Der Erzbischof auf Sendung

16. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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In Rumänien hat sich eine lebendige orthodoxe Medienlandschaft etabliert: Laienchristen gestalten höchst erfolgreiche Zeitschriften, die Kirche hat einen eigenen TV-Sender.

Der ehrwürdige orthodoxe Erzbischof und Metropolit Andrei von Klausenburg – rumänisch Cluj-Napoca – nimmt Platz. Aber nicht auf dem Bischofsthron in seiner gewaltigen Kathedrale, sondern auf einem schmalen Stapelstuhl in einem engen Aufnahmestudio von nur wenigen Quadratmetern Fläche. Ihm gegenüber sitzt die Redakteurin Simona Vlasa und stellt Fragen zu Glauben und Spiritualität. Vor sich hat der 68-jährige Bischof ein Mikrofon. Das Aufnahmegerät läuft und registriert seine Aussagen so aufmerksam wie sonst die Gläubigen in Kirchen und Klöstern seine Predigten.

Was auf den ersten Blick nach einem Interview zu einem besonderen Anlass aussieht, ist in Klausenburg seit Gründung des Bistumssenders »Renasterea« (Wiedergeburt) 1999 längst etwas Alltägliches. Und nicht nur dort: Im siebenbürgischen Erzbistum Vad, Feleac und Cluj gibt es wie in vier weiteren Bistümern der rumänischen Orthodoxen Kirche kircheneigene Radiosender.

Erzbischöfe wie Metropolit Andrei von Klausenburg gehen regelmäßig auf Sendung, um den Hörern den orthodoxen Glauben zu vermitteln und christliche Lebenshilfe zu bieten. »Für uns ist das auch eine missionarische Gelegenheit in einer Zeit, in der das Christentum sich neu behaupten muss«, sagt Metropolit Andrei dazu.

»Die orthodoxen Radiosender sind sehr beliebt. Es gibt hier keinen Skandal- und Sensationsjournalismus, sondern ernsthafte Informationen zu wichtigen religiösen und kulturellen Themen, dazu auch Gesundheits- und Glaubensratgeber. Unsere Hörerschaft ist sehr unterschiedlich, alle Altersstufen und viele Intellektuelle hören die kirchlichen Sender als echte Alternative vor allem zu den sonstigen privaten Programmen«, hält die Radiojournalistin Vlasa fest und kritisiert damit gleichzeitig die weit verbreitete Boulevardisierung der rumänischen Medien.

Kirchliche Radiomacher: Metropolit und Erzbischof Andrei  von Klausenburg im Interview mit der Redakteurin Simona Vlasa beim Kirchensender »Renasterea«. 87 Prozent der Rumänen gehören der Orthodoxen Kirche an, Kloster- wie Gemeindegottesdienste sind in der Regel überfüllt. Foto: Jürgen Henkel

Kirchliche Radiomacher: Metropolit und Erzbischof Andrei von Klausenburg im Interview mit der Redakteurin Simona Vlasa beim Kirchensender »Renasterea«. 87 Prozent der Rumänen gehören der Orthodoxen Kirche an, Kloster- wie Gemeindegottesdienste sind in der Regel überfüllt. Foto: Jürgen Henkel

Zehn Redakteure und weitere Korrespondenten kümmern sich um das Programm. Es wird 24 Stunden gesendet, nachts laufen Wiederholungen. Religiöse Themen und Informationen über kirchliche Aktivitäten von der Pfarrei bis zum Patriarchat spielen beim orthodoxen Kirchenfunk naturgemäß eine große Rolle. Aber auch Nachrichten- und Folkloresendungen laufen regelmäßig über den Äther. An Sonn- und Feiertagen wie an Werktagen wird stets die mindestens zwei Stunden dauernde Messe sowie die Abendandacht live übertragen. Besonders wichtig ist Simona Vlasa das »ABC des Glaubens«, eine Sendung, die Verkündigung und Glaubensbildung verbindet.

Eigener TV-Sender des Patriarchats

In Rumänien hat sich in den knapp 30 Jahren seit der Wende eine lebendige und äußerst bunte orthodoxe Medienlandschaft etabliert. »Die rumänische Orthodoxe Kirche ist die einzige Orthodoxe Kirche mit einem eigenen TV-Sender«, sagt Vasile Banescu. Er ist Pressesprecher des Patriarchats und gestaltet auch selbst TV-Sendungen.

Die Kirche lässt sich das eigene Medienzentrum einiges kosten. Rund 80 Redakteure, Kameraleute und Techniker arbeiten nach seinen Worten allein bei dem orthodoxen Fernsehsender, der vom Patriarchat und allen Bistümern finanziert wird. Neben der Nachrichtenredaktion gibt es die Ressorts Religion, Kultur und Soziales sowie eine eigene Onlineredaktion.

Das naturgemäß kirchennahe Programm bietet viele Interviews mit bekannten Geistlichen oder Intellektuellen. Besonders interessant ist das »Jurnal Trinitas«, das täglich aus allen Bistümern der Kirche berichtet und das breite Spektrum des kirchlichen Lebens aufgreift.

Die Amtskirche und ihre Bischöfe wie auch Laien sind beim Aufbau der orthodoxen Medienlandschaft gleichermaßen initiativ geworden, was in der hierarchiebetonten orthodoxen Kirche keineswegs selbstverständlich ist. »Die Kirche hat uns geholfen, indem sie unsere Arbeit nicht behindert hat«, hält dazu schmunzelnd Razvan Bucuroiu aus Bukarest fest. Er ist Chefredakteur mehrerer Laienzeitschriften, die er selbst ins Leben gerufen hat und die sich heute erfolgreich als Nischenprodukte auf dem Markt behaupten.

Auf 80 professionell gestalteten Hochglanzseiten berichten die beiden Zeitschriften monatlich von christlichen Themen aus Rumänien und aller Welt. Fünf Redakteure sind hier tätig, allesamt Laienchristen. Es zählt kein Priester oder Theologe dazu.

Höhere verkaufte Auflage als der »Playboy«

Nicht ohne Stolz berichtet Bucuroiu, dass ausgerechnet sein monatlich erscheinendes Glaubensmagazin das »Playboy«-Magazin an verkaufter Auflage in Rumänien regelmäßig übertrifft. Das Heft hat eine Auflage von 10 000 Exemplaren und rund 1 000 Abonnenten, es wird im Zeitschriftenhandel, in Klöstern und christlichen Buchhandlungen und sogar an Tankstellen verkauft.

Der 1963 geborene Bucuroiu kam über Umwege zum Journalismus: »Bukarest ist keine Stadt, die eine religiös sehr attraktive Landschaft bietet. Christlicher Journalismus ist hier unbequem, aber nach über 40 Jahren Kommunismus war es wichtig, dass auch wieder eine lebendige christliche Laienpresse entsteht«, sagt der gebürtige Bukarester.

2008 gründete er die »Vereinigung der christlichen Journalisten und Publizisten Rumäniens« (AZEC), deren Vorsitzender er bis heute ist und die rund 100 Mitglieder hat. »Die offiziell-kirchliche Presse und die von engagierten Laien gemachten Zeitschriften ergänzen sich gut und sind wirklich komplementär«, hält Bucuroiu fest.

Vor allem Mönchtum und Spiritualität stehen im Mittelpunkt der Journale. Reportagen und Bilderserien über Klöster und charismatische Mönchsväter und Nonnen aus Rumänien, Griechenland, Georgien und Ägypten, aber auch Israel, und die Rubrik über die in der orthodoxen Frömmigkeit beliebten Kirchenväter sind echte Renner bei den Lesern.

Das Vertrauen in die Kirchen ist immer noch groß – trotz des bei Kritikern umstrittenen Baus der riesigen neuen Patriarchatskathedrale in Bukarest und mancher Skandale der letzten Jahre. Auf diese gehen die Kirchensender und -zeitungen nicht groß ein.

Jürgen Henke

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Alles kann Gebet sein: Schweigen, singen, arbeiten

15. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete. Keines bleibt ohne Wirkung.

Das Gebet ist ein höchst bemerkenswertes Phänomen. Für sehr viele Menschen – Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Religionen – ist es fest in den Tagesablauf integriert. Ihnen gegenüber steht insbesondere in Deutschland eine hohe Zahl von Atheisten, Menschen, die nicht an Gott glauben. Doch sogar sie schicken gelegentlich, wenn sie verzweifelt sind und nicht ein noch aus wissen, ein Stoßgebet zum Himmel. Für manche Christen wiederum ist es nicht selbstverständlich, regelmäßig zu beten. Und schon Paulus merkte, »denn wir wissen nicht, was wir beten sollen« (Römer 8,26 b).

Beten will geübt sein

Selbst die vermeintlichen Profis in Sachen Gebet, die Theologen und Pfarrer, haben zuweilen ihre Schwierigkeiten damit. »Ich bin kein Gebetomat, ich lasse mich ablenken, treiben«, so Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof für den Propstsprengel Stendal-Magdeburg. Er hat sich für den Gebetskalender der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) starkgemacht.

Der Gebetskalender, der abonniert werden kann, lädt Einzelne und Gemeinden ein, die darin formulierten Anliegen aufzunehmen und vor Gott zu bringen. Der Gebetskalender wird jeweils für zwei Monate veröffentlicht. Gestaltet wird er reihum von den Propsteien Gera-Weimar, Stendal-Magdeburg, Eisenach-Erfurt, Meiningen-Suhl, dem Reformierten Kirchenkreis, Halle-Wittenberg und dem Landeskirchenamt.

Wie Hackbeil erklärt, sammeln die Kirchenkreise ihre Vorschläge für Gebetsanliegen, die Superintendenten beraten darüber und treffen eine Auswahl. Die Anliegen nehmen die gesellschaftliche Situation auf sowie das, was die Landeskirche und die Propsteien beschäftigt, so der Theologe. Die Resonanz sei bislang gleichbleibend, wünschenswert wäre eine größere Beteiligung.

»Gebet bleibt nie ohne Wirkung, auch wenn ich sie nicht sehe«, ist Ulrike Köhler, Seelsorgerin im Kloster Volkenroda, überzeugt.

Gebete werden erhört

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

»Das ist manchmal unheimlich«, so die Erfahrung von Kirchenrat Andreas Möller, verantwortlich für Gemeindeentwicklung in der EKM. Als ihm vor etlichen Jahren die Pfarrstelle am Lutherhaus Jena angeboten wurde, lehnten er und seine Frau zunächst ab. »Es sprach vieles dagegen«, erzählt er. »Dann haben wir alle Bedenken im Gebet ausgesprochen und Gott gebeten, wenn er will, dass wir nach Jena gehen, soll er irgendetwas tun. Wir waren bestürzt, als sich im Laufe von etwa acht Wochen alle Probleme in Luft auflösten.«

Ebenso gibt es die Erfahrung, dass Gebete nicht erhört werden. Gott ist kein Wunscherfüllungsautomat. Das wäre furchtbar, denn zuweilen wenden sich Menschen mit bösen, abwegigen, irrsinnigen Erwartungen an ihn. Manchmal könne das Gebet zu einer neuen Einsicht führen, ganz banal, wie es Ulrike Köhler beschreibt. Wenn sie eine Erkältung hat und darum bittet, gesund zu werden, dies aber nicht eintritt, frage sie sich, ob sie nur etwas mehr Geduld aufbringen und einfach nur stillhalten solle.

Aber auch schwer kranke Menschen bitten vergeblich um Heilung. In solchen Fällen fordere sie die Betreffenden auf, so Köhler, näher hinzuschauen und akzeptieren zu lernen, dass unser Leben endlich ist. Aus Sicht der Seelsorgerin eine zumutbare Aufforderung, »wenn wir wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen«. Sie ist sich sicher: »Wir haben einen Gott, der Wunder tut. Aber wir können nicht darüber verfügen, dass er Wunder tut.«

Beten lernen

Wie lernt ein Mensch beten? »Ich bin noch klein, mein Herz ist rein, es soll niemand drin wohnen als Jesus allein. Amen« Unzählige Mütter haben ihren Kindern dieses Gebet beigebracht. Bestenfalls geht das Ritual so im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut über.

»Ich erinnere mich, wie die Eltern den festgelegten Gebeten freie Worte hinzufügten«, berichtet Andreas Möller. Diese freien Worte seien für ihn sehr eindrücklich gewesen, ehrlich und authentisch. Im Ferienlager, wenn er sich nach Hause sehnte, habe er sich darauf besonnen, den erlernten Gebeten freie Worte hinzuzusetzen.

Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete, um nur einige zu nennen.

In bestimmten Situationen sei es für Menschen, beispielsweise für Politiker, wichtig, wenn für sie gebetet wird, betont Hackbeil. »Es gehört zu unserem Auftrag, für die Obrigkeit zu beten statt Ratschläge zu geben.« Ebenso tröste es Kranke, wenn sie wissen, dass die Seelsorgerin sie in ihr Gebet einschließe. Persönlich schätze er das Gebet als große Hilfe im Leben. Es verbinde mit anderen Menschen, mit der Schöpfung. »Und es gibt mir Kraft, Dinge auszuhalten.«

Im Kloster Volkenroda wird täglich drei Mal zum Gebet eingeladen. 7.30 Uhr steht der Morgengottesdienst auf dem Programm, mittags das Gebet für Frieden und abends Fürbitten.

In einen inneren Dialog treten, ein Stoßgebet oder Schweigen, sich Gott nur hinhalten ohne Absichten – alles ist Gebet.

»Manche sagen, Gesang ist die höchste Form des Gebets«, ergänzt Andreas Möller. Mit dem Körper zu beten, etwa die Arme zu erheben, sei ebenfalls eine Möglichkeit, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen.

Zur hohen Schule gehört das Herzensgebet, ein immerwährendes Gebet, bei dem im Atemrhythmus der Name Jesu Christi angerufen wird: Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.

Und selbst die Arbeit könne Gebet sein, so Ulrike Köhler. Wenn ich in allem, was ich tue, Gott suche, sei das Gebet. »Ich bin Mitschöpfer, darf an Gottes Schöpfung mitgestalten.« Mit dieser inneren Ausrichtung könne das Arbeiten zum Gebet werden.

Sabine Kuschel

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Ein Geschenk wieder neu entdecken

15. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Internationale Allianzgebetswoche 2018 steht unter dem Motto »Als Pilger und Fremde unterwegs«. Über seine Erfahrungen mit dem Gebet sprach Willi Wild mit Theo Schneider, Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz.

Die Allianzgebetswoche, die weltweite Woche des Gebets evangelischer Christen gibt es seit 1861 in der zweiten Januarwoche. Wird in der Kirche nicht genug gebetet oder warum ist eine Extra-Gebetswoche notwendig?
Schneider:
Es ist mit dem Gebet wie mit manchen anderen wichtigen Dingen im Leben: Besondere Geschenke müssen immer wieder entdeckt und verstärkt werden. Dazu dient die Gebetswoche. Außerdem spielt auch eine wichtige Rolle, dass sich in der Gebetswoche Christen aus unterschiedlichen Kirchen und Bewegungen treffen. Die Gebetswoche ist auch ein Signal für die Einheit der Christen.

Reicht die Woche für ein ganzes Jahr?
Schneider:
Der Akzent am Anfang eines neuen Jahres ist wichtig und will ausstrahlen. Es gibt in unserem Land sicherlich in Hunderten von Orten auch vierteljährlich oder monatlich Gebetstreffen der Evangelischen Allianz.

Die Evangelische Allianz bietet einen Gebetskalender im Internet oder Gebetshefte an. Zudem gibt es das Gebet für verfolgte Christen oder das 30-Tage-Gebet für die islamische Welt. Das klingt nach einem abendfüllenden Programm. Richten sich diese Angebote ausschließlich an Ruheständler oder Menschen mit viel Tagesfreizeit?
Schneider:
Nicht jeder und nicht jede Gemeinde muss und kann alles aufnehmen. Aber es ist uns ein Anliegen, dass wir auf ganz unterschiedlichen Wegen »die Welt ins Gebet nehmen«. Das ist ganz bestimmt nicht umsonst. Starke Beachtung findet auch immer wieder das »30-Tage-Gebet für die islamische Welt.« Ich halte das für einen wirklich christlichen Beitrag zu dem für uns alle so schwierigen Themenfeld.

Wie sieht Ihr Gebetsleben aus? Wie haben Sie Ihren Tagesablauf in Sachen Gebet eingeteilt?
Schneider:
Das Gebet am Anfang und am Ende des Tages sind für mich ganz wichtige Fixpunkte. Dazwischen lebe ich ganz unterschiedliche Akzente, z.B. den Stoßseufzer, ein Lied, das Gebet mit anderen Christen im Gottesdienst, das Fürbittegebet am Krankenbett, das kurze Innehalten vor einem schwierigen Gespräch, das »Gott sei Dank« nach einer Bewahrung …

Wie wirkt Gebet?
Schneider:
Das kann ich nicht erklären. Aber auf jeden Fall: Es wirkt. Gott, der Vater, hört auf seine Kinder. Das hat er versprochen. – Außerdem: Das Beten verändert auch mich. – Ich bin vor Jahren auf einen alten Sinnspruch gestoßen: »Der Vogel ist ein Vogel, wenn er singt; die Blume ist eine Blume, wenn sie blüht; der Mensch ist ein Mensch, wenn er betet.« Der Mensch, der betet, ist dort, wo er hingehört.

Wie betet man? Gibt es eine Anleitung?
Schneider:
Im Lukas-Evangelium wird erzählt, dass die Jünger zu Jesus kamen und ihn baten, er solle sie das Beten lehren. Auf diese Bitte hat Jesus sofort reagiert und seine Jüngern das »Vaterunser« gelehrt. Das ist bis heute so: Mit dem Vaterunser kann man das Beten lernen. – Martin Luther wurde eine ähnliche Frage von Meister Peter, seinem Wittenberger Barbier und Friseur gestellt. Er hat ihm daraufhin eine kleine Schrift geschrieben, in der er das Vaterunser ausgelegt hat. Die gibt es noch heute. Sie ist noch immer aktuell.

Was ist der Unterschied zwischen Meditation und Gebet?
Schneider:
Die Frage kann man nicht kurz beantworten, denn Meditation ist heute ein »Container-Begriff« mit vielen Facetten. Klar ist aber auf jeden Fall: Das Gebet hat es mit einem persönlichen Gegenüber zu tun.

Theo Schneider. Foto: privat

Theo Schneider. Foto: privat

Die Gebetswoche steht diesmal unter dem Thema »Als Pilger und Fremde unterwegs«. Was hat das mit Gebet zu tun? Worum soll es schwerpunktmäßig gehen?
Schneider:
Mit diesem Motto wird ein grundlegendes Signal aus dem biblischen Zeugnis aufgenommen: Wir sind unterwegs. Gott hat uns gewollt und uns das Leben gegeben. Und wir gehen seinem Ziel entgegen. So spricht die Bibel davon, dass wir »Gäste und Pilger« sind. Auf unserem Weg sind wir herausgefordert, unser Leben als Christen zu gestalten – in Familie und Beruf, im Umgang mit der Schöpfung, im gesellschaftlichen Miteinander, in der Gemeinschaft der Christen. Diese Aufgabe hört nicht auf, sondern wir müssen sie immer wieder buchstabieren. Zugleich: Am Ziel sind wir erst in Gottes neuer Welt. – Übrigens, jedes Jahr kommt das Grundgerüst des Programms aus einem anderen Land. In diesem Jahr haben Verantwortliche der Evangelischen Allianz in Spanien die erste Vorlage erstellt.

In zwölf Thesen zum Jahreswechsel hat der Allianz-Vorsitzende Ekkehart Vetter auch das gemeinsame Gebet aufgenommen. Er möchte, dass aus der Gebetswoche eine ganzjährige Gebetsbewegung wird. Wie kann das gelingen, die Zahlen bei der Allianzgebetswoche sind eher rückläufig?
Schneider:
Richtig ist, dass die Zahlen bei der organisierten Gebetswoche Anfang Januar leicht zurückgehen. Richtig ist aber auch, dass es in den letzten Jahren zunehmend neue Initiativen in Sachen Gebet gibt, gerade unter jungen Menschen. Ich denke z.B. an die »Gebetshäuser« an manchen Orten, an »Gebetskonzerte« oder an die Impulse von Taizé.

Sie sind Prediger im Gemeinschaftsbezirk Wittenberg. Obwohl Lutherstadt sind Kirchenmitglieder eine Minderheit. Wie kann man Kirchenferne für das Gebet und die Gebetswoche interessieren?
Schneider:
Es gibt kein Patentrezept. Auch eine Werbekampagne ist da fehl am Platz, denn Beten ist etwas Persönliches. Aber man kann dazu einladen, ermutigen, von diesem unglaublichen Geschenk erzählen. Wer mit dem lebendigen Gott im Gespräch ist, wird das nicht für sich behalten.

Welche Erfahrungen haben Sie im vergangenen Reformationsjahr in der Lutherstadt im Zusammenhang mit Gebet und Glauben gemacht?
Schneider:
Das Jahr 2017 war für uns in Wittenberg ein großes und starkes Geschenk. Dazu gehörte in besonderer Weise eine Erfahrung mit dem Gebet: Während der Weltausstellung gab es jeden Morgen auf dem sogenannte Bunkerberg ein Morgen- und Mittagsgebet und abends auf dem Marktplatz das Abendgebet. In den ersten Tagen trafen sich nur wenige, aber es wurden immer mehr. Ich bin gewiß: Das war und ist nicht umsonst, dass Wittenberg so »ins Gebet genommen« wurde.

Theo Schneider, langjähriger Generalsekretär des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften), hat in seinem Ruhestand die Predigerstelle im Gemeinschaftsbezirk Wittenberg übernommen. Er gehört dem Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) an und ist Vorsitzender des Aufsichtsrats des Evangelischen Allianzhauses in Bad Blankenburg.

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Preist den Herrn am Smartphone

14. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Für Abgesänge auf das gedruckte Gesangbuch ist es zu früh. Doch die evangelische Kirche will künftig auch vom Smartphone und Tablet singen lassen. Seit Monaten wird dazu an einer App gebastelt.

Wie ging der Text dieses Liedes »Geh aus, mein Herz« noch mal weiter? Da summt einem eine Kirchenmelodie durch den Kopf, aber wie heißt eigentlich der Choral dazu? Fragen dieser Art könnte in Zukunft ein Anwendungsprogramm (App) für Smartphones und Tabletcomputer beantworten. Entwickelt wird die Gesangbuch-App derzeit von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Den Machern geht es nicht darum, mittelfristig die gedruckten Gesangbücher aus den Kirchen zu verbannen. Im Gegenteil: Kirchenrat Dan Peter, bei der württembergischen Landeskirche für Publizistik zuständig, kann sich sogar neues Interesse am Liedgut zwischen zwei Buchdeckeln vorstellen, wenn es durch eine App wieder populärer geworden ist. Zuerst ziele die App auf den einzelnen Nutzer. »Sie soll zum Singen animieren und neuen Zugang zu geistlichem Liedgut eröffnen«, sagt Peter.

Gesangbuch-App: Sie animiert zum Singen und soll einen neuen Zugang zu geistlichen Liedern eröffnen. Foto: Evgenia Tiplyashina – fotolia.com

Gesangbuch-App: Sie animiert zum Singen und soll einen neuen Zugang zu geistlichen Liedern eröffnen. Foto: Evgenia Tiplyashina – fotolia.com

Den Inhalt eines Gesangbuchs mit der digitalen Welt zu verknüpfen, bietet viele Chancen. Eine Volltextsuche ermöglicht es, Lieder nach Stichwörtern zu durchforsten. Wer nur noch einen Choralfetzen in Erinnerung hat, findet auf diese Weise in Sekundenschnelle das komplette Lied. Auch das Summen einer Melodie kann die App verstehen – und dann nachschauen, welche Lieder genau diese Melodie verwenden.

Nützlich ist die App auch, um sich Liedgut zu erschließen. Bei einem neuen Song (oder einem alten, den man nirgends mehr hört) hilft die App, indem sie die Melodie vorspielt. Dabei lassen sich Tonhöhe und Geschwindigkeit variieren. Weiteren Nutzen gibt es für Musiker, die ganze Chorsätze finden und vom Tablet herunter mehrstimmig spielen können.

Beim gemeinsamen Singen vom Bildschirm ist vor allem an Gottesdienste im Grünen oder an Reisegruppen gedacht. So könnten christliche Touristen in Kirchen textsicher vom Smartphone aus einen Kanon schmettern. Schon heute holten manche bei Google Rat, wenn sie ohne Gesangbuch unterwegs sind, beobachtet Kirchenrat Peter.

Außerdem ist ein offenes System geplant, dem die Nutzer auch weitere elektronische Liederbücher hinzufügen können.

Landeskirchenmusikdirektor Matthias Hanke nennt das die »Entkanonisierung« des Gesangbuchs. So ließen sich etwa moderne Lobpreissongs, die gerade bei jüngeren Leuten beliebt sind, mit wenigen Klicks einbinden.

Auch eine Kooperation mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag, der zur alle zwei Jahre stattfindenden Großveranstaltung ein eigenes Liederbuch herausbringt, ist angedacht. Außerdem lässt sich die Mehrsprachigkeit geistlicher Lieder durch entsprechende Module ausbauen. Eine Anpassung des Programms an die Bedürfnisse der katholischen Kirche, die noch keine vergleichbare App besitzt, sei ebenfalls denkbar.

Als besonders heikel erweisen sich im Entwicklungsprozess Rechtsfragen. Lizenzen für Liedtexte und Notensätze müssen bei den Verlagen eingeholt werden. Bisher regeln Rahmenvereinbarungen und Pauschalverträge die kirchliche Nutzung von Liedblättern und Beamereinsätzen im Gottesdienst. Bei einer App müssen die neuen Einsatzfelder mit den Rechtevertretern verhandelt werden. Kompliziert ist zudem das Einspielen von Musikvideos, weil hier auch die Rechte der Aufführenden berührt sind, selbst wenn das Video an anderen Stellen schon öffentlich zugänglich ist.

Gratis wird die Gesangbuch-App für die Nutzer nicht. Die württembergische Kirche übernimmt zwar die Anschubfinanzierung mit rund 500 000 Euro, danach muss sich das Projekt aber selbst tragen. Aus Sicht der Macher ist das keineswegs unrealistisch. Wenn von den 22 Millionen Protestanten in Deutschland sich nur eine Million für die App entscheidet, ließe sich der Weiterbetrieb problemlos finanzieren. Bis zur württembergischen Frühjahrssynode in Stuttgart soll ein Business-Plan für die App vorliegen. Die Entwickler hoffen, spätestens bis zum 1. Advent 2018 eine marktfähige Version herausbringen zu können.

Marcus Mockler (epd)

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Ein schöner Name, der nach Hoffnung klingt

9. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Geschichte aus Sri Lanka: Premalatha schenkte ihrem Sohn Osanda das Leben, als sie dreißig war. Davor war ihr Leben ein Albtraum, dunkel und zerrissen wie das Land, in dem sie lebt und in dem sie wie durch ein Wunder einen Bürgerkrieg überstand, der ein Vierteljahrhundert lang nicht enden wollte.

Wer in ihr Gesicht schaut, entdeckt noch die Schrecken, die unauslöschbar sind. In Premalathas Erinnerungen flackern die Bilder, die Bilder des Krieges: Soldaten stürmen ihr Dorf, schießen wild in die Häuser, nehmen Flüchtende als Zielscheiben, rennen in das Haus ihrer Familie, brennen es nieder, brennen alles nieder. Ihr Vater rafft sie, rafft ihre drei Geschwister, rennt mit der Mutter zum nahen Fluss, rennt in die Fluten, flieht, flieht, hinter sich das brennende Dorf.

Das sind die letzten Bilder, an die sich Premalatha von ihrer Heimat erinnert: Der rote Schein der brennenden Hütten. Die letzten Geräusche sind das Gehämmer der Maschinengewehre, sind Schreie – und sie glaubt, darin die Schreie ihrer Freundinnen zu hören, endlos. Erst später sagt man ihr, dass Tiger-Soldaten in ihr Dorf gekommen waren, um es zu befreien, um das ganze Land zu befreien. Aber sie hört nur noch die Schreie, ist gefangen in ihren Albträumen. Nur manchmal flackert das alte Leben auf: die schöne Kindheit in ihrem Dorf auf einer Insel.

Einige Jahre später: Ein anderes Dorf, oben im Norden der Insel, die damals noch Ceylon hieß. Denesh ist ein junger, achtzehnjähriger Mann. Er sieht Soldaten, die sein Dorf stürmen, es niederbrennen, seinen Vater töten. Es sind Regierungstruppen, die sagen, sie wollten es von den Tiger-Rebellen befreien.

Wieder einige Jahre später kreuzen sich zwei Lebenswege, die sich nicht kreuzen sollten: Premalatha aus dem Süden trifft Denesh aus dem Norden, dem Tamilen-Land der Rebellen. Was nicht vorgesehen ist im historischen Drehbuch der Insel: Die beiden verlieben sich. Und Premalatha heiratet Denesh. Aus der Geschichte würde Holly- oder Bollywood ein Filmmärchen produzieren, ein modernes mit Schmerz, aber Happyend. Aber die Geschichte ist so wenig märchenhaft wie die Zeit, in der sie geschieht. Es war ein Krieg, zwei Fronten – über 25 Jahre.

Premalatha mit ihrem einzigen Sohn Osanda. Foto: Paul-Josef Raue

Premalatha mit ihrem einzigen Sohn Osanda. Foto: Paul-Josef Raue

Hätte Premalatha nicht die Kraft eines Kindes gehabt, wäre sie nach der Flucht in die Verzweiflung gestürzt. Die Familie hatte alles verloren, ihr Haus, ihre Sachen, ihre Heimat. Ihr Vater, gerade dem Krieg entkommen, stirbt wenig später an Krebs. Die Mutter kann die Kinder nicht mehr ernähren, heiratet wieder. Der neue Mann ist das Zerrbild eines Vaters: Er schlägt sie, misshandelt sie, trinkt; mehr sagt Premalatha nicht, sie senkt den Kopf. Hilflos war sie und bleibt es in der Erinnerung. Ihre Mutter schickt sie zu einer Lehrer-Familie, wo sie helfen kann und zur Schule gehen soll. Doch die neue Familie denkt nicht daran, sie zur Schule zu schicken. 15 Jahre lang putzt und kocht sie, aber lernt weder schreiben noch lesen noch rechnen. Dann bekommt die junge Premalatha Arbeit in einer Sisalfabrik und flechtet Seile, nebenbei jobbt sie in Haushalten, mal ein paar Monate, mal ein halbes Jahr – bis sie in das Haus eines Barbiers kommt. Er hat ein schönes Haus, in dem auch ein junger Mann wohnt, Denesh rufen sie ihn, der das Handwerk lernt: Haare schneiden, Bärte rasieren, das lange Haar der Frauen in Form bringen.

Die Wege kreuzen sich: Sie mögen sich, sie lieben sich, sie heiraten, mieten ein Haus und eine Garage, in der Denesh einen Frisör-Salon eröffnet. Über ihre Vergangenheit sprechen sie nicht, nicht über den Krieg, der gerade zu Ende gegangen ist, nicht über die Fronten und die verfeindeten Lager, nicht über Mord und Vernichtung und der Schrecken, den Menschen über Menschen brachten.

Sie kommen über die Runden: Mal erscheint im Salon am Tag ein Dutzend Kunden, mal ein halbes. Es reicht, um die Mieten zu bezahlen, 30 Dollar für den Salon, 21 Dollar für das Haus mit drei kleinen Räumen, einer Küche und einem Garten. Sie kommen zurecht mit den Leuten in dem Dorf, das ihre neue Heimat ist: Norden und Süden, Rebellen und Regierung, das war einmal.

Mitten im Dorf treffen sich alle in einem Haus, essen zusammen, erzählen und tratschen, basteln aus Blumen und Ästen kleine Kunstartikel, bewirten gerne Gäste. Es ist, auch ohne Facebook, ein soziales Netz, das alle auffängt. Nur die Hebamme schaut ab und an auf ihr iPhone, das für sie ein Werkzeug ist: Sie notiert sich alle Daten der Schwangeren, kontrolliert, hilft und schenkt den Frauen Sicherheit, die früh ihre Kinder bekommen.

Premalatha wird lange Zeit nicht schwanger, es ist als ob der Alb ihrer Erinnerungen kein neues Leben duldet. Erst als sie ihren 30. Geburtstag feiert, schenkt sie einem Jungen das Leben: Er bekommt einen Namen, der schön klingen soll wie ein Wunder: Osanda. »Bei den Alten«, erzählt die Hebamme, »suchte man in den Namen einen Sinn, heute soll er einfach nur gut klingen – wie Osanda mit den drei Vokalen.«

Als ob der Alb die Mutter nicht aus seinen Fängen lassen will, verharrt Premalatha in ihrer Melancholie, hadert mit dem Schicksal als verspätete Mutter und plagt sich mit ihren Gedanken: Was denken die anderen Frauen über mich, die mit 30 und wenig später schon Großmütter sind? Premalatha weint, wenigstens das kann sie wieder.

Sie fühlt sich eigentlich nicht alt, nicht zu alt: Sie will lesen und schreiben lernen, das was alle im Dorf längst beherrschen. Sie träumt von einem eigenen Haus. Sie überwindet ihre Scheu und schließt sich Frauen an, die sich regelmäßig treffen und das trainieren, was wir Selbstbewusstsein nennen: Was kann ich? Was will ich? Wie komme ich zu einem eigenen Verdienst? Und vielleicht sogar: Wer bin ich? Das Kinderhilfswerk Plan Sri Lanka organisiert die Gruppe, in der Premalatha auch lesen und schreiben lernt, ganz langsam, mit über dreißig Jahren im Gepäck des Lebens.

Eine Liebe in Zeiten eines Bürgerkrieges, der eine Generation lang tobte und Hunderttausenden das Leben kostete, eine Liebe mit ein wenig Glück, mit ein wenig Hoffnung und mit den Schatten der Erinnerung, die wie dunkle Vögel durch die Träume fliegen. Was wir nüchtern ein Trauma nennen, sind diese Vögel.

Die Frau des Friseurs hat einen Sohn geboren und gab ihm einen schönen Namen, der wie Zukunft klingt und Hoffnung.

Paul-Josef Raue

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Lasst den Sonntag in Ruhe

8. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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In Sachsen-Anhalt gibt es eine Allianz für den freien Sonntag. Arbeitgebervertreter findet man nicht darunter. Willi Wild fragte den Vizepräsidenten des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU), Friedhelm Wachs, warum das so ist:

Was halten Sie von derartigen Bündnissen?
Wachs:
Für uns Christen gilt das 3. Gebot. Es lautet: »Du sollst den Feiertag heiligen.« Im Grundgesetz steht in Artikel 140: »Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.« Es ist immer wieder sinnvoll, wenn sich Christen dieser Grundsätze vergewissern.

In einer gemeinsamen Erklärung haben der Rat der EKD und die Kath. Bischofskonferenz 1999 die Eingriffe in die Sonntagsruhe durch Arbeitszeitrecht, Ladenschlussgesetz und verkaufsoffene Sonntage kritisiert. Wie stehen Sie als Christ und Unternehmer zum Feiertagsgebot?
Wachs:
Das 3. Gebot steht unter keinem Vorbehalt, insofern gilt es für alle Christen, auch für mich als Unternehmer.

Gewerkschaften schließen sich den kirchlichen Forderungen nach dem Schutz des Sonntags an. Die Initiative für die Sonntagsruhe wird als »Anregung für die Tarifpartner« betrachtet. Wie sehen Sie das?
Wachs:
Der Kernauftrag der Kirche ist in meiner Wahrnehmung nicht, den Tarifpartnern Anregungen zu geben, sondern Gottes Wort zu verkünden und zu leben. Für uns Christen ist es wesentlich, am Sonntag mit den Mitgliedern unserer Gemeinde das Abendmahl zu feiern. Das geht nur gemeinsam. Deshalb bin ich daran interessiert, dass sich die Gemeinde versammeln kann und nicht anderweitig verhindert ist. Und meine Beobachtung ist: je attraktiver der Gottesdienst, desto voller ist die Kirche.

Lässt sich das Rad z. B. bei den Ladenöffnungszeiten überhaupt zurückdrehen und welche Folgen hätte das für Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Gesellschaft?
Wachs:
Der gesellschaftliche Konsens und die Konsensfindung der repräsentativen Demokratie bestimmen unser Zusammenleben und regeln auch diese Fragen. Keine Verfassung kann Leitentscheidungen vorgeben und eine Regel auf Dauer halten, die von einer Mehrzahl der Bürger und Parlamentarier dauerhaft nicht akzeptiert wird; das haben wir ja 1989 erlebt. Für mich beruht die Veränderung im Bereich der Ladenöffnungszeiten auf den sich verändernden Lebensvollzügen und Interessen der Menschen, sodass sich die Frage der Rücknahme der Liberalisierung für mich nicht stellt. Für die Erosion des Sonntagsschutzes ist der sinkende Anteil an Christen in der Gesellschaft das eigentliche Problem.

Öffentliches Interesse? Damit begründen Kommunen die Sonntagsöffnung. Gewerkschaften und Kirchen halten die Feiertagsruhe dagegen. Foto: Gina Sanders – stock.adobe.com

Öffentliches Interesse? Damit begründen Kommunen die Sonntagsöffnung. Gewerkschaften und Kirchen halten die Feiertagsruhe dagegen. Foto: Gina Sanders – stock.adobe.com

Einige Supermarktketten hatten am verkaufsoffenen Heiligabend-Sonntag zu. Richtig oder falsch aus Unternehmer- und aus Christensicht?
Wachs:
Ich weiß nicht, ob Christen diese Entscheidung getroffen haben und ob Glaube überhaupt eine Rolle gespielt hat. Unternehmerisch gehe ich von einer rational getroffenen Entscheidung aus. Der Nutzen für Mitarbeiterinnen und Unternehmen dürfte größer sein als die Kosten für die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs an einem halben Sonntag.

Haben wir in Deutschland zu viele Feiertage?
Wachs:
Es gibt Länder wie Japan mit weniger Feiertagen und weniger Urlaubstagen und die Menschen werden im Durchschnitt dort fast 3 Jahre älter als hier in Deutschland. Dort 83,84 Jahre und hier 81,09 Jahre. Wenn da ein Zusammenhang besteht, würde ich sagen: ja.

Was bedeutet Ihnen der Sonntag und können Sie am 7. Tag ruhen? Wie sieht ein typischer Sonntag bei Ihnen aus?
Wachs:
Ich habe drei kleine Kinder, sie prägen den Sonntag. Den Tag beginnen die Drei um 6:30 Uhr mit Malen und Spielen und Eltern wecken. Dann steht vormittags der Gottesdienst auf dem Plan und danach kommt es sehr auf die Aktivitäten an, die die Familie sich wünscht, und auf die Jahreszeit. Neben dem Austausch mit Freunden, umringt von tobenden Kindern, sitze ich in diesen kalten Tagen gern, schreibe, lese und widme mich nachdenkenswerten Fragen. Und wenn der Tag geht und die Kinder im Bett sind, dann freue ich mich auf die Arbeitswoche. Die ist meist ruhiger als mein Sonntag.

Der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in Deutschland (AEU) ist ein Netzwerk protestantischer Unternehmer und Führungskräfte. Friedhelm Wachs (Leipzig) ist Unternehmensberater und Sprecher der mitteldeutschen Arbeitsgruppe des AEU.

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Gottes Palast jenseits von Raum und Zeit

7. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Innehalten: Warum wir die Sonntagsruhe des Gebets neu entdecken können

Du brauchst einen Ort oder eine bestimmte Stunde, wenn nicht sogar einen Tag, an dem du nicht weißt, was am Morgen in der Zeitung stand, wo deine Freunde sind, was du irgendjemand schuldig bist oder was irgendjemand dir schuldig ist. Am Anfang mag es scheinen, als geschähe dort nichts. Aber wenn du einen heiligen Ort hast und von ihm regelmäßig Gebrauch machst, dann wird zur rechten Zeit das Richtige geschehen.«

Diese Gedanken stammen von Joseph Campbell, einem berühmten Mythenforscher. Er hatte jahrzehntelang die Weisheitstraditionen vieler Völker studiert und war zum Schluss gekommen, dass alle diese Kulturen Formen der Ruhe entwickelt hatten: Heilige Orte, Zeiten und Tage der Ruhe. In unserer Tradition sind es der jüdische Sabbat am Sonnabend und der christliche Sonntag. Auch für Nichtgläubige sind diese beiden Tage heute die mit Abstand beliebtesten Wochentage. Sie sind arbeitsfrei, aber meistens keine Ruhetage mehr, sondern mit Aktivitäten ausgefüllt. Die alten Völker dagegen wussten, dass Zeiten der Ruhe und Stille die beste Möglichkeit sind, um Zugang zum eigenen Seelenleben und zu Gott zu finden. Auch Jesus empfahl das seinen Aposteln, als sie in einem Meeting mit ihm zusammensaßen und ihm von ihren vielen Aktivitäten, »von allem, was sie getan und gelehrt hatten« berichteten. »Sie kamen und gingen und hatten nicht einmal Zeit genug zum Essen«, so beschäftigt waren sie. Jesu wunderbarer Rat an sie lautete: »Geht allein an einen einsamen Ort und ruht euch ein wenig aus.« (Markus 6,30–31)

Das ist der perfekte Sonntagstipp, um Körper, Geist und Seele zu regenerieren. Wir könnten Sabbat und Sonntag wieder als leere Räume der Ruhe und Stille entdecken, in denen nichts passiert, damit »zur rechten Zeit das Richtige geschehen kann.« Wir wissen, dass Jesus selbst sich regelmäßig allein »an einen einsamen Platz« zurückzog, um zu beten (Markus 1,35).

Er balancierte die Pole Kontemplation und Aktion aus. Das ist heute wichtiger denn je. Leere, reizarme Räume und Ruhezeiten entlasten unseren Geist, der heutzutage ständig gefordert wird und permanent hochtourig fahren muss.

Sonnenuntergang: Ruhige Orte, ereignislose Momente helfen uns, nichts als den gegewärtigen Augenblick wahrzunehmen. Foto: Ivan – fotolia.com

Sonnenuntergang: Ruhige Orte, ereignislose Momente helfen uns, nichts als den gegewärtigen Augenblick wahrzunehmen. Foto: Ivan – fotolia.com

Neurowissenschaftler haben längst nachgewiesen, dass es die langsamen Delta-Gehirnwellen sind, bei denen sich unser Gehirn erholt und alle körperlichen und seelischen Regenerationsprozesse stattfinden. Diese Deltawellen erleben wir nur im Tiefschlaf – und im kontemplativen Gebet. Wer sich in das Gebet der Herzensruhe versenkt, gelangt nach und nach an den inneren stillen Punkt im Bewusstsein, der der Sabbatruhe Gottes am siebten Schöpfungstag entspricht. Hier wird »die Seele still zu Gott« (Psalm 62,2). Das Bewusstsein lässt alle Bitten, Wünsche und Gedanken los und taucht in die Ruhe des Göttlichen ein. Das ist die Sonntagsruhe des Gebets. Hier werden wir frei von unserer üblichen Bindung an Raum und Zeit, die uns beherrscht. Der integrale Philosoph Jean Gebser nannte das die Raum- und Zeitfreiheit oder das Feld des absoluten Geistes. Jesus nannte es »das Reich Gottes«.

52 Sonntage im Jahr erinnern uns daran, aus der Stille heraus immer wieder den Palast Gottes jenseits von Raum und Zeit zu suchen. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, wo dieser äußere Startpunkt liegt. Er muss vor allem für einen selbst passen. Der Theologe und Philosoph Ralph Waldo Emerson empfahl darum: »Denk für dich selbst – und alle Orte sind freundlich und heilig«. Freundlich, heilig, das kann eine ruhige Ecke in der Wohnung sein, die stille Kirche oder eine leere Parkbank, die auf uns wartet. Ruhige Orte und ereignislose Momente helfen uns, nichts als den gegenwärtigen Augenblick wahrzunehmen. Christen sprechen vom »Sakrament des Augenblicks«, denn in Gottes Gegenwart eintauchen können wir nur, wenn wir ganz gegenwärtig sind. Es genügt also, dem gegenwärtigen Augenblick in der Stille die Treue zu halten. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt hinüber zu Gottes Palast jenseits von Raum und Zeit – in das Reich Gottes, das, wie uns Jesus versichert, mitten in und unter uns ist.

Marion Küstenmacher

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Epiphanias: Das Leben feiern

6. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Unser Glaubenskurs widmet sich den kirchlichen Festen und zeigt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

Der Epiphanias-Tag ist einer der ältesten Feiertage der Christenheit. Vielleicht sogar der älteste überhaupt. Vor allem aber ist er der ursprüngliche Weihnachtstag. Ja, in der frühen Kirche wurde vor allem in Ägypten der 6. Januar als Geburtsfest Jesu gefeiert, weil man dort der großen Feier zur Ankunft der von einer Jungfrau geborenen Gottheit Aion etwas entgegensetzen wollte. Für die ägyptischen Christen war schließlich klar: Der wahre Herrscher über Zeit und Ewigkeit ist Jesus Christus, nicht Aion.

Als sich in der Kirche im Lauf der Zeit dann doch der 25. Dezember als Geburtstag Jesu durchsetzte, musste der Epiphanias-Tag verständlicherweise neu legitimiert werden. So wurde er unter anderem zum Feiertag für die Taufe Jesu, zum Fest seines ersten Wunders bei der Hochzeit zu Kana – und schließlich zum Tag der »Heiligen Drei Könige«. Drei Anlässe, die inhaltlich alle passten – schließlich heißt Epiphanias übersetzt »Erscheinung des Herrn«, also Gott, bzw. das Göttliche offenbart sich. Trotzdem setzten sich die weitgereisten Gabenbringer aus dem Orient als Hauptmotiv durch.

Dazu muss man allerdings kurz erwähnen, dass die Bibel gar nicht von »Drei heiligen Königen« spricht. Um ehrlich zu sein: Es sind weder drei, noch sind sie heilig, noch sind es Könige. Das Matthäusevangelium berichtet einfach von einer Gruppe von Sterndeutern, ob das 2 oder 20 waren, bleibt offen.

Für die junge Christenheit aber wurde diese Gelehrtenschar zum Symbol: Wer den König Jesus anbetet und beschenkt, der muss selbst königliches Blut haben – und weil man damals nur drei Kontinente kannte (Europa, Asien, Afrika) lag es nahe, dass jeder dieser Kontinente einen Vertreter geschickt hatte. So wurde einer der drei jetzt gekrönten Besucher auch kurzerhand zu einem dunkelhäutigen Afrikaner gemacht. Um zu zeigen: Schon im Stall betete die ganze Welt den Sohn Gottes an.

Dass man in Deutschland dem Epiphanias-Fest schon lange eine besondere Bedeutung beimisst, hat aber noch einen anderen Grund: Im Jahr 1164 ließ Kaiser Barbarossa nämlich nach einer Schlacht die Gebeine der »Heiligen Drei Könige« als Geschenk an den Kölner Erzbischof Rainald von Dassel überführen. Seither ruhen sie im Kölner Dom in einem edlen Schrein – und gehören quasi zum deutschen Kulturgut.

Die eigentliche Bedeutung des Epiphanias-Tags liegt aber in dem, worauf er aufmerksam machen möchte. Und das sind vor allem drei wesentliche Botschaften:

1. Gott erscheint! – Der Name »Epiphanias« ist also Programm: Dass der Schöpfer des Himmels und der Erde sich auf den Weg zu den Menschen macht, gehört zum Kostbarsten, was im Christentum gefeiert wird. Denn: Es gibt viele Religionen, bei denen sich Menschen auf den Weg zu einer Gottheit machen sollen, der christliche Gott aber ist sich nicht zu schade, selbst aufzubrechen. Und die liebevolle Botschaft »Gott ist an dir interessiert« stärkt Glaubende seit Jahrtausenden.

2. Gott verdient Anbetung! – Die passende Reaktion auf das »Hinunterneigen Gottes« (nebenbei: Das altdeutsche Wort für »Hinunterneigen« heißt Gnade) ist, wie es die »Heiligen Drei Könige« zeigen, die Anbetung. Und damit sind weniger bestimmte spirituelle Praktiken gemeint, als eine Lebenseinstellung: Wer sich immer neu bewusst macht, dass Gott bei ihm ist, der lebt anders. Der wird automatisch anfangen, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen. Und diese Haltung wird dann auch sein Handeln prägen.

3. Gott regiert die ganze Welt! – Dass sich in den »Heiligen Drei Königen« stellvertretend alle Völker an der Krippe versammeln, steht für den universellen Anspruch Gottes bzw. Jesu Christi. Darum ist es auch so wichtig, dass die »Heiligen Drei Könige« keine Juden sind – und auch nicht sofort zu Christen werden. Ihre Botschaft lautet: Da, wo die Gegenwart Gottes in der Welt sichtbar wird, da werden selbst heidnische Wissenschaftler spüren, dass hier etwas Himmlisches passiert.

Wer sich auf den Epiphanias-Tag einlässt, der entdeckt, dass das Christentum von Anfang an auf Beziehung angelegt ist: Gott sucht die Beziehung mit den Menschen. Und am 6. Januar steht diese »Offenbarung« noch einmal im Mittelpunkt.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist.

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Zwischen allen Stühlen: Christen im Heiligen Land

1. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Bethlehem – auch zu diesem Weihnachtsfest ist die Geburtsstadt Jesu von Nazareth weltweit in aller christlicher Munde. Jeder weiß, dass der Erlöser dort geboren wurde und sich ein Welten bewegendes Ereignis zwischen Himmel und Erde abgespielt hat. Aber kaum einer weiß, wie es den Christen dort heute geht.

Beim Blick auf das von Israelis und Palästinensern bewohnte Heilige Land werden oft nur zwei Parteien wahrgenommen: Juden und Muslime. Doch seit Anbeginn leben in diesem Geburtsland des Christentums auch Christen – palästinensische Christen. Heute beläuft sich ihre Zahl auf rund 170 000, aufgeteilt auf zahlreiche Denominationen – diesseits und jenseits der Grünen Linie zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten.

Obwohl Christen nur einen Anteil von etwa einem Prozent an der palästinensischen Gesellschaft haben, ist ihre Bedeutung groß. Nicht nur, dass sie zentrale heilige Stätten in Bethlehem oder Jerusalem pflegen. Auch bekleiden sie oft hohe Ämter in der palästinensischen Regierung und prägen einen Teil der Kultur. Prominente Palästinenser, wie der Autor und Musiker Edward Said oder der Maler Sliman Mansour, sind Christen. Ein Drittel der Krankenversorgung in Palästina leisten christliche Einrichtungen.

Doch die Christen sitzen zwischen allen Stühlen, wie der Autor und Pilgerführer Johannes Zang in seinem Buch »Begegnungen mit Christen im Heiligen Land« schreibt. Obwohl sie so viele Kirchen betreiben und so viele Pilger ins Land locken, werden die Christen kaum geachtet. Von Israel werden sie als Palästinenser behandelt – und allzuoft benachteiligt. Und von der muslimischen Mehrheitsgesellschaft werden sie in den vergangenen Jahren auch zunehmend kritischer beäugt, es kommt immer wieder zu Gewaltausbrüchen.

Die Christenheit im Heiligen Land sei vielfach verwundet, schreibt Zang und kritisiert vor allem die beschwerliche Lage der Palästinenser infolge der mittlerweile 50 Jahre andauernden israelischen Militärbesatzung. »Da ist die sichtbare, blutige Besatzung und der blutige Kampf gegen sie – mit Toten und Verletzten, seelischen und körperlichen Krüppeln. Da ist die sichtbare, unblutige Besatzung – mit Kontrollpunkten und Straßensperren aller Art, mit Landenteignung und dem System der Passierscheine. Zum Dritten gibt es die weitgehend unblutige Besatzung – dazu gehören das Zurückhalten von Steuereinnahmen, die Lähmung des Bankenverkehrs (…).« Auch Bethlehem ächzt unter der Besatzung. Der lutherische Pfarrer von Jesu Geburtsstadt, Mitri Raheb, sagt: »Bethlehem, die Wiege der Christenheit, ist zu einem großen Gefängnis geworden.«

Zang, Johannes: Begegnungen mit Christen im Heiligen Land. Ihre Geschichte und ihr Alltag, Echter Verlag 2017, 144 Seiten, 14,90 Euro

Zang, Johannes: Begegnungen mit Christen im Heiligen Land. Ihre Geschichte und ihr Alltag, Echter Verlag 2017, 144 Seiten, 14,90 Euro

Trotzdem bietet die Begegnung mit Christen im Heiligen Land eine große Chance. Von ihnen kann der Pilger einen differenzierten Blick auf die Geschichte und Gegenwart des Landes gewinnen. In ihren Gottesdiensten lebt zum Teil die Tradition der Urchristen weiter. Und in christlichen Einrichtungen, wie dem Begegnungszentrum in Bethlehem, kann man etwas über die spannende kulturelle Prägung palästinensischer Christen erfahren.

Johannes Zang hat einen ungemein aufschlussreichen Reiseführer der anderen Art geschrieben. Hier finden sich zahlreiche »Geheimtipps« für christliche Pilger – Orte und Begegnungsmöglichkeiten jenseits der bekannten Touristenpfade. Insbesondere Reiseleiter sowie Interessierte, die einen neuen Blick auf das Heilige Land werfen möchten, werden von diesem Buch profitieren.

Stefan Seidel

Zang, Johannes: Begegnungen mit Christen im Heiligen Land. Ihre Geschichte und ihr Alltag, Echter Verlag 2017, 144 Seiten, 14,90 Euro

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Der ewigen Dürre trotzen

1. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Wassernotstand: Die Region nördlich und östlich des Mount Kenya ist durch große Trockenheit geprägt. Viele Frauen verbringen mehrere Stunden am Tag damit, Wasser aus weit entfernten Quellen zu holen. Der Entwicklungsdienst der Anglikanischen Kirche verschafft den Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser – und setzt dabei auch auf unkonven­tionelle Methoden.

Mit verschränkten Armen steht Agnes Irima vor der Wasserstelle und schaut zu, wie das klare Wasser aus dem Hahn in ihren gelben Kanister sprudelt. Seitdem der Entwicklungsdienst der Anglikanischen Kirche in Kenia (Anglican Development Service, ADS) mit Unterstützung von Brot für die Welt in ihrem Dorf Gichunguri eine zuverlässige Versorgung mit Trinkwasser aufgebaut hat, braucht die 44-Jährige sich nicht mehr zu sorgen. »Früher hatte ich immer Angst, zu wenig Wasser für meine Familie zu haben.«

Ideenreich: Mit einer Rinne um einen Felsen und einen Tank sammeln Agnes Irima und die Dorfbewohner von Gichunguri am Mount Kenia Regenwasser. So haben sie auch in Dürrezeiten Trinkwasser. Fotos: Jörg Böthling/Brot für die Welt

Ideenreich: Mit einer Rinne um einen Felsen und einen Tank sammeln Agnes Irima und die Dorfbewohner von Gichunguri am Mount Kenia Regenwasser. So haben sie auch in Dürrezeiten Trinkwasser. Fotos: Jörg Böthling/Brot für die Welt

Um einen Felsen in der Größe eines Mehrfamilienhauses am Berghang hat eine lokale Baufirma aus Steinen eine Rinne gemauert. Bei Regen leitet diese das Wasser, das auf die Oberfläche prasselt, in einen Behälter aus Beton, in dem sich Sand und Steine absetzen. Von da aus fließt es in einen 75 Kubikmetergroßen Tank. Dieser speist die Wasserstelle am Fuße des Berges, an der Agnes Irima und die anderen Dorfbewohnerinnen jeden Morgen ihr Wasser holen. Nur wenige Tage Regen genügen, um den großen Tank zu füllen.

Tägliches Energiegetränk

Der Tank liegt nur ein paar hundert Meter von Agnes Irimas Haus entfernt. Früher musste sie fast sieben Kilometer weit laufen, um an Wasser zu kommen. Fünf Stunden am Tag war die Kleinbäuerin damals mit der Beschaffung des Wassers beschäftigt.

Zusammen mit anderen Frauen aus dem Dorf machte sie sich morgens um drei Uhr auf den Weg. Immer hatten sie Angst, nach dem anstrengenden Marsch kein Wasser mehr vorzufinden. Außerhalb der Regenzeit sind viele Flüsse am Mount Kenya ausgetrocknet. Die Menschen graben dann Löcher in das Flussbett, in denen Wasser zusammenläuft. »Ich musste es mühsam mit einer Schöpfkelle herausholen«, so Irima.

Doch das war nicht das einzige Problem: Das Wasser in diesen Löchern ist schmutzig, unter anderem, weil sich auch Tiere an ihnen bedienen. »Wir hatten Probleme mit Würmern, erkrankten an der Amöbenruhr, besonders die Kinder litten häufig an Durchfall«, erinnert sie sich.

Mehr als dreißig Liter Wasser konnte Agnes Irima nicht transportieren. Damit musste die Großfamilie einen Tag lang auskommen – das Waschen von Geschirr und Wäsche inklusive. Alle tranken zu wenig, hatten Kopfschmerzen und fühlten sich schwach. Heute trinken Agnes Irima und ihre Familie mindestens doppelt so viel. Nicht dass sie Wasser im Überfluss hätten. Für jeden Kanister bezahlen sie umgerechnet fünfzig Eurocent. So werden Instandhaltung und Ausbau der Wasserversorgung finanziert. Trotzdem ist immer genug da. »Wir fühlen uns gesund und kräftig, und die Kinder kommen gut in der Schule mit«, sagt Irima.

Seitdem sie sich nicht mehr die Hälfte des Tages um die Beschaffung von Wasser kümmern muss, hat Agnes Irima mehr Zeit für die Landwirtschaft. Auf ihrem kleinen Stück Land baut die Familie Mais, Gemüse und Obst an. Fast alles verbrauchen sie selbst.

Mehr Zeit für die Landwirtschaft

In der letzten Regenzeit von Oktober bis Dezember hat es jedoch nur wenige Tage geregnet. Die Maisernte fällt daher für die meisten Bauern aus. Dürrekatastrophen treten aufgrund des Klimawandels immer häufiger auf. Damit das Trinkwassersystem trotzdem genug für alle Dorfbewohner bereitstellt, baut ADS gerade zwei weitere Tanks. Wenn diese fertig sind, soll auch die Dorfschule sich daraus versorgen können. Zurzeit müssen die Schülerinnen und Schüler mit zwei Bechern Wasser pro Tag auskommen.

Agnes freut sich darüber, auch wegen ihrer Enkelin Peace Celille: »Ich bin sehr glücklich, dass meine Enkelin es besser hat.« Den täglichen Gang mit dem Kanister zur Wasserstelle nimmt sie dafür gerne in Kauf. Zumal er jetzt nur noch wenige Minuten dauert.

Klaus Sieg

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