Fortschritt mit Buchstaben
3. September 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Alphabetisierung: Guatemalas Frauen lernen Lesen und Schreiben – mehr Bildung bedeutet weniger Ausbeutung
Guatemala gilt als das lateinamerikanische Land mit der höchsten Analphabetenrate. Besonders Frauen haben oft nie eine Schule besucht. Doch der Wille zum Lernen ist groß.

Lernen mit hoher Motivation: Viele der Frauen, die an dem Bildungsprogramm von IGER teilnehmen, haben längst eigene Kinder oder sind sogar schon Großmütter. (Foto: Andreas Boueke)
Die meisten Länder des Lateinamerikas sind seit Ende des vergangenen Jahrhunderts auf einem guten Weg, den Analphabetismus in absehbarer Zeit weitgehend zu überwinden. Zuletzt haben Venezuela, Bolivien, Nicaragua und Ecuador von der UNESCO die Medaille »Analphabetismus-freies Gebiet« erhalten. Das bedeutet, dass mindestens 96 Prozent der Bevölkerung schreiben und lesen können. Aber in Guatemala gibt es nicht einmal vertrauenswürdige Statistiken über die Zahl der Analphabeten. Nur rund die Hälfte der Kinder schließt das sechste Schuljahr und damit die Grundschule ab. Zugleich ist in keinem anderen Land Lateinamerikas das Vermögen der Gesellschaft so ungleich verteilt wie in Guatemala.
Mangelnde Bildung erleichtert Manipulation
Die Bildungsreferentin von UNICEF, Ana Maria Sanchez, sieht darin eine der Hauptursachen für das niedrige Bildungsniveau der Bevölkerungsmehrheit: »Viele Kinder sind zu arm, um in die Schule gehen zu können. Sie wohnen weit entfernt von der nächsten Schule. Oder sie müssen während der Erntezeit an die Küste ziehen, um dort auf den Plantagen zu arbeiten.« Auch der Staat verfüge nicht über ausreichend Mittel, weil es ihm nicht gelinge, genügend Steuern einzusammeln. »Die Reichen und die großen Firmen haben wenig Interesse daran, das zu ändern. Eine ungebildete Bevölkerung lässt sich leichter manipulieren. Je weniger Informationen die Leute haben, desto besser kann man sie ausbeuten«, so das bittere Fazit.
Die meisten Analphabeten in Guatemala sind Mayas. Eine Organisation, die sich um ihre Alphabetisierung bemüht, ist das guatemaltekische Institut für radiofone Bildung, IGER. Dessen Angebot funktioniert über Radiosendungen, die den Lernenden täglich die Unterrichtsinhalte vermitteln. Nur samstags kommen Lerngruppen zusammen. Das Konzept wurde von dem deutschen Pädagogen Franz Tattenbach entwickelt. Heute wird es von rund 40.000 Erwachsenen genutzt.
Seit dem Tod von Franz Tattenbach im Jahr 1992 wird das Institut von dem spanischen Priester José Maria Andrés geleitet. »Bildung ist der Schlüssel zur Entwicklung«, sagt er. Und fügt hinzu: »Meiner Erfahrung nach bringen gerade diejenigen Menschen, die besonders unter Armut und Ausbeutung leiden, eine außergewöhnliche Kraft auf, um Zugang zu Bildung zu bekommen.«
Seit den Lebzeiten des Gründers Franz Tattenbach hat die Beteiligung deutscher Pädagogen an der Erwachsenenbildung von IGER Tradition. Die pensionierte Grundschullehrerin Renate Hacke hat schon mehrere Jahre als Bildungsreferentin in Guatemala verbracht: »Eigentlich muss der Staat für Bildung sorgen. Aber wo der Staat nicht greift, finde ich es in Ordnung, wenn private Institutionen oder die Kirche Unterstützung leisten.«
Eine Lerngruppe trifft sich in einem Grundschulgebäude der Ortschaft Candelaria im Hochland Guatemalas. Die junge Sekretärin Claudia Boch aus Deutschland ist eine der Freiwilligen, die ihre Zeit opfern, um für eine Lerngruppe zur Verfügung zu stehen: »Die meisten Frauen in meiner Klasse hatten früher nicht die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Oder sie haben nur das erste Schuljahr abgeschlossen und mussten dann Geld verdienen.«
Ein kleiner Ball fliegt durch das Klassenzimmer. Die Frauen werfen ihn einander zu, solange Claudia Boch mit einem Stab auf einen Pult schlägt. Wer den Ball in dem Moment in der Hand hält, in dem die Lehrerin mit dem Schlagen aufhört, muss nach vorne treten und an der Tafel Laute lesen. In dem Klassenraum sitzen ausschließlich Frauen, obwohl Männer auch zugelassen sind. Aber die meisten Männer hatten während ihrer Jugend mehr Gelegenheit, zur Schule zu gehen. Noch heute gibt es in Guatemala viele Eltern, die ihre Söhne zur Schule schicken, ihre Töchter aber nicht. Maria Tacatic Toj ist Mutter von zehn Kindern. Sie ist vor Kurzem 43 Jahre alt geworden. Aber erst jetzt hat sie begonnen, lesen und schreiben zu lernen: »Früher hat man uns immer gesagt, die Schule sei nur für die Jungen. Die Mädchen bräuchten das nicht. Deshalb habe ich nichts gelernt. Ich weiß nichts. Ich kann nicht einmal eine Zahl schreiben.«
Motivation: »Ich möchte meinem Land dienen«
Auch der deutsche Gesamtschullehrer Wolfgang Hacke unterstützt die Alphabetisierungskampagnen. Früher hat er Religion und Deutsch unterrichtet. Seit seiner Pensionierung koordiniert er das Bildungsprogramm von IGER im Nordosten von Guatemala: »Ich habe meine Schüler gefragt: ›Warum geht ihr überhaupt zur Schule?‹ In Deutschland haben sie mir geantwortet: ›Weil ich anständig Geld verdienen will.‹ Die Antworten hier sind anders: ›Ich möchte meinem Land dienen und der Gemeinde, in der ich geboren bin, meine Kenntnisse zur Verfügung stellen.‹«
Eine solche auf die Gemeinschaft bezogene Motivation findet sich in Guatemala nicht nur unter den jungen Schülern und Schülerinnen, sondern vor allem auch unter denen, die erst im Erwachsenenalter Lesen und Schreiben lernen. Die 47-jährige Rosalinda Xocojay müht sich noch mit dem ABC ab. Doch: »Wenn ich einmal gut lesen kann, werde ich es anderen Leuten beibringen, damit sie auch lesen lernen.«
Andreas Boueke
Selig sind, die anders handeln
3. September 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Hoffnung für eine veränderbare Welt im Hier und Jetzt
Margot Käßmann zu den Seligpreisungen
(Fortsetzung von Eine Vision in Worte gefasst)

Margot Käßmann ist Pfarrerin der hannoverschen Landeskirche und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden: All zu viele finden sich ab. Wen interessiert in den reichen Industrienationen, dass fast eine Milliarde Menschen hungern. Das Elend der zwangsprostituierten Kinder? Die geschlagenen Frauen? Die gefolterten Menschenrechtsaktivisten?
Einen Hunger nach Gerechtigkeit für sie brauchen wir, damit sich etwas ändert. Einen Hunger, der etwas wagt, um satt zu werden. Eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die es wagt, die Stimme zu erheben für die stumm Gemachten dieser Erde.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen: Bei der Geschichte vom barmherzigen Samariter stöhnen viele – alles bekannt. Aber wie sehr brauchen wir alle Barmherzigkeit! Wir sind doch keine Glamourwesen, die alles perfekt hinbekommen, so sehr manche Lebensfassade das auch vermitteln will. Barmherzig mit Fehlern und Verfehlungen der anderen, mit Schuld, die Menschen im Leben auf sich laden. Solche Barmherzigkeit zu erfahren macht frei, selbst barmherzig zu sein.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Was ist eigentlich das Gegenteil eines reinen Herzens? Verschlagen sein? Berechnend? Zynisch? Ein reines Herz ist wohl ein naives, das alles zum Besten kehren will. Es berechnet nicht, was das Beste wäre, sondern lebt frei und liebt unbefangen, vertraut ohne Vorbehalte. Ein Segen für die, denen ein solches Herz geschenkt ist, sie sind Gott nahe.
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen: Was für eine Zumutung in der Welt der Waffenlobbyisten. Deutschland exportiert wieder vermehrt Waffen, auch in Krisengebiete. In kriegerische Auseinandersetzungen ist die Bundeswehr verwickelt. Wenn mir dann der Bundeswehrbeauftragte der Bundesregierung sagt, ich solle mich doch mit den Taliban in ein Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten, dann denke ich, das ist sicher weitreichender, als Tanklastzüge zu bombardieren. Mir fehlt weiterhin Fantasie für den Frieden in unserem Land.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich: Erinnern will ich an die Gefolterten im Iran, in den Gefängnissen dort, die für Freiheit und Gerechtigkeit eingetreten sind. Frauen wurden brutal vergewaltigt, weil sie für ihre Rechte eintraten. Und Deutschland will kaum einen der Flüchtlinge aufnehmen, die in der Türkei auf Visum und Ausreise so dringend warten. Selig sind sie, weil sie Mut haben! Selig sind sie, die Geschundenen und Gefolterten und Vergewaltigten und Verängstigten dieser Erde! Was für ein Kontrastprogramm zu all der Macht, Gewalt, zu all dem Auftrumpfen der Gewehre und der Furchteinflößung.
Selig sind, die anders handeln. Widerständig, mit einer unbändigen Hoffnung treten sie an gegen alles Unrecht, das die Erde beherrscht. Alle sind dabei offenbar gemeint, nicht nur die Gläubigen, die Rechtschaffenen, die Angehörigen einer bestimmten Klasse oder Religion. Eine inklusive Hoffnungsgemeinschaft, die Grenzen überwindet – das macht die Seligpreisungen so anstößig und so bewegend. Sie werden Christinnen und Christen immer wieder aufrütteln, sich nicht anzupassen, auch wenn das für eine Kirche manches Mal angemessen scheint. Die Kirchen tun gut daran, diese Gedanken des Jesus von Nazareth wachzuhalten, auch als selbstkritischen Faktor, wenn sie allzu ruhig werden angesichts der Lage der Welt. Die Seligpreisungen sind nicht eine Vertröstung auf eine bessere Welt, sondern eine Aufforderung zur Einmischung in unserer Zeit und Welt. Ihr Kraftpotenzial hat sich durch die Jahrhunderte immer wieder erwiesen.
Margot Käßmann
»Theologisch sprachfähig werden«
3. September 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Konditormeisterin oder Gärtner, Hausfrau oder Arzt: Die Teilnehmer des kirchlichen Fernunterrichts kommen aus den verschiedensten Berufen. Im Bild die diesjährigen Absolventen. (Foto: KFU)
Seit 50 Jahren gibt es ihn in Mitteldeutschland. Trotzdem ist der Kirchliche Fernunterricht (KFU) vielen unbekannt.
Eigentlich ist es fast wie ein richtiges Theologie-Studium. Da sind Vorlesungen und Seminare zu besuchen, meistens am Wochenende oder gleich eine ganze Woche lang. Da sind dicke Bücher durchzuarbeiten, und Hausarbeiten und Predigten zu verfassen. Der KFU verlangt den Teilnehmern einiges ab – alles neben Beruf, Familie, Alltag. Denn die Teilnehmer sind im richtigen Leben Konditormeisterin oder Gärtner, Hausfrau oder Arzt. Zweieinhalb Jahre lang pauken sie in den Kursen, die es seit genau 50 Jahren gibt.
Begonnen hatte alles 1960 als Reaktion auf die Kirchenpolitik der DDR. Zwei Tendenzen stellte die Kirchenleitung der Kirchenprovinz Sachsen damals fest. Zum einen schränkte das Regime das Theologie-Studium immer mehr ein. Zum anderen schwand mit den Jahren auch das religiöse Grundwissen in den Gemeinden. Beidem wollte die Kirchenleitung entgegenwirken, als sie Pfarrer Ernst Hofmeister von der Männerarbeit den Auftrag gab den KFU aufzubauen.
Hofmeister verfolgte mit dem Fernunterricht von Beginn an ein doppeltes Ziel. Erstens sollten Menschen für den ehrenamtlichen Verkündigungsdienst als Prädikanten ausgebildet werden, die selbstständig Gottesdienste halten und auch ihre Predigten selbst schreiben.
Zweitens sollten die Kursteilnehmer ein solides Wissen aus Glaube und Kirche vermittelt bekommen. Oder, wie es die heutige Rektorin des Fernunterrichts, Magdalene Frettlöh, erläutert: die 25- bis 70-Jährigen sollen »theologisch sprachfähig werden« und damit Antworten finden auf Fragen nach der Bibel, nach Tod und Auferstehung, nach Brot und Wein. Das und vieles mehr vermittelt der Kirchliche Fernunterricht seither in den Fächern Altes und Neues Testament, Kirchengeschichte, Systematische und Praktische Theologie.
Ab 1970 beteiligten sich nach und nach alle Landeskirchen der DDR am Fernunterricht, außerdem die Evangelische Kirche der Union. Weil Bildungsarbeit der Kirche zu DDR-Zeiten vom Staat misstrauisch beobachtet wurde, interessierte sich natürlich auch die Staatssicherheit für den KFU, wie Dogmatik-Dozent Michael Beintker rückblickend feststellt.
Heute wird der Fernunterricht rechtlich getragen von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), finanziert auch von den Landeskirchen in Anhalt, Sachsen und Berlin/Brandenburg/Oberlausitz. Aus diesen Kirchen kommen auch die meisten der zurzeit rund 120 Teilnehmer an den vier Studienorten Neudietendorf bei Erfurt, Röhrsdorf bei Chemnitz, Meißen oder Niederndodeleben bei Magdeburg. Rektorin Frettlöh verfolgt das Ziel, auch die anderen EKD-Kirchen und eine Universität mit einzubinden, um die Basis zu verbreitern und die Zukunft zu sichern.
Zwar sind die Teilnehmerzahlen in den Wende-Jahren kurzzeitig ziemlich geschrumpft. Inzwischen ist der Fernunterricht aber lebendig wie selten zuvor – und seit 1991 auch offen für Teilnehmer aus den westdeutschen EKD-Kirchen. Schließlich setzen fast alle Landeskirchen immer mehr auf die Mitarbeit von Ehrenamtlichen bei der Verkündigung.
Und während sich der Fernunterricht zu DDR-Zeiten zusammen mit einer Zusatzausbildung teilweise als weiterer Weg ins Pfarramt entwickelte, sieht Frettlöh heute einen klaren Unterschied. »Prädikanten sind keine Notnägel, wenn Stellen gestrichen werden«, findet sie deutliche Worte. Sie sollen deshalb auch nicht Pfarrer imitieren, sondern ihren eigenen Stil einbringen: »Weil sie in anderen Lebenswelten zu Hause sind, wird die Konditormeisterin anders über das Gleichnis vom Sauerteig predigen oder der Arzt anders über eine Heilungsgeschichte.«
Markus Wetterauer
Das 50-jährige Bestehen des KFU wird am 4. und 5. September in Neudietendorf gefeiert.
»Apokalyptische Zerstörung« von Gotteshäusern
16. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Zerstörte Fresken, abgefräste Engelsköpfe: Ioannis Eliades, Direktor des Byzantinischen Museums von Nikosia, betrachtet fassungslos die Zerstörungen in der Muttergottes-Kirche von Trachóni im Nordteil Zyperns. Foto: Giorgio Tzimurtas
Die orthodoxe Kirche von Zypern ist in großer Sorge über die Auslöschung ihres christlichen Kulturerbes im Norden der geteilten Insel.
Von Giorgio Tzimurtas
Tiefe Risse schlängeln sich durch das Mauerwerk der Muttergottes-Kirche. Marode Balken stützen nur noch mühevoll das Dach des Arkadengangs. Auf dem Hof des Gotteshauses liegen zerschlagene Marmorkreuze mit den Namen von Toten. Der beißende Geruch von Vogeldreck durchzieht das Innere. Vom Templon, der hölzernen Wand zwischen Gemeinderaum und Allerheiligstem, ist nur noch ein Gerüst übrig.
Der Zustand der Muttergottes-Kirche in Trachóni ist kein Einzelfall im türkisch besetzten Norden Zyperns. Rund 550 christliche Gotteshäuser sind nach Zählungen der orthodoxen Kirche hier seit der Invasion türkischer Truppen im Jahr 1974 zerstört, zweckentfremdet und systematisch geplündert worden.
Kirchen wurden Viehställe, Diskotheken oder Ruinen
»Alles, was irgendwie zu verwerten war, wurde entwendet. Holz, Kabel, Kerzenhalter«, sagt Ioannis Eliades während er die Muttergottes-Kirche durchschreitet. Der Direktor des Byzantinischen Museums von Nikosia lehnt sich an das Rudiment des Templon und blickt entsetzt auf einen Engelskopf, dessen Gesicht abgefräst wurde. Der 42-jährige Eliades gehört zu jenen 160000 griechischen Zypren, die von Ankaras Armee in den Süden vertrieben wurden. Auf dem eroberten Gebiet wurde 1983 die »Türkische Republik Nordzypern« ausgerufen. Sie ist international nicht anerkannt.
Das Territorium wurde zum Ort eines beispiellosen Vandalismus gegen das christliche Erbe der Insel: Kirchen sind hier Viehställe, Leichenkammern, Lagerhallen, Diskotheken, Teil militärischer Anlagen oder Ruinen. Kunstdiebe brachten sakrale Schätze von weltweit herausragender Bedeutung auf internationale Auktions- oder auf Schwarzmärkte.
Eliades ist mit seinem aus Griechenland stammenden Kollegen Professor. Dr. Charalambos Chotzakoglou der Leiter eines kleinen Teams unter der Ägide des orthodoxen Kykko-Klosters im Süden, das die Zerstörung dokumentiert. Das Ziel: Im Falle einer Wiedervereinigung soll die Restaurierung der Kirchen beginnen.
Die Datenbank der Wissenschaftler, die auch alle verfügbaren Aufnahmen aus den Jahren vor 1974 enthält, dient zugleich der Beweisführung: Wenn aus dem besetzten Nordteil gestohlene Kunstschätze irgendwo auf der Welt auftauchen, soll anhand der Fotos die Herkunft der Preziosen zweifelsfrei belegt werden. Die Aufnahmen zeigen, wie Heiligengesichter von Schmugglern aus den Wanddarstellungen herausgeschlagen wurden, wie einst prachtvoll ausgemalte Innenräume der Fresken völlig entkleidet und mit Graffiti verunstaltet sind.
15000 Ikonen, erklärt Eliades, seien aus den Kirchen im türkisch okkupierten Norden gestohlen, etliche Mosaike und Fresken von kunsthistorischem Weltrang von den Wänden der Gotteshäuser entfernt worden. Fahnder des Bayerischen Landeskriminalamtes (BLKA) entdeckten im Oktober 1997 und im Februar 1998 bei Razzien in drei Münchener Wohnungen eines türkischen Staatsbürgers sakrale Kunst aus dem besetzten Teil Zyperns. Darunter ein Mosaik-Fragment, das den Apostel Thomas zeigt. Der Schätzwert: acht Millionen Euro.
Kunstschätze lagern bei der bayerischen Polizei
Es stammt aus der Muttergottes-Kirche Kanakaria im Dorf Lykranthome. Die beschlagnahmten Kunstschätze lagern seither in der Asservatenkammer des BLKA. Spektakulär war auch ein langjähriger Prozess in den USA gegen die Kunsthändlerin Peg Goldberg, durch den es der Republik Zypern und der orthodoxen Kirche der Insel 1989 gelang, kostbare Fragmente aus der Kanakaria-Kirche wiederzuerlangen.
Als »Symbol der systematischen Plünderung und barbarischen Zerstörung des christlichen Kulturerbes« im Norden, bezeichnet Chotzakoglou das byzantinische Antiphonitis-Kloster im Dorf Kalograia. Dort »sind die Fresken der Kirche aus dem 12. und 15. Jahrhundert in kleine Teile geschnitten worden, um sie einfacher an Privatsammler zu verkaufen«.
Die Fotografien der Forscher veranschaulichen: »Die Zerstörung ist nahezu total und sie betrifft nicht
nur die orthodoxen Kirchen und Klöster, sondern auch jene der Maroniten, Armenier, Latiner und Pro-
testanten sowie einen jüdischen Friedhof«, lautet das Fazit von Chotzakoglou. Was er und sein Team sahen, bezeichnet der Archäologe als »apokalyptisch«.
Papst Benedikt XVI. wurde während seines Zypernbesuchs Anfang Juni vom orthodoxen Erzbischof der Insel, Chryssostomos II., über das Ausmaß der Zerstörung von Gotteshäusern im Norden der Insel informiert. Eliades führte den Pontifex durch eine Sonderausstellung des Byzantinischen Museums, zeigte ihm auch zurückerlangte Kunstwerke, die in Deutschland entdeckt wurden. Ebenso berichtete Eliades dem Oberhaupt der katholischen Kirche über die noch in München lagernden Kunstschätze. Der Papst bat ihn um ein »Memo« zum Thema.
Bislang verhinderte eine komplizierte Rechtslage die Rückführung der sichergestellten Kostbarkeiten von München nach Zypern. Benedikt XVI. will den Erzbischof von München-Freising, Reinhard Marx, bitten, sich in der Angelegenheit kundig zu machen. Für Eliades ist dies eine hoffnungsvolle Entwicklung.
Fiktion trifft auf Realität
16. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kultur

Der Schauspieler Ottfried Fischer (li.) als Pfarrer Braun mit Lutz Reichert als Gärtner Erich Swoboda bei Dreharbeiten zu einer Verfilmung des Kriminalklassikers mit Pfarrer Braun. Foto: epd-bild
Drehbuchautoren holen sich bei Pfarrern Tipps für Filmstoffe
Wenn sich Schwester Hanna vom Kloster Kaltenthal aufs Fahrrad schwingt, um entlaufene Kinder oder Ehemänner einzufangen, dann beginnt für viele Fernsehzuschauer ein vergnüglicher Fernsehabend. Die ARD-Serie »Um Himmels Willen« zeigt einen unterhaltsamen Ausschnitt aus der Welt des Glaubens und der Kirche. Klischeehaft und unrealistisch oder sympathischer »Türöffner« für die Wahrnehmung des zentralen kirchlichen Arbeitsfeldes Seelsorge? Eine Begegnung von Seelsorge-Profis mit Drehbuchautoren und Medienexperten ermöglichte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf einer Tagung in Köln.
»Wir wollen kein kirchliches Themen-Placement im fiktionalen Programm durchsetzen, sondern den Austausch von Experten fördern«, betont Markus Bräuer, EKD-Medienbeauftragter. Wie wichtig es ist, dass Fiktion auf Wirklichkeit trifft, zeigt sich an dem großen Interesse von Krimi-Autoren und Produzenten an dem kirchlichen Berufsalltag. Die Drehbuchschreiber wollen wissen, wo sich zwischen Büro, Kirchenbank und Unfallort beim Gemeindepfarrer, der Krankenhausseelsorgerin oder dem Polizeiseelsorger der Glaube abspielt – und was sie von Psychologen und Therapeuten unterscheidet.
Die Kölner Kinderkrankenhausseelsorgerin Christa Schindler erzählt von Eltern, die monatelang im Patientenzimmer zwischen Plastikstuhl und Bettkante leben, um beim schwer kranken Kind zu sein. Sie erzählt von dem Vater, der vor Verzweiflung einen Arzt zusammenschlug, weil er dessen »Fachchinesisch« nicht mehr ertragen konnte. Von den Eltern, die nach einem Unglück ihr totes Kind nicht mehr berühren durften, weil die Polizei zur Spurensicherung das Zimmer versiegeln musste.
»Wir sind Freiräume im System«, sagt Polizeiseelsorger und Landespfarrer Werner Schiewek aus Münster. Anders als Polizeipsychologen stünden die kirchlichen Seelsorger bei den Beamten nicht im Verdacht, gleich einen pathologischen Befund zu erstellen. Zwar stünden die Seelsorger für die Beamten nach Familie und Kollegen an letzter Stelle als persönliche Helfer. »Aber wir sind niedrig schwellig ansprechbar, wir kennen die Logik der Polizei, müssen uns aber nicht daran halten – und alle wissen um unsere Schweigepflicht.«
Seelsorge in Verbindung mit Berufsethik stelle ein wachsendes Arbeitsfeld dar, auch im Unterricht während der Ausbildung, schildert Schiewek. Die Diskussion etwa über die polizeiliche Folterandrohung bei der Vernehmung des Kindesentführers Magnus Gäfgen berühre die Arbeit des Polizeiseelsorgers immer wieder. Oder die Frage des Umgangs mit Waffengewalt. Und wie ein unter Schweigepflicht stehender Seelsorger mit Äußerungen von Eltern umgeht, die vermutlich ihr Kind selbst töteten.
Im beruflichen Alltag eines kirchlichen Seelsorgers reiben sich Glaubens-, Sinn- und Schuldfragen. Polizeiseelsorger Schiewek und auch der Düsseldorfer Polizeihauptkommissar Wolfgang Lorenz würdigen, dass in einer wachsenden Zahl von TV-Produktionen, vor allem Krimiserien, durchaus theologische und berufspraktische Fragen lebensnah behandelt werden und die Figuren an Tiefenschärfe gewinnen. Kirche und Glauben müssen im fiktionalen Programm nicht nur als dekorative Kulisse dienen.
»Viele mögen bemängeln, dass Religion und Glauben im Alltag eher Privatsache geworden sind, und damit umso seltener offenkundig als gelebte Gemeindekirche im Fernsehen erscheinen«, sagt Pfarrer Christian Engels, evangelischer Senderbeauftragter der EKD für das Privatfernsehen. »Aber das ist meiner Meinung nach gut so.« Denn sonst gewännen wie in den 50er Jahren wieder »engelsgleiche und edelgute Pfarrer« die Oberhand. Derartiger »Kitsch« bleibe zumindest mit Blick auf Kirche dem Fernsehpublikum weitgehend erspart, sagt er.
Soll mehr gelebter Glaube im TV gezeigt werden, etwa wie Menschen beten oder die Arbeit eines Pfarrers als Teil einer lebendigen Gemeinde, der nicht als Kriminalist ermittelt? Da sind sich auch die Medienschaffenden uneins. Polizeiseelsorger Schiewek jedenfalls vermisst sich und seine Rolle nicht im TV. »Zu viel Büroarbeit, zu viele Gesprächssituationen, das ist dramaturgisch nicht sexy genug«, räumt er ein. Aber der Theologe hat jede Menge Stoffideen aus dem wahren Leben im Kopf, etwa von dem verdeckten Ermittler und seiner gebrochenen Biografie. Drehbuchautoren auf der Suche nach Stoffen sollten sich an den Münsteraner wenden.
Gabriele Fritz (epd)
Der Mensch Jesus ganz privat
9. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Selten haben Künstler Jesus in seiner familiären Umgebung darzustellen versucht. Eine der wenigen Ausnahme bildet das Gemälde "Christus im Haus seiner Eltern" von John Everett Millais (1829 bis 1896), einem Vertreter der sogenannten Präraffaeliten. Es galt bei seiner ersten Präsentation im Jahr 1850 in London als "blasphemisch" und sorgte für einen Skandal. Repro: Archiv
Er war Sohn seiner Eltern, Bruder, ein Mensch mit Beruf und Alltag – Familie und Herkunft des Gottessohnes
Wer sich mit Jesus beschäftigt, der beschäftigt sich meist mit all dem, was ihn in unseren Augen einzig-
artig und göttlich macht. In einer zweiteiligen Beitragsserie soll der umgekehrte Weg beschritten werden. Jesus soll aus einer familiären, alltäglichen Perspektive in den Blick kommen.
Er war Sohn seiner Eltern, Erstgeborener unter einer Schar von Geschwistern, Mensch mit Beruf und Alltag. Was die Eltern Jesu angeht, so ist eines klar: Seine Mutter hieß Maria (hebräisch Mirjam). Bei seinem Vater dagegen stellt sich die Sache schwieriger dar. Markus, immerhin der älteste Evangelist (70 n. Chr.), kennt nicht einmal seinen Namen. Matthäus und Lukas kennen zwar den Namen, aber dennoch taucht Josef nur am Rande auf: in den stark theologisch orientierten Geburtsgeschichten (Matthäus 1-2; Lukas 1-2) oder – zum letzten Mal – in der lukanischen Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lukas 2,41-52). Man gewinnt den Eindruck, dass Josef am Anfang »da war«, dann aber sehr plötzlich und unvermittelt von der Bildfläche verschwindet. Es verwundert deshalb nicht, dass hier die Spekulationen blühen: Hat Josef sich klammheimlich aus dem Staub gemacht? War er früh gestorben? Oder war Jesus gar ein uneheliches Kind, sodass die neutestamentliche Josefsgestalt nur einen Sinn hat: diese Ver-
legenheit zu überspielen? Wir wissen es nicht, und doch scheint es wahrscheinlich, dass Jesus eine über weite Strecken vaterlose Kindheit erlebt hat.
Interessant ist, dass Jesus nach Markus 6,3 vier Brüder (Jakobus, Joses, Judas, Simon) und mehrere Schwestern hatte. Das vertraute Weihnachtsbild von Maria, Josef und Jesus als moderne Kleinfamilie entsprach der Wirklichkeit also nur für eine relativ kurze Zeit. Jesus lebte in einer Großfamilie, und deshalb darf man sich das Zuhause Jesu auch nicht zu »kontemplativ« vorstellen.
Als Jesus mit seiner öffentlichen Wirksamkeit begann, wurde das Verhältnis zur Familie immer schwieriger. Markus berichtet mit deutlichen Worten, dass der Familienclan ihn nach Nazareth zurückholen will, weil man den Sohn und Bruder für einen durchgedrehten religiösen Fanatiker hielt: »Er ist von Sinnen.« (Markus 3,20f) Erst nach der Auferstehung begann die Jesusfamilie an ihn zu glauben. Maria wurde zu einer wichtigen Person in der jüdischen Urgemeinde Jerusalems, und Jakobus, einer der Brüder Jesu, übernahm später sogar die Führung der Jerusalemer Gemeinde.
Dieser Familienkonflikt macht einerseits deutlich, dass Menschen sich schwertun, wenn einer, den man von Kindesbeinen an kennt, sich auf einmal zu Besonderem berufen fühlt. Er wirft aber auch ein erhellendes Licht auf Jesus: Er zeigt, dass Jesus innerlich stark und frei war. Gegen alle familiär-gesellschaftlichen Konventionen riskierte er den Konflikt. Er hatte den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Für Jesus war die wichtigste Quelle seines Selbstwertgefühls eben nicht die Anerkennung der Menschen, sondern die Liebe des göttlichen Du.
Obwohl Jesus die längste Zeit seines Lebens, über dreißig Jahre, in Nazareth verbracht hat, berichten die Evangelien kaum etwas über den Heimatort Jesu. Deshalb ist es umso spannender, dass der Franziskanerarchäologe Bellarmino Bagatti dort Spuren einer dörflichen Siedlung aus dem 1. Jahrhundert freilegte. Seine Grabungsergebnisse zeigen, dass es sich bei Nazareth um ein kleines, an einen Hang gebautes jüdisches Bauerndorf handelte, in dem allerhöchstens 200 bis 300 Juden wohnten. Diese Menschen waren nicht bitterarm, aber lebten wie die meisten Galiläer in äußerst bescheidenen Verhältnissen.
In diesem Umfeld kann man sich nun auch gut vorstellen, dass Jesus wie sein Vater als Bauhandwerker (griechisch: technon, so in Markus 6,3) arbeitete. Wir können also davon ausgehen, dass Jesus sich nicht nur in höheren geistigen oder geistlichen Sphären bewegte, sondern wusste, wie der Alltag eines hart arbeitenden Menschen aussieht.
Nazareth war klein, so unbedeutend, dass es weder im Alten Testament noch in den außerbiblischen Quellen jener Zeit auch nur ein einziges Mal erwähnt wird. Man kann schon verstehen, dass die Behauptung, aus diesem Flecken soll der Messias kommen, bei vielen auf Unverständnis stieß: »Was kann aus Nazareth Gutes kommen!« (Johannes 1,46)
Wer sich Jesus in einem so normalen Kontext vorstellt, der wird sich vielleicht auch fragen, wann und wie Jesus das erste Mal bewusst wurde, dass sein Gottesverhältnis einzigartig ist und Gott ihn zu Besonderem berufen hatte. Doch genau darüber schweigen sich die Evangelien aus. Indem sie berichten, dass Jesus erst in einem relativ fortgeschrittenen Alter an die Öffentlichkeit trat, lassen sie nur eines erkennen: Auch Jesus brauchte Zeit. Auch er musste einen längeren Such- und Entwicklungsprozess absolvieren, bis er sich gefunden hatte und bereit war, zu neuen Ufern aufzubrechen.
Peter Hirschberg
Der Autor ist promovierter Theologe und als Hochschul- und Studierendenpfarrer in Bayreuth mit verschiedenen Lehraufträgen im Bereich Biblische Theologie/Judaistik tätig.
Musikfestival von internationalem Rang
2. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kultur

Flanders Recorder Quartet: Die vier Belgier gehören zur Weltspitze der Flötenmusik. Foto: Flanders Recorder Quartet
Im September feiert das Musikfest Erzgebirge Premiere. Es ersetzt das frühere Festival für Alte Musik im Erzgebirge und soll künftig aller zwei Jahre stattfinden.
Vom 3. bis 12. September wird sich das Erzgebirge in eine internationale Musiklandschaft verwandeln. Das Musikfest Erzgebirge mit zehn Konzerten an zehn unterschiedlichen Veranstaltungsorten verspricht ein außergewöhnliches Highlight zu werden. Ein Festival »mit überregionaler Ausstrahlung, bei dem die reichen musikalischen Traditionen des Erzgebirges mit den Interpretationen renommierter internationaler Künstlerinnen und Künstler eine Verbindung eingehen«, so der Intendant Hans-Christoph Rademann. Dass die Idee, im ländlichen Raum ein Musikfestival von internationalem Rang zu kreieren, nicht aus der Luft gegriffen ist, beweist die große Resonanz. Für das Konzert des Leipziger Thomanerchores am 4. September sind die Karten seit langem ausverkauft. Zu 85 Prozent ausgebucht ist das Eröffnungskonzert am 3. September in Schwarzenberg, sagt Pressesprecher Oliver Geisler. Und auch für alle anderen Veranstaltungen seien mittlerweile die Plätze rar.
Die Musik hat im Erzgebirge historische Wurzeln, bedeutende Komponisten wie Johann Hermann Schein und der Thomaskantor Johann Kuhnau sind Söhne der Region, ihre Werke stehen daher auch auf dem Programm des Festivals.
Das Musikfest will an die reiche Musiktradition des Erzgebirges anknüpfen und darüber hinaus auf die schöne Landschaft der Region aufmerksam machen. Gäste des Festivals könnten Kunstgenuss im Zusammenhang von Landschaft, Architektur und Musik erleben, versichert Rademann.
So prägen zum Beispiel die St.-Georgen-Kirche und das Schloss das Bild der Stadt Schwarzenberg und ihrer Umgebung. Zu dem besonderen architektonischen Ensemble kommt beim Festival ein musikalisches Highlight. Im Eröffnungskonzert in der Kirche wird das Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach aufführen. Das Collegium Vocale Gent gehört zu den bedeutendsten heutigen Bach-Interpreten und tritt im Erzgebirge mit namhaften Solisten auf.
Am 5. September erklingt in der Marienberger St.-Marien-Kirche das Requiem in C-Dur von Johann Adolf Hasse (gest. 1783). Der Dresdner Hofkapellmeister habe die Dresdner Hofmusik und Oper zu europaweitem Ruhm geführt, betont Rademann. Obwohl ein Werk des Totengedenkens – verfasst anlässlich des Todes des Kurfürsten Friedrich August II. – sei das Requiem ein prächtiger Höhepunkt des italienisch-sächsischen Glanzes am Dresdner Hof.
Wegen des Ansturms auf Karten findet das Konzert des Flander Recorder Quartets am 6. September nicht wie ursprünglich geplant im Rittersaal des Schlosses Schlettau, sondern in der Stadtkirche St. Ulrich statt. Das belgische Ensemble für barocke Blockflötenmusik hat sich durch sein virtuoses Spiel und sein breites Repertoire einen Namen gemacht. »Die Konzerte der vier Musiker aus Belgien stehen für technische Perfektion, Klangschönheit und Überraschung«, wirbt das Musikfest Erzgebirge für das Ensemble. Es »zelebriert Flötenspiel in einer anderen Dimension«.
Zu den zu ihrer Zeit hoch geachteten, heute aber vergessenen Musikern gehört Daniel Bollius (ca. 1590 bis 1642). Er gelte als derjenige, der das erste deutsche Oratorium komponiert habe, erklärt Rademann. Das vor 1626 entstandene Werk bezeichnet der Intendant als »eine Rarität ersten Grades«. Beim Musikfest Erzgebirge wird es nach einigen Jahrhunderten eine Erstaufführung erleben. Das international besetzte Ensemble Chelycus wird am 7. September in der St.-Nicolai-Kirche in Grünhain das Werk Bollius’ wieder zu Ehren bringen.
Bevor am 12. September die Marienvesper von Claudio Monteverdi in der großen spätgotischen Hallenkirche St. Annen in Annaberg-Buchholz einen glanzvollen Schlusspunkt des Festivals setzt, steht zuvor noch ein ganz besonderes Ereignis auf dem Programm: das Erzgebirgische Sängerfest am 11. September in der St.-Johannes-Kirche in Lößnitz. »Hier können die Kantoreien beweisen, was in ihnen steckt.« Der Intendant verweist auf die jahrhundertealte, lebendige Tradition der Kantoreien, von denen es im Erzgebirge zahlreiche gebe. Viele Kantoreien werden in Lößnitz zu einem riesigen Chor mit einigen Hundert Sängerinnen und Sängern zusammenwachsen und gemeinsam musizieren. Es erklingen Stücke aus Georg Friedrich Händels berühmtem »Messias«. Zudem wurde für dieses Konzert nach den Worten des Intendanten eine »Koryphäe« engagiert, der Chefdirigent des Berliner Rundfunkchors, Simon Halsey.
Mit diesem großen Auftritt solle das Engagement und die lebendige Tradition der zahlreichen Kantoreien im Erzgebirge gewürdigt werden, so Rademann.
Sabine Kuschel
www.musikfest-erzgebirge.de
»Es soll mich nichts gefangen nehmen«
1. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Günter Schmidt hat neben der Liebe zum Leben erkannt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Foto: Maxie Thielemann
Günter Schmidt ist 80 Jahre alt, der Alkohol hat fast sein ganzes Leben bestimmt.
Es gab Zeiten, da hat sich Günter Schmidt nur an einem gefüllten Glas erfreut, aber es musste schon Weinbrand, Korn oder Wodka darin sein. »Bier habe ich nur gegen den Durst getrunken«, sagt der 80-Jährige, der heute das Malen wiederentdeckt hat, der sich über Blumen am Wiesenrand freut und darüber, dass er seine Familie noch erleben kann. Viele Jahre hat er diesen Lebensgenuss einfach weggetrunken.
Günter Schmidt sitzt ein bisschen ins Sofa eingesunken in seiner Dresdner Wohnung. Der gebürtige Freiberger hat schon oft Zeugnis über sein Leben gegeben. Demut schwingt mit in seiner Erzählung und ein bisschen Abgeklärtheit. Er sagt: »Mein ganzes Leben war eine Lüge«, und »Ich bin selber Schuld daran, dass ich Alkoholiker geworden bin.«
Mit 15 Jahren begann er, den Alkohol für sich zu entdecken: »Ich glaubte, dass gehörte in den Wirren nach dem Krieg einfach dazu.« Er sei ein Außenseiter gewesen, der mit seinem Leben nicht zurechtkam. Der Alkohol konnte gut verdrängen. So ging es weiter in der Ausbildung zum Chemielaborant und im Studium, wo er mit Kommilitonen aus Benzin trinkbaren Alkohol herstellte. Er vertrug davon bald mehr als andere.
Wann er abhängig wurde, kann Günter Schmidt nicht sagen. Er habe es lange genug ignoriert. Auf Arbeit konnte sich der Spiegeltrinker tarnen, d. h. er trank tagsüber so viel, dass sein Blutalkoholspiegel konstant blieb und wirkte dennoch nicht betrunken. Obwohl seine Frau viel auszuhalten hatte, liefen Beruf und Familie einigermaßen weiter, gab es keinen Grund aufzuhören. Oft sagte er sich: »Ich bin doch kein Alkoholiker, ich stehe doch nicht schon um sechs Uhr mit einem Bier auf der Straße.«
Als seine Frau nach schwerer Krankheit 1992 starb, reichten die paar Gläser Schnaps am Tag nicht mehr. Günter Schmidt geniert sich noch heute dafür, dass er zeitweise täglich zwei Flaschen brauchte, sich immer mehr gehen ließ, nur noch zum Trinken aufstand. »Ich bin auch spazieren gegangen, habe das Kruzifix einer Kirche hier in der Nähe regelrecht belästigt, mich bei Jesus beklagt, wie mies es mir geht, dass er dafür die Schuld trage«, erinnert er sich und fügt hinzu: »Wir Alkoholiker machen so viele Schuldanweisungen, nur nicht an uns selbst.« Und in so einer Situation kam die Wende. Schmidt nennt es den Impuls, die Ohrfeige, die ein Süchtiger brauche, um aufzuhören.
Bei ihm war es die Gemeindeschwester, die sich bis zum Tod um seine Frau gekümmert hatte und die ihn jetzt entsetzt anfuhr: »Herr Schmidt, merken Sie überhaupt, wie betrunken und wie schmuddelig Sie hier herumlaufen?
Wollen Sie so Ihre Frau ehren?« Nein, das wollte er nicht. Wenige Tage später begann er eine Entgiftung im Krankenhaus. Nach der ersten Nacht, unterstützt von Medikamenten, fühlte er sich befreit vom Saufdruck oder »Saufsog«, wie er es nennt. Denn das Trinken sei kein Druck von außen, sondern ein Bedürfnis von innen. Und auch heute viele Jahre nach seiner ambulanten Therapie, sagt er: »Ich bin frei!« und meint damit, dass er zwar immer noch alkoholkrank sei, aber eben durch Gottes Gnade trocken. Einer seiner Therapeuten hatte ihm eine Bibel in die Hand gedrückt.
Günter Schmidt sei früher eher formaler Christ gewesen: getauft, kirchlich getraut. Weil er mit dem Sozialismus sympathisierte, trat er aus der Kirche aus. »Ich komme von links und bin Alkoholiker, trotzdem hat mich Jesus Christus angenommen. Das ist für mich ganz wichtig.« Er ist bei der Suchtkrankenhilfe Blaues Kreuz e.V. aktiv und jeden Freitag beim Begegnungsabend der Dresdner Stadtmission für Suchtkranke und deren Angehörige dabei. Der regelmäßige Kontakt zu diesen Menschen sei ihm wichtig, weil er immer wieder zeige: Ein Rückfall ist möglich. Alkoholkrank ist man sein Leben lang.
Günter Schmidt hat neben der Liebe zum Leben erkannt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. »Die Ärzte und Therapeuten konnten mir nur Ratschläge geben, umsetzen musste ich sie selbst.« Ein Wort von Paulus steht ihm da am Nächsten: »Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen« (1. Korinther, 6,12).
Maxie Thielemann
Adressen
Ev. Landesarbeitsgemeinschaft für Suchtkrankenhilfe Sachsen,
Fachverband im Diakonischen Werk Sachsen e.V.,
Obere Bergstraße 1, 01445 Radebeul,
Telefon (0351)8315164
Ute Griesenbeck, Telefon (0345)12299-370,
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Friedrich Nietzsche, ein Schmerzensmann der Philosophie
1. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kultur
Einzelgänger auf dem Dornenweg des Denkens – Eine Ausstellung in Naumburg widmet sich dem Religionskritiker
Der Ausruf »Gott ist tot« zählt zu den bekanntesten und heftig diskutierten Zitaten Friedrich Nietzsches (1844–1900). Diesem Diktum sind in den letzten 100 Jahren zahllose Studien und universitäre Seminare gewidmet worden. Ist dieser abstrakte Ausspruch geeignet, in einer Ausstellung visualisiert zu werden? Den Versuch unternimmt eine von Jens-Fietje Dwars kuratierte Ausstellung im Nietzsche-Haus in Naumburg.Die Kritik an der christlichen Religion ist bei Nietzsche nicht voraussetzungslos. In einem Pfarrhaus aufgewachsen, musste der Fünfjährige erleben, wie kurz hintereinander erst sein Vater – der hier gleichsam als »Gottvater« auf der Kanzel der Röckener Kirche zu sehen ist – und dann sein jüngerer Bruder starben. Wie konnte ein liebender Gott das nur zulassen, sei eine erste kritische Frage des jungen Nietzsche gewesen, die sein kindliches Gottvertrauen erschütterte. Genährt wurde seine Religionskritik in der Landesschule Pforta, die, wie Reiner Bohley im Buch »Die Christlichkeit einer Schule – Schulpforte zur Schulzeit Nietzsches« darlegte, ihrem Selbstverständnis nach eine streng evangelische war. Doch die »demonstrative Wahrung der christlichen Tradition war zur äußeren Form verkommen«. Das blieb nicht ohne Folgen für Nietzsche, der in Pforta zum skeptischen Denker reifte. Der daselbst entstandene Aufsatz »Fatum und Geschichte« (1862) gab seinen Glaubenszweifeln konkreten Ausdruck.
Die Religionskritik Nietzsches, auf die im zweiten Raum eingegangen wird, ist exemplarisch formuliert im Aphorismus »Der tolle Mensch«, nachzulesen in »Die fröhliche Wissenschaft« (1882), manifest dann in »Der Antichrist« (1888).
Der tolle Mensch – hier als Silhouette mit Nietzsches Physiognomie – sucht am hellen Tag mit einer Laterne Gott, um zu dem Fazit zu gelangen: »Wir haben ihn getötet.« Ein großes Transparent, Protestschilder und verstreute Flugblätter mit Nietzsche-Zitaten wie »Ich verspreche: Ein tragisches Zeitalter« und »Wahrheit ist die Lüge aller«, werden mit süßlichen Jesus-Bildchen aus dem 19. Jahrhundert flankiert. Nietzsches Religionskritik als Demonstration zu inszenieren, ist begreiflich, widerspricht aber dem Wesen des Einzelgängers, der Nietzsche auch als Philosoph gewesen ist. Anders als sein »toller Mensch« war Nietzsche kein Denker, der seine Thesen zu Markte trug. Auch sein Jesus-Bild wird hier gedeutet. In »Der Antichrist« hat er sich über Christus geäußert und resümiert, dass es nur einen wahren Christ gegeben habe: den Gekreuzigten.
Im dritten und letzten Raum werden Stimmen zitiert, die sich über den Religionskritiker Nietzsche geäußert haben. Von Lou Andreas-Salomé bis hin zu Martin Heidegger. Gern hätte man mehr über die sogenannte »Gott-ist-tot-Theologie« erfahren, die in den 60er Jahren in den USA aufkam und Nietzsches apodiktisches Philosophem theologisch produktiv machte. Am Ende steht eine Fotomontage: Der Prophet mit dem gebrochenen Blick des geistig Umnachteten, umgeben von einer Dornenkrone. Dies als Illustration des letzten Satzes der Ausstellung: »War Nietzsche ein zweiter Christus, der am Scheinglauben seiner Zeit zugrunde ging: in die Abgründe des Glaubens hinab?« Ob er ein Antichrist oder Gottsucher war, das solle, so der Kurator, der Besucher entscheiden. Ein Schmerzensmann der Philosophie war Friedrich Nietzsche, der seinen Dornenweg des Denkens allein ging, aber ganz gewiss.
Kai Agthe
»Gott ist tot. Antichrist oder Gottsucher? Nietzsche zwischen Kritik und Prophetie«. Die Ausstellung im Nietzsche-Haus Naumburg, Weingarten 18, ist bis 31. Oktober dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr, sonnabends und sonntags von 10 bis 16 Uhr zu sehen. Infos unter (03445) 703503
Eigene Grenzen überschreiten
11. Juni 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Elisa verweigert die Annahme der Geschenke Naamans, Quelle: Wikipedia, Collection of reproductions compiled by The Yorck Project. Zenodot Verlagsgesellschaft mbH
Anhand der biblischen Geschichte vom Feldhauptmann Naaman (2. Könige 5) wenden wir uns dem Thema Heilung zu. In einer dreiteiligen Serie wird beleuchtet, wie Naaman geheilt wird und welche seiner Erfahrungen uns auch heute helfen können.
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Heilung ist für Naaman, den erkrankten Feldhauptmann, das Eingeständnis eigener Hilfsbedürftigkeit. Er geht auf den Rat der Dienerin seiner Frau nach Israel, um dort Heilung und Hilfe für sich zu suchen. Dabei muss er nicht nur die Grenze seines Landes überschreiten, sondern auch die Grenzen seines bisherigen Glaubenshorizontes.
Naaman geht zum Propheten Elisa in der Erwartung, dass ein magisches Ritual an ihm vollzogen wird, so wie die Heiler das in Aram und in der Antike getan hätten. Doch als Naaman vor Elisas Haus steht, lässt dieser ihm durch einen Boten mitteilen: »Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden.«
Elisa kommt bewusst nicht aus dem Haus zu Naaman heraus, um deutlich zu machen, dass die Heilkraft nicht bei ihm auf magischer Ebene liegt, sondern bei Gott selbst. Naaman muss eine Grenze des Glaubens überschreiten, ein magisch verfasstes Welt- und Heilungsverständnis verlassen, um ein Vertrauensverhältnis zum Herrn des Heilens zu gewinnen. Denn im Horizont des Glaubens bedeutet Heilung einerseits das Vertrauen zu Gott. Dabei sind Menschen auf die Vermittlung angewiesen. Heilendes Handeln ereignet sich durch ärztliches Tun. Den Rahmen bildet dabei die medizinische Kunst und das Vertrauen in sie ist wichtig. Erkrankungen der Haut bedürfen je nach Schwere einer medizinischen Betreuung. Eine Heilmethode, durch die die Ursache beseitigt wird, steht nicht in jedem Fall zur Verfügung, etwa bei falschen Reaktionen des Immunsystems auf Grund genetischer Veranlagung. Oft können nur die Symptome behandelt werden.
Naaman muss die Grenze seiner Lebenseinstellung überschreiten. Ihm leuchtet nicht ein, dass er sich im Jordan waschen soll. Die Flüsse in Aram hält er für viel geeigneter. »Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, sodass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte?« Diese seine Haltung ist Ausdruck von Überheblichkeit.
Die Diener Naamans treten mit den Worten an ihn heran: »Wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wieviel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein?« Der Weg zur Änderung der Lebenseinstellung und -haltung beginnt hier im Gespräch mit Menschen, die andere Erfahrungen haben. Der Diener Naamans ist ohne Macht und ohne Selbstbestimmung. Seine Stärke ist, dass er sich selbst gegenüberstehen kann. Er weiß, wie viel im Leben unverdient ist.
Naaman muss sich aus dem Korsett seiner Ideale, seinem Leistungsdenken befreien lassen.
Er lässt sich von seinen Dienern überzeugen, taucht im Jordan siebenmal unter. »Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben und er wurde rein.« Durch welche Erfahrung mag Naaman rein und heil geworden sein? Wodurch wurde er zur neuen Einsicht über Gott geführt?
Er hat sich im Jordan siebenmal gewaschen. Die Sieben gilt als heilige Zahl. Das Grundwort für Waschen ist hier ein Fachbegriff für die rituelle Reinigung vor Gott. Die griechische Übersetzung dieses Begriffes wird im Neuen Testament im Rahmen der Taufhandlung für den Moment der Reinigung verwendet.
Der Vorgang, der hier beschrieben wird, verändert Naamans Einstellung zu sich selbst und zu Gott grundlegend. Die Rückkehr zum Propheten wird darum mit einem Bekenntnis verbunden sein: »Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel.«
Indem Naaman wahrnimmt, dass er vorbehaltlos angenommen wird, tritt er in den Machtbereich Gottes ein. Vor sich selbst muss er nicht mehr machtbewusst, unverletzbar und dynamisch sein. Es kommt darauf an, alles loszulassen, was ihn hindert,
sich in seiner Haut wohl zu fühlen.
Viele Naturheilmethoden wie Meditation, Atemtherapie oder autogenes Training können helfen, loszulassen und frei zu werden von krankmachenden Einstellungen. Heilendes Handeln im Horizont des Glaubens und die christliche Meditation haben zum Ziel, die Gegenwart Gottes bewusst wahrzunehmen, sich bewusst in den Machtbereich Gottes zu stellen.
Jürgen Wolf
Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Hermsdorf. Nebenamtlich ist er Dozent für Praktische Theologie im Kirchlichen Fernunterricht.
Blutige Propagandaschlacht
10. Juni 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Klares Feindbild: Libanesische Demonstranten verbrennen am vergangenen Sonntag eine mit blutigen Handabdrücken versehene israelische Fahne in der Nähe der Beiruter US-Botschaft. Foto: picture alliance/dpa
Auf den ersten Blick scheint es klar: Israel hat mit der Aktion gegen die Hilfsflotte für Gaza gezeigt, wo es steht – auf der Seite des Bösen. Doch so einfach ist die Sache nicht.
Das Ziel stand eindeutig fest: Die Flotte »Free Gaza« sollte mit 700 Friedensaktivisten und 10000 Tonnen Hilfsgütern an Bord einen Weg nach Gaza öffnen, auf dem dann »monatlich ähnliche Schiffskonvois« folgen sollten. So Mohammed Kaya, der Leiter des Büros der »Internationalen Humanitären Hilfsorganisation« (IHH) in Gaza, am 21. Mai.
Zur Erinnerung: Israel blockiert den Gazastreifen, weil dort ein israelischer Soldat, Gilad Schalit, seit Sommer 2006 festgehalten wird – ohne jeden Kontakt zur Außenwelt. Nicht einmal das Rote Kreuz durfte ihn bislang besuchen. Zudem will Israel den Palästinensern klar machen: Der Beschuss Südisraels mit Raketen ist nicht akzeptabel. Vor dem Gazakrieg zum Jahreswechsel 2008/2009 waren mehr als 10000 Raketen von Gaza auf Israel abgeschossen worden. Seit Februar 2009 sind es schon wieder fast 500. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu erklärt die Politik seiner Regierung »ganz einfach«: »Humanitäre und andere Güter kommen rein. Waffen und Rüstungsgüter nicht.«
So liefert Israel pro Woche weit mehr Hilfsgüter nach Gaza, als der gesamte Schiffskonvoi »Free Gaza« bringen wollte. Die Israelis beteuern: »Eine humanitäre Krise gibt es in Gaza nicht!« Pro-palästinensische Hilfsorganisationen kontern, die Lieferungen reichten bei weitem nicht aus, um »die enormen Bedürfnisse der erschöpften Bevölkerung zu befriedigen«.
Bis heute steht das Angebot, humanitäre Hilfsgüter über den Hafen Aschdod und israelische Sicherheitskontrollen ihrer Bestimmung in Gaza zukommen zu lassen. Aber die Verantwortlichen der »Free Gaza«-Flotte lehnten dieses Angebot genauso ab, wie die Bitte von Noam Schalit, seinem Sohn Gilad ein Päckchen und einen Brief zu überbringen. Deshalb ist der Schluss des israelischen Außenministers Danni Ayalon nicht ganz von der Hand zu weisen: »Die Aktion ‚Free Gaza’ hatte niemals eine humanitäre Zielsetzung, sondern war eine Provokation, um die Hamas zu unterstützen.«
Mehrfach weigerten sich die Besatzungen der sechs Schiffe am frühen Morgen des 31. Mai 2010, der Aufforderung der israelischen Kriegsmarine Folge zu leisten und in den Hafen von Aschdod einzulaufen. So beschloss die israelische Führung, die Schiffe zum Kurswechsel zu zwingen. Auf fünf Frachtschiffen der Flotte »Free Gaza« gelang es den Marinesoldaten problemlos, das Steuer zu übernehmen. Auf dem Passagierschiff »Mavi Marmara« aber waren die Friedensaktivisten gut auf die Ankunft der israelischen Soldaten vorbereitet – wie Aufnahmen der Sicherheitskameras auf dem Schiff sowie Filmaufnahmen von Aktivisten bestätigen. Mit Schockgranaten und einem starken Wasserstrahl sollten die Elitesoldaten am Entern gehindert werden. »Wir waren auf passiven Widerstand und friedliche Demonstranten eingestellt«, erzählt Hauptmann R., »und sahen uns Terroristen gegenüber, die uns töten wollten.«
Eigentlich hätten die israelischen Soldaten und ihre Kommandeure von Engagement und Motivation der Blockadebrecher nicht überrascht sein dürfen. Einen Tag zuvor hatte Dr. Abd Al-Fatah Schayyek Naaman, Gastdozent aus Jemen an der Universität Gaza, im Al-Aksa-Fernsehen der Hamas verkündet: »Sie werden Widerstand leisten, mit ihren Fingernägeln. Das sind Leute, die das Martyrium für Allah suchen. So sehr sie auch nach Gaza kommen wollen, das Martyrium ist doch erstrebenswerter.«
Anfangs war die Rede von 19 Toten. Dann wurde auf 15 Tote korrigiert. Bis schließlich klar wurde, dass neun Aktivisten, darunter vier Türken, ihr Leben verloren hatten. Sieben israelische Soldaten wurden teilweise schwer verletzt. Sie trugen unter anderem Knochenbrüche, Stichwunden im Unterleib und Schussverletzungen davon. Einer erlitt einen Schädelbruch.
Etwa 40 Friedensaktivisten hatten keinerlei Ausweispapiere bei sich. Dafür Gasmasken, kugelsichere Westen, Nachtsichtferngläser und verschiedene Waffen. Jeder dieser Männer hatte dieselbe große Summe Bargelds in der Tasche, zusammen mehr als eine Million US-Dollar. Israel vermutet, dass sie Al-Kaida-Söldner sind. Trotzdem bestreiten die Türken, dass sich irgendwelche Waffen an Bord der Mavi Marmara befunden haben. Immerhin hätten die Behörden alle Passagiere sorgfältig untersucht.
Zu diesen untersuchten Personen gehörte aber offensichtlich nicht das jemenitische Parlamentsmitglied Scheich Muhammad Al-Hasmi, der sich mit seinem Krummdolch in entsprechender Pose auf der Mavi Marmara fotografieren ließ. Al-Hasmi gehört zur Al-Islah-Partei, die der ägyptischen Moslembruderschaft verbunden ist.
Reflexartig sprachen arabische Medien und ihre Sympathisanten vom »Massaker auf hoher See«. Israelis konterten, ihre Soldaten seien »gelyncht« worden. In Online-Foren im Internet und im Facebook erfuhr das gesamte altbekannte, antisemitische Repertoire eine aktuelle Neuauflage. Lange bevor Fakten auf dem Tisch liegen konnten, zeigte sich die Welt schon einmal prophylaktisch empört über das blutrünstige Vorgehen des jüdischen Staates. »Tod den Israelis« forderten Aufkleber in der Türkei.
Auf Initiative der arabischen Staaten beschloss die UN-Menschenrechtskommission (UNCHR) eine Untersuchung – wobei bereits die Resolution zur Einrichtung der Untersuchungskommission Israel hart verurteilt. Und der Iran bedankte sich ausdrücklich bei Europa für dessen harte Reaktion auf »Israels barbarische Kommandooperation«.
Die Hilfsgüter der Flotte »Free Gaza« wurde auf Lastwagen verpackt und in Richtung Gaza geschickt. Doch die Hamas verweigerte deren Einreise. Offensichtlich kann man auch in Gaza mit Medikamenten, deren Verfallsdatum bereits in der Vergangenheit liegt, der Kleidung, den Decken, Rollstühlen und dem Spielzeug nichts anfangen. Dennoch befinden sich die nächsten Schiffe bereits auf dem Weg. Offensichtlich lohnen sich der finanzielle Aufwand und das persönliche Risiko der Beteiligten für den Propagandafeldzug der Feinde des jüdischen Staates.
Von Johannes Gerloff (Jerusalem)
»Eines Tages wird sich das ändern«
27. Mai 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Um glauben und hoffen zu können, sucht der Autor nach Zeugen. Er findet sie nicht nur in der Bibel. Im Folgenden ein Auszug aus seinem auf dem Ökumenischen Kirchentag in München gehaltenen Vortrag.

Der gekreuzigte und auferstandene Christus – Hoffnung auf eine neue Welt. Der Ökumenische Kirchentag stand unter dem Motto: »Damit ihr Hoffnung habt.« Auf dem Foto die Installation »Schwebendes Blau«, die als Teil eines Kunstprojektes zum Kirchentag in der Kirche St. Ursula in München-Schwabing zu sehen war. Foto: epd-bild
Was ich über die Hoffnung sage, sage ich als alter Mensch. Ich weiß nicht, ob es allen Alten so geht, sicher aber vielen, dass sie nicht mehr in stimmigen und einleuchtenden theologischen Zusammenhängen reden; nicht weil der Verstand schwächer geworden ist, sondern weil einem das Leben die Systematik und die einleuchtenden Erklärungen ausgetrieben hat. Es sprechen so viele Todesdaten, Zerstörungsgeschichten und Unstimmigkeiten gegen den Zusammenhang und die Güte des Lebens, dass man sich eher wundert, dass Menschen das Leben loben und Gott preisen können.
Das Glaubensbekenntnis als systematische Aussage und Lehre zerbröckelt einem unter den Händen, aber umso fester hält man die Brocken, die man nicht aufgeben kann: Jesus Christus – das aufgedeckte Antlitz Gottes; Jesus Christus – in unsere Tode hineingestorben; Jesus Christus – die Hoffnung auf die Heilung aller Lebenswunden und Lebensschulden. Es spricht viel dagegen, dieses zu glauben; vielleicht mehr dagegen als dafür, aber ich erzähle eine Geschichte, bei der einem nichts anderes übrig bleibt als zu glauben (oder nicht zu glauben). Ich finde sie bei Carlos Mesters, dem brasilianischen Befreiungstheologen (Die Botschaft des leidenden Volkes). Es ist die Geschichte von Teresinha, einer Frau aus dem brasilianischen Bergland. Das Kind der Teresinha war erst wenige Monate alt und schwer krank. Sie ging zu einem Arzt, der die Behandlung verweigerte. Sie ging von Krankenhaus zu Krankenhaus, aber sie hatte nicht die richtigen Papiere und wird abgewiesen. Schließlich stirbt das Kind in ihren Armen.
Einmal erzählt diese Frau die Geschichte des Sterbens ihres Kindes einer Nonne, und diese antwortete ihr: »Wie können Sie das nur aushalten, so zu leiden?« Teresinha antwortet: »Ich weiß nicht, Schwester. Wir sind arm, wir wissen nichts. Das Einzige, was für uns übrig bleibt in dieser Welt, ist leiden. Lassen Sie nur, Schwester, eines Tages wird sich das ändern! Gott hilft Leuten wie uns.«
»Eines Tages wird sich das ändern!«, sagt die Frau. »Den Tod vernichtet er für immer«, sagt Jesaja. »Gott hilft Leuten wie uns«, sagt die Frau. »Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen«, heißt es im letzten Buch der Bibel. Die Frage, was Erlösung bedeutet und ob man auf sie hoffen kann, kann ich nicht abstrakt beantworten. Ich könnte es nicht in der Bibel lesen, wenn ich es nicht aus den Worten dieser Frau lese.
Die Frau in ihrem Schmerz und in ihrer Hoffnung ist meine Zeugin. Ich verstände sehr gut, wenn sie verstummte oder wenn ihre Sprache bescheiden würde und wenn sie nur noch sagte: So ist das Leben! Das Kind ist tot, und mehr hat unsereins nicht zu erwarten. Aber sie hat keinen Grund so bescheiden zu sein. Sie geht mit ihrer Hoffnung aufs Ganze und sagt: »Eines Tages wird sich das ändern. Gott hilft Leuten wie uns.«
Es ist schön und menschenwürdig, dass ein Mensch sich die Hoffnung nicht verbieten lässt; dass sie einen neuen Himmel und eine neue Erde erwartet, in der sie nicht mehr ein erniedrigtes und beleidigtes Geschöpf ist. Ich finde den dickköpfigen Stolz der Frau schön, in dem sie ein Land erwartet, in dem »das Frühere vergangen« ist. Etwas schön zu finden, ist die erste und vielleicht kräftigste Verlockung zum Glauben. Diese Schönheit lehrt mich unzufrieden zu sein mit der unterernährten Vernunft, die nur sagt, was zu sagen ist. »Gott erlöst sein Volk.«
Das eigene Herz ist zu klein für die Hoffnung auf die endgültige Bergung des Lebens. Man muss Zeugen haben. Ich versuche, meinen Glauben an Gott zu nennen, und ich stelle fest, dass ich dies dauernd in fremder Sprache tue. Ich zitiere Jesaja, wenn ich auf das Land hoffe »aus dem die Seufzer geflohen sind«. Ich zitiere die Apokalypse, wenn ich behaupte: »Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz.« Man sucht sich Zeugen für die Hoffnung. Der Glauben geht Umwege, er glaubt nicht hauptsächlich »etwas«. Glauben heißt, den Zeugen ihren Glauben zu glauben. Welch ein Glück, dass ich eine Fremdsprache für meinen Glauben habe! In der fremden Sprache, in den Geschichten und den Bildern von gestern berge ich meinen Glauben. Ich stehe nicht allein, nicht einmal für meinen Glauben. Ich benutze die Sprache meiner lebenden und toten Geschwister, und ich benutze damit auch ihren Glauben.
Ja, ich kenne den Einwand: Die Hoffnung auf jene endgültige Stadt und auf Gott, der die Teresinhas erlöst, ist eine Vertröstung, die den Augenblick entwichtigt und die Kraft für die Gegenwart verschleudert. Aber es ist auch an der Zeit zu überlegen, was die Sprachlosigkeit anrichtet und was eine Sprache anrichtet, die das Elend beschreibt; die aber das Lied »einmal wird es sein!« nicht mehr kennt. Wünsche und Hoffnungen sterben, wenn sie sich in eine zu kurze Sprache ducken müssen. Die Sprache der Liebe und die Sprache des Schmerzes nehmen den Mund immer zu voll. Aber wehe, wenn sie bescheiden werden und die Unsäglichkeiten vermeiden! Der Tod darf nicht das letzte Wort haben, sonst wäre er größer als Gott. Die Toten drängen mich, an Gott zu glauben. Die Opfer fordern Versprechungen, die größer sind, als mein Herz wissen und vertreten kann. Da ich niemanden Opfer sein lassen will, nicht einmal mich selber, rufe ich: Gott wird die Toten nicht vergessen. Es wird ein Land kommen, aus dem die Seufzer geflohen sind und in dem jeder seine Sprache und seinen Gesang gefunden hat.
Nein, es ist mir zu wenig, dass Gott keine anderen Hände hat als die Unseren und kein größeres Herz als das Unsere. Ich lese in der Zeitung, dass ein Kind ermordet wurde. Nein, ich lasse Gott nicht davonkommen. Er soll für das ungelebte Leben und den schrecklichen Tod des Kindes stehen. Er soll seine Tränen abwischen und ihm sein Lachen zurückgeben. So wahr es ist, dass Gott selber in die Hände der Räuber gefallen ist in allen Gestalten der Armut, die sich auf der Welt herumtreiben, so wahr ist – ich behaupte es, und ich verlange es! –‚ dass Gott alle Wunden heilen und die Toten erwecken wird. Ich setze darauf und kümmere mich nicht darum, dass ich die Wette verlieren kann. Ich weiß, dass ich in unverstandenen Bildern rede, wenn ich mit der Bibel sage: »Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird sein.«
Die Toten und ihr Schicksal öffnen mir den Mund für diesen Gesang, der mit seiner Vision vom guten Ausgang allen Lebens wie Kitsch klingt. Aber lieber des Kitsches verdächtigt sein, als die Solidarität mit den Opfern aufgeben. Die Solidarität mit den Opfern erlaubt mir kein Schweigen und sie öffnet mir den Mund zu sagen, was man nicht sagen kann: dass keine Träne umsonst geweint ist und keine Wunde ungeheilt bleibt. Wie und wo dies wahr wird, weiß ich nicht. So sagt es Karl Rahner: »Es gilt, alle Aussagen über Gottes neuen Himmel und neue Erde immer wieder hineinfallen zu lassen in die schweigende Unbegreiflichkeit Gottes.« Wir kommen nicht umhin, uns Bilder zu machen von den Orten der Bergung. Denn die Hoffnung kommt nicht ohne Bilder aus. Zugleich muss man wissen, dass unsere Bilder Bilder sind und wie alle theologischen Aussagen im Bilderverbot gerichtet werden. Gott weiß, wo er unsere Tränen sammelt, und dies genügt.
Von Fulbert Steffensky
Fulbert Steffensky, 1933 geboren, studierte katholische und evangelische Theologie. Er lebte 13 Jahre als Benediktinermönch. 1969 konvertierte er zum lutherischen Glauben. Er war mit der Theologin Dorothee Sölle verheiratet. Bis 1998 war er als Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg tätig.
Achte dich selbst und sei gut zu dir
12. Mai 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Von Nächstenliebe und Selbstachtung, die beide zusammengehören
Mit jedem Jahr, das du älter wirst, musst du mehr auf dich achten« – ein kluger Rat. Klug allerdings nur, wenn ich ihn richtig verstehe. Nicht gemeint ist, ich solle Jahr für Jahr mehr von mir halten. Damit würde ich mich nur lächerlich machen. Gemeint ist mit »auf sich halten«: Mit jedem Jahr muss meine Selbstachtung mir wichtiger werden. Schon früh am Morgen kann ich damit beginnen, beim Blick in den Spiegel. Was für ein Gesicht blickt mir über dem Waschbecken entgegen? Ein verdrießliches Gesicht? Oder eines, dem ich zulächle: »Guten Morgen, liebes Gesicht, ich mag dich, die Falten gehören nun einmal zu dir.«Hat der Tag so ermutigend begonnen, kann er so auch weitergehen. Sollte ich etwa unversehens in eine Situation geraten, in der eine Stimme mir zuflüstert: »Sag lieber nicht, wie es wirklich war, du wirst dich dadurch nur in Schwierigkeiten bringen«, dann schüttle ich den Kopf: Das soll ich mir antun? Auch wenn es nie herauskommen sollte, für mich bleibt Lüge Lüge. Und dafür bin ich mir zu gut. Und zu der Ausrede: »So machen es doch alle«, bin ich mir erst recht zu gut. Matthias Claudius weiß da guten Rat: Seinem Sohn Johannes hat er ans Herz gelegt: »Wenn du hast, so gib und dünke dich darum nicht mehr. Und wenn du nicht hast, so habe den Becher kalten Wassers zur Hand, und dünke dich darum nicht weniger.« Danke, Matthias Claudius!
So von sich denken macht unabhängig von dem, was andere von mir halten. Diese Unabhängigkeit bewährt sich, sobald ich auf meine Selbstachtung verstärkt angewiesen bin: Nach einem Misserfolg oder einer kränkenden Zurücksetzung oder zurzeit schwerer Erkrankung. Eines Tages wird der Generalangriff auf meine Selbstachtung kommen: Ich bin alt geworden und muss mir nun helfen lassen bei Dingen, die ich bisher selber gekonnt habe. Immer mehr bin ich nun abhängig von dem, was andere für mich tun. Täglich, ja stündlich muss ich der Frage standhalten: Was bin ich nun noch wert? Diesem Angriff habe ich etwas entgegenzusetzen, wenn ich weiß, wie nah Achtung und Liebe zusammengehören. Liebe ist gleichsam ein mehrstimmiger Akkord, in dem Achtung der Grundton ist. Das »höchste Gebot«, das Liebesgebot »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« (Matthäus 22,39) ist zugleich ein Achtungsgebot:
»Achte den Herrn, deinen Gott, hoch und achte deinen Nächsten nicht weniger als dich selbst.« Diese liebevolle Achtung vor Gott und meinem Nächsten zusammen mit der Achtung, die ich weiterhin gegenüber mir selbst empfinde, wird mich, auch wenn Rundumpflege« bei mir nötig geworden sein sollte, schützend umgeben.
Albrecht Hege
Der Autor, geboren 1917 war Prälat in Heilbronn. Der Text ist entnommen seinem Buch »Lebenszeichen«.
Hege, Albrecht: Lebenszeichen.
Siebenundsiebzig Geistliche Worte
Calwer Verlag, 156 S.
ISBN 978-3-7668-4002-8
Preis: 8,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161
Das Erbe des Reichsgrafen
8. Mai 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Im Blickpunkt
Spurensuche: Vor 250 Jahren starb Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf – die von ihm gegründete »Brüdergemeine« gibt es noch heute
Herrnhut – der kleine Ort in der sächsischen Oberlausitz steht für eine weltbekannte Form des Pietismus. Ein Besuch in Herrnhut.
Auf diesem Gottesacker im Herzen der sächsischen Oberlausitz trugen 32 Prediger und Diakone der weltweiten Brüderkirche am 16. Mai 1760 Nikolaus von Zinzendorf zu Grabe. Der Jurist, Freidenker und Theologe in lutherischer Tradition gilt als der Gründer der Herrnhuter Freikirche. Vor 250 Jahren starb er im damals noch ganz jungen Ort Herrnhut.
Für die aktiven Mitglieder der Brüdergemeine ist er allerdings immer präsent. Sie kennen sich erstaunlich gut aus bei diesem Nikolaus von Zinzendorf. Doch es ist heute ein kleiner Kreis, der so dicht dran ist am großen Vordenker. Denn selbst innerhalb christlicher Gruppen schwindet das Wissen über den Theologen, Dichter und Missionar. Was also ist geblieben von Zinzendorf, auf dessen Grund und Boden 1722 Glaubensflüchtlinge aus Mähren eine Siedlung gründeten? Übrigens in Abwesenheit des Hausherren, der auf Reisen war und bei seiner Rückkehr vollendete Tatsachen vorfand.
Auf Zinzendorfs Grab steht der Satz: »Er war gesetzt, Frucht zu bringen und eine Frucht, die da bleibt.« Und es ist genau die Frage nach dem, was überdauert hat, das die Herrnhuter umtreibt. Natürlich werden bis heute Zinzendorf-Lieder gesungen. In vielen Deutschen Haushalten hängen zu Weihnachten Sterne aus Herrnhut, die zwar nicht auf den Grafen selbst, wohl aber auf die Gemeine zurückgehen. Und dann sind da die Losungen, die übersetzt in mehr als 50 Sprachen von schätzungsweise 1,8 Millionen Menschen weltweit gelesen werden.
Doch Zinzendorf selbst, so scheint es, wird den Menschen mehr und mehr zum Unbekannten. Im Inland mehr als im Ausland, meint Michael Salewski. Der Theologe leitet das Tagungs- und Erholungsheim der Herrnhuter Brüder-Unität. In seinem Haus widmet sich an diesem Wochenende eine Tagung dem Phänomen Zinzendorf. Geht auf Spurensuche nach dem, was von ihm bis heute nachwirkt.
Auf jeden Fall ist es mehr als die Anrede mit Bruder und Schwester, die im Herrnhuter Alltag beim Bäcker oder in der Buchhandlung erstaunlich präsent ist. Mit der Übernahme des örtlichen Gymnasiums haben sich die Herrnhuter regional wieder sehr ins Gespräch gebracht. Zinzendorf-Gymnasium heißt die Einrichtung in freier Trägerschaft heute, die vom Landkreis zuvor geschlossen worden war. Aber auch die Sanierung des Zinzendorf-Schlosses im nahe gelegenen Bertelsdorf lenkt Aufmerksamkeit in die Oberlausitz.
Das Schloss aus dem 16. Jahrhundert war vor wenigen Jahren noch eine Ruine. Wände drohten einzustürzen. Eigentlich ein Fall für die Abrissbirne.
Doch der Verein Freundeskreis Zinzendorf-Schloss stemmte sich gegen den Verfall, sanierte und saniert das Schloss mit Hilfe von Fördermitteln und Spenden. Im Haupthaus, das nun Begegnungszentrum ist, gibt es auch eine Spur zu den Losungen, erzählt Pfarrer Andreas Taesler vom Förderverein. Die Türen waren einst wohl dunkelgrün gestrichen, damit Zinzendorf mit Kreide die Tageslosungen auf das Holz schreiben konnte. Die Losungen wählte Nikolaus von Zinzendorf ursprünglich als Impuls für den Tag seiner Gemeindemitglieder. Bis heute werden die alttestamentlichen Verse für die Losungsbücher von Hand gezogen, ausgelost. Die aktuellen für 2013 erst vor wenigen Wochen.
Herrnhut war im Ursprung eine Glaubensgemeinschaft, aber doch stets auch politische Kommune. Seit 1929 hat der Ort, der im Dreieck zwischen Löbau, Zittau und Görlitz liegt, Stadtrecht. Selbst zu DDR-Zeiten verschwand der christliche Einfluss nicht aus der Lokalpolitik. »Hier stellte die (Ost-)CDU den Bürgermeister«, erinnert sich Michael Salewski. Im Stadtrat sitzen Christen. Trotzdem – die Mehrzahl der rund 2800 Einwohner ist nicht Mitglied in der Brüdergemeine. 520 Geschwister zählt sie hier und in den umliegenden Dörfern, 6000 sind es in ganz Deutschland – verteilt auf 16 Gemeinden. Fünf davon liegen in Sachsen.
Bei diesen Zahlen, wenn sie auch nicht dramatisch niedrig sind für eine Freikirche, traf es die Herrnhuter hart, als sich 1999 eine Gruppe im Gründungsort selbst abspaltete und ein charismatisch geprägtes »Christliches Zentrum« gründete. Einige Jahre später zog mit dem Missionswerk »Jugend mit einer Mission« eine Gruppe in die Stadt, die davon sprach »Herrnhuts missionarisches Erbe antreten zu wollen«. Das schockierte. Mittlerweile aber sind die meisten Wogen geglättet. Es gibt das Christliche Zentrum und die Mission. Und man bemüht sich um Verständigung.
Allerdings entspricht der »Power Evangelismus« der jungen Gruppierungen eher nicht dem Stil der Brüdergemeine, sagt Michael Salewski. »Doch ich will das nicht negativ bewerten. Es gibt viele Möglichkeiten, Menschen zu erreichen.« Diese Offenheit wäre wohl in Zinzendorfs Sinne gewesen.
Irmela Hennig
www.ebu.de
www.zinzendorfschloss.de
Nikolaus Ludwig von Zinzendorf
Am 26. Mai 1700 wird Nikolaus Ludwig als Sohn von Georg Ludwig Reichsgraf von Zinzendorf und Pottendorf und Charlotte Justine von Gersdorf geboren. Geistlich geprägt wird er von seiner pietistischen Großmutter. 1722 heiratet er Erdmuthe Dorothea aus dem Hause Reuß zu Ebersdorf – mit der ebenso frommen wie selbstbewussten Frau führt er nach eigenem Bekunden eine »Streiterehe«. Im gleichen Jahr erwirbt Zinzendorf in Ostsachsen das Gut Berthelsdorf. Glaubensflüchtlinge aus Mähren gründen auf seinem Besitz die Siedlung Herrnhut. Unter ihnen kommt es zu einer Erweckung, die am 13. August 1727 in die Gründung der »Brüdergemeine« mündet. 1728 gibt Zinzendorf erstmals ein Bibelwort oder Lied-«Versel« als geistliche Tagesparole heraus, 1731 werden die ersten Missionare (Handwerker!) ausgesandt. Wegen zunehmender Spannungen um die neue Glaubensgemeinschaft wird Zinzendorf von 1736 bis 1747 aus Sachsen verbannt. 1756 stirbt seine Frau Erdmuthe, ein Jahr später heiratet er seine wesentlich jüngere Mitarbeiterin Anna Nitschmann. Am 9. Mai 1760 stirbt der Graf.Was sich von Zinzendorfs geistlicher Dichtung bis heute erhalten hat, etwa das Lied »Jesu geh voran« (EG 391), fand allerdings erst nach umfangreicher Bearbeitung und »Entschärfung« seinen Weg in die Öffentlichkeit: Zinzendorfs originale Dichtung war geprägt von einer merkwürdigen »Jesuserotik« mit dem Kult um das »Seitenhöhlchen« (die Seitenwunde Jesu). Diese verschwurbelte »Sacro-Erotik« sorgte zu seinen Lebzeiten für ebenso heftigen Spott wie Ablehnung. (GKZ)
Gottergebenes Leben – am falschen Ort
10. April 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Leonhard Lutz lebt seit 1948 bei klarem Verstand unter geistig Behinderten

Heute ist Leonhard Lutz Sprecher des Heimbeirates und schreibt seine Sitzungsprotokolle auf dem eigenen Computer. Foto: epd-bild
Wenn Leonhard Lutz morgens aufwacht, fällt sein Blick auf Dürers »Betende Hände«. Er hat sie oft nötig gehabt. Denn ohne seinen Gott hätte er nicht ausgehalten, was ihm widerfahren ist. Lutz ist 78 Jahre alt und lebt seit 61 Jahren im Heim für Menschen mit geistiger Behinderung im mittelfränkischen Polsingen, aber er ist nicht geistig behindert.
Seine Biografie ist eine Geschichte voller Missverständnisse, voller Ignoranz und Hass, bewegend und manchmal unglaublich. Leonhard Lutz erzählt sie im Büro seiner Wohngruppe, dem einzigen Raum, in dem man hinter verschlossener Tür vertraulich sprechen kann. Dies ist sein Gespräch, und man spürt, wie kostbar es ihm ist.
Leonhard Lutz kam mit einer schweren Körperbehinderung zur Welt. Er ist halbseitig gelähmt, die Finger der rechten Hand krümmen sich nach innen, bewegen kann er sie kaum, das rechte Bein gar nicht. Der Kopf steht etwas schief, die Gesichtsmuskeln kämpfen mit Dauerspannungen, und inmitten einer besonders starken Emotionsflut versagt schon mal die Stimme. Aber Leonhard Lutz ist nicht geistig behindert.
Vielleicht hätte die Liebe einer Mutter das gesunde Hirn in dem kranken Körper erkannt. Doch Lutz’ Mutter stirbt wenige Monate nach der Geburt an einem Gehirnschlag. Der Vater hat in der Kleinstadt Feuchtwangen eine Gärtnerei zu führen und keine Zeit, sich um seinen Sohn aus erster Ehe zu kümmern. Und die Stiefmutter lehnt das behinderte Kind ab und verprügelt es gar auf offener Straße.
Der Engel in seinem Leben heißt Leonhard Hornberger und ist der Patenonkel. Hornberger, ein einfacher Maurer mit Herz und Menschenverstand, erkennt das doppelte Elend seines Patenkindes und nimmt es auf. Weil man den kleinen Leonhard nicht in die Schule schicken kann oder will, unterrichtet ihn der Patenonkel selber. »Er hat mir so viel beigebracht, dass ich damit im Leben bestehen konnte«, sagt Lutz. Der Onkel baut ihm eine Gehhilfe, mit der Leonhard endlich, nach vielen Jahren, allein aus dem Haus kommt.
Auf welch festem christlichen Fundament der Maurer Hornberger steht, erweist sich später. Hitlers Euthanasie-Programm ist gerade angelaufen, da erscheinen einige Herren, um den zehnjährigen Leonhard »zu einem Spaziergang« abzuholen. Breitbeinig baut er sich vor ihnen auf, den Patensohn hinter sich, und versichert: »Dann müsst ihr mich aber auch mitnehmen.« Leonhard macht ihm bittere Vorwürfe, er wäre doch so gerne spazieren gefahren. Später erkennt er, dass ihm der Patenonkel das Leben gerettet hat.
Doch nun, der braune Spuk ist inzwischen vorbei, nimmt das Leben von Leonhard Lutz eine neue, dramatische Wendung. Der Patenonkel wird schwer krank, wohin nun mit Leonhard? Vor der Stiefmutter hat er panische Angst. Lieber will er ins Heim.
Am 19. Oktober 1948 bringt ihn sein Vater nach Polsingen, wo Neuendettelsauer Diakonissen im Schloss ein Behindertenheim betreiben. Er fährt im festen Glauben, es handle sich um ein Heim für Körperbehinderte. Als er nach einigen Stunden seinen Irrtum bemerkt, ist der Vater schon grußlos über alle Berge.
Lutz wohnt nun in einer Gruppe mit 30 Bewohnern, schläft in einem Schlafsaal für 15 Leute. Das Leben ist streng reglementiert, die Fenster sind vergittert, Kontakt mit Frauen strengstens verboten, sogar die Gräberfelder auf dem Friedhof sind nach Geschlechtern getrennt. Der Umgang mit den anderen Bewohnern funktioniert nur selten. »Ich habe mich wahnsinnig schwer eingelebt«, erinnert er sich.
Und die Diakonissen? Sie müssen doch gemerkt haben, dass ihr neuer Zögling anders ist als die anderen im Heim, anders spricht, anders denkt? »Sie haben es gemerkt, aber sie haben es nicht akzeptiert«, glaubt Lutz. In der Werkstatt erledigt er jetzt kleinere Arbeiten: Leder stanzen, Brillen zusammenbauen.
Nach gut zehn Jahren tritt wieder ein Engel in sein Leben. Es ist jemand vom Amtsgericht, der die Vormundschaften im Heim überprüft. »Sie passen doch hier auf gar keinen Fall rein«, entfährt es dem Staatsdiener. Die Frau des damaligen Heimleiters muss auf der Stelle ihre Vormundschaft abgeben.
Lutz hätte jetzt das Heim verlassen können. Aber: Die Lähmung ist kein Pappenstiel. Er wird immer auf fremde Hilfe angewiesen sein. Auf dem Heimgelände in Polsingen kennt er sich aus, wo soll er sonst hin? Und so bleibt er im Heim. 61 Jahre lang. Gott hat es so gewollt, sagt sich Lutz, er hat mich hierher gesetzt.
Thomas Greif (epd)
Käßmann-Rücktritt: »Schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus«
25. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Im Blickpunkt
Margot Käßmann hat auf die Stimme ihres Herzens gehört. Obwohl ihr der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) als höchstes Leitungsorgan nach einer Telefonkonferenz in der Nacht zum Mittwoch einmütig das Vertrauen aussprach, zog die Ratsvorsitzende und Bischöfin der hannoverschen Landeskirche am 24. Februar die Konsequenzen: „Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen kirchlichen Ämtern zurücktrete“, sagte sie in einer Pressekonferenz.

Geradlinig bis zum Ende: Margot Käßmann verkündet am Mittwoch, 24. Februar, ihren Rücktritt. (Foto: epd-bild)
Mit der ihr eigenen und von vielen so geschätzten Geradlinigkeit zog sie damit einen Schlussstrich unter die verhängnisvolle Alkoholfahrt vom vergangenen Wochenende. Sie bereue zutiefst den begangenen Fehler und sei mit Leib uns Seele Bischöfin gewesen. Doch: „Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben“, fügte die 51-Jährige sichtlich bewegt hinzu. Neben der Würde des Amtes gehe es ihr dabei auch um den Respekt und die Achtung vor sich selbst. Ihr Schlusssatz lautete: „Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar.“
Ihre Funktion in der EKD nimmt ab sofort ihr bisheriger Stellvertreter Nikolaus Schneider war. Schneider ist Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Über das weitere Vorgehen zur Wahl eines neuen Ratsvorsitzenden wird der Rat der EKD bei seiner turnusmäßigen Sitzung an diesem Freitag und Sonnabend (26. und 27. Februar) beraten.
Der Rücktritt sei „ein schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus“, der auch persönlich schmerze, erklärten Schneider und die Präses der EKD-Synode, die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckart. In einer gemeinsamen Presseerklärung verwiesen sie darauf, dass Margot Käßmann ihren Fehler sofort eingestanden habe, und so für viele Menschen zu einem Vorbild an Glaubwürdigkeit wurde.
Auch der sächsische Landesbischof Jochen Bohl, der zugleich Mitglied im Rat der EKD ist, bezeichnete ihren Rücktritt als einen „großen Verlust“. Unausweichlich sei ihr Rücktritt nicht gewesen. Der Rat der EKD habe ihr das Vertrauen ausgesprochen. Bohl räumte aber auch ein, dass er ihren Schritt nachvollziehen könne. „Er verdienst hohen Respekt. Er ist auch darin begründet, dass Margot Käßmann Schaden von ihrem Amt als Bischöfin und EKD-Ratspräsidentin fern halten wollte“, so Bohl.
Ebenso bedauert Ilse Junkermann, Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), „in höchstem Maße“ den Rücktritt ihrer Amtskollegin. „Den Menschen in unserem Land wird ihre Stimme fehlen“, so Junkermann wörtlich. So habe Käßmann in kritischen Diskussionen ohne Umschweife klar gemacht, dass das Evangelium und der Auftrag der Kirche auch eine politische Dimension habe. „Ich werde den Mut von Margot Käßmann, ihre theologische Klarheit und ihren Humor als Schwester im Amt sehr vermissen“, fügte die Kirchenleiterin hinzu.
Auch der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig reagierte “mit großem Bedauern und Respekt”. Die evangelische Kirche verliere mit Käßmann “ihre prominenteste Repräsentantin”, erklärte er in Dessau-Roßlau. Die Entscheidung über die Nachfolge werde “nicht einfach”.
(GKZ)
Bei einer Geburt begegnen wir dem Heiligen
11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Familie
Schwangerschaft und Geburt: Eine besondere spirituelle Zeit der Grenzerfahrung, des Schmerzes und der Seligkeit
Jede Geburt ist ein Wunder und für die werdenden Eltern ein großes spirituelles Ereignis. Die Kirche sollte sie in dieser besonderen Situation begleiten.
Wenn eine Schwangerschaft beginnt, ist das für die Eltern eine Zeit der tief greifenden Veränderung und deshalb auch eine Zeit der Offenheit für Glauben und Spiritualität. Jede Geburt ist ein Wunder. Für die ganz großen Gefühle von Freude und Ehrfurcht werden meist kein Raum und keine Zeit gelassen.
Das Gesundheitssystem verspricht eine absolute Sicherheit durch die technisch-medizinische Begleitung bis hin zum Kaiserschnitt auf Wunsch. Es ist eine trügerische Verheißung, gegen die Hebammen ankämpfen, denn sie wissen, dass gebärende Frauen keine Patientinnen sind, sondern für Schwangerschaft und Geburt geschaffen, und dass Vertrauen ebenso wichtig ist wie Sicherheit. In der Kirche sind diese Erfahrungen nur dann im Blick, wenn es um Beratung, Ethik oder Trauerbegleitung geht. Warum nehmen die Mitarbeitenden in den Kirchengemeinden und in den Theologischen Fakultäten diese sensible Zeit im Leben der Menschen nicht wahr? Spüren sie nicht die Sehnsucht nach Sinngebung und Getragensein?
Zum einen galt der Körper der Frau jahrtausendelang als unrein, der Mutterschoß als Herkunftsort der Erbsünde und deshalb wurde erst die Taufe der Anfang wahren Menschseins. Und zweitens richtet sich der Blick von Theologie und Kirche auf Tod und Sterben und nicht auf das Geborensein. Das ist merkwürdig, denn in der Bibel ist der Mutterschoß nach dem Herzen das am häufigsten erwähnte Organ. »Du hast mich gebildet im Mutterleibe«, heißt es in Psalm 139, Vers 13.
Mit Hannah Arendt haben wir entdeckt, dass nicht nur die Sterblichkeit, sondern auch die Geburtlichkeit ein menschliches Grundfaktum ist. Und zur Geburt selbst schreibt die Philosophin: »Wegen dieser Einzigartigkeit, die mit der Tatsache der Geburt ge-
geben ist, ist es, als würde in jedem Menschen noch einmal der Schöpfungsakt Gottes wiederholt und bestätigt.
Auf die Frage, was das Besondere an der Geburt ist, nannten Hebammen wiederholt diese Begriffe: Grenzerfahrung, Ergriffenheit, Seligkeit, Wunder des Lebens, Schmerz, Krankheit und Tod, Raum und Zeit, Atmosphäre und Stille. Auch Mütter und Väter haben mir ihre Erlebnisse erzählt. Ich verstehe dies nun als eine Begegnung mit dem Heiligen. Das Heilige kann uns in vielen Lebensbereichen ergreifen, es ist nicht an einen religiösen Kontext gebunden. Das Heilige begegnet uns als fascinosum, als Seligkeit und Ekstase. Ebenso kann es uns aber auch als tremendum im Entsetzen über eine Krankheit oder gar den Tod ergreifen.
Das Geburtsgeschehen ist ein dramatischer Prozess. Die Beteiligten kommen an ihre äußersten Grenzen. Der Umschlag von überwältigenden Schmerzen zu vollkommener Seligkeit und Freude berührt und erschüttert die seelische Tiefe von Mutter und Vater. Das Heilige bindet sich an dieses dramatische Geschehen, denn es ist das Lebendige, das Leben Schaffende. Indem die Mutter mit all ihrer Kraft das Kind ins Leben schiebt, offenbart sich das schöpferische Heilige.
Zeit und Raum, Atmosphäre und Stille – auch dies sind Phänomene, die auf das Heilige hinweisen. Wenn die Mutter das Kind geboren hat, wenn die Hebamme es mit ihren Händen aufgefangen hat, wenn so ein neuer Mensch in dieser Welt angekommen ist, dann ist der ganze Raum erfüllt von einer dichten Atmosphäre. Jetzt ergießen sich die Gefühle von Leid – bei Krankheit des Kindes oder bei einem nicht gewollten Kind – und Freude über das gesunde Neugeborene und der Umschlag von größter Kraftanstrengung zu vollständiger Entspanntheit in den Raum. Die Zeit ist jetzt nicht messbare Zeit, chronos, sondern kairos, inhaltlich gefüllte Zeit. Sie steht plötzlich still. Diese Erfahrung machen wir auch bei der Sterbebegleitung.
Auch die Schmerzen gehören dazu. Es sind Schmerzen zum Leben hin.
Wenn wir Schwangerschaft und Geburt als Begegnung mit dem Heiligen, als eine besondere spirituelle Zeit verstehen, gewinnen wir eine Tiefendimension des Lebens zurück. Eine Mutter schrieb mir, nachdem sie ihr Kind geboren hatte: »Ich möchte Frauen Mut machen, ihrer inneren Stimme zu folgen, auf ihren Körper und auf göttliche Führung vertrauend eine Geburt zu wagen, die eben kein angstvoll erwarteter, erschreckender Moment sein muss, sondern ein bewusst erlebtes, feierliches Ereignis, das zur großen Kraftquelle auch für spätere Zeiten werden kann.«
Was würde sich im kirchlichen Handeln ändern, wenn wir die erste Heimat im Mutterschoß und das Geburtsgeschehen mit einbeziehen würden? In manchen Gemeinden wird die Geburtsglocke geläutet. Eltern können die Geburt ihres Kindes beim Pfarramt melden. Dann wird morgens um 9.30 die Geburtsglocke eine halbe Stunde lang geläutet. In einer Leipziger Klinik wird jeden Monat eine Segnungsfeier für Neugeborene angeboten.
Fürbittgebete für Familien, die ein Kind erwarten, und Familiensegnung am Schluss der Taufe müssten den Unterschied zwischen Mutter und Vater ansprechen: Die Mutter hat dem Kind ihren Körper hingegeben, der Vater ist Schutz und Wärme für die Familie.
Bei alldem unterscheiden wir zwischen der Mutterschaft derer, die Kinder geboren haben und der Mütterlichkeit – eine Tugend, die heute bei Frauen und Männern sehr gefragt ist.
Für Kirche und Theologie tut sich ein weites Tor auf, werdende Eltern fühlen sich ernst genommen in ihren Sorgen und Hoffnungen, in ihrer Offenheit gegenüber dem Transzendenten, in ihrer Sehnsucht nach Vertrauen und in ihrem Angewiesensein auf mitfühlende Begleitung.
Von Hanna Strack
Die Autorin ist Pastorin im Ruhestand und lebt in Pinnow bei Schwerin. Sie hat drei Kinder. 2006 erschien ihr Buch »Die Frau ist Mit-Schöpferin. Eine Theologie der Geburt«, Christel Göttert Verlag, 357 S., ISBN 3-922499-85-6, 19,80 Euro
»Damit ihr Hoffnung habt«
11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kultur
Die »Wise Guys« haben den Song zum Ökumenischen Kirchentag komponiert

Die Wise Guys: »Wir fünf sind uns einig, dass wir eine Trennung zwischen evangelisch und katholisch nicht brauchen.« Foto: privat
Vor Kurzem haben Dän Dickopf, Eddi Hüneke, Sari Sahr, Ferenc Husta und der Neue, Nils Olfert, in München den offiziellen Ökumenischen Kirchentags-Song »Damit ihr Hoffnung habt« vorgestellt. Peter Baier hat mit der Musikgruppe über Träume und Hoffnungen und über ihre Musik gesprochen.
Wie geht Ihr vor, wenn Ihr eine Auftragsarbeit bekommt, die zudem ein Motto beinhaltet – wie zum Beispiel das Lied zum 2. Ökumenischen Kirchentag im Mai 2010 in München.
Dän: Als ich den Text geschrieben habe, habe ich darauf geachtet, dass die Losung des Kirchentags »Damit ihr Hoffnung habt« auch die sogenannte Hookline sein soll, also die erste Zeile, die im Song auftaucht. Denn das muss beim Publikum richtig zünden. Wir glauben, dass das Motto eine zentrale Botschaft des Kirchentags ist.
Als Ihr jüngst den Song in München vorgestellt habt, sagtet Ihr auf der Bühne, auch Ihr hättet eine Botschaft.
Dän: Wir fünf sind uns einig, dass wir eine Trennung zwischen evangelisch und katholisch nicht brauchen. Wir haben in unseren Kirchengemeinden in Köln auch die Erfahrung gemacht, dass die breite Basis sich nicht für theologische Detailfragen der Ökumene interessiert. Es würde unglaublich viel Energie entstehen, fänden die Kirchen zusammen.
Auch privat praktiziert Ihr Fünf gelebte Ökumene.
Dän: Ja, wir sind drei Protestanten und zwei Katholiken und kommen sowohl auf der Bühne, im Studio als auch privat sehr gut miteinander aus.
Ihr seid kirchentagserfahren. Was erwartet Ihr vom Ökumenischen Kirchentag in München?
Dän: Das wird wahrscheinlich der größte Kirchentag, auf dem wir jemals gesungen haben. Wir konnten bisher bei evangelischen Kirchentagen vor 40000 Menschen in Köln und 65000 in Bremen auftreten. Jedes Mal war es eine supertolle Stimmung.
Ist die Stimmung bei Euren Kirchentagsauftritten anders als bei »weltlichen« Konzerten?
Ferenc: Da entsteht ein ganz anderes Gemeinschaftsgefühl. Man spürt, wie die Leute stimmungsvoll ankommen, Spaß haben wollen und sich gut verstehen.
Dän: Ungewöhnlich ist auch, dass unter den Menschen eine derart positive Stimmung entsteht, die auch uns packt.
Wer kam auf Euch zu, um den offiziellen ÖKT-Song zu bestellen?
Sari: Als wir auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover aufgetreten sind, war die Kirchentagsleitung offensichtlich völlig überrascht, dass da 35000 Leute auf dem Platz standen und ein richtiges Fest feierten. Zwei Jahre später kam dann erneut eine Anfrage, zunächst für Bremen, und dann für München, das offizielle Lied für den 2. Ökumenischen Kirchentag 2010 zu schreiben. Das haben wir gern gemacht, obwohl wir uns nicht als christliche Band definieren, sondern wir machen Popmusik für alle.
Was glaubt Ihr, was bewirkt solch ein Ökumenischer Kirchentag?
Dän: Ich glaube, dass dies eine Frage ist, die nicht nur den Ökumenischen Kirchentag betrifft, sondern die sich ganz allgemein stellt. Wir glauben, dass auf den Kirchentagen Impulse gesetzt werden. Allerdings befürchten wir, wir werden nicht mehr erleben, dass sich die beiden Kirchen einig werden. Aber vielleicht kann man ein paar Schritte in diese Richtung machen.
Erwartet Ihr Euch gerade von München ein anderes Feedback als in anderen Städten?
Nils: Ja. Bremen zum Beispiel ist ja wesentlich kleiner als München, da war die ganze Stadt ein einziger Kirchentag. Das wird in München anders sein: Es werden deutlich mehr Menschen da sein, und wir sind gespannt auf den Vergleich.
Den Kirchentagssong der »Wise Guys« gibt es zum Download unter www.sonntagsblatt-bayern.de.
Kostenlose CDs gibt es über: 2. Ökumenischer Kirchentag 2010, Rundfunkplatz 4, 80335 München, Telefon (089) 559997337, E-Mail
Haiti: Der Kampf ums Überleben
21. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Eine Welt

Warten auf Hilfe: Überlebende Kinder der Erdbebenkatastrophe in dem Karibikstaat Haiti vor einer Lebensmittelausgabestelle der Welthungerhilfe in Petionville. (Foto: picture alliance/landov)
Nach dem verheerenden Erdbeben am 12. Januar in Haiti arbeiten internationale Helfer fieberhaft daran, die Versorgung der Überlebenden zu verbessern. Auch eine Woche nach dem Beben herrschen weiter chaotische Zustände im Katastrophengebiet, viele Schwerverletzte warteten vergeblich auf medizinische Behandlung.
Die haitianische Regierung befürchtet bis zu 200.000 Tote. 250.000 Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt, 1,5 Millionen sind obdachlos. Behindert werden die Rettungsarbeiten nicht zuletzt durch das administrative Chaos.
Mehrere Minister sind vermisst, wahrscheinlich wurden auch sie Opfer des Bebens. Und nicht nur der Präsidentenpalast, auch Behörden und Verwaltungsgebäude sind großteils zerstört.
Die Missionare Volker und Annette Schnüll, die im Auftrag der Deutsche Missionsgemeinschaft (DMG) mit Sitz in Sinsheim seit Jahren in Haiti tätig sind, schildern die Situation auf der DMG-Internetseite als geradezu »apokalyptisch«. Durch die zentralistische Organisation des Landes wirkten sich die schweren Zerstörungen in der Hauptstadt Port-au-Prince besonders verheerend auch für die unzerstörten Regionen aus.
»Nichts kommt rein oder raus – keine Leute, keine Güter, nichts – außer über Port-au-Prince. Was dort nicht ankommt, fehlt irgendwann überall: Nahrung (fast alles wird eingeführt), Medikamente, Werkzeuge, Gas, Treibstoff … Mit Diesel wird in den meisten Orten der Strom produziert, ohne Diesel kein Strom«, so das Ehepaar. Aus seiner Sicht komme der Wiederaufbau des Landes einem vollständigen Neustart gleich.
Auf den zunehmenden Treibstoffmangel verweisen auch andere Organisationen. Viele Fahrzeuge und Helikopter könnten deshalb nicht eingesetzt werden, bestätigt Elisabeth Byrs, Sprecherin des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA), gegenüber dem Evangelischen Pressedienst.
Auch Martin Ruppenthal, Regionalbeauftragter der Christoffel-Blindenmission (CBM) mit Sitz in Bensheim, die in Haiti insgesamt sieben Hilfsprojekte betreut, berichtet aus der haitianischen Hauptstadt: »Das noch verfügbare Benzin wird verwendet, um die Generatoren der Krankenhäuser anzutreiben. Zwei Tage reicht es noch, dann kann nicht mehr operiert werden.«
Und das, wo in den Krankenhäusern des Landes so schon dramatische Zustände herrschen: »Der Konkurrenzkampf der Menschen hier ist fürchterlich. Sobald einer im OP ist, müssen die Angehörigen das Bett hüten, sonst ist es bei seiner Rückkehr aus dem OP besetzt«, heißt es etwa in einem ersten Bericht des Teams des DMG-Missionsarztes Eckehart Wolff aus Port-au-Prince.
Zudem fehlen nach Angaben der Diakonie Katastrophenhilfe Medikamente und medizinisches Personal. Gemeinsam mit Caritas international schickte die Diakonie deshalb am Montag ein Flugzeug mit Hilfsgütern nach Port-au-Prince. Darunter sind medizinische Nothilfepakete für 80000 Menschen, Zelte, Nahrungsmittel sowie Tabletten zur Wasserreinigung. Die Verteilung erfolgt mit lokalen Partnerorganisationen und den Partnern im globalen kirchlichen Hilfsnetzwerk ACT (Kirchen helfen gemeinsam).
Mit Haiti hat die Katastrophe das mit Abstand ärmste Land des amerikanischen Kontinents getroffen. Etwas kleiner als Belgien und mit 9,6 Millionen Einwohnern ist Haiti damit dichter besiedelt als Deutschland. Vier von fünf Haitianern leben unter der Armutsschwelle und müssen mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen. Die Bevölkerung bekennt sich mehrheitlich zum katholischen Glauben.
Harald Krille/epd
Wie man konkret helfen kann:
Die Landeskirchen und die Diakonischen Werke in Mitteldeutschland rufen dringend zur Unterstützung der Opfer des Erbebens in Haiti auf.
Die Diakonie Sachsen bittet um Spenden auf das Konto 100 100 100 bei der Landeskirchlichen Kreditgenossenschaft Sachsen (LKG), BLZ 850 951 64, Kennwort: Haiti Erdbebenhilfe
Die Diakonie Mitteldeutschland als Landesverband für Sachsen-Anhalt, Thüringen sowie Teilen Brandenburgs und Sachsens bittet um Spenden auf das Konto 800 8000, bei der Evangelische Kreditgenossenschaft Kassel,
BLZ 520 604 10, Kennwort: Erdbebenopfer Haiti.
Achte auf deine Worte – Anmerkungen zur Sprache
21. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kultur
Das Goethe-Institut will 2010 zum »Jahr der deutschen Sprache« erklären. Wir haben deshalb den in Halle wohnenden Schriftsteller Christoph Kuhn gebeten, einmal im Monat unter der Rubrik »Angesagt« einige aktuelle Phänomene unserer Sprachgestaltung und -verunstaltung zu beleuchten.
Leserinnen und Leser dieser Zeitung werden sich womöglich fragen, warum auch noch an dieser Stelle Betrachtungen zur Sprache stehen sollen, gibt es doch über unser Deutsch schon so viele kluge und witzige Kolumnen und Bücher – eins zum Tod des Genitivs stand sogar lange auf der Bestseller-Liste.
Auch an Mahnungen fehlt es nicht: Der Wortschatz von Kindern würde immer kleiner, weil die Gesprächszeit in den Familien sich immer mehr verringere, wie auch die (Vor-)Lesezeit kürzer werde gegenüber der Verweildauer an Fernsehgeräten und Computern. Diese zunehmende äußere Bilderwelt ließe die innere verarmen, verhindere die Entwicklung der Fantasie. Fantasie jedoch sei die Voraussetzung für Empathie und Empathie wiederum unerlässlich für Solidarität, Zivilcourage. So droht Isolation im Gemeinwesen.
Gefahr ist im Verzug!
Der Wert der Muttersprache ist wohl unbestritten, nicht oft genug kann über sie nachgedacht und gesprochen werden.
Allerdings wandelt sie sich ständig; man hört es, schaut man wie Luther, dem Volk aufs Maul oder sieht es an ihrem schriftlichen Gebrauch (am Stil und an der Rechtschreibung von Briefen, Büchern, Printmedien). Und die Blickwinkel auf diesen Wandel sind unterschiedlich.
Zeitlos aber sind die von Konfuzius überlieferten Sätze: »Stimmen die Namen und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Misserfolg. Gibt es Unordnung und Misserfolg, so geraten Anstand und gute Sitten in Verfall. Sind Anstand und gute Sitten infrage gestellt, so gibt es keine gerechten Strafen mehr. Gibt es keine gerechten Strafen mehr, so weiß das Volk nicht, was es tun und was es lassen soll. Darum muss der Edle die Begriffe und Namen korrekt benutzen und auch richtig danach handeln können. Er geht mit seinen Worten niemals leichtfertig um.«
Der Talmud sieht eine ähnlich zwingende Logik: »Achte auf deine Gefühle, denn sie werden Gedanken. Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Taten. Achte auf deine Taten, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.«
Und laut Matthäus-Evangelium sagt Jesus in der Bergpredigt: »Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.« Vorher heißt es, man solle nicht schwören. Eine klare Frage verlangt eine klare Antwort, ein »Ja« oder »Nein«; eine wortreiche Begründung macht eine Aussage meistens nicht einleuchtender; Beschwörungen verstärken die Wahrheit nicht und entlarven eher eine Lüge.
Ihr Christoph Kuhn
Die Beziehung zu Gott pflegen
15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Spiritualität im Alltag (3): Beten – Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen
Eine dreiteilige Beitragsserie beschäftigt sich damit, wie wir Christen unseren Glauben im Alltag praktizieren können. Abschließend geht es ums Beten.
Muss ich beten, wenn ich Christ sein will?«, fragte ich als Zehnjährige die Katechetin. Ich wollte von Gott geliebt werden, aber ich hatte keine Lust, religiöse Pflichtübungen zu erfüllen. »Du musst überhaupt nichts«, antwortete die Katechetin gut evangelisch-lutherisch. Doch ihre Antwort befriedigte mich nicht. Ich spürte: Es geht nicht um eine Pflichtübung. An Gott glauben heißt, eine Beziehung zu ihm zu haben, mit ihm zu leben, ihm zu vertrauen – trotz allen Misstrauens. Eine solche Beziehung braucht Pflege. Sie sucht das Gespräch. Das begriff ich je länger je mehr.
»Gott will uns … locken«, schreibt Martin Luther im Kleinen Katechismus, »damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.« (Erklärung zum Vaterunser) Gott selbst sucht das Gespräch mit uns. Therese von Lisieux (1873–1897) vergleicht das Gebet mit einer Königin, »die immer freien Zutritt zum König hat und alles erlangt, worum sie bittet. Es ist durchaus nicht nötig, ein schönes, für den entsprechenden Fall formuliertes Gebet aus einem Buch zu lesen … Ich sage Gott ganz einfach, was ich ihm sagen will, ohne schöne Worte zu machen, und er versteht mich. Für mich ist das Gebet ein einfacher Blick zum Himmel, ein Ruf der Dankbarkeit und der Liebe, aus der Mitte der Mühsal wie aus der Mitte der Freude. Es ist etwas Großes, dass mir die Seele weitet und mich mit Jesus vereint.«
Doch was ist, wenn Gott unsere Bitten nicht erhört? Die Kommunikation zwischen ihm und uns gestaltet sich oft schwierig. Auf viele unserer Gebete reagiert er anders als erhofft.
Das ist gut so! Denn es gehört zu einer lebendigen Beziehung, dass der Partner eigene Vorstellungen hat. Da hilft nur eines: sich üben im Hören aufeinander. Das Hörproblem liegt nicht bei Gott, sondern bei uns. Deshalb beginnt das Beten damit, innezuhalten und aufmerksam zu werden für Gottes Gegenwart. Gott, ich danke dir, dass du da bist. Oder auch: Gott, wo bist du? Ohne Worte kann das geschehen. Es ist eine Lebenshaltung. Je mehr wir uns üben, achtsam zu werden für Gottes Nähe, desto leichter werden wir mit ihm ins Gespräch kommen.
Wer regelmäßig bestimmte Zeiten dem Gebet widmet, kann auch leichter spontan beten. Rituale geben unserem Beten Halt und Struktur. Was wir häufig wiederholen, prägt sich tief ein und wird zu einer kleinen persönlichen Liturgie. Die hilft, wenn das Beten schwerfällt.
Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen. Die eine ist nicht besser als die andere. Jede hilft auf ihre Weise, die Beziehung zu Gott zu gestalten. Ein Lied beispielsweise kann meine Liebe zu Gott oft besser ausdrücken als ein frei formuliertes Gebet. Die alltäglichen Freuden und Lasten dagegen bringe ich so zu Gott, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Für andere Menschen erbitte ich seine Hilfe, indem ich ihm ihre Namen nenne oder eine Kerze für sie anzünde. Er weiß am besten, was gut für sie ist. Das hindert mich allerdings nicht, ihn auch um konkrete Dinge zu bitten.
Psalmen wiederum schenken mir Worte des Staunens über Gottes Größe und führen zur Anbetung. Ohne sie würde mein Gebet vertrocknen. Wenn mir jedoch eine Not die Sprache verschlägt, wenn ich vor Kummer nicht weiß, was ich sagen soll, dann finde ich in den Psalmen Worte der Klage. Diese alten Gebete sind so gefüllt mit menschlichen Erfahrungen, dass ich mich selbst und andere darin bergen kann. Sie nehmen sogar die Anliegen der vielen Menschen auf, die nicht beten können. Das Beten mit Psalmworten wird zu einem Dienst für die Welt.
Oft weiß ich nicht, was ich beten soll. Dann helfen geformte Gebete, allen voran das Vaterunser. Es verbindet mich mit Jesus und zugleich mit der ganzen Christengemeinde. Inniges Vertrauen zu Gott dem Vater und die Weite seines Reiches, meine Sorgen um das Alltägliche und die Befreiung von der Macht des Bösen – das ganze Leben in Zeit und Ewigkeit kommt in diesen kurzen Worten vor. Alles ist gesagt, Gott sei Dank!
Es braucht nicht viele Worte. Es braucht vor allem liebende Aufmerksamkeit: Gott, wie willst du mir heute begegnen? Was willst du mir sagen?
Solches Beten führt ins Schweigen. Einfach bei Gott sein und wissen: Es ist gut, mit ihm zusammen zu sein. Ich öffne mich für ihn, so weit ich kann – im Rhythmus des Atmens: du in mir, ich in dir. So nehme ich seine Güte in mich auf, so strömt sie durch mich zu den anderen Menschen. So weitet sich der Raum seiner Gegenwart. So wächst die Kraft seines Segens in unserer Welt.
Brigitte Seifert
Die Autorin ist promovierte Theologin und Pfarrerin am Haus der Stille im Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck.
Martin Luther in Down Under
15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Eine Welt
Umgeben von Hochhäusern fällt sie dennoch auf: Sydneys deutsche lutherische Martin-Luther-Kirche an der Goulburn Street, wurde 1883 eingeweiht.
Freitags ist »Tag der offenen Tür«. Hier treffen wir die Kirchenvorsteherin Lotti Mardehl, die seit fast 30 Jahren in der dreieinhalb Millionenstadt lebt. Dreihundert Deutschsprachige seien als Gemeindeglieder eingetragen, berichtet die Lehrerin. Hinzu kommen aber noch solche, die kurzzeitig hier leben: Studenten, Praktikanten, Vertreter deutscher Firmen und Diplomaten.
Die Kerngemeinde besteht jedoch aus deutschen Heimatvertriebenen, die sich nach dem Krieg ganz neu orientierten und nach Australien auswanderten. Die deutschsprachigen Gemeinden in Sydney und Melbourne waren für sie die ersten Anlaufstellen bei Hilfe und Integration. Inzwischen sind diese Stützen der Gemeinde alt geworden. Lotti Mardehl nennt ein Beispiel: Die Säuberung der Kirche wurde früher abwechselnd unentgeltlich durchgeführt – jetzt erledigt das eine bezahlte Reinigungskraft. Und da die Kinder der meisten Gemeindemitglieder mit Australiern verheiratet sind und nicht am Ort leben, hat die Kirchengemeinde inzwischen ein eigenes Seniorenpflegeheim gebaut.
Sonntags ist Gottesdienst. Allerdings erst um elf Uhr. Die Besucher kommen aus einem Umkreis von bis zu 40 Kilometern. Sie nehmen nicht nur die hohen Fahrtkosten auf sich. Es sind auch Brückenzoll oder Tunnelgebühren zu entrichten. Und selbst am Sonntag kann man im Umfeld der Kirche nicht gratis parken. »Manche springen vom Kirchenkaffee auf, um wieder die Parkuhr zu füttern«, erklärt Mardehl. Der beengte Platz vor der Kirche ist auch einer der Gründe, weshalb nur wenige Trauungen hier stattfinden. Die Brautleute möchten ein anderes Umfeld für den schönsten Tag ihres Lebens: eines, bei dem die Gäste nach der Trauzeremonie auf einer Wiese zusammensitzen können.
Der Gemeindepfarrer ist zugleich Religionslehrer an der Deutschen Schule. Dadurch hat er Kontakt zu Jugendlichen, die dann auch in der Martin-Luther-Kirche konfirmiert werden möchten. Und nur zwei Häuser weiter gibt es ein Begegnungszentrum: die Martin-Luther-Stube. Hier kommen Jugendliche und junge Erwachsene regelmäßig zusammen.
Die deutsche Kirchengemeinde in Sydney hat eine lange Tradition. 1850 wurde zum ersten Mal ein evangelischer Gottesdienst in der Stadt gehalten. Der Pastor unterrichtete auch Mathematik und Sprachen und trug den Nachnamen Goethe. Formell gegründet wurde die Gemeinde aber erst 16 Jahre später, und weitere 17 Jahre musste die Gemeinde auf ein eigenes Gotteshaus warten.
In der Zeit des Ersten Weltkriegs konnte die Gemeinde trotz mancher Widerstände an ihren deutschsprachigen Gottesdiensten festhalten. Der Zweite Weltkrieg jedoch brachte einschneidende Veränderungen, weil die Pflege deutscher Sprache und Kultur in Australien verboten wurde.
Orte mit deutschen Namen wurden zwangsweise umbenannt, Deutsche und Deutschstämmige interniert. Die Kirche wurde als Lagerhalle und Quartier der australischen Armee genutzt. Eineinhalb Jahre nach Kriegsende bekam die Gemeinde dann die Kirche zurück. Der 1939 eingeführte Pastor konnte sein Amt unter eingeschränkten Bedingungen wieder aufnehmen.
Die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entsandten Pfarrer bleiben in der Regel zwischen sechs und zehn Jahren in Sydney. Pastor Dirk Wnendt ist allerdings gerade nach einem Jahr aus persönlichen Gründen wieder nach Bayern zurückgegangen. Nun muss die Gemeinde erst Mal mit einem Ruheständler, der zuvor in Davos tätig gewesen ist, vorlieb nehmen. Danach, so hoffen Kirchenvorsteher und Gemeindeglieder, wird dann wieder mehr Beständigkeit in die Gemeinde einkehren. Das Gehalt des Pfarrers muss übrigens von der Gemeinde selbst aufgebracht werden. Jedes Gemeindeglied zahlt so viel es kann. Doch: »In Zeiten der allgemeinen Rezession wird das auch immer weniger«, seufzt Mardehl.
Ilsemarie Straub-Klein
Deutsche Lutherische Kirche, 90 Goulburn Street, Sydney,
Telefon (02)97385733, E-Mail: pastor@kirche-sydney.org.au
Vom Kohlenpott zum Kulturrevier
15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kultur
Unter dem Motto »Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel« präsentiert sich das Ruhrgebiet mit seinen 53 Kommunen als ehemaliges Kohle- und Stahlrevier auf dem Weg zur europäischen Kulturmetropole.

Das Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 wurde am Sonnabend, den 9. Januar mit einer Freiluftveranstaltung auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen offiziell eröffnet. © epd-bild / Stefan Arend
Trotz Schnee und klirrender Kälte haben rund 100.000 Menschen am Wochenende die Eröffnung des europäischen Kulturhauptstadtjahres RUHR.2010 auf der Zeche Zollverein in Essen gefeiert. Mit dem Ruhrgebiet ist erstmals eine ganze Region Kulturhauptstadt Europas. Bei anhaltendem Schneetreiben präsentierte der Sänger Herbert Grönemeyer seine neue Ruhrgebietshymne »Komm zur Ruhr«, Absolventen der Folkwang Universität zeigten die künstlerische Show »Wir sind das Feuer«. In vielen Hallen sowie auf dem Außengelände der ehemals größten Zeche der Welt gab ein musikalisch-künstlerisches Programm einen Ausblick auf die Veranstaltungen des Kulturhauptstadtjahres im Ruhrgebiet.
Der Werdegang der Stadt Essen
Unter dem Motto »Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel« will sich das Ruhrgebiet in diesem Jahr als ehemalige Kohle- und Stahlregion auf dem Weg zur europäischen Kulturmetropole präsentieren. Das offizielle Programm umfasst 300 Projekte mit insgesamt 2500 Einzelveranstaltungen. Mit 53 Kommunen und 5,3 Millionen Menschen aus 170 Nationen ist das Revier der drittgrößte Ballungsraum Europas. 19 Universitäten, 100 Konzerthäuser, 120 Theater und mehr als 200 Museen und Festivals zeigen das umfangreiche kulturelle Angebot der Region. Als einzigartig gelten die Industriedenkmäler im Ruhrgebiet.
Der Werdegang der Stadt Essen, Bannerträgerin für die Kulturhauptstadt Ruhrgebiet, steht exemplarisch für die Entwicklung der ganzen Region. Im Jahre 852 gründete Bischof Altfried von Hildesheim das Frauenstift Essen, doch erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kam der Boom. Zechen und Stahlwerke breiteten sich aus und brauchten Arbeitskräfte. Die Bevölkerungszahl stieg vor allem durch Einwanderer aus Osteuropa. Hatte Essen 1820 gerade mal 5000 Einwohner, waren es 100 Jahre später knapp eine halbe Million.
Nach dem Zweiten Weltkrieg strömten erst Kriegsflüchtlinge, später Gastarbeiter aus Italien, Spanien, Jugoslawien und dann auch aus der Türkei an die Ruhr. Im Jahr 1970 näherte sich Essen der 700000-Einwohner-Marke. Kulturell gesehen herrschte im Revier der Fördertürme, Schlote und Hochöfen allerdings lange Zeit Ödnis. Erst 1892 wurde auf Privatinitiative von Bürgern mit dem Grillo-Theater in Essen das erste Stadttheater gegründet. 1902 eröffnete Karl Ernst Osthaus das erste Kunstmuseum der Region, das Folkwangmuseum in Hagen.
Die Industriekultur wird salonfähig
Die Krise der Montanindustrie traf das Ruhrgebiet hart. Von den ehemals 141 Zechen arbeiten heute nur noch sechs. Zwar setzten die Kommunen, vor allem Essen, auf einen Ausbau des Dienstleistungssektors – große Unternehmen wie ThyssenKrupp, RWE oder E.ON Ruhrgas haben hier ihren Konzernsitz – doch noch heute ist die Arbeitslosigkeit an Emscher und Ruhr deutlich höher als in anderen Landesteilen.
Die riesigen Brachflächen der ehemaligen Zechen und Hütten, die nach wie vor im Besitz der Montanindustrie waren und als Schandflecke galten, blockierten lange Zeit neue Entwicklungen. Etliches fiel den Abrissbaggern zum Opfer, bis in den vergangenen 20 Jahren ein Sinneswandel einsetzte und die Industriekultur salonfähig wurde. Vielfach waren es Bürgerinitiativen, die sich dafür einsetzten.
Heute finden in den »Kathedralen der Industriekultur« Theateraufführungen, Konzerte, Ausstellungen oder Kongresse statt. Der Gasometer Oberhausen ist Europas höchste Ausstellungshalle. Die Zeche Zollverein in Essen, seit 2001 UNESCO-Weltkulturerbe, beherbergt unter anderem das Design Zentrum NRW und ab Januar auch das Ruhr Museum.
Daneben existiert auch die übliche traditionelle und alternative Kulturszene: Zwischen Duisburg und Dortmund gibt es fünf Musiktheater, sieben Schauspielhäuser und sechs Symphonieorchester, knapp 250 Sammlungen und Museen, mehr als 175 zumeist private Galerien sowie rund 150 Spielstätten für freie Gruppen.
Allein Essen wartet mit überregional bekannten Kulturstätten wie dem Museum Folkwang, der Aalto-Oper, der ehemaligen Krupp-Residenz Villa Hügel oder dem größten Premieren-Kino Deutschlands, der »Lichtburg«, auf. Festivals wie die RuhrTriennale, die Ruhrfestspiele Recklinghausen, die Kurzfilmtage Oberhausen oder das Klavierfestival Ruhr genießen weit über die Region hinaus Reputation.
Anhaltender Strukturwandel im Ruhrgebiet
Die sogenannte »Kreativwirtschaft«, zu der neben den Kunstsparten Musik, Theater und Museen auch Medienunternehmen, die Werbebranche und Computerfirmen gehören, ist mit rund 50000 Mitarbeitern Teil des anhaltenden Strukturwandels im Ruhrgebiet. Bereits in den 1980er Jahren hat der Dienstleistungssektor das produzierende Gewerbe überholt. Heute stehen 700.000 Beschäftigten in der Industrie 1,4 Millionen Arbeitnehmer in Dienstleistungsberufen gegenüber. Beschäftigungsstärkste Branche ist das Gesundheitswesen mit rund 280.000 Arbeitsplätzen. Neue Jobs entstanden auch in High-Tech-Unternehmen und der Logistikbranche.
Trotz dieser positiven Entwicklungen und vieler finanzieller Fördermaßnahmen konnten die Ruhrgebietskommunen den Verlust von fast einer halben Million Arbeitsplätzen, die bei Kohle und Stahl in den vergangenen 30 Jahren verloren gingen, nicht in Gänze auffangen. Noch immer liegt die Arbeitslosigkeit im Revier mit 10,9 Prozent höher als im Landesdurchschnitt. Es bleibt viel zu tun, wenn das Ruhrgebiet als Modell für neue Entwürfe von Stadtkultur und Vorbild für die Entwicklung anderer altindustrieller Ballungsräume gelten will, wie es in der Bewerbung als Kulturhauptstadt hieß.
Esther Soth (epd)
Mit Kreuz und Davidstern
15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Im Blickpunkt
Messianische Juden glauben an Jesus als den Messias Israels. Seit 1995 haben sie sich als feste Bewegung im gesamtdeutschen Raum etabliert.
Die ersten Christen in der Jerusalemer Urgemeinde glaubten, dass Jesus der verheißene Messias Israels war. Sie taten dies als innerjüdische Gruppe und lebten weiter im jüdisch-religiösen Kontext. Mit der Aufnahme der Heidenchristen entstand eine gemischte Gemeinde. Verschiedene Faktoren führten zu Trennungsprozessen zwischen den Judenchristen und der jüdischen Gemeinschaft.
Da sich die heidenchristliche Kirche vom frühen zweiten Jahrhundert an selbst als das wahre Israel betrachtete, verwehrte sie es den judenchristlichen Mitgliedern, weiter an ihrem jüdischen Erbe festzuhalten. Zwangstaufen von Juden, ein literarisch weit verbreiteter Antijudaismus sowie judenfeindliche Gesetzgebungen führten dazu, dass die Judenchristenals eigenständige Gruppierung »verschwanden«. Dennoch konnten sie bis ins 5. Jahrhundert und darüber hinaus religiöse »Spuren«, etwa Bräuche oder Symbole, hinterlassen.
Aus »Hebräischen Christen« werden messianische Juden
In den späteren Jahrhunderten zwang die heidenchristliche Kirche Juden zur Taufe, Juden litten unter Verfolgungen und Pogromen und somit gab es lange keine judenchristliche Bewegung mehr. Puritaner und Pietisten im 17. und 18. Jahrhundert suchten das Gespräch mit Juden. Die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts belebten wiederum die pietistische Frömmigkeit und förderten das Entstehen judenmissionarischer Werke, wodurch erstmals wieder Juden freiwillig den Glauben an Jesus als den Messias Israels annahmen, aber in ihren jeweiligen Gemeinden blieben. Im 19. und 20. Jahrhundert schlossen sich die an Jesus Christus glaubenden Juden, die sich nun »Hebräische Christen« nannten, zu Allianzen zusammen.
Innerhalb der hebräisch-christlichen Bewegung trafen sich von 1970 an einzelne Gruppen, die viele jüdische Elemente in ihre Gottesdienstformen integrierten. Angeregt durch die evangelikal-charismatischen Aufbruchsbewegungen in den USA und mit einem neuen jüdischen Identitätsbewusstsein entstand 1975 auf einer hebräisch-christlichen Konferenz in Amerika die Bewegung messianischer Juden. Mittlerweile hat sich messianisches Judentum weltweit verbreitet, wobei die Schätzungen auseinandergehen. Zwischen 50000 und 332000 messianische Juden in 165 bis 400 Gemeinden soll es geben.
In Deutschland führte der Holocaust nicht nur zu einem Abbruch jüdischen Lebens. Die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung von Millionen Juden schloss die an Jesus glaubenden Juden mit ein. Ohne die Einwanderung russischer Juden aus der ehemaligen Sowjetunion seit 1990 wäre es weder zu einer Wiederbelebung jüdischer Gemeinden in Deutschland noch zu der Entwicklung einer aktiven messianisch-jüdischen Bewegung gekommen.
Christliche Mission unter Juden: Ja oder Nein?
Nach dem Zweiten Weltkrieg bekannten das Zweite Vatikanische Konzil, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und weitere Kirchen ihre Mitschuld am Holocaust, erteilten dem Antisemitismus eine Absage und betonten mit Blick auf den Römerbrief (Kapitel 9-11) die bleibende Erwählung Israels. Aus historischen und theologischen Gründen lehnen daher die meisten Kirchen die Mission an Juden ab.
Zur Etablierung messianischer Gemeinden in Deutschland kam es dennoch durch das Engagement Einzelner, die bereits Anfang der 1990er Jahre durch den Kontakt mit Evangelikalen in der Sowjetunion konvertiert waren. Evangelikale Gläubige betonen, dass Gottes Bund mit Israel bestehen bleibe, damit »ganz Israel« bei der Wiederkunft (Parusie) Jesu errettet werde, indem es an den Messias Jesus glaube. Dies ist ein Grund für die distanzierte Haltung evangelikaler Gläubiger gegenüber der Absage an die Judenmission.
Die ersten Pioniere pflegten zahlreiche Kontakte insbesondere zu den evangelikalen Werken, sodass durch gemeinsame missionarische Aktivitäten die ersten Gemeinden entstanden. In den Jahren 2004 und 2005 gab es in den Gemeinden und Gruppen etwa 1000 regelmäßige Besucher, von denen etwa 600 tatsächlich messianische Juden sind. Der Anteil der nichtjüdischen Besucher betrug zwischen 25 bis 45 Prozent. Von ihnen waren knapp ein Drittel in Deutschland geborene Nichtjuden, mehr als ein Drittel eingewanderte russische Nichtjuden und etwas weniger als ein Drittel Eingewanderte »deutsch-russischer Herkunft«, also Spätaussiedler. Seit 2001 stoßen mehr Nichtjuden als Juden zu den messianisch-jüdischen Gemeinden.
Meist russische Sprache und jüdische Symbole
85 Prozent der befragten messianischen Juden meiner empirischen Studie geben an, dass ihnen die jüdische Herkunft nach der Konversion »wichtiger« geworden sei, was an den Gottesdienstformen deutlich wird. Bei einer messianisch-jüdischen Gottesdienstfeier, die meist an einem Schabbat und in russischer Sprache stattfindet, fallen die vielen jüdischen Symbole auf wie Menora (siebenarmiger Leuchter), Kippa (Kopfbedeckung) oder Tallit (Gebetsschal). Die Liturgie ist stark jüdisch geprägt. Viele jüdische Rituale eines jüdischen Gottesdienstes fehlen aber auch, wie das Achtzehnbittengebet oder das Kaddisch. Andere werden »messianisch-jüdisch« interpretiert: Im Anzünden der Schabbatkerzen wird ein Hinweis auf Jeschua als das Licht der Welt und den Herrn des Schabbats gesehen; das Rezitieren des »Schema’ Jisrael« bezieht auch den Glauben an Jesus als den Messias und Sohn Gottes ein. Beliebt ist das Symbol des Davidssterns mit einer Menora und dem urchristlichen Fischzeichen.
Die 1998 formulierten 13 messianisch-jüdischen Glaubensartikel bilden eine gemeinsame theologische Grundlage der meisten Gemeinden: Messianische Juden betrachten die Hebräische Bibel und das Neue Testament als untrennbare Einheit, als von Gott wörtlich inspiriert und daher als höchste Autorität für Leben und Handeln. Sie bekennen den trinitarischen Glauben, dass Jeschua der verheißene Messias Israels und wahrer Gott ist, und dessen Heilsfunktion.
Betonung der bleibenden jüdischen Identität
Bis hier erinnern die Bekenntnisse an evangelikal-christliche Glaubensinhalte, dann folgen jedoch die typischen messianisch-jüdischen Artikel: Messianische Juden betonen neben ihrer Zugehörigkeit zu der Gemeinde aus den Nationen auch ihre bleibende jüdische Identität, nach der sie weiterhin zum auserwählten Volk Gottes gehören. Sie legen Wert auf ihr »biblisch-jüdisches« Erbe, unterstützen den Zionismus und bekennen ihre evangelistische »Verpflichtung«, »die Wahrheit von Jeschua allen Menschen zu bringen, den Juden zuerst«.
Es kann nicht übersehen werden, dass sich eine eigenständige religiöse Bewegung zwischen Juden- und Christentum entwickelt hat, die auch internationale Kontakte aufweist. Sie stellen mittlerweile zweifellos eine religiöse Bewegung mit typisch messianisch-jüdischem Repertoire dar, das zwar Schnittmengen mit den evangelikalen Christen und den Juden aufweist, sich aber auch ohne deren Anerkennung weiterentwickeln wird.
Stefanie Pfister
Die Autorin, Dr. Stefanie Pfister, lehrt Evangelische Religionslehre, Deutsch und Sport an einer Realschule in Münster. Sie engagiert sich im »Arbeitskreis Woche der Brüderlichkeit« in Sendenhorst. Sie veröffentlichte die Studie: Messianische Juden in Deutschland. Eine historische und religionssoziologische Untersuchung, Dortmunder Beiträge zu Theologie und Religionspädagogik Band 3, LIT-Verlag, Münster 2008, 200 Seiten, ISBN 978-3-8258-1290-4, 39,90 Euro
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Täglich über ein Bibelwort nachdenken
7. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Spiritualität im Alltag (2): Mit der Bibel leben
Welchen Platz hat unser Glauben im Alltag? Mit dieser und anderen Fragen beschäftigt sich unsere dreiteilige Beitragsserie über Spiritualität im Alltag.
Christliche Spiritualität lebt aus dem Evangelium. Sie braucht dazu die Bibel. Denn dort ist aufgeschrieben, wie Gott sich Menschen bekannt gemacht hat. Am deutlichsten zeigt er sein Gesicht in Jesus Christus. Der Evangelist Johannes kann sogar sagen: In ihm ist Gottes Wort Fleisch geworden, ein Mensch von Fleisch und Blut, und wohnte unter uns. (Johannes 1,14) Heute wohnt er unter uns, wo Menschen dieses Wort in ihr Leben aufnehmen. Das ist eine spannende Angelegenheit. Denn die Worte der Bibel können auch fremd und kalt bleiben. Erst Gottes Geist macht sie lebendig, sodass uns durch die gedruckten Worte Gott selbst anspricht. Dies ist immer wieder ein Wunder. Wir können es nicht herbeiführen. Aber wir können uns dafür öffnen, indem wir den Worten der Bibel unsere Aufmerksamkeit schenken.
Vielen sind die Herrnhuter Losungen vertraut: Für jeden Tag ein Bibelvers aus dem Alten und einer aus dem Neuen Testament. Es ist gut, diesen Worten einige Minuten still nachzulauschen mit der Frage: Gott, was willst du mir heute sagen oder zeigen?
Ich selbst habe mich viele Jahre an die fortlaufende Bibellese gehalten. Dabei werden im Verlauf von vier Jahren das gesamte Neue Testament und in acht Jahren auch die Bücher des Alten Testaments gelesen. Andachtsbücher bieten kurze Auslegungen dazu, etwa »Halt uns bei festem Glauben«, »Sonne und Schild« oder der Neukirchener Kalender.
Mittlerweile nehme ich mir gern mehrere Tage Zeit für einen einzigen Text, etwa das Evangelium oder den Predigttext des Sonntags. So kann mich das Wort tiefer erreichen.
Ein Beispiel: »So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.« (Jakobus 5,7-8, Lesung am 2. Advent)
Gleich zu Beginn stoße ich auf ein Thema, mit dem ich es schwer habe: Geduld. Mir kommen Situationen in den Sinn, für die ich frage: Wo bist du, Jesus? Warum tust du nichts? Das kann doch nicht so bleiben! Schmerzlich nehme ich wahr, wo ich Gott als fern erlebe. Wieder einmal merke ich: Das gehört zum Glauben dazu, Gottes Ferne aushalten und trotzdem wissen: Jesus ist auf dem Weg, er kommt!
Am folgenden Tag bringe ich meine tägliche Mühe in Verbindung mit dem Bild vom Ackerbauern. Säen, das heißt hingeben, etwas einbringen, loslassen. Dann ist lange Zeit nur Staub zu sehen. Mir wird bewusst, wie vieles ich nicht »machen«, sondern nur darauf vertrauen kann, dass Gott Gutes wachsen lässt. Auch dies ist Stoff genug für eine stille Zeit. Jesus, lass mich heute guten Samen ausstreuen und hilf mir zu warten.
Am dritten Tag widme ich mich der »kostbaren Frucht der Erde«. Ein reich gefüllter Obstkorb steht vor meinem inneren Auge. In meiner Vorstellung genieße ich die Früchte, und mein Herz wird weit vor Dankbarkeit. Kostbare Frucht der Erde, das sind auch Musik und Bücher, mein Fahrrad und die Dusche – Früchte der Mühe anderer Menschen, Gottes gute Gaben. Ja, ich will sie bewusst genießen. Danke, himmlischer Vater, du hast diese Erde so reich ausgestattet!
Empfangen. Wieder ein anderes Thema. Die Erde muss empfangen, sonst wächst nichts. Diesmal stelle ich eine leere Schale vor mich auf die Erde. Was habe ich nicht alles empfangen in meinem Leben …! Empfangen kann ich nur, wenn ich offen dafür bin. Ich halte Jesus meine leeren Hände hin – und bitte ihn um unverschämt große Gaben: Liebe für die Menschen, denen ich heute begegne, Weisheit in meinen Entscheidungen … und um Frieden auf der Erde. Wie gut, dass ich mit meiner kleinen Schale etwas von ihm fassen kann und dass er alles umfasst.
»Stärkt eure Herzen!« Heute frage ich nach dem, was mich stärkt. Menschen fallen mir ein, die mir Kraft geben, und andere, die dringend Stärkung brauchen. Ich bete für sie. Während des Tages entdecke ich viel mehr Stärkendes als sonst. Wenn ich am Ende der Woche zurückschaue, staune ich, wie nahe mir Jesus durch diesen kurzen Bibelabschnitt gekommen ist.
Ich hoffe, Sie haben Lust bekommen, etwas Ähnliches zu probieren. Vielleicht gibt es in Ihrer Gemeinde Menschen, mit denen Sie sich darüber austauschen können. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn es nicht gleich gelingt. Schenken Sie einfach immer wieder dem Wort der Bibel Ihre Aufmerksamkeit, bis es Ihnen lebendig wird.
Brigitte Seifert
Die Autorin ist promovierte Theologien und Pfarrerin am Haus der Stille im Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck.
Gott in allen Dingen suchen und finden
2. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Christliche Spiritualität will den Alltag im Geist Jesu Christi gestalten
Welchen Platz hat unser Glauben an Gott im Alltag? Wie wirkt er sich im täglichen Leben aus? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich eine dreiteilige Serie über Spiritualität im Alltag.
Stellen Sie sich vor, es ist Freitag, der 13. August 2010. Herr M. freut sich auf das Wochenende. Er will mit seiner Familie ins Grüne fahren. In der Natur sein, den Vogelstimmen lauschen, abends den Sternenhimmel betrachten, all das wird er genießen. Er gehört keiner Kirche oder Religion an, doch in solchen Momenten fühlt er sich eins mit Gott und dem Universum. Frau K. dagegen wird heute nichts Besonderes unternehmen. Es ist ja Freitag der 13. In ihrem Horoskop hat sie zwar gelesen, sie solle sich ruhig mehr zutrauen. Aber an so einem Tag will sie das Schicksal nicht herausfordern. Anders Herr G.: Gelassen kommt er ins Büro. Er hat am Morgen schon eine Stunde meditiert. Das hilft ihm, die Hektik des Alltags besser zu bestehen und achtsam mit sich selbst und anderen umzugehen.
Diese Menschen leben Spiritualität im Alltag auf ganz verschiedene Weise. Den christlichen Glauben brauchen sie dazu nicht. Doch sie ahnen oder wissen: Die Welt ist mehr als Materie und der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wir brauchen etwas, das größer ist als wir selbst.
Viele fragen und suchen danach; das Interesse an »Spiritualität« ist groß in unseren Tagen. Spiritus, das lateinische Wort für »Geist«, steckt darin. Es geht also um die Frage: Welcher Geist bestimmt mein Leben? Und wie kommt das, was ich glaube, in meinem Tun und Lassen zum Ausdruck? »Frömmigkeit« hieß das früher oder auch »geistliches Leben«.
Christliche Spiritualität will den Alltag im Geist Jesu Christi gestalten. Sie erwächst aus dem Glauben an Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Im Unterschied zu vielen anderen Weisen spirituellen Lebens richtet sich unser Glaube auf ein göttliches DU, genauer gesagt: auf den Gott, der aus Liebe zu uns Mensch wurde, um uns und diese Welt zu erlösen.
Wie wirkt sich dieser Glaube nun aus auf das Leben an jenem Freitag, dem 13. August 2010, zum Beispiel?
Vielleicht so: »Geh aus, mein Herz, und suche Freud … an deines Gottes Gaben«, sagt sich Frau N. und bricht auf zu einem Spaziergang. Im Paul-Gerhardt-Jahr 2007 hat sie dieses Lied (EG 503) neu entdeckt. Mit offenen Sinnen geht sie durch Wald und Wiesen wie einst der Liederdichter. Von ihm lernt sie, die Schönheit der Schöpfung auch als einen Vorgeschmack auf die himmlische Welt zu sehen (Str. 9–11). Und der Gedanke, dass sie schon jetzt »ein guter Baum« und eine »schöne Blum« (Str. 14) im Garten Christi sei, gefällt ihr gut. Mit diesem Lied wird ihr Spaziergang zum Gottesdienst.
Herr L. dagegen sitzt mit schwerem Kopf über den Geschäftszahlen. Harte Monate liegen hinter ihm. Mehrere Mitarbeitende mussten entlassen werden. Manche gaben ihm die Schuld. Die Verantwortung bedrückt ihn. Auch die Vorwürfe, obwohl er weiß, dass sie nicht berechtigt sind. Seit dem letzten Sommer waren die Auswirkungen der Finanzkrise deutlich spürbar. Gott, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. Wo hat er das nur gehört oder gelesen? Ach ja, vor einiger Zeit stand es im Schaukasten am Pfarrhaus. Er kann sich nicht vorstellen, wie das gehen soll: Last in Segen. Trotzdem ist dieser Gedanke plötzlich da. Er nimmt ihn auf, macht ihn zu seinem Gebet – für die Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, für die Angestellten seiner Firma, für sich selbst. »Segen – das ist mehr als Erfolg«, denkt er, »manchmal wohl auch etwas anderes.«
Frau S. ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Ihr Mann hatte einen Verkehrsunfall und erlitt einen komplizierten Beckenbruch. Gott sei Dank, sind die inneren Organe und die Wirbelsäule heil geblieben. Trotzdem ist sie sauer auf Gott. Warum hat er das zugelassen? Sie hatten sich so auf den Urlaub mit den Kindern gefreut! »Gott, ich verstehe dich nicht!«, seufzt sie. Vorgestern, am Tag des Unfalls, las sie morgens im Herrnhuter Losungsbuch: »Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.« (2. Korinther 12,10) So ein Quatsch, dachte sie. Dann kam die Nachricht von dem Unfall. Schwach sein – das erleben sie jetzt. Ob daraus eine neue Stärke werden kann? Wie hieß das doch noch mal? »Der HERR ist meine Stärke … und mein Heil.« Lieber Gott, das musst du mir erklären!
Auf unendlich vielfältige Weise wird uns Gott in unserem Alltag begegnen, wenn wir nur offen dafür sind. Das Zeugnis der Bibel ist dabei die Grundlage, um ihn zu erkennen. Damit beschäftigt sich der nächste Beitrag.
Brigitte Seifert
Die Autorin ist promovierte Theologien und Pfarrerin am Haus der Stille im evangelischen Zentrum Kloster Drübeck
Verhältnis der EKD zur Russisch-Orthodoxen Kirche
30. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Martin Schindehütte, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, ist als Leiter der Hauptabteilung »Ökumene und Auslandsarbeit« seit September 2006 Auslandsbischof der EKD. (Foto: EKD)
Zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) kriselt es. Was die EKD darüber denkt, erklärt Auslandsbischof Martin Schindehütte im Gespräch mit Benjamin Lassiwe.
Herr Bischof Schindehütte, nach der Wahl der geschiedenen Frau Margot Käßmann zur EKD-Ratsvorsitzenden kündigte der Leiter des Außenamtes der ROK, Erzbischof Hilarion Alfeyev, an, die Kontakte zur EKD abzubrechen. Wie sieht die EKD zurzeit ihr Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche?
Schindehütte: Unser Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche darf man nicht eindimensional sehen. Wir haben derzeit einen offenkundigen Konflikt mit Erzbischof Hilarion und dem Außenamt der ROK, aus dem ein Problem für die Beziehungen mit der ROK insgesamt entstehen kann, aber nicht muss, denn wir hören auch Stimmen aus der Russisch-Orthodoxen Kirche, die an einer Fortsetzung des Dialogs interessiert sind. Dabei ist uns klar, dass wir keinen Dialog an unserer Ratsvorsitzenden Margot Käßmann vorbeiführen werden. Wenn Hilarion zur Bedingung macht, den Dialog nur mit mir als Auslandsbischof fortzusetzen, um Margot Käßmann zu umgehen, dann geht das nicht.
Was hat denn der Dialog der letzten 50 Jahre eigentlich gebracht, wenn man jetzt in so eine Situation gerät?
Schindehütte: Was wir jetzt erleben, ist eigentlich nichts Neues. Der Dialog mit der Russisch-Orthodoxen Kirche war immer auch schwierig. Meine Vorgänger Rolf Koppe und Heinz-Joachim Held standen als Auslandsbischöfe der EKD mehrfach vor Situationen, in denen die ROK damit drohte, den Dialog abzubrechen. Aber es ist immer weitergegangen – gerade zuzeiten des Eisernen Vorhangs waren die Gespräche mit der Russisch-Orthodoxen Kirche wichtige Brücken zwischen Ost und West.
Worum geht es denn bei den Dialogen mit der Russisch-Orthodoxen Kirche überhaupt?
Schindehütte: Ich will mal Beispiele nennen: 2008 haben wir über die Menschenrechte als christliche Verpflichtung gesprochen. Auch die Themen Säkularisierung und Globalisierung waren von Bedeutung. Russland befindet sich zurzeit in einem gewaltigen Säkularisierungsprozess. Wir in Deutschland haben bereits Erfahrungen damit, wie wir unter diesen Bedingungen unseren Glauben bezeugen können. Wir behandeln auch aktuelle Themen, von denen wir denken, dass wir voneinander lernen können.
Wie stellt sich die EKD eine Fortsetzung dieser Gespräche vor?
Schindehütte: Wir hoffen, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche zur ökumenischen Grundhaltung zurückkehrt, wonach wir als Kirchen trotz aller Unterschiede miteinander reden, und akzeptieren, dass der ökumenische Partner manches anders macht als wir selbst. Dass russisch-orthodoxe Bischöfe im Dialog auf Margot Käßmann treffen, heißt ja nicht, dass sie deswegen in der eigenen Kirche Priesterinnen einführen müssen. Aber wir erwarten von ihnen, dass sie akzeptieren, dass wir uns für eine Bischöfin als Ratsvorsitzende entschieden haben – so wie wir es nicht zur Vorbedingung für einen Dialog machen, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche Frauen im Priesterinnenamt zulässt.
Ende Januar findet vielerorts die Gebetswoche für die Einheit der Christen statt. Wie sollen evangelische Kirchengemeinden reagieren, wenn russisch-orthodoxe Geistliche und Gemeinden teilnehmen?
Schindehütte: Von evangelischer Seite gilt: Wir bleiben einladend und offen und freuen uns über jedes gemeinsame Gebet, das bei dieser Gelegenheit gesprochen wird. Wenn Geistliche der Russisch-Orthodoxen Kirche an der Gebetswoche teilnehmen wollen, sind sie dazu herzlich eingeladen. Wir werden definitiv niemanden in die Ecke stellen – denn wir sind ökumenisch offen, und wollen das auch bleiben, trotz aller Spannungen, die wir zurzeit mit Moskau haben.
Etwas außergewöhnlich
30. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kultur
Ein Kalender wirft einen neuen Blick auf Kinder mit Down-Syndrom

Juliana Wenk strahlt in die Kamera. Sie ist ein Kind mit Down-Syndrom, und ihr Foto ist Teil des Kalenders »A little extra 2010«. (Foto: epd-bild)
Samira breitet die Arme aus und »fliegt« auf den Händen ihres Vaters. Das blonde Mädchen verströmt auf dem Kalenderfoto für den Monat Juli eine heitere Lebensfreude, den sich der Betrachter kaum entziehen kann. Man muss schon genau auf ihre Augen sehen, um zu erkennen: Samira hat das Down-Syndrom, sie ist geistig behindert.
Das fröhliche Mädchen ist, wie die anderen Kinder in diesem Kalender, für das Jahr 2010 von der Stuttgarter Fotografin Conny Wenk abgelichtet worden. Ästhetische Bilder von Menschen, die von vielen in der Gesellschaft bemitleidet werden.
Der Kalender heißt »A little extra 2010«. Das ist ein Wortspiel, denn übersetzt kann das »ein bisschen außergewöhnlich« heißen, aber auch »ein kleines Plus« – eine Anspielung auf ein zusätzliches Chromosom, das Auslöser für das Down-Syndrom ist. Bei der auch Trisomie 21 genannten Krankheit liegt das 21. Chromosom – oder Teile davon – dreifach vor.
Conny Wenk hat vor acht Jahren ihr erstes Kind bekommen, Juliana. Damals war sie 33. Als bei der Tochter das Down-Syndrom diagnostiziert wurde, sei sie in einen Schockzustand verfallen, erinnert sie sich. Völlig falsche Bilder habe sie über diese Menschen im Kopf gehabt, und als ihr eine Krankenhausseelsorgerin aus einem veralteten klinischen Wörterbuch etwas von »mongoloider Idiotie« vorlas, näherte sie sich einer Depression.
Erst der Kontakt zu anderen Frauen mit Down-Syndrom-Kindern hat sie wieder aufgerichtet. »Das waren ganz tolle Mütter, die wirkten gar nicht deprimiert – nach dieser Begegnung ging’s bei mir bergauf.« Conny Wenk machte sich an ihr erstes Buchprojekt, fotografierte 15 dieser Mütter mit ihren Kindern und brachte es unter dem Titel »Außergewöhnlich« auf den Markt. Rund 25000 Exemplare wurden davon verkauft, einige gingen auch an die Geburtsstationen von Krankenhäusern, um Eltern Neugeborener mit dieser Behinderung Mut zu machen.
Heute hat Conny Wenk ein völlig anderes Bild von betroffenen Kindern. »Meine Tochter leidet nicht unter Down-Syndrom, sie führt ein absolut lebens- und liebenswertes Leben.« Wenk, die später noch einen Sohn – ohne Down-Syndrom – zur Welt brachte, wehrt sich auch dagegen, Menschen nur nach ihrem Gesundheitszustand zu beurteilen. »Keiner von uns hat die Gewähr, immer gesund zu sein – wir brauchen eine andere Einstellung gegenüber Einschränkungen, die jeder von uns hat«, sagt sie.
Tochter Juliana hat dem Leben ihrer Mutter eine ganz neue Richtung gegeben. Ihren Job als Personal-
chefin in einem Medienunternehmen hängte sie an den Nagel und konzentrierte sich aufs Fotografieren. Inzwischen ist sie gefragt, macht Porträts für Businessfrauen wie für Hochzeitspaare, hat 2007 sogar einen Prominentenkalender mit dem TV-Lästermaul Harald Schmidt auf dem Titel produziert. »Dass ich heute Fotografin bin, habe ich meiner Tochter zu verdanken«, resümiert sie.
Ihre Arbeit mit Bildern betrachtet Conny Wenk nicht nur unter künstlerischen, sondern auch unter aufklärerischen Gesichtspunkten. Die Gesellschaft wisse viel zu wenig über die rund 50000 in Deutschland lebenden Menschen mit Down-Syndrom, deshalb könne man Berührungsängste nicht verübeln. Entsetzt ist sie allerdings, dass teilweise nicht einmal Mediziner, die Schwangere beraten, eine Vorstellung von dieser Behinderung haben. »Einmal rief mich ein beratender Arzt an und fragte, ob es denn stimme, dass ein Kind mit Down-Syndrom ein 24-Stunden-Pflegefall sei«, erinnert sie sich.
Die Kinder in Conny Wenks Kalender vermitteln nichts von Pflegefall. Dennis, Giuliana, Jan und Marina und die anderen Mädchen und Jungen versprühen eine positive Einstellung zu ihrem Leben, das die Fotografin weniger als »behindert« und mehr als »außergewöhnlich« betrachtet.
Marcus Mockler (epd)
Wenk, Conny/Rapp, Commy: A little extra 2010, Kalender, Neufeld Verlag, 13 S. mit Farbfotografien, 34×34 cm, ISBN 978-3-937896-85-4, 14,90 Euro
Gegen Gesundheitswahn und Gesundbeterei
30. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Dr. Manfred Lütz ist Mediziner, katholischer Theologe und Bestsellerautor. Er leitet als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus in Köln, eine Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie. (Foto: epd-bild)
Gesundheit ist ein hohes, aber nicht das höchste Gut. Der Psychiater und Bestsellerautor Martin Lütz findet, dass es Wichtigeres gibt als Gesundheit. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.
Herr Dr. Lütz, zum neuen Jahr wünschen wir uns neben Glück und Segen vor allem Gesundheit. Ist Gesundheit das Wichtigste im Leben?
Lütz: Der Ausruf »Hauptsache gesund!« ist eigentlich eine Frechheit gegenüber Menschen, die nicht gesund sind und sich trotzdem ihres Lebens freuen können. Auch in den Defiziten und Behinderungen eines Lebens können wir Quellen des Glücks finden und in Krankheit und Leiden Herausforderungen, die einem Leben seinen besonderen Geschmack geben.
Ist es nicht allzu verständlich, dass jemand, der krank ist, wieder gesund werden will?
Lütz: Natürlich können wir Menschen Gesundheit wünschen. Die Frage ist nur, wie hoch wir den Wert der Gesundheit veranschlagen. Wenn jemand, der Krebs hat, Gesundheit tatsächlich für das Wichtigste halten würde, kann man ihn eigentlich nur bedauern.
Gesundheit ist nicht das höchste, aber doch ein sehr hohes Gut …
Lütz: So ist es und natürlich müssen wir als Christen mit unserem Körper, dem Tempel des Heiligen Geistes, wie der Apostel Paulus sagt, verantwortlich umgehen. Aber wir dürfen die Gesundheit nicht zum Götzen machen und auch nicht zu einem unerreichbaren Ideal nach dem Motto »Gesund ist ein Mensch, der nicht ausreichend untersucht wurde«. Es gibt Menschen, die schwere Krankheitsphasen hinter sich haben und im Nachhinein sagen: Das hat mich reifer gemacht. Aber man darf das Leiden auch nicht verklären. Man muss verstehen, wenn andere Menschen nach schwerer Krankheit finden: Da hätte ich gut drauf verzichten können. Es war einfach nur schrecklich.
Glauben Sie, dass christlicher Glaube zur Gesundung beitragen kann?
Lütz: Ich finde es eher amüsant bis ärgerlich, wenn in der journalistischen »Saure-Gurken-Zeit« im Sommer in kirchlichen Zeitungen immer wieder Meldungen abgedruckt werden, man habe festgestellt, dass Menschen, die viel beten, älter werden als Menschen, die nicht viel beten. In Wirklichkeit ist das doch Etikettenschwindel. Die Botschaft soll da ja wohl lauten: Werdet Christen und betet viel, dann geht es euch besser in diesem Leben. Aber das ist nicht die Botschaft Jesu. Jesus selbst hat schwer gelitten und ist früh gestorben, obwohl er viel gebetet hat. Und so wie die Apostel als Märtyrer in den Tod gegangen sind, so ist das Christentum auch heute für die Christen in China und Vietnam nicht gerade lebensverlängernd. Wer den Glauben nur noch von seinen Gesundheitseffekten her sieht, der ist der allgemein herrschenden Gesundheitsreligion auf den Leim gegangen. Beten mag einen gesundheitlichen Nebeneffekt haben. Wer einen Sinn in seinem Leben sieht, der mag vielleicht ein bisschen ruhiger, ein bisschen weniger unstet leben. Das senkt möglicherweise etwas den Blutdruck. Aber was hat man von einer solchen Erkenntnis?
Was halten Sie von Heilungsgottesdiensten und Berichten von Spontanheilungen?
Lütz: Erstens gibt es natürlich Spontanheilungen. Die passieren auch bei nicht gläubigen Menschen. Andererseits glaube ich selbstverständlich, dass Gott Wunder wirken kann. Allerdings nehme ich nicht an, dass er das am laufenden Band tut. Heilungsgottesdienste sind dann ganz in Ordnung, wenn sie die geistliche Dimension, die bei jeder Krankheit eine Rolle spielt, ansprechen. Es sollte aber nicht der Eindruck erweckt werden, das sei die einzige wahre Dimension. Heilungsgottesdienste können das Heilsame des Christentums ganz konkret ansprechen, aber sie werden dann höchst problematisch, wenn suggeriert wird: Jetzt werden wir über den Krebskranken, der hier unter uns ist, beten und dann kann der schon mal alle Medikamente absetzen, denn allein das Gebet hilft. Wer das Gebet ausspielt gegen die Einsichten der Wissenschaft, die edle Früchte der uns von Gott geschenkten Vernunft sind, der versündigt sich aus meiner Sicht am Patienten und am Schöpfergott.
Sie sind Referent beim zweiten Christlichen Gesundheitskongress in Kassel. Sollen medizinische Wissenschaft und Spiritualität näher zusammenkommen?
Lütz: Natürlich ist es gut, dass beide Sphären umeinander wissen. Dennoch glaube ich, dass man beide Bereiche sorgfältig trennen muss. Ich bin gegen diese gut klingenden Parolen, wir müssten alles möglichst ganzheitlich sehen, Körper, Seele und Geist und daher müsse jeder wahre Arzt quasi zugleich Seelsorger sein und jeder Seelsorger zugleich Arzt. Seelsorge ist viel mehr als Therapie. Sie ist existenzielle Begegnung mit einem Menschen. Wenn man diese beiden Dimensionen vermischt, dann können schnell Guru-Existenzen entstehen. Solche Leute laufen Gefahr, nicht Schüler oder Zuhörer zu haben, sondern Anhänger. Sie wirken dann selbst als Heilsbringer und sind nicht mehr durchsichtig auf Christus. So können gefährliche Abhängigkeiten entstehen. Verantwortungsvolle Psychotherapie aber soll der Freiheit des Patienten dienen. Und verantwortliche Seelsorge soll einladen zur Nachfolge Christi und nicht zur Anhängerschaft an irgendeinen Psychoguru. Gott hat uns den Verstand gegeben, damit wir auch wissenschaftlich mit der Welt umgehen können. Und die Wissenschaft hat einige gut wirksame Therapiemethoden gefunden. Die können Atheisten und Christen anwenden. Man darf nicht einerseits mangelnde wissenschaftliche Kompetenz durch Beten ersetzen und andererseits nicht mangelndes Gottvertrauen durch therapeutischen Aktivismus.
Sie sind nicht der Meinung, dass die einen von den anderen etwas lernen können oder sich bestimmte Methoden aneignen sollten?
Lütz: Um Gottes Willen! Wenn sich Seelsorger Psychotherapie-Methoden aneignen und die dann anwenden, betreiben sie keine Seelsorge mehr, sondern machen Therapie. Das ist etwas ganz anderes. Psychotherapie ist eine asymmetrische Beziehung zwischen einem methodenkundigen Fachmann und einem Heilung suchenden Patienten, eine künstliche Beziehung auf Zeit für Geld. Man kann nicht auf Zeit für Geld den Sinn des Lebens produzieren. Daher sollten aus meiner Sicht Seelsorge und Psychotherapie streng getrennt sein, was nicht heißt, dass man nicht umeinander wissen sollte. Psychotherapie, die nicht um jene andere Dimension weiß, kann schnell totalitär werden und Seelsorge, die alles nur von sich selbst erwartet, fundamentalistisch. Nur als bewusst getrennte Bereiche können beide Zugänge zum Menschen sich gegenseitig respektieren und mit ihren besten Kräften wirken.
Was ist im Leben wichtiger als Gesundheit?
Lütz: Dass wir uns geborgen in Gott fühlen können, dass wir mit einem geliebten Menschen zusammenleben und Sinn in diesem Leben erkennen. Wenn wir uns an der Natur, an der Musik wirklich freuen können, wenn wir die Unwiederholbarkeit jedes Moments erleben und vielleicht auch genießen können, dann ist die Frage, ob man jetzt schwer krank ist oder nicht, vielleicht zweitrangig.
Wichtiger ist, als Geschöpfe Gottes einen Lebensweg zu gehen, den wir vor unserem Herrn Jesus Christus verantworten können, dass wir ein rechtschaffenes Leben führen, auf Gottes Wort hören und versuchen seine Gebote zu halten.
Der Christliche Gesundheitskongress vom 21. bis 23 Januar in Kassel wird von einer Allianz von Personen, Einrichtungen und Verbänden aus Diakonie sowie Landes- und Freikirchen getragen. Er ist für Fachbesucher mit Fortbildungspunkten zertifiziert.
www.christlicher-gesundheitskongress.com
Buchtipp
- Lütz, Manfred: Gott. Eine kleine Geschichte des Größten, Verlag Droemer Knaur, 320 Seiten, ISBN 978-3-426-78164-7, 9,95 Euro
- Lütz, Manfred: Irre – Wir behandeln die Falschen, Gütersloher Verlagshaus, 208 Seiten, ISBN 978-3-579-06879-4, 17,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161
Italien: Eine höchst umstrittene »White Christmas«
17. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Eine Welt
Die norditalienische Kleinstadt Coccaglio hat mit einer Kontrollaktion gegen Zuwanderer unter dem Motto »White Christmas« Proteste von Kirche, Gewerkschaften und Parlamentariern ausgelöst. Die von der Lega Nord regierte Kommune in der Nähe von Brescia kontrolliert mit der »Operation Weiße Weihnachten« bis Heiligabend den Aufenthaltsstatus von Zuwanderern. Falls diese abgelaufene Papiere vorweisen, verlieren sie ihren Wohnsitz.
Nach Auffassung des für Sicherheit zuständigen Stadtrats von Coccaglio, Claudio Abiendi, ist Weihnachten »nicht das Fest des Willkommens, sondern der christlichen Tradition, unserer Identität«. Bürgermeister Franco Claretti äußerte allerdings vorsichtig Verständnis für die Proteste. Die Bezeichnung »Operation Weiße Weihnachten« für Ausländerkontrollen sei »unglücklich«, gestand er ein. Der Name sollte demnach allein auf den Abschluss der Aktion am 24. Dezember hinweisen. Eine Anspielung auf die Hautfarbe derjenigen, die Weihnachten feiern, sei damit keineswegs gemeint. Die Stadtverwaltung setzt sich Claretti zufolge für die Integration von Zuwanderern ein, allerdings »auf der Grundlage genauer Zahlen«. Die Ausländerkontrollen dienen demnach einer statistischen Erhebung und nicht der Diskriminierung.
Claretti verteidigt die »Operation White Christmas« unter Hinweis auf Unterstützung seines Parteifreunds Roberto Maroni aus Rom. Der Innenminister habe die Aktion mit Vorschlägen für eine Umsetzung ohne juristische Schwierigkeiten unterstützt. Offenbar warnte er dabei nur vor juristischen Risiken, nicht vor der ungewollten Negativwerbung.
Während der Vatikan das Vorgehen der Behörden in der Kleinstadt kritisierte, verteidigte der örtliche Pfarrer den zuständigen Bürgermeister und den für Sicherheit zuständigen Stadtrat: »Coccaglio ist nicht rassistisch.«
Bürgermeister der Lega Nord machten zuletzt nicht nur durch Ausländerkontrollen in Coccaglio von sich reden, sondern auch durch die Aufforderung in San Martino dall’Argine bei Mantova illegale Zuwanderer anzuzeigen. Für die Fraktionsvorsitzende der Demokraten im Senat, Anna Finocchiaro, demonstriert die ehemalige Separatistenpartei damit ein »ausländerfeindliches, rassistisches und gewalttätiges Bild unseres Landes«.
Auf Druck der Lega Nord hatte Italien erst im Frühjahr gegen heftigen Widerstand aus Opposition und Teilen der Regierung den Straftatbestand der illegalen Einwanderung eingeführt. Nicht erst seitdem stellt sich die politische Stiftung des rechtsnationalen Kammerpräsidenten Gianfranco Fini von der Regierungspartei »Volk der Freiheit«, die Fondatione Farefuturo, in Zuwanderungsfragen auf die Seite der Opposition. Sie bezeichnete die Ausländerrazzia von Coccaglio schlicht als »vulgäre Instrumentalisierung« des Weihnachtsfests.
Bettina Gabbe
Für Sie gelesen: Wegbereiter der Wende
25. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kultur
Der Chefreporter der Leipziger Volkszeitung Thomas Mayer zeichnete »18 Porträts von Wegbereitern aus Leipzig«, die maßgeblich zum Erfolg der Friedlichen Revolution beigetragen haben.
Er bezeichnet sie als »eher stille Helden, die mutig, jede, jeder auf seine Weise dazu beigetragen haben, dass im Herbst 1989 die SED-Diktatur ihr Ende fand«.
Nicht zu Unrecht steht an erster Stelle der Beitrag über den sächsischen Pfarrer Christoph Wonneberger: Auf seine Initiative hin sind die Friedensgebete ins Leben gerufen worden. Außerdem gründete er 1987 die kirchliche Arbeitsgruppe Menschenrechte, »was für damalige Zeiten auch ein mutiges Novum darstellte« schreibt Mayer und erwähnt die damit verbundenen Konflikte mit staatlichen und kirchlichen Stellen.
Auch die anderen im Buch vorgestellten Helden engagierten sich fast allesamt vor 1989 in Menschenrechts-, Friedens- oder Umweltgruppen und trugen zum erfolgreichen Gelingen der Friedlichen Revolution bei: so u. a. Jochen Läßig, der das Straßenmusikfestival organisierte, Gisela Kallenbach, eine engagierte Umweltschützerin, Thomas Rudolph, der heute im Leipziger Osten als Sozialarbeiter wirkt, Edgar Dusdal, einer der sieben Sprecher des Neuen Forums, der Theologe Friedel Fischer, der es bedauert, dass die Bürgerrechtler nach 1989 kein Programm hatten, »um den schnell die Szene bestimmenden (West)-Parteien etwas entgegensetzen zu können«.
In seinem Vorwort würdigt Michael Beleites, der Sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, diese Menschen wegen ihrer Zivilcourage, »die spontan und beherzt gehandelt haben« und zitiert den Naturschützer Reimar Gilsenbach, der angesichts der 1989er Revolution sagte: »Um in Umbruchsituationen überlebensfähig zu sein, braucht jede Population fünf Prozent Unangepasste.« Ein paar dieser unangepassten und engagierten »Helden der Friedlichen Revolution« hat Thomas Mayer dankenswerterweise noch einmal zu Wort kommen lassen.
Matthias Caffier
Mayer, Thomas: Helden der Friedlichen Revolution. 18 Porträts von Wegbereitern aus Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt 2009, 160 S., ISBN 978-3-374-02712-5, 12,80 Euro
Die Bibel – reich an Lebensweisheiten
25. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Gottesbilder im Alten Testament (6/Schluss): Gott und die Weisheit
Mit diesem Beitrag beenden wir unsere sechsteilige Beitragsserie über die biblische Rede von Gott.

Die Weisheit mit dem Buch der Sprüche Salomos in der Hand in einer mittelalterlichen Darstellung. Bild: Archiv
Der Humor ist der Regenschirm der Weisen«, schrieb Erich Kästner in einem Epigramm. Jüdischer Glaube ist ohne Humor gar nicht vorstellbar – für mich eines der schönsten Beispiele ist diese Geschichte: Ein Jude erzählt seinem Nachbarn, er kenne den frömmsten Rabbiner überhaupt.
»Jeden Donnerstag betet er, und dann frühstückt er mit Gott.« Der Nachbar ist skeptisch. »Woher weißt du das?«, fragt er. »Na, das hat mir der Rabbiner selbst erzählt.« »Und woher weißt du, dass es stimmt?« Darauf der erste ganz empört: »Glaubst du, Gott würde mit einem Lügner frühstücken?«
In dieser Geschichte wird humorvoll mit nur wenigen Sätzen aufgezeigt, wie die persönliche Überzeugung absolut gesetzt wird. Zweifel sind nicht erlaubt. Dabei ist es im Judentum, anders als in anderen Weltreligionen, genau andersherum: Es gibt niemals eine »einzig mögliche« Auslegung des Ersten Testaments und späterer Schriften.
Diese Toleranz gehört, so denke ich, zur Weisheit, die im Alten Testament eine besondere Position einnimmt und mehrere biblische Bücher bestimmt: das Buch Hiob, die Psalmen, den Prediger und das Buch der Sprüche.
Spannend ist die Frage, wie es uns geht, wenn wir etwa das Buch »Prediger« isoliert betrachten – keine Rede vom ewigen Leben, reine Diesseitigkeit! Halten wir es aus, dass auch dies ein Stück biblischer Botschaft ist? Es ist allgemein auffällig, dass die Vorstellung eines Weiter- oder Neu-Lebens nach dem Tod sich in den Weisheitsbüchern nicht findet und im Ersten Testament erst ein spätes Stadium des Glaubens widerspiegelt. In diesen Schriften wird immer wieder betont, wie sehr jeder Tag ein Geschenk aus der Hand Gottes ist.
Vielleicht leuchten uns deshalb viele Worte aus ihnen trotz der Jahrtausende, die dazwischen liegen, so sehr ein. Auf das Buch der Sprüche möchte ich etwas genauer eingehen – schon deshalb, weil es nach meinem Eindruck nicht sehr häufig wahrgenommen wird, jedenfalls in unseren Gottesdiensten kaum eine Rolle spielt.
Im Buch der Sprüche finden sich, wie der Name schon sagt, Sprichwörter. »Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein« ist angelehnt an Sprüche 26, Vers 27. Dieses bekannte Sprichwort weist auf das Welt- und Lebensverständnis des Sprüchebuches hin: den »Tun-Ergehen-Zusammenhang«.
Wer Gutes tut, dem wird es auch gut gehen, wer Böses tut, wird Böses an sich erfahren. Dies wird im Buch der Sprüche sehr unmittelbar und direkt formuliert: »Der Herr lässt den Gerechten nicht Hunger leiden; aber die Gier der Gottlosen stößt er zurück.« (10,3) Und: »Siehe, dem Gerechten wird vergolten auf Erden, wie viel mehr dem Gottlosen und Sünder!« (11,31) Allerdings wird in einem sehr bekannten Wort auch die Unverfügbarkeit des Handelns Gottes betont: »Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.« (16,9)
Es ist mit diesen Sprüchen ähnlich wie mit den Sprichwörtern überhaupt: Sie widersprechen sich teilweise, weil sich Erfahrungen in unserem Leben widersprechen. Aber gerade dadurch können sie zu einer Lebenshilfe werden.
Freilich: Auch hier finden sich Sätze, denen wir hoffentlich deutlich widersprechen, mögen sie auch über Jahrhunderte hinweg Erziehungsmaximen gewesen sein: »Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.« (13,24)
Im Buch der Sprüche stehen viele Sätze, die in tiefem Sinne weise sind: »Wer seine Sünde leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.« (28, 13)
Das Buch der Sprüche betont die Gottesfurcht, so wie dies allgemein die Weisheitsschriften in vielfältigen Ausdrücken tun: »Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis.« (1,7) Dabei ist es interessant, wie sehr die Weisheit als Person gedacht wird und als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen: Sie »ruft laut auf der Straße und lässt ihre Stimme hören auf den Plätzen.« (1,20) Hier wird sie als Prophetin dargestellt, im achten Kapitel des Buches dann als Schöpfungsmittlerin, als Stimme Gottes in menschlicher Gestalt. Sie ist sogar das erste Geschöpf, das Gott erschuf, wie in sehr poetischer und schöner Weise die Verse 22ff im achten Kapitel beschreiben.
Auch ihr Gegenpol, ihre Kontrahentin, wird als Person dargestellt und geschildert: Frau Torheit. Ohne die Darstellung des »Kontrastprogramms« geht es wohl nicht, sobald Menschen ihre Glaubensvorstellungen aufschreiben.
Ulrich Tietze
Hildegard von Bingen
18. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kultur
Der Film »Vision« unter der Regie von Margarethe von Trotta kommt in die Kinos
Am 24. September startet bundesweit der Spielfilm »Vision«, der unter der Regie von Margarethe von Trotta das Leben Hildegards von Bingen erzählt.

Barbara Sukowa in der Rolle der Hildegard von Bingen. Foto: Concorde Filmverleih
Hildegard klammert sich mit aller Gewalt an sie, den wichtigsten Menschen in ihrem Leben: Und zum ersten Mal muss auch sie sich von Richardis vorwerfen lassen, nur an sich zu denken, andere zu dominieren und ihren Willen rücksichtslos durchzusetzen. Es sind Szenen wie diese, die zeigen, dass die Regisseurin Margarethe von Trotta wenig Interesse an einer nachträglichen Überzuckerung ihrer Hauptdarstellerin, verkörpert von Barbara Sukowa, hatte. »Wenn man Hildegard auf Dinkelplätzchen und die Figur im Schrebergarten beschränken will, so ist das eine Reduktion«, sagt die Regisseurin.
Was fremd an ihr blieb, wird im Film nicht zurechtgestutzt. Hildegard von Bingen (1098–1179) war, das dürfte trotz der gewaltigen Zeitspanne gelten, die die Gegenwart von ihrer Zeit trennt, eine besondere Frau. Die Aufzeichnungen, die sie hinterlassen hat, belegen einen universal gebildeten Menschen, der sich in mittelalterlicher Theologie und Naturkunde bestens auskannte.
Einmalig die Szene, in der sie ihrem Sekretär, dem Benediktinermönch Volmar, der von Heino Ferch gespielt wird, einen Text über die Geschlechtslust des Mannes diktiert, dem die weibliche Begierde nach Empfängnis entspreche. Der vielleicht ein wenig zu herzensgut gespielte Mönch ist jedenfalls über das Wissen Hildegards ziemlich verdattert.
Es gelingt Margarethe von Trotta gleichwohl, die Fremdheit der Zeit und ihrer Menschen im Film zu bewahren. »Die zeitliche Einbettung der Menschen, Hildegards Weltbild mit der Hölle unten und Gott im Himmel und auch ihre tiefe Frömmigkeit sind mir fremd geblieben«, sagt Margarethe von Trotta. »Doch ihre geistige Kraft, die ja im Gegensatz zu ihrer körperlichen Schwäche stand, hat mich beeindruckt – immerhin hat sie zwei Klöster gegründet.«
Möglich, dass manche dem Film Längen vorwerfen. Doch die genaue Beobachtung physischer Details, eines Augenaufschlags, einer Gebetshaltung, einer plötzlichen Eingebung, macht dem modernen Beobachter die eigene rasende Lebensgeschwindigkeit nur umso stärker deutlich. Die Dreharbeiten fanden unter anderem im Kloster Eberbach in Hessen und im Kloster Maulbronn in Württemberg statt.
Christian König
Traum vom eigenen Gotteshaus
11. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Eine Welt
Im Jahr 1939 fand in der Nikolaikirche in Tallinn der letzte deutsche Gottesdienst statt. Matthias Burghardt möchte gern der erste deutsche Pfarrer im 21. Jahrhundert sein, der in der estnischen Kirche predigt.

Pfarrer Matthias Burghardt vor dem Turm der ehemals deutschen Nikolaikirche. (Foto: Annika Falk)
Burghardt ist kein Auslandspfarrer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sondern angestellt bei der Eesti Evangeelne Luterlik Kirik (EELK), der estnischen Amtskirche. Seine Frau Anne, eine gebürtige Estin, arbeitet am Theologischen Institut in Tallinn. Der vierjährige Sohn Karl Otto besucht den estnischen Kindergarten. Matthias Burghardt fühlt sich wohl auf der »Insel der Gleichberechtigung«, wie er den baltischen Staat nennt. Um perfekt in die estnische Bevölkerung integriert zu sein, möchte er Russisch lernen. 25 Prozent der knapp 1,4 Millionen Einwohner Estlands sind Russen.
Matthias Burghardt hat in Marburg und Kiel studiert, sein Vikariat in Braunschweig absolviert und zwei Jahre in Riga gearbeitet. In Estland betreut er eine Gemeinde, die aus Deutschbalten, Russlanddeutschen und deutschen Fachkräften besteht. »Hier gab es 50 Jahre keine Möglichkeit der Gemeindearbeit«, sagt Burghardt. »Da ist einiges nachzuholen.« Der Pfarrer feiert Kindergottesdienst, bietet Bibelstunden an und leitet zwei Hauskreise. Eine eigene Kirche hat die Gemeinde nicht. Gottesdienste feiert sie in der schwedischen Kirche.
Doch immer, wenn der Pfarrer an der ehemals deutschen Nikolaikirche vorbeigeht, beginnt er zu träumen. Seit 1939 wurden hier keine deutschen Gottesdienste mehr abgehalten. Das Pfarrhaus der deutschen Gemeinde stand direkt neben der Kirche, viel früher befand sich hier wahrscheinlich ein Kloster. Matthias Burghardt strebt an, das deutsche Gemeindehaus wieder aufzubauen und in der Kirche zu predigen.
Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist der Pfarrer seit zwei Jahren Religions- und Philosophielehrer am englischen Gymnasium, arbeitet als Hilfspfarrer in einer estnischen Gemeinde und ist Synodenmitglied der estnischen Kirche. Neben Deutsch, Englisch und Niederländisch spricht Burghardt mittlerweile fließend Estnisch und Lettisch. Zurück möchte er nicht mehr: »Ich schätze den speziellen Humor mit Hang zur Selbstironie und den ausgeprägten Individualismus der Menschen.«
Annika Falk
Zu Besuch bei den Kiwis
11. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kultur
Das Leipziger »Ensemble Nobiles« machte eine Konzerttournee durch Neuseelands Kirchen.

In ihren Alltagsklamotten sehen sie aus wie ganz normale Abiturienten, auf der Bühne werden Paul Heller, Christian Pohlers, Lucas Heller, Gregor Praetorius und Julius Linnert (v. l.) zu professionellen Sängern. (Foto: Uwe Winkler)
»The Choir from Bach’s Church« (der Chor aus Bachs Kirche) – so wurden sie in den neuseeländischen Kirchen vorgestellt. Die sechs Sänger des »Ensemble Nobiles« haben anderthalb Jahre organisiert und geplant, damit die Konzerttournee mit Musik der deutschen Romantik stattfinden konnte. Vor drei Jahren haben die damaligen Thomaner das Vocalensemble gegründet. Mit dem Chor waren sie es gewohnt, auf der ganzen Welt zu singen. »Aber dem Chorleiter hinterherzutrotten oder alle Auftritte in Eigenregie zu organisieren, ist doch was anderes«, so Sänger Christian Pohlers. Mehr von Land und Leuten habe er dieses Mal gesehen als bei den Chortourneen durch Europa, Japan, Südkorea, Australien und Amerika.
Die 18- bis 19-jährigen Sänger übernachteten während der drei Wochen in Familien der ortsansässigen Kirchgemeinden. »Die Kiwis sind ein unheimlich gastfreundliches Volk«, so Gregor Praetorius. Über eine Bekannte seines Vaters entstand der Kontakt nach Neuseeland. Außerdem profitierten sie von den Beziehungen ihres Förderers, dem ehemaligen Leipziger Kulturbürgermeister Georg Girardet, der ihnen zu einer deutschsprachigen Busfahrerin und vielen Essenseinladungen bei Verwandten verhalf.
Manchmal waren die selbst ernannten »Kulturbotschafter« enttäuscht über wenige Besucher. Schuld daran waren die fehlenden Plakate, die wochenlang per Post unterwegs und nicht rechtzeitig bei den Kirchgemeinden angekommen waren. Werbung machten sie deshalb selbst, sangen in Cafés und auf der Straße, um auf ihre Konzerte aufmerksam zu machen. Und man erklärte ihnen, dass 60 Besucher in einem 4000-Seelen-Nest ein großer Erfolg seien für Neuseelands nicht gerade blühende Kulturlandschaft.
Besonders begeistert war das Publikum von dem neuseeländischen Volkslied »Tutira Mai Nga Iwi«, das sie in der Eingeborenensprache Te Reo Maori zum Besten gaben. »Daraufhin kam gleich ein neuseeländischer Komponist auf uns zu, der uns jetzt ein Stück mit Shakespearetexten schreiben möchte«, so Paul Heller. Er hat wie seine Mitsänger gerade das Abitur in der Tasche und will weiter singen.
»Manchmal vielleicht in anderer Besetzung und weiterhin als Hobby, aber wir wollen professioneller werden«, so der Tenor. Einige Sänger fangen in Leipzig an zu studieren, aber Bariton Felix Hübner geht nach Frankreich und Tenor Gregor Praetorius zum Freiwilligendienst des Leipziger Missionswerkes nach Indien. Trotzdem stehen im September an allen Wochenenden Auftritte an, manchmal sogar zwei täglich.
Am 12. September tritt das Ensemble um 20 Uhr gemeinsam mit der Mädchengruppe »Chickpeas« in der Gedächtniskirche in Schönefeld auf. Um 22.15 Uhr geht es bei der Nacht der offenen Kirchen in der Heilandskirche Leipzig weiter.
Annika Falk
www.nobiles.de.tl
Auf der Flucht vor der US-Armee
11. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Im Blickpunkt
Kriegsdienstverweigerung: Der Deserteur André Shepherd hat in Deutschland Asyl beantragt.
Deserteuren eilt der Ruf des Kriegs- und Vaterlandsverrates voraus. Doch was ist, wenn weiterer Kriegsdienst Verrat am eigenen Gewissen ist?

War offiziell Teil der »Guten« und merkte, dass er doch dem Bösen dient: André Shepherd desertierte nach einem Einsatz in Irak von der US-Armee. (Foto: connection-ev.de)
Hätte man André Shepherd mit 19 Jahren nach seinen Zukunftsplänen gefragt, hätte er vermutlich erklärt, etwas mit Computern machen zu wollen. »Roboterentwicklung hat mich schon immer fasziniert.« Dass der US-Amerikaner heute Bewohner eines Asylbewerberheims in Süddeutschland ist, und von staatlicher Versorgung und 40 Euro Taschengeld im Monat lebt, hätte er dagegen wohl selbst in seinen übelsten Albträumen nicht vorhergesehen.
Doch in den USA platzte Ende der 1990er Jahre die »dot.com«-Blase. Mit der Computerindustrie ging es bergab, und der frisch ausgebildete Informatiker Shepherd fand keinen Job. 2004 meldete er sich freiwillig zur Armee. »Ich war zwei Mal obdachlos, nachdem ich die Universität beendet hatte«, sagt Shepherd. »Ich habe auf einen guten Start in ein besseres Leben gehofft.« Denn als Shepherd in die Armee eintrat, hatte man ihm versprochen, ein Teil des Guten zu sein. Shepherd würde gegen Diktatoren wie Saddam Hussein kämpfen, und überall auf der Welt Menschen die Freiheit bringen. »Im Rekrutierungsbüro bat man mich, die Welt zu retten«, sagt Shepherd. »Aber ich muss zugeben, dass ich damals auch sehr naiv war.«
Dass sich der Alltag in der US-Armee dann doch etwas anders darstellt, merkte Shepherd im Irak. Er war zum Mechaniker für den Kampfhubschrauber Apache AH-64 ausgebildet worden, der mit Raketen und Maschinengewehren feindliche Ziele beschießt. »Alles, was man mir damals erzählt hat, war eine komplette Lüge«, sagt Shepherd heute. »Der Irakkrieg dient doch nur dazu, die Amerikaner gegen den Iran in Stellung zu bringen – unsere Armee war lediglich ein Werkzeug des Imperialismus.« Die von George W. Bush als Kriegsgrund genannten Massenvernichtungswaffen habe es im Irak nie gegeben. Als seine Einheit nach ihrem Einsatz im Irak wieder an ihrem Stützpunkt in Katterbach (bei Ansbach) stationiert war, beschloss Shepherd, zu desertieren.
»Ich packte alle meine Sachen in mein Auto, und fuhr einfach davon«, sagt Shepherd. Freunde halfen ihm mehrere Monate lang. Dann stellte der Amerikaner den Antrag auf politisches Asyl in Deutschland. »In den USA bin ich zur Fahndung ausgeschrieben, weil ich in Kriegszeiten von der Truppe desertiert bin«, so der ehemalige Soldat. Dem Deserteur droht deswegen theoretisch sogar die Todesstrafe. »Ich kann kein amerikanisches Konsulat betreten, nicht nach Hause fahren – und auch nirgendwo hin, wo die Amerikaner Einfluss haben.«
Doch André Shepherd hat eine Mission: Auf Veranstaltungen christlicher Friedensorganisationen wirbt er für seine Sicht der Kriege im Irak und Afghanistan. »Ich denke, dass auch der deutsche Einsatz in Afghanistan verkehrt ist«, sagt André Shepherd, während in den Nachrichtensendungen des Fernsehens die Bilder vom Angriff auf die entführten Tanklastzüge in Kundus um die Welt gehen. »Auch dort geht es nicht mehr um die Suche nach Osama bin Laden, wie es George Bush einst verkündet hat«, sagt Shepherd. »In Afghanistan geht es um den politischen Einfluss am Hindukusch, um den Bau von Pipelines abzusichern.«
Dabei ist Shepherd nach wie vor durchaus davon überzeugt, dass ein Krieg in bestimmten Fällen auch gerechtfertigt sein kann. »Krieg darf aber immer nur das letzte Mittel sein, und im Irak wie in Afghanistan waren wir noch nicht in dieser Situation.«
In Deutschland wird Shepherd von christlichen Organisationen unterstützt, wie dem Verein »Connection e.V.«, der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerer und der Zentralstelle für Recht und Schutz von Kriegsdienstverweigerern aus Gewissensgründen. Halt und Rechtfertigung aber gibt ihm sein wiedergefundener Glaube: »Ich komme aus einer baptistischen Familie, und war nie besonders religiös«, sagt Shepherd. Aber: »Als ich Asylbewerber wurde, begann ich wieder nach dem Sinn des Lebens zu fragen«, sagt Shepherd. »Ich begann, wieder in der Bibel zu lesen – und merkte, dass ich alles, was dort über Krieg und Frieden stand, innerlich schon lange unterschrieben habe.«
Benjamin Lassiwe
Der Streit um die Deserteure
Mehr als 100 Friedensgruppen und Organisationen aus der gesamten Bundesrepublik haben sich in einem gemeinsamen Aufruf für die Anerkennung des Asylantrages des US-Deserteurs André Shepherd ausgesprochen. Darin heißt es: »Wir betonen: Kriegsdienstverweigerung und Desertion sind mutige individuelle Schritte, sich nicht an Krieg, Kriegsverbrechen und militärischer Gewalt zu beteiligen. Das Nein zum Krieg ist ein wichtiger Schritt zur Beendigung des jeweiligen Krieges.« Die Bundesregierung wird deshalb aufgefordert, Shepherd Asyl zu gewähren.
Wie umstritten der Umgang mit Deserteuren ist, zeigt der jahrzehntelange Kampf um die Rehabilitierung der Wehrmachtdeserteure. Während alle anderen Unrechtsurteile der NS-Militärjustiz 1989 pauschal aufgehoben wurden, galt für Deserteure nach dem sogenannten »Kriegsverrats«-Paragrafen eine Einzelfallprüfung – heute freilich in den meisten Fällen gar nicht mehr möglich. Erst an diesem Dienstag hat der Bundestag die entsprechenden NS-Urteile pauschal annulliert. Kein Wunder, dass gegen die Einweihung eines
Denkmals für Deserteure und Opfer der NS-Militärjustiz am 1. September in Köln ein rechtsextremes Netzwerk »Nationaler Sozialisten« mit dem Slogan »Eidbruch ist keine Heldentat« zu Felde zog … (GKZ)
Drei konkrete Möglichkeiten zur Unterstützung von André Shepherd finden sich unter
www.connection-ev.de/aktion-usa.php.
Gott, du bist so unbegreiflich!
3. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Gottesbilder im Alten Testament (3): Der verborgene und strafende Gott
In einer mehrteiligen Serie fragen wir danach, wie die Bibel von Gott redet.
Schon während des Theologiestudiums faszinierte es mich, wenn wir Texten des Ersten Testaments auf den Grund zu gehen versuchten – mit der Erforschung ihrer ursprünglichen Gestalt, mit den Veränderungen, die sie im Laufe langer Zeit (nicht selten Jahrhunderte!) erfuhren. Diese Faszination hält bis heute an, sie gilt insbesondere Texten, in denen der »verborgene Gott« im Mittelpunkt steht, dessen Handeln wir schwer begreifen können. So fordert Gott von Abraham, der gegen alle Wahrscheinlichkeit im hohen Alter noch Vater wird, Unbegreifliches: Er soll seinen Sohn Isaak opfern (1. Mose 22). Eine grausige Vorstellung, die bis heute Menschen befremdet, irritiert, abstößt – verständlicherweise.

Begegnung mit der dunklen Seite Gottes - Abrahams Glaube wird auf die Probe gestellt, in dem er seinen Sohn Isaak opfern soll - auch wenn Gott selbst die Opferung verhindert, bleibt die Geschichte irritierend. Hier in einer Darstellung aus der im 13. Jahrhundert entstandenen Chronik des Rudolf von Ems. (Foto: Uni Leipzig)
Der Text kommt uns wahrscheinlich kaum weniger fremd vor, wenn wir wissen: In der Zeit, als er entstand, waren Menschenopfer gang und gäbe. In dieser Geschichte ist die brutale Vorstellung enthalten, Gott könne Menschenopfer fordern, und sie hat in der Kirchengeschichte immer wieder schreckliche Folgen gehabt. In der Ursprungsgestalt war hier vielleicht auch nicht von Abraham und seinem Sohn die Rede, sondern von einem Namenlosen, den ein uns fremder Gott zum Opfer auffordert. Das Volk Israel nahm sich die Freiheit, alte Dämonengeschichten aufzunehmen und zu bearbeiten.
Für viele Menschen ist die Geschichte vom »Kampf am Jabbok« (1. Mose 32) wichtig geworden: Jakob kämpft bei Nacht mit Gott. Er wird zwar auf die Hüfte geschlagen und künftig als Hinkender gezeichnet sein, hat jedoch seinem Gegner den Segen abgerungen. Diese mir sehr liebe Geschichte, Begleiterin in vielen schwierigen Lebenssituationen, hat nicht ohne Grund etwas Unheimliches, Fremdes, vielleicht auch Bedrohliches.
Dass hier ein böser Geist am Anfang der Überlieferung stand, ist dem Text noch anzumerken: Die Aufforderung von Jakobs Gegner, ihn ziehen zu lassen, weil die Morgenröte naht, weist darauf hin – Albträume, böse Geister und Gespenster scheuen das Morgenlicht. War hier ursprünglich vom Kampf zwischen einem Wanderer oder Jäger und einem Flussdämon die Rede, so wurde im Laufe der Zeit (möglicherweise über Jahrhunderte) daraus der nächtliche Kampf Jakobs mit dem Gott Israels.
In diesen Texten straft Gott Menschen nicht, hat aber eine unheimliche, seine Liebe und Fürsorge verbergende Seite. Diese Erfahrung mit dieser Seite Gottes durchzieht übrigens auch die Psalmen. In extremer Weise gilt dies für Psalm 88, der zwar als Gebet an Gott gerichtet ist, aber kein einziges Wort der Hoffnung mehr zum Inhalt hat. Von dieser Verborgenheit Gottes zur Auffassung: »Er bestraft mich!«, ist es oft nur ein kleiner Schritt. Daher gibt es bekanntlich auch nicht selten die Vorstellung im Ersten Testament, dass Gott Menschen strafen kann.
Eines von vielen möglichen Beispielen ist 4. Mose 21: die Schlangenplage in der Wüste. Das Volk murrt, wie so oft nach dem Auszug aus Ägypten, beklagt sich bei Mose über die Situation des Elends mitten in der Wildnis. Und Gott sendet zur Strafe Giftschlangen, die viele Israeliten durch ihren Biss töten. Mose, der immer wieder die Rolle eines Vermittlers zwischen den Menschen und Gott spielt, bittet Gott, die Strafe zurückzunehmen, und erhält von diesem Gott, der eben noch als unbarmherzig und strafend erscheint, den Auftrag, eine eherne Schlange zu bauen. Wer sie anschaut, bleibt auch als Gebissener am Leben.
Ganz anders ist es in vielen Psalmen, in denen die Vorstellung herrscht: Gott erträgt sehr wohl das Klagen und Murren von Menschen und lässt nicht nur mit sich reden, sondern geradezu handeln.
Dass Israel solche harten, vielleicht gar unbarmherzig wirkenden Vorstellungen und Bilder von Gott bewahrt hat, empfinde ich als hilfreich. Ob ich solche Gottesbilder übernehmen kann, muss ich für mich entscheiden. Spätestens bei eigenen Leidenserfahrungen jedoch stellt sich für jeden Menschen diese Frage. Dass Gott eine verborgene, unbegreifliche, auch strafende Seite hat, gehört nach meiner Auffassung zu unseren Erfahrungen mit ihm – und zu unserer Rede von ihm durch all die Zeiten hindurch, in denen er immer wieder auch verborgen bleiben konnte.
Ulrich Tietze
In Gärten etwas fürs Leben lernen
25. Juni 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Werden und Vergehen, Mühe und Arbeit, Vergeblichkeit und Misserfolg – über die geistliche Dimension von Gärten (3)
Fortsetzung von Das Paradies als Ort der Sehnsucht und Synonym für Segen, Frieden und Liebe
Mit diesem Beitrag beenden wir unsere dreiteilige Serie über Gärten in der Bibel und im Alltag.

Foto: Maik Schuck
Gott der Allmächtige pflanzte zuerst einen Garten, und er ist in der Tat die reinste der menschlichen Freuden.« (Francis Bacon) Immer, wenn wir einen Garten betreten, spüren wir, wie schön das Leben ist. Kein Wunder, dass Gärtner glückliche Menschen sind. »Ich leugne es nicht, dass unter allen irdischen Dingen nichts zu finden ist, das mich mehr und höher könne belustigen als ein schöner Garten«, schrieb Mitte des 17. Jahrhunderts der Pfarrer, Gartenliebhaber und Poet Johann Rist aus Wedel bei Hamburg.
»Glaubet mir, wenn ich eine liebliche Blume, ein wohl gebildetes Kraut, eine anmutig riechende Staude, einen zierlich gewachsenen fruchtbaren Baum mag sehen, so springt gleichsam mein Herz für Freuden. Und kann ich mir solche guten Gedanken darüber machen, dass ich meine Glückseligkeit auch mit dem allergrößten Reichtum nicht würde begehren zu tauschen.« Anscheinend geht es vielen Menschen ähnlich. Nicht alle haben ein Stück Erde, das sie gestalten können, manchen fehlen die Kenntnisse, die Zeit oder die Kraft.
Aber da gibt es immer noch den Blick in Nachbars Garten, den Spaziergang durch Parkanlagen oder die gern genutzte Gelegenheit, am Tag der Offenen Gärten hinter die Mauern zu schauen und sich mitzufreuen. Das tut der Seele gut.
Einen Garten anzulegen, ist ein schöpferischer Akt, der nie abgeschlossen ist. In jedem Gartenjahr kommen neue Ideen zum Zug. »Es gibt kein größeres und wunderbareres Schauspiel und keines, bei dem sich der menschliche Verstand in einem besseren Sinne unterhalten könnte«, schreibt Kirchenvater Aurelius Augustinus (gest. 430). »Hier kann er den Samen ausstreuen, Schösslinge pflanzen, Reiser aufpfropfen, junge Stauden setzen und dabei jede Wurzel- und Sprosskraft gleichsam nach ihrem Vermögen und ihren Grenzen fragen, nach deren Ursprung und nach dem, was sie aus sich und was sie mit Hilfe der ihr von außen zugewandten Pflege vermag. Und bei diesen Erwägungen kann er sich zu der Erkenntnis aufschwingen, dass weder der, der pflanzt, noch der, der begießt etwas ist, sondern der allein, der das Wachstum gibt, Gott.«
Gärten machen bescheiden. Man kann zwar mit Rollrasen und vorgezogenen Pflanzen eine Bundesgartenschau aus dem Boden stampfen – in Gärten von Dauer braucht es einen langen Atem. »Geduld ist des Gärtners Tugend«, heißt ein weiser Spruch. Was dem Gärtner üppig vor Augen steht, sieht in der Realität anfangs sehr unscheinbar aus. Nicht alles wächst so schnell wie gewünscht, nicht jede Blume gedeiht, gar manche wohlüberlegte Pflanzung enttäuscht. Anderes wirkt besser als gedacht. Es gibt Wachswetter und trockene Zeiten, fruchtbare Jahre und magere. Manchmal halten sich Unkraut und Schädlingsbefall in Grenzen, andermal nehmen sie überhand. Der Gartenplan mag noch so detailliert und gut durchdacht, die Arbeit noch so intensiv getan worden sein – das Ergebnis bleibt offen. Gärten erziehen zur Demut und lassen keine Überheblichkeit aufkommen.
Überhaupt lasse sich in Gärten etwas fürs Leben lernen, fand ein gewisser Pfarrer Moser anno 1890, und zwar fürs geistliche Leben eines Seelsorgers. Man lerne Geduld und Ausdauer, das Schwache zu pflegen und das Verwundete zu heilen. Man sehe, dass das Edle am langsamsten wachse und das Gemeine üppig und ohne Mühe aufschieße, dass zuweilen aus edlem Samen nichts Rechtes werde, während bereits Aufgegebenes und Kränkelndes sich fasse und erhole. Man müsse erleben, dass manches, über dessen fröhliche Entwicklung man sich gefreut habe, plötzlich welke und manch schöne Frucht innen faul sei. »Ja«, fasst er zusammen, »neben dem vergnüglichen Promenieren im Garten fasst man auch Mut und Trost, wenn es im geistlichen Leben der Gemeinde nicht besser geht.«
Der Garten zeigt also nicht nur, wie schön das Leben ist, sondern auch wie kompliziert. Er predigt von Gott, erinnert an das Paradies und schenkt Augenblicke des Glücks. Aber er spiegelt keine falsche Idylle. Werden und Vergehen, Mühe und Arbeit, Vergeblichkeit und Misserfolg gehören dazu. »Der Garten ist eine Gabe Gottes an uns Menschen, ein Impfstoff, der uns aufmerksam macht für das Leben, seinen Genuss und seine Gefahren.« (Bischöfin Maria Jepsen)
Christine Lässig
Schöpfers Segen
Wenn der Satan
mit seinen Gliedern
tobt und wütet,
so will ich ihn
verlachen
und des Schöpfers Segen,
die Gärten,
betrachten und genießen
zu seinem Lob.Martin Luther
Schweiz: Freidenker am Ende doch noch erfolgreich?
18. Juni 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Eine Welt
Die größte Kirchenzeitschrift der Schweiz – »reformiert.« – darf bei Schweizer Verkehrsbetrieben nicht mehr werben. Grund: Die Verkehrsbetriebe – unter ihnen die Postauto Schweiz – wollen keine »religiöse Werbung« in ihren Fahrzeugen mehr dulden.

Das umstrittene Plakat der schweizerischen Kirchenzeitung.
Hintergrund der restriktiven Maßnahme ist eine Entscheidung der Verkehrsbetriebe mehrerer Schweizer Städte, die Plakate der Freidenker Vereinigung der Schweiz (FVS), nicht aufzuhängen. Die Freidenker wollten im Februar – analog zur Werbekampagne in Deutschland – in Bussen und Straßenbahnen mit dem Slogan werben: »Wahrscheinlich gibt es keinen Gott. Kein Grund zur Sorge, genieß das Leben.« Die Verkehrsbetriebe lehnten ab, weil sie keine Werbung wollten, die gegen weitverbreitete religiöse Überzeugungen der Bürger verstieß.
Es sollte eine Ablehnung mit ungeahnten Folgen werden. Denn als der Verlag der kantonalen Berner Ausgabe der Zeitschrift »reformiert.« eine Plakatkampagne für das Juni-Thema des Blattes lancieren wollte, zögerte die zuständige Plakatgesellschaft plötzlich. Die Werbeverbote hatten in der Zwischenzeit eine größere Debatte zum Thema »religiöse Werbung« vom Zaun gebrochen. Als die Redaktion von »reformiert.« bei »Bernmobil«, den Verkehrsbetriebe der Stadt Bern, nachfragte, meinte deren Sprecherin: »Die Direktion hat aufgrund dieser Debatte entschieden, inskünftig keinerlei Werbung mit religiösem Inhalt mehr zuzulassen.« Die Redaktion stellt jetzt betroffen fest: »Obwohl ›reformiert.‹ Eine Zeitschrift ist – eine zudem, die redaktionell unabhängig ist und durchaus kritisch über Kirche und Religion berichtet –, fällt sie offenbar bei ›Bernmobil‹ unter eine Art ›Lex Freidenker‹.«
Ob die Botschaft des Plakates bei dieser Entscheidung mitgespielt hat? Es enthält nicht nur in großen Lettern das Thema der Juni-Ausgabe der Zeitung »Die Kirche am Ende. Am Ende die Kirche?«, sondern darüber noch fetter die Worte »ogottogott!«, wobei die »o« rot ausgefüllt sind.
Bei den Verkehrsbetrieben scheint somit folgende Logik gespielt zu haben: Wenn wir schon Plakate verbieten, die Gott infrage stellen, dürfen wir aus Gründen der Fairness auch keine Plakate aushängen, die direkt für »Gott« werben. Sonst wäre unsere Neutralität gegenüber den Auftraggebern verletzt. Die Kirchen und ihre Publikationen werden nicht mehr als Träger einer staatstragenden Kultur wahrgenommen, sondern als religiöse Organisation, die in Konkurrenz zu andern – auch Organisationen mit einer atheistischen Philosophie – stehen. Ob das den Kirchen passt oder nicht. Oh Gott, oh Gott!
Der Verlag wird jetzt die Plakate auf Plakatsäulen und in einigen Verkehrsbetrieben aufhängen, die das immer noch gestatten und hofft, dass die Entscheidung bei den übrigen Verkehrsbetrieben nicht in Stein gemeißelt sei.
Fritz Imhof
Dem Geheimnis des Glaubens nähern
4. Juni 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Trinitatis zeigt uns, dass wir an einen Gott glauben

Ein Fenster als Symbol für die Dreieinigkeit.
Wir Menschen sind begrenzt. Dabei gehen wir oft über Grenzen. Nicht nur Dank der inzwischen normal empfundenen Reisefreiheit, sondern auch, weil wir immer dann, wenn wir etwas lernen, über eine bis dahin gültige Grenze gehen und wachsen.
Wir neuzeitlichen Menschen mögen nicht gern, wenn uns Grenzen gesetzt werden, und merken gleichwohl, wenn es geschieht. Trinitatis zum Beispiel ist ein Fest, das unserem Denken Grenzen setzt. Wir haben uns ihm zunehmend entfremdet. Dabei prägt es zahlenmäßig das Kirchenjahr wie kein zweites. Bis zu 24 Sonntage nach Trinitatis kann es geben. Neben Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten fordert Trinitatis uns und unseren Glauben am meisten heraus.
Zweifel ist ein Ausdruck von Lebendigkeit
Die Diskussionen zur Osterzeit zeigten, dass es auch von vielen Christen wie ein hinter Dornen liegendes verwunschenes Schloss betrachtet wird. Dreieinigkeit – was ist das?
Das in seiner Zeit schlüssige Denken des Anselm von Canterbury entspricht uns nicht mehr. Es bedient in fataler Weise eher das abzulehnende Bild eines blutrünstigen Vatergottes. Benötigt Gott ein Opfer, das seinen Zorn stillt und ihm Genugtuung gibt? Ich persönlich glaube das nicht und die Begründung liefert uns das Trinitatisfest!
Im Alltag kennen wir die Anfragen zum Beispiel der Muslime, die uns Christen endlich wieder herausfordern, uns unseres Glaubens zu vergewissern. »Glaubt ihr nicht an drei Götter?« Haben sie Recht? Woran glauben wir eigentlich?
Würden wir dazu Alt und Jung in unseren Gemeinden befragen, hörten wir vermutlich vielfältige Antworten. Wie immer, wenn wir uns nicht sicher sind. Oder wir hörten klare Antworten, die keinen Zweifel und Widerspruch zuließen. Auch das ein Zeichen von Unsicherheit, die an Buchstaben Halt sucht. Dabei ist Zweifel ein Ausdruck von Lebendigkeit. Auch Jesus zweifelte im Garten Gethsemane! Wenn wir ernst nehmen, was wir im Glaubensbekenntnis sprechen, kommen wir nicht umhin für wahr zu halten, dass Glaube mehr ist als ein Wissen, das sich ausschließlich auf (Be)greifen gründet. Wer nur glaubt, was er auch anfassen kann, ist ein armer Tropf.
Trinitatis heißt Drei in einem. Was heute bei jeder Zahncreme unhinterfragt normal ist, will uns bei Gott nicht einleuchten? Wenn Gott in Jesus und dem Heiligen Geist der Eine ist, dann ist er auch nicht in blutrünstigen Vatergott und leidenden Sohn auseinanderzudividieren. Gott lässt sich herausdrängen ans Kreuz (Bonhoeffer). Er selbst ist in seinem Sohn am Kreuz. Er selbst besiegt den Tod, der bis in die Zeit Jesu der Ort der absoluten Gottesferne war: die Sheol, das Totenreich, und nimmt den Tod in sich auf und überwindet ihn.
Die Dreiheit Gottes in Einheit sehen
Das Auseinandertreten der Personen ist die Folge unserer Begrenztheit. Wir brauchen die Personen, um uns dem Geheimnis des Glaubens zu nahen. Doch sie beschreiben Gott nicht annähernd, er bleibt unbeschreibbar. Deshalb können unsere Worte nicht dazu dienen, aus ihm einen bösen Vatergott zu machen, der das Opfer seines Sohnes nötig hätte. Vielmehr ist es der Geist, der uns der Nähe Gottes unter uns vergewissert. Überall dort, wo Leben gelingt, Gemeinschaft trägt, Liebe erfüllt, ist er unverfügbar nah, die Stimme »schwebenden Schweigens« (Buber). Er holt den Vater aus dem Jenseits und Jesus aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart hinein.
Trinitatis ist die Chance, die Dreiheit der Gottheit in Einheit zu sehen. Gott entäußerte sich selbst und nahm Menschengestalt (Philipper 2,7) an, um uns mit sich zu versöhnen. Das ist die Botschaft von Ostern. Er bleibt aber der Eine. Seine Erscheinung, wahrnehmbar in Jesus, bedeutet nicht, dass er nun aus zwei Personen bestünde. Himmelfahrt führt wieder zusammen, was nie wirklich getrennt war. Trinitatis hingegen zeigt uns, dass wir an einen Gott glauben. Wir vermögen das nicht zu begreifen, wir schauen wie in einen matten Spiegel und sehen ein unscharfes Bild von ihm, menschlich in drei Personen aufgeteilt, damit wir verstünden, was nicht zu (be)greifen ist. Dereinst aber werden wir ihn von Angesicht zu Angesicht schauen (1. Korinther 13,12) und den erkennen, der uns schon erkannt hat.
Kristóf Bálint








