klagen.

Obwohl kleinere Landwirtschaftsbetriebe mehr Arbeitskräfte je Fläche beschäftigen, begünstigt man mit den flächenbezogenen EU-Agrarsubventionen die Großbetriebe. Zudem führen die Flächensubventionen in Verbindung mit langfristigen (auch bei Eigenbedarf nicht kündbaren) Pachtverträgen zu einer faktischen Bodensperre.

Somit sind seit fast 20 Jahren neue landwirtschaftliche Unternehmensgründungen blockiert.

Im Gegensatz zu den historisch durch große Güter geprägten und ärmeren Regionen Nordostdeutschlands, dominierten in den mitteldeutschen Ländern bis vor 50 Jahren die leistungsstärkeren klein- und mittelbäuerlichen Bauernwirtschaften.

Hier war 1990 durchaus noch das Potenzial dafür vorhanden, ländliche Räume nach dem Vorbild der Schweiz wieder zu beleben.

Doch in der Landwirtschaftspolitik gab und gibt es in allen ostdeutschen Bundesländern eine ganz große Koalition von der PDS bis zur CDU, die nach dem agrarpolitischen Leitbild Kasachstan unsere ­Heimat nivelliert.

Was es bedeutet, die Ernährung der Gesamtbevölkerung von einer kleinen und privilegierten Minderheit abhängig zu machen, wird sich erst später zeigen.

Bei aller Unsicherheit von Zukunftsprognosen ist doch eines gewiss: Irgendwann zählt nicht mehr der Mehrwert an der Börse, sondern der Nährwert auf dem Teller.

Oder hat doch Oswald Spengler recht? Schon 1923 schrieb er in seinem Buch »Der Untergang des Abendlandes«, dass die allgemeine Verachtung des Bauernstandes und das Herabsinken der Regionen zugunsten weniger Metropolen ein Symptom von untergehenden Kulturepochen sei.

Schließlich hat unter dem ökonomischen Leitbild vom »Wachsen oder Weichen« auch der Westen Deutschlands seit 1960 eine Million Bauernhöfe und vier Millionen landwirtschaftliche Arbeitsplätze verloren. Was der Agrarwissenschaftler Hermann Priebe 1985 mit einem Satz auf den Punkt brachte, ist nicht nur im Blick auf die Vergangenheit relevant: »Die bäuerliche Familienwirtschaft war die soziale und wirtschaftliche Grundlage aller geschichtlichen Hochkulturen.«

Michael Beleites

Michael Beleites wurde 1964 in Halle geboren und gehörte zu dem Mitbegründern einer unabhängigen Umweltbewegung in der DDR. Von 1992 bis 1995 studierte er Landwirtschaft und amtierte unter anderem 2000 bis 2010 als Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.

Damit die Ernte reich wird!

2. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Danke

Warum die Kirche einen Ruck braucht
Überlegungen zum Erntedankfest.
 

Heuballen in der Kirche. Erntedank.

Dabei haben die meisten Jüngeren nie im Heu gespielt. Manche glauben, Kühe seien lila.

Kann es sein, dass das Erntedankfest an der Erfahrungswelt vieler Menschen vorbeizielt?

Dann wird das kirchliche Fest zum Menetekel. Auf die vielen Distanzierten wirkt die Kirche wie »das Zitat einer Religion, die es früher einmal gegeben hat. Oder wie Folklore« (Harald Martenstein).

Kirche ist eher Hort von Lehrsätzen und erstarrten Traditionen denn Einübungsort in Gottvertrauen, so wie es der Mann aus Nazareth vorlebt.

Wenn Jesus eines nicht wollte, dann war es ein geistiges Lehrgebäude. Er war spontan, unkonventionell, symbolstark.

Seht die Vögel, die Lilien, vertraut auf Gott, dann fällt euch alles zu.

Zahlreiche Reformpapiere der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), umtriebige Pfarrerinnen und Pfarrer, engagierte Kirchenälteste, viel ehrenamtliches Engagement.

Eigentlich beste Voraussetzungen für einen florierenden Verein, eine reiche Ernte.

Eigentlich.

Wo aber bleibt die Ernte für die Kirche?

Jahr für Jahr sinkende Mitgliederzahlen und, viel schlimmer, Erosion der öffentlichen Relevanz von Kirche. Stell dir vor es ist Kirche und keiner geht mehr hin.

Gefragt ist Kirche an den Lebenswendepunkten wie Geburt, Eheschließung oder Tod. Hier stellt die christliche Tradition mit Taufe, Trauung und Trauerfeier Rituale bereit. Hinzu kommen die Gottesdienste an Festtagen und, in Krisenzeiten, die seelsorgerische Kompetenz.

Aber sonst?

Die normalen Gottesdienste?

Viele Lieder sind veraltet und schwer singbar. Die Liturgie wirkt befremdlich und wird in vielen Gemeinden nur noch von einem kleinen Teil mit vollzogen.

Viel gewichtiger ist die theologische Grundlage: Sie ist weit entfernt von dem, was der Religionsstifter selbst den Menschen vorlebt, zuspricht, mitgibt.

Über bald zwei Jahrtausende hat hier ein Prozess der Entfremdung um sich ­gegriffen. Kunstvolle theologisch-­rationale Denkgebäude haben die ­unmittelbaren Bezüge des Mannes aus Nazareth zum Leben der Menschen überdeckt.

Notwendig ist ein »Ruck in den Köpfen der Kirche« (Matthias Kroeger).

Statt sich hinter einer ganz unjesuanischen und unreformatorischen Angst vor dem Verlust pfarramtlicher Pfründe und geistlicher ­Besitzstände zu verstecken, sind die Glaubensaussagen früherer Generationen zu überprüfen und, häufig, neu zu formulieren und zu deuten.

Das Apostolische Glaubensbekenntnis fußt auf dem spätantiken Weltbild von Himmel, Erde und Hölle und blendet das irdische Leben des Gottessohnes aus – für Menschen des Mondflug- und Atomzeitalters und angesichts des Abbruchs metaphysischer Weltsicht bestenfalls eine lieb gewordene Gewohnheit (s. Jörg Zinks einschlägige Bücher dazu).

Der christliche Liedschatz fußt zu einem erheblichen Teil auf falschen theologischen Voraussetzungen, so beispielsweise fast durchgängig in den Passionsliedern. Klaus-Peter Jörns belegt das jesuanische Verständnis des Abendmahls gerade nicht als Sühnopfer, sondern als ein Mahl gegen die tödlichen Mächte der Welt, gegen Isolation, Schmähung, Verfolgung.

Gebete lehnt Jesus in ihrer geschwätzigen Form, wie sie so oft als endlose, vorformulierte Fürbitten die Gottesdienste in die Länge ziehen, ab.

Die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes steht als theologisch hochartifizielles Konstrukt in weitem Abstand zu gelebter Religion und rührt emotional nicht an. Die göttlichen Überhöhungen des Mannes aus Nazareth widersprechen seinem Verhalten eklatant und sind Zeugnis für das antike Bedürfnis nach Herrschaftsnomenklatur, nicht aber für die gelebte Nähe zu den Zöllnern und Sündern.

Die Liste von notwendigen Veränderungen ist beliebig erweiterbar. Was nottut, ist eine Reform des Gottesdienstes und des kirchlichen Lebens »an Haupt und Gliedern«. Zu entdecken ist die Tiefe der für die Lebensbewältigung kaum zu überbietenden christlichen Symbole.

Neben den Kirchen sind andere Orte für kirchliche Rituale zu entdecken. Gott wirkt überall und lässt sich nicht an einem Ort festbinden.

Wege zur Mystik sind auszuloten, eine »Ent-bildung« in der Sprache Meister Eckharts anzustreben, das heißt ein »Freiwerden von Verhaftungen, Gedanken, Überlegungen, Sorgen, traumatischen Erfahrungen und Belastungen, generell also ­allen Vorstellungsbildern, zu denen eben auch die theologischen Begriffe zählen« (Joachim Kunstmann).

Zu wagen sind »notwendige Abschiede« (Klaus-Peter Jörns), die mitunter schmerzen, die aber zugleich der christlichen Religion und denen, die an ihr Interesse haben, neue spirituelle Wege in den Bahnen ihres Religionsstifters eröffnen.

Wenn das geschieht, wird auch die Ernte reich sein.

Felix Leibrock

Der Autor ist Pfarrer in Apolda.

Politik im Spiegel der Kunst

30. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Besucherinnen der Ausstellung betrachten einen Flügel des Triptychons der Legende der heiligen Hedwig von Schlesien um 1440. (Foto: picture-alliance/dpa)

Besucherinnen der Ausstellung betrachten einen Flügel des Triptychons der Legende der heiligen Hedwig von Schlesien um 1440. (Foto: picture-alliance/dpa)

Ausstellung: In Berlin wird die Geschichte der 1000-jährigen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen dokumentiert.
 

Die am 21. September im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnete Präsentation steht unter dem Motto »Tür an Tür«. Zu sehen sind Kunstwerke, die die Geschichte und die Politik reflektieren.

Auf rund 3200 Quadratmetern sind in 19 Sälen rund 800 Exponate zu sehen, darunter vor ­allem Gemälde, Fotos, Kunstgegenstände und Werke zeitgenössischer Künstler. Beide Länder teilen sich die Kosten in Höhe von mehreren Millionen Euro. Dabei wird die Ausstellung nur in der Bundeshauptstadt zu sehen sein. Anders als ursprünglich geplant wird sie gar nicht nach Polen wandern.

»Wir wollen Kunstwerke zeigen, die die Geschichte und die Politik reflektieren«, beschreibt die polnische ­Kuratorin Anda Rottenberg ihr Programm.

Da, wo dies gelingt, zeigt die Ausstellung mit ihren in Überfülle und mit nur wenigen Erläuterungen gezeigten Werken ihre Stärken.

Besonders eindrücklich ist etwa der surreale Bilderzyklus »Erschießung« von Andrzej Wrobléwski über die deutschen Massenexekutionen an der polnischen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg. Fast die Hälfte der Ausstellung ist dem für die Beziehungen zwischen beiden Ländern so traumatischen 20. Jahrhundert gewidmet.

Für die Zeit nach dem politischen Wandel von 1989/90 bricht sie allerdings ziemlich abrupt ab.

Gleich nach den Solidaritätsbekundungen deutscher Künstler für die unterdrückte Gewerkschaft Solidarność in Form von Günther Ueckers »Splitter für Polen« oder dem Plakat von Klaus Staeck »Noch ist Polen nicht verloren« folgt am Ausgang bereits der binationale Adler. Ihn hat ein polnischer Künstler extra für die Ausstellung aus dem gemeinsamen Wappentier beider Nationen gestaltet.

Auf diese Weise bleiben die in beiden Ländern geführten aufgeregten Geschichtsdebatten etwa um die Vertreibung von Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und die umstrittene CDU-Politikern Erika Steinbach ausgespart. Auch Rottenberg hätte gerne jüngere Werke ausgestellt. »Aber es fand sich nichts«, erläutert die Warschauer Kunsthistorikerin.

In den früheren Jahrhunderten sind solche künstlerischen Kommentare der jeweiligen Zeitgeschichte naturgemäß noch viel seltener gewesen. Entdeckungen in anderer Weise sind dennoch nicht ausgeschlossen: Die dynastischen Verquickungen etwa zwischen Polen und dem dort verhassten Deutschen Orden oder später zu den bayerischen Wittelsbachern und den sächsischen Wettinern, die zum Aufschwung der erzgebirgischen Bergbaustadt Annaberg führten.

Zu entdecken ist auch Berlins erste Stadtansicht von 1536. Dabei fragt sich der Betrachter unwillkürlich, ob denn damals die kleine turmbekrönte Stadt an der Spree tatsächlich von so hohen Hügeln umgeben war, wie sie der unbekannte Maler der Panoramaansicht hinzufügte. Der Künstler war in poli­tischer Mission mit dem Pfalzgrafen aus Bayern nach Krakau unterwegs. Der Fürst wollte dort noch die Mitgift seiner Großmutter einfordern. Erst solche Geschichten machen die Ausstellung lebendig.

Bemerkenswert ist daher auch die Idee der Veranstalter, mithilfe von Studenten der Europa-Universität Frankfurt/Oder deutsch-polnische Tandemführungen anzubieten. Dabei erklären die beiden Ausstellungsführer den unterschiedlichen Kontext, in dem ein Objekt in ihrer jeweiligen Gesellschaft verstanden wird.

Stoff dafür bietet die Ausstellung reichlich: So etwa das von einem westdeutschen Schulbuchverlag nach dem Krieg noch ganz im propagandistischen NS-Sprachgebrauch herausgegebene Plakat: »Deutscher Lebensraum unter fremder Verwaltung«.

Oder ein Gemälde aus Leba an der Ostseeküste. Als Hinterpommern 1945 polnisch wurde, war die dortige Marienkirche plötzlich katholisch – doch es fehlte ein Madonnenbild. Der Pfarrer bat den gerade in Leba weilenden Maler Max Pechstein darum, ein solches neu anzufertigen. Der Künstler behalf sich mangels anderer Materialien mit Bootslack und einem Betttuch als Leinwandersatz.

Ausgestellt ist ferner im Original der Hirtenbrief der polnischen Bischöfe von 1965, der den ersten Anstoß zur Aussöhnung mit Deutschland gab. Die Ausstellungsmacher hätten dazu gerne die drei Jahre später ergangene Antwort katholischer Intellektueller aus Deutschland danebengelegt. Sie trägt unter anderem die Unterschrift eines gewissen Professors Joseph Ratzinger. Der war vorige Woche als Papst Benedikt XVI. höchstpersönlich in seiner Heimat.

Jürgen Heilig (epd)

Die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau ist bis zum 9. Januar mittwochs bis montags von 10 bis 20 Uhr zu be-
sichtigen.

Nette Bilder, aber nichts Neues

30. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Ernüchterung nach Spitzentreffen
Ökumenisches Gipfeltreffen: »Unser Herz brennt nach mehr«, erklärte Nikolaus Schneider (links), Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, nach seinem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster. (Foto: epd-bild)

Ökumenisches Gipfeltreffen: »Unser Herz brennt nach mehr«, erklärte Nikolaus Schneider (links), Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, nach seinem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster. (Foto: epd-bild)

Sie wurde von vielen als Höhepunkt der Papstreise angesehen: die Begegnung zwischen Benedikt XVI. und den Spitzenvertretern des deutschen Protestantismus im Erfurter Augustinerkloster.

Immerhin das erste Mal in der Geschichte, dass ein katholischer Oberhirte eine Lutherstätte besuchte und das zweite Mal, dass der ­Bischof von Rom einen Gottesdienst mit evangelischen Christen feierte. Daneben stand das Gespräch im kleinen Kreis, von dem sich viele Menschen – wenn schon nicht die Klärung aller Probleme in der Ökumene – so doch konkrete Impulse, etwa für den Weg zu einem gemeinsamen Abendmahl erwarteten. Und hatten sich wohl auch gewünscht, dass der Papst für Martin Luther nicht nur anerkennende Worte finden, sondern den einst verhängten Kirchenbann aufheben möge.

Doch so nahe sich Papst Benedikt XVI. und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses ­Nikolaus Schneider, im ebenso hermetisch ­abgeriegelten wie sonnendurchfluteten Klosterhof auch kamen (siehe Foto) – die Bilanz fällt ernüchternd aus.

Das Treffen habe in »geschwisterlicher Atmosphäre« stattgefunden, betont Schneider. »Wir ­haben wirklich aufeinander gehört.« Aber dennoch: »Unser Herz brennt nach mehr«, so Schneider. (GKZ)

Goering-EckardtPapst Benedikt XVI. hat in seiner Begegnung mit den Vertreterinnen und Vertretern der EKD im Augustinerkloster in Erfurt von unserer gemeinsamen ökumenischen Aufgabe gesprochen, uns gegenseitig dabei zu unterstützen, tiefer und lebendiger zu glauben. Daran sollten wir anknüpfen.

Natürlich hätten wir uns mehr und konkretere Aussagen zur Ökumene erhofft, auch wenn nicht zu erwarten war, dass wir einen ökumenischen Vertrag unterschreiben würden. Ich verstehe die Aussage des Papstes aber als eine Aufforderung und als Protestanten sind wir bereit, uns gemeinsam auf den Weg zu machen – durchaus in ökumenischer ­Ungeduld.

Jedenfalls habe ich die Hoffnung und bin ermutigt, dass wir uns jetzt gemeinsam mit der römisch-katholischen Kirche in Deutschland aufmachen, das Fest zum 500. Jubiläum der Reformation 2017 zu bedenken und zu feiern.

Katrin Göring-Eckardt, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, ­Teilnehmerin der Papstbegegnung

JunkermannDer Besuch des Papstes im Evangelischen Augustinerkloster zur Begegnung mit einer Delegation der EKD und der anschließende gemeinsame Gottesdienst – beides war ein deutliches ökumenisches Signal. Dies wurde mir noch einmal besonders klar am Samstag während der Messe auf dem Domplatz. Im Vergleich zu dieser riesigen Veranstaltung und zur sehr großen Entfernung zwischen Papst und Gemeinde dort war das Treffen im Augustinerkloster ein großes Signal an das Miteinander.

Positiv überrascht hat mich, wie klar und ­ausdrücklich er Martin Luthers Theologie und geistliches Ringen für unser gemeinsames christliches Zeugnis heute aufgenommen hat.

Und enttäuschend ist für mich, dass er keine weiteren konkreten Schritte im ökumenischen Miteinander angeregt hat, auch nicht auf ausdrückliche evangelische Nachfrage im Blick auf das ­Reformations­jubiläum 2017 hin. Seine Antwort war dennoch ermutigend. Sinngemäß sagte er: Schaut, ob es Euch in Eurem Herzen drängt, hier mehr Schritte ­aufeinander zu und miteinander zu tun. So hat er das weitere ökumenische Miteinander – ganz evangelisch – in die Hände und Herzen der Kirchen und Gemeinden vor Ort gelegt.

Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Teilnehmerin der Papstbegegnung

Bohl_LandesbischofAn den Besuch des Papstes hatten sich im Vorfeld viele Erwartungen geknüpft, auch in Bezug auf das ökumenische Verhältnis. Ich sehe es so, dass die Begegnung als solche dementsprechend der ökumenische Zugewinn war, und das wird verstärkt durch den Ort, an dem sie stattfand. So war es wohltuend zu hören, wie der Papst die Person Martin Luther als einen Gottes- und Wahrheitssucher gewürdigt hat.

Zu den konkreten Fragen der ökumenischen Situation hat sich der Papst, auch auf Nachfrage, nicht geäußert. Auch wenn man realistischerweise nichts anderes erwarten konnte, so war dies doch bedauerlich. Auch nach diesem Besuch ist nicht damit zu rechnen, dass die ­römisch-katholische Kirche ihre bisherige Sichtweise in absehbarer Zeit ­revidiert.

Jochen Bohl, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Teilnehmer der Papstbegegnung

Schorlemmer-Friedrich-1Bestes Wetter, freundliche Stimmung, bunte Bilder. Sonst nichts, was einen Aufbruch auch nur andeuten würde.

Im nichtöffentlichen Teil fand der Papst würdigende Worte für Luthers Gottesringen und dessen christozentrischen Glauben. Die Freiheitsbotschaft blieb ausgespart.

Im ­öffentlichen Gottesdienst vermied er das »L«-Wort gänzlich. Und zur Verhandlung steht nichts. Folgerichtig waren die Reformen anmahnenden Katholiken keines Gesprächs, nicht einmal eines Wortes wert.

Auch der Bundespräsident blieb ohne Antwort – weil der Oberhirte keinen Hirtenhut aufhatte und die prächtige Mitra zu fest saß. Es geht doch nicht vorrangig um Lehrunterschiede, sondern um gegenseitige Öffnung und Gleichachtung im Geiste Jesu Christi!

Das Ganze blieb so mager wie teuer.

Friedrich Schorlemmer, evangelischer Theologe und Publizist, Wittenberg

Garstecki»Wo Gott ist, da ist Zukunft« war das Motto des Papstbesuches. Dass das auch für seinen »Stellvertreter auf Erden« gilt, wird man nach Abschluss der Reise nicht sagen können.

Auf alle konkreten Zukunftsfragen der Kirche blieb Benedikt XVI. Antworten schuldig.

Beispiel Ökumene: Den großartigen Kairos, in Erfurt wertschätzende Worte über Martin Luther mit ein paar Anstößen zur Zukunft der Ökumene zu verknüpfen, hat der Papst vertan. Stattdessen die beinharte Position: Über Fragen des Glauben wird nicht verhandelt.

Das war anmaßend und ein Schlag ins Gesicht für alle, die aus ihrem Glauben für ökumenische Öffnungen der Kirchen arbeiten. »Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern Diener eurer Freude«, schrieb Paulus an die Korinther (2. Kor, 1,24).

Eine Vertröstungs-Ökumene, die sich anmaßt, endlos mit Gottes Geduld spielen zu können, ist in Erfurt an ihr Ende gekommen. Fazit: Erwartet nichts von oben, lebt Ökumene an der Basis!

Joachim Garstecki, katholischer Theologe, Magdeburg

Ramelow_BodoLange erwartet, von vielen ersehnt, von manchen erhofft, von einigen abgelehnt, aber immer in der öffentlichen Debatte – der Papst. Seine Rede vor dem Deutschen Bundestag war umstritten, nicht wegen des Inhaltes, denn den hätte man sich erst anhören müssen, um streiten zu können, ­sondern ob der Tatsache, dass ein ­Kirchenoberhaupt und der Vertreter des Vatikanstaates im deutschen Parlament spricht.

Ich habe ihn mir angehört und kann für mich feststellen, dass die Rede von Parlamentspräsident Lammert für mich als evange­lischen Christ sogar die spannendere war. Denn er mahnte die Ökumene an und viele weltliche Fragen, denen sich auch die Kirche stellen müsste.

Benedikt hat eine professorale Rede vor dem Bundestag gehalten, die auf Werte, Recht und Gerechtigkeit verweist, aber leider auch Anleihen an der Naturrechtslehre nimmt, die er als katholisches Oberhaupt eben katholisch fundamentiert.

Amüsiert habe ich mich allerdings, dass die katholischen Würdenträger der Papstdelegation in ihren roten beziehungsweise violetten Ornaten Platz nahmen auf den leeren Abgeordnetenplätzen der LINKEN. Soviel rot war selten bei uns Roten.

Bodo Ramelow, Fraktionsvorsitzender von DIE LINKE im Thüringer Landtag

Hoersting_AnsgarPapst Benedikt XVI. hat nichts Neues gesagt, nicht in der rechtsphilosophischen Vorlesung vor dem Bundestag, nicht im Augustinerkloster in Erfurt. Der wache Mann mit verschmitztem Humor jenseits des Redemanuskripts bringt religiöse Fragen, Gott, Jesus Christus zur Sprache. Er will diese Welt nicht dem rein Funktionalen und dem »Diktat des Rela­tiven« überlassen. Intellektuell anspruchsvoll, geistlich anregend und zeitgeistig inkorrekt war das. Applaus!

Der Pomp, das Papstamt an sich und die Prinzipienreiterei stehen auf einem anderen Blatt. Die römisch-­katholische Kirche hat einen langen Atem. Da kann Protestanten schon mal die Luft ausgehen.

Die nicht überraschende Konsequenz lautet: Am Miteinander von Protestanten und Katholiken ändert der Besuch nichts. Nichts zum Guten und nichts zum Schlechten.

Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, Witten, und Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen

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