Alles sind Wege Gottes

6. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Über die Würde und die Schönheit des Glaubens und den Umgang mit Tradition – ein Gespräch mit Fulbert Steffensky.

Herr Steffensky, was ist eine gute Tradition im Glauben?
Steffensky:
Eine gute Tradition ist zunächst eine, die ich weiter interpretieren kann, die meine Würde nicht verletzt und die die Schönheit meines Lebens vorantreibt. Mir kommt Stéphane Hessel in den Sinn, der das Buch »Empört euch« geschrieben hat. Dieser freiheitsdurstiger Mensch, früher im Widerstand, wurde gefragt, wie kannst du eigentlich deine Hoffnung bewahren. Dann sagte er einen erstaunlichen Satz: Ja lest doch, lest Goethe oder Hölderlin oder hört Mozart und vergewissert euch an der Hoffnung der Alten. Ihr werdet ohne eure Tradition keine Hoffnung haben. Ich finde diese Haltung sehr schön: Ich muss mich berufen, um selbst eine Stimme zu bekommen.

Viele Menschen können heute das Glaubensbekenntnis nicht mehr mitsprechen.
Steffensky:
Dann sollen sie es lassen. Ich muss nicht alles mitsprechen. Ich würde zwar für mich Aussagen wie zum Beispiel die Jungfrauengeburt interpretieren, weil man in der Bibel eine Linie erkennen kann, dass die Kraft der Rettung nicht nur in menschlicher Macht und Fähigkeit liegt. Die alte Sara bekommt ein Kind, ebenso Hannah und Elisabeth – alle erwarten ein Kind, obwohl sie unfruchtbar sind. Maria bekommt ein Kind, nicht durch die Kraft des Mannes. Alles, wozu man gezwungen ist, es wörtlich zu nehmen, da ist der Geist schon vertrieben.

Gehört Demut zum Glauben und das Zurücknehmen der eigenen Person?
Steffensky:
Wenn man sich einer Tradition hoffnungsvoll nähert, nimmt man sich auch zurück, man bricht die eigene Isolation auf, dass man nur in sich selber etwas erkennt und entwickelt die Fähigkeit auf andere zu hören. Ja, das kann man als Demut bezeichnen.

Wie passen Demut und das Recht alles zu interpretieren zusammen?
Steffensky:
Zum Beispiel den Sühnegedanken, den ich so nicht stehen lassen kann und trotzdem möchte ich singen »O Haupt voll Blut und Wunden, (…) was alles du erduldest ist alles meine Schuld«. Ich kann es nicht singen, wenn ich es nicht interpretiere. Interpretieren heißt, es aufsprengen und von sich etwas hinzu tun. Ich kann es nicht beten, wenn ich es nicht interpretiere. Interpretieren heißt, nicht sagen, was ursprünglich gemeint ist, sondern heißt, immer auch etwas Neues schaffen. Man muss übersetzen, interpretieren.

Ich nehme das Bild mal wörtlich: übersetzen. Da ist ein großer Fluss, hier ist ein Ufer und da ist ein Ufer, man muss eine alte oder eine fremde Wahrheit übersetzen in das andere Land – und dabei wird sie nass. Wir können uns nicht in die Zeit der Bibel oder in die jesuanische Zeit völlig hineindenken, wir verändern. Der Strom ist treu, wenn er fließt.

Was aber ist, wenn ich mich in diese Tradition nicht hineinstellen kann?
Steffensky:
Der es nicht kann, muss es lassen. Ich denke wir sind in der Ökumene mit Protestanten, Katholiken und anderen religiöse Gruppen weit gekommen. Es muss auch eine Ökumene mit den Atheisten geben. Ich erlaube mir nicht, einem ernsthaften Atheisten die Würde abzusprechen. Ich weiß nicht, ob diesem Menschen etwas fehlt.

Sind alle Religionen gleich?
Steffensky:
Alle Religionen sind natürlich nicht gleich, sie sind verschieden. Aber die Verschiedenheit muss ja nicht eine qualitative Aussage sein. Alle haben ihre Mängel und alle haben ihre Stärken. Ich wünsche nicht, dass es eine Einheitsreligion gibt. Eine Grenzenlosigkeit halte ich für kein Ideal. Ich glaube, man weiß nur wer man ist, wenn man seine Grenzen kennt. Grenzen müssen nicht bösartig, nicht abgrenzend sein. Sie sagen mir, wer ich bin und wer ich nicht bin.

Aber auch bei den Religionen war doch damit immer eine Wertigkeit verbunden.
Steffensky:
Das meine ich eben, das kann man nicht. Es ist verboten zu werten. Alles sind Wege Gottes. Aber es muss nicht mein Weg sein. Das ist mein Problem mit einem interreligiösen Einheitsbrei. Ich weiß nicht mehr wer ich bin, wenn ich alles sein soll. Bestimmte Sachen muss ich nicht haben, ich muss sie nicht mal mögen. Sie gehören nicht zu mir, aber ich darf ihnen kein Recht absprechen.

Hat jede Religion einen Zipfel der Wahrheit Gottes?
Steffensky:
Ja, das würde ich schon sagen, es ist ein anderer Dialekt Gottes.

Friedrich Schorlemmer schrieb am Ende des Reformationsjubiläums: »Wenn wir dem faktischen biblischen Analphabetismus und dem Tradi­tionsabbruch innerhalb der Kirchen nicht offensiv begegnen, wird sich die Kirche weiter marginalisieren.«
Steffensky:
Ja, das würde ich auch so sagen. Ich glaube, es gibt eine gewisse Mutlosigkeit der kirchlich Sprechenden ihrer eigenen Sache gegenüber. Ich habe das oft in Schulen erlebt, dass über alles Mögliche gesprochen wird, von der Sexualität bis zur Politik usw. Aber der Ausgangspunkt war nicht bekannt,
es war nicht klar, woher man sprach.

Fulbert Steffensky (Jahrgang 1933) war bis zu seiner Emeritierung 1998 Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Foto: epd-bild

Fulbert Steffensky (Jahrgang 1933) war bis zu seiner Emeritierung 1998 Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Foto: epd-bild

Ich habe einmal in Hamburg ein Konfirmandenprojekt begleitet. Mitgemacht hat auch ein Erziehungswissenschaftler, der Atheist war. Wir fuhren mit den Konfirmanden zu dem Seminarhaus und eine Konfirmandin fragte den Pfarrer: »Werden wir da auch beten?« Der antwortete, nein, es muss keiner beten. Darauf der nichtchristliche Erziehungswissenschaftler zu dem Pfarrer: »Verstehen Sie nicht? Sie hat nicht gefragt, ob sie beten müssen, vielleicht war das ja eine Frage der Erwartung. Aber Sie mit ihren theologischen Minderwertigkeitsgefühlen sagen sofort nein, nein, das müsst ihr nicht machen.« Ich glaube, uns fehlt oft der Stolz.

Wir nehmen heute zwei Entwicklungen wahr: Einerseits wenden sich Menschen vom Glauben ab und wollen damit nichts mehr zu tun haben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine starke Tendenz zum Fundamentalismus in allen Religionen.
Steffensky:
Ich glaube, das entspricht sich. Es ist ja nicht Konservatismus. Die alten Konservativen waren sich ihrer Sache so sicher, dass sie Abweichungen dulden konnten. Fundamentalismus ist Konservatismus mit Schaum vor dem Mund. Der entsteht da, wo alles wackelt. Ein Grundtrieb der Menschen ist einfach die Angst. Was hält uns noch? Woran können wir glauben und zwar fest glauben, unverbrüchlich glauben, ohne Zweifel glauben. Das sind fundamentalistische Angstreaktionen. Das ist auch die Angst der Kirche und der Bischöfe: Wo soll das hinführen, wenn jetzt die Homosexualität anerkannt wird oder wenn Frauen Priesterinnen werden dürfen?

Nach der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung geht auch in der evangelischen Kirche die Angst umher.
Steffensky:
Ich glaube, dass viele noch im Hinterkopf haben, es müssten alle Christen sein. Wir können uns die Zeit nicht aussuchen, in der wir leben. Wir leben in anderen Zeiten, auch diese Zeit ist Gottes Zeit, auch wenn wir kleiner werden. Intensität hatte noch nie etwas mit Quantität zu tun. Wenn unsere Bemühungen beherrscht sind von der Vorstellung, es müssten eigentlich alle Christen sein, dann lassen wir uns beim Blick auf die Zahlen von der Angst leiten. Wenn ich frei bin zu sagen, das Heil Gottes spielt sich auch in anderen Sprachen ab oder es spielt sich auch bei denen ab, die Atheisten sind, dann freue ich mich natürlich, wenn meine Gottesdienste voller werden und wenn Menschen in die Kirche eintreten, aber ich mache das nicht zu meinem Maßstab. Die Zahlen faszinieren oder lähmen uns und das ist falsch.

Wie sähe eine missionarische Arbeit mit Glaubensfremden aus?
Steffensky:
Erstens: dass ich weiß, wer ich selbst bin, dass ich meine eigene Tradition kenne, meine eigenen Lieder kenne, sie mit Stolz für würdevoll halte. Das Zweite: dass ich es nicht stumm für mich behalte, sondern da, wo ich stehe, auch die Schönheit dieser Tradition zeige, sie nicht verschweige, nicht im Religionsunterricht auf der Kanzel oder im Radio. Ich glaube, es gibt keine Liebe, ohne dass man auch sagt, was man schön findet und was man liebt. Der andere muss es ja nicht schön finden, aber er muss erfahren und anerkennen, dass ich es schön finde. Wer liebt, sagt auch etwas von sich, ist also ein Missionar. Nicht, indem er jemanden zwingt, aber er zeigt woran er glaubt, worauf er hofft und was er schön findet.

Wenn ich diesen Stolz auf die eigene Sache habe, nicht Arroganz, dann trau ich mir zu, über den Tellerrand zu schauen und ohne Neid schön zu finden, was bei den anderen auch vorhanden ist, obwohl es nicht meine Schönheit sein muss.

Das Gespräch führten Wolfgang Noack und Rainer Brandt.

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