Kinder und ihre Schutzengel

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Dass jedes Kind einen eigenen Schutzengel hat, ist nicht nur Wunschdenken vieler Eltern – schon das Matthäus­-Evangelium spricht davon. Und die Kinder selbst? Dazu ein Gespräch mit Theologieprofessorin Martina Plieth.

Frau Plieth, brauchen Kinder Engel?
Plieth:
Es gibt eine sogenannte magische Phase, die bei Kindern zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr auftritt. In dieser Zeit entwickeln Kinder oft die Vorstellung von imaginären Freunden, unsichtbaren Begleitern. Sie brauchen das, um ihr kleines Ich, das sich noch entwickeln muss, zu stabilisieren. Solche imaginären Freunde bezeichnen Kinder nicht unbedingt als Engel. Sie sind aber der Ausgangspunkt für Engelsvorstellungen.

Wie stellen Kinder sich Engel vor?
Plieth:
Kinder kriegen Himmel und Erde viel besser zusammen als wir Erwachsenen. Für sie ist völlig klar: Gott ist ein Gott des Himmels und der Erde. Er kommt zu uns, ist wirklich bei uns anwesend. Sie stellen sich Engel vor als Schutzeinheiten, als Wesen, die für Gott arbeiten. Weil sie so offen sind für das Transzendente, spüren Kinder manchmal, dass es Dinge gibt, die man nicht beschreiben kann. Davon können sie erzählen. Wenn sie ganz viel gespürt haben, dann ist der Engel in der Erzählung groß und dick und mächtig. Wenn sie nicht so viel gespürt haben, ist der Engel vielleicht etwas kleiner. Der Psychoanalytiker C. G. Jung hat gesagt: »Wirklich ist, was wirkt.« Deshalb sind die Engelsvorstellungen von Kindern Wirklichkeit: Denn sie können spüren, dass ihr Engel sie beschützt und begleitet.

Wie sollen kritische Erwachsene mit solchen kindlichen Engelsvorstellungen umgehen?
Plieth:
Als aufgeklärter Mensch und Christin glaube ich nicht an Dämonen – und deshalb auch nicht an leibhaftige Engel. Ich glaube aber an Wirkmächte, und die sind nie autonom, sondern von Gott geschickt. Deshalb würde ich sagen: Lasst den Kindern ihre Vorstellungen! Wenn man einem Kind sagt, dass es Engel gar nicht gibt, raubt man ihm die Schutzfunktion. Genauso schwierig ist es zu sagen: Engel sind immer da und passen auf – das macht Kinder leichtfertig.

Schutzengel: Für Kinder sind sie real, denn sie verstehen mühelos, dass zwischen Himmel und Erde Kräfte wirken. Foto: epd-bild

Schutzengel: Für Kinder sind sie real, denn sie verstehen mühelos, dass zwischen Himmel und Erde Kräfte wirken. Foto: epd-bild

Der Benediktinerpater Anselm Grün sagt: »Jedes Kind hat einen Engel, der es nie verlässt.« Ist eine solche Vorstellung nicht übertrieben?
Plieth:
Es gibt zwei Stellen in der Bibel, die so eine Annahme stützen. Im Matthäusevangelium (18,10) ist von den »Engeln der Kleinen« die Rede. Jedes Kind, so die Vorstellung, hat einen Engel im Himmel, und dieser Engel sieht ins Angesicht Gottes. Durch ihre Engel sind also alle Kinder direkt mit Gott verbunden. Und in der Apostelgeschichte (12,15) geht es um den Engel, der Petrus aus dem Gefängnis befreit. In der Bibel wird an dieser Stelle von »seinem« Engel gesprochen. Wenn also alle Kinder Engel haben, und Petrus sogar einen ihm persönlich zugeordneten, dann könnte man daraus ableiten, dass jeder Mensch einen persönlichen Engel hat. Klar ist: Die Vorstellung eines persönlichen Engels hat etwas Tröstendes, Aufbauendes. Martin Luther sagt in seinem Abendsegen allerdings nicht, »mein heiliger Engel sei mit mir«, sondern »dein heiliger Engel sei mit mir«, nämlich der Engel Gottes. Das ist ein guter Hinweis: Wir können Gott bitten, dass er uns behütet und uns seine Engel schickt. Und wir können Kinder ermutigen, dass sie sich das auch trauen: Gott um seine Engel zu bitten.

Wie ist es um die Engelstradition im Protestantismus bestellt?
Plieth:
Es gibt eine sehr starke Engelstradition im römisch-katholischen Glauben. Aber auch die evangelische Kirche kennt Engel. Luther selbst hat als kleines Kind an Schutzengel geglaubt. Später hat er seinen Morgen- und Abendsegen mit einem »Engels-Wort« enden lassen. Luther sagt sinngemäß: »Der Engel führt uns. Er schaut, dass wir inwendig angeregt werden. Von ihm bekommen wir Sinn, Anstoß, Zeichen.« Biblische Engel sagen auch mal Nein, rufen stopp. Sie sind wachsam, wenn ihre Menschen gerade träumen und nicht achtgeben. Wir sollten uns an diese Neinsager-Engel wieder neu erinnern.

Welche Engelstypen gibt es denn in der Bibel?
Plieth:
Das ist ganz unterschiedlich. Engel sind in der Bibel mal geschlechtslos, mal Jünglinge, Männer oder auch Frauen. Als Seraphim haben sie sechs Flügel und Schlangenform. Die Cherubime sind mächtige Wächterengel, die mit einer Waffe in der Hand den Weg versperren. Thronoi sind unglaublich stark, sie können den Thron Gottes tragen. Im Mittelalter unterschied man drei Kategorien von Engeln: Berater, Verwalter, Boten. Gerade die Verwalter sind für Kinder spannend! Das sind nämlich keine Schreibtisch-Engel, sondern die Mächte, die Energie und die Kraft, auf die auch der Theologe Dietrich Bonhoeffer mit seinem Lied »Von guten Mächten« Bezug nimmt. Kinder verstehen sofort, dass es zwischen Himmel und Erde total viel Macht und Kraft gibt, und dass man diese Engel nennen kann.

Zwischen persönlichem Beschützer und himmlischer Gewalt: Was sind denn Engel nun für Kinder?
Plieth:
Kinder verstehen, dass tief in ihnen etwas ist, das ihnen den Weg zeigt. Wenn ein Kind etwas unbedingt will, kann ich es fragen: Spür mal tief in dir, ob das gut ist für dich. Wenn es da einen inneren Widerstand spürt, etwas, dass es abhalten möchte, zum Beispiel aus dem Fenster zu klettern, dann kann ich das ganz allgemein »Gewissen« nennen. Oder ich nenne es Engel. Natürlich kann ich meinem Kind auch einen kleinen Plüschengel oder eine Engelsfigur schenken, um zum Ausdruck zu bringen: Du bist nicht allein! Du bist begleitet und behütet! In manchen Situationen sind solche Übergangsobjekte hilfreich, zum Beispiel zum Schulanfang. Ein Engelchen am Federmäppchen kann ein Hinweis auf die Gegenwart Gottes sein. Immer wenn ich es sehe, erinnert es mich an Gottes Versprechen: Ich bin dir nah, ich unterstütze und stärke dich. Wichtig ist nur, dass nicht die Figur selbst zum Fetisch wird! Sonst wäre es ja der Untergang, wenn sie einmal verloren geht. Es ist nicht die Figur, die wirkt. Gott selbst wirkt.

Täte eine Schutzengelvorstellung auch Eltern gut?
Plieth:
Den sogenannten Helikopter-Eltern, die ihren Kindern vor lauter Sorge kaum Freiraum lassen, könnte mehr Gottvertrauen helfen. Wer annimmt, dass wir von Gott kommen und auch wieder auf Gott zugehen, der kann leichter darauf vertrauen, dass eine Wirkmacht unseren Alltag bestimmt. Wenn dabei die Vorstellung hilft, dass es auch für mein Kind einen Engel Gottes gibt – warum nicht? Aber was ist, wenn dann doch etwas passiert? War der Engel dann in der Sommerfrische? Ich kann mir keinen Engel mit Rundum-Schutz kaufen, wie es manche Versicherungen in ihrer Werbung versprechen. Die Frage ist: Gehe ich davon aus, dass mein Leben nur von meinem Tun und Wollen abhängt, dass ich alles selbst schaffen muss? Oder dass auch ich getragen bin und mir helfen lassen kann?

Erinnern Sie sich an den Engel Ihrer Kindheit?
Plieth:
Als Kind hatte ich eine Engelsbegegnung der dritten Art. Ich hatte lange blonde Locken: der ideale Engel für das Krippenspiel. Aber meine Stimme war tief, und ich konnte das hohe »Vom Himmel her« nur mitbrummen. Die Lehrerin hörte das und ließ alle Engel einen Schritt vortreten zum Vorsingen. Und als sie meine Stimme hörte, zeigte sie mit dem Finger auf mich und sagte: »Ab heute bist du ein stummer Engel oder du wirst Hirte.« Ich war den Tränen nahe. Ein stummer Engel wollte ich auf keinen Fall sein! Also bekam ich einen Stab, einen Hut und das alte Schaffell meines Urgroßvaters und durfte als Hirte bald lange Textstücke im Krippenspiel aufsagen. Ich finde: Schön aussehen müssen Engel nicht. Aber sie müssen tatkräftig und wirkmächtig sein! Die Geschichte hatte übrigens eine Fortsetzung, als ich schon Hochschullehrerin war. Bei einer Weihnachtsfreizeit planten die Studierenden ein improvisiertes Krippenspiel. Ausgerechnet mir wiesen sie die Rolle des Engels zu, und ich sollte vor versammelter Mannschaft singen. Sofort war die ganze Kindheitsgeschichte wieder präsent. Ein junger Mitarbeiter spürte meine Hilflosigkeit. Er stellte sich hinter mich, sodass man ihn nicht sah, und sang engelsgleich für mich – ich musste nur noch den Mund auf und zu machen. Er ist damals für mich zum Engel geworden und hat mich an Gottes Versprechen erinnert: Wenn du in Not bist und nicht weiterweißt, helfe ich dir.

Das Gespräch führte Susanne Schröder.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Eine böse Tat, ein Fluch und seine Folgen

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

In einem Dorf in Anhalt passierte vor 1 000 Jahren Seltsames. Als »Tanzwunder von Cölbigk« ist es überliefert. Was man darüber weiß, und was nicht.

An der Kirche St. Severin von Ilberstedt nahe Güsten steht eine seltsame Gestalt aus Blech. Trotz gebeugter Haltung scheint sie kräftig auszuschreiten. Auf dem Rücken trägt sie einen Sack, aus dem ein Spielzeug und ein Rutenbündel hervorlugen. Die Gestalt befand sich am Kirchturm des Klosters im benachbarten Cölbigk. Mit dem Ort ist die Legende vom »Tanzwunder« verbunden, das sich vor fast tausend Jahren hier ereignet haben soll. Damals soll ein Rutpertus oder Ruprecht in Cölbigk Priester gewesen sein. Im Lauf der Jahrhunderte wurde er wohl zur Vorlage für den Nikolaus-Gehilfen Knecht Ruprecht und der im Raum Bernburg angesiedelten Gestalt des »Heele Christ«.

Gedenkstein: An dieser Stelle befand sich das Kloster Cölbigk, das bis 1024 gegründet wurde. Das »Tanzwunder« soll sich in den Jahren 1020 oder 1021 abgespielt haben. Foto: Engelbert Pülicher

Gedenkstein: An dieser Stelle befand sich das Kloster Cölbigk, das bis 1024 gegründet wurde. Das »Tanzwunder« soll sich in den Jahren 1020 oder 1021 abgespielt haben. Foto: Engelbert Pülicher

Die Legende vom Cölbigker »Tanzwunder« ist unter anderem in der Historie des Fürstentums Anhalt (1710) überliefert: Im Jahr 1021, als Kaiser Heinrich II. regierte, sollen auf dem Friedhof an der Kirche St. Magnus in Cölbigk 15 Bauern und drei Frauen in der Christnacht getanzt, gelärmt und damit die Messe gestört haben. Der Priester ermahnte sie. Als das nichts half, verfluchte er sie: Alle sollten ein Jahr weitertanzen müssen. So geschah es. Unter den Tanzenden befand sich auch die Schwester des Kirchners. Als dieser sie am Arm wegziehen wollte, riss der Arm ab. Die Schwester musste weitermachen wie alle anderen, bis sie »unter ihre Gürtel Kulen in die Erde getanzt« hatten. Nach einem Jahr kamen Bischöfe aus Köln und Hildesheim nach Cölbigk und konnten nach Gebeten den Fluch lösen.

Vier Tänzer, darunter die junge Frau, starben, die anderen verließen wohl den Ort. Als Beispiel für einen frevlerischen Tanz nahmen die Gebrüder Grimm die Geschichte in ihre Sagensammlung auf.

Die bislang spärlich erforschte Siedlungsgeschichte Cölbigks stellte der Diplom-Geograf Karsten Falke kürzlich bei einer Tagung des Landesheimatbundes von Sachsen-Anhalt vor. In der Chronik Thietmars von Merseburg wurde Cölbigk 1015 zum ersten Mal erwähnt. 1036 ist es als Marktort genannt und hatte damit regionale Bedeutung. Aber eine Entwicklung zur Stadt blieb aus. »Um 1500 war Cölbigk eine Wüstung mit einem heruntergekommen Kloster«, so Falke. Die »Tanzwunder«-Legende knüpfe an die frühe Bedeutung des Ortes an: einen Kult um den Märtyrer und Heiligen Magnus, der im 7. oder 8. Jahrhundert als Missionar in die Gegend gekommen sein soll, eine frühe Kirche und die Klostergründung etwa 1024. Dafür, dass Cölbigk Wallfahrtsort gewesen sein soll, finde sich keine Quelle. Nur die archäologische Forschung könne Fragen zur frühen Ortsgeschichte beantworten helfen.

Der Mittelalterhistoriker und Sprachwissenschaftler Ernst Erich Metzner (Rüsselsheim) betonte, dass die ältesten Überlieferungen des Tanzes von Cölbigk keine Sagen seien, sondern drei gleichwertige lateinische Berichte vom Ende des 11. Jahrhunderts. Zwei davon beruhten auf so genannten Bettelausweisen aus klerikalem Umfeld, wie sie damals ausgestellt wurden, um echte Bedürftige von Simulanten unterscheiden zu können. Das »Tanzen« könne die Folge einer Vergiftung gewesen sein, die mehrere Tage anhielt und bei den Überlebenden dauerhaftes Zittern zur Folge gehabt hatte.

»Wir können nicht sagen, was in Cölbigk wirklich passiert ist«, so der Mittelalterhistoriker Gregor Rohmann (Frankfurt am Main). »Aber wir können etwas über die Hintergründe sagen.« Die drei oben genannten Quellen seien zwar im Raum Köln geschrieben worden, würden sich aber auf ein Ereignis bei Bernburg beziehen. Zudem würden sie Anspielungen auf zeitgenössische kirchliche Probleme enthalten. Einer der Schreiber, Goscelin von Saint-Bertin, erwähnt sogar, einen der Überlebenden noch selber getroffen zu haben. Goscelin stelle in seinem Text Gottes Güte in den Mittelpunkt, der die meisten Tänzer habe überleben lassen. Er zeige aber auch, dass die Abkehr von der Kirche ins Verderben führe. So wird bei Goscelin die oben erwähnte Schwester des Kirchners zur Tochter des Priesters, die nach dem Tanz stirbt. Der Priester steht als Sünder da, weil er nicht im Zölibat lebt: eine im 11. Jahrhundert besonders heftig diskutierte Frage.

Zur Warnlegende sei die Geschichte vom »Tanzwunder« im 13. Jahrhundert geworden und durch den Dominikaner Vinzenz von Beauvais in die Exempel-Sammlung des Dominikanerordens gelangt. Mittels Predigten sei sie unters Volk gekommen und weit verbreitet worden. »Wir wissen nicht, was in Cölbigk passierte«, so Rohmann. »Das ist unbefriedigend – auch für das Marketing.«

Die Volkskundlerin Annette Schneider-Reinhardt verwies darauf, dass die Nikolaus-Verehrung im 11. und 12. Jahrhundert in Deutschland ihren Höhenpunkt erreicht habe. Knecht Ruprecht als Diener des Heiligen und Kinderschreck taucht erst ab dem 13. Jahrhundert auf. Auch in Mitteldeutschland habe es verschiedene Bräuche rund um Nikolaus und Knecht Ruprecht gegeben. Für Cölbigk sei der »Umgang eines finsteren Gesellen, der strafte oder belohnte«, belegt. Nach 1945 verlor Knecht Ruprecht an Bekanntheit. Die Weihnachtsmann-Tradition überwiege. »Dazu«, so Annette Schneider-Reinhardt, »trugen wohl auch die veränderten Auffassungen in der Kindererziehung bei.«

Angela Stoye

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Nächstenliebe kommt zum Zug

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Streckenposten: Am zweiten Advents-Wochenende nimmt die Deutsche Bahn ihre neue »Rennstrecke« zwischen Berlin und München komplett in Betrieb. Reisende, die Hilfe brauchen, bekommen diese am Knotenbahnhof Erfurt von der Bahnhofsmission.

Heute kommen Uwe Friese, Magdalena Steinhöfel und Beate Wichmann ganz schön ins Schwitzen. Vier Stunden lang arbeiten sie an diesem Freitagnachmittag ehrenamtlich für die neue Bahnhofsmission am Erfurter Hauptbahnhof. Diebe haben auf der Strecke in Richtung Leipzig Teile der Oberleitung gestohlen. Das wirbelt den Fahrplan gehörig durcheinander. Viele Reisende sind stundenlang verspätet, verpassen Anschlüsse und sind froh, dass sie jemanden haben, der mit Rat und Tat zur Seite steht.

Foto: Markus Wetterauer

Foto: Markus Wetterauer

Oft sind es nur kleine Gesten, die weiterhelfen: Mal ist es ein Hinweis auf den Anschlusszug, für die Mutter mit Kinderwagen ist es der Tipp mit dem Aufzug. Seit Juni sind die 15 Freiwilligen der Erfurter Bahnhofsmission unterwegs als »Engel am Zug«. Jeden Freitagnachmittag helfen sie. Entstanden ist die Bahnhofsmission aus einer Gruppe von Menschen, die sich ganz allgemein für andere engagieren wollte. Schnell fand sich der Bahnhof als Ort, wo Menschen immer wieder Hilfe brauchen.

»Sowohl beim Bahn-Management als auch bei den Mitarbeitern in den Geschäften und bei der Stadt haben wir viel Resonanz erfahren und offene Türen eingerannt«, erinnert sich Hubertus Schönemann, selbst leidenschaftlicher Zugfahrer und einer der Initiatoren.
Im Gegensatz zu den Bahnhofsmissionen in anderen deutschen Städten läuft bisher alles auf freiwilliger Basis ab. Es gibt keine hauptamtlichen Mitarbeiter. Und vor allem: Es fehlt an einem Raum. »Das ist eine schwierige Situation, weil es Fälle gibt, wo es drauf ankäme, jemanden mal hinzusetzen, ein Gespräch zu führen und ein Glas Wasser zu geben«, so Schönemann. Hätte man einen solchen Raum, »dann könnten wir auch längere Zeiten abdecken« – und nicht nur den Freitagnachmittag.

Meistens sind zwei oder drei Freiwillige zu den Diensten am Gleis eingeteilt. Zu Beginn waren die Helfer ohne die leuchtend blauen Jacken der Bahnhofsmission unterwegs. Das war manchmal etwas schwierig, wie sich Magdalena Steinhöfel erinnert. »Es ist niemand auf uns zugekommen, weil wir ja auch normale Reisende hätten sein können«, so Steinhöfel, die praktische Theologie an der Universität Jena studiert und gerade an ihrer Doktorarbeit schreibt. »Wenn wir dann Hilfe angeboten haben, wurden wir erst mal skeptisch angeschaut.« Das hat sich geändert: Alle sind klar als Bahnhofsmission erkennbar: »Wir gehören quasi zum Inventar des Bahnhofs und die Leute verbinden mit uns Hilfeleistung.«

Auch Dagmar Schumann hat bei Zugreisen schon die Hilfe der Bahnhofsmission in Anspruch genommen: Zug verpasst, Anschluss weg – und sie wusste nicht, was sie machen sollte. Als sie vor Kurzem hörte, dass in Erfurt eine Bahnhofsmission gegründet wird, wollte sie mitmachen, »und die Hilfe weitergeben, die ich bekommen habe«. Jetzt ist sie selbst im Einsatz am Bahnsteig.

Hubertus Schönemann wünscht sich noch mehr Freiwillige für das Team. Zwischen 25 und 30 strebt er an. Künftig gehört auch Luzia Rosenstengel-Kromke dazu. »Ich war ein paar Mal zum Schnuppern da«, erzählt sie. Bei einem Rundgang durch den Bahnhof hat sie so alle wichtigen Einrichtungen und das Bahnpersonal kennengelernt. Schon bisher wurde sie bei ihren Bahnreisen immer wieder mal angesprochen und von anderen Reisenden um Hilfe gebeten. Jetzt will sie andere regelmäßig unterstützen: »Das macht ja auch für einen selbst einen Sinn.«

Markenzeichen: Die blauen Westen mit dem Emblem der Bahnhofsmission signalisieren den Reisenden: Hier bekommen sie Hilfe. Foto: Markus Wetterauer

Markenzeichen: Die blauen Westen mit dem Emblem der Bahnhofsmission signalisieren den Reisenden: Hier bekommen sie Hilfe. Foto: Markus Wetterauer

Helfen und etwas weitergeben, das wollen die Helfer der Erfurter Bahnhofsmission aus christlicher Überzeugung. An den Adventsfreitagen soll das auch durch Fünf-Minuten-Impulse am großen Christbaum in der Eingangshalle des Bahnhofs geschehen: ein kurzes Musikstück, ein Gedanke zum Mitnehmen, ein Segensspruch für die Reisenden.

Wie wichtig Reden und Zuhören ist, hat Hubertus Schönemann vor ein paar Wochen erst wieder erfahren. Bei einem Einsatz traf er einen älteren Herrn, der im Urlaub einen Herzinfarkt hatte. Bevor dessen Frau ihn abholte, kümmerte sich Schönemann zwei Stunden lang um ihn, setzte sich zu ihm in den Wartesaal, gab ihm ein Glas Wasser, hörte ihm zu. Der Mann erzählte seine Lebensgeschichte und wie es ihm jetzt geht mit dem Herzinfarkt. Dann kam die Frau an, weinend, weil sie sich so gesorgt hatte, wie Hubertus Schönemann berichtet. »Wenn ich so etwas erlebe, dann weiß ich, warum ich das mache.«

Markus Wetterauer

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Zweieinhalb Minuten vor Zwölf

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Früher war mehr Friedens­bewegung – auch in der Atommacht USA ringt sie um Relevanz. Die Zeit der großen Opposition gegen Kriege und nukleare Waffenarsenale scheint dort vorbei zu sein.

Millionen hatten in den 1980er- Jahren gegen Ronald Reagans Aufrüstung demonstriert und wohl auch Millionen gegen George W. Bushs Irakkrieg. Nach der Nordkorea »Feuer und Wut«-Rede von Donald Trump ging kaum jemand auf die Straße. Doch Meckern über die »lahme« Friedensbewegung ist vielleicht nicht ganz angebracht. Lawrence Wittner ist emeritierter Geschichtsprofessor an der »State University of New York« in Albany im Bundesstaat New York. Er hat viel über die Geschichte von Friedens- und Anti-Kriegsbewegungen geschrieben.

Ja, die Friedensbewegung in den USA sei gegenwärtig auf einem Tiefpunkt, sagte Wittner, doch er befürworte einen realistischen Rückblick. Aktivisten hätten immer nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausgemacht und trotzdem einiges erreicht.

Denn manchmal lassen sich Konsequenzen von Protest nicht sofort absehen, wie folgende Anekdote zeige: Es war 1961. John F. Kennedy war Präsident, Lawrence Wittner Student in New York City – friedensbewegt, obwohl »Friedensbewegung« damals alles andere war als eine Massenbewegung. In Erinnerung an diese Zeit schrieb Wittner kürzlich: Nachdem die Sowjetunion angekündigt hatte, sie werde sich vom Moratorium für atmosphärische Atomwaffentests zurückziehen, sei er mit ein paar Dutzend Gleichgesinnten nach Washington gefahren, um gegen Tests zu protestieren (Randbemerkung: Um Regierungsmitarbeiter im Weißen Haus zu beeindrucken, habe er eigens einen Anzug getragen und ein Schild »Kennedy: Äffen Sie nicht die Russen nach!«).

Die Atomkriegsuhr soll  verdeutlichen, wie groß das derzeitige Risiko einer globalen Katastrophe, insbesondere eines Nuklearkrieges, ist. Foto: Taily – stock.adobe.com

Die Atomkriegsuhr soll verdeutlichen, wie groß das derzeitige Risiko einer globalen Katastrophe, insbesondere eines Nuklearkrieges, ist. Foto: Taily – stock.adobe.com

Es war nur eine kleine Demonstration, aber als Wittner Mitte der 1990er-Jahre in der Kennedy-Bibliothek in Boston recherchierte, stieß er auf folgende Aussagen des damaligen stellvertretenden Direktors der US-Rüstungskontrollbehörde, Adrian Fisher. Kennedy habe auf die Moratoriumsaufkündigung der Sowjetunion nicht sofort mit einem amerikanischen Test reagiert, denn Bürger seien wohl skeptisch gewesen. »Wir hatten Leute, die vor dem Weißen Haus protestierten«, so Fisher; die Frage »Müssen wir das tun, nur weil die Russen es auch tun?« habe offenbar viele bewegt – erst Ende April begannen die USA mit atmosphärischen Tests. Doch im Herbst 1963 schlossen die Sowjetunion, die USA und Großbritannien einen Vertrag zum Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre.

In der Ära Trump konzentriere sich die beträchtliche Opposition nicht auf die Themen Krieg und Frieden, sondern auf soziale und gesellschaftliche Anliegen wie Rassismus, Diskriminierung und wirtschaftliche Gerechtigkeit, so Wittner.

Barry Ladendorf, Vietnamkriegsveteran und Präsident des Verbandes »Veteranen für Frieden«, sieht einen Generationsunterschied. Viele Friedensaktivisten seien Menschen, die sich an Vietnam und Reagan erinnerten. Und doch sehe er bei seiner Arbeit, dass Donald Trump viele Menschen aktiviere, sagte Ladendorf.

Neu und schwierig sei freilich die »Stimmung einer Verehrung des Militärs«, die sich in den USA breitgemacht habe. Ladendorf sprach von einem »falschen Patriotismus«. Das habe auch mit der Professionalisierung des Militärs zu tun. Die wenigsten Menschen hätten wirklich Kontakt zu Menschen in Uniform.

Erstmals seit Jahren wird in diesem Herbst allerdings im politischen Washington über Atomwaffen diskutiert. Es war Mitte November, bei einer Sitzung des außenpolitischen Ausschusses im Senat: Die Politiker befassten sich mit der Frage, wer in den USA über den Einsatz von Atomwaffen entscheidet, und ob dieser Prozess abgeändert werden sollte. Entscheider ist der Präsident. So ziemlich im Alleingang.

In diesem Zusammenhang warnte der demokratische Senator Chris Murphy: Er sei besorgt, dass Trump »instabil« und »schwankungsanfällig« sei, und den Einsatz von Atomwaffen befehlen könnte entgegen der wirklichen Sicherheitsinteressen der USA.

Nach Einschätzung des Wissenschaftlermagazins »Bulletin of the Atomic Scientists« (»Berichtsblatt der Atomwissenschaftler«) steht die symbolische Atomkriegsuhr, die »Weltuntergangsuhr« (»doomsday clock«), gegenwärtig auf zweieinhalb Minuten vor Mitternacht. So nah wie noch nie.

John Mecklin ist Chefredakteur des Bulletins. Die Zahl der Online-Leser sei im vergangenen Jahr um 60 Prozent gestiegen, erklärte Mecklin. Es bestehe »enormes Interesse« an Fragen zu Krieg und Frieden, »doch das allein schafft keine guten Bilder fürs Fernsehen«. Die Hälfte der Leser seien unter 34 Jahre alt.

Mecklin glaubt an die Möglichkeit zur Veränderung und erinnert an den bewegenden Spielfilm von 1983 »Der Tag danach« über die verheerenden Folgen eines fiktiven Atomkrieges auf die USA. Der habe zahllose Menschen wachgerüttelt.

100 Millionen US-Amerikaner sahen den Film, auch Ronald Reagan im Weißen Haus. Später wurde er im Fernsehen in der Sowjetunion gezeigt.

Konrad Ege

thebulletin.org/timeline

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Kirchenjahr: Das Leben feiern!

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Am 1. Advent beginnt das neue Kirchenjahr und in unserer Kirchenzeitung ein neuer Glaubenskurs. Er widmet sich den kirchlichen Festen und Feiertagen.

Die höchste Kunst ist es, Feste zu feiern.« Hat zumindest Johann Wolfgang von Goethe behauptet. Und vermutlich hat er recht. Die Feiertage im Kirchenjahr sind nämlich eine kleine Anleitung für Lebenskunst, weil sie wie ein »Bilderbuch der menschlichen Existenz« alle wesentlichen Aspekte des Daseins behandeln – von der Geburt bis zum Tod.
Als sich im Lauf der Zeit der christliche Festzyklus entwickelte, da bildete die Kirche nämlich nicht nur ihre eigenen geistlichen Themen ab, sie übernahm auch Feste anderer Kulturen, sodass sich in unseren Feiertagen wahrhaft Jahrtausende alte Erfahrungen mit den großen Themen des Menschseins widerspiegeln. Und das bedeutet: Feiertage können uns helfen, das Leben an sich zu feiern.

Was übrigens ein ganz biblischer Zugang zum Glauben ist: Immerhin wird schon in der Schöpfungsgeschichte erwähnt, dass Gott einen wöchentlichen Feiertag einführt. Er segnet den siebenten Tag und macht damit deutlich, wie sehr zu einer Work-Life-Balance »Gesegnete Zeiten« gehören, in denen man sich mit dem Dasein auseinandersetzt. Die erste Einladung dazu ist die Adventszeit.

Eigentlich beginnt die christliche Geschichte ja mit der Geburt Jesu. Da kommt etwas völlig Neues in die Welt: Gott wird Mensch. Der Himmel öffnet sich. Das Göttliche wird greifbar. Und deshalb müsste das Kirchenjahr offiziell zu Weihnachten beginnen.

Aber schon die frühen Christen wussten, wie wichtig Vorfreude ist: Die Juden hatten schließlich lange auf die Ankunft des Messias gewartet. Und die Botschaft von Johannes dem Täufer lautete unmissverständlich: Wenn der Retter kommt, dann soll man sich darauf vorbereiten. Mehr noch: Selbst Jesus hatte sich vor seinem ersten öffentlichen Auftreten 40 Tage in die Wüste zurückgezogen, um sich darauf einzustimmen.

Also beschloss man: Auch vor Weihnachten braucht es eine 40-tägige Vorbereitung, eine Fastenzeit, die – wenn man die fastenfreien Sonntage dazuzählte – just am Tag nach St. Martin begann. Wenn Sie sich also schon immer gefragt haben, warum Karneval am 11. 11. startet, dann wissen Sie jetzt: Das war früher ein Tag, an dem man es sich vor dem Fasten noch mal gut gehen ließ – am liebsten mit Gänsebraten.

Weil die Zeit des Vorbereitens so wichtig ist und man im frühen Mittelalter die Zahl der Adventssonntage auf vier beschränkte, beginnt das Kirchenjahr seither mit dem 1. Advent; also mit der Einstimmung auf »Adventus Domini«, auf die Ankunft des Herren. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass die lateinische Wurzel dieses Ausrufs (»advenire«) gleichzeitig zum Wort »Abenteuer« wurde. Es geht also in den nächsten Wochen auch um das »Abenteuer Gottes« mit den Menschen. Und dazu gibt die Adventszeit gleich mehrere Anregungen mit.

Vorfreude ist eine Tugend – Wer das Leben in seiner ganzen Fülle erfahren will, den ermutigt der Advent sich auf die wesentlichen Erfahrungen des Daseins innerlich einzustimmen. Sich von Ereignissen nicht überrollen zu lassen, sondern bereit, offen und erwartungsvoll auf sie zuzugehen. Oftmals nimmt man das Große nämlich nur dann als groß wahr, wenn man den Blick dafür geschärft hat. Oder anders ausgedrückt: Je hellhöriger, weitsichtiger und achtsamer man sich auf das Leben einstellt, desto intensiver wird man es genießen.

Der Zauber des Anfangs – Zum Advent gehört die Entdeckung, dass Gott ein Gott des Neuanfangs ist. So, wie in der Geburt Jesu etwas welthistorisch Neues passiert, so zeigt sich Gott insgesamt als ein Freund der Erneuerung: Jeder Mensch darf darauf vertrauen, dass er nicht auf die Schwächen seiner Vergangenheit festgelegt wird, sondern dass der Zuspruch »Siehe, ich mache alles neu« auch ihm gilt. Kein Wunder, dass die Christenheit im Advent immer auch eifrig die Frage nach der Wiederkunft Christi disku-
tiert hat.

Erwarte viel! – Letztlich stellt der Advent vor allem eine Frage: Worauf hoffen wir? Oder anders formuliert: Erwarten wir von Gott noch etwas? Und wenn ja, was? Sind wir von einer tiefen Hoffnung darauf erfüllt, dass Gott in dieser Welt etwas verändern kann? In der Feiertagskultur ist die Adventszeit so wichtig, weil sie die Erwartung feiert. Denn: Wer viel erwartet, der kann auch viel erleben. Wer dagegen vom Leben wenig erwartet, muss sich nicht wundern, wenn wenig passiert. Advent sagt: Erwarte viel!
Wer sich wirklich auf Weihnachten einstellt, von Gott viel erhofft und glauben kann, dass auch für ihn ein Neuanfang möglich ist, der hat verstanden, was Advent bedeutet.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Jesus kommt

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Soll man diese Aussage »Jesus kommt« mit einem Ausrufezeichen oder einem Fragezeichen versehen? Der Advent, der mit dem heutigen Sonntag beginnt, weist uns auf die Ankunft Jesu hin.

Mit der Krippe und dem neugeborenen Jesuskind können viele Menschen noch etwas anfangen. Kleine Kinder sind süß. Man kann sie in den Arm nehmen, an die Brust drücken und sie liebkosen. Aber Advent hat nicht nur mit der Vorbereitung auf die Ankunft Jesu im Stall von Bethlehem zu tun. Advent weist weit darüber hinaus auf die Wiederkunft Christi am Ende der Zeit und am Ende der Welt. Hier wird es schon viel schwieriger, an solch ein Kommen Jesu Christi am Ende der Zeiten zu glauben.

In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums sagt Jesus zwar zu seinen Jüngern: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin.« (Johannes 14,2f.).

Das Altarfenster in der Himmelfahrtskirche in Berlin-Gesundbrunnen thematisiert die Himmelfahrt Christi. In der Theologie wird der Himmel als der Ort verstanden, an dem der auferstandene Christus bei Gott ist. Christen hoffen, dass er von dort wiederkommt, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen. Foto: epd-bild

Das Altarfenster in der Himmelfahrtskirche in Berlin-Gesundbrunnen thematisiert die Himmelfahrt Christi. In der Theologie wird der Himmel als der Ort verstanden, an dem der auferstandene Christus bei Gott ist. Christen hoffen, dass er von dort wiederkommt, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen. Foto: epd-bild

Inzwischen sind allerdings fast 2 000 Jahre vergangen und Jesus Christus ist immer noch nicht wiedergekommen. Wir bekennen zwar im Apostolischen Glaubensbekenntnis, dass Jesus Christus zur Rechten Gottes sitzt, also dort ist wo die Entscheidungen Gottes fallen, und »von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten«. Ist das nur ein Lippenbekenntnis oder glauben wir wirklich, dass Christus einst wiederkommen wird? Sollen wir uns damit bescheiden, dass sowohl er als auch die frühe Christenheit sich geirrt haben, wie sich schon viele Menschen geirrt haben, wenn sie Aussagen über die Zukunft trafen. Der Volksmund weiß ja, »irren ist menschlich.«

Nun war allerdings Jesus nicht nur ein Mensch wie wir, sondern er war gottgleich, sozusagen das menschliche Antlitz Gottes. So konnte Jesus von sich sagen: »Wer mich sieht, der sieht den Vater« (Johannes 14,9). In Jesus begegnen wir also jemandem, der stellvertretend für Gott spricht. Aber das könnte auch eine Anmaßung gewesen sein. Wir brauchen hier nur an Adolf Hitler denken, der sich mit »Heil Hitler« begrüßen ließ, also mit der Aussage, dass in ihm das Heil sei. Als dann nach zwölf Jahren das sogenannte Tausendjährige Reich in Schutt und Asche versank, war es klar, dass man einem Verführer und keinem Führer aufgesessen war. Die bloße Behauptung an Gottes Stelle zu stehen, genügt auch bei Jesus nicht. Deswegen war das Weihnachtsfest, also das Fest, an dem wir an das Kommen Jesu auf Erden gedenken, für die Christen nicht zentral.

Von Anfang an war für die Christenheit das Osterfest mit Karfreitag und Ostersonntag das zentrale Fest und der Anker für den christlichen Glauben. Denn Christus erlitt zwar wie alle Menschen den Tod. Aber das war für ihn nicht das Ende. Gott erweckte ihn zu neuem Leben. Ohne das Ereignis der Auferstehung, dass selbst für die engsten Nachfolger Jesu zunächst unglaubwürdig erschien, weil es so ganz unserer menschlichen Erfahrung widerspricht, hätte es nie einen christlichen Glauben gegeben und schon gar nicht ein Christfest. Es wäre nichts zu feiern gewesen, denn Jesu Ankündigung des Reiches Gottes hätte sich als Wunschdenken herausgestellt. Nun ist aber Christus auferstanden, wie selbst ein Paulus, der als Saulus zunächst die Christen verfolgte, sich eingestehen musste.

Auferstehung heißt allerdings nicht, dass Jesus sozusagen in sein früheres Leben auf Erden zurückkehrte, sondern dass sich in seinem neuen Leben als der Auferstandene schon etwas von dem abzeichnete, was er seinen Nachfolgern versprochen hatte: ein neues unvergängliches Leben in der unmittelbaren Gegenwart Gottes. So konnte ihn Paulus dann »den Erstgeborenen von den Toten« und »das Ebenbild des unsichtbaren Gottes« nennen (Kolosser 1,18.15). Unsere Hoffnung über den Tod hinaus ist also in Christus begründet, dass uns eine Auferstehung wie die seine zuteil wird. Was heißt das aber für die Wiederkunft Christi? Kommt Christus noch einmal oder werden wir gleichsam zu ihm in sein himmlisches Reich heimgeholt?

Eine Heimholung könnte bedeuten, dass zwar unser sterblicher Körper bei unserem Tod dem Verfall und der Verwesung anheimfällt, dass aber doch etwas Unsterbliches wie unsere Seele, dann von Christus in die Ewigkeit Gottes geleitet wird. Damit würden die Geschicke auf unserer Erde weiterlaufen, während wir der Zeitlichkeit und ihren Problemen enthoben sein würden. Von der Erwartung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, von der der Seher der Johannes-Offenbarung spricht (Offenbarung 21,1), müssten wir uns dann verabschieden. Die Weltgeschichte, in irdischer oder kosmischer Dimension würde weiterlaufen, als wäre nichts geschehen. Eine sogenannte Erlösung oder ein Reich Gottes würde sich also abseits dieser Welt verwirklichen. Solche Vorstellungen widersprechen aber sowohl dem Selbstverständnis Jesu als auch dem, was Christen durch die Jahrhunderte als Erlösung verstanden.

Für Christen war es selbstverständlich, dass Christus wiederkommen wird als die sichtbare Verkörperung Gottes, um das Ende unserer Weltgeschichte und damit die Erlösung von aller Widerwärtigkeit und Ungerechtigkeit in dieser Welt einzuläuten. Die Hoffnung der Christen war niemals auf eine Entrückung von dieser Welt fixiert, sondern auf die Veränderung dieser Welt zur neuen Welt Gottes, eine Veränderung, die durch die Wiederkunft Christi als des Auferstandenen bewirkt wird. Wieweit sich diese neue Welt Gottes ausdehnen wird, ob in kosmischen Dimensionen oder auf unsere planetarische Heimat beschränkt, sollten wir zu Recht Gott überlassen. Wenn wir allerdings im Advent nur an das erste Weihnachten denken und uns darauf mit Geschenken und dem üblichen Weihnachtstrubel beschränken, dann haben wir das Wesentliche vergessen: Jesus als der Christus ist keine Gestalt der Vergangenheit, an dessen Geburt vor über 2 000 Jahren wir zu Weihnachten denken, sondern er ist auch der Grund der Hoffnung, durch dessen Wiederkunft wir auf eine neue Erde und einen neuen Himmel hoffen dürfen. Erinnerung und Hoffnung gilt es in dieser Adventszeit neu zu
bedenken.

Hans Schwarz

Der Autor ist emeritierter Professor für Evangelische Theologie an der Universität Regensburg.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Lange nicht vorbei

4. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Christen in der DDR: Mit einem Bußwort hat sich die EKM für »Irrwege, Unrecht, Verrat und Versagen« entschuldigt. Einer der Mitautoren ist der Hallesche Kirchenhistoriker Friedemann Stengel. Vor Bekanntgabe der Erklärung sprach er mit Katja Schmidtke.

Aus, aber noch nicht vorbei. Wie ist der Stand der Aufarbeitung?
Stengel:
Aus meiner Sicht hat es an vielen wichtigen Stellen keine Aufarbeitung gegeben. Als die Kirchen für ihr Verhalten in der DDR in den frühen 1990er Jahren massiv angegriffen worden sind, war der Grundton: Apologie und Selbstschutz gegenüber dem Vorwurf, zu wenig widerstanden zu haben oder gar Mittäter gewesen zu sein. Die Debatte fokussierte sich auf die Kirche als Institution und speziell auf das leitende Personal. Das war nicht pauschal falsch und ist aus heutiger Sicht weiter zu debattieren, denn die Kirchenleitungen sind, so heterogen sie auch waren, erheblich beeinflusst worden. Die Thüringer Landeskirche und die Kirchenprovinz Sachsen sind nicht außerhalb des direkten Einflusses des MfS gewesen. Es gehört zu den noch vor uns liegenden schmerzhaften Eingeständnissen, dass es deshalb ein unabhängiges kirchliches Handeln in der DDR nicht gegeben hat, besonders wenn es im personellen Bereich um die gezielte »Zersetzung« von Menschen ging.

Welche Themen fehlen bislang?
Stengel:
Es sind Themen, die sich als Hypotheken für jetziges und künftiges kirchliches Handeln erweisen und die Kirche, Gesellschaft und Staat aufarbeiten müssen. Kaum untersucht und bislang unterschätzt wird, welchen Einfluss der in der DDR vorangetriebene Austausch der Bildungseliten bis heute hat. Darüber fällt es so schwer zu reden, weil die Eliten von heute dies erlebt und ignoriert, weil sie die vom Staat geforderte ideologische Bringschuld erbracht haben, parteilich, freiwillig oder mit Zähneknirschen. In allen Jahrgängen und überall in der DDR wurden christliche Schüler und nicht nur Kinder kirchlicher Mitarbeiter am Bildungsaufstieg gehindert. Ich vermute Zahlen im fünfstelligen Bereich.

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Bislang sind in Thüringen 750 Fälle von verfolgten Schülern bekannt. Woran liegt diese Diskrepanz?
Stengel:
Es ist nicht leicht, eine politisch begründete Benachteiligung nachzuweisen. Und die Betroffenen sind in der Beweispflicht. Es ist schwer, ohne weiteres darüber zu reden. Es muss flächendeckend, aber auf individueller Ebene wissenschaftlich untersucht werden, wie diese Benachteiligung funktioniert hat.

Ich verfolge seit Jahren Diskussionen in den Medien: Wenn die Rede von Christen ist, die in der Schule benachteiligt wurden, kommen sofort Leserbriefe mit dem Hinweis auf den einen Katholiken in der Klasse. Die Gesellschaft ist scheinbar nicht bereit, sich dieses Themas anzunehmen. Und wer nicht nachweisen kann, dass ihr oder ihm das Abitur oder das Studium aus politischen Gründen verweigert worden ist, trägt einen Makel mit sich herum, der sprachunfähig machen kann.

Die Betroffenen schweigen aus Resignation, Scham oder weil sie ihre Biografie nicht revidieren wollen?
Stengel:
Diese Menschen können nicht wirklich rehabilitiert werden, denn verweigerte Chancen im Kindheits- oder Jugendalter lassen sich nicht einfach nachholen. Wer zur Wendezeit 30 Jahre alt war, dem können Sie heute nicht das in der DDR verweigerte Abitur oder Studium schenken. Einige, die 1990 im richtigen Alter waren, haben das Abitur nachgeholt, ja. Aber die, die das nicht geschafft haben und die zu alt waren, sind in einer anderen Bildungsschicht geblieben. Wer aus religiösen oder Gewissensgründen den Wehrdienst verweigerte, durfte nicht Medizin studieren, arbeitet heute aber vielleicht unter Vorgesetzten, die unter Umständen ein schlechteres Zeugnis hatten, aber drei Jahre oder länger in der NVA dienten. Manche sind wütend über die verlorenen Chancen, andere sehen sie als gottgegeben an und versuchen, dennoch ein gelingendes Leben zu
führen.

Welche Rolle spielte Willkür?
Stengel:
Mal wurden die Pfarrerskinder zugelassen, aber die Kinder der Kirchenältesten nicht. In anderen Fällen durften angepasste Gemeindeglieder studieren, aber die Pfarrerskinder nicht. Manchmal durfte der älteste Sohn, nicht aber die Geschwister. Erinnern Sie sich an den Lobetaler Pfarrer Uwe Holmer, der dem Ehepaar Honecker 1990 Asyl gewährte? Trotz guter und sehr guter Zeugnisse wurde keines seiner zehn Kinder zur EOS zugelassen! Das war Willkür mit System, ja sogar als System. Wir können das nur durch exemplarische Untersuchungen aufknacken. Ich habe im März für die Arbeitsgruppe der Thüringer Staatskanzlei ein Exposé geschrieben mit ganz konkreten Schritten, um dies aufklärerisch aufzuarbeiten.

Warum ist hier der Staat gefragt?
Stengel:
Juristische Rehabilitierung ist nicht alles. Es geht um Anerkennung und eine gesellschaftliche Debatte. Aufgearbeitet werden müssen die Fälle von Wissenschaftlern, aber veranlassen muss dies die Politik, denn für solch ein Forschungsvorhaben braucht es mehr Mittel. Meiner Meinung nach ist die Links-Regierung in Thüringen am besten geeignet, solch ein Vorhaben zu initiieren; gerade Bodo Ramelow aus dem Westen oder Minister Benjamin-Immanuel Hoff, der aus einer ganz anderen Generation stammt. Das ergäbe neue Kontaktzonen, neue Gesprächsinitiativen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Staatsregierung das doch noch macht. Wir können das Thema nicht aussitzen, es erledigt sich nicht »biologisch«! Das Unrecht muss anerkannt und aufgearbeitet werden, erst dann kann es heilen.

Welchen Beitrag kann die Kirche leisten?
Stengel:
Beim Thema der verfolgten Schüler muss der Staat aktiv werden. Die Kirche selbst muss es in einer anderen Form. Die Grundhaltung der Apologie halte ich für theologisch fragwürdig. Was der Kirche gut ansteht, ist die Haltung der Selbstkritik und eben auch der Buße. Nur mit Aufrufen erreichen wir nicht viel. Kirche sollte für die Gesellschaft stellvertretend handeln. Wenn wir zur Versöhnung aufrufen, müssen wir anfangen, uns mit unseren eigenen Leuten zu versöhnen.

An wen denken Sie?
Stengel:
An die Haupt- und Ehrenamtlichen, die aus politischen Gründen verfolgt, benachteiligt und von ihrer Kirche bedrängt oder fallen gelassen worden sind. Auch an diejenigen kirchlichen Mitarbeiter, die einen Ausreiseantrag gestellt haben, weil sie in einer persönlichen Situation, die immer auch politisch war, keinen anderen Ausweg gesehen haben und die im Westen mit Berufsverbot belegt worden sind. Das Thema ist damals wie heute ein Tabu – gesellschaftlich, innerkirchlich, oft auch familiär. Wer ausreiste, verlor seine Heimat doppelt. Da müssen wir endlich ran.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de