Herzenssache Heimat – Ein Mosaik an Erfahrungen
13. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Heimat - ein unscharfer Begriff, der verschiedene Assoziationen auslösen kann: romantische Heimattümelei mit röhrendem Hirsch im Morgenrot oder auch das Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit. (Bild: Archiv)
Sie leben beide nicht mehr dort, wo sie geboren wurden, wo ihre Vorfahren begraben liegen und wo sie möglicherweise auch selbst beerdigt werden wollten. Was für sie Heimat bedeutet, darüber sprachen Otto Guse und Ingeburg Keller auf dem Podium »Herzenssache Heimat«.
Das Dorf, in dem Ingeburg Keller bis 2009 zu Hause war, gibt es nicht mehr. Heuersdorf, südlich von Leipzig, musste dem Braunkohlentagebau weichen. Wenn sie an dem Stück Land vorbeifahre, wo sich das Dorf befand, erzählt Keller, kämen heimatliche Gefühle in ihr auf.
»Man sieht nichts mehr, aber die Erinnerungen sind da«, sagte sie und ihre Stimme klang dabei traurig. Seit 1638 habe ihre Familie dort gelebt. Ihre Eltern waren da begraben, mussten umgebettet werden, als das Dorf weggebaggert wurde. Es falle ihr sehr schwer, sich in Hagennest, wo sie seit zwei Jahren wohnt, einzuleben.
Im Gegensatz zu Ingeburg Keller hat Otto Guse sich freiwillig einen neuen Wohnort gesucht. Der Präsident der sächsischen Landessynode war im Rheinland zu Hause, bevor er 1993 mit seiner Familie ins Vogtland zog, wo er eine Rechtsanwaltskanzlei hat. Im Osten Deutschlands habe er nach der Wende unglaubliche Möglichkeiten gesehen, etwas zu bewegen, etwas Neues zu schaffen, sagt er.
Heimat sei für ihn dort, wo er Vertrautes finde, die Straßen und die Menschen kenne und sich einer gewissen Solidarität sicher sein könne, so der Jurist.
»Wo ich beerdigt werde, ist mir egal.« Für die Bereitschaft seiner Frau, mit ihm nach Sachsen zu gehen, wolle er sich im Ruhestand revanchieren. »Dann komme ich mit dorthin, wohin du willst«, hat er ihr versprochen.
Heimat ist nicht nur dort, wo jemand geboren wurde und vielleicht beerdigt wird, auch die Kirche kann Heimat sein. Für manche eine widerborstige Heimat, für ihn sei sie ein geliebtes Zuhause, so der Theologieprofessor Klaus-Peter Hertzsch, Jahrgang 1930. Er zählt die Gottesdienstordnung, das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis und die Gesangbuchlieder auf. Wenn er die alten Texte höre, wisse er: »Hier bin ich zu Hause.«
Der Autor des Gesangbuchliedes »Vertraut den neuen Wegen« schätzt die Kirche als eine Institution, die in drei Regime durchgehalten habe. »Wenn es überhaupt etwas gab, was sich durchhielt, war es die Kirche«, sagt er.
»Heimat ist, was man vermisst« – das vor einem Jahr erschienene Buch von Sebastian Schnoy stand drei Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Auch der Titel »Smörrebröd in Napoli – Ein vergnüglicher Streifzug durch Europa« fand viele Käufer, stand 14 Wochen auf der Bestsellerliste von Spiegel online.
Der Part des Autors und Kabarettisten zum Thema Heimat – amüsant und pfiffig. »Man muss wissen, wo man herkommt«, stellte er zu Beginn klar, um danach mit viel Witz die Mentalität der Deutschen aufs Korn zu nehmen. Stichworte: Sauberkeit und Ordnung. Als Breschnew einst zu Besuch bei Schmidt gewesen sei, zeigte dieser ihm das Land, plauderte Schnoy.
Beim Anblick der herausgeputzten Dörfer soll Breschnew gefragt haben: »Woher wissen die, dass wir kommen?«
»Kirchentag – eine typisch deutsche Veranstaltung.« Die Anspielung des Kabarettisten ist positiv gemeint, ein Lob auf die vorbildliche Organisation der Megaveranstaltung.
Sabine Kuschel
Und die Kirche bewegte sich doch
12. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Komm, Heiliger Geist!
Doch wenn er tatsächlich käme, brächte er mancherlei ins Wanken.

Pfingstgedanken
Die Lieder mit der Bitte um den Heiligen Geist mag ich besonders.
Dabei kommt mir manchmal der Gedanke, was wohl wäre, wenn der Heilige Geist jetzt tatsächlich eingreifen würde?
Inzwischen rate ich eher, lieber erst einmal nachzudenken, ehe wir der Bitte um den Heiligen Geist allzu lautstark Ausdruck verleihen. Es könnte uns nämlich viel Liebgewordenes durcheinandergeraten.
Zustände, die wir zwar locker beklagen, mit denen wir uns jedoch ganz gut eingerichtet haben und die wir nicht selten selber am Leben erhalten. Denn es ist ja nicht so, dass der Heilige Geist nur unserem schwachen Unvermögen aufhilft und allein die Wünsche erfüllt, deren Verwirklichung uns selber nicht gelingt.
Er weht eher dort, wo er will.

Unser Autor Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirkes Leipziger Land.
Dennoch, die Gebäudelast für die kleinen Gemeinden ist erheblich.
In einem unserer Dörfer mit nur noch wenigen Christen gibt es sogar zwei Kirchen. Der Entschluss, die eine, die etwas weniger wertvolle Kirche aufzugeben, war nicht leicht, aber von Verantwortung geprägt. Doch ausgerechnet um sie bildete sich nun flugs ein unglaublich agiler und sachkundiger Förderverein.
Übrigens nahezu ohne Gemeindeglieder.
»Das können die gar nicht alleine geschafft haben!«
Inzwischen ist die Kirche in Großpötzschau schon weithin wieder als Schmuckstück erkennbar.
Der Heilige Geist weht eben wo er will? Wenn er sich vorher in der Superintendentur erkundigt hätte, die Großpötzschauer Kirche wäre ihm, ehrlich gesagt, nicht als gewünschter Einsatzort genannt worden.
Weil wir aber schon Verrücktes bei uns mit Kirchen erlebt haben, etwa mit der von Heuersdorf nach Borna verrückten Kirche, bin ich mir nicht mehr sicher.
Eigentlich wurde auch diese Kirche nicht mehr gebraucht, denn die Menschen mussten wegen der Braunkohle wegziehen und ihr Ort wurde zerstört.
Aber dann haben Tausende am Wegesrand buchstäblich Bauklötzer gestaunt. Das passiert übrigens immer, wenn sich Kirche vom Zeitgeist nicht demontieren lässt, sondern überraschend in Bewegung gerät. Und zwar dorthin, wo sie gebraucht wird.
Wenn es sein muss, sogar spektakulär.
Das gibt’s doch nicht, sagen Sie?
Die Leute am Straßenrand haben auch mit diesen Worten ihren Kopf geschüttelt. Heute suchen täglich viele Menschen aus aller Welt die Emmauskirche aus Heuersdorf in Borna auf. Und in ihr findet Leben und Begegnung statt.
Unglaublich?
Auch damals zu Pfingsten sind die Menschen in Bewegung geraten. Die verängstigten Jünger, denen scheinbar ihre Welt zusammengebrochen war, fassten auf einmal wieder Mut. Nicht aus sich selbst heraus verstanden und schöpften sie wieder Hoffnung. Andere konnten sich darüber nur an den Kopf greifen.
So geht das nicht! Was will das werden? Die sind doch betrunken.
In diesem Jahr, dem Jahr der Taufe wollen wir in vielen Gemeinden unserer Landeskirche ein großes Tauffest feiern. Wir sind ein bisschen erschrocken, dass so viele unserer Gemeindeglieder mit der »schönsten und herrlichsten Gabe Gottes«, wie es Gregor von Nazianz einmal gesagt hat, mit der Taufe, nichts mehr anfangen wollen und fast die Hälfte der Eltern ihre Kinder nicht mehr taufen lassen.
Dafür gibt es auch Gründe. Denen muss man aber nachgehen.
Wir werden in unseren Gemeinden also herzlich einladen, ermutigen und uns Mühe geben. Wahrscheinlich werden wir das auch gut machen. Aber nicht auszudenken, wenn sich der Heilige Geist einmischt!
Denn dann verstehen das vielleicht auch Eltern, nicht unbedingt aus Mesopotamien oder Pamphylien, aber immerhin von außerhalb. Also Eltern, die von der ganzen Kirche, ihren Ordnungen und Bestimmungen noch gar keine Ahnung haben.
Wahrscheinlich kennen die auch keine »ordentlichen« Paten. Doch sie bringen uns vielleicht erwartungsvoll ihre Kinder, weil sie der Gabe Gottes tatsächlich vertrauen.
Man muss ja nicht gleich an das Schlimmste denken, doch da sehe ich schon unsere artigen Theologen und die Juristen gewaltig ihre Stirne runzeln. So geht das aber nicht! Schon aus ökumenischen Gründen nicht. Dabei müssen sie wahrscheinlich noch gar nicht alle Argumente in Worte fassen.
Das Stirnerunzeln allein wird eindrücklich genug erscheinen, um nachhaltig alle Völker mit ihrem unzureichenden Taufverständnis zu verschrecken.
Sie verstehen? Also doch lieber nicht singen: Komm, Heiliger Geist!?
O doch! Und zwar schallend laut.
Das wäre nämlich mal wieder ein Problem, dass ich mir für uns von Herzen wünschte. Davon kenne ich übrigens noch eine ganze Menge.
Und wenn der Heilige Geist uns dabei sogar weiter beistünde, wäre auch all unser Aber-Gestammel mit einem Brausen vom Tisch und unsere Kirche bewegte sich doch.
Matthias Weismann
Der Autor ist Superintendent des Kirchenbezirkes Leipziger Land.
Europäische Begegnungen in Dresden
10. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Zu Gast in Dresden: Oliver Engelhardt mit Viktoria Czetö, Zsoltné Papp und Norbert Czetö (v.l.n.r.) aus Ungarn im Zentrum Mittel- und Osteuropa. Auf der Karte haben Besucher die Partnerschaften zwischen deutschen und osteuropäischen Kirchgemeinden eingezeichnet. Foto: Bernd Heinze
Faschistischer Raubkrieg, gemeinsames Leiden unter der kommunistischen Diktatur – es gibt vieles, was die Staaten Mittel- und Osteuropas ebenso trennt wie vereint.
Freiheit ist, wenn wir sagen, wir wollen heute in Wien einen Kaffee trinken und wir können es einfach tun«, sagt Andreas Bölcsföldi. Der Budapester Studentenpfarrer sitzt mit Renate und Manfred Kießig aus Störmthal bei Leipzig und den ungarischen Theologiestudenten Viktoria und Norbert Czetö an einem Tisch. Sie diskutieren, was ihnen Freiheit bedeutet und kommen zuerst auf die Wende zu sprechen.
Dieser Blick auf 1989 ist beim »Café Freiheit« im Begegnungszentrum Mittel- und Osteuropa auch von den Moderatoren Arne Draeger und Ulrike Kind gewollt. Für einen ersten inhaltlichen Impuls haben sie zwei prominente Gäste eingeladen: die Brandenburger Beauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe, und den Staatsminister für soziale Integration aus Budapest, Zoltán Balog. Dann malen und schreiben die Gäste aus Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Deutschland verschiedene Symbole der Freiheit auf: die Taube ebenso wie die Banane oder ein Loch in einer Mauer.
Beim Begegnungszentrum in der Neustädter Dreikönigskirche ist die europäische Geschichte ein bestimmendes Thema. »Es ist spannend, weil Staaten in Mittel- und Osteuropa teilweise eine schwierige Geschichte auch miteinander haben«, sagt Arne Draeger, der die Veranstaltungen mit vorbereitet hat. »Junge Leute gehen mittlerweile viel unbefangener damit um und halten ihren Großeltern auch gerne mal den Spiegel vor die Augen, wenn es um Schuldfragen geht.«
Kirchentag im Kirchentag könnte man das Begegnungszentrum Mittel- und Osteuropa nennen. Denn es wurde gemeinsam mit den Christlichen Begegnungstagen gestaltet und diese bezeichnet Mitorganisator Oliver Engelhardt auch als »kleinen mitteleuropäischen Kirchentag«.
Seit 1991 laden dazu alle drei Jahre Kirchgemeinden aus je einer grenznahen Stadt in Deutschland, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn oder Österreich in ihre Heimat ein. In diesem Rhythmus bot es sich an, das mitteleuropäische Treffen 2011 in den Dresdner Kirchentag zu integrieren. Oliver Engelhardt ist zufrieden, »auch wenn bei den jetzigen Veranstaltungen natürlich deutsche Besucher in der Mehrzahl sind und wir den Blick etwas weiter Richtung Osten geweitet haben.«
Zum Beispiel Richtung Weißrussland. In dem bewegenden Dokumentarfilm »Running start« zeigt die junge Filmemacherin und Schauspielerin Ljuba Zhuromskaya aus Minsk, wie junge Oppositionelle in ihrer Heimat vom Staat unter Druck gesetzt und aus den Universitäten verbannt werden und wie sie trotzdem weitermachen.
»Ich versuche, nicht mehr dagegen zu kämpfen, sondern etwas Positives entgegenzusetzen«, sagt Zhuromskaya. Beim anschließenden Gespräch mit Natallia Vasilevich, Direktorin des Kultur- und Bildungszentrums Ecumena in Minsk und politische Aktivistin, wurden die Kraft und die gleichzeitige Ausweglosigkeit junger Menschen in Weißrussland unter Präsident Alexander Lukaschenko klar.
Maxie Thielemann
Eine Erfolgsgeschichte
10. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Jubiläum: Vor 50 Jahren erstmals beim Kirchentag – der jüdisch-christliche Dialog.
Wie sollten Juden und Christen in Deutschland nach Auschwitz noch miteinander reden können? Die Kirchentagsbewegung hat entscheidend dazu beigetragen, die Sprachlosigkeit zu überwinden.
Man dürfe sich nicht täuschen: »Als 1945 die wenigen überlebenden deutschen Juden aus den Vernichtungslagern oder dem Untergrund zurück in ihre Heimatstädte kamen, waren sie alles andere als willkommen. Keiner freute sich, man war eher erschrocken, dass überhaupt noch welche lebten.«
Wenn der jüdische Publizist und Filmemacher Bernd Ginzel aus Köln von den Erfahrungen deutscher Juden nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt, gehen die Sätze unter die Haut. »Worte wie Jesus oder Christen waren unter uns tabu. Es waren Synonyme für den millionenfachen Judenmord.«
An ein Gespräch miteinander sei nicht zu denken gewesen, so Ginzel.

»Herzensangelegenheit« – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag in Dresden: Moderator Thomas Roth, EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider und Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. © DEKT/Jens Schulze
Was für die jüdische Seite galt, galt ähnlich für die christliche: Zwar gab die sich neu bildende Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Oktober 1945 ihre als »Stuttgarter Schuldbekenntnis« bekannt gewordene Erklärung ab. »Doch darin bekannte sie nur allgemein: ›Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.‹ Der systematische Völkermord an den Juden, der Holocaust, wurde mit keinem einzigen Wort erwähnt«, erinnert der emeritierte Theologieprofessor Martin Stöhr aus Bad Vilbel. Dass es heute eine stabile und belastbare Zusammenarbeit gibt, ist die Frucht einiger beherzter Pioniere wie Ginzel und Stöhr.
Es war der 10. Deutsche Evangelische Kirchentag 1961 in Berlin, auf dem erstmals nach dem Holocaust eine von Juden und Christen gemeinsam verantwortete »neue Begegnung von Juden und christlicher Gemeinde« angeboten wurde. Die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Kirchentag wurde zu einem wichtigen Auslöser der Aufarbeitung einer »2000-jährigen Geschichte des Missverstehens«, wie Kirchentagsgeneralsekretärin Ellen Ueberschär es in Dresden während einer Geburtstagsgala im Kulturpalast bezeichnet.
Endlich habe sich in der evangelischen Kirche die Erkenntnis Bahn gebrochen, »dass auch der Christ gemeint ist, wenn der Jude geschlagen wird«.
Allerdings galt es auf diesem Weg erhebliche innerkirchliche und innerjüdische Widerstände zu überwinden, wie die Dialogpioniere Ginzel und Stöhr berichten.
Nur langsam habe man sich etwa von der jahrhundertealten theologischen These verabschiedet, der alte Bund Gottes sei hinfällig geworden und die Kirche das »neue Israel«, so Stöhr.
Und nur langsam wuchs das Vertrauen der jüdischen Seite in das christliche Gegenüber.
»Heute sind die christlichen Gemeinden die ersten, die bei antisemitischen Ereignissen schreien, bilanziert Ginzel »mit Dankbarkeit«.
Die verlässliche Beziehung auf Augenhöhe, die »manchen Streit schon ausgehalten hat«, bestätigt auch Dieter Graumann, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, im Gespräch mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider.
Das gute Verhältnis ist im Blick auf den Kirchentag allerdings auch einer nicht unumstrittenen Entscheidung zu verdanken: Gruppen, die sich in irgendeiner Weise der christlichen Mission unter Juden widmen, sind von jeglicher Teilnahme am Christentreffen ausgeschlossen. Was allerdings auf Dauer keine Antwort auf die Tatsache einer wachsenden Zahl von sogenannten »messianischen Gemeinden« in Deutschland ist.
Diese vor allem von Spätaussiedlern jüdischer Abstammung getragene Bewegung entwickelt sich mittlerweile zu einer dritten Gruppe zwischen den christlichen Kirchen und den jüdischen Gemeinden.
Und auch die unterschiedliche Einschätzung von Ursachen und Wirkungen im Nahostkonflikt sorgt immer wieder für Zündstoff im gemeinsamen Gespräch. Aktuell etwa das sogenannte »Kairos-Palästina-Dokument« palästinensischer Christen.
Eher zurückhaltend ist Graumanns Reaktion auf die Anregung, aus dem christlich-jüdischen Dialog unter Einbeziehung der Muslime einen Trialog zu entwickeln: »Dialog, Trialog, meinetwegen auch Katalog – wenn es nützt?« Man suche schon länger das Gespräch mit den Muslimen. Der Zentralrat sei überdies die erste Organisation gewesen, die der pauschalen Herabwürdigung der Muslime durch Thilo Sarrazin offen widersprochen habe, erinnert Graumann.
Die Reaktion auf die Gesprächsangebote sei jedoch enttäuschend: »Wir beobachten unter muslimischen Jugendlichen einen immer stärkeren Antisemitismus«, gegen den die Verantwortlichen muslimischer Gemeinden »nur ungenügend« vorgingen. »Wir müssen reden, aber auch Verantwortung einfordern«, so Graumanns Fazit.
Harald Krille
Kinder unter Leistungsdruck
7. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Kinderpsychologie: Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann kämpfte gegen den »Förderwahn« in der Erziehung.
Bergmann, Wolfgang: Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der Erziehung, Kösel Verlag, 142 S., ISBN 978-3-466-30908-5 14,99 Euro

Schau mal, der Daniel schreibt schon so schön das Z und du bist erst beim E«, spornt die verunsicherte Mama mit sanftem Tadel ihren Kevin an, »dabei ist der Daniel drei Monate jünger als du!«
Wenn sich Kevin trotzdem weigern sollte, Daniels Lernvorsprung wettzumachen, kein Problem: Es gibt ja so fantastische Einrichtungen der »Exzellenzpädagogik« (so heißt die tatsächlich) wie »Kids auf der Überholspur« oder »Little Giants«, wo dreijährige Dreikäsehochs schon Englisch sprechen lernen. Wenn diese privaten Rettungsstationen nur nicht so lange Wartelisten hätten!
Den aus Funk und Fernsehen bekannten Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann, Leiter des Hannoveraner Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie, packte das kalte Grausen: Immer mehr von diffusen Zukunftsängsten und »unbewusst narzisstischen Motiven« getriebene Eltern fahren ihre Kleinen hektisch von der Nachhilfe in die Ballettstunde und danach zum »therapeutischen Reiten« – und merken gar nicht, dass sie ihnen damit die Kindheit rauben. An die Stelle seelischer Entfaltung und lustvoller Weltentdeckung trete ein Angst machender Konkurrenzdruck.
Bergmann: »Bevor sie sich als soziale Wesen richtig erprobt und kennengelernt haben, lernen schon die Kleinsten zu rivalisieren.«
In seiner Streitschrift wider den pädagogischen »Förderwahn« kritisiert der Hannoveraner ein verengtes Verständnis von Bildung, das nur die Ansammlung von Faktenwissen und die Aneignung von Regeln im Blick habe. Lernen bedeute aber ein sinnliches, neugieriges Vertrautwerden mit der Welt, Lernen habe mit Gefühlen und menschlichen Beziehungen zu tun.
Statt die scheinbar unvernünftige, unfertige kindliche Kreativität mit den üblichen Förderprogrammen in ein Korsett von Anforderungen einzuzwängen, gehe es darum, »den wachen kindlichen Geist zu beflügeln, ihm kleine Glanzlichter aufzustecken, an denen die Kinder Freude haben, sodass sie mit ihrem tagtäglich neuen Erfahrungssammeln am liebsten die ganze Welt umarmen und begreifen würden«.
Stattdessen werde diese spielerische, gefühlsbetonte Weltwahrnehmung von technokratischen »Pädagogik-Ingenieuren« mit ihren genormten Methoden und Leistungszwängen gestört und behindert. Je mehr die Kleinen umsorgt und »gefördert« würden, desto unselbstständiger, mutloser, antriebsärmer werden sie laut Bergmann: »Es gibt kaum noch Geheimnisse der Kindheit.
Die unsicheren Kinder trauen sich kaum noch bei Regen auf die Straße, sie könnten sich ja einen Schnupfen holen. Sie trauen sich kaum noch, einfach mal loszurennen und loszubrüllen, Mama könnte ja eine Verhaltensstörung befürchten. Ein Ringkampf auf dem Schulhof führt die ebenso übereifrigen Pädagogen rasch zu der Vermutung, dass eine Gewaltneigung vorliegt –‚ man liest ja so viel über Amokläufe.«
Angesichts von Missbrauchsfällen in Kindergärten habe ein Kriminalsoziologe allen Ernstes gefordert, in solchen Einrichtungen dürfe es nirgendwo versteckte Ecken und unüberschaubare Bereiche geben. Laut Bergmann ein Ausdruck völlig fehlender Sensibilität gegenüber Kindern, die Verstecke und schützende Höhlen dringend benötigten als »eine Art biotischer Geborgenheit«.
Permanente Überforderung, Leistungszwänge und »Förderwahn« führt der Erziehungsexperte bei den Eltern nicht auf bösen Willen oder Angeberverhalten zurück, sondern eher auf eine tief eingewurzelte Unsicherheit: In der modernen Kleinfamilie haben sie zwar Ruhe vor ewig besserwisserischen Verwandten, bekommen aber auch keine bewährten Tipps beim gemütlichen Kaffeenachmittag weitergereicht.
Statt sich in ein geordnetes Umfeld mit festen Regeln einzufügen, erleben sich die Kids einerseits als überbehütet, »overprotective«, und gleichzeitig als überfordert. Leistungszwang und Verwöhnung nennt Bergmann eine »teuflische Mischung«.
Und setzt ein ganz altmodisches Rezept dagegen: Liebe. Was respektvolle Zuwendung bedeutet, ermutigende Anerkennung und Begleitung, die Vermittlung von emotionaler Sicherheit, Grundvertrauen, seelischer Kraft. Erzählen, vorlesen, sich Zeit nehmen, statt das Kind aus schlechtem Gewissen oder Angst um spätere Chancen in die Frühförderung abzuschieben.
Dort in den zahllosen Trainingskursen, aber auch in Kindergarten und Schule soll es »auf das Leben vorbereitet« werden – für Bergmann eine Unverschämtheit: »Leben die Kinder etwa noch nicht? Nicht hier, direkt vor unseren Augen, wo sie spielen und lachen? … Uns entgeht das schlaue Funkeln ihrer Augen, uns entgehen die freundlichen Grimassen, die sie hinter unserem Rücken schneiden und die gar nicht bös gemeint sind, uns entgeht ihre Trauer und ihre Fröhlichkeit. Uns entgehen unsere Kinder.«
Christian Feldmann
Zwischen zwei Regierungen
3. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Naher Osten: Kholoud Daibes ist in der palästinensischen Autonomieverwaltung Ministerin für Tourismus.

Dr. Kholoud Daibes Abu Dayyeh ist seit gut vier Jahren Chefin im palästinensischen Tourismusministerium und die einzige christliche Ministerin in der Regierung der Palästinenser. (Foto: epd-bild/Debbie Hill)
In der männerbetonten Welt des Nahen Ostens ist sie eine doppelte Seltenheit: als Frau und als Christin.
Kholoud Daibes begrüßt energisch ihre Kollegen und gibt ihrer Sekretärin schon im Flur erste Anweisungen für den Tag. Dann weht sie förmlich in ihr Büro, eilt an den Schreibtisch. Seit gut vier Jahren ist die bekennende Protestantin Chefin im palästinensischen Tourismusministerium. Sie ist das einzige christliche Kabinettsmitglied in der Regierung der Palästinenser.
Zurzeit könnte jeder Tag der letzte für sie im Amt sein. Denn die Fatah-Bewegung des palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas und die im Gazastreifen herrschende Hamas haben sich auf die Bildung einer »Regierung der nationalen Einheit« geeinigt. Das könnte auch einen kompletten Wechsel der Minister bedeuten.
Die 46-Jährige ist kurzärmelig gekleidet, dezent geschminkt, trägt die Haare offen. Ihre Amtszeit kann sich sehen lassen: Sie brachte die Zahl der Besucher bis auf zwei Millionen im vergangenen Jahr und damit aus dem Stillstand heraus, der nach der Intifada folgte.
Die Bewegungsfreiheit für Palästinenser und Touristen ist besser geworden und auch die Kooperation mit Israel, trotz aller Abstriche. Noch immer aber bleiben viele touristische Attraktionen im 1967 von Israel besetzten Gebiet für die Palästinenser unerreichbar. Das Tote Meer gehört dazu und das Jordantal. »Die Israelis weigern sich, uns als gleichwertige Partner anzuerkennen«, schimpft die Ministerin. »Wenn es im Tourismus schon nicht klappt, wie soll es dann bei den großen, politischen Verhandlungen funktionieren?«
Kholoud Daibes spricht fließend deutsch. Schon ab der ersten Klasse lernte sie die fremde Sprache zunächst an der Martin-Luther-Schule in Jerusalem und später in der traditionsreichen evangelischen Schule Talitha Kumi, wo sie Abitur machte und wo heute ihre drei Kinder deutsche Vokabeln pauken. Ab 1982 ging es für Daibes mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Hannover zum Architekturstudium mit anschließender Dissertation.
Zur Politik kam die Architektin mit Schwerpunkt Denkmalpflege völlig unerwartet Anfang 2007. Damals suchten die frisch zur Regierung der Nationalen Einheit verbündeten Fraktionen Hamas und Fatah nach parteiunabhängigen Experten wie Daibes. Kaum drei Monate dauerte das Bündnis von Hamas und Fatah damals, bis die ideologischen Diskrepanzen und Machtkämpfe in blutigen Auseinandersetzungen endeten. In Ramallah wurde die bis heute amtierende Notstandsregierung gegründet. Daibes behielt ihren Posten als Tourismusministerin und übernahm außerdem für zwei Jahre das Frauenministerium.
Die enge Zusammenarbeit mit Männern hatte die junge Architektin schon in ihrem früheren Beruf erlebt, auf den Baustellen. Mit den islamistischen Politikern habe es keine besonderen Probleme gegeben, sagt sie. Die Protestantin findet es ärgerlich, wenn Leute sich darüber wundern, dass es überhaupt christliche Palästinenser gibt. »Wir sind die Christen, die zu Jesu Zeiten hier waren«, ruft sie. »Wir sind die, die sonntags in den Kirchen beten, die für andere nur eine Touristenattraktion sind.«
Obwohl heute nur noch 50000 Christen in den Palästinensergebieten leben, bleibt ihnen in Regierung, Parlament und zahlreichen Ortsverwaltungen eine Präsenz garantiert. Der Bürgermeister von Bethlehem etwa muss Christ sein, auch wenn die Stadt längst keine christliche Mehrheit mehr hat. Dasselbe gilt für Ramallah. »Man muss die Politiker hier nicht überzeugen«, sagt Daibes. »Die wichtige Rolle, die die Christen bei der Entwicklung des Heiligen Landes gespielt haben, wird sehr wohl anerkannt.«
Susanne Knaul (epd)
Sehnsucht nach der Fülle des Lebens
31. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Der Himmel ist kein Ort auf der Landkarte des Universums, sondern eine Beziehung – Gedanken zu Christi Himmelfahrt.
Wenn man mit dem Flugzeug die Wolkendecke durchstoßen hat, sieht man nur noch einen endlos weiten Raum: keine Wolken mehr. Keine großen Vögel. Schon gar keine Engel. Kann das der Himmel sein?
Reinhard Mey hat in einem berühmt gewordenen Lied die Sehnsucht beschrieben, die aufkommen kann, wenn man am Boden bleibt und einem startenden Flugzeug hinterher blickt: »Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen.«
Der Himmel, der physikalische Raum zwischen Erde und All, hat immer schon als Bild gedient für das Unbeschreibliche, für all das, was wir hinter unseren eigenen Grenzen und Beschränkungen erhoffen.
Aber gibt es den Himmel, »die Fülle des Lebens«, von der in alten liturgischen Texten die Rede ist, überhaupt? Kann man ohne den Himmel überhaupt leben? Muss es nicht das wahre Glück geben – auch später einmal, ein Zuhause, in dem wir immer bleiben dürfen? Oder ist das alles nur eine große Illusion?
Solange die Welt sich dreht, werden Geschichten vom Himmel erzählt. Hoffnungsgeschichten, die sagen, dass es weitergeht. Wunderschöne Geschichten und komische. Eigenartigerweise reden manche Leute besonders gern vom Himmel, wenn es ihnen an den Kragen geht.
Im Gottesdienst – im katholischen regelmäßig am zweiten Weihnachtsfeiertag – ist bisweilen der Bericht von Stephanus zu hören, einem der allerersten Christen, der seinen Mitbürgern eine gesalzene Predigt hielt und seine Zuhörer damit so in Wut versetzte, dass sie ihn umbrachten: »Als sie das hörten, waren sie aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen. Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: ›Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.‹ Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn.« (Apostelgeschichte 7,54-58)
Es sind die Tapfersten, die so sterben können. Die Überzeugung, dass dort im Himmel etwas Wunderbares auf uns wartet, kann mächtig viel Kraft zum Leben geben. Wer an den Himmel glaubt, lässt sich offenbar hier auf der Erde nicht so leicht die Courage abkaufen.
Die Bibel schildert den Himmel gern als großes Fest, vorzugsweise als Hochzeitsfeier. Da wird ausgelassen gefeiert, fröhlich gegessen und getrunken.
Die Bibel erzählt von diesem Fest nicht so, als müssten wir bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten, bis es losgeht. Die Feier hat schon längst begonnen!
Jesus verknüpft das unverrückbar mit seiner Person: »Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.« Sein Himmel beginnt überall dort, wo Menschen wie er ganz Menschen sind, sich aneinander freuen, richtige Freunde werden, miteinander teilen und sich als Partner fühlen, nicht als Rivalen.
Schon der in der hebräischen Bibel dokumentierte Glaube Israels bricht die enge Vorstellung eines über den Wolken lokalisierbaren Himmels auf: Der Himmel ist kein Ort auf der Landkarte des Universums, sondern eine Beziehung. Der Himmel ist die Erfahrung der glücklich machenden – aber auch herausfordernden! – Nähe Gottes.
Viel später entsteht die treffsichere Geschichte von dem Rabbi, der einem Kind einen Taler verspricht, wenn es ihm sagen kann, wo Gott wohnt. Der Dreikäsehoch antwortet: »Und du bekommst einen Taler, wenn du mir sagst, wo er nicht wohnt!«
Das Fest des Himmels hat begonnen.
Zwar hat es noch nicht seinen Höhepunkt erreicht, aber wir sind zum Tanz aufgerufen.
Wie geht das? Vielleicht gibt ein kleines Gebet Aufschluss, das in einem Gesangbuch zu finden war, in zierlicher Handschrift auf einen Zettel geschrieben: »Herr, gib mir ein Herz, das die Freude sucht und sie doch nicht festhalten will, das verzichten und teilen kann und das sein Glück in der Freude der anderen findet.«
Wenn wir so zu leben versuchen, leuchten schon jetzt viele kleine Stückchen Himmel wie Mosaiksteine auf, oft noch unverbunden nebeneinander liegend wie bei einem unfertigen Puzzle.
Die Bibel ist überzeugt: Gott wird am Ende der Tage diese vielen Mosaiksteinchen Himmel zu einem vollendeten Bild zusammenfügen und zu »seiner neuen Erde und seinem neuen Himmel machen«, wie es am Schluss der Heiligen Schrift heißt.
Christian Feldmann
Menschen unterwegs
28. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Ausstellung: Auf den Spuren von Kriegsherren, Kaufmännern, Glaubensflüchtlingen, Pilgern und Bettlern.
Am 21. Mai wurde in Görlitz die 3. Sächsische Landesausstellung »via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung« eröffnet.

Nach der Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung drängten sich Hunderte Besucher um den Görlitzer Kaisertrutz. (Foto: Irmela Hennig)
Es war kein Sonnabend wie jeder für die 740 Jahre alte ostsächsische Stadt Görlitz. Wer kurz vor zehn von einem Altstadt-Café aus die Straßen beobachtete, sah Menschen in Richtung Peter-Pauls-Kirche eilen. Evangelische wie katholische Pfarrer nahmen denselben Weg. Glocken riefen zum Gottesdienst. Und an allen Straßenecken patrouillierten Polizisten, die eher an Unheilvolles denken ließen als an die Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung.
Doch genau sie hatte die Menschen an diesem Morgen mobilisiert: Getreu ihrem Thema »via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung«. Bis Ende Oktober widmet sich die große Schau in Görlitz’ alter Kanonenbastion, dem Kaisertrutz, dem Handel und Wandel, den Reisenden und Bleibenden auf der einstigen Handelsroute »Via Regia«, die von Frankfurt am Main über Erfurt, Leipzig und Görlitz bis nach Krakau führte.
An den Anfang dieses Großereignisses, das rund 300.000 Menschen in die Stadt locken könnte, hatten die Organisatoren einen ökumenischen Gottesdienst gestellt. Dieser ließ Hubertus Zomack, Diözesanadministrator des Bistums Görlitz, zur Begrüßung erfreut an einen alten frommen Spruch denken: »Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der beste Lebenslauf.«
Zomack erinnerte zudem daran, dass vor wenigen Jahrzehnten eine »Sächsische Landesausstellung« gar nicht vorstellbar war. »Denn es gab ja kein Land Sachsen mehr.«
Sachsens Landesbischof Jochen Bohl blickte in seiner Predigt zurück bis zu Abraham, dem ersten Gläubigen, dem Wanderer, der aufbrach im Vertrauen auf Gott. Ins Unbekannte, und doch zu einer Reise, die an ein Ziel führen sollte. Bohl machte zudem deutlich, wie schwierig es ist, in einer modernen, mobilen Gesellschaft Heimat und Aufbruch, Beständigkeit und Fortschritt in Einklang zu bringen. Und er verwies auf die Abwanderung der Jugend, gerade aus dem äußersten Osten und auf die Zurückbleibenden, die sich die Frage stellen müssen: Wie geht es hier mit uns weiter?
Ungewissheit – sie war ständiger Begleiter für viele Menschen, die in den vergangenen 800 Jahren auf der »Via Regia« reisten. Da waren Händler, die nicht wussten, ob sie ihre Waren sicher ans Ziel bringen würden, Soldaten, deren Heimkehr zweifelhaft schien, Flüchtlinge, die keine Ahnung hatten, wohin mit ihnen.
Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) als Ausrichter haben den Menschen darum auch einen ganzen Ausstellungsabschnitt gewidmet.
Nikolaus von Zinzendorf, der Weltreisende, Missionar und Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine spielt darin ebenso eine Rolle wie Sachsens Kurfürst August der Starke, den SKD-Leiter Martin Roth »den ersten Pendler« nannte und damit auf sein ständiges Hin und Her zwischen Sachsen und Polen (hier war er König) verwies. Die Händler aber, die Studenten, die Flüchtlinge und Pilger, die zu Tausenden auf der »Via Regia« wanderten, bleiben eine anonyme Masse in der Ausstellung – ausgenommen das Schicksal eines französischen Soldaten, der 1813 aus Napoleons Armee geflohen war.
Hier aber hilft eine Partnerschau der Landesausstellung im Schlesischen Museum weiter. »Lebenswege ins Ungewisse« erzählt die Geschichte von Menschen aus Görlitz und dem benachbarten Zgorzelec (Polen), die ihre Heimat verlassen haben – freiwillig oder gezwungenermaßen.
Dass die frühe Mobilität ihr ganz eigenes, viel langsameres Tempo hatte, zeigt eine zweite Partnerausstellung »via regia – Straße der Arten« im Senckenberg Museum für Naturkunde. In einer Übersicht stellt sie die drei bis fünf Stundenkilometer der Fußgänger oder auch die zwei bis drei Kilometer pro Stunde (km/h) der Postkutsche den rasanten 150 bis 300 km/h der Bahn oder die 450 bis 900 km/h eines Flugzeugs gegenüber.
Die Landesschau-Partner wagen den ganz konkreten Blick.
Im gerade sanierten Kaisertrutz gibt es auf fünf Ebenen hingegen das große Ganze, den Blick auf Kunst und Wissenschaft, auf Maße und Gewichte, auf Zünfte – und auf den Glauben, der viele Reisende begleitete. Ein großes Triptychon aus Breslau zeigt beispielsweise die heilige Hedwig, die Schutzpatronin Schlesiens. Zunftschilde sind mit (Schutz-)Engeln geschmückt. Und ein Bibel-Druckstock macht wunderbar bildhaft die Auseinandersetzung zwischen evangelischem und katholischem Glauben, aber auch das praktische Denken der Buchdrucker deutlich.
Ein protestantischer Druckstock mit einem papstfeindlichen Bild wurde von Druckern im katholischen Osten übernommen, schließlich war er einmal gemacht und das war kostengünstiger. Mit ein paar kleinen Schnitten wurde alles Kritische entfernt und zufriedenstellend gedruckt.
Seit dem 21. Mai steht dies alles nun den Besuchern offen. Spiralförmig können sie sich vom Keller der Trutzburg über fünf Etagen nach oben lesen, durchschauen, durchstaunen. Zum Auftakt war das kostenlos möglich – und der Kaisertrutz von Hunderten Wartenden dicht umdrängt.
Irmela Hennig
Die Sächsische Landesausstellung in Görlitz ist geöffnet bis 31. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr, freitags bis 21 Uhr. Das Tagesticket kostet für Erwachsene 9 Euro, ermäßigt 7 Euro. Ein Zwei-Tages-Kombi-Ticket kostet 14 Euro für Erwachsene. Die Tickets gelten auch für die kooperierenden Görlitzer Museen (Schlesisches Museum, Senckenberg Museum für Naturkunde).
Als Nächstes wird die Thüringer Landesausstellung 2011 am 24. Juni in Weimar eröffnet. Sie steht unter dem Thema »Franz Liszt. Ein Europäer in Thüringen«.
Im Zeichen der Versöhnung
27. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Ökumene: Die Orthodoxe Akademie Kreta wirbt seit mehr als 40 Jahren für eine Verständigung der Religionen.
Vor 70 Jahren begann die Deutsche Wehrmacht mit dem »Unternehmen Merkur« die Eroberung Kretas. Sie kostete Tausende Menschenleben – auch unter der Zivilbevölkerung.
Jedes Jahr Mitte Mai gedenken auf der griechischen Insel Kreta die Bewohner des Beginns des Eroberungsfeldzuges deutscher Wehrmachtsoldaten auf dem Eiland. Viele Bewohner der Mittelmeerinsel haben bei den harten Kämpfen und der nachfolgenden Besatzung Familienangehörige verloren.
Doch sieben Jahrzehnte nach dem Nazi-Angriff scheinen viele Wunden verheilt. Viel hat dazu auch die Orthodoxe Akademie Kreta in den vergangenen 40 Jahren beigetragen: Mit dem Ziel der Versöhnung lädt sie jährlich Politiker, Kirchenvertreter, Umweltexperten und Griechenlandreisende zum Austausch der Religionen und gegenseitigem Kennenlernen ein.
Am 20. Mai 1941 griff die Deutsche Wehrmacht Kreta in der Bucht von Suda an. In den größenwahnsinnigen Planungen der Nazis sollte die Insel zu einer Aufmarschbasis für die Eroberung Ägyptens werden. Dafür mussten Tausende junger Männer ihr Leben lassen, die seit 1971 auf dem deutschen Soldatenfriedhof Maleme an der Nordküste Kretas liegen: 4465 deutsche Soldaten sind dort bestattet. Während der deutschen Besatzung bis zum 9. Mai 1945 wurden im Gegenzug mehrere Tausend kretische Zivilisten als Partisanen hingerichtet, ganze Dörfer komplett zerstört.

Die Orthodoxe Akademie Kreta: Mit dem Ziel der Versöhnung lädt sie jährlich Politiker, Kirchenvertreter, Umweltexperten und Griechenlandreisende zum Austausch ein. (Foto: epd-bild/Ralf Schick)
»Fast eine ganze Generation wuchs hier ohne Väter auf«, sagt Georgios Vlantis, heutiger Studienleiter der 1968 erbauten Akademie nahe der früheren kretischen Hauptstadt Chania. Dass heute der deutsche Soldatenfriedhof von griechischen Frauen und Männern im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gepflegt wird, ist genauso wenig selbstverständlich wie die vielen Begegnungen zwischen Kretern und Deutschen, zwischen orthodoxen und nichtorthodoxen Christen.
»Wir wollten mit der Akademie ein Zeichen der Versöhnung setzen«, sagt Alexandros Papaderos, Mitbegründer und Generaldirektor der Orthodoxen Akademie. »Unser Ziel war und ist es, den Dialog zwischen Orthodoxie und den anderen Kirchen, Christentum und den anderen Religionen, Kirche und Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur zu fördern«, betont Papaderos.
Die Begegnungen und der Austausch ist Papaderos zufolge ein Geschenk. »Wir können einander nur verstehen, wenn wir voneinander wissen«, sagt auch Anastassios Ossipidis, der zusammen mit der Orthodoxen Akademie christliche Begegnungsreisen organisiert, »um den Dialog zwischen Christen zu fördern«.
Gemeinsam etwa mit der Evangelischen Akademie Loccum unterstützt die Orthodoxe Akademie auch ein europäisches Jugendbildungsprojekt. Mehrere Hundert Jugendliche aus Niedersachsen, aber auch aus anderen Bundesländern kommen seit zwei Jahrzehnten immer wieder auf die Insel, um in der Nähe der Akademie beim Aufbau eines Projektgeländes mitzuhelfen.
Enge Kontakte gibt es auch zur Evangelischen Akademie Bad Boll, die finanziell maßgeblich zur Entstehung der kretischen Bildungseinrichtung beitrug.
Jährlich lädt die Akademie zu wissenschaftlichen und theologischen Kongressen und Tagungen ein. Im März fand eine Begegnung im bilateralen theologischen Dialog zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel statt, bei der die Beziehungen zwischen Kirche und Staat im Mittelpunkt stand.
Die Akademie ist heute eine der bedeutendsten kirchlichen Einrichtungen Griechenlands. Die griechisch-orthodoxe Kirche in Kreta hat eine Sonderstellung, denn sie gehört zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel und nicht zur orthodoxen Kirche Griechenlands.
Ralf Schick (epd)
Leuchtende Augen nach acht Jahren der Angst
27. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Asyl: Xin He erkämpfte mit Unterstützung Mühlhäuser Kirchengemeinden die Anerkennung als politischer Flüchtling

Voller Stolz zeigt Xin He vor dem Mühlhäuser Frauentor seinen Flüchtlingsausweis – mit ihm darf er sich endlich frei bewegen und eine Arbeit annehmen. (Foto: Harald Krille)
Artikel 16a des Grundgesetzes stellt klar: »Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.« Doch im Alltag steht Betroffenen oft ein langer Kampf bevor, um dieses Recht in Anspruch zu nehmen.
Es war wie ein kleines Wunder: »Ihnen wurde die Flüchtlingseigenschaft nach § 60 Abs. 1 Aufenthaltsgesetz zuerkannt.« Um diese nüchternen Zeilen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge am 8. Mai zu erhalten, mussten Xin He und seine Helfer acht Jahre lang einen oft scheinbar aussichtslosen Weg gehen.
Begonnen hatte alles damit, dass der heute 37-jährige Xin He in seiner Heimatstadt Zhangjiang in Südchina als Mitglied der verbotenen oppositionellen Demokratischen Partei Chinas eine friedliche Demonstration plante. Die Verurteilung zu insgesamt zehn Jahren Haft folgte umgehend. Zeitgleich wurden die Mitglieder seiner verbotenen protestantischen Hauskirche verhaftet und, wie er auch, gefoltert.
Nach einer filmreifen Flucht, nahe dem Hungertod, strandete er im Hamburger Hafen. Von dort begann sein Weg 2002 durch die deutschen Instanzen.
Antrag abgelehnt – keiner glaubte ihm
»Es ist wirklich ein kleines Wunder«, sagt Christina Vater, die frühere Ausländerbeauftragte der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen, »dass wir nun die Anerkennung als politischen Flüchtling für Herrn He geschafft haben. Als Herr He zu uns in den Verein Miteinander kam, war sein Verfahren bereits abgelehnt, keine Behörde hatte ihm geglaubt. Die Rückführung drohte.«
Stück für Stück begann man ein Netzwerk aufzubauen, in dem die Mühlhäuser Kirchengemeinden rund um Pfarrer Andreas Schwarze eine tragende Rolle spielten.
Pfarrer Schwarze erinnert sich: »Der Bachchor hat Geld gespendet, um den Dolmetscher zu bezahlen, und die Gemeinde sammelte für die Anwaltskosten. Die Mühlhäuser Gemeinden und Menschen weit über die Kirche hinaus haben zusammengearbeitet. Selbst der Notfallplan lag bereit, um Herrn He Kirchenasyl zu gewähren.«
Über die Jahre gab es viel zu tun, im Rahmen des Verfahrens und bei der ganz alltäglichen Unterstützung. Neben der endlich errungenen Anerkennung wurde so auch die konkrete Integration von Herrn He geschafft. »Er ist heute ein fester Teil unserer Gemeinschaft«, betont der Seelsorger.
Teil einer Gemeinschaft, aus der er Kraft schöpft und die ihn achtet. Denn Xin Hes Kampf für die Demokratie endete nicht im Gefängnis. Erst im letzten Jahr brachte ein Bericht über ihn in der Zeitschrift Publik-Forum eine Schülergruppe aus Kempten auf eine Idee: Gemeinsam mit ihm wollten sie vor der chinesischen Botschaft für die Ausreise des inzwischen im Gefängnis sitzenden chinesischen Menschenrechtlers und Systemkritikers Liu Xiaobos demonstrieren.
Das Risiko für Xin He, wegen seines ungeklärten Asylstatus verhaftet und nach China abgeschoben zu werden, war ungeheuer groß. Er fürchtete sich davor, doch er verlas in Berlin mit den Schülern Texte des Nobelpreisträgers.
Mutiger Einsatz für verfolgte Landsleute
Hes Worte verhallten in den Ohren der Diplomaten ungehört, jedoch nicht in denen des Vereins Miteinander. Er überreichte ihm für sein Engagement einen Couragepreis – die »Goldene Friedenstaube«. Herr He reichte den Preis weiter und jeder, der ihn später in Händen hielt, verpflichtete sich für die weltweite Einhaltung der Menschenrechte zu kämpfen.
Letzte Station, so der große Traum, sollen Liu Xiaobos Hände selbst sein.
Dies alles waren Mosaiksteine auf dem langen Weg bis heute. Einem Weg voller schlafloser Nächte und intensiver Gebete. »Doch jetzt,« strahlt Frau Vater, »können wir Zukunftspläne machen: Wohnung und Arbeit suchen, einen Deutschkurs beantragen – der blaue Flüchtlingspass wird all das erlauben.«
Herr He kann das alles noch gar nicht fassen, acht Jahre tägliche Angst weichen langsam. Zaghaft äußert er Träume für seine Zukunft: »Eine Frau suchen, ich bin doch schon 37.« Dann versagt seine Stimme: »Meine Mama sehen.« Wieder gefasst strahlen seine Augen: »Und nach Taizé reisen.«
Pfarrer Schwarzes Augen blitzen wissend, er und seine Gemeinde haben sich auch darum schon Gedanken gemacht. Noch scheint es undenkbar: Mutter und Sohn, Taizé – doch so vieles schien bisher undenkbar.
Herrn Hes erste freie Reise wird ihn übrigens in der kommenden Woche zum Kirchentag nach Dresden führen. Man wird ihn erkennen – an den leuchtenden Augen.
Regina Englert
Polen: Frauen im grünen Collarhemd
23. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Theologisch haben Polens Lutheraner eigentlich keine Einwände gegen Frauen im Pfarramt. Dennoch gibt es Argumente dagegen zuhauf.

Die Arbeit machen sie, die Ordination bleibt ihnen versagt: Halina Radacz ist eine der rund 20 Diakoninnen der polnischen Lutheraner. (Foto: Maja Pauska)
»Die Frauen wollen das doch selbst nicht!«, ist ein Argument, das bisweilen auftaucht, wenn es wieder hoch hergeht wegen der nicht vorhandenen Frauenordination bei den Lutheranern in Polen.
Halina Radacz, Diakonin der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, kann darüber nur den Kopf schütteln. Manchmal weiß man nicht, ob es zum Weinen oder schon zum Lachen ist. Zum Beispiel, wenn die Direktorin einer großen Schule argumentiert, das Amt des Pfarrers wäre zu viel Verantwortung für eine Frau.
Halina Radacz selbst wäre lieber schon heute als morgen eine ordinierte Pfarrerin mit allen Rechten. Denn die Arbeit tut sie ja jetzt schon. Sie ist eine der rund 20 Diakoninnen, die in der polnischen Kirche das grüne Collarhemd tragen, in den Gemeinden taufen und predigen. Nur das Abendmahl dürfen sie nicht einsetzen.
26 Jahre sind seit ihrem Theologiestudium vergangen, Zyrardów ist ihre dritte Gemeinde. Diese Gemeinde hatte vor drei Jahren die Kirchenleitung darum gebeten, dass ihre »Pfarrer-Diakonin« endlich ordiniert werde, doch im Herbst 2010 erteilte die Synode dem Wunsch nach der Ordination von Frauen eine Absage.
Das war ein trauriger Tiefpunkt auf einem langen Weg.
Auf das Frauenforum und auf die Frauenkommission ihrer Kirche ist Halina Radacz stolz. Die beiden Strukturen sind im Frühjahr 1991 entstanden. 2011 kann das 20-jährige Jubiläum gefeiert werden.
Denn Grund zum Feiern gibt es auch ohne die Ordination.
Das Forum und die Kommission haben es geschafft, Themen, die Frauen bewegen, in die Öffentlichkeit und bis in die Synoden hineinzutragen. Dank ihnen sowie der Theologinnenkonferenz, die von deutschen Partnern, dem Gustav-Adolf-Werk und dem Evangelischen Bund, unterstützt wird, haben polnische Lutheranerinnen Strukturen und Institutionen, in denen sie sich aussprechen und neue Initiativen starten können.
Das Bewusstsein wandelt sich, wenn auch langsam.
Als Beispiel holt Halina Radacz ein Exemplar von »Zwiastun« hervor. Früher, sagt sie, wäre es undenkbar gewesen, dass die Kirchenzeitschrift eine Pfarrerin im Talar abgebildet hätte. Heute ist es Normalität. Wie wichtig das Bild in den Medien ist, weiß sie selbst am besten. In ihrem zweiten Beruf – das Gehalt der Diakonin gewährleistet nicht das finanzielle Überleben einer Familie – ist sie Journalistin und Kirchenredakteurin des Zweiten Programms der Telewizja Polska.
»Wie viele Talente haben wir schon weggeworfen?«, fragt Halina Radacz, wenn sie an die über 70 Frauen denkt, die in Warschau das Theologiestudium absolviert haben. Freilich arbeiten einige Theologinnen als Pfarrerinnen – in Deutschland oder in England zum Beispiel.
Die Diskussion über die Frauenordination ist in der Kirche einerseits mit dem Synodenbeschluss abgeschlossen, und bleibt anderseits doch ein Dauerbrenner.
Das 20. Frauenforum der lutherischen Kirche, das als Jubiläumsforum vom 23.-25. September 2011 in Warschau stattfinden wird, fasst das Problem weiter und nennt es zugleich beim Namen: strukturelle Gewalt. Die Diskussion über die Frauenordination brachte in der Kirche den Konsens hervor, dass es keine theologischen Gründe dagegen gibt, nur die Tradition und das katholische Umfeld sprächen dagegen.
Mit ihren zwiespältigen Erfahrungen sind die Polinnen in Mittelosteuropa nicht allein. Auf dem bevorstehenden 33. Evangelischen Kirchentag in Dresden vom 1. bis 5. Juni erhalten die Theologinnen und Pfarrerinnen aus verschiedenen Kirchen ein Podium für ihre Fragestellungen: »Theologinnen auf dem ›Abstellgleis‹? Frauenordination in Mittel- und Osteuropa«.
Diakonin Halina Radacz aus Polen wird dabei sein – im grünen Collarhemd.
Maaja Pauska
Hinweis: Die Veranstaltung mit Halina Radacz findet am Freitag, 3. Juni, von 16.30 bis 18 Uhr im »Zentrum Frauen« des Kirchentags statt (Programmheft Seite 206).
Manche Schleuse öffnet nur ein Lied
22. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Ein Lied für Gott: die Frankfurter Sängerin KAT im Kloster Volkenroda in Thüringen (Foto: Harald Krille)
Warum das Singen so wichtig ist – Persönliche Erfahrungen von Andreas Hausfeld:
Mein erster Chorpulli war grün. Ich sang im Kinderchor einer größeren Gemeinde, ein Steppke von ungefähr zehn Jahren. Wir sangen mal leise, auch mal schräg und laut. Und freuten uns auf das Spiel zum Abschluss der Übestunde. Bei den Konzerten waren wir aufgeregt und nicht immer konzentriert. Wir sangen mit anderen Gruppen zu Weihnachten oder vor den Sommerferien. Die trugen ihren Chorpulli. Unserer hatte aber natürlich die schönste Farbe.
Abgesehen von einer kurzen Phase hat mich die Chormusik seitdem begleitet. Das Singen wurde fast meine zweite Haut. In der Jugendkantorei, den Unichören, über zehn Jahre im Jungen Vokalensemble Hannover oder jetzt in Greiz.
Stets war eine meiner ersten Fragen: Wo kann man denn hier singen? Ob ich ohne die Chormusik Pfarrer geworden wäre? Ich glaube fast, nicht.
Warum ist mir aber das Singen wichtig?
Darüber dachte ich erst als Student nach. Da ist das Gemeinschaftserlebnis, natürlich. Oder das gute Gefühl, wenn nach vielen Proben ein Konzert gelingt. Aber das war es nur zum Teil.
Ich merkte vor allem, wie mir die Musik als Christ eine Sprache an die Hand gibt, die ich so nie aus mir selbst schöpfen könnte. Eine Sprache für den Abschied von einem Menschen oder den gerade so schönen Tag.
Bei einer Säuglingstaufe sangen wir einmal »Weißt du, wie viel Sternlein stehen«. Die Stimmung des Orgelvorspiels übertrug sich, dass zumindest ich beim Singen Gänsehaut bekam. Da kommen die besten Worte nicht mit.
»Hüpf auf, mein Herz, spring, tanz und sing, in deinem Gott sei guter Ding, der Himmel steht dir offen« (EG 399,7). Der Lebensbrunnen Gottes sprudelt, passend zum Titel, in diesem Vers.
Durch das Lesen von Gesangbüchern entdeckte ich die geistliche Kraft vieler Lieder.
Manchmal dachte ich: Was wäre, wenn die Gemeinde täte, was sie gerade singt? Vor Gott tanzen wie David es tat, springen oder jauchzen? Freudenschreie in der Kirche, man stelle sich das mal vor!
Auch in den alten Liedern stecken noch genug neue Zumutungen. Nur verstecken wir sie oft. Bis hin zu Gottes Mutterhänden, mit denen er die Seinen leitet (EG 326,5). Das Gottesbild, Johann Jakob Schütz mit diesem Vers schon 1675 entfaltet, ist es schon bei mir angekommen?
»Wer singt, betet zweimal.« Oft wird zum Sonntag Kantate an diesen Satz Martin Luther Kings erinnert. Er hat nach meinem Gefühl recht. Darum tut mir dieser Satz doppelt weh.
Viele Menschen beten nicht, weil sie keine eigenen Worte dafür finden. Aber sie lassen sich, wenn sie nicht mehr singen, auch von den Gebeten alter und neuer Lieder nicht mehr an die Hand nehmen. Sie packen die »Musica als Gabe und Geschenk Gottes« (Martin Luther) nicht mehr aus. Und bleiben so stumm und damit unbeschenkt. Darum hoffe ich, wir singen Gott! Und sei es, um uns auch ein wenig selbst zu beschenken oder zu erleichtern.
Ob es alte oder neue Lieder sein müssen?
Seit ich singe, war ich neugierig auf alle möglichen musikalischen Ausdrucksweisen des Glaubens. Auf die historische Aufführungspraxis barocker Musik oder die moderne Polyfonie der Werke eines Eric Whitacre oder Morten Lauridsen.
Doch wonach ich mich sehne?
Ich sehe mich noch im Berner Münster als Student zum Abendmahl gehen. Die Gemeinde begleitete uns wie selbstverständlich vierstimmig mit ihrem Gemeindelied. Das bleibt unvergesslich.
Müssen Glaubenserfahrungen zweitens immer aus einem streng kirchlichen Kontext kommen?
Vor Jahren, eine persönlich schwierige Zeit. Ich war auf der Rückfahrt, das Radio lief. Auf einmal sang eine Stimme: »Es sind seine Straßen, von jeher. Seine Straßen, von den Bergen bis ans Meer.« Ich hielt an und habe hemmungslos geheult. Manche Schleuse öffnet nur ein Lied, und sei es ein Pop-Song. Ich war danach erleichterter, auch zuversichtlicher. Viele Wege geht Gott zu meinem kleinen Glauben.
Es gibt Momente, die darum nur die Musik schenken kann. Mal suche ich diese Begegnung bewusst. Mal kommt sie beiläufig daher. Wenn es einmal nicht meine Lieder sind, die gesungen werden, denke ich hoffentlich: Mein Gott, hier betet jemand zu dir in einer für mich ungewohnten Sprache. Aber es ist schön, dass er nicht schweigt, sondern zu dir betet.
Wo ich träge im Alten verharre, lass mich auf die Stimme der Alten hören. Sie gaben das Eine nicht auf und rufen mir gleichzeitig zu: »Singet ihm ein neues Lied; spielt schön auf den Saiten mit fröhlichem Schall!« (Psalm 33,3).
Andreas Hausfeld ist Pfarrer in Greiz.
Ex-Kommunist im Kirchenchor
20. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Winfried Kretschmann wurde am 12. Mai in Stuttgart als erster grüner Ministerpräsident vereidigt. (Foto: B90/Grüne)
Deutschlands erster grüner Ministerpräsident ist wertkonservativer Katholik.
Nun haben es die Grünen also geschafft: Erstmals in ihrer über 30-jährigen Geschichte stellen sie in einem Bundesland den Ministerpräsidenten. Und das ausgerechnet in Baden-Württemberg, das über zwei Generationen hinweg als Erbhof der CDU galt.
Winfried Kretschmann, der künftig die Geschicke des Südweststaats leitet, ist engagierter Christ, Mitglied im Zentralrat der deutschen Katholiken und im Freiburger Diözesanrat. Und er hatte einen guten Start: Bei seiner Wahl durch den Landtag erhielt er mindestens zwei Stimmen aus den Kreisen der Opposition von CDU und FDP.
Analytiker sehen einen klaren Zusammenhang zwischen der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima und dem Wahlsieg der Grünen. In ihrer Ablehnung der Kernenergie war die Umweltpartei immer konsequent, auch ihr Urgestein Winfried Kretschmann. Der neue Ministerpräsident gehört zu den wertkonservativen Grünen. Der 63-jährige Biologie-, Chemie- und Ethiklehrer engagierte sich zwar von 1973 bis 1975 im Kommunistischen Bund Westdeutschlands. Doch diese Zeit bezeichnete er später als Irrtum, und er spricht bis heute nicht gerne darüber.
Biografisch ist er schon lange im bürgerlichen Lager angekommen.
Mit seiner zur Schau gestellten Liebe zum Wandern, zur Oper, zum Kirchenchor und zum VfB Stuttgart hätte er auch in einer konservativen Partei Karriere machen können.
Während seiner Zeit im Kommunistischen Bund war er zwar aus der katholischen Kirche ausgetreten, und dabei wirkten offenbar auch die tristen Jahre in einem katholischen Internat nach. Inzwischen ist er aber nicht nur wieder Mitglied der Kirche, sondern auch engagiert. Auf die Frage der »Financial Times« nach der besten Investition seines Lebens antwortete er: »Meine Taufe. Sie öffnet mir das Tor zum ewigen Leben.«
Für den frischgekürten Ministerpräsidenten und ehemaligen Lehrer ist der Glaube gerade keine Privatsache: »Wenn meine Schüler nicht merken, dass ich Katholik bin, habe ich etwas falsch gemacht.« Ungeachtet dessen reibt er sich auch an Lehren seiner Kirche, etwa ihrer Ablehnung praktizierter Homosexualität.
1988 hat sich Kretschmann bei einer Landesdelegiertenkonferenz in Schwäbisch Hall dafür starkgemacht, den Einzug der Kirchensteuer durch den Staat abzuschaffen, das im baden-württembergischen Gesetz verankerte Erziehungsziel der »Ehrfurcht vor Gott« zu streichen und den kirchlichen Einfluss auf die theologischen Fakultäten zurückzudrängen. Doch das ist fast vergessen. An den seit drei Jahren geltenden Staatsverträgen mit den großen Kirchen will auch die neue Regierung laut Koalitionsvereinbarung nicht rütteln.
Die evangelischen und katholischen Bischöfe haben verhalten positiv auf den Machtwechsel reagiert. Dankbar wurde indes registriert, dass Kretschmann seinen Amtseid mit der religiösen Formel leistete.
Marcus Mockler
Vernetzung in Sachen Frieden
16. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Friedensdekade: Basisgruppen und Kirchenprominenz aus aller Welt treffen sich in Kingston auf Jamaika.
Zehn Jahre lang rief der Weltkirchenrat seine Mitglieder im Rahmen der »Dekade zur Überwindung von Gewalt« zum besonderen Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit auf. Nun soll Bilanz gezogen werden.

Symbol zur Überwindung von Gewalt: George Tagba, ein ehemaliger Offizier der Nationalpatriotischen Front Liberias, zeigte die aus Patronenhülsen gefertigten Kreuze bei der Eröffnung der Friedensdekade am 4. Februar 2001 in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Kirche. (Foto: epd-bild/Norbert Neetz)
Seit Wochen herrscht in Libyen ein blutiger Bürgerkrieg. Im Nahen Osten dauert der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis an. Und die Situation in der Elfenbeinküste ist weiterhin angespannt. Wenn sich ab 17. Mai auf der karibischen Insel Jamaika Christen aus aller Welt zu einer groß angelegten Friedenskonferenz, einer sogenannten Friedenskonvokation, versammeln, werden dort Konflikte wie diese auf die Tagesordnung kommen.
Mit der Konferenz findet die »Dekade zur Überwindung von Gewalt«, die im Jahr 2001 mit einem Gottesdienst in Berlin eingeläutet worden war, ihren Abschluss. Zehn Jahre lang hatte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), dem mehr als 560 Millionen Christen in 349 Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften aus über 110 Ländern angehören, dabei immer wieder Gewalt und Konflikte thematisiert: die Konflikte in Palästina ebenso wie im Südsudan, angesprochen wurden aber auch deutsche Waffenexporte oder häusliche Gewalt.
Während der Dekade fand ein Austausch zwischen den ÖRK-Mitgliedskirchen statt. So organisierte der Weltkirchenrat von 2008 bis 2010 regelmäßig Solidaritätsbesuche in Partnerkirchen weltweit.
International besetzte Teams sollten dabei mit den Menschen vor Ort als sogenannte Lebendige Briefe ins Gespräch über Projekte zu Gewaltprävention, Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit in dem jeweiligen Land kommen.
Das Treffen in Jamaika ist ein Großaufkommen friedensbewegter Akteure aus dem kirchlichen Bereich. Rund 1000 Teilnehmer werden erwartet: Von homosexuellen Gruppen über schwarzafrikanische Frauen bis hin zu indonesischen Kirchenmitgliedern, die sich im interreligiösen Bereich engagieren. Mit dabei sind Lutheraner, Anglikaner und Orthodoxe aber auch Quäker und Mennoniten.
Ein bisschen klingt die Teilnehmerliste mit Vertretern zahlreicher Basisgruppen wie ein christliches Weltsozialforum.
Zudem ist bei der Konferenz auf Jamaika reichlich Kirchenprominenz vertreten: Auf der offiziellen Rednerliste steht unter anderem der russische Metropolit Hilarion und die deutsche Ex-Bischöfin Margot Käßmann, die zur Eröffnung sprechen wird.
Angemeldet sind der Erzbischof der armenischen Kirche im Irak sowie der Präsident der Allafrikanischen Kirchenkonferenz. Erwartet wird zudem der älteste Sohn des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King.
Es ist ein breites Themenspektrum, das bei dem Treffen in Jamaika auf die Tagesordnung kommt. Auf dem Programm stehen die großen Schlagworte »Frieden mit der Gemeinschaft«, »Frieden zwischen den Völkern«, »Frieden in der Wirtschaft« und »Frieden mit der Erde«.
Thematisiert werden sollen Rassismus und Sexismus im Alltag, Umweltzerstörung und Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit und Armut sowie internationale Konflikte und Kriege. Für den 22. Mai ist ein Gebet für den Frieden geplant.
Bei dem Treffen soll eine Bilanz der Friedensarbeit in den Kirchen weltweit gezogen werden, sagt der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland, Martin Schindehütte, der als einer von rund 100 deutschen Teilnehmern zu dem Treffen in die Karibik reisen wird. Und der mennonitische Theologe Fernando Enns sagt: »Wenn wir Frieden schaffen wollen, müssen wir uns vernetzen.« Der Professor, der als einer der Initiatoren der Friedensdekade gilt, hofft, dass von der Konvokation ein »starkes Signal« ausgeht – an die Kirchen selbst und auch an die politischen Kräfte.
In dieser Hinsicht ist wohl auch die Wahl des Tagungsortes als Signal gedacht. War doch der Inselstaat in den zurückliegenden Jahren immer wieder wegen seiner hohen Kriminalitätsrate in den Medien. Zuletzt tobten vor rund einem Jahr in der jamaikanischen Hauptstadt tagelang Unruhen zwischen Polizei und Drogen-Kriminellen. Immer wieder kommt es in dem Land auch zu Gewaltexzessen gegen Homosexuelle.
Barbara Schneider (epd)
Die Niederlage ist verschlungen in den Sieg
16. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Porträt: Ulrich Schacht verarbeitet in seinem neuen Buch die verhängnisvolle Geschichte seiner Eltern
Neben dem erschütternden Schicksal seiner Mutter beschreibt Ulrich Schacht in seinem Buch die Suche nach seinem russischen Vater.

Der Schriftsteller Ulrich Schacht lebt seit 1998 in Schweden. (Foto: privat)
Es ist ein warmer Sommertag im August 1950. Die 23-jährige Wendelgard Schacht lebt gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer zweijährigen Tochter in einer kleinen Wohnung in Wismar. Als am Nachmittag ein Kriminalpolizist vor ihrer Tür steht und sie freundlich bittet mitzukommen, folgt sie ihm arglos, denn sie ist sich keiner Schuld bewusst. Sie ahnt nicht, dass sie in die Fänge des stalinistischen Terrors geraten, ihr Kind und ihr Zuhause für lange Zeit nicht wiedersehen wird.
Der Polizist übergibt sie am Ende ihres gemeinsamen Weges wortlos einem Offizier des russischen Geheimdienstes. Dieser schiebt sie in eine bereitstehende Limousine, die mit der jungen Frau davonfährt.
Am 18. November 1950 wird sie von einem sowjetischen Militärtribunal wegen Verleitung zum Landeshochverrat zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Ihr Vergehen: die Liebe zu einem russischen Offizier. Beide hatten sich bei einem Tanzabend kennengelernt und ineinander verliebt. Als sie merkt, dass sie schwanger ist, schlägt sie ihm die Flucht nach Westdeutschland vor. Sie werden verraten und die kurze Liebe erlebt ein jähes, brutales Ende.
Die Schwangere kommt in das berüchtigte DDR-Frauengefängnis Hoheneck, wo am 9. März 1951 ihr Sohn Ulrich geboren wird. Ulrich Schacht, heute 60 Jahre alt, Journalist und Schriftsteller, Autor des kürzlich erschienenen Buches »Vereister Sommer«. Darin verarbeitet er die Geschichte seiner Familie. Die Grundlage bilden die Erinnerungen seiner Mutter. Daneben dokumentiert er die Geschehnisse mit Briefen und Protokollen – Textauszügen aus den Unterlagen der Archive.
Nach der Geburt bleibt das Baby noch drei Monate bei seiner Mutter, dann wird es ihr weggenommen – im Buch eine dramatische, herzzerreißende Passage.
Wendelgard Schacht muss die über sie verhängte Haftstrafe von zehn Jahren nicht bis zum Ende absitzen. Sie wird nach knapp dreieinhalb Jahren am 22. Januar 1954 freigelassen. Bis dahin wächst ihr Sohn bei Pflegeeltern in Wismar auf, einem befreundeten kinderlosen Ehepaar.
Von seinem Vater fehlt jede Spur. Der Junge vermisst ihn nicht. In der Nähe starker Frauen – als solche charakterisiert Ulrich Schacht seine Mutter und Großmutter mütterlicherseits – nimmt er das Fehlen des Vaters nicht als Verlust wahr. Als er etwa acht Jahre alt ist, beginnt seine Mutter, ihm von ihrem Verhängnis und seiner Geburt im Gefängnis zu erzählen.
Für das Kind eher eine spannende, abenteuerliche Geschichte. »Ich fand das interessant, originell«, sagt Ulrich Schacht heute. Das, was seiner Mutter widerfahren ist, ihre Erfahrungen in der Haft, wirken ganz und gar nicht abschreckend oder einschüchternd auf ihn. Er zieht auch nicht die Konsequenz, sich an die politischen Verhältnisse in der DDR-Diktatur anzupassen.
Im Gegenteil, er lehnt sich gegen die kommunistische Propaganda auf, will dem System die Stirn bieten und ist bereit, für seine Überzeugung ins Gefängnis zu gehen. Seine geistige Heimat findet er in der Kirche, wo die kommunistische Ideologie vor der Tür bleibt.
Als Theologiestudent verfasst er provozierende Texte und wird 1973 wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, 1976 in die Bundesrepublik Deutschland entlassen. Seine Mutter folgt ihm 1979.
Mutter und Sohn, beide jeweils Anfang 20, als sie in die Mühlen der zweiten deutschen Diktatur des 20. Jahrhunderts geraten!
Die Festnahme seiner Mutter sei anders zu bewerten als seine eigene, betont Schacht. Auch die Bedingungen, unter denen sie inhaftiert war, seien schwieriger gewesen. Der Gedanke, sich nach dem Westen abzusetzen, war bei seiner Mutter keineswegs politisch motiviert, sondern aus dem Wunsch nach familiärem Glück erwachsen.
Seine Konfrontation mit dem Staat hingegen war gewollt. »Für mich gab es keine Legitimität des Systems. Die DDR war illegal, sie gehörte weg, einfach weg.«
In Westdeutschland angekommen, studierte Schacht Politikwissenschaften und Philosophie. Er arbeitete als Journalist und Redakteur für verschiedene Publikationen. Anerkennung wurde ihm mit mehreren Literatur- und Journalistenpreisen zuteil.
Die renommierteste Auszeichnung erhielt er 1990 mit dem Theodor-Wolff-Preis. Seit 1998 lebt der freischaffende Autor und Publizist in Schweden.
Für ihn als jungen Menschen, der sich aus seiner christlichen Orientierung heraus mit der kommunistischen Diktatur angelegt hatte, war die Ankunft in der westlichen Kirchenlandschaft eine Enttäuschung. »Man war Teil des Wohlstandes«, sagt Schacht rückblickend und legt dar, dass es Aufgabe der Kirche zu allen Zeiten war und ist, dem Zeitgeist zu widerstehen.
Der Säkularisierung Einhalt gebieten! Wie Martin Luther, der große Kämpfer gegen die Verweltlichung der Kirche, würde auch er gern den Selbstsäkularisierungsprozess im Protestantismus stoppen. Schacht ist ein kritischer Geist, ein Kämpfer geblieben.
Ein eigensinniger Kopf, eloquent, impulsiv, zuweilen scharfzüngig – kaum ein aktuelles politisches oder kirchliches Thema, zu dem er nicht eine dem Mainstream widersprechende profilierte Position vortragen könnte.
Er gehört der Evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden an. In der 1987 im Westen von ehemaligen DDR-Christen gegründeten Gemeinschaft hofft er seinen Anspruch verwirklichen zu können: die Verbindung von Spiritualität und theologischer Reflexion auf einem intellektuell hohen Niveau, Christsein in der entchristianisierten Gesellschaft, der Zeitgeistverfallenheit entgegenwirkend.
Die Bruderschaft, die nach der Wende in der mecklenburgischen Landeskirche beheimatet war, ist seit 2000 auch in Thüringen tätig. Schacht leitet die Bruderschaft im Range eines Großkomturs.
Sein Buch »Vereister Sommer« ist Familiengeschichte, Zeugnis vom Widerstand in der kommunistischen Diktatur und – ein Beleg, welche Stärke Menschen aus ihrem Glauben schöpfen können.
Sowohl seine Mutter als auch er finden in den Texten des Christentums Lebenskraft und Mut. Seiner Mutter geben die Lieder des Gesangbuches Halt, die sie innerlich aus dem Gedächtnis gebetet hat. Ihr Sohn nahm in schweren Situationen die Bibel zur Hand, um sich aus ihr Kraft und Trost zu holen.
Neben der verhängnisvollen Geschichte seiner Mutter verfolgt der Autor in seinem Buch die komplizierte und über lange Zeit aussichtslos erscheinende Suche nach seinem russischen Vater. Das Vorhaben läuft einem großen Happy End entgegen.
Es ist ein Aufruhr der Gefühle, als Vater und Sohn einander wortlos in den Armen liegen.
Angesprochen auf die Begegnung mit seinem Vater, sagt Schacht: »Die Tatsache dieser Stunde, dieser zwei, drei Tage, hat die ganze Zeit des Nichtvorhandenseins aufgelöst in einem situativen Reichtum. Glück erfährt man, wenn es da ist. Und das hat Dauer, die unabhängig ist von allen Zeitbegriffen. Der ganze Vater war dann nach rückwärts wie für immer da.«
Der Schriftsteller ist ein grandioser Erzähler. Mit seiner brillanten Sprache vermag er den Leser zu packen. Dieser spannende autobiografische Text ist eine atemberaubende Lektüre.
Sabine Kuschel
Schacht, Ulrich: Vereister Sommer. Auf der Suche nach meinem russischen Vater, Aufbau Verlag, 221 S., ISBN 978-3-351-02729-2, 19,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643) 246161
Der Sand im Getriebe der NVA
13. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Friedensdienst: Auf der Insel Rügen war in den 80er Jahren die größte Einheit unbewaffneter Bausoldaten stationiert

Die Bausoldaten sind ein Kapitel DDR-Geschichte, das noch ungenügend aufgearbeitet ist. Besonders in Prora auf Rügen gab es Auseinandersetzungen, wie mit der Erinnerung an die Waffenverweigerer umgegangen werden soll.
Andreas Ilse, Hendrik Liersch und Stephan Schack haben etwas gemeinsam: Die drei waren in den 1980er Jahren Bausoldaten – nicht irgendwo, sondern in Prora. Hier – im Block V des von den Nazis errichteten Gebäudekomplexes für ein Seebad Prora – war zwischen 1982 und 1989 zeitweise die größte Einheit der DDR-Waffenverweigerer mit bis zu 500 Bausoldaten stationiert. Eingesetzt waren sie beim Bau des Fährhafens Mukran. Das war das größte Verkehrsbauvorhaben der DDR zu jener Zeit. Hauptgrund für den Hafenbau war der Wunsch der Sowjetunion aufgrund der unsicheren Lage in Polen, einen direkten Zugang zur DDR zu bekommen.
Ilse, Liersch und Schack haben viele Erinnerungen an ihre Zeit in Prora. Es sind schmerzliche Erinnerungen an Schikanen und Ungerechtigkeiten, denen sie als Bausoldaten ausgesetzt waren, an teils unmenschliche Arbeitsbedingungen während der Zwölf-Stunden-Schichten oder auch – wie im Fall von Hendrik Liersch – an einen Bausoldaten-Freund, der den Druck nicht aushielt und sich das Leben nahm. In Erinnerung geblieben ist aber auch manche Aktion, mit der die Bausoldaten ihren Vorgesetzten und dem DDR-Staat das Leben schwer machten, und der Zusammenhalt unter den Bausoldaten.
Ilse, Liersch und Schack waren drei Zeitzeugen, die in Binz an einer Tagung zur Geschichte der Bausoldaten teilnahmen. Von ehemaligen Proraer Bausoldaten war in den vergangenen Jahren immer wieder kritisiert worden, dass an dieses Kapitel der DDR-Geschichte kaum erinnert wurde. In Prora stand der von den Nazis errichtete mehr als vier Kilometer lange Gebäudekomplex im Focus, in dem 20000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen sollten, der aber wegen des Kriegsbeginns nicht fertiggestellt worden war.
Zu DDR-Zeiten dienten Teile dieses monströsen Gebäudes als Kaserne, unter anderem für die Baueinheiten. Lediglich an der Turnhalle, in der die Bausoldaten seinerzeit ihr Gelöbnis ablegen mussten, erinnert eine kleine Tafel daran.
Nicht die Nazi-Architektur soll im Mittelpunkt stehen
»Die Tagung soll helfen, eine Lücke in der DDR-Geschichtsschreibung der letzten 20 Jahre zu schließen«, sagt Jochen Schmidt, der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) Mecklenburg-Vorpommern. Ob es sich bei dieser Lücke lediglich um einen »blinden Fleck« oder um »bewusstes Verdrängen« gehandelt habe, ließ er offen. Dankbar sei er jedenfalls, dass die ehemaligen Bausoldaten diese Auseinandersetzung immer wieder eingefordert haben.
Landrätin Kerstin Kassner (Die Linke) gesteht: »Wir haben uns nach der Wende mit der Situation in Prora sehr schwergetan«, und weißt in diesem Zusammenhang auf die Schwierigkeiten im Umgang mit dem denkmalgeschützten viereinhalb Kilometer langen Gebäudekomplex hin. »Wenn jetzt im Juli im Block V, der ehemaligen Bausoldaten-Kaserne, eine Jugendherberge eröffnet wird, dann werden die Jugendlichen auch die Möglichkeit haben, sich mit dieser Geschichte zu beschäftigen.«
In die Hand genommen hat das vor allem der Verein Prora-Zentrum mit Bildungsangeboten, einer Ausstellung und dem Erhalt von Zeugnissen aus jener Zeit. Warum ist diese Erinnerung wichtig? »Es gibt einen großen Gegenwartsbezug«, sagt Susanna Misgajski vom Prora-Zentrum und nennt die Friedensfrage, soziales Engagement und Demokratieerziehung. Bei DDR-Projekttagen am Gymnasium in Bergen hat sie mit ihren Angeboten zum Thema »Bausoldaten« schon gute Erfahrungen gesammelt.
»Geschichte kommt an die Schüler heran über die Geschichte, die vor Ort ist«, unterstreicht Jana Romanski, die an diesem Gymnasium als Geschichtslehrerin arbeitet. »Wir brauchen Demokraten. Wie aber sollen wir welche erziehen, wenn wir sie nicht mit solchen Beispielen wie den Bausoldaten konfrontieren?« Wohin Nicht-Demokratie führe, könne man am Beispiel der Bausoldaten deutlich zeigen. Sie selbst habe sich bei diesem Thema auch mit ihrer eigenen Vergangenheit in der DDR auseinandersetzen müssen, gesteht Jana Romanski. Sie sei als Tochter eines Offiziers der Nationalen Volksarmee (NVA) auf die Insel Rügen gekommen.

Der silberne Spaten zierte die Schulterstücken der DDR-Bausoldaten - eine im Ostblock einmalige Form des waffenlosen Dienstes.
Auch Landrätin Kassner wies auf ihre Biografie als Offizierstochter hin. »Heute habe ich große Hochachtung vor Ihrer Haltung und vor Ihrem Mut«, sagte sie den ehemaligen Bausoldaten.
Mut zeigten die Bausoldaten nicht nur mit ihrer Entscheidung für die Verweigerung des Dienstes mit der Waffe, sondern auch mit Eingaben und Beschwerden über Missstände. Das machte sie zum »Sand im Getriebe der NVA«, sagt Thomas Widera von Hannah-Arendt-Institut Dresden. »Die Eingaben der Bausoldaten zwangen die obersten Vertreter von Staat und Partei, sich mit aus ihrer Sicht belanglosen Dingen zu beschäftigen.«
1984 deckten Bausoldaten die Wahlfälschung auf
Die Aktivitäten der Bausoldaten konnten aber die DDR-Mächtigen durchaus auch in ernste Schwierigkeiten bringen. Ein Beispiel dafür sind die Kommunalwahlen 1984. Die Proraer Bausoldaten nahmen damals das DDR-Wahlgesetz ernst und forderten ihre Rechte ein. Die Kandidaten mussten sich im Gespräch mit ihnen vorstellen, ein Bausoldat wurde in den Wahlvorstand entsandt und an der Auszählung nahmen ebenfalls Bausoldaten teil.
Als dann in den veröffentlichten Ergebnissen für den Kreis Rügen die Zahl der Nein-Stimmen deutlich kleiner war als die Zahl der Nein-Stimmen, die allein die Proraer Bausoldaten ausgezählt hatten, forderten sie dafür eine Erklärung. Hektisch suchten die Verantwortlichen danach und argumentierten schließlich, dass die Wahlstimmen von NVA-Angehörigen aus Geheimhaltungsgründen nach einem geheimen Schlüssel auf die Wahlkreise der ganzen DDR aufgeteilt würden.
Stephan Schack, der diese Zeit in Prora miterlebt hat, sieht hier einen Beleg für die Verbindung zwischen den Bausoldaten und der Opposition in der DDR. »Die Aufdeckung der Wahlfälschung bei der Kommunalwahlen 1989 hat hier einen Vorläufer«, sagt er. Wenn es heute um Demokratieerziehung am Beispiel der DDR-Bausoldaten gehe, heiße eine Frage für ihn dabei auch: »Wo ist heute Widerstand gefordert?«
Matthias Holluba
Der andere Fernsehsender
1. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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ARTE mit seinem Programm für anspruchsvolle Zuschauer.
Wer am Ufer der Ill in Straßburg entlangschlendert, sieht sich plötzlich mit einer ungewöhnlichen Figur konfrontiert. Eine meterhohe Skulptur vor dem Eingang eines Gebäudes aus Glas und Stahl am Quai du Chanoine Winterer weckt das Interesse des Besuchers. Es ist der »Giraffenmann«, geschaffen von Stephan Balkenhol, einem Künstler aus Karlsruhe. Sie hat ihren Platz vor dem Haupteingang des Fernsehsenders »ARTE«.
Seit Oktober 2003 ist hier Sitz des europäischen Kulturkanals, in der Nähe und Umgebung europäischer Institutionen. Der Beginn des Kulturkanals ist eng mit den Namen des französischen Präsidenten Francoise Mitterand und dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl verbunden. »ARTE sollte der Schlussstein im deutsch-französischen Versöhnungswerk sein«, sagt Programmdirektor Dr. Christoph Hauser. Die Vision wurde Wirklichkeit. Der zwischenstaatliche Vertrag wurde am 2. Oktober 1990 zwischen Frankreich und Deutschland unterzeichnet. Bald darauf wurde ARTE (Association Relative à la Télévision Européenne) ins Leben gerufen. »Ziel war es, ein Kulturprogramm zu bieten, das den Völkern in Europa dient«, so Hauser, »auch wenn nicht alle Fragen gleich gelöst werden können.«
Heute ist man längst weiter.
ARTE versteht sich als ein moderner, internationaler Kulturkanal, der sich bemüht, Fragen unterschiedlicher Kulturen, der Identitäten von Völkern und ihrer Religionen sich zu Eigen zu machen. ARTE TV sendet hochwertige Dokumentationen, bereitet Themenabende auf, überträgt Opern aus den großen Häusern Europas, bietet Musik- und Tanzübertragungen auf internationalem Niveau, sendet aufwendige Spiel- und Fernsehfilme wie »The War« oder der »Vietnamkrieg« etc. Empfangen wird das Programm in vielen europäischen Ländern und über Europas Grenzen hinaus. Es gibt Assoziierungs- und Kooperationsabkommen mit vielen staatlichen TV-Sendern in Mittel- und Osteuropa.
Fast 200 Millionen Menschen können ARTE sehen.
Aber der Sender versteht sich dennoch nicht als Massenprogramm. Bei ARTE fehlen daher Shows und Sportübertragungen. »Es geht nicht um Quote, sondern um Qualität«, sagt Hauser. Etwa ein Prozent des Fernsehpublikums in Deutschland sieht ARTE, in Frankreich ist der Marktanteil höher.
ARTE als öffentlich-rechtlicher Kultur-Kanal finanziert sich über die in Deutschland und Frankreich erhobenen Rundfunkgebühren zu 95 Prozent. Werbung ist fehl am Platze. An ARTE beteiligen sich ARD und ZDF zu 50 Prozent.
Der abgeschlossene völkerrechtliche Vertrag steht über dem jeweiligen nationalen Recht. Verwaltungsdirektor Victor Rocaries: »In ARTE ist viel Vertrauen geflossen. Wir stehen aus nationaler Sicht immer irgendwo dazwischen. Unsere Struktur hebt sich aus den jeweiligen nationalen Strukturen heraus.« Kontrolle durch einen staatlichen nationalen Rechnungshof würde dem zwischenstaatlichen Vertrag widersprechen.
ARTE unterliegt auch keiner Jugendschutzregelung. »Wir leben eine Freiheit mit eigenen Regeln, die in beiden Ländern akzeptiert werden«, so Rocaries.
Ulrich Wickel
Respekt vor dem anderen
30. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Pfarrerinnen und Pfarrer aus Mitteldeutschland gingen im Libanon der religiösen Vielfalt des Landes nach.

Pfarrerinnen und Pfarrer aus Mitteldeutschland bei Bischof Aram I. von der Armenisch-Apostolisch-Orthodoxe Kirche bei Beirut. (Foto: Konstantin Rost)
Theophilos George Saliba ist ein Meister der Gleichzeitigkeit. Der syrisch-orthodoxe Erzbischof thront an der Stirnseite seines Beiruter Audienzsaales und empfängt eine Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern aus Mitteldeutschland. Groß ist Salibas Empfangsraum, und so findet am anderen Ende auch noch eine mittelgroße Trauergesellschaft Platz.
Zur Irritation deutscher »Eins-nach-dem-anderen-Mentalität« passiert nun alles gleichzeitig: Während Bischof Saliba die weinenden Frauen und Männer tröstet, hält er zugleich den deutschen Pfarrerinnen und Pfarrern einen Vortrag über die Situation seiner syrisch-orthodoxen Kirche.
»Die Türken werden bald auch Euch kochen«
»Wir sprechen noch Aramäisch, die Sprache unseres Herrn Jesus Christus«, verkündet Saliba, da klingelt plötzlich sein Handy und der Bischof telefoniert geschwind auf Arabisch. Den Deutschen erzählt er unterdessen im besten Englisch weiter von der leidvollen Geschichte der orthodoxen Syrer.
Von Unterdrückung und Benachteiligung weiß er zu berichten, durch die byzantinische Reichskirche im ersten Jahrtausend, später durch die Kreuzfahrer, aber vor allem durch die türkischen Moslems in der Zeit des Völkermordes an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts: »Unsere Mission ist das Martyrium«, ist er sicher.
Wie die armenischen Christen seien auch die syrischen Christen von den Türken verfolgt worden, einzig weil sie Christen waren. Saliba warnt auch die Deutschen eindringlich: »Passt auf, die vielen Türken in Deutschland werden bald auch Euch kochen, so wie uns!«
Ängste dieser Art hat Ramy Wannous nicht. »Der Islam ist für uns Christen keine Bedrohung«, beruhigt er seine deutschen Gäste. Denn Moslems und Christen lebten in dieser Gegend schon seit 1400 Jahren auskömmlich miteinander.
Für den Dozenten an der rum-orthodoxen Universität von Balamand stellen sich die Probleme anders dar: Bedrohlich sei nicht der Islam, sondern der Islamismus, also ein politisierter Islam. Aber die größte Schwierigkeit sei die Abwanderung der Christen aus dem Libanon, besonders seit dem Bürgerkrieg.
Vor allem die gut ausgebildeten jungen Menschen wollten nicht in einem Land leben, das so viele gewaltsame Konflikte kenne. »Viele suchen im Westen ihr Glück.«
Dort angekommen, würden sie oft gefragt, wann sie denn im Libanon zum Christentum konvertiert seien. Als Christ des Patriarchats von Antiochia ist Wannous entsetzt: »Uns gibt es hier, seit es Christen gibt.« Immerhin seien es die Anhänger Jesu in Antiochia gewesen, die in der Bibel zum ersten Mal als Christen bezeichnet wurden (Apostelgeschichte 11,26).
Brückenbauer zwischen Christen und Moslems
Anders als die uralten Kirchen des Orients haben sich missionierende protestantische Kirchen erst im 19. Jahrhundert im Nahen Osten angesiedelt. Einige davon bilden ihren Nachwuchs an der Near East School of Theology (NEST) im quirligen Beiruter Stadtteil Hamra aus. Hier wohnen Christen und Moslems seit jeher Tür an Tür.
»Wir wollen Brücken bauen zwischen islamischer und westlicher Welt«, erklärt George Sabra, Akademischer Leiter der theologischen Hochschule, den deutschen Geistlichen. Nach seiner Sicht verlaufen die Konfliktlinien der Gegenwart aber nicht in erster Linie zwischen Christen und Moslems, sondern eher innerhalb des Islam, nämlich zwischen Sunniten und Schiiten.
Ein Meister der Gleichzeitigkeit scheint Katholikos Aram I. nicht zu sein. Denn anders als sein Bischofskollege Saliba widmet sich der armenische Kirchenführer seinen deutschen Gästen mit ungeteilter Aufmerksamkeit und verzichtet auf zeitgleiche Trauerempfänge oder Telefonate.
»Libanon ist ein Land christlich-muslimischer Koexistenz«, versichert der Katholikos von Kilikien. Für ihn ist das Land der Zedern mit seiner religiösen Vielfalt einfach der ideale Ort, »Respekt zu lernen vor dem Anderssein des anderen.«
Konstantin Rost
Orthodoxe Kirchen im Libanon
Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien ist eine altorientalische Kirche, erwachsen aus dem altkirchlichen Patriarchat von Antiochia. Sie versteht sich nach der Urgemeinde in Jerusalem als die älteste christliche Kirche überhaupt.
Als Rum-Orthodoxe Kirche werden das autokephale (selbständige) orthodoxe Patriarchat von Antiochia und die ihm nachgeordneten Kirchen bezeichnet. Der Patriarch residiert heute in Damaskus. Diese Kirche hat viele Gemeinden im Ausland und gilt als »progressive« Kraft unter den orthodoxen Kirchen. So wird in Auslandsgemeinden im Gegensatz zu den meisten orthodoxen Kirchen oft die jeweilige Landessprache in der Liturgie verwendet.
Die Armenische Apostolische Orthodoxe Kirche ist eine altorientalische Kirche mit zwei Patriarchaten (Jerusalem, Konstantinopel). Sie führt ihre Existenz auf das Wirken der Apostel Judas Thaddäus und Bartholomäus zurück, die der Überlieferung nach in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts in Armenien gepredigt und Gemeinden gegründet haben und das Martyrium erlitten.
Das Glück, den Willen Gottes zu tun
29. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Die Erfahrung der Gnade, der Liebe, der unverbrüchlichen Bindung an Gott prägt die Art Jesu, sein Tun und Lassen.
War Jesus ein glücklicher Mensch? In einer zweiteiligen Folge beschäftigen wir uns mit dieser Frage.

»Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe« - die Zusage der unverbrüchlichen Bindung an Gott im Tauferlebnis prägten das Leben Jesu. Eine Darstellung der Taufe Jesu, die den Malern Andrea de Verrocchio und Leonardo da Vinci zugeschrieben wird.
Er starb früh, sein Ende war grausam. Aber hatte er wenigstens bis dahin ein glückliches Leben? Eine selten bis nie gestellte Frage – ob Jesus glücklich war.
Ob er es wirklich war, ein glücklicher Mensch, werden wir sicher nicht im historischen Sinne nachweisen können, aber diese Frage wird uns selbst verändern. Wir überlassen es jedenfalls nicht der Sprache der Werbung, des Kommerzes allein, Glück zu definieren. Und entreißen das Glück dem Verdacht, etwas Egoistisches, Banales zu sein, wenn wir es wagen, Glück in diesem Lebensweg zu entdecken.
Wenn wir von Glück reden, dann meinen wir gemeinhin das Glück, das uns zufällt – Glück müsste man haben!
Ein Glück, das kommt und geht, das wir vielleicht auch auf Kosten anderer erleben. Ein Glück, das uns bisweilen auch den Neid der anderen einhandelt.
Jesus kennt eine andere Glücksformel und steht damit in der Tradition der Psalmen und der Propheten. Es gibt ein Glück, so sagt er, das wir Menschen suchen und gestalten und vermehren können. Nicht Fortuna teilt es uns zu – willkürlich und vergänglich. Es gibt das Glück, den Willen Gottes zu tun. Dafür steht das Wort »selig« in der Bibel, aschrej (hebr), makarios (griech). »Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen …, sondern hat Lust am Gesetz des Herrn«, so beschreibt der erste Psalm Glück.
So beschreibt Jesus selbst in den Seligpreisungen, was er unter Glück versteht und wer in seinem Sinn zu den Glücklichen dieser Erde gehört. Es sind Menschen, die in Kontakt mit ihrer Lebensquelle sind – mit Gott.
Nicht Erfolg, nicht das Haus, das Auto, das Boot, nichts Äußeres und kein Haben, keine vorzeigbare Ware – das Glück ist hier ein Finden und Erkennen, ein Sein und ein Tun.
In der Taufszene am Jordan bekommt Jesus eine Antwort: »Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!« Diese Erfahrung der Gnade, der Liebe, der unverbrüchlichen Bindung an Gott steht am Anfang, sie prägt seine Art, in dieser Welt gegenwärtig zu sein. Sie prägt sein ganzes Tun und Lassen. Jesus kann sagen: »Ich bin das Leben«, ihm gehört der Himmel, die Seligkeit, das Reich. Und deswegen ist er so frei und offen für Gott und die Menschen. Und wohl auch glücklich.
Die Tradition hat dafür den Begriff »Gehorsam« geprägt. Jesus ist gehorsam Gott gegenüber, er lebt aus diesem Hören auf Gott und ist so frei, seinen Willen zu tun. Daraus ist allerdings eine Theologie des Gehorsams entstanden, die auf Autoritäten und Pflichterfüllung, auf Zucht und Ordnung setzt und ein Gefälle mit sich bringt, das das Christentum über Jahrhunderte geprägt hat.
Im Mittelpunkt steht der Gehorsam Gott gegenüber. Daraus folgt der Gehorsam gegenüber den geistlichen Autoritäten, dem Familienvater, der Obrigkeit. In dieser Ethik geht es nicht mehr darum, ob die Gehorsamsleistung, die Pflichterfüllung auch inhaltlich sinnvoll ist, das steht nicht infrage und nicht zur Debatte. Es geht allein um die Beziehung zwischen dem, der Gehorsam fordert, und dem, der ihn zu erbringen hat.
Jesus von Nazareth erfüllt den Willen Gottes in einem anderen Sinn. Gottes Wille ist nichts, was ein für alle Mal feststeht. Vielmehr fordert die Situation eine Antwort, und er entscheidet selbst, was auf angemessene Weise zu tun ist. Er ist nicht Bewahrer einer festen Ordnung, erfüllt nicht nur was vorgegeben ist, sondern handelt spontan und fantasievoll, ohne sich der Verantwortung zu entziehen.
Das liegt auch daran, dass Jesus die Welt aus einer anderen Perspektive betrachtet: Die Ordnung der Welt muss sozusagen erst hergestellt werden, sie liegt in der Zukunft.
Er trifft auf die fest gefügte Welt der Antike, in der Fischer an die Netze gehören, Kranke selbst schuld sind und mit ihrer Krankheit eine Strafe Gottes abbüßen; es ist eine Welt, in der Frauen und Kinder Eigentum des Vaters und des Ehemanns sind, eine Welt, in der die Beziehung zu Gott vor allem durch Opfer geregelt ist, die im Tempel darzubringen sind. In diese fest gefügte Welt bringt Jesus eine andere Melodie hinein: Er verändert die Situation der Menschen, denen er begegnet, er erfüllt ihnen Wünsche, ohne nach deren Berechtigung zu fragen.
Melitta Müller-Hansen
Die Bo(o)tschafter aus Anhalt
29. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Aktion: Auf dem Weg zum 33. Deutschen Evangelischen – in Dessau heißt es dazu bald »Leinen los!«

Kurs auf Dresden: Schiffsführer Silvio Süßenbach und die beiden Mitorganisatoren Martin Bahlmann und Carsten Damm. (Foto: Thorsten Keßler)
Viele Wege führen zum Kirchentag vom 1. bis 5. Juni nach Dresden. Die Evangelische Landeskirche Anhalts reist von Dessau aus mit Marco Polo.
Genau genommen: auf der Marco Polo, denn gemeint ist nicht der venezianische Kaufmann und Entdecker, der im 13. Jahrhundert China und Ostasien bereist haben soll, vielmehr geht es um die MS Marco Polo: 27 Meter lang, 6,20 Meter breit, 80 Zentimeter Tiefgang und Platz für bis zu 150 Passagiere. Kapitän Silvio Süßenbach hatte schon häufiger Glaubensgemeinschaften an Bord. »Es wird auch ein paar kleine Seminare geben«, kündigt der Schiffsführer an: »Knoten, Schallsignale oder Flaggenkunde.«
Am Montag, 30. Mai, wird es in Dessau »Leinen los« heißen. Die erste Etappe führt bis in die Lutherstadt Wittenberg, am Dienstag geht die Reise weiter bis in das sächsische Riesa. Dort kommen am Mittwoch dann auch Kirchenpräsident Joachim Liebig und die anhaltischen Posaunenchöre an Bord und nehmen den letzten Abschnitt über etwa 50 Kilometer bis Dresden in Angriff, um am späten Nachmittag pünktlich zur Eröffnung des Kirchentages einzutreffen.
Während des Christentreffens vom 1. bis 5. Juni geht die MS Marco Polo dann am Schiffsanleger an der Carolabrücke in Dresden vor Anker und repräsentiert als schwimmende »Anhaltische Bo(o)tschaft« unter dem Motto »vernünftig und fromm« die Landeskirche. »Kirchentagsbesucher sind ganz herzlich eingeladen, Anhalt kennenzulernen«, sagt Martin Bahlmann vom Kinder- und Jugendpfarramt der Landeskirche und einer der Organisatoren der Flusskreuzfahrt zum Kirchentag. Es geht um »Christsein in einer kleinen, selbstbewussten ostdeutschen Landeskirche«, aber auch über die historische Region Anhalt, denn immerhin feiert das ehemalige Fürstentum im kommenden Jahr mit »Anhalt 800« das 800-jährige Jubiläum.
Auf der »Anhaltischen Bo(o)tschaft« werden die Hauptthemen des Kirchentages aufgegriffen und aus anhaltischer Perspektive beleuchtet. So steht am Donnerstag, 2. Juni, der Glaube im Mittelpunkt und dabei vor allem Christsein in einem Umfeld, in dem die Kirche vielen Menschen seit Generationen fremd geworden ist.
Bildung und die gesellschaftliche Verantwortung von Christen in der Politik stehen am Freitag im Zentrum. In einer Podiumsdiskussion sollen die Herausforderungen an die Bildungsträger diskutiert und die Frage gestellt werden, welchen Beitrag die Kirchen leisten können. Mit zahlreichen evangelischen Kindergärten, Horten und Grundschulen bereichert die Landeskirche bereits jetzt die Bildungslandschaft.
Einbezogen in die Veranstaltungen am Freitag ist der inzwischen 4. Elbekirchentag. Bereits seit 2008 setzen sich Christen mit den Elbekirchentagen für den Schutz des letzten frei fließenden Stromes in Mitteleuropa ein. Die sieben Elbanrainerkirchen (Nordelbien, Mecklenburg, Hannover, Mitteldeutschland, Anhalt, Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Sachsen) haben erst im Oktober vergangenen Jahres in einer gemeinsamen Erklärung ein tragfähiges Zukunftskonzept für die Elbe gefordert.
Mit dem Tagesthema Welt am Sonnabend werden dann abschließend die vielfältigen Beziehungen und Verbindungen Anhalts in andere Länder verfolgt.
Das Tagesprogramm auf der »Anhaltischen Bo(o)tschaft« an der Carolabrücke in Dresden beginnt täglich um neun Uhr mit Morgengebet und der anschließenden Bibelarbeit. Neben den Tagesthemen gibt es zudem jeden Tag die Malaktion »Wenn mein Herz ein Schiff wäre«: Besucher sind dabei eingeladen, ihrer künstlerischen Kreativität freien Lauf zu lassen.
Und so hat auch die MS Marco Polo eine ganze Menge mit Entdecken zu tun, ganz wie der venezianische Kaufmann: Man kann Anhalt und seine evangelische Landeskirche entdecken.
Thorsten Keßler
Ostern – Das Leben erkennen
23. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Warum die Auferstehung sich leise ins Leben schleicht.
Ein Paukenschlag war die Auferstehung Jesu nicht. Sie verlief eher unbemerkt. Gekreuzigt dagegen wurde Jesus in aller Öffentlichkeit. Hohepriester, Schriftgelehrte und Kriegsknechte standen unter dem Kreuz – und nicht zu vergessen das Volk. Spottrufe flogen durch die Luft. Lautes Gelächter folgte darauf. Und oben die Schmerzensschreie der Gehenkten.
Wer gedacht hatte, Jesus kommt genauso laut zurück, hatte sich getäuscht. Kein Triumphzug durch die Stadt! Keine Erscheinung über den Wolken! Keine Zurechtweisung der Welt! Und mehr noch: Es hatte nicht einmal einer erwartet. In den Evangelien stehen Leidensankündigungen. Und für uns Leute nach Ostern sind auch die Vorboten der Auferstehung unübersehbar.
Das Zeichen des Jona, der Tempel, der nach drei Tagen wieder aufgebaut wird. Die Auferweckung ist mit den Händen zu greifen.
Und doch denkt keiner daran. Die Jünger und die Frauen um Jesus sehen die Kreuzigung nur aus der Ferne. Als sie zum Grab gehen, wollen sie den Leichnam salben. Keiner der Menschen um Jesus erwartete die Auferstehung. Sie erkannten ihn nicht einmal, als er vor ihnen stand.
Die zwei Jünger, die nach Emmaus unterwegs waren, treffen einen Mann, der den gleichen Weg hat wie sie. Sie wandern mit ihm eine Zeit lang und erzählen ihm von ihrer Hoffnung. Sie hielten Jesus von Nazareth für den Auserwählten Israels. Aber nun ist er tot, und sie sind resigniert.
Als Jesus ihnen die Bibel aufschließt und die Stellen zeigt, die zur Hoffnung Anlass geben, zucken sie mit den Schultern und lächeln freundlich. Was soll das noch?
Erst als er mit ihnen isst und das Brot bricht, wie er es immer gebrochen hat, erkennen sie ihn. Und genau in diesem Moment verschwindet er auch wieder. Maria aus Magdala steht vor ihm und hält ihn für den Gärtner. »Wo haben Sie meinen Herrn hingelegt?«, fragt sie.
Er hatte sie angesprochen, und sie hatte ihn nicht einmal an der Stimme erkannt. Erst als er ihren Namen nennt, wendet sie ihren Blick. Sie hatte Richtung Tod geblickt, obwohl sie vor Jesus stand. Und nun blickt sie ins Leben.
Im Auferstehungsbericht des Matthäus ist viel Zinnober. Ein Engel, der einen Stein wälzt und wie ein Blitz aussieht. Sein Gewand ist weiß wie Schnee, und die Soldaten fallen in Ohnmacht als er erscheint. Staunend sehen die Frauen in dieses Gewitter der Ereignisse und kriegen dann zu hören: Der Auferstandene ist gar nicht da.
Alle Aufregung geschieht in seiner Abwesenheit. Erst viel später in Galiläa sehen sie Jesus selbst. Erzählt wird das mit diesem schlichten Satz: »Da begegnete er ihnen und sprach.«
Warum geschieht die Auferstehung so beinahe heimlich?

Das »Unvollendete Doppelkreuz« aus Herbert Falkens Zyklus »Scandalum Crucis«, Öl und Sand auf Leinwand (Repro: Anne Gold)
Ein Bild des Malers Herbert Falken inspiriert mich zu einer Antwort. Seine Arbeit »Unvollendetes Doppelkreuz« entstand 1969 und ist Teil einer Serie, die »Scandalum Crucis« heißt, also den Skandal des Kreuzes abschreitet. Auf der unteren Bildhälfte ist ein Teil des Gekreuzigten zu sehen. Mit dicker, pastös aufgetragener Farbe hat der Maler einen braunroten Torso aufgeschichtet und mit flüchtigen Strichen Rippen und Bauchnabel angedeutet. Sand ist den Farben beigemischt, der die Gestalt schmutzig und flüchtig erscheinen lässt.
Oben am Rand des Bildes ist die Überschrift des Kreuzes in Latein und Deutsch eingezeichnet. Farbschichten sind hier weggekratzt und geritzt, damit der Schriftzug erscheinen kann. Dazwischen ist eine Aussparung. Eine weiße Silhouette erhebt sich mit Haupt und Armen aus dem dunklen Untergrund. Dieses Weiß ist nicht gemalt, sondern einfach der Untergrund der Leinwand.
Das könnte der Grund sein, warum die Auferstehung sich so heimlich ins Leben schleicht. Das Leid ist gut sichtbar. In vielen Schichten prägt es unsere Lebensgeschichte und drückt es unsere Seele. Die Prophezeiungen und Erwartungen üben zusätzlichen Druck aus. Sie assistieren den Narben unserer Biografie.
Auferstehung schafft ein unbeschriebenes Stück Land. Das Leben kann anders weitergehen. Nicht mehr den Tod anstarren, sondern das Leben erkennen, das genau vor einem steht. Das war die Aufgabe der Maria. Dem schneeweißen Engel glauben und nach Galiläa gehen, um dort irgendwo Jesus zu begegnen. Jesus beim Brotbrechen verschwinden sehen, um ihn fortan in jedem Brotbrechen neu zu begrüßen.
Auferstehung schafft ein Stück Neuland. Es ist zuerst kaum sichtbar und schwer zu erkennen. Es erscheint leise. Aber jedes Osterfest erlaubt uns, anders fortzusetzen als wir begonnen haben. Der Freiraum, den wir haben, ist geformt wie der verklärte Jesus.
Frank Hiddemann
Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Gera.
Der große Sünder ganz in Rot
22. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Korsika: Die Karwoche und das Osterfest auf der Insel stehen ganz im Zeichen der religiösen Bruderschaften

Höhepunkt in Sartène: Die Karfreitagsprozession mit dem verhüllten »Großen Büßer« in Rot, der vom »Kleinen Büßer« in Weiß unterstützt wird. (Foto: Günter Schenk)
Bevor sich die sommerlichen Touristenströme auf die französische Mittelmeerinsel ergießen, feiern die Korsen nach jahrhundertealtem Brauchtum die Karwoche und das Osterfest.
In Bastias Hafen ankern die Fähren. Riesige Transporter, die jeden Sommertag Tausende von Touristen bringen. Jetzt aber herrscht Ruhe entlang der Kais, noch ist keine Urlaubssaison. Mit dem Palmsonntag aber verwandelt sich Korsika, rücken die ersten Gastronomen ihre Stühle ins Freie, rüsten für die Osterwoche, die wie in Spanien oder Italien auch im französischen Korsika groß gefeiert wird. Mit feierlichen Gottesdiensten, vor allem aber mit großen und kleinen Prozessionen, die ihr Gesicht seit Jahrhunderten kaum verändert haben.
Sogenannte Confréries bilden das Rückgrat jeder Prozession. Religiöse Bruderschaften, die einst fast zu jeder korsischen Pfarrei gehörten.
Korsikas Bruderschaften tragen ein schweres Erbe. Jahrhunderte lastete allein auf ihnen die soziale Verantwortung, waren sie für Krankenpflege, Sterbehilfe und Bestattung zuständig, kümmerten sie sich um Arme und seelisch Notleidende. Mindestens zwei- bis dreimal jährlich zeigten sie sich öffentlich, bei den Patronatsfesten gewöhnlich, vor allem aber während der Karprozessionen. Noch heute ziehen an den Tagen vor Ostern Tausende in Kapuzenmänteln übers Land. Bußfertige Korsen, barfuß und vermummt, die so an das Leiden und Sterben Jesu erinnern.
Die Bruderschaften sind die wichtigsten Stützen korsischer Volksfrömmigkeit in einem Land, wo Staat und Kirche strikt getrennt sind.
Wie die Krippen zu Weihnachten sind in der Karwoche in Korsikas Kirchen sogenannte Heilige Gräber Treffpunkt der Gläubigen. Blumengeschmückte Arrangements um den sterbenden oder toten Christus, um Bilder und Statuen des Gekreuzigten. In seinem Gedenken sammeln sich die Korsen schon am Gründonnerstag, ziehen die ersten Bruderschaften von einer Kirche zur anderen, stattet man sich gegenseitig Besuche ab.
Ihren Höhepunkt finden die Umzüge am Karfreitag, wenn die ganze Insel auf den Beinen zu sein scheint. In den Dörfern des Cap Corse, wo sich die Macchia bis zum Mittelmeer streckt, ebenso wie in der Castagniccia, dem gebirgigen Inselinnern, wo total vermummte Büßer seit Jahrhunderten ihre Kreise drehen, deren Symbolgehalt Fremden verschlossen bleibt. Selbst in den großen Städten wie Ajaccio, Bastia, Calvi oder Corte muten die Karfreitagsprozessionen wie archaische Riten an. »Perdono mio Dio«, klingt es dann überall im Land, »Herr, vergib mir.«
Krönung des korsischen Karfreitags ist die Prozession in Sartène. Spät abends treffen sich die Menschen dort in der Altstadt, warten auf die »Bruderschaft vom Heiligsten Sakrament«, die eine der ältesten Traditionen des Landes am Leben hält: die Bußprozession »U Catenacciu«. Ihren Namen verdankt sie einer 14 Kilo schweren Eisenkette, die ein unbekannter Büßer zusammen mit einem über 30 Kilo schweren Holzkreuz Jahr für Jahr barfuß durch die Straßen schleppt. Lang sind die Wartelisten für den öffentlichen Bußgang. Niemand kennt in der Regel die Identität des »Großen Büßers«.
Niemand außer ein paar Franziskanern, die den Sünder in seiner roten Kutte betreuen. Ganz in Weiß steht ihm ein »Kleiner Büßer« zur Seite, der Simon von Kyrene symbolisieren soll. Jenen Mann, der Jesus einst auf seinem letzten Weg zum Kreuz begleitete. Und wie Christus in Jerusalem fällt auch der Catenacciu bei seinem Gang durchs Städtchen dreimal auf die Knie.
Nach knapp zwei Stunden hat der Bußgang den Platz vor der Kirche erreicht. In den Bars und Kneipen gegenüber trinkt man einen letzten Kaffee, manche auch ein Gläschen Bier oder Wein. Zur großen Feier aber ist niemandem zumute.
Noch ist Karfreitag, nicht Ostern. Dann aber ist alles Leid vergessen, feiert Korsika den Wiederauferstandenen. Am ausgelassensten in Cargèse, wo die katholische Kirche gegenüber der griechisch-orthodoxen steht.
Schwerstarbeit ist das für den Pfarrer, der als einziger Geistlicher der Welt gleich in beiden Gotteshäusern Messe lesen darf, mit päpstlichem Segen versteht sich. »Halleluja«, verheißen die Katholiken, »Christós Anésti«, freuen sich die Orthodoxen. Zwei Kirchen mit einer Botschaft.
Günter Schenk
25 Jahren nach Tschernobyl: »Ich habe den Tod überlebt«
21. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Ein fehlgeschlagenes Experiment, ein brennender Reaktor, verstrahlte Menschen und eine auf unbestimmte Zeit zerstörte Region – die Radiobiologin Natalia Manzurova erinnert sich.

Natalia Manzurova gehörte zu den schätzungsweise 700000 Liquidatoren von Tschernobyl. (Foto: Anja Boromandi)
Im April 2010 erhielt sie die Diagnose Schilddrüsenkrebs. Danach, gesteht die 60-Jährige, sei sie wochenlang hysterisch gewesen. Obwohl sie immer mit der Erkrankung rechnen musste. »Aber wenn es dann wirklich so weit ist, will man es nicht wahrhaben.«
Umso weniger Verständnis hat sie für Pläne, Tschernobyl für den Tourismus zu öffnen, um Devisen ins Land zu bringen. »Ich habe vom Sensationstourismus mit dem Geigerzähler gelesen und bin entrüstet. Ein Besucher meinte: ›Ich war da drin und will da wieder hin.‹ Als ob man Rodeln oder Skifahren gehen würde«, sagt sie kopfschüttelnd.
Natalia Manzurova ist eine von geschätzten 700000 Liquidatoren, die nach der Reaktorkatastrophe vor Ort waren – um dort »aufzuräumen«. Viele ihrer Kollegen sind bereits verstorben. Natalia lebt. Über die körperlichen und seelischen Schmerzen redet sie nicht gerne, gesteht sie. Sie tut es dennoch, um vor der teuflischen Gefahr zu warnen, die man nicht sieht, nicht riecht oder spürt. Vor Radioaktivität, die ihr Schicksal und das ihrer Eltern bestimmt und geprägt hat.
Geboren wurde Natalia in Osjorsk, nahe der ersten russischen Kernkraftanlage Majak. »Die baute die russische Regierung als Reaktion auf die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki. Meine Eltern haben über 40 Jahre an und in dieser Anlage gearbeitet, in der früher Plutonium für Atombomben produziert wurde«, erinnert sie sich. 1957 ereignete sich in Majak mit dem Kyschtym-Unfall der erste schwere Atomunfall der Kerngeschichte, der jedoch jahrzehntelang vor der Öffentlichkeit verschwiegen wurde.
Die Katastrophe war folgenreich für die Umwelt und den Menschen, vor allem für die Mitarbeiter. Die Höchstdosis von 100 Röntgen hatte ihr Vater irgendwann um das Sechsfache überschritten, der Körper der Mutter war mit 400 Röntgen belastet.
»Mein Vater galt damals als medizinisches Wunder, er hatte fast so eine Art eine Resistenz entwickelt«, erzählt sie mit ruhiger Stimme. Ihre Mutter starb mit 62, der Vater mit 74.
Dennoch trat Natalia beruflich in die Fußstapfen ihrer Eltern. 1976 begann sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin damit, die Auswirkungen der Katastrophe von Majak zu untersuchen. »Durch unsere Erfahrungen, die wir im Ural gesammelt haben, war unser Forschungsinstitut damals das einzige in der Welt, das wusste, wie Radioaktivität den Menschen und die Natur verändert.« Wie bald sie dieses Wissen brauchen würde, ahnte sie damals noch nicht.
Am 26. April 1986 passierte er, der GAU. Der größte anzunehmende Unfall. Vier Tage lang brannte der Reaktor 4 des Kernkraftwerkes von Tschernobyl.
Natalia Manzurova war zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt und alleinerziehende Mutter einer Tochter. Schon wenige Tage später, am 5. Mai, reiste sie mit Physikern, Chemikern und anderen Kollegen nach Prypjat, den nur vier Kilometer vom Reaktor entfernten Ort, in dem zuvor fast 50000 Menschen lebten.
Eine echte Wahl, den Auftrag abzulehnen, hatte sie nie: »Offiziell waren wir ja alle ›Freiwillige‹. Aber andererseits«, relativiert sie, »fährt doch auch jeder Arzt ins Erdbebengebiet, wenn er gerufen wird, oder? Schon aus der Verpflichtung und Verantwortung heraus.«
Die Atmosphäre in Pripjat war gespenstisch. »Alles stand da unberührt, als wäre man vom Himmel gefallen. Die Stimmung war unwirklich: Das neue Riesenrad auf dem Rummelplatz, das eine Woche später eingeweiht werden sollte. Oder die Wäsche, die vor einem Haus auf der Leine flatterte.«
Natalia leitete die Aufräumarbeiten. Anfangs durfte sie aufgrund ihres jungen Alters noch nicht zu nah an den Unglücksort, doch irgendwann, sagt sie, war das dann auch egal. »Ich wusste, wie gefährlich das für mich war. Sobald die Belastung zu hoch war, wurden wir jedoch ausgetauscht. Der Rhythmus war: 15 Tage Arbeiten, 15 Tage entfernen.«
Natalia nahm Bodenproben und erstellte zusammen mit den Strahlungsmesstechnikern eine Karte. Jeden Tag dekontaminierten Natalia und ihre Mitarbeiter verstrahlte Gegenstände. Sie gruben große Löcher, betonierten sie aus, schütteten den Müll rein und planierten die Stelle zu. Hochradioaktive Dinge wurden mithilfe eines ferngesteuerten Fahrzeuges vergraben. So verschwanden ganze Siedlungen und Dörfer.
Dazwischen gab es immer wieder Momente, die sich in ihren Kopf eingebrannt haben. Wie der, als sie in einem Gebäude Eimer mit toten Säuglingen und Föten fand. »Nach dem GAU gab es viele Abtreibungen per Kaiserschnitt«, erklärt sie und fügt leise hinzu, »nur ich weiß jetzt, wo sie begraben sind. Die Mütter würden sonst bestimmt zurückkommen.«
Die offizielle Sperrzone mit einem Radius von 30 Kilometern existiert heute immer noch. Nur einmal im Jahr, an Ostern, dürfen die ehemaligen Bewohner einen Tag lang nach Prypjat zurück, um die Gräber der Angehörigen zu pflegen, die vor dem Unglück starben.
Die Opfer des Reaktorunglücks hingegen werden bis heute alle auf einem eigens dafür angelegten Friedhof in Moskau beerdigt. Wie viele dort liegen, weiß Natalia nicht. Nur, dass sie alle in Bleisärgen beigesetzt wurden.
Die Radiobiologin selbst ist heute Invalide. Sie leidet neben ihrer Krebserkrankung am posttraumatischen Syndrom. Für ihren Einsatz bekam sie von Boris Jelzin eine Medaille. In Abwesenheit, weil sie krank im Bett lag. Sie lacht. »Eigentlich hätten sie mir als Invaliden einen Orden geben müssen. Aber der, der mit der Übergabe der Dokumente für die Verleihung beauftragt war, hat sich selbst für den Tapferkeitsorden eingetragen und mich für eine Medaille«.
Kraft zum Weiterleben schöpft sie aus dem Glauben. »Meine Mutter gehörte zu den Altgläubigen, das ist eine besonders strenge Form der Orthodoxie. Ich habe einen Priester, mit dem ich mich regelmäßig treffe. Was den Tod angeht, kann ich sagen, dass ich ihn überlebt habe. Ich war schon klinisch tot, doch auf dem Weg zum Himmel hat mich Gott wieder zurückgeschickt. Es scheint so, als habe ich noch eine Mission auf der Erde zu erfüllen.«
Anja Boromandi
Wann ist eigentlich immer Ostern?
21. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Kaum jemand weiß, wie die Kirchenregeln für das wechselnde Osterdatum angewendet werden.
»Ostern? Das steht doch im Kalender«, sagt Reinhard Mawick, Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Es sei ein »bewegliches Kirchenfest« und könne pendeln zwischen dem 22. März und dem 25. April.
Uralte Regeln legen den Termin fest: Der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond am oder nach dem Frühlingsbeginn am 21. März – dann ist Ostern.
Diese Formulierung hält der Hamburger Astronom Bernd Loibl für falsch. Das Osterdatum folge nicht der Astronomie, sondern allein kirchlichen Festsetzungen.
Der kirchliche Frühlingsanfang sei »nicht der Moment der astronomischen Tag- und Nachtgleiche«, sondern immer der 21. März. Dies legte das Konzil von Nicäa im Jahr 325 fest. Und der »Kirchen-Vollmond« sei dem wirklichen Vollmond zwar außerordentlich gut angenähert, aber es könne auch Abweichungen geben, sagt Loibl.
So war im Jahr 1962 am Dienstag, 20. März, »Kirchen-Vollmond«, also nicht im Frühling. Am 21. März war um 7.55 Uhr Weltzeit »echter« Vollmond – Ostern hätte demnach am folgenden Sonntag stattfinden können (25. März) – tat es aber nicht. Denn der erste kirchliche Frühlingsvollmond war später, am Mittwoch, 18. April 1962 – Ostern demzufolge erst am nächsten Sonntag, 22. April.
Der Kirchen-Vollmond folgt einem 19-jährigen Zyklus, den schon der griechische Gelehrte Meton im 5. Jahrhundert vor Christus entdeckte, sagt Loibl. Mit der Gregorianischen Kalenderreform, die Ende des 16. Jahrhunderts den Julianischen Kalender ablöste, wurde dieser Zyklus übernommen, modifiziert und leicht korrigiert, etwa auch durch Schaltjahre.
Wer aber sorgt heute dafür, dass die alten Kirchenregeln korrekt angewendet werden?
Dafür gibt es komplizierte Formeln. Und die Ergebnisse können abweichen von den Vollmonddaten der Astronomen, die in den Kalendern stehen. Aber welches Kirchengremium weiß, auf welches Datum der erste kirchliche Frühlingsvollmond fällt?
Bei der EKD gibt es eine »Liturgische Konferenz«. Mitglied ist der Berliner Superintendent Bertold Höcker: »Niemand legt den Ostertermin konkret fest«, sagt er. Dafür gebe es »immerwährende Kalender«, etwa auch die Tabellen des Pfarrerkalenders. Mit den Formeln für den kirchlichen Frühlingsvollmond beschäftige sich die Konferenz nicht. Mittlerweile gebe es auch Osterrechner im Internet. Und ansonsten, sagt auch Höcker, gelte die alte Regel – erster Sonntag nach Frühlingsvollmond.
Der Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, in dem der Pfarrerkalender erscheint, gibt an, die Daten gegen Lizenzen von säkularen Verlagen zu übernehmen. Für Aufhellung sorgt der Verlag »Brunnen, Schneider & Baier« in Heilbronn: »Wir beziehen unsere Kalenderangaben gegen Lizenz vom Astronomischen Recheninstitut der Universität Heidelberg«, sagt ein Unternehmenssprecher.
Bei den Heidelberger Astronomen arbeitet der promovierte Kalenderspezialist Reinhold Bien. »Ja«, bestätigt er, »wir rechnen für Ostern mit den alten Kirchenformeln – die astronomische Berechnung der wirklichen Stellung von Sonne, Mond und Erde wäre viel zu aufwendig und kompliziert.« Anfang des Jahres erschienen die »Astronomischen Kalendergrundlagen für 2013« – inklusive der Osterdaten von 2013 bis 2023.
Der wechselnde Termin des Festes beruht auf Kirchenregeln, die alt sind – aber kaum jemand in der Kirche weiß, wie man sie anwendet und wer das macht.
Das höchste Fest der Christenheit pendelt alljährlich durch den Kalender, ohne dass ein kirchliches Gremium damit beschäftigt wäre. Vielleicht, so könnte man munkeln, ist dies der Grund dafür, dass es störungsfrei funktioniert.
Klaus Merhof (epd)
Sein Wirken ist polyfon
17. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Zum 65. Geburtstag des Leipziger Prof. Martin Petzoldt.
Im Klang der Wirklichkeit – Musik und Theologie.« So lautet der Titel der Festschrift, die zu Ehren von Prof. Martin Petzoldt anlässlich seines 65. Geburtstages am 13. April 2011 erschienen ist. Martin Petzoldt ist Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Leipzig.

Martin Petzoldt beschäftigt sich vorrangig mit der theologischen Bachforschung. Foto: privat
Für die in verschiedene akademische Disziplinen aufgeteilte Welt der Universität, ist es eine Besonderheit, zwei so unterschiedliche und anspruchsvolle Gebiete wie Musik und Theologie miteinander zu vereinen. »Interdisziplinarität«, heißt das Zauberwort und ist der »neuste Schrei« im universitären Alltag. Umso bemerkenswerter ist, dass dieses scheinbare »Novum« schon lange Zeit als spezifische Kontur des akademischen Profils Martin Petzoldts vorhanden ist. Eines seiner vorrangigen Beschäftigungsfelder ist die theologische Bachforschung. Er lehrt seit 1986 an der Universität Leipzig. Seine musikalische Bildung begann als Schüler an der Kreuzschule Dresden und als Mitglied des Dresdner Kreuzchores.
Aktuell arbeitet Petzoldt an der Vollendung seines vielleicht ehrgeizigsten Projekts – der Kommentierung des gesamten geistlichen Vokalwerkes Johann Sebastian Bachs. Zwei umfangreiche Bände »Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten.« sind bereits erschienen – der dritte Band ist in Arbeit.
Petzoldt lehrt, forscht und publiziert außerdem zu Themen evangelischer Dogmatik und Ethik sowie zu Fragen kirchlicher Praxis. Flankiert und ergänzt werden diese Arbeiten durch zeittypische, lokal- und regionalspezifische Studien. Kürzlich ist ein kleines, wunderbar farbenfrohes Bändchen zu den Fenstern der Thomaskirche Leipzig, unter dem Titel »Leuchtende Erinnerung« erschienen. Martin Petzoldts Wirken ist im wahrsten Sinne des Wortes polyfon.
Er hat ein enges Verhältnis zu den praktischen Wirklichkeiten der Forschungsfelder, mit denen er sich beschäftigt. Als er von 1998 bis 2009 das Amt des Ersten Universitätspredigers innehatte, war er auf diese Weise auch mit dem praktischen Vollzug gottesdienstlichen Lebens in Form der Universitätsgottesdienste betraut – einer Institution, mit der die Universität Leipzig seit ihrer Gründung 1409 regelmäßig an jedem Sonntag und an Feiertagen Gottesdienst feiert. Selbst die Sprengung der alten Universitätskirche St. Pauli konnte dieser Institution nicht den Garaus machen. So ist es umso erfreulicher, dass gegenwärtig die Arbeiten am Neubau der Universitätskirche St. Pauli, die gleichzeitig die Aula des neuen Universitätscampus sein wird, auf Hochtouren laufen. Als Vorsitzender des Verwaltungsrates des Diakonischen Werks der Inneren Mission Leipzig e.V., ein Amt, das er seit 1991 innehat, weiß er auch um die Herausforderungen kirchlich-diakonischer Arbeit, die sich in einer modernen und globalisierten Welt nicht zuletzt als ökonomische, das Management betreffende Aufgabe stellen.
Petzoldt ist Mitherausgeber der »Theologischen Literaturzeitung (ThLZ)«, der ältesten und umfangreichsten Rezensionszeitschrift für Theologie und Religionswissenschaft. Sie deckt das gesamte Spektrum theologisch-wissenschaftlicher Veröffentlichung ab.
Für die theologische Fakultät der Universität Leipzig und für die evangelisch-lutherische Landeskirche Sachsens bildet das Wirken Martin Petzoldts eine große Bereicherung. Der spezifische und in der Landschaft der deutschen theologischen Fakultäten einzigartige Forschungsbereich Martin Petzoldts bildet ein besonderes Herausstellungsmerkmal Leipzigs.
Markus Franz
Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Systematische Theologie/Ethik an der Universität Leipzig.
»Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen«
16. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Kindheitserlebnisse prägten den Weimarer Unternehmer Rudolf Keßner für seine Rolle als Oppositioneller der DDR.
In der Passionszeit nähern wir uns von verschiedenen Seiten dem Thema Verrat. Diesmal das Porträt eines Bürgerrechtlers, der in Konfrontation mit den staatlichen Vertretern der DDR geriet.
Das Wort Verrat nimmt er öfters in den Mund. Doch er meint damit nicht zuerst die Bewachung durch die Stasi, die er vor allem in den letzten Monaten der DDR auf Schritt und Tritt erlebt hatte. Mit Verrat meint er vor allem seine Erfahrungen als Oppositioneller der DDR. In dem »verbrecherischen Regime«, wie er sagt, in dem er vielen Schikanen ausgesetzt war. Mit seinem Engagement in Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen machte sich Rudolf Keßner bei den Machthabern äußerst unbeliebt.
»Ich hatte viel Kraft«, sagt der 61-Jährige. Möglicherweise sei auch sein Konfirmationsspruch dafür mit verantwortlich: »Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!« (1. Korinther 16,13). Es gibt einige Erlebnisse in seiner Kindheit und Jugendzeit, die ihn prägten für seine spätere Rolle als Oppositioneller und Bürgerrechtler.

Rudolf Keßner: "In meinem Leben war immer etwas Besonderes." Foto: Maik Schuck
1950 in der Oberlausitz geboren, wurde Keßner in seinem Elternhaus christlich erzogen. Sein Vater besaß eine kleine Druckerei, stand dem DDR-Regime distanziert gegenüber, sei aber nicht antikommunistisch eingestellt gewesen. Als jedoch Rudolf eines Tages mit einem Pionierhalstuch nach Hause kam, ist dem Vater der Kragen geplatzt. »Da habe ich das erste Mal von meinem Vater richtig Dresche gekriegt.«
Der Junge wäre mit dem Ablegen des Halstuches in der Schule abgestempelt worden. Doch die Eltern nahmen ihn aus der staatlichen Einrichtung, brachten ihn nach Herrnhut in ein christliches Kinderheim und bezahlten die teure Ausbildung in der Zinzendorfschule. »Ein absoluter Segen«, sagt Keßner heute. Doch die Zeit des ideologiefreien Lernens sollte nicht ewig währen. Für das Abitur musste er auf die staatliche Erweiterte Oberschule in Löbau. Der erste Tag dort hielt ein weiteres prägendes Erlebnis für ihn bereit. Auf dem Schulhof waren alle Schülerinnen und Schüler in FDJ-Hemden angetreten – bis auf Keßner und zwei Mädchen, die ebenfalls die Schule gewechselt hatten. »Da setzte etwas ein«, erinnert sich Keßner staunend an die Reaktion, die das Bild der versammelten FDJler auf dem Schulhof in ihm auslöste. »Wir waren nicht verzweifelt.« Auch nicht bange, nun in eine Außenseiterrolle zu geraten, sondern stark. »Nur wir drei sind wichtig«, habe er damals gedacht. In ihm regte sich so etwas wie Stolz, zu etwas Besonderem bestimmt zu sein. Unangepasst. Kein Mitläufer! »In meinem Leben war immer etwas Besonderes.«
Er fühlte sich stark für einen eigenen kritischen Standpunkt und würde dafür Nachteile und Behinderungen in Kauf nehmen. Diese ließen nicht lange auf sich warten. Nach dem Abitur wollte Keßner gern Entwicklungsingenieur werden, doch die Machthaber der DDR machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Er ging zum Studium nach Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz. Da er aber den Wehrdienst verweigert hatte und Bausoldat werden wollte, wurde er nach einem halben Jahr exmatrikuliert. Verraten und verkauft!
Keßner gehört zu den Jahrgängen, die während der Oberschulzeit einen Beruf erlernten. Er war bei seinem Vater in die Lehre gegangen und ist Schriftsetzer geworden. Ein Glücksumstand, da er auf diese Weise überhaupt zu einem Berufsabschluss kam. Arbeit erhielt er, nachdem er von der Uni geflogen war, trotzdem nicht. Der einzige Job, den er ausüben durfte, war der eines Friedhofsarbeiters. »Ich sage immer Totengräber, denn das war es, was ich gemacht habe.«
Viele der ebenfalls exmatrikulierten Kommilitonen reisten nach Westdeutschland aus oder studierten an einer kirchlichen Hochschule Theologie. »Ich ärgere mich, dass ich das nicht auch gemacht habe. Ich wollte zwar Entwicklungsingenieur, nicht Pfarrer werden. Aber es hätte mir Freude gemacht, mich geistig zu bilden, Hebräisch und Griechisch zu lernen.« Zweckfrei etwas lernen zu dürfen –, er bedauert bis heute, dass er diese Chance nicht hatte.
Dennoch gilt: »In meinem Leben war immer etwas Besonderes.« Nachdem er einige Jahre auf dem Friedhof, dann kurze Zeit als Schriftsetzer gearbeitet hatte, kundschaftete sein Vater die Firma Stempel-Rabe in Weimar aus, dessen Inhaber einen Nachfolger suchte. Keßner wurde Meister des Flexografenhandwerks und übernahm 1980 den Privatbetrieb. Er war nun selbstständiger Stempelmacher, bekam Aufträge für Dienstsiegel sogar von der sowjetischen Kommandantur. Die Geschäftsräume der Firma waren auch ein Zentrum der Bürgerrechtsbewegung in Thüringen, wo Keßner, der sich in Rechtsfragen kundig gemacht hatte, für Information und Beratung bereitstand. Ein Engagement, das den staatlichen Stellen ein Dorn im Auge war. Keßner wurde rund um die Uhr bewacht, mehrfach festgenommen und verhört.
Anfang 1989 entschloss er sich auf Drängen seiner Frau, mit der Familie, zu der vier Kinder gehören, nach Westdeutschland auszureisen. Die Wende machte diesen Schritt glücklicherweise überflüssig. Heute sind die Graphischen Betriebe Rudolf Keßner Weimar Corax Color & Stempel-Rabe GmbH ein modernes mittelständisches Unternehmen.
So gilt für Rudolf Keßners Leben ähnlich wie für das aus dem Alten Testament bekannte des Josefs, dem Lieblinssohn Jakobs: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen« (1. Mose 50,20).
Sabine Kuschel
Das Kreuz mit dem Halbmond
14. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Kreuz und Halbmond, Foto: EKvW
Streitfrage: Glauben Christen und Muslime an denselben Gott? – Versuch einer salomonischen Antwort
Oft wird betont, dass Juden, Christen und Muslime doch letztlich an denselben Gott glauben. Andere widersprechen dem entschieden. Ein scheinbar unlösbarer Widerspruch.
Das Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland gelingt nicht überall ohne Probleme. In den zum Teil sehr heftig ausgetragenen Debatten über Integrationspolitik und kulturelle Unterschiede wird immer wieder auch auf die Religion des Islam Bezug genommen. Insbesondere dort, wo der Eindruck der Fremdheit überwiegt und Angst erzeugt, wird oft versucht, dies auch theologisch im Gottesbild festzumachen. Aus dem Vergleich gegensätzlicher Aussagen in Bibel und Koran wird festgestellt: Solche einander widersprechenden Texte können nicht von dem gleichen Gott stammen. Folglich glaubt der Islam an einen anderen Gott als das Christentum.
Auf der anderen Seite kann man beobachten, dass diejenigen, die sich für Dialog und Verständigung engagieren, demgegenüber stärker geneigt sind, die bedeutsamen Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum zu betonen. Sie kommen ebenfalls unter Verweis auf den Koran und die historische Entwicklung zu dem Schluss: Judentum, Christentum und Islam beziehen sich auf den gleichen Gott: den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der die Welt erschaffen hat und das Schicksal aller Menschen lenkt.
Wer von ihnen hat recht? Beide – aber jeweils nur in bestimmter Hinsicht. Der erste wichtige Punkt besteht in der Erkenntnis, dass die Aussage von »verschiedenen Göttern« in Islam und Christentum ihre Wurzel und Begründung in der Existenz verschiedener Offenbarungen hat. Es gibt zwei Schriften mit dem Anspruch, Offenbarung Gottes zu sein (Bibel und Koran), die sich aber in wesentlichen Aussagen unterscheiden. Dafür gibt es grundsätzlich zwei Lösungen: Entweder eine der beiden Schriften ist keine Offenbarung Gottes, sondern von Menschen produziert oder verfälscht. Dies behauptet der Islam von den widersprechenden Teilen in der Bibel. Oder sie sind beide echte Offenbarungen, stammen aber von verschiedenen Göttern.
Letzteres führt aber in schwierige logische Probleme, denn Christen und Muslime glauben beide, dass es nur einen einzigen wahren Gott gibt und dass dieser die Welt geschaffen hat. Unmöglich ist es daher für Christen und Muslime zu meinen, dass es diesen Gott nicht gebe oder dass er ein anderes göttliches Wesen (aber nicht der Schöpfer) sei. Möglich bleibt es hingegen, etwas Gott zu nennen, was nicht Gott ist oder etwas Unterschiedliches darüber auszusagen, wie dieser Gott, der die Welt geschaffen hat, in seinem Wesen ist.
Ist es dann so, dass die Muslime etwas Gott nennen, was nicht Gott ist? Dieses Argument wird in der Diskussion immer wieder vorgebracht – oft in der Zuspitzung, Allah sei ein Götze, ein heidnisches Gottesbild, welches aus vorislamischer Zeit übernommen wurde. Dafür spräche, dass man keinen zweiten wahren Gott behaupten würde – was nach christlichem Bekenntnis ja unmöglich ist –, sondern menschliche Verirrungen in der Gottesvorstellung benennt. Allerdings ist der Begriff »Götze« ungeeignet, denn er bezeichnet in der Bibel eindeutig dingliche Figuren, geschnitzte Götzenbilder und damit die Verwechselung von Schöpfer und Geschöpf. Solches kann man dem Islam nun wahrlich nicht vorwerfen, der diese Unterscheidung im Bilderverbot sogar auf die Spitze treibt.
Ist »Allah« dann ein (Wüsten-)Dämon oder gar der Teufel selbst? Auch dies kann man in manchen Kreisen immer wieder behauptet finden. Oft wird dabei auf den 1. Johannesbrief, Kapitel 2, Vers 22 verwiesen, wo jeder als »Antichrist« bezeichnet wird, der leugnet, dass Jesus der Christus ist. Diese biblische Aussage gilt aber ursprünglich nicht für den Islam (der damals noch gar nicht existierte), sondern für die Juden – von denen heute aber niemand behauptet, sie würden den Teufel anbeten. Eine solche einfache Umkehrung taugt daher nur für billige Polemik, aber nicht für eine ernsthafte Auseinandersetzung.
Was folgt daraus? Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass Christen und Muslime nicht darüber streiten, wer Gott ist (Gott oder Allah), sondern wie Gott ist (nah oder fern, trinitarisch oder nicht). Der Streit geht nicht darum, welcher Gott richtig ist, sondern welche Offenbarung richtig ist.
Damit bleiben genügend Probleme zu diskutieren. Unter anderem ist aus christlicher Sicht zu betonen, dass die Trinität unteilbar ist. Ein Treffen zum »Abrahamitischen Dialog« lediglich auf der Ebene des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses unter Leugnung oder Ignoranz von Christus und Heiligem Geist entspricht nicht der christlichen Überzeugung.
Fazit: Auf die Frage, »Glauben Christen und Muslime an denselben Gott?«, gibt es keine ganz einfache Antwort. Ein schlichtes »Ja« wäre falsch, denn es unterstellt eine grundlegende Übereinstimmung über das Wesen Gottes, die so nicht besteht. Ein schlichtes »Nein« wäre ebenso falsch, denn es unterstellt die Existenz anderer Götter. Der Versuch einer Antwort könnte folglich lauten: Christen und Muslime glauben nicht dasselbe von dem einen Gott.
Harald Lamprecht
Dr. Harald Lamprecht ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.
Gehen oder bleiben?
4. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Gottesdienst in der Beiruter Gemeinde der Kirche des Ostens - sie ist Anlaufpunkt für viele flüchtlinge aus dem Irak. Foto: privat
Naher Osten: In der libanesischen Hauptstadt Beirut mühen sich Christen um Hilfe für Irak-Flüchtlinge.
Unterdrückung und Verfolgung, Krieg und Flüchtlingsströme sowie die Abwanderung junger Menschen prägen derzeit die Situation der Kirchen im Nahen Osten.
Es ist ein verregneter Sonntagmorgen. Wir beeilen uns, aus dem Taxi schnell in die Kirche zu kommen. Der Gottesdienst der Kirche des Ostens in Beirut ist schon in vollem Gange. Der Friedensgruß wird in diesen Tagen besonders wertvoll. Dieser wird durch jeden Gottesdienstbesucher mit geöffneten Händen empfangen, indem andere mit gefalteten Händen in die geöffnete Hand streichen. Es ist Gottes Friede, der hier weitergegeben wird. Und dieser Friede ist höher als menschliche Vernunft. Das hoffen und spüren viele der hier Anwesenden, unter ihnen zahlreiche Flüchtlinge aus dem Irak.
Nach dem Gottesdienst werden wir zum Frühstück eingeladen. Wir sitzen neben einer Flüchtlingsfamilie. Der Vater sagt: »Wir warten auf ein Visum. Wir wollen nach Australien.« In seinen Worten klingt eine Sehnsucht mit, denn es ist ein langes Warten in der Fremde auf eine neue fremde, aber hoffentlich friedliche Heimat. Für die kleine Gemeinde der Kirche des Ostens in Beirut sind die vielen Flüchtlinge eine immense Herausforderung. Aber Bischof Mar Meelis lässt sich nicht entmutigen: »Wir müssen etwas tun«, so der Bischof. »Um wenigstens die Wohnsituation zu verbessern und die Familien finanziell zu entlasten, wollen wir ein Wohnhaus für die irakischen Familien bauen, damit sie nicht auf die hohen Mieten des freien Wohnungsmarktes angewiesen sind.«
Besonders die Gebildeten verlassen ihre Heimat
Seit Jahren ist Migration ein Thema für die Christen im Nahen Osten. Immer wieder wird beklagt, dass gerade junge, gebildete Menschen ihre Existenz fern von der Heimat aufbauen. Doch derzeit stellt sich die Situation drastischer denn je dar. Im Irak ist die Zahl der Christen in nur weinigen Jahren von 1,5 Millionen auf gerade mal 334000 zusammengeschrumpft – und sie sinkt weiter. Verstärkt werden Christen zur Zielscheibe islamistischer Übergriffe, weil sie beschuldigt werden, mit dem Westen zu kollaborieren.
Doch nicht nur im Irak ist die Situation dramatisch. Auch aus Ägypten werden immer wieder Übergriffe gemeldet. Es ist eine humanitäre und christentumsgeschichtliche Katastrophe, die sich da abzeichnet, wenn bedacht wird, dass dadurch die Traditionen der orientalischen Christenheit aus ihren Kerngebieten verschwinden. Betroffen sind neben Westsyrern, Kopten und Armeniern vor allem die im Irak verbreitete unabhängige Kirche des Ostens und die Kirchen orthodoxer Tradition, aber auch katholische und evangelische Christen.
Libanons Christen: »Wir leben auf einem Vulkan«
Der Libanon ist für die Flüchtlinge ein Hoffnungsschimmer, denn im Gegensatz zu den meisten Ländern des Nahen Ostens genießen die Christen dort die Freiheit, ihren christlichen Glauben ungehindert zu leben. Das politische System des religiösen Proporzes sichert ihnen politischen und gesellschaftlichen Einfluss zu. Obgleich viele kritische Stimmen sich dagegen aussprechen, bewahrt es doch vor politischen Einseitigkeiten.
Die stetigen Unruhen machen es aber auch den Christen im Libanon nicht leicht. Dr. Habib Badr, Pfarrer der National Evangelical Church in Beirut, verglich die Situation unlängst in einem Fachgespräch im Evangelischen Missionswerk Südwestdeutschlands mit einem Vulkan. »Auch wenn der Vulkan vielleicht gar nicht ausbrechen wird, so ist es trotzdem nicht angenehm, in einer solchen Situation zu leben.« Die Christen sind in ihrer Haltung gespalten. Oft gehen die Risse sogar durch die Familien. »Wir vermeiden, in der Familie über Politik zu sprechen«, so Dr. Jonny Awad, Professor an der Near East School of Theology Beirut. Aber dieses hilflose Schweigen lindert nicht die aktuelle Not von Christen der Region.
Eine Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland befindet sich derzeit im Libanon. Fester Programmpunkt der Studienreise ist auch ein Besuch der Kirche des Ostens in Beirut mit ihrer Flüchtlingsarbeit, wobei als Zeichen der Gemeinschaft auch eine Spende aus Deutschland überreicht werden soll. Gebet und Gabe kommen dann zusammen, damit menschliche Vernunft erhellt werde durch die, die größer ist. Friede sei den Christen im Nahen Osten.
Claudia Rammelt/Christian Kurzke/Holger Holtz
Kirchen – Veranstaltungsorte für große Musikfeste
3. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Ein Überblick über die diesjährigen musikalischen Höhepunkte in Mitteldeutschland
Sakralbauten zwischen Magdeburg und dem Erzgebirge, zwischen Dresden und Erfurt werden zu den musikalischen Höhepunkten auch in diesem Jahr wieder ganz im Mittelpunkt stehen. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Barockmusik, deren Großmeister sich alle irgendwann auch im Gebiet der heutigen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aufhielten.
Die halleschen Händel-Festspiele (2. bis 12. Juni) als größtes Musikfest Sachsen-Anhalts schlagen diesmal sogar eine Brücke zu einer anderen mitteldeutschen Metropole, denn thematisch im Mittelpunkt steht der Dresdner Barock. Händels Oper »Ottone« nach musikalischer Vorlage des Dresdner Kollegen Antonio Lotti wird zu den Festspielen freilich im halleschen Opernhaus aufgeführt, während in der zentralen Marktkirche zum Beispiel das interreligiöse Projekt »Israel in Egypt – von der Sklaverei zur Freiheit« (5. Juni, 18 Uhr) und die traditionelle Aufführung des »Messiah« zu erleben sind (3. Juni, 17 Uhr) – diesmal mit dem tschechischen Ensemble »Collegium 1704«. Letzteres präsentiert außerdem im Dom zu Halle (4. Juni, 19.30 Uhr) eine Gegenüberstellung von Werken Händels und Zelenkas.
Ein ähnliches Schwergewicht wie die halleschen Händel-Festspiele findet mit dem Leipziger Bachfest beinahe gleichzeitig, vom 10. bis 19. Juni, statt. Das Motto »nach italienischem Gusto« nimmt Bezug auf die starken italienischen Einflüsse in Bachs Musik, doch auch die Jubilare Franz Liszt und Gustav Mahler erhalten ihren Platz. Zahlreiche Konzerte mit hochrangigen Ensembles, aber auch musikalische Gottesdienste nicht nur in der Thomas- und der Nicolaikirche gehören dazu. Dem Thomaskantor sind auch die Thüringer Bachwochen gewidmet, die vom 15. April bis 8. Mai ein umfängliches Programm in zehn Städten bieten. Besondere Höhepunkte: ein Konzert mit dem Pianisten Martin Stadtfeld und dem Cellisten Jan Vogler in Ohrdruf (6. Mai, 19.30 Uhr, Trinitatiskirche) und die getanzte Uraufführung »Cantatatanz« mit »Nico and the navigators« in der Erfurter Predigerkirche (6./7. Mai, 21 Uhr).
Vom 7. bis 17. April finden in Zerbst die 11. Fasch-Festtage statt, die diesmal sowohl den Zerbster Hofkapellmeister Johann Friedrich Fasch, als auch seinen Sohn Carl Friedrich Christian in den Blick nehmen. Natürlich spielen dabei auch die örtlichen Kirchen St. Bartholomäi und St. Trinitatis eine wichtige Rolle – in letzterer findet am 17. April um 17 Uhr das Abschlusskonzert mit der Singakademie Berlin und der Lautten-Compagney statt.
Heinrich Schütz wird mit einem Festival wie immer länderübergreifend gefeiert, nämlich vom 7. bis
16. Oktober 2011 in Bad Köstritz, Dresden und Weißenfels. Und nicht zu vergessen sind auch die Gottfried-
Silbermann-Tage vom 7. bis 18. September, die sich naturgemäß fast ausschließlich in Kirchenräumen abspielen und ihren glanzvollen Abschluss am 18. September im Freiberger Dom (17 Uhr) mit dem Preisträgerkonzert des angeschlossenen Wettbewerbs finden. Auch ansonsten eher weltlich ausgerichtete Festivals verzichten nicht auf Kirchen als Veranstaltungsorte: das Kunstfest Weimar Ende August, das Sächsische Mozartfest, das A-cappella-Festival Leipzig und das Dessauer Kurt-Weill-Fest zählen dazu.
Die Dresdner Musikfestspiele schlagen vom 18. Mai bis 5. Juni diesmal unter dem Motto »Fünf Elemente« eine Brücke nach Fernost, wobei die Aufführung von Bruckners siebenter Sinfonie in der Frauenkirche mit Kurt Masur und der Dresdner Philharmonie (20. Mai, 20 Uhr) sich ebenso wenig in dieses Thema einzeichnet wie das Jubiläumskonzert des Dresdner Kammerchors in der Kreuzkirche (22. Mai, 17 Uhr).
Während der MDR-Musiksommer wie immer eine Reihe von Festivals im Festival und auch zahllose Kirchenkonzerte bietet, startet am 24. Juni in Wittenberg ein auf drei Jahre angelegtes klar fokussiertes Musikprojekt – das »Festival Sakrale Musik«. Zu erwarten sind zehn Konzerte mit namhaften Ensembles und spiritueller Musik aus aller Welt – von japanischen Priestergesängen über jüdische Chorwerke bis hin zu Musik der australischen Ureinwohner.
Johannes Killyen
Der Verräter ist unter uns
2. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Martin Kupke will etwas gegen das Vergessen, Verharmlosen und Verfälschen tun. Foto: Sabine Kuschel
Martin Kupke beschäftigt sich mit dem Einfluss des Staatssicherheitsdienstes der DDR auf die Kirche.
In der Passionszeit nähern wir uns von verschiedenen Seiten dem Thema »Verrat«. Diesmal geht es um Verrat an der Kirche.
Wer sich in der DDR in einer kirchlichen Friedens- oder Umweltgruppe engagierte, dem war die Geschichte vom Verrat des Judas stets präsent. Kirchliche Veranstalter ahnten, dass, wenn brisante Themen besprochen wurden, Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes mit dabeisaßen. »Unter zwölf Jüngern ist ein Verräter«, hieß es manchmal, durchaus mit einem ironischen Unterton.
Verrat an der Kirche – obwohl kein schönes Thema, ist es eines, das Martin Kupke im Ruhestand Tag für Tag beschäftigt. Der ehemalige Superintendent des sächsischen Kirchenbezirkes Oschatz untersucht, wie der Staatssicherheitsdienst der DDR Einfluss auf die Kirche und das Gemeindeleben nahm. Im Auftrag des Hannah-Arendt-Institutes für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden wertete Kupke umfangreiches Aktenmaterial des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), des Rates des Kreises, der SED-Kreisleitung und des Volkspolizeikreisamtes Oschatz aus. Die Ergebnisse sind in der 2009 erschienenen Publikation »SED und Staatssicherheitsdienst im Kirchenbezirk Oschatz« zusammengefasst.
Jetzt arbeitet Kupke erneut an einem Buch, das die Einflussnahme der Stasi auf einen sächsischen Kirchenbezirk dokumentieren soll. Welche Region er diesmal unter die Lupe nimmt, will er vor Erscheinen des Buches nicht bekannt geben. Dafür sei das Thema zu brisant, sagt er. Brisant, da einige der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) von damals möglicherweise als solche noch immer nicht enttarnt sind und ein unbehelligtes Leben führen.
Die Kirche zu zersetzen, ihren Einfluss zurückzudrängen, das Engagement für Frieden, Umwelt und Menschenrechte zu unterbinden, seien unter anderem die Ziele der Stasi gewesen, so Kupke. Er weiß aus den Akten, dass es der Stasi regelmäßig gelungen ist, Spitzel in die Kirche einzuschleusen. Manchmal wurden sie als solche erkannt und isoliert. Oft blieben sie unentdeckt und schrieben ungeniert ihre Berichte über kirchliche Veranstaltungen.
Voraussetzung für eine »erfolgreiche« Spitzeltätigkeit war es, ein Vertrauensverhältnis zum Pfarrer oder den Teilnehmern einer Gruppe aufzubauen. Für den Theologen eindeutig Verrat an der Kirche. Um an Informationen heranzukommen, erschlichen sich IMs das Vertrauen kirchlicher Mitarbeiter, täuschten falsche Tatsachen vor. Kupke weiß von einigen IMs, die sich im Auftrag der Stasi taufen ließen oder zum Theologiestudium entschlossen.
Aus welchem Holz muss ein Mensch geschnitzt sein, der zum Verräter wird? Bekanntlich gerieten Leute, die labil, kriminell und vorbestraft waren oder irgendwelche Probleme hatten, leicht in die Fänge der Stasi.
In einem Fall weiß Kupke von einem Pfarrer, der persönliche Fehler vor der Gemeinde geheim halten wollte und dafür den Pakt mit dem Teufel eingegangen sei. Erkennbar seien unterschiedliche Motive: beispielsweise materielle Interessen und Geltungsbedürfnis. Auch schlechte Charaktereigenschaften ließen sich aus den Akten herauslesen, so Kupke. Mitunter habe die Stasi Probleme wie Kompetenzgerangel und Profilierungsstreben unter den kirchlichen Mitarbeitern genutzt, um diese gegeneinander auszuspielen, weiß der Theologe.
Von Judas ist überliefert, dass er seinen Verrat bitter bereut hat: »Ich habe große Schuld auf mich geladen. Ein Unschuldiger wird getötet und ich habe ihn verraten« (Matthäus 27,4). Die Denunzianten des DDR-Regimes lassen bis auf einzelne Ausnahmen ein Schuldeingeständnis vermissen. Opfer hoffen darauf ebenso vergebens wie auf die Bitte um Entschuldigung.
Wie können Menschen, die verraten wurden, mit ihren belastenden Erfahrungen fertig werden? »Ich weiß es nicht«, antwortet Kupke. Seine Dokumentation über die Stasiunterwanderung der Kirche beabsichtige nicht, mit den Tätern abzurechnen. In seinen Publikationen nennt er deshalb keine Namen der IMs, nur Decknamen, Geburtstag und Wohnort. Immerhin genug Angaben, um die Spitzel von damals zu enttarnen. Doch nach Kupkes Wissen findet ein Gespräch zwischen Opfern und Tätern nicht statt. Dennoch erachtet er seine Methode, Namen nicht öffentlich zu machen, für richtig. »Ich habe lange überlegt und bin mit dieser Variante zufrieden«, so Kupkes Resümee. Sein Anliegen sei es, dem Vergessen, Verharmlosen und Verfälschen entgegenwirken.
Sabine Kuschel
Die Ohrfeige von Sidi Bouzid
1. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Vor allem die oft gut gebildete und vernetzte Jugend ist es, die hinter den Protesten und Aufständen der arabischen Welt steht – wie hier in der marokkanischen Hauptstadt Rabat. Foto: picture alliance/abaca/Abdurrahman Antakyali
Analyse: Eine Revolution erschüttert die arabische Welt – wohin sie führt, ist unklar, doch nichts wird sein wie vorher
Die Proteste begannen in Tunesien und wurden zum arabischen Flächenbrand: Altgediente Machthaber mussten gehen oder zittern und kämpfen um den Bestand ihrer Macht. Und der Westen stolpert in einen neuen Krieg mit offenem Ausgang.
Tarek El-Tajib Mohammed Ben Bouazizi hatte seinen Obstwagen falsch abgestellt. Eine tunesische Polizistin quittierte diese Ordnungswidrigkeit mit einer Ohrfeige. Bouazizi besaß einen Universitätsabschluss in Informatik. Die Wirtschaftslage ließ ihm aber keine andere Wahl, als durch den Verkauf von Früchten auf der Straße den Lebensunterhalt für sich und seine Geschwister zu erkämpfen. Von einer Frau ins Gesicht geschlagen zu werden, war für den 26-jährigen Araber der sprichwörtliche Strohhalm, der dem Kamel das Kreuz brach.
Ein Polit-Tsunami fegt über die arabische Welt
Zutiefst gedemütigt und wutentbrannt forderte er eine Audienz beim Gouverneur. Andernfalls werde er sich selbst verbrennen. Die Behörden ignorierten seine Forderung. Bouazizi machte seine Drohung wahr – am 17. Dezember 2010 in Sidi Bouzid, der tunesischen Kleinstadt 200 Kilometer südlich von Tunis. Als Mohammed Bouazizi 18 Tage später seinen schweren Brandverletzungen erlag, hatte die »Jasmin Revolution« Tunesiens ihren Märtyrer. Weitere zehn Tage später, am 14. Januar 2011, floh der tunesische Präsident Zine El-Abidine Ben Ali nach Saudi-Arabien.
Von Tunesien aus schwappte der Volkszorn über in die Nachbarländer. Einen Monat nach Ben Ali gab Ägyptens Präsident Hosni Mubarak das Zepter aus der Hand. Seit der Ermordung des Friedensnobelpreisträgers Anwar El-Sadat am 14. Oktober 1981 hatte Mubarak das Reich am Nil beherrscht. Er hatte den kalten Frieden mit Israel zur Selbstverständlichkeit werden lassen, sechs Attentate überlebt und die Moslembruderschaft mit eiserner Faust unterdrückt. Er galt als Garant der Stabilität im Nahen Osten und wurde nicht müde, seine Besucher daran zu erinnern, wie töricht die USA 1979 im Iran gehandelt hatten, als sie einen treuen Verbündeten, den Schah, fallen ließen, nur, um mit ansehen zu müssen, wie das Regime von einer hässlichen, anti-amerikanischen Theokratie ersetzt wurde. Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen, ob Mubarak mit seiner Warnung recht hatte.
Von den Kolonialmächten am Reißbrett aufgeteilt
Die Ohrfeige von Sidi Bouzid hat einen Polit-Tsunami in Gang gesetzt, der die arabische Wüste vom Maghreb bis zum Persischen Golf erschüttert. Einige der dienstältesten Staatschefs unseres Planeten kämpfen um ihr Überleben. Von Marokko bis in den Jemen fordert die Straße, dass die Machthaber von drei oder gar vier Jahrzehnten den Hut nehmen. Facebook und Twitter werden als Revolutionskatalysatoren gefeiert. Wie viele Menschenleben dieses Politbeben gefordert hat, werden wir – wenn überhaupt – erst mit weitem Abstand sagen können. Es werden wohl Tausende sein, nicht nur weil Muammar Al-Gaddafi seine Luftwaffe einsetzte, um Demonstranten zu bombardieren.
Seit die Kolonialmächte England und Frankreich Anfang des 20. Jahrhunderts den Orient am Reißbrett in Nationalstaaten aufteilten, erschien deren Existenz selbstverständlich. Nur selten machten die schnurgeraden Grenzlinien einen kritischen Beobachter beim Blick auf die Landkarte misstrauisch. Tatsache bleibt jedoch auch ein Jahrhundert nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches: Das Volk hat sich dem Grenzdiktat des Völkerbundes nie gebeugt. Arabien ist ein Kulturraum geblieben, vom Maghreb bis ins Zweistromland. Man versteht im Irak, was in Algerien getwittert wird. Es bewegt den Jemen, wenn in Nordafrika eine Polizistin ohrfeigt. Diese Tatsache macht den Fernsehsender Al-Dschasira im Provinzfürstentum Qatar mit einer Ausdehnung von gerade einmal 180 mal 80 Kilometern und nicht einmal zwei Millionen Einwohnern zu einem Machtfaktor.
Völkermix mit einer gemeinsamen Klammer
Arabien ist ein zusammenhängender Kulturraum. Aus dieser Beobachtung jedoch zu schließen, alle arabischen Staaten seien gleich oder alle Araber vergleichbar, wäre ein Trugschluss. Hosni Mubarak von Ägypten war ein hoch verehrter Militärbefehlshaber – und die Militärs haben am Nil nach wie vor das Sagen. Auch in Tunesien funktioniert der Apparat des alten Regimes weiter, während die Libyer, soweit sie sich vom Griff Gaddafis befreien konnten, Anarchie probieren. Das einzige Verdienst des Baschar El-Assad von Syrien ist, Sohn seines Vaters zu sein. Die Assads stammen aus einer Minderheit von lediglich zwei Prozent Alawiten, die seit Jahrzehnten das mehrheitlich sunnitische Syrien fest im Griff haben.
Erklärt säkulare Staaten wie Syrien stehen in der arabischen Welt streng islamischen Ländern wie etwa Saudi-Arabien gegenüber. Im Osten der arabischen Halbinsel sind – wie im Irak – große Bevölkerungsteile schiitisch, während die Herrscherfamilien ausnahmslos der sunnitischen Glaubensrichtung angehören. Ägypten hat eine große christliche Minderheit. Der Kopten-Papst Schinouda III. rief seine Anhänger während der Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo auf, nicht gegen Mubarak zu demonstrieren. Im Gegensatz zu Diktatoren, die ihre Macht auf eine militärische Laufbahn und einen Putsch aufgebaut haben, begründen die Könige Mohammed VI. von Marokko und Abdullah II. von Jordanien ihre Stellung durch eine direkte Abstammung vom Propheten Mohammed.
Was diesen Völker- und Religionsmix zusammenhält, ist neben der gemeinsamen Sprache die überwältigende Vorherrschaft der islamischen Kultur, ein Stammesdenken, das sich um keinerlei Staatsgrenzen kümmert – und die Jugend. Mindestens 60 Prozent, in manchen Ländern wie dem Jemen, Somalia oder der palästinensischen Autonomie über 70 Prozent der Bevölkerung, sind unter 30 Jahre alt. Die jungen Menschen in der arabischen Welt sind weltoffen, viele haben studiert. Sie haben Zugang zu Satelliten-TV und Internet – und fragen sich, warum in Amerika und Europa die Machthaber alle paar Jahre neu gewählt werden, während in ihrem Umfeld jede Freiheitssehnsucht unbarmherzig von Polit-Sauriern in den Sand gestampft wird.
Was bedeutet das alles für Israel und die westliche Welt? Der israelische Historiker Tom Segev beobachtet richtig: »Wir haben nicht mit Ägypten oder Jordanien Frieden geschlossen, sondern mit zwei Männern, Präsident Sadat und König Hussein.« Man ist sich in Israel darüber im Klaren, dass »die Straße« in der arabischen Welt Israel bei Weitem feindlicher gegenübersteht als die Diktatoren, deren Abgang jetzt weltweit bejubelt oder gar vorangetrieben wird.
Arabisch-israelischer Konflikt im Hintergrund
Anhänger des traditionellen Friedensprozesses intonieren den altbekannten Refrain von der Gelegenheit für einen Nahostfrieden, die wieder einmal so günstig sein soll wie noch nie. Aber stimmt das wirklich? Zeigt die arabische Revolution nicht eher, dass alle politischen Bemühungen von Jahrzehnten mit einer Ohrfeige vom Verhandlungstisch gefegt werden können?
Mit dem Sechstagekrieg von 1967 hat die Welt sich vom »israelisch-arabischen Konflikt« verabschiedet, erkannte den jüdischen Staat als aggressive Besatzungsgroßmacht und glaubt bis heute unerschütterlich an die grundlegende Bedeutung des Palästinenserproblems. Wenn nur dieses Problem gelöst sei, so wird suggeriert, würde sich alles andere im Orient und weit darüber hinaus von selbst in Wohlgefallen auflösen. Tatsache ist, dass die Spannung zwischen Israelis und Palästinensern eingebunden ist in einen arabisch-israelischen Konflikt. Und wer geschichtlich nicht vollkommen blind ist, weiß, dass die israelische Besatzung heute umstrittener Gebiete nicht etwa die Ursache dieses Konflikts ist, sondern deren Folge.
Wer füllt das Macht- und Glaubwürdigkeitsvakuum?
»Wir sind mitten im Dritten Weltkrieg«, erklärt der israelische Terrorismusexperte Boaz Ganor, Gründer und Leiter des Internationalen Politik-Instituts für Terroristenbekämpfung in Herzelia. Wir haben das nur noch nicht gemerkt oder wollen es nicht wahrhaben. In Libyen schlittert der Westen derzeit in eine neue, blutige Front dieses Dritten Weltkriegs, dessen Ende in keiner Weise absehbar ist – und schweigt gleichzeitig zum brutalen Vorgehen der saudi-arabischen Sicherheitskräfte im benachbarten Bahrain. Der Westen mag sich fest vorgenommen haben, nicht in Libyen einzumarschieren.
Aber was ist, wenn Gaddafi überlebt? »Dann können sich Europa und Amerika auf eine Serie von Lockerbies einstellen«, meint Ganor mit Anspielung auf die Sprengung eines Pan-Am-Jumbos am 21. Dezember 1988 über dem schottischen Lockerbie. 270 Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben, der dem libyschen Geheimdienst angelastet wird.
Bernhard Zand meinte jüngst im Spiegel: »Europa wird sich vielleicht darauf einstellen müssen, dass eine militärische Ordnung mitunter besser ist als gar keine Ordnung.« Aber können wir der arabischen Welt unseren Liberalismus aufzwingen? Die Araber mögen bislang keine demokratische Tradition haben, und es mag richtig sein, dass kaum eine Region der Welt so unproduktiv ist wie Arabien. Der Spiegel stellt fest, dass alle 350 Millionen Araber zusammen weniger erwirtschaften als 60 Millionen Italiener. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Araber dumm sind. Auch einfache Obst- und Gemüsehändler wissen, was zum Jahreswechsel 1991/92 in Algerien geschah, als sich ein Wahlsieg der Islamischen Heilsfront abzeichnete. Die Wahlen wurden abgebrochen und eine Militärdiktatur installiert. Die blutigen Auseinandersetzungen in den darauffolgenden Jahren forderten 120000 Todesopfer. Auch die palästinensischen Wahlen vom Januar 2006, deren Ergebnis niemand anerkennen wollte, sind noch lange nicht vergessen. Und wie steht es in Afghanistan oder dem Irak um die Demokratie?
Boaz Ganor ist überzeugt, im Dritten Weltkrieg geht es um Ideen, um religiöse und ideologische Überzeugungen, um Werte und um Glaubwürdigkeit, um die Herzen und Köpfe der Menschen. Glaubwürdig ist von außen besehen weder der Westen noch das Christentum – wohl aber die Al-Qaida, ob uns das passt oder nicht.
Wer das Macht- und vor allem auch das Glaubwürdigkeitsvakuum in der arabischen Welt ausfüllen wird, ist bislang unabsehbar. Weder Weltuntergangspropheten noch blauäugigen Hoffnungsträgern sollte da vorschnell Glauben geschenkt werden. Bislang ist nur eines klar und unumkehrbar: Die arabischen Völker haben zum ersten Mal in ihrer Geschichte erfahren, dass sie Herrscher absetzen können. Die Araber kennen seit 2011 den Geschmack der Macht. Und deshalb ist der Polit-Tsunami, der momentan die Wüste durchfegt, auch nicht nur eine Revolte oder ein Aufstand, sondern eine Revolution. Die arabische Welt wird nie mehr die sein, die sie vor der Ohrfeige von Sidi Bouzid war.
Johannes Gerloff (Jerusalem)
Einheitsfeiern demonstrieren Italiens Zersplitterung
29. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Bettina Gabbe berichtet für unsere Zeitung aus Italien.
Italien feiert in diesen Tagen das 150. Jubiläum seiner Staatengründung. Die beiden Reiterstatuen des Nationalhelden Giuseppe Garibaldi und seiner brasilianischen Frau Anita wurden restauriert, damit sie am Ort ihrer Kämpfe mit den päpstlichen Truppen oberhalb vom Vatikan an den Sieg der Vereinigungsbefürworter erinnern. Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der mit der ehemaligen Separatistenpartei Lega Nord regiert, wurde bei den Feierlichkeiten an den Reiterstatuen auf dem Gianicolo-Hügel jedoch mit dem Slogan »Tritt zurück« empfangen.
Die Mehrheit der Abgeordneten seines Koalitionspartners Lega-Nord hielt sich von der gemeinsamen Sitzung der beiden Parlamentskammern demonstrativ fern. Der Junior-Partner der Berlusconi-Regierung betreibt eine Föderalismus-Reform, die auf eine weitgehende Trennung zwischen Nord- und Süditalien abzielt. Einheitsfeiern passen dessen Wählern nicht ins Konzept. Papst Benedikt XVI. hatte der als Monarchie geborenen heutigen Republik dennoch bereits im Voraus gratuliert, obwohl mit der Gründung Italiens das Ende des ganz Mittelitalien umfassenden Kirchenstaats besiegelt war.
Auch die deutschsprachige Minderheit in Südtirol weigerte sich, an den Einheitsfeierlichkeiten teilzunehmen. In der Dolomitenregion wecken italienische Feiertage die Erinnerung an die Zwangsitalianisierung unter Mussolini, auf die Separatisten bis in die 70er Jahre mit Terroranschlägen reagierten. Heute floriert in der autonomen Region zwar der Alpentourismus. Rom begegnen die dortigen Bürger und Politiker jedoch weiterhin mit Misstrauen.
Am 17. März vor 150 Jahren hatte der Savoyer Viktor Emanuel II. lange vor dem Streit um die Zugehörigkeit Südtirols das Königreich Italien ausgerufen. Wochen vor dem Jahrestag stritt die italienische Regierung darüber, ob das Jubiläum mit einem einmaligen Feiertag begangen werden sollte.
Bildungsministerin Maria Stella Gelmini tat es um die verlorenen Schulstunden leid. Der Industrieverband Confindustria warnte vor Verlusten bei der Produktion. Schließlich nahmen viele Italiener den Donnerstagsfeiertag doch zum Anlass, sich ein verlängertes Wochenende zu gönnen und den Freitag ebenfalls nicht zu arbeiten, auch wenn sie sich um die Einheitsfeierlichkeiten kaum scherten.
Als Italiener fühlen viele sich nur, wenn es um Auslandsfußballspiele geht. Dann schallt der Schlachtenruf »Forza Italia« durch das Land, nach dem Berlusconi 1994 bei seinem Einstieg in die Politik die eigene Partei nannte. Unabhängig vom Sport identifizieren sich viele Italiener auch 150 Jahre nach der Staatengründung mit ihrer Familie und ihrem Wohnort. Vertrauen in staatliche Institutionen und demokratische Prozesse konnten in dem noch immer stark von der katholischen Kirche geprägten Land noch nicht Fuß fassen. Persönliche Netzwerke sind hier weiterhin wichtiger als Behörden oder gar der Nationalstaat.
Bettina Gabbe
Junges Publikum mit Interesse für spirituelle Themen
28. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Eindrücke vom Gemeinschaftsstand evangelischer und katholischer Verlage auf der Leipziger Buchmesse
Freiheit. Was ist Freiheit, wie gehen wir mit ihr um, wie hilft uns Gott, die Freiheit zu begreifen und zu nutzen? Der gemeinsame Gottesdienst des Evangelischen Medienverbandes in Deutschland und der Vereinigung Evangelischer Buchhändler und Verlage am letzten Tag der Leipziger Buchmesse hatte ein großes Thema: »Von der Freiheit des Christenmenschen«. Zu diesem Thema gehörte der Blick auf den Bau der Mauer vor 50 Jahren und deren Fall durch die friedliche Revolution 1989. Aktuell drängten sich zwei andere Ereignisse in den Vordergrund. Thomas Hein, Vorsitzender der Vereinigung Evangelischer Verleger und Buchhändler, entzündete eine Kerze für die Opfer der Katastrophe in Japan. Gemeinsam legten die rund 50 Gottesdienstbesucher eine Schweigeminute ein.
An den denkwürdigen Tag des 9. November 1989 erinnerte Wolfgang Riewe, Vorsitzender des Evangelischen Medienverbandes und Chefredakteur der Wochenzeitung »Unsere Kirche« in Bielefeld. Er zog Parallelen zum 25. Januar 2011, der wohl als ein besonderer Tag für die Menschen in Ägypten und in Nordafrika gesehen werden könne.
»Zur Freiheit hat uns Christus befreit.« Die Aussage aus dem Galaterbrief nahm Riewe als Anstoß, über den christ-
lichen Sinn von Freiheit nachzudenken. Es sei nicht grenzenlose Freiheit, alles durchzusetzen ohne Rücksicht auf Verluste, es sei nicht die Freiheit, die Welt zu zerstören. Vielmehr sehe er die Freiheit in der Bescheidenheit, der Zufriedenheit und der Freude an kleinen Dingen des Alltags.
Den Gottesdienst begleitete Jörg Swoboda mit Kirchenliedern, neuen Texten sowie eigenen christlichen Songs.
Während der Leipziger Buchmesse konnten die Besucher am Gemeinschaftsstand der evangelischen und katholischen Verlage in den vielfältigen Veröffentlichungen stöbern. Besondere Beachtung hätten unter anderem die Regale mit den unterschiedlichsten Bibelausgaben gefunden, so Riewe. Er sei zufrieden mit dem Besucherstrom und der Resonanz. »Ich hab hier ein gemischtes Publikum beobachtet, das sehr interessiert nach den Büchern schaute, sich ja sogar mitunter festlas«, resümierte er. Das Interesse vor allem auch junger Leute an kirchlichen Büchern sei ihm besonders positiv aufgefallen. »Das ist anders als auf der Frankfurter Buchmesse, dort ist eher das Fachpublikum vertreten.«
Sehr gefragt waren am Gemeinschaftsstand der Kirchen, an dem sich rund 40 Verlage beteiligten, spirituelle Themen, Bücher, die Antworten auf Fragen geben nach der persönlichen Lebensgestaltung. »Ich habe erlebt, wie die Besucher sehr offen auf unseren Stand zugegangen sind, nachgefragt haben und mit den Ausstellern ins Gespräch kamen«, sagt Thomas Hein. Bewährt habe sich, dass der Gemeinschaftsstand auf der Buchmesse in diesem Jahr größer war. Zudem seien die Titel von Prominenten wie zum Beispiel Margot Käßmann, der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), vorgestellt worden.
Silvia Rost
Jesus im Herzen erkannt
27. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Passionsspiel, Quelle: Wikipedia
Wie Tina die Passionsgeschichte erlebte
Maria steht unter dem Kreuz und ist sehr traurig, dass ihr Kind so grausam sterben muss. Sie hat viel geweint und daran gedacht, wie es damals war bei seiner Geburt im Stall in Bethlehem, und an alles, was sie mit Jesus erlebt hat.
Der andere Mensch auf dem Bild ist Johannes, der beste Freund von Jesus. Jesus hat zu ihm gesagt, er soll sich um Maria kümmern, und da nimmt er sie mit in sein Haus.
Und zu Maria hat er gesagt, dass jetzt Johannes ihr Sohn sei.« Diesen Text habe ich Tina mit einem Bild »Maria und Johannes unterm Kreuz« geschenkt. Tina ist, davon bin ich inzwischen überzeugt, meine »geistliche Dolmetscherin«.
Denn ihre Interpretation biblischer Geschichten bringt mich zum Staunen. Tina ist acht Jahre, ein Kind aus sogenanntem sozial schwachen Elternhaus, ohne christlichen Hintergrund. Seit zwei Jahren kommt sie mit ihrer älteren Schwester in den Kinder- und Jugendtreff und spielt mit Hingabe in der Theatergruppe mit.
Kürzlich sahen wir mit den Kindern die Aufführung eines Passionsspieles. Gruselige Szenen gäbe es, hatten die Veranstalter vorgewarnt. Die erste Szene – Jesus vor Pilatus – begann. Ich hielt Tinas Hand und hatte ihr versichert, dass ich da bin und sie keine Angst haben muss.
Die Soldaten hatten Jesus durch eine Tür direkt vor unserem Standort abgeführt. Pilatus wusch sich die Hände …
Plötzlich flog die Tür auf und die Soldaten stießen einen blutigen, dornengekrönten Jesus vor unsere Füße. Wir erschraken alle. Die größeren Mädchen trösteten sich mit Mutmaßungen über Lebensmittelfarbe. Tina zupfte mich am Ärmel, schaute mich mit großen ernsten Augen an und sagte: »Das ist doch mein Kind!« Ich brauchte eine kurze Schrecksekunde, um zu begreifen, dass sie auf ihre Rolle der Maria im Krippenspiel anspielte. Ich fasste mich, drückte ihre Hand fester und antwortete: »Ja, Tina, dass ist Marias Sohn.« Später sagte sie beim Vorbeigehen an dem großen Kruzifix im Kreuzgang noch einmal betroffen, dass dies ihr Sohn sei.
Ich bin beeindruckt. Dieses Mädchen ohne christliche »Vorbildung« – lediglich zweimal hat sie beim Krippenspiel mitgemacht – hat Jesus erkannt. In ihrem Herzen.
Später im Stück gibt es eine Szene, in der Jesus eifrig frommen Christen gegenübersteht, die sich ein kitschiges Bild von ihm gemalt haben. Sie erkennen ihn fast nicht. Ähnlich wie die Jünger auf dem Weg nach Emmaus.
Umso erstaunlicher die unglaubliche Sicherheit, mit der Tina wusste, wer ER ist.
Petra Ng’un, Leiterin eines Jugendclubs im Diakoniewerk Gotha.
»Wir müssen weniger Energie verbrauchen«
26. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Dr. Hans-Joachim Döring ist Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Bild:EKM
Interview: Seit Jahrzehnten warnen kirchliche Umweltexperten vor den Gefahren der Kernenergie – Fukushima und die Folgen
Der drohende GAU in der japanischen Atomanlage Fukushima I hat die Fragen der Atomenergie mit neuer Brisanz auf die Tagesordnung gebracht. Harald Krille sprach darüber mit Hans Joachim Döring, Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.
Atomkatastrophe in Japan – fühlt sich ein Umweltbeauftragter der Kirche in seinen Warnungen bestätigt?
Döring: Diese Bestätigung brauche ich wirklich nicht. Die Warnungen hatten und haben ja keinen Selbstzweck. Sie speisen sich aus der Ehrfurcht vor dem Leben und der Verantwortung vor Gott. Trauer um die Opfer habe ich und Solidarität mit den Verunsicherten und Verstrahlten. Hinzu kommen Beschämung und mitunter Wut, weil gute Argumente und kritische Szenarien nur sehr eingeschränkt Einfluss auf notwendige Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Lebensweise haben. Die gleichen Fakten und Argumente, die heute plötzlich die Tagespolitik bestimmen, wurden vor 30 Jahren als »prophetistischer Katastrophalismus«, als »Schwarzseherei« und noch vor drei Monaten als Elemente einer »Immer-und-gegen-alles-Gesellschaft« verunglimpft. Jetzt steht die Schrift überdeutlich an der Wand.
Nach Tschernobyl war schnell von den Russen und ihrer veralteten Technik die Rede – jetzt trifft es eine High-Tech-Nation. Ist Kernkraft prinzipiell nicht beherrschbar?
Döring: In Tschernobyl war nicht primär die Technik das Problem, sondern der Mensch. Im höchsttechnologisierten japanischen Fukushima reichten Risikoannahmen und Schutzpläne nicht aus. Ich frage, wenn nicht da, wo sonst sollte Beherrschbarkeit möglich sein? Die Komplexität der gigantischen Energiefreisetzungen übersteigt das Maß des Menschen und seine Regel- wie Verantwortungssysteme. Hinzu kommt die ungeklärte Atommüllfrage, deren Lösung wir auf unsere Kinder und Enkel abschieben. 1986, unmittelbar nach dem Super-GAU in Tschernobyl, schrieb der damalige Wittenberger Friedenskreis an den Staatsrat der DDR‚ es sei die Verantwortung der hochentwickelten Industrieländer, aus der Kernenergie auszusteigen und dadurch der Welt zu zeigen, dass es möglich ist, auf diese Form der Energiegewinnung zu verzichten. Es schmerzt, dass 25 Jahre für umfassende alternative Beispiele verloren gegangen sind.
Weltweit sind 442 Atomkraftwerke (inkl. der japanischen) in Betrieb, weitere 64 in Bau – wird die Katastrophe von Fukushima das Bewusstsein verändern?
Döring: Das gesamte Bewusstsein der Welt ändert sich gewiss nicht. Aber vielleicht hält sich bei Entscheidungsträgern wie Wahlbürgern eine Skepsis gegen die atomaren Lösungen. Und vielleicht wächst oder erneuert sich eine vielschichtige und dezentrale Such-, Neugier- und Ehrfurchtsbewegung, die uns die Augen öffnet für das, was schon möglich ist. Wir haben kein Erkenntnis-, wir haben ein Handlungs-, Regel- und Umsetzungsdefizit.
Immer wieder ist von der Kernenergie als derzeit noch unaufgebbarer Brückentechnologie die Rede – brauchen wir sie nicht noch auf absehbare Zeit?
Döring: Kernenergie ist inzwischen keine unaufgebbare Brückentechnologie, sondern eine Verstopfungstechnologie. Sie verhindert dank ihres »billigen« Stromes, dass die besten alternativen Konzepte erneuerbarer Energie flächendeckend, ökonomisch, dezentral und dauerlastfähig konkurrenzfähig werden. Diverse Sachverständigenräte der Bundesregierung oder des Dessauer Umweltbundesamtes – nicht nur von Öko-Instituten – halten eine weitgehend vollständige Energieversorgung aus erneuerbaren Energiequellen in weniger als einer Generation für möglich. Zum Konzept gehört freilich: Wir müssen deutlich weniger Energie verbrauchen. Beim Einsparen hinken die Bürger der Industrie hinterher. Dort ist der Kostendruck schon höher.
Was würde ein schneller Ausstieg für uns alle und unseren Lebensstil bedeuten?
Döring: Ein schnell möglicher Ausstieg ist für mich der alte rot-grüne Ausstiegskompromiss – gemeinsam mit der Wirtschaft. Also AKW-Laufzeiten bis maximal 2020. Freilich sind deutliche Steigerungen der Energiepreise, nicht nur für Wohnungswärme, auch für Mobilität oder als Anteil in den Produkten des täglichen und nicht so täglichen Bedarfs zu erwarten. Dies wird gern – zumal von der Energiewirtschaft – als Bedrohung des Abendlandes beschrieben. Dem ist nicht so! Zwei Tendenzen stehen dagegen: Zum einen die steigende Energie- und Rohstoffproduktivität in den jeweiligen Produkten. Das heißt, es kann mit weniger mehr hergestellt werden. Zum anderen die schon erwähnten Einsparpotenziale. Wenn der Gaspreis um zehn Prozent steigt, ich aber 20 Prozent weniger verbrauche, habe ich zehn Prozent gespart beziehungsweise als Reserve für Sparinvestitionen. Trotzdem darf nicht drumherumgeredet werden: Bis zum technologischen und damit ökonomischen Durchbruch bei den erneuerbaren Energien – die auch Nachteile haben – werden unsere Aufwendungen für Energie wachsen.
Was kann, was sollte der Einzelne jetzt tun?
Döring: Der Einzelne kann erstaunlich viel tun. Wir in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sollten unsere Kampagne »Klimawandel – Lebenswandel« ernst nehmen und umsetzen. Zum Beispiel könnte die Junge Gemeinde sich beim Frauenkreis einladen und bitten, übers Einsparen nach dem Krieg, in der DDR und heute zu reden. Die Welt war nicht besser, als noch gestopft wurde, aber weniger Energie wurde schon verbraucht.
Was kann und sollte die Kirche selbst tun?
Döring: Zum Beispiel, was die soeben beendete Frühjahrssynode der EKM einstimmig beschloss: »Die Landessynode bittet die Kirchengemeinden, Kirchenkreise und das Landeskirchenamt um verstärkte Bemühungen zur Bereitstellung und Nutzung kirchlicher Grundstücke und Gebäude für Investitionen in erneuerbare Energien.«
Jedes Unglück muss an Gott vorbei
25. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Der Autor Rolf Wischnath lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie, Quelle: privat
Eine theologische Besinnung über die schwerste Frage des Glaubens, warum es Not und Leid gibt
Wenn Menschen oder ein Volk von einem schweren Unglück getroffen werden, fragen manche: Warum lässt Gott das zu? Über diese Frage angesichts der Katastrophe in Japan eine theologische Reflexion.
Jesus ruft die Menschen seiner Zeit immer wieder zur Buße, zur Umkehr. Nicht nur zur Umkehr auf einem Lebensweg, der offensichtlich in die Irre führt, sondern es geht die Aufforderung an alle, ihr Leben zu überprüfen. Wenn Menschen oder ein ganzes Volk Schlimmes widerfährt, dachte man damals – und oft auch noch heute: Solch ein Unglück muss Strafe Gottes sein, Quittung für falsches Leben. So jemand muss es büßen. Doch Jesus erklärt es mit einem großen Unglück seiner Zeit anders: »Meint ihr, dass jene achtzehn Menschen, auf die der Turm am Teich Schiloach stürzte und sie erschlug, seien schuldiger gewesen als alle anderen Bewohner Jerusalems? Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.« (Lukas 13,5)
Wir hören hier eine sich anbahnende Antwort auf die schwerste Frage des Glaubens: Wie kann es vor Gott gerecht sein, dass Menschen unverschuldet leiden und vor der Zeit sterben müssen? Und wie kann Gott zulassen, dass Menschen sich mit ihren, auch technischen Möglichkeiten so sehr überheben?
Die Frage impliziert eine kindliche, aber verständliche Hoffnung: Der gerechte und allmächtige Gott lässt einen Unschuldigen nicht vor der Zeit sterben. Unvermeidlich aber dann auch die Annahme: Irgendetwas besonders Schuldhaftes müssen die Verunglückten getan haben, was ihr Geschick, ihren jähen Tod verursacht hat.
Jesus aber verwirft das Dogma, besondere Schuld führe zu besonderem Unglück. Keiner kann jetzt noch den Willen Gottes für eine Erklärung zu Ungunsten der Opfer reklamieren. Nicht der Mensch soll Gott infrage stellen. Gott stellt den Fragenden infrage: »Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.« Keine Drohung ist das, sondern eine Verunsicherung, die von einer elementaren Warnung ausgeht.
Jesus wagt es, die Unterschiede hinsichtlich der Schuldhaftigkeit aufzuheben – bei den Toten und den Lebenden. Am Beispiel des zusammengestürzten Turms, der unterschiedslos 18 Menschen erschlagen hatte, demonstriert er: Die Frage nach Gott wird zu einer Frage nach dem Menschen und seiner Umkehr: Gerade in dem Rätsel eines so unfasslichen Unglücks, sagt Jesus, sollen die Menschen umkehren zu Gott.
Worin geschieht die Umkehr? In unserer unverzüglichen Kehrtwende zu Gott und in der Hinwendung zum Mitmenschen. Der umkehrende Mensch soll neu beginnen, Gott zu vertrauen und zu gehorchen. Der umkehrende Mensch beginnt neu, seinen Teil für eine Welt zu tun, in der der Mitmensch besser geachtet und geschützt wird und in der Gerechtigkeit und Macht zu einem besseren Ausgleich kommen.
Was bedeutet das für die schwerste Frage des Glaubens? Die Frage nach der Macht und der Gerechtigkeit Gottes und das quälende Problem, warum der allmächtige Gott so viel Unrecht und Unglück auf seiner Erde geschehen lässt, können und sollen wir zu Lebzeiten und mit unseren begrenzten Möglichkeiten des Verstehens nicht widerspruchslos lösen.
Die Frage lässt sich hier und jetzt von uns nicht theologisch lösen. Wir brauchen sie auch nicht zu beantworten. Wir müssen Gottes Treue nicht angestrengt beteuern oder bestreiten. Wir müssen sie nicht in eine intelligente Übereinstimmung bringen mit erfahrenem Unglück. Wir können jenes Rätsel, dass so viel Unschuldige den Konsequenzen von so viel fehlgeleiteter menschlicher Verantwortung zum Opfer fallen, kaum lösen. Diese Einsicht entlastet und verpflichtet. Der atomare GAU, der Tsunami, Hungersnöte, Kriege, Klimakatastrophen, von Menschen verursachte Unglücke, Ungerechtigkeit – wir sind frei, zu handeln. Gewiss können wir uns darauf verlassen, dass wir es nicht mit einem sich von uns abwendenden Gott zu tun haben, auch wenn er uns so oft verborgen erscheint. Kein Unglück geschieht in Abwesenheit Gottes, es muss an ihm vorbei. Und Gottes Treue trägt uns dennoch über Unglück, Tod und Unrecht hinaus und gibt dem Leben trotzdem Sinn und Zukunft.
In dieser Hoffnung erwarten wir den neuen Himmel und die neue Erde Gottes – und mit ihnen die Antwort auf die ungelösten Fragen. Diese Fragen aber sollen wir bis dahin wachhalten –, wohl wissend, dass wir Gott in seiner Barmherzigkeit oder seiner Verborgenheit nicht festlegen können. Wir sind zur Umkehr gemahnt und zur Wahrnehmung unserer Mitverantwortung – und zur Solidarität mit denen, die so sehr versehrt wurden.
Rolf Wischnath
Der Autor lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie.
Literarische Schätze
21. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Tom Pauls’ Auswahl
Viele Deutsche haben leider vergessen, dass die sächsische Kanzelsprache, auch Meißner Kanzleideutsch genannt, von Martin Luther maßgeblich für seine Bibelübersetzung herangezogen wurde.« Angesichts dieser bemerkenswerten Erkenntnis ist es verwunderlich, dass der sächsische Dialekt allzu oft der Lächerlichkeit preisgegeben ist und verachtet wird. Offensichtlich zu Unrecht und in Unkenntnis über die Bedeutung des Sächsischen, das seit 500 Jahren das Hochdeutsche geprägt habe, so schreibt es der Schauspieler und Kabarettist Tom Pauls im Vorwort seines Buches »Eiserne Ration für fichilante Sachsen«. Schade, dass er mit diesem Titel nur eine sächsische Leserschaft im Blick hat. Denn die meisten in dem Buch enthaltenen Lieder, Gedichte und Geschichten sollten nicht nur zum Bildungsgut der sächsischen Landsleute gehören.
Zum Beispiel wird der erzgebirgische Volksheld Carl Stülpner vorgestellt, dessen Bekanntschaft zu machen sich auch für Nichtsachsen lohnt. Ebenso sollte die Republik Schwarzenberg, ein Gebiet im Erzgebirge, das nach der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 für 42 Tage unbesetzt blieb, zur Allgemeinbildung gehören.
In der Publikation finden sich Texte unter anderem von Theodor Fontane, Paul Gerhardt, Gerhart Hauptmann, Erich Kästner, Martin Luther und Joachim Ringelnatz. Pauls Idee war, literarische Schätze, die frühere Generationen auswendig kannten, in einem Handbuch zusammenzufassen und vor dem Vergessen zu bewahren. Entstanden ist eine Sammlung von Perlen deutscher Poesie, lesenswerte Lektüre nicht nur für Sachsen. Es finden sich darin zwar etliche Beiträge mit explizit sächsischem Bezug, doch es gibt keinen Grund, diese literarischen Kostbarkeiten und historischen Einblicke einer nichtsächsischen Leserschaft vorenthalten zu wollen.
Sehr vergnüglich die Anekdoten über den letzten Sachsenkönig, Friedrich August II. sowie das Kapitel »Sächsisches Allerlei«. Zu Wort kommt auch die Schriftstellerin und sächsische Mundartdichterin Lene Voigt. Eine ihrer Figuren inspirierte Tom Pauls zu seiner Rolle als Ilse Bähnert, einer gewieften, liebenswerten alten Dame. Mit dem Soloprogramm feiert der Schauspieler auf der Bühne und im Fernsehen Erfolge.
Pauls hat mit seiner Auswahl Ernsthaftes und Humorvolles wunderbar gemischt. Ganz nebenbei bringt er mit seinem Handbuch auch den sächsischen Dialekt zu Ehren. Denn mit Verweis auf Luthers Bibelübersetzung betont Pauls: »Das Sächsische brachte endlich Ordnung und eine gefällige Norm in die bis dato wirre und gelegentlich unverständliche Welt des geschriebenen Wortes.«
Sabine Kuschel
Pauls, Tom: Eiserne Ration für fichilante Sachsen. Geschichten und Gedichte, die jeder kennen muss, Hohenheim Verlag, 175 S., ISBN 978-3-89850-207-8, 15 Euro
Die auf dieser Seite empfohlenen Bücher und CDs sind – wenn nicht anders angegeben – zu beziehen über den Buchhandel oder Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161
»Ich habe ihn verraten und verkauft«
19. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
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Eine theologische Reflexion über den Verrat des Judas
Das Thema »Verrat« ist im Christentum geprägt vom Verrat des Judas. In der Passionszeit wollen wir uns von verschiedenen Seiten dem Phänomen nähern.
Verraten und verkauft« – eine gängige Redensart. Seit wann sie im Deutschen vorkommt, ist unsicher. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622–1676) schreibt nach dem Dreißigjährigen Krieg in seinem Schelmenroman »Simplicissimus«: »Ein gebohrner ehrlicher Teutscher weiß im Kriege nicht, ob er verrathen oder verkaufft, ob er unter Narren oder Klugen sitze.«
Wo immer allerdings die Wörter »verraten und verkauft« im Neuen Testament und in der Kirchengeschichte vorkommen, sind sie geprägt vom Verrat des Judas. Dieser Verrat übertrifft nach Meinung Unzähliger alles. Was ist sein »Verrat«? Es ist der Bruch des Vertrauensverhältnisses zu einem Freund, Vernichtung des Vertrauens durch eine Handlung, die allem widerspricht, was Judas an Gutem mit seinem HERRN erfahren hatte. Dieser Verrat vollzieht sich durch Judas’ Zusage an die Mitglieder des Hohen Rates, er werde gegen »Judaslohn« Jesus denunzieren und seinen Häschern zeigen, wo sie ihn würden verhaften können.
Die Untat des Judas gipfelt in einem Kuss. Dieser gilt bis heute als äußerster Akt der Abscheulichkeit, obwohl es in der Geschichte der Kirche auch andere Verratstaten gegeben hat, die an den Judas-Kuss heranreichen. Auch in der Geschichte meiner eigenen Konfession gibt es die Tat eines ungeheuerlichen Verrats – nämlich im reformierten Genf:
Am 6. Oktober 1553 verbrennt dort der Arzt und »Ketzer« Michael Servet, weil Johannes Calvin ihn – Servet vertritt unangepasste Überzeugungen in der Trinitätslehre – an den Rat Genfs überführt und verrät. Calvin bekommt kein Geld dafür. Aber das ist auch schon das »Beste«, was man über seine Rolle bei dieser Schande sagen kann. Und das Ganze lässt sich – bei all meiner Verehrung für den großen Theologen – nicht schönreden.
Der Jünger Judas aber verrät und verkauft Jesus an den Hohen Rat für 30 Silberstücke. So sorgt er dafür, dass Jesus im ursprünglichen Sinne »verraten und verkauft« wird. Weil er seine Tat rückgängig machen will, erhängt er sich in äußerster Verzweiflung – der Legende nach – am »Judasbaum«.
Nun jedoch wird oft übergangen, was zwischen dem Verrat und dem Selbstmord des Judas eigentlich geschieht, nämlich ein Akt ungeheuchelter Reue: »Judas packte die Reue.« Er bringt die 30 Silberstücke zu den führenden Priestern und Ratsältesten zurück und sagt: ›Ich habe große Schuld auf mich geladen. Ein Unschuldiger wird getötet, und ich habe ihn verraten und verkauft.‹« (Matthäus, 27,3+4).
In der Enttäuschung über die Tat des Judas, in seiner Verfemung als größter Verbrecher wird oft dieses Ende seiner Schande nicht mehr wahrgenommen. Man muss nämlich dem Verräter Judas zumindest zugutehalten:
Er ist der Einzige, der als Beteiligter in der Passion Jesu und am Justizmord erkennt, dass Jesus gänzlich verraten und verkauft wird und dass ihm darin schwerstes Unrecht geschieht. Und er ist der Einzige, der diese Schuld einsieht und öffentlich bekennt. Ja, Judas allein kehrt um von dem Irrtum und der Untat, in die er sich verstrickt hat. Er bereut. Von keinem sonst, die mitverantwortlich waren am Leiden und Sterben Jesu, wird das gesagt. Die Jünger fliehen. Petrus ist feige – »und weint dann heftig«. Pilatus waltet seines Amtes genauso wie die Hohenpriester. Das Volk gafft und schreit. Nur von Judas heißt es: »Es packte ihn die Reue.«
Und die Reue des Judas über seinen Verrat bleibt nicht folgenlos. Er steht ein für das, was er getan hat. Er spricht aus, was uns allen auszusprechen so schwerfällt: »Ich habe Schuld auf mich geladen.« Keine abmildernde Entschuldigung! Nein, er benennt das Verbrechen, wie es kein Richter schärfer benennen könnte: »Ich habe ihn verraten und verkauft.«
Damit spricht er als Einziger die Wahrheit im Prozess aus: »Ein Unschuldiger wird getötet.« Und dann vollzieht Judas an sich selbst das Urteil, das nach jüdischem Recht über den zu verhängen ist, der eine falsche Anklage erhoben hat. Er erhängt sich selbst. Denn falsche Ankläger sollen mit derselben Strafe bestraft werden, die sie über den bringen wollten, den sie angeschuldigt haben.
Dieser Suizidant weiß nicht, dass an diesem Tag ein anderer für ihn und seine Schuld sterben wird. Er kann das Leiden, den Tod Jesu nicht umkehren, nicht aufhalten. Er kann es nicht verhindern, dass Jesus auch für ihn stirbt. So ist auch Judas nicht verloren in Ewigkeit. Und wenn er in Ewigkeit vor Gott nicht verloren ist, wen dürften wir dann heute verloren geben, verraten und verkaufen? Nicht einmal uns selbst.
Rolf Wischnath
Der Autor war Generalsuperintendent für den Sprengel Cottbus (1995–2004). Er lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie.
»Betet für die Menschen hier«
18. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Eine Welt in Trümmern: Im japanischen Erdbeben- und Tsunami-Gebiet wurden ganze Orte zerstört. Hilfsorganisationen sprachen am Dienstag von mindestens 100000 obdachlosen Kindern. Zehntausende Menschen werden noch vermisst, wie viele Todesopfer es gibt, vermag noch niemand zu sagen. Foto: picture-alliance
Japan: Erst das Erdbeben und die Flutwelle, jetzt der drohende atomare Super-GAU – ein Augenzeugenbericht aus Tokio
Seit Tagen steht die Welt im Banne der Ereignisse in Japan. Wie erleben Menschen vor Ort die Katastrophe? – Die deutsche Pfarrerin in Tokio hat ihre Erlebnisse in Worte gefasst.
Von Elisabeth Hübler-Umemoto
13. März: Wir sind erschüttert von der Unermesslichkeit des Leids, das über so viele Menschen gekommen ist.
Unsere Kreuzkirche und das im Bau befindliche Pfarrhaus haben keine Schäden. Wir warten angespannt auf neue Nachrichten über den Zustand der beiden Kernkraftwerke, in denen Störfälle aufgetreten sind. Aber wir können nicht weglaufen, hoffen das Beste und bleiben ruhig.
Die Japaner reagieren sehr gelassen auf die Situation. Sie leben ständig mit der Möglichkeit einer Naturkatastrophe. Sie sind deshalb gut auf die verschiedensten Szenarien vorbereitet. So gut, wie man es angesichts der Unberechenbarkeit solcher Ereignisse nur sein kann.
Der nationale Christenrat in Japan hat einen Fürbitten- und Spendenaufruf gestartet und angefangen, Hilfe für die betroffenen christlichen Gemeinden zu organisieren. All das steht noch ganz am Anfang. Es ist noch kein Überblick über die Lage zu gewinnen. Der Gemeindevorstand hat den Gottesdienst heute kurzfristig abgesagt, weil noch nicht absehbar ist, wie die Reaktorstörfälle weitergehen. Wir haben Fürbitten an alle Gemeindeglieder verschickt und werden den Gottesdienst auf den kommenden Mittwoch verschieben. Es tut uns gut zu hören, dass in Deutschland und vielen anderen Ländern sehr viele Freunde und Bekannte die Situation hier in ihre Gebete einschließen.
Nachtrag: Inzwischen sind die meisten deutschen Familien weggefahren. Die Firmen möchten ihre Mitarbeiter auch möglichst in Sicherheit wissen. Wir hören weiterhin die aktuellen Nachrichten von den Kernkraftwerken, warten und hoffen, dass wir nicht evakuiert werden müssen.
Die Menschen sind weiterhin gelassen. Zum ersten Mal wird mir deutlich, warum die japanische Kultur so oft eine Atmosphäre der Traurigkeit enthält: Eine Nation, die solche Katastrophen erlebt und damit weiterlebt, trägt etwas davon in der Seele. Inzwischen gibt uns ein Sender Tipps, wie wir bei Stromsperre unsere Lebensmittel retten, und andere Hilfen. Man ist einfach pragmatisch. Das Entsetzen ist so groß und so nah, dass ich es nicht fühlen kann. Es passt in eine Seele nicht hinein. Ist unser sonst so wichtiges Leben und Geldverdienen und Beherrschen und Gestalten nicht einfach nur äußerlich? Ganz nichtig, ganz eitel? Der Prediger Salomo fällt mir ein: »Alles ist eitel und ein Haschen nach Wind.«
14. März: Gespräche, Telefonate mit Gemeindemitgliedern, Interviews mit Medien. Ein langer Tag geht zu Ende. Der vierte Tag nach den schrecklichen Ereignissen. Heute hatten wir noch keinen Stromausfall, aber die Züge, S- und U-Bahnen wurden deutlich reduziert, um Strom zu sparen.
Ich bekomme öfter die Frage gestellt, warum die Japaner so gelassen, so diszipliniert auf das alles hier reagieren. Japaner sind stark, wenn sie eine fest definierte Rolle ausfüllen müssen. Das hilft jetzt sehr, um in dieser unermesslichen Notlage zu tun, was nötig ist. Da ist der Tanklastzugfahrer, der seinen Tankzug mit Trinkwasser füllt und zum nächsten verwüsteten Dorf fährt, um den Menschen Wasser zu bringen. Dazu sagt er: »Ich freue mich sehr, dass ich diesen Beitrag leisten kann.« Oder jene Frau, die von einem Soldaten auf dem Rücken aus den Trümmern getragen wird und sich auf so unverwechselbar japanische Weise bedankt: »Sumimasen«, das heißt: »Ich kann dir dafür nichts zurückgeben.« »Osewani narimashita« – »Ich fühle mich schuldig dafür, dass du etwas für mich tun musst, was du normalerweise nicht tun musst.«
Wir erfahren in diesen Tagen wie groß die Schattenseite unserer allumfassend technisierten Welt ist. Es war so schön bequem mit all den Geräten, die uns umgeben. Ich hoffe, dass man in Japan und überall dort, wo es Kernkraftwerke gibt, über Veränderungen in der Energieversorgung nachdenkt. Manche fragen mich nach meiner Angst, aber mir geht es eher so, dass ich jetzt merke, was mein Glaube mir bedeutet: Dass wir alle in Gottes Hand sind, wo immer wir auch sind. Es gibt kein Benzin mehr an den Tankstellen. Deshalb wird vielleicht auch unser zweiter Versuch, zum Gottesdienst in der Kirche zusammenzukommen, scheitern. Es freut die Menschen hier ungeheuer, dass weltweit so viel Anteil genommen wird, so viel echtes Mitfühlen rüberkommt.

Elisabeth Hübler-Umemoto ist mit einem Japaner verheiratet und seit 2003 Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache Tokio- Yokohama.
Stattdessen im Fernsehen ein oberpeinlicher Auftritt von wissenschaftlichen und leitenden Mitarbeitern des Kernkraftwerks Fukushima I, die sich vor laufenden Kameras rangeln und streiten, wer jetzt welches Datenblatt hat, wer sprechen darf. »Bakkamon!«, möchte man rufen, »ihr Blödmänner!«. Während die Techniker in den AKWs ihr Leben aufs Spiel setzen, seid ihr mit Kompetenzgerangel und Konkurrenz beschäftigt!
Ja, die Schwächen der hiesigen Kultur werden an einigen Stellen jetzt deutlich: Dass Experten in ihrem Fach es durch alle Institutionen geschafft, alle Prüfungen sehr gut bestanden haben, aber nicht fähig sind, den Kopf klar und oben zu behalten, wenn etwas außer der Reihe zu tun ist, wenn auch der Einzelne Verantwortung für das Ganze tragen muss. Allmählich beginnen wir, die Auswirkungen der Katastrophe auch auf die Zukunft der Gemeinde und der deutschen Community zu spüren. Unser Architekt informierte darüber, dass weiteres Bauholz für den Innenausbau unseres neuen Pfarrhauses Lieferstopp habe. Auch IKEA hat seine Tore geschlossen, vermutlich um seine Produkte den Menschen im Erdbebengebiet zur Verfügung zu stellen.
In zwei Stunden wird uns für circa vier Stunden der Strom abgestellt. Aber was ist das schon angesichts der vierten Nacht, die viele Opfer im Freien verbracht haben bei Temperaturen um den Gefrierpunkt? Inzwischen rechnet man mit rund 20000 Toten, aber für genaue Angaben ist es noch zu früh.
Vom Reaktor hört man wenig Ermutigendes … Betet bitte weiterhin für die Menschen hier. Das ist im Moment das Wichtigste, was man tun kann.
Elisabeth Hübler-Umemoto ist mit einem Japaner verheiratet und seit 2003 Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache Tokio-Yokohama.
Das Tokioer Fürbittengebet
Das folgende Gebet veröffentlichte die deutsche Gemeinde in Tokio auf ihrer Internetseite:Manche von uns haben Stunden der Angst erlebt, Stunden der Unsicherheit und Sorge. Die Menschen in der Erdbebenregion haben ihr Leben verloren, ihre Angehörigen, ihre Existenz.
Und der Schrecken ist noch nicht vorbei.
Das Kernkraftwerk in Fukushima ist noch nicht sicher.Dennoch hoffen wir auf dich, Gott, halten an dir fest und bitten dich um deine Gegenwart in all diesen schlimmen Erfahrungen.
Wir bitten für die Familien, die nicht wissen, ob ihre Angehörigen noch leben.
Wir bitten für die Verstorbenen.
Wir bitten für die Menschen in den Notunterkünften.
Wir bitten für die Menschen, die vor dem Nichts stehen.
Wir bitten für die vielen Helfer, die ihr Leben für andere aufs Spiel setzen.
An dir halten wir uns fest, Gott, gerade, wenn uns der Boden unter den Füßen wegrutscht.
Auf dich hoffen wir, in allem, was wir erleben, ertragen, durchmachen müssen.
Begleite du uns, dass wir nicht verzweifeln.
Hilf uns, aufeinander zu achten, richtige Entscheidungen zu treffen und zu helfen, wo wir können. Amen.
Schicksalsmuster
15. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Szene aus dem Stück »Joseph und seine Brüder«. Vorn liegend: Sabrina Weidner, auf den Stühlen v. li.: Diana Nitschke, Thomas Deubel, Jenny Kühl. (Foto: Armin Kühne)
Amateurensemble der Cammerspiele Leipzig spielt »Joseph und seine Brüder«
Romanadaptionen haben seit einiger Zeit Konjunktur auf deutschen Bühnen; insbesondere die Werke Thomas Manns erfreuen sich dabei großer Beliebtheit. Reflektieren die Theater damit eine stärkere Teilhabe an der Werte-Diskussion, für die sich nicht die entsprechenden Stücke finden?
Nach den »Buddenbrooks« in Dresden und »Der Zauberberg« in Berlin und Leipzig wagte sich nun das Amateurensemble der Cammerspiele Leipzig an eine Dramatisierung der ersten beiden Bücher von »Joseph und seine Brüder«. Geschrieben wurden sie vom großen Romancier in den Jahren 1927 bis 1934, bevor er 1943 die Tetralogie mit zwei weiteren Teilen beendete.
Auch wenn Thomas Mann den alttestamentarischen Stoff vom Leben Josephs als heiter-orientalischen Menschheitsmythos konzipierte, stieg er dabei bis tief in die Urgeschichte von Abraham, Josephs Vater Jaakob und seinen elf Brüdern hinab und beschrieb deren dunkle Seiten.
Anders als John von Düffel, der alle vier Roman-Teile dramatisierte, konzentrierten sich der Leipziger Regisseur Christian Hanisch und die Dramaturgin Susann Schreiber auf die ersten beiden Bücher: »Die Geschichten Jaakobs« und »Der junge Joseph«. Dazu lieferte ihnen der Germanist und Theologe Hermann Kurzke einen ideellen Ansatz, der auf dem Programmzettel folgendermaßen zitiert wird: »Alles, was geschieht, ist Wiederholung. Verstehen bedeutet, das zu einer Situation passende Urgeschehen, das einer Figur zugehörige Vor-Bild zu finden.«
In einer zur Bühne umfunktionierten Werkhalle sitzen in Leipzig cirka 50 Zuschauer vier Schauspieler/innen gegenüber. Zwischen ihnen eine dunkle Fläche voller kleiner Spielzeug-Schafe.
Die Spieler Thomas Deubel, Jenny Kühl, Diana Nitschke und Sabrina Weidner betreten nach und nach den Raum, legen ihre private Kleidung ab und diverse Kostümteile an. Erst vereinzelt, dann immer häufiger, beginnen sie zu mähen und mit uns in »den Brunnen der Vergangenheit« hinabzusteigen.
In wechselnden Rollen erzählen die jungen Akteure mit sparsamen Mitteln die Geschichten von Jaakobs Leben bis hin zu Rahels Tod, vom Segensbetrug an Esau, Jaakobs Verbannungszeit bei Laban, seinem jahrelangen Dienen und Warten auf Rahel, von ihrer Vertauschung in der Brautnacht mit deren Schwester Lea, der späten Geburt Josephs und dessen Züchtigung durch seine Brüder.
Doch das geschieht nicht in linearer Abfolge, sondern in wechselnden Zeitsprüngen, sodass nur Romankenner dem biblischen Bilderbogen folgen können. Aber das scheint den Inszenatoren nicht wichtig.
Im Mittelpunkt des zweistündigen Abends stehen vielmehr die schicksalhaften Wiederholungen von Täuschung, Überlebenskampf, Gewalt, Geburt und Tod. Mit Hermann Kurzke sucht man »im Mythenschatzhaus nach dem Prototyp für eine Situation« sowie archetypischen Konstellationen.
Dass sich das Ensemble dabei der Mittel des Armen Theaters bedient, kommt dieser Absicht zugute: Ein Eimer Wasser, Blut, ein paar Hände voller Getreidekörner, sparsame Lichtwechsel konzentrieren das Spiel. Schön das Schlussbild der Inszenierung: Eine Spielerin legt ihr Kostüm ab und steigt aus dem wiederkehrenden Kreislauf von Täter-Opfer-Sein aus, spielt nicht mehr mit, verlässt geräuschlos die Bühne.
Die Auseinandersetzung des jungen Ensembles mit Thomas Manns Werk verdient Respekt. Mit viel Enthusiasmus haben die jungen Spieler versucht, sich der selbst gewählten Herausforderung zu stellen. Doch spätestens in den Momenten, in denen die Inszenierung ganz auf die Sprache Thomas Manns setzt, zeigen sich die schauspielerischen Grenzen der Amateure.
Die Cammerspiele Leipzig machen seit über zehn Jahren ambitioniertes Theater in der Stadt, wurden im letzten Jahr dafür sogar mit einem Preis geehrt. Den hat diese Inszenierung zwar nicht verdient, bekam vom Premierenpublikum aber ordentlichen Applaus.
Matthias Caffier
Nächste Vorstellungen: 24. bis 26. März, jeweils 19.30 Uhr und am 27. März um 18 Uhr
