Gesungener Glaube

2. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Schule und Kirche: Musik prägt, ermutigt und lehrt. Sie hilft auch beim Aufbau einer jungen, lebendigen Gemeinde. Ein Beispiel aus Naumburg.

Seht nach vorn! Denkt schon an euer Publikum«, sagt Jan-Martin Drafehn, und 130 Augenpaare richten auf den Musiklehrer und Domkantor, der im Heft auf dem Notenständer die nächste Seite umblättert. Stille im Andachtssaal der evangelischen Grundschule St. Martin im Herzen Naumburgs. Am geschwungenen Kreuz flackert eine Kerze. Drafehn gibt ein Zeichen und die Jungen und Mädchen stimmen das nächste Lied an: »Im Namen Gottes«. Fast eine Stunde singen sie über Gott, Jesus und die Tempelreinigung. Mal stehen sie, mal sitzen sie auf Schemeln. »Stietzen, also sitzen und stehen«, erinnert Jan-Martin Drafehn seine Schüler an einen geraden Rücken. Das ist wichtig, damit die hohen Töne kraftvoll und laut die kleinen Körper verlassen können.

Schwerpunkt Singen: Die Domschule hat ein musikalisches Profil. Auftritte, wie zur Schuleinführung, gehören dazu. Foto: Katja Schmidtke

Schwerpunkt Singen: Die Domschule hat ein musikalisches Profil. Auftritte, wie zur Schuleinführung, gehören dazu. Foto: Katja Schmidtke

Jeden Freitagmorgen probt der Schulchor unter Leitung von Domkantor Drafehn und der Leiterin der evangelischen Domschule, Regina Keilholz. Musik ist hier nicht irgendein Unterrichtsfach. Musik prägt, neben dem christlichen Glauben und dem reformpädagogischen Konzept, das Leben an dieser Schule. Die Kinder genießen zwei Stunden Musikunterricht wöchentlich und damit doppelt so viel wie im Lehrplan vorgesehen. Für die Dritt- und Viertklässler ist der Chor verbindlich, das freitägliche Singen ist fest im Unterrichtsplan integriert. Aktuell sind auch die Erst- und Zweitklässler dabei. Alle – Kinder, aber auch Mitarbeiter und Eltern – bereiten sich gerade auf das diesjährige Musical vor. Es gehört zu den Traditionen der noch jungen Schule. Am 20. und 21. April wird »Gerempel im Tempel« in der Marienkirche des Doms aufgeführt.

Ganz selbstverständlich erleben die Jungen und Mädchen den Dom als »ihre« Kirche, sagt Schulleiterin Regina Keilholz. Von den Fenstern ihrer Klassenräume blicken sie auf die Steine, denen man die Jahrhunderte ansieht. Regelmäßig gestalten sie Mittagsgebete, feiern Schulgottesdienste. Die Schule ist verbunden mit der Kirche.

Schule und Gemeinde, Schul- und Kirchenmusik, Bildung und Verkündigung sollen zusammenwachsen. Michael Bartsch, Dompfarrer und Vorsitzender des Trägervereins der Schule, ist Initiator dieser Idee. Als ihren Motor beschreibt er Kirchenmusikdirektor Drafehn.

Denn die Idee funktioniert nicht nur aufgrund der räumlichen Nähe zwischen Kirche und Schule, sondern auch wegen der Menschen, die hier wirken. »Als wir die Stelle des Domkantors vor zehn Jahren ausgeschrieben hatten, suchten wir bewusst einen Kirchenmusiker, der Musikunterricht an der Schule gibt«, schildert Pfarrer Bartsch.

Meist sind es die Pfarrer und Gemeindepädagogen, die an die Schulen kommen, aber Kantoren? In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) kennt Michael Bartsch, der Vorstandsvorsitzender der Johannes-Schulstiftung ist, kein vergleichbares Modell und bedauert dies. Der Kirche, die doch händeringend nach der Zukunft suche, sei dieses Beispiel unbedingt zur Nachahmung empfohlen.

»Wir haben ein großes unausgeschöpftes Potenzial in unserer Kirche, was die Kinder- und Jugendarbeit betrifft.« Umso unverständlicher für die Naumburger, dass die Kreissynode den Stellenplan beschlossen hat, der eine Kürzung der Domkantorenstelle vorsieht.

Gelehrt wird nach der Ward-Methode, einem ganzheitlichen Ansatz (Fotos rechts). Foto:Matthias Keilholz

Gelehrt wird nach der Ward-Methode, einem ganzheitlichen Ansatz. Foto:Matthias Keilholz

Naumburg, so Pfarrer Bartsch, erntet die Früchte, die vor 18 Jahren mit der Gründung des Schulvereins gesät wurden. Auch – und das soll nicht verschwiegen werden – unter Anstrengungen und mit Zweifeln innerhalb der 2 800 Glieder umfassenden Gemeinde. Doch der Theologe will evangelische Kindergärten und Schulen nicht als Last, sondern als Lust verstanden wissen.

Er spricht von den Chancen, dass junge Generationen in der Gemeinde wirken. Diese Kinder sind schon da. Sie müssen nicht mühsam gesucht und geworben werden, wenn eine Musical-Aufführung geplant ist oder die Kantorei vergreist.

In Naumburg sprechen die Zahlen für sich: Im vergangenen Jahr wurden 39 Taufen gefeiert, in diesem Jahr möchten sich mehr als 70 Jugendliche konfirmieren lassen, in der Domsingschule singen mehr als 100 Schüler, der Jugendchor umfasst nicht nur 30 Mädchen, sondern auch zwölf Jungen, die nach dem Stimmbruch weitersingen. Der Domchor besteht aus rund 70 Sängern und hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verjüngt. Immer wieder finden auch Eltern über ihre Kinder den Weg in die Kirchenmusik.

»Die Musikarbeit der Gemeinde fußt auf dem Schulsingen«, bilanziert Kantor Drafehn, aber sie sei natürlich offen für alle, und jeder Chor ist eigenständig und kein bloßes Nachwuchsreservoir, betont der Kantor.

Der Musiker ist überzeugt: Jedes Kind kann singen. In der Schule wendet er die Ward-Methode nach der amerikanischen Musikpädagogin Justine Ward an. Nach dieser vokalen Methode sollen alle musikalischen Erfahrungen über die Singstimme vermittelt werden. Dabei bekommt jeder Tone eine Silbe und eine Geste zugeordnet: So erleben die Kinder Singen mit ihrem ganzen Körper. Die Käfergruppe ist an diesem Morgen eifrig und konzentriert dabei. Wenn Jan-Martin Drafehn fragt, wie der Ton klingt, schnellen die Hände in die Höhe. Jeder will zeigen, was er kann.

Im Unterricht und darüber hinaus: Die Musik kreiert in dieser Schule eine ganz eigene Praxis der Frömmigkeit: gesungener Glaube.

Katja Schmidtke

Hintergrund
Die evangelische Domschule St. Martin in Naumburg wurde 2001 eröffnet und befindet sich in Trägerschaft des Vereins »Evangelisches Schulprojekt Burgenlandkreis«. In dem historischen Gebäudekomplex am Dom sind auch Kindergarten und Hort untergebracht, beides trägt die Kirchengemeinde. Zum Kollegium der Grundschule gehören sechs Lehrer, zwei pädagogische Mitarbeiter, ein Schulleiter und vier externe Lehrkräfte. Zwei Stunden Religion werden pro Woche unterrichtet, zum geistlichen Leben gehören Tischgebete, eine wöchentliche Andacht und natürlich die Musik. Unterrichtet wird in Lerngruppen mit Erst- und Zweitklässlern sowie Dritt- und Viertklässlern.


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