Es geht nur zusammen

9. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Struktur: Der Kirchenkreis Jena hat sich 2002 neu aufgestellt und 65 Kirchengemeinden in sieben Regionen aufgeteilt. Den Prozess hat der Psychologe Rüdiger Trimpop begleitet. Beatrix Heinrichs hat mit ihm darüber gesprochen.

Mit welchen Erwartungen sind die Akteure an die strukturellen Veränderungen herangegangen?
Trimpop:
Wie an vielen anderen Orten hatte man das Problem, dass die Zahl der Kirchenmitglieder rückläufig war. Pfarrer mussten viele Gemeindebezirke gleichzeitig betreuen und waren überlastet. Die Ziele in der Gemeindearbeit waren so nicht weiter befriedigend umsetzbar, deshalb wollte man Bereiche zusammenlegen, um die Kirche in Jena für die Zukunft zu wappnen.

Die Planung wurde von den Gemeinden nicht so angenommen, wie erhofft. Woran lag das?
Trimpop:
Die Umstrukturierung war am grünen Tisch entstanden. Oft sind Leitende nicht mehr am Herzschlag dessen, was in einer Gemeinde gefühlt und gedacht wird. Veränderungsprozesse sollten daher frühzeitig eingeleitet werden.

Wenn Gemeinden zusammengelegt werden, worin liegt die größte Herausforderung?
Trimpop:
Pfarrer, Gemeindekirchenräte und Kirchenmitglieder sind Menschen wie alle andere auch. Da gibt es persönliche Eitelkeiten, Gewohnheiten, möglicherweise Misstrauen. Auch die Auslegung des Glaubens kann eine Rolle spielen: Manche Gemeinden sind sehr streng gläubig, andere in ihrer Deutung der Bibel eher flexibler.

Wie schafft man es, diese Unterschiede zusammenzubringen?
Trimpop:
Der entscheidende Faktor lautet Partizipation. Es ist enorm wichtig, Gemeindeglieder von vornherein mit einzubeziehen, sie nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen zu fragen. Erfahrungen und Erwartungen können unterschiedlich sein und müssen im gemeinsamen Gespräch abgeglichen werden.

Wie konnte ihr Lehrstuhl den Kirchenkreis Jena unterstützen?
Trimpop:
Wir haben zunächst moderierte Gesprächsgruppen eingerichtet, in denen geklärt wird, welche Erwartungen bestehen und in denen ausgelotet wird, inwieweit und wo
Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit eine Zusammenarbeit möglich ist.
Diese Informationen haben wir gesammelt und zurück in die Leitungskreise gegeben. Die hier entwickelten Ergebnisse wurden dann über alle Ebenen abgestimmt. Die Umsetzung der Entscheidungen erfolgte auch wieder unter Begleitung.

Wenn Wirtschaftsunternehmen fusionieren, ist es nicht ungewöhnlich, dass externe Berater solche Prozesse mediativ begleiten. In gemeinnützigen Organisationen ist das selten so …
Trimpop:
Das Geld kann nicht der entscheidende Faktor sein. Bei einer Kooperation mit Universitäten ist die gesamte Datenerhebung durch die wissenschaftlichen Vorhaben abgedeckt; Kosten fallen lediglich für die Moderation an.
Das Projekt für den Kirchenkreis Jena zum Beispiel hat unter anderem mit Iris Seliger eine Doktorandin betreut, die im Rahmen ihrer Promotion die Interviews in den Gemeinden führte.
Viele Kirchenkreise geben Unsummen für die Sanierung von Gebäuden aus, scheuen sich jedoch, die Kosten aufzubringen, um Frieden in den Gemeinden zu haben. Aber gerade hier wäre die Begleitung durch eine externe Instanz nötig.

Warum?
Trimpop:
Erfahrungsgemäß gestaltet sich das Thema Führung im gemeinnützigen Bereich viel komplizierter. In der evangelischen Kirche gibt es keine klaren Hierarchien. Hinzu kommt, dass viele der sogenannten Führungskräfte sich nicht als solche verstehen. Hier sollte von Seiten der Landeskirchen explizit Weiterbildung angeboten werden.
Wenn man eine Organisation zukunftsfest machen will, muss man wissen, wie Gemeinden, Mitarbeiter und Ehrenamtliche geführt werden, und wie man sie von wirtschaftlichen Zwecken und Notwendigkeiten überzeugt. Das lernt kein Pfarrer in seiner Ausbildung. Die Weiterbildung steckt hier noch in den Kinderschuhen.

Wo muss man ansetzen, um Wandel positiv zu gestalten?
Trimpop:
Veränderungen sind eine Frage der Kommunikation und Motivation. Man sollte allen Beteiligten deutlich machen, welche Vorteile sich aus dem Zusammenschluss ergeben.
Für die Gemeinden können gezielt Anreize geschaffen werden, sich mit den anderen aktiv auseinanderzusetzen, z. B. indem Mittel für gemeinsame Aktivitäten zur Verfügung gestellt werden.
Eine weiterführende Begleitung, auch nachdem die Entscheidung zum Zusammenschluss getroffen ist, halte ich für sinnvoll. Hier kommt es darauf an, die Gemeinde dabei zu unterstützen, gemeinsame Erfolgserlebnisse zu generieren.
Wenn das gelingt, besteht die Chance, dass die Zusammenarbeit auch auf Dauer klappt.

Rüdiger Trimpop ist Professor am Lehrstuhl für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.


Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

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Grafik: Forgem – stock.adobe.com

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