Christen inmitten von Christen

16. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Nirgendwo sonst in Griechenland leben so viele Protestanten beisammen wie in Katerini. Der Kontakt mit der orthodoxen Kirche ist bis heute nicht immer einfach für sie.

Wer sich mit Paris Papageorgiou unterhält, braucht Geduld. »Es ist leichter für uns geworden«, sagt er, aber dann muss er schon wieder ein paar Hände schütteln, ehe er weitersprechen kann. Papageorgiou steht im Eingangsportal der evangelischen Kirche in Katerini an der Ostküste Griechenlands. Es ist Sonntag, kurz nach zwölf, der Gottesdienst gerade vorüber. Die Gemeindemitglieder drängen aus dem schlichten Inneren der Kirche ins Sonnenlicht, vorbei an Papageorgiou. Weil der Pfarrer an diesem Tag verreist ist, verabschiedet er als Mitglied des Ältestenrats die Kirchgänger.

»Die Gesellschaft ist toleranter geworden, für uns macht das vieles leichter«, sagt Papageorgiou und nickt weiter den hinauseilenden Gottesdienstbesuchern zu. Die Protestanten in Katerini leben als Christen inmitten von Christen – eine winzige Minderheit. Nach offiziellen Zahlen gehören 98 Prozent der elf Millionen Griechen der orthodoxen Konfession an, die Zahl der Protestanten wird auf 30 000 geschätzt. Die evangelische Gemeinde in Katerini ist eine von wenigen im Land – und eine der größten.

»Es gibt zwar evangelische Kirchen in Griechenland, die mehr Mitglieder haben, aber hier wohnen die meisten Protestanten in einem Stadtgebiet beisammen«, erklärt Papegeorgiou auf Deutsch, er hat einige Semester Archäologie in Heidelberg studiert. Im Stadtteil Evangelika leben rund 900 Gemeindemitglieder.

Verlassen liegen die Straßen mit ihren kastenförmigen Wohnblocks am Sonntagmittag da. Nur der Platz vor der Kirche – ein gepflegtes, beiges Gebäude mit Turm – ist nach dem Gottesdienst voller Menschen. Erwachsene stehen beisammen, Jugendliche sitzen etwas abseits. Ab und zu kreuzt ein Vogel den Himmel.

Griechische Rarität: Die evangelische Kirche in Katerini und ihre große Zahl an protestantischen Gemeindemitgliedern. Foto: epd-bild

Griechische Rarität: Die evangelische Kirche in Katerini und ihre große Zahl an protestantischen Gemeindemitgliedern. Foto: epd-bild

Die Kirche bauten die evangelischen Christen, kaum waren sie in Katerini ansässig geworden. Ein knappes Jahrhundert liegt das zurück. Nach dem griechisch-türkischen Krieg vereinbarten beide Staaten Anfang der 1920er-Jahre einen »Bevölkerungsaustausch«. Rund 500 000 Menschen wurden aus Griechenland in die Türkei vertrieben und umgekehrt 1,2 Millionen Griechen, die in der Türkei lebten, nach Griechenland abgeschoben. Darunter waren auch Protestanten, ein guter Teil von ihnen ließ sich in Katerini nieder.

Es sei heute nichts dabei, evangelisch zu sein, sagt ein etwa 15 Jahre altes Mädchen in Shorts, das vor der Kirche in einer Runde von Gleichaltrigen sitzt. Die anderen nicken, dann wenden sie sich wieder ihren Handys zu.

Bis dahin aber war es ein weiter Weg. »Als Minderheit, die noch dazu aus dem Ausland kam, standen Protestanten lange unter dem Verdacht, von ausländischen Mächten gesteuert zu sein«, erzählt Papageorgiou – vor allem nach dem Bürgerkrieg in den späten 1940er-Jahren. Mit der Stadt habe es immer wieder Streit um das Grundstück neben der Kirche gegeben, und in den 1960er-Jahren sei Katerini sogar eine Zeit lang ohne Pastor gewesen.

Nachdem der Pfarrer – ein Zypriot mit britischem Pass – einmal ausgereist war, habe man ihn aus Misstrauen nicht wieder ins Land gelassen. Mit dem Kollaps der griechischen Militärjunta 1974 sei es jedoch immer besser geworden. »Nicht jeder akzeptiert uns, aber mit der Demokratie kehrte auch die Toleranz zurück«, erklärt Papageorgiou. Seine Nichte zum Beispiel sei mit einem Orthodoxen verheiratet, und ein jeder von ihnen habe seine Konfession beibehalten.

Doch nicht immer scheinen die Konfessionen ganz ohne Polemik auszukommen. Zwei Autostunden entfernt liegen die »schwebenden« Klöster von Meteora, Touristenmagnete, die auch aus dem James-Bond-Film »In tödlicher Mission« bekannt sind. Dort wird im Kloster Agia Triada das Buch »Was ist Orthodoxie?« in mehreren Sprachen verkauft.
Darin werden vor allem die Unterschiede zwischen den Konfessionen betont. Die Protestanten seien mit Frauen im Pfarramt und der Segnung homosexueller Beziehungen nicht nur zu »extremen Entscheidungen« gelangt, heißt es in der deutschen Ausgabe, sondern bewiesen damit auch, sich zu einer »rein humanistischen Organisation« zu bekennen.

Mit Gott hätten sie nichts zu tun. Die orthodoxe »Kirche von Griechenland« hat sich auf eine Anfrage des Evangelischen Pressedienstes zu den Beziehungen mit den Protestanten nicht geäußert.

Andreas Müller, Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Kiel, weiß um die schwierige Rolle der Protestanten im Umfeld einer orthodoxen Mehrheit. »Religion und kulturelle Identität sind in Griechenland derart verbunden, dass viele nicht verstehen, dass es auch nicht-orthodoxe Griechen gibt«, sagt der Griechenland-Experte. Das erschwere auch die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen.

Der Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Katerini, Ioannis Yphandides, bleibt dennoch optimistisch. Dass es irgendwann gemeinsame Gottesdienste gebe, werde er zwar nicht mehr erleben, meint der 64-Jährige am Telefon. Dennoch gehe es voran. Offiziell existiert zumindest ein ökumenisches Projekt: die griechische Bibelgesellschaft. Dort tauschen sich Orthodoxe, Protestanten und Katholiken seit 1992 aus und verteilen gemeinsam die Bibel.

Und im vergangenen Jahr war mit Metropolit Georgios aus Katerini bei einem Konzert kurz vor Ostern zum ersten Mal überhaupt ein Vorsteher der Orthodoxen in der protestantischen Kirche zu Gast.

Julia Lauer  (epd)

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Kulisse des Reichstags von Worms

16. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Tausend Jahre Wormser Dom: Er war Kulisse mehrerer Reichstage, deren spektakulärster 1521 stattfand. Damals wollte Kaiser Karl V. Martin Luther dazu zwingen, seinen Thesen abzuschwören, mit denen er Deutschlands Christen schließlich in Katholiken und Protestanten spaltete.

Zu übersehen ist er nicht, der mächtige Bau mit den das Stadtbild prägenden Türmen. Auf dem höchsten Punkt der Innenstadt thront der steinerne Riese mitten im Häusermeer. Bis heute ist der romanische Dom das Wahrzeichen der Stadt, monumentales Zeugnis der Wormser Stadt- und Kirchengeschichte – und Grablege der salischen Könige, die lange Zeit in Worms zuhause waren. Seit 1925 gilt der Dom als »Basilica minor« – ein vom Papst verliehener Ehrentitel, mit dem er die historische Bedeutung des Gotteshauses unterstrich. Seine Ursprünge reichen zurück in die frühchristliche Epoche der Stadt, seine heutige Form aber erhielt der dem Apostel Petrus geweihte Dom erst Anfang des zweiten Jahrtausends.

Mit Duldung der am Rhein regierenden Römer soll im frühen 5. Jahrhundert für kurze Zeit ein Burgunderreich entstanden sein, dessen Zentrum die Jahrhunderte später entstandene Nibelungensage nach Worms verlegte. Eine der Regentinnen im ostfränkischen Reich Austrasien war Brunichildis (um 545/550–613), die Tochter eines Gotenkönigs. Als Papst Gregor der Große ihr Reliquien der Apostel Petrus und Paulus geschenkt hatte, so heißt es, wurde in Worms auf den Grundmauern des zerstörten römischen Forums eine schlichte, frühmittelalterliche Basilika errichtet – eine der ältesten Bischofskirchen auf deutschem Boden. Unter den Karolingern erlangte Wormatia, wie sich die Stadt damals nannte, mehr und mehr an Bedeutung. Aber erst mit den heute in der Kaisergruft des Domes begrabenen Saliern machte Worms große Geschichte. Schließlich ging mit Gregor V., der ebenfalls aus den Reihen der Salier stammte, der erste deutsche Papst hervor. Er wurde in Worms ausgebildet, wo er als Kaplan seelsorgerische Erfahrungen sammelte.

Prunkvoll: Der Wormser Dom ist einer der sogenannten Kaiserdome – ein mächtiger Bau mit großer Geschichte. Foto: Günter Schenk

Prunkvoll: Der Wormser Dom ist einer der sogenannten Kaiserdome – ein mächtiger Bau mit großer Geschichte. Foto: Günter Schenk

Auch wenn die erste Bischofskirche immer wieder erweitert und neu gestylt wurde, war sie dem populären Wormser Bischof Burchard (um 965 bis 1025) zu klein und zu unmodern. Anfang des letzten Jahrtausends ließ er die alte Kirche deshalb abreißen und neu bauen. Obwohl noch nicht ganz fertig, wurde der Wormser Dom in Anwesenheit Kaiser Heinrichs II. anno 1018 geweiht.

Weil beim Dombau aber großflächig gepfuscht worden war und ständig neue Mauern einstürzten, ließen Burchards Nachfolger das Bauwerk komplett abreißen und ab 1130 neu zusammensetzen. Zuerst den Ostteil mit Querschiff, Türmen und Vierungsturm, ab 1160 den dreischiffigen Hauptteil und ab 1171 den Westchor mit seinen Türmen, die heute zu den ältesten Teilen des Domes zählen.

Der neue Dom war Aushängeschild einer Stadt, in der viele Jahre die politischen Weichen Europas mit gestellt wurden. Nicht immer taktierte man dabei vorsichtig, etwa als der Salierkönig Heinrich IV. gegen den Willen des Papstes königstreue Bischöfe in Italien ernannte. Erst mit dem berühmten Bußgang nach Canossa konnte Heinrich den Konflikt mit dem Kirchenoberhaupt entschärfen. Als sich aber auch sein Sohn, Kaiser Heinrich V., mit dem Papst anlegte und das Recht der Bischofsernennung für sich beanspruchte, kam es zum Bruch mit Rom, der erst mit dem sogenannten Wormser Konkordat im September 1122 aus der Welt geschaffen wurde.

Fensterrossette

Fensterrossette

Im Mittelalter gehörte Worms zu den großen Städten im Reich, dessen Dynamik sich auch im Dombau ausdrückte. So wurde im frühen 14. Jahrhundert das Südportal als Bilderbibel neu gestaltet, war die Wormser Dompforte so etwas wie heute der New Yorker Times Square. Die romanische Nikolauskapelle mit den Reliquien des Heiligen Nikolaus, die Kaiserin Theophanu aus Byzanz anlässlich ihrer Hochzeit mit Kaiser Otto II. im Jahre 972 gestiftet hatte, wurde durch eine größere Kapelle ersetzt. Für die im Pfälzischen Erbfolgekrieg verloren gegangenen Reliquien beschafften die Wormser Ende des 20. Jahrhunderts eine neue Nikolaus-Reliquie, die jetzt hinter Glas liegt. Prunkstück der Kapelle aber ist das von Löwen getragene Taufbecken, entstanden gegen 1490 und Vorbild vieler weiterer Taufsteine in der Umgebung.

Kanonen- und Bombenhagel, Blitz- und Hagelschlag, Sprengungen und Großfeuer führten immer wieder zu Neugestaltungen des mächtigen Bauwerks. 1689 brannte der Dom komplett aus, ging nahezu die gesamte Innenausstattung verloren. Schon im frühen 18.Jahrhundert aber begann man mit der Erneuerung des Gotteshauses. 1740 wurde der eindrucksvolle Hochaltar nach einem Entwurf des Würzburger Architekten Balthasar Neumann geschaffen, das Chorgestühl im Rokokostil fertigte der Mainzer Hofschreiner.

Ende des 18.Jahrhunderts attackierten französische Revolutionstruppen die Stadt und nutzten den Dom als Pferdestall und Speicher. Mit der Säkularisation löste sich das bis dahin eigenständige Wormser Bistum auf, wurden der Kreuzgang und seine Nebengebäude abgebrochen. Die schönsten der gotischen Kreuzgang-Reliefs finden sich heute im nördlichen Seitenschiff – unter anderem ein feingliedriger Stammbaum Christi (1488), in den sich Johann von Dalberg als Stifter hat mit einbauen lassen. Aufmerksamkeit haben auch die Darstellungen von Christi Geburt (1515) und seiner Grablegung (um 1488) verdient, allesamt eindrucksvolle Bildhauerarbeiten. Von den mittelalterlichen Glasfenstern ist keines mehr erhalten. Sie wurden meist durch moderne Bilder ersetzt. Als Beispiel menschlicher Sündhaftigkeit hat so auch der »Turmbau zu Bablis« in einem der Fenster Platz gefunden, ein Bild, das auf das nahe gelegene, inzwischen aber still gelegte Kernkraftwerk Biblis verweist.

Nach gründlichen Renovierungen in den letzten Jahrzehnten ist der Wormser Dom noch immer das Wahrzeichen der Stadt. In seinem Schatten finden heute auch Jahr für Jahr die populären Nibelungen-Festspiele statt, inzwischen das kulturelle Aushängeschild der Stadt. 2018 werden sie mit dem Domjubiläum konkurrieren, zu dem die Deutsche Post eine eigene Sondermarke auflegt. »Aufgeschlossen« ist das Motto des Festjahres, das auf den Petrusschlüssel im Domwappen Bezug nimmt. »Wir wollen uns im Jubiläumsjahr als aufgeschlossene, lebendige und zukunftsorientierte Kirche präsentieren«, heißt es bei den Verantwortlichen, »denn wir feiern nicht tausend Jahre alte Steine, sondern der Dom ist für uns Bild für eine quicklebendige Kirche und Ort, wo Gott auch heute und in Zukunft den Menschen begegnen will.«

Günter Schenk

Die Festwoche zum Domjubiläum ist vom 4. bis 10. Juni 2018 geplant.

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In guter Hoffnung? In guter Hoffnung!

16. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Die ökumenische Initiative für den Lebensschutz steht in diesem Jahr unter dem Motto »Kinderwunsch. Wunschkind. Unser Kind!« und setzt sich kritisch mit der Pränataldiagnostik auseinander.

Wenn eine Frau bemerkt, dass sie schwanger ist, beginnt damit in aller Regel eine Zeit intensiver Gefühle. Auch wenn sich eine werdende Mutter auf ihr Kind freut, lassen Fragen, Sorgen und Befürchtungen nicht lange auf sich warten: Wie wird der Partner reagieren? Wird das Kind gesund sein? Kann ich in meiner derzeitigen Lebenssituation für ein Kind überhaupt richtig sorgen?

Mit dem Eintritt einer Schwangerschaft erweitert sich der Verantwortungsbereich werdender Eltern schlagartig. Plötzlich gibt es da noch jemanden, für den man verantwortlich ist, und zwar deutlich umfassender als in Beziehungen zwischen eigenständigen Menschen. Viele Paare erleben diese neue Verantwortung als verunsichernd und müssen erst lernen, mit ihr umzugehen.

Verantwortungsbewusste werdende Eltern fürchten nichts mehr, als für das Wohl ihres Kindes etwas zu versäumen. Insbesondere in schwangeren Frauen löst die völlige Abhängigkeit des entstehenden Kindes vom eigenen Leib und der eigenen Lebensführung häufig ambivalente Gefühle aus: Es ist beglückend, faszinierend, bedrängend, erstaunlich, irritierend und manchmal auch erschütternd, wenn eine bis dahin selbstbestimmt lebende Frau sich plötzlich leiblichen und seelischen Veränderungen überlassen muss, die sie nicht selbst in der Hand hat.

Vom 14. bis 21. April lädt die »Woche für das Leben« zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Methoden der Pränataldiagnostik ein. Foto: ©iStock.com/Denkuvaiev

Vom 14. bis 21. April lädt die »Woche für das Leben« zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Methoden der Pränataldiagnostik ein. Foto: ©iStock.com/Denkuvaiev

Mit einem gewissen Maß an Kontrollverlust ist jede Schwangerschaft verbunden. Dass das entstehende Kind sich während der Schwangerschaft im Verborgenen entwickelt, ist nicht nur eine leibliche Gegebenheit, sondern verweist auf das grundsätzlich Unvorhersehbare jedes menschlichen Lebens.

Mehr Vertrauen

Gesteigerte Verantwortung in Verbindung mit weniger Kontrolle – in dieser verunsichernden Gefühlslage ein Ja zu dem entstehenden Kind zu finden, ist die Aufgabe, die werdende Eltern zu meistern haben. Sie stellt Anforderungen an persönliche Fähigkeiten ganz eigener Art: die Fähigkeit, dem Leben zu vertrauen, an eine gute Zukunft zu glauben und dem Unvorhersehbaren mit Hoffnung zu begegnen. In der Bibel wird diese Fähigkeit als Glaube bezeichnet: »Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.« (Hebr 11, 1). Glaube und Hoffnung gehören zusammen.

Der Begriff der Hoffnung bezeichnet an sich schon eine positive Grundhaltung im Blick auf die Zukunft, wobei über die Wahrscheinlichkeit der Erfüllung noch nichts ausgesagt wird. Es gibt auch ganz irreale Hoffnungen. Wenn Menschen aber sagen, sie seien guter Hoffnung, dass dies oder jenes geschehe, dann verbirgt sich dahinter die Zuversicht, ja fast schon die Erwartung einer günstigen Entwicklung. Seit mehreren Jahrhunderten bezeichnet die Redewendung »guter Hoffnung sein« den Zustand einer Schwangerschaft. Damit wird Verschiedenes ausgesagt: dass die allermeisten Schwangerschaften positiv verlaufen, dass am Ende der Schwangerschaft etwas Gutes steht, nämlich die Geburt eines Kindes, und dass die gute Hoffnung die der Schwangerschaft angemessenste Haltung ist. Die gute Hoffnung als Grundhaltung in der Schwangerschaft muss sich aber immer wieder gegen Unsicherheit, diffuse Ängste und konkrete Befürchtungen durchsetzen.

Im Kontext von gesteigerter Verantwortung, grundsätzlicher Unvorhersehbarkeit und labilen Hoffnungen ist auch die Schwangerenvorsorge angesiedelt, der sich in Deutschland nahezu alle schwangeren Frauen unterziehen. Das hohe sittliche Verantwortungsbewusstsein werdender Eltern ist aus ethischer Sicht ein kostbares Gut.

Das Ziel der Schwangerenvorsorge ist es, die werdenden Eltern in ihrer guten Hoffnung zu unterstützen. Häufig tragen die regelmäßigen Untersuchungen auch dazu bei, Befürchtungen zu zerstreuen.

Viele Frauen erleben die engmaschige Kontrolle ihrer Schwangerschaft aber auch als belastend. Sie bekommen bei jedem neuen Kontrolltermin vor Augen geführt, was alles nicht stimmen könnte. Viele schwangere Frauen nehmen als Subtext der in Deutschland üblichen Schwangerenvorsorge wahr: Jede Schwangerschaft ist ein Risiko und es kann sehr viel passieren. Immer wieder sagen schwangere Frauen: »Ich getraue mich einfach nicht, mich auf das Kind zu freuen.« Ob die Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft die gute Hoffnung stärken oder untergraben, hängt wesentlich vom Vertrauensverhältnis zwischen dem medizinischen Fachpersonal (Arzt/Ärztin/Hebamme) und den werdenden Eltern ab. Kontrollen und Tests sind jedenfalls kein Ersatz für die in der Schwangerschaft notwendige Grundhaltung der guten Hoffnung. Diese lebt von Zuspruch und Vertrauen, sei es in den eigenen Körper, sei es in Gott.

Wieviel Wissen tut gut?

Die Grundhaltung der guten Hoffnung ist Angriffen von vielen Seiten ausgesetzt, denn bei einer Schwangerschaft reden außer dem Partner und dem Arzt noch viele andere mit: Eltern und Schwiegereltern, Freundinnen und Kolleginnen, Elternmagazine, Internetblogs und Werbeanzeigen. Aufgrund ihres Wunsches, alles richtig zu machen und nichts zu versäumen, informieren sich werdende Eltern heute eher zu viel als zu wenig. Überall begegnen sie Appellen an ihr Verantwortungsgefühl. Diese gehen weit über Vorsorgemaßnahmen hinaus und erwecken in den werdenden Eltern den Eindruck, dass auch die Durchführung pränataldiagnostischer Maßnahmen zu einer verantwortlichen Elternschaft gehöre.

Zahlreiche schwangere Frauen bzw. Paare nehmen die Pränataldiagnostik in Anspruch, weil sie sich ein Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen können. Sie möchten sicher sein, dass ihr Kind bestimmte Behinderungen nicht haben wird, und würden sich im Falle eines positiven Befundes für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Für diese Paare gehört das Wissen um die genetische Ausstattung ihres Kindes zu einer »selbstbestimmten« Schwangerschaft. Man muss fragen, ob diese Auffassung mit unseren Grundwerten und unserer Rechtslage vereinbar ist. Auch wenn sie dies nicht ist, sieht die Realität oftmals dennoch so aus.

Da pränataldiagnostische Untersuchungen aber auch Elternpaaren angeboten werden, für die ihr Kind eigentlich gar nicht zur Disposition steht, werden diese vor Entscheidungen gestellt, die sie nie treffen wollten: »Soll ich mich nicht doch versichern, dass das Kind gesund ist? Und was ist, wenn ich es nicht tue? Bin ich dann verantwortlich, wenn das Kind eine Behinderung hat? Werden die Leute denken: ›Selbst schuld‹?«

Der Druck steigt

Der Druck auf werdende Eltern, auch selektive vorgeburtliche Untersuchungen vornehmen zu lassen, ist in den letzten Jahrzehnten permanent gestiegen. Seit einigen Jahren steht Paaren schon in der Frühphase der Schwangerschaft eine Möglichkeit zur Verfügung, Chromosomenveränderungen und bestimmte genetische Veränderungen beim Embryo/Fötus an fetalen Zellen im mütterlichen Blut nachzuweisen. Diese Tests sind bisher nicht Bestandteil der Schwangerenvorsorge, aber sie werden von den pharmazeutischen Herstellern vor allem im Internet weltweit beworben.

Die Schlüsselbegriffe im Marketing der Anbieter sind Wissen, Information, Aufklärung und Gewissheit. Konstruiert werden Narrative von verantwortungsvollen und beschützenden Müttern, die sich umfassend informieren und keine Wissenslücke riskieren. Von den Namen der Präparate bis zu den Kernbotschaften der Werbetexte (»Gewissheit erlangen. Ohne Risiko für das Kind.«) macht sich die Werbung den Wunsch werdender Eltern, insbesondere werdender Mütter, nach einer gesunden und glücklichen Familie zunutze.

Durchgängig präsentieren die Pharmafirmen ihre Tests als einfach, harmlos und risikolos. Konsequent verschwiegen wird, dass für so gut wie keine der diagnostizierten Krankheiten eine Möglichkeit der Therapie besteht und der Abbruch der Schwangerschaft derzeit in fast allen Fällen die einzige Möglichkeit ist, die Geburt von Kindern mit den diagnostizierten Behinderungen zu verhindern. Die Tendenz in der Entwicklung der Pränataldiagnostik ist eindeutig: immer frühere Tests, immer mehr diagnostizierbare genetische Abweichungen, immer flächendeckendere Angebote.

Frauen, die guter Hoffnung sind, sollten sich klarmachen, wofür sie verantwortlich sind und wofür nicht. Gute Hoffnung berechtigt nicht zu einer für das Kind schädlichen, also verantwortungslosen Lebensführung. Aber von »verantwortlicher Elternschaft« kann auch nicht gesprochen werden, wo es darum geht, die Geburt von Kindern mit Behinderungen zu verhindern.

Für die genetische Ausstattung ihrer Kinder sind Eltern nicht verantwortlich. Sie müssen sie vor der Geburt auch nicht kennen. Manchmal stärkt Wissen die gute Hoffnung, manchmal aber auch nicht. Es gibt ein Recht auf Nichtwissen, wo das Wissen die Beziehung zum entstehenden Kind gefährden kann.

Manchmal brauchen schwangere Frauen Klarheit, um selbstbestimmte Entscheidungen treffen zu können, manchmal brauchen sie aber vor allem Unterstützung. Können Entscheidungen, die aus der Angst heraus getroffen werden, nachher mit einem behinderten Kind allein dazustehen, als »selbstbestimmt« bezeichnet werden? Die Sache mit der Verantwortung, mit dem Wissen und mit der Selbstbestimmung ist in der Schwangerschaft vielschichtig.

Eine Leitfrage für schwangere Frauen könnte sein: Was stärkt mich in meiner guten Hoffnung? Am Ende kommt es in der Schwangerschaft auf das an, worauf es im Leben immer ankommt, auf Glaube, Liebe und Hoffnung (1. Korinther 13,13).

Christiane Kohler-Weiß

Die Autorin ist Kirchenrätin der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Stuttgart.

Weitere Infos: www.woche-fuer-das-leben.de

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Verkündigung – künstlerisch und frech

15. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Vielseitig: Um das Evangelium unter die Leute zu bringen, so, dass es berührt, setzt er seine Talente ein. Er ist promovierter Theologe, Schriftsteller, Musiker, Kabarettist: der Autor unseres Glaubenskurses zu den kirch­lichen Festen, Fabian Vogt.

Nach dem Abitur hätte ich am liebsten ein Studium generale begonnen, weil mich so Vieles gleichzeitig interessierte«, erzählt Fabian Vogt, Jahrgang 1967. Er entscheidet sich für Theologie, Germanistik, Gesang und Theaterwissenschaften. Nach dem Studium arbeitet er freiberuflich als Künstler, findet aber ziemlich schnell den Weg in die Kirche. Bei einem Konzert lernt er einen Pfarrer kennen, der von den frischen Ideen des Künstlers begeistert ist. »Was du machst, das brauchen wir in der Kirche«, spornt der Pfarrer ihn an. Vogt ist angetan von den »Visionen« des Theologen und absolviert in dessen Gemeinde in der Nähe von Frankfurt am Main das Vikariat. Es wird zu einer Spielwiese für neue Gottesdienste. Um herauszufinden, welche Themen die Gottesdienstbesucher interessieren, entwickelt Vogt ein mehrstufiges System. Im Oktober fragt er, welche Themen im Gottesdienst behandelt werden sollten. Mehr als 100 Vorschläge gehen ein: Gibt es Gott? Wie sollen wir mit Gentechnik umgehen? Ehekrise, Kindererziehung, Burnout, Selbstmord.

Lebensfragen im Gottesdienst erörtern

Aus den Anregungen wählt Vogt gemeinsam mit einem Team 20 Themen aus und fragt die Gottesdienstbesucher erneut, welche sie als die zehn wichtigsten ansehen. So entsteht das Programm für das folgende Jahr. Zehn Themen für zehn Gottesdienste. Diese finden nicht in der Kirche, sondern in einem großen Kino statt. Hier übergeben die Besucher jeweils ihre Fragen anonym auf einem Zettel dem Prediger, »der im Kreuzverhör darauf reagiert«. Kein leichtes Unterfangen. Vogt macht dabei gute Erfahrungen. »Die Menschen erleben den Pfarrer als einen, der wie sie auf der Suche ist.« Das Konzept geht auf. Nach etwa zwei Jahren Laufzeit kommen mehrere hundert Leute in die Gottesdienste. Für Fabian Vogt wird eine Sonderstelle für neue Gottesdienstformen eingerichtet. Zehn Jahre erfüllt er diese Aufgabe.

Dann ist für Vogt und seine Frau – sie ist auch Pfarrerin – Zeit, nach neuen Ufern auszuschauen. Funktioniert das bisherige Gottesdienstkonzept auch in einer bodenständigen landeskirchlichen Gemeinde?, fragt sich das Theologenehepaar. »Meine Frau und ich meinten, dass das so ist«, sagt Vogt. Gemeinsam übernehmen sie eine Gemeinde in Oberstetten, einem Stadtteil von Oberursel. Hier geht es mehr um die Stärkung der Ortsgemeinde, weniger um die regionale Ausstrahlung. Die Menschen sollten spüren, dass Glauben begeistern könne, so das Anliegen des Theologen. Um die Gemeinde in das Geschehen einzubeziehen, nahe an ihren Themen zu sein, entwickeln die Vogts ein rotierendes Gottesdienstsystem. An einem Sonntag wird zu einem klassischen Gottesdienst mit Orgelmusik und traditioneller Liturgie eingeladen. Am selben Tag abends gibt es noch einen modernen Jugendgottesdienst. Am nächsten Sonntag ist die Liturgie etwas freier gestaltet als im traditionellen Gottesdienst. Am darauffolgenden Sonntag steht ein Familiengottesdienst auf dem Programm. Und in der nächsten Woche geht es ganz modern zu, die Band spielt, der Pfarrer trägt keinen Talar. Der Abend wiederum ist einer »hochliturgischen Abendfeier« gewidmet. Vogt blickt nicht ohne Stolz auf das gelungene Projekt zurück. »Als wir kamen«, erinnert er sich, »war die Kirche leer. Als wir gingen, war sie voll. Das ist toll!«

Der Segensroboter auf der Weltausstellung

»Wir haben erreicht, was wir wollten«, habe seine Frau nach einiger Zeit gesagt und nach einer neuen Herausforderung gesucht. Fabian Vogt findet sie für zweieinhalb Jahre als Projektleiter für das Reformationsjubiläum in Hessen. Seit mit dem Ende des Jubiläums diese Stelle ausgelaufen ist, arbeitet er als Eventmanager für die hessische Kirche, entwickelte große Kommunikationskonzepte für öffentliche Feste wie den Rheinland-Pfalz-Tag und den Hessentag. Derzeit beschäftigt ihn der 500. Jahrestag des Reichstages zu Worms 2021. »Wie können Glaubensfragen künstlerisch und theologisch so elementarisiert werden, dass sie für Leute verständlich sind, die keinen Back­ground mitbringen?«, überlegt er.

Bei seinem Anliegen, theologische Fragen niederschwellig in der Gesellschaft zu etablieren, kommen ihm zuweilen auch verrückte Ideen. Der Segensroboter »BlessU-2«, den die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau zum Reformationsjubiläum auf der Weltausstellung in Wittenberg präsentierte, ist Vogts Idee. Gemeinsam mit einem Team entwickelte er die Installation, die in Wittenberg für Furore sorgte. Der Roboter kommunizierte in sieben Sprachen mit den Gästen per Bildschirm und sprach ihnen auf Wunsch ein Segenswort zu. Der Segensroboter fand nicht nur ein positives Echo, sondern ärgerte auch, bis hin zu dem Vorwurf der Blasphemie. »Natürlich geht es nicht darum, auf Dauer Pfarrer durch Roboter zu ersetzen«, hält Vogt dagegen. Für ihn ist die Konstruktion eine künstlerisch freche Auseinandersetzung mit dem Glauben, die zum Nachdenken über den Segen anregt.

Die faszinierende Dimension des Glaubens

Der christliche Glaube wurde Fabian Vogt nicht in die Wiege gelegt. »Meine Eltern interessierten sich nicht dafür.« In der kirchlichen Jugendarbeit begreift er, dass das Evangelium eine Dimension des Lebens betrifft, die ihn fasziniert und neugierig macht. »Ich habe ganz schnell gemerkt, dass ich ohne Gott, ohne Glauben nicht leben will. In der Kirche habe ich etwas gefunden, was ich nirgendwo anders gefunden habe.« Dass der Mensch wertvoll ist! Es sei ein Unterschied, ob man sich diese Gewissheit selbst erarbeiten müsse oder glauben könne, dass es einen Gott gibt, der einem zuspricht, »dass ich geliebt und gewollt bin. Das fand ich eine heilsame und beglückende Erfahrung.«

Die gibt er weiter mit seinen vielseitigen Talenten. Als Allrounder für den Glauben. Sein neuestes Werk ist ein Handbuch der christlichen Feste. In diesem beschreibt er die kirchlichen Feiertage und erklärt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

Sabine Kuschel

Vogt, Fabian: Feier die Tage. Das kleine Handbuch der christlichen Feste, Evangelische Verlagsanstalt, 144 S., ISBN 978-3-374-05309-4, 10,00 Euro


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Hostie, Kokosnuss, Bananensaft

10. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Kulinarische Geschichte: In der Regel feiern die Kirchen das Abendmahl mit Brot und Wein, so wie es Jesus mit den Jüngern tat. Wo aber weder Trauben noch Weizen wachsen, zeigt sich Christus auch in anderen Nahrungsmitteln.

Es fehlt nur noch, dass sich die Tischplatte biegt: Ein Kirchenfenster in Soest zeigt, wie Jesus und die Jünger inmitten von Bierkrügen und Tellern voller Aufschnitt tafeln. Die Darstellung, um 1500 entstanden, ging als westfälisches Abendmahl in die Geschichte ein. Es versteht sich von selbst, dass eine pappige Oblate mit einem so üppig gedeckten Tisch nicht mithalten kann. Sollte die Darstellung ein Wink mit dem Zaunpfahl sein? Bezweckte der unbekannte Künstler, Eucharistiefeiern, die an Jesu letztes Gemeinschaftsmahl am Gründonnerstag erinnern, in kulinarischer Hinsicht zu überdenken?

»Westfälisches Abendmahl«: Kirchenfenster in der Kirche St. Maria zur Wiese in Soest (Nordrhein-Westfalen). In der Abendmahldarstellung nehmen Jesus und seine Jünger nicht Brot und Wein zu sich, sondern westfälischen Schinken, Pumpernickel und Bier. Foto: epd-bild

»Westfälisches Abendmahl«: Kirchenfenster in der Kirche St. Maria zur Wiese in Soest (Nordrhein-Westfalen). In der Abendmahldarstellung nehmen Jesus und seine Jünger nicht Brot und Wein zu sich, sondern westfälischen Schinken, Pumpernickel und Bier. Foto: epd-bild

Der Gedanke liegt nahe – und dennoch: »Hostien waren nie Feinkost, aber dennoch stand über Jahrhunderte hinweg fest, dass an der Festlegung der Kirche auf Brot und Wein nicht zu rütteln war«, sagt Anselm Schubert, Professor für Evangelische Theologie aus Erlangen-Nürnberg, dessen Buch den Titel »Gott essen« trägt. Außerdem sei schon damals klar gewesen, dass Jesu Abendmahl und das Sakrament in der Messe zwei verschiedene Dinge waren.

»Die frühen Christen hatten bei ihren Abendmahlfeiern noch eine Vielfalt an Speisen aufgetischt, wir wissen von Früchten, Milch oder auch Käse, aber damit war es schon seit der Spätantike vorbei«, berichtet Schubert. Das Gemeinschaftsmahl wurde zum Kultmahl, immer mehr Details wurden geregelt. Wer nicht mit Brot und Wein feierte, so wie es später in den verbindlichen Evangelien festgehalten wurde, galt als Ketzer. Unvorstellbar also, dass Pfarrer viel später an den Rändern der christlichen Welt zur Eucharistie auch Cola und Maniokwurzel reichen würden.

Dass der Gottessohn nach christlicher Überzeugung beim Abendmahl präsent ist, erklärt, warum die Frage der richtigen Lebensmittel überhaupt von Belang ist. Für die Katholiken wird bei der Eucharistie Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi gewandelt, und auch Luther hielt an der Gegenwart Christi im Abendmahl fest – anders als die reformierten Protestanten, für die Brot und Wein stets Brot und Wein geblieben sind.

Roter Wein oder weißer? Gesäuertes oder ungesäuertes Brot? Darf der Teig nur aus Weizen bestehen? Über Jahrhunderte bewegte sich die Diskussion über die Bestandteile des Abendmahls in einem eng gesteckten Rahmen. Im 9. Jahrhundert führte die lateinische Kirche die Oblate ein – ein Tiefpunkt der Kulinarik. »Dass sie nicht schmeckte, war der Kirche egal. Abstrakter als Brot, rund und rein, hatte sie andere Vorteile zu bieten«, fasst Schubert einige von ihnen zusammen. Mit der Ausnahme von Traubensaft gilt der katholischen Kirche auch Wein bis heute als alternativlos.

Vielerorts aber war es zu kalt, zu verregnet oder zu trocken – und Trauben und Weizen wuchsen nicht überall, wo die Gläubigen lebten. Oft war es die schiere Not, die erfinderisch machte. So berichtet Schubert etwa von mittelalterlichen Bräuchen in Skandinavien, das Abendmahl statt mit Wein mit Bier zu begehen. In Island und Grönland wuchs ebenfalls kein Wein, doch ging man dort den offiziellen Weg. Mit einer päpstlichen Ausnahmeerlaubnis, aus Rosinen Traubensaft anzusetzen, ließ sich im 14. Jahrhundert eine Zeitlang behelfen. Als aber wegen der Pest keine Schiffe mehr fuhren, fiel die Messe jahrelang aus.

Was, wenn Jesus Inder, Lateinamerikaner oder Insulaner im Pazifik gewesen wäre? Diese Frage stellte sich, als die Missionare der Neuzeit ganze Kontinente in Übersee für das Christentum erschlossen. Wäre Jesus nicht im Mittelmeerraum geboren, hätte er vielleicht Maisfladen gebrochen oder den Kelch mit Zuckerrohrwein gereicht. Das gestanden sich zwar auch die Kirchen ein. Aber eine Anpassung kam weder für Katholiken noch für Lutheraner infrage.

Die Problematik ist bis heute bestehen geblieben. Das zeigt auch ein Papier des Ökumenischen Rats der Kirchen, in dem 348 Kirchen aus aller Welt organisiert sind – wenn auch nicht die römisch-katholische Kirche. Darin steht, dass nach Ansicht vieler gläubiger Christen »ortsübliche Nahrungsmittel und Getränke die Eucharistie besser im täglichen Leben verankern« könnten. Seither hat die anglikanische Kirche das wohl als einzige näher untersucht.

Dass ein Pfarrer der evangelisch-methodistischen Kirche auf der pazifischen Insel Tonga das Abendmahl mit der Kokosnuss feierte, war schon länger bekannt. Aber nun zeigte sich, dass noch ganz andere Lebensmittel zum Einsatz kamen. Denn wo Wein importiert werden muss, ist er häufig zu teuer. Wo Muslime regieren, ist Alkohol mitunter verboten. Und wo Menschen Gluten nicht vertragen, muss ein anderes Getreide als Weizen her. In Uganda wurde also Bananensaft statt Wein gereicht, in Burundi Johannisbeerschorle, auf Kuba auch Honigwein. In Nordamerika gab es bisweilen Reiskuchen statt Brot, im Sudan griff man auf die Maniokwurzel zurück.

Dass sich die kulinarischen Gepflogenheiten von Region zu Region unterscheiden, ändert also auch das Abendmahl nicht. Und obwohl Jesus den meisten Christen in Form einer Hostie gegenwärtig wird, symbolisiert ihn am anderen Ende der Welt eben bisweilen auch eine Kokosnuss.

Julia Lauer (epd)

Buchtipp
Schubert, Anselm: Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls, C.H.Beck. 271 S., ISBN 978-3-400-70055-2, 24,95 Euro

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Fremd auf eigenem Land

10. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

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West Papua: Himmelschreiendes Unrecht in der indonesischen Provinz Papua Barat. Die Weltgemeinschaft nimmt kaum Notiz davon. Aktivisten und Kirche treten für die Menschenrechte in ihrem Land ein.

Nur ein Fall unter vielen: Zwischen Sorong und Manokwari im indonesischen Westteil der Insel werden einheimische Bauern durch Behörden von ihren Ländereien vertrieben. Darauf sollen Plantagen für lukratives Palmöl entstehen. Wer dagegen protestiert, läuft Gefahr, eingesperrt, gefoltert oder gar ermordet zu werden. »Jeden Tag, jede Woche haben wir solche Probleme«, erzählt eine Menschenrechtsaktivistin aus Papua, die sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung stark macht.

Ständig kommt es in Papua zu brutalen Menschenrechtsverletzungen durch Militärs und Polizei. Das beklagen nicht nur Menschenrechtler aus der abgehängten Region am östlichen Rand des riesigen pazifischen Inselstaates Indonesien, sondern auch Amnesty International und andere internationale Organisationen.

Seit 1963 ist die ehemalige holländische Kolonie gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung von der Zentralregierung in Jakarta annektiert. Seither beutet Indonesien den Rohstoffreichtum Papuas aus, siedelte vor allem muslimische Bewohner aus übervölkerten indonesischen Inseln wie Java, Sumatra und Sulawesi dort an.

Die rund vier Millionen Einwohner, in der Mehrheit Christen, werden um ihr Landrecht gebracht, damit Konzerne die Wälder für riesige Palmölplantagen abholzen können. In Minen werden wertvolle Mineralien wie Gold abgebaut. Die Umweltfolgen sind katastrophal.

Die Insel Neuguinea ist in den indonesischen Westteil und in das unabhängige Land Papua Neuguinea im Osten geteilt. West Papua leidet seit mehr als 50 Jahren unter der indonesischen Besatzung. Foto: privat

Die Insel Neuguinea ist in den indonesischen Westteil und in das unabhängige Land Papua Neuguinea im Osten geteilt. West Papua leidet seit mehr als 50 Jahren unter der indonesischen Besatzung. Foto: privat

Mit Gewalt unterdrückt die Regierung bis heute den Freiheitswillen der indigenen Bevölkerung. Allein das Hissen der Morgensternflagge, dem verbotenen Symbol der Unabhängigkeitsbewegung von Papua, reiche aus, ins Gefängnis geworfen oder getötet zu werden, berichtet ein einheimischer Pfarrer. »Sehr häufig verschwinden Menschen einfach«, sagt der Mann, der sich in der Menschenrechtsarbeit engagiert.

Bisher hätten Christen und Muslime gut zusammengelebt, erzählt Andreas Mofu, der Präsident der rund 800 000 Mitglieder zählenden evangelischen Kirche in Papua. Doch seit geraumer Zeit schürten ins Land einsickernde radikal-muslimische Gruppen Konflikte zwischen den Religionen. Einige Kirchenführer in Papua bezeichneten das Vorgehen des indonesischen Staates als rassistisch motivierten Völkermord, sagt Norman Voß vom Westpapua-Netzwerk. Die Lage der Menschenrechte im von Indonesien annektierten Westteil der Insel Neuguinea sei »sehr ernst und hat sich trotz Kritik der Vereinten Nationen nicht verbessert«, beklagt er.

Die indonesische Zentralregierung setze die umfangreichen Empfehlungen der Vereinten Nationen zu den Menschenrechten weitgehend nicht um. Die Gewalt durch indonesische Sicherheitskräfte treffe fasst ausschließlich indigene Papuas, berichtet Voß. Im vergangenen Jahr seien nach Angaben der Organisation International Coalition for Papua (ICP) zehn Papuas getötet, 175 gefoltert oder misshandelt und 599 Menschen aus politischen Gründen inhaftiert worden; acht Journalisten seien angegriffen oder bei ihrer Arbeit behindert worden. Ausländische Journalisten könnten nach wie vor nicht frei in die Region reisen und von dort berichten.

Voß kritisiert auch, dass Deutschland Waffenlieferungen an Indonesien nicht unterbinde. Der Bundesregierung sei bekannt, dass das indonesische Militär Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung verübe und unabhängige Beobachter nicht ins Land gelassen würden. Die auswärtigen Beziehungen Deutschlands seien von wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen geprägt.

Derzeit verhandele die EU ein Freihandelsabkommen mit Indonesien. Die Bundesregierung sollte offener und stärker als bisher Kritik an den Zuständen in Papua äußern und Waffenverkäufe einstellen, appelliert Voß. Die Kirchen in Deutschland könnten eine wichtige Rolle dabei spielen, die politischen Seiten des Papua-Konflikts an einen Tisch zu bringen. Auch Amnesty International setzt auf die Vermittlerrolle der Kirchen, die vor Ort ihr eigenes Netzwerk hätten: »Es ist wichtig, dass sie auch als Partner für die Menschenrechtsaktivisten vor Ort agieren, da die Region sehr isoliert ist.« Die Kirchen hätten Kontakte zu den Menschen und könnten dadurch gut einschätzen, was benötigt werde.

Für die Menschenrechte der Bevölkerung in Papua setzt sich auch die evangelische Kirche des Landes ein. Übergriffe von Behörden und andere Unrechtsfälle werden dokumentiert, Berichte an internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen geschickt. Auch werden Gewaltopfer betreut und von Anwälten vor Gericht vertreten. Aktivisten gehen in die entlegenen Stammesdörfer in den Urwald und klären die Bewohner über ihre Rechte auf. Ziel ist es dabei stets, friedliche Lösungen zwischen allen Konfliktparteien zu finden. Zudem kartografieren kirchliche Mitarbeiter den Landbesitz der Einwohner, um sie vor dem unberechtigten Zugriff des Staates zu schützen.

Menschenrechtler in Papua sind sich der ständigen Gefahr um Leib und Leben bewusst. Auch persönlich sei sie schon wegen ihres Engagements von indonesischen Sicherheitskräften bedroht worden, erzählt eine Aktivistin. »Doch wer hilft sonst unseren Leuten, wenn wir Angst haben?«

Alexander Lang (epd)

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Es geht nur zusammen

9. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Struktur: Der Kirchenkreis Jena hat sich 2002 neu aufgestellt und 65 Kirchengemeinden in sieben Regionen aufgeteilt. Den Prozess hat der Psychologe Rüdiger Trimpop begleitet. Beatrix Heinrichs hat mit ihm darüber gesprochen.

Mit welchen Erwartungen sind die Akteure an die strukturellen Veränderungen herangegangen?
Trimpop:
Wie an vielen anderen Orten hatte man das Problem, dass die Zahl der Kirchenmitglieder rückläufig war. Pfarrer mussten viele Gemeindebezirke gleichzeitig betreuen und waren überlastet. Die Ziele in der Gemeindearbeit waren so nicht weiter befriedigend umsetzbar, deshalb wollte man Bereiche zusammenlegen, um die Kirche in Jena für die Zukunft zu wappnen.

Die Planung wurde von den Gemeinden nicht so angenommen, wie erhofft. Woran lag das?
Trimpop:
Die Umstrukturierung war am grünen Tisch entstanden. Oft sind Leitende nicht mehr am Herzschlag dessen, was in einer Gemeinde gefühlt und gedacht wird. Veränderungsprozesse sollten daher frühzeitig eingeleitet werden.

Wenn Gemeinden zusammengelegt werden, worin liegt die größte Herausforderung?
Trimpop:
Pfarrer, Gemeindekirchenräte und Kirchenmitglieder sind Menschen wie alle andere auch. Da gibt es persönliche Eitelkeiten, Gewohnheiten, möglicherweise Misstrauen. Auch die Auslegung des Glaubens kann eine Rolle spielen: Manche Gemeinden sind sehr streng gläubig, andere in ihrer Deutung der Bibel eher flexibler.

Wie schafft man es, diese Unterschiede zusammenzubringen?
Trimpop:
Der entscheidende Faktor lautet Partizipation. Es ist enorm wichtig, Gemeindeglieder von vornherein mit einzubeziehen, sie nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen zu fragen. Erfahrungen und Erwartungen können unterschiedlich sein und müssen im gemeinsamen Gespräch abgeglichen werden.

Wie konnte ihr Lehrstuhl den Kirchenkreis Jena unterstützen?
Trimpop:
Wir haben zunächst moderierte Gesprächsgruppen eingerichtet, in denen geklärt wird, welche Erwartungen bestehen und in denen ausgelotet wird, inwieweit und wo
Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit eine Zusammenarbeit möglich ist.
Diese Informationen haben wir gesammelt und zurück in die Leitungskreise gegeben. Die hier entwickelten Ergebnisse wurden dann über alle Ebenen abgestimmt. Die Umsetzung der Entscheidungen erfolgte auch wieder unter Begleitung.

Wenn Wirtschaftsunternehmen fusionieren, ist es nicht ungewöhnlich, dass externe Berater solche Prozesse mediativ begleiten. In gemeinnützigen Organisationen ist das selten so …
Trimpop:
Das Geld kann nicht der entscheidende Faktor sein. Bei einer Kooperation mit Universitäten ist die gesamte Datenerhebung durch die wissenschaftlichen Vorhaben abgedeckt; Kosten fallen lediglich für die Moderation an.
Das Projekt für den Kirchenkreis Jena zum Beispiel hat unter anderem mit Iris Seliger eine Doktorandin betreut, die im Rahmen ihrer Promotion die Interviews in den Gemeinden führte.
Viele Kirchenkreise geben Unsummen für die Sanierung von Gebäuden aus, scheuen sich jedoch, die Kosten aufzubringen, um Frieden in den Gemeinden zu haben. Aber gerade hier wäre die Begleitung durch eine externe Instanz nötig.

Warum?
Trimpop:
Erfahrungsgemäß gestaltet sich das Thema Führung im gemeinnützigen Bereich viel komplizierter. In der evangelischen Kirche gibt es keine klaren Hierarchien. Hinzu kommt, dass viele der sogenannten Führungskräfte sich nicht als solche verstehen. Hier sollte von Seiten der Landeskirchen explizit Weiterbildung angeboten werden.
Wenn man eine Organisation zukunftsfest machen will, muss man wissen, wie Gemeinden, Mitarbeiter und Ehrenamtliche geführt werden, und wie man sie von wirtschaftlichen Zwecken und Notwendigkeiten überzeugt. Das lernt kein Pfarrer in seiner Ausbildung. Die Weiterbildung steckt hier noch in den Kinderschuhen.

Wo muss man ansetzen, um Wandel positiv zu gestalten?
Trimpop:
Veränderungen sind eine Frage der Kommunikation und Motivation. Man sollte allen Beteiligten deutlich machen, welche Vorteile sich aus dem Zusammenschluss ergeben.
Für die Gemeinden können gezielt Anreize geschaffen werden, sich mit den anderen aktiv auseinanderzusetzen, z. B. indem Mittel für gemeinsame Aktivitäten zur Verfügung gestellt werden.
Eine weiterführende Begleitung, auch nachdem die Entscheidung zum Zusammenschluss getroffen ist, halte ich für sinnvoll. Hier kommt es darauf an, die Gemeinde dabei zu unterstützen, gemeinsame Erfolgserlebnisse zu generieren.
Wenn das gelingt, besteht die Chance, dass die Zusammenarbeit auch auf Dauer klappt.

Rüdiger Trimpop ist Professor am Lehrstuhl für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.


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Alleingelassen: Wenn die Hirten in den Gemeinden fehlen

Hilferuf: Kirchengemeinden vermissen Seelsorger und haben Angst vor strukturellen Veränderungen

Grafik: Forgem – stock.adobe.com

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Von Christen, Christinnen und Getauften

8. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Wird die Verfassung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in geschlechtergerechte Sprache umgeschrieben? Darüber will die Landessynode auf ihrer Frühjahrstagung entscheiden. Die Verfassungskommission hat einen Vorschlag erarbeitet. Dazu ein Gespräch mit Professor Michael Germann, der der Verfassungskommission angehörte, jedoch ausgetreten ist. Mit ihm sprach Katja Schmidtke.

Herr Professor Germann, seit 2014 diskutiert die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland über eine Verfassungsänderung. Von Beginn an gehörten Sie der von der Landessynode hierfür eingesetzten Kommission an. Nun sind Sie ausgetreten. Warum?
Germann:
Die Herbstsynode hat die Verfassungskommission aufgefordert, den Entwurf zur Änderung der Verfassung in einer geschlechtspolitisch veränderten Sprachfassung vorzulegen. Die halte ich für eine schwerwiegende Verschlechterung. In meinem Brief an den Präses der Synode und an die anderen Beteiligten habe ich deutlich gemacht, dass ich damit nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Außerdem wollte ich die Freiheit gewinnen, die ich mir als Mitglied der Kommission nicht genommen habe: einzutreten für die geltende sprachliche Fassung und dafür zu werben, die Änderung in der Frühjahrssynode abzulehnen.

Warum? Sie haben doch mitgearbeitet.
Germann:
Die inhaltlichen Vorschläge, die aus der Revision hervorgegangen sind, halte ich für sinnvoll. Weil aber in der jetzt vorgelegten Fassung sprachliche und inhaltliche Veränderungen zu einem Text verbunden sind, können die Synodalen nur zu beidem »ja« oder zu beidem »nein« sagen. Sagt die Synode »nein«, was ich hoffe und wofür ich in einem Brief an die Synodalen werbe, können die inhaltlichen Veränderungen später aufgegriffen werden. Die sind ja nicht aus der Welt.

Was stört Sie an geschlechtergerechter Sprache?
Germann:
Schon diese Bezeichnung.

Wie nennen Sie es denn?
Germann:
Wenn ich ein ebenso polemisches Wort wählen darf: geschlechtsfixierte Sprache. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie willkürlich generische Formen unterdrückt und durch Formen zu ersetzen versucht, die nur ein bestimmtes biologisches Geschlecht markieren. Generische Substantive oder Pronomen machen es möglich, Menschen und ihre sozialen Rollen zu bezeichnen, wenn das Geschlecht unbekannt oder nicht relevant ist. Generische Formen leisten eine notwendige Abstraktion, wie übrigens alle sprachlichen Ausdrücke. Um vom Geschlecht zu abstrahieren, kommen wir ohne generische Formen nicht aus. Manche generische Formen haben nun das Pech, dass sie mit den Formen übereinstimmen, die man für männliche Exemplare verwendet, wenn es eine weiblich markierte Form gibt. Das ist sprachlicher Zufall: »Freund« und »Gast« sind beide grammatisch maskuline Wörter. Neben »Freund« gibt es »Freundin«, neben »Gast« gibt es keine weiblich markierte Form. Wer deswegen von »Freunden« nur noch sprechen will, wenn es Männer sind, fixiert das Wort auf das männliche Geschlecht. So kann man Frauen nicht zu seinen Freunden zählen, sondern mit der separaten Bezeichnung als »Freundinnen« nur von ihnen sprechen, indem man auf ihr weibliches Geschlecht abstellt. Das nenne ich »geschlechtsfixierte« Sprache. Und damit beginnen die Probleme.

An welche denken Sie?
Germann:
Auf den ersten Blick unübersehbar, nur quantitativ vielleicht nicht so bestimmend, ist dieses: Es gibt Menschen, die sich nicht auf das männliche oder weibliche Geschlecht festlegen lassen. Schon daran scheitert die Erwartung, man könne generische Formen durch eine Aufzählung zweier Geschlechter ersetzen. Das Bundesverfassungsgericht hat daraus geschlossen, dass das Personenstandsrecht für die Angabe des Geschlechts eine generische Kategorie bereithalten muss. Erst recht sind generische Formen also nötig, wenn es gar nicht um die Angabe des Geschlechts geht. In der individuellen Ansprache eines konkreten Menschen ist das anders. Mein Gegenüber spreche ich nicht generisch an.

Kommt uns also durch die Veränderung der Sprache in einer Gesellschaft, in der jeder individueller sein will als der andere, das verbindende Element abhanden?
Germann:
Da ist vielleicht etwas dran. Das wäre ein Bedürfnis, in jeder Situation als Individuum angesprochen zu werden. Damit hat auch das Argument zu tun, die Sprache müsse jeden einzelnen in seiner Geschlechtszugehörigkeit »sichtbar« werden lassen. So habe ich auch von manchen Frauen in einem hohen, sogar sehr sichtbaren kirchlichen Leitungsamt gesagt bekommen, dass sie sich nicht angesprochen fühlen von einem Text, der abstrahiert, dass sie sich in ihrer Funktion und Rolle, in ihrem Amt nur wahrgenommen sehen, wenn sie gerade als Frau wahrgenommen werden. Das Verbindende, das Sie eben angesprochen haben, wäre hier im Zurücktreten des »Ansehens« der Person und ihres Geschlechts hinter die »Sichtbarkeit« des Amts zu suchen, sobald man eben vom Amt spricht und nicht von der einzelnen Person.

Michael Germann ist Professor für Öffentliches Recht, Staatskirchenrecht und Kirchenrecht an der Juristischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Michael Germann ist Professor für Öffentliches Recht, Staatskirchenrecht und Kirchenrecht an der Juristischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Eine individuelle Ansprache und unsere Gemeinschaft als Christen. Wie geht das zusammen?
Germann:
Was die Sprachumstellung bewirkt, zeigt sich im Verfassungsentwurf bei der Kollektivbezeichnung »Christen«. Christ »oder« Christin, Christen »und« Christinnen? Ohne generische Bezeichnung gibt es keine gemeinsame Bezeichnung. Umschreibungen wie »alle Getauften« gelten nur deshalb als unauffällig, weil es dazu keine markierte Form gibt. Wenn man von Christen nur noch als »Christinnen und Christen« sprechen kann, ist die Trennung der Geschlechter vorausgesetzt, sie geht dem Christsein vor. Das ist für uns Christen ein Problem, weil wir Sprachformen brauchen, die uns als Gemeinschaft ansprechen.

Wir könnten doch den Plural verwenden?
Germann:
Das macht die vorausgesetzte Geschlechtertrennung sowieso nur bei Pronomen, Adjektiven und Partizipien unsichtbar, bei denen im Plural die weiblich markierten Formen verschwinden. Hier wird Unsichtbarkeit uns plötzlich als »geschlechtergerecht« verkauft. Bei den »Getauften« funktioniert das, aber nicht bei den »Christen«, wenn man sie im Gegensatz zu »Christinnen« sieht. Alle Kunstgriffe dieser Art gehen auf Kosten des Sinns. Ein Beispiel: Für die Vorschriften über das Amt des Superintendenten hat die Verfassungskommission den Plural erwogen, weil sich darin wenigstens die Personalpronomina auf eine Form reduzieren. Doch das hätte den Sinn verschoben: Eine Norm, die die einzelnen Amtsträger adressieren soll, wäre im Plural verwechselbar mit einer Norm, die die ganze Gruppe adressiert. Es gibt aber je Kirchenkreis nur ein solches Amt. Juristen können mit solchen Sinnverschiebungen zurechtkommen, aber die dafür erforderliche Übersetzungsleistung ist eine unnötige Verständnishürde, erst recht für juristisch nicht geschulte Menschen.

Gesetzestexte sind kompliziert. Müssen sie denn sprachlich schön sein?
Germann:
Ganz klar: Ja! Verfassungen sind keine beliebigen Gebrauchstexte, ihre Wirkung hängt auch davon ab, dass sie gut lesbar und eingängig sind. Schauen Sie sich das Grundgesetz an: abgesehen von einigen späteren Zutaten ein schöner Text.

Hätte eine Gleichstellungsklausel in der EKM-Verfassung genügt?
Germann:
Artikel 8 der geltenden Verfassung stellt die Funktion der generischen Bezeichnungen klar. Selbst das ist unnötig, wenn man sich einfach darauf einlässt, dass generische Formen immer vom Geschlecht abstrahieren.
Bei solchen Klauseln sollte auf die Formulierung geachtet werden: Dass alle »gemeint« sind, trifft die Sache nicht: Frauen sind nicht nur irgendwie »mitgemeint«. Formulierungen wie »gelten auch für« klingen juristisch nach einer Fiktion. Besser ist das Verb »bezeichnen«: Generische Formen »bezeichnen gleichermaßen Frauen und Männer«. So ist es, und so steht es in Artikel 8 der Kirchenverfassung.

Ihnen genügt das, anderen nicht.
Germann:
Das Hauptargument lautet: Es werde anders empfunden. Man muss das ernst nehmen und die Probleme an der richtigen Stelle anpacken. Wenn ein Personalverantwortlicher nur an Männer denkt, wenn im Text »Pfarrer« steht, dann ist dies Denken das Problem. Für uns als evangelische Christen wäre die Kirche nicht mehr in Ordnung, wenn es für ihre Ämter auf das Geschlecht ankäme. Wo das in den Köpfen nicht angekommen sein sollte, müssen wir reagieren und ein Bewusstsein schaffen. Dafür sei eine Sprachumstellung das Mittel, so das Argument ihrer Befürworter. Ich glaube, Eingriffe in die Sprache sind das falsche Mittel. Es hat etwas von einer Ablenkungsschlacht, diese Schlacht um die Sprache.

Warum sind Sie als Kirchenrechtler bei diesem Thema so emotional?
Germann:
Sprache hat mit Persönlichkeit zu tun. Wenn jemand mir vorschreibt, wie ich zu sprechen habe, macht mich das grantig.

Dann müssen Sie doch Frauen verstehen, die sagen, diese Sprache schreibt mir vor, dass ich Pfarrer bin und nicht Pfarrerin.
Germann:
Ich will gar nicht abwerten, was da emotional an Erfahrungen – auch generationsgebunden – dahinter steckt. Aber dieses Empfinden sucht sich das verkehrte Ziel. Es macht einen Unterschied, ob ich Eingriffe in die Sprache erleide oder ob ich hinnehmen muss, dass andere die Sprache so verwenden, wie sie mit den ihr gegebenen Mitteln funktioniert. Da kann man der generischen Form nicht gegen ihren Sinn vorwerfen, sie mache eine Frau zum Mann. Schon allein die Methode, über Sprachhygiene in meinen Kopf eingreifen zu wollen, hat etwas Beleidigendes. Man unterstellt mir damit, dass ich ein falsches, in Rollenstereotypen gefangenes Bewusstsein hätte. Das will ich mir nicht mit jedem Satz der Verfassung vorhalten lassen. Wo es so wäre, ließe ich mich gerne korrigieren – aber nicht auf dem Irrweg einer um die generischen Formen beraubten Sprache. Ich hoffe, dass die Landessynode das dem Text der Kirchenverfassung nicht antut.

www.ekmd.de/kirche/landessynode/ueberpruefung-der-ekm-verfassung/

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Der evangelische Robin Hood

3. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 200 Jahren wird Friedrich Wilhelm Raiffeisen geboren, der Gründer der modernen Genossenschaft.

Im Anfang war das Backhaus. Und ein junger Bürgermeister, der sich der Obrigkeit widersetzt und hungernden Kindern und ihren Eltern hilft. Das Backhaus in dem kleinen Westerwald-Ort Weyerbusch ist ein schlichter Fachwerkbau, eher eine Hütte, aber es wird zum Symbol für eine Bewegung: Die Genossenschaften.

Der junge Bürgermeister heißt Friedrich Wilhelm Raiffeisen, vor 200 Jahren im Westerwald geboren. Wie bei vielen gibt es auch bei ihm diese Tat, die wie ein Schlüssel zu seinem Leben passt: Er lässt das Backhaus bauen, besorgt Mehl und beendet eine Hungersnot, die wir uns heute kaum mehr vorstellen können.

Raiffeisen wirkt als Christ, seine Kraftquelle ist die Bibel, seine Mitstreiter wirbt er mit Hinweisen auf die Bergpredigt: Er ist als Gründer der modernen Genossenschaften einer der Großen in der Geschichte der evangelischen Kirche – und wird vergessen. Warum? Raiffeisen durfte nicht einmal die Höhere Schule besuchen, hat sich nicht als Theologe profiliert, er hat die Welt aber radikal verändert durch seine Taten.

In den Zeiten der industriellen Revolution und eines zügellos wuchernden Kapitalismus gab es einige Wohltäter wie ihn. Raiffeisen aber belässt es nicht bei Almosen und kurzer Hilfe, er entwickelt aus der christlichen Idee der Nächstenliebe ein höchst praktisches System gegenseitiger Hilfe, er schreibt Statuten für die Solidarität, die ohne Gewalt und Umsturz auskommt. Man könnte diesen Mann einen friedlichen Revolutionär der Solidarität nennen.

Aus dem Backhaus wächst der »Weyerbuscher Brodverein«, danach entstehen Hilfsvereine in Flammersfeld, die Darlehnskasse in Heddesdorf, schließlich Vereinigungen, Zentralkassen, eben die Organisationen, die die Unesco vor kurzem zum Welterbe erklärte: In Genossenschaften verbünden sich heute über zwanzig Millionen Menschen in Deutschland – und fast eine Milliarde weltweit.

Wer ist dieser Friedrich Wilhelm Raiffeisen? Geboren wird er im selben Jahr wie Karl Marx, der heute ungleich prominenter ist – obwohl er als Verlierer in die Geschichte eingegangen ist. Er wächst unter einfachen Verhältnissen im Westerwald auf, kann nicht einmal die Höhere Schule besuchen, meldet sich deshalb schon mit 17 zum preußischen Militär, aber muss vorzeitig die Uniform ausziehen wegen eines Augenleidens.

Preußen behält den entlassenen Unteroffizier im Staatsdienst und gibt ihm ein Bürgermeister-Amt. Schon nach wenigen Monaten setzt Raiffeisen seine Karriere aufs Spiel, eben im Backhaus-Eklat, in dem schon seine Lebens-Strategie deutlich wird: Er beweist Zivilcourage, indem er sich widersetzt.

Das Mehl fürs Backhaus soll nach Weisung des Landrats nur der bekommen, der bezahlen kann. Nur: wie sollen die Armen zahlen, die nichts haben? Dem Rauswurf und dem Karriere-Ende wegen Verweigerung des Gehorsams entgeht er mit einer List: Er lässt die Wohlhabenden seines Dorfs eine Kommission gründen, die Mikro-Kredite für die Armen finanziert.

Diese List prägt fortan sein Wirken: Er flicht um sich ein Netz von meist vermögenden Gleichgesinnten und nutzt Lücken im System von Staat und Wirtschaft; wird eine Lücke geschlossen, schlüpft er durch die nächste. Er bekommt mächtige Gegner wie Schulze-Delitzsch, der in Sachsen auch Genossenschaften gründet, einflussreich als Abgeordneter im preußischen Reichstag sitzt und sich zum Konkurrenten erklärt; aber er hat ebenso einflussreiche Freunde wie den Fürsten zu Wied, der nebenan im Neuwieder Schloss auf den Rhein schaut und in Berlin Audienzen bei Kronprinz und Kaiser bekommt.

Er kämpft gegen die Wucherer, gegen Ausbeuter in den Fabriken und wettert: »Eine gewisse Sorte von Menschen vernichtet Existenz nach Existenz und bedroht das Bestehen der ganzen menschlichen Gesellschaft auf das Ernsteste.«

Demokratie führt er in die Wirtschaft ein, ohne das Wort in den Mund zu nehmen: Jeder in einer Genossenschaft spricht mit, entscheidet ohne Ansehen der Person und hat eine Stimme, unabhängig vom Wert seines Vermögens. Die Genossenschaft bildet heute immer noch die einzige bedeutende Unternehmensform, die Demokratie verwirklicht – auch mit allen Nachteilen, denn die Mehrheit trifft nicht immer die klügsten Entscheidungen.

Raiffeisen will mit seinem Darlehnskassen-Verein in Heddesdorf auch entlassenen Strafgefangenen helfen und Kindern in Notlagen, er will Bibliotheken gründen, um die Bildung auf dem Land zu heben – doch die Mitglieder bremsen ihn aus, Raiffeisen muss sich der Mehrheit beugen. Auch dem autoritären Staat sind die Genossenschaften ein Dorn im Auge: Ihm ist suspekt, wenn sich Menschen ohne seinen Segen zusammenschließen und demokratische Verfahren ausprobieren.

Raiffeisens Denken strahlt aus bis in unsere Gegenwart: Er entwirft einen alternativen Kapitalismus, der nicht aus einem gewaltsamen Umsturz ersteht, sondern auf Vertrauen und Hilfsbereitschaft gründet.

Den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln schlagen, das lehrt Raiffeisen: Statt grenzenloser Konkurrenz und Zerstörung, heute als Disruption gefeiert, statt Ellenbogen und Egoismus holt er das Robin-Hood-Prinzip wieder ins Leben der Gesellschaft: Einer für alle, alle für einen.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, geboren vor 200 Jahren: Sein Werk sind die Genossenschaften, vor kurzem von der Unesco zum Welterbe erklärt.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, geboren vor 200 Jahren: Sein Werk sind die Genossenschaften, vor kurzem von der Unesco zum Welterbe erklärt. Foto: Tohma, Wikimedia Commons

Raiffeisen will die Kluft zwischen Arm und Reich beseitigen: Genossenschaften sorgen dafür, dass Eigentum breit gestreut wird, Konkurrenten sich als Partner begegnen und regelmäßige, verbindliche Kontrolle eine Pleite fast unmöglich macht. Wahrscheinlich steht deshalb die Blütezeit der Genossenschaften noch vor uns – in der Solidarität der Bürger, in der globalen Gesellschaft des Teilens, der »sharing economy«.

Raiffeisen ist ein Kämpfer, der viel ertragen muss: Seine Frau stirbt früh nach der Geburt des siebten Kindes; drei seiner Kinder sterben in den ersten Monaten; er selber ist oft krank und wird vorzeitig in den Ruhestand geschickt mit einer schmalen Pension. Er kann nicht mehr lesen, muss alles diktieren: Seine älteste Tochter Amalie, die sich in seinen Assistenten verliebt, darf nicht heiraten, er braucht sie als seine Sekretärin.

Er kämpft gegen die Politiker, die ihm das Leben schwer machen: Genossenschaften dürfen nicht als eigenständige Unternehmen auftreten. Erst 1867, zwei Jahre nach Raiffeisens Pensionierung, erlässt der Reichstag das erste Genossenschafts-Gesetz. Endlich ist es einfach, eine Genossenschaft zu gründen – und bleibt es bis heute. Nach einer Änderung von 2006, die das Genossenschafts-Recht auf die EU ausrichtete, müssen sich in Deutschland nur noch drei Leute für eine Gründung zusammenschließen und füreinander haften wollen.

Raiffeisen kennt liberales und demokratisches Denken, er spricht darüber mit seinem adligen Freund im Neuwieder Schloss, er fördert es auch – ohne überzeugt zu sein. Wie oft bei großen Persönlichkeiten entdeckt man bei ihm eine seltsame Unbekümmertheit und einfache Menschenliebe, gepaart mit einem bedingungslosen Gottvertrauen: Müssten nicht alle Menschen edel sein, freundlich und gut, hilfsbereit, gerecht und verantwortungsvoll?

Er leidet sein Leben lang unter dem Verlust des Urvertrauens unter den Menschen, dem er sich unter dem Druck der Wirklichkeit beugen muss: Er sieht die Gesellschaft am Abgrund. In seinen letzten Lebensjahren, da er fast erblindet ist, entwirft er noch einmal Statuten, aber diesmal für einen Laien-Orden.

Dieser Caritas-Orden, als Handelsgesellschaft zu gründen, wirkt wie aus der Zeit gefallen: Der evangelische Christ Raiffeisen, mit seiner Kirche unzufrieden, will die Mitglieder nicht nur auf ein einfaches, hochmoralisches Leben verpflichten, sondern auf Ehelosigkeit. Doch wie stets bei ihm sind auch ungewöhnlich moderne Züge zu entdecken: So steht der Orden offen für alle Konfessionen, ist ökumenisch und einem allgemeinen Christentum verpflichtet; in ihm wirken Frauen ebenso wie Männer, und am liebsten setzte er seine Tochter Amalie als Oberin ein.

Zur Gründung kommt es ebenso wenig wie zur Verleihung der Ehrendoktor-Würde, gedacht für die Feier zum 70. Geburtstag. Wenige Tage vorher stirbt er, den seine Wegbegleiter »Vater Raiffeisen« nennen.

Paul-Josef Raue

Hintergrund: So gründet man eine Genossenschaft
Eine Initiative, um ein lang verwaistes Schauspielhaus zu beleben (wie in Erfurt)? Ein Mehrgenerationenhaus zu schaffen (wie in Dortmund)? Eine Solarfirma zu gründen (wie in Magdeburg)? Drei Leute mit Leidenschaft für ein Projekt reichen aus, um eine Genossenschaft zu gründen: Sie schauen in das Genossenschafts-Gesetz, suchen Mitglieder und erarbeiten Satzung und Geschäftsplan. Dabei hilft beispielsweise die Business-Plan-App des Bundeswirtschaftsministeriums. Eine Genossenschaft mit weniger als 21 Mitgliedern ist empfehlenswert: Erst dann braucht man einen Aufsichtsrat und zwei Personen im Vorstand, sonst reicht ein Vorstand.

Jede Genossenschaft muss zwingend einem Prüfungsverband angehören; ihn findet man unter »Prüfungsverband« bei Wikipedia. Er prüft schon die Gründung der Genossenschaft; das kostet mindestens 1 000 Euro. In der Gründungsversammlung wird der Vorstand gewählt und die Satzung verabschiedet. Die Genossenschaft muss abschließend als »eG« beim Amtsgericht, mit Notar, ins Genossenschaftsregister eingetragen werden.

Paul-Josef Raue


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Gesungener Glaube

2. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Schule und Kirche: Musik prägt, ermutigt und lehrt. Sie hilft auch beim Aufbau einer jungen, lebendigen Gemeinde. Ein Beispiel aus Naumburg.

Seht nach vorn! Denkt schon an euer Publikum«, sagt Jan-Martin Drafehn, und 130 Augenpaare richten auf den Musiklehrer und Domkantor, der im Heft auf dem Notenständer die nächste Seite umblättert. Stille im Andachtssaal der evangelischen Grundschule St. Martin im Herzen Naumburgs. Am geschwungenen Kreuz flackert eine Kerze. Drafehn gibt ein Zeichen und die Jungen und Mädchen stimmen das nächste Lied an: »Im Namen Gottes«. Fast eine Stunde singen sie über Gott, Jesus und die Tempelreinigung. Mal stehen sie, mal sitzen sie auf Schemeln. »Stietzen, also sitzen und stehen«, erinnert Jan-Martin Drafehn seine Schüler an einen geraden Rücken. Das ist wichtig, damit die hohen Töne kraftvoll und laut die kleinen Körper verlassen können.

Schwerpunkt Singen: Die Domschule hat ein musikalisches Profil. Auftritte, wie zur Schuleinführung, gehören dazu. Foto: Katja Schmidtke

Schwerpunkt Singen: Die Domschule hat ein musikalisches Profil. Auftritte, wie zur Schuleinführung, gehören dazu. Foto: Katja Schmidtke

Jeden Freitagmorgen probt der Schulchor unter Leitung von Domkantor Drafehn und der Leiterin der evangelischen Domschule, Regina Keilholz. Musik ist hier nicht irgendein Unterrichtsfach. Musik prägt, neben dem christlichen Glauben und dem reformpädagogischen Konzept, das Leben an dieser Schule. Die Kinder genießen zwei Stunden Musikunterricht wöchentlich und damit doppelt so viel wie im Lehrplan vorgesehen. Für die Dritt- und Viertklässler ist der Chor verbindlich, das freitägliche Singen ist fest im Unterrichtsplan integriert. Aktuell sind auch die Erst- und Zweitklässler dabei. Alle – Kinder, aber auch Mitarbeiter und Eltern – bereiten sich gerade auf das diesjährige Musical vor. Es gehört zu den Traditionen der noch jungen Schule. Am 20. und 21. April wird »Gerempel im Tempel« in der Marienkirche des Doms aufgeführt.

Ganz selbstverständlich erleben die Jungen und Mädchen den Dom als »ihre« Kirche, sagt Schulleiterin Regina Keilholz. Von den Fenstern ihrer Klassenräume blicken sie auf die Steine, denen man die Jahrhunderte ansieht. Regelmäßig gestalten sie Mittagsgebete, feiern Schulgottesdienste. Die Schule ist verbunden mit der Kirche.

Schule und Gemeinde, Schul- und Kirchenmusik, Bildung und Verkündigung sollen zusammenwachsen. Michael Bartsch, Dompfarrer und Vorsitzender des Trägervereins der Schule, ist Initiator dieser Idee. Als ihren Motor beschreibt er Kirchenmusikdirektor Drafehn.

Denn die Idee funktioniert nicht nur aufgrund der räumlichen Nähe zwischen Kirche und Schule, sondern auch wegen der Menschen, die hier wirken. »Als wir die Stelle des Domkantors vor zehn Jahren ausgeschrieben hatten, suchten wir bewusst einen Kirchenmusiker, der Musikunterricht an der Schule gibt«, schildert Pfarrer Bartsch.

Meist sind es die Pfarrer und Gemeindepädagogen, die an die Schulen kommen, aber Kantoren? In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) kennt Michael Bartsch, der Vorstandsvorsitzender der Johannes-Schulstiftung ist, kein vergleichbares Modell und bedauert dies. Der Kirche, die doch händeringend nach der Zukunft suche, sei dieses Beispiel unbedingt zur Nachahmung empfohlen.

»Wir haben ein großes unausgeschöpftes Potenzial in unserer Kirche, was die Kinder- und Jugendarbeit betrifft.« Umso unverständlicher für die Naumburger, dass die Kreissynode den Stellenplan beschlossen hat, der eine Kürzung der Domkantorenstelle vorsieht.

Gelehrt wird nach der Ward-Methode, einem ganzheitlichen Ansatz (Fotos rechts). Foto:Matthias Keilholz

Gelehrt wird nach der Ward-Methode, einem ganzheitlichen Ansatz. Foto:Matthias Keilholz

Naumburg, so Pfarrer Bartsch, erntet die Früchte, die vor 18 Jahren mit der Gründung des Schulvereins gesät wurden. Auch – und das soll nicht verschwiegen werden – unter Anstrengungen und mit Zweifeln innerhalb der 2 800 Glieder umfassenden Gemeinde. Doch der Theologe will evangelische Kindergärten und Schulen nicht als Last, sondern als Lust verstanden wissen.

Er spricht von den Chancen, dass junge Generationen in der Gemeinde wirken. Diese Kinder sind schon da. Sie müssen nicht mühsam gesucht und geworben werden, wenn eine Musical-Aufführung geplant ist oder die Kantorei vergreist.

In Naumburg sprechen die Zahlen für sich: Im vergangenen Jahr wurden 39 Taufen gefeiert, in diesem Jahr möchten sich mehr als 70 Jugendliche konfirmieren lassen, in der Domsingschule singen mehr als 100 Schüler, der Jugendchor umfasst nicht nur 30 Mädchen, sondern auch zwölf Jungen, die nach dem Stimmbruch weitersingen. Der Domchor besteht aus rund 70 Sängern und hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verjüngt. Immer wieder finden auch Eltern über ihre Kinder den Weg in die Kirchenmusik.

»Die Musikarbeit der Gemeinde fußt auf dem Schulsingen«, bilanziert Kantor Drafehn, aber sie sei natürlich offen für alle, und jeder Chor ist eigenständig und kein bloßes Nachwuchsreservoir, betont der Kantor.

Der Musiker ist überzeugt: Jedes Kind kann singen. In der Schule wendet er die Ward-Methode nach der amerikanischen Musikpädagogin Justine Ward an. Nach dieser vokalen Methode sollen alle musikalischen Erfahrungen über die Singstimme vermittelt werden. Dabei bekommt jeder Tone eine Silbe und eine Geste zugeordnet: So erleben die Kinder Singen mit ihrem ganzen Körper. Die Käfergruppe ist an diesem Morgen eifrig und konzentriert dabei. Wenn Jan-Martin Drafehn fragt, wie der Ton klingt, schnellen die Hände in die Höhe. Jeder will zeigen, was er kann.

Im Unterricht und darüber hinaus: Die Musik kreiert in dieser Schule eine ganz eigene Praxis der Frömmigkeit: gesungener Glaube.

Katja Schmidtke

Hintergrund
Die evangelische Domschule St. Martin in Naumburg wurde 2001 eröffnet und befindet sich in Trägerschaft des Vereins »Evangelisches Schulprojekt Burgenlandkreis«. In dem historischen Gebäudekomplex am Dom sind auch Kindergarten und Hort untergebracht, beides trägt die Kirchengemeinde. Zum Kollegium der Grundschule gehören sechs Lehrer, zwei pädagogische Mitarbeiter, ein Schulleiter und vier externe Lehrkräfte. Zwei Stunden Religion werden pro Woche unterrichtet, zum geistlichen Leben gehören Tischgebete, eine wöchentliche Andacht und natürlich die Musik. Unterrichtet wird in Lerngruppen mit Erst- und Zweitklässlern sowie Dritt- und Viertklässlern.


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Keiner feiert Ostern spektakulärer

1. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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In Jerusalem ist in diesen Tagen einiges los. Die israelische Polizei ist mit Sondereinheiten im Einsatz. Orthodoxe Christen begehen das Osterfest in ganz besonderer Weise.

Die Gläubigen schubsen und stoßen, wollen möglichst nah ans Heilige Grab. Manche stehen seit dem frühen Morgen hier, nicht wenige haben in der Kirche auf Hockern oder in Schlafsäcken übernachtet. Seit Stunden intonieren einheimische Christen unter Trommelbegleitung Choräle.

Nun bahnen sich Vertreter der Behörden dank Ellenbogengewalt einen Weg durch die Menge. Sie repräsentieren die römische Besatzungsmacht zur Zeit Jesu. So wie diese gemäß der Heiligen Schrift das Grab Jesu verschloss, verfahren nun die Gesandten des israelischen Staates. Mittels Wachs versiegeln sie das Grab, nachdem sie in diesem nach versteckten Anzündern wie etwa Streichhölzern gesucht haben. Betrug soll ausgeschlossen werden.

Kurz nach 13 Uhr erscheint die hohe Geistlichkeit. Das Drängeln und Schieben wird fast zur Schlacht. Viele versuchen, einen der Kleriker zu berühren. Nach Gebet und Prozession betritt der »griechisch-orthodoxe Patriarch der Heiligen Stadt Jerusalem« Theophilos III. die Ädikula, das Heilige Grab.

Die Menge stimmt das Kyrie Eleison an. Den Grabeingang bewacht nun der neutrale »Lateinische«, sprich römisch-katholische Küster – sozusagen als Schiedsrichter und Wächter des Status Quo, des in dieser Kirche seit 1852 gültigen Reglements. Auf Arabisch, Armenisch, Griechisch, Russisch, Koptisch und in anderen Sprachen murmeln Gläubige ihre Gebete. Fast jeder hält eine 33er-Kerze in der Hand, die selbst palästinensisch-muslimische Händler im Basar feilbieten – sie symbolisiert das Todesalter Jesu.

Jedes Jahr am Karsamstag nach julianischem Kalender, den die einheimischen Christen Sabbt in-Nuur (Lichtsamstag) nennen, versammeln sich Abertausende von Gläubigen und tauchen mit dem Warten auf das Licht in dieses Ritual des 4. Jahrhunderts ein. Orthodoxe Christen glauben, dass das Jahr, in dem es ausbleibt, das letzte in der Geschichte der Menschheit sein wird.

Die Spannung steigt. Nach etwa zwanzig Minuten tritt der »Grieche«, wie man in Jerusalemer Kirchenkreisen sagt, mit zwei Bündeln 33er-Kerzen aus der Ädikula auf. Freudenschreie und Jauchzer ertönen. Die architektonisch so verwirrende Kirche, im Wesentlichen ein Kreuzfahrerbau mit Teilen der konstantinischen Basilika, hallt vom Jubel wider, als sei ein längst herbeigesehntes Tor im Fußballstadion gefallen.

Jubeln ist das eine. Daneben gilt es, schnell die eigene Kerze anzuzünden. Dabei setzt bei manchen der Verstand aus. Ohne Rücksicht auf die Umstehenden strecken sie ihre Kerze über die Köpfe anderer, um sie zu entzünden. Binnen Sekunden wird die Kirche zum Lichtermeer, spürbar steigt die Temperatur. Das Heilige Feuer wird in Windeseile weitergegeben, auf den Vorplatz der Basilika, von dort in die Altstadt und weiter nach Bethlehem. Es fliegt sogar via Sondermaschine zur Ostervigil nach Moskau.

Wie kommt es zum »Lichtwunder«? Diodoros, Patriarch von 1980 bis 2000, hat einmal Einblicke in das Lichtgeheimnis gewährt: »Ich suche mir meinen Weg durch die Dunkelheit hin zur Grabkammer und knie nieder. Da spreche ich bestimmte Gebete (…) und warte. Manchmal mag es ein paar Minuten dauern, aber normalerweise geschieht das Wunder sofort (…). Aus dem Stein, auf dem Jesus geruht hatte, strömt ein undefinierbares Licht hervor. (…) Das Licht verhält sich jedes Jahr unterschiedlich. Manchmal umhüllt es nur die Grabbank, andere Male erhellt es die ganze Grabkammer, sodass sogar Menschen, die draußen stehen, sehen können, wie die Grabeskapelle mit Licht erfüllt wird. (…) Ab einem bestimmten Punkt steigt das Licht empor und bildet eine Säule; (…), sodass ich meine Kerzen daran anzünden kann. Nachdem ich das Heilige Licht empfangen habe, trete ich hinaus und reiche die Flamme zuerst an den armenischen Patriarchen weiter und dann an den koptischen – und anschließend an alle Menschen, die sich in der Kirche befinden.«

Viele orthodoxe Christen aus Jerusalem oder Nazareth, aber auch hagere Russen, junge Schönheiten aus Athen oder stämmige Omas aus Zypern nehmen alles auf sich, um einmal dabei zu sein.

Nach Kar- und Ostertagen im Heiligen Land gefragt, antwortet Pater Gregor Geiger, Pilgerführer und Dozent an der ordenseigenen Hochschule Studium Biblicum Franciscanum in Jerusalems Via Dolorosa: »Es sind schöne Liturgien, obwohl die Kirchen eng sind und oft dunkel. Es kommen Menschen zusammen, die keine gemeinsame Sprache haben, aber die beim Gottesdienstfeiern nicht auf die Uhr schauen. Sie haben ihre Freude an innigen Gottesdiensten. Deutsche können von hier den Mut mitnehmen, den Glauben vor der Umgebung zu zeigen.«

Johannes Zang

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Das Leben feiern: Ostern

1. April 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Ostern steht für die Kraft des Neuanfangs: Der Glaubenskurs der Kirchenzeitung widmet sich den kirchlichen Festen und zeigt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

In den Ostergottesdiensten rufen diejenigen, die die Gottesdienste leiten, überall auf der Welt in die Gemeinde: »Der Herr ist auferstanden!« Und nach alter Tradition antworten die Menschen dann laut, fröhlich und wie mit einer Stimme: »Er ist wahrhaftig auferstanden!« Ein Jubelruf sondergleichen. Ein Freudenschrei. Ein Glaubensjauchzer. Denn wenn das stimmt, wenn Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist, dann gibt es für das Leben keine Grenzen mehr. Dann hat sich Gott stärker erwiesen als alles, was das menschliche Dasein bedrohen und uns Angst machen kann.

Die Auferstehung steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Die Geschichte davon, dass am Ostermorgen, zwei Tage nach der Kreuzigung, Frauen zum Grab Jesu laufen und dort völlig verblüfft feststellen, dass jemand den schweren Stein vor der Höhle weggerollt hat – und das, obwohl die Römer dort Wachen aufgestellt hatten. Dann verkündet ein Engel den Frauen … als wäre das das Normalste der Welt: »Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier; er ist auferstanden.«

Und tatsächlich: Jesus zeigt sich in den nächsten Tagen und Wochen vielen seiner Anhängerinnen und Anhänger ganz persönlich. Wundervoll.

Ist das wirklich so passiert? Nun, argumentativ oder gar empirisch beweisen lässt sich dieses schier unfassbare Geschehen sicher nicht. Aber es stellt sich natürlich schon die Frage, warum die ersten Christinnen und Christen ihr Leben für eine selbst ausgedachte Geschichte oder einen frechen Grabraub hätten riskieren sollen. Oder warum ausgerechnet zwei Frauen als Zeuginnen für die Auferstehung erwähnt werden. Deren Aussage galt nämlich damals vor Gericht überhaupt nicht.

Tatsache ist: Die einzigartige Botschaft, dass das Leben stärker ist als der Tod, hat die Welt von Grund auf verändert, weil sie zu einer einzigartigen Quelle der Hoffnung wurde. Das zumindest ist ein Fakt.

Doch auch wenn es sich bei der Auferstehung letztlich um eine Glaubensfrage handelt, geht es natürlich um mehr als darum, ob und wie damals ein toter Mensch wieder lebendig wurde. Ostern erzählt immer auch davon, dass die Hoffnung stärker ist als die Furcht, dass das Vertrauen größer werden kann als die Trostlosigkeit – und dass mancher Neuanfang kraftvoller daherkommt als das Ende.

Wer in diesem umfassenden Sinn an die Auferstehung glauben kann, der wird anders an das Leben herangehen: zuversichtlicher, gelassener und hingegebener; vor allem, weil er eine Perspektive bekommt, die über den Tod hinausweist. Schließlich macht die Auferstehung deutlich: Der Tod hat bei Gott nicht das letzte Wort. Und wenn unser Dasein im Diesseits nicht alles ist, dann gibt es auch keinen Grund mehr, zwanghaft und voller Gier im Hier und Jetzt alles erlebt haben zu müssen. Dann ist ein Menschenleben nur eine Zwischenstation.

Diesen Gedanken finden viele Menschen seit 2 000 Jahren ungemein tröstlich.

Um die Auferstehung bewusst zu zelebrieren, fingen die Gemeinden schon früh an, Ostern im Morgengrauen zu feiern – beim Übergang vom Dunklen ins Helle. Ja, mehr noch: Weil es ja darum ging, den Schritt vom Tod ins Leben nachzuempfinden, entstand bald auch der Brauch der Osternächte … schließlich ging man davon aus, dass Jesus gegen drei Uhr morgens auferstanden sei.

Diese nächtlichen Gottesdienste galten lange Zeit als die wichtigsten im ganzen Kirchenjahr. Man befand sie für so bedeutend, dass über Jahrhunderte überhaupt nur in der Osternacht getauft wurde. Dann bekamen die Taufanwärter in der Passionszeit den Taufunterricht – und gingen anschließend symbolisch mit Jesus den Weg aus dem Grab in die Auferstehung. Durch den Tod in eine neue Form des Seins.

Irgendwann entstand darüber hinaus die Vorstellung, Jesu hätte vor seiner Auferstehung noch kurz in der Unterwelt vorbeigeschaut: »Hinabgestiegen in das Reich des Todes«, wie es noch heute im Glaubensbekenntnis heißt. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Gottes Liebe zu den Menschen so groß ist, dass er seinen Sohn auch zu allen gesandt hat, die gestorben sind, bevor sie die Botschaft von der Vergebung und der Zuneigung des Himmels hören konnten. Anders gesagt: Selbst in die größte Gottverlassenheit bringt Gott Leben.

Darauf zu vertrauen, das hilft nicht nur in dunklen Zeiten – eine solche Hoffnung kann der Auslöser für einen mutigen Neuanfang sein. Ostern feiern heißt deshalb vor allem: Ich glaube daran, dass Gott es gut mit mir meint – und dass seine Liebe wahrhaftig kein Ende kennt.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist

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