Kirchenjahr: Das Leben feiern!

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Am 1. Advent beginnt das neue Kirchenjahr und in unserer Kirchenzeitung ein neuer Glaubenskurs. Er widmet sich den kirchlichen Festen und Feiertagen.

Die höchste Kunst ist es, Feste zu feiern.« Hat zumindest Johann Wolfgang von Goethe behauptet. Und vermutlich hat er recht. Die Feiertage im Kirchenjahr sind nämlich eine kleine Anleitung für Lebenskunst, weil sie wie ein »Bilderbuch der menschlichen Existenz« alle wesentlichen Aspekte des Daseins behandeln – von der Geburt bis zum Tod.
Als sich im Lauf der Zeit der christliche Festzyklus entwickelte, da bildete die Kirche nämlich nicht nur ihre eigenen geistlichen Themen ab, sie übernahm auch Feste anderer Kulturen, sodass sich in unseren Feiertagen wahrhaft Jahrtausende alte Erfahrungen mit den großen Themen des Menschseins widerspiegeln. Und das bedeutet: Feiertage können uns helfen, das Leben an sich zu feiern.

Was übrigens ein ganz biblischer Zugang zum Glauben ist: Immerhin wird schon in der Schöpfungsgeschichte erwähnt, dass Gott einen wöchentlichen Feiertag einführt. Er segnet den siebenten Tag und macht damit deutlich, wie sehr zu einer Work-Life-Balance »Gesegnete Zeiten« gehören, in denen man sich mit dem Dasein auseinandersetzt. Die erste Einladung dazu ist die Adventszeit.

Eigentlich beginnt die christliche Geschichte ja mit der Geburt Jesu. Da kommt etwas völlig Neues in die Welt: Gott wird Mensch. Der Himmel öffnet sich. Das Göttliche wird greifbar. Und deshalb müsste das Kirchenjahr offiziell zu Weihnachten beginnen.

Aber schon die frühen Christen wussten, wie wichtig Vorfreude ist: Die Juden hatten schließlich lange auf die Ankunft des Messias gewartet. Und die Botschaft von Johannes dem Täufer lautete unmissverständlich: Wenn der Retter kommt, dann soll man sich darauf vorbereiten. Mehr noch: Selbst Jesus hatte sich vor seinem ersten öffentlichen Auftreten 40 Tage in die Wüste zurückgezogen, um sich darauf einzustimmen.

Also beschloss man: Auch vor Weihnachten braucht es eine 40-tägige Vorbereitung, eine Fastenzeit, die – wenn man die fastenfreien Sonntage dazuzählte – just am Tag nach St. Martin begann. Wenn Sie sich also schon immer gefragt haben, warum Karneval am 11. 11. startet, dann wissen Sie jetzt: Das war früher ein Tag, an dem man es sich vor dem Fasten noch mal gut gehen ließ – am liebsten mit Gänsebraten.

Weil die Zeit des Vorbereitens so wichtig ist und man im frühen Mittelalter die Zahl der Adventssonntage auf vier beschränkte, beginnt das Kirchenjahr seither mit dem 1. Advent; also mit der Einstimmung auf »Adventus Domini«, auf die Ankunft des Herren. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass die lateinische Wurzel dieses Ausrufs (»advenire«) gleichzeitig zum Wort »Abenteuer« wurde. Es geht also in den nächsten Wochen auch um das »Abenteuer Gottes« mit den Menschen. Und dazu gibt die Adventszeit gleich mehrere Anregungen mit.

Vorfreude ist eine Tugend – Wer das Leben in seiner ganzen Fülle erfahren will, den ermutigt der Advent sich auf die wesentlichen Erfahrungen des Daseins innerlich einzustimmen. Sich von Ereignissen nicht überrollen zu lassen, sondern bereit, offen und erwartungsvoll auf sie zuzugehen. Oftmals nimmt man das Große nämlich nur dann als groß wahr, wenn man den Blick dafür geschärft hat. Oder anders ausgedrückt: Je hellhöriger, weitsichtiger und achtsamer man sich auf das Leben einstellt, desto intensiver wird man es genießen.

Der Zauber des Anfangs – Zum Advent gehört die Entdeckung, dass Gott ein Gott des Neuanfangs ist. So, wie in der Geburt Jesu etwas welthistorisch Neues passiert, so zeigt sich Gott insgesamt als ein Freund der Erneuerung: Jeder Mensch darf darauf vertrauen, dass er nicht auf die Schwächen seiner Vergangenheit festgelegt wird, sondern dass der Zuspruch »Siehe, ich mache alles neu« auch ihm gilt. Kein Wunder, dass die Christenheit im Advent immer auch eifrig die Frage nach der Wiederkunft Christi disku-
tiert hat.

Erwarte viel! – Letztlich stellt der Advent vor allem eine Frage: Worauf hoffen wir? Oder anders formuliert: Erwarten wir von Gott noch etwas? Und wenn ja, was? Sind wir von einer tiefen Hoffnung darauf erfüllt, dass Gott in dieser Welt etwas verändern kann? In der Feiertagskultur ist die Adventszeit so wichtig, weil sie die Erwartung feiert. Denn: Wer viel erwartet, der kann auch viel erleben. Wer dagegen vom Leben wenig erwartet, muss sich nicht wundern, wenn wenig passiert. Advent sagt: Erwarte viel!
Wer sich wirklich auf Weihnachten einstellt, von Gott viel erhofft und glauben kann, dass auch für ihn ein Neuanfang möglich ist, der hat verstanden, was Advent bedeutet.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist.

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