Keiner feiert Ostern spektakulärer

1. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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In Jerusalem ist in diesen Tagen einiges los. Die israelische Polizei ist mit Sondereinheiten im Einsatz. Orthodoxe Christen begehen das Osterfest in ganz besonderer Weise.

Die Gläubigen schubsen und stoßen, wollen möglichst nah ans Heilige Grab. Manche stehen seit dem frühen Morgen hier, nicht wenige haben in der Kirche auf Hockern oder in Schlafsäcken übernachtet. Seit Stunden intonieren einheimische Christen unter Trommelbegleitung Choräle.

Nun bahnen sich Vertreter der Behörden dank Ellenbogengewalt einen Weg durch die Menge. Sie repräsentieren die römische Besatzungsmacht zur Zeit Jesu. So wie diese gemäß der Heiligen Schrift das Grab Jesu verschloss, verfahren nun die Gesandten des israelischen Staates. Mittels Wachs versiegeln sie das Grab, nachdem sie in diesem nach versteckten Anzündern wie etwa Streichhölzern gesucht haben. Betrug soll ausgeschlossen werden.

Kurz nach 13 Uhr erscheint die hohe Geistlichkeit. Das Drängeln und Schieben wird fast zur Schlacht. Viele versuchen, einen der Kleriker zu berühren. Nach Gebet und Prozession betritt der »griechisch-orthodoxe Patriarch der Heiligen Stadt Jerusalem« Theophilos III. die Ädikula, das Heilige Grab.

Die Menge stimmt das Kyrie Eleison an. Den Grabeingang bewacht nun der neutrale »Lateinische«, sprich römisch-katholische Küster – sozusagen als Schiedsrichter und Wächter des Status Quo, des in dieser Kirche seit 1852 gültigen Reglements. Auf Arabisch, Armenisch, Griechisch, Russisch, Koptisch und in anderen Sprachen murmeln Gläubige ihre Gebete. Fast jeder hält eine 33er-Kerze in der Hand, die selbst palästinensisch-muslimische Händler im Basar feilbieten – sie symbolisiert das Todesalter Jesu.

Jedes Jahr am Karsamstag nach julianischem Kalender, den die einheimischen Christen Sabbt in-Nuur (Lichtsamstag) nennen, versammeln sich Abertausende von Gläubigen und tauchen mit dem Warten auf das Licht in dieses Ritual des 4. Jahrhunderts ein. Orthodoxe Christen glauben, dass das Jahr, in dem es ausbleibt, das letzte in der Geschichte der Menschheit sein wird.

Die Spannung steigt. Nach etwa zwanzig Minuten tritt der »Grieche«, wie man in Jerusalemer Kirchenkreisen sagt, mit zwei Bündeln 33er-Kerzen aus der Ädikula auf. Freudenschreie und Jauchzer ertönen. Die architektonisch so verwirrende Kirche, im Wesentlichen ein Kreuzfahrerbau mit Teilen der konstantinischen Basilika, hallt vom Jubel wider, als sei ein längst herbeigesehntes Tor im Fußballstadion gefallen.

Jubeln ist das eine. Daneben gilt es, schnell die eigene Kerze anzuzünden. Dabei setzt bei manchen der Verstand aus. Ohne Rücksicht auf die Umstehenden strecken sie ihre Kerze über die Köpfe anderer, um sie zu entzünden. Binnen Sekunden wird die Kirche zum Lichtermeer, spürbar steigt die Temperatur. Das Heilige Feuer wird in Windeseile weitergegeben, auf den Vorplatz der Basilika, von dort in die Altstadt und weiter nach Bethlehem. Es fliegt sogar via Sondermaschine zur Ostervigil nach Moskau.

Wie kommt es zum »Lichtwunder«? Diodoros, Patriarch von 1980 bis 2000, hat einmal Einblicke in das Lichtgeheimnis gewährt: »Ich suche mir meinen Weg durch die Dunkelheit hin zur Grabkammer und knie nieder. Da spreche ich bestimmte Gebete (…) und warte. Manchmal mag es ein paar Minuten dauern, aber normalerweise geschieht das Wunder sofort (…). Aus dem Stein, auf dem Jesus geruht hatte, strömt ein undefinierbares Licht hervor. (…) Das Licht verhält sich jedes Jahr unterschiedlich. Manchmal umhüllt es nur die Grabbank, andere Male erhellt es die ganze Grabkammer, sodass sogar Menschen, die draußen stehen, sehen können, wie die Grabeskapelle mit Licht erfüllt wird. (…) Ab einem bestimmten Punkt steigt das Licht empor und bildet eine Säule; (…), sodass ich meine Kerzen daran anzünden kann. Nachdem ich das Heilige Licht empfangen habe, trete ich hinaus und reiche die Flamme zuerst an den armenischen Patriarchen weiter und dann an den koptischen – und anschließend an alle Menschen, die sich in der Kirche befinden.«

Viele orthodoxe Christen aus Jerusalem oder Nazareth, aber auch hagere Russen, junge Schönheiten aus Athen oder stämmige Omas aus Zypern nehmen alles auf sich, um einmal dabei zu sein.

Nach Kar- und Ostertagen im Heiligen Land gefragt, antwortet Pater Gregor Geiger, Pilgerführer und Dozent an der ordenseigenen Hochschule Studium Biblicum Franciscanum in Jerusalems Via Dolorosa: »Es sind schöne Liturgien, obwohl die Kirchen eng sind und oft dunkel. Es kommen Menschen zusammen, die keine gemeinsame Sprache haben, aber die beim Gottesdienstfeiern nicht auf die Uhr schauen. Sie haben ihre Freude an innigen Gottesdiensten. Deutsche können von hier den Mut mitnehmen, den Glauben vor der Umgebung zu zeigen.«

Johannes Zang

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