»Kirchen sind die Seelen des Ortes«

30. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Sudetenland: Für viele der ehemals vertriebenen Deutschen sind die Kirchen im deutsch-tschechischen Grenzgebiet ein Herzensanliegen. Doch es gibt auch Tschechen, die die alten Gotteshäuser erhalten wollen – als Beitrag zur Heimatpflege.

Als Alois Ehrl die Kirche von Hamry nach vielen Jahrzehnten wiedersah, stand es schlimm um sie: Katholisch war fast niemand mehr in dem Örtchen im Böhmerwald in Tschechien, die Kirche war einsturzgefährdet, so lange war sie vernachlässigt worden.

Ehrl ist katholischer Pfarrer im Ruhestand, er wurde 1945 in Hamry geboren – kurz vor der Vertreibung der Deutschen aus den einstigen Sudetengebieten. Danach lebte er mit seinen Eltern in der Gegend von Nürnberg. Als der Eiserne Vorhang fiel und er endlich wieder zurückreiste in seinen Geburtsort, setzte es sich Ehrl zum Ziel, die dortige Kirche zu retten.

Was seither passiert ist, gleicht einem Wunder: Die Kirche ist renoviert, der Ort wächst und gedeiht, und rund um den zentralen Platz sind inzwischen alle Häuser herausgeputzt. »Auch in einer säkularen Umgebung, wo es nur wenige Christen gibt, ist die Kirche so etwas wie die Seele eines Orts«, sagt Alois Ehrl. »Das darf man nicht unterschätzen.«

Im tschechischen Grenzgebiet, aus dem die Sudetendeutschen vertrieben wurden, gibt es Hunderte alter Kirchen, Kapellen und Friedhöfe – und nicht in allen Fällen gibt es ein Happy End wie in Hamry. Viele Sakraldenkmäler müssten dringend saniert werden, aber es kümmert sich niemand darum. Tschechien ist ein wenig religiöses Land: Bei der letzten Volkszählung von 2011 bekannten sich nur knapp zwölf Prozent zu einer christlichen Kirche, die meisten von ihnen zur römisch-katholischen.

Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet gibt es eine Unzahl an Kirchen und Kapellen. Immer mehr präsentieren sich im schmucken Glanz, wie die Kapelle Schenkenhan bei Bad Wurzelsdorf/Kořenov im Isergebirge. Foto: fotolia/LianeM

Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet gibt es eine Unzahl an Kirchen und Kapellen. Immer mehr präsentieren sich im schmucken Glanz, wie die Kapelle Schenkenhan bei Bad Wurzelsdorf/Kořenov im Isergebirge. Foto: fotolia/LianeM

»Der Blick auf das Grenzland ändert sich aber derzeit radikal«, sagt Jakub Ded, Vorsitzender des tschechischen Denkmalpflege-Vereins Omnium: »Lange haben die Tschechen die alten Denkmäler für ein Problem der Deutschen gehalten. Jetzt nehmen sie sich der Aufgaben selbst an.«

Tatsächlich haben noch in den 90er Jahren vor allem Sudetendeutsche die Kirchen renoviert. Es waren Leute wie Alois Ehrl, der mit einem Verein namens »Glaube und Heimat« viele Millionen Spendengelder sammelte und damit die heruntergekommenen Denkmäler rettete.
Heute sind es vor allem Initiativen von Tschechen, die solche Kirchen erhalten wollen – nicht wegen ihrer religiösen Bedeutung, sondern ganz säkular als Beitrag zur Heimatpflege. »Die Menschen, die nach der Vertreibung der Sudetendeutschen in der Region angesiedelt worden sind, hatten lange keine Wurzeln geschlagen«, sagt Jakub Ded.

Das ändere sich jetzt: »Man sagt immer so schön, dass die Menschen einen Ort als ›ihren Ort‹ wahrnehmen, sobald sie dort jemanden auf dem Friedhof begraben haben. Genau darin lag lange Jahre das Problem: Wir brauchen erst die zweite, dritte Generation, bis sich jemand der Denkmäler annimmt.« Das sei nun der Fall – genau in dem Moment, in dem jene Generation von Sudetendeutschen allmählich stirbt, die die Vertreibung noch selbst erlebt hat.

Neu sind indes die Verwendungen für die Gotteshäuser, die nicht mehr zu einer intakten Gemeinde gehören: In Cesky Krumlov etwa wurde ein altes Kloster zur Heimat eines Theater-Ensembles, das dort probt und Aufführungen anbietet – ein seltenes Beispiel für eine gelungene Nutzung.

»Alle Initiativen versuchen ansonsten im Wesentlichen das Gleiche«, bilanziert Jakub Ded: »Einmal pro Jahr veranstalten sie einen großen Gottesdienst, ansonsten Konzerte und Ausstellungen. Das ist ein wenig problematisch: Wir wissen inzwischen, wie man Kirchen renoviert und auch, wo man Geld dafür bekommt – aber wir wissen nicht, wie man sie danach verwendet.« Denn trotz solcher Programmpunkte blieben die Gotteshäuser eben doch die längste Zeit des Jahres ungenutzt und verschlossen.

Eine besondere Bedeutung wächst den Kirchen trotz aller Probleme zu: Sie würden zu einem Ort des deutsch-tschechischen Austauschs – und der sei gerade im einstigen Sudetengebiet von großer Bedeutung, sagt Zuzana Finger. Sie ist Denkmalpflegerin bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Für die Sudetendeutschen seien die Kirchen oft ein Herzensanliegen, weil sie das einzige Erinnerungszeichen an das untergegangene Gemeindeleben seien.

»Aber aus der ursprünglich nostalgischen Beziehung sind inzwischen Projektpartnerschaften entstanden: Die Tschechen und die Deutschen arbeiten zusammen. Darüber bleiben beide Seiten auch lange nach der Renovierung miteinander verbunden – es entsteht etwas Neues, das es vorher nicht gab«, sagt sie.

Das spürt auch Alois Ehrl immer wieder, der die Renovierung der Kirche in seinem Heimatort Hamry initiiert hatte. Nicht nur, dass die herausgeputzte Kirche das ganze Dorf aufwerte und die Renovierung von Nachbarhäusern zur Folge gehabt habe – »wir haben im Mikrokosmos des kleinen Böhmerwald-Ortes etwas ausgelöst«, ist er sich sicher. Die Tschechen grillen für die früheren deutschen Bewohner, sie feiern gemeinsam Feste. Ehrls Bilanz: »Die Kirche ist ein gutes Medium, um etwas Positives anzustoßen in der Verständigung von zwei Nachbarvölkern.«

Kilian Kirchgeßner

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»Der Psalm ist der Rollator meines hinkenden Glaubens«

30. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Über die Würde und die Schönheit des Glaubens, über Zweifel, falsche Sicherheiten und den Umgang mit Traditionen – ein Gespräch mit Fulbert Steffensky. Die Fortsetzung lesen Sie in der nächsten Ausgabe der Kirchenzeitung.

Herr Steffensky, Religion, so zeigen verschiedene Studien, habe immer weniger Bedeutung bei den Menschen, die Entkirchlichung nehme zu und die Botschaft des Christentums wird nicht mehr weitergegeben. Wie nehmen Sie das wahr?
Steffensky:
Das ist nicht zu bezweifeln. Man sieht es in der eigenen Familie, in den Schulen, bei den Studierenden, auch bei den Theologiestudierenden. Nicht nur das Wissen über Religion ist geringer, auch die Ausübung von Religion, die Praxis und die Bräuche.

Dr. Fulbert Steffensky studierte katholische und evangelische Theologie. Er war 13 Jahre Benediktinermönch in der Abtei Maria Laach und konvertierte 1969 zum Protestantismus. Bis zu seiner Emeretierung lehrte er als Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg.  1968 war er mit Dorothee Sölle, seiner späteren Ehefrau, ein Mitbegründer des Politischen Nachtgebets, das anschließend fester Bestandteil der Kirchentage wurde. Fulbert Steffensky lebt heute in der Schweiz. Foto: epd-bild

Dr. Fulbert Steffensky studierte katholische und evangelische Theologie. Er war 13 Jahre Benediktinermönch in der Abtei Maria Laach und konvertierte 1969 zum Protestantismus. Bis zu seiner Emeretierung lehrte er als Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. 1968 war er mit Dorothee Sölle, seiner späteren Ehefrau, ein Mitbegründer des Politischen Nachtgebets, das anschließend fester Bestandteil der Kirchentage wurde. Fulbert Steffensky lebt heute in der Schweiz. Foto: epd-bild

Ich glaube, dass sich Religion auf Dauer nur hält, wenn sie eine ausgeübte Religion ist. Früher hatte man die Losungen, das Abend- und Morgengebet, das Tischgebet und selbstverständlich den Sonntagsgottesdienst. Wenn von Religion nur noch etwas blass Gedachtes bleibt, dann ist sie natürlich bedroht.

Seit Generationen gaben Menschen ihren Glauben an die Kinder weiter, es war eine Selbstverständlichkeit.
Steffensky:
Es war ein Horizont von stummen Selbstverständlichkeiten. Man zieht sonntags andere Kleider an, geht in die Kirche, man fastet in der Fastenzeit, man heiratet nicht im Advent und was es sonst noch alles gab. Es war ein Horizont von unhinterfragten Traditionen.

Warum wenden sich Menschen ab? Tun sie dies bewusst oder sind Religion und Glaube einfach kein Thema mehr? Empfinden sie das als Befreiung oder wenden sie sich ab, weil Druck und Kontrolle nicht mehr vorhanden sind?
Steffensky:
Zunächst einmal sind der Druck und die Kontrolle nicht mehr da. Es ist ein Stück Freiheit; ich kann gehen. Ich kann auch bleiben; auch das gehört zur Freiheit. Es gibt auch eine Mode, die Grundfragen an das Leben nicht mehr zu stellen. Das halte ich schon für eine Verarmung. Man kann dieser Mode heute straflos folgen. Früher war es fast undenkbar, nicht gläubig zu sein. Es gibt den ernsthaften Atheismus, den ich schätze, auch das sind meine Geschwister im Glauben und im Unglauben. Aber es gibt auch die Mode, diesen Gewohnheitsatheismus.

Die Menschen fragen sich, was bringt mir das, was bringt mir Glaube und Kirche für mein Leben?
Steffensky:
Da haben wir in unseren eigenen Traditionen etwas versäumt. Wir haben immer gesagt, das musst du glauben, das ist der richtige Glaube und der Zweifel ist ausgeschlossen. Wir haben aber vergessen – und das ist für mich immer mehr ein Thema geworden – wir haben vergessen, die Würde und die Schönheit des Glaubens zu explizieren. Ich glaube, dass man auf Dauer nur etwas glauben kann, was man schön und charmant findet. Und das haben wir verpasst. Es gab das Muss des Glaubens, das Verbot des Zweifels und man hat sich von den eigenen Schätzen selber entfernt. Man hatte die Nüsse, aber man hatte nicht die Erlaubnis sie zu knacken.

Welche »Nüsse« müssen »geknackt« werden?
Steffensky:
Zum Beispiel: Was heißt Gnade? Ich muss mich nicht in der eigenen Hand bergen. Wenn ich über Gnade rede, beginne ich gerne mit einem Gedicht von Gabriela Mistral: Wenn du mich anblickst, werd’ ich schön, schön wie das Riedgras unterm Tau, usw. Das ist ein Liebesgedicht. Damit lässt sich aufschlüsseln, dass Gnade ein Würde- und ein Schönheitsbegriff ist. Oder was heißt Schuld? Wir kennen aus unserer Tradition diese merkwürdige Schuldverstrickung, die Benommenheit durch die eigene Schuld, das Sündenverständnis, das auf falsche Gebiete gelenkt wurde. Aber Schuld heißt doch eigentlich, dass ich mich als Subjekt meines eigenen Handelns verstehe.

Dass sich Menschen abwenden – liegt es nicht auch daran, weil sie nicht mehr verstehen und nachvollziehen können, was von den Kanzeln gepredigt wird?
Steffensky:
Da, wo Denken und Aufklärung verboten sind, können auch die Botschaften gar nicht geglaubt werden oder sie werden als völlig uninteressant abgetan. Es soll mir jemand erklären, was schön ist an dieser Tradition und es soll mir jemand die Schwierigkeiten dieser Tradition erklären, die Unmöglichkeiten dieser Tradition, die Unmöglichkeit eines Gottesbildes. Vielleicht stoßen wir dann zur Möglichkeit.

Es stimmt schon, dass wir uns selber wenig glaubhaft machen, wo wir die Schwierigkeiten des Glaubens nicht benennen. Es ist doch nicht selbstverständlich, dass man an die Güte Gottes oder die Schöpfung glaubt.

Wir müssen den Einspruch ertragen, der sich gegen den eigenen Glauben erhebt.
Steffensky:
Wir haben in der Theologie eine Systematik versucht, in der es keine offenen Fragen gibt. Es gab keine Fragen, aber einen Wust von Antworten, die in sich selbst unglaubwürdig waren. Es war kein gegen den Zweifel eroberter Glaube, sondern in der Systematik ein vorhandener Glaube. Das wird der Sache nicht gerecht.

Sie sagen, Mission ist die Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzeptes und für die Schönheit des christlichen Glaubens. Dazu gehört auch, sich den Zweifeln, Einsprüchen und Fragen zu stellen.
Steffensky:
Man kann ja Antworten versuchen. Nur müssen wir unsere Antworten immer als vorläufige Versuche sehen und nicht als feste Formulierungen, die sich dann in einem Glaubensbekenntnis manifestieren.

Wie verpflichtend sind Glaubensbekenntnisse?
Steffensky:
Glaubensbekenntnisse sind wie ein Paar Schuhe, die gemacht sind, damit sie der ganzen Familie passen sollen. Nie passen sie den einzelnen richtig. Mir passt auch ein Gottesdienst nie ganz. Warum sollte er auch? Ich bin doch nicht alleine in der Welt. Ich finde es eine solche bürgerliche Enge, wenn jemand sagt, ich gehe nur zu diesem Pfarrer oder nur dahin, wo meine Lieder gesungen werden.

Wie wichtig sind Ihnen Traditionen?
Steffensky:
Mir werden die Traditionen immer wichtiger. Mir ist es wichtig, in den Schuhen meiner Väter und meiner Mütter zu gehen. Mir wird es wichtiger, weil ich mit meinem eigenen Glauben alleine nicht auskomme.

Die Psalmen werden mir wichtiger, weil sie mich davon befreien, worthaft zu sein. Der Psalm ist der Rollator meines hinkenden Glaubens. Ich muss nicht Meister meiner selbst sein, nicht Meister meines ganzen Glaubens.

Darum liebe und brauche ich die Traditionen, die genetzt sind mit den Tränen und Jubelrufen derer, die vor mir waren.

Heißt das, ich kann nur glauben, wenn ich meinen kritischen Geist ausschalte?
Steffensky:
Wenn ich meinen kritischen Geist ausschalte, dann bin ich dumm, ob ich glaube oder nicht. Es gibt schon Stellen, wo ich meinen Geist ausschalte. Zum Beispiel in der Liebe. Ich kann mich nicht jedes Mal fragen, ist dieser Kuss echt oder nicht. Sondern ich sage Ja. Ich kann mir auch nicht bei jedem Gebet über die Schulter schauen und mich fragen, ist das richtig oder nicht. Wenn ich eine Kerze aufstelle, kann ich mir nicht dabei überlegen, welcher Unsinn schon damit betrieben wurde.

Manchmal muss mein kritischer Geist auch das Maul halten. Der kritische Geist darf nicht verboten werden und er darf nicht triumphieren.

Das Gespräch führten Wolfgang Noack und Rainer Brandt.

Teil 2 in der nächsten Ausgabe

»Ich fühle mich nicht als Opfer«

30. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Ernst Fauer, Jahrgang 1934, hält ein Papier in Händen, die Kopie eines Schreibens aus dem Jahr 1955, adressiert an den Rat des Bezirkes, Abteilung Volksbildung. Dieses Schriftstück aus seiner Personalakte belegt die Diskriminierung des christlichen Lehrers in der DDR. Obwohl dieses Papier seine gewünschte Qualifizierung zum Oberstufenlehrer verhindert, sagt Fauer: »Ich fühle mich nicht als Opfer der DDR-Diktatur.« Von der Existenz dieses Schreibens erfährt er erst nach der Wende.

Ernst Fauer wächst in einem christlichen Elternhaus auf. Das heißt seine Eltern gehören der Kirche an, er und seine Geschwister sind getauft und konfirmiert. Aber außer zu Weihnachten pflegt die Familie keine Kontakte zur Kirche. Dass der Jugendliche zu einem bewussten, bekennenden Christen wird, verdankt er dem Konfirmandenunterricht, genauer: dem Pfarrer. »Er hat es fertiggebracht, uns Jesus nahezubringen.« Auf die Konfirmandenprüfung bereitet er sich so sorgfältig vor wie auf eine Schulprüfung. 1949 wird er gemeinsam mit 418 (!) anderen Alterskameraden konfirmiert. Durch Junge Gemeinde, Evangelisationen und Rüstzeiten wächst der junge Mann in das Christsein hinein.

Engagiert: Bis heute ist der 83-jährige Ernst Fauer in der Kirchengemeinde Apolda aktiv. Vor sechs Jahren sang er zusammen mit seinem Enkel im Chor beim Musical »Jesus« in der Lutherkirche. Foto (2): Sabine Kuschel

Engagiert: Bis heute ist der 83-jährige Ernst Fauer in der Kirchengemeinde Apolda aktiv. Vor sechs Jahren sang er zusammen mit seinem Enkel im Chor beim Musical »Jesus« in der Lutherkirche. Foto (2): Sabine Kuschel

Er trägt das Kreuz auf der Weltkugel an der Jacke – in den 1950er-Jahren ein Bekenntnis, das den Trägern oft Nachteile einbrachte. Von der achten bis zur 12. Klasse nehmen die Jugendlichen jeden Tag vor Unterrichtsbeginn an einer teilweise selbst gestalteten Morgenandacht in der Sakristei der Lutherkirche in Apolda teil. Danach fühlen sie sich gestärkt für die »Schikanen«, die in der Schule auf sie warten. Schwierigkeiten bereitet ihm, im Fach Gegenwartskunde, also Marxismus-Leninismus, die gewünschten Antworten zu geben. Immerhin schafft er eine Zwei. Seine Interessen: Mathematik, Physik, Chemie und Technik. »Ich wollte Lehrer werden, da ich der Meinung war, es sei jetzt besonders wichtig, dass christliche Lehrer im Schuldienst tätig sind als Gegengewicht zu den Marxisten.« Es herrscht Lehrermangel. Fauer studiert am Pädagogischen Institut Halle mit dem Ziel, Lehrer für die Klassen 5 bis 10 zu werden.

Mit dem Kreuz auf der Weltkugel geben sich Christen als solche nicht nur in ihrer atheistischen Umgebung zu erkennen, sondern auch untereinander. So fällt Ernst Fauer am Lehrerinstitut in Halle einer Studentin auf, die ebenfalls dieses Zeichen trägt. Sie wird 1957 seine Frau. Die diamantene Hochzeit Ende vorigen Jahres konnte das Ehepaar leider nicht gemeinsam feiern, da seine Frau kurz vorher gestorben ist.

Das Studium schließen in seinem Jahrgang zwei Studenten »mit Auszeichnung« ab, er sowie ein Kommilitone aus der Parallelgruppe. Im Gegensatz zu ihm ist er Mitglied der FDJ und SED und bekommt eine Assistentenstelle an einer Hochschule. Fauer hingegen wird auf eine kleine Dorfschule in Brandenburg geschickt. Er unterrichtet die Klassen 5 bis 8. Dass er nicht gemäß seinem Abschluss bis zur 10. Klasse unterrichten darf, daran ist die Beurteilung des stellvertretenden Direktors für Studienangelegenheiten schuld, von der Fauer ebenfalls erst nach 1990 erfährt. In seiner Beurteilung ist vermerkt: »Trotz seiner Qualitäten … wird Herr Fauer den Anforderungen des Berufs noch nicht in allen Fällen genügen können. Auf charakterlichem und besonders fachlichem Gebiet bestehen keinerlei Bedenken. Er wird jedoch in erzieherischer Hinsicht und in seiner politischen Arbeit nicht voll überzeugen können, da er kirchlich sehr stark gebunden ist ….«

Weil der Pädagoge gern Schüler bis zur 12. Klasse unterrichten will, bewirbt er sich für ein Fernstudium. Er erhält zwar eine Bestätigung, seine Bewerbung sei mit Befürwortung an die Hochschule weitergeleitet worden. Er wird abgelehnt. Auch seine Bewerbung ein Jahr später ist erfolglos. Den Grund offenbart ihm – wiederum erst nach 1990 – jenes Schreiben von 1955 in seiner Personalakte. Darin heißt es: »Wir möchten nicht versäumen, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass wir den Kollegen Fauer für nicht geeignet halten, sich an dem genannten Fernstudium zu beteiligen. Seine kirchlichen Bindungen sind viel zu stark, als dass wir in ihm den künftigen Oberstufenlehrer, wie ihn unser Arbeiter- und Bauern-Staat braucht, erblicken können. Obwohl dieser Kollege sein Staatsexamen mit ›Auszeichnung‹ bestanden hat und trotzdem das Fach Marxismus-Leninismus darin mit sehr gut beurteilt wurde, zeigt er keine Bereitschaft, sich wirklich ehrlich gesellschaftspolitisch zu betätigen.«

Und weiter: »Wir schlagen vor, die Delegierung abzulehnen. Wir werden die Entwicklung des Kollegen Fauer weiter beobachten und einer Delegierung beim nächsten Mal zustimmen, falls seine gesellschaftspolitische Arbeit Fortschritte macht.« Ohne es zu wissen, wird dieses Schreiben des Schulinspektors, das Fauers berufliche Pläne durchkreuzte, von einer Station zur nächsten weitergereicht. Von Brandenburg zieht er gemeinsam mit seiner Frau nach Apolda, seiner Heimatstadt.

»Ich bin kein Oberstufenlehrer geworden.« Aber er ist im Rückblick mit seinem beruflichen Werdegang zufrieden. In Apolda wird in einem Betrieb für physikalisch-technische Lehrmittel ein Ingenieur gesucht, der sich als Lehrer qualifizieren sollte. Da sich niemand fand, konnte Fauer die Firma überzeugen, ihn, den Physik- und Mathelehrer, einzustellen, der bereit war, zusätzlich Maschinenbau zu studieren. Er qualifiziert sich in einem zweijährigen Fernstudium zum Diplomingenieur. Als die Ingenieurschule für Baustofftechnologie Apolda einen Lehrer für Mathematik und Physik sucht, bewirbt er sich und wird genommen.

Bis zur Rente arbeitet er dort beziehungsweise in der Nachfolgeeinrichtung, einer Fachschule für Technik und Wirtschaft als Fachschuldozent. Und blickt zufrieden auf seinen beruflichen Weg zurück. Sein Ziel hat er damit mehr als erreicht. Bestens qualifiziert. An der Ingenieurschule waren seine Kollegen entweder Oberstufenlehrer ohne technischen Abschluss oder sie hatten einen technischen Abschluss, waren jedoch keine Lehrer. Er war sowohl pädagogisch als auch technisch ausgebildet. »Mir war von vornherein klar, dass ich mit meinem christlichen Bekenntnis keine Aufstiegschancen in der DDR haben werde. Aber ich bin mit dem Erreichten zufrieden.« Er wollte Schüler bis zum Abitur unterrichten. Das wurde ihm verwehrt. Aber er lehrte Schüler weit über das Abitur hinaus.

Sabine Kuschel

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Der Bibelwochen-Pfarrer von Dröbischau

29. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Von Januar bis März: Seit mehr als fünf Jahrzehnten ist Karl-Helmut Hassenstein zu Gemeindeabenden unterwegs

Karl-Helmut Hassenstein, Oberpfarrer im Ruhestand, sitzt auf der Couch in seinem Wohnzimmer in Dröbischau (Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) und liest im aktuellen Bibelwochenheft. Eine Lektüre, die ihn bereits seit 50 Jahren begleitet. Hassenstein ist ein Pfarrer vom »alten Schlag«. Auch mit 76 Jahren springt er noch vertretungsweise ein, wenn die Kollegen aus der Umgebung im Urlaub oder krank sind. Dabei kann er auf seine Erfahrungen aus der aktiven Zeit im kirchlichen Dienst bauen.

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50 Jahre Bibelwoche: Karl-Helmut Hassenstein mit dem aktuellen Begleitheft zur Ökumenischen Bibelwoche. Foto: Andreas Abendroth

Nach seinem Theologiestudium in Jena wurde ihm seine erste Pfarrstelle in Probstzella – also im damaligen Sperrgebiet an der Grenze – zugeteilt. Hier leitete er mit Unterstützung seiner Frau Gesine als Katechetin die Geschicke und die Menschen der Kirchengemeinde.

»Nicht immer eine einfache Aufgabe«, erinnert sich der Pfarrer. 1976 dann der Wechsel raus aus dem Sperrgebiet in das rund 40 Kilometer entfernte Allendorf. Die Pfarrstelle hier sollte für drei Jahrzehnte – bis zum Eintritt in den Ruhestand – die Heimat für Familie Hassenstein werden. Neben der Arbeit als Gemeindepfarrer brachte sich Karl-Helmut Hassenstein seit den 70er-Jahren aktiv als Vertreter der Thüringer Landeskirche bei der Bibelwochenarbeit ein. »Sehr interessant waren immer die alljährlichen Bibelwochenkonferenzen.

Diese fanden bis zur Wende als gesamtdeutsche Arbeitsgemeinschaft in Ostberlin, danach an wechselnden Orten in Deutschland und im benachbarten Ausland statt«, so Hassenstein. Rund 50 Mal nahm er daran teil, half bei der Ausarbeitung der sieben Texte aus der Bibel. »Die Bibelwoche erwies sich immer wieder als ein Band der Einheit im Rahmen der Ökumene.«

Früher konnten die Thüringer Bibelwochenhefte nur mit einer Genehmigung der Sowjetischen Militäradministration gedruckt werden. Sie enthielten die biblischen Texte. Später kamen noch die Auslegungen der Bibelwochenkonferenz dazu. »Der DDR-Staat versuchte immer wieder einen Keil in die Vorbereitungsarbeiten zu den Bibelwochen zu treiben. Wir hatten uns bereits eine Liste mit Wörtern und Begriffen angelegt, die man meiden sollte«, erinnert sich Hassenstein. Das Bibelwochenheft war damals sehr begehrt und erschien in einer Auflage von 80 000 Exemplaren.

Die Bibelabende haben unterschiedliche Gesellschaftsformen überlebt. Die erste Bibelwoche dieser Art gab es übrigens 1935 in Karlsruhe. Bis heute hat sich an der Ausrichtung nichts geändert: »Die Vorgabe ist, dass alle biblischen Bücher behandelt werden. Jedes Jahr erschließen sieben Texte aus der Bibel ein eigenes Themenfeld. Sie laden dazu ein, in die Welt der Bibel einzutauchen, sich mit dem Reichtum der Bibeltexte zu beschäftigen, Verborgenes zu entdecken«, so Hassenstein.

Und so ist der pensionierte Oberpfarrer auch in diesem Jahr wieder anlässlich der Bibelwoche in der Region unterwegs.

Andreas Abendroth

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Fluch und Segen

23. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Afrika wehrt sich gegen abgelegte Klamotten aus Europa: Zur Stärkung der heimischen Wirtschaft und des nationalen Selbstbewusstseins.

In Ruanda heißen sie »Chagua«, in Kenia »Mitumba«: Gebrauchte Pullis, Shirts und Hosen aus Europa und Nordamerika stellen in vielen Ländern Afrikas einen eigenen Wirtschaftszweig dar. Sie werden auf unzähligen Märkten verkauft. Jedes Jahr wird abgelegte Kleidung im Wert von rund einer Milliarde Euro nach Afrika verschifft, etwa ein Drittel davon nach Ostafrika. Doch dort wollen einige Länder nun dem Altkleidergeschäft ein Ende machen.

»Wir produzieren Baumwolle, Wolle und Leder, die zur Produktion von Kleidung verwendet werden«, erklärte etwa der tansanische Präsident John Magufuli im vergangenen Jahr. »Warum sollten wir Leder als Rohstoff exportieren und dafür schlechte, gebrauchte Schuhe importieren, die nach drei oder vier Tagen durchgelaufen sind?«

Altkleider-Spenden haben in Afrika zum Niedergang der lokalen Industrie beigetragen. In Ghana zum Beispiel arbeiteten in den 1960er-Jahren rund 25 000 Beschäftigte in mehr als 20 großen Fabriken. Das westafrikanische Land produzierte für den eigenen, den regionalen und den Weltmarkt. Die lokalen Produkte im »Kaba and Slit«-Stil – mit den farbigen, langen, taillierten Kleidern für Frauen – waren gefragt. Heute arbeiten weniger als 2 500 Menschen in vier Fabriken.

Gleichzeitig ist der Ruf nach einem Einfuhrverbot für Altkleider Zeichen eines stärkeren Selbstbewusstseins afrikanischer Länder und für die Regierungen eine Frage von Ehre und Würde. Er verstehe nicht, warum seine Landsleute in abgetragener Kleidung herumlaufen sollen, sagte der tansanische Präsident. Ruandas Präsident Paul Kagame erklärte jüngst, afrikanische Länder sollten eine eigene Industrie aufbauen.

Kleider machen Leute: Auf dem Old-Soweto Kleidermarkt in Lusaka, Sambia, werden – wie auf unzähligen Märkten in anderen afrikanischen Ländern auch – die gebrauchten Kleidungsstücke aus den Altkleidersammlungen Europas verkauft. Einige ostafrikanische Länder wollen den Import beenden und planen Einfuhrverbote. Doch der Widerstand ist groß, denn vom Geschäft mit der Kleidung profitieren viele. Foto: epd-bild

Kleider machen Leute: Auf dem Old-Soweto Kleidermarkt in Lusaka, Sambia, werden – wie auf unzähligen Märkten in anderen afrikanischen Ländern auch – die gebrauchten Kleidungsstücke aus den Altkleidersammlungen Europas verkauft. Einige ostafrikanische Länder wollen den Import beenden und planen Einfuhrverbote. Doch der Widerstand ist groß, denn vom Geschäft mit der Kleidung profitieren viele. Foto: epd-bild

Doch das Vorhaben eines Einfuhrverbots stößt auf Widerstand. Kenia hat sich bereits aus dem Plan zurückgezogen. Industrie-Staatssekretär Adan Mohamed sagte im Mai, man wolle die eigene Industrie zwar stärken, dies aber nicht mit einem Importverbot erzwingen. Eine Rolle dürften dabei auch die USA gespielt haben, die mit der Aufhebung einer wichtigen Handelsvereinbarung gedroht hatten. Die USA befürchten, das Verbot könnte eigene Firmen schädigen, die Altkleider exportieren.

Auch Experten sind skeptisch. Eine Politik mit dem Ziel, Importware durch Eigenproduktion zu ersetzen, habe in der Vergangenheit oft eher zu enttäuschenden Ergebnissen mit niedrigerem Wirtschaftswachstum und höheren Preisen geführt, erklärt Linda Calabrese von der Londoner Denkfabrik Overseas Development Institute (ODI). Zudem würde wohl vor allem der arme Teil der Bevölkerung den Preis zahlen. Viele sind angewiesen auf günstige gebrauchte Kleidungsstücke, die oft nur etwa einen Dollar kosten. Zukünftig müssten sie auf neue Produkte umsteigen.

Calabrese empfiehlt deshalb eine andere Politik, um die heimische Industrie zu unterstützen, zum Beispiel durch die Verbesserung von Infrastruktur oder das Senken von Steuern. Ein Einfuhrverbot für Altkleider sei eine teure Politik mit wenig langfristigen Vorteilen, schreibt Calabrese in einer Analyse.

Andere Experten warnen zudem vor Nebeneffekten, wie dem Anschub von illegalem Handel oder dem Verlust von Importzöllen und Arbeitsplätzen. »Durch ein Verbot müssten afrikanischen Staaten auf Einnahmen in Millionenhöhe verzichten«, erklärt Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. »Mittlerweile hängen aber eine ganze Industrie und mehrere hunderttausend Arbeitsplätze an dem Geschäft mit Altkleidern, von Händlern, Transportunternehmern, Schneidern bis hin zu Tagelöhnern.«

Kannengießer sieht die wahre Konkurrenz nicht aus Europa oder Nordamerika: Die afrikanische Industrie habe vor allem mit Billigprodukten aus Asien zu kämpfen. »Da ist die Second-Hand-Ware für Menschen mit geringem Einkommen eindeutig die bessere Alternative, denn sie ist oft noch günstiger und qualitativ oft besser.«

Benjamin Dürr

www.afrikaverein.de

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Sieben Jahrzehnte am Spieltisch

23. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Als Zwölfjähriger stieg Hans Umbreit an jenem 24. Dezember die Stufen empor und nahm Platz an der Orgel, nicht zum ersten Mal, aber doch erstmalig, um den Gottesdienst in der Kirche in Wölfis am Heiligen Abend zu begleiten.

Der Junge war aufgeregt und spielte die Noten einfach vom Blatt herunter, nicht ganz fehlerfrei. Lob bekam er trotzdem. Pfarrer Brettschneider baute ihn auf, gab ihm Selbstvertrauen. Der Mann war auf das Kind angewiesen. Damals, 1947, fehlte es auch in Wölfis an jungen Männern für diese Aufgabe. Beim Gottesdienst zum Heiligen Abend 2017 saß Hans Umbreit wieder an der Orgel. Zwischen beiden Auftritten liegen 70 Jahre.

»Dass soviel Zeit vergangen ist, mag ich gar nicht wahr haben«, sagt der mittlerweile 83-Jährige. Musik hat den Spross einer Bauernfamilie sein Leben lang begleitet. Die Mutter spielte Klavier, der Großvater auch und der Ururgroßvater schlug bei der Kavallerie hoch zu Ross die Pauke. In Wölfis nichts Ungewöhnliches, sagt er, da spiele doch mindestens einer in jedem Haus irgendein Instrument. Bei Umbreits war es das Klavier. »Pflichtfach sozusagen in der Familie«, meint der Jubilar.

Der erste Lehrer war der Großvater. »Und der hatte mich immer unter Aufsicht, sogar beim Skatspielen. Da hieß es Achtzehn, Zwanzig, dann drehte er den Kopf ein Stück in meine Richtung und sagte: Fis!« Fleißig geübt hat das Kind von Anfang an aus eigenem Antrieb. »Vielleicht, weil ich das viel lieber tat, als auf dem Feld mitzuarbeiten«, erinnert sich Hans Umbreit augenzwinkernd. Später genoss er bei Kantor Munk in der Bach-Stadt Ohrdruf eine musikalische Ausbildung.

Ein musikalisches Multitalent: Seit mehr als 70 Jahren sorgt Hans Umbreit mit seinem Orgelspiel für den musikalischen Lobpreis in den Gottesdiensten. Foto: Klaus-Dieter Simmen/Ursula Rolapp

Ein musikalisches Multitalent: Seit mehr als 70 Jahren sorgt Hans Umbreit mit seinem Orgelspiel für den musikalischen Lobpreis in den Gottesdiensten. Foto: Klaus-Dieter Simmen/Ursula Rolapp

Musiker war sein großer Berufswunsch. Die Eltern verweigerten es dem Sohn. »Na ja, heute kann ich das verstehen, sie hatten manchen Lebensweg Wölfiser Berufsmusiker vor Augen, der krachend gescheitert war.« So lernte Umbreit das Tischlerhandwerk, die Musik aber immer im Kopf behaltend. Dass er mit Gleichgesinnten schon bald eine Tanzkapelle gründete, war unabdingbar. Bis spät in die Nacht spielten die Musiker sonnabends auf den Tanzsälen der Region. Während seine Kollegen am Sonntag ausschliefen, saß Hans bereits in der Kirche an der Orgel. »Manchmal fiel es mir schwer, aus dem Bett zu kommen, doch wenn ich die Ratzmann-Orgel spielte, war das vergessen.« Der Kontrast zwischen Tanzmusik und Orgelbegleitung in der Kirche hat Hans Umbreit fasziniert, hat ihn gelehrt, die Königin unter den Instrumenten bewusster wahrzunehmen. Lange hat es den jungen Mann im Tischlerhandwerk nicht gehalten. Er begann ein Studium an der Hochschule »Franz Liszt« in Weimar. Diplomierter Musikpädagoge war das Ziel, das er mit einem »Sehr gut« erreichte. Wann immer sich während seiner Weimarer Zeit Gelegenheit bot, setzte er sich in die Vorlesung von Professor Johannes-Ernst Köhler. »Ich hatte Orgel als Fach nicht belegt, aber ich saß gern dort, weil ich viel lernen konnte. Und dem Professor gefiel der junge Mann aus Wölfis, der sich so offensichtlich fürs Orgelspiel begeisterte«, erzählt der Jubilar.

Am Heiligen Abend des vergangenen Jahres ehrte die Kirchengemeinde Wölfis ihren Organisten. Sieben Jahrzehnte übt er dieses Amt aus, damit ist er in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland einer der Dienstältesten in diesem Ehrenamt. In der EKM versehen den sonntäglichen Orgeldienst 175 hauptamtliche Kirchenmusiker. Die Zahl der ehren- oder nebenamtlichen Organistinnen und Organisten schätzt Jürgen Dubslaff, der Geschäftsführer des Zentrums für Kirchenmusik, auf 1 300. Dabei sei jedoch nicht unterschieden, »ob jemand regelmäßig spielt oder nur gelegentlich Vertretungen übernimmt«.

Als er vorm Altar noch einmal eingesegnet wurde, ging ihm das sehr nahe. Da dachte er nicht nur an die schönen Seiten seines Lebens, da blickte er auf die Schicksalsschläge, die ihn in seinem Leben trafen. Den Tod der Tochter und den der Ehefrau hat er nur schwer verwunden. Da, sagt er, habe er als Christ am Glauben gezweifelt. »Dass über all die Trauer meine Gesundheit stabil blieb, dass ich weiter meiner Musik nachgehen konnte, hat mir geholfen«, bekennt er heute. Und auch der Lebensweg des Sohnes, der es, nach etlichen Fehlschlägen, schaffte, Mitglied der Dresdner Staatskapelle zu werden. Dort ist er Posaunist; bei den »Elb Meadow Ramblers«, einer Old-Time-Jazz-Band, sitzt er am Klavier. Das macht den Vater natürlich stolz.

Seit etlichen Jahren ist die Ratzmann-Orgel in der Wölfiser Kirche stumm. »Die Reparatur würde eine Viertelmillion Euro kosten, das kann unsere Kirchgemeinde nicht stemmen«, bedauert der Organist. So ist die neue Orgel wohl mehr als ein Provisorium. »Aber sie spielt und alle Töne stimmen, auch wenn sie das Gotteshaus nicht annähernd ausfüllt, wie die alte Orgel.« Eine »richtige« bedient er im Nachbarort Gossel, alle zwei Wochen ist er dort.

Den Dienst in Wölfis teilt er sich mit Martin Fritze, einem Schüler von Umbreit. »Der ist mittlerweile auch schon an die siebzig«, sagt er. Sieben Pfarrer habe er erlebt in Wölfis, an der Orgel saßen aber stets nur Martin und Hans. Der 83-Jährige übt immer noch täglich und lernt dazu. Beispielsweise im Orgelsommer, wo er den Koryphäen auf die Finger schaut, wenn er für sie, beispielsweise an der Thielemann-Orgel in Gräfenhain, die Noten umblättert. Und wo er mit ihnen ins Gespräch kommt.

Da, sagt er, spüre er das Alter gar nicht.

Mit über achtzig Jahren blickt der Mensch zurück, zwangsläufig. Dann könne er, Hans Umbreit, sein Leben auf eine einfache Formel bringen: Gott sei Dank!

Klaus-Dieter Simmen

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Sieben Wochen ohne Kneifen und mit der Kirchenzeitung

23. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschenkt: Ein lohnender Verzicht – die Fastenzeit bewusst gestalten


Am Aschermittwoch, dem 14. Februar 2018, beginnt die Fastenaktion der evangelischen Kirche »7 Wochen Ohne«. Sie steht unter dem Motto »Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen«.
Glaube-Alltag-03-2018Die Fastenzeit ist für Christen eine Periode des Nachdenkens über die eigene Existenz. In Zeiten, in denen unerschrockene Debatten wieder dringend geboten sind und auch die Schwachen in der Gesellschaft gehört werden müssen, sollten sich der Botschaft Jesu Christi zugewandte Menschen nicht verstecken, nicht untertauchen oder wegducken.

Seit mehr als 30 Jahren lädt »7 Wochen Ohne« als Fastenaktion der evangelischen Kirche dazu ein, die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern bewusst zu erleben und zu gestalten. Millionen Menschen in ganz Deutschland lassen sich darauf ein: für sich allein, in Familien oder als Fastengruppe in Gemeinden. Der Eröffnungsgottesdienst der diesjährigen Aktion findet am Sonntag, 18. Februar 2018, 9.30 Uhr, in der Thomaskirche in Hofheim am Taunus statt. Das ZDF überträgt live.

Die Tageswand- und Tagestischkalender der edition chrismon bilden wieder das zentrale Element der Aktion. Sie begleiten die Teilnehmer durch die Fastenzeit und die Ostertage. Sieben Fotografen haben sich mit je einem Wochenthema beschäftigt. Zu jedem Thema gibt es eine Bibelstelle mit einer Auslegung von Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin des Kirchenkreises München-Oberbayern.

Die Wochenthemen lauten für die Aktion 2018: »Gott zeigt sich« (Genesis 32,25–30), »Zeig dein Mitgefühl« (Lukas 10,30–35), »Zeig deine Liebe« (Markus 14,3–9), »Zeig deine Fehlbarkeit« (Genesis 3,7–11), »Zeig deine Hoffnung« (Markus 10,46–52), »Zeig, wofür du stehst« (Matthäus 26,69–75) und »Zeig dich Gott« (Jona 2,1–11). Ergänzt werden die Wochenthemen durch Zitate, Gedichte und Geschichten von Schriftstellern, Theologen und Journalisten.

www.7-wochen-ohne.de

Die Kirchenzeitung startet eine eigene Fastenaktion. In den Ausgaben während der Passionszeit wird jede Woche eine prominente Persönlichkeit von ihren Erfahrungen mit dem Fasten berichten. Mit dabei sind unter anderem Dieter Falk, Petra Gerster und Christian Nürnberger, Harald Glööckler, Stefanie Hertel, Dr. Eckart von Hirschhausen, Tiki Küstenmacher und Ulf Poschardt. Sie geben Auskunft, ob sie fasten oder nicht, was ihnen die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern bedeutet und wie sie selbst die sieben Wochen gestalten.

Wir laden Sie zu der Fastenaktion ein. Werben Sie einen neuen Leser oder verschenken Sie ein Fastenabo. Den Coupon dazu finden Sie auf Seite 14. Wer sich für dieses Abonnement unserer Kirchenzeitung entscheidet, bekommt sieben Ausgaben – von Sonntag Estomihi bis Palmarum – mit interessanten Beiträgen geschenkt. Bezahlt wird das Abonnement erst ab Ostern.

Sabine Kuschel

www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de

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Feindlich, staatszersetzend, Christ

22. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnerung: Mit dem Porträt des Kirchenhistorikers und Zeitzeugen, Professor Peter Maser, der sich in Sachen Aufarbeitung verdient gemacht hat, startet unsere Serie über »Christen in der DDR«.

Peter Maser steht im Innenhof der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt und blickt auf den Kubus, einen dunklen Würfel, bemalt mit Comiczeichnungen, die von den aufwühlenden Tagen im Spätherbst 1989 in Erfurt erzählen. »Ich glaube, das ist das bisher einzige gelungene und überzeugende Denkmal der friedlichen Revolution, das wir haben«, erklärt er nachdenklich.

Maser ist 74 Jahre alt und seine Geschichte ist eng und untrennbar mit der Andreasstraße verbunden. Dabei hat er zu diesem Ort gar keinen persönlichen Bezug. »Ich habe hier weder eingesessen, noch kenne ich irgendwelche Familienangehörige oder Freunde, die das taten«, betont er. Aber natürlich hat er in den vergangenen Jahren zahlreiche Menschen getroffen, deren Biografie auf fatale Weise mit diesem Ort verbunden ist.

Maser selbst hat auch eine DDR-Vergangenheit. Der gebürtige Berliner, der in Sachsen-Anhalt aufwuchs und heute in Bad Kösen lebt, besuchte in den 1950er-Jahren die Landesschule Pforta, ein Internatsgymnasium in Naumburg. »Das war eine sehr bekannte und traditionsträchtige Lehranstalt, die in der Zeit, als ich da zur Schule ging, gerade mit brachialer Gewalt zu einer sozialistischen Heimoberschule umgestaltet wurde.«

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Maser war aktives Mitglied der Jungen Gemeinde, die der DDR-Führung ein Dorn im Auge war. Nachdem er seine Aktivitäten nicht einschränkte, musste er nach der 10. Klasse die Oberschule verlassen. Er ging ans Proseminar nach Halle, eine der kirchlichen Hochschulen in der DDR, die auf das Theologiestudium vorbereiten durften. »Eigentlich konnten die Absolventen dieser Schulen nur an kirchlichen Hochschulen studieren, aber zu meiner Zeit war es gerade möglich, auch an staatliche Universitäten zu gehen.« So kam er nach Halle, studierte ab 1962 Theologie und machte später dort auch seinen Doktor. Und das ganz ohne Hochschulreife. Er sei wohl der einzige Professor und Direktor eines geisteswissenschaftlichen Instituts in Deutschland, der nie Abitur gemacht habe, sagt er heute nicht ohne Stolz.

Peter Maser führt durch die verschiedenen Etagen der Andreasstraße. Das Gebäude diente schon zur Kaiserzeit als Gefängnis. Die Nationalsozialisten brachten hier ihre Gefangenen unter. Später nutzte die Stasi diese Räume, um vermeintliche Gegner einzusperren.
»Haft – Diktatur – Revolution« ist die Ausstellung überschrieben. Hier wird die Geschichte des Ortes lebendig. Das wird in der Dauerausstellung, aber vor allem auf der Haftetage deutlich. Man spürt förmlich die Wirkmächtigkeit des DDR-Apparats und das Ausgeliefertsein derer, die sich nicht konform zeigten.

Dem langen Arm der Stasi konnte sich der Kirchenhistoriker nicht entziehen. Der unbeugsame junge Mann, der auch aus seinem Glauben und seinen Ansichten keinen Hehl machte, war der Stasi ein Dorn im Auge. Die Staatssicherheit ließ ihn nicht mehr aus den Fängen. Wähnte man Maser doch als das Haupt einer feindlichen, staatszersetzenden Gruppe. »Das war ich nicht«, erklärt Maser. »Natürlich waren wir kritisch. Wir haben im privaten Kreis den jungen Marx gelesen und auch über die aktuellen Verhältnisse kritisch diskutiert, aber eine feindliche Gruppe waren wir ganz sicher nicht.«

Die Übergriffe der Stasi wurden immer massiver. Maser stellte 1976 einen Ausreiseantrag und verlor daraufhin seine Stelle. »1977 reiste ich mit meiner Familie und der tatkräftigen Unterstützung der Kirchenleitung in Magdeburg, die erkannt hatte, dass es mit mir in der DDR nicht mehr lange gutgehen wird, in die Bundesrepublik aus«, so Maser.

Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kirchenamtes der EKD in Hannover und Lehrbeauftragter der Universität Münster. Dort habilitierte er sich 1988 in Kirchengeschichte. In all diesen Jahren verlor Maser jedoch nie den Blick für die Situation der Kirche in der DDR. Immer wieder publizierte er zu diesem Thema.

Nach der Wende berief man ihn im Bundestag als Berater zur ersten Enquete-Kommission. Es sei schon damals klar gewesen, »dass es im Grunde genommen kein Kapitel der DDR- und SED-Geschichte gab, in dem die Kirche nicht maßgeblich vorkam.«

Peter Maser vereinigt zwei Attribute. Er ist Zeitzeuge und Wissenschaftler. Einer, der sich sehr früh darüber Gedanken machte, wie dieser Teil der deutschen Geschichte aufgearbeitet und tradiert werden sollte. In die Überlegungen zur Nutzung des früheren Stasi-Gefängnisses in der Erfurter Andreasstraße bezog 1992 das Thüringer Kultusministerium Maser ein. »Daraus entwickelte sich dann über mehrere Jahre eine sehr intensive, anstrengende, aber immer spannende Mitarbeit und Zusammenarbeit in Erfurt«, so Maser. Es war von Beginn an keineswegs klar, was werden sollte. Eine aktive Gruppe, die sich im »Freiheits e.V.« zusammengeschlossen hatte und zu der viele ehemalige Häftlinge gehörten, schlug eine Gedenkstätte für die Opfer der SED-Diktatur vor.

Am Ende eines langen Prozesses stand die Entscheidung, hier einen Ort mit zweipoliger Erinnerung zu schaffen, der zwei scheinbar gegensätzliche Themen verbindet: Unterdrückung und Befreiung. Die Gedenkstätte erinnert an Haft und Repression, an DDR-Unrecht in vielfältiger Form und an das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Zugleich hält sie die Erinnerung an die friedliche Revolution wach. Deren Geschichte mit der erzwungenen Öffnung der Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989 durch Bürgerrechtler wird hier erzählt.

Peter Masers Engagement für die Andreasstraße ist ungebrochen. An der Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR ist er ebenfalls beteiligt. Auch in der Arbeitsgemeinschaft, die die interministerielle Arbeitsgruppe in der Thüringer Staatskanzlei unterstützt, ist er dabei. Er ist zuversichtlich, was die Aufarbeitungsbemühungen anbelangt: »Dass das Thema ›Christen in der DDR‹ mit Ernsthaftigkeit und auf unterschiedlichen Ebenen behandelt wird, wirkt sich allmählich aus«, ist er sich sicher. »Also, ich kann kein Bundesland sehen, in dem das mit dieser Intensität abläuft, wie das hier in Thüringen geschieht.«

Diana Steinbauer

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Der Erzbischof auf Sendung

16. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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In Rumänien hat sich eine lebendige orthodoxe Medienlandschaft etabliert: Laienchristen gestalten höchst erfolgreiche Zeitschriften, die Kirche hat einen eigenen TV-Sender.

Der ehrwürdige orthodoxe Erzbischof und Metropolit Andrei von Klausenburg – rumänisch Cluj-Napoca – nimmt Platz. Aber nicht auf dem Bischofsthron in seiner gewaltigen Kathedrale, sondern auf einem schmalen Stapelstuhl in einem engen Aufnahmestudio von nur wenigen Quadratmetern Fläche. Ihm gegenüber sitzt die Redakteurin Simona Vlasa und stellt Fragen zu Glauben und Spiritualität. Vor sich hat der 68-jährige Bischof ein Mikrofon. Das Aufnahmegerät läuft und registriert seine Aussagen so aufmerksam wie sonst die Gläubigen in Kirchen und Klöstern seine Predigten.

Was auf den ersten Blick nach einem Interview zu einem besonderen Anlass aussieht, ist in Klausenburg seit Gründung des Bistumssenders »Renasterea« (Wiedergeburt) 1999 längst etwas Alltägliches. Und nicht nur dort: Im siebenbürgischen Erzbistum Vad, Feleac und Cluj gibt es wie in vier weiteren Bistümern der rumänischen Orthodoxen Kirche kircheneigene Radiosender.

Erzbischöfe wie Metropolit Andrei von Klausenburg gehen regelmäßig auf Sendung, um den Hörern den orthodoxen Glauben zu vermitteln und christliche Lebenshilfe zu bieten. »Für uns ist das auch eine missionarische Gelegenheit in einer Zeit, in der das Christentum sich neu behaupten muss«, sagt Metropolit Andrei dazu.

»Die orthodoxen Radiosender sind sehr beliebt. Es gibt hier keinen Skandal- und Sensationsjournalismus, sondern ernsthafte Informationen zu wichtigen religiösen und kulturellen Themen, dazu auch Gesundheits- und Glaubensratgeber. Unsere Hörerschaft ist sehr unterschiedlich, alle Altersstufen und viele Intellektuelle hören die kirchlichen Sender als echte Alternative vor allem zu den sonstigen privaten Programmen«, hält die Radiojournalistin Vlasa fest und kritisiert damit gleichzeitig die weit verbreitete Boulevardisierung der rumänischen Medien.

Kirchliche Radiomacher: Metropolit und Erzbischof Andrei  von Klausenburg im Interview mit der Redakteurin Simona Vlasa beim Kirchensender »Renasterea«. 87 Prozent der Rumänen gehören der Orthodoxen Kirche an, Kloster- wie Gemeindegottesdienste sind in der Regel überfüllt. Foto: Jürgen Henkel

Kirchliche Radiomacher: Metropolit und Erzbischof Andrei von Klausenburg im Interview mit der Redakteurin Simona Vlasa beim Kirchensender »Renasterea«. 87 Prozent der Rumänen gehören der Orthodoxen Kirche an, Kloster- wie Gemeindegottesdienste sind in der Regel überfüllt. Foto: Jürgen Henkel

Zehn Redakteure und weitere Korrespondenten kümmern sich um das Programm. Es wird 24 Stunden gesendet, nachts laufen Wiederholungen. Religiöse Themen und Informationen über kirchliche Aktivitäten von der Pfarrei bis zum Patriarchat spielen beim orthodoxen Kirchenfunk naturgemäß eine große Rolle. Aber auch Nachrichten- und Folkloresendungen laufen regelmäßig über den Äther. An Sonn- und Feiertagen wie an Werktagen wird stets die mindestens zwei Stunden dauernde Messe sowie die Abendandacht live übertragen. Besonders wichtig ist Simona Vlasa das »ABC des Glaubens«, eine Sendung, die Verkündigung und Glaubensbildung verbindet.

Eigener TV-Sender des Patriarchats

In Rumänien hat sich in den knapp 30 Jahren seit der Wende eine lebendige und äußerst bunte orthodoxe Medienlandschaft etabliert. »Die rumänische Orthodoxe Kirche ist die einzige Orthodoxe Kirche mit einem eigenen TV-Sender«, sagt Vasile Banescu. Er ist Pressesprecher des Patriarchats und gestaltet auch selbst TV-Sendungen.

Die Kirche lässt sich das eigene Medienzentrum einiges kosten. Rund 80 Redakteure, Kameraleute und Techniker arbeiten nach seinen Worten allein bei dem orthodoxen Fernsehsender, der vom Patriarchat und allen Bistümern finanziert wird. Neben der Nachrichtenredaktion gibt es die Ressorts Religion, Kultur und Soziales sowie eine eigene Onlineredaktion.

Das naturgemäß kirchennahe Programm bietet viele Interviews mit bekannten Geistlichen oder Intellektuellen. Besonders interessant ist das »Jurnal Trinitas«, das täglich aus allen Bistümern der Kirche berichtet und das breite Spektrum des kirchlichen Lebens aufgreift.

Die Amtskirche und ihre Bischöfe wie auch Laien sind beim Aufbau der orthodoxen Medienlandschaft gleichermaßen initiativ geworden, was in der hierarchiebetonten orthodoxen Kirche keineswegs selbstverständlich ist. »Die Kirche hat uns geholfen, indem sie unsere Arbeit nicht behindert hat«, hält dazu schmunzelnd Razvan Bucuroiu aus Bukarest fest. Er ist Chefredakteur mehrerer Laienzeitschriften, die er selbst ins Leben gerufen hat und die sich heute erfolgreich als Nischenprodukte auf dem Markt behaupten.

Auf 80 professionell gestalteten Hochglanzseiten berichten die beiden Zeitschriften monatlich von christlichen Themen aus Rumänien und aller Welt. Fünf Redakteure sind hier tätig, allesamt Laienchristen. Es zählt kein Priester oder Theologe dazu.

Höhere verkaufte Auflage als der »Playboy«

Nicht ohne Stolz berichtet Bucuroiu, dass ausgerechnet sein monatlich erscheinendes Glaubensmagazin das »Playboy«-Magazin an verkaufter Auflage in Rumänien regelmäßig übertrifft. Das Heft hat eine Auflage von 10 000 Exemplaren und rund 1 000 Abonnenten, es wird im Zeitschriftenhandel, in Klöstern und christlichen Buchhandlungen und sogar an Tankstellen verkauft.

Der 1963 geborene Bucuroiu kam über Umwege zum Journalismus: »Bukarest ist keine Stadt, die eine religiös sehr attraktive Landschaft bietet. Christlicher Journalismus ist hier unbequem, aber nach über 40 Jahren Kommunismus war es wichtig, dass auch wieder eine lebendige christliche Laienpresse entsteht«, sagt der gebürtige Bukarester.

2008 gründete er die »Vereinigung der christlichen Journalisten und Publizisten Rumäniens« (AZEC), deren Vorsitzender er bis heute ist und die rund 100 Mitglieder hat. »Die offiziell-kirchliche Presse und die von engagierten Laien gemachten Zeitschriften ergänzen sich gut und sind wirklich komplementär«, hält Bucuroiu fest.

Vor allem Mönchtum und Spiritualität stehen im Mittelpunkt der Journale. Reportagen und Bilderserien über Klöster und charismatische Mönchsväter und Nonnen aus Rumänien, Griechenland, Georgien und Ägypten, aber auch Israel, und die Rubrik über die in der orthodoxen Frömmigkeit beliebten Kirchenväter sind echte Renner bei den Lesern.

Das Vertrauen in die Kirchen ist immer noch groß – trotz des bei Kritikern umstrittenen Baus der riesigen neuen Patriarchatskathedrale in Bukarest und mancher Skandale der letzten Jahre. Auf diese gehen die Kirchensender und -zeitungen nicht groß ein.

Jürgen Henke

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Alles kann Gebet sein: Schweigen, singen, arbeiten

15. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete. Keines bleibt ohne Wirkung.

Das Gebet ist ein höchst bemerkenswertes Phänomen. Für sehr viele Menschen – Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Religionen – ist es fest in den Tagesablauf integriert. Ihnen gegenüber steht insbesondere in Deutschland eine hohe Zahl von Atheisten, Menschen, die nicht an Gott glauben. Doch sogar sie schicken gelegentlich, wenn sie verzweifelt sind und nicht ein noch aus wissen, ein Stoßgebet zum Himmel. Für manche Christen wiederum ist es nicht selbstverständlich, regelmäßig zu beten. Und schon Paulus merkte, »denn wir wissen nicht, was wir beten sollen« (Römer 8,26 b).

Beten will geübt sein

Selbst die vermeintlichen Profis in Sachen Gebet, die Theologen und Pfarrer, haben zuweilen ihre Schwierigkeiten damit. »Ich bin kein Gebetomat, ich lasse mich ablenken, treiben«, so Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof für den Propstsprengel Stendal-Magdeburg. Er hat sich für den Gebetskalender der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) starkgemacht.

Der Gebetskalender, der abonniert werden kann, lädt Einzelne und Gemeinden ein, die darin formulierten Anliegen aufzunehmen und vor Gott zu bringen. Der Gebetskalender wird jeweils für zwei Monate veröffentlicht. Gestaltet wird er reihum von den Propsteien Gera-Weimar, Stendal-Magdeburg, Eisenach-Erfurt, Meiningen-Suhl, dem Reformierten Kirchenkreis, Halle-Wittenberg und dem Landeskirchenamt.

Wie Hackbeil erklärt, sammeln die Kirchenkreise ihre Vorschläge für Gebetsanliegen, die Superintendenten beraten darüber und treffen eine Auswahl. Die Anliegen nehmen die gesellschaftliche Situation auf sowie das, was die Landeskirche und die Propsteien beschäftigt, so der Theologe. Die Resonanz sei bislang gleichbleibend, wünschenswert wäre eine größere Beteiligung.

»Gebet bleibt nie ohne Wirkung, auch wenn ich sie nicht sehe«, ist Ulrike Köhler, Seelsorgerin im Kloster Volkenroda, überzeugt.

Gebete werden erhört

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

»Das ist manchmal unheimlich«, so die Erfahrung von Kirchenrat Andreas Möller, verantwortlich für Gemeindeentwicklung in der EKM. Als ihm vor etlichen Jahren die Pfarrstelle am Lutherhaus Jena angeboten wurde, lehnten er und seine Frau zunächst ab. »Es sprach vieles dagegen«, erzählt er. »Dann haben wir alle Bedenken im Gebet ausgesprochen und Gott gebeten, wenn er will, dass wir nach Jena gehen, soll er irgendetwas tun. Wir waren bestürzt, als sich im Laufe von etwa acht Wochen alle Probleme in Luft auflösten.«

Ebenso gibt es die Erfahrung, dass Gebete nicht erhört werden. Gott ist kein Wunscherfüllungsautomat. Das wäre furchtbar, denn zuweilen wenden sich Menschen mit bösen, abwegigen, irrsinnigen Erwartungen an ihn. Manchmal könne das Gebet zu einer neuen Einsicht führen, ganz banal, wie es Ulrike Köhler beschreibt. Wenn sie eine Erkältung hat und darum bittet, gesund zu werden, dies aber nicht eintritt, frage sie sich, ob sie nur etwas mehr Geduld aufbringen und einfach nur stillhalten solle.

Aber auch schwer kranke Menschen bitten vergeblich um Heilung. In solchen Fällen fordere sie die Betreffenden auf, so Köhler, näher hinzuschauen und akzeptieren zu lernen, dass unser Leben endlich ist. Aus Sicht der Seelsorgerin eine zumutbare Aufforderung, »wenn wir wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen«. Sie ist sich sicher: »Wir haben einen Gott, der Wunder tut. Aber wir können nicht darüber verfügen, dass er Wunder tut.«

Beten lernen

Wie lernt ein Mensch beten? »Ich bin noch klein, mein Herz ist rein, es soll niemand drin wohnen als Jesus allein. Amen« Unzählige Mütter haben ihren Kindern dieses Gebet beigebracht. Bestenfalls geht das Ritual so im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut über.

»Ich erinnere mich, wie die Eltern den festgelegten Gebeten freie Worte hinzufügten«, berichtet Andreas Möller. Diese freien Worte seien für ihn sehr eindrücklich gewesen, ehrlich und authentisch. Im Ferienlager, wenn er sich nach Hause sehnte, habe er sich darauf besonnen, den erlernten Gebeten freie Worte hinzuzusetzen.

Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete, um nur einige zu nennen.

In bestimmten Situationen sei es für Menschen, beispielsweise für Politiker, wichtig, wenn für sie gebetet wird, betont Hackbeil. »Es gehört zu unserem Auftrag, für die Obrigkeit zu beten statt Ratschläge zu geben.« Ebenso tröste es Kranke, wenn sie wissen, dass die Seelsorgerin sie in ihr Gebet einschließe. Persönlich schätze er das Gebet als große Hilfe im Leben. Es verbinde mit anderen Menschen, mit der Schöpfung. »Und es gibt mir Kraft, Dinge auszuhalten.«

Im Kloster Volkenroda wird täglich drei Mal zum Gebet eingeladen. 7.30 Uhr steht der Morgengottesdienst auf dem Programm, mittags das Gebet für Frieden und abends Fürbitten.

In einen inneren Dialog treten, ein Stoßgebet oder Schweigen, sich Gott nur hinhalten ohne Absichten – alles ist Gebet.

»Manche sagen, Gesang ist die höchste Form des Gebets«, ergänzt Andreas Möller. Mit dem Körper zu beten, etwa die Arme zu erheben, sei ebenfalls eine Möglichkeit, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen.

Zur hohen Schule gehört das Herzensgebet, ein immerwährendes Gebet, bei dem im Atemrhythmus der Name Jesu Christi angerufen wird: Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.

Und selbst die Arbeit könne Gebet sein, so Ulrike Köhler. Wenn ich in allem, was ich tue, Gott suche, sei das Gebet. »Ich bin Mitschöpfer, darf an Gottes Schöpfung mitgestalten.« Mit dieser inneren Ausrichtung könne das Arbeiten zum Gebet werden.

Sabine Kuschel

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Ein Geschenk wieder neu entdecken

15. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Internationale Allianzgebetswoche 2018 steht unter dem Motto »Als Pilger und Fremde unterwegs«. Über seine Erfahrungen mit dem Gebet sprach Willi Wild mit Theo Schneider, Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz.

Die Allianzgebetswoche, die weltweite Woche des Gebets evangelischer Christen gibt es seit 1861 in der zweiten Januarwoche. Wird in der Kirche nicht genug gebetet oder warum ist eine Extra-Gebetswoche notwendig?
Schneider:
Es ist mit dem Gebet wie mit manchen anderen wichtigen Dingen im Leben: Besondere Geschenke müssen immer wieder entdeckt und verstärkt werden. Dazu dient die Gebetswoche. Außerdem spielt auch eine wichtige Rolle, dass sich in der Gebetswoche Christen aus unterschiedlichen Kirchen und Bewegungen treffen. Die Gebetswoche ist auch ein Signal für die Einheit der Christen.

Reicht die Woche für ein ganzes Jahr?
Schneider:
Der Akzent am Anfang eines neuen Jahres ist wichtig und will ausstrahlen. Es gibt in unserem Land sicherlich in Hunderten von Orten auch vierteljährlich oder monatlich Gebetstreffen der Evangelischen Allianz.

Die Evangelische Allianz bietet einen Gebetskalender im Internet oder Gebetshefte an. Zudem gibt es das Gebet für verfolgte Christen oder das 30-Tage-Gebet für die islamische Welt. Das klingt nach einem abendfüllenden Programm. Richten sich diese Angebote ausschließlich an Ruheständler oder Menschen mit viel Tagesfreizeit?
Schneider:
Nicht jeder und nicht jede Gemeinde muss und kann alles aufnehmen. Aber es ist uns ein Anliegen, dass wir auf ganz unterschiedlichen Wegen »die Welt ins Gebet nehmen«. Das ist ganz bestimmt nicht umsonst. Starke Beachtung findet auch immer wieder das »30-Tage-Gebet für die islamische Welt.« Ich halte das für einen wirklich christlichen Beitrag zu dem für uns alle so schwierigen Themenfeld.

Wie sieht Ihr Gebetsleben aus? Wie haben Sie Ihren Tagesablauf in Sachen Gebet eingeteilt?
Schneider:
Das Gebet am Anfang und am Ende des Tages sind für mich ganz wichtige Fixpunkte. Dazwischen lebe ich ganz unterschiedliche Akzente, z.B. den Stoßseufzer, ein Lied, das Gebet mit anderen Christen im Gottesdienst, das Fürbittegebet am Krankenbett, das kurze Innehalten vor einem schwierigen Gespräch, das »Gott sei Dank« nach einer Bewahrung …

Wie wirkt Gebet?
Schneider:
Das kann ich nicht erklären. Aber auf jeden Fall: Es wirkt. Gott, der Vater, hört auf seine Kinder. Das hat er versprochen. – Außerdem: Das Beten verändert auch mich. – Ich bin vor Jahren auf einen alten Sinnspruch gestoßen: »Der Vogel ist ein Vogel, wenn er singt; die Blume ist eine Blume, wenn sie blüht; der Mensch ist ein Mensch, wenn er betet.« Der Mensch, der betet, ist dort, wo er hingehört.

Wie betet man? Gibt es eine Anleitung?
Schneider:
Im Lukas-Evangelium wird erzählt, dass die Jünger zu Jesus kamen und ihn baten, er solle sie das Beten lehren. Auf diese Bitte hat Jesus sofort reagiert und seine Jüngern das »Vaterunser« gelehrt. Das ist bis heute so: Mit dem Vaterunser kann man das Beten lernen. – Martin Luther wurde eine ähnliche Frage von Meister Peter, seinem Wittenberger Barbier und Friseur gestellt. Er hat ihm daraufhin eine kleine Schrift geschrieben, in der er das Vaterunser ausgelegt hat. Die gibt es noch heute. Sie ist noch immer aktuell.

Was ist der Unterschied zwischen Meditation und Gebet?
Schneider:
Die Frage kann man nicht kurz beantworten, denn Meditation ist heute ein »Container-Begriff« mit vielen Facetten. Klar ist aber auf jeden Fall: Das Gebet hat es mit einem persönlichen Gegenüber zu tun.

Theo Schneider. Foto: privat

Theo Schneider. Foto: privat

Die Gebetswoche steht diesmal unter dem Thema »Als Pilger und Fremde unterwegs«. Was hat das mit Gebet zu tun? Worum soll es schwerpunktmäßig gehen?
Schneider:
Mit diesem Motto wird ein grundlegendes Signal aus dem biblischen Zeugnis aufgenommen: Wir sind unterwegs. Gott hat uns gewollt und uns das Leben gegeben. Und wir gehen seinem Ziel entgegen. So spricht die Bibel davon, dass wir »Gäste und Pilger« sind. Auf unserem Weg sind wir herausgefordert, unser Leben als Christen zu gestalten – in Familie und Beruf, im Umgang mit der Schöpfung, im gesellschaftlichen Miteinander, in der Gemeinschaft der Christen. Diese Aufgabe hört nicht auf, sondern wir müssen sie immer wieder buchstabieren. Zugleich: Am Ziel sind wir erst in Gottes neuer Welt. – Übrigens, jedes Jahr kommt das Grundgerüst des Programms aus einem anderen Land. In diesem Jahr haben Verantwortliche der Evangelischen Allianz in Spanien die erste Vorlage erstellt.

In zwölf Thesen zum Jahreswechsel hat der Allianz-Vorsitzende Ekkehart Vetter auch das gemeinsame Gebet aufgenommen. Er möchte, dass aus der Gebetswoche eine ganzjährige Gebetsbewegung wird. Wie kann das gelingen, die Zahlen bei der Allianzgebetswoche sind eher rückläufig?
Schneider:
Richtig ist, dass die Zahlen bei der organisierten Gebetswoche Anfang Januar leicht zurückgehen. Richtig ist aber auch, dass es in den letzten Jahren zunehmend neue Initiativen in Sachen Gebet gibt, gerade unter jungen Menschen. Ich denke z.B. an die »Gebetshäuser« an manchen Orten, an »Gebetskonzerte« oder an die Impulse von Taizé.

Sie sind Prediger im Gemeinschaftsbezirk Wittenberg. Obwohl Lutherstadt sind Kirchenmitglieder eine Minderheit. Wie kann man Kirchenferne für das Gebet und die Gebetswoche interessieren?
Schneider:
Es gibt kein Patentrezept. Auch eine Werbekampagne ist da fehl am Platz, denn Beten ist etwas Persönliches. Aber man kann dazu einladen, ermutigen, von diesem unglaublichen Geschenk erzählen. Wer mit dem lebendigen Gott im Gespräch ist, wird das nicht für sich behalten.

Welche Erfahrungen haben Sie im vergangenen Reformationsjahr in der Lutherstadt im Zusammenhang mit Gebet und Glauben gemacht?
Schneider:
Das Jahr 2017 war für uns in Wittenberg ein großes und starkes Geschenk. Dazu gehörte in besonderer Weise eine Erfahrung mit dem Gebet: Während der Weltausstellung gab es jeden Morgen auf dem sogenannte Bunkerberg ein Morgen- und Mittagsgebet und abends auf dem Marktplatz das Abendgebet. In den ersten Tagen trafen sich nur wenige, aber es wurden immer mehr. Ich bin gewiß: Das war und ist nicht umsonst, dass Wittenberg so »ins Gebet genommen« wurde.

Theo Schneider, langjähriger Generalsekretär des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften), hat in seinem Ruhestand die Predigerstelle im Gemeinschaftsbezirk Wittenberg übernommen. Er gehört dem Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) an und ist Vorsitzender des Aufsichtsrats des Evangelischen Allianzhauses in Bad Blankenburg.

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Preist den Herrn am Smartphone

14. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Für Abgesänge auf das gedruckte Gesangbuch ist es zu früh. Doch die evangelische Kirche will künftig auch vom Smartphone und Tablet singen lassen. Seit Monaten wird dazu an einer App gebastelt.

Wie ging der Text dieses Liedes »Geh aus, mein Herz« noch mal weiter? Da summt einem eine Kirchenmelodie durch den Kopf, aber wie heißt eigentlich der Choral dazu? Fragen dieser Art könnte in Zukunft ein Anwendungsprogramm (App) für Smartphones und Tabletcomputer beantworten. Entwickelt wird die Gesangbuch-App derzeit von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Den Machern geht es nicht darum, mittelfristig die gedruckten Gesangbücher aus den Kirchen zu verbannen. Im Gegenteil: Kirchenrat Dan Peter, bei der württembergischen Landeskirche für Publizistik zuständig, kann sich sogar neues Interesse am Liedgut zwischen zwei Buchdeckeln vorstellen, wenn es durch eine App wieder populärer geworden ist. Zuerst ziele die App auf den einzelnen Nutzer. »Sie soll zum Singen animieren und neuen Zugang zu geistlichem Liedgut eröffnen«, sagt Peter.

Gesangbuch-App: Sie animiert zum Singen und soll einen neuen Zugang zu geistlichen Liedern eröffnen. Foto: Evgenia Tiplyashina – fotolia.com

Gesangbuch-App: Sie animiert zum Singen und soll einen neuen Zugang zu geistlichen Liedern eröffnen. Foto: Evgenia Tiplyashina – fotolia.com

Den Inhalt eines Gesangbuchs mit der digitalen Welt zu verknüpfen, bietet viele Chancen. Eine Volltextsuche ermöglicht es, Lieder nach Stichwörtern zu durchforsten. Wer nur noch einen Choralfetzen in Erinnerung hat, findet auf diese Weise in Sekundenschnelle das komplette Lied. Auch das Summen einer Melodie kann die App verstehen – und dann nachschauen, welche Lieder genau diese Melodie verwenden.

Nützlich ist die App auch, um sich Liedgut zu erschließen. Bei einem neuen Song (oder einem alten, den man nirgends mehr hört) hilft die App, indem sie die Melodie vorspielt. Dabei lassen sich Tonhöhe und Geschwindigkeit variieren. Weiteren Nutzen gibt es für Musiker, die ganze Chorsätze finden und vom Tablet herunter mehrstimmig spielen können.

Beim gemeinsamen Singen vom Bildschirm ist vor allem an Gottesdienste im Grünen oder an Reisegruppen gedacht. So könnten christliche Touristen in Kirchen textsicher vom Smartphone aus einen Kanon schmettern. Schon heute holten manche bei Google Rat, wenn sie ohne Gesangbuch unterwegs sind, beobachtet Kirchenrat Peter.

Außerdem ist ein offenes System geplant, dem die Nutzer auch weitere elektronische Liederbücher hinzufügen können.

Landeskirchenmusikdirektor Matthias Hanke nennt das die »Entkanonisierung« des Gesangbuchs. So ließen sich etwa moderne Lobpreissongs, die gerade bei jüngeren Leuten beliebt sind, mit wenigen Klicks einbinden.

Auch eine Kooperation mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag, der zur alle zwei Jahre stattfindenden Großveranstaltung ein eigenes Liederbuch herausbringt, ist angedacht. Außerdem lässt sich die Mehrsprachigkeit geistlicher Lieder durch entsprechende Module ausbauen. Eine Anpassung des Programms an die Bedürfnisse der katholischen Kirche, die noch keine vergleichbare App besitzt, sei ebenfalls denkbar.

Als besonders heikel erweisen sich im Entwicklungsprozess Rechtsfragen. Lizenzen für Liedtexte und Notensätze müssen bei den Verlagen eingeholt werden. Bisher regeln Rahmenvereinbarungen und Pauschalverträge die kirchliche Nutzung von Liedblättern und Beamereinsätzen im Gottesdienst. Bei einer App müssen die neuen Einsatzfelder mit den Rechtevertretern verhandelt werden. Kompliziert ist zudem das Einspielen von Musikvideos, weil hier auch die Rechte der Aufführenden berührt sind, selbst wenn das Video an anderen Stellen schon öffentlich zugänglich ist.

Gratis wird die Gesangbuch-App für die Nutzer nicht. Die württembergische Kirche übernimmt zwar die Anschubfinanzierung mit rund 500 000 Euro, danach muss sich das Projekt aber selbst tragen. Aus Sicht der Macher ist das keineswegs unrealistisch. Wenn von den 22 Millionen Protestanten in Deutschland sich nur eine Million für die App entscheidet, ließe sich der Weiterbetrieb problemlos finanzieren. Bis zur württembergischen Frühjahrssynode in Stuttgart soll ein Business-Plan für die App vorliegen. Die Entwickler hoffen, spätestens bis zum 1. Advent 2018 eine marktfähige Version herausbringen zu können.

Marcus Mockler (epd)

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Ein schöner Name, der nach Hoffnung klingt

9. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Geschichte aus Sri Lanka: Premalatha schenkte ihrem Sohn Osanda das Leben, als sie dreißig war. Davor war ihr Leben ein Albtraum, dunkel und zerrissen wie das Land, in dem sie lebt und in dem sie wie durch ein Wunder einen Bürgerkrieg überstand, der ein Vierteljahrhundert lang nicht enden wollte.

Wer in ihr Gesicht schaut, entdeckt noch die Schrecken, die unauslöschbar sind. In Premalathas Erinnerungen flackern die Bilder, die Bilder des Krieges: Soldaten stürmen ihr Dorf, schießen wild in die Häuser, nehmen Flüchtende als Zielscheiben, rennen in das Haus ihrer Familie, brennen es nieder, brennen alles nieder. Ihr Vater rafft sie, rafft ihre drei Geschwister, rennt mit der Mutter zum nahen Fluss, rennt in die Fluten, flieht, flieht, hinter sich das brennende Dorf.

Das sind die letzten Bilder, an die sich Premalatha von ihrer Heimat erinnert: Der rote Schein der brennenden Hütten. Die letzten Geräusche sind das Gehämmer der Maschinengewehre, sind Schreie – und sie glaubt, darin die Schreie ihrer Freundinnen zu hören, endlos. Erst später sagt man ihr, dass Tiger-Soldaten in ihr Dorf gekommen waren, um es zu befreien, um das ganze Land zu befreien. Aber sie hört nur noch die Schreie, ist gefangen in ihren Albträumen. Nur manchmal flackert das alte Leben auf: die schöne Kindheit in ihrem Dorf auf einer Insel.

Einige Jahre später: Ein anderes Dorf, oben im Norden der Insel, die damals noch Ceylon hieß. Denesh ist ein junger, achtzehnjähriger Mann. Er sieht Soldaten, die sein Dorf stürmen, es niederbrennen, seinen Vater töten. Es sind Regierungstruppen, die sagen, sie wollten es von den Tiger-Rebellen befreien.

Wieder einige Jahre später kreuzen sich zwei Lebenswege, die sich nicht kreuzen sollten: Premalatha aus dem Süden trifft Denesh aus dem Norden, dem Tamilen-Land der Rebellen. Was nicht vorgesehen ist im historischen Drehbuch der Insel: Die beiden verlieben sich. Und Premalatha heiratet Denesh. Aus der Geschichte würde Holly- oder Bollywood ein Filmmärchen produzieren, ein modernes mit Schmerz, aber Happyend. Aber die Geschichte ist so wenig märchenhaft wie die Zeit, in der sie geschieht. Es war ein Krieg, zwei Fronten – über 25 Jahre.

Premalatha mit ihrem einzigen Sohn Osanda. Foto: Paul-Josef Raue

Premalatha mit ihrem einzigen Sohn Osanda. Foto: Paul-Josef Raue

Hätte Premalatha nicht die Kraft eines Kindes gehabt, wäre sie nach der Flucht in die Verzweiflung gestürzt. Die Familie hatte alles verloren, ihr Haus, ihre Sachen, ihre Heimat. Ihr Vater, gerade dem Krieg entkommen, stirbt wenig später an Krebs. Die Mutter kann die Kinder nicht mehr ernähren, heiratet wieder. Der neue Mann ist das Zerrbild eines Vaters: Er schlägt sie, misshandelt sie, trinkt; mehr sagt Premalatha nicht, sie senkt den Kopf. Hilflos war sie und bleibt es in der Erinnerung. Ihre Mutter schickt sie zu einer Lehrer-Familie, wo sie helfen kann und zur Schule gehen soll. Doch die neue Familie denkt nicht daran, sie zur Schule zu schicken. 15 Jahre lang putzt und kocht sie, aber lernt weder schreiben noch lesen noch rechnen. Dann bekommt die junge Premalatha Arbeit in einer Sisalfabrik und flechtet Seile, nebenbei jobbt sie in Haushalten, mal ein paar Monate, mal ein halbes Jahr – bis sie in das Haus eines Barbiers kommt. Er hat ein schönes Haus, in dem auch ein junger Mann wohnt, Denesh rufen sie ihn, der das Handwerk lernt: Haare schneiden, Bärte rasieren, das lange Haar der Frauen in Form bringen.

Die Wege kreuzen sich: Sie mögen sich, sie lieben sich, sie heiraten, mieten ein Haus und eine Garage, in der Denesh einen Frisör-Salon eröffnet. Über ihre Vergangenheit sprechen sie nicht, nicht über den Krieg, der gerade zu Ende gegangen ist, nicht über die Fronten und die verfeindeten Lager, nicht über Mord und Vernichtung und der Schrecken, den Menschen über Menschen brachten.

Sie kommen über die Runden: Mal erscheint im Salon am Tag ein Dutzend Kunden, mal ein halbes. Es reicht, um die Mieten zu bezahlen, 30 Dollar für den Salon, 21 Dollar für das Haus mit drei kleinen Räumen, einer Küche und einem Garten. Sie kommen zurecht mit den Leuten in dem Dorf, das ihre neue Heimat ist: Norden und Süden, Rebellen und Regierung, das war einmal.

Mitten im Dorf treffen sich alle in einem Haus, essen zusammen, erzählen und tratschen, basteln aus Blumen und Ästen kleine Kunstartikel, bewirten gerne Gäste. Es ist, auch ohne Facebook, ein soziales Netz, das alle auffängt. Nur die Hebamme schaut ab und an auf ihr iPhone, das für sie ein Werkzeug ist: Sie notiert sich alle Daten der Schwangeren, kontrolliert, hilft und schenkt den Frauen Sicherheit, die früh ihre Kinder bekommen.

Premalatha wird lange Zeit nicht schwanger, es ist als ob der Alb ihrer Erinnerungen kein neues Leben duldet. Erst als sie ihren 30. Geburtstag feiert, schenkt sie einem Jungen das Leben: Er bekommt einen Namen, der schön klingen soll wie ein Wunder: Osanda. »Bei den Alten«, erzählt die Hebamme, »suchte man in den Namen einen Sinn, heute soll er einfach nur gut klingen – wie Osanda mit den drei Vokalen.«

Als ob der Alb die Mutter nicht aus seinen Fängen lassen will, verharrt Premalatha in ihrer Melancholie, hadert mit dem Schicksal als verspätete Mutter und plagt sich mit ihren Gedanken: Was denken die anderen Frauen über mich, die mit 30 und wenig später schon Großmütter sind? Premalatha weint, wenigstens das kann sie wieder.

Sie fühlt sich eigentlich nicht alt, nicht zu alt: Sie will lesen und schreiben lernen, das was alle im Dorf längst beherrschen. Sie träumt von einem eigenen Haus. Sie überwindet ihre Scheu und schließt sich Frauen an, die sich regelmäßig treffen und das trainieren, was wir Selbstbewusstsein nennen: Was kann ich? Was will ich? Wie komme ich zu einem eigenen Verdienst? Und vielleicht sogar: Wer bin ich? Das Kinderhilfswerk Plan Sri Lanka organisiert die Gruppe, in der Premalatha auch lesen und schreiben lernt, ganz langsam, mit über dreißig Jahren im Gepäck des Lebens.

Eine Liebe in Zeiten eines Bürgerkrieges, der eine Generation lang tobte und Hunderttausenden das Leben kostete, eine Liebe mit ein wenig Glück, mit ein wenig Hoffnung und mit den Schatten der Erinnerung, die wie dunkle Vögel durch die Träume fliegen. Was wir nüchtern ein Trauma nennen, sind diese Vögel.

Die Frau des Friseurs hat einen Sohn geboren und gab ihm einen schönen Namen, der wie Zukunft klingt und Hoffnung.

Paul-Josef Raue

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Lasst den Sonntag in Ruhe

8. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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In Sachsen-Anhalt gibt es eine Allianz für den freien Sonntag. Arbeitgebervertreter findet man nicht darunter. Willi Wild fragte den Vizepräsidenten des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU), Friedhelm Wachs, warum das so ist:

Was halten Sie von derartigen Bündnissen?
Wachs:
Für uns Christen gilt das 3. Gebot. Es lautet: »Du sollst den Feiertag heiligen.« Im Grundgesetz steht in Artikel 140: »Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.« Es ist immer wieder sinnvoll, wenn sich Christen dieser Grundsätze vergewissern.

In einer gemeinsamen Erklärung haben der Rat der EKD und die Kath. Bischofskonferenz 1999 die Eingriffe in die Sonntagsruhe durch Arbeitszeitrecht, Ladenschlussgesetz und verkaufsoffene Sonntage kritisiert. Wie stehen Sie als Christ und Unternehmer zum Feiertagsgebot?
Wachs:
Das 3. Gebot steht unter keinem Vorbehalt, insofern gilt es für alle Christen, auch für mich als Unternehmer.

Gewerkschaften schließen sich den kirchlichen Forderungen nach dem Schutz des Sonntags an. Die Initiative für die Sonntagsruhe wird als »Anregung für die Tarifpartner« betrachtet. Wie sehen Sie das?
Wachs:
Der Kernauftrag der Kirche ist in meiner Wahrnehmung nicht, den Tarifpartnern Anregungen zu geben, sondern Gottes Wort zu verkünden und zu leben. Für uns Christen ist es wesentlich, am Sonntag mit den Mitgliedern unserer Gemeinde das Abendmahl zu feiern. Das geht nur gemeinsam. Deshalb bin ich daran interessiert, dass sich die Gemeinde versammeln kann und nicht anderweitig verhindert ist. Und meine Beobachtung ist: je attraktiver der Gottesdienst, desto voller ist die Kirche.

Lässt sich das Rad z. B. bei den Ladenöffnungszeiten überhaupt zurückdrehen und welche Folgen hätte das für Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Gesellschaft?
Wachs:
Der gesellschaftliche Konsens und die Konsensfindung der repräsentativen Demokratie bestimmen unser Zusammenleben und regeln auch diese Fragen. Keine Verfassung kann Leitentscheidungen vorgeben und eine Regel auf Dauer halten, die von einer Mehrzahl der Bürger und Parlamentarier dauerhaft nicht akzeptiert wird; das haben wir ja 1989 erlebt. Für mich beruht die Veränderung im Bereich der Ladenöffnungszeiten auf den sich verändernden Lebensvollzügen und Interessen der Menschen, sodass sich die Frage der Rücknahme der Liberalisierung für mich nicht stellt. Für die Erosion des Sonntagsschutzes ist der sinkende Anteil an Christen in der Gesellschaft das eigentliche Problem.

Öffentliches Interesse? Damit begründen Kommunen die Sonntagsöffnung. Gewerkschaften und Kirchen halten die Feiertagsruhe dagegen. Foto: Gina Sanders – stock.adobe.com

Öffentliches Interesse? Damit begründen Kommunen die Sonntagsöffnung. Gewerkschaften und Kirchen halten die Feiertagsruhe dagegen. Foto: Gina Sanders – stock.adobe.com

Einige Supermarktketten hatten am verkaufsoffenen Heiligabend-Sonntag zu. Richtig oder falsch aus Unternehmer- und aus Christensicht?
Wachs:
Ich weiß nicht, ob Christen diese Entscheidung getroffen haben und ob Glaube überhaupt eine Rolle gespielt hat. Unternehmerisch gehe ich von einer rational getroffenen Entscheidung aus. Der Nutzen für Mitarbeiterinnen und Unternehmen dürfte größer sein als die Kosten für die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs an einem halben Sonntag.

Haben wir in Deutschland zu viele Feiertage?
Wachs:
Es gibt Länder wie Japan mit weniger Feiertagen und weniger Urlaubstagen und die Menschen werden im Durchschnitt dort fast 3 Jahre älter als hier in Deutschland. Dort 83,84 Jahre und hier 81,09 Jahre. Wenn da ein Zusammenhang besteht, würde ich sagen: ja.

Was bedeutet Ihnen der Sonntag und können Sie am 7. Tag ruhen? Wie sieht ein typischer Sonntag bei Ihnen aus?
Wachs:
Ich habe drei kleine Kinder, sie prägen den Sonntag. Den Tag beginnen die Drei um 6:30 Uhr mit Malen und Spielen und Eltern wecken. Dann steht vormittags der Gottesdienst auf dem Plan und danach kommt es sehr auf die Aktivitäten an, die die Familie sich wünscht, und auf die Jahreszeit. Neben dem Austausch mit Freunden, umringt von tobenden Kindern, sitze ich in diesen kalten Tagen gern, schreibe, lese und widme mich nachdenkenswerten Fragen. Und wenn der Tag geht und die Kinder im Bett sind, dann freue ich mich auf die Arbeitswoche. Die ist meist ruhiger als mein Sonntag.

Der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in Deutschland (AEU) ist ein Netzwerk protestantischer Unternehmer und Führungskräfte. Friedhelm Wachs (Leipzig) ist Unternehmensberater und Sprecher der mitteldeutschen Arbeitsgruppe des AEU.

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Gottes Palast jenseits von Raum und Zeit

7. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Innehalten: Warum wir die Sonntagsruhe des Gebets neu entdecken können

Du brauchst einen Ort oder eine bestimmte Stunde, wenn nicht sogar einen Tag, an dem du nicht weißt, was am Morgen in der Zeitung stand, wo deine Freunde sind, was du irgendjemand schuldig bist oder was irgendjemand dir schuldig ist. Am Anfang mag es scheinen, als geschähe dort nichts. Aber wenn du einen heiligen Ort hast und von ihm regelmäßig Gebrauch machst, dann wird zur rechten Zeit das Richtige geschehen.«

Diese Gedanken stammen von Joseph Campbell, einem berühmten Mythenforscher. Er hatte jahrzehntelang die Weisheitstraditionen vieler Völker studiert und war zum Schluss gekommen, dass alle diese Kulturen Formen der Ruhe entwickelt hatten: Heilige Orte, Zeiten und Tage der Ruhe. In unserer Tradition sind es der jüdische Sabbat am Sonnabend und der christliche Sonntag. Auch für Nichtgläubige sind diese beiden Tage heute die mit Abstand beliebtesten Wochentage. Sie sind arbeitsfrei, aber meistens keine Ruhetage mehr, sondern mit Aktivitäten ausgefüllt. Die alten Völker dagegen wussten, dass Zeiten der Ruhe und Stille die beste Möglichkeit sind, um Zugang zum eigenen Seelenleben und zu Gott zu finden. Auch Jesus empfahl das seinen Aposteln, als sie in einem Meeting mit ihm zusammensaßen und ihm von ihren vielen Aktivitäten, »von allem, was sie getan und gelehrt hatten« berichteten. »Sie kamen und gingen und hatten nicht einmal Zeit genug zum Essen«, so beschäftigt waren sie. Jesu wunderbarer Rat an sie lautete: »Geht allein an einen einsamen Ort und ruht euch ein wenig aus.« (Markus 6,30–31)

Das ist der perfekte Sonntagstipp, um Körper, Geist und Seele zu regenerieren. Wir könnten Sabbat und Sonntag wieder als leere Räume der Ruhe und Stille entdecken, in denen nichts passiert, damit »zur rechten Zeit das Richtige geschehen kann.« Wir wissen, dass Jesus selbst sich regelmäßig allein »an einen einsamen Platz« zurückzog, um zu beten (Markus 1,35).

Er balancierte die Pole Kontemplation und Aktion aus. Das ist heute wichtiger denn je. Leere, reizarme Räume und Ruhezeiten entlasten unseren Geist, der heutzutage ständig gefordert wird und permanent hochtourig fahren muss.

Sonnenuntergang: Ruhige Orte, ereignislose Momente helfen uns, nichts als den gegewärtigen Augenblick wahrzunehmen. Foto: Ivan – fotolia.com

Sonnenuntergang: Ruhige Orte, ereignislose Momente helfen uns, nichts als den gegewärtigen Augenblick wahrzunehmen. Foto: Ivan – fotolia.com

Neurowissenschaftler haben längst nachgewiesen, dass es die langsamen Delta-Gehirnwellen sind, bei denen sich unser Gehirn erholt und alle körperlichen und seelischen Regenerationsprozesse stattfinden. Diese Deltawellen erleben wir nur im Tiefschlaf – und im kontemplativen Gebet. Wer sich in das Gebet der Herzensruhe versenkt, gelangt nach und nach an den inneren stillen Punkt im Bewusstsein, der der Sabbatruhe Gottes am siebten Schöpfungstag entspricht. Hier wird »die Seele still zu Gott« (Psalm 62,2). Das Bewusstsein lässt alle Bitten, Wünsche und Gedanken los und taucht in die Ruhe des Göttlichen ein. Das ist die Sonntagsruhe des Gebets. Hier werden wir frei von unserer üblichen Bindung an Raum und Zeit, die uns beherrscht. Der integrale Philosoph Jean Gebser nannte das die Raum- und Zeitfreiheit oder das Feld des absoluten Geistes. Jesus nannte es »das Reich Gottes«.

52 Sonntage im Jahr erinnern uns daran, aus der Stille heraus immer wieder den Palast Gottes jenseits von Raum und Zeit zu suchen. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, wo dieser äußere Startpunkt liegt. Er muss vor allem für einen selbst passen. Der Theologe und Philosoph Ralph Waldo Emerson empfahl darum: »Denk für dich selbst – und alle Orte sind freundlich und heilig«. Freundlich, heilig, das kann eine ruhige Ecke in der Wohnung sein, die stille Kirche oder eine leere Parkbank, die auf uns wartet. Ruhige Orte und ereignislose Momente helfen uns, nichts als den gegenwärtigen Augenblick wahrzunehmen. Christen sprechen vom »Sakrament des Augenblicks«, denn in Gottes Gegenwart eintauchen können wir nur, wenn wir ganz gegenwärtig sind. Es genügt also, dem gegenwärtigen Augenblick in der Stille die Treue zu halten. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt hinüber zu Gottes Palast jenseits von Raum und Zeit – in das Reich Gottes, das, wie uns Jesus versichert, mitten in und unter uns ist.

Marion Küstenmacher

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Epiphanias: Das Leben feiern

6. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Unser Glaubenskurs widmet sich den kirchlichen Festen und zeigt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

Der Epiphanias-Tag ist einer der ältesten Feiertage der Christenheit. Vielleicht sogar der älteste überhaupt. Vor allem aber ist er der ursprüngliche Weihnachtstag. Ja, in der frühen Kirche wurde vor allem in Ägypten der 6. Januar als Geburtsfest Jesu gefeiert, weil man dort der großen Feier zur Ankunft der von einer Jungfrau geborenen Gottheit Aion etwas entgegensetzen wollte. Für die ägyptischen Christen war schließlich klar: Der wahre Herrscher über Zeit und Ewigkeit ist Jesus Christus, nicht Aion.

Als sich in der Kirche im Lauf der Zeit dann doch der 25. Dezember als Geburtstag Jesu durchsetzte, musste der Epiphanias-Tag verständlicherweise neu legitimiert werden. So wurde er unter anderem zum Feiertag für die Taufe Jesu, zum Fest seines ersten Wunders bei der Hochzeit zu Kana – und schließlich zum Tag der »Heiligen Drei Könige«. Drei Anlässe, die inhaltlich alle passten – schließlich heißt Epiphanias übersetzt »Erscheinung des Herrn«, also Gott, bzw. das Göttliche offenbart sich. Trotzdem setzten sich die weitgereisten Gabenbringer aus dem Orient als Hauptmotiv durch.

Dazu muss man allerdings kurz erwähnen, dass die Bibel gar nicht von »Drei heiligen Königen« spricht. Um ehrlich zu sein: Es sind weder drei, noch sind sie heilig, noch sind es Könige. Das Matthäusevangelium berichtet einfach von einer Gruppe von Sterndeutern, ob das 2 oder 20 waren, bleibt offen.

Für die junge Christenheit aber wurde diese Gelehrtenschar zum Symbol: Wer den König Jesus anbetet und beschenkt, der muss selbst königliches Blut haben – und weil man damals nur drei Kontinente kannte (Europa, Asien, Afrika) lag es nahe, dass jeder dieser Kontinente einen Vertreter geschickt hatte. So wurde einer der drei jetzt gekrönten Besucher auch kurzerhand zu einem dunkelhäutigen Afrikaner gemacht. Um zu zeigen: Schon im Stall betete die ganze Welt den Sohn Gottes an.

Dass man in Deutschland dem Epiphanias-Fest schon lange eine besondere Bedeutung beimisst, hat aber noch einen anderen Grund: Im Jahr 1164 ließ Kaiser Barbarossa nämlich nach einer Schlacht die Gebeine der »Heiligen Drei Könige« als Geschenk an den Kölner Erzbischof Rainald von Dassel überführen. Seither ruhen sie im Kölner Dom in einem edlen Schrein – und gehören quasi zum deutschen Kulturgut.

Die eigentliche Bedeutung des Epiphanias-Tags liegt aber in dem, worauf er aufmerksam machen möchte. Und das sind vor allem drei wesentliche Botschaften:

1. Gott erscheint! – Der Name »Epiphanias« ist also Programm: Dass der Schöpfer des Himmels und der Erde sich auf den Weg zu den Menschen macht, gehört zum Kostbarsten, was im Christentum gefeiert wird. Denn: Es gibt viele Religionen, bei denen sich Menschen auf den Weg zu einer Gottheit machen sollen, der christliche Gott aber ist sich nicht zu schade, selbst aufzubrechen. Und die liebevolle Botschaft »Gott ist an dir interessiert« stärkt Glaubende seit Jahrtausenden.

2. Gott verdient Anbetung! – Die passende Reaktion auf das »Hinunterneigen Gottes« (nebenbei: Das altdeutsche Wort für »Hinunterneigen« heißt Gnade) ist, wie es die »Heiligen Drei Könige« zeigen, die Anbetung. Und damit sind weniger bestimmte spirituelle Praktiken gemeint, als eine Lebenseinstellung: Wer sich immer neu bewusst macht, dass Gott bei ihm ist, der lebt anders. Der wird automatisch anfangen, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen. Und diese Haltung wird dann auch sein Handeln prägen.

3. Gott regiert die ganze Welt! – Dass sich in den »Heiligen Drei Königen« stellvertretend alle Völker an der Krippe versammeln, steht für den universellen Anspruch Gottes bzw. Jesu Christi. Darum ist es auch so wichtig, dass die »Heiligen Drei Könige« keine Juden sind – und auch nicht sofort zu Christen werden. Ihre Botschaft lautet: Da, wo die Gegenwart Gottes in der Welt sichtbar wird, da werden selbst heidnische Wissenschaftler spüren, dass hier etwas Himmlisches passiert.

Wer sich auf den Epiphanias-Tag einlässt, der entdeckt, dass das Christentum von Anfang an auf Beziehung angelegt ist: Gott sucht die Beziehung mit den Menschen. Und am 6. Januar steht diese »Offenbarung« noch einmal im Mittelpunkt.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist.

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Zwischen allen Stühlen: Christen im Heiligen Land

1. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Bethlehem – auch zu diesem Weihnachtsfest ist die Geburtsstadt Jesu von Nazareth weltweit in aller christlicher Munde. Jeder weiß, dass der Erlöser dort geboren wurde und sich ein Welten bewegendes Ereignis zwischen Himmel und Erde abgespielt hat. Aber kaum einer weiß, wie es den Christen dort heute geht.

Beim Blick auf das von Israelis und Palästinensern bewohnte Heilige Land werden oft nur zwei Parteien wahrgenommen: Juden und Muslime. Doch seit Anbeginn leben in diesem Geburtsland des Christentums auch Christen – palästinensische Christen. Heute beläuft sich ihre Zahl auf rund 170 000, aufgeteilt auf zahlreiche Denominationen – diesseits und jenseits der Grünen Linie zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten.

Obwohl Christen nur einen Anteil von etwa einem Prozent an der palästinensischen Gesellschaft haben, ist ihre Bedeutung groß. Nicht nur, dass sie zentrale heilige Stätten in Bethlehem oder Jerusalem pflegen. Auch bekleiden sie oft hohe Ämter in der palästinensischen Regierung und prägen einen Teil der Kultur. Prominente Palästinenser, wie der Autor und Musiker Edward Said oder der Maler Sliman Mansour, sind Christen. Ein Drittel der Krankenversorgung in Palästina leisten christliche Einrichtungen.

Doch die Christen sitzen zwischen allen Stühlen, wie der Autor und Pilgerführer Johannes Zang in seinem Buch »Begegnungen mit Christen im Heiligen Land« schreibt. Obwohl sie so viele Kirchen betreiben und so viele Pilger ins Land locken, werden die Christen kaum geachtet. Von Israel werden sie als Palästinenser behandelt – und allzuoft benachteiligt. Und von der muslimischen Mehrheitsgesellschaft werden sie in den vergangenen Jahren auch zunehmend kritischer beäugt, es kommt immer wieder zu Gewaltausbrüchen.

Die Christenheit im Heiligen Land sei vielfach verwundet, schreibt Zang und kritisiert vor allem die beschwerliche Lage der Palästinenser infolge der mittlerweile 50 Jahre andauernden israelischen Militärbesatzung. »Da ist die sichtbare, blutige Besatzung und der blutige Kampf gegen sie – mit Toten und Verletzten, seelischen und körperlichen Krüppeln. Da ist die sichtbare, unblutige Besatzung – mit Kontrollpunkten und Straßensperren aller Art, mit Landenteignung und dem System der Passierscheine. Zum Dritten gibt es die weitgehend unblutige Besatzung – dazu gehören das Zurückhalten von Steuereinnahmen, die Lähmung des Bankenverkehrs (…).« Auch Bethlehem ächzt unter der Besatzung. Der lutherische Pfarrer von Jesu Geburtsstadt, Mitri Raheb, sagt: »Bethlehem, die Wiege der Christenheit, ist zu einem großen Gefängnis geworden.«

Zang, Johannes: Begegnungen mit Christen im Heiligen Land. Ihre Geschichte und ihr Alltag, Echter Verlag 2017, 144 Seiten, 14,90 Euro

Zang, Johannes: Begegnungen mit Christen im Heiligen Land. Ihre Geschichte und ihr Alltag, Echter Verlag 2017, 144 Seiten, 14,90 Euro

Trotzdem bietet die Begegnung mit Christen im Heiligen Land eine große Chance. Von ihnen kann der Pilger einen differenzierten Blick auf die Geschichte und Gegenwart des Landes gewinnen. In ihren Gottesdiensten lebt zum Teil die Tradition der Urchristen weiter. Und in christlichen Einrichtungen, wie dem Begegnungszentrum in Bethlehem, kann man etwas über die spannende kulturelle Prägung palästinensischer Christen erfahren.

Johannes Zang hat einen ungemein aufschlussreichen Reiseführer der anderen Art geschrieben. Hier finden sich zahlreiche »Geheimtipps« für christliche Pilger – Orte und Begegnungsmöglichkeiten jenseits der bekannten Touristenpfade. Insbesondere Reiseleiter sowie Interessierte, die einen neuen Blick auf das Heilige Land werfen möchten, werden von diesem Buch profitieren.

Stefan Seidel

Zang, Johannes: Begegnungen mit Christen im Heiligen Land. Ihre Geschichte und ihr Alltag, Echter Verlag 2017, 144 Seiten, 14,90 Euro

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Der ewigen Dürre trotzen

1. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Wassernotstand: Die Region nördlich und östlich des Mount Kenya ist durch große Trockenheit geprägt. Viele Frauen verbringen mehrere Stunden am Tag damit, Wasser aus weit entfernten Quellen zu holen. Der Entwicklungsdienst der Anglikanischen Kirche verschafft den Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser – und setzt dabei auch auf unkonven­tionelle Methoden.

Mit verschränkten Armen steht Agnes Irima vor der Wasserstelle und schaut zu, wie das klare Wasser aus dem Hahn in ihren gelben Kanister sprudelt. Seitdem der Entwicklungsdienst der Anglikanischen Kirche in Kenia (Anglican Development Service, ADS) mit Unterstützung von Brot für die Welt in ihrem Dorf Gichunguri eine zuverlässige Versorgung mit Trinkwasser aufgebaut hat, braucht die 44-Jährige sich nicht mehr zu sorgen. »Früher hatte ich immer Angst, zu wenig Wasser für meine Familie zu haben.«

Ideenreich: Mit einer Rinne um einen Felsen und einen Tank sammeln Agnes Irima und die Dorfbewohner von Gichunguri am Mount Kenia Regenwasser. So haben sie auch in Dürrezeiten Trinkwasser. Fotos: Jörg Böthling/Brot für die Welt

Ideenreich: Mit einer Rinne um einen Felsen und einen Tank sammeln Agnes Irima und die Dorfbewohner von Gichunguri am Mount Kenia Regenwasser. So haben sie auch in Dürrezeiten Trinkwasser. Fotos: Jörg Böthling/Brot für die Welt

Um einen Felsen in der Größe eines Mehrfamilienhauses am Berghang hat eine lokale Baufirma aus Steinen eine Rinne gemauert. Bei Regen leitet diese das Wasser, das auf die Oberfläche prasselt, in einen Behälter aus Beton, in dem sich Sand und Steine absetzen. Von da aus fließt es in einen 75 Kubikmetergroßen Tank. Dieser speist die Wasserstelle am Fuße des Berges, an der Agnes Irima und die anderen Dorfbewohnerinnen jeden Morgen ihr Wasser holen. Nur wenige Tage Regen genügen, um den großen Tank zu füllen.

Tägliches Energiegetränk

Der Tank liegt nur ein paar hundert Meter von Agnes Irimas Haus entfernt. Früher musste sie fast sieben Kilometer weit laufen, um an Wasser zu kommen. Fünf Stunden am Tag war die Kleinbäuerin damals mit der Beschaffung des Wassers beschäftigt.

Zusammen mit anderen Frauen aus dem Dorf machte sie sich morgens um drei Uhr auf den Weg. Immer hatten sie Angst, nach dem anstrengenden Marsch kein Wasser mehr vorzufinden. Außerhalb der Regenzeit sind viele Flüsse am Mount Kenya ausgetrocknet. Die Menschen graben dann Löcher in das Flussbett, in denen Wasser zusammenläuft. »Ich musste es mühsam mit einer Schöpfkelle herausholen«, so Irima.

Doch das war nicht das einzige Problem: Das Wasser in diesen Löchern ist schmutzig, unter anderem, weil sich auch Tiere an ihnen bedienen. »Wir hatten Probleme mit Würmern, erkrankten an der Amöbenruhr, besonders die Kinder litten häufig an Durchfall«, erinnert sie sich.

Mehr als dreißig Liter Wasser konnte Agnes Irima nicht transportieren. Damit musste die Großfamilie einen Tag lang auskommen – das Waschen von Geschirr und Wäsche inklusive. Alle tranken zu wenig, hatten Kopfschmerzen und fühlten sich schwach. Heute trinken Agnes Irima und ihre Familie mindestens doppelt so viel. Nicht dass sie Wasser im Überfluss hätten. Für jeden Kanister bezahlen sie umgerechnet fünfzig Eurocent. So werden Instandhaltung und Ausbau der Wasserversorgung finanziert. Trotzdem ist immer genug da. »Wir fühlen uns gesund und kräftig, und die Kinder kommen gut in der Schule mit«, sagt Irima.

Seitdem sie sich nicht mehr die Hälfte des Tages um die Beschaffung von Wasser kümmern muss, hat Agnes Irima mehr Zeit für die Landwirtschaft. Auf ihrem kleinen Stück Land baut die Familie Mais, Gemüse und Obst an. Fast alles verbrauchen sie selbst.

Mehr Zeit für die Landwirtschaft

In der letzten Regenzeit von Oktober bis Dezember hat es jedoch nur wenige Tage geregnet. Die Maisernte fällt daher für die meisten Bauern aus. Dürrekatastrophen treten aufgrund des Klimawandels immer häufiger auf. Damit das Trinkwassersystem trotzdem genug für alle Dorfbewohner bereitstellt, baut ADS gerade zwei weitere Tanks. Wenn diese fertig sind, soll auch die Dorfschule sich daraus versorgen können. Zurzeit müssen die Schülerinnen und Schüler mit zwei Bechern Wasser pro Tag auskommen.

Agnes freut sich darüber, auch wegen ihrer Enkelin Peace Celille: »Ich bin sehr glücklich, dass meine Enkelin es besser hat.« Den täglichen Gang mit dem Kanister zur Wasserstelle nimmt sie dafür gerne in Kauf. Zumal er jetzt nur noch wenige Minuten dauert.

Klaus Sieg

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