Gegen den Dämon der Angst und Verzweiflung

27. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Am Anfang steht eine schlimme Nachricht, am Ende die gute – so leitet Pfarrer Roland Herrig aus Sebnitz (Sachsen) den Facebook-Eintrag ein, der seine Predigt zum 12. November zum Inhalt hat. Es ist eine besondere, eine berührende Predigt, die wir in voller Länge abdrucken.

Liebe Schwestern und Brüder, vor einer Woche habe ich euch begrüßt mit der Freude, nach einem Vierteljahr in unseren Gemeinden, nun auch den ersten Gottesdienst mit euch in Sebnitz feiern zu können. Heute bin ich schon wieder in Sebnitz, und ich muss euch etwas Schrecklich-Schlimmes sagen: Das heute wird für sehr lange oder für immer mein letzter Gottesdienst sein, den ich als Pfarrer mit euch feiere.

Vor vier Tagen habe ich die Diagnose bekommen: Da ist ein bösartiger Tumor in meiner Bauchspeicheldrüse, und der hat nicht minder böse Kinder in der Leber. Jetzt weiß ich, wieso ich mich die letzten Wochen und Monate fast ständig mit Schmerzen herumgequält habe und auch für die Gemeinde nicht die Energie hatte, die ich haben wollte. Morgen gehe ich ins Krankenhaus, und dann sehen wir weiter, was getan werden kann.

Heute sollen wir über Dämonen reden. An Tagen und in Wochen wie diesen, da weißt du, dass es sie gibt: Mächte der Finsternis, die dich in den Abgrund ziehen wollen, die dich kaputt machen wollen, die das Leben zerstören, selbst auf die Gefahr hin, dabei selber mit kaputtzugehen. Wie so ein Tumor: falsches Leben, das das wahre verdrängt, zerstört, auffrisst, um am Ende mit ihm zugrunde zu gehen.

Roland Herrig: »Ich habe es heute im Gottesdienst öffentlich gemacht. Ich mache es auch hier öffentlich: Ich habe einen bösen Tumor. Nach jetzigem Kenntnisstand und nach menschlichem Ermessen sind die Prognosen nicht gut. Ich bin unendlich dankbar für ganz viel Zuspruch, gute Worte und Gedanken.« Foto: privat

Roland Herrig: »Ich habe es heute im Gottesdienst öffentlich gemacht. Ich mache es auch hier öffentlich: Ich habe einen bösen Tumor. Nach jetzigem Kenntnisstand und nach menschlichem Ermessen sind die Prognosen nicht gut. Ich bin unendlich dankbar für ganz viel Zuspruch, gute Worte und Gedanken.« Foto: privat

Da ist der Dämon der Angst und der Verzweiflung. Der dir den Boden unter den Füßen wegzieht. Weil du deine Pläne und Wünsche wegwerfen musst. Weil du dich der Endlichkeit und dem Sterben stellen musst, das du bisher immer noch in eine ferne Zukunft vertagt hattest. Weil du mit denen mitleidest, die um dich leiden und bangen, weil sie dich lieben.

Da ist der Dämon des Zornes, der Bosheit, des Zynismus. Wenn du wütend wirst auf die Ärzte, die dich nicht ausreichend, schnell und genau genug untersucht haben (wie du meinst). Wenn du die anderen um dich herum ihre Ohnmacht spüren lässt und anfängst, dich über ihre Hilflosigkeit lustig zu machen, wo du doch selber ohnmächtig und hilflos bist.

Oder der Dämon der Wehleidigkeit und des Selbstmitleids. Du bist der ärmste und bedauernswerteste Mensch auf der Welt, du hast doch so viel Gutes getan, du hast doch das Wort Gottes verkündigt und Menschen geholfen, du hast das doch nicht verdient.

Manchmal aber auch der Dämon der Selbstanklage. Du hast nicht genug getan, du hast die Zeit nicht ausgekauft, du hast mit deinen anvertrauten Gaben nicht gewuchert, zu viel für dich behalten und zu wenig weitergegeben. Nun ist es zu spät.

Und da ist der stumme Dämon, der Geist der Sprachlosigkeit. Du willst dich einfach in dein Loch verziehen und mit keinem reden. Du schämst dich. Es ist dir unangenehm.

Aber mehr noch als bei dir triffst du diesen Dämon bei anderen. Sie wissen nicht, was sie sagen sollen; sie ziehen sich vielleicht sogar zurück, wenn du sie am meisten brauchst. (Das ist nicht meine Erfahrung bis jetzt, aber die von anderen, die ich kenne.) Manche reden auch und bleiben trotzdem stumm, weil sie um die Wahrheit herumreden, weil sie das Kind nicht beim Namen nennen. »Vom Sterben reden wir noch nicht«, beschied mich ein Arzt. Ja, vielleicht, hoffentlich ist das noch eine Weile nicht dran, das Sterben. Aber wann, bitteschön, wann wollen wir anfangen, darüber zu reden?

Wenn ich tot bin? Wir haben so einen Reflex, das Böse, das Unangenehme nicht auszusprechen, wie bei Harry Potter den Namen von Lord Voldemort; aber der, der ihn auszusprechen wagte, hat ihn besiegt. Wir müssen den Krebs Krebs nennen und die Angst Angst und das Sterben Sterben und den Teufel Teufel.

»Jesus trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich.«

Ich habe den stummen Dämon den Geist der Sprachlosigkeit genannt. Das ist nicht ganz korrekt. Es gibt auch eine gute Sprachlosigkeit. Die nennen wir nicht Stummheit, sondern Schweigen. Stummheit ist, wenn nicht gesagt wird, was gesagt werden muss. Wenn möglicherweise sogar geredet wird, aber die Dinge nicht beim Namen genannt werden. Wenn herumgeeiert und gelogen wird.

Schweigen ist etwas anderes: Schweigen ist Reden ohne Worte. Oder Hören auf die Worte eines anderen.

Hiobs Freunde sind zu ihm gekommen und haben eine Woche mit ihm geschwiegen. Erst als sie ihren Mund aufgetan haben, wurde es Mist. Weil sie das Falsche geredet haben, den Dämonen zu Munde.

Jesus hat den stummen Dämon ausgetrieben. Das ist logisch. Denn Jesus ist das Wort. Nicht die Stummheit. Jesus ist das Wort Gottes, das die Wahrheit zur Sprache bringt. Das Wort Gottes, das unsere stumme Sprachlosigkeit überwindet, das unsere leeren und falschen Worte überwindet. Gott kommt zur Welt und redet. Und durch sein Wort vertreibt er die Dämonen. Und da, wo sein Wort ankommt, ist das Reich Gottes.

Weil das so ist, habe ich gesagt: Ich muss die Dinge heute beim Namen nennen. Nicht rumeiern, nicht verschweigen, nicht vertrösten, was mich betrifft. Und auch, was unsere Dämonen betrifft.

Wo wir sie beim Namen nennen, ist ihre Macht schon fast gebrochen. Sie wollen, dass wir verstummen. Sie wollen, dass wir verzagen. Sie wollen uns böse machen. Sie wollen, dass wir an Gottes Macht und Liebe verzweifeln. Sie wollen uns töten.

Aber es ist einer gekommen, der stärker ist als sie. Der, der das Wort ist und das Wort sagt, das uns auch selber wieder zu Wort kommen lässt. Jesus ist der Fingerzeig Gottes, dass Gott den Tod und den Teufel, die Sünde und die Verzagtheit, die Angst und den Zweifel überwindet.

»Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.«

Wir nennen das Evangelium »gute Nachricht«. Und dafür stehe ich, dafür habe ich als Pfarrer immer gestanden, dass am Ende nicht die schrecklich-schlimme Nachricht steht, sondern die gute Nachricht: »Das Reich Gottes ist zu euch gekommen.«

Ich bitte euch heute: Stellt euch auf die Seite Christi! Stellt euch gegen die Dämonen, vor allem gegen die böse Sprachlosigkeit! Sprecht gute Worte, ehrliche Worte, wahre Worte miteinander! Sprecht zu Christus im Gebet! Und, ja, bitte betet auch für mich, für meine Frau, für meine Eltern und Kinder. Um mit Luther zu sprechen: Dass der böse Feind keine Macht an uns finde.

Roland Herrig

https://hw-predigten.blogspot.de/

Predigttext
Und er trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die Dämonen aus durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die Dämonen aus durch Beelzebul. Wenn aber ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn ein gewappneter Starker seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

Lukas 11,14-23

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