»Der Psalm ist der Rollator meines hinkenden Glaubens«

30. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Über die Würde und die Schönheit des Glaubens, über Zweifel, falsche Sicherheiten und den Umgang mit Traditionen – ein Gespräch mit Fulbert Steffensky. Die Fortsetzung lesen Sie in der nächsten Ausgabe der Kirchenzeitung.

Herr Steffensky, Religion, so zeigen verschiedene Studien, habe immer weniger Bedeutung bei den Menschen, die Entkirchlichung nehme zu und die Botschaft des Christentums wird nicht mehr weitergegeben. Wie nehmen Sie das wahr?
Steffensky:
Das ist nicht zu bezweifeln. Man sieht es in der eigenen Familie, in den Schulen, bei den Studierenden, auch bei den Theologiestudierenden. Nicht nur das Wissen über Religion ist geringer, auch die Ausübung von Religion, die Praxis und die Bräuche.

Dr. Fulbert Steffensky studierte katholische und evangelische Theologie. Er war 13 Jahre Benediktinermönch in der Abtei Maria Laach und konvertierte 1969 zum Protestantismus. Bis zu seiner Emeretierung lehrte er als Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg.  1968 war er mit Dorothee Sölle, seiner späteren Ehefrau, ein Mitbegründer des Politischen Nachtgebets, das anschließend fester Bestandteil der Kirchentage wurde. Fulbert Steffensky lebt heute in der Schweiz. Foto: epd-bild

Dr. Fulbert Steffensky studierte katholische und evangelische Theologie. Er war 13 Jahre Benediktinermönch in der Abtei Maria Laach und konvertierte 1969 zum Protestantismus. Bis zu seiner Emeretierung lehrte er als Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. 1968 war er mit Dorothee Sölle, seiner späteren Ehefrau, ein Mitbegründer des Politischen Nachtgebets, das anschließend fester Bestandteil der Kirchentage wurde. Fulbert Steffensky lebt heute in der Schweiz. Foto: epd-bild

Ich glaube, dass sich Religion auf Dauer nur hält, wenn sie eine ausgeübte Religion ist. Früher hatte man die Losungen, das Abend- und Morgengebet, das Tischgebet und selbstverständlich den Sonntagsgottesdienst. Wenn von Religion nur noch etwas blass Gedachtes bleibt, dann ist sie natürlich bedroht.

Seit Generationen gaben Menschen ihren Glauben an die Kinder weiter, es war eine Selbstverständlichkeit.
Steffensky:
Es war ein Horizont von stummen Selbstverständlichkeiten. Man zieht sonntags andere Kleider an, geht in die Kirche, man fastet in der Fastenzeit, man heiratet nicht im Advent und was es sonst noch alles gab. Es war ein Horizont von unhinterfragten Traditionen.

Warum wenden sich Menschen ab? Tun sie dies bewusst oder sind Religion und Glaube einfach kein Thema mehr? Empfinden sie das als Befreiung oder wenden sie sich ab, weil Druck und Kontrolle nicht mehr vorhanden sind?
Steffensky:
Zunächst einmal sind der Druck und die Kontrolle nicht mehr da. Es ist ein Stück Freiheit; ich kann gehen. Ich kann auch bleiben; auch das gehört zur Freiheit. Es gibt auch eine Mode, die Grundfragen an das Leben nicht mehr zu stellen. Das halte ich schon für eine Verarmung. Man kann dieser Mode heute straflos folgen. Früher war es fast undenkbar, nicht gläubig zu sein. Es gibt den ernsthaften Atheismus, den ich schätze, auch das sind meine Geschwister im Glauben und im Unglauben. Aber es gibt auch die Mode, diesen Gewohnheitsatheismus.

Die Menschen fragen sich, was bringt mir das, was bringt mir Glaube und Kirche für mein Leben?
Steffensky:
Da haben wir in unseren eigenen Traditionen etwas versäumt. Wir haben immer gesagt, das musst du glauben, das ist der richtige Glaube und der Zweifel ist ausgeschlossen. Wir haben aber vergessen – und das ist für mich immer mehr ein Thema geworden – wir haben vergessen, die Würde und die Schönheit des Glaubens zu explizieren. Ich glaube, dass man auf Dauer nur etwas glauben kann, was man schön und charmant findet. Und das haben wir verpasst. Es gab das Muss des Glaubens, das Verbot des Zweifels und man hat sich von den eigenen Schätzen selber entfernt. Man hatte die Nüsse, aber man hatte nicht die Erlaubnis sie zu knacken.

Welche »Nüsse« müssen »geknackt« werden?
Steffensky:
Zum Beispiel: Was heißt Gnade? Ich muss mich nicht in der eigenen Hand bergen. Wenn ich über Gnade rede, beginne ich gerne mit einem Gedicht von Gabriela Mistral: Wenn du mich anblickst, werd’ ich schön, schön wie das Riedgras unterm Tau, usw. Das ist ein Liebesgedicht. Damit lässt sich aufschlüsseln, dass Gnade ein Würde- und ein Schönheitsbegriff ist. Oder was heißt Schuld? Wir kennen aus unserer Tradition diese merkwürdige Schuldverstrickung, die Benommenheit durch die eigene Schuld, das Sündenverständnis, das auf falsche Gebiete gelenkt wurde. Aber Schuld heißt doch eigentlich, dass ich mich als Subjekt meines eigenen Handelns verstehe.

Dass sich Menschen abwenden – liegt es nicht auch daran, weil sie nicht mehr verstehen und nachvollziehen können, was von den Kanzeln gepredigt wird?
Steffensky:
Da, wo Denken und Aufklärung verboten sind, können auch die Botschaften gar nicht geglaubt werden oder sie werden als völlig uninteressant abgetan. Es soll mir jemand erklären, was schön ist an dieser Tradition und es soll mir jemand die Schwierigkeiten dieser Tradition erklären, die Unmöglichkeiten dieser Tradition, die Unmöglichkeit eines Gottesbildes. Vielleicht stoßen wir dann zur Möglichkeit.

Es stimmt schon, dass wir uns selber wenig glaubhaft machen, wo wir die Schwierigkeiten des Glaubens nicht benennen. Es ist doch nicht selbstverständlich, dass man an die Güte Gottes oder die Schöpfung glaubt.

Wir müssen den Einspruch ertragen, der sich gegen den eigenen Glauben erhebt.
Steffensky:
Wir haben in der Theologie eine Systematik versucht, in der es keine offenen Fragen gibt. Es gab keine Fragen, aber einen Wust von Antworten, die in sich selbst unglaubwürdig waren. Es war kein gegen den Zweifel eroberter Glaube, sondern in der Systematik ein vorhandener Glaube. Das wird der Sache nicht gerecht.

Sie sagen, Mission ist die Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzeptes und für die Schönheit des christlichen Glaubens. Dazu gehört auch, sich den Zweifeln, Einsprüchen und Fragen zu stellen.
Steffensky:
Man kann ja Antworten versuchen. Nur müssen wir unsere Antworten immer als vorläufige Versuche sehen und nicht als feste Formulierungen, die sich dann in einem Glaubensbekenntnis manifestieren.

Wie verpflichtend sind Glaubensbekenntnisse?
Steffensky:
Glaubensbekenntnisse sind wie ein Paar Schuhe, die gemacht sind, damit sie der ganzen Familie passen sollen. Nie passen sie den einzelnen richtig. Mir passt auch ein Gottesdienst nie ganz. Warum sollte er auch? Ich bin doch nicht alleine in der Welt. Ich finde es eine solche bürgerliche Enge, wenn jemand sagt, ich gehe nur zu diesem Pfarrer oder nur dahin, wo meine Lieder gesungen werden.

Wie wichtig sind Ihnen Traditionen?
Steffensky:
Mir werden die Traditionen immer wichtiger. Mir ist es wichtig, in den Schuhen meiner Väter und meiner Mütter zu gehen. Mir wird es wichtiger, weil ich mit meinem eigenen Glauben alleine nicht auskomme.

Die Psalmen werden mir wichtiger, weil sie mich davon befreien, worthaft zu sein. Der Psalm ist der Rollator meines hinkenden Glaubens. Ich muss nicht Meister meiner selbst sein, nicht Meister meines ganzen Glaubens.

Darum liebe und brauche ich die Traditionen, die genetzt sind mit den Tränen und Jubelrufen derer, die vor mir waren.

Heißt das, ich kann nur glauben, wenn ich meinen kritischen Geist ausschalte?
Steffensky:
Wenn ich meinen kritischen Geist ausschalte, dann bin ich dumm, ob ich glaube oder nicht. Es gibt schon Stellen, wo ich meinen Geist ausschalte. Zum Beispiel in der Liebe. Ich kann mich nicht jedes Mal fragen, ist dieser Kuss echt oder nicht. Sondern ich sage Ja. Ich kann mir auch nicht bei jedem Gebet über die Schulter schauen und mich fragen, ist das richtig oder nicht. Wenn ich eine Kerze aufstelle, kann ich mir nicht dabei überlegen, welcher Unsinn schon damit betrieben wurde.

Manchmal muss mein kritischer Geist auch das Maul halten. Der kritische Geist darf nicht verboten werden und er darf nicht triumphieren.

Das Gespräch führten Wolfgang Noack und Rainer Brandt.

Teil 2 in der nächsten Ausgabe

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