Die Angst vor dem Volk

5. Dezember 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Furcht vor dem Wahlergebnis: Kardinal Melville (Michel Piccoli) in dem Konklave.  Er beginnt zu ahnen, wie die Wahl ausgehen wird. (Foto: Prokino Filmverleih GmbH)

Furcht vor dem Wahlergebnis: Kardinal Melville (Michel Piccoli) in dem Konklave. Er beginnt zu ahnen, wie die Wahl ausgehen wird. (Foto: Prokino Filmverleih GmbH)


Nanni Morettis Film »Habemus Papam« über einen Papst, der ausbüxt.
 

Vor dem Petersdom drängen sich die Menschen. Die Glocken läuten. Weißer Rauch steigt in den Himmel. Gleich soll der neue Papst auf dem Balkon erscheinen. Doch Kardinal Melville, soeben zum geistlichen Oberhaupt gewählt, überfällt die Panik: »Ich schaffe das nicht, helft mir«, ruft er verzweifelt. Und läuft davon.

Ein Papst, der sein Amt nicht ausüben will: Die Idee hat Regisseur Nanni Morretti zur Grundlage seines Filmes »Habemus Papam – Ein Papst büxt aus« genommen. Er ermöglicht es, einen unbefangenen Blick hinter die Kulissen der katholischen Kirche zu werfen. Die anfänglichen Befürchtungen des Vatikans, es könne ein kirchenkritischer Film entstehen, erwiesen sich als unbegründet, denn »Habemus Papam« zeigt tiefen Respekt vor dem katholischen Glauben.

Die Geschichte ist geschickt konstruiert. Es geht es um die Frage, was passiert, wenn ein Papst – schön gespielt von dem 85-jährigen französischen Darsteller Michel Piccoli – sein Amt nicht annimmt. Der gesamte Vatikan erstarrt im Schock: Die Kardinäle drängen ihn, einen Arzt zu konsultieren, sie lassen einen renommierten Psychoanalytiker kommen, doch auch er weiß keinen Rat.

Der Papst zieht sich in sein Zimmer zurück, schließlich soll es einen letzten Versuch geben: Er wird zu einer Psychologin in die Stadt ­geschickt und nutzt diese Gelegenheit, um zu fliehen. Mehrere Tage wandert der Papst nun durch die Großstadt. Die Begegnung mit fremden Menschen weckt längst vergessene Emotionen. Er erinnert sich an die Eltern, die Jugend und entdeckt seine alte Freude am Theater.

Bildet die Suche nach Freiheit den ­einen Pol des Films, so konzentriert sich ein zweiter Erzählstrang auf die Situation im Vatikan. Denn die Kardinäle dürfen die Gebäude so lange nicht verlassen, bis sich das gewählte Oberhaupt dem Volk gezeigt hat.

Um das Verschwinden des Papstes zu vertuschen, muss ein Schweizer Gardist das Zimmer hüten und gelegentlich am Vorhang rütteln. Selbst der Psychoanalytiker darf den Vatikan nicht verlassen.

Was aber tun gegen die Langeweile, die sich unter den wartenden Kardinälen ausbreitet? Erst wird gegessen, dann werden Spielkarten gezückt – und schließlich organisiert der Therapeut sogar ein Volleyball-Turnier.

Kardinäle und Päpste sind auch nur Menschen: Es ist diese schlichte Formel, die den Reiz und den Witz des Films ausmacht. Mit nachsichtigem Blick verfolgt die Kamera die Kardinäle: Der Eine mag nicht verlieren, der Nächste wird von ­Alpträumen verfolgt, die er mit starken Schlafmitteln bekämpft, ein Anderer raucht heimlich.

Und der Papst? Ist weder verwirrt noch altersschwach, sondern sehr klar in seinem Zweifel. Der Mann, der plötzlich Verantwortung über eine weltweite Religion bekommen soll, fühlt sich verloren und einsam. Das ist nachvollziehbar und verleiht der Figur ihre Stärke.

Der Film entfaltet mit seinen stillen Bildern eine große Kraft. Und er ist ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit und Menschlichkeit beim kirchlichen Bodenpersonal.

Rieke C. Harmsen

Ab 8. Dezember im Kino.

Biblische Gaben: Gold, Liebe, Kinder

3. Dezember 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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In vielen Facetten beleuchtet die Bibel die Kunst des Schenkens.
 

geschenkSie wissen noch nicht, was Sie Ihren Lieben schenken sollen? Die Bibel hat viele Tipps parat – und die stammen nicht nur von den »Heiligen Drei Königen«.

Eine Stimmung, ähnlich wie nach der Wahl Barak Obamas. Vor 2100 Jahren hieß der neu gewählte Herrscher Saul, das Volk jauchzte ihm zu und skandierte freudetrunken: »Es lebe der König!« Eigentlich ein Anlass für viele Geschenke. Das dachte Saul wohl auch, nachdem er von Samuel zum allerersten König Israels gesalbt worden war. Nur einigen »ruchlosen Leuten« missfiel die Einführung des Königtums. »Was soll der uns helfen?«, fragten sie murrend. Und gaben ihm ohne Worte, aber um so deutlicher, zu verstehen, was sie von ihm hielten: »Und sie verachteten ihn und brachten ihm kein Geschenk.« (1. Samuel 10)

Geschenke als Wiedergutmachung: Diese Strategie wollte Jakob gegenüber seinem Bruder Esau einsetzen. Zu einem schlechten Gewissen hatte er guten Grund: Mit einer List hatte er seinem älteren Zwillingsbruder den Erstgeburtssegen seines Vaters Isaak abgeluchst. Esau war dermaßen betrübt und sauer, dass er Jakob töten wollte. Der floh und wurde in der Fremde ein reicher Mann. Doch die unversöhnte Situation mit seinem Bruder ließ ihm keine Ruhe. Eines Tages stellte er riesige Tierherden zusammen, um mit ihnen Esau zu besänftigen. Als die beiden Brüder sich begegnen, fallen sie sich in die Arme und weinen vor Rührung. Der Wille Jakobs zur Versöhnung hätte Esau ­genügt, um zu verzeihen: »Ich habe genug, mein Bruder; behalte, was du hast!« (1. Mose 32 bis 33, 16)

Der Himmel hängt voller Glocken: nicht nur für Weihnachts-Enthusiasten, sondern auch für Verliebte. Zum Beispiel für Salomo und Sulamith, das herzig-hemmunglose Liebespaar im »Hohenlied«. Wunderschön und fantasievoll kleiden sie ihre Leidenschaft in Worte. Ihre Geschichte ist ein flammendes Plädoyer für die erotische Liebe. Sulamith lädt ihren Freund ein, die Nacht »unter Zyperblumen« zu verbringen und von da aus früh am Morgen aufzubrechen zu Weinbergen. »Da will ich dir meine Liebe schenken.« (Hohes Lied 7, Vers 13)

»Wer hat, dem soll gegeben werden«: Das mag sich die Königin von Saba gesagt haben, als sie Sachen für ihre Reise nach Jerusalem packte. Dort wollte sie endlich Salomo, den sagenumwobenen König Israels kennenlernen. Der lebte zwar schon in Saus und Braus – aber wer würde schon ein paar Zentner Gold und wertvolles Baumaterial ausschlagen? Mehrere Schiffe waren nötig, um das Holz zu transportieren, unzählige Kamele mühten sich mit den Geschenken ab. »Es kam nie mehr so viel Spezerei ins Land, wie die Königin von Saba dem König Salomo gab.« (1. Könige 10, 1 bis 13)

Kaum ein anderer Wunsch kann so stark sein wie der nach Kindern. Viele Geschichten des Alten Testaments machen Hoffnung, dass vermeintliche Kinderlosigkeit nicht für immer bleiben muss. Allesamt stellen sie in den Vordergrund, dass es nicht Menschenwerk, sondern Gottes Sache ist, ob Kinder gezeugt und geboren werden. Kinder sind eines der eindrücklichsten Zeichen der geschenkten Gnade Gottes. »Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk.« (Psalm 127, Vers)

Nur wen Schulden selbst mal drückten, kann die Erleichterung des Schuldners nachempfinden, dem sein Gläubiger 500 Silbergroschen erlassen hat. Jesus verwendete diese Situation für ein Gleichnis. Im alten Israel war der Schuldenerlass eine feste Instution: Alle sieben Jahre wurde das »Erlassjahr« begangen, in dem sämtliche Schulden erlassen werden sollten. Auch zu Weihnachten würden sich wohl mehr über einen Schuldenerlass als über Verlegenheitsgeschenke freuen. »Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden.« (Lukas 7, 39 bis 43)

Viel tragen wollten die drei Weisen aus dem Morgenland nicht, als sie aufbrachen und dem Stern folgten. Er würde ihnen zeigen, wo der Messias geboren ist. In Bethlehem finden sie »das Kindlein mit Maria, seiner Mutter«, sie fallen auf die Knie, beten Jesus an und überreichen ihm ihre symbolträchtigen Geschenke: Gold als Zeichen des wahren Reichtums; Weihrauch, ein weißes Baumharz, das im Jerusalemer Tempel als Rauchopfer dargebracht wurde; und Myrrhe, ein Balsam aus Baumharz, das als heiliges Salböl gilt. »Und (sie) fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.« (Matthäus 2, 1 bis 11)

In erstaunlich vielen Facetten beleuchtet die Bibel die Kunst des Schenkens. Ihren Ursprung findet das Schenken im Opfer: Menschen schenken Gott ihre erste Ernte oder ihr erstgeborenes Vieh. Aber auch zwischen den Menschen erhält das Schenken einen hohen Stellenwert. Beispielsweise soll der Zehnte des Einkommens den Bedürftigen geschenkt werden. Wichtig bei alledem ist, so mahnt ein biblischer Weisheitsspruch, nicht mit einem Gegengeschenk zu rechnen: »Das Geschenk des Narren wird dir nicht viel nützen; denn mit einem Auge gibt er und mit sieben Augen wartet er, was er dafür bekommt.« (Jesus Sirach 20, Vers 14)

Uwe Birnstein

Nur der Tod befreit von den Schulden

2. Dezember 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Polen: Krankheit, Arbeitsverlust, überzogene Kredite – die Spirale des materiellen und sozialen Abstiegs.
 

Polen gehört zwar nicht zur Euro-Zone, hat aber auch eine Krise. Denn immer mehr Menschen sind hoffnungslos überschuldet. Einer der prominentesten: der ­frühere Fernsehmoderator Tadeusz Broś.

Die Initialen an seiner Jacke erinnerten noch an einstige Glanzzeiten beim Staatsfernsehen: Tadeusz Broś.

Die Initialen an seiner Jacke erinnerten noch an einstige Glanzzeiten beim Staatsfernsehen: Tadeusz Broś.

Sein Gesicht mit dem zuversichtlichen Lächeln erschien vor kurzem wieder in den Medien. So wollte er in Erinnerung bleiben. Tadeusz Broś, der beliebte Fernsehjournalist der 80er- und 90er-Jahre ist mit 62 Jahren an ­einem Schlaganfall gestorben. Millionen schauten seine Talkshows, am bekanntesten wurde er durch die Moderation von »Teleranek«, der Kindersendung des staatlichen Fernsehens TVP am Sonntagmorgen.

Doch der Tadeusz Broś der letzten Jahre verkörperte etwas ganz anderes – die Misere des neuen Polens: eine Verschuldung ohne Ausweg und ein sozialer Abstieg ohne Beispiel. Wer ihn in den letzten zwei Jahren traf, traf einen gebeugten Mann mit schlohweißem Haar und verfaulten Zähnen, der sich zum Interview auf eine Suppe einladen musste. Er revanchierte sich dann mit einem Foto aus alten, besseren Zeiten.

Schuld war der Alkohol, munkelten manche, Schuld haben die Schulden, meinte Broś. Vor einigen Jahren kaufte er sich eine Wohnung im Warschauer Stadtteil Praga, nahm dafür umgerechnet 50000 Euro Schulden auf. Dann wurde er länger krank, zudem hatte die rechtskonservative Partei »Recht und Gerechtigkeit« 2006 das Staatsfernsehen übernommen, und diese warf missliebige Redakteure hinaus.

Nach seiner Entlassung im Jahre 2007 fand er keine Arbeit mehr beim Fernsehen. Er, der mit dem Staatsfernsehen Reisereportagen in der ganzen Welt gedreht hatte, lebte einfach weiter auf der Überholspur, überzog Kreditkarten und kam den Zinszahlungen nicht nach. »Wenn Du nicht zahlst, wirst Du’s bereuen«, leuchtete es schließlich in roten Lettern aus den Mahnbriefen der Inkassofirmen.

Er bereute längst. Die Schulden waren auf umgerechnet 150.000 Euro angewachsen. Er verdingte sich als Taxifahrer, Wachmann, im Supermarkt. Dort lernte er die Realitäten dieser Jobs kennen – die Demütigung, an ­einer Kasse zu stehen und bei der Abrechnung beschissen zu werden. Zuletzt arbeitete er in einem Callcenter.

Viele Menschen, denen er begegnete, glaubten ihm die Not nicht, sondern witterten versteckte Kameras. Jemand aus der Fernsehwelt konnte einfach nicht so tief absteigen.

In einer Sache stand er noch einmal ein wenig in der Öffentlichkeit – Broś war der erste Pole, der Privatinsolvenz anmeldete, und einer der wenigen Schuldner, der öffentlich dazu stand, einer zu sein.

Dabei sind es viele: Über zwei Millionen Polen haben mittlerweile Schwierigkeiten, geliehenes Geld zurückzahlen. Das Volumen der rückständigen Kredite ist innerhalb von zwei Jahren von rund drei Milliarden Euro (2009) auf acht Milliarden angewachsen.

Schuldner in Polen können seit zwei Jahren Privatinsolvenz anmelden. Doch die Prozedur gilt als eine der komplexesten und restriktivsten in Europa, so die Zeitung »Gazeta ­Wyborcza«. Darum haben angeblich bislang nur zwanzig Polen die Privatinsolvenz durchsetzen können.

Weitaus sichtbarer als die Hilfsangebote ist landauf landab die Verführung: Spots, in denen Konsum-Kredite wie Schokoriegel angeboten werden, dominieren noch immer die TV-Reklame. Es wird Schnelligkeit und Unkompliziertheit versprochen, wenn auch die Banken mit der Kreditvergabe nun etwas vorsichtiger agieren.

Tadeusz Broś, der Kredite mit Krediten bezahlte, gab auch der Werbung eine Teilschuld an seinem Schicksal, ein sogenannter »Lebenslänglicher« zu sein: »Nur der Tod«, meinte er letztes Jahr, »macht ein Ende mit meiner Verschuldung.« Vor wenigen Wochen hat sich seine Ahnung erfüllt.

Jens Mattern

Was dem Papst Angst macht

2. Dezember 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Reden und Hören: Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster im Vieraugen-Gespräch mit Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. (Foto: picture alliance/Guido Bergmann)

Reden und Hören: Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster im Vieraugen-Gespräch mit Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. (Foto: picture alliance/Guido Bergmann)


Einwurf: Können Protestanten nicht zuhören?
Anmerkungen zum Papstbesuch.

Christoph Demke war 1983 bis 1997 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen und im Lutherjahr 1983 Sekretär des kirchlichen Lutherkomitees.

Christoph Demke war 1983 bis 1997 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen und im Lutherjahr 1983 Sekretär des kirchlichen Lutherkomitees.

Der Deutschlandbesuch von Papst Benedikt XVI. und seine Reden wurden von vielen als enttäuschend bezeichnet. Doch ist diese Einschätzung wirklich berechtigt?

Bei vielen Reaktionen auf die Reise des Papstes hat man den Eindruck, sein Reden und Verhalten werden nach dem Testbogen bewertet, den unsere Hoffnungen und Ängste, unsere Enttäuschungen und unsere Resignation zusammenstellt: Wo hat er unsere positiven oder negativen Erwartungen erfüllt? Entsprechend bekommt er Plus- und Minuspunkte. Neues können wir so natürlich nicht erfahren. Wie wäre es denn, wenn wir den Papst einmal ausreden ließen? Was bekommen wir dann zu hören?

Im Kapitelsaal des Augustinerklosters in Erfurt hat der Papst zwei Herausforderungen genannt, vor denen die »klassischen Konfessionskirchen« stehen. Und angesichts derer wir gemeinsam gerufen sind, uns der Grundlagen unseres Glaubens im biblischen Zeugnis und in den altkirchlichen Bekenntnissen zu vergewissern. Das eine ist die Herausforderung durch den »Säkularisierungsdruck«. Das andere sind die neuen Formen von ­Christentum, die eine »manchmal beängstigende missionarische Dynamik« entwickeln und die uns »ratlos« machen.

Ich denke, in beiden Fragen können wir Evangelischen uns nicht als glückliche Besitzer der Antworten aufführen. Wir sollten den Appell Benedikt XVI. aufnehmen, »uns gegenseitig helfen: tiefer und lebendiger zu glauben. Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube«.

Präses Schneider konnte das mit der von ihm mit Recht favorisierten Rede von der »Ökumene der Gaben« (und nicht der Profile!) aufnehmen. Der neue katholische Erzbischof von Berlin, Rainer Woelki, beförderte in seiner Grußansprache zum Reformationstag am 31. Oktober in der Berliner Marienkirche das »gegenseitig« sogar zum Hauptwort. Er sprach von der »aufrichtigen Gegenseitigkeit (also: auf Augenhöhe?) in der Ökumene«. In einer Ökumene, die »notwendiger Weise auch die Orthodoxie und die ­Freikirchen einschließt, zusammen mit einem wachen Blick auf geistliche Entwicklungen in der Weltchristenheit«.

Ich bin nicht kundig genug, um diese neuen Entwicklungen jetzt genauer zu beschreiben. Man hängt ihnen das Etikett »charismatisch« an. Die Beschreibung, die der Papst im Kapitelsaal des Augustinerklosters gegeben hat (geringe institutionelle Dichte und Stabilität, mit wenig rationalem und noch weniger dogmatischem Gepäck), ruft bei mir die Frage wach: Haben die »beängstigenden« missionarischen Entwicklungen damals in Damaskus oder Antiochia die ersten Christen in Jerusalem nicht ähnlich ratlos gemacht?

Jedenfalls hat das gar nicht nach irgendeinem Masterplan gesteuerte Entstehen heidenchristlicher Gemeinden, die so viele der vertrauten Riten nicht ­befolgten, nicht nur die Judenchristen ­erschreckt (siehe Apostelgeschichte 10, Vers 45), sondern auch zu einer – um mit dem Papst zu formulieren – »neuen Form des Christentums« – geführt. Der theologische und kirchenleitende Einsatz des Apostels Paulus ist ganz maßgeblich der Grund dafür, dass die Christenheit damals nicht auseinanderdriftete.

Stehen wir vor neuen, aber in der Struktur in ­vielen Punkten ähnlichen Entwicklungen und Verwandlungen der Christenheit? Werden sich unsere Kirchen darauf einlassen, die Wunder des Geistes (siehe noch einmal Apostelgeschichte 10, Vers 45-46) zu riskieren?

In den Reden des Papstes treten die klassischen konfessionellen Streitpunkte (Amt, Eucharistie und Kirchenverständnis) faktisch vor diesen aktuellen Herausforderungen zurück. Bei der Grußansprache von Erzbischof Woelki wird das noch deutlicher, wenn er im Blick auf die traditionellen Streitthemen einerseits sagte: »Zu hoffen, dass die jeweils anderen unsere Weise zu denken und unsere Weise zu glauben irgendwann schließlich doch übernehmen, das führt uns alle und die Ökumene in eine Sackgasse, entweder in Selbstgenügsamkeit oder Ratlosigkeit.«

Andererseits stellte er dann, im Blick auf die erst zu erahnenden Entwicklungen in der Weltchristenheit fest: »Auf diese Weise kann der Geist Gottes stärker wirken, unsere Denkformen und Strukturen im Sinne Christi umgestalten und verflüssigen – mehr und anders als wir es selbst vermögen und erwarten.« Er schloss mit dem Satz, dass er sich freue, mit uns auf dem »nicht vorhersehbaren Weg der ecclesia semper reformanda (der sich ständig reformierenden Kirche – die Red.) unterwegs zu sein, dem einen Herrn Jesus Christus entgegen.«

In beeindruckender Nachdrücklichkeit hat der Papst die Frage Luthers nach einem gnädigen Gott als wichtigen Eingang zu einem gewissen Glauben hervorgehoben.

Aber – und das ist das andere, was den Papst besorgt, ja ängstigt: »Wen kümmert das (Luthers Frage) eigentlich heute – auch unter Christenmenschen?« Gibt es in der abendländischen Christenheit Entwicklungen, die merkwürdig ähnlich sind den neuen Formen eines charismatischen Christentums, die sich in Afri­ka und anderen Weltteilen ausbreiten?

Kann man sagen, dass die klassischen Konfessionskirchen, also wir Abendländer, im Denken und in unseren Riten in einer Erlösungsreligion zu Hause sind, während nun eine christliche Religion des Lobpreises und der Dankbarkeit ­heraufdämmert, deren Eingangstor nicht Luthers Frage, »wie bekommen ich einen gnädigen Gott«, ist? Vielleicht ist es weniger das Erschrecken über die Übermacht der Sünde als vielmehr die Anfechtung durch die Erfahrungen der Ohnmacht der Liebe, die heute viele Menschen in der Kirche und vor der Kirche bewegt. Oder sind beides dieselben Fragen?

Die EKD-Synode hat in diesem Jahr ­erneut über den missionarischen Auftrag der Gemeinde Jesu Christi nachgedacht mit dem Schwerpunktthema: »Was hindert’s, dass ich Christ werde?« Der Vorbereitungsausschuss hatte drei gewissermaßen »Zeugen« gewonnen, die aus ihrem Leben mit wohltuendem Freimut erzählten, wie sie auf diese Frage geantwortet haben bzw. jetzt antworten würden.

Die Synode hatte große Schwierigkeiten, das, was da zu ­hören war, aufzunehmen bis dahin, dass die Berliner Synodale Viola ­Kennert in ihrem Redebeitrag zunächst ihre Mitsynodalen fragte, ob sie denn nicht zugehört hätten?

Welches sind die Fragen, die den Zugang zum Glauben an Jesus Christus aufschließen? Wie kann die Aufforderung, nein besser der Wunsch des Papstes, dass die Frage nach dem gnädigen Gott, die Luther so bedrängte, »wieder neu und gewiss in neuer Form auch unsere Frage wird«, aufgenommen werden?

In der Tat: Für eine Protestanten und Katholiken vereinende, gemeinsame Vorbereitung des Jubiläumsjahres 2017 hat der Besuch von Benedikt XVI. genügend Anstöße gegeben. Jedenfalls sollte sein Besuch dazu helfen, in den Schritten auf 2017 zu uns nicht bloß mit jährlich neuen Schwerpunkten der weitreichenden und umfassenden Bedeutung der Reformation zu vergewissern. Ein solches Konzept riecht trotz aller anders lautenden Beteuerungen nach Triumphalismus.

Christoph Demke

Im Liegerollstuhl an die Universität

24. Oktober 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Erinnert: Wegbereiter der Selbstbestimmung – vor 60 Jahren starb Otto Perl, Gründer des ersten Selbsthilfebundes Körperbehinderter.
 
Lange wurden behinderte Menschen mehr schlecht als recht betreut. Der ­Gedanke der Selbstbestimmung und Teilhabe am »normalen« Leben entstand erst vor rund 100 Jahren in Mitteldeutschland.
 

Am 27. Oktober 2011 jährt sich der ­Todestag von Otto Perl zum 60. Mal. Foto: epd-bild

Am 27. Oktober 2011 jährt sich der ­Todestag von Otto Perl zum 60. Mal. Foto: epd-bild

Ein erhitzter Sprung in den kalten Teich der Winkelmühle wirft Otto Perl 1895 grausam aus der Bahn. Der Landwirtssohn aus dem sächsischen Dorf Wildenhain ist 13 Jahre alt. Seine Gelenke entzünden sich und versteifen unaufhaltsam. Das Kind wird, so der Sprachgebrauch, zum Krüppel.

Doch der intelligente Junge gibt sich nicht auf, macht mit 37 Jahren Abitur, schafft es im Liegerollstuhl auf die Universität. 1919 gehört der Sachse zu den Gründern des ersten Selbsthilfebundes für Körperbehinderte in Deutschland. Am 27. Oktober jährt sich sein Todestag zum 60. Mal.

Perl wird am 19. Oktober 1882 geboren. Seine Eltern Gottlob und Rosine Perl bewirtschaften einen kleinen Hof. Das Ehepaar bekommt zehn ­Kinder, doch nur vier überleben.

Mit 46 Jahren stirbt die Mutter, die den schwerbehinderten Otto aufopfernd betreute. Ein Schock: Sie war die »stille trostvolle Priesterin meiner Seele«, schreibt Perl.

Der Vater muss seinen Besitz verkaufen, um die Zuschüsse für die Heimunterbringung des Sohnes bezahlen zu können. Der 17-Jährige Otto kommt ins städtische Siechenhaus nach Halle.

Dort wird er nach den Worten seines späteren Förderers Hermann Rassow »mit dem Auswurf der Menschheit, (…) mit Zuhältern, Morphinisten usw. (zusammengepfercht), die sich ihrer Laster noch rühmten«.

Es ist der Auftakt einer jahrzehntelangen Odyssee durch verschiedene Fürsorgeeinrichtungen, in denen der wissbegierige Mann keinerlei Förderung erfährt. Doch in Wittenberg hat Perl Glück.

Er begegnet Hermann ­Rassow, später Oberstudiendirektor in Potsdam, der ihn nach Kräften unterstützt. Im Oberlinhaus im heutigen Potsdamer Stadtteil Babelsberg kann der Gelähmte seine Selbststudien ­vertiefen und macht im März 1919 als Externer vom Bett aus Abitur, »wobei ihm nichts geschenkt wurde«, wie Rassow anmerkt.

Mit dessen finanzieller Hilfe schafft Perl es auf die Universität, schreibt sich 1922 in Berlin an der Philosophischen Fakultät ein. Die Vorlesungen in Philosophie und Volkswirtschaft hört er im Stehen, »an einen Pfeiler gelehnt«.

Dann stoppt die Inflation jäh Perls Unibesuch: Der Pädagoge Rassow ist nicht mehr in der Lage, die Kosten zu tragen.

Die Zustände in den Verwahranstalten lassen Perl für Reformen streiten. In Aufsätzen und Vorträgen tritt er für das Recht Behinderter auf Selbstbestimmung ein.

1919 gründet er mit Friedrich Malikowski, Hans Förster und Marie Gruhl den Selbsthilfebund körperbehinderter Menschen.

In Gotha erscheint 1926 Perls Buch »Krüppeltum und Gesellschaft im Wandel der Zeit«. Perl und seine Mitstreiter fordern nicht nur die »materielle und politische Unabhängigkeit von der Fürsorge«, sie gründen auch Arbeitsbetriebe für Körperbehinderte, darunter eine Buchbinderei, Kunstgewerbewerkstätten sowie Schneidereien und Wäschereien.

 
»Das Kuckucksei im Nest unserer Krüppel«
 

Dieser Ansatz schreckt die Vertreter institutioneller Fürsorge auf. Sie fürchten, dass der Perl-Bund ihnen angestammte Kompetenzen streitig macht. Schriftwechsel aus der damaligen Zeit dokumentieren die heftigen Konflikte.

So schreibt der Leiter der Pfeifferschen Anstalten in Magdeburg-Cracau, Pfarrer D. Martin Ulbrich im Oktober 1919 dem Direktor des Zentralausschusses der Inneren Mission (Vorgänger der heutigen Diakonie), Gerhard Füllkrug, die Gründer des Perl-Bundes seien »unklare Fantasten mit eitlem Einschlag« (…), die ganz Deutschland, das sie unter dem Blickwinkel des Krüppels betrachten, zu ihrer Domäne machen (möchten). (…) Ich warte ab, was aus dem Kuckucksei, das in das Nest unserer Krüppel gelegt ist, kriechen wird.«

Perl geht nicht als unbestrittener Vordenker der Selbsthilfebewegung in die Sozialgeschichte ein, weil auf seinem Werk ein Schatten liegt. Geistig Behinderte grenzt er systematisch aus seinen Emanzipationsüberlegungen aus. Aus seiner Sicht müssen »Idioten und Psychopathen« von jeglicher ­Förderung ausgeschlossen bleiben.

Damit rückt Perl in die Nähe sozialdarwinistischer Vorstellungen.

Dennoch sind seine Ideen nicht vergessen: »Es ist gut, sich daran zu ­erinnern, dass Solidarität keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ­politischer und gesellschaftlicher Wille. Perl hat diesen Prozess mitangestoßen und einen Teil zu unserer Solidargemeinschaft beigetragen«, sagt Günter Mosen, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für Menschen mit Behinderungen.

Und Peter Reichert vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter ergänzt: »Die Wurzeln der Selbsthilfebewegung in Deutschland liegen in Sachsen und haben einen Namen: Otto Perl.«

Der Geist des Selbsthilfe-Pioniers lebt auch an anderer Stelle weiter: 1993 gründet der Freistaat Sachsen die »Stiftung Sächsische Behindertenhilfe – Otto Perl«. Sie leistet einmalige Hilfen an Behinderte in Notlagen und unterstützt Bildung und Begegnung von Menschen mit Handicap.

»Otto Perl scheint mir auch heute noch eine gute Wahl als Namenspatron zu sein«, betont die Stiftungsvorsitzende und Sächsische Staatsministerin für Soziales, Christine Clauß (CDU). »Viele seiner Forderungen sind noch heute erstaunlich aktuell.«

In Wildenhain hatten sich dessen Spuren in den Gründerjahren der DDR verloren. Helmut Bartsch, Pfarrer im Ruhestand, beginnt Anfang der 80er-Jahre, seinen Werdegang nachzuzeichnen. 1982, Perls 100. Geburtstag, wird in einer Feierstunde auf dem Friedhof erstmals dessen Wirken öffentlich gewürdigt.

Dirk Baas

Buchtipp:

Heiden, H.-Günter; Simon, Gerhard; Wilken, Udo: Otto Perl und die Entwicklung von Selbstbestimmung und Selbstkontrolle in der Körperbehinderten-Selbsthilfebewegung
Die Broschüre ist erhältlich gegen Einsendung eines mit 1,45 Euro frankierten und adressierten Rückumschlages beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V., Altkrautheimer Straße 20, 74238 Krautheim.

Geburtsurkunde mit Verfallsdatum?

22. Oktober 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Unsere Gesundheit liegt in Gottes Hand – aber auch in unserer Verantwortung.
 
Dass wir älter werden, können wir  nicht verhindern. Das Wie aber können  wir ein gutes Stück beeinflussen. Foto: Begsteiger

Dass wir älter werden, können wir nicht verhindern. Das Wie aber können wir ein gutes Stück beeinflussen. Foto: Begsteiger

Haben Geburtsurkunden ein Verfallsdatum? Diese provozierende Frage stammt von Walter Bortz, einem bekannten US-amerikanischen Arzt und Alternsforscher. Er will dazu anstiften, die eigene Lebensfrist nicht pessimistisch, sondern sehr optimistisch anzusetzen.

Ist das einfach nur typisch amerikanisch? Klar, es geht nicht bloß um ein längeres Leben, sondern um ein möglichst teilhabendes und selbstständiges, »gesünderes« Altern.

Bei diesem Thema lassen wir uns in der Christenheit oft von einem ­unglaublichen Fatalismus leiten, der uns eigentlich fremd sein sollte.

Auf einen Brunnen kommt – zumindest in unserem Kulturkreis – selbstverständlich ein Deckel, damit das Kind nicht hineinfällt.

Und niemand würde im Ernstfall sagen: Es war halt Gottes Wille. Wir wissen, dass das unsere ­Verantwortung ist.

Bei Gesundheit und Lebenserwartung dagegen sagen viele: Es kommt ohnehin so, wie Gott es will. Selbst Einfluss nehmen zu wollen, gilt als vermessen.

Ein Pfarrer witzelte vor ­einiger Zeit sogar, dass man dem lieben Gott nicht die Chance nehmen sollte, uns frühzeitig zu sich holen zu können – und zündete sich eine ­Zigarette an.

Apropos: Ist Tabak kein Thema für die Gemeinde, die Seelsorge? Klar, alle wissen, was sie sich mit dem ­Rauchen antun. Und niemand will dem anderen zu nahe treten. Aber es führt auch in große Abhängigkeit, also Unfreiheit, zu der Christen nicht berufen sind.

Ein offenherziger Freund sprach selbst immer von »Versklavung«, wenn er diesem Zwang nachgeben musste. Er starb »vor seiner Zeit«, wie so viele.

Gottes Wille? – Wir sollten darüber reden.

Walter Bortz, selbst schon über 80 Jahre alt, nennt vier Prinzipien, die uns zu einer langen Lebensteilhabe verhelfen können.

Da sei erstens die aktive Teilnahme am Leben: Sich nicht zurückziehen, neugierig bleiben, sich neue geistige, spirituelle, körperliche und soziale Herausforderungen verordnen – und sich nicht »unterkriegen« lassen. Denn wenn wir fallen, sei das Wiederaufstehen umso wichtiger. So können wir unsere Potenziale, unsere Lebensmöglichkeiten, erhalten.

Zweitens kommt es auf die innere Haltung an. Wir müssen uns selbst ­etwas zutrauen, müssen uns eigene Ziele setzen und etwas daransetzen, diese dann auch zu erreichen. Wir brauchen Reserven, um jeden Tag durchzustehen und für Zeiten, wo es uns nicht so gut geht.

Drittens Training. Wir können unsere körperlichen Fähigkeiten durch Training erhalten, und das ist nachweislich gleichbedeutend mit stabilerer Gesundheit. Dazu gehören Ausdauer und Kraft, aber auch Gleichgewichtssinn. Bortz bringt es auf den Punkt: Unsere wichtigsten Organe seien nicht Herz, Lunge oder Nieren, sondern unsere Beine! Warum? Vierzig Prozent unserer Muskulatur stecken in ihnen. Daher haben sie eine Schlüsselrolle im Stoffwechsel, beim Herz-Kreislauf-System, bei der Gehirngesundheit und der Erhaltung der Mobilität!

Und schließlich die Nahrung. Angemessen gesundes Essen ist nötig. Bortz verweist gern auf einen Zoo. Dort wird sehr genau auf das Futter geachtet, weil die Tiere im Gehege nicht die gleichen körperlichen Herausforderungen meistern müssen wie in freier Wildbahn. Je größer die Bewegungsarmut, desto wichtiger ist angemessenes Essen. Je mehr freilich unser Stoffwechsel durch Training angekurbelt ist, desto entspannter können wir auch essen.

Doch wozu das alles? Sind das nicht »vorletzte Dinge« (Bonhoeffer)?

Der Kirchenvater Thomas von Aquino (1225–1274) sagte, Gesundheit sei weniger ein Zustand als eine Haltung, und sie gedeihe mit der Freude am Leben.

Und solche Freude steht uns als Kinder Gottes gut.

Karl-Adolf Zech

Der Autor, Dr. rer.nat. Karl-Adolf Zech, arbeitet als Präventologe in Berlin.
www.robust-altern.de

Eine Stadt ganz im Zeichen der Renaissance

16. Oktober 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Kultur

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Wittenberg-LogoDie Lutherstadt feiert vom 23. bis 31. Oktober die Musik der Renaissance. Und ­gedenkt dabei des Liederdichters und Reformators Paul Eber.

Als Multitalent bezeichnet der ­frühere Wittenberger Superintendent, Albrecht Steinwachs, Paul Eber, dem in diesem Jahr die »Nacht davor« im Rahmen des sechsten Witten­berger Renaissance-Musikfestivals gewidmet ist. Eber, vor 500 Jahren in Kitzingen geboren, war Gelehrter, Naturwissenschaftler, Prediger und wichtiger Vertreter der Reformation in Wittenberg. Darüber hinaus ging er als Liederdichter in die Geschichte ein. Etwa findet sich im Evangelischen Gesangbuch bis heute »Wenn wir in höchsten Nöten sein« (EG 366).

Es gilt als großes Trostlied, für Steinwachs spiegelt es wahrscheinlich auch Ebers eigene Situation wider. Der war infolge eines Sturzes vom Pferd in seiner Kindheit nicht nur selbst ein gesundheitlich angeschlagener Mann, sondern verlor auch fünf seiner 13 Kinder sehr früh. Ein Jahr vor dem eigenen Tod 1569 starb Ebers »innig geliebte« Frau Helene, der er ebenfalls ein Lied gewidmet hatte.

Begleitet von Musik und wissenschaftlichen Vorträgen soll also am 30. Oktober, dem Vorabend zu den Reformationsfeierlichkeiten in Wittenberg, im Lutherhaus das Leben Paul Ebers beleuchtet und ein Einblick in sein umfangreiches Schaffen gegeben werden.

Einblick in höfische Vergnügungskultur bietet am 29. Oktober der 1. Renaissancetanzball im prächtigen Festsaal des ­alten Wittenberger Rathauses. (Foto: epd-bild)

Einblick in höfische Vergnügungskultur bietet am 29. Oktober der 1. Renaissancetanzball im prächtigen Festsaal des ­alten Wittenberger Rathauses. (Foto: epd-bild)

Eröffnet wird das von dem Lautenisten und Chef der Wittenberger Hofkapelle, Thomas Höhne, im Jahr 2005 gegründete Festival bereits am 23. Oktober.

Zum Auftakt präsentieren die Klangspezialisten des Ensembles Oni Wytars in der Schlosskirche »The Praise of Folly«. In dieser Hommage an die Kompositionsform der Folia, die für ziemlich übermütige Ausgelassenheit steht, erklingen neben volkstümlichen Liedern auch Klassiker von Vivaldi und Corelli.

Mit zwei Echo-Klassik-Preisträgern, dem Ensemble Los Otros und der Lautten Compagney Berlin, präsentiert das Festival Meister ihrer Kunst. Während Los Otros, das Erfolgstrio um die Gambistin Hille Perl, im Lutherhaus unter anderen in die Musik des barocken Spaniens eintaucht, widmet sich die Lautten Compagney in der Schlosskirche den Liedern von Johannes Eccard. Ein weiterer Höhepunkt ist das Konzert des ­Ensembles La Moresca, das mit Tanzmusik des 17. Jahrhunderts auf eine Neuheit im Programm verweist.

Richtig feierlich soll es am Festivalwochenende im Alten Rathaus werden, wenn Liebhaber Alter Musik und schöner Gewänder beim ersten Renaissance-Tanzball Einblick in die ­höfische Vergnügungskultur zur Zeit Friedrichs des Weisen bekommen sollen. Es geht darum, »Mitmachtänze der Renaissance« zu erlernen, kulinarische Gaumenfreuden werden in Aussicht gestellt sowie Schaukampfeinlagen der italienischen Fechtkunst und Schauspielintermezzi nach der Commedia dell’Arte. Höhne ist die Nachfrage nach diesem Ball schon seit Wochen enorm.

Neben solchen Veranstaltungspunkten widmet sich das Festival erneut der Förderung von Kinder- und Jugendprojekten. In diesem Rahmen wird das aus Bad Schmiedeberg stammende Jugendorchester Praetorius Consort in der katholischen Kirche Wittenberg gastieren.

In Kooperation mit dem Theaterjugendclub und der Musikschule Wittenberg soll ein musikalisch-literarischer Abend gestaltet werden, der die Dichtkunst Shakes­peares mit den Kompositionen Dowlands vereint. Zudem gibt es Workshops und eine Ausstellung historischer Instrumente.

Das Abschlusskonzert soll am 31. Oktober um 17 Uhr in der St.-Andreas-Kirche von Eisleben stattfinden. Dann rückt noch einmal das »Multitalent« in den Mittelpunkt, wenn die Wittenberger Hofkapelle Lieder von Paul Eber zu Gehör bringt.

Schirmherr des Festivals, zu dessen Kooperationspartnern neben anderen die Stiftung Luthergedenkstätten und der Verein Wittenberg-Kultur gehören und das seit seiner Premiere immer weiter an Strahlkraft gewonnen hat und aus den Feierlichkeiten rund um den Reformationstag nicht mehr wegzudenken ist, ist in diesem Jahr Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD).

Für den Theologen ist Musik eine »wohltuende Unterbrechung des Alltags«.

Corinna Nitz

Karten können gebucht werden unter der Ticket-Hotline 0700/20082017, über E-Mail info@wittenberger-renaissancemusik.de oder direkt im Internet: www.wittenbergticket.com

»Ich träume von einem Bibelfrühling«

8. Oktober 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Welche Bibeltexte sollen im Gottesdienst vorkommen?
Im Gespräch mit Alexander Deeg.

Der leidende Hiob in einer Darstellung von Albrecht Dürer: Das Buch Hiob gehört bisher nicht in den Reigen der sonntäglichen Predigttexte, obwohl sich mit der Figur des unschuldig Leidenden viele Menschen identifizieren können.

Der leidende Hiob in einer Darstellung von Albrecht Dürer: Das Buch Hiob gehört bisher nicht in den Reigen der sonntäglichen Predigttexte, obwohl sich mit der Figur des unschuldig Leidenden viele Menschen identifizieren können.

Biblische Geschichten wie die von Hiob oder von Joseph und seinen Brüdern sind aus der abendländischen Kultur nicht wegzudenken. Dass sie im kulturellen Gedächtnis unserer Gesellschaft präsent sind, ist im entscheidenden Maße auch den Dichtern und Schriftstellern zu verdanken, die ihren Stoff für Romane der Bibel entnahmen.

Die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern etwa inspirierte nicht nur Thomas Mann, sondern auch andere Literaten und Filmemacher.

Jakobs Kampf am Jabbok – ein Text, der das Ringen des Menschen mit Gott thematisiert – begegnet in vielen Gemälden.

Die Bibel gibt Antworten auf Fragen, sie fasziniert durch die Schönheit ihrer Sprache und durch ihre Weisheit.

Im Buch der Sprüche und beim Prediger Salomo etwa finden sich weise Gedanken für den Alltag.

Es ­ließen sich weitere Beispiele anführen, von biblischen Geschichten mit großem Bekanntheitsgrad und bemerkenswerter Wirkungsgeschichte, auch in die nichtchristliche Umgebung. In den Gottesdiensten kommen sie jedoch kaum vor, weil sie als Lese- und Predigttexte nicht vorgesehen sind.

Dass auf eine Figur wie Hiob, mit der sich viele Menschen, wenn sie unter Schicksalsschlägen leiden, identifizieren können, verzichtet wurde, ist für Alexander Deeg, Professor für Praktische Theologie an der Univer­sität Leipzig ein Stein des Anstoßes, den er gern aus dem Weg räumen möchte.

Deeg gehört einer zwölfköpfigen Kommission an, die an einer Reform des Perikopensystems tüftelt.

Das Perikopensystem legt fest, welche Bibeltexte im Gottesdienst gelesen und gepredigt werden. Es ordnet jedem sonn- und feiertäglichen Gottesdienst die Lesungen für Epistel, Evangelium, Altes Testament sowie den Predigttext zu. In der evangelischen Kirche sind seit 1978 sechs Perikopenreihen im Gebrauch. Eine Reihe gilt jeweils für ein Kirchenjahr.

Im Rahmen dieser Perikopenordnung kommen sowohl in den Predigten als auch in den Lesungen die Evangelien und die neutestamentlichen Briefe häufig vor. Das Alte Testament hingegen sei viel zu selten vertreten, so Deeg.

Er erläutert die lange historische Entwicklung, in deren Verlauf das Alte Testament in den Gottesdiensten zurückgedrängt wurde.

»Jetzt sagen viele, uns ist das Alte Testament verloren gegangen und wir müssen ­einiges tun, um es wieder zurückzu­gewinnen. Es enthält Texte, die die Menschen heute brauchen, weil ihre Fragen darin aufgenommen werden.«

Überdies plädiert der Theologe dafür, dass Geschichten von Frauen, wie beispielsweise die von Ruth und der Richterin Debora, die bislang in den Perikopen nicht auftauchen, in Zukunft dort stärker repräsentiert sind.

Ebenso Texte, die nicht dem Mainstream zu entsprechen scheinen, etwa die abgründige Geschichte vom Tod der Aaronsöhne, die beide durch ein Feuer, das sie gelegt hatten, umkommen. (3. Mose, 10) Ein Bibelabschnitt, in dem sich die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes stellt.

Der Wunsch nach einer Revision der Perikopenordnung ist nicht neu. Vor etwa zwei Jahren habe die Evangelische Kirche in Deutschland, die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands und die Union Evangelischer Kirchen grünes Licht für die Reform gegeben.

»Es ist ein heikler Prozess, weil nicht ganz klar ist, in welche Richtung reformiert werden soll«, sagt Deeg. In der Pfarrerschaft und unter Kirchenmusikern gebe es eine hohe Zufriedenheit mit der bestehenden Leseordnung. Allerdings sei die Zufriedenheit regional unterschiedlich ausgeprägt.

»In Sachsen ist die Zufriedenheit am größten, der Wunsch, etwas zu verändern, deutlich am niedrigsten.« In den reformierten Gebieten Westdeutschlands hingegen sei die Zufriedenheit am geringsten, die Bereitschaft zu Reformen am größten, so Deegs Beobachtung.

»Ich persönlich hätte Lust zu einer mutigeren, größeren Reform, als sie sich jetzt abzeichnet«, merkt er an. Doch er weiß: »Es wird bestimmt ein schwieriger Prozess.«

Sein Wunsch ist, dass diejenigen Geschichten des Alten Testaments, die durch sprachliche Schönheit glänzen oder die eine große Lebensnähe aufweisen, in die neue Leseordnung aufgenommen werden. Kein leichtes Vorhaben, denn in der Bibel gilt jeder Text als wichtig, keiner ist überflüssig.

Wenn neue Abschnitte aufgenommen werden, müssen dafür andere wegfallen. Die Kommission nimmt jetzt ihre Arbeit auf und verfolgt das hehre Ziel, bis 2017 eine reformierte Perikopenordnung vorzulegen.

»Ich träume von einem Bibelfrühling«, sagt Deeg. Er wünscht sich, dass Menschen die Bibel aufschlagen und entdecken, dass die Geschichten ­darin etwas mit ihrem Leben zu tun haben. »Das wäre das Tollste, das Schönste. Wenn Leute Hiob oder andere Geschichten lesen und sagen: Ich hätte nicht gedacht, dass die Bibel solch ein aufregendes Buch ist.«

Sabine Kuschel

Die Wurzeln des Grauens

3. Oktober 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Guatemaltekische Soldaten auf Patrouille in einem Armenviertel der Hauptstadt Guatemala-City. Auch 15 Jahre nach dem Bürgerkrieg sind die früheren Gewalttaten des Militärs im Kampf gegen echte oder vermeintliche Rebellen den Menschen gegenwärtig. (Foto: picture-alliance/dpa/Tomas Bravo)

Guatemaltekische Soldaten auf Patrouille in einem Armenviertel der Hauptstadt Guatemala-City. Auch 15 Jahre nach dem Bürgerkrieg sind die früheren Gewalttaten des Militärs im Kampf gegen echte oder vermeintliche Rebellen den Menschen gegenwärtig. (Foto: picture-alliance/dpa/Tomas Bravo)


Guatemala: Die Aufarbeitung von Gewalt und Terror der Militärdiktatur ist noch lange nicht abgeschlossen.
 
Vor 15 Jahren endete der ­blutige Bürgerkrieg in Guatemala. Er kostete mindestens 200.000 Menschenleben. Ein ehemaliger Soldat bricht sein Schweigen und berichtet über seine Erlebnisse.
 

Rodrigo Sic ist heute 46 Jahre alt. Seine Muttersprache ist Achí, eine der 22 Mayasprachen, die bis heute in Guatemala gesprochen werden. Er erinnert sich, dass er schon in seiner Jugend von der Mutter manchmal gewarnt wurde: »Heute darfst du nicht raus, weil die Soldaten Jungen fangen.« An solchen Tagen zog die Armee durch die Dörfer um Jugendliche zu »rekrutieren«.

Doch es half nichts: »Im Jahr 1982 kam ein Militärkommissar zu unserer Hütte und brachte einen Einberufungsbefehl.« Mit 700 anderen Jungen musste er sich vor dem Rathaus einfinden.

»Einen Tag und einen Nacht lang wurden wir eingesperrt. Draußen flehten die Mütter, dass sie ihnen ihre Söhne zurückgeben. Aber niemand schenkte ihnen Beachtung.« Mit LKWs ging es in eine Militärstation in die Stadt Salama. Dort begann für Sic ein Albtraum mit schreienden Vorgesetzen und brutalen Erniedrigungen.

Schreiende Ausbilder und drakonische Strafen

Ohne zu essen mussten die Rekruten stundenlang wie Enten laufen, auf den Knien mit den Händen auf den Schultern. Sie wurden in den Schlamm getreten, mit eiskaltem Wasser abgespritzt. »Das war die Begrüßung in der Armee. Viele wurden bewusstlos. Sie gaben uns Stiefel und alte Hemden. Jetzt waren wir Soldaten«, erzählt Sic.

»Ihr feigen Hühner! Indios! Guerilleros!« – schreiende Vorgesetze gehörten zum Ausbildungsalltag, ebenso wie drakonische Strafen. Und die Rekruten wurden in Foltertechniken ausgebildet. »Uns wurde gesagt: ›Wenn deine Mutter zu den kommunistischen Rebellen gehört, dann musst du sie töten.‹«

Der Grundsatz lautete: »Befehle werden nicht diskutiert, sondern ausgeführt.«

Mit Gewalt und Terror gegen vermeintliche Feinde

Drei Monate dauerte für Sic und seine Kameraden das »Training«, das vor allem aggressive Kämpfer aus ihnen machen sollte. Dann wurde Sic in den Ort Mazatenango versetzt. Dort sollten die Soldaten fünf Tage lang durch die Wälder ziehen und nach dem Feind, nach »Rebellen« suchen.

Doch es wurden drei Monate Kampfeinsatz daraus.

Erschütternde Szenen muss der junge Soldat miterleben: »Wir suchten nach ›Informanten‹ der Rebellen. Einmal kam ein Mann auf uns zu. Er war etwa vierzig Jahre alt und fragte freundlich, wie viele wir wären. Nur deshalb wurde er zu unseren Anführern gebracht. Sie haben ihm die Fingernägel ausgerissen und ihn kopfüber in eine Tonne gesteckt. Er hat nicht lange ausgehalten. Um Mitternacht war er tot, nur weil er gefragt hat, wie viele wir sind.«

Oder wie in einer anderen Gegend eine Frau zu den Soldaten kommt, um sich über ihren Mann zu beschweren, weil er sie geschlagen hatte. »Der Soldat, der gerade auf Wache war, sagte zu ihr: ›Na gut, ich rede mal mit ihm.‹ Aber dann hat er sie ins Gebüsch gezogen und die anderen gerufen. 24 Soldaten. Sie alle haben die Frau vergewaltigt. Danach durfte sie nach Hause gehen.«

Als am nächsten Tag der Vorgesetzte von der Vergewaltigung erfuhr, rief er den Soldaten zu sich. Er musste die Hose runterziehen »und bekam eine brennende Zigarette zwischen die Beide gedrückt«, weiß Rodrigo Sic zu berichten. Der Soldat sei zwar rumgesprungen, aber eine weitere Strafe bekam er nicht.

Die Saat der Gewalt geht in der Gesellschaft auf

Am 31. Juli 1983 kam für Sic endlich der Tag der Entlassung, »ohne Geld, ohne nichts«. Lange Zeit konnte er nicht schlafen, nicht arbeiten. »Ich habe mich auf die Straße gesetzt und wenn ich konnte, habe ich mich betrunken, um alles zu vergessen.« Es war sein kleiner Bruder, der ihm eines Tages Geld gab, um eine Ausbildung machen zu können. So gelang ihm langsam auch die Verarbeitung des Erlebten.

Doch nicht allen gelingt dies: »Viele Soldaten haben dasselbe erlebt wie ich. Sie behandeln heute ihre Söhne genauso wie man uns damals behandelt hat. Sie leiden noch immer«, ist Rodrigo Sic überzeugt.

In den traumatischen Erlebnissen so vieler Menschen in Guatemala sieht er auch die Ursache für die bis heute anhaltende Welle von Gewalt und Kriminalität im Land: »Die Leute sind voller Hass, die Kinder des Kriegs, die vergewaltigten Frauen, alle, die das erlebt haben. Damals wurde die Saat gesät, aus der noch mehr Gewalt hervorgeht.«

Sic hat dies alles überlebt und hinter sich gelassen, weil er ein Ziel hatte: Er wollte Lehrer werden. Die Ausbildung und die Arbeit als Lehrer haben ihm geholfen, eine sinnvolle Aufgabe zu finden. Doch die Erinnerungen ­belasten noch immer sein Gewissen. Deshalb hat er angefangen, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Der Arbeitstitel des Buches lautet: »Der Albtraum«.

Andreas Boueke

Hoffen und bangen

17. September 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Eichsfeld: Lange herrschte Feindschaft zwischen evangelischen und katholischen Christen – ein Stimmungsbild.

Blick auf das Feld, auf dem Papst Benedikt XVI. am 23. September eine Messe unter freiem Himmel feiern wird. (Foto: picture-alliance/dpa)

Blick auf das Feld, auf dem Papst Benedikt XVI. am 23. September eine Messe unter freiem Himmel feiern wird. (Foto: picture-alliance/dpa)

Nur zehn Prozent der ­Christen im Eichsfeld sind evangelisch. Sie sehen dem Kommen des Oberhauptes der katholischen Kirche
mit gemischten Gefühlen entgegen.

Seit Neuestem schauen Martin Luther und Papst Benedikt XVI. gemeinsam aus einem ­Papp­karton – von Bierflaschenetiketten ­herunter – aufs Supermarktvolk. Geschickt vermarktet von einem katholischen Eichsfelder Geschäftsmann. Prosit – möge es nützen!

Die Eichsfelder sind traditionell ­katholisch – evangelisch sind nur circa zehn Prozent der Bevölkerung. Und so liegen auch nur drei evangelische Gemeinden um Etzelsbach, den zweiten Thüringer Besuchsort des Papstes: Leinefelde, Worbis und Heiligenstadt.

Man spricht hier bereits leicht entnervt, hinter vorgehaltener Hand, vom täglichen »Zeitungsterror«. Doch etliche Protestanten nehmen Anteil, wenn der Papst in ihre Heimat kommt, so auch Pfarrer Traugott Eber aus Leinefelde.

Gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen, Dechant Bernhard Wehner, bereitet er eine der vier großen Thüringer Auftaktveranstaltungen zum Papstbesuch vor. »Wir heißen den Papst herzlich willkommen«, sagt er. Angeregt vom katholischen Bürgermeister Gerd Reinhardt, rücken sie die vom Papst verschmähte Burg Scharfenstein am 17. September nun doch noch ins Blickfeld.

Protestanten fahren sogar als Helfer oder in Begleitung ihrer katholischen Lebenspartner direkt nach ­Etzelsbach. »Die Zeiten, in denen man ja keinen Calvinischen mit nach Hause bringen sollte oder auf unserer Seite Rom-Hasser und Katholiken-Fresser gang und gäbe waren, sind seit den 70ern vorbei«, erinnert sich Pfarrer Eber.

Aus der Deckung der Anonymität heraus erwarten viele jedoch keine echten Fortschritte vom Erfurter Ökumene-Treffen. Man werde sich in Erfurt lediglich feierlich auf die Schulter klopfen. Da könne man nicht hingehen und solange man beim Abendmahl noch ausgeschlossen werde – nein! Gott sei Dank, sei die Basis viel weiter als dieser mittelalterliche Monarch.

Bei ihnen gingen katholische Ehepartner jedenfalls mit zum Abendmahl.

Einer, der die trennende Vergangenheit nur zu gut kennt, ist Horst ­Sievers, Kirchenältester von St. Martin in Heiligenstadt. Seit über 50 Jahren lebt er in konfessionsverbindender Ehe.

»Damals war eine ökumenische Trauung undenkbar. Ich musste zustimmen, dass unsere Kinder katholisch erzogen werden. Katholische Schwestern durften unsere Kirche nicht einmal betreten. Heute feiert ihre Gemeinde in unserer Kirche ­Gottesdienst.«

Er selbst fährt mit ­seinem Sohn nach Etzelsbach und freut sich mit seinen Nachbarn und Freunden, von denen drei Viertel katholisch sind, auf den Papstbesuch.

Man lebt und ­arbeitet doch eng miteinander. Eine, die die Ökumene täglich praktiziert, ist die katholische ­Daniela Mehler, Öffentlichkeitsbeauftragte des evangelischen Kirchenkreises Mühlhausen. Sie genießt das gute Arbeitsklima im Kreiskirchenamt und berichtet den Kollegen mit echter Begeisterung in der Stimme von ihrem geplanten Besuch in Etzelsbach.

Persönliche Nähe verändert die Sicht auf die Dinge – manchmal jedoch auch in die andere Richtung. Anonym berichten Protestanten über ihren tiefen Ärger, den sie beim Ausschluss vom Abendmahl bei einer Hochzeit katholischer Freunde empfanden.

Ebenso ungenannt möchten sie bleiben, wenn sie von einer »Event-Inszenierung« sprechen, »die Papst-Show, bei der man als Protestant nur fragend danebenstehen kann«. Versöhnend wirke einzig der Gedanke, dass der Bekanntheitsgrad der Heimat durch den Papst steigen wird.

Warum hört man all dies nur unter vier Augen? Man möchte die katholischen Nachbarn, Freunde und Kollegen nicht verärgern – nicht dass es hinterher heißt: »Mit dem sprichst du aber nicht mehr!«

Nach der lange kultivierten Feindschaft ist die Gemeinschaft wohl noch sehr zerbrechlich. Aber auch kostbar, denn man möchte sie nicht beschädigen. Das freundliche Schulterklopfen, das man dem Erfurter Treffen unterstellt, scheint auch im Kleinen nicht unbekannt.

Nur Klaus Schulze, Lektor aus Leinefelde, konstatiert offen: »Der Papst ist für mich als Protestant keine wichtige Persönlichkeit. Gleichwohl bringe ich ihm Respekt als Oberhaupt der ­katholischen Kirche und eines kleinen Staates entgegen. Ich werde auf keinen Fall an der Vesper mit dem Papst teilnehmen.«

Pfarrerin Cornelia Feja ergänzt: »Allein Christus ist unser Oberhaupt und dem sind wir treu. Aber vielleicht bewegt sich etwas im Hinblick auf das Reformationsjahr 2017 und die Aufhebung des Banns gegen Martin Luther«, hofft sie. »Der Papst setzt zumindest ein Zeichen, dass ihm die evangelische Kirche nicht unwichtig ist.«

Abschließend formuliert Horst Sievers einen Gedanken, der alle einen könnte: »Wir wenigen Christen müssen unseren Glauben öffentlich bekennen und uns gegenseitig unterstützen. Wirklich wichtig ist doch, dass das Gotteslob gefeiert wird.«

Regina Englert

»Ächt christliche Kunst«

10. September 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Trinitatiskirche in Hainichen (Foto: Matthias Donath)

Trinitatiskirche in Hainichen (Foto: Matthias Donath)


Kirchenbau des 19. Jahrhunderts: Die Schöpfungen des Historismus sind großartige Kunstwerke.
 
Erstmals in diesem Jahr widmet sich der »Tag des offenen Denkmals« am Sonntag unter dem Motto »Romantik, Realismus, Revolution« einer ganzen Zeitepoche, dem 19. Jahrhundert.
 

Die kirchliche Baukunst des 19. Jahrhunderts hatte lange keinen guten Ruf. Noch vor drei oder vier Jahrzehnten hieß es einmütig: »Das hässliche Zeug muss weg!«

Bei Renovierungen wurden – oft unter Zustimmung der Denkmalpflege – ganze Kirchenausstattungen zerstört. Man kappte die Türmchen, übertünchte die dekorativen Ausmalungen, beseitigte den Zierrat an Kanzeln und Altären und entfernte die Glasbilder in den Fenstern.

Die Ablehnung des Historismus wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Kunstkritikern und Intellektuellen ­formuliert, die einen Bruch mit der »albernen Stilkunst« forderten und ­einen Aufbruch in die Moderne erträumten.

Ihr Einspruch, das Jahrhundert der Industrialisierung habe zum »allertiefsten Niedergang der Kunst« geführt und nur »billige und protzige Stilkopien« produziert, prägte auch das Urteil der nachfolgenden Generationen.

Heute wissen wir, dass diese Bewertung nicht richtig war. Die Schöpfungen des Historismus sind – in ihrer handwerklich aufwendigen Ausführung und schmuckfreudigen Gestaltung – großartige Kunstwerke, die sich vor den Zeugnissen anderer Epochen nicht zu verstecken brauchen.

Der evangelische Kirchenbau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war noch stark von der barocken Bautradition geprägt.

Man errichtete weiträumige Emporenkirchen mit umlaufenden mehrgeschossigen Emporen. Altar und Kanzel waren zu einem Kanzelaltar vereint. Mit der Wiederentdeckung der Baukunst des Mittelalters begann man, nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten zu suchen.

So wurde 1859 in Dresden der »Verein für kirchliche Kunst« gegründet. Er setzte sich zum Ziel, »die ächt christliche Kunst nach den Grundsätzen und Bedürfnissen der evangelisch-lutherischen Kirche zu fördern, namentlich bei beabsichtigten Neu- und Umbauten von Kirchen, Altären, Canzeln«.

Als »ächt christlich« verstanden Christian Friedrich Arnold (1823–1890) aus Dresden und seine Baumeisterkollegen in Preußen und Süddeutschland den romanischen und den gotischen Stil. Mit ihrer Zustimmung wurde auf einer Kirchenkonferenz 1861 in Eise­nach eine Norm für den evangelischen Kirchenbau in Deutschland ­beschlossen.

Das folgenreiche Eise­nacher Regulativ forderte, bei Neubauten ausschließlich den »christlichen Baustyl« anzuwenden: »neben der altchristlichen Basilika und der sogenannten romanischen (vorgotischen) Bauart vorzugsweise den sogenannten germanischen (gotischen) Styl«. Alle Kirchen sollten nach traditionellem Brauch nach Osten ausgerichtet sein.

Ein Bruch mit früheren Vorstellungen stellte die Forderung dar, Altarraum und Kirchenschiff strikt voneinander zu trennen. Kanzelaltäre waren nicht mehr erwünscht.

Nach dem Eisenacher Regulativ darf die Kanzel »weder vor noch hinter oder über dem ­Altar, noch überhaupt im Chore ­stehen«. Die Wiederbesinnung auf mittelalterliche, vorreformatorische Gewohnheiten lässt sich mit einem Wandel in der evangelischen Theologie erklären: Der kirchliche ­Rationalismus, der auf die Nützlichkeit des Glaubens zielte, wurde vom konservativen Neuluthertum abgelöst, das stärker auf romantische und idealistische Inhalte setzte.

Das Eisenacher Regulativ galt für die große Zahl evangelischer Gotteshäuser, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Stadt und Land errichtet wurden. Infolge des starken Bevölkerungswachstums kam es nach der Reichsgründung zu einer enormen Kirchenbauwelle. Zwischen 1870 und 1914 entstanden allein in Leipzig 24 evangelisch-lutherische Kirchen!

Auch außerhalb der Großstädte ersetzte man zu klein gewordene Gotteshäuser durch neogotische oder neoromanische Neubauten. Diese als bloße »Stilkopien« abzuwerten, wird ihrer Bedeutung nicht gerecht. Die ­Architekten benutzten das historische Formengut, setzten aber eigene Akzente.

So schufen der Baurat Conrad Wilhelm Hase (1818–1902) aus Hannover und seine Schüler beeindruckende Monumente aus rotem Backstein. Eine der größten Backsteinbauten im mitteldeutschen Raum ist die Johanniskirche in Gera, die 1881 bis 1885 nach Entwürfen von Constantin Lipsius (1832–1894) und August Hartel (1844–1890) errichtet wurde.

Dass sich hinter dem historisierenden Stilkleid ganz neuartige Raumlösungen verbergen können, beweist die 1899 geweihte Trinitatiskirche in Hainichen (Kreis Mittelsachsen). Um allen Gottesdienstbesuchern einen ungehinderten Blick auf Altar und Kanzel zu ermöglichen, legte Gotthilf Ludwig Möckel (1838–1915) einen stützenfreien Zentralraum an. Trotz der gewaltigen Spannweite ist die gesamte Kirche überwölbt. Die Last des kühnen Gewölbes leitete der in Zwickau geborene Architekt über weit gespannte Spitzbögen auf die abgeschrägten Ecken der kreuzförmigen Vierung ab.

Leider hat man bei den Kirchenrenovierungen der letzten Jahre meist darauf verzichtet, die Ausmalungen des 19. Jahrhunderts wieder hervorzuholen. Noch immer scheint eine ­gewisse Abneigung gegen die farbenfrohen Gestaltungen des Historismus zu bestehen. Wie wichtig das Dekor für die Raumwirkung ist, beweist der Blick in die Hainichener Kirche. Die übertünchte Ausmalung wurde 2009/10 vollständig rekonstruiert.

Matthias Donath

Der Autor ist promovierter Kunsthistoriker und Vorsitzender des Dombau-Vereins Meißen.

Eisenacher Regulativ

Unter Mitwirkung namhafter Kirchenbaumeister, darunter Friedrich August Stüler (1800–1865) und Conrad Wilhelm Hase (1818–1902), beschloss die Deutsche Evangelische Kirchenkonferenz, die vom 30. Mai bis 5. Juni 1861 in Eisenach tagte, ein »Regulativ für den evangelischen Kirchenbau«.

Die Vorschriften galten – mit einigen Veränderungen – bis 1908 für alle evangelischen Kirchenneubauten in Deutschland. Mit der Reformkunst des frühen 20. Jahrhunderts löste man sich von dem inzwischen überholten Regelwerk.

Der Weg durch die 78 Etagen des World Trade Centers

10. September 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Buchbesprechung zu Michael Hingsons »Held auf vier Pfoten. Eine dramatische Rettung am 11. September«
 

Es ist 8.46 Uhr an einem Dienstagmorgen in New York. Vertriebsleiter Michael Hingson bereitet im Nordturm des World Trade Centers seine Präsentation für ein bevorstehendes Vertriebsseminar vor, als plötzlich das ganze Gebäude erbebt. Ganze 49 Minuten brauchen Hingson, sein Kollege David und Hingsons Labradorhündin Roselle, bis sie das Gebäude verlassen können.

Nur: Hingson ist seit seiner Geburt ohne Augenlicht, Roselle sein Blindenhund.

Den Weg durch die 78 Etagen, 1463 Stufen, des Nordturms und die anschließende Flucht durch die Straßen New Yorks nutzt Hingson, um Reflexionen über sein Leben als Blinder anzustellen. Angefangen von seiner Kindheit, in der er lernt »nur mit Gehör« Rad zu fahren, die Begegnung mit seinem ersten Blindenhund Squire, über die Ära des technologischen Fortschritts in den 1970ern bis zu seinem beruflichen Werdegang, entfaltet sich eine interessante Lebenserzählung, die sogar zu einer Begegnung mit Gott ausreift.

Beinahe ist man geneigt, durch die sympathische Erzählweise Hingsons das Ereignis »11. September« in den Hintergrund zu verdrängen, wäre da nicht der dramatische Wechsel zwischen biografischen Schilderungen und den beklemmenden Ereignissen jenes Tages.

Hingson, Michael: Held auf vier Pfoten. Eine dramatische Rettung am 11. SeptemberDas Buch gleicht daher einer erzählerischen Achterbahnfahrt, in der der Autor zum einen sein mit viel Witz und Anekdoten gespicktes Aufwachsen in der kalifornischen Provinz und die anschließenden Lehrjahre an der Universität nachzeichnet, zum anderen aber sehr plastisch die absurde und unwirkliche Realität jenes Tages dem Leser vor Augen führt. Genau von dieser Mischung aber zehrt das Buch, dass sich keineswegs nur als die persönliche Chronik des 11. September lesen lässt.

Vielmehr ist am Ende ein Plädoyer für mehr Selbstbehauptung herausgekommen, ein Bekenntnis, mit dem »Ärgernis« Blindheit, wie Hingson es nennt, umzugehen. Blindheit nicht als tragisches Defizit, sondern als Herausforderung zu verstehen; sich nicht hängen zu lassen, darum geht es Hingson, aber auch um die innige Beziehung, das unbedingte Vertrauen, das sich zwischen Hund und Mensch zu entwickeln vermag.

Als Zugabe finden sich am Ende des Buches noch ein »kleiner Knigge für den Umgang mit blinden Menschen« und ein Traktat über das Blindsein.

9/11, mittlerweile sich zum zehnten Mal jährend, wird in »Held auf vier Pfoten« damit zu einer Parabel für mehr Zusammenhalt und Toleranz innerhalb der Gesellschaft.

Alexander Mischke

Hingson, Michael: Held auf vier Pfoten. Eine dramatische Rettung am 11. September, SCM Hänssler, 208 S., ISBN 978-3-7751-5317-1, 18,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643) 246161

 

Ein Fest der Seele und des Kommerzes

28. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Die traditionelle Wallfahrt von Warschau nach Tschenstochau fand in diesem Sommer zum 300. Mal statt. Doch Pilger ziehen das ganze Jahr über zur Schwarzen Madonna – ein Boom, der auch wirtschaftliche Bedeutung hat.	(Foto: Jens Mattern)

Die traditionelle Wallfahrt von Warschau nach Tschenstochau fand in diesem Sommer zum 300. Mal statt. Doch Pilger ziehen das ganze Jahr über zur Schwarzen Madonna – ein Boom, der auch wirtschaftliche Bedeutung hat. (Foto: Jens Mattern)


Polen: Im August und September ziehen die Hauptscharen der Pilger zur »Schwarzen Madonna« nach Tschenstochau.


Im katholischen Polen hat Pilgern eine lange Tradition. Im Mittelpunkt steht dabei das Nationalheiligtum auf dem Klarenberg.

Gitarren spielen auf, Marienlieder erklingen und die Glocken der Kirchen auf der »Krakauer Vorstadtstraße« läuten. Aus Megaphonen tönen Anweisungen, nach denen sich die Menschen mit den ­Hals­tüchern, Rucksäcken und unterschiedlichstem Wanderschuhwerk zu einer Gruppe formieren. Dann rückt ein Pilgerzug mit rund 200 Menschen los. Insgesamt sind 2000 auf dem Platz vor der St.-Anna-Kirche in der Warschauer Altstadt versammelt.

Anfang August begann in Warschau wieder der große Aufbruch zur Schwarzen Madonna, dem berühmten Abbild der Gottesmutter im Wallfahrtsort im schlesischen Częstochowa/Tschenstochau. »300 Jahre mit Maria auf der Pilgerschaft des Glaubens«, heißt der Leitspruch der diesjährigen Pilgerfahrt, die nunmehr zum 300. Mal stattfindet.

Im Jahre 1711 liefen Pauliner-Mönche von Warschau erstmals als Geste des Dankes die Strecke bis zum Kloster Jasna Góra (Heller Berg oder auch Klarenberg). Eine jahrelange Typhus-Epidemie in der Königsstadt war damals endlich vorbei: Die Schwarze Madonna hatte ihre Fürbitten erhört.

Rund 85000 liefen dieses Jahr Strecken von bis zu über 600 Kilometern, um an Mariä Himmelfahrt (15. August) den Hellen Berg zu erreichen. Doch in Tschenstochau ist eigentlich immer Pilgerzeit.

Während in Polen das Vertrauen in die Kirche rapide abnimmt, erfreut sich das Wallfahren einer immer größeren Beliebtheit. Es sind jedoch vornehmlich nicht die Armen, die sprichwörtlichen »Mühseligen und Beladenen«, die sich über den sommerlichen Asphalt quälen.

Das Pilgern zu Fuß ist eine Angelegenheit der gebildeten Schicht, deren Vertreter in der Welt der Banken aber auch in den beiden konservativen Parteien das Sagen haben.

Mittelschicht-Wallfahrt, gesponsert von Toyota

Dass nun Tausende von zahlungskräftigen Pilgern die Landstraßen bevölkern, macht sie auch als Konsumenten interessant. Dies beginnt schon bei der Landbevölkerung, die traditionell kostenlos Tische mit Essen an den Straßenrand stellte. Doch das ist vorbei.

Heutzutage wird von den mit Mobiltelefon und Navigationsgeräten ausgerüsteten Wallfahrern Geld verlangt. Aber auch die kirchlichen Ausrichter gehen mit der Zeit: Die größte Pilgerorganisation, die »Warschauer Oberbischöfliche Akademische Pilgerfahrt«, hatte jüngst Toyota als Sponsor gewonnen: »Ihre Fahrzeuge bringen das Gepäck an die Schlafstellen, auf ihren Karosserien haben sie Slogans, die die Pilger begrüßen, erklärt Priester Piotr Jawoski.

»Emotionalisierte Kundenbindung« würde man das in der Fachsprache der Werbung nennen. Davon träumt auch die Stadt Tschenstochau. Die Pilgerströme, die, durch 70 Gemeindepolizisten gebändigt und von mehreren Krankenwagen betreut, die maroden Straßen verstopfen, würden nicht genug Geld für die Stadt abwerfen.

So klagt der Stadtrat, dem ein Bürgermeister der Linkspartei SLD vorsteht. Trotz Protests der konservativen Parteien will die Stadt nun eine Kopfsteuer von umgerechnet 50 Cent auf die Pilger erheben und dabei auch – wie gewagt! – die Bischöfe abkassieren.

Bislang galt, dass das Geld der ­Pilger vornehmlich dem Klerus zukommt: 800 Übernachtungsplätze offeriert das Paulinerkloster, von den 4500 weiteren Betten in der Stadt ­gehören über die Hälfte dem Klerus. Auch befindet sich das Kloster in harter Konkurrenz zu den vielen Buden mit Devotionalien, die teils in China hergestellte Artikel vertreiben.

Die Pauliner selbst betreiben die Geschäftskette »Clarmontana«, welche die kleinen Familienbetriebe angeblich gern verbieten würden.

Pilgern – ein wachsender »Wirtschaftszweig«

Pilgern ist in Polen durchaus ein ­eigener »Wirtschaftszweig«. Neben Tschenstochau werden gern weitere Ziele im In- und Ausland anvisiert: Etwa sieben Millionen, rund 15 Prozent der Bevölkerung, reisen jährlich zu heiligen Stätten.

Und trotz Wirtschaftskrise verzeichnen Pilgerreisebüros jüngst einen Anstieg von 30 Prozent beim »Religionstourismus«.

Doch das Zentrum der polnischen Katholiken bleibt der Helle Berg, der auch jenseits des Augusts Konjunktur hat. Dann reisen die Pilgerscharen nach Berufsgruppen geordnet zur Fürbitte an.

Anfang September bitten die Landwirte um den Segen der ­Gottesmutter, danach sind die Zöllner und Finanzbeamten dran. Im Mai ­baten bereits die Bankkaufleute um eine günstige Konjunktur. Seit der Wirtschaftskrise, so bemerkte das Fachblatt »puls biznesu«, hat speziell diese Pilgergruppe sehr stark zugenommen.

Jens Mattern

»An Zufälle glaube ich nicht mehr«

28. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Wie Menschen zum Glauben kommen – Zum Beispiel Torsten Geschke aus Wolfen.

Torsten Geschke

Torsten Geschke

Torsten Geschke, Physiotherapeut, 38 Jahre, ist durch seinen dreijährigen Sohn zum Glauben gekommen. Till Gregor, das erste Kind von Anja Topat und Torsten Geschke, ist am 7. Juni 2008 geboren. Als er da ist, fragen sich seine Eltern, wie sie ihn erziehen, welche Werte sie ihm vermitteln sollten?

Bestimmte Haltungen, darin sind sich beide einig, wollen sie ihrem Sohn auf keinen Fall beibringen, zum Beispiel die, dass materieller Besitz und Status Anerkennung bringt, nach dem Motto: »Hast du was, dann bist du was.«

Ob es vielleicht in der Kirche noch andere Werte geben könnte? Nur vage denken sie an diese Möglichkeit. Doch weder Torsten Geschke noch seine Partnerin sind in der Kirche.

Doch Anja Topat arbeitet in einer Kirche, im Merseburger Dom, wo sie unter anderem Führungen macht. Obwohl sie nicht in der Kirche ist, bewarb sie sich nach ihrem Studium der Kommunikation und Medienpädagogik um die Stelle dort – und bekam sie.

Bereits während der Schwangerschaft schlägt der Pfarrer vor, das Kind nach der Geburt taufen zu lassen und signalisiert, dass dies möglich sei, auch wenn die Eltern selbst nicht der Kirche angehören. »Wir hatten ein sehr aufschlussreiches und angenehmes Gespräch mit dem Pfarrer und haben uns für die Taufe entschieden«, erzählt Geschke.

An Zufälle glaube er inzwischen nicht mehr. Erst recht nicht, wenn er daran denkt, wie ihn scheinbar zufällige Ereignisse zum Glauben führten.

Ihren Till Gregor wollen die Eltern später zur Christenlehre schicken, sie selbst können ihm keine christlichen Werte vermitteln, finden es aber ganz in Ordnung, wenn ihr Sohn auf diese Weise zwei Seiten kennenlernt, Christen und Nichtchristen. Doch dann kommt es anders.

Nach einem Umzug innerhalb Leipzigs befreundet sich die junge Familie mit ihren neuen Nachbarn. Diese sind Christen und laden das Paar nach einigen Gesprächen zu einem Glaubenskurs in die Nathanelkirchgemeinde in Leipzig-Lindenau ein.

Anja Topat hat momentan dazu keine Zeit, Torsten Geschke lässt sich nach einigem Zögern darauf ein. Beeindruckt ist er von der freundlichen Begrüßung, »dass mir jeder in der ­Gemeinde die Hand gereicht und freundlich gelächelt hat«.

Trotzdem denkt er: »Es muss einen Haken geben. Es wirkte wie eine Großveranstaltung einer Versicherung.« Nach den ersten Abenden stellen sich große Zweifel ein.

»Ich bin Realist«, sagt er. »Es kann nicht sein, dass eine Person, die man nicht sehen kann, eine Welt erschafft. Oder dass jemand zu Tode gefoltert wird, das war die Kreuzigung Jesu, nach drei Tagen aufersteht. Das funktioniert nicht.«

Weitere Veranstaltungen will er nicht besuchen. Jedoch die Diskussionen in der Gemeinde und danach mit seinem Freund auf dem Nachhauseweg findet er hoch ­interessant. »Das waren tiefgründige und auch ergreifende Gespräche.«

Und so vergeht ein Abend nach dem anderen bis das Thema »Heiliger Geist« dran ist. »Dabei habe ich eine außergewöhnliche Erfahrung ­gemacht«, erinnert er sich. Nach dem Videovortrag sind Vier-Augen-Gespräche zwischen den Kursteilnehmern und Mitgliedern der Gemeinde vorgesehen.

Peinliche Stille!

Der ­Pfarrer ist der Einzige, mit dem sich Geschke ein Gespräch vorstellen könnte, doch der verlässt den Raum. »Ich dachte, gut, dann gehe ich eben auch nach Hause. Rumsitzen muss ich hier nicht«, so Geschke.

Er ist überrascht und irritiert, als der Pfarrer vor der Tür steht. Kurze Zeit später folgt er ihm zu einem Gespräch unter vier ­Augen. Der Pfarrer beginnt mit einem Gebet, er bittet um den Heiligen Geist.

In diesem Moment habe er ein Gefühl absoluter Euphorie erlebt, schildert Geschke. »Das war eine Erfahrung, die mich irritiert hat.«

Doch mit diesem Erlebnis steht fest: »Ich lasse mich taufen.«

Sein Leben, sagt Geschke, habe sich seitdem verändert. »Fakt ist, da bin ich wieder Realist, es zählt das Ergebnis. Ich habe mehr Ruhe und Gelassenheit. Das Gebet gehört jetzt zum alltäglichen Leben. Und das ist wunderbar. Zu beten, das ist eine wunderbare Sache. Und man sieht, dass sich etwas ändert.«

Wie Geschke zum Glauben gefunden hat, das ist ein Prozess, der einige Jahre gedauert hat. »Vielleicht hätte es nicht funktioniert, wenn meine Frau damals nicht im Dom angefangen hätte«, sinniert er. Sie wolle übrigens demnächst ebenfalls einen Glaubenskurs besuchen.

2010 kam Leonhard, ihr zweiter Sohn zur Welt, er wurde dieses Jahr im Mai getauft.

Vor einigen Wochen ist die Familie von Leipzig nach Wolfen gezogen, wo Geschke eine Sport- und Physiotherapeutische Praxis eröffnet hat.

Sabine Kuschel

Wärme für allzu coole Jungs

27. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Vorgestellt: Eine Seelsorgerin hilft jungen Männern beim Erwachsenwerden in der Haft.

 
Beeindruckt vom Raum der Dresdner Frauenkirche: Gefängnisseelsorgerin Gabriele Sommer mit Jugendlichen aus dem offenen Vollzug der Jugendanstalt Raßnitz. (Foto: Steffen Giersch)

Beeindruckt vom Raum der Dresdner Frauenkirche: Gefängnisseelsorgerin Gabriele Sommer mit Jugendlichen aus dem offenen Vollzug der Jugendanstalt Raßnitz. (Foto: Steffen Giersch)


Gefängnisseelsorgerin Gabriele Sommer übt mit Gefangenen in der Jugendanstalt im sachsen-anhaltischen Raßnitz soziales Verhalten. Zugleich öffnet sie ihnen eine Tür zum Glauben.

Sie geben sich cool. Viel Reden ist nicht. »Geile Bräute hier«, witzelt ­einer. Aber in der Frauenkirche kommen sie dann doch ins Staunen. In Dresden gewesen sind manche schon. Den wieder errichteten Barockbau indes betreten sie zum ersten Mal. Einer findet die Malerei besonders interessant. »Dass die damals für den Bau nur sieben Jahre länger gebraucht haben als heute, alles mit Hand, nur primitive Technik – alle Achtung«, meint ein anderer. Er ist gelernter Maurer.

In ihren bunt bedruckten T-Shirts, Jeans und Turnschuhen, die Schirmkappen lässig auf den Hinterkopf geschoben, sind die zwölf Jungs zwischen 18 und 24 Jahren nicht von anderen ihres Alters zu unterscheiden. Doch mitten unter Touristen gemächlich durch das Zentrum einer Großstadt zu schlendern – das haben sie schon lange nicht machen können.

Die einen ein Dreivierteljahr nicht, manche drei Jahre. Je nachdem, zu wie viel Monaten Jugendhaft das Gericht sie verurteilt hat.

Den größten Teil davon haben sie verbüßt. In der 2002 errichteten Jugend­anstalt Raßnitz, im Südosten Sachsen-Anhalts, die bewusst auf das Wort »Haft« in ihrem Namen verzichtet. Sie alle sind im offenen Vollzug. Der Tag der Entlassung ist abzusehen.

»Eingliederungsphase« heißt das offiziell. »Sie stehen an der Schwelle«, sagt Gabriele Sommer. Sie ist evangelische Gefängnisseelsorgerin, seit Eröffnung der Jugendanstalt.

Neben zwei Vollzugsbeamten begleitet sie die Jugendlichen auf dieser Exkursion. Die ist ein Gemeinschaftsprojekt von ­Gefängnis, Seelsorge und dem Europäischen Bildungswerk für Beruf und ­Gesellschaft (EBG). Teil eines Vier-Stufen-Programms, das im offenen Vollzug beginnt, die Jugendlichen in Erwerbstätigkeit begleitet und sie sozial zu integrieren versucht, wie Olaf Erxleben vom EBG erläutert.

Gabriele Sommer hat die zwölf in die Unterkirche der Frauenkirche begleitet, wo der Künstler Michael Schoenholtz einen »Turm der Gebote« gestaltet hat, und jedem ein Blatt ausgehändigt. Darauf hat sie den Dekalog zu »10 Geboten für Entlassene« umformuliert.

»An erster Stelle deines Lebens steht nicht die Angst vor neuen Straftaten, sondern die Liebe Gottes für dein Leben in dieser Welt«, lautet das 1. Gebot.

Auf viel Wissen über Religion kann sie bei den Gefangenen nicht bauen. »Sie ­haben wenig Bezug zu Kirche.« Als einen Grund dafür sieht sie die soziale Vernachlässigung in der Kindheit, die manche in die Kriminalität abdriften lässt. Worum es ihr in der Seelsorge deshalb vor allem geht: »permanentes Einüben in soziales Verhalten«. Zugleich will sie mit dem christlichen Glauben bekannt machen. »Zumindest kann ich versuchen, ihnen eine Tür dorthin zu öffnen.«

Aufgebaut sei die Raßnitzer Jugendanstalt wie ein Dorf, erzählt sie. »Und in der Mitte steht eine Kirche.« Ein Ort für das Erzählen, für Trost und Begegnung sei dieses Gebäude. Elf Gottesdienste für ­unterschiedliche Gefangenengruppen haben sie dort etwa zu Ostern gefeiert, besucht von mehr als einem Drittel der Gefangenen.

Zu den Höhepunkten ihrer Arbeit gehören die Taufen. Erst am vergangenen Sonnabend, dem 20. August, war es wieder einmal soweit. Nach zwölf Taufkurstreffen wollten zwei junge Männer ihre Hinwendung zum christlichen Glauben festmachen.

Jede Menge Einzelgespräche gehören zum Alltag der Seelsorgerin. Im Seelsorgezentrum, in der Krankenstube oder in der Zelle sitzen ihr dann junge Menschen gegenüber, die nicht selten Gewalt in der Kindheit erlebt haben, später selber gewalttätig geworden sind. »Und nun müssen sie unter den Bedingungen der Haft erwachsen werden.« Vielen fehle einfach ein anderer, der sie mit Achtung behandelt, sie zum Nachdenken über sich selbst anregt, ihnen Selbstwertgefühl vermittelt.

Auch künstlerisch arbeitet sie mit ihnen. In einer Gruppe mit maximal sieben Gefangenen. »Meditation Farbe» hat sie ihr Konzept genannt.

»Wir schauen uns zum Beispiel ein Bild an oder konzentrieren uns auf etwas, das existenziell berührt.« Aus dieser Meditation heraus gestalten sie dann gemeinsam ein Bild. »Die Erfahrungen der Einzelnen werden da zum Gruppenerlebnis.« Auf diese Weise sind in Wachskratztechnik oder als ­Collage drei Jahreskalender und mehrere Ansichtskarten entstanden.

»Den Glauben ins Leben ziehen« – das möchte Gabriele Sommer. Und die Gefangenen Kirche als Ort erleben lassen, wo sie Halt finden können.

»Vielleicht ­erinnert sich der eine oder andere später daran, dass er zu einem Pfarrer oder zur Beratungsstelle der Diakonie gehen kann.« Zugleich ist sie dankbar für die große Unterstützung ihrer Arbeit durch die Anstaltsleitung.

Mal in der Frauenkirche gestanden zu haben, das findet einer der Jugendlichen schon beeindruckend. Bei seinen letzten Besuchen in Dresden habe er andere Ziele gehabt. »Vielleicht komme ich ­später mal wieder, mit Familie eventuell. Ich kenne mich ja jetzt aus.«

Tomas Gärtner

Die Drei in der Schule ist eine gute Zensur

22. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Spannend, der erste Tag in der Schule. (Foto: picture-alliance/dpa)

Spannend, der erste Tag in der Schule. (Foto: picture-alliance/dpa)


Schulanfang: Eltern sollten nicht zu hohe Erwartungen an die schulischen Leistungen ihrer Kinder stellen.


Die Note Drei honoriert eine im besten Sinne des Wortes befriedigende Leistung. Trotzdem hat die Zensur in den Augen vieler Eltern einen schweren Stand.

Wenn zum Schulanfang die Erstklässler mit ihren Zuckertüten zum ersten Mal den Weg zur Schule gehen, sind auch die Eltern voller Spannung. Was wird aus ihren Kindern einmal werden? Mit den Zensuren werden die Weichen dafür gestellt, welche beruflichen Chancen die Kinder später einmal ­haben werden. Eltern wünschen das Beste für ihr Kind und das ist in den Augen vieler Mütter und Väter das Gymnasium.

Also hoffen sie auf gute Zensuren, Einsen und Zweien.

»Das ist traurig«, sagt Heide Wendrich, Lehrerin an der 101. Mittelschule »Johannes Gutenberg« in Dresden, denn sie erlebt tagtäglich, dass der falsche Ehrgeiz der Eltern die Kinder überfordert.

Aber sie weiß auch aus eigener Erfahrung als Mutter, dass es für Eltern schwer zu akzeptieren ist, wenn die Kinder in der Schule nicht die erwarteten Leistungen bringen.

Alexander, ihr erster Sohn, hatte die ­erwünschten Einsen, Thomas, der zweite Sohn, Dreien.

»Wieso der das nicht schnallt«, sei für sie und ihren Mann Rolf schwer zu begreifen gewesen. »Thomas war in Rechtschreibung schlecht. Wir konnten nicht verlangen, dass er schreibt, was wir diktieren. Also haben wir das Abschreiben geübt. Erst wenn er eine Zeile aus dem Schulheft abgeschrieben hatte, durfte er spielen gehen«, erzählt Wendrich.

Nach ­ihrer Erfahrung ist es wichtig, dass die Kinder vom ersten Schultag an in ­kleinen Schritten an die neuen Anforderungen herangeführt werden. »Sie müssen das Lernen lernen«, betont die Lehrerin.

Eltern sollten sich jeden Tag eine halbe Stunde Zeit nehmen, nicht mehr, weil sonst das Kind die Lust verliere, und sich erzählen lassen, wie es in der Schule war. Sie rät Eltern, interessiert zuzuhören und sich zeigen zu lassen, was die ­Kinder in der Schule gemacht haben.

Eltern sollten den Kindern ­Erfolgserlebnisse organisieren.

Ein Erfolg für Kinder sei, wenn je nach Stundenplan Turnbeutel und Zeichenutensilien mit im Ranzen sind und nichts vergessen wird. Das sollten Eltern kontrollieren.

Leistungsdruck ist Wendrichs Meinung nach ungeeignet, um Kinder zum Lernen zu motivieren. »Unter Druck machen sie nichts mehr, sie ­rutschen ganz ab.« Stattdessen sollten Eltern mehr loben als tadeln. »Und sich über eine Drei freuen.«

»Wenn die Kinder höchstens Dreien schaffen, sage ich, das ist keine schlechte Note«, so Dr. Reinhold Goldmann, Schulleiter am Evangelischen Schulzentrum Mühlhausen. Seine Erfahrung ist, dass Eltern oft mehr erwarten als ihre Kinder zu ­leisten vermögen.

Zugleich beobachte er, dass die Leistungsbereitschaft der Kinder stark abgenommen habe. Das liege zum Teil an den Ablenkungen durch den Computer etc.

»Doch das Problem: Eltern unterstützen die Bequemlichkeit ihrer Kinder und wenn sie dann schlechte Noten bringen, machen sie die Schule verantwortlich. Das war früher anders. Wenn ein Kind einen Verweis bekommen hatte, bekam es Druck von seinen ­Eltern«, schildert Goldmann, der seit 30 Jahren Lehrer ist. Heute käme es immer häufiger vor, dass Eltern bei einem Verweis zweifelten, ob dieser seine Berechtigung habe.

Hendrik Felber, Lehrer am Evangelischen Kreuzgymnasium in Dresden, kennt Eltern, die das Augenmerk mehr auf die musischen Fähigkeiten ihrer Kinder legen und den anderen schulischen Leistungen keine so große Bedeutung einräumen.

»Es gibt Eltern, die sagen, mein Kind ist besonders begabt, es muss in Mathe keine Eins haben«, so Felber. Die ­Situation an der Kreuzschule sei insofern etwas anders, denn »wir lesen die Schüler aus«. Sie müssen wie an anderen Schulen auch eine Bildungsempfehlung fürs Gymnasium haben. Ihre Chancen seien größer, wenn sie bereits ein Instrument spielen. Dann dürften sie sogar einen etwas schlechteren Durchschnitt haben, weil für die Bands und Orchester immer Nachwuchs gebraucht würde, erklärt Felber.

Die Schulen haben verschiedene pädagogische Ansätze. Demzufolge kommen die Schülerinnen und Schüler mit ­unterschiedlichen Voraussetzungen ans Gymnasium.

»Manche langweilen sich, wenn ich ihnen ­Subjekt und ­Prädikat erläutere«, sagt Felber, der Deutsch und Latein unterrichtet.

Andere wüssten nicht, was sie tun sollten, wenn sie aufgefordert würden, einen längeren Text in Schreibschrift zu Papier zu bringen. »Auf dem Gymnasium ist die 5. Klasse dazu da, die Kinder auf einheitliche Anforderungen zu bringen.«

Einsen und Zweien zu bekommen, sei an manchen Schulen leichter als an anderen, bemerkt Reinhold Goldmann, wodurch mitunter Leistungen vorgetäuscht würden. Manchmal sei auch die Entscheidung, das Kind aufs ­Gymnasium zu schicken, eine falsche, so Hendrik Felber.

Das Halbjahreszeugnis der 4. Klas­se ist ausschlaggebend, in welche Schule die Kinder ab der 5. Klasse ­gehen und wird demzufolge von den Eltern mit großer Spannung erwartet.

»Ganz schlimm ist, wenn die Eltern den Wechsel aufs Gymnasium einklagen«, meint Heide Wendrich. In diesem Falle müssen die Kinder beim Schulamt eine Aufnahmeprüfung machen, schaffen sie die, dürfen sie aufs Gymnasium.

Nach Wendrichs Erfahrung wäre es viel besser, sie blieben bei entsprechenden Leistungen auf der Mittelschule, wo sie besser aufgehoben wären. »Sie sind sonst ­un­glücklich, schlafen aufgrund des psychi­schen Druckes schlecht.« Außerdem könnten sie, wenn sich die Leistungen in der 6. Klasse verbessern, immer noch aufs Gymnasium wechseln.

Der Mensch ist mehr als seine ­Leistung.

Gut und schlecht, oben und unten – das schulische Zensurensystem birgt die Gefahr in sich, dass die Kinder klassifiziert, mit ihrer Leistung identifiziert werden. »Das ist der Kardinalfehler, den Lehrer vermeiden sollten«, sagt Felber.

Hinter manchem Ehrgeiz der Eltern steht die Sorge, ihr Kind könnte später nicht seinen Platz im Leben ­finden. Dass Schulabgänger mit einer Drei auf dem Abschlusszeugnis keine Chance auf dem Ausbildungsmarkt hätten, kann Goldmann nicht bestätigen.

Im Gegenteil: Seine Erfahrung ist, dass sie alle eine Lehrstelle bekommen. »Wir haben auch Schüler mit sehr schlechten Abschlüssen, die trotzdem eine Lehrstelle gefunden ­haben, weil Mangel herrscht.«

Der Wert der Kinder ist nicht von ihren schulischen Leistungen, nicht von ihren Zensuren und auch nicht davon abhängig, welchen Beruf sie wählen. Es ist auch nicht nötig, dass alle einen Hochschulabschluss haben, denn es würden auch Arbeiter gebraucht, meint Heide Wendrich.

Deshalb wäre es gut, dass die Note Drei, die im besten Sinne des Wortes eine befriedigende Leistung honoriert, wieder zu Ehren kommt.

Sabine Kuschel

Von der Weltbühne ins Kloster

18. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Jubiläum: Vor zehn Jahren wurde in Volkenroda der Christus-Pavillon der Expo Hannover eingeweiht.

Zentrum für Kunst, Kultur und Spiritualität: Der Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda prägt heute die Ansicht der alten Zisterzienseranlage. (Foto: Kloster Volkenroda)

Zentrum für Kunst, Kultur und Spiritualität: Der Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda prägt heute die Ansicht der alten Zisterzienseranlage. (Foto: Kloster Volkenroda)

Als der futuristische Kubus aus Stahl, Glas und Marmor im ehemaligen Zinsterzienser-Kloster aufgestellt wurde, gab es viele skeptische Stimmen. Heute ist er wichtiges Teil dieses »spirituellen Kraftzentrums«.

Ein wenig überragt die Klosterkirche im thüringischen Volkenroda den 3000 Quadratmeter großen Bau an ihrer Seite. Dennoch prägt der Christus-Pavillon die Ansicht des früheren Zisterzienser-Klosters, dessen älteste Teile aus dem 12. Jahrhundert stammen. Als der futuristische Quader vor zehn Jahren in dem Dorf eingeweiht wurde, hatte er eine Vergangenheit auf internationaler Bühne hinter sich. Bei der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover war er mit 1,8 Millionen Besuchern das Aushängeschild der christlichen Kirchen.

Den Jahrestag der Einweihung in Volkenroda bei Mühlhausen feiern die evangelischen Landeskirchen von Mitteldeutschland und Hannover an diesem Wochenende vom 19. bis zum 21. August unter anderem in einem Gottesdienst mit ihren Bischöfen Ilse Junkermann und Ralf Meister. 100 Schwertransporter brachten im Anschluss an die Expo im Jahr 2000 die 800 Tonnen schwere Stahlkonstruktion nach Volkenroda.

Statt Trubel umgibt ihn dort ländliche Ruhe.

Damit die Kirchturmspitze tatsächlich der höchste Punkt blieb, wurde in Volkenroda die Erde abgetragen und der Pavillon drei Meter tiefer gelegt. »Am Anfang war er für die Leute ein gewisser Fremdkörper und ein West-Import, der auch Befremden ausgelöst hat«, weiß Albrecht Schödl aus Erzählungen. Inzwischen identifizierten sich viele mit dem Bau, sagt der Pfarrer, der seit knapp vier Jahren den Christus-Pavillon leitet. »Brautpaare lassen sich dort gern fotografieren.«

Einmal im Monat ist Bauernmarkt am Kloster. Die Mitglieder der Jesus-Bruderschaft, einer Kommunität mit Familien- und zölibatär lebenden Mitgliedern, die im Kloster leben, sorgen Schödl zufolge für eine gastfreundliche Atmosphäre.

40000 Besucher im Jahr zählt Volkenroda, zu dem auch ein Jugendbildungszentrum gehört. Der von dem Star-Architekten Meinhard von Gerkan entworfene Christus-Pavillon aus Stahl, Glas und durchscheinendem Marmor ist längst mehr als ein für Touristen interessantes Bauwerk.

Besondere Gottesdienste etwa für Biker und zum Valentinstag werden dort gefeiert. Ausstellungen und Konzerte finden statt – zum Jubiläum wird am 20. August open air die Carmina Burana gegeben.

Regelmäßige Gebetszeiten machen deutlich: Der Pavillon ist eine Kirche.

Dass diese überhaupt gebaut wurde, war einer Vielzahl glücklicher Zusammentreffen zu verdanken, erinnert sich der frühere hannoversche Landesbischof Horst Hirschler.

Mitte der 1990er Jahre suchte die Landeskirche in Hannover Ideen für einen Beitrag zur ersten Weltausstellung auf deutschem Boden. Zur gleichen Zeit baute die ökumenische Jesus-Bruderschaft das Kloster in Volkenroda weiter auf, das lange dem Verfall preisgegeben war.

Sie wollte die Klosterkirche wieder ergänzen. Dafür warb sie im Kloster Loccum der hannoverschen Kirche um Unterstützung, das Zisterziensermönche aus Volkenroda einst gegründet hatten.

»Allein für Volkenroda gibt niemand Geld. Für eine Expo-Kirche, die danach in Volkenroda steht, aber wohl! Das wäre der Knüller!«, erinnert sich Hirschler an die zündende Idee. Dem Bischof gelang es, die deutsche Stahlindustrie zu gewinnen, die sich mit fünf Millionen Mark beteiligte und bis heute den Pavillon unterstützt.

Ohne Volkenroda hätte es auch den Pavillon auf der Expo nicht gegeben, sagt der damalige Expo-Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gerhard Wegner. »Man scheute sich, nur für die fünf Monate der Weltausstellung so etwas zu machen.« Der 16,5 Millionen Mark teure Bau sollte nachhaltig sein. Bei der Weltausstellung zählte er zu den beliebtesten Pavillons.

Volkenroda sei ein »spirituelles Kraftzentrum«, schwärmt heute Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, die Schirmherrin des Jubiläumsjahres ist. 1996 zeichnete die Europäische Union das Kloster als »schützenswertes Kulturerbe« aus.

Den Christus-Pavillon nennt Lieberknecht: »Ein bauliches und erbauliches Ensemble, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verkörpert.«

Karen Miether

Der weiße Strich

18. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ausstellung in Bautzen erzählt über eine Kunst- und Protestaktion an der Berliner Mauer.

Eine Fotografin hatte die Männer, die alle maskiert waren, am ersten Tag ihrer Malaktion begleitet. (Foto: Pressefoto)

Eine Fotografin hatte die Männer, die alle maskiert waren, am ersten Tag ihrer Malaktion begleitet. (Foto: Pressefoto)


Im November 1986 war die Mauer auf Westberliner Seite längst übersät mit Graffiti. Prominente Künstler wie der französische Maler Thierry Noir oder der US-Amerikaner Keith Haring hatten ihre Spuren auf dem sogenannten »antifaschistischen Schutzwall« hinterlassen und lockten damit Touristen an.

Die Grenzschützer der DDR, die auch für die Mauer auf der Westseite verantwortlich waren, reagierten darauf, wie die Politführung, kaum. Wohl auch, weil die Mauer so viel weniger auffiel, weil sie nicht mehr als die bei Nacht und Nebel gebaute Barriere wahrgenommen wurde, vermuten Historiker.

Hingegen war es ein weißer Strich, der die Oberen auf die Palme brachte.

Über diesen Strich – eine Kunst- und Protestaktion von fünf jungen Männern – erzählt nun eine Ausstellung in der Gedenkstätte Bautzen II. Im ehemaligen Stasiknast wird so an den Mauerbau vor 50 Jahren erinnert.

Zur Eröffnung in der vergangenen Woche berichteten drei der fünf damals Beteiligten, von der »spontanen und schlecht vorbereiteten Aktion«, wie Frank Schuster, einer der Akteure, heute einschätzt.

Fünf ostdeutsche Jungs waren sie. Jahrgang 1962 bis 1966. Alle unter dem Dach der Kirche in Weimar engagiert. Gesprüht haben sie gegen den DDR-Staat. Sie wurden bespitzelt, verhaftet, eingesperrt, bedroht. Und schließlich gingen Frank Willmann, Frank Schuster, Wolfram Hansch sowie Thomas und Jürgen Onißeit nacheinander nach Westberlin.

Dort war erstmal ­»alles so schön bunt«, erinnert sich Frank Willmann, der heute als freier Autor in Berlin lebt und die Ausstellung in der Bautzener Gedenkstätte mitgestaltet hat.

Doch bald wuchs ­Ärger über die schöne bunte, schön verdrängte, schön zur Gewohnheit gewordene Mauer.

Und die Männer entschieden: Wir machen etwas. Ohne Kommentar.

Ein weißer Strich mit billiger Farbe aus dem Baumarkt auf 178 Kilometern, gezogen in zwei Wochen.

Weit kamen sie nicht in jenem November 1986.

Am zweiten Tag tauchten plötzlich DDR-Grenzsoldaten aus einer Tür in der Mauer auf, schnappten sich Wolfram Hansch und verschwanden mit ihm in den Osten.

Trotz aller Proteste, trotz großer Medienresonanz wurde der Krankenpfleger, damals 23 Jahre jung, zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt. Acht Monate musste er absitzen – in Bautzen, in jener Stasihaftanstalt, die traurige Berühmtheit erlangt hat, wegen all der politisch Gefangenen, die hier aus teilweise nichtigen Gründen einsaßen.

Die Kunstaktion an der Mauer war mit der Festnahme beendet.

Die Ausstellung »Mauer Punks und Haft in Bautzen«, die in der Garage der Ex-Haftanstalt auf drei schlichten Holztischen aufgebaut ist, schlägt ­einen weiten Bogen.

Erzählt von den jungen Protestlern aus Weimar, von DDR-Repressionen, öffnet Gerichtsakten und Geheimreports. Sie macht in Tondokumenten Radioberichte von 1986 über den Fall nachhörbar. Und zeigt auf Fotos junge Männer mit strubbligem Haar, deren Leben durch den DDR-Repressions-Alltag und die Haft des Freundes grundlegend verändert wurde. Auch von der Malaktion selbst sind Bilder geblieben. Eine heute unbekannte Fotografin hatte die Männer, die alle maskiert waren, an ihrem ersten Tag begleitet.

Mehr als 20 Jahre später gab es für die Beteiligten dann noch einmal einen Schock.

Jürgen Onißeit, ältester der Fünfergruppe, Bruder von Thomas und Ideen-Geber der Malaktion, hatte vor der Ausreise in den Westen für die Stasi gespitzelt. Bei der Arbeit an der Ausstellung kam das ans Licht. »Wir haben versucht, mit ihm darüber zu reden. Aber er wollte nicht«, erzählen die Männer.

Nun gibt es keinen Kontakt mehr zu ihm. Doch die anderen habe das wieder neu und noch mehr zusammengeschweißt.

Irmela Hennig

Die Ausstellung ist bis 31. Oktober montags bis donnerstags von 10 bis 16 Uhr, freitags von 10 bis 20 Uhr, sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Zur Kunstaktion ist außerdem ein Buch mit dem Titel »Mauer, Punks und Haft in Bautzen« erschienen.

»Wir müssen nicht perfekt sein«

18. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Nikolaus und Anne Schneider erinnern sich im Christlichen Hospiz an ihre 2005 verstorbene Tochter.


Nikolaus und Anne Schneider (Foto: Archiv)

Nikolaus und Anne Schneider (Foto: Archiv)


Die gelbe Kerze am Eingang des Hospizes Siloah in Herrnhut brennt. Wenn jemand im Haus gestorben sei, dann würde die Kerze angezündet und brenne 24 Stunden lang, erklärt Gundula Seyfried, Gründerin der christlichen Hospizarbeit in Ostsachsen, das Ritual.

Es ist eine Schwimmkerze in einer blumengeschmückten Wasserschale, die auf einem aus Sandstein gehauenen Ständer steht.

»Wie ein Taufbecken«, meint Anne Schneider.

Ihr Mann, Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, führt den Gedanken weiter: »Das Wasser der Taufe führt mit Christus durch den Tod ins Leben.«

Beide Theologen, Anne Schneider ist Lehrerin, haben Mitte August zum ersten Mal Herrnhut besucht. Dass sie dort sofort das Hospiz aufsuchten, lag an Meike, der jüngsten ihrer drei Töchter. Sie starb 2005 im Alter von 22 Jahren nach zweijährigem Kampf gegen Knochenmarkkrebs, Leukämie. Die Erinnerung an sie sei stets gegenwärtig. »Wenn ich in eine Kirche komme, zünde ich ­immer eine Kerze an für Meike«, erwähnt Anne Schneider.

Hier im Hospiz hat das Ehepaar mit einigen Todkranken gesprochen: »Es wurde sofort sehr persönlich, es ­waren Minuten mit unglaublicher Dichte«, berichtet Nikolaus Schneider bewegt.

Anne Schneider erinnert sich: »Ich habe zwei Jahre mit auf den Krebsstationen gelebt, Freude und Trauer erlebt, das möchte ich nicht missen. Man konnte viel körperlich zeigen, sich umarmen. Die Menschen haben keine Masken.«

In Siloah ist jetzt eine Frau gestorben, die sie eigentlich noch besuchen wollten. Zu spät!

Wieder eine schmerzhafte Erinnerung, über die Anne Schneider spricht: »Meike hatte sich einen Abschied mit Segen gewünscht, bevor sie wegen ihrer Schmerzen in ein künstliches Koma versetzt wurde. Wir hatten telefoniert und ihr versprochen, dass wir kommen, aber wir mussten von Neukirchen nach Essen und sind fünf Minuten zu spät gekommen.« – »Stau auf der A40«, wirft ihr Mann ein.

Anne Schneider: »Da bleibt ein Stück Bitterkeit. Der Trost: Das ist nicht das absolute Ende.« ­

Nikolaus Schneider: »Wir erfahren unsere Grenzen, wir müssen nicht perfekt sein.«

In dieser gegenseitigen Ergänzung – sie in persönlichen Erinnerungen, er mehr in der theologischen Reflexion – haben sie 2006 ein Buch geschrieben »Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist – Leben und Glauben mit dem Tod eines geliebten Menschen«.

»Da kämpften und hofften und beteten wir zwei Jahre lang vergeblich für unsere und mit unserer Tochter um ihre Heilung und um ihr Leben und wollen jetzt mit all unserer Trauer und Traurigkeit ein Trostbuch schreiben – geht das?«, fragt Nikolaus Schneider im Vorwort. Ohne »frömmelnde Vertröstung« oder »christlichen Leistungsdruck?«

Beide machen deutlich, dass der Abschied vom Leben wehtut, dass Sterben und Sterbebegleitung die Fragen nach Gottes konkreter Liebe und Allmacht immer neu stellen.

»Aber gerade weil Meikes und weil unsere Gottesbeziehung in Leid und Verzweiflung nicht abgebrochen ist, gerade deshalb gewannen wir die Freiheit, glaubend zu fragen und zu zweifeln, zu zittern und zu ­weinen, zu klagen, anzuklagen und sprachlos zu werden.«

Seit dem Erscheinen des Buchs sind sie vielen Einladungen aus der Hospizarbeit gefolgt, um mit Mitarbeitern und Angehörigen zu sprechen.

Nun fand so ein Abend auch in Herrnhut statt. Anne Schneider zieht Bilanz: »Diese Gesprä­che mit den Besuchern helfen auch meinem Mann und mir, den Verlust unserer Tochter einzuordnen und Nä­he zu spüren.«

Katharina Weyandt

Mittelalter zwischen Sizilien und Skandinavien

14. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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In Halberstadt findet das erste internationale »Forum Kunst des Mittelalters« statt.

Kongressteilnehmer und -teilnehmerinnen haben die Chance, den weltweit bedeutenden Domschatz, der sich im ­Halberstädter Dom befindet, kennenzulernen. (Foto: Mahlke)

Kongressteilnehmer und -teilnehmerinnen haben die Chance, den weltweit bedeutenden Domschatz, der sich im ­Halberstädter Dom befindet, kennenzulernen. (Foto: Mahlke)


Nicht einmal die Wissenschaftler aus New York haben gefragt: »Warum in Halberstadt?« In der berühmten Domstadt wird vom 21. bis 24. September 2011 zum ersten Mal das »Forum Kunst des Mittelalters« ­organisiert. Die Resonanz auf die Einladung zu dem internationalen Kongress hat alle Erwartungen des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft und der Domschatzverwaltung Halberstadt übertroffen.

»Der internationale Kongress versammelt in der Harzstadt 90 Referenten aus ganz Europa, Russland und Amerika, die ihre Forschungsergebnisse im freien Gedankenaustausch zwischen Wissenschaftlern, Studenten und an mittelalterlicher Kunst ­interessierten Tagungsgästen vorstellen und diskutieren«, erläutert Dom-Kustos Dr. Thomas Labusiak, ­einer der Organisatoren vor Ort.

Das Forum sei eine wunderbare Plattform des Austausches, weil viele Aspekte der Zeit von 500 bis 1500 kunstwissenschaftlich eher selten betrachtet ­würden. Labusiak nennt es »die Fruchtbarkeit der Randgebiete«, die eben von den Historikern noch sehr unvollständig beackert worden seien. »Unser Ansatz ist breit gefasst, sodass der Runen-Forscher sich ebenso ­einbringen wird wie der Mosaik-Experte.«

Die 16 thematisch vielfältigen Sektionen reichen von Architektur und Malerei über England, die Premysliden bis hin zu den Phänomenen Siegel, Textilien und Reliquienschreinen. Der thematische Schwerpunkt liegt dabei auf der Kunst des 13. Jahrhunderts. Linda Herbst aus dem Vorbereitungsteam findet dieses Treffen »ideal für den Domschatz und gut für die ganze Region«, denn es werde über mittelalterliche Kunstgeschichte in der gesamten Breite und an Orten zwischen Skandinavien und Sizilien diskutiert.

Nicht nur universitäre Dispute seien gefragt. Museen und zahlreiche Denkmalpfleger haben ihr Kommen ebenso angekündigt wie Studenten und an mittelalterlicher Kunst interessierte Tagungsgäste, sodass bereits seit Wochen selbst das letzte Halberstädter Hotelbett belegt sei und in den Harz ausgewichen werden muss. Dorthin führen auch einige der Exkursionen während der vier Kongresstage. Die Veranstalter nennen das Treffen »eine Tagung in Bewegung«.

Die Sektionen treffen sich an den Orten, über die sie reden. Dazu gehören der Domschatz und die romanische Liebfrauenkirche sowie die Moses Mendelssohn Akademie für jüdische Geschichte.

So hätten die Teilnehmer die einmalige Chance, den weltweit bedeutenden Domschatz nicht nur aus den Publikationen kennenzulernen.

»Wer von einem Treffpunkt der Sektionen zum anderen wandelt, der wird zum Schauen animiert und gezwungen, den facettenreichen Stadtorganismus kennenzulernen, wird ihn erlaufen und erfahren im Sinne von Erfahrungen machen. Es gibt schon genug Kongresse, auf denen nur zwischen Auditorium und Kaffeetassen im Foyer gependelt wird«, so Dom-Kustos Dr. Thomas Labusiak.

Er verweist auf den Messecharakter des ­Forums. »Namhafte Verlage und Forschungsinstitutionen bauen hier ihre Stände auf. Eine neue Erfahrung für uns hier.« Ihn freut, dass Sponsoren bis nach New York »dem Forum-Konzept vertrauen und Geld in Ideen investieren«.

Uwe Kraus

Die andere Seite Chinas

13. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Übung macht den Meister: Gemeinsam mit freiwilligen Helfern aus Deutschland lernen Kinder im Süden Chinas die Grundregeln der Hygiene. Zahnbürsten und -creme sowie Seife und Handtücher werden in China selbst gesammelt. (Foto: baumhaus-projekt.de)

Übung macht den Meister: Gemeinsam mit freiwilligen Helfern aus Deutschland lernen Kinder im Süden Chinas die Grundregeln der Hygiene. Zahnbürsten und -creme sowie Seife und Handtücher werden in China selbst gesammelt. (Foto: baumhaus-projekt.de)


Deutsche Freiwillige versuchen im Reich der Mitte, Nothilfe im eigenen Land zu organisieren.


Chinas Wirtschaftswachstum ist verblüffend. Doch die Entwicklung verläuft asynchron: Neben florierenden Großstädten und Regionen mit stetig steigendem ­Lebensstandard gibt es ­Gebiete mit bitterer Armut.

Neben den pulsierenden Großstädten wie Peking oder Schanghai hat China auch eine andere Seite zu bieten: Die kargen Ebenen der sibirischen Steppe, die Unendlichkeit der Wüste Gobi und die tropische Schönheit der Flusstäler Yunnans. Yunnan ist eine der ärmsten Provinzen Chinas. Sie liegt ganz im Süden, angrenzend an Vietnam, Laos und Myanmar. Den meisten Europäern ist die Region aufgrund des Teeanbaus bekannt. In China selbst jedoch ist Yunnan ein Symbol für kulturelle Vielfalt, aber auch für bittere Armut.

Die meisten Menschen außerhalb der Großstädte leben traditionell wie ihre Urahnen. In den Bergen spricht kaum jemand Hochchinesisch und fließendes Wasser gibt es aus Bächen ein paar Hundert Meter weiter unten; zu erreichen nur über schmale Pfade an den Berghängen entlang. Das Bergwasser wirkt sauber und klar, ist aber häufig durch Fäkalien oder Abfälle verseucht. Besonders die Kinder leiden darunter: Viele von ihnen haben krätzeähnlichen Ausschlag.

Ein weiterer Grund für schlechte Hygiene ist die fehlende Bildung. Kinder der armen Bevölkerungsschicht bekommen, wenn überhaupt, nur eine grundlegende Schulbildung. Ihre Familien können das Schulgeld für eine weiterführende Schule nicht aufbringen und brauchen zudem die ­Kinder als Hilfe bei der Feldarbeit.

Auf den Straßen der Kleinstädte ­Yunnans sieht man viele Kinder im Grundschulalter, die zur Unterstützung der Familie Müll sammeln.

In der Region Nujiang, der auto­nomen Region der Lisu-Minderheit, wurden daher einige Projekte ins ­Leben gerufen, um die Lage der ­Menschen, vor allem jedoch der Kinder zu verbessern: Because They Are Children (»Weil sie Kinder sind«) ist ein von deutschen Freiwilligen initiiertes Patenschaftsprogramm der Peter Jochimsen Stiftung. Dabei werden sowohl chinesische als auch ausländische Paten für Kinder aus armen Verhältnissen gesucht.

Es geht in erster Linie um den Kontakt zwischen Pate und Kind. E-Mail beziehungsweise Briefkontakt ist erwünscht und wird von den Freiwilligen vor Ort angeregt und unterstützt. Sie besuchen auch in regelmäßigen Abständen alle Patenkinder. Dabei wird überprüft, was diese wirklich benötigen. So ist es den Paten möglich, zweckgebundene Spenden für die jeweiligen Bedürfnisse der Kinder zu geben, ihm etwa auch den Besuch weiterführender Schulen zu ermöglichen.


Hilfe durch Zahnbürsten und gebrauchte Kleidung


Weil in der kurzen Grundschulzeit nur das Allernötigste vermittelt wird, kommen Themen wie etwa Erziehung zur Hygiene nicht vor. Ein anderes Projekt der Freiwilligen aus ganz Deutschland hat sich deshalb des ­Hygienenotstandes angenommen.

In Zusammenarbeit mit dem wohlhabenderen Teil der einheimischen ­Bevölkerung sowie kleinstädtischen Supermärkten und Hotels werden Zahnbürsten, Zahnpasta, Seife und Handtücher gesammelt. Diese Artikel werden dann in den Grundschulen der Bergregion verteilt. Und natürlich wird dabei erklärt, wie wichtig es ist, sich die Hände zu waschen und die Zähne zu putzen.

Da praktisches Beispiel die beste Form der Vermittlung ist, üben die deutschen Freiwilligen gemeinsam mit den einheimischen Kindern den richtigen Gebrauch von Zahnbürste und Zahncreme. Unterstützend werden Plakate mit Bildern und Erläuterungen in den Schulen ausgehängt.

Ein weiteres Projekt nimmt sich des Kleidermangels der armen Bevölkerung an. Auch wenn das Klima in den Tälern Yunnans tropisch ist – die Winter in den Höhenlagen der Bergbewohner sind streng. Die Schüler in den Bergschulen, aber auch in den ­Internaten der Städte haben in der ­Regel nur eine dünne Decke zum Schlafen, eine Hose, ein Hemd und ein rotes Halstuch. Deswegen haben die Freiwilligen in Yunnan gemeinsam mit Freiwilligen in der Großstadt Tsingtau an der Ostküste Chinas ein Kleiderprojekt ins Leben gerufen.

Auf öffentlichen Plätzen der wohlhabenden Hafenstadt, die zu den wirtschaftlichen Wachstumsregionen gehört, werden Kleidersammlungen ­durch­geführt. Die gesammelten Kleidungsstücke werden gewaschen und dann in den Schulen der abgelegenen Dörfer verteilt. Ein Gemeinschaftsprojekt von Chinesen und Deutschen, das schon deutlich zu einer Verbesserung der Situation beigetragen hat.

Mechthild Sasse

Mechthild Sasse stammt aus Leipzig und war nach dem Abitur ein Jahr lang im ­Rahmen des »weltwärts«-Programms der Bundesregierung in China.

Ein Leben im Schatten der Mauer

12. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Er erlebte vom Westen aus den Mauerbau und wurde durch den Mauerfall gerettet: Christoph Wonneberger.

Christoph Wonneberger initiierte in Dresden die Friedensgebete. (Foto: Steffen Reichert)

Christoph Wonneberger initiierte in Dresden die Friedensgebete. (Foto: Steffen Reichert)

Das Allgäu also. Diese Landschaft, die Wiesen und Weiden einrahmt zwischen rauschenden Bächen. Wo sanfte Hügel zum Wandern verführen und den Blick freigeben auf die Alpen. Wo man das Gefühl grenzenloser Freiheit genießt: Das ist das Allgäu, das Christoph Wonneberger in sich trägt. In das die Familie aus Chemnitz in jenem Sommer ‘61 für vier Wochen zum Urlaub gereist ist. Unbeschwerte Tage sollen es sein für eine Familie, in der Sohn Christoph nicht die Oberschule besuchen darf, weil sein Vater Landesjugendpfarrer ist.

Mit einer Radiomeldung ist diese Ruhe im Allgäu plötzlich vorbei: »Die Sektorengrenze nach Ostberlin wird abgeriegelt«, tönt es aus dem Empfänger. Kampfgruppen, Ziegelsteine, Stacheldraht: Zuerst wird Berlin, dann Deutschland unwiderruflich geteilt. Ein Schock ist das für die Wonnebergers. Sie sitzen, reden und diskutieren. Christoph, der damals 17 ist und das alles sehr bewusst erlebt, steht vor einer der schwersten Entscheidungen seines Lebens: »Mein Vater hat mir freigestellt, nicht mit zurückzugehen. Im Westen könnte ich studieren.«

Nach Tagen des Ringens entscheidet sich Wonneberger doch mit zurückzukehren in das Land, aus dem er stammt: »Wenn ich im Westen geboren worden wäre, wäre ich wahrscheinlich dort geblieben«, glaubt der heute 67-jährige Leipziger.

Es ist ein Leben im Schatten der Mauer, das Christoph Wonneberger führt. Und das ihn prägt.

Auf der einen Seite ist die DDR das Land, das das bessere Deutschland sein will. Auf der anderen Seite jener Staat, »in dem man immer öfter suchen musste, ob von diesem Samen der Gerechtigkeit überhaupt auch etwas aufgegangen ist«.

Aber Wonneberger ist einer, und das ist er bis heute, der ändern will, der eine Vision hat. Bei ihm ist der Weg das Ziel.

So lernt er in Chemnitz Maschinenbau – studieren kann er ohne Abitur nicht. Abends paukt er Griechisch, Hebräisch und Latein. Dass er eines Tages Theologe werden wird, das weiß er noch nicht: Das Studium ist schließlich auch eine Entscheidung, um sich gegen den Vater zu emanzipieren.

Er nimmt mit einer Kirchlichen Hochschule zunächst den Umweg, den viele gehen müssen, weil ihnen das Abitur verweigert wird. Er wechselt an die Universität nach Rostock: »Ich wollte wissen, was die Welt zusammenhält.«

Wonneberger liest Hegel und Feuerbach, Karl Marx und Ernst Bloch.

Er fährt nach Prag und Marienbad, wo er Gleichgesinnte trifft und mit ihnen in jenem Frühling ’68 den Traum von einer gerechten Gesellschaft träumt. Doch eines Morgens wacht er auf: »Statt des Weckers hörte ich Maschinengewehrsalven.«

Als er, von diesem Schock innerlich tief verletzt, nach Rostock zurückkehrt und mit Kommilitonen beschließt, bei den Theologen höchstselbst eine FDJ-Gruppe zu gründen, ist es vorbei: Einige von ihnen werden zu Haftstrafen verurteilt, er selbst muss seine Prüfungen vorzeitig abschließen und die Uni verlassen.

Und doch, sagt Christoph Wonneberger, wollte er weitermachen, unbequem sein.

Als Pfarrer in Dresden betreut er Wehrdienstverweigerer und Bausoldaten. Aber weil er eigentlich nicht will, dass junge Männer Straßen bauen müssen, auf denen dann doch Panzer fahren, hat er 1980 eine Idee: die vom »sozialen Friedensdienst« – eine Art Zivildienst für die DDR. Er vernetzt Gruppen und Aktivisten, lässt Kettenbriefe versenden: »Ich dachte immer, dezentral können sie uns am wenigsten fassen. Selbst wenn ich verhaftet werde, geht es weiter.«

In jenen Jahren entsteht durch Wonneberger ein Projekt, das später die Mauer zum Einsturz bringen wird. Christoph Wonneberger begründet in Dresden die Friedensgebete.

Beten für eine bessere Umwelt, für Gerechtigkeit und für gleiche Bildungschancen. Er trägt diese Friedensgebete mit nach Leipzig an die Nikolaikirche, wohin er 1985 wechselt.

Dass er damit aneckt, auch provoziert, das weiß er. »Es gab keinen Monat, wo ich nicht zu einer Aussprache mit meinen Vorgesetzten musste.« Die Stasi beschwert sich nicht bei ihm, sondern beim Bischof oder dem Landeskirchenamt.

Dabei ist er für diese DDR, er will sie nicht abschaffen, er will sie reformieren. Er ist auch gegen jene, die in die Kirche nur kommen, um leichter ausreisen zu können. Aber all das kann er nicht öffentlich erklären. Nur so viel ist ihm klar.

Als im Sommer ’89 der Eiserne Vorhang Risse bekommt und Zehntausende über Ungarn und die ČSSR das Land verlassen, weiß er, »dass wir jetzt eine deutlichere Sprache sprechen müssen«.

Er wirbt für Demokratie, ist tage- und nächtelang auf Achse.

Aber dann – auf dem Höhepunkt dieser friedlichen Revolution – erleidet der damals 45-Jährige am 30. Oktober 1989 einen schweren Schlaganfall.

Als Christoph Wonneberger Tage später aufwacht, gibt es die Mauer, auch die alte DDR so nicht mehr. Er liegt auf der Intensivstation eines Leipziger Krankenhauses. Er kann nicht verarbeiten, was da geschieht, er kann auch nicht sprechen.

So ist es auf schicksalhafte Weise jener Mauerfall, der ihm nun das Leben rettet.

Freunde aus der Partnergemeinde Hannover besuchen ihn fünf Tage nach dem 9. November am Krankenbett. »Die haben dann einfach gesagt: Hier tut sich ja gar nichts. Wir nehmen dich jetzt mit.« Setzen ihn ins Auto, packen den Arztbrief ein und fahren los. Und so wird nun möglich, was vorher undenkbar schien: Der schwer kranke Wonneberger fährt über ­Marienborn und Helmstedt – das deutsch-deutsche Nadelöhr – hinüber nach Hannover.

Ein Jahr bleibt er dort und lernt das Leben neu. Er ist weit weg von den großen Ereignissen, die Deutschland so gründlich verändern. Er genießt mit diesem Abstand eine Normalität, die ihm hilft, den Alltag zu ­bewältigen. So schön das auch ist, so wehmütig ist er manchmal auch.

»Natürlich«, sagt der Pensionär Wonneberger heute über jene Tage, »hätte ich den damaligen Prozess gerne selber mitbegleitet. Vielleicht hätte man von den Idealen der Gerechtigkeit mehr mit hinübernehmen können.«

Die Freiheit des Einzelnen und die Gerechtigkeit für alle – das bleibt weiter sein Thema. Und so wird er auch diesen Sommer genießen. Ganz grenzenlos, versteht sich. Wonneberger und Frau radeln 2000 Kilometer von Budapest ans Schwarze Meer. Es geht über Serbien und Bulgarien bis an die Küste von Rumänien. Und Christoph Wonneberger wird dabei nicht ein einziges Mal seinen Reisepass benö­tigen.

Steffen Reichert

Bizarr und verstörend

5. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Religiöse Themen motivieren zeitgenössische Künstler zu einer Neuinterpretation.
 
Blick in die Ausstellung »What Happened to God?«. (Foto: Maik Schuck)

Blick in die Ausstellung »What Happened to God?«. (Foto: Maik Schuck)

Dass unsere Welt auf vielfältige Weise von religiösen Symbolen, Vorstellungen und Ideen über Gott und das Göttliche beeinflusst ist, diesem Phänomen versucht die Ausstellung in der Weimarer ACC-Galerie ­unter dem Titel »What Happened to God?« nachzuspüren.

Wer sich dem Thema Religion ­nähern will und vielleicht Antworten auf die Frage nach Gott sucht, schaut hier allerdings auch in dunkle Abgründe. Auffällig ist, dass viele der an der Schau beteiligten zeitgenössischen Künstler Religion mit Gewalt, Exzessen und Blutvergießen verbinden.

In dem Video »Angels of Revenge« kommen dem Betrachter durch einen dunklen, schmalen Gang Teilnehmer eines Kostümwettbewerbs entgegen. Als Zombies, Monster und Werwölfe verkleidet sprechen sie grausame Flüche und Beschimpfungen aus, drohen Gewalt an. Die Idee des Künstlers Christian Jankowski: In einer Horrormesse sollten sich die Beteiligten ihrer Aggressionen auf erdachte oder tatsächliche üble Feinde entledigen.

Die Ausstellung strotzt von abstoßenden Szenen. Blutbesudelte, die den Vergleich mit Schlächtern nahelegen. Auch das zentrale Ereignis im Christentum, die Kreuzigung Jesu, deuten Künstler als ein Geschehen wie im Blutrausch. Zu sehen sind drastische Bilder von Orgien und Prozessionen.

Die Präsentation erkundet auf der einen Seite die dunkle Welt der gewalttätigen norwegischen Black-Metal-Szene. Black Metal ist eine Subkultur des Metal. Diese Musikrichtung entstand in den 1980er Jahren in Norwegen und Schweden und breitete sich dann in Europa aus. Der ameri­kanische Dokumentarfotograf Peter Beste porträtierte die Protagonisten dieser extremistischen Bewegung, ein düsterer Mix von Heavy-Metal-Musik, Horror, Satanismus, heidnischem Glauben, nordischer Mythologie und adoleszenter Lebensangst.

Was ist mit Gott passiert? Wo ist er angesichts von Fanatismus und Terror, Gewalt und Krieg? Die bizarren und verstörenden Bilder scheinen verzweifelt nach einer Antwort auf diese Fragen zu suchen. Andere Arbeiten spüren dem Faszinierenden in der ­Religion nach.

»Was veranlasst zeitgenössische Künstler, in ihren Werken religiöse Motive aufzunehmen?« Mit dieser Frage beschäftigt sich ein 60-minütiger Dokumentarfilm »Amen! Die Kunst und ihr Heimweh nach Gott«. Die Filmemacherin Julia Benkert, Jahrgang 1970, zeigt darin verschiedene religiöse Gegenstände, die zeitgenössische Künstler zu einer Neuinterpretation anregten: die Dornenkrone, das Kreuz, ein Weihrauchpendel. Eine mehr als zwei Meter hohe Installation von Radiorecordern in einer Kirche simuliert die Posaunen von Jericho, deren Schall die Stadtmauer nach dem alttestamentlichen Bericht in Josua 6, einfallen ließ.

Das österreichische Künstlerpaar Helmut und Johanna Kandl –, beide wurden katholisch erzogen, haben sich aber vom kirchlichen Leben ­entfernt –, beschäftigt sich mit Wallfahrten. Fotos und Videos entstanden bei ihren Besuchen in verschiedenen Wallfahrtsorten.

Diese und weitere Objekte können als Beispiele für das Positive von Religion und Glauben angesehen werden. Im Übrigen vermittelt die Schau einen eher düsteren Einblick und sie wirkt teilweise diffus und konzeptionslos. Den Besucher, der sich dem Phänomen Religion nähern will und auf Antworten hofft, lässt sie allzu oft ratlos.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »What Happened to God?« in der ACC-Galerie Weimar, Burgplatz 1 und 2 ist bis 28. August, montags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr, freitags und sonnabends von 12 bis 20 Uhr zu sehen.

Vom 17. September bis 24. Oktober wird sie in Halle 14, Zentrum für zeitgenös­sische Kunst in der Leipziger Baumwollspinnerei, Spinnereistr. 7, dienstags bis sonnabends von 11 bis 18 Uhr gezeigt.

Katastrophe des Wegschauens

5. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Für Cornelia Füllkrug-­Weitzel, die Leiterin der evangelischen Hilfswerke »Brot für die Welt« und ­Diakonie Katastrophenhilfe, ist im Blick auf Ostafrika schnelles Handeln nötig. ­Elvira Treffinger sprach mit ihr.


Cornelia Füllkrug-Weitzel (Foto: Brot für die Welt)

Cornelia Füllkrug-Weitzel (Foto: Brot für die Welt)

Frau Füllkrug-Weitzel, aus Ostafrika kommen schreckliche Bilder von abgemagerten Menschen. Zwölf Millionen Männer, Frauen und Kinder sind von Hunger bedroht. Bahnt sich dort eine riesige Katastrophe mit vielen Toten an?
Füllkrug-Weitzel: Anbahnen scheint mir das falsche Wort. Die Katastrophe hat längst begonnen, Menschen und Herden sterben schon in der Region, die die größte Dürre seit 60 Jahren verzeichnet. Eine Dürre, die zum Beispiel in Somalia und im Sudan Menschen trifft, die durch Jahrzehnte gewaltsamer Konflikte, Zerstörung und Flucht ohnehin extrem arm, geschwächt und wenig widerstandsfähig sind.

In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts bewegten dramatische Hungersnöte am Horn von Afrika die Welt. Hat man daraus nichts gelernt?
Füllkrug-Weitzel: Leider muss man sagen: Es ist zu wenig geschehen! Die Gewaltkonflikte am Horn von Afrika haben nicht nur keine Gelegenheit gelassen, in Entwicklung – das heißt in Bildung, die Stärkung der Menschenrechte, die soziale Infrastruktur und in Einkommensmöglichkeiten – zu investieren. Sie haben im Gegenteil die Voraussetzungen dafür noch weiter ruiniert.

Schon länger wären entschiedene Anstrengungen zur Anpassung an die Erderwärmung notwendig gewesen. Denn dass die Region im Zuge des Klimawandels zunehmend mehr unter Dürren, unmäßigen und ­un­regelmäßigen Regenfällen leiden würde, war abzusehen. Jetzt muss zugleich mit der Nothilfe auch an langfristigen, nachhaltigen Lösungen gearbeitet werden.

In Kenia leben bereits mehrere Hunderttausend Somalier im größten Flüchtlingslager der Welt. Wie können die Menschen in den Dürregebieten gerettet werden?
Füllkrug-Weitzel: Tatsächlich ist jetzt kurzfristig in sehr großem Stil internationale Hilfe bei der Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln notwendig. Die ausländischen Summen, die bisher in die Unterstützung der Menschen in der Region geflossen sind, sind lächerlich. Die größte Katastrophe ist das Vergessen und Wegschauen. Jetzt ist es an der Zeit, das zu ändern! Wir brauchen Spenden und Zusagen der Regierungen des Westens, die Mittel für die UN-Hilfswerke aufzustocken.

Die Krieg führenden Parteien in Süd- und Zentral-Somalia, wo die Dürre besonders dramatisch in den fruchtbarsten Gebieten des Landes wütet, müssen dazu gebracht werden, freien Zugang für humanitäre Helfer zu garantieren und deren Neutralität zu akzeptieren. Wir und unsere Partner werden weiterhin nicht bereit sein, unsere Hilfe politisch instrumentalisieren zu lassen. Alle Menschen, die hungern in der Region – egal welcher religiösen, ethnischen oder politischen Zugehörigkeit – brauchen Hilfe!

Spendenkonten

Diakonie Mitteldeutschland, Konto 800 8000 bei der Evangelischen Kreditgenossenschaft, BLZ 52060410, Kennwort: Ostafrika

Diakonie Sachsen, Konto 100100100 bei der LKG Sachsen – Bank für Kirche und Diakonie, BLZ 35060190, Kennwort: Ostafrika

Dem Segen auf der Spur

Der biblische Stammvater Jakob segnet seine Enkel - ein Gemälde von Rembrandt van Rijn.

Der biblische Stammvater Jakob segnet seine Enkel - ein Gemälde von Rembrandt van Rijn.

In der Bibel wird der Segen meist vom Vater auf den erstgeborenen Sohn weitergegeben. Jakob erschleicht sich den Segen des blinden Isaaks, indem er vortäuscht sein ­älterer Bruder Esau zu sein. Was Segen für sie persönlich bedeutet, beschreibt die Autorin, Karin Vorländer, in einem zweiteiligen Beitrag in dieser und der nächsten Ausgabe.

»Darf ich Sie mal was fragen? Sie ­sagen immer ›gesegnete Feiertage‹, statt schönes Fest – was meinen Sie eigentlich damit?« Die Frage der jungen Frau an der Kasse im Supermarkt ließ mich vom Einpacken meiner Feiertagseinkäufe hochschauen.

Ach du Schreck! Wie sollte ich das in wenigen Sätzen erklären?

»Das hier ist Segen«, sagte ich und deutete auf meinen vollen Warenkorb. »Fülle, Überfluss, dass das alles gewachsen ist und dass ich es mir kaufen kann.«

Der abwartende Blick der Kassiererin ließ mich einen zweiten Anlauf machen: »Segen heißt für mich auch, dass ich das Gefühl habe, so wie ich bin, bin ich gut genug, ich bin gewollt und geliebt. – Ein Fest ist für mich gesegnet, wenn alle das spüren: Wir leben von dem, was Gott wachsen lässt und wir leben unter dem wohlwollenden Blick der Güte Gottes.«

»Ach so«, meinte die Kassiererin beim Wechselgeld herausgeben immer noch ein bisschen ratlos.

Auf dem Nachhauseweg sinnierte ich: »War das eine verständliche Erklärung – oder hätte ich besser kurz erzählt, dass wir unsere vier Kinder kurz nach ihrer Geburt haben segnen lassen?

Dass wir seit fast 25 Jahren jede Woche ein Sonntagsbegrüßungsfest in unserer Familie feiern, bei dem wir uns am Ende der kleinen Liturgie und vor dem leckeren Essen eine ›gesegnete Woche‹ wünschen?

Dass ich unsere Mahlzeiten mit einem Tischgebet oder zumindest mit ›gesegnete Mahlzeit‹ eröffne?

Dass ich unserem erwachsenen Sohn, ehe er für ein Jahr nach Kalifornien aufbrach, wortlos ein kleines Kreuz als Reisesegen auf die Stirn gezeichnet habe?

Dass ich unsere Kinder für unverfügbares Geschenk Gottes halte?

Als Eltern wollten wir ihnen nichts lieber vermitteln als das Grundgefühl: »Ich bin willkommen auf der Welt. Komme was mag, ich habe zu Hause Zuflucht, Schutz und Hilfe«.

Oder hätte ich beim allgemeinen Sprachgebrauch ansetzen sollen?«

Etwa bei: »Ein Segen, dass du kommst«, »Erntesegen«, »Kindersegen«, »meinen Segen habt ihr«. – Überall klingt an: Da wird etwas gut geheißen, als Glück empfunden, da ist Fülle, Schutz und Gedeihen. Und es klingt auch durch: Segen hat mit Unverfügbarkeit zu tun, da ist etwas der menschlichen Machbarkeit entzogen: Erntesegen: »Wir pflügen, und wir streuen – doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand«, heißt es in dem alten Erntedanklied, das ich so gerne singe. Und wenn der »Haussegen schief hängt«? Dann ist da kein gedeihliches Zusammenleben, da wachsen weder Frieden noch Glück.

Eine Bauersfrau hat mir erzählt, dass ihr Enkelkind morgens vor der Schule – und besonders gern vor einer Klassenarbeit – bei ihr klingelt und sie bittet: »Oma, mach mir ein Kreuzchen auf die Stirn.« Sie praktiziert, wie Segnen im Alltag aussehen kann: Jemanden bewusst unter den Schutz Gottes stellen, ihm Fülle und Gelingen zusprechen.

Segnen, das ist mehr als ein guter Wunsch.

Segen kommt von »signare« und bedeutet: »bezeichnen«. Natürlich kommt es dabei auch darauf an, Segen nicht als magisches Ritual misszuverstehen. Was, wenn die Arbeit trotz Kreuz auf der Stirn danebengeht? »Dann nehme ich den Enkel in den Arm und sage: »Macht nix, ich hab dich trotzdem lieb«, erklärte mir die Bäuerin.

Segnen heißt: Wir sind handsignierte Unikate – komme was mag.

Denn das Erstaunliche ist, dass wir heute dieselbe Erfahrung machen wie Menschen in biblischer und vorbiblischer Zeit: nämlich, dass das Leben voller Gefahren ist, dass es jeden Augenblick die Erfahrung mit sich bringt, ausgeliefert zu sein wie ein ausgesetztes Kind. Und darum gibt es die Sehnsucht nach Segen auch noch heute: nach Schutz in ungesicherten Situationen, nach Behütet werden. Nicht zuletzt deshalb ist der Segen an Schwellen des Lebens gefragt: Geburt, Erwachsenwerden, Heiraten, Sterben.

Am Anfang des Lebens bringen die meisten Eltern ihre Kinder zur Taufe. Dabei steht sehr oft der Wunsch nach Segen im Vordergrund: Angesichts des Wissens, wie zerbrechlich das Leben ist, stellen sie es unter den Schutz dessen, von dem alles Leben kommt.

Hauen, stechen, schießen – kämpfen unter Gottes Wort?

31. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Auf dem Trabharnisch des Herzogs August von Sachsen von 1547 ist ein kniender Ritter vor dem Kruzifix zu sehen. (Foto: ddp images/dapd/Norbert Millauer)

Auf dem Trabharnisch des Herzogs August von Sachsen von 1547 ist ein kniender Ritter vor dem Kruzifix zu sehen. (Foto: ddp images/dapd/Norbert Millauer)

Ausstellung im Dresdner Residenzschloss thematisiert das Verhältnis von Macht und Religion.

Ein bedeutendes Jubiläum wirft seine Schatten voraus. Im Jahre 2017 wird das 500-jährige Reformationsjubiläum begangen. Bereits 2008 wurde in Wittenberg die »Lutherdekade« eröffnet, u. a. mit der Absicht, die folgenden zehn Jahre zu ­nutzen, auch mittels der Kunst auf dieses Ereignis von Weltbedeutung hinzuweisen.

Im Dresdner Residenzschloss ist noch bis 15. August eine Ausstellung zu sehen, deren Exponate auch auf ungewöhnliche Weise die Zeit der Reformation und ihre Ereignisse auf sehr spezielle Art lebendig werden lässt. Den Staatlichen Kunstsammlungen, aus deren Beständen sich die Schau zusammensetzt, sei damit »ein kleines Kabinettstück gelungen«, so Kulturstaatsminister Bernd Neumann in seinem Grußwort des aufschlussreichen, ansehenswerten Kataloges.

In zwei Räumen gibt es insgesamt 30 Exponate zu sehen, worunter allerdings 19 Mal Waffen zu bestaunen sind. Es sind prunkvolle Stücke, Rapiere, Dolche, Schwerter und Pistolen, dazu zweimal ein schlachterprobter Harnisch.

Bei den Hieb-, Stich- und Schusswaffen lohnt es genauer hinzusehen. Einmal wegen der kunstvollen Ausführungen, wie z. B. dem Prunkdolch Johann Friedrich I., des Großmütigen, Kurfürst von Sachsen, aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Man ist geneigt das Ebenmaß der Waffe zu bewundern und staunt nicht schlecht, dass sie Abbilder des Besitzers und seiner Ehefrau zieren, dazu auf dem Mundblech der Scheide eine biblische Szene, Abigail und David.

Eine wahre »Bilderbibel« mit insgesamt 23 Darstellungen aus der Heiligen Schrift ziert Rapier und Dolch des Kurfürsten August von Sachsen. Auch auf seinen Pistolen können wir Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament bestaunen.

Auf einem Harnisch kniet ein Ritter unterm Kreuz, und das Kurschwert des Herzogs ­Moritz von Sachsen ziert nicht nur ein Silberkreuz, auch eine Inschrift, die Jesus zitiert, der im 26. Kapitel des Matthäusevangeliums vor dem Gebrauch des Schwertes warnt und dem Kämpfer den Tod durch eine solche Waffe ankündigt.

Zu sehen ist in der Ausstellung auch Martin Luthers »Hauswehr«, eine Blankwaffe, die er zum Zwecke der Selbstverteidigung und zum Schutz seines Hausfriedens hätte nutzen wollen.

Nicht dass diese gut aufgestellte und höchst informativ gestaltete Schau allein Waffen zeigt, da sind wunderbare andere Exponate zu sehen, etwa ein Trinkgefäß als Pelikan, einem Tier, das in der ikonografischen Tradition zum Christussymbol wurde, die reich verzierte Prachtmitra des Erzbischofs von Brandenburg oder golddurchwirkt gestrickte rote Pontifikalhandschuhe.

Es geht aber, so der Titel und die Unterzeile der Ausstellung, um die Verbindung von Macht und Glauben, um das Verhältnis von Macht und Religion: »Erhalt uns, Herr, pei deinem Wort – Glaubensbekenntnisse auf kurfürstlichen Prunkwaffen und Kunstgegenständen der Reformationszeit.«

Beschriftungen und vor allem der Katalog verhelfen zu historischen Einordnungen, klären auf über zeitbedingte Ansichten und daraus zu erklärendes Zusammenwirken von Religion und Politik.

Die Bekenntnisse auf den Waffen, darauf weist der sächsische Landesbischof Jochen Bohl hin, dokumen­tieren den inneren Standpunkt ihrer Träger in einer Zeit, als Religion alles andere als Privatsache war. Er schlägt mit seinen Gedanken eine Brücke in die Gegenwart, fordert das öffentliche Bekenntnis, das aber anders als in den Auseinandersetzungen der Reformationszeit nichts mit Gewalt zu tun habe.

Die Brisanz aber bleibt bestehen, die Frage nach dem Verhältnis des Gebotes vom grundsätzlichen ­Tötungsverbot und der Idee vom »rechtmäßigen« Krieg provoziert umstrittene Antworten. Vom Evangelium her, so der Bischof, gehe es darum, rechtmäßigen und gerechten Frieden anzustreben.

Historische Exponate schärfen den Blick auf gegenwärtige Zusammenhänge.

Boris Michael Gruhl

Die Ausstellung im Dresdner Residenzschloss ist noch bis zum 15. August täglich, außer dienstags, von 10 bis 18 Uhr, ­geöffnet.

Wie viel Bio ist im Biosprit?

29. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Energiepolitik: Ein Blick ins Ethanol-Herstellerland Brasilien zeigt die Folgen des Hungers nach Kraftstoff.

Rauchpilze über dem Rio Sao Francisco: Auf brasilianischen Zuckerrohrplantagen werden vor der Ernte die Seitenblätter abgefackelt. Aus dem  Zuckerrohr wird vor allem Bioethanol hergestellt. (Foto: Klaus Hart)

Rauchpilze über dem Rio Sao Francisco: Auf brasilianischen Zuckerrohrplantagen werden vor der Ernte die Seitenblätter abgefackelt. Aus dem Zuckerrohr wird vor allem Bioethanol hergestellt. (Foto: Klaus Hart)

Eine Mehrheit der Deutschen lehnt den sogenannten Biosprit E10 nach wie vor ab – zumeist aus Sorge um ihr Auto. Doch es gibt weit ­gewichtigere Argumente ­gegen den neuen Kraftstoff.

Wer derzeit Urlaub in Brasilien macht, wo aus Zuckerrohr die E10-Beimischung Ethanol erzeugt wird, sieht Flächenbrände bis zum Horizont – ob um die Megacity Sao Paulo oder im nordöstlichen Küsten-Teilstaat Alagoas. Über vier Meter hohe Flammenwände fressen sich dort auf breiter Front an die Straße heran, Asphalt wird zu Matsch und dichte, ätzende Rauchwolken verdunkeln die Sonne.

José Teixeira Rodrigues muss höllisch aufpassen. Fährt der Franziskaner zum Kloster Penedo zurück und gerät in das Flammenmeer, den giftigen Qualm, wäre das sein Ende. Wie das Schicksal ungezählter Tiere, die links und rechts der Fahrbahn lebendig verbrennen.

Monokultur, Agrargifte und weitere Regenwaldabholzung

»Wie zur Kolonialzeit werden kurz vor der Zuckerrohrernte die Seitenblätter abgefackelt – ein Verbrechen auch gegen den Klimaschutz«, empört sich Pater Rodrigues. Sogar im Kloster direkt am Rio Sao Francisco hat er den Brandgeruch in der Nase – denn gleich zwei Zucker- und Ethanolfabriken stehen jetzt nahe der uralten Bischofsstadt Penedo.

»Auch wegen der Brände ist die Lage hier trist – die Zuckerbarone beherrschen die ganze Region politisch und machen mit der Umwelt, was sie wollen. Obwohl wir von der Kirche viel Aufklärungsarbeit leisten, fehlt es den Menschen an Umweltbewusstsein. Denn dieser Teilstaat hat die höchste Rate an Analphabetismus und Arbeitslosigkeit.«

Früher gab es am Rio Sao Francisco dichte Uferwälder mit bis zu 60 Meter hohen Bäumen, unglaublich viele exotische Vögel und Säugetiere, Fische und Langusten im Überfluss. Doch dann wurde zugunsten des ­Zuckerrohranbaus massiv abgeholzt, immer mehr Agrargift in den Rio Sao Francisco gespült.

Um Penedo verschwanden 30 Fischarten komplett, die Fänge gehen um 90 Prozent zurück.

Roberto Malvezzi, landesweit bekanntester Umweltexperte der Kirche, nennt Zuckerrohr daher eine umweltschädliche Monokultur: »Ethanol aus Zuckerrohr ist kein sauberer Kraftstoff. Immer wieder brechen Plantagenarbeiter an Überanstrengung tot zusammen. Um die Anbauflächen zu erweitern, wird abgeholzt, vertreibt das exportorientierte Agrobusiness Indiostämme und Kleinbauern sogar durch Terror und Mord. Hinter moderner Fassade verstecken Großfirmen nur zu oft Sklavenarbeit.«

Plantagenbrände geraten zunehmend außer Kontrolle

Mehrere Tausend Kilometer weiter südlich, im Teilstaat Sao Paulo, machen die Plantagenbrände derzeit laut Mario Mantovani, Präsident der Umweltstiftung »SOS Mata Atlantica«, die Naturschutzgebiete kaputt. Denn das Feuer gerät außer Kontrolle, frisst sich in Schutzzonen und Wälder.

»Alle denkbaren Vorteile von Ethanol werden allein durch das Abfackeln aufgehoben. Der Ausstoß an Dioxin und ­klimaschädlichen Gasen ist immens. Die Gesundheitsposten bei Sao Paulo sind voll von Leuten, die schwere Atemprobleme haben, Sauerstoffbehandlungen brauchen.«

2007 löste der Dominikaner Frei Betto mit seiner provozierenden Formel »Biosprit ist Todessprit« in Europa sogar Parlamentsdebatten aus. Der viel gerühmte Öko-Treibstoff soll Armen und Hungernden rund um den Erdball den Tod bringen?

Viele hielten Frei Bettos These für überdreht, realitätsfremd. Dass viele Lebensmittel in Brasilien teurer als in Deutschland sind, unerschwinglich für Arme, wird verdrängt.

Derzeit gibt es erneut ­brutale Preissprünge – und spürbare Klimaveränderungen wegen massiver Abholzung im Amazonasgebiet.

Erneutes Nachfragen deshalb im Dominikanerkloster Sao Paulo bei Frei Betto, der zu Brasiliens führenden Intellektuellen gehört und zahlreiche in- und ausländische Menschenrechts- und Literaturpreise erhielt.

»Ja – die Landnutzung für Zuckerrohr bewirkt den Tod vieler Menschen! Wenn man die Ackerfläche für Nahrungsmittel verkleinert, steigen deren Preise, sterben viele Menschen, die sich keine guten Grundnahrungsmittel leisten können.«

Frei Betto zitiert UNO-Daten, wonach die Zahl der chronisch Hungernden in der ganzen Welt auf über eine Milliarde anwuchs. Aber sicherlich ist doch Brasilien, immerhin achtgrößte Wirtschaftsnation der Welt, davon ausgenommen?

Frei Betto bleib dabei: »Biosprit ist Todessprit«

Frei Betto verneint: »Unsere Regierung räumt offiziell ein, dass es noch 16,2 Millionen Hungernde in absolutem Elend gibt – doch aus meiner Sicht sind es doppelt so viele!« Zwei Jahre hatte er im Präsidentenpalast von Brasilia sein Büro nur einige Türen vom damaligen Staatschef Lula da Silva entfernt, arbeitete für das Anti-Hunger-Programm. Als es zum Stimmenkaufprogramm deformiert wird, Bedürftige von Regierungsalmosen abhängig macht, legt Frei Betto den Posten nieder.

Brasilien ist weit weg, muss uns in Deutschland das wirklich interessieren? »Bei Euch redet alles von Klimaänderung, Treibhaus-Effekt. Ethanol aus Zuckerrohr wie im E10 treibt ihn voran«, kontert der Dominikaner und hat wissenschaftliche Studien parat: Wegen der Zuckerrohrplantagen wurden riesige Urwaldgebiete Amazoniens abgeholzt, was das ökologische Gleichgewicht in Nord- und Südamerika schädigt, sich auf die ganze Welt negativ auswirkt. Denn Amazoniens Regenwald ist der größte des Planeten. Und die Regenfälle, ob im Süden Floridas oder Argentiniens, hängen von der Verdunstung in Amazonien ab.

Die Megacity Sao Paulo zählt über 2000 rasch wachsende Slums. Auch das hat für Frei Betto mit Ethanol, mit E10 zu tun – denn mehr Zuckerrohranbau bewirkte Vertreibung von Kleinbauern, Landarbeitern: »Ein Heer von Arbeitslosen zieht im Lande umher und verdingt sich bei der Zuckerrohrernte, haust den Rest der Zeit aber in Slums mit Drogen, Gewalt, Prostitution.«

Klaus Hart

Ein Land in Schmerz und Trauer

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Norwegen: In Zeiten der Not erweisen sich gerade die Kirchen als Sammelpunkt für Menschen, die dem Hass widerstehen wollen.

Autor Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und lebt seit elf Jahren in Norwegen. Er ist Gemeindepfarrer in Haram und Fjørtoft auf den Inseln der Westküste, nördlich von Ålesund.

Autor Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und lebt seit elf Jahren in Norwegen. Er ist Gemeindepfarrer in Haram und Fjørtoft auf den Inseln der Westküste, nördlich von Ålesund.

Norwegen gilt vielen als Sehnsuchtsort: offen, friedlich, weiträumig. Und jetzt diese blutige Tragödie. Ein norwegischer Pfarrer berichtet über das Leben nach dem Attentat.

Die Fahne weht auf Halbmast, auch vor unserem Haus und vor unserer Kirche. Wir stehen unter Schock. Es ist unbegreiflich, dass sich ein zweites Attentat wie 1995 in Oklahoma-City in unserem friedlichen Land ereignet haben soll. Das bisher frei zugängliche Regierungsviertel nördlich der Domkirche in Oslo ist schwer verwüstet, doch Ersatzbüros in Oslo werden schnell gefunden sein und die Regierung wieder arbeiten.

Nicht zu ersetzten sind die Toten und Verletzten durch die Bombe in Oslo und das unbegreifliche Massaker auf Utøya im Tyrifjord, einem der größten Binnenseen Norwegens nordwestlich von Oslo.

Die Regierung hat uns bisher versprochen, dass ­unser freies und offenes Land auch morgen noch wiederzuerkennen sein wird. Wir hoffen, dass sie damit recht behalten wird. Und es besteht zumindest eine Chance dafür, da der Täter, wie es aussieht, ein rechtsextremer norwegischer Einzelgänger war.

Bisher habe ich auch noch nicht ausrücken müssen.

Als Pfarrer der norwegischen Volkskirche gehört es zu meinen Aufgaben, Todesnachrichten im Gebiet meiner Gemeinden zu überbringen. Es gibt sogar einen eigenen Bereitschaftsdienst der Pfarrer dafür, eingebunden in die kommunalen Krisenteams. Doch bisher hat die Polizei zum Glück noch nicht bei mir angerufen.

Norwegen ist zwar ein weites Land, aber es gibt nur wenige Einwohner. Auch wenn die Bevölkerung wächst, mehr als fünf Millionen sind es nicht. ­Jeder kennt jemanden, der direkt oder indirekt berührt ist: Die Schwieger­eltern der Kulturministerin kommen aus unserer Gemeinde, die Frau eines Gemeindemitglieds arbeitet in einem der Ministerien in Oslo, eine andere Frau aus der Gemeinde wurde durch Glassplitter bei der Explosion in Oslo verletzt.

Haram und Fjørtoft, meine beiden Gemeinden, sind mehr als 500 Kilometer von den Schauplätzen der Tragödie entfernt, aber niemand ist wirklich verschont worden: Der Stiefbruder der Kronprinzessin starb, als er auf Utøya versuchte, das Leben seines zehnjährigen Sohnes zu retten. Der Sohn überlebte.

Gerade in schweren Zeiten erweisen sich die Kirchen als ein Sammelpunkt für die Menschen und es ist gute Tradition, sie bei lokalen und nationalen Krisen und Katastrophen zu öffnen. Viele Menschen in Oslo gehen zur Domkirche und dem Meer aus Blumen und Kerzen dort, um überhaupt realisieren zu können, was geschehen ist.

Norwegen versucht dem Hass zu widerstehen, niemand verlangt nach Rücktritten oder ruft nach der Todesstrafe. Ein Zitat aus diesen Tagen: »Wenn ein Mann so viel Hass schaffen kann, kann man sich nur vorstellen, wie viel Liebe wir alle gemeinsam schaffen können.«

Eigentlich sollte jetzt Wahlkampf sein. Denn für den 12. September sind Kommunal- und Regionalwahlen, aber auch Wahlen zu Kirchgemeinderäten und Bistumsräten festgesetzt. Doch der Wahlkampf wird auf längere Zeit ausgesetzt. Am Montag um 12 Uhr stand das ganze Land still: Kein Auto, kein Flugzeug, kein Rasenmäher, nichts war zu hören. Aber unser Leben muss weitergehen.

»Å ta vare på kvarandre« ist ein Ausdruck, den wir in Norwegen oft in diesen Tagen verwenden. Er bedeutet so viel wie »einander beschützen« und »aufeinander aufpassen«.

Eine Gesellschaft ist mehr als eine Menge von Individuen und dabei haben wir als norwegische Kirche und als norwegische Pfarrer eine wichtige Aufgabe. Wir haben diese Aufgabe nicht weil unsere Gehälter vom Staat bezahlt werden, sondern weil wir Norweger sind.

Auch ich bin Norweger, obwohl ich in Deutschland geboren bin und meinen Namen immer und immer wieder buchstabieren muss. Ich bin Norweger, nicht weil ich einen norwegischen Pass habe, sondern weil ich es wie viele andere meine, wenn ich die Nummer 737 aus unserem Kirchen­gesangbuch singe: »Ja, vi elsker dette landet« – »Ja, wir lieben dieses Land«.

Michael Hoffmann

USA: Eine Nation im demografischen Wandel

20. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Hoch oben auf einem Kran weht die rot-weiß-blaue Nationalflagge der USA. Aus übergroßen Lautsprechern tönt Patriotismus pur, die Hymne des Country-Sängers Lee Greenwood, »I am proud to be an American« (ich bin stolz, Amerikaner zu sein). Imbissbuden verkaufen Hamburger und Hotdogs. Hunderte Junge, Alte und Kinder sitzen auf ­Decken und Klappstühlen oder einfach im Gras in Erwartung der Hauptattraktion: In der Abenddämmerung explodieren schließlich die Feuerwerke. Es funkelt, knallt und blitzt. Denn es ist der 4. Juli. So oder so ähnlich wird überall in den USA der Geburtstag der Nation gefeiert.

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten von Amerika gegründet. Von weißen, englisch-sprechenden Siedlern aus Europa.

Bei »meiner« Geburtstagsparty in College Park im Bundesstaat Maryland fällt auf: Viele Feiernde sprechen spanisch. Sie stammen aus Mexiko und Mittelamerika. Einwanderer der ersten und zweiten Generation. Die USA befinden sich im demografischen Wandel: Man muss die Bilder in den Köpfen revidieren, dass »der Amerikaner« weiß ist. Dass die USA so etwas sind wie ein britischer oder mittel­europäischer Ableger auf einem anderen Kontinent. Etwa im Jahr 2040, in knapp drei Jahrzehnten, schätzt die Statistikbehörde »Census Bureau«, werden Nicht-Weiße, also Latinos, Afroamerikaner und aus der Dritten Welt stammende Menschen, mehr als die Hälfte der US-Gesamtbevölkerung ausmachen.

Gründe sind Einwanderung und Geburtenraten: Einwanderung aus Lateinamerika, der Karibik, aus Asien und aus Afrika. Die Einwanderer sind im Schnitt deutlich jünger als die ­weißen US-Amerikaner und haben folglich auch mehr Kinder. Nach jüngsten Erhebungen des »Census Bureau« machen »Minderheiten«-­Babys gegenwärtig mehr die Hälfte der Neugeborenen der USA aus. In zehn Bundesstaaten, darunter Kalifornien, Texas, Florida und Maryland stellen die »Minderheiten« zusammen bereits die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen.

Im weißen Amerika wird gerungen, ob man das als Bedrohung sehen will oder als Bereicherung und als Chance, die Nation neu zu erfinden. Es geht nicht nur um gesellschaftliche Vorurteile, sondern letztendlich um die politische Macht. Man sah’s bereits bei den letzten Präsidentschaftswahlen: Barack Obama wäre ohne
die Stimmen der Afroamerikaner und der Latinos (66 Prozent wählten Obama) nicht Präsident geworden. Nur 43 Prozent der Weißen stimmten für Obama. Die sich von den vielen »Ausländern« bedroht Fühlenden fordern drakonische Gesetze gegen »Illegale«, obwohl ohne gültige Papiere Eingewanderte nur einen kleinen Teil des »ausländischen« Zuwachses ausmachen.

Das kann hässlich werden. Im Bundesstaat Alabama beispielsweise wurde es unter Strafe gestellt, einen »Illegalen« im Auto mitzunehmen. Kann heißen: Eine in den USA geborene junge Frau (wg. Geburt ist sie ­automatisch Bürgerin) macht sich strafbar, fährt sie ihre illegal in die USA gekommene Mutter zum Einkaufen. Doch viele weiße US-Amerikaner, vor allem die jungen, sehen die Bevölkerungsdynamik gelassener. Welche Hautfarbe man hat, wo man herkommt, ist den Jungen nicht mehr so wichtig. Immer häufiger sieht man »gemischte« junge Paare. Bei den Erhebungen des »Census Bureau« weigern sich immer mehr Menschen, sich nur einer Rasse zuzuordnen. Und: 54 Prozent der weißen Wähler zwischen 18 und 29 Jahren stimmten für Obama.

Konrad Ege

Turbulent, burlesk, heiter

19. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Sommertheater erinnert an zwei Ereignisse in der Geschichte des Protestantismus.

Tina Rottensteiner und Frank Roder als Katharina von Bora und Martin Luther. Foto: David Ortmann

Tina Rottensteiner und Frank Roder als Katharina von Bora und Martin Luther. Foto: David Ortmann

Sommertheater soll leicht sein, aber nicht flach. Denn der Mensch will sich vergnügen und nicht unbedingt Probleme wälzen, zumal sich von der Zuschauerbank der Weltfrieden ohnehin nicht retten lässt. Dass es aber geht, Tiefgang, Ernst und Heiterkeit vereinbar sind, zeigt die ­aktuelle Sommertheater-Produktion des Vereins »WittenbergKultur«. Unter dem Titel »Gottes Narr und Teufels Weib. Ein bitter-süßer Schwanengesang« erinnert sie an zwei Ereignisse in der Geschichte des Protestantismus: Martin Luthers Eheschließung und die Bauernaufstände.

Am 10. Mai 1525 hatte Luther die Schrift »Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern« veröffentlicht, fünf Tage später kam es zur Schlacht bei Frankenhausen, am 27. Mai wurde ­deren Anführer Thomas Müntzer enthauptet. Acht Tage nach dem Tod von Kurfürst Friedrich dem Weisen, der am 5. Juni starb, heiratete Luther in Wittenberg die aus dem Kloster Nimbschen entflohene Nonne Katharina von Bora. Luther, so heißt es in der Beschreibung des Stücks, schloss seine Ehe im Schatten des Bauernkriegs.

Zu erleben ist »Gottes Narr und Teufels Weib« (Buch Frank Wallis) im Hof des Lutherhauses Wittenberg. Wie schon beim letzten Sommertheater »Jagd auf Junker Jörg« 2010 führt David Ortmann Regie, hat Suse Tobisch eine zauberhafte Kulisse geschaffen – die schlichte Bretterkonstruktion auf der Bühne steckt voller Geheimnisse. Gespielt wird auch mit Symbolen, etwa einem Schwan oder dem Engel der Geschichte, deren Bedeutung in einem Glossar nachgelesen werden kann. Mitgenommen wird man in die Küche des ehemaligen Schwarzen Klosters, wo Katharina (Tina Rottensteiner) mit den Vorbereitungen des Hochzeitsmahls beschäftigt ist. Im Verlauf kommt es dort zu Begegnungen mit Müntzers schwangerer Witwe Ottilie von Gersen (Silke Wallstein), ihrem Begleiter Hans Hut (Dirk Böhme), natürlich mit Luther (Frank Roder, der auch Lucas Cranach spielt) und mit dem Mönch Hieronymus (Haye Graf). Wechselseitig berichten sich diese Akteure ihren Weg.

Es geht um Selbstbefreiung, und im Zusammentreffen der Witwe mit der Braut wird stellvertretend die Verantwortung für den Bauernkrieg und zugleich das Schicksal der von der Reformation »befreiten« Nonnen diskutiert. So nähert man sich mal heiter, mal ernst in turbulenten, burlesk anmutenden Szenen, aber auch in zarten, leisen Momenten nicht zuletzt den großen Fragen, die das Themenjahr »Reformation und Freiheit« 2011 innerhalb der Luther­dekade nach dem Willen seiner Organisatoren verhandeln soll.

Die Lutherdekade und das damit verbundene Engagement des Bundes machen es auch möglich, dass »Gottes Narr und Teufels Weib« als Pilot­projekt für die Initiative »Kultur am Lutherweg« in diesem Sommer auf Tournee geht. Gezeigt werden soll es in Orten wie Mansfeld und Torgau, aber auch in Möhra und Mühlhausen. Maßgeblich initiiert wurde das Projekt »Kultur am Lutherweg« von der Lutherweg-Gesellschaft und der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Ziel ist es, den länderübergreifenden Lutherweg mit Aktionen und Projekten aus allen Bereichen der Kunst stärker in das Bewusstsein der Bewohner und Gäste zu bringen.

Von einer guten Möglichkeit, mit der Veranstaltungsreihe nach außen das touristische Image zu stärken, sprach vor einiger Zeit der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten, Stefan Rhein. Und nach innen könnte das Vorhaben identitätsstiftend wirken. Anders als bei den großen Projekten könnten hier auch Initiativen vor Ort eingebunden werden. Corinna Nitz

Die Premiere von »Gottes Narr und Teufels Weib« war am 14. Juli. Weitere Termine in Wittenberg sind am 15. und 16. Juli sowie am 11., 12. und 13. August. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Am 17. Juli und 14. August beginnen die Vorstellungen um 18 Uhr. Infos und Ticketauskünfte gibt es unter Telefon (0700)20082017 und bei www.buehne-wittenberg.de im Netz.

Mensch und Ebenbild Gottes sein

16. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Vorgestellt: Dr. Martina Bärs Erkenntnisse über die Würde von Mann und Frau.

Martina Bär ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Erfurt. Quelle: Jens-Ullrich Koch

Martina Bär ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Erfurt. Quelle: Jens-Ullrich Koch

Vom Haupteingang der Erfurter Universität führt der Weg über den Campus in südwestlicher Richtung zur Villa Martin, dem Sitz der Katholisch-Theologischen Fakultät. Wer denkt, dass hier nur Männer studieren, irrt. Obwohl in der katholischen Kirche die Frauenordination abgelehnt, nur Männer zum Priester geweiht werden, sind 50 Prozent der etwa 150 Studierenden Frauen. Die Möglichkeit als Pfarrerin zu arbeiten, ist ihnen zwar verwehrt.

Aber für Theologinnen gebe es in der katholischen Kirche viele Betätigungsfelder, so Dr. Martina Bär, wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Exegese und Theologie des Neuen Testaments. Frauen können nach dem Studium als Pastoralreferentin, Gemeindereferentin, Lektorin, Lehrerin oder Dozentin arbeiten. In dem 13-köpfigen Professorenkollegium an der Erfurter ­Fakultät sind drei Frauen. »Das ist viel im Vergleich mit ­anderen Universitäten, wo teilweise gar keine Professorinnen sind«, erklärt Bär. Sie wurde kürzlich für ihre Dissertation mit dem Maria-Kassel-Preis 2011 der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster für Nachwuchswissenschaftler in der Theologie ausgezeichnet. Das Thema Bärs Arbeit: »Mensch und Ebenbild Gottes sein. Zur gottebenbildlichen Dimension von Mann und Frau.«

Martina Bär, 1976 geboren, zählt sich zur zweiten Generation der Frauenbewegung. Während die erste Generation sich für die Befreiung von Frauen aus ihrer nachgeordneten Stellung in der Gesellschaft einsetzte, nehme sie auch die Männer mit in den Blick, so die Theologin. Sie erkennt, im Kontext der Emanzipation der Frauen seien Männer die Verlierer, die ihre Rolle erst noch finden müssten. Warum werden Männer zu Tätern?

Im ersten Teil ihrer Doktorarbeit beschäftigt sich die Wissenschaftlerin mit dieser Frage. Als Ursache für die Gewalt von Männern gegen Frauen und Kinder sieht sie Minderwertigkeitsgefühle und Erfahrungen von Unterdrückung an, wie sie in hierarchisch geordneten Strukturen erlebt würden. Nicht nur zwischen Männern und Frauen gehe es hierarchisch zu, sagt sie, sondern auch zwischen Männern. Ihr Anliegen sei das Gespräch zwischen Männern und Frauen, denn dieser »Dialog ist ein wichtiger Baustein für ein friedliches Zusammen­leben der Geschlechter«.

Den Akzent legt die Theologin nicht auf die Befreiung von Frauen, sondern auf die vorausgesetzte Befreiung, die Freiheit. Bär beruft sich dabei auf die Philosophen Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, deren Erkenntnis besagt: »Jeder Mensch ist ein freier Mensch.« Wenn der Mensch diese seine Freiheit erkannt habe, so Bär, könne er sein Leben und seine Beziehungen selbst gestalten. Er sei nicht Sklave einer gesellschaftlichen Rolle. »Der Mensch kann sich sowohl zu ­seinen körperlichen Vorgaben als auch zu seiner sozialen Rolle verhalten«, will sagen: Festgelegte Rollen und Strukturen müssen nicht auf ewig akzeptiert, sie können verändert werden.

Wer sich seiner eigenen Freiheit und deren Wertes bewusst sei, anerkenne auch die Freiheit eines jeden anderen Menschen und fordere ihn sogar auf, von seiner Freiheit Gebrauch zu machen, folgert die Wissenschaftlerin. Sie stützt sich dabei auf Fichtes Aufforderungslehre.

Typisch Mann, typisch Frau! Solche Kategorien will sie nicht gelten lassen. »Wir müssen aufhören, das andere Geschlecht zu interpretieren.« Die feministische Bewegung habe früh darauf aufmerksam gemacht, dass von körperlichen Geschlechtsmerkmalen soziale Normen, Rollen, Ordnungen und Gesellschaftsstrukturen abgeleitet worden seien. »Der Körper diente als Legitimationsgrundlage, den Frauen eine nachgeordnete Stellung in der Gesellschaft und in den Beziehungen der Geschlechter zu geben«, betont Bär. Aber es sei falsch, den Menschen über den Körper und das Geschlecht zu definieren. »Die Selbsterkenntnis »Ich bin« ist geschlechtsneutral.

Der Mensch nehme sich ­zuerst als Mensch, erst danach als ­geschlechtliches Wesen wahr. Diese Erfahrung entspreche dem biblischen Schöpfungsbericht Genesis 1, Verse 26 und 27. »Der Clou daran ist, Gott schafft den Menschen, erst in einem zweiten Schritt wird präzisiert, dass der Mensch männlich und weiblich geschaffen ist.« In der Theologiegeschichte sei man immer davon ausgegangen, dass der Begriff »Mensch« nur auf den Mann bezogen sei. In ­ihrer Doktorarbeit belege sie, dass »Mensch« auf Mann und Frau bezogen sei.

Das Argument, der Mann sei zuerst von Gott erschaffen worden, entlarvt die Theologin als männliche Interpretation. Ebenso die harsche neutestamentliche Reglementierung, dass die Frau in der Gemeinde zu schweigen habe. »Das ist nicht von Paulus«, erwidert sie. Hier handle es sich um redaktionelle Eingriffe, interessegeleitet, jedoch nicht im Sinne des Apostels.

Die katholische Kirche ist für manche Überraschung gut. Einerseits ist die Frauenordination ein Tabuthema. Andererseits ist eine Dissertation wie die von Martina Bär möglich, worin sie darlegt, dass Christus von Männern und Frauen repräsentiert werden könne. Die junge Frau kennt die beschränkten Möglichkeiten für Theologinnen in ihrer Kirche, dennoch fühlt sie sich ihr verbunden. »Ich bin in meiner Kirche verwurzelt.« Und sie hat eine gute Alternative, zu arbeiten und zu wirken. »Hier an der Uni fühle ich mich frei und nicht eingeschränkt.« Zurzeit bereitet sie sich auf ihre Habilitation vor. Dabei beschäftigt sie sich mit einem ganz anderen Thema, mit antiken Stätten. Sie forscht, warum Großstädte – die Geburtsstätten des Christentums – so wichtig waren für die Verbreitung des Evangeliums. Eine Frage, nicht minder spannend als die nach der Gottebenbildlichkeit des Menschen.

Sabine Kuschel

Die Kirchen und ihr Land

Landwirt Helmut Jüdersleben hat gern ein Gotteslob auf seinen Lippen - doch wie seine Kirche Wiesen und Ackerland verpachtet, versteht er manchmal nicht. Foto: Rainer Borsdorf

Landwirt Helmut Jüdersleben hat gern ein Gotteslob auf seinen Lippen - doch wie seine Kirche Wiesen und Ackerland verpachtet, versteht er manchmal nicht. Foto: Rainer Borsdorf


Nachgefragt: Wie gehen die Kirchen in Mitteldeutschland mit ihrem Grundbesitz um?

Etwa drei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in ­Mitteldeutschland gehört den evangelischen Kirchen. Die ­Verpachtung des Landes bringt Geld, aber manchmal auch ­Ärger.

Helmut Jüdersleben ist ein frommer Mann. Wenn der 74-jährige Landwirt über seine Felder geht, summt er gerne ein Lied zur Ehre Gottes – oder dichtet selbst eins. »Schon mein Großvater hielt manchmal bei der Feldarbeit inne und staunte über Gottes Schöpfung; das hat mein Leben geprägt.« Die Augen in dem wettergegerbten Gesicht leuchten, wenn er davon erzählt.

Seit 60 Jahren ist er Tag für Tag auf den Feldern – und wenn es sein muss, auch nachts. Ebenso lange spielt er Sonntag für Sonntag die Orgel in den Kirchen rund um die Domstadt Naumburg. »Es macht mir Freude, wenn Menschen durch mei­ne Musik berührt werden«, beschreibt er das Engagement für seine Kirche.

Vergabe von Pachtland erregt Ärger bei Bauern
Doch der Landwirt hadert mit ihr schon seit einiger Zeit: »Als hier vor zwei Jahren Land zur Verpachtung anstand, hat man mich gar nicht angeschrieben«, meint Jüdersleben. Doch noch mehr traf ihn das Schicksal eines Freundes: Der ging in ­einer ersten Vergaberunde leer aus und sollte später bedacht werden. Doch das Land, immerhin 15 Hektar, bekam nicht er, sondern eine Agrargenossenschaft. Deren Chef, ein ehemaliger LPG-Vorsitzender, wollte nach der Wende wegen Landstreitigkeiten vor der Dorfkirche ­einen Schlagbaum errichten lassen. »Haben die das vergessen beim Kreiskirchenamt?«, fragt sich Jüdersleben. Er habe ­seinen Freund, engagierter Christ wie er, nur durch viel gutes Zureden davon abhalten können, mit der gesamten Familie aus der Kirche auszutreten.

Im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz hat es in jüngster Zeit mindestens noch zwei ähnliche Fälle gegeben, wie Pfarrerin Bettina Schlauraff (Bad Bibra) berichtet. Die Dunkelziffer im gesamten mitteldeutschen Raum dürfte aber deutlich höher liegen, denn: »Viele Leute wollen nicht ­reden, aus Angst, dann nie mehr Kirchenland pachten zu können«, meint die ­Pfarrerin.

So habe zum Beispiel ein christlicher Öko-Bauer in jahrelanger Kleinarbeit sein gepachtetes Land auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. »Ihm wurde es weggenommen und einem konventionell wirtschaftenden Bauern gegeben. Und der brachte gleich wieder die Chemie aufs Feld«, zeigt sich die Pfarrerin erbost und fügt hinzu, die Kampagne der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), »Klimawandel – Lebenswandel«, komme ihr manchmal als »reiner Hohn vor: Der Kirche geht es nur ums Geld!« Die EKM als Landverpächter habe die höchsten Preise in der ganzen Region.

»Wirtschaftsgüter müssen gut vermarktet werden«
Nachfragen bei den Grundstücksämtern der Landeskirchen Anhalts, Sachsens und der EKM ergaben übereinstimmend, dass die Höhe des Pachtgebots tatsächlich an erster Stelle bei der Vergabeentscheidung steht. Erst danach kommen sogenannte »weiche Faktoren« wie Kirchenzugehörigkeit und soziales oder ökologisches Engagement hinzu.

»Der Pachtzins bringt die Pfarrbesoldung; die Wirtschaftsgüter müssen also gut vermarktet werden«, betont Christian von Bülow, Grundstücksdezernent der Landeskirche Anhalts. Und das könne dann auch dazu führen, dass wie im Falle von Pristäblich (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) eine Kirchengemeinde ihr Land an eine Hühnerfarm mit Massenviehhaltung verpachte. »Ist diese Art Tierhaltung wirklich so schlimm? Wir haben darüber noch keinen Konsens«, meint von Bülow.

Jörg Teichmann, Grundstücks- und Baudezernent der sächsischen Landeskirche, sieht das anders: »Wir wünschen dezidiert nicht, dass auf Kirchenland ein ›Hühnerknast‹ errichtet wird.« Bisher werde zwar den Kirchengemeinden freie Hand gelassen bei der Verpachtung, aber: »Sollte ein Fall wie Pristäblich hier auftreten, würden wir die Regeln sofort ändern.

»Diethard Brandt hingegen, Referatsleiter Grundstücke bei der EKM, meint: »An Pristäblich kann man gar nichts festmachen!« Er betont, dass aus seiner Sicht das Vergabeverfahren in der EKM sich durch »hohe Transparenz, Regionalität und Konfessionalität« auszeichne. »An den Kirchengemeinden geht da nix vorbei«, betont Brandt.

Doch die Erfahrungen vor Ort scheinen andere zu sein: Ralf Demmerle, Inhaber des »Naturerlebnishofes Hausen« bei Arnstadt, bekam bei der jüngsten Neuverpachtung Land, das sechs Kilometer entfernt von seinem Hof liegt. »Das bei mir vor der Haustür bekam hingegen eine Agrargenossenschaft«, wundert sich Demmerle. Auf Nachfrage bekam er vom zuständigen Kreiskirchenamt keine Auskunft – eine Erfahrung, die er mit anderen Pächtern kirchlichen Landes teilt. Und Pfarrerin Bettina Schlauraff meint gar: »Das Votum der Gemeinde einzuholen, ist eine Farce. Die hat hier definitiv keine wirkliche Entscheidungsgewalt.«

Siegrun Höhne, EKM-Beauftragte für Landwirtschaft und Umwelt, weiß um die Probleme: »Es ist nicht nachvollziehbar, warum die Pachtbewerber nicht mehr ­Informationen bekommen. Wenn Landwirte, die auch noch Gemeindeglieder sind, ihrem Ärger öffentlich Luft machen, müssen wir als Kirche einfach reagieren.«

Kirchen haben ökologische und soziale Verantwortung
Sie sieht das Vergabeverfahren insgesamt positiv, räumt jedoch ein, dass es je nach Kreiskirchenamt unterschiedlich umgesetzt werde. Um ethischen Fragen beim Vergabeverfahren mehr Gewicht zu geben, habe sich der von ihr geleitete Synodenausschuss deshalb kürzlich mit EKM-Referatsleiter Diethard Brandt getroffen. Bis zu einer Einigung sei es aber noch ein weiter Weg, resümiert sie.

Außer mangelnder Transparenz, hohen Pachtpreisen und wenig Schöpfungsverantwortung ist es noch ein weiterer Vorwurf, dem sich die drei mitteldeutschen Kirchen ausgesetzt sehen: »Die Kirche verpachtet sehr gerne an die großen Agrargenossenschaften«, beschreibt Inge Schwarzwälder, Inhaberin des Pfarrgutes Taubenheim bei Dresden, ihre Erfahrungen. »Doch wenn die kleinbäuerlichen Strukturen wegbrechen, sterben die Dörfer«, betont sie. Das könne doch nicht im Interesse der Kirche sein. Und Helmut Jüdersleben? Versteht zwar die Welt noch, aber seine Kirche manchmal nicht mehr.

Rainer Borsdorf

Griechenlands Gefühlslage: Keine Luft mehr zum Atmen

12. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Giorgio Tzimurtas ­berichtet  für ­unsere ­Zeitung aus ­Griechenland.

Giorgio Tzimurtas ­berichtet für ­unsere ­Zeitung aus ­Griechenland.

Es herrscht die große Depression in Griechenland – wirtschaftlich und psychologisch. Geschäfte gehen Pleite, in der Bevölkerung machen sich Angst und Verzweiflung breit. Die Sparauflagen, die das Land erfüllen muss um Kredite vom Hilfsprogramm der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu erhalten, sind hart. Und sie werden als erbarmungslos empfunden, weil sie Opfer verlangen, ohne eine Zukunftsperspektive zu bieten. Der Konsum wird abgewürgt, für staatliche Investitionen ist kein Raum. Es droht das Kaputtsparen.

Keine Luft zum Atmen – so ist die Gefühlslage unter den Menschen. Viele von Ihnen gehen zur Arbeit, obwohl sie seit Monaten nicht bezahlt werden. Rentner müssen herbe Einschnitte verkraften. »Es trifft die Falschen. Es trifft einseitig die Schwachen«, hört man immer wieder. Und trotz aller Lähmung im Krisenschock – auch Wut kommt auf. Immer mehr Angehörige der Mittelschicht gehen auf die Straße, um zu demonstrieren. Ihr Vorwurf an die sozialistische Regierung unter Giorgos Papandreou: Die einst durch das marode System Privilegierten werden weiter begünstigt, die Redlichen aber geschröpft.

Auch gegen die EU und den IWF richtet sich ein ausgeprägter Groll. Die Gewissheit ist verbreitet, dass sich das Hilfspaket zu sehr nach den Kategorien Schuld und Sühne ausrichtet – und keine nachhaltige Rettung ermöglicht. Dass sie viel zu lange sehr weit über ihre Verhältnisse gelebt ­haben, dass dies zum Kollaps führen musste – diese Einsicht verbreitet sich, nach anfänglicher Abwehrhaltung, unter den Hellenen. Doch der EU und dem IWF werfen sie vor, beim Schnüren des Hilfspakets vor allem in ­Richtung Finanzmärkte geschaut zu haben. Um sie zu beruhigen, seien Sparpläne entworfen worden, die letztlich das Land wieder in Richtung Ruin drängen können. Verschlimmert habe sich die Lage, weil Bundeskanzlerin Angela Merkel immer wieder gezaudert habe – aus innenpolitischen Gründen. Mit dem Effekt, dass ­Spekulanten weiter auf die hellenische Staatspleite wetten konnten.

Dennoch: Wenn Straßenschlachten in Athen zwischen Demonstranten und Polizei weltweit in den Nachrichten zu sehen sind, dann geben sie einen falschen Eindruck wieder. Griechenland versinkt nicht im Chaos der Gewalt. Es sind radikale Gruppen, die um die Macht der Bilder in den Medien wissen. Sie nutzen die Situation. Der Staat soll als hilflos dargestellt werden, im Ausland soll sich die öffentliche Meinung gegen Griechenland richten. Das Ziel der randalierenden Radikalen lautet: Umsturz.

Für Griechenland ist eine Rettung möglich, wenn das zweite Hilfspaket auf lange Sicht angelegt wird, die Schuldenlast erträglich bleibt. Und ohne eine gleichzeitige Reform staatlicher Strukturen sowie einer effektiveren Steuerbehörde wird es nicht gehen.

Giorgio Tzimurtas

Tabus in der Familie

11. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Geheimnisse: Was zu tun ist, wenn es in der Familie etwas gibt, an das nicht gerührt werden darf.

Ein Geheimnis zu haben, muss nicht schlecht sein. Dunkle Geheimnisse jedoch, über die hartnäckig geschwiegen wird, können viel Unheil anrichten.

Von Karin Vorländer

Zum Schweigen verurteilt. Foto: picture-alliance

Zum Schweigen verurteilt. Foto: picture-alliance

Geheimnisse schützen das Private. Sie schaffen so etwas wie einen eigenen Raum, betont die Psychologin Ursula Nuber. Geheimnisse sind Vorfälle, Geschehnisse und Geschichten, die »im Heim« bleiben, die nicht für andere und für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Bei Geheimnissen unterscheidet Familientherapeutin Rosemarie Welter-Enderlin zwischen »Skeletten im Keller und Schätzen auf dem Dachboden«. Zu den »Schätzen« zählt sie alles, was einem Menschen allein gehören soll, was jemandem lieb und teuer ist – Tagebücher oder Liebesbriefe etwa. Aber es gibt auch die »Skelette«: dunkle, destruktive Geheimnisse, Lügen, Täuschungen und Tabus in der Familiengeschichte, an die niemand rühren darf und über die in einer Art Familienschwur hartnäckig geschwiegen wird: Die Nazivergangenheit eines Großvaters, eine Abtreibung, der Suizid einer Tante, die Alkoholsucht der Großmutter, Missbrauch, Straffälligkeit eines Familienmitglieds, eine Adoption, ein uneheliches Kind, Bereicherung mit unlauteren Mitteln, Homosexualität eines Familienmitgliedes. Im Prinzip kann jedes Thema zum Geheimnis werden, wenn es als peinlich gilt, wenn es real oder gefühlt nicht zu den Idealen passt, die die Familie nach außen hin vertritt.

Wer ein destruktives Geheimnis hütet, muss enorm viel psychische Kraft und mentale Arbeit aufbringen. Ständiges Lügen, Täuschen und Verschweigen brauchen so viel Energie, dass die emotionale Beziehung und die Kommunikation mit anderen in der Familie leiden. Die Angst vor ­Entdeckung führt häufig zu psycho­somatischen Erkrankungen oder zur Suchtgefährdung.

Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Familientherapie zeigen, dass dunkle Geheimnisse eine Partnerschaft und eine Familie erschreckend nachhaltig belasten. Sie können sogar über Generationen hinweg Unheil anrichten, wenn sie nicht aufgedeckt werden. Dabei leiden auch diejenigen, die von dem Geheimnis gar nichts wissen, oft schwer. Edelgard Meinolf* (56) und ihr Bruder Helmut* (44) litten genau wie ihre Mutter jahrelang an Depression. Helmut erlebte sich als bindungsunfähig, Edelgards Ehe scheiterte. Ihre Tochter litt an ständig neuen psychosomatischen Symptomen. Erst als Edelgard von ­einer Tante erfuhr, dass ihre Mutter als Kind vom Vater missbraucht ­worden war, fanden alle drei mit ­therapeutischer Begleitung aus dem dunklen Tal.

Oft schweigen auch die Opfer. »Wir haben unseren Kindern 15 Jahre lang nicht erzählt, dass wir Holocaust Überlebende sind – aber die haben gespürt, dass ein Schatten über uns liegt«, berichtet die KZ Überlebende Rahel Grünebaum (88). Sie hofft, dass die Generation ihrer Enkel endlich zu unbeschwerter Lebensfreude findet.

Vertuscht, gelogen, verschwiegen oder ­verdrängt wird aus Scham, aus Angst vor Strafe oder aus Furcht vor dem Verlust an Prestige, Geltung und Ansehen. Oft wird ein Geheimnis auch deshalb nicht offengelegt, weil Eltern glauben, Kinder könnten die Wahrheit nicht verkraften. Kinder, die von einem Geheimnis ihrer Eltern ausgeschlossen werden, spüren dennoch, dass etwas nicht stimmt. »Ich hatte immer das Gefühl, falsch, fremd und irgendwie verkehrt zu sein«, weiß Frauke Berkunin* (54), deren emotionale Unsicherheit sich als Kind und Jugendliche darin äußerte, dass sie ständig stolperte oder stürzte. Als ihre Eltern ihr kurz vor ­ihrer eigenen Hochzeit offenbarten, dass sie ein Adoptivkind ist, war sie ­erleichtert. Den offenen Umgang mit dem Thema Adoption halten Psychologen heute für richtig. Denn schon Kinder begreifen viel, wenn ihnen die Wahrheit einfühlsam gesagt wird.

Judith Wagner* (27) litt unter Schwindelanfällen. Als ihr Vater ihr nach dem Abitur offenbarte, dass er homosexuell ist, suchte sie psychologische Hilfe – und die Schwindelattacken verschwanden. Der Bitte ihres Vaters, das Geheimnis gegenüber den Geschwistern und der Großmutter zu bewahren, ist sie allerdings nachgekommen. »Ich habe nicht das Recht, ihn gegen seinen Willen zu outen«, sagt sie.

Das Geheimnis preiszugeben ist nicht angeraten, wenn dahinter nur die Hoffnung steckt, selbst sofort und unmittelbar Entlastung, Absolution und Verständnis zu erfahren. Ein Geheimnis, das aus Wut oder Rache eingestanden wird, hat eine schädliche Wirkung. Etwa wenn ein Kind in einer Konfliktsituation zwischen den Eltern vom vermeintlichen Vater erfährt, dass es »das Ergebnis« einer außerehelichen Beziehung der Mutter ist.

Gute Motive, ein Geheimnis zu lüften, liegen dagegen vor, wenn jemand ehrlich davon überzeugt ist, dass die Lebenskraft eines anderen dadurch gestärkt wird. Heidi Schlicht (62) erlebte es als – allerdings viel zu späte – Belebung ihres Lebens, als ihre 90-jährige Mutter ihr endlich offenbarte, dass ihr Vater ein russischer Zwangsarbeiter war. »Sie hat mir ein Bild von ihm gezeigt. Wenn ich jetzt in den Spiegel schaue, freue ich mich, dass ich seine Augen habe.«

Ein Familiengeheimnis zu lüften kann erleichtern, der Anfang eines neuen Lebens für alle Beteiligten sein. Es kann aber auch neue Probleme schaffen. Wut und Enttäuschung, Fassungslosigkeit und Kränkung oder Scham und Unverständnis müssen verkraftet werden. Womöglich gibt es sogar Trennungen oder Abschiede. Vor einem klärenden Gespräch kann man Unterstützung in Form von professioneller Beratung in Anspruch nehmen und überlegen, ob der Zeitpunkt gut gewählt ist und in welchem Rahmen und wie das Geheimnis gelüftet werden soll.
(* Name geändert)

Buchtipps
Perner, Rotraud A.: Darüber spricht man nicht. Tabus in der Familie. Das Schweigen durchbrechen, Kösel-Verlag, 256 S., ISBN 978-3-466-30841-5, 14,95 Euro
Nuber, Ursula: Lass mir mein Geheimnis! Warum es gut tut, nicht alles preiszugeben, Campus Verlag, 239 S., ISBN 978-3-593-38234-0, 19,90 Euro; Audio-CD, ISBN 978-3-593-38462-7, 14,95 Euro

Visionärer Künstler und der erste »Superstar«

5. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Thüringer Landesausstellung widmet sich Leben und Werk des vor 200 Jahren geborenen Komponisten Franz Liszt

 

Porträtbilder von Franz Liszt und Zeitgenossen in der Ausstellung, Foto: Maik Schuck

Porträtbilder von Franz Liszt und Zeitgenossen in der Ausstellung, Foto: Maik Schuck

 

Heute, da der Altar erbebt und schwankt, heute, da Kanzel und religiöse Zeremonien Gegenstand des Zweifelns und des Spottes sind, muß die Kunst notwendigerweise aus dem Tempel heraustreten, sie muß sich verbreiten und ihre künstlerische Entwicklung außerhalb vollenden. Wie einst, und mehr noch, muß die Musik sich an VOLK und GOTT wenden, sie muß vom einen zum anderen gehen, den Menschen bessern, veredeln und trösten, Gott loben und preisen.«

Franz Liszt war 23 Jahre alt, als er seine Vision einer »musique humanitaire« (Menschheitsmusik) formulierte, in der »THEATER und KIRCHE in gewaltigen Ausmaßen« vereinigt werden sollten. Der seit seiner Kindheit zutiefst religiöse Knabe, der als »neuer Mozart« gepriesen wurde, neigte immer wieder dazu, seine Karriere aufzugeben und sich ganz seinen geistlichen Studien zu widmen. Bis ins hohe Alter durchziehen seine Bemühungen um eine Reform der Kirchenmusik sein Schaffen. Dies ist einer von vielen Aspekten, die in der Thüringer Landesausstellung »Franz Liszt – Ein Europäer in Weimar« anlässlich seines 200. Geburtstages behandelt werden. Die kenntnisreich gestaltete Exposition dürfte einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, hartnäckig tradierte Klischees über Bord zu werfen und ein ganzheitliches Bild des visionären Künstlers entstehen zu lassen.

»Es ist die größte in Europa«, sagt Hauptkurator Prof. Dr. Detlef Altenburg über die mehr als 350 Exponate umfassende zweiteilige Ausstellung im Schiller- und Schlossmuseum, die er gemeinsam mit Evelyn Liepsch konzipiert hat. Dabei konnte man den Heimvorteil nutzen, dass in Weimar der weltweit größte Liszt-Bestand liegt. Dazu gehören 14000 Blatt Manuskripte von der Hand des Komponisten und seiner Sekretäre, die 3100 Titel umfassende Liszt-Bibliothek, mehr als 6000 Briefe sowie Notizbücher, Programmzettel, Urkunden, Diplome, persönliche Gebrauchsgegenstände wie sein Kruzifix, zeitgenössische Gemälde, Grafiken und Fotografien.

Aus dieser Fülle an Materialien im Zusammenspiel mit Leihgaben aus dem In- und Ausland eine schlüssige Präsentationsform mit klaren inhaltlichen Akzenten zu entwickeln, ist in beeindruckender Form gelungen.
Schon beim Betreten der Ausstellung im Schillermuseum ist auf einer Europa-Karte mit 400 gekennzeichneten Orten nachvollziehbar, wie weit der Aktionsradius des ersten »Superstars« reichte: von Lissabon bis Konstantinopel, von Glasgow bis Moskau, von Rom bis Kopenhagen.

Liszts »Pèlerinage« (Pilgerreise) durch Europa und die europäische Kultur sowie seine große Syntheseleistung als Künstler bilden die inhaltlichen Schwerpunkte des ersten Ausstellungsteiles im Schillermuseum, während im zweiten sein Wirken in Weimar beleuchtet wird.

Eine weitere Ausstellung im Schlossmuseum ist unter dem Motto »Kosmos Klavier« der Weiterentwicklung des Instrumentes im 19. Jahrhundert gewidmet.

Zu den Attraktionen gehört ein Flügel der Firma Boisselot (Marseille), an dem ein Großteil seiner Weimarer Werke entstanden ist, und ein minutiöser Nachbau, der bei Konzerten im Weißen Saal originalen »Liszt-Sound« bietet. Besonders für Kinder ist ab 2. Juli ein begehbarer Flügel im Schlosshof bestimmt, in dem leibhaftig zu spüren ist, wie sich die Schwingungen der Klaviersaiten auf den Körper übertragen und wie überhaupt Töne entstehen.

Michael von Hintzenstern

Die Landesausstellung »Franz Liszt – Ein Europäer in Weimar« ist bis 31. Oktober, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, im Schillermuseum und Schlossmuseum Weimar zu sehen.
www.klassik-stiftung.de/liszt

In Stein gehauene Wunderwerke

3. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Sachsen-Anhalts Landesausstellung würdigt den mittelalterlichen »Naumburger Meister«.

 

Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes, Foto: S. Weiselowski

Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes, Foto: S. Weiselowski

Sie gilt als die schönste Frau des Mittelalters. Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes hat die Fantasie vieler Interpreten und Bewunderer nachhaltig beschäftigt. Jetzt steht sie zusammen mit ihrem Mann Ekkehard und den anderen zehn lebensgroßen Stiftern im Mittelpunkt einer Exposition, die sich ganz ihrem Schöpfer, dem namenlosen »Naumburger Meister« widmet. Mit der am 29. Juni eröffneten Landesausstellung Sachsen-Anhalts sollen nun erstmals umfassend Werk und Einfluss des ­gotischen Bildhauers und Architekten gewürdigt werden.

Die Exposition zeigt so ziemlich ­alles, was über den Künstler bekannt ist. Einen »Glücksfall« nennt Kurator Holger Kunde das Zustandekommen. Insgesamt 500 Exponate vereint die Schau, die wegen ihrer Fülle gleich auf mehrere Orte im und am Dom sowie in der Stadt verteilt werden muss. Doch der Aufwand hat sich gelohnt: In der Ausstellung wird eine ganze Epoche lebendig, die in ihrer künstlerischen Ausdrucksform eine unvergleichliche Wirklichkeitsnähe und individuelle Ausdruckskraft entfaltet. Als Pendant und Gegenstück zu Uta steht hier die Skulptur König Childeberts I. aus St. Germain de Pres, eine der bekanntesten französischen Plastiken aus dem 13. Jahrhundert.

Überhaupt spielen die Bezüge des Naumburger Meisters zu Frankreich eine herausragende Rolle. Wissenschaftler gehen davon aus, dass der namentlich nicht bekannte Bildhauer dort das Handwerk erlernt hat. Zugleich zeichnet die Exposition seinen Weg von den nordfranzösischen Bauhütten über Mainz bis nach Meißen nach, wo er nach 1250 wirkt und sich seine Spur verliert. Doch seine stärksten Zeugnisse hat der Bildhauer zweifellos im Naumburger Dom hinterlassen. Hier leitet er Mitte des 13. Jahrhunderts im Auftrag von Bischof Dietrich II. den Neubau des Westchores.

In der Ausstellung hat der Betrachter nun die Möglichkeit, nicht nur die angestammten Figuren im Chor und am Lettner mit Kreuzigungsgruppe und Passionsrelief in Augenschein zu nehmen. Vis-à-vis stehen Fragmente des Lettners aus Mainz mit dem Zug der Seligen und Verdammten, dazu der berühmte »Kopf mit der Binde«, die Mantelteilung des Heiligen Martin aus Bassenheim oder die Grabplatte des Rittes von Hagen aus dem Merseburger Dom. Ebenso eindrucksvoll wie diese Figuren erscheinen freilich die filigranen Blattkapitelle oder die farbigen Glasfenster. Dass diese Kunst in einen europäischen Kontext gehört, veranschaulichen vor allem die bedeutenden Leihgaben aus Frankreich (ein Drittel der Exponate kommen dorther).

Doch die Naumburger Ausstellung lässt es nicht bei der kunsthistorischen Bedeutung des Naumburger Meisters und der zeitgeschichtlichen Einordnung bewenden. In einem eigenen Ausstellungsteil geht es ebenso um die Rezeptionsgeschichte. Die reicht bis ins vergangene Jahrhundert, wo Walt Disney der ­»bösen Königin« im Zeichentrickfilm »Schneewittchen« von 1937 die Züge der Markgräfin verlieh. Im national­sozialistischen Deutschland wird Uta schließlich zur Ikone der unbeugsamen »deutschen Frau« missbraucht. Noch kurz vor Kriegsende lässt ein Plakat sie als Schutzgeist über Wehrmachtssoldaten erscheinen.

Diese Verirrungen werden ebenso wenig ausgeblendet wie die gezielte Zerstörung der Kathedrale von Reims, Krönungsort der französischen Könige. 1914 beschießen deutsche Truppen den Bau so stark, dass sich das Blei verflüssigt und durch die Wasserspeier rinnt, bevor es erstarrt. Von den kostbaren Steinskulpturen des Eingangsportals existieren heute nur noch Gipsabdrücke, die in einem aus Stahlwangen nachgestalteten Portal stehen. Sie sind zwar erst gut 100 Jahre alt, bleiben als letzte Zeugnisse der einstigen Pracht aber kaum weniger wertvoll als die Originale. »Dass wir sie für diese Ausstellung bekommen haben«, meint der Kustos, »zeigt auch die Bedeutung, die ihr beigemessen wird.«

Martin Hanusch

Die Landesausstellung »Der Naumburger Meister. Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen« ist vom 29. Juni bis zum 2. November zu sehen.

Öffnungszeiten:
täglich von 10 bis 19 Uhr, freitags bis 22 Uhr
www.naumburgermeister.eu

Repräsentant einer »verlorenen« Generation

28. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zum 50. Todestag des amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemingway.

Ernest Hemingway wurde am 21. Juli 1899 in der Nähe von Chicago geboren. Er war einer der erfolgreichsten und bekanntesten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Ernest Hemingway wurde am 21. Juli 1899 in der Nähe von Chicago geboren. Er war einer der erfolgreichsten und bekanntesten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Dem Roman »The Sun Also Rises« (dt. »Fiesta«) von 1926 hatte der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway einen Satz von Gertrude Stein vorangestellt: »Ihr gehört alle einer verlorenen Generation an.« 1929 erschien sein Roman »In einem anderen Land«. Er machte ihn weltbekannt, und Hemingway galt von nun an als einer der erfolgreichsten literarischen Repräsentanten der durch den Ersten Weltkrieg desillusionierten, hoffnungslosen, »verlorenen« Generation.

1899 in Oak Park bei Chicago geboren meldete er sich 1917, als die USA in den Krieg eintraten, freiwillig zum Kriegsdienst und wurde in Italien als Sanitäter eingesetzt.

Schon am ersten Tag erlebte er dort die Explosion einer Munitionsfabrik und musste mithelfen, Leichenteile einzusammeln. Dieses schreckliche Erlebnis sowie eine eigene schwere Verwundung durch Granatsplitter prägten sein gesamtes späteres ­Leben und Schreiben.

Der traumatischen Erfahrungen wird er versuchen durch Coolness, um diesen modernen Ausdruck zu gebrauchen, Herr zu werden. Andererseits leistet er einer Helden-Stilisierung Vorschub und hat Anteil am Entstehen eines literarischen Männerbildes, dessen Ideale in körperlicher und seelischer Stärke, herablassender Hilfsbereitschaft Frauen gegenüber, treuer (Männer-)Freundschaft sowie in Rücksichtslosigkeit eigenem Schmerz gegenüber bestehen.

Dieser Haltung entspricht auch sein literarischer Stil: Die Sätze sind einfach. Er schreibt knapp und konzentriert. Er interpretiert kaum, sondern stellt lediglich fest, was geschieht. Das gilt auch für psychische Vorgänge. Konflikte werden nicht harmonisiert, aber auch nicht tragisch ausgeweitet.

Mit diesem Stil hat er zur Erneuerung der Kurzgeschichte, der Short Story, beigetragen. Vor allem die deutsche Schriftstellergeneration, die nach dem Zweiten Weltkrieg Bedeutung erlangte, ist ihm verpflichtet.

Seine wichtigsten Werke sind wohl die Kurzgeschichte »Der Schnee vom Kilimandscharo«, 1936, und der Kurzroman »Der alte Mann und das Meer«, 1952. In dem Roman erzählt Hemingway von einem alten Fischer, der mehr als 80 Tage nichts gefangen hat und nun allein aufs Meer hinausfährt, einen riesigen Fisch fängt, der ihm auf der Fahrt zurück von Haien aufgefressen wird. Am Ende bringt er nur ein Skelett nach Hause.

Das Buch ist von einem tiefen Glauben an die Kräfte des Menschen in seinem Lebenskampf durchdrungen und vom Bewusstsein einer unauflösbaren Zusammengehörigkeit von Mensch und Natur. Der Fischer nennt den gefangenen Fisch Bruder und Freund.

Das Meer sieht er nicht als ein Ding an, sondern als weibliches Wesen. Es erscheint als ein Bild des Lebens überhaupt. Quallen symbolisieren List und Betrug, die Haie das Chaos. Güte und Schönheit gehören ebenso zum Leben wie Grausamkeit.

Als sich am Ende herausstellt, dass die gewaltigen Anstrengungen des Fischfangs vergeblich gewesen sind, klagt und verzweifelt der Alte nicht, sondern legt sich in ruhiger Übereinstimmung mit sich und dem Leben schlafen.

Hemingway erhielt 1954 den Nobelpreis für Literatur. Vor 50 Jahren, am 2. Juli 1961, hat er sich in Ketchum/Idaho das Leben genommen.

Jürgen Israel

Krieg und Gewalt in der Tagesschau

25. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Medien: Schon die »normalen« Nachrichten sind voller Horrorbilder – wie Eltern darauf reagieren sollten.

Screenshots und Montage: Harald Krille

Screenshots und Montage: Harald Krille


Eltern können ihren Kindern das Bild von einer heilen Welt beim besten Willen nicht erhalten. Ein radikaler Verzicht aufs Fernsehen wäre auch nicht die richtige ­Lösung.

Es scheint fast unmöglich, Kinder vor der Wirklichkeit einer Welt zu bewahren, in der es immer neue Kriege gibt, in der Menschen verhungern und Kinder, die nur zum Spielen aus dem Haus gingen, ermordet aufgefunden werden. Da braucht es gar keinen übermäßigen Fernsehkonsum, keine Action-, Horror- und Zeichentrickfilme – die ganz normalen Nachrichtensendungen bieten schon genug Gewalt- und Schreckensbilder, die Kinder beunruhigen und ängstigen können.

Viele Eltern fragen sich besorgt: Wie viel Katastrophe kann ich meinem Kind zumuten?

Dass selbst ein radikaler Medienverzicht für die ganze Familie kaum eine Lösung ist, liegt auf der Hand: Der nächste Fernseher, das nächste Radio, die nächste Zeitung findet sich mit Sicherheit bei Freunden und in der Schule.

Auch Günter Gugel, Geschäftsführer des Instituts für Friedenspädagogik in Tübingen, rät von einer solchen »Bewahrungspädagogik« ab. Er hält es nicht nur für wenig aussichtsreich, sondern auch für wenig hilfreich, Kinder rigoros abzuschirmen.

Nicht alle Bilder berühren Kinder gleich stark

Der Hamburger Medienpädagoge Norbert Neuß weist darüber hinaus darauf hin, dass längst nicht alles, was Erwachsene schreckt, Kinder im gleichen Maß beunruhigt. Oft wird das Ausmaß von Krieg, Terror und Naturkatastrophen vielen Kindern erst durch die Reaktion ihrer Eltern deutlich.

Jüngere Kinder werden von abstrakten Fernsehnachrichten wenig berührt – betroffen sind sie vor allem dann, wenn Bilder von verletzten, weinenden Menschen in Nahaufnahmen und womöglich mit emotionsgeladener Musik unterlegt gezeigt werden. Kinder können dann kaum Distanz aufbauen und sie neigen dazu, sich mit den Opfern zu identifizieren, und ängstigen sich, ob der Krieg jetzt auch zu ihnen kommt, ob ein Flugzeug auch in ihr Haus rasen kann oder Ähnliches.

Grundsätzlich gilt: Der Fernseher, der – wie in vielen Familien üblich – einfach nebenher läuft, ist sicher nicht hilfreich.

Auch sehr kleine Kinder bekommen »nebenbei« viel mehr mit, als Erwachsene wahrhaben wollen.

Schon einjährige Babys begreifen, welche Gefühle im Fernsehen vermittelt werden, und lassen sich in ihrem Handeln beeinflussen, fand die ­amerikanische Psychologin Donna Mumme heraus. Oft setzen sich Bilder, die Erwachsene als nebensächlich »ausblenden«, bei Kindern fest und bekommen vor allem dann ein eigenes Gewicht, wenn es keine Gelegenheit gibt, darüber zu reden.

Deshalb sollte grundsätzlich die Regel gelten, dass zumindest Vorschulkinder bei der Berichterstattung über Terror, Krieg und Gewalt nie ohne Anwesenheit Erwachsener fernsehen sollten.

Allein die Tatsache, nicht allein zu sein, vermittelt ihnen das so wichtige Sicherheitsgefühl. Auch dort, wo der Fernseher bewusst an- und ausgeschaltet wird, brauchen Kinder die Gelegenheit, Körperkontakt aufzunehmen, Fragen zu stellen, Befürchtungen zu äußern, Ängste im Spiel auszuagieren.

Und sie brauchen das Gefühl, dass der eigene Alltag trotz allem Mitgefühl und aller Angst »normal« bleiben darf und von verlässlichen Beziehungen getragen ist: »Toben, spielen, spazieren gehen und kuscheln sind gute Möglichkeiten, Normalität und Gewohntes in den Alltag zurückzuholen«, rät Wolfgang Zenz vom Kinderschutzzentrum Köln.

Auf keinen Fall sollten Eltern die Ereignisse, die ihre Kinder durch die Medien als Furcht erregende Realität erleben, leugnen oder verniedlichen. Dazu gehört auch, dass Eltern die eigene Angst, Sorge oder Traurigkeit zugeben. »Ja, das ist wirklich schlimm, was dort passiert ist. Die Menschen dort tun mir sehr Leid. Können wir vielleicht etwas tun, um ihnen zu ­helfen?« Wichtig ist dabei, mit den Kindern altersgemäß über das Geschehene zu reden, ohne sie mit zu vielen Informationen und Zusammenhängen zu überfordern.

Miteinander reden ist der Schlüssel zur Verarbeitung

Gerade bei der Verarbeitung schlimmer Nachrichten und belastender Bilder kann auch einem gemeinsamen Gebet am Abend eines Tages eine wichtige Rolle zukommen. Hier können Eltern und Kinder gemeinsam aussprechen, was sie bedrückt – oder Eltern sprechen stellvertretend für ihre Kinder aus, was sie bewegt.

Dabei muss keineswegs die Bitte um den ­eigenen Schutz und die eigene Bewahrung ganz oben anstehen. Schon Kinder haben einen eigenen Zugang zu einer Form des Gebetes, in der vor Gott die Fragen und die Klage darüber ausgesprochen ist, dass Menschen ­leiden und sich nach einem Leben ohne Krieg, Katastrophen und Gewalt sehnen.

Auch der Dank dafür, dass es Menschen gibt, die sich für Frieden, Versöhnung und Hilfe einsetzen, und der Dank für ein Leben, das bisher vor dem Schlimmsten bewahrt geblieben ist, hat hier Raum.

Karin Vorländer

Energisch und tatkräftig

20. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Frauen der Reformationszeit: Zum 450. Todestag von Katharina von Mecklenburg.

Katharina von Mecklenburg, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren (Foto: akg-images)

Katharina von Mecklenburg, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren (Foto: akg-images)

Je mehr ich hoffe, sie sterbe, je länger lebt sie.« Die Klage Herzog Georgs von Sachsen galt Katharina von Mecklenburg, der Gemahlin seines Bruders Heinrich. Dabei hatte diese nichts anderes getan, als ihrem Gemahl die Lehre Luthers nahezubringen.

Georg, erbitterter Gegner Luthers und der Reformation, hatte dies zwar mit allen Mitteln zu verhindern gesucht, doch Katharinas Einfluss war stärker.

1537 führte Heinrich den neuen Glauben in seinem Gebiet Freiberg und nach Georgs Tod 1539 im gesamten albertinischen Sachsen ein.

Katharina (*1487) war energisch und tatkräftig wie ihr Vater Herzog Magnus II. von Mecklenburg. Und sie hatte ehrgeizige Pläne, nachdem sie 1512 mit Herzog Heinrich von Sachsen vermählt worden war. Sie galt nicht als schön, war aber wie ihr Gemahl eine durchaus attraktive Erscheinung.

Ihren Zeitgenossen jedoch erschien sie, obgleich klug und tugendsam, als »hochmütige, herrschsüchtige und geizige Frau von kühler und rücksichtsloser Berechnung«. Dagegen war ihr Gemahl lebenslustig und gesellig und seinen Untertanen ein milder und gerechter Herrscher. Vor der Ehe hatte er ein »gar lustig Leben« geführt.

Zwischen 1515 und 1526 bekam das Paar sechs Kinder. Die Hofhaltung auf Schloss Freudenstein in Freiberg war bescheiden; denn das Geld dafür kam von Heinrichs Bruder Georg und der war nicht großzügig. So geriet Katharinas Bemühen um eine fürstlichere Hofhaltung schnell an Grenzen. Besserung trat ein, nachdem Heinrich 1521 Marienberg gegründet hatte und am Abbau des hiesigen Silbers gut verdiente.

Seine Gemahlin war dennoch nicht zufrieden. Der leutselige Umgang Heinrichs mit dem gemeinen Volk und den Bediensteten mehrten ebenso ihren Unmut wie die Abhängigkeit von Georg. So erscheint die Hinwendung zu Luthers Lehre mehr von ihren Ambitionen zur Macht als von einem Glaubenswandel bestimmt.

Hatte sich Katharina noch im Sommer 1525 zu Luthers Gegnern gezählt, so stand sie Ende des Jahres ganz auf seiner Seite. Als Grund für diesen plötzlichen Wandel wird ihre Hoffnung auf Verbündete gegen Herzog Georg gesehen.

In der Tat nutzte Kursachsen jetzt die Möglichkeit, mit ­Katharinas Hilfe einen Keil in das ­katholische Sachsen zu brechen und ihren Gemahl für die Reformation zu gewinnen. Obgleich Georg den Druck auf seinen Bruder verstärkte, konnte er die Entwicklung nicht mehr aufhalten.

Katharina hatte inzwischen Verbindung mit Luther und Melanchthon aufgenommen, scheute sich aber noch vor einem öffentlichen Glaubensbekenntnis. Dafür zeigte ihr Bemühen um Heinrich Erfolg: Er duldete die Verbreitung lutherischer Schriften und verbot katholische Rituale.

Im Mai 1531 lernte er Luther persönlich kennen und war tief beeindruckt.

1533 bekannte sich Katharina öffentlich zum neuen Glauben und setzte die evangelische Vermählung ihrer Tochter Emilia durch. Mit Heinrichs Billigung holte sie einen evangelischen Hofprediger und 1535 den lutherischen Rat Anton von Schönberg an ihren Hof.

Unter dem Einfluss seiner Frau und Schönbergs erlaubte Heinrich 1536 die Ausübung der lutherischen Religion in seinem Gebiet. Im selben Jahr trat er dem Schmalkaldischen Bund bei.

Als Georg versuchte, seinen Bruder mit materiellen Zugeständnissen zur Umkehr zu bewegen, schrieb ihm Katharina: »Aller Welt Reichtum nehmen wir nicht für Christus und sein Heil.«

Mit einem lutherischen Gottesdienst im Freiberger Dom wurde Neujahr 1537 die Reformation im Freiberger Land eingeführt.

Katharina sorgte, trotz mancher Probleme mit Luther, für die weitere Festigung der Reformation in Sachsen, auch nach dem Tod Heinrichs 1541, als der älteste Sohn Moritz die Herrschaft übernahm und sie auf ihr Wittum Wolkenstein verwies.

Moritz – der aufseiten der Katholischen gegen die Protestanten kämpfte und zum Dank mit der Kurwürde bedacht wurde – fiel 1553. Katharinas Favorit, Sohn August, wurde Kurfürst von Sachsen. Er hatte 1548 Anna von Dänemark geheiratet und damit die ehrgeizigen Pläne seiner Mutter nach ­einer königlichen Verbindung realisiert.

Katharina wusste ihre Angelegenheiten nun in guten Händen. Sie reiste viel, war aber oft Gast am Hof Augusts in Dresden. An ihrem eigenen Hof, den sie 1550 nach Torgau verlegte, führte sie ein strenges Regiment.

Bei ihren Untertanen scheint sie nicht sehr beliebt gewesen zu sein.

Im Juni 1561 starb sie mit dem Bekenntnis, sie wolle nun »an dem Herrn Christo und dem Saum seines Kleides hangen bleiben, wie eine Klette am Rock, die sich eher zerreißen als davon abreißen lasse.«

Sylvia Weigelt

Die Kirche für die Hosentasche

18. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Glaube per App – Fromme Anwendungen fürs Handy


»Religiöse Inspiration« lässt sich per App fürs Smartphone herunterladen. ­Neben seriösen Anwendungen findet sich auch theologisch Zweifelhaftes und jede Menge Kitsch. Ob Glockenläuten, Beten oder Beichten, Singen christlicher Hymnen oder doch lieber einer feurigen Predigt lauschen – eine Vielzahl von Apps macht es möglich. (Foto: epd-bild)

»Religiöse Inspiration« lässt sich per App fürs Smartphone herunterladen. ­Neben seriösen Anwendungen findet sich auch theologisch Zweifelhaftes und jede Menge Kitsch. Ob Glockenläuten, Beten oder Beichten, Singen christlicher Hymnen oder doch lieber einer feurigen Predigt lauschen – eine Vielzahl von Apps macht es möglich. (Foto: epd-bild)

Ein Handy nur zum Telefonieren? – Das war gestern. Mithilfe von Miniprogrammen (»Apps«) kann man heute auf seinem Smartphone so ziemlich alles machen: Klavier spielen, ein virtuelles Bier schlürfen – oder seinen spirituellen Durst stillen.

Neben seriösen Anwendungen findet sich auch theologisch Zweifelhaftes und jede Menge Kitsch.

Wer sich schon frühmorgens beim ersten Weckerklingeln spirituell einstimmen möchte, liegt mit dem »Lord Jesus Widget« eines Softwareunternehmens richtig: Glocken läuten, eine schmalzige Frauenstimme singt das englische Vaterunser. Süßliche »Herz-Jesu-Bilder« samt Bibelversen wandern über den Handy-Bildschirm.

»Erzähle Gott, wie du dich heute fühlst«, heißt es in der Anleitung der ebenfalls kommerziellen »I-Talk-to-God«-App. Der Betende wählt aus 70 verschiedenen Emotionen (stolz, zweifelnd, besorgt, traurig) die passende Stimmung aus, teilt seine Gefühlslage mit, und erhält nach einem weiteren Klick eine direkte Antwort in Form eines Bibelverses.

Für Furore hat die Beicht-App ­gesorgt, abgesegnet von der katholischen Bischofskonferenz der USA: »Die perfekte Hilfe für jeden reuigen Sünder«, heißt es in der Beschreibung. Mit ihr erforscht der Bußwillige sein Gewissen anhand eines Fragekatalogs, der sich an den Zehn Geboten orientiert. Als »Sünde« gilt hier auch das Tragen unzüchtiger Kleidung, Masturbation und künstliche Geburtenkontrolle.

Anschließend werden Bußgebete vorgeschlagen. Der digitale Beichtstuhl samt »App«-Solution ersetze jedoch nicht den Gang zum Beichtvater, betont der Vatikan.

Die religiöse App »Me so Holy« ist von der Firma Apple sogar verboten worden, aus Angst, religiöse Gefühle zu verletzen: In ihr kann man sich selbst zum Heiligen machen, indem man eine Heiligenfigur und Religion aussucht und ein Foto von sich einfügt.

Wer den Bildschirmhintergrund seines Handys sakral gestalten möchte, kann das mit animierten ­neonfarbenen Kreuzen tun, die dem Betrachter entgegenschwirren, oder einem »Gott-liebt-Dich«-Button.

Nur einen Fingerstreich entfernt ist das »Christliche Dating Café«, in dem unverheiratete Gläubige mit christlichen Singles chatten können.

Christliche Kinder unterhalten – mit dem Mobiltelefon der nächsten Generation kein Problem: Die »Bibel-Comic«-App einer spanischen Firma erzählt Kindern die wichtigsten Gleichnisse Jesu. Ein Memory-Spiel, bei dem Tierpärchen für Noahs Arche gesucht werden, ist auch schon etwas für Kinderkirchgänger.

Und auch das gibt es: Die fromme Karaoke-App, mit Liedern wie »Amazing Grace«. Wer statt christlichen Hymnen und geistlichem Hip-Hop lieber eine feurige Predigt hören will, kann sich das US-amerikanische ­charismatisch geprägte »Holy Ghost Radio« installieren.

Internationale Unterstützung beim Beten gibt es mit dem Programm »Prayers to share«. Der Betende teilt sein Gebetsanliegen dem sozialen ­Gebetsnetzwerk mit und darf auf Mitbeter hoffen.

Doch warum nur Menschen beten lassen? Bei der kommerziellen Anwendung »ePrayer« sind ­angeblich ­sogar Handys in der Lage, virtuelle Gebete in Richtung Himmel zu ­schicken: Der Handybesitzer muss nur einen Heiligen als Fürsprecher und den Zweck seines Gebetes ­aus­suchen und schon wandert der Gebetstext – wahlweise ein Vaterunser oder »Ave Maria« beliebig oft über den Bildschirm.

Andere Anwendungen sind bodenständiger: Katholische Christen finden unter iMissal katholische Gebete, biblische Tageslesungen, den Heiligenkalender. Selbst klösterliche Exerzitien à la Ignatius von Loyola sind vom Wohnzimmer aus möglich.

Auch deutsche kirchliche ­Ein­richtungen bieten Apps an.

Alle Smartphone-Besitzer etwa, die gerne mit einem Bibelvers in den Tag starten wollen, können sich die App »Herrnhuter Losungen« herunterladen. Die täglichen Bibelworte werden seit 1731 von der evangelischen ­Herrn­huter Brüdergemeine herausgegeben. In zahlreichen Sprachen und Übersetzungen gibt es das Buch der Bücher im benutzerfreundlichen Handy-Format.

Die Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart bietet beispielsweise die ­Lutherbibel samt Bibelleseplan als App an.

Für die Jüngeren gibt es die »Volxbibel« der »Jesus Freaks«, eine Bibelübertragung in Jugendsprache.

Nicht jedem Smartphone-Besitzer sagt das spirituelle »all-inclusive«-Angebot zu. Das Programm »Portable Atheist« bietet Zitate von Atheisten ­sowie Argumente gegen die Existenz Gottes an, um »Debatten mit Christen zu gewinnen«.

Doch auch Christen können sich mit einer speziellen App für eine Glaubensdebatte rüsten: Der »Bible Versinator« findet Bibelverse, die die eigene Meinung untermauern.

Und wem die Kirche für die Hosentasche auf Dauer dann doch zu ­un­persönlich ist, kann sich den ökumenischen Gottesdienstfinder der »Vernetzten Kirche« aufs Handy laden, ­seinen Standort eingeben – und sofort zeigt die Google-Maps-Karte, wo es in die nächste Kirche geht. Real, nicht virtuell.

Judith Kubitscheck (epd)

Anmerkung der Redaktion: Alle Informationen (einschließlich Links) zu den benannten Angeboten bzw. Produkten stellen keine Kaufempfehlung oder Empfehlung zur Anwendung dar.

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