Das Kind in uns

27. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Weihnachten – ein therapeutisches Ereignis: Glaubenskurs zu den kirchlichen Festen

Die Psychologie liebt heute das Bild vom »Kind in uns«. Jeder von uns trägt in sich ein göttliches Kind. Das göttliche Kind ist ein Bild für das wahre Selbst, oder man könnte auch sagen: Es steht für das einmalige Bild, das Gott sich von jedem von uns gemacht hat.

Weihnachten feiern wir die Geburt des göttlichen Kindes. Und wir feiern nicht nur die Geburt Jesu vor über 2 000 Jahren, sondern – wie der schlesische Dichter und Mystiker Angelus Silesius es ausgedrückt hat – die Geburt Christi in uns: »Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren.« Das göttliche Kind zeigt uns, dass in uns ein Raum der Stille ist, zu dem der Lärm der Welt keinen Zutritt hat.

In diesem inneren Raum der Stille sind wir frei von den Erwartungen und Ansprüchen der Menschen. Da sind wir heil und ganz. Dort kann niemand uns verletzen. Die verletzenden Worte treffen uns emotional weiterhin. Aber in den inneren Raum der Stille können sie nicht vordringen.

Und dort, wo das göttliche Kind in uns ist, sind wir ursprünglich und authentisch. Da lösen sich alle Bilder auf, die andere uns übergestülpt haben. Und auch unsere eigenen Routinen der Selbstentwertung (»ich bin nicht richtig«) oder der Selbstüberschätzung (»ich muss immer perfekt sein, cool sein, erfolgreich sein«) lösen sich auf. Und ich bin einfach da, ohne mich rechtfertigen und ohne etwas vorweisen zu müssen.

Wir haben aber – so sagt uns die Psychologie – nicht nur ein göttliches Kind in uns, sondern auch ein verletztes Kind. Die Weihnachtsgeschichte, die uns Matthäus erzählt, spricht von dem gefährdeten Kind, das von Herodes verfolgt wird und vor ihm nach Ägypten fliehen muss. Das verletzte Kind in uns meldet sich immer zu Wort, wenn es heute auf ähnliche Weise verletzt wird wie in unserer Kindheit.

Das übersehene Kind schreit auf, wenn wir heute von unserem Ehepartner oder vom Chef übersehen werden. Das zu kurz gekommene Kind schreit auf, wenn wir in der Gemeinschaft, in der wir stehen, zu kurz kommen. Das Kind, das den Erwartungen der Eltern nie genügen konnte, meldet sich heute zu Wort mit Gedanken wie: Ich bin nicht gut genug als Mutter, als Vater, ich genüge in meinem Beruf nicht den Erwartungen der Firma.

Die Weihnachtsbilder zeigen uns, wie Maria ihr Kind umarmt. So sollten auch wir wie Maria das verletzte Kind in uns umarmen und ihm zusprechen: »Ich übersehe dich nicht. Für mich bist du gut genug.« Und wir sollten uns vom verletzten Kind zum göttlichen Kind in uns führen lassen, in den inneren Raum der Stille.

C. G. Jung, der Schweizer Psychologe, nennt das Kirchenjahr ein therapeutisches System. Wir feiern in den Festen des Kirchenjahres heilsame Bilder für unsere Seele. Und indem wir diese Bilder feiern, bilden sie sich in uns ein und bringen uns in Berührung mit den heilenden Kräften unserer Seele. So ist auch Weihnachten ein therapeutisches Fest. Es will das verletzte Kind in uns heilen und uns in Berührung bringen mit dem göttlichen Kind in uns.

Anselm Grün

Dr. Anselm Grün ist Ordenspriester und lebt in der Benediktinerabtei Münsterschwarzach.

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