Ägypten: Krieg gegen den Terror

27. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Verfolgte Christen: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ruft jährlich dazu auf, am zweiten Sonntag der Passionszeit (Reminiszere) für bedrängte und verfolgte Christen zu beten. Schwerpunkt der Fürbitte diesmal ist die Situation der Christen in Ägypten.

Sonntagmorgen in der Kirche zur Heiligen Maria in Kairo direkt am Nil. Die Sonne glitzert auf dem träge dahinfließenden Strom. Weihrauch mischt sich mit den Resten des Morgennebels. »Für mich ist dies ein magischer Ort und einer, an dem ich mich sicher fühle, trotz allem«, sagt Marina G., eine junge Frau mit zwei Kleinkindern an der Hand. Die reich verzierte Kirche ist bis auf den letzten Stehplatz gefüllt und auch auf der Terrasse am Nil drängen sich die Betenden.

Die ägyptischen Kopten sind eine Abspaltung der Griechisch-Orthodoxen Kirche. Viele Lied- und Gebetstexte sind auf Koptisch, einer Sprache, die dem Pharaonischen ähneln soll. Die Predigt allerdings hält der Priester im ägyptischen Dialekt, dass die Gläubigen ihr folgen können.

Der Schein trügt: Trotz benachbarter Gotteshäuser ist das Verhältnis der Muslime und Christen zueinander schwierig. Foto: Julia Gerlach

Der Schein trügt: Trotz benachbarter Gotteshäuser ist das Verhältnis der Muslime und Christen zueinander schwierig. Foto: Julia Gerlach

Es sind aufmunternde Worte. Er bittet die Gläubigen, Geduld zu haben und die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht aufzugeben: »Wir müssen zusammenstehen und an unserem Glauben festhalten. Es ist eine Zeit der Prüfung und wir dürfen jetzt nicht nachlassen«, dringt die warme Stimme des Priesters durch den Lautsprecher. »Er weiß, was uns bewegt«, sagt Marina G. »Mich tröstet es und tatsächlich sind wir alle einmal wieder eng zusammengerückt. Wir verkriechen uns hier hinter unseren Mauern«, ergänzt sie. In den vergangenen Jahren habe sie manchmal Hoffnung gehabt, dass sich das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen in Ägypten doch noch verbessern könnte, doch derzeit ist sie eher pessimistisch.

Tatsächlich war das vergangene Jahr 2017 besonders blutig. Im Februar riefen radikale Gruppen, die auf der Sinai-Halbinsel gegen Regierungstruppen kämpften, zum Kampf gegen die Christen auf: Sieben Menschen wurden ermordet und Hunderte Christen flohen daraufhin in andere Teile Ägyptens. Kurz darauf, am Palmsonntag, kamen bei einem Doppelanschlag auf eine Kirche in Tanta und die Sankt-Markus-Kathedrale von Alexandria mindestens 70 Menschen ums Leben.

Hinzukommen unzählige Zwischenfälle: Angriffe auf Häuser und Geschäfte, Vertreibungen einzelner Familien aus oberägyptischen Dörfern, Ermordungen. Immer wieder flammt die Gewalt auf. Oft reicht ein Gerücht, dass etwa die Christen dort heimlich eine Kirche bauen, und schon kommt es zu Übergriffen.

Kirchbau ist eines der umstrittenen Themen. Seit Jahrzehnten fordern die ägyptischen Christen ein neues Gesetz, dass sie legal Kirchen bauen können. Im vergangenen Jahr wurde ein solches Gesetz verabschiedet, allerdings geht es vielen Christen nicht weit genug. Das letzte Wort für die Baugenehmigung haben die lokalen Gouverneure und sie können – wenn sie den sozialen Frieden in Gefahr sehen – auch »nein« sagen. Das Gesetz gilt als Geschenk des Präsidenten Abdelfattah al-Sisi an die Christen. Das allerdings macht die Sache besonders schwierig.

Ein Rückblick: Seit Jahrzehnten kommt es immer wieder zu Übergriffen auf Christen in Ägypten. Abhängig ist dies von der Politik der jeweiligen Regierung – Seit 1952 regiert am Nil das Militär fast durchgehend. Eine Rolle spielt auch die Stärke der islamistischen Bewegungen, die gegen die Regierung kämpfen und die Christen oft angreifen, nicht nur, weil sie andersgläubig sind, sondern auch, um die Regierung international in Verruf zu bringen.

2011 in den Tagen der Revolution auf dem Tahrirplatz in Kairo passierte etwas, was viele nie für möglich gehalten hätten: Christen und Muslime standen Seite an Seite, beteten und demonstrierten zusammen.

Mit dem Sturz von Mubarak wurden die Angriffe auf Christen schlimmer denn je und als 2012 mit Mohammed Mursi ein Muslimbruder zum Präsidenten gewählt wurde, hatten die Christen Angst. Deshalb unterstützten viele von ihnen Abdelfattah al-Sisi, der 2013 Mursi absetzte. Es kam zu extrem blutigen Racheakten. Mehr als 100 Kirchen und christliche Einrichtungen wurden im August 2013 angegriffen. Die neue Regierung ging mit großer Härte gegen die islamistische Bewegung vor und die Gewalt eskalierte. Je brutaler der Kampf, desto stärker gerieten auch die Christen ins Visier. Mehrfach hat der sogenannte Islamische Staat »IS« gedroht, ägyptische Christen zu töten.

Schwierige Zeiten für die Christen am Nil. Dabei hat das Christentum in Ägypten uralte Wurzeln. Im Jahr 60 gründete der Evangelist Markus in Alexandria die erste Kirche. In vielen Kirchen Ägyptens finden sich Bilder der Heiligen Familie, die auf der Flucht vor König Herodes mit einem Esel nach Ägypten zog. Diese Flucht spielt für die ägyptischen Christen eine wichtige Rolle und es gibt zahlreiche Pilgerstätten, die hierzu im Bezug stehen. So wurde auch die Kirche der Heiligen Maria am Nil auf einer Grotte erbaut, in der Maria und Josef mit ihrem Baby gerastet haben sollen. Im Vorbeigehen bekreuzigen sich die Gläubigen.

Julia Gerlach

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Gott schickte mir die besten Engel«

27. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Christen in der DDR: Ausgerechnet in der NVA-Zeit fand Lothar Rochau zum Glauben. Er wurde Diakon und wollte fortan keine faulen Kompromisse mehr machen.

Wenn Lothar Rochau über die Zeit spricht, die zu seiner Verhaftung, Verurteilung und erzwungenen Ausreise führte, dann klingt es, trotz allem, wie die Zeit seines Lebens. Die hellen Augen leuchten, erinnert er sich an die Freitagabende im Bauwagen auf dem Kirchengelände in Halle-Neustadt. Seine Lippen formen ein Lachen, denkt er an seine Freunde, die Visionen, die sie teilten, die Aktionen, die sie planten. Seine Stimme zitiert fröhlich aus den Büchern, die sie lasen. Er springt vom Stuhl auf, zeigt Fotos: Rüstzeit in Braunsdorf im Thüringischen, Werkstatt-Tage in Neustadt, Fahrraddemo durch Halles Altstadt. »Ich hatte so wunderbare, mutige, so tolle junge Leute um mich und wir hatten so viel Freude«, sagt er.

Eine Zeit der Befreiung. Dabei war die Offene Arbeit, die Rochau als Jugenddiakon in der Kirchengemeinde in Neustadt – der sozialistischen Musterstadt – 1977 aufbaute, umstritten. Nicht nur bei der Stasi oder offiziellen staatlichen Stellen, sondern auch in seiner Kirche.

Bruder Rochau praktizierte die Offene Arbeit nach dem Vorbild Walter Schillings aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Offene Arbeit war mehr als Arbeit, es war ein Lebensentwurf. »Die Befreiung des Menschen durch den Menschen. Du hast deine ganze Person in die Waagschale gelegt«, erklärt Lothar Rochau. Die radikale Öffnung der Jungen Gemeinde war die Antwort auf ein politisiertes staatliches Bildungssystem und der Versuch, Kirche für andere und mit anderen zu sein. Aber die von Staat und Stasi vorangetriebene Differenzierung zwischen dem Diakon und den jungen Leuten auf der einen und der Kirchengemeinde auf der anderen Seite, gewinnt letztlich der Staat. Rochau wird 1983 von seiner Kirche entlassen.

Lothar Rochau. Foto: Katja Schmidtke

Lothar Rochau. Foto: Katja Schmidtke

Verlassen fühlt er sich nicht – zumindest nicht von Gott. Denkt er an seine Inhaftierung im »Roten Ochsen«, spricht er zwar von Einsamkeit, aber auch von der Kraft, die ihm die Leidensgeschichte Jesu gab und von den »besten Engeln, die Gott immer wieder zu mir schickte«. Der Prozess und die Haft sind Prüfungen, gewiss. Aber Angst? Nein. »Wir riskieren in der DDR vielleicht unser Wohl-Leben, nicht aber unser Leben«, zitiert Rochau Robert Havemann. Der Diakon sieht selbst in den dunklen Stunden seinen Weg. »Und ich wusste, irgendwann werden es auch die anderen sehen. Ich hatte ein tiefe Zuversicht.«
Die tiefe Zuversicht des Glaubens wurde Lothar Rochau nicht in die Wiege gelegt. Was er aufsog mit der Muttermilch, das waren Liebe, Sicherheit, Urvertrauen. »Ich zehre ein Leben lang von dem, was meine Mutter mir gegeben hat«, sagt er mit Zärtlichkeit.

1952 in Weißensee/Thüringen geboren, wird der Säugling auf Bestreben der Mutter getauft. Aber als der Vater 1955 Parteisekretär wird, »ist Ruhe mit Kirche« im Hause Rochau. Mit 13, 14 Jahren liest er Hermann Hesse, Leo Tolstoi und Albert Schweitzer. Er lässt sich die Haare wachsen, trägt Parka, hört Blues. Er ist ein Kunde, ein Tramper. Und als ihm, der 1 000 Meter in 2:55 Minuten läuft, die Teilnahme an der Spartakiade verboten wird, weil er lange Haare hat, verändert ihn das.

Zum Glauben findet er einige Jahre später, ausgerechnet bei der Armee. Nach einem Lazarettaufenthalt macht er auf dem Weg zurück zur Kaserne in Eggesin Stopp in Ueckermünde und geht, einem inneren Bedürfnis folgend, in die Kirche am Markt. »Ich muss einen ziemlich traurigen Anblick abgegeben haben«, sagt er heute lachend. Eine Dame setzt sich zu ihm, schenkt ihm ein kleines blaues Neues Testament. Die Bergpredigt und besonders die Seligpreisungen sind eine Offenbarung für den jungen Mann. Er kehrt als Christ von der NVA zurück. Nach Glaubensunterricht bei Pfarrer Siegfried Merker in Weißensee ist Rochau klar, dass er sich in den Dienst der Kirche stellen möchte. »Ich möchte etwas Praktisches tun, etwas mit Menschen«, sagt er dem Geistlichen und beginnt 1973 in Eisenach und Neinstedt seine Ausbildung.

Der Jugenddiakon ist kein frömmelnder Christ, aber ein politischer. Das Christentum verlange, sich für Gerechtigkeit und Menschenrechte einzumischen. Rochaus Tun stützt sich auf zwei Grundpfeiler: Die Botschaft radikal ernst zu nehmen und die Ebenbildlichkeit Gottes in den Menschen zu erkennen.

Das gilt auch für seine politischen Gegner; Feinde nennt er sie nicht. Die Boshaftigkeit seiner Stasi-Vernehmer greift ihn an. Aber er sieht hinter der Fassade, hinter dieser Hülle die Menschen. »Sie taten mir leid, sie liefen an ihrer Bestimmung als Mensch vorbei.« Mit dem Staatsanwalt, der Rochau angeklagt hat, sprach er sich kurz nach der Wende aus. Seinem Verteidiger Wolfgang Schnur, der für die Stasi spitzelte, hat Rochau die Absolution nach einer absurden Szene verweigert. Detlef Hammer, Oberkonsistorialrat und Offizier im besonderen Einsatz, verstarb 1991 völlig überraschend.

Besonders wichtig war Lothar Rochau nach der Wende das Gespräch mit Helmut Hartmann, dem damaligen Superintendenten von Halle. Pfarrer Hartmann schätzte Rochaus Arbeit in Neustadt, er schützte ihn so lange es ging und konnte am Ende doch nicht helfen, sondern musste ihn entlassen. »Es tut mir bis heute weh, dass alles auf dem Rücken von Helmut Hartmann ausgetragen wurde«, beklagt Rochau.

Hat er inzwischen verziehen, seiner Kirche vergeben? »Schuld und Vergebung sind individuelle Prozesse«, sagt er. Dennoch berührt ihn das Bußwort der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Es sei ein Eingangstor, ein Arbeitsauftakt. Lothar Rochau denkt nicht nur an die Hauptamtlichen, die bedrängt und drangsaliert, ausgewiesen und mit zeitweiligem Berufsverbot belegt worden sind. Er denkt auch an all die Gemeindeglieder, die Ehrenamtlichen und an seine Freunde von der Offenen Arbeit.

Katja Schmidtke

Hintergrund

Jugenddiakon Lothar Rochau kommt 1977 nach Halle-Neustadt. Schnell spricht sich unter den unangepassten Jugendlichen herum, dass sie in der Kirche am Rande der Plattenbauten eine Heimat finden können. Mit den Werkstatt-Tagen schaffen sie ein republikweit bekanntes Festival. Spätestens, als die Offene Arbeit (OA) regimekritische Künstler einlädt, forciert der Staat die Differenzierung zwischen Gemeindeleitung und OA-Akteuren.

Nachdem 1981 zwei Freunde der OA verhaftet und verurteilt werden, entscheidet die Kirchengemeinde, »dass die Jugendarbeit von Rochau nicht mehr verantwortet werden kann«. Kirchenkreis und Neinstedter Bruderschaft können nicht vermitteln. Offiziell zur Weiterbildung beurlaubt, sucht Rochau im gesamten Gebiet des Bundes Evangelischer Kirchen nach Arbeit – erfolglos. Ende Februar 1983 wird er entlassen.

Aber er macht weiter. Er und seine Freunde wagen mehr. Am 5. Juni 1983 startet eine Fahrraddemo gegen die Umweltverschmutzung durch die Chemieindustrie. Rochau wird am 23. Juni festgenommen, im September zu drei Jahren Haft verurteilt und im Dezember in die Bundesrepublik abgeschoben. Kurz nach dem Mauerfall kehrt er nach Halle zurück. Er arbeitet bis zu seiner Pensionierung in der Stadtverwaltung und ist heute ehrenamtlich Ombudsmann für Soziales.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Nur wer genießen kann, weiß, worauf er verzichtet

27. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Lebenskunst: Gelingendes Leben in der Nachfolge Jesu

Mit dem Wort Askese verbinden viele Menschen Leistungsfrömmigkeit, Selbstheiligung, Abtötung, unterwürfigen Gehorsam oder heroischen Verzicht. Doch wird das der Askese Jesu und einer christlichen Askese nicht gerecht. Askese ist eine wichtige Dimension christlichen Lebens und vor allem der Nachfolge Jesu.

Jesus war kein strenger Asket, und sein Verzicht war jeweils, ganz alttestamentarisch, bezogen auf die Vorbereitung wichtiger Feste und Zeiten.

Er zog sich immer wieder zurück in die Einsamkeit zum Fasten und zum Gebet, um sich vorzubereiten, zu läutern und sich wieder auf die Quelle des Lebens zu konzentrieren. Doch anders als Johannes der Täufer fällt er eher durch Lebenslust als durch eine enthaltsame Lebensweise auf. Er steht ganz in der jüdischen Tradition des Fastens und des Verzichts, doch gleichzeitig weiß er, dass es weitaus wichtiger ist, sich in die Grundhaltungen des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung einzuüben, als die Vorschriften und Rubriken kleinlich zu befolgen und dabei den Nachbarn, der Hilfe benötigt, zu übersehen. Askese und Verzicht ohne den liebenden Blick ist eine heuchlerische Askese, ebenso ist eine Askese, die missmutig und traurig macht, keine Askese in der Nachfolge Jesu. Askese will befreien, Verzicht will zu einem gelingenden Leben beitragen. So ergeben sich im Hinblick auf Jesu Lebenspraxis einige wichtige Impulse für eine Theologie der Askese heute.

Im Übrigen ist auch das griechische Wort »askein« in seiner Grundbedeutung Wegweisung für eine Theologie der Askese, bedeutet es doch »üben« oder »sich einüben in Etwas«. Das hat mit Anstrengung und Mühe zu tun, aber auch mit Lebens- und Beziehungsgestaltung. Nimmt man Jesu Lebenspraxis in diesem Kontext von Einübung ernst, dann geht es in einer Theologie der Askese um den Versuch, die Beziehungsgestaltung zu Gott zu beleuchten und einzuüben, vor allem in den jeweiligen durchaus zeitbedingten Formen, die nicht dem Formalismus dienen sollten, sondern eine Hilfe für die gelingende Nachfolge Jesu im Lebensalltag, und damit der Beziehungsgestaltung zu Gott, darstellen. Verzicht ist dabei wichtig, hilft er doch, sich zu fokussieren, den Blick auf das Wesentliche des Lebens wiederzugewinnen und die Sinne erneut zu sensibilisieren. Ein anderer wichtiger Aspekt einer Theologie der Askese, auch auf Basis der Praxis Jesu, ist die Mystik. Jesus hat sich mit Fasten, Verzicht und Gebet für die Begegnung mit seinem Vater vorbereitet.

Askese ist ihm dafür ein wichtiges Hilfsmittel. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil sind Mystik und Askese unglücklicherweise immer wieder getrennt betrachtet worden. Eine Theologie der Askese heute muss aber beide Aspekte berücksichtigen und kann ohne eine fundierte Theologie der Mystik nicht existieren. Mystik und Askese gehen in der Lebenspraxis der Nachfolge und in der Theologie Hand in Hand. Von daher ist eine Theologie der Askese, die in der katholischen Lehre zur »Theologie der Spiritualität«, einem Fach innerhalb der Praktischen Theologie, gehört, weitaus mehr als eine Theologie des Verzichts und Maßhaltens – es ist eine Theologie der Christlichen Lebenskunst mit u. a. folgenden Inhalten: Selbstbeherrschung, Weltverantwortung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, Gemeinschaft, Solidarität, Verantwortung und statt Weltverneinung Weltbejahung. Askese leben bedeutet dann, die Leidenschaft und Lust am Leben wachzuhalten. Nur wer genießen kann, weiß, worauf er verzichtet. Daher sollen noch einige wichtige Dimensionen einer Theologie der Askese, die sich mit dem Leben beschäftigt, benannt werden.

Sie können gleichzeitig auch der Reflexion des eigenen geistlichen Lebens dienen.

Askese leben bedeutet, sich immer wieder in die Verantwortung für und Solidarität mit dem Nächsten einzuüben. Askese leben bedeutet, auf Distanz zu gehen, loszulassen und sich bewusst durch Verzicht und Maßhalten auf das im Leben zu besinnen, was wirklich wichtig ist und trägt.

Askese leben bedeutet, wie Jesus, Formen, die nicht dem Leben dienen, aufzubrechen.

Askese leben schließlich bedeutet, sich einzuüben in die Realitäten des Lebens: die Schwachheit, die Niederlagen und Krisen, den Tod. Das ist eine ungeheure Lebenskunst.

Darin sind dann Verzicht und Maßhalten wichtige Dimensionen, aber immer unter dem Aspekt des gelingenden Lebens der Nachfolge Jesu.

Thomas Dienberg

Der Autor ist Professor für Theologie der Spiritualität an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


»Das letzte Wort wird Christus sprechen«

26. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Lieblingsfeind der Stasi: Ludwig Große erinnert sich an seine Zeit als Superintendent in Saalfeld

Vorsichtiges Taktieren und lauwarmes Gerede sind Ludwig Großes Sache nie gewesen – schon als junger Pfarrer in Tannroda nicht, als Superintendent in Saalfeld von 1970 bis 1988 schon gar nicht. Das hat ihn zum Lieblingsfeind der Stasi gemacht. Als er sich vor 30 Jahren überzeugen ließ, als Oberkirchenrat und Ausbildungsdezernent in den Eisenacher Landeskirchenrat zu wechseln, hatte sich das Ministerium für Staatssicherheit allerdings die Zähne an ihm ausgebissen. Dabei ist nichts unversucht gelassen worden, um ihn zu disziplinieren.

Mittlerweile ist Ludwig Große alt geworden, fast 85. Wir sitzen mit seiner Frau im Wohnzimmer des Bad Blankenburger Hauses, das ihr Großvater gebaut hat. Der Blick geht ins Weite und in die Vergangenheit. »Nur gut, dass wir uns damals der Gefahren nicht so bewusst gewesen sind«, sagt Ursula Große, die als Fachärztin für Allgemeinmedizin immer berufstätig war.

Unbeugsam: Ludwig Große wird am 27. Februar 85 Jahre alt. Foto: Diana Steinbauer

Unbeugsam: Ludwig Große wird am 27. Februar 85 Jahre alt. Foto: Diana Steinbauer

Seine Stasiakten haben im Nachhinein gezeigt, dass an ihm und seiner Familie die ganze Klaviatur geheimdienstlicher Maßnahmen angewendet wurde, um den Superintendenten auszuschalten, der Jugendliche in Scharen anzog, der wortgewaltig predigen konnte, sich tatkräftig vor seine Gemeindeglieder stellte, der sich mit seinen Pfarrern einig war, mit allen Mitarbeitern bestens zusammenarbeitete und als Synodaler der Landeskirche, des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR und als Mitglied in der Konferenz der Kirchenleitungen Einfluss und Informationen aus erster Hand hatte.

Drei »Operative Vorgänge mit dem Ziel der Zersetzung«, wie die ungeschminkte Formulierung hieß, bedeuteten permanente Beobachtung. Auf persönliche Anweisung Erich Mielkes durften die vier Kinder kein Abitur machen, streckenweise Telefonterror Tag und Nacht, Briefaktionen an die Kollegen mit der Unterstellung moralischer Verfehlungen, kompromittierende Fotomontagen – alles anonym natürlich.

Und immer wieder der Versuch, ihn durch Drohungen einzuschüchtern oder aber mit Versprechungen zu ködern, als Druckmittel die Arbeit im Grenzgebiet zu erschweren oder die Veranstaltungsordnung restriktiv zu handhaben und ihn bei der Kirchenleitung anzuschwärzen. Alles erfolglos.Für den Ernstfall war vorgesehen, ihn mit anderen missliebigen Bürgern auf der Leuchtenburg zu internieren.

»Der Schutzengel war immer da«, sagt Ludwig Große. Wenn er wieder einmal zum Rat des Kreises musste, haben die Gemeindeschwestern für ihn gebetet. Und nicht nur die. Nach der Wende schlug ihn die Saalfelder Kirchengemeinde für das Bundesverdienstkreuz vor. »Das letzte Wort über das Leben eines Menschen wird Christus sprechen«, weiß er. Aber er hat die Würdigung angenommen für alle Christen, die widerständig waren um ihres Glaubens willen.

Christine Lässig

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Hoffnung für Kinder

21. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Aus dem Erzgebirge nach Odessa: Seit fast 20 Jahren wohnt Nicole Borisuk in der Ukraine. Bereits während des Studiums entdeckte sie ihre Leidenschaft, Straßenkindern zu  helfen. Praktische Hilfe ist für sie der Ausdruck ihres Christseins.

Die letzten rund 20 Kilometer nach Petrivka haben es in sich. In das Dorf in der Südukraine führt eine denkwürdige Schotterpiste, auf der schon so manches nicht geländetaugliche Fahrzeug kapituliert haben dürfte. Petrivka selbst ist ein unscheinbarer kleiner Ort wie vermutlich viele in den Weiten des Landes, ungefähr 70 Kilometer von Odessa entfernt. Das Besondere dort ist eine soziale Einrichtung, die es in dieser Art in der Ukraine nur selten gibt: ein Tageszentrum für Kinder und Jugendliche, die in wirtschaftlich und sozial schwierigen Verhältnissen aufwachsen und in ihrem Leben bislang wenig Liebe erfahren haben.

Gegründet hat das Heim – ebenso wie zwei weitere in einem sozialen Brennpunktviertel Odessas – die aus dem Erzgebirge stammende Nicole Borisuk gemeinsam mit ihrem ukrainischen Mann Vyacheslav; Kindern am Rande der Gesellschaft wollen sie Geborgenheit, ein verlässliches Fundament und eine Lebensperspektive vermitteln. Die Frage liegt nahe, was eine Deutsche eigentlich dazu bewegt, sich ausgerechnet in der Ukraine für vom Schicksal nicht begünstigte Kinder zu engagieren.

Straßenkinder in Odessa, einer der Jungen versteckt sein Gesicht hinter einer Zeitung. Foto: picture-alliance/dpa

Straßenkinder in Odessa, einer der Jungen versteckt sein Gesicht hinter einer Zeitung. Foto: picture-alliance/dpa

Wenn Nicole Borisuk ihre Geschichte erzählt, kommt sie schnell auf ein prägendes Ereignis in ihrem eigenen Leben zu sprechen: Ihrem Vater war es gelungen, mit Hilfe des christlichen Glaubens und einer tragenden Gemeinschaft in der evangelischen Kirche seine Alkoholabhängigkeit dauerhaft zu besiegen – für Nicole und ihre gesamte Familie ein Wendepunkt. Ihr Christsein hat sie stets praktisch verstanden, und so nahm sie nach dem Abitur zielstrebig ein Studium der Sozialpädagogik auf. Dabei entdeckte sie ihr besonderes Interesse für Straßenkinder, machte Praktika in der Mongolei, in Hongkong und in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und lernte dabei, Kindern ohne ein Dach über dem Kopf adäquate Hilfe zu leisten.

Nach dem Diplom siedelte sie 1999 ganz nach Kiew über. In ihrem Projekt lernte sie ihren Mann kennen, nach der Heirat zogen sie nach Odessa. Den ersten Schritt zu eigenen Strukturen bedeutete die Gründung des Vereins »Lebendige Hoffnung«, zusammen mit einem Förderverein in Sachsen, der die Finanzierung aus Deutschland ermöglichen sollte. 2001 gelang es dem Ehepaar, in einem Problemviertel Odessas ein eigenes Haus für zunächst zwölf Kinder zu eröffnen, die dort täglich ab der Mittagszeit Hausaufgabenbetreuung und weitere Lernangebote samt einem warmen Essen erhielten.

Beiden war es von Anfang an wichtig, Kindern aller Glaubensrichtungen und auch aus atheistischen Elternhäusern Bildung und Wissen in Gesundheitsfragen zu vermitteln wie auch eigene christliche Werte vorzuleben. Nach mühevollen ersten Jahren kamen 30 bis 40 Kinder täglich, und viele von ihnen haben einen guten Weg eingeschlagen, wie Nicole Borisuk nicht ohne Stolz hinzufügt.

Bald ergaben sich auch überkonfessionelle Kooperationen mit Kirchen in der Ukraine und vor allem im Ausland, die zur Finanzierung des Projekts beitrugen und es teilweise immer noch tun. Zu den Unterstützern zählen in Deutschland auf katholischer Seite Kirchengemeinden im Erzgebirge, auf evangelischer beispielsweise die Landeskirche Bayern, der Martin-Luther-Verein Neuendettelsau oder das Diakonische Werk Württemberg. Weiter bestehen gute Verbindungen zur Luxemburger All Nations Church oder zu Interdiac in Teˇšín/Tschechien.

So konnten die Borisuks 2009 ein zweites Haus in Odessa eröffnen, diesmal ein Familienzentrum, um das Umfeld der Kinder stärker einzubinden. Der Gründung des Hauses in Petrivka noch einmal vier Jahre später ging eine Initiative von Lokalpolitikern voraus, da auf dem Land oft besondere Not herrsche. In der Tat sind jenseits der Städte die Probleme mitunter noch verbreiteter: Nicole Borisuk erzählt von Familien in Petrivka, in denen sich ein Kind mit mehreren Personen ein Bett teilen muss, die ohne Sanitäranlagen oder in einem Haus ohne Dielen auf dem nackten Erdboden leben. Nicht selten sind Kinder nach der Schule sich selbst überlassen, weil die Eltern in der Stadt arbeiten. Oft spielen auch Krankheit, Alkohol und Drogen eine negative Rolle.

»Lebendige Hoffnung« beherbergt in dem ehemaligen Kindergartengebäude, das staatliche Stellen mietfrei zur Verfügung stellen, ganzjährig nun bis zu 50 Kinder in Tagesbetreuung. »Für die Kinder ist emotional entscheidend, dass sie Verlässlichkeit und Kontinuität erfahren. Wir erwarten von ihnen aber auch eine gewisse eigene Verbindlichkeit. Wer etwa die Schule schwänzt, darf nicht ins Zentrum kommen.« Die Zusammenarbeit mit dem sozialen Umfeld sei dabei integraler Bestandteil der Betreuung. Die Hilfen, die jedes einzelne Kind der drei Zentren erhält, bestimmt der individuelle Bedarf: Von psychologischer Betreuung bis hin zu Musikstunden ist viel möglich. Die Deutsche arbeitet mit einem 15-köpfigen Team, wovon sechs Mitarbeiter fest angestellt sind, die anderen helfen ehrenamtlich. Dank der internationalen Kontakte leisten zudem immer wieder Freiwillige ein Jahr Dienst in Odessa.

Nicole Borisuk ist sich bewusst, dass gesellschaftliche Ungleichheit und Korruption die Probleme, mit denen sie jeden Tag konfrontiert wird, erheblich mitverursachen. Zugleich sieht sie auch, dass die Menschen oft Gemeinsinn zeigen und das wenige, das sie haben, gerne teilen – dies gibt ihr die Hoffnung, dass es in der Ukraine allmählich gerechter zugehen wird.

Malte Heidemann

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Stefanie zeigt Flagge

21. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Fastenaktion der Kirchenzeitung: Mit Schlagerstar Stefanie Hertel setzen wir unsere Reihe fort. In jeder Ausgabe während der Passionszeit berichtet eine prominente Persönlichkeit, ob sie fastet oder nicht und was ihr die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern bedeutet.

Zeig dich: Dem Motto der Fastenaktion der evangelischen Kirche entsprechend gibt die Sängerin und Moderatorin Stefanie Hertel Auskunft, was ihr der Glaube bedeutet. Foto: Jan Adler

Zeig dich: Dem Motto der Fastenaktion der evangelischen Kirche entsprechend gibt die Sängerin und Moderatorin Stefanie Hertel Auskunft, was ihr der Glaube bedeutet. Foto: Jan Adler

Frau Hertel, in der Fastenzeit verzichten viele Christen auf etwas, um ein Stück bewusster zu leben. Pflegen Sie auch solch einen Fastenbrauch?
Hertel:
Ja, sogar mehrmals im Jahr, aber nicht zu besonderen Anlässen, eher wenn ich denke, jetzt tut es mal gut, einen Gang zurück zu schalten. Ich höre da ganz einfach auf meinen Körper und fühl mich dann wieder wohl. Auf Süßes und alkoholische Getränke zu verzichten, ist meine Art zu fasten, aber das kann für jeden etwas an-
deres sein.

Die Fastenaktion der Kirche steht in diesem Jahr unter dem Motto »Zeig Dich! 7 Wochen ohne Kneifen!«. Sie müssen sich als Bühnenstar oft zeigen und dürfen nicht »kneifen«. Kennen Sie aber das Gefühl, am liebsten kneifen zu wollen?
Hertel:
Nun ja, da ich schon bereits mit vier Jahren auf der Bühne stand, ist das Leben in der Öffentlichkeit für mich zwar immer noch spannend und eine Herausforderung, aber positiv und mit Freude besetzt. Mein Privatleben ist mir dafür umso kostbarer geworden. Sich eben auch mal nicht zu zeigen. Das hat aber nichts mit »kneifen« zu tun, sondern mit einem Freiraum, den ich mir für meine Familie und mich erhalte. Für die karitativen Projekte, die ich durch den Verein »Stefanie Hertel hilft« unterstütze, zeige ich gerne auch mal Kante! Wenn Tiere oder Menschen in Not sind und auf unsere Hilfe angewiesen, dann darf man nicht »kneifen«, da muss man Flagge zeigen.

In der Fastenzeit steht die Frage im Mittelpunkt, worum es eigentlich geht im Leben, was wirklich zählt und worauf es letztlich ankommt. Was »zählt« für Sie im Leben?
Hertel:
Für mich zählt im Leben, das Hier und das Jetzt zu leben. Die Familie ist mir sehr wichtig, ich pflege Freundschaften und versuche im Einklang mit der Natur und der Umwelt zu leben: rücksichtsvoll und respektvoll allem Leben gegenüber und mit einem Blick über den Tellerrand hinaus. Außerdem sollte jeder ein Stück vom eigenen Glück an diejenigen weitergeben, denen es nicht so gut geht. Ob das eine helfende Hand ist, ein liebes Wort, eine Spende oder einfach nur Aufmerksamkeit, indem man zuhört.

Was bedeutet Ihnen der Glaube?
Hertel:
Mein Glaube gibt mir Kraft und erdet mich. Ein Leben ohne Glauben könnte ich mir nicht vorstellen.

Logo-7-Wochen-ohne-07-2018Wie finden Sie zur Ruhe inmitten Ihres sicher turbulenten Berufslebens?
Hertel:
Indem ich mir Auszeiten nehme und mich manchmal ganz bewusst aus allem völlig raus ziehe. Dann schalte ich das Handy aus, lese keine Mails, bin einfach nicht erreichbar und unternehme in aller Ruhe etwas in der Natur. Im Winter liebe ich es, mir die Langlauf-Skier anzuschnallen und direkt vor der Haustür loslaufen zu können. Im Sommer zieht es mich mit dem Radl oder zu Fuß auf den Berg. So einen taufrischen Sonnenaufgang am frühen Morgen auf einem Berggipfel zu erleben, ist
gewaltig und atemberaubend schön.

Gibt es eine Botschaft, die Sie mit Ihren Liedern und Ihrer Musik vermitteln wollen?
Hertel:
Mit meinen Liedern greife ich Themen aus dem Leben auf, aus meinem, aber auch aus anderen Perspektiven. Manchmal mit dem nötigen Quentchen Ernst, aber gerne auch humorvoll. Viele erzählen auch von der Liebe, aber in erster Linie sollen sie einfach gefallen und unterhalten.

Schon mal geblickt auf Ostern: Pflegen Sie einen bestimmten Osterbrauch?
Hertel:
Seit ich mit meinem Mann Lanny zusammen lebe, gibt es bei uns zu Hause an Ostern immer einen süßen Kärntner Reindling und etwas Herzhaftes dazu. Außerdem verstecken wir immer noch innerhalb der Familie ein Osternest, machen einen Osterspaziergang und der Kirchgang an Ostern gehört bei uns natürlich dazu. Denn genau darum geht’s ja!

Das Gespräch führte Stefan Seidel.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Prediger, Täufer, Asket

21. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Johannes der Täufer: Warum Verzicht Gewinn bedeutet

Johannes der Täufer verliert und gewinnt. Er verliert seine soziale Heimat und gewinnt eine neue Familie. Er verzichtet auf seine religiösen Gewohnheiten und gewinnt ein neues Heil. Er verliert seine traditionellen Riten und schafft einen neuen Ritus.

Wer Askese betreibt, will nicht einfach verzichten. Man verzichtet in der Regel nicht um des Verzichtens willen. Man fastet z.B., um gesund zu bleiben oder zu werden. Man entsagt der modernen Konsumgesellschaft, um sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren. Der Verzicht wird also geübt, um ein höheres Gut zu gewinnen. Der Asket verzichtet auf die Annehmlichkeiten der Welt, um in stiller Abgeschiedenheit sein wahres Glück bei sich selbst und/oder bei Gott zu finden. Die innere Einkehr will nicht durch äußere Faktoren abgelenkt werden. Der Verzicht dient der gesteigerten Konzentration.

Bei Johannes dem Täufer ist das genauso. Aus den antiken Quellen, vor allem dem Neuen Testament und einem kurzen Text des jüdischen Historikers Flavius Josephus, lässt sich schließen, dass Johannes vielleicht aus einer Priesterfamilie stammt. Er dürfte demnach mit der jüdischen Religion seiner Zeit gut vertraut gewesen sein. Diese findet ihr Zentrum in Jerusalem. Der Tempel und der an ihm stattfindende (Opfer)-Kult sind von großer Bedeutung. Johannes verzichtet aber auf eine Karriere in der Priesterschaft. Er geht einen ganz anderen Weg als ihn die Familiengeschichte vorzugeben scheint.

Nach Lukas 3,1 tritt Johannes erstmals im 15. Jahr der Regierungszeit des Kaisers Tiberius (14–37 n. Chr.) öffentlich in Erscheinung, also ca. 28 n. Chr. Laut Flavius Josephus scheint Johannes nach dem Vorbild der antiken Philosophen vor allem Tugenden wie Gerechtigkeit und Frömmigkeit gelehrt zu haben. Das Neue Testament zeichnet ihn aber deutlich als jüdischen Propheten, der im Namen Gottes spricht und handelt. Nach Markus 1,6 ist er mit einem Gewand aus Kamelhaaren bekleidet, das von einem Ledergürtel gehalten wird. Er isst Heuschrecken und wilden Honig. Diese Beschreibung zeigt den Anspruch des Johannes, der sich nach Art der alttestamentarischen Propheten kleidet und damit seine Position außerhalb der Gesellschaft demonstriert. Er verzichtet auf gewöhnliches gesellschaftliches Ansehen und macht sich den Wüstenbewohnern, den Beduinen, gleich. Damit erinnert er an die Zeit der Wüstenwanderung Israels und zeigt, dass es für Israel an der Zeit ist, einen Neuanfang zu wagen. Der Verzicht wird zur Demonstration des Aufbruchs, er führt in die Unsicherheit jenes Neuanfangs, der nötig ist, um Israels Heil neu zu erlangen.

Farbglasfenster mit der Darstellung Johannes des Täufers. Foto: epd-bild

Farbglasfenster mit der Darstellung Johannes des Täufers. Foto: epd-bild

Die religiöse Dimension wird durch das Angebot eines neuen Rituals ausgedrückt. Johannes verzichtet auf den Tempelkult und setzt ihm seine Taufe entgegen. Damit entspricht er einem zu seiner Zeit verschärften Schuldbewusstsein seiner Mitmenschen. Johannes predigt vom kommenden Gericht Gottes, das er in Anlehnung an alttestamentliche Traditionen als Feuergericht versteht. Er erwartet dieses Feuergericht unmittelbar und sieht deshalb die Notwendigkeit, Israel aufzurütteln. Als Prediger scheint er in ethischer Hinsicht so einflussreich gewesen zu sein, dass er das Missfallen seines Landesherrn auf sich zog, weil er die Heiratspolitik des Herodes kritisierte und dafür letztlich hingerichtet wurde. Vor allem die »Standespredigt« des Lukas (Lukas 3,7-18) zeigt, dass Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit für Johannes wichtiger waren als die Abstammung von Abraham. Er gewichtet demnach die Tat höher als das Sein und widerspricht damit teilweise dem religiösen Standesbewusstsein seiner jüdischen Zeitgenossen.

Das, was er anstelle der traditionellen Riten anbietet, soll ein Zeichen der Umkehr sein: die Taufe. Dass Johannes von seinen Zeitgenossen den Beinamen »der Täufer« erhält, zeigt die Bedeutung der neuen Symbolhandlung. Diese ersetzt die für ihn offenbar wirkungslos bleibenden Riten des Tempelkults. Nur durch die Taufe erlangt der Täufling Vergebung seiner Sünden (Markus 1,4) und wird durch das Wasser vor dem Feuer bewahrt. Während also Johannes mit Wasser tauft, wird derjenige, der das Gericht nach ihm vollzieht, mit Feuer taufen (Lukas 3,16). Dem Täufer selbst kommt eine Mittlerfunktion zu. Er vermittelt den letzten Ausweg aus dem Gericht. Insofern hat die Taufe einen heilsstiftenden Charakter und bewirkt eine Neuausrichtung des Lebens (Markus 1,5). So gehören Predigt und Taufe eng zusammen. Johannes tauft im Bewusstsein einer ihm vermittelten Vollmacht. Die Vergebung der Sünden bewirkt demnach zwar Gott selbst, aber Johannes darf sie wirksam spenden.

Entsprechend den meisten Asketen verzichtet Johannes also auf sein bisheriges Leben, seine Gewohnheiten, und gewinnt dadurch eine neue Freiheit. Im Verzicht auf religiöse Sicherheit erschafft er in Verbindung mit seiner Predigt eine neue Symbolhandlung, die das wirklich gewinnt, was die traditionellen Riten nicht leisten: das Leben bei Gott.

Paul Metzger

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche der Pfalz.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Chance für mehr Gerechtigkeit – Risiko für größere soziale Spaltung

19. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Pro

René Thumser, Referent für landeskirchliche Großveranstaltungen im Gemeindedienst der EKM

René Thumser, Referent für landeskirchliche Großveranstaltungen im Gemeindedienst der EKM

Allgemeiner Konsens ist wohl, dass unsere Gesellschaft eines Systems der sozialen Sicherung bedarf, welches dafür sorgt, allen Mitgliedern der Gemeinschaft ein Leben in Würde zu ermöglichen. Die Frage ist, ob das bestehende System unseren Ansprüchen und Möglichkeiten (noch) genügt.

Trotz wachsender Wirtschaftsleistung werden Reiche immer reicher und Arme immer ärmer. Die Wahrscheinlichkeit, in Altersarmut, Kinderarmut oder prekären Arbeitsverhältnissen zu landen, wächst. Existenzsorgen lösen bei vielen Menschen Unsicherheit und Ängste aus. Eine Fortschreibung dieser Entwicklung gefährdet den sozialen Frieden und letztlich die Demokratie.

Die klassischen Instrumente der Armutsbekämpfung (»Hartz 4«-Gesetze) haben es in den letzten 14 Jahren nicht geschafft, diese Entwicklung aufzuhalten. Vielleicht kann die visionäre, also zukunftsweisende und über herkömmliche Denkmuster hinausragende Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) – existenzsichernd, Teilhabe ermöglichend, ohne Bedürftigkeitsprüfung, ohne Zwang zu Gegenleistung, individueller Rechtsanspruch – genau hier ansetzen. Es gibt Studien und Experten, die unterschiedliche Modelle des BGE für finanzierbar und umsetzbar halten, und solche, die das widerlegen. Die Realpolitik hält sich noch weitestgehend zurück, man möchte sich nicht zu früh festlegen. Ich bin mir sicher: wenn wir die Idee des BGE in einer sich rasant ändernden Arbeitswelt als relevant erachten, finden wir eine Umsetzungsmöglichkeit.

Es geht in der Debatte BGE um einen Paradigmenwechsel, um das Menschenbild, um Vorurteile, um Erfahrungen, um Gefühle und nicht zuletzt um Wertvorstellungen und Glauben. Was kann ich als Christ einbringen?

Im Jahr 2017 feierten wir unter anderem Luthers große Erkenntnis, dass wir uns das Himmelreich nicht verdienen können – weder durch Geld, noch durch Taten. Wir sind bereits angenommen als bedingungslos geliebte Kinder des Vaters. Was für ein Bild! Wir müssen und können uns Gottes Liebe, Gnade und Anerkennung nicht verdienen. Wir erhalten sie ohne Vorleistung, Zwang und Bedürftigkeitsprüfung. Sie wird jedem als Voraussetzung für ein gelingendes Leben geschenkt, um daraus folgend in Freiheit das Richtige zu tun. Darüber hinaus nimmt der Vater selbst den zunächst »faulen«, verlorenen Sohn wieder an (Lukas 15,24).

Übertragen wir diese Bilder in unseren familiären Alltag und unsere gesellschaftliche Realität: Welchen Kräften vertrauen wir wirklich: Druck und Sanktionen oder Freiheit und Liebe? Ich glaube, Jesus wäre ein Befürworter des BGE.

Kontra

Albert H. Weiler, Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales

Albert H. Weiler, Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales

Seit der Einführung der Krankenversicherung im Jahr 1883 in Deutschland bildet der Wohlfahrtsstaat die Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolges und des sozialen Friedens. Wollen wir diese historische Errungenschaft, für die wir weltweit beneidet werden, durch ein gesellschaftliches Experiment ernsthaft gefährden?

Bisher leben wir in einer Gemeinschaft, die auf dem Grundprinzip der Solidarität beruht. Darunter verstehe ich eine Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, in der durch gegenseitige Hilfsbereitschaft individuelle Nöte solidarisch aufgefangen werden. Eine solidarische Haltung setzt voraus, dass sozialrechtliche Regelungen, wie zum Beispiel Kranken-, Pflege- oder Rentenversicherung, als gerecht empfunden werden. Auch das Prinzip »Fordern und Fördern« bringt zum Ausdruck, dass niemand bedingungslos, das heißt ohne einen Beitrag zum Gemeinwesen, Leistungen empfangen kann. Dieses Grundprinzip halte ich für gerecht.

Wie soll ich erklären, dass Menschen Leistungen beziehen, aber nicht zum Volkseinkommen beitragen, obwohl sie es könnten? Ein bedingungsloses Grundeinkommen gefährdet aus diesem Grund den sozialen Zusammenhalt in Deutschland.

In den vergangenen 135 Jahren hat sich unser Wohlfahrtsstaat kontinuierlich weiterentwickelt. Unsere soziale Absicherung ist heute in den insgesamt zwölf Sozialgesetzbüchern festgehalten, deren Ausgestaltung regelmäßig diskutiert und überarbeitet wird. Zuletzt im Rahmen des Koalitionsvertrages, an dem ich selbst, als Mitglied der verhandelnden Arbeitsgruppe, mitgewirkt habe. Die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens hätte die vollständige Auflösung unseres Sozialsystems zur Folge. Über die resultierenden Auswirkungen gibt es bis heute keine zuverlässlichen Fakten. Dieses Risiko kann und möchte ich als Mitglied des Deutschen Bundestages, der zuletzt über eine endgültige Einführung zu entscheiden hätte, nicht verantworten.

Da sich unser Leben gegenwärtig in nie dagewesener Geschwindigkeit verändert, werden wir auch unser Sozialsystem weiter überarbeiten müssen. Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen, flexiblere Arbeitszeiten, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und vor allem eine Fokussierung auf lebenslanges Lernen. Diese Herausforderungen können alle im Rahmen der bereits bestehenden Sozialgesetzbücher gemeistert werden. Ich bin davon überzeugt, dass sich Arbeit auch in Zukunft lohnen muss.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Wenn der Pfarrer den Narren gib

13. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Seltenheit: Der vermutlich einzige evangelische Theologe in Deutschland, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde

Er ist Rheinländer. Doch keine vordergründige Frohnatur, die den Clown schon zum Frühstück braucht. Dazu ist Gregor Heidbrink, der Pfarrer von Finsterbergen, ein viel zu ernsthafter Mensch. Beim Karneval allerdings zeigt er sich ganz anders. Da pflegt der gebürtige Rheinländer seine närrische Seite. Umgewöhnen musste sich der gebürtige Bonner vor allem beim Narrenruf: »Wir lernten als Kinder zuallererst, dass es Alaaf und nicht Helau heißt«, sagt er. Damit kann er im Thüringischen keinen Narren hinterm Ofen vorlocken. Doch mittlerweile geht ihm Helau ohne Schwierigkeiten von der Zunge.

Fasching in Finsterbergen: Jeannette und Gregor Heidbrink halten als Jeannette I. und Gregor I. närrischen Hofstaat. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Fasching in Finsterbergen: Jeannette und Gregor Heidbrink halten als Jeannette I. und Gregor I. närrischen Hofstaat. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Die 44. Saison der Finsterberger Narren wird Gregor und Jeannette Heidbrink wohl ewig in Erinnerung bleiben. Schließlich halten sie als Gregor I. und Jeannette I. närrischen Hofstaat. Faschingsprinz zu sein ist mit Sicherheit eine Sehnsucht, die Rheinländern in die Wiege gelegt wird. Nun ist der Pfarrer nicht nur am Ziel seiner Wünsche, sondern der wohl einzige evangelische Pfarrer in Deutschland, der als Prinz gekrönt wurde.

Seit neun Jahren leben die Heidbrinks nun in Finsterbergen. Zum Finsterberger Karneval Club fand die Familie jedoch nicht sofort. »Wir haben Büttenabende besucht, selbstverständlich, mehr aber nicht«, sagt der Pfarrer. Um wirklich dabei zu sein, bedurfte es des Anstoßes von außen. Und den gab es an der Bar, am Ende einer der legendären viereinhalbstündigen Büttenabende. Ob er nicht zum 11. 11. eine Rede halten wolle, wurde Gregor Heidbrink gefragt. Und ja, er wollte.

Was er vortrug, damals vor vier Jahren, begeisterte das Publikum auf Anhieb. Da stand einer als Heiliger Martin auf der Bühne und brillierte, ein Senkrechtstarter. Ein Jahr später war der Heilige Martin dann fester Bestandteil des Büttenprogramms. Im roten Mantel und sich selbst auf der Gitarre begleitend, sang Gregor Heidbrink ein Lied zum Thema Flüchtlinge. »Das war 2015, das Thema bewegte die Menschen, so dass ich dachte, das kann man auch im Karneval nicht aussparen.«

Der Pfarrer nahm in seinem Text jene auf die Schippe, die sich als Helfer in den Vordergrund drängten und dabei nichts weiter im Sinn hatten, als ihre alten Sachen los zu werden.

Damit spielte er auch auf seine Rolle als Heiliger Martin an. »Ich habe mir diese ganz bewusst ausgesucht, um eine Brücke zu meinem Beruf zu schlagen.« Und weil die Kirchengemeinde Finsterbergen alljährlich an den Mann erinnert, der seinen Mantel mit dem Bedürftigen teilte. »So ist der Heilige Martin eine lebendige Figur
im Dorf.«

In der Bütt zu stehen brachte dem Pfarrer eine ganz neue Redeerfahrung. Da nämlich sitzt vor ihm ein gutgelauntes, angeheitertes und zahlendes Publikum. »Da muss man schon Arbeit in seinen Vortrag stecken, das Timing muss stimmen, damit der Gag auch ankommt. Das war für mich außerdem eine wertvolle Erfahrung fürs Schreiben der Predigt.« Selbst wenn er da sehr sorgfältig vorgehe, so gerate ihm in der Routine doch gelegentlich Schriftsprache darunter, gibt er zu, was bei dem einen oder anderen dazu führt, dass er abschaltet. Das passiert ihm jetzt nicht mehr.

Was macht für den aktuellen Faschingsprinzen guter Karneval aus? »Er muss von unten kommen. Das habe ich schon als Kind gelernt. Wenn die Garde marschiert, so erfuhren wir, wird das Militär veräppelt. Und das zeigt, der Spott gilt den Mächtigen. Das funktioniert, und es funktioniert noch besser, wenn der Mensch auch über sich lachen kann.« Gar nicht mag es der Pfarrer im Narrenkostüm, wenn über die Schwachen gelacht wird, über jene, die sich nicht wehren können.

Trotz Prinzenrolle steht Heidbrink auch in dieser Saison auf der Bühne – gemeinsam mit seiner elfjährigen Tochter. In ihrem Sketch geht es um den Generationenkonflikt, um den Förster, der seine Tochter mit in den Wald nehmen, ihr die Schönheit der Natur nahe bringen will, die jedoch längst in ihrer Handywelt versunken ist.

Gefragt ist das Prinzenpaar nicht nur bei den offiziellen Veranstaltungen des Karneval Clubs, die Regenten statten Besuche ab, wie etwa in der Finsterberger Kita, wo gemeinsam mit den Mädchen und Jungen gesungen wurde. Das fasziniere an der Regentschaft, gibt Heidbrink zu. Und noch etwas hat ihn in seinen Bann geschlagen: Das reibungslose Zusammenspiel zwischen den Akteuren auf der Bühne und jenen, die dahinter für einen reibungslosen Ablauf sorgen, Tontechniker und Beleuchter, Kostümschneider und andere fleißige Helfer, die nie im Rampenlicht stehen. »Ich wünschte mir, dass manche Kirchengemeinden so funktionieren würden«, sagt der Pfarrer im Prinzenkostüm.

Klaus-Dieter Simmen

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Auf neue Gedanken kommen

13. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Kirchenjahr: Die Passionszeit ist eine große Einladung. Der Glaubenskurs der Kirchenzeitung widmet sich den kirchlichen Festen und zeigt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

Schon lange vor der Entstehung des Christentums zelebrierten die Menschen jedes Jahr im Frühjahr den Neubeginn. Den belebenden Übergang vom Dunklen ins Helle, von der Kälte in die Wärme und von der Verzweiflung in die Hoffnung: Es wird Licht! Wie schön. Lasst uns feiern.

Die frühen Christinnen und Christen übernahmen diesen Brauch und verbanden ihn mit der Auferstehung Jesu, die ja ohnehin mit einem israelitischen Fest in der Frühlingszeit verbunden war. Zugleich erinnerten sich die Gemeinden daran, dass man umso erfüllter feiern kann, je besser man sich darauf vorbereitet. Also legten sie vor die Osterfeier eine vierzigtägige Fastenzeit, die sogenannte Passionszeit. Und weil es gar nicht so einfach war, diese Wochen gut durchzustehen, beschlossen die Menschen, vor dem Fasten noch mal richtig einen drauf zu machen. So entstand der Karneval.

Man weiß zwar nicht ganz genau, woher das Wort »Karneval« kommt, aber zwei Erklärungen klingen besonders nachvollziehbar: Entweder steckt dahinter »Carne vale«, zu deutsch: »Fleisch, lebe wohl« (weil viele Regionen beschlossen, in der Passionszeit auf Fleisch zu verzichten) oder »Carrus navalis« – womit die Umzugswagen gemeint sind, mit denen schon die Germanen den alljährlichen Wiedereinzug der Fruchtbarkeitsgötter begingen. Und weil man dabei gleichzeitig die dunklen Wintergeister vertreiben wollte, verkleideten sich die Leute mit allerlei kuriosen Masken und Kostümen. Das heißt: Selbst die Rosenmontagsumzüge spiegeln uralte religiöse Bräuche wider.

Tja, und weil es klug ist, nicht nur die dunklen Geister, sondern auch die dunklen Gedanken zu vertreiben, gilt die Passionszeit schon immer als eine Zeit der Einkehr. Was auch zum Fasten passt, das ja weniger ein Verzichten-Auf-Etwas, als ein Freiwerden-Für-Etwas sein will. Dahinter verbirgt sich ursprünglich die Frage: Wie kann ich in meinem von so vielen Gewohnheiten bestimmten Alltag einen Unterschied machen, damit ich auf neue Gedanken komme? Zum Beispiel, indem ich mich anders ernähre. Indem ich regelmäßig spazieren gehe. Oder indem ich anderweitig meinen Tagesablauf verändere. Denn wer nicht aus seinen äußeren Routinen aussteigt, dem wird es auch schwer fallen, seine inneren Routinen zu hinterfragen.

Auf zum Frühjahrsputz: Die Passionszeit wurde als eine Reinigungszeit verstanden. Eine Zeit, um zu prüfen, ob die Seele einen Frühjahrsputz braucht. Foto: natali_mis – stock.adobe.com

Auf zum Frühjahrsputz: Die Passionszeit wurde als eine Reinigungszeit verstanden. Eine Zeit, um zu prüfen, ob die Seele einen Frühjahrsputz braucht. Foto: natali_mis – stock.adobe.com

Wie sehr die Passionszeit von Anfang an als eine Reinigungszeit verstanden wurde, zeigt übrigens der Aschermittwoch, mit dem das Fasten ja eingeleitet wird. Asche wird nämlich schon seit Jahrtausenden als Reinigungsmittel genommen. Außerdem symbolisiert sie das reinigende Feuer. Und deshalb wurden eine Zeitlang sogar all diejenigen, die eine Schuld auf sich geladen hatten, während der Fastenzeit vom Gottesdienst ausgeschlossen. Sie bekamen dann ein sogenanntes »Büßergewand« und wurden mit Asche bestreut. Daher auch der neckische Ausdruck: »Da geht jemand in Sack und Asche.« Heute erhalten Katholiken und in einigen Gemeinden auch evangelische Christen stellvertretend für diese uralten Reinigungshandlungen ein Aschekreuz auf die Stirn: »So, gehe frisch und erneuert in die Passionszeit.«

Es ist großartig, dass das Christentum sich regelmäßig Zeiten gönnt, in denen die Menschen eingeladen werden, innezuhalten und vor dem großen alljährlichen Neubeginn des Kreislaufs von Säen und Ernten das eigene Dasein in Ruhe zu überdenken – und zu prüfen, ob sich vielleicht irgendwo in einem »winterliche« Gedanken und Gefühle eingenistet haben, die dringend mal einen geistlichen Frühling brauchen. Quasi einen Frühjahrsputz der Seele.

Und natürlich scheint in diesen Prozess immer schon das Licht von Ostern: diese Botschaft, die deutlich macht, dass es bei Gott keine Dunkelheit gibt – nicht einmal den Tod – die nicht vom Licht der Liebe erhellt werden könnte. Eine Zusage, mit der man sich den persönlichen Herausforderungen frohgemut stellen kann.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist

Buchtipp
Vogt, Fabian: Feier die Tage. Das kleine Handbuch der christlichen Feste, Evangelische Verlagsanstalt, 144 S., ISBN 978-3-374-05309-4, 10 Euro

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Frieden statt Wiedervereinigung

12. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Die überraschende Teilnahme einer gemeinsamen koreanischen Mannschaft aus Nord und Süd bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang wird allgemein in der Welt begrüßt. Doch in Südkorea selbst gibt es viel Skepsis. Die Gräben zwischen beiden Staaten sind tief.

Nach Monaten der sich verschärfenden Kriegsdrohungen Nordkoreas wirkte die Nachricht wie ein Befreiungsschlag: Der »Oberste Führer« Kim Jong-un ging auf den Vorschlag einer gemeinsamen Olympiamannschaft mit Sportlern aus Nord- und Südkorea ein. Während in Deutschland wohl weitgehend Freude über diese Entwicklung herrscht, sehen die Menschen in Südkorea die Situation mit wesentlich gemischteren Gefühlen.

»Vor allem unter der älteren Bevölkerung herrscht eine große Skepsis und Angst vor einer schleichenden Vereinnahmung durch den Norden«, beschreibt Hyun-Jeong Kim die Situation. Diese Menschen sind es auch, die von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden, als sie in den Wochen vor der Eröffnung der Winterspiele an diesem Freitag auf die Straße gingen, um gegen diesen Schritt der Annäherung zu demonstrieren.

Für Frau Kim, die im einstigen Westberlin geboren wurde, den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands hautnah miterlebte, sind es auch die äußeren Umstände der gemeinsamen Mannschaft, die skeptisch machen: So seien zum einen die Sportler selbst von der Politik nicht gefragt worden. Zum anderen werden die Aktiven des Nordens von einer großen Gruppe Betreuer und Funktionäre sowie von noch größeren offiziellen Fangruppen begleitet. Zur Finanzierung des Ganzen trägt der Norden allerdings keinen Cent bei.

Hyun-Jeong Kim lebt inzwischen seit 14 Jahren in Südkorea und wird bei den Olympischen Spielen unter anderem für einen britischen Fernsehsender als Dolmetscherin arbeiten. Als eines der Hauptprobleme auf der koreanischen Halbinsel sieht sie die jahrzehntelange, völlig gegenseitige Isolation der Menschen in beiden Staaten. Anders als im einst geteilten Deutschland gibt es praktisch keine persönlichen Kontakte, gibt es kein Gefühl der Gemeinsamkeit mehr. Verantwortlich dafür ist freilich nicht nur die im Norden herrschende absolute Diktatur. Auch in Südkorea stellt das »Nationale Sicherheitsgesetz« jeden Kontakt in den Norden unter Strafe, gilt das Radio oder Fernsehen des Nordens als »Feindsender«.

»Ja, wir wurden in der Schule regelrecht zum Hass auf den Norden erzogen«, erinnert sich Jona Kim. Der südkoreanische protestantische Pastor leitet seit 2005 die kleine koreanische Gemeinde in Weimar. Und er erinnert an die traumatischen Erfahrungen, als 1950 das kommunistische Regime aus dem Norden mit seiner Armee den Süden fast vollständig überrannte: »Anders als in Deutschland wurden wir nicht von den Alliierten gegen unseren Willen geteilt, wir haben einen grausamen, blutigen Krieg gegenei­nander geführt, der viele Wunden bei den Menschen hinterlassen hat.« Ein Krieg, der offiziell bis heute andauert. Lediglich der Waffenstillstand vom 27. Juli 1953 bietet den fragilen Rahmen für den derzeitigen Status quo.

Auch in Pastor Kims Brust wohnen zwei Seelen. Auf der einen Seite freut er sich über die unerwartete Chance der Annäherung zwischen Nord und Süd. Auf der anderen Seite hält er die gemeinsame Mannschaft für einen übereilten Schritt. »Wir müssen realistisch sein, wir sind zwei Staaten, die nebeneinander existieren. Deshalb sollte es auch zwei Mannschaften nebeneinander geben.«

Innerhalb dieser zwei Staaten haben sich inzwischen auch zwei äußerst unterschiedliche Kulturen, völlig verschiedene Denk- und Lebensweisen entwickelt. Dies haben, so Pastor Kim, etliche südkoreanische Kirchengemeinden hautnah erlebt, als sie sich in den 1990er-Jahren der inzwischen Millionen zählenden Zahl von Flüchtlingen aus dem Norden annahmen. Bei vielen sei die Euphorie mittlerweile einer tiefen Resignation ob der Schwierigkeiten der Integration gewichen.

Dem Gedanken oder Wunsch nach einer baldigen Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel erteilt Jona Kim eine deutlich Absage. Nicht nur, weil die berechtigte Angst besteht, eine Wiedervereinigung nach deutschem Vorbild würde selbst die relativ starke Wirtschaftskraft des Südens heillos überfordern. »Das Erste und Wichtigste, was wir brauchen, ist ein stabiler Frieden«, so sein Credo. Nur auf der Basis eines friedlichen Nebeneinanders könne es eine Annäherung der Menschen geben, könne Vertrauen wachsen. Auch wenn auf beiden Seiten der Wille zur Versöhnung wachse, sei eine Wiedervereinigung in Freiheit und Demokratie vorstellbar, so Kim.

Für den Pastor ist dies vor allem auch eine geistliche Herausforderung. Deshalb hat für Jona Kim das Gebet um eine innere Veränderung im Herzen seines Volkes und für eine Öffnung und Veränderung der nordkoreanischen Diktatur höchste Priorität. Dass er in Deutschland immer wieder auf Menschen stößt, die für Nordkorea beten, sieht er als »ein Wunder« an, für das er von Herzen dankbar ist.

Harald Krille

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Damit sich Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen«

12. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Der jüdische Professor und die Rechtsextremen: Reinhard Schramm spricht seit vielen Jahren mit Straftätern in der Jugendstrafanstalt.

Der Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge im Jahr 2000 war der Impuls für den »Thüringen Monitor«: Jenaer Wissenschaftler untersuchen seitdem regelmäßig die politische Kultur im Land. Der These »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns« schloss sich 2017 jeder siebte befragte Thüringer an.

Manche setzen ihre antisemitische Einstellung in Taten um, einige landen letztlich im Gefängnis. Dann sind sie ein Fall für Reinhard Schramm.

Der frühere Professor der Technischen Universität Ilmenau und heutige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen kommt einmal im Monat in die Jugendstrafanstalt des Landes in Arnstadt. Er trifft sich mit Gefangenen, um mit ihnen über seine Familiengeschichte zu sprechen. Darunter sind junge Männer, die auch ihre rechtsextreme Gesinnung hinter Gitter brachte. Die verurteilt wurden, weil sie schlugen oder zündelten.

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Das erste Mal kam Schramm nach dem Anschlag auf die Synagoge. Einer der drei Täter bereute seine Tat. Der Professor traf sich mit ihm, redete mit ihm. Eine Aktion, die nicht allen in der Jüdischen Gemeinde gefiel. Im Gegenteil, manche zweifelten offen am Sinn derartiger Bemühungen.

In diesem Fall zu Unrecht: Schramm bekam später einen Brief des jungen Mannes. Er habe mit dem rechten Zeugs nichts mehr gemein, habe darin gestanden. Ein Zeichen? Ein Ansporn allemal. Seitdem geht der 73-Jährige regelmäßig in den Knast. Monat für Monat, »außer im Sommer«, sagt er und lacht.

Reinhard Schramm lacht gern. Er ist von ansteckender Fröhlichkeit, seine blauen Augen blitzen, wenn er einen Scherz macht. Doch sie werden sehr ernst, wenn er seine Lebensgeschichte erzählt.

Die jüdische Mutter überlebt, weil sich ihr nichtjüdischer Mann nicht scheiden lässt. Er selbst wird 1944 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Die ersten Monate seines Lebens verbringt er bis zum Kriegsende mit seiner Mutter im Versteck. Außer den beiden werden alle jüdischen Familienmitglieder umgebracht.

Seine Mutter will nach dem Krieg nur noch weg, in den neuen Staat der Juden. Doch Reinhard bekommt Keuchhusten. Im Krankenhaus sorgen sich die Ärzte mit Hingabe um ihn. Er wird wieder gesund. Später erfährt er, die gleichen Ärzte haben in der Nazizeit einem anderen jüdischen Kind die Behandlung verweigert: Bernd Wolfson starb an einer vereiterten Mittelohrentzündung.

Es sind Geschichten wie diese, die seine Zuhörer schlucken lassen. Er setzt sie bewusst ein. Es sind wahre Geschichten, seine Erlebnisse. Sie erzählen davon, wie im NS-Deutschland Nachbarn zu Fremden wurden, der Wert der Juden in den Augen vieler Deutscher von Tag zu Tag sank. »Bis wir nur noch Ungeziefer waren, das man zertreten kann«, setzt Schramm den Schlusspunkt. Dies soll sich nie wiederholen. Deshalb geht er regelmäßig in den Knast.

Schramm ist Ingenieur, kein Träumer. Doch er hofft, dass er mit der Geschichte seines Lebens und seiner Familie bei den jungen Leuten mehr erreichen kann als tumbe Sprücheklopfer. Meist seien seine Zuhörer interessiert, sagt er, fragten gezielt nach. Für fast zwei Stunden können sie seiner Wahrheit nicht entfliehen.

»Damit sich die Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen.« Das ist einer der Sätze, die er gern benutzt. Doch es geht ihm nicht nur um Historie, um die große Welt. Reinhard Schramm kommt auch als Vater. Denn sein Sohn saß selbst im Gefängnis. Zum Ende der DDR machte er aus seiner Meinung über den Arbeiter-und-Bauern-Staat keinen Hehl. Offen sprach er davon, das Land bei der erstbesten Gelegenheit zu verlassen, arbeitete wohl auch aktiv an einem Plan dazu. Der SED-Obrigkeit wurde das zu viel. Sie sperrte ihn kurzerhand ein. Reinhard Schramm hat die Monate seines Kindes im Gefängnis nicht vergessen. Wie die Zeit in der Zelle seinen Jungen veränderte, ihm mit jedem Tag mehr den Lebensmut nahm. Wie der Sohn begann nachzudenken, ob das alles noch Sinn für ihn habe. »Eine schlimme Zeit«, erinnert sich der Vater. Auch deswegen geht er jeden Monat aufs Neue in das Jugendgefängnis. Das bringt ihm immer noch Skepsis, aber auch Anerkennung ein.

»Ich kenne seine Initiative seit dem Brandanschlag und bewundere seine Ruhe und Konsequenz, mit der er sich diesen Gesprächen stellt«, sagt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Er sei beeindruckt davon, wie Schramm immer wieder auf Menschen zugehe, bei denen er unterstellen müsse, dass diese bei einer nächtlichen Begegnung eher Angst auslösen würden. »So baut er Ängste auf beiden Seiten ab«, meint der Regierungschef. Und fügt noch an: »Mehr davon wäre wünschenswert.«

Dirk Löhr (epd)

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Hier hat niemand die Türkei bedroht«

6. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Türkische Truppen greifen mit deutschen Panzern seit Tagen das vornehmlich von Kurden bewohnte Gebiet um Afrin im Norden Syriens an. Harald Krille sprach darüber mit Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen.

Herr Sido, türkische Truppen marschieren im Norden Syriens ein und die Bundesregierung spricht dabei inzwischen von berechtigten Sicherheitsinteressen der Türkei. Was geht dort eigentlich ab?
Sido:
Das, was die Bundesregierung sagt, macht mich regelrecht sauer. Die Türkei hat überhaupt kein Recht, diese Region anzugreifen. Die Türkei greift ein anderes Land an, dessen Bevölkerung müde ist vom jahrelangen Bürgerkrieg. Die Region Afrin war zudem eine relativ stabile, ruhige Region in Syrien. Viele Flüchtlinge aus den heißen Bürgerkriegsgebieten haben sich dort niedergelassen, etwa aus Aleppo.

Humanitäre Helfer sind besorgt über das Schicksal von rund 324 000 Menschen in der Region Afrin im Nordwesten Syriens. Das Handyfoto zeigt Mitarbeiter des kurdischen Roten Halbmonds im Einsatz. Foto: privat

Humanitäre Helfer sind besorgt über das Schicksal von rund 324 000 Menschen in der Region Afrin im Nordwesten Syriens. Das Handyfoto zeigt Mitarbeiter des kurdischen Roten Halbmonds im Einsatz. Foto: privat

Ich weiß nicht, was Herr Gabriel oder Frau Merkel mit ihrer Äußerung über die Sicherheitsinteressen meinen. Die in der Region um Afrin lebenden Kurden, Araber, Aleviten und Jesiden sowie die wenigen konvertierten Christen dort haben die Türkei zu keinem Zeitpunkt bedroht.

Die Türkei spricht aber dezidiert von Terrorbekämpfung.
Sido:
Die türkischen Politiker haben die deutsche Bundesregierung und alle Deutschen auch als Nazis bezeichnet. Die türkische Regierung hat noch vor ein paar Jahren die Existenz einer kurdischen Ethnie geleugnet. Die türkische Regierung leugnet bis heute den Massenmord an armenischen Christen im Osmanischen Reich. Wie kann man dieser türkischen Regierung glauben? Das ist lächerlich.

Vor wenigen Tagen erreichte ein Hilferuf der protestantischen Gemeinde von Afrin die Weltöffentlichkeit (siehe Kasten). Wie viele Christen leben dort?
Sido:
Die Menschen in der Region sind zu rund 95 Prozent kurdischer Abstammung und sind heute sunnitische Muslime. In der Vergangenheit aber gehörten die Kurden in Afrin mehrheitlich zur alevitischen Glaubensrichtung oder zu den Jesiden. Nach dem Vormarsch des »Islamischen Staates« (IS) mit seinen Gräueltaten hatte ein Teil der Menschen, der Muslime die Nase voll vom radikalen Islam. Sie haben sich dem Christentum zugewandt. Das sind etwa 190 Familien mit zirka 500 bis 1 000 Angehörigen. Dazu kommen sicher noch einige altansässige Christen unter den Flüchtlingen aus den Bürgerkriegsregionen.

Und die werden von der Mehrheit akzeptiert?
Sido:
Das ist ja gerade das Besondere an dieser Region, dass hier ein gemäßigter Islam vorherrscht. Die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert, dass der Nachbar zum Christentum konvertiert, ohne ihn dann am nächsten Morgen zu köpfen. Die Christen haben ihre eigene Kirche in Afrin gebaut, der Weihnachtsgottesdienst wurde im Internet und von Voice of America übertragen. Meine eigene Mutter wohnt dort. Sie ist eine sehr konservative Muslima. Aber sie duldet, dass ihr Nachbar Christ werden darf. Sie duldet, dass ihr Sohn sich im fernen Deutschland für die Christen einsetzt, ohne ihn auszustoßen. Und Herr Erdogan, der Freund von Frau Merkel, greift genau diese Menschen an mit Flugzeugen, mit Panzern, mit Raketenwerfern.

Das Makabre daran ist, dass Deutschland auf der einen Seite die kurdischen Kämpfer im Nordirak mit deutschen Waffen ausgerüstet hat, dass andererseits die türkische Armee jetzt mit deutschen Panzern diese Offensive gegen Kurden betreibt.
Sido:
Um es klar zu sagen: Die Kurden in Syrien wollen keine Waffen. Sie wollen das Ende der Kämpfe, sie wollen, dass die Türkei diese Region nicht angreift. Wir als Menschenrechtsorganisation sind grundsätzlich gegen Waffenlieferungen, egal an welche Gruppe, egal an welchen Staat. Deshalb fordern wir einen Stopp aller Waffenlieferungen, auch solcher an die Türkei. Denn dieser Staat führt einen Vernichtungsfeldzug gegen eine friedliche Bevölkerung.

Was ist in diesem Zusammenhang von der »Freien Syrischen Armee« zu halten, deren Kampf die Türkei angeblich unterstützt?
Sido:
Es gibt keine »Freie Syrische Armee« (FSA). Die FSA ist ein Deckmantel, unter dem sich radikale islamistische Gruppen tummeln. Wenn diese Gruppen sich in Marsch setzen, hört man Rufe »Allahu Akbar«, also »Allah ist groß«. Sie rufen »Vernichtung den Ungläubigen«. Wenn man ihre Programme anschaut, ich habe mich gerade extra noch einmal damit beschäftigt, dann ist ihr Ziel klar: Sie wollen einen Scharia-Staat.

Was würden Sie sich von den Christen und den Kirchen in Deutschland wünschen?
Sido:
Ich mache den beiden großen Kirchen in Deutschland den Vorwurf, dass sie sich bisher nicht oder kaum für den Schutz der Kurden in Afrin eingesetzt haben. Ausgerechnet die Kurden, die Glaubensfreiheit für Christen, Jesiden, Aleviten und andere akzeptieren und fördern werden jetzt von der Türkei angegriffen. Wenn diese tolerante muslimische kurdische Bevölkerung vernichtet wird, dann ist es mit der Glaubensfreiheit auch
dort vorbei.

Dr. Kamal Sido ist sunnitischer Kurde und stammt aus Afrim. Der Historiker und Orien­talist leitet seit 2006 das Nahostreferat der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen.

www.gfbv.de

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Jeder ist schön

6. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Im Friseursalon: Er frisierte die schönsten Frauen der Welt: Topmodels wie Claudia Schiffer, Heidi Klum oder Naomi Campbell und Filmlegenden wie Marlene Dietrich, Romy Schneider oder Hildegard Knef. Deutschlands Star-Coiffeur Udo Walz über Schönheit.

Herr Walz, welche war die schönste Person, die Sie jemals frisiert haben?
Walz:
Die schönste … (überlegt). Die berühmteste war Marlene Dietrich. Ich finde, Schönheit ist immer Geschmackssache. Ich fand sie alle schön. Ich kann das nicht beurteilen, wer wirklich die Schönste war.

Aber das Äußere ist doch das Erste, was man von einem Menschen sieht.
Walz:
Schönheit kommt immer von innen heraus. Das hat bei mir etwas mit Allure zu tun, also mit der Ausstrahlung. Wie eine Frau sich bewegt, wie sie geht, wie sie redet, wie sie gestikuliert.

Sie machen ja auch Angela Merkel die Haare. Viele sagen, dass sie heute als Bundeskanzlerin deutlich besser aussieht und nicht mehr wie die graue Maus von früher. Wie kommt das?
Walz:
Na ja, die hat ja früher eine scheußliche Prinz-Eisenherz-Frisur gehabt. Dann kam sie zu mir, und wir haben das langsam verändert. Frau Merkel hat viel Witz. Und wenn sie lacht, dieses strahlende Lachen – leider lacht sie viel zu wenig –, sieht sie irre gut aus. Das ist hervorragend, und dann dazu die Haare gestuft … Eigentlich müsste ich dafür das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Warum spielen die Haare so eine große Rolle, wenn wir von Schönheit reden?
Walz:
Sie sind wie ein Markenzeichen. Catherine Deneuve zum Beispiel hat sich einmal die Haare abschneiden lassen und dann von allen Seiten einen Shitstorm bekommen. Die Haare drücken einen Stempel auf. Berühmten Persönlichkeiten gibt es einen Aufmerksamkeits- und Wiedererkennungswert. Die meisten Menschen tragen solange sie leben fast immer dieselbe Frisur.

Ihre Autobiografie trägt den Titel »Jede Frau ist schön«.
Walz:
Wenn sie den richtigen Friseur hat, den richtigen Stylisten und den richtigen Make-up-Artist, kann man aus jedem hässlichen Entlein einen schönen Schwan machen.

Ich brauche also immer einen Stylisten, Make-up-Artist und Friseur, um schön zu sein?
Walz:
Ja klar.

Das kann sich doch nicht jeder leisten.
Walz:
Das ist keine Frage des Geldbeutels. Das hat mit sich leisten nichts zu tun. Das ist einem in die Wiege gelegt. Es geht um Geschmack. Das hat mit Erziehung zu tun, wie man aufwächst. Wenn man Geschmack hat und sich richtig anzieht, einmal im Vierteljahr zum Friseur geht, ist das doch nicht teuer.

Die Vorstellungen von Schönheit ändern sich immer wieder. In den 90er-Jahren galten zum Beispiel Magermodels als besonders schön. Heute geht der Trend eher zu runderen Formen.
Walz:
Das Schönheitsideal verändert sich nicht, das macht oft die Presse. Frauen, die dünn sind, sind immer gefragt. Sie müssen nicht mager sein. Aber wenn man sagt, dass nun dickere Frauen gefragt sind, ist das völliger Quatsch. Auf den Laufstegen sind die Mädchen immer dünn.

Sie sagten doch, dass die Schönheit von innen kommt. Kann nicht dann auch ein korpulenter Mensch schön sein?
Walz:
Ein korpulenter Mensch kann schön sein. Ich habe viele Kundinnen, die ein bisschen dicker sind und viel Charme haben. Es kommt immer auf die Bewegungen an. Eine dicke Frau kann genauso gut aussehen. Man muss eben selbstsicher auftreten, wenn man dicker ist.

Udo Walz: Es gibt keine hässlichen Menschen. Foto: Ali Kepenick

Udo Walz: Es gibt keine hässlichen Menschen. Foto: Ali Kepenick

Wir reden jetzt immer von Frauen. Trifft dasselbe auch auf Männer zu?

Walz: Das trifft auf Männer genauso zu.

Besonders bei Männern wird Schönheit oft mit Eitelkeit in Verbindung gebracht. Prominentes Beispiel: Vor 15 Jahren waren Sie in die Haarfärbe- Affäre des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder verwickelt. Schröder drohte, notfalls bis vors Bundesverfassungsgericht zu gehen, damit die Medien nicht weiterhin verbreiteten, er habe seine Haare gefärbt.
Walz:
Ich musste zweimal eine einstweilige Verfügung unterschreiben, dass ich ihm die Haare nicht gefärbt habe. Aber es gibt viele Männer, die haben mit 70 Jahren noch keine grauen Haare. Bei einem Mann sieht das lächerlich aus, wenn er die Haare färbt. Das macht nur älter. George Clooney zum Beispiel hat ja graue Haare – und alle wollen so aussehen wie er.

Was können Sie all jenen als Ratschlag mitgeben, denen die eigene Schönheit wichtig ist?
Walz:
Schönheit hat viel mit Gepflegtsein zu tun. Ein Mann muss den richtigen Haarschnitt haben, gut gekleidet sein. Eine Frau muss einen sexy Gang haben – auch wenn sie dicker ist. Grundsätzlich gibt es aber keine hässlichen Menschen, jeder ist schön.

Die Fragen stellt Nadja A. Mayer

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Alles sind Wege Gottes

6. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Über die Würde und die Schönheit des Glaubens und den Umgang mit Tradition – ein Gespräch mit Fulbert Steffensky.

Herr Steffensky, was ist eine gute Tradition im Glauben?
Steffensky:
Eine gute Tradition ist zunächst eine, die ich weiter interpretieren kann, die meine Würde nicht verletzt und die die Schönheit meines Lebens vorantreibt. Mir kommt Stéphane Hessel in den Sinn, der das Buch »Empört euch« geschrieben hat. Dieser freiheitsdurstiger Mensch, früher im Widerstand, wurde gefragt, wie kannst du eigentlich deine Hoffnung bewahren. Dann sagte er einen erstaunlichen Satz: Ja lest doch, lest Goethe oder Hölderlin oder hört Mozart und vergewissert euch an der Hoffnung der Alten. Ihr werdet ohne eure Tradition keine Hoffnung haben. Ich finde diese Haltung sehr schön: Ich muss mich berufen, um selbst eine Stimme zu bekommen.

Viele Menschen können heute das Glaubensbekenntnis nicht mehr mitsprechen.
Steffensky:
Dann sollen sie es lassen. Ich muss nicht alles mitsprechen. Ich würde zwar für mich Aussagen wie zum Beispiel die Jungfrauengeburt interpretieren, weil man in der Bibel eine Linie erkennen kann, dass die Kraft der Rettung nicht nur in menschlicher Macht und Fähigkeit liegt. Die alte Sara bekommt ein Kind, ebenso Hannah und Elisabeth – alle erwarten ein Kind, obwohl sie unfruchtbar sind. Maria bekommt ein Kind, nicht durch die Kraft des Mannes. Alles, wozu man gezwungen ist, es wörtlich zu nehmen, da ist der Geist schon vertrieben.

Gehört Demut zum Glauben und das Zurücknehmen der eigenen Person?
Steffensky:
Wenn man sich einer Tradition hoffnungsvoll nähert, nimmt man sich auch zurück, man bricht die eigene Isolation auf, dass man nur in sich selber etwas erkennt und entwickelt die Fähigkeit auf andere zu hören. Ja, das kann man als Demut bezeichnen.

Wie passen Demut und das Recht alles zu interpretieren zusammen?
Steffensky:
Zum Beispiel den Sühnegedanken, den ich so nicht stehen lassen kann und trotzdem möchte ich singen »O Haupt voll Blut und Wunden, (…) was alles du erduldest ist alles meine Schuld«. Ich kann es nicht singen, wenn ich es nicht interpretiere. Interpretieren heißt, es aufsprengen und von sich etwas hinzu tun. Ich kann es nicht beten, wenn ich es nicht interpretiere. Interpretieren heißt, nicht sagen, was ursprünglich gemeint ist, sondern heißt, immer auch etwas Neues schaffen. Man muss übersetzen, interpretieren.

Ich nehme das Bild mal wörtlich: übersetzen. Da ist ein großer Fluss, hier ist ein Ufer und da ist ein Ufer, man muss eine alte oder eine fremde Wahrheit übersetzen in das andere Land – und dabei wird sie nass. Wir können uns nicht in die Zeit der Bibel oder in die jesuanische Zeit völlig hineindenken, wir verändern. Der Strom ist treu, wenn er fließt.

Was aber ist, wenn ich mich in diese Tradition nicht hineinstellen kann?
Steffensky:
Der es nicht kann, muss es lassen. Ich denke wir sind in der Ökumene mit Protestanten, Katholiken und anderen religiöse Gruppen weit gekommen. Es muss auch eine Ökumene mit den Atheisten geben. Ich erlaube mir nicht, einem ernsthaften Atheisten die Würde abzusprechen. Ich weiß nicht, ob diesem Menschen etwas fehlt.

Sind alle Religionen gleich?
Steffensky:
Alle Religionen sind natürlich nicht gleich, sie sind verschieden. Aber die Verschiedenheit muss ja nicht eine qualitative Aussage sein. Alle haben ihre Mängel und alle haben ihre Stärken. Ich wünsche nicht, dass es eine Einheitsreligion gibt. Eine Grenzenlosigkeit halte ich für kein Ideal. Ich glaube, man weiß nur wer man ist, wenn man seine Grenzen kennt. Grenzen müssen nicht bösartig, nicht abgrenzend sein. Sie sagen mir, wer ich bin und wer ich nicht bin.

Aber auch bei den Religionen war doch damit immer eine Wertigkeit verbunden.
Steffensky:
Das meine ich eben, das kann man nicht. Es ist verboten zu werten. Alles sind Wege Gottes. Aber es muss nicht mein Weg sein. Das ist mein Problem mit einem interreligiösen Einheitsbrei. Ich weiß nicht mehr wer ich bin, wenn ich alles sein soll. Bestimmte Sachen muss ich nicht haben, ich muss sie nicht mal mögen. Sie gehören nicht zu mir, aber ich darf ihnen kein Recht absprechen.

Hat jede Religion einen Zipfel der Wahrheit Gottes?
Steffensky:
Ja, das würde ich schon sagen, es ist ein anderer Dialekt Gottes.

Friedrich Schorlemmer schrieb am Ende des Reformationsjubiläums: »Wenn wir dem faktischen biblischen Analphabetismus und dem Tradi­tionsabbruch innerhalb der Kirchen nicht offensiv begegnen, wird sich die Kirche weiter marginalisieren.«
Steffensky:
Ja, das würde ich auch so sagen. Ich glaube, es gibt eine gewisse Mutlosigkeit der kirchlich Sprechenden ihrer eigenen Sache gegenüber. Ich habe das oft in Schulen erlebt, dass über alles Mögliche gesprochen wird, von der Sexualität bis zur Politik usw. Aber der Ausgangspunkt war nicht bekannt,
es war nicht klar, woher man sprach.

Fulbert Steffensky (Jahrgang 1933) war bis zu seiner Emeritierung 1998 Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Foto: epd-bild

Fulbert Steffensky (Jahrgang 1933) war bis zu seiner Emeritierung 1998 Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Foto: epd-bild

Ich habe einmal in Hamburg ein Konfirmandenprojekt begleitet. Mitgemacht hat auch ein Erziehungswissenschaftler, der Atheist war. Wir fuhren mit den Konfirmanden zu dem Seminarhaus und eine Konfirmandin fragte den Pfarrer: »Werden wir da auch beten?« Der antwortete, nein, es muss keiner beten. Darauf der nichtchristliche Erziehungswissenschaftler zu dem Pfarrer: »Verstehen Sie nicht? Sie hat nicht gefragt, ob sie beten müssen, vielleicht war das ja eine Frage der Erwartung. Aber Sie mit ihren theologischen Minderwertigkeitsgefühlen sagen sofort nein, nein, das müsst ihr nicht machen.« Ich glaube, uns fehlt oft der Stolz.

Wir nehmen heute zwei Entwicklungen wahr: Einerseits wenden sich Menschen vom Glauben ab und wollen damit nichts mehr zu tun haben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine starke Tendenz zum Fundamentalismus in allen Religionen.
Steffensky:
Ich glaube, das entspricht sich. Es ist ja nicht Konservatismus. Die alten Konservativen waren sich ihrer Sache so sicher, dass sie Abweichungen dulden konnten. Fundamentalismus ist Konservatismus mit Schaum vor dem Mund. Der entsteht da, wo alles wackelt. Ein Grundtrieb der Menschen ist einfach die Angst. Was hält uns noch? Woran können wir glauben und zwar fest glauben, unverbrüchlich glauben, ohne Zweifel glauben. Das sind fundamentalistische Angstreaktionen. Das ist auch die Angst der Kirche und der Bischöfe: Wo soll das hinführen, wenn jetzt die Homosexualität anerkannt wird oder wenn Frauen Priesterinnen werden dürfen?

Nach der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung geht auch in der evangelischen Kirche die Angst umher.
Steffensky:
Ich glaube, dass viele noch im Hinterkopf haben, es müssten alle Christen sein. Wir können uns die Zeit nicht aussuchen, in der wir leben. Wir leben in anderen Zeiten, auch diese Zeit ist Gottes Zeit, auch wenn wir kleiner werden. Intensität hatte noch nie etwas mit Quantität zu tun. Wenn unsere Bemühungen beherrscht sind von der Vorstellung, es müssten eigentlich alle Christen sein, dann lassen wir uns beim Blick auf die Zahlen von der Angst leiten. Wenn ich frei bin zu sagen, das Heil Gottes spielt sich auch in anderen Sprachen ab oder es spielt sich auch bei denen ab, die Atheisten sind, dann freue ich mich natürlich, wenn meine Gottesdienste voller werden und wenn Menschen in die Kirche eintreten, aber ich mache das nicht zu meinem Maßstab. Die Zahlen faszinieren oder lähmen uns und das ist falsch.

Wie sähe eine missionarische Arbeit mit Glaubensfremden aus?
Steffensky:
Erstens: dass ich weiß, wer ich selbst bin, dass ich meine eigene Tradition kenne, meine eigenen Lieder kenne, sie mit Stolz für würdevoll halte. Das Zweite: dass ich es nicht stumm für mich behalte, sondern da, wo ich stehe, auch die Schönheit dieser Tradition zeige, sie nicht verschweige, nicht im Religionsunterricht auf der Kanzel oder im Radio. Ich glaube, es gibt keine Liebe, ohne dass man auch sagt, was man schön findet und was man liebt. Der andere muss es ja nicht schön finden, aber er muss erfahren und anerkennen, dass ich es schön finde. Wer liebt, sagt auch etwas von sich, ist also ein Missionar. Nicht, indem er jemanden zwingt, aber er zeigt woran er glaubt, worauf er hofft und was er schön findet.

Wenn ich diesen Stolz auf die eigene Sache habe, nicht Arroganz, dann trau ich mir zu, über den Tellerrand zu schauen und ohne Neid schön zu finden, was bei den anderen auch vorhanden ist, obwohl es nicht meine Schönheit sein muss.

Das Gespräch führten Wolfgang Noack und Rainer Brandt.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Schlachtfelder der Schönheit

5. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Schönheits(wahn)vorstellungen: In ihrer Londoner Praxis behandelt Susie Orbach Menschen, die unzufrieden mit ihrem Körper sind. Die Bestsellerautorin verfasste Bücher wie das »Antidiätbuch«, »Lob des Essens« oder »Bodies. Schlachtfelder der Schönheit«. Ihre These: Der Körperhass der industrialisierten Welt ist der heimliche Exportschlager der Globalisierung.


Auf den Fidschi-Inseln gibt es Fernsehen erst seit 1995. Für das, was im Südseeparadies als schön galt, hatte der technologische Sprung in die mediale Moderne dramatische Folgen. Und die Wissenschaft war live dabei. Galten auf Fidschi zuvor üppige, runde, gut genährte, nach westlichen Maßstäben fette Frauenkörper als attraktiv, verkehrte die TV-Bilderflut das Schönheitsideal der Insulanerinnen mit Sendungen vor allem aus Australien, Großbritannien und den USA in kürzester Zeit ins Gegenteil. Die Fälle von Magersucht verfünffachten sich innerhalb von wenigen Jahren, wie die Harvard-Forscherin Anne Becker untersucht hat.

Die britische Psychotherapeutin und Autorin Susie Orbach zitiert die Harvard-Studie in ihrem Buch »Bodies. Schlachtfelder der Schönheit«. Sie zeigt, was Zivilisationskrankheiten wie Magersucht oder Fettleibigkeit mit einem immer unerreichbareren Ideal vom »schönen« Körper zu tun haben. Und warum unter den Bedingungen von Globalisierung und »Körperoptimierungstechnologien« uns unsere Körper kein sicheres Zuhause mehr bieten.

Fotos (2): Ruslan Gilmanshin – stock.adobe.com

Foto: Ruslan Gilmanshin – stock.adobe.com

Magersucht ist eine der am weitesten verbreiteten psychischen Erkrankungen, vor allem bei Mädchen und jungen Frauen. Gleichzeitig klagen Mediziner und Gesundheitspolitiker in der westlichen Welt über eine Epidemie der Fettleibigkeit. Mehr als 400 000 Menschen leiden in Deutschland an Essstörungen, zumeist Mädchen und junge Frauen. Rund 7 000 lebensbedrohliche Fälle von Magersucht (Anorexie) werden jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern diagnostiziert, etwa ein Prozent der Betroffenen stirbt.

Orbach hat die vielfältigen Körperprobleme, die ihr in ihrer psychotherapeutischen Praxis begegnen – Anorexie, selbstverletzendes Verhalten (»Ritzen«), Körperbildstörungen (also der Wunsch, einen Arm oder ein Bein durch Amputation zu verlieren), Verwirrung über die eigene geschlechtliche Identität, zwanghaftes Sporttreiben, Angst vor dem Älterwerden –, als »beständigen Versuch der Betreffenden« interpretiert, »einen verlässlichen Körper zu finden und die Scham über den eigenen Körper loszuwerden«.

Dabei steht am Anfang eigentlich eine moderne Freiheitsverheißung in Sachen Körper. Biologie muss kein Schicksal sein, lautet das Versprechen der Schönheitsindustrie. Fettabsaugung, Brustvergrößerung und -verkleinerung, OPs an Nasen, Ohren: Der menschliche Körper ist zum vorläufigen, zum formbaren Objekt geworden.

Fast alles ist machbar, auch der Wechsel des Geschlechts. 2015 wurde aus Bruce Jenner, einem ehemaligen Musterathleten, der 1976 Zehnkampfolympiasieger war, die Transfrau Caitlyn Jenner, die im Badeanzug auf dem Titel der Mode- und Lifestylezeitschrift Vanity Fair posierte. Und dass als biologische Frauen geborene Transmänner Kinder gebären, wie der US-Amerikaner Trystan Reese im Juli 2017, ist keine Sensation mehr.

Man muss es sich nur leisten können: Auf die Frage, welche Art von Körper heute als »in Ordnung« gelte, antwortet Orbach: »Einer, den man kauft.« Durch Diäten, Fitnessstudio, Schönheitsoperationen. Doch die nahezu unbegrenzt scheinende Machbarkeit erhöht auch den Druck. Je mehr machbar ist, desto schärfer erscheint die Differenz des einzelnen Körpers zum fiktiven »Idealmaß«. Äußere, generalisierte Vorstellungen von Ebenmaß und Schönheit entwickeln so größeren Anpassungszwang als je zuvor. Der Körper, in dem wir leben, wird zu einem immer zerbrechlicheren, unsichereren Ort.

Das liege daran, sagt Susie Orbach, dass Körper heute zum »Produkt« geworden sind, für dessen Form und Gestalt wir selbst verantwortlich sind, und zwar praktisch nur wir selbst. Unser fitter, schöner Körper ist Ausweis unserer Zuverlässigkeit, unseres Fleißes, unseres Arbeitsethos. Der Körper ist in nachindustriellen Zeiten vom Produktionsmittel zum »zu Produzierenden« geworden. In ähnlicher Gnadenlosigkeit.

Freilich: Überall auf der Welt und zu allen Zeiten war der menschliche Körper nie etwas anderes als ein soziales und kulturelles Konstrukt. Unsere Körper und die Weise, wie wir sie verändern und schmücken, sind Signale und Zeichen. »Körpersprache« und Körperschmuck sagen etwas aus über unsere Identität und unser Selbstverständnis.

Halsringe oder Verschleierung, Gesichtsbemalung oder Tätowierung, Goldzähne oder beschnittener Penis, lackierte Fingernägel oder Nasenpiercing: All das kennzeichnet uns als Mitglieder bestimmter Gruppen, abhängig von Zeit, Geografie, Religion oder kultureller Zugehörigkeit.

Körper werden also nicht geboren, sondern gemacht. Zur wirtschaftlichen Globalisierung gehört auch eine kulturelle Globalisierung. Für Orbach hat sie fatale Folgen für die Vielfalt im Blick auf unterschiedlich geprägte Körper, Körperideale und Körperkulturen. Eine »Celebrity-Kultur« weltweit bekannter Idole und Ikonen der Popkultur habe uns eine »heimtückische Form weltweiter Gemeinsamkeit« beschert. Was global, also integrativ und demokratisch erscheint, bringt in Wahrheit die Vielfalt der »Schönheiten« zum Verschwinden. Die Folge sei ein Ideal, das in Bezug auf Alter, Körpertypus und ethnische Zugehörigkeit eng begrenzt ist.

Allgegenwärtige, überlebensgroße, digital bearbeitete und verbreitete Bilder von makellosen Individuen mit Idealkörpern erzeugen eine hyperbewusste, hyperkritische Haltung dem eigenen Körper gegenüber. Dabei propagiert die globalisierte Werbung den idealisierten, schlanken, westlichen Frauenkörper und setzt besonders Frauen unter Druck.
Der postmoderne Mythos (und Fluch) ist der der Selbsterfindung: Jede und jeder kann »dazugehören«, so geht dieser Mythos, wenn es ihm oder ihr gelingt, die richtigen körperlichen Marker zu setzen, sich das richtige Aussehen und den richtigen Körper zu verschaffen. Wenn dieser Mythos auf ein immer schmaleres Ideal trifft (im doppelten Sinn), wächst das Elend, weil unser Körper damit ständiger Aufmerksamkeit und Kontrolle bedarf.

Doch trotz aller Machbarkeitsversprechen gibt es letztlich kein Entkommen aus gewissen Koordinaten des Körpers: seinem Alter, seiner Hautfarbe, seinem Geschlecht.
Was die Not vergrößere, sagt Susie Orbach, ist, dass der standardisierte jugendliche Körper, den die Welt auf Schritt und Tritt propagiert sehe und den die Menschen sich dann selbst zu erschaffen suchen, kein stabiler Körper ist. Was sie damit meint, geht über die Banalität, dass alles Leibliche irgendwann verfällt, weit hinaus. Auch Frauen, die dem Schönheitsideal zu entsprechend scheinen, leiden nämlich an ihren Körpern, weil die Möglichkeiten zum Defizit, zum »Schönheitsfehler« unbegrenzt sind.

Wer schlank ist, ist vielleicht nicht groß genug, wer groß genug ist, hat vielleicht zu kleine oder zu große Brüste, einen Po, der nicht straff genug ist, nicht dem Ideal entsprechende Hände oder Füße oder die falschen Schamlippen. »So wie wir Karl Marx zufolge von Verhältnissen beherrscht werden, die wir nicht als selbst geschaffen durchschauen, werden Frauen heute von einer visuellen Kultur beherrscht, die sie nicht als von anderen geschaffen durchschauen«, sagt die Therapeutin über das große Geschäft mit dem Körper.

Optimierungswahn, Fitnesstracker, Schrittzähler, permanente (Selbst-) Kontrolle und Verhaltensanpassung: Was auf die »Verschönerung« und »Verbesserung « des einzelnen Körpers zielt, unterminiert am Ende das Körper- und Selbstwertgefühl aller. Die sich dann in den sozialen Netzwerken, auf Instagram und Facebook gegenseitig beschämen – Stichwort »Body Shaming« oder »Fat Shaming «. Orbachs bittere Bilanz: »Unsere Vorstellung eines gesunden Körpers ist so aus dem Gleichgewicht geraten, dass unsichere Menschen ihre eigenen Körper stärken, indem sie andere – diejenigen mit dicken Körpern – als wertloser, unfähiger und weniger arbeitsfähig ansehen.« Hinter der Verachtung dicker Menschen steht meist nichts anderes als Selbsthass.

Genau hier setzte im Frühjahr 2017 das Filmprojekt »Embrace« ein, das in Deutschland von der Schauspielerin Nora Tschirner unterstützt wurde. Die Australierin Taryn Brumfitt dokumentiert darin ihren jahrelangen Kampf um die Schönheit. Nach einer geplanten (und wieder abgesagten) Schönheitsoperation, einer Bodybuilding-Karriere und zahlreichen von Selbsthass geprägten Momenten vor dem Spiegel kam sie schließlich zu der Erkenntnis: Es ist nicht mein Körper, den ich ändern muss, sondern meine Einstellung zu mir selbst.

Aber selbst gut gemeinte Projekte gegen Körperscham wie der Film »Embrace« oder Werbekampagnen, wie die des Kosmetikherstellers »Dove«, die sich für ein »realistischeres« Bild vom Frauenkörper einsetzen, dürften an Orbachs Befund vorerst wenig ändern. Sie kratzen nur an der Oberfläche. Von den modernen Schlachtfeldern der Schönheit kommt derzeit niemand wirklich unbeschadet.

Markus Springer

Orbach, Susie: Bodies. Schlachtfelder der Schönheit. Arche Verlag 2012, 208 Seiten, ISBN 978-3-7160-2691-5, 14,95 Euro


Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de