Lange nicht vorbei

4. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Christen in der DDR: Mit einem Bußwort hat sich die EKM für »Irrwege, Unrecht, Verrat und Versagen« entschuldigt. Einer der Mitautoren ist der Hallesche Kirchenhistoriker Friedemann Stengel. Vor Bekanntgabe der Erklärung sprach er mit Katja Schmidtke.

Aus, aber noch nicht vorbei. Wie ist der Stand der Aufarbeitung?
Stengel:
Aus meiner Sicht hat es an vielen wichtigen Stellen keine Aufarbeitung gegeben. Als die Kirchen für ihr Verhalten in der DDR in den frühen 1990er Jahren massiv angegriffen worden sind, war der Grundton: Apologie und Selbstschutz gegenüber dem Vorwurf, zu wenig widerstanden zu haben oder gar Mittäter gewesen zu sein. Die Debatte fokussierte sich auf die Kirche als Institution und speziell auf das leitende Personal. Das war nicht pauschal falsch und ist aus heutiger Sicht weiter zu debattieren, denn die Kirchenleitungen sind, so heterogen sie auch waren, erheblich beeinflusst worden. Die Thüringer Landeskirche und die Kirchenprovinz Sachsen sind nicht außerhalb des direkten Einflusses des MfS gewesen. Es gehört zu den noch vor uns liegenden schmerzhaften Eingeständnissen, dass es deshalb ein unabhängiges kirchliches Handeln in der DDR nicht gegeben hat, besonders wenn es im personellen Bereich um die gezielte »Zersetzung« von Menschen ging.

Welche Themen fehlen bislang?
Stengel:
Es sind Themen, die sich als Hypotheken für jetziges und künftiges kirchliches Handeln erweisen und die Kirche, Gesellschaft und Staat aufarbeiten müssen. Kaum untersucht und bislang unterschätzt wird, welchen Einfluss der in der DDR vorangetriebene Austausch der Bildungseliten bis heute hat. Darüber fällt es so schwer zu reden, weil die Eliten von heute dies erlebt und ignoriert, weil sie die vom Staat geforderte ideologische Bringschuld erbracht haben, parteilich, freiwillig oder mit Zähneknirschen. In allen Jahrgängen und überall in der DDR wurden christliche Schüler und nicht nur Kinder kirchlicher Mitarbeiter am Bildungsaufstieg gehindert. Ich vermute Zahlen im fünfstelligen Bereich.

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Bislang sind in Thüringen 750 Fälle von verfolgten Schülern bekannt. Woran liegt diese Diskrepanz?
Stengel:
Es ist nicht leicht, eine politisch begründete Benachteiligung nachzuweisen. Und die Betroffenen sind in der Beweispflicht. Es ist schwer, ohne weiteres darüber zu reden. Es muss flächendeckend, aber auf individueller Ebene wissenschaftlich untersucht werden, wie diese Benachteiligung funktioniert hat.

Ich verfolge seit Jahren Diskussionen in den Medien: Wenn die Rede von Christen ist, die in der Schule benachteiligt wurden, kommen sofort Leserbriefe mit dem Hinweis auf den einen Katholiken in der Klasse. Die Gesellschaft ist scheinbar nicht bereit, sich dieses Themas anzunehmen. Und wer nicht nachweisen kann, dass ihr oder ihm das Abitur oder das Studium aus politischen Gründen verweigert worden ist, trägt einen Makel mit sich herum, der sprachunfähig machen kann.

Die Betroffenen schweigen aus Resignation, Scham oder weil sie ihre Biografie nicht revidieren wollen?
Stengel:
Diese Menschen können nicht wirklich rehabilitiert werden, denn verweigerte Chancen im Kindheits- oder Jugendalter lassen sich nicht einfach nachholen. Wer zur Wendezeit 30 Jahre alt war, dem können Sie heute nicht das in der DDR verweigerte Abitur oder Studium schenken. Einige, die 1990 im richtigen Alter waren, haben das Abitur nachgeholt, ja. Aber die, die das nicht geschafft haben und die zu alt waren, sind in einer anderen Bildungsschicht geblieben. Wer aus religiösen oder Gewissensgründen den Wehrdienst verweigerte, durfte nicht Medizin studieren, arbeitet heute aber vielleicht unter Vorgesetzten, die unter Umständen ein schlechteres Zeugnis hatten, aber drei Jahre oder länger in der NVA dienten. Manche sind wütend über die verlorenen Chancen, andere sehen sie als gottgegeben an und versuchen, dennoch ein gelingendes Leben zu
führen.

Welche Rolle spielte Willkür?
Stengel:
Mal wurden die Pfarrerskinder zugelassen, aber die Kinder der Kirchenältesten nicht. In anderen Fällen durften angepasste Gemeindeglieder studieren, aber die Pfarrerskinder nicht. Manchmal durfte der älteste Sohn, nicht aber die Geschwister. Erinnern Sie sich an den Lobetaler Pfarrer Uwe Holmer, der dem Ehepaar Honecker 1990 Asyl gewährte? Trotz guter und sehr guter Zeugnisse wurde keines seiner zehn Kinder zur EOS zugelassen! Das war Willkür mit System, ja sogar als System. Wir können das nur durch exemplarische Untersuchungen aufknacken. Ich habe im März für die Arbeitsgruppe der Thüringer Staatskanzlei ein Exposé geschrieben mit ganz konkreten Schritten, um dies aufklärerisch aufzuarbeiten.

Warum ist hier der Staat gefragt?
Stengel:
Juristische Rehabilitierung ist nicht alles. Es geht um Anerkennung und eine gesellschaftliche Debatte. Aufgearbeitet werden müssen die Fälle von Wissenschaftlern, aber veranlassen muss dies die Politik, denn für solch ein Forschungsvorhaben braucht es mehr Mittel. Meiner Meinung nach ist die Links-Regierung in Thüringen am besten geeignet, solch ein Vorhaben zu initiieren; gerade Bodo Ramelow aus dem Westen oder Minister Benjamin-Immanuel Hoff, der aus einer ganz anderen Generation stammt. Das ergäbe neue Kontaktzonen, neue Gesprächsinitiativen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Staatsregierung das doch noch macht. Wir können das Thema nicht aussitzen, es erledigt sich nicht »biologisch«! Das Unrecht muss anerkannt und aufgearbeitet werden, erst dann kann es heilen.

Welchen Beitrag kann die Kirche leisten?
Stengel:
Beim Thema der verfolgten Schüler muss der Staat aktiv werden. Die Kirche selbst muss es in einer anderen Form. Die Grundhaltung der Apologie halte ich für theologisch fragwürdig. Was der Kirche gut ansteht, ist die Haltung der Selbstkritik und eben auch der Buße. Nur mit Aufrufen erreichen wir nicht viel. Kirche sollte für die Gesellschaft stellvertretend handeln. Wenn wir zur Versöhnung aufrufen, müssen wir anfangen, uns mit unseren eigenen Leuten zu versöhnen.

An wen denken Sie?
Stengel:
An die Haupt- und Ehrenamtlichen, die aus politischen Gründen verfolgt, benachteiligt und von ihrer Kirche bedrängt oder fallen gelassen worden sind. Auch an diejenigen kirchlichen Mitarbeiter, die einen Ausreiseantrag gestellt haben, weil sie in einer persönlichen Situation, die immer auch politisch war, keinen anderen Ausweg gesehen haben und die im Westen mit Berufsverbot belegt worden sind. Das Thema ist damals wie heute ein Tabu – gesellschaftlich, innerkirchlich, oft auch familiär. Wer ausreiste, verlor seine Heimat doppelt. Da müssen wir endlich ran.

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