Trauer ist wie Liebeskummer

26. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Der Tod des eigenen Kindes ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Hans Schneiderhans’ Sohn Till ist bei einem Busunglück in Argentinien ums Leben gekommen. Nach dem Abitur war der 19-Jährige zusammen mit einer Freundin zu einer Weltreise aufgebrochen. Beide starben bei dem Unfall.

Herr Schneiderhans, was macht die Nachricht vom Tod des Sohnes mit einem Vater?
Schneiderhans:
Die erste Reaktion war Ungläubigkeit. Ich dachte, das kann nur eine Verwechslung sein. Es ist natürlich grundsätzlich so, dass man über jeden Tod trauern kann. Meine Kernerkenntnis ist, dass Trauer eine Art Liebeskummer ist. Und wenn man jemanden stark liebt, dann trauert man auch stark. Wenn man ein Kind verliert, kommt noch hinzu, dass man allgemein davon ausgeht, dass die Eltern vor den Kindern sterben. Man möchte einfach nicht, dass das Kind vor einem selbst stirbt. Wenn man die Möglichkeit hätte, würde man sogar sein eigenes Leben für das des Kindes geben.

In dieser Situation haben Sie sich entschieden, nach Argentinien zu fliegen, um Till nach Hause zu holen. Wie sehen Sie diese Entscheidung heute?
Schneiderhans:
Es war auf jeden Fall eine gute Entscheidung. In so extremen Situationen kommt es einem manchmal vor, als ob man sich in zwei Personen aufspaltet. Ein Teil der eigenen Person steckt dann in dieser Schockstarre, und der andere Teil funktioniert trotzdem irgendwie. Uns hat es sehr geholfen, dass wir zwei betroffene Familien waren. In dieser Vierergruppe der Eltern gab es immer jemanden, der den nächsten Schritt getan hat, wenn ein anderer nicht mehr konnte. Jeder wusste, dass der andere das Gleiche durchmacht, und daraus ergab sich eine gewisse Rücksichtnahme. Das war schon sehr schön und eine große Hilfe.

Sie haben ein Buch geschrieben, in dem die Stimme ihres Sohnes noch einmal zum Klingen kommt. Hat Ihnen das geholfen, die Situation zu verarbeiten?
Schneiderhans:
Es war nicht so, dass ich zu schreiben angefangen hätte, um mir zu helfen. Das Schreiben war eher eine Art Auflehnung gegen die Tatsache, dass nichts Neues mehr passieren wird mit diesem Kind und dass auch die Erinnerungen an Till vielleicht im Laufe der Zeit verblassen. Dagegen hab ich mich gesträubt. Dennoch ist es natürlich so, dass das Schreiben auch hilft, weil es einen Prozess in Gang setzt, der zu neuen Erkenntnissen führen kann.

Sie schreiben, dass Sie eher einem inneren Glauben folgen als religiösen Dogmen. Hat ihr Glaube Sie in dieser Situation getragen?
Schneiderhans:
Ich würde statt Glauben lieber Überzeugung sagen. Glaube kann nur das sein, was meine innere Überzeugung ist. Im Kern geht es ja um die Frage: Ist mit dem Tod alles vorbei, oder gibt es etwas, das weiter existiert? Als spiritueller Mensch bin ich überzeugt, dass das Bewusstsein auch unabhängig von den Gehirnfunktionen da sein kann. Es kommt drauf an, dies selbst zu erfahren – zum Beispiel in der Meditation.

Waren Sie manchmal wütend auf Gott oder auf das Schicksal?
Schneiderhans:
Ich persönlich eher weniger. Ich denke, die Suche nach einem Schuldigen, ob unter den Menschen oder auf einer anderen Ebene, führt zu nichts. Außerdem glaube ich nicht, dass alles, was geschieht, von Gott gelenkt wird. Das Menschsein beinhaltet auch, dass ich frei bin, mich für oder gegen etwas zu entscheiden. Dazu gehört, dass ich die Konsequenzen meiner Entscheidungen tragen muss. Und diese können sehr weitreichend sein.

Sie beschreiben Trauer als ein Zusammenspiel verschiedener Gefühle wie Betäubung, Schmerz, Auflehnung, Liebeskummer und Rührung. Ändert sich die Zusammensetzung im Laufe der Zeit?
Schneiderhans:
Ich habe versucht, in dieses Gefühl der Trauer einzudringen, aber ich bin mir nicht sicher, ob mir das wirklich gelungen ist. Ich sehe in ihr eine Mischung verschiedener Dinge, und die verändert sich im Laufe der Zeit. Am Anfang ist da vor allem Betäubung und das Gefühl, als sei man nur noch eine Hülle, die irgendwie agiert. Ich würde sagen, dass das mit der Zeit weggeht. Heute herrscht bei mir das Gefühl der Rührung vor.

Beim Lesen Ihres Buches hat mich der lebensfrohe Tonfall berührt, in dem Sie mit Till in einen Dialog treten. War Ihnen gleich klar, dass es nur so zu Ihrem Sohn passen würde?
Schneiderhans:
Ich habe versucht, Tills Stimme wiederzuerwecken und seine Sicht auf die Dinge wiederzugeben. Till hätte auf jeden Fall positiv und zuversichtlich gesprochen, wie man als junger Mensch halt so ist. Ich finde es wichtig, dass man auch in Extremsituationen eine Haltung zum Leben behält, die einen trägt und auch Schönes sehen lässt.

Wie gelingt Ihnen die Balance zwischen positiver Haltung und einer vielleicht doch bedrückenden Stimmung?
Schneiderhans:
Im Alltag funktionieren wir. Wenn wir beispielsweise unser Enkelkind begrüßen, das vor einem Jahr zur Welt kam, dann freuen wir uns auch darüber. Auf der anderen Seite gibt es Situationen wie Jahrestage, den Geburtstag oder beim Hören bestimmter Musik, in denen Trauer vorherrscht. Dann kann es sein, dass man weint. Aber ich finde das okay.

Wie empfinden Sie die Lücke, die der Tod Ihres Sohnes in Ihrem Leben hinterlassen hat?
Schneiderhans:
Ich glaube, alle vier betroffenen Eltern würden sagen, wir haben eine Wunde. Und die wird auch bleiben. Sie vergessen ja ihr Kind nicht.

Kann man Ihrer Erfahrung nach lernen, mit dieser Wunde zu leben?
Schneiderhans:
Ich bin weit entfernt davon, eine Methode angeben zu können. Aber ich glaube, indem man einfach weiterlebt, lernt man das. Das macht jeder auf seine Weise. Der eine holt sich professionelle Hilfe, der andere spricht mit seinen Freunden oder geht auf den Pilgerpfad. Das sind Dinge, die geschehen einfach. Wichtig ist es vielleicht, sich klarzumachen: Ich hab das Recht zu trauern. Und ich hab das Recht, auch lange zu trauern. Wenn von Trauerbewältigung gesprochen wird, hat das ja oft so einen Beigeschmack von: »Nun sieh mal zu, dass die Trauer schnell weggeht.« Davon sollte man sich nicht unter Druck setzen lassen.

Die Fragen stellte Sonja Poppe

Buchtipp: Schneiderhans, Hans: »Ich komme ja wieder!« Vom Leben und Tod eines Sohnes.
Ein Vater nimmt Abschied, Eden Books, 224 Seiten, ISBN 978-3-9591-0074-8, 19,95 Euro.

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