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	<title>Mitteldeutsche Kirchenzeitungen &#187; mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de</title>
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	<description>Gemeinsames Portal von „Glaube + Heimat“ und „Der Sonntag“</description>
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		<title>Die Angst vor dem Volk</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Dec 2011 05:44:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Filmkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Habemus Papam]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Piccoli]]></category>
		<category><![CDATA[Nanni Moretti]]></category>

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		<description><![CDATA[h5>Nanni Morettis Film »Habemus Papam« über einen Papst, der&#xA0;ausbüxt.
&#xA0;
Vor dem Petersdom drängen sich die Menschen. Die Glocken läuten. Weißer Rauch steigt in den Himmel. Gleich soll der neue Papst auf dem Balkon erscheinen. Doch Kardinal Melville, soeben zum geistlichen Oberhaupt gewählt, überfällt die Panik: »Ich schaffe das nicht, helft mir«, ruft er verzweifelt. Und läuft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_4774" class="wp-caption alignnone" style="width: 590px"><img src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2011/12/prokino.jpg" alt="Furcht vor dem Wahlergebnis: Kardinal Melville (Michel Piccoli) in dem Konklave.  Er beginnt zu ahnen, wie die Wahl ausgehen wird. (Foto:&#xA0;Prokino&#xA0;Filmverleih&#xA0;GmbH)" title="prokino" width="580" height="473" class="size-full wp-image-4774" /><p class="wp-caption-text">Furcht vor dem Wahlergebnis: Kardinal Melville (Michel Piccoli) in dem Konklave.  Er beginnt zu ahnen, wie die Wahl ausgehen wird. (Foto:&#xA0;Prokino&#xA0;Filmverleih&#xA0;GmbH)</p></div><br />
<h5>Nanni Morettis Film<strong> »Habemus Papam« </strong>über einen Papst, der&#xA0;ausbüxt.<br />
&#xA0;</h5>
<p>Vor dem Petersdom drängen sich die Menschen. Die Glocken läuten. Weißer Rauch steigt in den Himmel. Gleich soll der neue Papst auf dem Balkon erscheinen. Doch Kardinal Melville, soeben zum geistlichen Oberhaupt gewählt, überfällt die Panik: »Ich schaffe das nicht, helft mir«, ruft er verzweifelt. Und läuft davon.</p>
<p>Ein Papst, der sein Amt nicht ausüben will: Die Idee hat Regisseur Nanni Morretti zur Grundlage seines Filmes »Habemus Papam&#xA0;– Ein Papst büxt aus« genommen. Er ermöglicht es, einen unbefangenen Blick hinter die Kulissen der katholischen Kirche zu werfen. Die anfänglichen Befürchtungen des Vatikans, es könne ein kirchenkritischer Film entstehen, erwiesen sich als unbegründet, denn »Habemus Papam« zeigt tiefen Respekt vor dem katholischen Glauben.</p>
<p>Die Geschichte ist geschickt konstruiert. Es geht es um die Frage, was passiert, wenn ein Papst&#xA0;– schön gespielt von dem 85-jährigen französischen Darsteller Michel Piccoli&#xA0;– sein Amt nicht annimmt. Der gesamte Vatikan erstarrt im Schock: Die Kardinäle drängen ihn, einen Arzt zu konsultieren, sie lassen einen renommierten Psychoanalytiker kommen, doch auch er weiß keinen Rat. </p>
<p>Der Papst zieht sich in sein Zimmer zurück, schließlich soll es einen letzten Versuch geben: Er wird zu einer Psychologin in die Stadt ­geschickt und nutzt diese Gelegenheit, um zu fliehen. Mehrere Tage wandert der Papst nun durch die Großstadt. Die Begegnung mit fremden Menschen weckt längst vergessene Emotionen. Er erinnert sich an die Eltern, die Jugend und entdeckt seine alte Freude am Theater. </p>
<p>Bildet die Suche nach Freiheit den ­einen Pol des Films, so konzentriert sich ein zweiter Erzählstrang auf die Situation im Vatikan. Denn die Kardinäle dürfen die Gebäude so lange nicht verlassen, bis sich das gewählte Oberhaupt dem Volk gezeigt hat. </p>
<p>Um das Verschwinden des Papstes zu vertuschen, muss ein Schweizer Gardist das Zimmer hüten und gelegentlich am Vorhang rütteln. Selbst der Psychoanalytiker darf den Vatikan nicht verlassen. </p>
<p>Was aber tun gegen die Langeweile, die sich unter den wartenden Kardinälen ausbreitet? Erst wird gegessen, dann werden Spielkarten gezückt&#xA0;– und schließlich organisiert der Therapeut sogar ein Volleyball-Turnier.</p>
<p>Kardinäle und Päpste sind auch nur Menschen: Es ist diese schlichte Formel, die den Reiz und den Witz des Films ausmacht. Mit nachsichtigem Blick verfolgt die Kamera die Kardinäle: Der Eine mag nicht verlieren, der Nächste wird von ­Alpträumen verfolgt, die er mit starken Schlafmitteln bekämpft, ein Anderer raucht heimlich. </p>
<p>Und der Papst? Ist weder verwirrt noch altersschwach, sondern sehr klar in seinem Zweifel. Der Mann, der plötzlich Verantwortung über eine weltweite Religion bekommen soll, fühlt sich verloren und einsam. Das ist nachvollziehbar und verleiht der Figur ihre Stärke. </p>
<p>Der Film entfaltet mit seinen stillen Bildern eine große Kraft. Und er ist ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit und Menschlichkeit beim kirchlichen Bodenpersonal. 	</p>
<p><em>Rieke C. Harmsen</em></p>
<blockquote><p>
Ab 8. Dezember im Kino.</p></blockquote>
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		<title>Biblische Gaben: Gold, Liebe, Kinder</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Dec 2011 10:32:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de</dc:creator>
				<category><![CDATA[Glaube und Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Geschenktipps aus der Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst des Schenkens]]></category>
		<category><![CDATA[Uwe Birnstein]]></category>

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		<description><![CDATA[In vielen Facetten beleuchtet die Bibel die Kunst des Schenkens.
&#xA0;
Sie wissen noch nicht, was Sie Ihren Lieben schenken sollen? Die Bibel hat viele Tipps parat&#xA0;– und die stammen nicht nur von den »Heiligen Drei Königen«.
Eine Stimmung, ähnlich wie nach der Wahl Barak Obamas. Vor 2100 Jahren hieß der neu gewählte Herrscher Saul, das Volk jauchzte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5>In vielen Facetten beleuchtet die Bibel die Kunst des Schenkens.<br />
&#xA0;</h5>
<p><img src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2011/12/geschenk.jpg" alt="geschenk" title="geschenk" width="300" height="428" class="alignright size-full wp-image-4766" /><strong>Sie wissen noch nicht, was Sie Ihren Lieben schenken sollen? Die Bibel hat viele Tipps parat&#xA0;– und die stammen nicht nur von den »Heiligen Drei Königen«.</strong></p>
<p>Eine Stimmung, ähnlich wie nach der Wahl Barak Obamas. Vor 2100 Jahren hieß der neu gewählte Herrscher Saul, das Volk jauchzte ihm zu und skandierte freudetrunken: »Es lebe der König!« Eigentlich ein Anlass für viele Geschenke. Das dachte Saul wohl auch, nachdem er von Samuel zum allerersten König Israels gesalbt worden war. Nur einigen »ruchlosen Leuten« missfiel die Einführung des Königtums. »Was soll der uns helfen?«, fragten sie murrend. Und gaben ihm ohne Worte, aber um so deutlicher, zu verstehen, was sie von ihm hielten: »Und sie verachteten ihn und brachten ihm kein Geschenk.« (1.&#xA0;Samuel&#xA0;10)</p>
<p>Geschenke als Wiedergutmachung: Diese Strategie wollte Jakob gegenüber seinem Bruder Esau einsetzen. Zu einem schlechten Gewissen hatte er guten Grund: Mit einer List hatte er seinem älteren Zwillingsbruder den Erstgeburtssegen seines Vaters Isaak abgeluchst. Esau war dermaßen betrübt und sauer, dass er Jakob töten wollte. Der floh und wurde in der Fremde ein reicher Mann. Doch die unversöhnte Situation mit seinem Bruder ließ ihm keine Ruhe. Eines Tages stellte er riesige Tierherden zusammen, um mit ihnen Esau zu besänftigen. Als die beiden Brüder sich begegnen, fallen sie sich in die Arme und weinen vor Rührung. Der Wille Jakobs zur Versöhnung hätte Esau ­genügt, um zu verzeihen: »Ich habe genug, mein Bruder; behalte, was du hast!«&#xA0;(1.&#xA0;Mose&#xA0;32&#xA0;bis&#xA0;33,&#xA0;16)</p>
<p>Der Himmel hängt voller Glocken: nicht nur für Weihnachts-Enthusiasten, sondern auch für Verliebte. Zum Beispiel für Salomo und Sulamith, das herzig-hemmunglose Liebespaar im »Hohenlied«. Wunderschön und fantasievoll kleiden sie ihre Leidenschaft in Worte. Ihre Geschichte ist ein flammendes Plädoyer für die erotische Liebe. Sulamith lädt ihren Freund ein, die Nacht »unter Zyperblumen« zu verbringen und von da aus früh am Morgen aufzubrechen zu Weinbergen. »Da will ich dir meine Liebe schenken.« (Hohes Lied&#xA0;7,&#xA0;Vers&#xA0;13)</p>
<p>»Wer hat, dem soll gegeben werden«: Das mag sich die Königin von Saba gesagt haben, als sie Sachen für ihre Reise nach Jerusalem packte. Dort wollte sie endlich Salomo, den sagenumwobenen König Israels kennenlernen. Der lebte zwar schon in Saus und Braus – aber wer würde schon ein paar Zentner Gold und wertvolles Baumaterial ausschlagen? Mehrere Schiffe waren nötig, um das Holz zu transportieren, unzählige Kamele mühten sich mit den Geschenken ab. »Es kam nie mehr so viel Spezerei ins Land, wie die Königin von Saba dem König Salomo gab.« (1.&#xA0;Könige&#xA0;10,&#xA0;1 bis&#xA0;13)</p>
<p>Kaum ein anderer Wunsch kann so stark sein wie der nach Kindern. Viele Geschichten des Alten Testaments machen Hoffnung, dass vermeintliche Kinderlosigkeit nicht für immer bleiben muss. Allesamt stellen sie in den Vordergrund, dass es nicht Menschenwerk, sondern Gottes Sache ist, ob Kinder gezeugt und geboren werden. Kinder sind eines der eindrücklichsten Zeichen der geschenkten Gnade Gottes. »Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk.« (Psalm&#xA0;127,&#xA0;Vers)</p>
<p>Nur wen Schulden selbst mal drückten, kann die Erleichterung des Schuldners nachempfinden, dem sein Gläubiger 500&#xA0;Silbergroschen erlassen hat. Jesus verwendete diese Situation für ein Gleichnis. Im alten Israel war der Schuldenerlass eine feste Instution: Alle sieben Jahre wurde das »Erlassjahr« begangen, in dem sämtliche Schulden erlassen werden sollten. Auch zu Weihnachten würden sich wohl mehr über einen Schuldenerlass als über Verlegenheitsgeschenke freuen. »Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden.« (Lukas&#xA0;7,&#xA0;39 bis&#xA0;43) </p>
<p>Viel tragen wollten die drei Weisen aus dem Morgenland nicht, als sie aufbrachen und dem Stern folgten. Er würde ihnen zeigen, wo der Messias geboren ist. In Bethlehem finden sie »das Kindlein mit Maria, seiner Mutter«, sie fallen auf die Knie, beten Jesus an und überreichen ihm ihre symbolträchtigen Geschenke: Gold als Zeichen des wahren Reichtums; Weihrauch, ein weißes Baumharz, das im Jerusalemer Tempel als Rauchopfer dargebracht wurde; und Myrrhe, ein Balsam aus Baumharz, das als heiliges Salböl gilt. »Und (sie) fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.« (Matthäus&#xA0;2,&#xA0;1 bis&#xA0;11)</p>
<p>In erstaunlich vielen Facetten beleuchtet die Bibel die Kunst des Schenkens. Ihren Ursprung findet das Schenken im Opfer: Menschen schenken Gott ihre erste Ernte oder ihr erstgeborenes Vieh. Aber auch zwischen den Menschen erhält das Schenken einen hohen Stellenwert. Beispielsweise soll der Zehnte des Einkommens den Bedürftigen geschenkt werden. Wichtig bei alledem ist, so mahnt ein biblischer Weisheitsspruch, nicht mit einem Gegengeschenk zu rechnen: »Das Geschenk des Narren wird dir nicht viel nützen; denn mit einem Auge gibt er und mit sieben Augen wartet er, was er dafür bekommt.« (Jesus Sirach&#xA0;20, Vers&#xA0;14)</p>
<p><em>Uwe Birnstein</em></p>
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		<title>Nur der Tod befreit von den Schulden</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Dec 2011 21:54:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de</dc:creator>
				<category><![CDATA[Eine Welt]]></category>
		<category><![CDATA[Privatinsolvenz in Polen]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialer Abstieg]]></category>
		<category><![CDATA[Tadeusz Broś]]></category>

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		<description><![CDATA[Polen: Krankheit, Arbeitsverlust, überzogene Kredite&#xA0;– die Spirale des materiellen und sozialen Abstiegs.
&#xA0;

Polen gehört zwar nicht zur Euro-Zone, hat aber auch eine Krise. Denn immer mehr Menschen sind hoffnungslos überschuldet. Einer der prominentesten: der ­frühere Fernsehmoderator Tadeusz Broś.
ein Gesicht mit dem zuversichtlichen Lächeln erschien vor kurzem wieder in den Medien. So wollte er in Erinnerung bleiben. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><strong>Polen: </strong><em>Krankheit, Arbeitsverlust, überzogene Kredite&#xA0;– die Spirale des materiellen und sozialen Abstiegs.<br />
&#xA0;</em><br />
</h5>
<h5>Polen gehört zwar nicht zur Euro-Zone, hat aber auch eine Krise. Denn immer mehr Menschen sind hoffnungslos überschuldet. Einer der prominentesten: der ­frühere Fernsehmoderator Tadeusz Broś.</h5>
<p><div id="attachment_4787" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2011/12/Tadeusz-Bro_s.jpg" alt="Die Initialen an seiner Jacke erinnerten noch an einstige Glanzzeiten beim Staatsfernsehen: Tadeusz Broś." title="Tadeusz-Bro_s" width="300" height="537" class="size-full wp-image-4787" /><p class="wp-caption-text">Die Initialen an seiner Jacke erinnerten noch an einstige Glanzzeiten beim Staatsfernsehen: Tadeusz Broś.</p></div>Sein Gesicht mit dem zuversichtlichen Lächeln erschien vor kurzem wieder in den Medien. So wollte er in Erinnerung bleiben. Tadeusz Broś, der beliebte Fernsehjournalist der 80er- und 90er-Jahre ist <a href="http://www.tvp.pl/krakow/aktualnosci/spoleczne/pozegnanie-tadeusza-brosia/5585747">mit 62&#xA0;Jahren an ­einem Schlaganfall gestorben</a>. Millionen schauten seine Talkshows, am bekanntesten wurde er durch die Moderation von »Teleranek«, der Kindersendung des staatlichen Fernsehens TVP am Sonntagmorgen.</p>
<p>Doch der Tadeusz Broś der letzten Jahre verkörperte etwas ganz anderes – die Misere des neuen Polens: eine Verschuldung ohne Ausweg und ein sozialer Abstieg ohne Beispiel. Wer ihn in den letzten zwei Jahren traf, traf einen gebeugten Mann mit schlohweißem Haar und verfaulten Zähnen, der sich zum Interview auf eine Suppe einladen musste. Er revanchierte sich dann mit einem Foto aus alten, besseren Zeiten.</p>
<p>Schuld war der Alkohol, munkelten manche, Schuld haben die Schulden, meinte Broś. Vor einigen Jahren kaufte er sich eine Wohnung im Warschauer Stadtteil Praga, nahm dafür umgerechnet 50000 Euro Schulden auf. Dann wurde er länger krank, zudem hatte die rechtskonservative Partei »Recht und Gerechtigkeit« 2006 das Staatsfernsehen übernommen, und diese warf missliebige Redakteure hinaus.</p>
<p>Nach seiner Entlassung im Jahre 2007 fand er keine Arbeit mehr beim Fernsehen. Er, der mit dem Staatsfernsehen Reisereportagen in der ganzen Welt gedreht hatte, lebte einfach weiter auf der Überholspur, überzog Kreditkarten und kam den Zinszahlungen nicht nach. »Wenn Du nicht zahlst, wirst Du’s bereuen«, leuchtete es schließlich in roten Lettern aus den Mahnbriefen der Inkassofirmen.</p>
<p>Er bereute längst. Die Schulden waren auf umgerechnet 150.000&#xA0;Euro angewachsen. Er verdingte sich als Taxifahrer, Wachmann, im Supermarkt. Dort lernte er die Realitäten dieser Jobs kennen&#xA0;– die Demütigung, an ­einer Kasse zu stehen und bei der Abrechnung beschissen zu werden. Zuletzt arbeitete er in einem Callcenter. </p>
<p>Viele Menschen, denen er begegnete, glaubten ihm die Not nicht, sondern witterten versteckte Kameras. Jemand aus der Fernsehwelt konnte einfach nicht so tief absteigen.</p>
<p>In einer Sache stand er noch einmal ein wenig in der Öffentlichkeit&#xA0;– Broś war der erste Pole, der Privatinsolvenz anmeldete, und einer der wenigen Schuldner, der öffentlich dazu stand, einer zu sein. </p>
<p>Dabei sind es viele: Über zwei Millionen Polen haben mittlerweile Schwierigkeiten, geliehenes Geld zurückzahlen. Das Volumen der rückständigen Kredite ist innerhalb von zwei Jahren von rund drei Milliarden Euro&#xA0;(2009) auf acht Milliarden angewachsen.</p>
<p>Schuldner in Polen können seit zwei Jahren Privatinsolvenz anmelden. Doch die Prozedur gilt als eine der komplexesten und restriktivsten in Europa, so die Zeitung »Gazeta ­Wyborcza«. Darum haben angeblich bislang nur zwanzig Polen die Privatinsolvenz durchsetzen können.</p>
<p>Weitaus sichtbarer als die Hilfsangebote ist landauf landab die Verführung: Spots, in denen Konsum-Kredite wie Schokoriegel angeboten werden, dominieren noch immer die TV-Reklame. Es wird Schnelligkeit und Unkompliziertheit versprochen, wenn auch die Banken mit der Kreditvergabe nun etwas vorsichtiger agieren.</p>
<p>Tadeusz Broś, der Kredite mit Krediten bezahlte, gab auch der Werbung eine Teilschuld an seinem Schicksal, ein sogenannter »Lebenslänglicher« zu sein: »Nur der Tod«, meinte er letztes Jahr, »macht ein Ende mit meiner Verschuldung.« Vor wenigen Wochen hat sich seine Ahnung erfüllt.</p>
<p><em>Jens Mattern</em></p>
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		<title>Was dem Papst Angst macht</title>
		<link>http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/2011/12/02/was-dem-papst-angst-macht/</link>
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		<pubDate>Fri, 02 Dec 2011 10:31:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Blickpunkt]]></category>
		<category><![CDATA[Benedikt XVI]]></category>
		<category><![CDATA[Christoph Demke]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Luther 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Rainer Woelki]]></category>
		<category><![CDATA[Viola ­Kennert]]></category>

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&#x202F;
Einwurf: Können Protestanten nicht zuhören?
 Anmerkungen zum Papstbesuch.

em>Der Deutschlandbesuch von Papst Benedikt&#xA0;XVI. und seine Reden wurden von vielen als enttäuschend bezeichnet. Doch ist diese Einschätzung wirklich berechtigt?
Bei vielen Reaktionen auf die Reise des Papstes hat man den Eindruck, sein Reden und Verhalten werden nach dem Testbogen bewertet, den unsere Hoffnungen und Ängste, unsere Enttäuschungen und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4782" class="wp-caption alignnone" style="width: 590px"><img src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2011/12/papstbesuch.jpg" alt="Reden und Hören: Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster im Vieraugen-Gespräch mit Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. (Foto: picture alliance/Guido Bergmann)" title="papstbesuch" width="580" height="386" class="size-full wp-image-4782" /><p class="wp-caption-text">Reden und Hören: Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster im Vieraugen-Gespräch mit Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. (Foto: picture alliance/Guido Bergmann)</p></div>
<h5>
&#x202F;<br />
<strong>Einwurf: </strong>Können Protestanten nicht zuhören?<br />
<em> Anmerkungen zum Papstbesuch.<br />
</em></h5>
<p><div id="attachment_4750" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><img src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2011/12/demke.jpg" alt="Christoph Demke war 1983 bis 1997 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen und im Lutherjahr 1983 Sekretär des kirchlichen Lutherkomitees." title="demke" width="200" height="376" class="size-full wp-image-4750" /><p class="wp-caption-text">Christoph Demke war 1983 bis 1997 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen und im Lutherjahr 1983 Sekretär des kirchlichen Lutherkomitees.</p></div><em><strong>Der Deutschlandbesuch von Papst Benedikt&#xA0;XVI. und seine Reden wurden von vielen als enttäuschend bezeichnet. Doch ist diese Einschätzung wirklich berechtigt?</strong></em></p>
<p>Bei vielen Reaktionen auf die Reise des Papstes hat man den Eindruck, sein Reden und Verhalten werden nach dem Testbogen bewertet, den unsere Hoffnungen und Ängste, unsere Enttäuschungen und unsere Resignation zusammenstellt: Wo hat er unsere positiven oder negativen Erwartungen erfüllt? Entsprechend bekommt er Plus- und Minuspunkte. Neues können wir so natürlich nicht erfahren. Wie wäre es denn, wenn wir den Papst einmal ausreden ließen? Was bekommen wir dann zu hören?</p>
<p>Im Kapitelsaal des Augustinerklosters in Erfurt hat der Papst zwei Herausforderungen genannt, vor denen die »klassischen Konfessionskirchen« stehen. Und angesichts derer wir gemeinsam gerufen sind, uns der Grundlagen unseres Glaubens im biblischen Zeugnis und in den altkirchlichen Bekenntnissen zu vergewissern. Das eine ist die Herausforderung durch den »Säkularisierungsdruck«. Das andere sind die neuen Formen von ­Christentum, die eine »manchmal beängstigende missionarische Dynamik« entwickeln und die uns »ratlos« machen.</p>
<p>Ich denke, in beiden Fragen können wir Evangelischen uns nicht als glückliche Besitzer der Antworten aufführen. Wir sollten den Appell Benedikt&#xA0;XVI. aufnehmen, »uns gegenseitig helfen: tiefer und lebendiger zu glauben. Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube«. </p>
<p>Präses Schneider konnte das mit der von ihm mit Recht favorisierten Rede von der »Ökumene der Gaben« (und nicht der Profile!) aufnehmen. Der neue katholische Erzbischof von Berlin, Rainer Woelki, beförderte in seiner Grußansprache zum Reformationstag am 31.&#xA0;Oktober in der Berliner Marienkirche das »gegenseitig« sogar zum Hauptwort. Er sprach von der »aufrichtigen Gegenseitigkeit (also: auf Augenhöhe?) in der Ökumene«. In einer Ökumene, die »notwendiger Weise auch die Orthodoxie und die ­Freikirchen einschließt, zusammen mit einem wachen Blick auf geistliche Entwicklungen in der Weltchristenheit«.</p>
<p>Ich bin nicht kundig genug, um diese neuen Entwicklungen jetzt genauer zu beschreiben. Man hängt ihnen das Etikett »charismatisch« an. Die Beschreibung, die der Papst im Kapitelsaal des Augustinerklosters gegeben hat (geringe institutionelle Dichte und Stabilität, mit wenig rationalem und noch weniger dogmatischem Gepäck), ruft bei mir die Frage wach: Haben die »beängstigenden« missionarischen Entwicklungen damals in Damaskus oder Antiochia die ersten Christen in Jerusalem nicht ähnlich ratlos gemacht?</p>
<p>Jedenfalls hat das gar nicht nach irgendeinem Masterplan gesteuerte Entstehen heidenchristlicher Gemeinden, die so viele der vertrauten Riten nicht ­befolgten, nicht nur die Judenchristen ­erschreckt (siehe Apostelgeschichte&#xA0;10, Vers&#xA0;45), sondern auch zu einer&#xA0;– um mit dem Papst zu formulieren&#xA0;– »neuen Form des Christentums«&#xA0;– geführt. Der theologische und kirchenleitende Einsatz des Apostels Paulus ist ganz maßgeblich der Grund dafür, dass die Christenheit damals nicht auseinanderdriftete. </p>
<p>Stehen wir vor neuen, aber in der Struktur in ­vielen Punkten ähnlichen Entwicklungen und Verwandlungen der Christenheit? Werden sich unsere Kirchen darauf einlassen, die Wunder des Geistes (siehe noch einmal Apostelgeschichte&#xA0;10, Vers&#xA0;45-46) zu riskieren?</p>
<p>In den Reden des Papstes treten die klassischen konfessionellen Streitpunkte (Amt, Eucharistie und Kirchenverständnis) faktisch vor diesen aktuellen Herausforderungen zurück. Bei der Grußansprache von Erzbischof Woelki wird das noch deutlicher, wenn er im Blick auf die traditionellen Streitthemen einerseits sagte: »Zu hoffen, dass die jeweils anderen unsere Weise zu denken und unsere Weise zu glauben irgendwann schließlich doch übernehmen, das führt uns alle und die Ökumene in eine Sackgasse, entweder in Selbstgenügsamkeit oder Ratlosigkeit.«</p>
<p>Andererseits stellte er dann, im Blick auf die erst zu erahnenden Entwicklungen in der Weltchristenheit fest: »Auf diese Weise kann der Geist Gottes stärker wirken, unsere Denkformen und Strukturen im Sinne Christi umgestalten und verflüssigen – mehr und anders als wir es selbst vermögen und erwarten.« Er schloss mit dem Satz, dass er sich freue, mit uns auf dem »nicht vorhersehbaren Weg der ecclesia semper reformanda (der sich ständig reformierenden Kirche – die Red.) unterwegs zu sein, dem einen Herrn Jesus Christus entgegen.«</p>
<p>In beeindruckender Nachdrücklichkeit hat der Papst die Frage Luthers nach einem gnädigen Gott als wichtigen Eingang zu einem gewissen Glauben hervorgehoben. </p>
<p>Aber – und das ist das andere, was den Papst besorgt, ja ängstigt: »Wen kümmert das (Luthers Frage) eigentlich heute&#xA0;– auch unter Christenmenschen?« Gibt es in der abendländischen Christenheit Entwicklungen, die merkwürdig ähnlich sind den neuen Formen eines charismatischen Christentums, die sich in Afri­ka und anderen Weltteilen ausbreiten?</p>
<p>Kann man sagen, dass die klassischen Konfessionskirchen, also wir Abendländer, im Denken und in unseren Riten in einer Erlösungsreligion zu Hause sind, während nun eine christliche Religion des Lobpreises und der Dankbarkeit ­heraufdämmert, deren Eingangstor nicht Luthers Frage, »wie bekommen ich einen gnädigen Gott«, ist? Vielleicht ist es weniger das Erschrecken über die Übermacht der Sünde als vielmehr die Anfechtung durch die Erfahrungen der Ohnmacht der Liebe, die heute viele Menschen in der Kirche und vor der Kirche bewegt. Oder sind beides dieselben Fragen?</p>
<p>Die EKD-Synode hat in diesem Jahr ­erneut über den missionarischen Auftrag der Gemeinde Jesu Christi nachgedacht mit dem Schwerpunktthema: »Was hindert’s, dass ich Christ werde?« Der Vorbereitungsausschuss hatte drei gewissermaßen »Zeugen« gewonnen, die aus ihrem Leben mit wohltuendem Freimut erzählten, wie sie auf diese Frage geantwortet haben bzw. jetzt antworten würden. </p>
<p>Die Synode hatte große Schwierigkeiten, das, was da zu ­hören war, aufzunehmen bis dahin, dass die Berliner Synodale Viola ­Kennert in ihrem Redebeitrag zunächst ihre Mitsynodalen fragte, ob sie denn nicht zugehört hätten?</p>
<p>Welches sind die Fragen, die den Zugang zum Glauben an Jesus Christus aufschließen? Wie kann die Aufforderung, nein besser der Wunsch des Papstes, dass die Frage nach dem gnädigen Gott, die Luther so bedrängte, »wieder neu und gewiss in neuer Form auch unsere Frage wird«, aufgenommen werden?</p>
<p>In der Tat: Für eine Protestanten und Katholiken vereinende, gemeinsame Vorbereitung des Jubiläumsjahres 2017 hat der Besuch von Benedikt XVI. genügend Anstöße gegeben. Jedenfalls sollte sein Besuch dazu helfen, in den Schritten auf 2017 zu uns nicht bloß mit jährlich neuen Schwerpunkten der weitreichenden und umfassenden Bedeutung der Reformation zu vergewissern. Ein solches Konzept riecht trotz aller anders lautenden Beteuerungen nach Triumphalismus.</p>
<p><em>Christoph Demke</em></p>
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		<title>Im Liegerollstuhl an die Universität</title>
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		<pubDate>Mon, 24 Oct 2011 04:11:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Blickpunkt]]></category>
		<category><![CDATA[Christine Clauß]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Mosen]]></category>
		<category><![CDATA[Helmut Bartsch]]></category>
		<category><![CDATA[Otto Perl]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Reichert]]></category>

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		<description><![CDATA[Erinnert: Wegbereiter der Selbstbestimmung – vor 60 Jahren starb Otto Perl, Gründer des ersten Selbsthilfebundes Körperbehinderter.
&#xA0;
Lange wurden behinderte Menschen mehr schlecht als recht betreut. Der ­Gedanke der Selbstbestimmung und Teilhabe am »normalen« Leben entstand erst vor rund 100 Jahren in Mitteldeutschland.
&#xA0;
in erhitzter Sprung in den kalten Teich der Winkelmühle wirft Otto Perl 1895 grausam aus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><strong>Erinnert: </strong><em>Wegbereiter der Selbstbestimmung – vor 60 Jahren starb Otto Perl, Gründer des ersten Selbsthilfebundes Körperbehinderter.<br />
&#xA0;</em></h5>
<h5>Lange wurden behinderte Menschen mehr schlecht als recht betreut. Der ­Gedanke der Selbstbestimmung und Teilhabe am »normalen« Leben entstand erst vor rund 100 Jahren in Mitteldeutschland.<br />
&#xA0;</h5>
<p><div id="attachment_4451" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><img src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2011/10/Perl_Otto.jpg" alt="Am 27. Oktober 2011 jährt sich der ­Todestag von Otto Perl zum 60.&#xA0;Mal. Foto: epd-bild" title="Perl_Otto" width="250" height="214" class="size-full wp-image-4451" /><p class="wp-caption-text">Am 27. Oktober 2011 jährt sich der ­Todestag von Otto Perl zum 60.&#xA0;Mal. Foto: epd-bild</p></div>Ein erhitzter Sprung in den kalten Teich der Winkelmühle wirft Otto Perl 1895 grausam aus der Bahn. Der Landwirtssohn aus dem sächsischen Dorf Wildenhain ist 13&#xA0;Jahre alt. Seine Gelenke entzünden sich und versteifen unaufhaltsam. Das Kind wird, so der Sprachgebrauch, zum Krüppel. </p>
<p>Doch der intelligente Junge gibt sich nicht auf, macht mit 37&#xA0;Jahren Abitur, schafft es im Liegerollstuhl auf die Universität. 1919 gehört der Sachse zu den Gründern des ersten Selbsthilfebundes für Körperbehinderte in Deutschland. Am 27.&#xA0;Oktober jährt sich sein Todestag zum 60.&#xA0;Mal.</p>
<p>Perl wird am 19.&#xA0;Oktober 1882 geboren. Seine Eltern Gottlob und Rosine Perl bewirtschaften einen kleinen Hof. Das Ehepaar bekommt zehn ­Kinder, doch nur vier überleben. </p>
<p>Mit 46&#xA0;Jahren stirbt die Mutter, die den schwerbehinderten Otto aufopfernd betreute. Ein Schock: Sie war die »stille trostvolle Priesterin meiner Seele«, schreibt Perl. </p>
<p>Der Vater muss seinen Besitz verkaufen, um die Zuschüsse für die Heimunterbringung des Sohnes bezahlen zu können. Der 17-Jährige Otto kommt ins städtische Siechenhaus nach Halle. </p>
<p>Dort wird er nach den Worten seines späteren Förderers Hermann Rassow »mit dem Auswurf der Menschheit,&#xA0;(…) mit Zuhältern, Morphinisten usw. (zusammengepfercht), die sich ihrer Laster noch rühmten«.</p>
<p>Es ist der Auftakt einer jahrzehntelangen Odyssee durch verschiedene Fürsorgeeinrichtungen, in denen der wissbegierige Mann keinerlei Förderung erfährt. Doch in Wittenberg hat Perl Glück. </p>
<p>Er begegnet Hermann ­Rassow, später Oberstudiendirektor in Potsdam, der ihn nach Kräften unterstützt. Im Oberlinhaus im heutigen Potsdamer Stadtteil Babelsberg kann der Gelähmte seine Selbststudien ­vertiefen und macht im März&#xA0;1919 als Externer vom Bett aus Abitur, »wobei ihm nichts geschenkt wurde«, wie Rassow anmerkt.</p>
<p>Mit dessen finanzieller Hilfe schafft Perl es auf die Universität, schreibt sich 1922 in Berlin an der Philosophischen Fakultät ein. Die Vorlesungen in Philosophie und Volkswirtschaft hört er im Stehen, »an einen Pfeiler gelehnt«.</p>
<p> Dann stoppt die Inflation jäh Perls Unibesuch: Der Pädagoge Rassow ist nicht mehr in der Lage, die Kosten zu tragen.</p>
<p>Die Zustände in den Verwahranstalten lassen Perl für Reformen streiten. In Aufsätzen und Vorträgen tritt er für das Recht Behinderter auf Selbstbestimmung ein. </p>
<p>1919 gründet er mit Friedrich Malikowski, Hans Förster und Marie Gruhl den Selbsthilfebund körperbehinderter Menschen. </p>
<p>In Gotha erscheint 1926 Perls Buch »Krüppeltum und Gesellschaft im Wandel der Zeit«. Perl und seine Mitstreiter fordern nicht nur die »materielle und politische Unabhängigkeit von der Fürsorge«, sie gründen auch Arbeitsbetriebe für Körperbehinderte, darunter eine Buchbinderei, Kunstgewerbewerkstätten sowie Schneidereien und Wäschereien.</p>
<h5>&#xA0;<br />
<em>»Das Kuckucksei im Nest unserer Krüppel«<br />
&#xA0;</em><br />
</h5>
<p>Dieser Ansatz schreckt die Vertreter institutioneller Fürsorge auf. Sie fürchten, dass der Perl-Bund ihnen angestammte Kompetenzen streitig macht. Schriftwechsel aus der damaligen Zeit dokumentieren die heftigen Konflikte. </p>
<p>So schreibt der Leiter der Pfeifferschen Anstalten in Magdeburg-Cracau, Pfarrer D. Martin Ulbrich im Oktober&#xA0;1919 dem Direktor des Zentralausschusses der Inneren Mission (Vorgänger der heutigen Diakonie), Gerhard Füllkrug, die Gründer des Perl-Bundes seien »unklare Fantasten mit eitlem Einschlag«&#xA0;(…), die ganz Deutschland, das sie unter dem Blickwinkel des Krüppels betrachten, zu ihrer Domäne machen (möchten).&#xA0;(…) Ich warte ab, was aus dem Kuckucksei, das in das Nest unserer Krüppel gelegt ist, kriechen wird.«</p>
<p>Perl geht nicht als unbestrittener Vordenker der Selbsthilfebewegung in die Sozialgeschichte ein, weil auf seinem Werk ein Schatten liegt. Geistig Behinderte grenzt er systematisch aus seinen Emanzipationsüberlegungen aus. Aus seiner Sicht müssen »Idioten und Psychopathen« von jeglicher ­Förderung ausgeschlossen bleiben.</p>
<p>Damit rückt Perl in die Nähe sozialdarwinistischer Vorstellungen.</p>
<p>Dennoch sind seine Ideen nicht vergessen: »Es ist gut, sich daran zu ­erinnern, dass Solidarität keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ­politischer und gesellschaftlicher Wille. Perl hat diesen Prozess mitangestoßen und einen Teil zu unserer Solidargemeinschaft beigetragen«, sagt Günter Mosen, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. </p>
<p>Und Peter Reichert vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter ergänzt: »Die Wurzeln der Selbsthilfebewegung in Deutschland liegen in Sachsen und haben einen Namen: Otto Perl.«</p>
<p>Der Geist des Selbsthilfe-Pioniers lebt auch an anderer Stelle weiter: 1993 gründet der Freistaat Sachsen die <a href="http://www.soziales.sachsen.de/3999.html">»Stiftung Sächsische Behindertenhilfe&#xA0;– Otto Perl«</a>. Sie leistet einmalige Hilfen an Behinderte in Notlagen und unterstützt Bildung und Begegnung von Menschen mit Handicap. </p>
<p>»Otto Perl scheint mir auch heute noch eine gute Wahl als Namenspatron zu sein«, betont die Stiftungsvorsitzende und Sächsische Staatsministerin für Soziales, Christine Clauß (CDU). »Viele seiner Forderungen sind noch heute erstaunlich aktuell.«</p>
<p>In Wildenhain hatten sich dessen Spuren in den Gründerjahren der DDR verloren. Helmut Bartsch, Pfarrer im Ruhestand, beginnt Anfang der 80er-Jahre, seinen Werdegang nachzuzeichnen. 1982, Perls 100.&#xA0;Geburtstag, wird in einer Feierstunde auf dem Friedhof erstmals dessen Wirken öffentlich gewürdigt.</p>
<p><em>Dirk Baas</em></p>
<blockquote><h3>Buchtipp:</h3>
<p>Heiden, H.-Günter; Simon, Gerhard; Wilken, Udo: Otto Perl und die Entwicklung von Selbstbestimmung und Selbstkontrolle in der Körperbehinderten-Selbsthilfebewegung<br />
Die Broschüre ist erhältlich gegen Einsendung eines mit 1,45&#xA0;Euro frankierten und adressierten Rückumschlages beim <a href="http://www.bsk-ev.org/">Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V.,</a> Altkrautheimer Straße&#xA0;20, 74238&#xA0;Krautheim.</p></blockquote>
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		<title>Geburtsurkunde mit Verfallsdatum?</title>
		<link>http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/2011/10/22/geburtsurkunde-mit-verfallsdatum/</link>
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		<pubDate>Sat, 22 Oct 2011 12:30:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de</dc:creator>
				<category><![CDATA[Glaube und Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Gottes Wille]]></category>
		<category><![CDATA[Karl-Adolf Zech]]></category>
		<category><![CDATA[Prinzipien zur langen Lebensteilhabe]]></category>
		<category><![CDATA[Walter Bortz]]></category>

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		<description><![CDATA[Unsere Gesundheit liegt in Gottes Hand&#xA0;– aber auch in&#xA0;unserer&#xA0;Verantwortung.
&#xA0;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5>Unsere Gesundheit liegt in Gottes Hand&#xA0;– aber auch in&#xA0;unserer&#xA0;Verantwortung.<br />
&#xA0;</h5>
<div id="attachment_4465" class="wp-caption alignright" style="width: 270px"><img src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2011/10/Sport.jpg" alt="Dass wir älter werden, können wir  nicht verhindern. Das Wie aber können  wir ein gutes Stück&#xA0;beeinflussen. Foto:&#xA0;Begsteiger" title="Sport" width="260" height="390" class="size-full wp-image-4465" /><p class="wp-caption-text">Dass wir älter werden, können wir  nicht verhindern. Das Wie aber können  wir ein gutes Stück&#xA0;beeinflussen. Foto:&#xA0;Begsteiger</p></div> 
<p>Haben Geburtsurkunden ein Verfallsdatum? Diese provozierende Frage stammt von Walter Bortz, einem bekannten US-amerikanischen Arzt und Alternsforscher. Er will dazu anstiften, die eigene Lebensfrist nicht pessimistisch, sondern sehr optimistisch anzusetzen. </p>
<p>Ist das einfach nur typisch amerikanisch? Klar, es geht nicht bloß um ein längeres Leben, sondern um ein möglichst teilhabendes und selbstständiges, »gesünderes« Altern.</p>
<p>Bei diesem Thema lassen wir uns in der Christenheit oft von einem ­unglaublichen Fatalismus leiten, der uns eigentlich fremd sein sollte. </p>
<p>Auf einen Brunnen kommt&#xA0;– zumindest in unserem Kulturkreis&#xA0;– selbstverständlich ein Deckel, damit das Kind nicht hineinfällt. </p>
<p>Und niemand würde im Ernstfall sagen: Es war halt Gottes Wille. Wir wissen, dass das unsere ­Verantwortung ist.</p>
<p>Bei Gesundheit und Lebenserwartung dagegen sagen viele: Es kommt ohnehin so, wie Gott es will. Selbst Einfluss nehmen zu wollen, gilt als vermessen. </p>
<p>Ein Pfarrer witzelte vor ­einiger Zeit sogar, dass man dem lieben Gott nicht die Chance nehmen sollte, uns frühzeitig zu sich holen zu können – und zündete sich eine ­Zigarette an.</p>
<p>Apropos: Ist Tabak kein Thema für die Gemeinde, die Seelsorge? Klar, alle wissen, was sie sich mit dem ­Rauchen antun. Und niemand will dem anderen zu nahe treten. Aber es führt auch in große Abhängigkeit, also Unfreiheit, zu der Christen nicht berufen sind. </p>
<p>Ein offenherziger Freund sprach selbst immer von »Versklavung«, wenn er diesem Zwang nachgeben musste. Er starb »vor seiner Zeit«, wie so viele.</p>
<p>Gottes Wille? – Wir sollten darüber reden. </p>
<p>Walter Bortz, selbst schon über 80 Jahre alt, nennt vier Prinzipien, die uns zu einer langen Lebensteilhabe verhelfen können. </p>
<p><strong>Da sei erstens die aktive Teilnahme am Leben:</strong> Sich nicht zurückziehen, neugierig bleiben, sich neue geistige, spirituelle, körperliche und soziale Herausforderungen verordnen&#xA0;– und sich nicht »unterkriegen« lassen. Denn wenn wir fallen, sei das Wiederaufstehen umso wichtiger. So können wir unsere Potenziale, unsere Lebensmöglichkeiten, erhalten.</p>
<p><strong>Zweitens kommt es auf die innere Haltung an. </strong>Wir müssen uns selbst ­etwas zutrauen, müssen uns eigene Ziele setzen und etwas daransetzen, diese dann auch zu erreichen. Wir brauchen Reserven, um jeden Tag durchzustehen und für Zeiten, wo es uns nicht so gut geht.</p>
<p><strong>Drittens Training. </strong>Wir können unsere körperlichen Fähigkeiten durch Training erhalten, und das ist nachweislich gleichbedeutend mit stabilerer Gesundheit. Dazu gehören Ausdauer und Kraft, aber auch Gleichgewichtssinn. Bortz bringt es auf den Punkt: Unsere wichtigsten Organe seien nicht Herz, Lunge oder Nieren, sondern unsere Beine! Warum? Vierzig Prozent unserer Muskulatur stecken in ihnen. Daher haben sie eine Schlüsselrolle im Stoffwechsel, beim Herz-Kreislauf-System, bei der Gehirngesundheit und der Erhaltung der Mobilität!</p>
<p><strong>Und schließlich die Nahrung.</strong> Angemessen gesundes Essen ist nötig. Bortz verweist gern auf einen Zoo. Dort wird sehr genau auf das Futter geachtet, weil die Tiere im Gehege nicht die gleichen körperlichen Herausforderungen meistern müssen wie in freier Wildbahn. Je größer die Bewegungsarmut, desto wichtiger ist angemessenes Essen. Je mehr freilich unser Stoffwechsel durch Training angekurbelt ist, desto entspannter können wir auch essen.</p>
<p>Doch wozu das alles? Sind das nicht »vorletzte Dinge« (Bonhoeffer)? </p>
<p>Der Kirchenvater Thomas von Aquino (1225–1274) sagte, Gesundheit sei weniger ein Zustand als eine Haltung, und sie gedeihe mit der Freude am Leben. </p>
<p>Und solche Freude steht uns als Kinder Gottes gut. 	</p>
<p><em>Karl-Adolf Zech </em></p>
<blockquote><p>
Der Autor, Dr. rer.nat. Karl-Adolf Zech, arbeitet als Präventologe in Berlin.<br />
<a href="http://www.robust-altern.de">www.robust-altern.de</a></p></blockquote>
]]></content:encoded>
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		<title>Eine Stadt ganz im Zeichen der Renaissance</title>
		<link>http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/2011/10/16/eine-stadt-ganz-im-zeichen-der-renaissance/</link>
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		<pubDate>Sun, 16 Oct 2011 21:18:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Albrecht Steinwachs]]></category>
		<category><![CDATA[Johannes Eccard]]></category>
		<category><![CDATA[Los Otros]]></category>
		<category><![CDATA[Oni Wytars]]></category>
		<category><![CDATA[Paul Eber]]></category>
		<category><![CDATA[Renaissance-Musikfestival Wittenberg]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Höhne]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Lutherstadt feiert vom 23. bis 31.&#xA0;Oktober die Musik der Renaissance. Und ­gedenkt dabei des Liederdichters und Reformators Paul Eber.
Als Multitalent bezeichnet der ­frühere Wittenberger Superintendent, Albrecht Steinwachs, Paul Eber, dem in diesem Jahr die »Nacht davor« im Rahmen des sechsten Witten­berger Renaissance-Musikfestivals gewidmet ist. Eber, vor 500&#xA0;Jahren in Kitzingen geboren, war Gelehrter, Naturwissenschaftler, Prediger [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2011/10/Wittenberg-Logo.jpg" alt="Wittenberg-Logo" title="Wittenberg-Logo" width="590" height="163" class="alignleft size-full wp-image-4437" />Die Lutherstadt feiert vom 23. bis 31.&#xA0;Oktober die Musik der Renaissance. Und ­gedenkt dabei des Liederdichters und Reformators Paul Eber.</p>
<p>Als Multitalent bezeichnet der ­frühere Wittenberger Superintendent, Albrecht Steinwachs, Paul Eber, dem in diesem Jahr die »Nacht davor« im Rahmen des sechsten Witten­berger Renaissance-Musikfestivals gewidmet ist. Eber, vor 500&#xA0;Jahren in Kitzingen geboren, war Gelehrter, Naturwissenschaftler, Prediger und wichtiger Vertreter der Reformation in Wittenberg. Darüber hinaus ging er als Liederdichter in die Geschichte ein. Etwa findet sich im Evangelischen Gesangbuch bis heute »Wenn wir in höchsten Nöten sein«&#xA0;(EG&#xA0;366). </p>
<p>Es gilt als großes Trostlied, für Steinwachs spiegelt es wahrscheinlich auch Ebers eigene Situation wider. Der war infolge eines Sturzes vom Pferd in seiner Kindheit nicht nur selbst ein gesundheitlich angeschlagener Mann, sondern verlor auch fünf seiner 13&#xA0;Kinder sehr früh. Ein Jahr vor dem eigenen Tod 1569 starb Ebers »innig geliebte« Frau Helene, der er ebenfalls ein Lied gewidmet hatte.</p>
<p>Begleitet von Musik und wissenschaftlichen Vorträgen soll also am 30.&#xA0;Oktober, dem Vorabend zu den Reformationsfeierlichkeiten in Wittenberg, im Lutherhaus das Leben Paul Ebers beleuchtet und ein Einblick in sein umfangreiches Schaffen gegeben werden. </p>
<p><div id="attachment_4435" class="wp-caption alignright" style="width: 410px"><img src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2011/10/Wittenberg.jpg" alt="Einblick in höfische Vergnügungskultur bietet am 29. Oktober der 1.&#xA0;Renaissancetanzball im prächtigen Festsaal des ­alten Wittenberger Rathauses. (Foto: epd-bild)" title="Wittenberg" width="400" height="249" class="size-full wp-image-4435" /><p class="wp-caption-text">Einblick in höfische Vergnügungskultur bietet am 29. Oktober der 1.&#xA0;Renaissancetanzball im prächtigen Festsaal des ­alten Wittenberger Rathauses. (Foto: epd-bild)</p></div>Eröffnet wird das von dem Lautenisten und Chef der Wittenberger Hofkapelle, Thomas Höhne, im Jahr 2005 gegründete Festival bereits am 23.&#xA0;Oktober. </p>
<p>Zum Auftakt präsentieren die Klangspezialisten des Ensembles Oni Wytars in der Schlosskirche »The Praise of Folly«. In dieser Hommage an die Kompositionsform der Folia, die für ziemlich übermütige Ausgelassenheit steht, erklingen neben volkstümlichen Liedern auch Klassiker von Vivaldi und Corelli. </p>
<p>Mit zwei Echo-Klassik-Preisträgern, dem Ensemble Los Otros und der Lautten Compagney Berlin, präsentiert das Festival Meister ihrer Kunst. Während Los Otros, das Erfolgstrio um die Gambistin Hille Perl, im Lutherhaus unter anderen in die Musik des barocken Spaniens eintaucht, widmet sich die Lautten Compagney in der Schlosskirche den Liedern von Johannes Eccard. Ein weiterer Höhepunkt ist das Konzert des ­Ensembles La Moresca, das mit Tanzmusik des 17.&#xA0;Jahrhunderts auf eine Neuheit im Programm verweist.</p>
<p>Richtig feierlich soll es am Festivalwochenende im Alten Rathaus werden, wenn Liebhaber Alter Musik und schöner Gewänder beim ersten Renaissance-Tanzball Einblick in die ­höfische Vergnügungskultur zur Zeit Friedrichs des Weisen bekommen sollen. Es geht darum, »Mitmachtänze der Renaissance« zu erlernen, kulinarische Gaumenfreuden werden in Aussicht gestellt sowie Schaukampfeinlagen der italienischen Fechtkunst und Schauspielintermezzi nach der Commedia dell’Arte. Höhne ist die Nachfrage nach diesem Ball schon seit Wochen enorm.</p>
<p>Neben solchen Veranstaltungspunkten widmet sich das Festival erneut der Förderung von Kinder- und Jugendprojekten. In diesem Rahmen wird das aus Bad Schmiedeberg stammende Jugendorchester Praetorius Consort in der katholischen Kirche Wittenberg gastieren. </p>
<p>In Kooperation mit dem Theaterjugendclub und der Musikschule Wittenberg soll ein musikalisch-literarischer Abend gestaltet werden, der die Dichtkunst Shakes­peares mit den Kompositionen Dowlands vereint. Zudem gibt es Workshops und eine Ausstellung historischer Instrumente. </p>
<p>Das Abschlusskonzert soll am 31.&#xA0;Oktober um 17&#xA0;Uhr in der St.-Andreas-Kirche von Eisleben stattfinden. Dann rückt noch einmal das »Multitalent« in den Mittelpunkt, wenn die Wittenberger Hofkapelle Lieder von Paul Eber zu Gehör bringt.</p>
<p>Schirmherr des Festivals, zu dessen Kooperationspartnern neben anderen die Stiftung Luthergedenkstätten und der Verein Wittenberg-Kultur gehören und das seit seiner Premiere immer weiter an Strahlkraft gewonnen hat und aus den Feierlichkeiten rund um den Reformationstag nicht mehr wegzudenken ist, ist in diesem Jahr Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh&#xA0;(SPD). </p>
<p>Für den Theologen ist Musik eine »wohltuende Unterbrechung des Alltags«. </p>
<p><em>Corinna Nitz</em></p>
<blockquote><p>
Karten können gebucht werden unter der Ticket-Hotline 0700/20082017, über E-Mail <a href="mailto:info@wittenberger-renaissancemusik.de">info@wittenberger-renaissancemusik.de</a> oder direkt im Internet: <a href="http://www.wittenbergticket.com">www.wittenbergticket.com</a></p></blockquote>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>»Ich träume von einem Bibelfrühling«</title>
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		<pubDate>Sat, 08 Oct 2011 07:32:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de</dc:creator>
				<category><![CDATA[Glaube und Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander Deeg]]></category>
		<category><![CDATA[Perikopenordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Reform des Perikopensystems]]></category>

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		<description><![CDATA[Welche Bibeltexte sollen im Gottesdienst vorkommen?
 Im Gespräch mit Alexander Deeg.
iblische Geschichten wie die von Hiob oder von Joseph und seinen Brüdern sind aus der abendländischen Kultur nicht wegzudenken. Dass sie im kulturellen Gedächtnis unserer Gesellschaft präsent sind, ist im entscheidenden Maße auch den Dichtern und Schriftstellern zu verdanken, die ihren Stoff für Romane der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><em>Welche Bibeltexte sollen im Gottesdienst vorkommen?</em><br />
 Im Gespräch mit Alexander Deeg.</h5>
<p><div id="attachment_4386" class="wp-caption alignright" style="width: 280px"><img src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2011/10/Hiob.jpg" alt="Der leidende Hiob in einer Darstellung von Albrecht Dürer: Das Buch Hiob gehört bisher nicht in den Reigen der sonntäglichen Predigttexte, obwohl sich mit der Figur des unschuldig Leidenden viele Menschen identifizieren können." title="Hiob" width="270" height="476" class="size-full wp-image-4386" /><p class="wp-caption-text">Der leidende Hiob in einer Darstellung von Albrecht Dürer: Das Buch Hiob gehört bisher nicht in den Reigen der sonntäglichen Predigttexte, obwohl sich mit der Figur des unschuldig Leidenden viele Menschen identifizieren können.</p></div>Biblische Geschichten wie die von Hiob oder von Joseph und seinen Brüdern sind aus der abendländischen Kultur nicht wegzudenken. Dass sie im kulturellen Gedächtnis unserer Gesellschaft präsent sind, ist im entscheidenden Maße auch den Dichtern und Schriftstellern zu verdanken, die ihren Stoff für Romane der Bibel entnahmen. </p>
<p>Die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern etwa inspirierte nicht nur Thomas Mann, sondern auch andere Literaten und Filmemacher. </p>
<p>Jakobs Kampf am Jabbok – ein Text, der das Ringen des Menschen mit Gott thematisiert – begegnet in vielen Gemälden.</p>
<p>Die Bibel gibt Antworten auf Fragen, sie fasziniert durch die Schönheit ihrer Sprache und durch ihre Weisheit. </p>
<p>Im Buch der Sprüche und beim Prediger Salomo etwa finden sich weise Gedanken für den Alltag. </p>
<p>Es ­ließen sich weitere Beispiele anführen, von biblischen Geschichten mit großem Bekanntheitsgrad und bemerkenswerter Wirkungsgeschichte, auch in die nichtchristliche Umgebung. In den Gottesdiensten kommen sie jedoch kaum vor, weil sie als Lese- und Predigttexte nicht vorgesehen sind.</p>
<p>Dass auf eine Figur wie Hiob, mit der sich viele Menschen, wenn sie unter Schicksalsschlägen leiden, identifizieren können, verzichtet wurde, ist für <a href="http://www.uni-leipzig.de/~prtheol/deeg/index.htm">Alexander Deeg, Professor für Praktische Theologie an der Univer­sität Leipzig</a> ein Stein des Anstoßes, den er gern aus dem Weg räumen möchte. </p>
<p>Deeg gehört einer zwölfköpfigen Kommission an, die an einer Reform des <a href="http://www.ekd.de/liturgische_konferenz/kalender/perikopenordnung.html">Perikopensystems</a> tüftelt. </p>
<p>Das Perikopensystem legt fest, welche Bibeltexte im Gottesdienst gelesen und gepredigt werden. Es ordnet jedem sonn- und feiertäglichen Gottesdienst die Lesungen für Epistel, Evangelium, Altes Testament sowie den Predigttext zu. In der evangelischen Kirche sind seit 1978 sechs Perikopenreihen im Gebrauch. Eine Reihe gilt jeweils für ein Kirchenjahr. </p>
<p>Im Rahmen dieser Perikopenordnung kommen sowohl in den Predigten als auch in den Lesungen die Evangelien und die neutestamentlichen Briefe häufig vor. Das Alte Testament hingegen sei viel zu selten vertreten, so Deeg. </p>
<p>Er erläutert die lange historische Entwicklung, in deren Verlauf das Alte Testament in den Gottesdiensten zurückgedrängt wurde. </p>
<p>»Jetzt sagen viele, uns ist das Alte Testament verloren gegangen und wir müssen ­einiges tun, um es wieder zurückzu­gewinnen. Es enthält Texte, die die Menschen heute brauchen, weil ihre Fragen darin aufgenommen werden.« </p>
<p>Überdies plädiert der Theologe dafür, dass Geschichten von Frauen, wie beispielsweise die von Ruth und der Richterin Debora, die bislang in den Perikopen nicht auftauchen, in Zukunft dort stärker repräsentiert sind.</p>
<p> Ebenso Texte, die nicht dem Mainstream zu entsprechen scheinen, etwa die abgründige Geschichte vom Tod der Aaronsöhne, die beide durch ein Feuer, das sie gelegt hatten, umkommen. (3. Mose, 10) Ein Bibelabschnitt, in dem sich die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes stellt.</p>
<p>Der Wunsch nach einer Revision der Perikopenordnung ist nicht neu. Vor etwa zwei Jahren habe die Evangelische Kirche in Deutschland, die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands und die Union Evangelischer Kirchen grünes Licht für die Reform gegeben.</p>
<p>»Es ist ein heikler Prozess, weil nicht ganz klar ist, in welche Richtung reformiert werden soll«, sagt Deeg. In der Pfarrerschaft und unter Kirchenmusikern gebe es eine hohe Zufriedenheit mit der bestehenden Leseordnung. Allerdings sei die Zufriedenheit regional unterschiedlich ausgeprägt. </p>
<p>»In Sachsen ist die Zufriedenheit am größten, der Wunsch, etwas zu verändern, deutlich am niedrigsten.« In den reformierten Gebieten Westdeutschlands hingegen sei die Zufriedenheit am geringsten, die Bereitschaft zu Reformen am größten, so Deegs Beobachtung.</p>
<p>»Ich persönlich hätte Lust zu einer mutigeren, größeren Reform, als sie sich jetzt abzeichnet«, merkt er an. Doch er weiß: »Es wird bestimmt ein schwieriger Prozess.«</p>
<p>Sein Wunsch ist, dass diejenigen Geschichten des Alten Testaments, die durch sprachliche Schönheit glänzen oder die eine große Lebensnähe aufweisen, in die neue Leseordnung aufgenommen werden. Kein leichtes Vorhaben, denn in der Bibel gilt jeder Text als wichtig, keiner ist überflüssig. </p>
<p>Wenn neue Abschnitte aufgenommen werden, müssen dafür andere wegfallen. Die Kommission nimmt jetzt ihre Arbeit auf und verfolgt das hehre Ziel, bis 2017 eine reformierte Perikopenordnung vorzulegen.</p>
<p>»Ich träume von einem Bibelfrühling«, sagt Deeg. Er wünscht sich, dass Menschen die Bibel aufschlagen und entdecken, dass die Geschichten ­darin etwas mit ihrem Leben zu tun haben. »Das wäre das Tollste, das Schönste. Wenn Leute Hiob oder andere Geschichten lesen und sagen: Ich hätte nicht gedacht, dass die Bibel solch ein aufregendes Buch ist.«</p>
<p><em>Sabine Kuschel</em></p>
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		<title>Die Wurzeln des Grauens</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Oct 2011 09:02:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de</dc:creator>
				<category><![CDATA[Eine Welt]]></category>
		<category><![CDATA[Aufarbeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgerkrieg in Guatemala]]></category>
		<category><![CDATA[Rodrigo Sic]]></category>

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		<description><![CDATA[h5>Guatemala: Die Aufarbeitung von Gewalt und Terror der Militärdiktatur ist noch lange nicht abgeschlossen.
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Vor 15 Jahren endete der ­blutige Bürgerkrieg in Guatemala. Er kostete mindestens 200.000&#xA0;Menschenleben. Ein ehemaliger Soldat bricht sein Schweigen und berichtet über seine Erlebnisse.
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Rodrigo Sic ist heute 46 Jahre alt. Seine Muttersprache ist Achí, eine der 22&#xA0;Mayasprachen, die bis heute in Guatemala [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_4348" class="wp-caption alignleft" style="width: 590px"><img src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2011/09/Soldaten.jpg" alt="Guatemaltekische Soldaten auf Patrouille in einem Armenviertel der Hauptstadt Guatemala-City. Auch 15 Jahre nach dem Bürgerkrieg sind die früheren Gewalttaten des Militärs im Kampf gegen echte oder vermeintliche Rebellen den Menschen gegenwärtig. (Foto:&#xA0;picture-alliance/dpa/Tomas&#xA0;Bravo)" title="Soldaten" width="580" height="386" class="size-full wp-image-4348" /><p class="wp-caption-text">Guatemaltekische Soldaten auf Patrouille in einem Armenviertel der Hauptstadt Guatemala-City. Auch 15 Jahre nach dem Bürgerkrieg sind die früheren Gewalttaten des Militärs im Kampf gegen echte oder vermeintliche Rebellen den Menschen gegenwärtig. (Foto:&#xA0;picture-alliance/dpa/Tomas&#xA0;Bravo)</p></div><br />
<h5><strong>Guatemala:</strong> <em>Die Aufarbeitung von Gewalt und Terror der Militärdiktatur ist noch lange nicht abgeschlossen.</em><br />
&#xA0;</h5>
<h5>Vor 15 Jahren endete der ­blutige Bürgerkrieg in Guatemala. Er kostete mindestens 200.000&#xA0;Menschenleben. Ein ehemaliger Soldat bricht sein Schweigen und berichtet über seine Erlebnisse.<br />
&#xA0;</h5>
<p>Rodrigo Sic ist heute 46 Jahre alt. Seine Muttersprache ist Achí, eine der 22&#xA0;Mayasprachen, die bis heute in Guatemala gesprochen werden. Er erinnert sich, dass er schon in seiner Jugend von der Mutter manchmal gewarnt wurde: »Heute darfst du nicht raus, weil die Soldaten Jungen fangen.« An solchen Tagen zog die Armee durch die Dörfer um Jugendliche zu »rekrutieren«.</p>
<p>Doch es half nichts: »Im Jahr 1982 kam ein Militärkommissar zu unserer Hütte und brachte einen Einberufungsbefehl.« Mit 700 anderen Jungen musste er sich vor dem Rathaus einfinden. </p>
<p>»Einen Tag und einen Nacht lang wurden wir eingesperrt. Draußen flehten die Mütter, dass sie ihnen ihre Söhne zurückgeben. Aber niemand schenkte ihnen Beachtung.« Mit LKWs ging es in eine Militärstation in die Stadt Salama. Dort begann für Sic ein Albtraum mit schreienden Vorgesetzen und brutalen Erniedrigungen.</p>
<h3>Schreiende Ausbilder und drakonische Strafen</h3>
<p>Ohne zu essen mussten die Rekruten stundenlang wie Enten laufen, auf den Knien mit den Händen auf den Schultern. Sie wurden in den Schlamm getreten, mit eiskaltem Wasser abgespritzt. »Das war die Begrüßung in der Armee. Viele wurden bewusstlos. Sie gaben uns Stiefel und alte Hemden. Jetzt waren wir Soldaten«, erzählt Sic.</p>
<p>»Ihr feigen Hühner! Indios! Guerilleros!«&#xA0;– schreiende Vorgesetze gehörten zum Ausbildungsalltag, ebenso wie drakonische Strafen. Und die Rekruten wurden in Foltertechniken ausgebildet. »Uns wurde gesagt: ›Wenn deine Mutter zu den kommunistischen Rebellen gehört, dann musst du sie töten.‹« </p>
<p>Der Grundsatz lautete: »Befehle werden nicht diskutiert, sondern ausgeführt.«</p>
<h3>Mit Gewalt und Terror gegen vermeintliche Feinde</h3>
<p>Drei Monate dauerte für Sic und seine Kameraden das »Training«, das vor allem aggressive Kämpfer aus ihnen machen sollte. Dann wurde Sic in den Ort Mazatenango versetzt. Dort sollten die Soldaten fünf Tage lang durch die Wälder ziehen und nach dem Feind, nach »Rebellen« suchen. </p>
<p>Doch es wurden drei Monate Kampfeinsatz daraus.</p>
<p>Erschütternde Szenen muss der junge Soldat miterleben: »Wir suchten nach ›Informanten‹ der Rebellen. Einmal kam ein Mann auf uns zu. Er war etwa vierzig Jahre alt und fragte freundlich, wie viele wir wären. Nur deshalb wurde er zu unseren Anführern gebracht. Sie haben ihm die Fingernägel ausgerissen und ihn kopfüber in eine Tonne gesteckt. Er hat nicht lange ausgehalten. Um Mitternacht war er tot, nur weil er gefragt hat, wie viele wir sind.«</p>
<p>Oder wie in einer anderen Gegend eine Frau zu den Soldaten kommt, um sich über ihren Mann zu beschweren, weil er sie geschlagen hatte. »Der Soldat, der gerade auf Wache war, sagte zu ihr: ›Na gut, ich rede mal mit ihm.‹ Aber dann hat er sie ins Gebüsch gezogen und die anderen gerufen. 24 Soldaten. Sie alle haben die Frau vergewaltigt. Danach durfte sie nach Hause gehen.« </p>
<p>Als am nächsten Tag der Vorgesetzte von der Vergewaltigung erfuhr, rief er den Soldaten zu sich. Er musste die Hose runterziehen »und bekam eine brennende Zigarette zwischen die Beide gedrückt«, weiß Rodrigo Sic zu berichten. Der Soldat sei zwar rumgesprungen, aber eine weitere Strafe bekam er nicht.</p>
<h3>Die Saat der Gewalt geht in der Gesellschaft auf</h3>
<p>Am 31. Juli 1983 kam für Sic endlich der Tag der Entlassung, »ohne Geld, ohne nichts«. Lange Zeit konnte er nicht schlafen, nicht arbeiten. »Ich habe mich auf die Straße gesetzt und wenn ich konnte, habe ich mich betrunken, um alles zu vergessen.« Es war sein kleiner Bruder, der ihm eines Tages Geld gab, um eine Ausbildung machen zu können. So gelang ihm langsam auch die Verarbeitung des Erlebten.</p>
<p>Doch nicht allen gelingt dies: »Viele Soldaten haben dasselbe erlebt wie ich. Sie behandeln heute ihre Söhne genauso wie man uns damals behandelt hat. Sie leiden noch immer«, ist Rodrigo Sic überzeugt. </p>
<p>In den traumatischen Erlebnissen so vieler Menschen in Guatemala sieht er auch die Ursache für die bis heute anhaltende Welle von Gewalt und Kriminalität im Land: »Die Leute sind voller Hass, die Kinder des Kriegs, die vergewaltigten Frauen, alle, die das erlebt haben. Damals wurde die Saat gesät, aus der noch mehr Gewalt hervorgeht.«</p>
<p>Sic hat dies alles überlebt und hinter sich gelassen, weil er ein Ziel hatte: Er wollte Lehrer werden. Die Ausbildung und die Arbeit als Lehrer haben ihm geholfen, eine sinnvolle Aufgabe zu finden. Doch die Erinnerungen ­belasten noch immer sein Gewissen. Deshalb hat er angefangen, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Der Arbeitstitel des Buches lautet: »Der Albtraum«.</p>
<p><em>Andreas Boueke</em></p>
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		<title>Hoffen und bangen</title>
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		<pubDate>Sat, 17 Sep 2011 04:15:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de</dc:creator>
				<category><![CDATA[Im Blickpunkt]]></category>
		<category><![CDATA[Benedikt XVI]]></category>
		<category><![CDATA[Bernhard Wehner]]></category>
		<category><![CDATA[Cornelia Feja]]></category>
		<category><![CDATA[Eichsfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Gerd Reinhardt]]></category>
		<category><![CDATA[Horst ­Sievers]]></category>
		<category><![CDATA[Klaus Schulze]]></category>
		<category><![CDATA[­Daniela Mehler]]></category>

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		<description><![CDATA[Eichsfeld: Lange herrschte Feindschaft zwischen evangelischen und katholischen Christen&#xA0;– ein&#xA0;Stimmungsbild.


Nur zehn Prozent der ­Christen im Eichsfeld sind evangelisch. Sie sehen dem Kommen des Oberhauptes der katholischen Kirche
mit gemischten Gefühlen entgegen.

Seit Neuestem schauen Martin Luther und Papst Benedikt XVI. gemeinsam aus einem ­Papp­karton&#xA0;– von Bierflaschenetiketten ­herunter&#xA0;– aufs Supermarktvolk. Geschickt vermarktet von einem katholischen Eichsfelder Geschäftsmann. Prosit&#xA0;– [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><strong>Eichsfeld: </strong><em>Lange herrschte Feindschaft zwischen evangelischen und katholischen Christen&#xA0;– ein&#xA0;Stimmungsbild.<br />
</em><br />
</h5>
<div id="attachment_4207" class="wp-caption alignleft" style="width: 590px"><img src="http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/files/2011/09/feld.jpg" alt="Blick auf das Feld, auf dem Papst Benedikt XVI. am 23. September eine Messe unter freiem Himmel feiern&#xA0;wird. (Foto:&#xA0;picture-alliance/dpa)" title="feld" width="580" height="387" class="size-full wp-image-4207" /><p class="wp-caption-text">Blick auf das Feld, auf dem Papst Benedikt XVI. am 23. September eine Messe unter freiem Himmel feiern&#xA0;wird. (Foto:&#xA0;picture-alliance/dpa)</p></div>
<h5>Nur zehn Prozent der ­Christen im Eichsfeld sind evangelisch. Sie sehen dem Kommen des Oberhauptes der katholischen Kirche<br />
mit gemischten Gefühlen entgegen.</p>
</h5>
<p>Seit Neuestem schauen Martin Luther und Papst Benedikt XVI. gemeinsam aus einem ­Papp­karton&#xA0;– von Bierflaschenetiketten ­herunter&#xA0;– aufs Supermarktvolk. Geschickt vermarktet von einem katholischen Eichsfelder Geschäftsmann. Prosit&#xA0;– möge es nützen!</p>
<p>Die Eichsfelder sind traditionell ­katholisch&#xA0;– evangelisch sind nur circa zehn Prozent der Bevölkerung. Und so liegen auch nur drei evangelische Gemeinden um Etzelsbach, den zweiten Thüringer Besuchsort des Papstes: Leinefelde, Worbis und Heiligenstadt. </p>
<p>Man spricht hier bereits leicht entnervt, hinter vorgehaltener Hand, vom täglichen »Zeitungsterror«. Doch etliche Protestanten nehmen Anteil, wenn der Papst in ihre Heimat kommt, so auch Pfarrer Traugott Eber aus Leinefelde. </p>
<p>Gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen, Dechant Bernhard Wehner, bereitet er eine der vier großen Thüringer Auftaktveranstaltungen zum Papstbesuch vor. »Wir heißen den Papst herzlich willkommen«, sagt er. Angeregt vom katholischen Bürgermeister Gerd Reinhardt, rücken sie die vom Papst verschmähte Burg Scharfenstein am 17.&#xA0;September nun doch noch ins Blickfeld.</p>
<p>Protestanten fahren sogar als Helfer oder in Begleitung ihrer katholischen Lebenspartner direkt nach ­Etzelsbach. »Die Zeiten, in denen man ja keinen Calvinischen mit nach Hause bringen sollte oder auf unserer Seite Rom-Hasser und Katholiken-Fresser gang und gäbe waren, sind seit den 70ern vorbei«, erinnert sich Pfarrer Eber. </p>
<p>Aus der Deckung der Anonymität heraus erwarten viele jedoch keine echten Fortschritte vom Erfurter Ökumene-Treffen. Man werde sich in Erfurt lediglich feierlich auf die Schulter klopfen. Da könne man nicht hingehen und solange man beim Abendmahl noch ausgeschlossen werde&#xA0;– nein! Gott sei Dank, sei die Basis viel weiter als dieser mittelalterliche Monarch. </p>
<p>Bei ihnen gingen katholische Ehepartner jedenfalls mit zum Abendmahl.</p>
<p>Einer, der die trennende Vergangenheit nur zu gut kennt, ist Horst ­Sievers, Kirchenältester von St.&#xA0;Martin in Heiligenstadt. Seit über 50&#xA0;Jahren lebt er in konfessionsverbindender Ehe.</p>
<p>»Damals war eine ökumenische Trauung undenkbar. Ich musste zustimmen, dass unsere Kinder katholisch erzogen werden. Katholische Schwestern durften unsere Kirche nicht einmal betreten. Heute feiert ihre Gemeinde in unserer Kirche ­Gottesdienst.«</p>
<p>Er selbst fährt mit ­seinem Sohn nach Etzelsbach und freut sich mit seinen Nachbarn und Freunden, von denen drei Viertel katholisch sind, auf den Papstbesuch. </p>
<p>Man lebt und ­arbeitet doch eng miteinander. Eine, die die Ökumene täglich praktiziert, ist die katholische ­Daniela Mehler, Öffentlichkeitsbeauftragte des evangelischen Kirchenkreises Mühlhausen. Sie genießt das gute Arbeitsklima im Kreiskirchenamt und berichtet den Kollegen mit echter Begeisterung in der Stimme von ihrem geplanten Besuch in Etzelsbach.</p>
<p>Persönliche Nähe verändert die Sicht auf die Dinge&#xA0;– manchmal jedoch auch in die andere Richtung. Anonym berichten Protestanten über ihren tiefen Ärger, den sie beim Ausschluss vom Abendmahl bei einer Hochzeit katholischer Freunde empfanden. </p>
<p>Ebenso ungenannt möchten sie bleiben, wenn sie von einer »Event-Inszenierung« sprechen, »die Papst-Show, bei der man als Protestant nur fragend danebenstehen kann«. Versöhnend wirke einzig der Gedanke, dass der Bekanntheitsgrad der Heimat durch den Papst steigen wird.</p>
<p>Warum hört man all dies nur unter vier Augen? Man möchte die katholischen Nachbarn, Freunde und Kollegen nicht verärgern&#xA0;– nicht dass es hinterher heißt: »Mit dem sprichst du aber nicht mehr!« </p>
<p>Nach der lange kultivierten Feindschaft ist die Gemeinschaft wohl noch sehr zerbrechlich. Aber auch kostbar, denn man möchte sie nicht beschädigen. Das freundliche Schulterklopfen, das man dem Erfurter Treffen unterstellt, scheint auch im Kleinen nicht unbekannt.</p>
<p>Nur Klaus Schulze, Lektor aus Leinefelde, konstatiert offen: »Der Papst ist für mich als Protestant keine wichtige Persönlichkeit. Gleichwohl bringe ich ihm Respekt als Oberhaupt der ­katholischen Kirche und eines kleinen Staates entgegen. Ich werde auf keinen Fall an der Vesper mit dem Papst teilnehmen.« </p>
<p>Pfarrerin Cornelia Feja ergänzt: »Allein Christus ist unser Oberhaupt und dem sind wir treu. Aber vielleicht bewegt sich etwas im Hinblick auf das Reformationsjahr&#xA0;2017 und die Aufhebung des Banns gegen Martin Luther«, hofft sie. »Der Papst setzt zumindest ein Zeichen, dass ihm die evangelische Kirche nicht unwichtig ist.«</p>
<p>Abschließend formuliert Horst Sievers einen Gedanken, der alle einen könnte: »Wir wenigen Christen müssen unseren Glauben öffentlich bekennen und uns gegenseitig unterstützen. Wirklich wichtig ist doch, dass das Gotteslob gefeiert wird.«<br />
<em><br />
Regina Englert</em></p>
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