Weihnachtsgeschichte

27. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Feuilleton-51-2017

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Das Kind in uns

27. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Weihnachten – ein therapeutisches Ereignis: Glaubenskurs zu den kirchlichen Festen

Die Psychologie liebt heute das Bild vom »Kind in uns«. Jeder von uns trägt in sich ein göttliches Kind. Das göttliche Kind ist ein Bild für das wahre Selbst, oder man könnte auch sagen: Es steht für das einmalige Bild, das Gott sich von jedem von uns gemacht hat.

Weihnachten feiern wir die Geburt des göttlichen Kindes. Und wir feiern nicht nur die Geburt Jesu vor über 2 000 Jahren, sondern – wie der schlesische Dichter und Mystiker Angelus Silesius es ausgedrückt hat – die Geburt Christi in uns: »Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren.« Das göttliche Kind zeigt uns, dass in uns ein Raum der Stille ist, zu dem der Lärm der Welt keinen Zutritt hat.

In diesem inneren Raum der Stille sind wir frei von den Erwartungen und Ansprüchen der Menschen. Da sind wir heil und ganz. Dort kann niemand uns verletzen. Die verletzenden Worte treffen uns emotional weiterhin. Aber in den inneren Raum der Stille können sie nicht vordringen.

Und dort, wo das göttliche Kind in uns ist, sind wir ursprünglich und authentisch. Da lösen sich alle Bilder auf, die andere uns übergestülpt haben. Und auch unsere eigenen Routinen der Selbstentwertung (»ich bin nicht richtig«) oder der Selbstüberschätzung (»ich muss immer perfekt sein, cool sein, erfolgreich sein«) lösen sich auf. Und ich bin einfach da, ohne mich rechtfertigen und ohne etwas vorweisen zu müssen.

Wir haben aber – so sagt uns die Psychologie – nicht nur ein göttliches Kind in uns, sondern auch ein verletztes Kind. Die Weihnachtsgeschichte, die uns Matthäus erzählt, spricht von dem gefährdeten Kind, das von Herodes verfolgt wird und vor ihm nach Ägypten fliehen muss. Das verletzte Kind in uns meldet sich immer zu Wort, wenn es heute auf ähnliche Weise verletzt wird wie in unserer Kindheit.

Das übersehene Kind schreit auf, wenn wir heute von unserem Ehepartner oder vom Chef übersehen werden. Das zu kurz gekommene Kind schreit auf, wenn wir in der Gemeinschaft, in der wir stehen, zu kurz kommen. Das Kind, das den Erwartungen der Eltern nie genügen konnte, meldet sich heute zu Wort mit Gedanken wie: Ich bin nicht gut genug als Mutter, als Vater, ich genüge in meinem Beruf nicht den Erwartungen der Firma.

Die Weihnachtsbilder zeigen uns, wie Maria ihr Kind umarmt. So sollten auch wir wie Maria das verletzte Kind in uns umarmen und ihm zusprechen: »Ich übersehe dich nicht. Für mich bist du gut genug.« Und wir sollten uns vom verletzten Kind zum göttlichen Kind in uns führen lassen, in den inneren Raum der Stille.

C. G. Jung, der Schweizer Psychologe, nennt das Kirchenjahr ein therapeutisches System. Wir feiern in den Festen des Kirchenjahres heilsame Bilder für unsere Seele. Und indem wir diese Bilder feiern, bilden sie sich in uns ein und bringen uns in Berührung mit den heilenden Kräften unserer Seele. So ist auch Weihnachten ein therapeutisches Fest. Es will das verletzte Kind in uns heilen und uns in Berührung bringen mit dem göttlichen Kind in uns.

Anselm Grün

Dr. Anselm Grün ist Ordenspriester und lebt in der Benediktinerabtei Münsterschwarzach.

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Weihnachten kam Nathanda

27. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Simbabwe: Einst die Korn­kammer Afrikas, gilt das Land nach 30 Jahren Diktatur unter Robert Mugabe als eines der ärmsten Länder der Welt. Gibt es Hoffnung unter dem neuen Präsidenten Emmerson Mnangagwa?

In den Dörfern, Familien und Schulen herrscht Gewalt – vor allem gegen Mädchen und Frauen. So ist die Telefonnummer 116 ein Zeichen für Hilfe und Hoffnung: Der Kinder-Notruf, den alle in Simbabwe kennen und den fast eine halbe Million Betroffene im Jahr nutzen.

Weihnachten sahen sie Nathanda zum ersten Mal, ein Mädchen, gerade mal 15 Jahre jung, ein einziges Bündel Angst. Drei Jahre lang hatten sie nur ihre Stimme gehört, manchmal zwanzig Mal am Tag. 116 hatte sie gewählt, diese Telefonnummer war Teil ihres Lebens geworden.

Wer 116 wählt, eine kostenlose Nummer, landet in einer Villa von Harare, in der einst ein britischer Offizier gewohnt haben mag. Da hieß Harare noch Salisbury, und Simbabwe war Teil der britischen Kolonie Rhodesien im Süden Afrikas. Harare ist heute die Hauptstadt von Simbabwe, des eigentlich reichen Landes, in dem viele Menschen arm sind.

»116 – a cry for help«, ein Schrei um Hilfe – ist der Slogan des Kinder-Notrufs Childline, bei dem landesweit 250 Mitarbeiter ehrenamtlich arbeiten und zuerst einmal zuhören –
wie bei Nathanda. Sie rief dort jahrelang an. Es war einer dieser erstickten Schreie von Menschen, die auf Hilfe hoffen, aber nicht den Mut finden, zu erzählen.

Drei Jahre nahm sie Anlauf

Drei Jahre lang versuchte sie es. Die Mitarbeiter, die sie über ihre Kopfhörer hörten, lockten sie, ermunterten sie: Was willst du, Nathanda? Was bedrückt dich? Wie können wir dir helfen? Dürfen wir dich besuchen? Nein. Nathanda weinte nur – manchmal zwanzig Mal am Tag.

Eines Tages öffneten sich plötzlich die Tore der Erinnerung. Nathanda rief an und erzählte von ihrem Onkel, der sie immer wieder vergewaltigt, schon seit Jahren, der sie schon vergewaltigt hatte, da war sie gerade mal zehn. Es ist die Geschichte von Zehntausenden in Simbawe, diesem Land der verlorenen Kinder.

Weihnachten kam sie endlich, hatte ihr schönes rotes Kleid angezogen, Weihnachten traute sich Nathanda zu der Villa im grünen Viertel von Harare. Sie schellte am Tor – und lief gleich wieder weg. Sie beobachtete das Haus aus sicherer Distanz, schellte wieder und lief davon. Die Mitarbeiter gingen auf die Straße, aber sahen nur das rote Kleid, das aus dem Versteck leuchtete.

Nach dem vierten Schellen kam sie ins Haus, erzählte die komplette Geschichte ihres Leidens; erzählte, dass sie weder aus noch ein weiß, seitdem ihr Onkel sie auch zur Prostitution zwinge. Die Mitarbeiter von Childline hören nicht nur zu, sie helfen. Sie führten auch Nathanda ins Leben zurück: Heute ist sie verheiratet und Mutter von Zwillingen. Sie hat die Dämonen der Vergangenheit verscheucht. Ihr Onkel ist zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

»Wir wissen, was im Land wirklich los ist«, sagt Maureen Kambarami von Childline, »wir sagen es auch öffentlich. Die Regierung nutzt unsere Statistiken.« Sie zeigt auf Säulen und Torten und Linien, die ausgedruckt an der Wand hängen. Statistiken der Schande.

Zuhören und helfen: In der Zentrale des Kinder-Notrufs nehmen Ehrenamtliche die Hilferufe der Kinder aus  dem ganzen Land auf und organisieren schnell Hilfe. Foto: Paul-Josef Raue

Zuhören und helfen: In der Zentrale des Kinder-Notrufs nehmen Ehrenamtliche die Hilferufe der Kinder aus dem ganzen Land auf und organisieren schnell Hilfe. Foto: Paul-Josef Raue

Fast 40 000 Anrufe allein im Dezember: Zwei von drei Anrufern berichten von Gewalt, am meisten von sexueller Gewalt, vor allem gegen Mädchen, aber auch von Prügel und Folter – selbst von versuchtem Mord wie am 3. Juni: Um 11.30 Uhr kam der Anruf aus einer abgelegenen Siedlung nahe Triangel, einem Dorf im Süden, wo es heiß ist und trocken: Ein Nachbar sieht, wie ein Mann mit einer Axt auf Peter, seinen Neffen, schlägt, wie von Sinnen. Der 14-jährige Peter blutet heftig, schreit. Ein Bein liegt, abgetrennt, auf dem Boden.

Der Notruf-Mitarbeiter alarmiert sofort die Ambulanz, die nur langsam auf den schlechten Straßen vorankommt. Was sie dann sieht, überfordert alle. »Was soll ich nur tun?«, ruft einer, fotografiert mit seinem Smartphone den blutüberströmten Kopf und das Bein und sendet das Bild zu einem Hospital in Harare. Er bekommt Rat übers Telefon, und der Krankenhaus-Chirurg sagt nachher: »Das Smartphone hat dem Jungen das Leben gerettet. So konnten wir der Ambulanz zeigen, wie sie mit dem Jungen umgehen sollen.« In der Nacht kommt Peter mit dem Flugzeug ins Hospital nach Harare. Nur langsam heilen die Wunden und Peter erzählt, er wolle gerne Lehrer werden.

Was war geschehen? Die Eltern, arme Leute, hatten Peter zu seinem Onkel geschickt, wo er als Hirte arbeiten konnte. Er spielt gerade draußen und hört, wie der Onkel mit seiner Cousine schimpft, die ihm einen Tee aufbrühen soll. Die Cousine läuft aus dem Haus, der Onkel verfolgt sie, sieht Peter und greift zur Axt.

Gewalt-Exzesse gegen Kinder und Frauen sind ein Tabu in Simbabwe: Man schaut weg, man spricht nicht über das, was in den Hütten nebenan passiert, man schmiedet ein Nachbarschafts-Schweige-Kartell, um den Zusammenhalt der Familie und des Dorfes nicht zu gefährden. Peters Onkel haben dann aber die Nachbarn aufgespürt und der Polizei übergeben und erzählt, dass er zuvor schon zwei andere Kinder misshandelt hatte.

Ein Gericht für die Kinder

»Es geht um Gerechtigkeit«, sagt Cletus Mhenhe, Richter in Mutasa. Er kennt die versteckte Gewalt in seinem Distrikt und will die Gesellschaft verändern, in der die Clans die Macht besitzen, in der Vetternwirtschaft herrscht und falsch verstandene Solidarität. Zivilcourage will der Richter fördern und die Angst besiegen: Die Täter sollen vor Gericht erscheinen, sie sollen bestraft werden und nicht weiter misshandeln und vergewaltigen.

Das Gesetz ist auf Seiten der Kinder, die Strafen für die Täter sind hoch. »Doch viele Fälle kommen erst gar nicht zu mir«, ahnt der Richter Mhenhe. Von seinem Gerichtsgebäude, auf einem Hügel gelegen, schauen Gerechte wie Ungerechte in eine idyllische fruchtbare Gebirgslandschaft mit Seen und Wäldern. Der Richter hatte einen Traum: Ein neues Gericht in der Provinz, damit Täter, Opfer und Zeugen – oft zusammen – nicht mehr den einzigen Bus zum Gericht in der Distrikthauptstadt nehmen müssen.

Sein Traum wird wahr, und er ist zufrieden – nicht, weil er eine eigene Dusche hat und eine eigene moderne Toilette, sondern wegen eines kleinen Zimmers mit Spielsachen neben seinem Richtertisch. Es ist durch eine Glasscheibe abgetrennt, dahinter spielen die Kinder, die gedemütigt wurden, misshandelt, gefoltert, vergewaltigt, meist von Verwandten und Freunden. Hier erzählen sie dem Richter während der Verhandlung, was sie erlebt haben – ohne ihren Vergewaltiger zu sehen, zu hören, ohne seine Nähe
zu spüren.

»Das Gericht nahe dem Tatort ist so sinnvoll«, sagt Richter Mhenhe, »die Verhandlungen können schnell nach der Tat stattfinden, denn Kinder vergessen schnell. Die Nachbarn, das Dorf, die Gemeinschaft haben kurze Wege und schauen der Verhandlung zu: Das stärkt sie, das ermuntert sie, nicht mehr zu allem zu schweigen. Es geht um Gerechtigkeit.« So viele Fälle wie in den vergangenen zwei Jahren hat er noch nie verhandelt.

Paul-Josef Raue

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Der Countdown läuft

24. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Von Predigtgedanken, Fußballfreunden, Sauerkraut und Kirchenglocken: Ein Gedankentagebuch des Schlotheimer Pfarrers Frank Freudenberg in den Tagen vor Weihnachten, im vergangenen Jahr.

Aufgezeichnet von Katharina Freudenberg

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

7.42 Uhr: Ein heißer Tee wärmt mir den Magen. Dann bringe ich unsere beiden Kinder zum Kindergarten.
8.04 Uhr: Großes Gewusel im Gemeindebüro. Es gibt noch viel zu organisieren: Die Liederhefte für die Gottesdienste müssen noch in die Ortschaften gelangen. Drängende Frage: Reichen die Präsente als Dank für die Krippenspielkinder?

9.35 Uhr: Den Urlaubsantrag für die Tage nach Weihnachten muss ich noch schnell ins Kirchenkreisbüro schicken.

22. Dezember, morgens im Gemeindebüro: Die Liederhefte für die Christvespern werden sortiert. Fotos: Katharina Freudenberg

22. Dezember, morgens im Gemeindebüro: Die Liederhefte für die Christvespern werden sortiert. Fotos: Katharina Freudenberg

9.45 Uhr: Am Schreibtisch angekommen setzte ich mich an die Predigt. Der Kerngedanke ist mir schon lange im Sinn: »Fürchtet euch nicht!« Wovor fürchten wir uns heute? Jetzt, nach dem Anschlag in Berlin liegt das Thema ganz oben auf. Es gibt so viele Ängste.

12.01 Uhr: Mitarbeiterweihnachtsessen in Sondershausen: Wir halten Rückblick auf das vergangene Jahr. Ich genieße den Moment der Besinnung. Es ist ein ereignisreiches Jahr gewesen. Ohne diese Zeiten des Innehaltens rast es einfach weiter.

14.24 Uhr: Einige Besorgungen liegen noch an: diverse Weihnachtsgeschenke und ein Kreativkoffer für die Christenlehre.

16.10 Uhr: Weihnachtsfeier des Fußballinternats, mit dem die Kirchengemeinde zusammenarbeitet. Angeregtes Gespräch mit einem ehemaligen Trainer über das anstehende Reformationsjubiläum und die Bewertung Martin Luthers in der evangelischen Kirche. Er ist überhaupt kein Kirchgänger, aber dennoch sehr interessiert.
17.05 Uhr: Nun ist es Zeit, den morgigen Gottesdienst im Seniorenheim vorzubereiten. Habe ich alle Weihnachtspräsente für die Senioren?
18.03 Uhr: Abendessen mit der Familie

20.01 Uhr: Zurück am Schreibtisch: aktuelle Zeitungslektüre. Erstaunlicherweise findet sich das weihnachtliche Motiv »Fürchtet euch nicht« in etlichen Zeitungskommentaren. Mir gehen einzelne Menschen durch den Kopf und wie sie das »Fürchtet euch nicht« wohl hören werden. Menschen zum Beispiel, deren Emotionen hochkochen, wenn sie das Wort »Geflüchtete« hören. Ich denke auch an manche Gemeindeglieder, die ein geliebtes Familienmitglied im vergangenen Jahr verloren haben. Und es gab schwere Schicksalsschläge.

Die Krippe der Pfarrersfamilie Freudenberg im Schlotheimer Pfarrhaus. Fotos: Katharina Freudenberg

Die Krippe der Pfarrersfamilie Freudenberg im Schlotheimer Pfarrhaus. Fotos: Katharina Freudenberg

10.01 Uhr: Gottesdienst im Seniorenheim: Wir singen schon mal die Weihnachtslieder, denn die meisten der Senioren können nicht in die Kirche kommen. Angeregte Stimmung, viele Redebeiträge. Jeder Gottesdienstteilnehmer bekommt ein kleines Geschenk zum Abschied. Jetzt geht’s los auf die Stationen – zu den Menschen, die das Bett nicht mehr verlassen können. Auch sie sollen einen kleinen Gruß bekommen.

12.15 Uhr: Problem. Der Josef ist uns abhandengekommen. Schon zur Generalprobe war er nicht da und seine Handynummer stimmt offensichtlich nicht mehr. Ärger steigt in mir hoch. Krippenspiel ohne Josef – das geht nicht. Im Team beraten wir, wer spontan einspringen könnte. Ich vielleicht? Ich telefoniere rum. Wer hat Josef gesehen? Ob Maria damals wohl auch solche Schwierigkeiten hatte?

14.03 Uhr: Besuch zum 91. Geburtstag eines Gemeindeglieds im Nachbardorf. Früher hat sie sich immer um das Krippenspiel gekümmert. Die Tochter der Jubilarin trällert ein Lied­chen.

15.27 Uhr: Im Seniorenheim: Plötzlich steht der Josef da. Er konnte zu den letzten Proben nicht kommen, sein Telefon war kaputt. Aber jetzt ist er da. Erleichterung macht sich breit. Erst recht als die Aufführung doch besser lief als befürchtet und ich nicht in die Rolle des Josef schlüpfen musste. Das Kostüm hatte ich schon dabei.

16.45 Uhr: Am Heiligabend soll es wie jedes Jahr ein traditionelles Weihnachtsgericht bei uns zu Hause geben. Genau das gleiche, mit dem ich aufgewachsen bin. Die Bratwürste sind schon besorgt. Aber das Sauerkraut und die Kartoffeln für die Klöße fehlen noch. Also schnell in den Supermarkt, auch wenn es um diese Zeit kein Spaß ist, sich durch die Gänge zu schieben.

17.45 Uhr: Was sein muss, muss sein – ab zum Fußballtraining der Alten Herren. Nach Möglichkeit lasse ich keine der wöchentlichen Trainingszeiten aus. Sonst bewegt man sich ja gar nicht mehr – und die Jungs in der Mannschaft hab ich einfach gern. Manchmal sagen sie, dass in der Mannschaft, in der ich mitspiele, noch einer mehr dabei ist und zeigen dabei augenzwinkernd Richtung Himmel.

19.54 Uhr: Ein Gutenachtlied für die Kinder.

20.15 Uhr: Mein Magen knurrt. Damit mein Gehirn noch arbeitstüchtig bleibt, brauche ich dringend etwas zu Essen. Meine Frau hat die Suppe schon warmgemacht.

20.40 Uhr: Die Endfassung der Predigt steht an.
8.43 Uhr: Erste wichtige Aufgabe des Tages: den Weihnachtsbaum aufstellen. Nachdem er schon ein paar Tage draußen im Kalten gewartet hat, darf er nun in die gute Stube. Rein in den Baumständer, noch ein bisschen ausrichten und schon können die Kinder mit dem Schmücken beginnen.

9.54 Uhr: Ein Freund bringt uns den Weihnachtsbraten – er hat das Reh am Vortag erst geschossen. Das wird ein Fest!

11.44 Uhr: Die Nudelsuppe können wir noch alle zusammen essen, bevor wir am Nachmittag in verschiedene Kirchen aufbrechen.

13.15 Uhr: Mein Schwager trifft ein, um die Kinder zu hüten.

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

15.01 Uhr: Christvesper mit kleinem Krippenspiel. Das Glockenläuten bringt mich zur Ruhe. Ich bin aber eindeutig zu warm angezogen, denn die fürsorglichen Kirchenältesten haben einen Gasheizer direkt neben meinem Platz aufgestellt; Nebeneffekt: der Gasheizer raubt mir den Sauerstoff, ich muss gähnen. Nun ist das Vorspiel vorbei, ich bin dran. Hoffentlich kann ich die Erwartungen, mit denen die vielen Menschen jetzt in der Kirche sitzen, gut aufnehmen und in Worte fassen.

Mit dem »Gloria« des Kirchenchors kommt Weihnachtsstimmung auf. Am Ausgang dann die persönliche Verabschiedung: Ich sehe viele Menschen, die schon lange nicht mehr hier wohnen, aber zu Weihnachten zu ihren Ursprüngen zurückkehren. Da sind die stolzen Omas, die ihre Kinder beim Krippenspiel bewundert haben. Ich drücke auch die Hände derer, von denen ich weiß, dass bei ihnen in diesem Jahr ein Stuhl leer bleibt. Und natürlich sind da auch die freudestrahlenden Kinder, die es kaum erwarten können, dass es nun endlich zur Bescherung geht.

16.30 Uhr: Christvesper mit Krippenspiel im nächsten Dorf: Zum Glück komme ich frühzeitig an. Ich muss sehen, dass ich noch kurz mit dem Organisten sprechen kann. Dann geht es auch schon los. Bei der Predigt steige ich auf die Kanzel. Das mache ich im restlichen Jahr nie. Bei den Anspielungen auf die Geflüchteten erahne ich in einigen Gesichtern Widerspruch. Aber es bleibt bei der Ahnung, am Ausgang spricht mich niemand darauf an.

18.39 Uhr: Zum Glück komme ich zwanzig Minuten vor Beginn der nächsten Christvesper an. Die Krippenspielkinder sind unglaublich aufgeregt. Auch Josef ist da – puuh! Jetzt geht es darum, für Ruhe zu sorgen, jedes Kind braucht seinen Platz. Wichtig ist auch ein letzter Technik-Check. Mein Blick streift durch das Kirchenschiff. Fast alle Plätze sind bereits besetzt. Wie schön, einige Gesichter zu sehen, die sonst nicht kommen. Am Ende dann »O du Fröhliche« im Stehen – es erinnert mich an die Weihnachtsgottesdienste meiner vogtländischen Kindheit.

19.42 Uhr: Zu Hause angekommen. Der Duft von Bratwurst, Klößen und Sauerkraut strömt mir schon auf der Treppe in die Nase. Die Kinder kommen mir freudestrahlend entgegengerannt. Ich muss schnell die langen Unterhosen loswerden und mir ein frisches Hemd anziehen. Dann kann der Weihnachtsabend beginnen.

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Die prophetische Botschaft im Advent

19. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Jesus ist im Kommen« verkündigte am 3. Advent 1968 in einem Ordinationsgottesdienst der damalige Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, Werner Krusche (1917–2009), im Domremter zu Magdeburg. Seine Predigt über Lukas 3,1-9, die wir hier abdrucken, ist noch heute aktuell.

Liebe Gemeinde!

An der Gestalt und der PredigtJohannes des Täufers, des prophetischen Zeugen an der Grenze zu der alten und der neuen Zeit, wird eines mit unerhörter Klarheit deutlich: Einer, den Gott beschlagnahmt hat zu seinem prophetischen Prediger, ruft den Leuten nicht etwas hinterher, sondern er ruft ihnen etwas von vorne zu, nichts, was sie sich auch hätten selber sagen können, sondern ein Wort aus der anderen Richtung.

Wem dieses Wort in Auftrag gegeben wird, der steht nicht im Dienste des Vergangenen, sondern im Dienste des Kommenden, der läuft seiner Zeit nicht hinterher, sondern der ist ihr mit dem ihm aufgetragenen Worte vorweg und ruft ihr zu, welche Stunde es geschlagen hat. Ich weiß freilich, dass es Prediger gibt, die eher einem Nachtwächter, als einem Propheten ähneln, und Gemeinden, die dahindösen und den Eindruck machen, als seien sie ein letzter Gruß aus dem 16. Jahrhundert. Und ich weiß vor allem, dass wir alle miteinander in Gefahr sind, unsere prophetische, nach vorn hin offene und von vorn her, nämlich von der Zukunft Gottes her, bestimmte Existenz zu verleugnen. Darum haben wir es alle dringend nötig, uns die prophetische Botschaft dieses 3. Advent zurufen zu lassen und ihr Gehör und Gehorsam zu schenken. Diese Botschaft lautet: Jesus ist im Kommen.

Werner Krusche bei einem Vortrag auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin 1989. Foto: epd-bild

Werner Krusche bei einem Vortrag auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin 1989. Foto: epd-bild

Weil Jesus im Kommen war, darum machte sich Johannes auf, um das den Menschen seiner Zeit anzusagen. Denn dass Jesus kommt, heißt ja doch: Gott streckt allen seine Hand entgegen, er macht allen das Angebot eines neuen, ganzen, heilen Lebens. Unser Leben soll mit Gott wieder ins Reine kommen und unser Leben untereinander soll wieder in Ordnung kommen. Unsere Vergangenheit soll bereinigt sein und unser Leben soll in die Zukunft Gottes hineinlaufen. Gott will wirklich alle. Keiner soll in seiner Heillosigkeit bleiben und darin umkommen.

Handschriftliche Aufzeichungen des Theologen zu seiner Predigt

Handschriftliche Aufzeichungen des Theologen zu seiner Predigt

Weil Jesus für alle kommt und zu allen will, darum müssen alle von seinem Kommen hören. Und darum musste Johannes aus der Einsamkeit in die Öffentlichkeit. Der Ruf des Herrn ergeht in der Stille, aber er ruft einen hinein in den Lärm des Tages, der Ruf des Herrn trifft einen in der Abgeschlossenheit, aber er belässt einen nicht dort, sondern er treibt einen dorthin, wo sich das Leben abspielt, wo die banale, so gänzlich unfeierliche Alltäglichkeit wohnt. Johannes richtet sich nicht eine Zelle, ein Sprechzimmer ein und wartet, bis die Leute zu ihm kommen, sondern er geht zu ihnen hin. Die Ansage, dass Jesus im Kommen ist, will Öffentlichkeit haben, weil sie alle angeht. Ob das von der Kanzel verkündigte Wort heute noch die Öffentlichkeit hat, die es haben will und haben muss, ist doch wohl keine Frage mehr. Da wird doch wohl einiges zu lernen sein von Johannes, der dorthin ging, wo seine Zeitgenossen wohnten. Das Kommen Jesu ist zwar in einem Winkel der Weltgeschichte geschehen, aber es ist alles andere als eine Winkelsache. Eine Winkelpredigt, wie wir sie heute weithin praktizieren, ist ihm völlig unangemessen.

Der Evangelist Lukas zählt mit größter Exaktheit die Namen derer auf, die damals die politische Macht ausübten: der Kaiser Tiberius, der Reichsstatthalter Pontius Pilatus, die Großfürsten Herodes, Philippus und Lysanias. Das ist nicht nur aus chronologischen Interessen geschehen. Damit will der Evangelist doch wohl sagen: Als diese Männer Geschichte machten, da hat Gott mitten in der politischen Geschichte seine Geschichte angefangen, sodass in der Tat die Weltgeschichte seitdem Geschichte mit Christus ist, denn der, dessen Kommen Johannes ankündigte, ist nicht – wie die Machthaber – gekommen, um wieder zu gehen, sondern er ist gekommen, um wiederzukommen. Er ist nicht zu einer Gestalt geworden, die in die Vergangenheit gehört, sondern er ist die Gestalt, der die Zukunft gehört. Die Weltgeschichte hat durch ihn ein Vorn bekommen, sie eilt auf den Tag zu, an dem alles an den Tag kommt, an dem er als der Kommende enthüllt, was er als der Gekommene erfüllt hat. Die Weltgeschichte schreitet auf eine Zukunft zu, in der endgültig herauskommt, dass in Jesus Gottes Liebe unterwegs gewesen ist in dieser Welt und dass der das Leben gewonnen hat, der sich von Jesus hat lieben und von ihm zum Weitergeben der Liebe hat bewegen lassen, und dass der sich um das Leben gebracht hat, der sich dieser Liebe verweigert hat. Jesus ist im Kommen, das verlangt eine totale Umkehr. Wenn Jesus im Kommen ist, dann muss aus unserem Leben weg, was sich mit seinem Advent und also mit seiner Gegenwart nicht verträgt. Dann kann ich nicht meinen Status quo retten wollen. Da geht es nicht ohne eine radikale Umkehr, ohne eine Umwandlung von Grund auf. Das kriegen die Leute zu erfahren, die zu Johannes kommen, um sich taufen zu lassen.

Man müsste eigentlich erwarten, dass Johannes sich freut und die Taufbewerber freundlich empfängt – die Taufziffern steigen; der Tiefpunkt der Gleichgültigkeit scheint überwunden zu sein. Es ist offensichtlich etwas in Bewegung geraten. Aber nein – er fährt sie unglaublich hart an (so hart darf nur einer sein, der die Menschen sehr liebt): »Ihr Otterngezücht, wer hat denn euch unterwiesen, dass ihr dem zukünftigen Zorn entrinnen werdet? Bringt Früchte, die der Buße gemäß sind!« Also: Meint bitte nicht, es genüge ein kirchlicher Akt! Meint nicht, Gott gebe sich damit zufrieden, weil die meisten Menschen nicht einmal mehr diese kirchlichen Handlungen begehren oder vornehmen! Gott ist nicht angewiesen auf Leute, die sich auf ihre Kirchlichkeit etwas zugutehalten: Kirchlichkeit kann immer noch Flucht vor einer ganzen, alles umfassenden Umkehr sein. Wenn Jesus kommt, ist es mit ein bisschen Religion nicht getan. Aber wir sollen jedenfalls wissen: Religiöse Handlungen, die mit unseren sonstigen Handlungen in der Gesellschaft nichts zu tun hätten, wären ein blanker Unfug! Religiöse Handlungen, die isoliert wären von unseren politischen Handlungen, ein Christentum, das nur in der Kirche und zu Hause, nicht aber in der Schule und im Betrieb praktiziert würde, zählten vor dem kommenden Christus absolut nichts.

Er sucht Früchte, die der Buße gemäß sind, d. h. Lebensäußerungen, die sichtbar machen, dass in diesem Leben etwas radikal und total neu geworden ist durch ihn. Das wird sich immer in unserem Verhalten zu den Menschen zeigen, mit denen wir es in der Gesellschaft zu tun haben. Dabei wird es immer um ein paar sehr konkrete Dinge gehen.

»Die Wahrheit ist stets konkret«, hat Lenin gesagt. Das stimmt haargenau. So konkret, wie Johannes es den Soldaten sagt, die ihn fragen, wie bei ihnen die Früchte der Buße aussehen müssten. Er sagt ihnen nicht: Zieht eure Uniform aus! Wohl aber: »Schießt auf keinen Wehrlosen! Lasst euch nicht zu Werkzeugen der Unterdrückung machen!« Wo Jesus in ein Menschenleben kommt, da geht es immer höchst konkret zu. Da geht einiges auf keinen Fall mehr, und da muss einiges auf jeden Fall getan werden. Das heißt konkret: Wer zu Weihnachten eine Gans für 40 Mark isst, der gebe am 1. Weihnachtstag allermindestens 40 Mark für »Brot für die Welt«. – So konkret ist das. Aber wenn Jesus kommt, geht es nicht billiger; denn er ermöglicht und er will darum eine ganze Umkehr und d. h. immer eine Umkehr, die in ganz konkreten Lebensvollzügen sichtbar wird, und zwar immer genau da, wo man seine schwache Stelle hat, wo der Beruf seine besonders gefährlichen Seiten hat, wo der alte Mensch besonders zählebig ist.

»Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.« So also steht es mit uns – wie mit einem Baum, dessen Wurzeln freigegeben sind zum Hieb der Axt, der ihn fällt. Von dem kommenden Christus sind wir und ist die Kirche in eine äußerst kritische Situation gebracht. Wenn wir das Fällige hinausschieben, so verfällt unser Leben der Nichtigkeit. Jedes Heute hat letztes Gewicht. Es entscheidet darüber, ob unser Leben Zukunft hat oder nicht. Es gibt Dinge, die jetzt, die sofort getan werden müssen, für die es übermorgen zu spät ist. Wie vieles Fällige hat die Kirche immer wieder vor sich hergeschoben, bis sie schließlich von anderer Seite zu bestimmten Entscheidungen gezwungen wurde. Aber das waren dann keine Früchte der Buße, keine Taten der Umkehr, sondern Akte der Unfreiheit, die zu spät kamen und darum so gut wie nichts mehr bewirkten. Taten der Umkehr sind unserer natürlichen Lebensrichtung entgegen; sie stehen im Gegensatz zu unseren üblichen Lebenspraktiken; sie kosten darum immer ein Stück unserer Bequemlichkeit, unserer Karriere, unserer Lebenssicherungen.

Wo Menschen sich dem Bußruf öffnen und an der Stelle gehorsam werden, wo sie Gott bisher den Gehorsam verweigert haben, da verändert sich ein Stück Welt zum Guten, da wird ein Stück von Gottes Zukunft Gegenwart. Wer die Umkehr vollzieht und zur Umkehr ruft, ist der Welt nicht hinterher, sondern vorweg, der ist nicht von gestern, sondern von morgen.

Die Gemeinde der Umkehrer ist das Hoffnungsvollste, das es in dieser Welt gibt. Sie allein wird bleiben, wenn der Kommende kommt. Wohl uns, wenn wir zu den Umkehrern gehören!

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Christbaum aus dem Kirchenwald

18. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Alle Jahre wieder im Advent beginnt in den Wäldern das Schlagen von Weihnachtsbäumen. Wer selbst die Axt anlegt, wird mancherorts zu Glühwein und einem zünftigen Imbiss eingeladen.

Weihnachtsbäume aus heimischen Wäldern haben in Thüringen eine lange Tradition. Über Generationen holten sich vor allem die Bewohner der waldreichen Bergregionen ihren Christbaum selbst aus dem Wald. Damit kam zum Fest stets ein frisches Exemplar in die gute Stube. Der alte Brauch erfreue sich mittlerweile wieder zunehmender Beliebtheit, sagt Horst Sproßmann vom ThüringenForst: »In einigen Orten ist das Baumschlagen bei Glühwein und Bratwurst oft ein Event für die ganze Familie.«

Auch auf kirchlichen Waldflächen wird so manche Fichte für das Weihnachtsfest geschlagen. Mit etwa 6 000 Hektar entfällt knapp die Hälfte des Kirchenforstes in der mitteldeutschen Kirche auf Thüringen, das wiederum zu einem Drittel mit Wald bedeckt ist – insgesamt mit mehr als 550 000 Hektar. Zu den rund 800 Hektar kirchlicher Waldflächen in Ostthüringen gehören 270 Hektar des Schleizer Geistlichen Hilfsfonds, der bereits am Heiligabend 1605 errichtet wurde. Seither sind die Überschüsse aus der Waldwirtschaft des Fonds jeweils zur Hälfte für kirchliche und für schulische Aufgaben bestimmt. Gelegentlich sei er dabei gewesen, um in diesem Stiftungswald Christbäume für die Kirche zu schlagen, erinnert sich Pfarrer Andreas Göppel. Als er vor einigen Jahren aus Sachsen-Anhalt in die kleine Gemeinde Tanna im Grenzland zu Sachsen und Bayern wechselte, sei es für ihn etwas Neues gewesen, selbst die Axt mit anzulegen.

Gleichwohl seien Christbäume aus dem Kirchenwald in Kirchengemeinden oder Gemeindehäusern eher die Ausnahme, sagt Kirchenoberforsträtin Susann Biehl vom Erfurter Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Als wichtigsten Grund für die Zurückhaltung vermutet sie das Austrocknen der zumeist verwendeten Fichten in geheizten Räumen und das damit verbundene frühzeitige Verlieren der Nadeln.

Aktuelle Trends: Die Nachfrage nach kleineren Bäumen von 1,50 bis 1,75 Meter nimmt zu. Außerdem spielt Regionalität zunehmend eine Rolle: 30 Prozent der Bäume werden direkt bei landwirtschaftlichen Betrieben gekauft, weitere 30 Prozent im Straßenhandel und der Rest in Supermärkten sowie in Garten- und Baumärkten. Fotos: by-studio – stock.adobe.com

Aktuelle Trends: Die Nachfrage nach kleineren Bäumen von 1,50 bis 1,75 Meter nimmt zu. Außerdem spielt Regionalität zunehmend eine Rolle: 30 Prozent der Bäume werden direkt bei landwirtschaftlichen Betrieben gekauft, weitere 30 Prozent im Straßenhandel und der Rest in Supermärkten sowie in Garten- und Baumärkten. Fotos: by-studio – stock.adobe.com

Die Verwendung der Nadelbäume als Weihnachtsschmuck ist für die Kirchenwälder ohnehin nur ein Nebenaspekt. In erster Linie gehe es um eine wirtschaftliche Nutzung des natürlichen Rohstoffs Holz, um damit einen Ertrag für die Mitfinanzierung von kirchlichen Aufgaben zu erzielen, sagt die Forstfachfrau. Als Beispiele nennt sie die Pfarrerbesoldung und die finanzielle Unterstützung für den Erhalt von kircheneigenen Gebäuden.

Für die Bewirtschaftung ihrer Waldflächen hat die EKM strenge Kriterien festgelegt. Sie sollen dazu beitragen, den Wald als Teil der Schöpfung zu erhalten und zu pflegen. »Dabei hat Nachhaltigkeit die oberste Priorität«, betont Biehl. Die wichtigsten Grundsätze seien der Verzicht auf Kahlschlag und Pestizide, schonende Verfahren zur Holzernte und die ständige Einbeziehung des Naturschutzes.

Dazu gehörten neben dem Schutz von Boden- und Wasserflächen auch der Beitrag des Waldes zum Klimaschutz als Speicher für Kohlenstoff. Darüber hinaus sei der Erhalt des Waldes als Kulturgut unverzichtbar, fügt sie hinzu. Vor diesem Hintergrund sei der Waldumbau von der Monokultur zu einem Mischwald mit anderen Nadel- und Laubbäumen auch für den Kirchenwald eine besondere Herausforderung. Erste positive Veränderungen auf diesem Gebiet hat die jüngste Inventur der kirchlichen Waldflächen in Thüringen ergeben. Gegenüber der Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2002 zeige sich der Thüringer Kirchenwald heute gemischter und auch stabiler gegenüber Klimaveränderungen, resümiert die zuständige Mitarbeiterin im Erfurter Kirchenamt. Rund ein Drittel des Bestands seien Buchen, Eichen und andere Laubbäume.

Am häufigsten wachsen jedoch auf den kirchlichen Waldflächen nach wie vor Fichten. Sie haben das romantische Bild vom »deutschen Wald« seit dem 19. Jahrhundert auch in Thüringen maßgeblich geprägt. Mit dem grundlegenden Waldumbau sollen diese Bestände keineswegs verschwinden, sagt Biehl. Doch künftig werde es auch im Kirchenwald mehr andere Nadelbäume geben, die als Weihnachtsbaum langlebiger sind. Wie etwa die Weißtanne, so die Forstfachfrau.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Wissenswertes
Das Saatgut der hierzulande als Weihnachtsbaum beliebten Nordmanntanne wird vor allem aus Georgien importiert. Zur Ernte werden die Zapfen von Bäumen oft in einer Höhe von 60 Metern von Hand gepflückt. Übrigens: Die Forschung, z. B. an der Uni Kopenhagen, sucht nach dem noch perfekteren Weihnachtsbaum mit noch schönerem Wuchs, höherer Frosttoleranz, geringerem Nadelverlust und sogar nach dem schwerer entflammbaren Baum. Auch der Online-Weihnachtsbaum­verkauf wächst kontinuierlich, bisher noch auf niedrigem Niveau. Das Angebot in diesem Jahr war bereits umfangreicher. Eine Lieferung ins Haus – sogar geschmückt – ist inzwischen möglich.


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Wem gehört Jerusalem

17. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Stadt der drei Religionen« ist der Titel, der Jerusalem ständig von Neuem verpasst wird. Dahinter steckt die Vorstellung, dass diese Stadt auf dem Bergrücken zwischen Mittelmeer und syrisch-afrikanischem Grabenbruch Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen heilig sei.

Auch Donald Trump bemühte dieses Klischee, wenn er betonte: »Jerusalem muss ein Ort bleiben, wo Juden an der Westmauer beten, Christen den Kreuzweg abmarschieren und wo Muslime in der AlAqsa-Moschee Gottesdienst feiern.«

Zunächst sind Jerusalem und der Berg in seinem Herzen, auf dem heute der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel steht, dem jüdischen Volk heilig. Dort hat Abraham seinen Sohn auf den Altar gelegt (1. Mose 22). Dorthin hat Mose den israelitischen Kult zentralisiert (5. Mose 12). Dort hat Salomo seinen Tempel gebaut und gebetet: »Auch wenn ein Fremder aus fernem Lande kommt, um zu diesem Hause hin zu beten, so wollest du hören« (1. Könige 8). Nach biblischer Vorstellung sollte Jerusalem von Anfang an nicht nur geistliches Zentrum Israels, sondern »Bethaus für alle Völker« sein (Jesaja 56,7).

Für das jüdische Volk war und ist Jerusalem so bedeutend, dass es kein Tischgebet, keinen Gottesdienst, kein Fest und keine Hochzeit gibt, in dem dieser Stadt nicht gedacht und um ihre Wiederherstellung gebetet würde.

Martin Luther hatte die Zentralität Jerusalems und des Landes Israel für den jüdischen Glauben erkannt. Wenn er in seinem Brief »Wider die Sabbater« im Jahr 1538, die Juden zu diskreditieren suchte, dann führte er ihre gebrochene Beziehung zu Jerusalem vor. Der deutsche Reformator spottete: »So lasst sie noch hinfaren jns land und gen Jerusalem, Tempel bawen, Priesterthum, Fuerstenthum und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs widerumb Jueden werden und das Land besitzen. Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auff den ferssen nach sehen daher komen und auch Jueden werden« (Weimarer Ausgabe 50,323,36-324,8).

Luther fühlte sich in seiner Analyse sicher. Er meinte, sich so weit aus dem Fenster seiner dogmatischen Burg lehnen zu können, dass er prophezeite, selbst Jude zu werden, würden die Juden jemals in ihr Land und nach Jerusalem zurückkehren.

Damit verkündete er aber gleichzeitig, dass das irdische Jerusalem und das Land Israel für das Christentum keine Bedeutung mehr haben. Luther war Teil einer Christenheit, die das geistliche Zentrum der Welt von Jerusalem weg verlegte nach Antiochien, Byzanz, Rom, Wittenberg, Genf oder Los Angeles.

Blick auf die heilige Stadt durch das Fenster der Kirche »Dominus Flevit«. Das Altarkreuz weist auf die Grabeskirche (mit zwei Kuppeln), links daneben der Felsendom und der Kirchturm der evangelischen Erlöserkirche. Foto: epd-bild

Blick auf die heilige Stadt durch das Fenster der Kirche »Dominus Flevit«. Das Altarkreuz weist auf die Grabeskirche (mit zwei Kuppeln), links daneben der Felsendom und der Kirchturm der evangelischen Erlöserkirche. Foto: epd-bild

Historisch gesehen kamen die ersten westlichen Christen Mitte des 19. Jahrhunderts als Missionare nach Jerusalem. Und der erste lateinische Patriarch wurde installiert, »um das protestantische Treiben zu neutralisieren«.

Meiner Beobachtung nach kommen bis heute Christen nur selten nach Jerusalem, um von dort Weisung zu erfahren. Vielmehr kommen sie, um von ihrem jeweiligen geistlichen Zentrum aus, Jerusalem und Israel zu sagen, was Sache ist.

Und wie wichtig ist Jerusalem für den Islam? Zunächst einmal ist richtig, dass Jerusalem namentlich kein einziges Mal im Koran erwähnt wird. Erst sechs Jahre nach dem Tode Mohammeds wurde die Stadt im Jahre 638 n. Chr. unter dem Kalifen Omar Ibn al-Khattab von Muslimen erobert. Historiker haben guten Grund zu der Vermutung, dass der letzte Prophet des Islam »die Heilige« nie betreten hat.

In Sure 2 wird Jerusalem im Koran dann allerdings doch noch erwähnt, indirekt. Dort schreibt Mohammed seinen Anhängern eine neue Gebetsrichtung vor. Er macht die Gebetsrichtung zum Merkmal des rechten Glaubens. Ausdrücklich im Gegensatz zu Juden und Christen ist Muslimen geboten, in Richtung Mekka zu beten. Allah achte auf die Gebetsrichtung der Menschen, weiß der Beduinenfürst, und unterscheide daran die Rechtgläubigen von den Frevlern.

Wer die im Orient äußerst wichtige Körpersprache versteht, weiß was es bedeutet, wenn Zigtausende von Muslimen in der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem fünfmal am Tag beten und dabei ihren »Allerwertesten« in Richtung auf den Ort richten, der von der Bibel als »Allerheiligstes« bezeichnet wird.

Und wieder bestätigt die Geschichte diese religiöse Einstellung. Von 638 bis 1967 war Jerusalem mit kurzen Unterbrechungen in muslimischer Hand. Kein einziges Mal war es Hauptstadt eines islamischen Staates oder auch nur einer moslemischen Provinz. Das ist bemerkenswert, weil am 2. Juni 1964 die »Palestine Liberation Organization« (PLO) im Hotel Intercontinental – dem heutigen Seven Arches Hotel – auf dem Ölberg gegründet wurde.

Damals war die Altstadt Jerusalems mit allen heiligen Stätten nicht unter israelischer, sondern unter arabischer Herrschaft. Trotzdem dachte niemand daran, »die Heilige« als Hauptstadt eines Palästinenserstaates zu fordern. Im Grundlagendokument der PLO, der sogenannten »palästinensischen National-Charta«, wird Jerusalem kein einziges Mal erwähnt.

Es gibt Lösungen für das Jerusalem-Problem. Allerdings nur, wenn alle Beteiligten weniger hysterisch und dafür historisch exakter an die Frage herangehen.

Juden, Christen, aber auch Muslime müssen gleichermaßen zur Toleranz angehalten werden. Es wäre wünschenswert, dass jüdische, christliche und muslimische Heilige Stätten gleichermaßen für Andersgläubige jederzeit frei zugänglich wären.

Es ist Tatsache, dass mir der Zugang zur jüdischen Westmauer noch nie und zu keiner Zeit verwehrt wurde, während das auf dem Haram asch-Scharif, wie der Tempelberg von Muslimen genannt wird, und zu christlichen heiligen Stätten schon mehrfach der Fall war.

Vielleicht wäre ein erster Schritt in Richtung Deeskalation, Mythen im Heiligen Land als solche zu erkennen? Vielleicht hülfe eine Entmythologisierung Jerusalems der Befriedung der Region? Und vielleicht könnten wir Christen damit beginnen, indem wir die ganze Angelegenheit ruhig und mit beherrschten Emotionen diskutieren.

Johannes Gerloff

Johannes Gerloff – Journalist und Theologe – lebt in Jerusalem und ist Autor mehrerer Bücher über Israel und den Nahen Osten.

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Die »große Konjunktion« am Himmel

17. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Weihnachtssymbol: Was es mit dem Stern von Bethlehem auf sich hat

In den biblischen Weihnachtsgeschichten werden die Weisen aus dem Morgenland von einem strahlenden Stern nach Betlehem zum neugeborenen König der Juden geführt. Wenn man genau hinschaut, spielt der Stern aber nur eine kleine Rolle am Rand, eine eher symbolische. In der christlich geprägten Kultur gilt er freilich bis heute als ein zentrales Weihnachtslogo. Der leuchtende Himmel über der Krippe signalisiert, dass sich damals in Betlehem etwas Weltbewegendes abgespielt hat, etwas, das den Kosmos und die Geschichte veränderte.

Der Evangelist Matthäus erzählt von sternkundigen Magiern aus dem Orient, die plötzlich in Jerusalem auftauchen, nach einem neugeborenen König fragen und damit für Verwirrung sorgen. Der Thron des kleinen Königreichs Judäa ist ja besetzt, von dem ziemlich fähigen Politstrategen und Städtegründer Herodes.

Wer sind diese Magier überhaupt gewesen? »Weise Männer« heißen sie in den einen Bibelübersetzungen, »Sterndeuter« in anderen. Der Begriff »Magier« bezeichnete damals oft einen persischen Priester oder Prinzenerzieher – mit Geheimwissen ausgestattet und in heiligen Offenbarungen bewandert. Bibelwissenschaftler sehen die Sternkundigen eher in Babylon beheimatet, denn dort gab es vitale jüdische Exilgemeinden, und in Babylon blühte die Astrologie. Dass es drei Magier gewesen seien oder dass es sich um Könige gehandelt habe, wie unsere Krippendarstellungen vermuten lassen, davon steht kein Wort in der Bibel.

Von kostbaren Geschenken ist freilich die Rede – und ist nicht auch das Kind in der Krippe ein zukünftiger König? »Völker wandern zu deinem Licht«, kündigen uralte biblische Prophezeiungen an, »und Könige zu deinem strahlenden Glanz.« Historisch betrachtet, klingt die Geschichte von den Magiern, ihrer sehnsüchtigen Suche nach dem Christuskind und der panischen Reaktion des Jerusalemer Königshofes ziemlich unwahrscheinlich.

Was wollten die frühchristlichen Gemeinden, in denen die Geschichte von den Sterndeutern entstand und weitererzählt wurde, eigentlich sagen? Nicht die Umstände der Geburt Jesu hätten sie interessiert, erläutern die Bibelexperten, sondern der Trost für das geknechtete Volk Israel und die Christusverkündigung: Schon das Kind in der Krippe sollte als Friedenskönig und Erlöser vorgestellt werden. Matthäus habe zusätzlich die verachteten Heiden aufwerten wollen: Wie man an den Sternkundigen sehen kann, suchen auch die Heiden die Wahrheit und werden von Gott geleitet.

Vor allem aber folgt die Geschichte dem beliebten antiken Erzählmuster von der wundersamen Rettung gefährdeter und verfolgter Königskinder: Augustus, Alexander der Große, Kyrus, Mose – immer dieselbe Legende von einem, um seinen Thron fürchtenden, blutige Gewalt ausübenden Machthaber und von himmlischen Mächten, die solche Pläne durchkreuzen und den künftigen Herrscher vor dem Tod bewahren. Dazu kommt das Motiv des Sterns – in der Antike ein allgemein verständliches Symbol, um königliche Ansprüche anzuzeigen. Mit der Geburt eines großen Menschen erscheint ein neuer Stern am Himmel.

Theologen der frühen Kirche, aber auch Naturwissenschaftler späterer Jahrhunderte hielten den mit Jesu Geburt verbundenen Stern allerdings nicht nur für ein sprechendes mythisches Symbol, sondern für ein ganz reales Himmelsphänomen. Ein auffallender Komet mit weithin leuchtendem Schweif – wie er auf künstlerischen Darstellungen der Geburt Jesu gern zu sehen ist – kann das nicht gewesen sein: Wäre tatsächlich so ein Riesenstern am Himmel erschienen, dann hätte Herodes nicht heimlich die Magier nach dem Zeitpunkt seines Auftretens fragen müssen. Wenn überhaupt, so muss es sich um ein weniger spektakuläres Ereignis gehandelt haben, das nur die Experten wahrnehmen und deuten konnten.

Eine gewisse Plausibilität könnte die sogenannte große Konjunktion der Planeten Jupiter, Saturn und Mars im Sternbild Fische beanspruchen, die um das Jahr 7 oder 6 vor Christus dreimal nacheinander auftrat und erstmals von Johannes Kepler exakt berechnet wurde. Dreimal begegneten sich die Planeten: Saturn auf der äußersten Bahn um die Sonne laufend, Jupiter auf einer mittleren und die Erde auf der Innenbahn. Im Sportstadion ist ein Läufer auf der Innenbahn zwangsläufig schneller als sein Rivale auf der Außenbahn. So ist es auch am Himmel: Die Erde läuft schneller als Jupiter und beide sind schneller als Saturn, deshalb kommt es von Zeit zu Zeit zu Begegnungen, bei denen alle drei Planeten eine Zeit lang auf einer Linie mit Sonne und Mond stehen. Das hätte dann von der Erde aus so ausgesehen, als ob ein mächtig strahlender Stern stundenlang am Himmel still stünde.

Was wenig mit unserem Weihnachtsdatum zu tun hat, aber den Geburtstag Jesu kennt kein Mensch und das Weihnachtsfest verdankt sich vermutlich einem Versuch des Kaisers Konstantin, ein altes Fest des Sonnengottes christlich zu besetzen. »Geburt der neuen Sonne« soll er es genannt haben. Inwieweit die »große Konjunktion« am Sternenhimmel von der Erde aus überhaupt wahrgenommen werden konnte, warum das gerade in Betlehem so deutlich der Fall gewesen sein soll und ob die einander begegnenden Planeten wirklich als ein gewaltiger Stern erschienen, darüber zerbrechen sich Astronomen bis heute die Köpfe.

Das sind interessante Spekulationen. Es kann so gewesen sein – oder auch nicht. Auch hier wieder ist der Symbolwert wichtiger als die Frage, ob das alles wirklich so stattgefunden hat. Jupiter galt in der antiken Mythologie als Königsstern und als Attribut der höchsten Gottheit Babylons, Saturn hingegen als kosmischer Repräsentant des jüdischen Volkes. Das heißt, in dieser seltenen Planetenkonstellation liefen alle Hoffnungen einer verzweifelten Welt auf die Geburt des wahren Königs und Retters wie in einem Brennspiegel zusammen. Vor allem für Palästina konnte man die Sensation am Himmel als Glücksbotschaft interpretieren.

Was allerdings zu jener Zeit noch niemand ahnen konnte: Die Zeichen am Himmel kündigten eine wahre Revolution auf der Erde an, eine Umwälzung aller gängigen Begriffe: Das schutzlose, in einem erbärmlichen Stall geborene, von Herodes verfolgte »Sternenkind« von Betlehem stellt die bisher geltenden Vorstellungen von Macht und Herrschaft auf den Kopf.

Herodes hat seine Soldaten und Waffenarsenale – aber über die Herzen und Hirne hat er keine Macht, und am Ende bleibt ihm nur die Einsamkeit und die nagende Angst vor Rivalen und Aufständen. Der kleine König in seiner armseligen Krippe besitzt keine Bataillone und Trutzburgen, aber er hat die Macht der Liebe und Gott auf seiner Seite. Von nun an ist das Zeichen Gottes nicht mehr Pracht und Herrlichkeit und Erfolg, sondern das ungeschützte, offene Herz der Armen.

Die Liebe wird das Sternenkind von Betlehem ans Kreuz bringen, aber die Macht dieser Liebe überdauert den Tod. Passion und Tod symbolisiert die kostbare Myrrhe, die einer der Magier dem Jesuskind darbringt und die in der Antike als Parfum und Aphrodisiakum verwendet wurde, aber auch zur Einbalsamierung von Leichen.

Christian Feldmann

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Boten aus Sachsen für die Welt

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Herrnhuter Sterne machen sich gerade in diesen Tagen weltweit auf die Reise. Ihre Schlichtheit und ihr warmes Leuchten finden Gefallen weit über ihren kleinen Ursprungsort in der Oberlausitz hinaus.

Das war schon vor 100 Jahren so und auch in den aktuellen Zeiten der Marktwirtschaft hat sich das Sinnbild für eine weihnachtliche Tradition international gut entwickelt. Vor allem die Niederlande, Dänemark, Schweiz oder Österreich sind aktuell ein sehr starker Markt, informiert die Herrnhuter Sterne GmbH. Zum einen natürlich aufgrund des deutschsprachigen Raumes zum anderen aber aufgrund von vorhandenen Brüdergemeinen in diesen Ländern.
Seit einigen Jahren arbeitet die Sterne-Manufaktur darüber hinaus auch mit einem Partner in Amerika zusammen, der die Marke vor Ort auf eigenen Messen in den USA und in Kanada vertritt. Im anglofonen Raum machen die Sterne aber auch noch weitere Reisen – bis nach Neuseeland und Australien.

Weltumspannend: Die Herrnhuter Sterne leuchten auch auf diesem Weihnachtsmarkt in Vancouver an der kanadischen Pazifikküste. Fotos: Herrnhuter Sterne GmbH

Weltumspannend: Die Herrnhuter Sterne leuchten auch auf diesem Weihnachtsmarkt in Vancouver an der kanadischen Pazifikküste. Fotos: Herrnhuter Sterne GmbH

Zunehmend interessant ist ebenfalls Russland. In der Heimat von Väterchen Frost scheint man Gefallen gefunden zu haben am warmen Licht aus Herrnhut. Hier wird mit eigenen Vertriebspartnern zusammengearbeitet, die inzwischen auch selbst Onlineshops betreiben.

Selbst vertreten sind die Mitarbeiter aus Herrnhut in diesem Jahr auf den Weihnachtsmärkten in Kopenhagen und Breslau und auch London war schon einmal im Programm. Über den amerikanischen Vertreter verkauft man auch in Philadelphia sowie in Quebec und Vancouver (Kanada).

Etwa 10 bis 15 Prozent des Gesamtumsatzes werden im Auslandsgeschäft gemacht. Bei einer Jahresproduktion von 600 000 Sternen ist das eine gute fünfstellige Zahl.
Dieses Auslandsgeschäft hat Geschichte. Schon in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts bekam das damals junge Unternehmen über die Missionsagentur einen Großauftrag: 3 600 Sterne für die USA. Welt-2-49-2017Eine Order aus Holland folgte kurz darauf. In den Folgejahren gingen die Sterne dann nach Spanien, Dänemark, England, Schweden, Norwegen, die Tschechoslowakei und sogar nach Ägypten, Argentinien und die Karibik. In letzterer gibt es bis heute sehr viele Gemeinden der weltweiten Herrnhuter Kirche und auch schon vorher müssen Herrnhuter Missionare solche Sterne mitgenommen haben. Davon zeugen historische Fotos von Missionsstationen in Südafrika, Surinam, Nicaragua und Labrador.

Dann allerdings verlor sich das weltweite Leuchten. Die politische Lage und der Zweite Weltkrieg wirkten sich negativ auf das Exportgeschäft aus, weil kaum noch europäische Handlungsreisende ins ostsächsische Herrnhut kamen. 1939 wurde die Produktion der Sterne ganz eingestellt. Wehrwirtschaft war wichtiger.

Erst in den 1950er-Jahren tauchten die Weihnachtsboten aus Papier in Gelb, Weiß und Rot mit verschiedenen Farbkombinationen dann wieder auf. Wichtigstes Exportland damals: die Bundesrepublik Deutschland. Später folgten Holland und die Schweiz. Auch den großen wetterfesten Kirchenstern, der heute in vielen Kirchen trotz Sturm oder Regen schon von Weitem erinnert, dass bald Weihnachten ist, gab es ab 1954 wieder. Außerdem wurden Verträge mit Vertretern für Italien und Frankreich geschlossen.

Der Herrnhuter Stern entwickelte sich zu DDR-Zeiten auch zu einem wichtigen Devisenbringer, der für die einheimische Bevölkerung ein sehr rares Objekt wurde. Beziehungen in die Sternelei waren wichtig, wollte man so einen begehrten Lichterzeuger ergattern, der heute wieder seine ganze Pracht und Vielfalt entwickelt. Am meisten verkauft sich aber dennoch der traditionelle Papierstern, 60 Zentimeter im Umfang mit gelben Spitzen und rotem Kern.

Aber auch die Kunststoffsterne für den Außenbereich werden immer beliebter. Sie gibt es in einer kleineren Version auch in den Farben Türkis oder Blau. USA-Reisende behaupten in diesem Zusammenhang, dass sie die Sterne auch schon als Illumination bei amerikanischen Sommerfesten gesehen haben wollen.

Zum Stern und seinen weltweiten Geschichten treffen in Herrnhut auch im Zeitalter schneller Bilder immer noch einfache Kundenzuschriften ein. Der ein oder andere habe dabei neue Ideen und Vorschläge, was man noch herstellen könnte, erzählt Marketingleiterin Jacqueline Schröpel. Viele senden auch Bilder, wie sie den Stern dekoriert haben.

Ein junger Mann, der aus der Oberlausitz nach Jerusalem gezogen ist, berichtete zum Beispiel kürzlich, dass er dort seinen Adventsstern aufgehängt hat. Dieser leuchte nun in Richtung Ölberg.

Andreas Herrmann

www.herrnhuter-sterne.de

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Kinder und ihre Schutzengel

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Dass jedes Kind einen eigenen Schutzengel hat, ist nicht nur Wunschdenken vieler Eltern – schon das Matthäus­-Evangelium spricht davon. Und die Kinder selbst? Dazu ein Gespräch mit Theologieprofessorin Martina Plieth.

Frau Plieth, brauchen Kinder Engel?
Plieth:
Es gibt eine sogenannte magische Phase, die bei Kindern zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr auftritt. In dieser Zeit entwickeln Kinder oft die Vorstellung von imaginären Freunden, unsichtbaren Begleitern. Sie brauchen das, um ihr kleines Ich, das sich noch entwickeln muss, zu stabilisieren. Solche imaginären Freunde bezeichnen Kinder nicht unbedingt als Engel. Sie sind aber der Ausgangspunkt für Engelsvorstellungen.

Wie stellen Kinder sich Engel vor?
Plieth:
Kinder kriegen Himmel und Erde viel besser zusammen als wir Erwachsenen. Für sie ist völlig klar: Gott ist ein Gott des Himmels und der Erde. Er kommt zu uns, ist wirklich bei uns anwesend. Sie stellen sich Engel vor als Schutzeinheiten, als Wesen, die für Gott arbeiten. Weil sie so offen sind für das Transzendente, spüren Kinder manchmal, dass es Dinge gibt, die man nicht beschreiben kann. Davon können sie erzählen. Wenn sie ganz viel gespürt haben, dann ist der Engel in der Erzählung groß und dick und mächtig. Wenn sie nicht so viel gespürt haben, ist der Engel vielleicht etwas kleiner. Der Psychoanalytiker C. G. Jung hat gesagt: »Wirklich ist, was wirkt.« Deshalb sind die Engelsvorstellungen von Kindern Wirklichkeit: Denn sie können spüren, dass ihr Engel sie beschützt und begleitet.

Wie sollen kritische Erwachsene mit solchen kindlichen Engelsvorstellungen umgehen?
Plieth:
Als aufgeklärter Mensch und Christin glaube ich nicht an Dämonen – und deshalb auch nicht an leibhaftige Engel. Ich glaube aber an Wirkmächte, und die sind nie autonom, sondern von Gott geschickt. Deshalb würde ich sagen: Lasst den Kindern ihre Vorstellungen! Wenn man einem Kind sagt, dass es Engel gar nicht gibt, raubt man ihm die Schutzfunktion. Genauso schwierig ist es zu sagen: Engel sind immer da und passen auf – das macht Kinder leichtfertig.

Schutzengel: Für Kinder sind sie real, denn sie verstehen mühelos, dass zwischen Himmel und Erde Kräfte wirken. Foto: epd-bild

Schutzengel: Für Kinder sind sie real, denn sie verstehen mühelos, dass zwischen Himmel und Erde Kräfte wirken. Foto: epd-bild

Der Benediktinerpater Anselm Grün sagt: »Jedes Kind hat einen Engel, der es nie verlässt.« Ist eine solche Vorstellung nicht übertrieben?
Plieth:
Es gibt zwei Stellen in der Bibel, die so eine Annahme stützen. Im Matthäusevangelium (18,10) ist von den »Engeln der Kleinen« die Rede. Jedes Kind, so die Vorstellung, hat einen Engel im Himmel, und dieser Engel sieht ins Angesicht Gottes. Durch ihre Engel sind also alle Kinder direkt mit Gott verbunden. Und in der Apostelgeschichte (12,15) geht es um den Engel, der Petrus aus dem Gefängnis befreit. In der Bibel wird an dieser Stelle von »seinem« Engel gesprochen. Wenn also alle Kinder Engel haben, und Petrus sogar einen ihm persönlich zugeordneten, dann könnte man daraus ableiten, dass jeder Mensch einen persönlichen Engel hat. Klar ist: Die Vorstellung eines persönlichen Engels hat etwas Tröstendes, Aufbauendes. Martin Luther sagt in seinem Abendsegen allerdings nicht, »mein heiliger Engel sei mit mir«, sondern »dein heiliger Engel sei mit mir«, nämlich der Engel Gottes. Das ist ein guter Hinweis: Wir können Gott bitten, dass er uns behütet und uns seine Engel schickt. Und wir können Kinder ermutigen, dass sie sich das auch trauen: Gott um seine Engel zu bitten.

Wie ist es um die Engelstradition im Protestantismus bestellt?
Plieth:
Es gibt eine sehr starke Engelstradition im römisch-katholischen Glauben. Aber auch die evangelische Kirche kennt Engel. Luther selbst hat als kleines Kind an Schutzengel geglaubt. Später hat er seinen Morgen- und Abendsegen mit einem »Engels-Wort« enden lassen. Luther sagt sinngemäß: »Der Engel führt uns. Er schaut, dass wir inwendig angeregt werden. Von ihm bekommen wir Sinn, Anstoß, Zeichen.« Biblische Engel sagen auch mal Nein, rufen stopp. Sie sind wachsam, wenn ihre Menschen gerade träumen und nicht achtgeben. Wir sollten uns an diese Neinsager-Engel wieder neu erinnern.

Welche Engelstypen gibt es denn in der Bibel?
Plieth:
Das ist ganz unterschiedlich. Engel sind in der Bibel mal geschlechtslos, mal Jünglinge, Männer oder auch Frauen. Als Seraphim haben sie sechs Flügel und Schlangenform. Die Cherubime sind mächtige Wächterengel, die mit einer Waffe in der Hand den Weg versperren. Thronoi sind unglaublich stark, sie können den Thron Gottes tragen. Im Mittelalter unterschied man drei Kategorien von Engeln: Berater, Verwalter, Boten. Gerade die Verwalter sind für Kinder spannend! Das sind nämlich keine Schreibtisch-Engel, sondern die Mächte, die Energie und die Kraft, auf die auch der Theologe Dietrich Bonhoeffer mit seinem Lied »Von guten Mächten« Bezug nimmt. Kinder verstehen sofort, dass es zwischen Himmel und Erde total viel Macht und Kraft gibt, und dass man diese Engel nennen kann.

Zwischen persönlichem Beschützer und himmlischer Gewalt: Was sind denn Engel nun für Kinder?
Plieth:
Kinder verstehen, dass tief in ihnen etwas ist, das ihnen den Weg zeigt. Wenn ein Kind etwas unbedingt will, kann ich es fragen: Spür mal tief in dir, ob das gut ist für dich. Wenn es da einen inneren Widerstand spürt, etwas, dass es abhalten möchte, zum Beispiel aus dem Fenster zu klettern, dann kann ich das ganz allgemein »Gewissen« nennen. Oder ich nenne es Engel. Natürlich kann ich meinem Kind auch einen kleinen Plüschengel oder eine Engelsfigur schenken, um zum Ausdruck zu bringen: Du bist nicht allein! Du bist begleitet und behütet! In manchen Situationen sind solche Übergangsobjekte hilfreich, zum Beispiel zum Schulanfang. Ein Engelchen am Federmäppchen kann ein Hinweis auf die Gegenwart Gottes sein. Immer wenn ich es sehe, erinnert es mich an Gottes Versprechen: Ich bin dir nah, ich unterstütze und stärke dich. Wichtig ist nur, dass nicht die Figur selbst zum Fetisch wird! Sonst wäre es ja der Untergang, wenn sie einmal verloren geht. Es ist nicht die Figur, die wirkt. Gott selbst wirkt.

Täte eine Schutzengelvorstellung auch Eltern gut?
Plieth:
Den sogenannten Helikopter-Eltern, die ihren Kindern vor lauter Sorge kaum Freiraum lassen, könnte mehr Gottvertrauen helfen. Wer annimmt, dass wir von Gott kommen und auch wieder auf Gott zugehen, der kann leichter darauf vertrauen, dass eine Wirkmacht unseren Alltag bestimmt. Wenn dabei die Vorstellung hilft, dass es auch für mein Kind einen Engel Gottes gibt – warum nicht? Aber was ist, wenn dann doch etwas passiert? War der Engel dann in der Sommerfrische? Ich kann mir keinen Engel mit Rundum-Schutz kaufen, wie es manche Versicherungen in ihrer Werbung versprechen. Die Frage ist: Gehe ich davon aus, dass mein Leben nur von meinem Tun und Wollen abhängt, dass ich alles selbst schaffen muss? Oder dass auch ich getragen bin und mir helfen lassen kann?

Erinnern Sie sich an den Engel Ihrer Kindheit?
Plieth:
Als Kind hatte ich eine Engelsbegegnung der dritten Art. Ich hatte lange blonde Locken: der ideale Engel für das Krippenspiel. Aber meine Stimme war tief, und ich konnte das hohe »Vom Himmel her« nur mitbrummen. Die Lehrerin hörte das und ließ alle Engel einen Schritt vortreten zum Vorsingen. Und als sie meine Stimme hörte, zeigte sie mit dem Finger auf mich und sagte: »Ab heute bist du ein stummer Engel oder du wirst Hirte.« Ich war den Tränen nahe. Ein stummer Engel wollte ich auf keinen Fall sein! Also bekam ich einen Stab, einen Hut und das alte Schaffell meines Urgroßvaters und durfte als Hirte bald lange Textstücke im Krippenspiel aufsagen. Ich finde: Schön aussehen müssen Engel nicht. Aber sie müssen tatkräftig und wirkmächtig sein! Die Geschichte hatte übrigens eine Fortsetzung, als ich schon Hochschullehrerin war. Bei einer Weihnachtsfreizeit planten die Studierenden ein improvisiertes Krippenspiel. Ausgerechnet mir wiesen sie die Rolle des Engels zu, und ich sollte vor versammelter Mannschaft singen. Sofort war die ganze Kindheitsgeschichte wieder präsent. Ein junger Mitarbeiter spürte meine Hilflosigkeit. Er stellte sich hinter mich, sodass man ihn nicht sah, und sang engelsgleich für mich – ich musste nur noch den Mund auf und zu machen. Er ist damals für mich zum Engel geworden und hat mich an Gottes Versprechen erinnert: Wenn du in Not bist und nicht weiterweißt, helfe ich dir.

Das Gespräch führte Susanne Schröder.

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Eine böse Tat, ein Fluch und seine Folgen

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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In einem Dorf in Anhalt passierte vor 1 000 Jahren Seltsames. Als »Tanzwunder von Cölbigk« ist es überliefert. Was man darüber weiß, und was nicht.

An der Kirche St. Severin von Ilberstedt nahe Güsten steht eine seltsame Gestalt aus Blech. Trotz gebeugter Haltung scheint sie kräftig auszuschreiten. Auf dem Rücken trägt sie einen Sack, aus dem ein Spielzeug und ein Rutenbündel hervorlugen. Die Gestalt befand sich am Kirchturm des Klosters im benachbarten Cölbigk. Mit dem Ort ist die Legende vom »Tanzwunder« verbunden, das sich vor fast tausend Jahren hier ereignet haben soll. Damals soll ein Rutpertus oder Ruprecht in Cölbigk Priester gewesen sein. Im Lauf der Jahrhunderte wurde er wohl zur Vorlage für den Nikolaus-Gehilfen Knecht Ruprecht und der im Raum Bernburg angesiedelten Gestalt des »Heele Christ«.

Gedenkstein: An dieser Stelle befand sich das Kloster Cölbigk, das bis 1024 gegründet wurde. Das »Tanzwunder« soll sich in den Jahren 1020 oder 1021 abgespielt haben. Foto: Engelbert Pülicher

Gedenkstein: An dieser Stelle befand sich das Kloster Cölbigk, das bis 1024 gegründet wurde. Das »Tanzwunder« soll sich in den Jahren 1020 oder 1021 abgespielt haben. Foto: Engelbert Pülicher

Die Legende vom Cölbigker »Tanzwunder« ist unter anderem in der Historie des Fürstentums Anhalt (1710) überliefert: Im Jahr 1021, als Kaiser Heinrich II. regierte, sollen auf dem Friedhof an der Kirche St. Magnus in Cölbigk 15 Bauern und drei Frauen in der Christnacht getanzt, gelärmt und damit die Messe gestört haben. Der Priester ermahnte sie. Als das nichts half, verfluchte er sie: Alle sollten ein Jahr weitertanzen müssen. So geschah es. Unter den Tanzenden befand sich auch die Schwester des Kirchners. Als dieser sie am Arm wegziehen wollte, riss der Arm ab. Die Schwester musste weitermachen wie alle anderen, bis sie »unter ihre Gürtel Kulen in die Erde getanzt« hatten. Nach einem Jahr kamen Bischöfe aus Köln und Hildesheim nach Cölbigk und konnten nach Gebeten den Fluch lösen.

Vier Tänzer, darunter die junge Frau, starben, die anderen verließen wohl den Ort. Als Beispiel für einen frevlerischen Tanz nahmen die Gebrüder Grimm die Geschichte in ihre Sagensammlung auf.

Die bislang spärlich erforschte Siedlungsgeschichte Cölbigks stellte der Diplom-Geograf Karsten Falke kürzlich bei einer Tagung des Landesheimatbundes von Sachsen-Anhalt vor. In der Chronik Thietmars von Merseburg wurde Cölbigk 1015 zum ersten Mal erwähnt. 1036 ist es als Marktort genannt und hatte damit regionale Bedeutung. Aber eine Entwicklung zur Stadt blieb aus. »Um 1500 war Cölbigk eine Wüstung mit einem heruntergekommen Kloster«, so Falke. Die »Tanzwunder«-Legende knüpfe an die frühe Bedeutung des Ortes an: einen Kult um den Märtyrer und Heiligen Magnus, der im 7. oder 8. Jahrhundert als Missionar in die Gegend gekommen sein soll, eine frühe Kirche und die Klostergründung etwa 1024. Dafür, dass Cölbigk Wallfahrtsort gewesen sein soll, finde sich keine Quelle. Nur die archäologische Forschung könne Fragen zur frühen Ortsgeschichte beantworten helfen.

Der Mittelalterhistoriker und Sprachwissenschaftler Ernst Erich Metzner (Rüsselsheim) betonte, dass die ältesten Überlieferungen des Tanzes von Cölbigk keine Sagen seien, sondern drei gleichwertige lateinische Berichte vom Ende des 11. Jahrhunderts. Zwei davon beruhten auf so genannten Bettelausweisen aus klerikalem Umfeld, wie sie damals ausgestellt wurden, um echte Bedürftige von Simulanten unterscheiden zu können. Das »Tanzen« könne die Folge einer Vergiftung gewesen sein, die mehrere Tage anhielt und bei den Überlebenden dauerhaftes Zittern zur Folge gehabt hatte.

»Wir können nicht sagen, was in Cölbigk wirklich passiert ist«, so der Mittelalterhistoriker Gregor Rohmann (Frankfurt am Main). »Aber wir können etwas über die Hintergründe sagen.« Die drei oben genannten Quellen seien zwar im Raum Köln geschrieben worden, würden sich aber auf ein Ereignis bei Bernburg beziehen. Zudem würden sie Anspielungen auf zeitgenössische kirchliche Probleme enthalten. Einer der Schreiber, Goscelin von Saint-Bertin, erwähnt sogar, einen der Überlebenden noch selber getroffen zu haben. Goscelin stelle in seinem Text Gottes Güte in den Mittelpunkt, der die meisten Tänzer habe überleben lassen. Er zeige aber auch, dass die Abkehr von der Kirche ins Verderben führe. So wird bei Goscelin die oben erwähnte Schwester des Kirchners zur Tochter des Priesters, die nach dem Tanz stirbt. Der Priester steht als Sünder da, weil er nicht im Zölibat lebt: eine im 11. Jahrhundert besonders heftig diskutierte Frage.

Zur Warnlegende sei die Geschichte vom »Tanzwunder« im 13. Jahrhundert geworden und durch den Dominikaner Vinzenz von Beauvais in die Exempel-Sammlung des Dominikanerordens gelangt. Mittels Predigten sei sie unters Volk gekommen und weit verbreitet worden. »Wir wissen nicht, was in Cölbigk passierte«, so Rohmann. »Das ist unbefriedigend – auch für das Marketing.«

Die Volkskundlerin Annette Schneider-Reinhardt verwies darauf, dass die Nikolaus-Verehrung im 11. und 12. Jahrhundert in Deutschland ihren Höhenpunkt erreicht habe. Knecht Ruprecht als Diener des Heiligen und Kinderschreck taucht erst ab dem 13. Jahrhundert auf. Auch in Mitteldeutschland habe es verschiedene Bräuche rund um Nikolaus und Knecht Ruprecht gegeben. Für Cölbigk sei der »Umgang eines finsteren Gesellen, der strafte oder belohnte«, belegt. Nach 1945 verlor Knecht Ruprecht an Bekanntheit. Die Weihnachtsmann-Tradition überwiege. »Dazu«, so Annette Schneider-Reinhardt, »trugen wohl auch die veränderten Auffassungen in der Kindererziehung bei.«

Angela Stoye

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Nächstenliebe kommt zum Zug

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Streckenposten: Am zweiten Advents-Wochenende nimmt die Deutsche Bahn ihre neue »Rennstrecke« zwischen Berlin und München komplett in Betrieb. Reisende, die Hilfe brauchen, bekommen diese am Knotenbahnhof Erfurt von der Bahnhofsmission.

Heute kommen Uwe Friese, Magdalena Steinhöfel und Beate Wichmann ganz schön ins Schwitzen. Vier Stunden lang arbeiten sie an diesem Freitagnachmittag ehrenamtlich für die neue Bahnhofsmission am Erfurter Hauptbahnhof. Diebe haben auf der Strecke in Richtung Leipzig Teile der Oberleitung gestohlen. Das wirbelt den Fahrplan gehörig durcheinander. Viele Reisende sind stundenlang verspätet, verpassen Anschlüsse und sind froh, dass sie jemanden haben, der mit Rat und Tat zur Seite steht.

Foto: Markus Wetterauer

Foto: Markus Wetterauer

Oft sind es nur kleine Gesten, die weiterhelfen: Mal ist es ein Hinweis auf den Anschlusszug, für die Mutter mit Kinderwagen ist es der Tipp mit dem Aufzug. Seit Juni sind die 15 Freiwilligen der Erfurter Bahnhofsmission unterwegs als »Engel am Zug«. Jeden Freitagnachmittag helfen sie. Entstanden ist die Bahnhofsmission aus einer Gruppe von Menschen, die sich ganz allgemein für andere engagieren wollte. Schnell fand sich der Bahnhof als Ort, wo Menschen immer wieder Hilfe brauchen.

»Sowohl beim Bahn-Management als auch bei den Mitarbeitern in den Geschäften und bei der Stadt haben wir viel Resonanz erfahren und offene Türen eingerannt«, erinnert sich Hubertus Schönemann, selbst leidenschaftlicher Zugfahrer und einer der Initiatoren.
Im Gegensatz zu den Bahnhofsmissionen in anderen deutschen Städten läuft bisher alles auf freiwilliger Basis ab. Es gibt keine hauptamtlichen Mitarbeiter. Und vor allem: Es fehlt an einem Raum. »Das ist eine schwierige Situation, weil es Fälle gibt, wo es drauf ankäme, jemanden mal hinzusetzen, ein Gespräch zu führen und ein Glas Wasser zu geben«, so Schönemann. Hätte man einen solchen Raum, »dann könnten wir auch längere Zeiten abdecken« – und nicht nur den Freitagnachmittag.

Meistens sind zwei oder drei Freiwillige zu den Diensten am Gleis eingeteilt. Zu Beginn waren die Helfer ohne die leuchtend blauen Jacken der Bahnhofsmission unterwegs. Das war manchmal etwas schwierig, wie sich Magdalena Steinhöfel erinnert. »Es ist niemand auf uns zugekommen, weil wir ja auch normale Reisende hätten sein können«, so Steinhöfel, die praktische Theologie an der Universität Jena studiert und gerade an ihrer Doktorarbeit schreibt. »Wenn wir dann Hilfe angeboten haben, wurden wir erst mal skeptisch angeschaut.« Das hat sich geändert: Alle sind klar als Bahnhofsmission erkennbar: »Wir gehören quasi zum Inventar des Bahnhofs und die Leute verbinden mit uns Hilfeleistung.«

Auch Dagmar Schumann hat bei Zugreisen schon die Hilfe der Bahnhofsmission in Anspruch genommen: Zug verpasst, Anschluss weg – und sie wusste nicht, was sie machen sollte. Als sie vor Kurzem hörte, dass in Erfurt eine Bahnhofsmission gegründet wird, wollte sie mitmachen, »und die Hilfe weitergeben, die ich bekommen habe«. Jetzt ist sie selbst im Einsatz am Bahnsteig.

Hubertus Schönemann wünscht sich noch mehr Freiwillige für das Team. Zwischen 25 und 30 strebt er an. Künftig gehört auch Luzia Rosenstengel-Kromke dazu. »Ich war ein paar Mal zum Schnuppern da«, erzählt sie. Bei einem Rundgang durch den Bahnhof hat sie so alle wichtigen Einrichtungen und das Bahnpersonal kennengelernt. Schon bisher wurde sie bei ihren Bahnreisen immer wieder mal angesprochen und von anderen Reisenden um Hilfe gebeten. Jetzt will sie andere regelmäßig unterstützen: »Das macht ja auch für einen selbst einen Sinn.«

Markenzeichen: Die blauen Westen mit dem Emblem der Bahnhofsmission signalisieren den Reisenden: Hier bekommen sie Hilfe. Foto: Markus Wetterauer

Markenzeichen: Die blauen Westen mit dem Emblem der Bahnhofsmission signalisieren den Reisenden: Hier bekommen sie Hilfe. Foto: Markus Wetterauer

Helfen und etwas weitergeben, das wollen die Helfer der Erfurter Bahnhofsmission aus christlicher Überzeugung. An den Adventsfreitagen soll das auch durch Fünf-Minuten-Impulse am großen Christbaum in der Eingangshalle des Bahnhofs geschehen: ein kurzes Musikstück, ein Gedanke zum Mitnehmen, ein Segensspruch für die Reisenden.

Wie wichtig Reden und Zuhören ist, hat Hubertus Schönemann vor ein paar Wochen erst wieder erfahren. Bei einem Einsatz traf er einen älteren Herrn, der im Urlaub einen Herzinfarkt hatte. Bevor dessen Frau ihn abholte, kümmerte sich Schönemann zwei Stunden lang um ihn, setzte sich zu ihm in den Wartesaal, gab ihm ein Glas Wasser, hörte ihm zu. Der Mann erzählte seine Lebensgeschichte und wie es ihm jetzt geht mit dem Herzinfarkt. Dann kam die Frau an, weinend, weil sie sich so gesorgt hatte, wie Hubertus Schönemann berichtet. »Wenn ich so etwas erlebe, dann weiß ich, warum ich das mache.«

Markus Wetterauer

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Zweieinhalb Minuten vor Zwölf

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Früher war mehr Friedens­bewegung – auch in der Atommacht USA ringt sie um Relevanz. Die Zeit der großen Opposition gegen Kriege und nukleare Waffenarsenale scheint dort vorbei zu sein.

Millionen hatten in den 1980er- Jahren gegen Ronald Reagans Aufrüstung demonstriert und wohl auch Millionen gegen George W. Bushs Irakkrieg. Nach der Nordkorea »Feuer und Wut«-Rede von Donald Trump ging kaum jemand auf die Straße. Doch Meckern über die »lahme« Friedensbewegung ist vielleicht nicht ganz angebracht. Lawrence Wittner ist emeritierter Geschichtsprofessor an der »State University of New York« in Albany im Bundesstaat New York. Er hat viel über die Geschichte von Friedens- und Anti-Kriegsbewegungen geschrieben.

Ja, die Friedensbewegung in den USA sei gegenwärtig auf einem Tiefpunkt, sagte Wittner, doch er befürworte einen realistischen Rückblick. Aktivisten hätten immer nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausgemacht und trotzdem einiges erreicht.

Denn manchmal lassen sich Konsequenzen von Protest nicht sofort absehen, wie folgende Anekdote zeige: Es war 1961. John F. Kennedy war Präsident, Lawrence Wittner Student in New York City – friedensbewegt, obwohl »Friedensbewegung« damals alles andere war als eine Massenbewegung. In Erinnerung an diese Zeit schrieb Wittner kürzlich: Nachdem die Sowjetunion angekündigt hatte, sie werde sich vom Moratorium für atmosphärische Atomwaffentests zurückziehen, sei er mit ein paar Dutzend Gleichgesinnten nach Washington gefahren, um gegen Tests zu protestieren (Randbemerkung: Um Regierungsmitarbeiter im Weißen Haus zu beeindrucken, habe er eigens einen Anzug getragen und ein Schild »Kennedy: Äffen Sie nicht die Russen nach!«).

Die Atomkriegsuhr soll  verdeutlichen, wie groß das derzeitige Risiko einer globalen Katastrophe, insbesondere eines Nuklearkrieges, ist. Foto: Taily – stock.adobe.com

Die Atomkriegsuhr soll verdeutlichen, wie groß das derzeitige Risiko einer globalen Katastrophe, insbesondere eines Nuklearkrieges, ist. Foto: Taily – stock.adobe.com

Es war nur eine kleine Demonstration, aber als Wittner Mitte der 1990er-Jahre in der Kennedy-Bibliothek in Boston recherchierte, stieß er auf folgende Aussagen des damaligen stellvertretenden Direktors der US-Rüstungskontrollbehörde, Adrian Fisher. Kennedy habe auf die Moratoriumsaufkündigung der Sowjetunion nicht sofort mit einem amerikanischen Test reagiert, denn Bürger seien wohl skeptisch gewesen. »Wir hatten Leute, die vor dem Weißen Haus protestierten«, so Fisher; die Frage »Müssen wir das tun, nur weil die Russen es auch tun?« habe offenbar viele bewegt – erst Ende April begannen die USA mit atmosphärischen Tests. Doch im Herbst 1963 schlossen die Sowjetunion, die USA und Großbritannien einen Vertrag zum Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre.

In der Ära Trump konzentriere sich die beträchtliche Opposition nicht auf die Themen Krieg und Frieden, sondern auf soziale und gesellschaftliche Anliegen wie Rassismus, Diskriminierung und wirtschaftliche Gerechtigkeit, so Wittner.

Barry Ladendorf, Vietnamkriegsveteran und Präsident des Verbandes »Veteranen für Frieden«, sieht einen Generationsunterschied. Viele Friedensaktivisten seien Menschen, die sich an Vietnam und Reagan erinnerten. Und doch sehe er bei seiner Arbeit, dass Donald Trump viele Menschen aktiviere, sagte Ladendorf.

Neu und schwierig sei freilich die »Stimmung einer Verehrung des Militärs«, die sich in den USA breitgemacht habe. Ladendorf sprach von einem »falschen Patriotismus«. Das habe auch mit der Professionalisierung des Militärs zu tun. Die wenigsten Menschen hätten wirklich Kontakt zu Menschen in Uniform.

Erstmals seit Jahren wird in diesem Herbst allerdings im politischen Washington über Atomwaffen diskutiert. Es war Mitte November, bei einer Sitzung des außenpolitischen Ausschusses im Senat: Die Politiker befassten sich mit der Frage, wer in den USA über den Einsatz von Atomwaffen entscheidet, und ob dieser Prozess abgeändert werden sollte. Entscheider ist der Präsident. So ziemlich im Alleingang.

In diesem Zusammenhang warnte der demokratische Senator Chris Murphy: Er sei besorgt, dass Trump »instabil« und »schwankungsanfällig« sei, und den Einsatz von Atomwaffen befehlen könnte entgegen der wirklichen Sicherheitsinteressen der USA.

Nach Einschätzung des Wissenschaftlermagazins »Bulletin of the Atomic Scientists« (»Berichtsblatt der Atomwissenschaftler«) steht die symbolische Atomkriegsuhr, die »Weltuntergangsuhr« (»doomsday clock«), gegenwärtig auf zweieinhalb Minuten vor Mitternacht. So nah wie noch nie.

John Mecklin ist Chefredakteur des Bulletins. Die Zahl der Online-Leser sei im vergangenen Jahr um 60 Prozent gestiegen, erklärte Mecklin. Es bestehe »enormes Interesse« an Fragen zu Krieg und Frieden, »doch das allein schafft keine guten Bilder fürs Fernsehen«. Die Hälfte der Leser seien unter 34 Jahre alt.

Mecklin glaubt an die Möglichkeit zur Veränderung und erinnert an den bewegenden Spielfilm von 1983 »Der Tag danach« über die verheerenden Folgen eines fiktiven Atomkrieges auf die USA. Der habe zahllose Menschen wachgerüttelt.

100 Millionen US-Amerikaner sahen den Film, auch Ronald Reagan im Weißen Haus. Später wurde er im Fernsehen in der Sowjetunion gezeigt.

Konrad Ege

thebulletin.org/timeline

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Kirchenjahr: Das Leben feiern!

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Am 1. Advent beginnt das neue Kirchenjahr und in unserer Kirchenzeitung ein neuer Glaubenskurs. Er widmet sich den kirchlichen Festen und Feiertagen.

Die höchste Kunst ist es, Feste zu feiern.« Hat zumindest Johann Wolfgang von Goethe behauptet. Und vermutlich hat er recht. Die Feiertage im Kirchenjahr sind nämlich eine kleine Anleitung für Lebenskunst, weil sie wie ein »Bilderbuch der menschlichen Existenz« alle wesentlichen Aspekte des Daseins behandeln – von der Geburt bis zum Tod.
Als sich im Lauf der Zeit der christliche Festzyklus entwickelte, da bildete die Kirche nämlich nicht nur ihre eigenen geistlichen Themen ab, sie übernahm auch Feste anderer Kulturen, sodass sich in unseren Feiertagen wahrhaft Jahrtausende alte Erfahrungen mit den großen Themen des Menschseins widerspiegeln. Und das bedeutet: Feiertage können uns helfen, das Leben an sich zu feiern.

Was übrigens ein ganz biblischer Zugang zum Glauben ist: Immerhin wird schon in der Schöpfungsgeschichte erwähnt, dass Gott einen wöchentlichen Feiertag einführt. Er segnet den siebenten Tag und macht damit deutlich, wie sehr zu einer Work-Life-Balance »Gesegnete Zeiten« gehören, in denen man sich mit dem Dasein auseinandersetzt. Die erste Einladung dazu ist die Adventszeit.

Eigentlich beginnt die christliche Geschichte ja mit der Geburt Jesu. Da kommt etwas völlig Neues in die Welt: Gott wird Mensch. Der Himmel öffnet sich. Das Göttliche wird greifbar. Und deshalb müsste das Kirchenjahr offiziell zu Weihnachten beginnen.

Aber schon die frühen Christen wussten, wie wichtig Vorfreude ist: Die Juden hatten schließlich lange auf die Ankunft des Messias gewartet. Und die Botschaft von Johannes dem Täufer lautete unmissverständlich: Wenn der Retter kommt, dann soll man sich darauf vorbereiten. Mehr noch: Selbst Jesus hatte sich vor seinem ersten öffentlichen Auftreten 40 Tage in die Wüste zurückgezogen, um sich darauf einzustimmen.

Also beschloss man: Auch vor Weihnachten braucht es eine 40-tägige Vorbereitung, eine Fastenzeit, die – wenn man die fastenfreien Sonntage dazuzählte – just am Tag nach St. Martin begann. Wenn Sie sich also schon immer gefragt haben, warum Karneval am 11. 11. startet, dann wissen Sie jetzt: Das war früher ein Tag, an dem man es sich vor dem Fasten noch mal gut gehen ließ – am liebsten mit Gänsebraten.

Weil die Zeit des Vorbereitens so wichtig ist und man im frühen Mittelalter die Zahl der Adventssonntage auf vier beschränkte, beginnt das Kirchenjahr seither mit dem 1. Advent; also mit der Einstimmung auf »Adventus Domini«, auf die Ankunft des Herren. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass die lateinische Wurzel dieses Ausrufs (»advenire«) gleichzeitig zum Wort »Abenteuer« wurde. Es geht also in den nächsten Wochen auch um das »Abenteuer Gottes« mit den Menschen. Und dazu gibt die Adventszeit gleich mehrere Anregungen mit.

Vorfreude ist eine Tugend – Wer das Leben in seiner ganzen Fülle erfahren will, den ermutigt der Advent sich auf die wesentlichen Erfahrungen des Daseins innerlich einzustimmen. Sich von Ereignissen nicht überrollen zu lassen, sondern bereit, offen und erwartungsvoll auf sie zuzugehen. Oftmals nimmt man das Große nämlich nur dann als groß wahr, wenn man den Blick dafür geschärft hat. Oder anders ausgedrückt: Je hellhöriger, weitsichtiger und achtsamer man sich auf das Leben einstellt, desto intensiver wird man es genießen.

Der Zauber des Anfangs – Zum Advent gehört die Entdeckung, dass Gott ein Gott des Neuanfangs ist. So, wie in der Geburt Jesu etwas welthistorisch Neues passiert, so zeigt sich Gott insgesamt als ein Freund der Erneuerung: Jeder Mensch darf darauf vertrauen, dass er nicht auf die Schwächen seiner Vergangenheit festgelegt wird, sondern dass der Zuspruch »Siehe, ich mache alles neu« auch ihm gilt. Kein Wunder, dass die Christenheit im Advent immer auch eifrig die Frage nach der Wiederkunft Christi disku-
tiert hat.

Erwarte viel! – Letztlich stellt der Advent vor allem eine Frage: Worauf hoffen wir? Oder anders formuliert: Erwarten wir von Gott noch etwas? Und wenn ja, was? Sind wir von einer tiefen Hoffnung darauf erfüllt, dass Gott in dieser Welt etwas verändern kann? In der Feiertagskultur ist die Adventszeit so wichtig, weil sie die Erwartung feiert. Denn: Wer viel erwartet, der kann auch viel erleben. Wer dagegen vom Leben wenig erwartet, muss sich nicht wundern, wenn wenig passiert. Advent sagt: Erwarte viel!
Wer sich wirklich auf Weihnachten einstellt, von Gott viel erhofft und glauben kann, dass auch für ihn ein Neuanfang möglich ist, der hat verstanden, was Advent bedeutet.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist.

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Jesus kommt

5. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Soll man diese Aussage »Jesus kommt« mit einem Ausrufezeichen oder einem Fragezeichen versehen? Der Advent, der mit dem heutigen Sonntag beginnt, weist uns auf die Ankunft Jesu hin.

Mit der Krippe und dem neugeborenen Jesuskind können viele Menschen noch etwas anfangen. Kleine Kinder sind süß. Man kann sie in den Arm nehmen, an die Brust drücken und sie liebkosen. Aber Advent hat nicht nur mit der Vorbereitung auf die Ankunft Jesu im Stall von Bethlehem zu tun. Advent weist weit darüber hinaus auf die Wiederkunft Christi am Ende der Zeit und am Ende der Welt. Hier wird es schon viel schwieriger, an solch ein Kommen Jesu Christi am Ende der Zeiten zu glauben.

In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums sagt Jesus zwar zu seinen Jüngern: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin.« (Johannes 14,2f.).

Das Altarfenster in der Himmelfahrtskirche in Berlin-Gesundbrunnen thematisiert die Himmelfahrt Christi. In der Theologie wird der Himmel als der Ort verstanden, an dem der auferstandene Christus bei Gott ist. Christen hoffen, dass er von dort wiederkommt, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen. Foto: epd-bild

Das Altarfenster in der Himmelfahrtskirche in Berlin-Gesundbrunnen thematisiert die Himmelfahrt Christi. In der Theologie wird der Himmel als der Ort verstanden, an dem der auferstandene Christus bei Gott ist. Christen hoffen, dass er von dort wiederkommt, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen. Foto: epd-bild

Inzwischen sind allerdings fast 2 000 Jahre vergangen und Jesus Christus ist immer noch nicht wiedergekommen. Wir bekennen zwar im Apostolischen Glaubensbekenntnis, dass Jesus Christus zur Rechten Gottes sitzt, also dort ist wo die Entscheidungen Gottes fallen, und »von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten«. Ist das nur ein Lippenbekenntnis oder glauben wir wirklich, dass Christus einst wiederkommen wird? Sollen wir uns damit bescheiden, dass sowohl er als auch die frühe Christenheit sich geirrt haben, wie sich schon viele Menschen geirrt haben, wenn sie Aussagen über die Zukunft trafen. Der Volksmund weiß ja, »irren ist menschlich.«

Nun war allerdings Jesus nicht nur ein Mensch wie wir, sondern er war gottgleich, sozusagen das menschliche Antlitz Gottes. So konnte Jesus von sich sagen: »Wer mich sieht, der sieht den Vater« (Johannes 14,9). In Jesus begegnen wir also jemandem, der stellvertretend für Gott spricht. Aber das könnte auch eine Anmaßung gewesen sein. Wir brauchen hier nur an Adolf Hitler denken, der sich mit »Heil Hitler« begrüßen ließ, also mit der Aussage, dass in ihm das Heil sei. Als dann nach zwölf Jahren das sogenannte Tausendjährige Reich in Schutt und Asche versank, war es klar, dass man einem Verführer und keinem Führer aufgesessen war. Die bloße Behauptung an Gottes Stelle zu stehen, genügt auch bei Jesus nicht. Deswegen war das Weihnachtsfest, also das Fest, an dem wir an das Kommen Jesu auf Erden gedenken, für die Christen nicht zentral.

Von Anfang an war für die Christenheit das Osterfest mit Karfreitag und Ostersonntag das zentrale Fest und der Anker für den christlichen Glauben. Denn Christus erlitt zwar wie alle Menschen den Tod. Aber das war für ihn nicht das Ende. Gott erweckte ihn zu neuem Leben. Ohne das Ereignis der Auferstehung, dass selbst für die engsten Nachfolger Jesu zunächst unglaubwürdig erschien, weil es so ganz unserer menschlichen Erfahrung widerspricht, hätte es nie einen christlichen Glauben gegeben und schon gar nicht ein Christfest. Es wäre nichts zu feiern gewesen, denn Jesu Ankündigung des Reiches Gottes hätte sich als Wunschdenken herausgestellt. Nun ist aber Christus auferstanden, wie selbst ein Paulus, der als Saulus zunächst die Christen verfolgte, sich eingestehen musste.

Auferstehung heißt allerdings nicht, dass Jesus sozusagen in sein früheres Leben auf Erden zurückkehrte, sondern dass sich in seinem neuen Leben als der Auferstandene schon etwas von dem abzeichnete, was er seinen Nachfolgern versprochen hatte: ein neues unvergängliches Leben in der unmittelbaren Gegenwart Gottes. So konnte ihn Paulus dann »den Erstgeborenen von den Toten« und »das Ebenbild des unsichtbaren Gottes« nennen (Kolosser 1,18.15). Unsere Hoffnung über den Tod hinaus ist also in Christus begründet, dass uns eine Auferstehung wie die seine zuteil wird. Was heißt das aber für die Wiederkunft Christi? Kommt Christus noch einmal oder werden wir gleichsam zu ihm in sein himmlisches Reich heimgeholt?

Eine Heimholung könnte bedeuten, dass zwar unser sterblicher Körper bei unserem Tod dem Verfall und der Verwesung anheimfällt, dass aber doch etwas Unsterbliches wie unsere Seele, dann von Christus in die Ewigkeit Gottes geleitet wird. Damit würden die Geschicke auf unserer Erde weiterlaufen, während wir der Zeitlichkeit und ihren Problemen enthoben sein würden. Von der Erwartung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, von der der Seher der Johannes-Offenbarung spricht (Offenbarung 21,1), müssten wir uns dann verabschieden. Die Weltgeschichte, in irdischer oder kosmischer Dimension würde weiterlaufen, als wäre nichts geschehen. Eine sogenannte Erlösung oder ein Reich Gottes würde sich also abseits dieser Welt verwirklichen. Solche Vorstellungen widersprechen aber sowohl dem Selbstverständnis Jesu als auch dem, was Christen durch die Jahrhunderte als Erlösung verstanden.

Für Christen war es selbstverständlich, dass Christus wiederkommen wird als die sichtbare Verkörperung Gottes, um das Ende unserer Weltgeschichte und damit die Erlösung von aller Widerwärtigkeit und Ungerechtigkeit in dieser Welt einzuläuten. Die Hoffnung der Christen war niemals auf eine Entrückung von dieser Welt fixiert, sondern auf die Veränderung dieser Welt zur neuen Welt Gottes, eine Veränderung, die durch die Wiederkunft Christi als des Auferstandenen bewirkt wird. Wieweit sich diese neue Welt Gottes ausdehnen wird, ob in kosmischen Dimensionen oder auf unsere planetarische Heimat beschränkt, sollten wir zu Recht Gott überlassen. Wenn wir allerdings im Advent nur an das erste Weihnachten denken und uns darauf mit Geschenken und dem üblichen Weihnachtstrubel beschränken, dann haben wir das Wesentliche vergessen: Jesus als der Christus ist keine Gestalt der Vergangenheit, an dessen Geburt vor über 2 000 Jahren wir zu Weihnachten denken, sondern er ist auch der Grund der Hoffnung, durch dessen Wiederkunft wir auf eine neue Erde und einen neuen Himmel hoffen dürfen. Erinnerung und Hoffnung gilt es in dieser Adventszeit neu zu
bedenken.

Hans Schwarz

Der Autor ist emeritierter Professor für Evangelische Theologie an der Universität Regensburg.

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Lange nicht vorbei

4. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Christen in der DDR: Mit einem Bußwort hat sich die EKM für »Irrwege, Unrecht, Verrat und Versagen« entschuldigt. Einer der Mitautoren ist der Hallesche Kirchenhistoriker Friedemann Stengel. Vor Bekanntgabe der Erklärung sprach er mit Katja Schmidtke.

Aus, aber noch nicht vorbei. Wie ist der Stand der Aufarbeitung?
Stengel:
Aus meiner Sicht hat es an vielen wichtigen Stellen keine Aufarbeitung gegeben. Als die Kirchen für ihr Verhalten in der DDR in den frühen 1990er Jahren massiv angegriffen worden sind, war der Grundton: Apologie und Selbstschutz gegenüber dem Vorwurf, zu wenig widerstanden zu haben oder gar Mittäter gewesen zu sein. Die Debatte fokussierte sich auf die Kirche als Institution und speziell auf das leitende Personal. Das war nicht pauschal falsch und ist aus heutiger Sicht weiter zu debattieren, denn die Kirchenleitungen sind, so heterogen sie auch waren, erheblich beeinflusst worden. Die Thüringer Landeskirche und die Kirchenprovinz Sachsen sind nicht außerhalb des direkten Einflusses des MfS gewesen. Es gehört zu den noch vor uns liegenden schmerzhaften Eingeständnissen, dass es deshalb ein unabhängiges kirchliches Handeln in der DDR nicht gegeben hat, besonders wenn es im personellen Bereich um die gezielte »Zersetzung« von Menschen ging.

Welche Themen fehlen bislang?
Stengel:
Es sind Themen, die sich als Hypotheken für jetziges und künftiges kirchliches Handeln erweisen und die Kirche, Gesellschaft und Staat aufarbeiten müssen. Kaum untersucht und bislang unterschätzt wird, welchen Einfluss der in der DDR vorangetriebene Austausch der Bildungseliten bis heute hat. Darüber fällt es so schwer zu reden, weil die Eliten von heute dies erlebt und ignoriert, weil sie die vom Staat geforderte ideologische Bringschuld erbracht haben, parteilich, freiwillig oder mit Zähneknirschen. In allen Jahrgängen und überall in der DDR wurden christliche Schüler und nicht nur Kinder kirchlicher Mitarbeiter am Bildungsaufstieg gehindert. Ich vermute Zahlen im fünfstelligen Bereich.

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Bislang sind in Thüringen 750 Fälle von verfolgten Schülern bekannt. Woran liegt diese Diskrepanz?
Stengel:
Es ist nicht leicht, eine politisch begründete Benachteiligung nachzuweisen. Und die Betroffenen sind in der Beweispflicht. Es ist schwer, ohne weiteres darüber zu reden. Es muss flächendeckend, aber auf individueller Ebene wissenschaftlich untersucht werden, wie diese Benachteiligung funktioniert hat.

Ich verfolge seit Jahren Diskussionen in den Medien: Wenn die Rede von Christen ist, die in der Schule benachteiligt wurden, kommen sofort Leserbriefe mit dem Hinweis auf den einen Katholiken in der Klasse. Die Gesellschaft ist scheinbar nicht bereit, sich dieses Themas anzunehmen. Und wer nicht nachweisen kann, dass ihr oder ihm das Abitur oder das Studium aus politischen Gründen verweigert worden ist, trägt einen Makel mit sich herum, der sprachunfähig machen kann.

Die Betroffenen schweigen aus Resignation, Scham oder weil sie ihre Biografie nicht revidieren wollen?
Stengel:
Diese Menschen können nicht wirklich rehabilitiert werden, denn verweigerte Chancen im Kindheits- oder Jugendalter lassen sich nicht einfach nachholen. Wer zur Wendezeit 30 Jahre alt war, dem können Sie heute nicht das in der DDR verweigerte Abitur oder Studium schenken. Einige, die 1990 im richtigen Alter waren, haben das Abitur nachgeholt, ja. Aber die, die das nicht geschafft haben und die zu alt waren, sind in einer anderen Bildungsschicht geblieben. Wer aus religiösen oder Gewissensgründen den Wehrdienst verweigerte, durfte nicht Medizin studieren, arbeitet heute aber vielleicht unter Vorgesetzten, die unter Umständen ein schlechteres Zeugnis hatten, aber drei Jahre oder länger in der NVA dienten. Manche sind wütend über die verlorenen Chancen, andere sehen sie als gottgegeben an und versuchen, dennoch ein gelingendes Leben zu
führen.

Welche Rolle spielte Willkür?
Stengel:
Mal wurden die Pfarrerskinder zugelassen, aber die Kinder der Kirchenältesten nicht. In anderen Fällen durften angepasste Gemeindeglieder studieren, aber die Pfarrerskinder nicht. Manchmal durfte der älteste Sohn, nicht aber die Geschwister. Erinnern Sie sich an den Lobetaler Pfarrer Uwe Holmer, der dem Ehepaar Honecker 1990 Asyl gewährte? Trotz guter und sehr guter Zeugnisse wurde keines seiner zehn Kinder zur EOS zugelassen! Das war Willkür mit System, ja sogar als System. Wir können das nur durch exemplarische Untersuchungen aufknacken. Ich habe im März für die Arbeitsgruppe der Thüringer Staatskanzlei ein Exposé geschrieben mit ganz konkreten Schritten, um dies aufklärerisch aufzuarbeiten.

Warum ist hier der Staat gefragt?
Stengel:
Juristische Rehabilitierung ist nicht alles. Es geht um Anerkennung und eine gesellschaftliche Debatte. Aufgearbeitet werden müssen die Fälle von Wissenschaftlern, aber veranlassen muss dies die Politik, denn für solch ein Forschungsvorhaben braucht es mehr Mittel. Meiner Meinung nach ist die Links-Regierung in Thüringen am besten geeignet, solch ein Vorhaben zu initiieren; gerade Bodo Ramelow aus dem Westen oder Minister Benjamin-Immanuel Hoff, der aus einer ganz anderen Generation stammt. Das ergäbe neue Kontaktzonen, neue Gesprächsinitiativen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Staatsregierung das doch noch macht. Wir können das Thema nicht aussitzen, es erledigt sich nicht »biologisch«! Das Unrecht muss anerkannt und aufgearbeitet werden, erst dann kann es heilen.

Welchen Beitrag kann die Kirche leisten?
Stengel:
Beim Thema der verfolgten Schüler muss der Staat aktiv werden. Die Kirche selbst muss es in einer anderen Form. Die Grundhaltung der Apologie halte ich für theologisch fragwürdig. Was der Kirche gut ansteht, ist die Haltung der Selbstkritik und eben auch der Buße. Nur mit Aufrufen erreichen wir nicht viel. Kirche sollte für die Gesellschaft stellvertretend handeln. Wenn wir zur Versöhnung aufrufen, müssen wir anfangen, uns mit unseren eigenen Leuten zu versöhnen.

An wen denken Sie?
Stengel:
An die Haupt- und Ehrenamtlichen, die aus politischen Gründen verfolgt, benachteiligt und von ihrer Kirche bedrängt oder fallen gelassen worden sind. Auch an diejenigen kirchlichen Mitarbeiter, die einen Ausreiseantrag gestellt haben, weil sie in einer persönlichen Situation, die immer auch politisch war, keinen anderen Ausweg gesehen haben und die im Westen mit Berufsverbot belegt worden sind. Das Thema ist damals wie heute ein Tabu – gesellschaftlich, innerkirchlich, oft auch familiär. Wer ausreiste, verlor seine Heimat doppelt. Da müssen wir endlich ran.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de