Wenn der Pfarrer den Narren gib

13. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Seltenheit: Der vermutlich einzige evangelische Theologe in Deutschland, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde

Er ist Rheinländer. Doch keine vordergründige Frohnatur, die den Clown schon zum Frühstück braucht. Dazu ist Gregor Heidbrink, der Pfarrer von Finsterbergen, ein viel zu ernsthafter Mensch. Beim Karneval allerdings zeigt er sich ganz anders. Da pflegt der gebürtige Rheinländer seine närrische Seite. Umgewöhnen musste sich der gebürtige Bonner vor allem beim Narrenruf: »Wir lernten als Kinder zuallererst, dass es Alaaf und nicht Helau heißt«, sagt er. Damit kann er im Thüringischen keinen Narren hinterm Ofen vorlocken. Doch mittlerweile geht ihm Helau ohne Schwierigkeiten von der Zunge.

Fasching in Finsterbergen: Jeannette und Gregor Heidbrink halten als Jeannette I. und Gregor I. närrischen Hofstaat. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Fasching in Finsterbergen: Jeannette und Gregor Heidbrink halten als Jeannette I. und Gregor I. närrischen Hofstaat. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Die 44. Saison der Finsterberger Narren wird Gregor und Jeannette Heidbrink wohl ewig in Erinnerung bleiben. Schließlich halten sie als Gregor I. und Jeannette I. närrischen Hofstaat. Faschingsprinz zu sein ist mit Sicherheit eine Sehnsucht, die Rheinländern in die Wiege gelegt wird. Nun ist der Pfarrer nicht nur am Ziel seiner Wünsche, sondern der wohl einzige evangelische Pfarrer in Deutschland, der als Prinz gekrönt wurde.

Seit neun Jahren leben die Heidbrinks nun in Finsterbergen. Zum Finsterberger Karneval Club fand die Familie jedoch nicht sofort. »Wir haben Büttenabende besucht, selbstverständlich, mehr aber nicht«, sagt der Pfarrer. Um wirklich dabei zu sein, bedurfte es des Anstoßes von außen. Und den gab es an der Bar, am Ende einer der legendären viereinhalbstündigen Büttenabende. Ob er nicht zum 11. 11. eine Rede halten wolle, wurde Gregor Heidbrink gefragt. Und ja, er wollte.

Was er vortrug, damals vor vier Jahren, begeisterte das Publikum auf Anhieb. Da stand einer als Heiliger Martin auf der Bühne und brillierte, ein Senkrechtstarter. Ein Jahr später war der Heilige Martin dann fester Bestandteil des Büttenprogramms. Im roten Mantel und sich selbst auf der Gitarre begleitend, sang Gregor Heidbrink ein Lied zum Thema Flüchtlinge. »Das war 2015, das Thema bewegte die Menschen, so dass ich dachte, das kann man auch im Karneval nicht aussparen.«

Der Pfarrer nahm in seinem Text jene auf die Schippe, die sich als Helfer in den Vordergrund drängten und dabei nichts weiter im Sinn hatten, als ihre alten Sachen los zu werden.

Damit spielte er auch auf seine Rolle als Heiliger Martin an. »Ich habe mir diese ganz bewusst ausgesucht, um eine Brücke zu meinem Beruf zu schlagen.« Und weil die Kirchengemeinde Finsterbergen alljährlich an den Mann erinnert, der seinen Mantel mit dem Bedürftigen teilte. »So ist der Heilige Martin eine lebendige Figur
im Dorf.«

In der Bütt zu stehen brachte dem Pfarrer eine ganz neue Redeerfahrung. Da nämlich sitzt vor ihm ein gutgelauntes, angeheitertes und zahlendes Publikum. »Da muss man schon Arbeit in seinen Vortrag stecken, das Timing muss stimmen, damit der Gag auch ankommt. Das war für mich außerdem eine wertvolle Erfahrung fürs Schreiben der Predigt.« Selbst wenn er da sehr sorgfältig vorgehe, so gerate ihm in der Routine doch gelegentlich Schriftsprache darunter, gibt er zu, was bei dem einen oder anderen dazu führt, dass er abschaltet. Das passiert ihm jetzt nicht mehr.

Was macht für den aktuellen Faschingsprinzen guter Karneval aus? »Er muss von unten kommen. Das habe ich schon als Kind gelernt. Wenn die Garde marschiert, so erfuhren wir, wird das Militär veräppelt. Und das zeigt, der Spott gilt den Mächtigen. Das funktioniert, und es funktioniert noch besser, wenn der Mensch auch über sich lachen kann.« Gar nicht mag es der Pfarrer im Narrenkostüm, wenn über die Schwachen gelacht wird, über jene, die sich nicht wehren können.

Trotz Prinzenrolle steht Heidbrink auch in dieser Saison auf der Bühne – gemeinsam mit seiner elfjährigen Tochter. In ihrem Sketch geht es um den Generationenkonflikt, um den Förster, der seine Tochter mit in den Wald nehmen, ihr die Schönheit der Natur nahe bringen will, die jedoch längst in ihrer Handywelt versunken ist.

Gefragt ist das Prinzenpaar nicht nur bei den offiziellen Veranstaltungen des Karneval Clubs, die Regenten statten Besuche ab, wie etwa in der Finsterberger Kita, wo gemeinsam mit den Mädchen und Jungen gesungen wurde. Das fasziniere an der Regentschaft, gibt Heidbrink zu. Und noch etwas hat ihn in seinen Bann geschlagen: Das reibungslose Zusammenspiel zwischen den Akteuren auf der Bühne und jenen, die dahinter für einen reibungslosen Ablauf sorgen, Tontechniker und Beleuchter, Kostümschneider und andere fleißige Helfer, die nie im Rampenlicht stehen. »Ich wünschte mir, dass manche Kirchengemeinden so funktionieren würden«, sagt der Pfarrer im Prinzenkostüm.

Klaus-Dieter Simmen

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Auf neue Gedanken kommen

13. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchenjahr: Die Passionszeit ist eine große Einladung. Der Glaubenskurs der Kirchenzeitung widmet sich den kirchlichen Festen und zeigt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

Schon lange vor der Entstehung des Christentums zelebrierten die Menschen jedes Jahr im Frühjahr den Neubeginn. Den belebenden Übergang vom Dunklen ins Helle, von der Kälte in die Wärme und von der Verzweiflung in die Hoffnung: Es wird Licht! Wie schön. Lasst uns feiern.

Die frühen Christinnen und Christen übernahmen diesen Brauch und verbanden ihn mit der Auferstehung Jesu, die ja ohnehin mit einem israelitischen Fest in der Frühlingszeit verbunden war. Zugleich erinnerten sich die Gemeinden daran, dass man umso erfüllter feiern kann, je besser man sich darauf vorbereitet. Also legten sie vor die Osterfeier eine vierzigtägige Fastenzeit, die sogenannte Passionszeit. Und weil es gar nicht so einfach war, diese Wochen gut durchzustehen, beschlossen die Menschen, vor dem Fasten noch mal richtig einen drauf zu machen. So entstand der Karneval.

Man weiß zwar nicht ganz genau, woher das Wort »Karneval« kommt, aber zwei Erklärungen klingen besonders nachvollziehbar: Entweder steckt dahinter »Carne vale«, zu deutsch: »Fleisch, lebe wohl« (weil viele Regionen beschlossen, in der Passionszeit auf Fleisch zu verzichten) oder »Carrus navalis« – womit die Umzugswagen gemeint sind, mit denen schon die Germanen den alljährlichen Wiedereinzug der Fruchtbarkeitsgötter begingen. Und weil man dabei gleichzeitig die dunklen Wintergeister vertreiben wollte, verkleideten sich die Leute mit allerlei kuriosen Masken und Kostümen. Das heißt: Selbst die Rosenmontagsumzüge spiegeln uralte religiöse Bräuche wider.

Tja, und weil es klug ist, nicht nur die dunklen Geister, sondern auch die dunklen Gedanken zu vertreiben, gilt die Passionszeit schon immer als eine Zeit der Einkehr. Was auch zum Fasten passt, das ja weniger ein Verzichten-Auf-Etwas, als ein Freiwerden-Für-Etwas sein will. Dahinter verbirgt sich ursprünglich die Frage: Wie kann ich in meinem von so vielen Gewohnheiten bestimmten Alltag einen Unterschied machen, damit ich auf neue Gedanken komme? Zum Beispiel, indem ich mich anders ernähre. Indem ich regelmäßig spazieren gehe. Oder indem ich anderweitig meinen Tagesablauf verändere. Denn wer nicht aus seinen äußeren Routinen aussteigt, dem wird es auch schwer fallen, seine inneren Routinen zu hinterfragen.

Auf zum Frühjahrsputz: Die Passionszeit wurde als eine Reinigungszeit verstanden. Eine Zeit, um zu prüfen, ob die Seele einen Frühjahrsputz braucht. Foto: natali_mis – stock.adobe.com

Auf zum Frühjahrsputz: Die Passionszeit wurde als eine Reinigungszeit verstanden. Eine Zeit, um zu prüfen, ob die Seele einen Frühjahrsputz braucht. Foto: natali_mis – stock.adobe.com

Wie sehr die Passionszeit von Anfang an als eine Reinigungszeit verstanden wurde, zeigt übrigens der Aschermittwoch, mit dem das Fasten ja eingeleitet wird. Asche wird nämlich schon seit Jahrtausenden als Reinigungsmittel genommen. Außerdem symbolisiert sie das reinigende Feuer. Und deshalb wurden eine Zeitlang sogar all diejenigen, die eine Schuld auf sich geladen hatten, während der Fastenzeit vom Gottesdienst ausgeschlossen. Sie bekamen dann ein sogenanntes »Büßergewand« und wurden mit Asche bestreut. Daher auch der neckische Ausdruck: »Da geht jemand in Sack und Asche.« Heute erhalten Katholiken und in einigen Gemeinden auch evangelische Christen stellvertretend für diese uralten Reinigungshandlungen ein Aschekreuz auf die Stirn: »So, gehe frisch und erneuert in die Passionszeit.«

Es ist großartig, dass das Christentum sich regelmäßig Zeiten gönnt, in denen die Menschen eingeladen werden, innezuhalten und vor dem großen alljährlichen Neubeginn des Kreislaufs von Säen und Ernten das eigene Dasein in Ruhe zu überdenken – und zu prüfen, ob sich vielleicht irgendwo in einem »winterliche« Gedanken und Gefühle eingenistet haben, die dringend mal einen geistlichen Frühling brauchen. Quasi einen Frühjahrsputz der Seele.

Und natürlich scheint in diesen Prozess immer schon das Licht von Ostern: diese Botschaft, die deutlich macht, dass es bei Gott keine Dunkelheit gibt – nicht einmal den Tod – die nicht vom Licht der Liebe erhellt werden könnte. Eine Zusage, mit der man sich den persönlichen Herausforderungen frohgemut stellen kann.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist

Buchtipp
Vogt, Fabian: Feier die Tage. Das kleine Handbuch der christlichen Feste, Evangelische Verlagsanstalt, 144 S., ISBN 978-3-374-05309-4, 10 Euro

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Frieden statt Wiedervereinigung

12. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Die überraschende Teilnahme einer gemeinsamen koreanischen Mannschaft aus Nord und Süd bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang wird allgemein in der Welt begrüßt. Doch in Südkorea selbst gibt es viel Skepsis. Die Gräben zwischen beiden Staaten sind tief.

Nach Monaten der sich verschärfenden Kriegsdrohungen Nordkoreas wirkte die Nachricht wie ein Befreiungsschlag: Der »Oberste Führer« Kim Jong-un ging auf den Vorschlag einer gemeinsamen Olympiamannschaft mit Sportlern aus Nord- und Südkorea ein. Während in Deutschland wohl weitgehend Freude über diese Entwicklung herrscht, sehen die Menschen in Südkorea die Situation mit wesentlich gemischteren Gefühlen.

»Vor allem unter der älteren Bevölkerung herrscht eine große Skepsis und Angst vor einer schleichenden Vereinnahmung durch den Norden«, beschreibt Hyun-Jeong Kim die Situation. Diese Menschen sind es auch, die von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden, als sie in den Wochen vor der Eröffnung der Winterspiele an diesem Freitag auf die Straße gingen, um gegen diesen Schritt der Annäherung zu demonstrieren.

Für Frau Kim, die im einstigen Westberlin geboren wurde, den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands hautnah miterlebte, sind es auch die äußeren Umstände der gemeinsamen Mannschaft, die skeptisch machen: So seien zum einen die Sportler selbst von der Politik nicht gefragt worden. Zum anderen werden die Aktiven des Nordens von einer großen Gruppe Betreuer und Funktionäre sowie von noch größeren offiziellen Fangruppen begleitet. Zur Finanzierung des Ganzen trägt der Norden allerdings keinen Cent bei.

Hyun-Jeong Kim lebt inzwischen seit 14 Jahren in Südkorea und wird bei den Olympischen Spielen unter anderem für einen britischen Fernsehsender als Dolmetscherin arbeiten. Als eines der Hauptprobleme auf der koreanischen Halbinsel sieht sie die jahrzehntelange, völlig gegenseitige Isolation der Menschen in beiden Staaten. Anders als im einst geteilten Deutschland gibt es praktisch keine persönlichen Kontakte, gibt es kein Gefühl der Gemeinsamkeit mehr. Verantwortlich dafür ist freilich nicht nur die im Norden herrschende absolute Diktatur. Auch in Südkorea stellt das »Nationale Sicherheitsgesetz« jeden Kontakt in den Norden unter Strafe, gilt das Radio oder Fernsehen des Nordens als »Feindsender«.

»Ja, wir wurden in der Schule regelrecht zum Hass auf den Norden erzogen«, erinnert sich Jona Kim. Der südkoreanische protestantische Pastor leitet seit 2005 die kleine koreanische Gemeinde in Weimar. Und er erinnert an die traumatischen Erfahrungen, als 1950 das kommunistische Regime aus dem Norden mit seiner Armee den Süden fast vollständig überrannte: »Anders als in Deutschland wurden wir nicht von den Alliierten gegen unseren Willen geteilt, wir haben einen grausamen, blutigen Krieg gegenei­nander geführt, der viele Wunden bei den Menschen hinterlassen hat.« Ein Krieg, der offiziell bis heute andauert. Lediglich der Waffenstillstand vom 27. Juli 1953 bietet den fragilen Rahmen für den derzeitigen Status quo.

Auch in Pastor Kims Brust wohnen zwei Seelen. Auf der einen Seite freut er sich über die unerwartete Chance der Annäherung zwischen Nord und Süd. Auf der anderen Seite hält er die gemeinsame Mannschaft für einen übereilten Schritt. »Wir müssen realistisch sein, wir sind zwei Staaten, die nebeneinander existieren. Deshalb sollte es auch zwei Mannschaften nebeneinander geben.«

Innerhalb dieser zwei Staaten haben sich inzwischen auch zwei äußerst unterschiedliche Kulturen, völlig verschiedene Denk- und Lebensweisen entwickelt. Dies haben, so Pastor Kim, etliche südkoreanische Kirchengemeinden hautnah erlebt, als sie sich in den 1990er-Jahren der inzwischen Millionen zählenden Zahl von Flüchtlingen aus dem Norden annahmen. Bei vielen sei die Euphorie mittlerweile einer tiefen Resignation ob der Schwierigkeiten der Integration gewichen.

Dem Gedanken oder Wunsch nach einer baldigen Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel erteilt Jona Kim eine deutlich Absage. Nicht nur, weil die berechtigte Angst besteht, eine Wiedervereinigung nach deutschem Vorbild würde selbst die relativ starke Wirtschaftskraft des Südens heillos überfordern. »Das Erste und Wichtigste, was wir brauchen, ist ein stabiler Frieden«, so sein Credo. Nur auf der Basis eines friedlichen Nebeneinanders könne es eine Annäherung der Menschen geben, könne Vertrauen wachsen. Auch wenn auf beiden Seiten der Wille zur Versöhnung wachse, sei eine Wiedervereinigung in Freiheit und Demokratie vorstellbar, so Kim.

Für den Pastor ist dies vor allem auch eine geistliche Herausforderung. Deshalb hat für Jona Kim das Gebet um eine innere Veränderung im Herzen seines Volkes und für eine Öffnung und Veränderung der nordkoreanischen Diktatur höchste Priorität. Dass er in Deutschland immer wieder auf Menschen stößt, die für Nordkorea beten, sieht er als »ein Wunder« an, für das er von Herzen dankbar ist.

Harald Krille

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»Damit sich Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen«

12. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Der jüdische Professor und die Rechtsextremen: Reinhard Schramm spricht seit vielen Jahren mit Straftätern in der Jugendstrafanstalt.

Der Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge im Jahr 2000 war der Impuls für den »Thüringen Monitor«: Jenaer Wissenschaftler untersuchen seitdem regelmäßig die politische Kultur im Land. Der These »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns« schloss sich 2017 jeder siebte befragte Thüringer an.

Manche setzen ihre antisemitische Einstellung in Taten um, einige landen letztlich im Gefängnis. Dann sind sie ein Fall für Reinhard Schramm.

Der frühere Professor der Technischen Universität Ilmenau und heutige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen kommt einmal im Monat in die Jugendstrafanstalt des Landes in Arnstadt. Er trifft sich mit Gefangenen, um mit ihnen über seine Familiengeschichte zu sprechen. Darunter sind junge Männer, die auch ihre rechtsextreme Gesinnung hinter Gitter brachte. Die verurteilt wurden, weil sie schlugen oder zündelten.

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Das erste Mal kam Schramm nach dem Anschlag auf die Synagoge. Einer der drei Täter bereute seine Tat. Der Professor traf sich mit ihm, redete mit ihm. Eine Aktion, die nicht allen in der Jüdischen Gemeinde gefiel. Im Gegenteil, manche zweifelten offen am Sinn derartiger Bemühungen.

In diesem Fall zu Unrecht: Schramm bekam später einen Brief des jungen Mannes. Er habe mit dem rechten Zeugs nichts mehr gemein, habe darin gestanden. Ein Zeichen? Ein Ansporn allemal. Seitdem geht der 73-Jährige regelmäßig in den Knast. Monat für Monat, »außer im Sommer«, sagt er und lacht.

Reinhard Schramm lacht gern. Er ist von ansteckender Fröhlichkeit, seine blauen Augen blitzen, wenn er einen Scherz macht. Doch sie werden sehr ernst, wenn er seine Lebensgeschichte erzählt.

Die jüdische Mutter überlebt, weil sich ihr nichtjüdischer Mann nicht scheiden lässt. Er selbst wird 1944 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Die ersten Monate seines Lebens verbringt er bis zum Kriegsende mit seiner Mutter im Versteck. Außer den beiden werden alle jüdischen Familienmitglieder umgebracht.

Seine Mutter will nach dem Krieg nur noch weg, in den neuen Staat der Juden. Doch Reinhard bekommt Keuchhusten. Im Krankenhaus sorgen sich die Ärzte mit Hingabe um ihn. Er wird wieder gesund. Später erfährt er, die gleichen Ärzte haben in der Nazizeit einem anderen jüdischen Kind die Behandlung verweigert: Bernd Wolfson starb an einer vereiterten Mittelohrentzündung.

Es sind Geschichten wie diese, die seine Zuhörer schlucken lassen. Er setzt sie bewusst ein. Es sind wahre Geschichten, seine Erlebnisse. Sie erzählen davon, wie im NS-Deutschland Nachbarn zu Fremden wurden, der Wert der Juden in den Augen vieler Deutscher von Tag zu Tag sank. »Bis wir nur noch Ungeziefer waren, das man zertreten kann«, setzt Schramm den Schlusspunkt. Dies soll sich nie wiederholen. Deshalb geht er regelmäßig in den Knast.

Schramm ist Ingenieur, kein Träumer. Doch er hofft, dass er mit der Geschichte seines Lebens und seiner Familie bei den jungen Leuten mehr erreichen kann als tumbe Sprücheklopfer. Meist seien seine Zuhörer interessiert, sagt er, fragten gezielt nach. Für fast zwei Stunden können sie seiner Wahrheit nicht entfliehen.

»Damit sich die Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen.« Das ist einer der Sätze, die er gern benutzt. Doch es geht ihm nicht nur um Historie, um die große Welt. Reinhard Schramm kommt auch als Vater. Denn sein Sohn saß selbst im Gefängnis. Zum Ende der DDR machte er aus seiner Meinung über den Arbeiter-und-Bauern-Staat keinen Hehl. Offen sprach er davon, das Land bei der erstbesten Gelegenheit zu verlassen, arbeitete wohl auch aktiv an einem Plan dazu. Der SED-Obrigkeit wurde das zu viel. Sie sperrte ihn kurzerhand ein. Reinhard Schramm hat die Monate seines Kindes im Gefängnis nicht vergessen. Wie die Zeit in der Zelle seinen Jungen veränderte, ihm mit jedem Tag mehr den Lebensmut nahm. Wie der Sohn begann nachzudenken, ob das alles noch Sinn für ihn habe. »Eine schlimme Zeit«, erinnert sich der Vater. Auch deswegen geht er jeden Monat aufs Neue in das Jugendgefängnis. Das bringt ihm immer noch Skepsis, aber auch Anerkennung ein.

»Ich kenne seine Initiative seit dem Brandanschlag und bewundere seine Ruhe und Konsequenz, mit der er sich diesen Gesprächen stellt«, sagt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Er sei beeindruckt davon, wie Schramm immer wieder auf Menschen zugehe, bei denen er unterstellen müsse, dass diese bei einer nächtlichen Begegnung eher Angst auslösen würden. »So baut er Ängste auf beiden Seiten ab«, meint der Regierungschef. Und fügt noch an: »Mehr davon wäre wünschenswert.«

Dirk Löhr (epd)

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»Hier hat niemand die Türkei bedroht«

6. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Türkische Truppen greifen mit deutschen Panzern seit Tagen das vornehmlich von Kurden bewohnte Gebiet um Afrin im Norden Syriens an. Harald Krille sprach darüber mit Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen.

Herr Sido, türkische Truppen marschieren im Norden Syriens ein und die Bundesregierung spricht dabei inzwischen von berechtigten Sicherheitsinteressen der Türkei. Was geht dort eigentlich ab?
Sido:
Das, was die Bundesregierung sagt, macht mich regelrecht sauer. Die Türkei hat überhaupt kein Recht, diese Region anzugreifen. Die Türkei greift ein anderes Land an, dessen Bevölkerung müde ist vom jahrelangen Bürgerkrieg. Die Region Afrin war zudem eine relativ stabile, ruhige Region in Syrien. Viele Flüchtlinge aus den heißen Bürgerkriegsgebieten haben sich dort niedergelassen, etwa aus Aleppo.

Humanitäre Helfer sind besorgt über das Schicksal von rund 324 000 Menschen in der Region Afrin im Nordwesten Syriens. Das Handyfoto zeigt Mitarbeiter des kurdischen Roten Halbmonds im Einsatz. Foto: privat

Humanitäre Helfer sind besorgt über das Schicksal von rund 324 000 Menschen in der Region Afrin im Nordwesten Syriens. Das Handyfoto zeigt Mitarbeiter des kurdischen Roten Halbmonds im Einsatz. Foto: privat

Ich weiß nicht, was Herr Gabriel oder Frau Merkel mit ihrer Äußerung über die Sicherheitsinteressen meinen. Die in der Region um Afrin lebenden Kurden, Araber, Aleviten und Jesiden sowie die wenigen konvertierten Christen dort haben die Türkei zu keinem Zeitpunkt bedroht.

Die Türkei spricht aber dezidiert von Terrorbekämpfung.
Sido:
Die türkischen Politiker haben die deutsche Bundesregierung und alle Deutschen auch als Nazis bezeichnet. Die türkische Regierung hat noch vor ein paar Jahren die Existenz einer kurdischen Ethnie geleugnet. Die türkische Regierung leugnet bis heute den Massenmord an armenischen Christen im Osmanischen Reich. Wie kann man dieser türkischen Regierung glauben? Das ist lächerlich.

Vor wenigen Tagen erreichte ein Hilferuf der protestantischen Gemeinde von Afrin die Weltöffentlichkeit (siehe Kasten). Wie viele Christen leben dort?
Sido:
Die Menschen in der Region sind zu rund 95 Prozent kurdischer Abstammung und sind heute sunnitische Muslime. In der Vergangenheit aber gehörten die Kurden in Afrin mehrheitlich zur alevitischen Glaubensrichtung oder zu den Jesiden. Nach dem Vormarsch des »Islamischen Staates« (IS) mit seinen Gräueltaten hatte ein Teil der Menschen, der Muslime die Nase voll vom radikalen Islam. Sie haben sich dem Christentum zugewandt. Das sind etwa 190 Familien mit zirka 500 bis 1 000 Angehörigen. Dazu kommen sicher noch einige altansässige Christen unter den Flüchtlingen aus den Bürgerkriegsregionen.

Und die werden von der Mehrheit akzeptiert?
Sido:
Das ist ja gerade das Besondere an dieser Region, dass hier ein gemäßigter Islam vorherrscht. Die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert, dass der Nachbar zum Christentum konvertiert, ohne ihn dann am nächsten Morgen zu köpfen. Die Christen haben ihre eigene Kirche in Afrin gebaut, der Weihnachtsgottesdienst wurde im Internet und von Voice of America übertragen. Meine eigene Mutter wohnt dort. Sie ist eine sehr konservative Muslima. Aber sie duldet, dass ihr Nachbar Christ werden darf. Sie duldet, dass ihr Sohn sich im fernen Deutschland für die Christen einsetzt, ohne ihn auszustoßen. Und Herr Erdogan, der Freund von Frau Merkel, greift genau diese Menschen an mit Flugzeugen, mit Panzern, mit Raketenwerfern.

Das Makabre daran ist, dass Deutschland auf der einen Seite die kurdischen Kämpfer im Nordirak mit deutschen Waffen ausgerüstet hat, dass andererseits die türkische Armee jetzt mit deutschen Panzern diese Offensive gegen Kurden betreibt.
Sido:
Um es klar zu sagen: Die Kurden in Syrien wollen keine Waffen. Sie wollen das Ende der Kämpfe, sie wollen, dass die Türkei diese Region nicht angreift. Wir als Menschenrechtsorganisation sind grundsätzlich gegen Waffenlieferungen, egal an welche Gruppe, egal an welchen Staat. Deshalb fordern wir einen Stopp aller Waffenlieferungen, auch solcher an die Türkei. Denn dieser Staat führt einen Vernichtungsfeldzug gegen eine friedliche Bevölkerung.

Was ist in diesem Zusammenhang von der »Freien Syrischen Armee« zu halten, deren Kampf die Türkei angeblich unterstützt?
Sido:
Es gibt keine »Freie Syrische Armee« (FSA). Die FSA ist ein Deckmantel, unter dem sich radikale islamistische Gruppen tummeln. Wenn diese Gruppen sich in Marsch setzen, hört man Rufe »Allahu Akbar«, also »Allah ist groß«. Sie rufen »Vernichtung den Ungläubigen«. Wenn man ihre Programme anschaut, ich habe mich gerade extra noch einmal damit beschäftigt, dann ist ihr Ziel klar: Sie wollen einen Scharia-Staat.

Was würden Sie sich von den Christen und den Kirchen in Deutschland wünschen?
Sido:
Ich mache den beiden großen Kirchen in Deutschland den Vorwurf, dass sie sich bisher nicht oder kaum für den Schutz der Kurden in Afrin eingesetzt haben. Ausgerechnet die Kurden, die Glaubensfreiheit für Christen, Jesiden, Aleviten und andere akzeptieren und fördern werden jetzt von der Türkei angegriffen. Wenn diese tolerante muslimische kurdische Bevölkerung vernichtet wird, dann ist es mit der Glaubensfreiheit auch
dort vorbei.

Dr. Kamal Sido ist sunnitischer Kurde und stammt aus Afrim. Der Historiker und Orien­talist leitet seit 2006 das Nahostreferat der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen.

www.gfbv.de

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Jeder ist schön

6. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Friseursalon: Er frisierte die schönsten Frauen der Welt: Topmodels wie Claudia Schiffer, Heidi Klum oder Naomi Campbell und Filmlegenden wie Marlene Dietrich, Romy Schneider oder Hildegard Knef. Deutschlands Star-Coiffeur Udo Walz über Schönheit.

Herr Walz, welche war die schönste Person, die Sie jemals frisiert haben?
Walz:
Die schönste … (überlegt). Die berühmteste war Marlene Dietrich. Ich finde, Schönheit ist immer Geschmackssache. Ich fand sie alle schön. Ich kann das nicht beurteilen, wer wirklich die Schönste war.

Aber das Äußere ist doch das Erste, was man von einem Menschen sieht.
Walz:
Schönheit kommt immer von innen heraus. Das hat bei mir etwas mit Allure zu tun, also mit der Ausstrahlung. Wie eine Frau sich bewegt, wie sie geht, wie sie redet, wie sie gestikuliert.

Sie machen ja auch Angela Merkel die Haare. Viele sagen, dass sie heute als Bundeskanzlerin deutlich besser aussieht und nicht mehr wie die graue Maus von früher. Wie kommt das?
Walz:
Na ja, die hat ja früher eine scheußliche Prinz-Eisenherz-Frisur gehabt. Dann kam sie zu mir, und wir haben das langsam verändert. Frau Merkel hat viel Witz. Und wenn sie lacht, dieses strahlende Lachen – leider lacht sie viel zu wenig –, sieht sie irre gut aus. Das ist hervorragend, und dann dazu die Haare gestuft … Eigentlich müsste ich dafür das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Warum spielen die Haare so eine große Rolle, wenn wir von Schönheit reden?
Walz:
Sie sind wie ein Markenzeichen. Catherine Deneuve zum Beispiel hat sich einmal die Haare abschneiden lassen und dann von allen Seiten einen Shitstorm bekommen. Die Haare drücken einen Stempel auf. Berühmten Persönlichkeiten gibt es einen Aufmerksamkeits- und Wiedererkennungswert. Die meisten Menschen tragen solange sie leben fast immer dieselbe Frisur.

Ihre Autobiografie trägt den Titel »Jede Frau ist schön«.
Walz:
Wenn sie den richtigen Friseur hat, den richtigen Stylisten und den richtigen Make-up-Artist, kann man aus jedem hässlichen Entlein einen schönen Schwan machen.

Ich brauche also immer einen Stylisten, Make-up-Artist und Friseur, um schön zu sein?
Walz:
Ja klar.

Das kann sich doch nicht jeder leisten.
Walz:
Das ist keine Frage des Geldbeutels. Das hat mit sich leisten nichts zu tun. Das ist einem in die Wiege gelegt. Es geht um Geschmack. Das hat mit Erziehung zu tun, wie man aufwächst. Wenn man Geschmack hat und sich richtig anzieht, einmal im Vierteljahr zum Friseur geht, ist das doch nicht teuer.

Die Vorstellungen von Schönheit ändern sich immer wieder. In den 90er-Jahren galten zum Beispiel Magermodels als besonders schön. Heute geht der Trend eher zu runderen Formen.
Walz:
Das Schönheitsideal verändert sich nicht, das macht oft die Presse. Frauen, die dünn sind, sind immer gefragt. Sie müssen nicht mager sein. Aber wenn man sagt, dass nun dickere Frauen gefragt sind, ist das völliger Quatsch. Auf den Laufstegen sind die Mädchen immer dünn.

Sie sagten doch, dass die Schönheit von innen kommt. Kann nicht dann auch ein korpulenter Mensch schön sein?
Walz:
Ein korpulenter Mensch kann schön sein. Ich habe viele Kundinnen, die ein bisschen dicker sind und viel Charme haben. Es kommt immer auf die Bewegungen an. Eine dicke Frau kann genauso gut aussehen. Man muss eben selbstsicher auftreten, wenn man dicker ist.

Udo Walz: Es gibt keine hässlichen Menschen. Foto: Ali Kepenick

Udo Walz: Es gibt keine hässlichen Menschen. Foto: Ali Kepenick

Wir reden jetzt immer von Frauen. Trifft dasselbe auch auf Männer zu?

Walz: Das trifft auf Männer genauso zu.

Besonders bei Männern wird Schönheit oft mit Eitelkeit in Verbindung gebracht. Prominentes Beispiel: Vor 15 Jahren waren Sie in die Haarfärbe- Affäre des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder verwickelt. Schröder drohte, notfalls bis vors Bundesverfassungsgericht zu gehen, damit die Medien nicht weiterhin verbreiteten, er habe seine Haare gefärbt.
Walz:
Ich musste zweimal eine einstweilige Verfügung unterschreiben, dass ich ihm die Haare nicht gefärbt habe. Aber es gibt viele Männer, die haben mit 70 Jahren noch keine grauen Haare. Bei einem Mann sieht das lächerlich aus, wenn er die Haare färbt. Das macht nur älter. George Clooney zum Beispiel hat ja graue Haare – und alle wollen so aussehen wie er.

Was können Sie all jenen als Ratschlag mitgeben, denen die eigene Schönheit wichtig ist?
Walz:
Schönheit hat viel mit Gepflegtsein zu tun. Ein Mann muss den richtigen Haarschnitt haben, gut gekleidet sein. Eine Frau muss einen sexy Gang haben – auch wenn sie dicker ist. Grundsätzlich gibt es aber keine hässlichen Menschen, jeder ist schön.

Die Fragen stellt Nadja A. Mayer

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Alles sind Wege Gottes

6. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Über die Würde und die Schönheit des Glaubens und den Umgang mit Tradition – ein Gespräch mit Fulbert Steffensky.

Herr Steffensky, was ist eine gute Tradition im Glauben?
Steffensky:
Eine gute Tradition ist zunächst eine, die ich weiter interpretieren kann, die meine Würde nicht verletzt und die die Schönheit meines Lebens vorantreibt. Mir kommt Stéphane Hessel in den Sinn, der das Buch »Empört euch« geschrieben hat. Dieser freiheitsdurstiger Mensch, früher im Widerstand, wurde gefragt, wie kannst du eigentlich deine Hoffnung bewahren. Dann sagte er einen erstaunlichen Satz: Ja lest doch, lest Goethe oder Hölderlin oder hört Mozart und vergewissert euch an der Hoffnung der Alten. Ihr werdet ohne eure Tradition keine Hoffnung haben. Ich finde diese Haltung sehr schön: Ich muss mich berufen, um selbst eine Stimme zu bekommen.

Viele Menschen können heute das Glaubensbekenntnis nicht mehr mitsprechen.
Steffensky:
Dann sollen sie es lassen. Ich muss nicht alles mitsprechen. Ich würde zwar für mich Aussagen wie zum Beispiel die Jungfrauengeburt interpretieren, weil man in der Bibel eine Linie erkennen kann, dass die Kraft der Rettung nicht nur in menschlicher Macht und Fähigkeit liegt. Die alte Sara bekommt ein Kind, ebenso Hannah und Elisabeth – alle erwarten ein Kind, obwohl sie unfruchtbar sind. Maria bekommt ein Kind, nicht durch die Kraft des Mannes. Alles, wozu man gezwungen ist, es wörtlich zu nehmen, da ist der Geist schon vertrieben.

Gehört Demut zum Glauben und das Zurücknehmen der eigenen Person?
Steffensky:
Wenn man sich einer Tradition hoffnungsvoll nähert, nimmt man sich auch zurück, man bricht die eigene Isolation auf, dass man nur in sich selber etwas erkennt und entwickelt die Fähigkeit auf andere zu hören. Ja, das kann man als Demut bezeichnen.

Wie passen Demut und das Recht alles zu interpretieren zusammen?
Steffensky:
Zum Beispiel den Sühnegedanken, den ich so nicht stehen lassen kann und trotzdem möchte ich singen »O Haupt voll Blut und Wunden, (…) was alles du erduldest ist alles meine Schuld«. Ich kann es nicht singen, wenn ich es nicht interpretiere. Interpretieren heißt, es aufsprengen und von sich etwas hinzu tun. Ich kann es nicht beten, wenn ich es nicht interpretiere. Interpretieren heißt, nicht sagen, was ursprünglich gemeint ist, sondern heißt, immer auch etwas Neues schaffen. Man muss übersetzen, interpretieren.

Ich nehme das Bild mal wörtlich: übersetzen. Da ist ein großer Fluss, hier ist ein Ufer und da ist ein Ufer, man muss eine alte oder eine fremde Wahrheit übersetzen in das andere Land – und dabei wird sie nass. Wir können uns nicht in die Zeit der Bibel oder in die jesuanische Zeit völlig hineindenken, wir verändern. Der Strom ist treu, wenn er fließt.

Was aber ist, wenn ich mich in diese Tradition nicht hineinstellen kann?
Steffensky:
Der es nicht kann, muss es lassen. Ich denke wir sind in der Ökumene mit Protestanten, Katholiken und anderen religiöse Gruppen weit gekommen. Es muss auch eine Ökumene mit den Atheisten geben. Ich erlaube mir nicht, einem ernsthaften Atheisten die Würde abzusprechen. Ich weiß nicht, ob diesem Menschen etwas fehlt.

Sind alle Religionen gleich?
Steffensky:
Alle Religionen sind natürlich nicht gleich, sie sind verschieden. Aber die Verschiedenheit muss ja nicht eine qualitative Aussage sein. Alle haben ihre Mängel und alle haben ihre Stärken. Ich wünsche nicht, dass es eine Einheitsreligion gibt. Eine Grenzenlosigkeit halte ich für kein Ideal. Ich glaube, man weiß nur wer man ist, wenn man seine Grenzen kennt. Grenzen müssen nicht bösartig, nicht abgrenzend sein. Sie sagen mir, wer ich bin und wer ich nicht bin.

Aber auch bei den Religionen war doch damit immer eine Wertigkeit verbunden.
Steffensky:
Das meine ich eben, das kann man nicht. Es ist verboten zu werten. Alles sind Wege Gottes. Aber es muss nicht mein Weg sein. Das ist mein Problem mit einem interreligiösen Einheitsbrei. Ich weiß nicht mehr wer ich bin, wenn ich alles sein soll. Bestimmte Sachen muss ich nicht haben, ich muss sie nicht mal mögen. Sie gehören nicht zu mir, aber ich darf ihnen kein Recht absprechen.

Hat jede Religion einen Zipfel der Wahrheit Gottes?
Steffensky:
Ja, das würde ich schon sagen, es ist ein anderer Dialekt Gottes.

Friedrich Schorlemmer schrieb am Ende des Reformationsjubiläums: »Wenn wir dem faktischen biblischen Analphabetismus und dem Tradi­tionsabbruch innerhalb der Kirchen nicht offensiv begegnen, wird sich die Kirche weiter marginalisieren.«
Steffensky:
Ja, das würde ich auch so sagen. Ich glaube, es gibt eine gewisse Mutlosigkeit der kirchlich Sprechenden ihrer eigenen Sache gegenüber. Ich habe das oft in Schulen erlebt, dass über alles Mögliche gesprochen wird, von der Sexualität bis zur Politik usw. Aber der Ausgangspunkt war nicht bekannt,
es war nicht klar, woher man sprach.

Fulbert Steffensky (Jahrgang 1933) war bis zu seiner Emeritierung 1998 Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Foto: epd-bild

Fulbert Steffensky (Jahrgang 1933) war bis zu seiner Emeritierung 1998 Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Foto: epd-bild

Ich habe einmal in Hamburg ein Konfirmandenprojekt begleitet. Mitgemacht hat auch ein Erziehungswissenschaftler, der Atheist war. Wir fuhren mit den Konfirmanden zu dem Seminarhaus und eine Konfirmandin fragte den Pfarrer: »Werden wir da auch beten?« Der antwortete, nein, es muss keiner beten. Darauf der nichtchristliche Erziehungswissenschaftler zu dem Pfarrer: »Verstehen Sie nicht? Sie hat nicht gefragt, ob sie beten müssen, vielleicht war das ja eine Frage der Erwartung. Aber Sie mit ihren theologischen Minderwertigkeitsgefühlen sagen sofort nein, nein, das müsst ihr nicht machen.« Ich glaube, uns fehlt oft der Stolz.

Wir nehmen heute zwei Entwicklungen wahr: Einerseits wenden sich Menschen vom Glauben ab und wollen damit nichts mehr zu tun haben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine starke Tendenz zum Fundamentalismus in allen Religionen.
Steffensky:
Ich glaube, das entspricht sich. Es ist ja nicht Konservatismus. Die alten Konservativen waren sich ihrer Sache so sicher, dass sie Abweichungen dulden konnten. Fundamentalismus ist Konservatismus mit Schaum vor dem Mund. Der entsteht da, wo alles wackelt. Ein Grundtrieb der Menschen ist einfach die Angst. Was hält uns noch? Woran können wir glauben und zwar fest glauben, unverbrüchlich glauben, ohne Zweifel glauben. Das sind fundamentalistische Angstreaktionen. Das ist auch die Angst der Kirche und der Bischöfe: Wo soll das hinführen, wenn jetzt die Homosexualität anerkannt wird oder wenn Frauen Priesterinnen werden dürfen?

Nach der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung geht auch in der evangelischen Kirche die Angst umher.
Steffensky:
Ich glaube, dass viele noch im Hinterkopf haben, es müssten alle Christen sein. Wir können uns die Zeit nicht aussuchen, in der wir leben. Wir leben in anderen Zeiten, auch diese Zeit ist Gottes Zeit, auch wenn wir kleiner werden. Intensität hatte noch nie etwas mit Quantität zu tun. Wenn unsere Bemühungen beherrscht sind von der Vorstellung, es müssten eigentlich alle Christen sein, dann lassen wir uns beim Blick auf die Zahlen von der Angst leiten. Wenn ich frei bin zu sagen, das Heil Gottes spielt sich auch in anderen Sprachen ab oder es spielt sich auch bei denen ab, die Atheisten sind, dann freue ich mich natürlich, wenn meine Gottesdienste voller werden und wenn Menschen in die Kirche eintreten, aber ich mache das nicht zu meinem Maßstab. Die Zahlen faszinieren oder lähmen uns und das ist falsch.

Wie sähe eine missionarische Arbeit mit Glaubensfremden aus?
Steffensky:
Erstens: dass ich weiß, wer ich selbst bin, dass ich meine eigene Tradition kenne, meine eigenen Lieder kenne, sie mit Stolz für würdevoll halte. Das Zweite: dass ich es nicht stumm für mich behalte, sondern da, wo ich stehe, auch die Schönheit dieser Tradition zeige, sie nicht verschweige, nicht im Religionsunterricht auf der Kanzel oder im Radio. Ich glaube, es gibt keine Liebe, ohne dass man auch sagt, was man schön findet und was man liebt. Der andere muss es ja nicht schön finden, aber er muss erfahren und anerkennen, dass ich es schön finde. Wer liebt, sagt auch etwas von sich, ist also ein Missionar. Nicht, indem er jemanden zwingt, aber er zeigt woran er glaubt, worauf er hofft und was er schön findet.

Wenn ich diesen Stolz auf die eigene Sache habe, nicht Arroganz, dann trau ich mir zu, über den Tellerrand zu schauen und ohne Neid schön zu finden, was bei den anderen auch vorhanden ist, obwohl es nicht meine Schönheit sein muss.

Das Gespräch führten Wolfgang Noack und Rainer Brandt.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Schlachtfelder der Schönheit

5. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Schönheits(wahn)vorstellungen: In ihrer Londoner Praxis behandelt Susie Orbach Menschen, die unzufrieden mit ihrem Körper sind. Die Bestsellerautorin verfasste Bücher wie das »Antidiätbuch«, »Lob des Essens« oder »Bodies. Schlachtfelder der Schönheit«. Ihre These: Der Körperhass der industrialisierten Welt ist der heimliche Exportschlager der Globalisierung.


Auf den Fidschi-Inseln gibt es Fernsehen erst seit 1995. Für das, was im Südseeparadies als schön galt, hatte der technologische Sprung in die mediale Moderne dramatische Folgen. Und die Wissenschaft war live dabei. Galten auf Fidschi zuvor üppige, runde, gut genährte, nach westlichen Maßstäben fette Frauenkörper als attraktiv, verkehrte die TV-Bilderflut das Schönheitsideal der Insulanerinnen mit Sendungen vor allem aus Australien, Großbritannien und den USA in kürzester Zeit ins Gegenteil. Die Fälle von Magersucht verfünffachten sich innerhalb von wenigen Jahren, wie die Harvard-Forscherin Anne Becker untersucht hat.

Die britische Psychotherapeutin und Autorin Susie Orbach zitiert die Harvard-Studie in ihrem Buch »Bodies. Schlachtfelder der Schönheit«. Sie zeigt, was Zivilisationskrankheiten wie Magersucht oder Fettleibigkeit mit einem immer unerreichbareren Ideal vom »schönen« Körper zu tun haben. Und warum unter den Bedingungen von Globalisierung und »Körperoptimierungstechnologien« uns unsere Körper kein sicheres Zuhause mehr bieten.

Fotos (2): Ruslan Gilmanshin – stock.adobe.com

Foto: Ruslan Gilmanshin – stock.adobe.com

Magersucht ist eine der am weitesten verbreiteten psychischen Erkrankungen, vor allem bei Mädchen und jungen Frauen. Gleichzeitig klagen Mediziner und Gesundheitspolitiker in der westlichen Welt über eine Epidemie der Fettleibigkeit. Mehr als 400 000 Menschen leiden in Deutschland an Essstörungen, zumeist Mädchen und junge Frauen. Rund 7 000 lebensbedrohliche Fälle von Magersucht (Anorexie) werden jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern diagnostiziert, etwa ein Prozent der Betroffenen stirbt.

Orbach hat die vielfältigen Körperprobleme, die ihr in ihrer psychotherapeutischen Praxis begegnen – Anorexie, selbstverletzendes Verhalten (»Ritzen«), Körperbildstörungen (also der Wunsch, einen Arm oder ein Bein durch Amputation zu verlieren), Verwirrung über die eigene geschlechtliche Identität, zwanghaftes Sporttreiben, Angst vor dem Älterwerden –, als »beständigen Versuch der Betreffenden« interpretiert, »einen verlässlichen Körper zu finden und die Scham über den eigenen Körper loszuwerden«.

Dabei steht am Anfang eigentlich eine moderne Freiheitsverheißung in Sachen Körper. Biologie muss kein Schicksal sein, lautet das Versprechen der Schönheitsindustrie. Fettabsaugung, Brustvergrößerung und -verkleinerung, OPs an Nasen, Ohren: Der menschliche Körper ist zum vorläufigen, zum formbaren Objekt geworden.

Fast alles ist machbar, auch der Wechsel des Geschlechts. 2015 wurde aus Bruce Jenner, einem ehemaligen Musterathleten, der 1976 Zehnkampfolympiasieger war, die Transfrau Caitlyn Jenner, die im Badeanzug auf dem Titel der Mode- und Lifestylezeitschrift Vanity Fair posierte. Und dass als biologische Frauen geborene Transmänner Kinder gebären, wie der US-Amerikaner Trystan Reese im Juli 2017, ist keine Sensation mehr.

Man muss es sich nur leisten können: Auf die Frage, welche Art von Körper heute als »in Ordnung« gelte, antwortet Orbach: »Einer, den man kauft.« Durch Diäten, Fitnessstudio, Schönheitsoperationen. Doch die nahezu unbegrenzt scheinende Machbarkeit erhöht auch den Druck. Je mehr machbar ist, desto schärfer erscheint die Differenz des einzelnen Körpers zum fiktiven »Idealmaß«. Äußere, generalisierte Vorstellungen von Ebenmaß und Schönheit entwickeln so größeren Anpassungszwang als je zuvor. Der Körper, in dem wir leben, wird zu einem immer zerbrechlicheren, unsichereren Ort.

Das liege daran, sagt Susie Orbach, dass Körper heute zum »Produkt« geworden sind, für dessen Form und Gestalt wir selbst verantwortlich sind, und zwar praktisch nur wir selbst. Unser fitter, schöner Körper ist Ausweis unserer Zuverlässigkeit, unseres Fleißes, unseres Arbeitsethos. Der Körper ist in nachindustriellen Zeiten vom Produktionsmittel zum »zu Produzierenden« geworden. In ähnlicher Gnadenlosigkeit.

Freilich: Überall auf der Welt und zu allen Zeiten war der menschliche Körper nie etwas anderes als ein soziales und kulturelles Konstrukt. Unsere Körper und die Weise, wie wir sie verändern und schmücken, sind Signale und Zeichen. »Körpersprache« und Körperschmuck sagen etwas aus über unsere Identität und unser Selbstverständnis.

Halsringe oder Verschleierung, Gesichtsbemalung oder Tätowierung, Goldzähne oder beschnittener Penis, lackierte Fingernägel oder Nasenpiercing: All das kennzeichnet uns als Mitglieder bestimmter Gruppen, abhängig von Zeit, Geografie, Religion oder kultureller Zugehörigkeit.

Körper werden also nicht geboren, sondern gemacht. Zur wirtschaftlichen Globalisierung gehört auch eine kulturelle Globalisierung. Für Orbach hat sie fatale Folgen für die Vielfalt im Blick auf unterschiedlich geprägte Körper, Körperideale und Körperkulturen. Eine »Celebrity-Kultur« weltweit bekannter Idole und Ikonen der Popkultur habe uns eine »heimtückische Form weltweiter Gemeinsamkeit« beschert. Was global, also integrativ und demokratisch erscheint, bringt in Wahrheit die Vielfalt der »Schönheiten« zum Verschwinden. Die Folge sei ein Ideal, das in Bezug auf Alter, Körpertypus und ethnische Zugehörigkeit eng begrenzt ist.

Allgegenwärtige, überlebensgroße, digital bearbeitete und verbreitete Bilder von makellosen Individuen mit Idealkörpern erzeugen eine hyperbewusste, hyperkritische Haltung dem eigenen Körper gegenüber. Dabei propagiert die globalisierte Werbung den idealisierten, schlanken, westlichen Frauenkörper und setzt besonders Frauen unter Druck.
Der postmoderne Mythos (und Fluch) ist der der Selbsterfindung: Jede und jeder kann »dazugehören«, so geht dieser Mythos, wenn es ihm oder ihr gelingt, die richtigen körperlichen Marker zu setzen, sich das richtige Aussehen und den richtigen Körper zu verschaffen. Wenn dieser Mythos auf ein immer schmaleres Ideal trifft (im doppelten Sinn), wächst das Elend, weil unser Körper damit ständiger Aufmerksamkeit und Kontrolle bedarf.

Doch trotz aller Machbarkeitsversprechen gibt es letztlich kein Entkommen aus gewissen Koordinaten des Körpers: seinem Alter, seiner Hautfarbe, seinem Geschlecht.
Was die Not vergrößere, sagt Susie Orbach, ist, dass der standardisierte jugendliche Körper, den die Welt auf Schritt und Tritt propagiert sehe und den die Menschen sich dann selbst zu erschaffen suchen, kein stabiler Körper ist. Was sie damit meint, geht über die Banalität, dass alles Leibliche irgendwann verfällt, weit hinaus. Auch Frauen, die dem Schönheitsideal zu entsprechend scheinen, leiden nämlich an ihren Körpern, weil die Möglichkeiten zum Defizit, zum »Schönheitsfehler« unbegrenzt sind.

Wer schlank ist, ist vielleicht nicht groß genug, wer groß genug ist, hat vielleicht zu kleine oder zu große Brüste, einen Po, der nicht straff genug ist, nicht dem Ideal entsprechende Hände oder Füße oder die falschen Schamlippen. »So wie wir Karl Marx zufolge von Verhältnissen beherrscht werden, die wir nicht als selbst geschaffen durchschauen, werden Frauen heute von einer visuellen Kultur beherrscht, die sie nicht als von anderen geschaffen durchschauen«, sagt die Therapeutin über das große Geschäft mit dem Körper.

Optimierungswahn, Fitnesstracker, Schrittzähler, permanente (Selbst-) Kontrolle und Verhaltensanpassung: Was auf die »Verschönerung« und »Verbesserung « des einzelnen Körpers zielt, unterminiert am Ende das Körper- und Selbstwertgefühl aller. Die sich dann in den sozialen Netzwerken, auf Instagram und Facebook gegenseitig beschämen – Stichwort »Body Shaming« oder »Fat Shaming «. Orbachs bittere Bilanz: »Unsere Vorstellung eines gesunden Körpers ist so aus dem Gleichgewicht geraten, dass unsichere Menschen ihre eigenen Körper stärken, indem sie andere – diejenigen mit dicken Körpern – als wertloser, unfähiger und weniger arbeitsfähig ansehen.« Hinter der Verachtung dicker Menschen steht meist nichts anderes als Selbsthass.

Genau hier setzte im Frühjahr 2017 das Filmprojekt »Embrace« ein, das in Deutschland von der Schauspielerin Nora Tschirner unterstützt wurde. Die Australierin Taryn Brumfitt dokumentiert darin ihren jahrelangen Kampf um die Schönheit. Nach einer geplanten (und wieder abgesagten) Schönheitsoperation, einer Bodybuilding-Karriere und zahlreichen von Selbsthass geprägten Momenten vor dem Spiegel kam sie schließlich zu der Erkenntnis: Es ist nicht mein Körper, den ich ändern muss, sondern meine Einstellung zu mir selbst.

Aber selbst gut gemeinte Projekte gegen Körperscham wie der Film »Embrace« oder Werbekampagnen, wie die des Kosmetikherstellers »Dove«, die sich für ein »realistischeres« Bild vom Frauenkörper einsetzen, dürften an Orbachs Befund vorerst wenig ändern. Sie kratzen nur an der Oberfläche. Von den modernen Schlachtfeldern der Schönheit kommt derzeit niemand wirklich unbeschadet.

Markus Springer

Orbach, Susie: Bodies. Schlachtfelder der Schönheit. Arche Verlag 2012, 208 Seiten, ISBN 978-3-7160-2691-5, 14,95 Euro


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