Zu weise, um verliebt zu sein

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Beide glauben, eine Ehe hält mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aus. Fernseh­moderatorin Petra Gerster und Publizist Christian Nürnberger sind seit vielen Jahren verheiratet. Über ihre Ehe sprachen sie mit Mirjam Petermann.

Frau Gerster, Herr Nürnberger, sind Sie noch verliebt?
Nürnberger:
Nein. Dafür sind wir längst zu weise, denn dass das Verliebtsein nur eine List der Natur ist, um die beiden Geschlechter irgendwie zur Fortpflanzung zu bringen, haben wir schon seit mindestens vier Jahrzehnten durchschaut. Und auch, dass Verliebtsein ein Zustand ist, der bald wieder vergeht. Daher kann man darauf keine Ehe bauen.
Gerster: Das ist nicht die Antwort, die man als Frau hören will. Aber es stimmt natürlich, nach 35 Jahren ist man normalerweise nicht mehr verliebt, und das scheint mir auch nicht erstrebenswert. Erstrebenswert ist vielmehr, dass man sich tatsächlich liebt, wertschätzt, nie miteinander langweilt und vor allem: noch was zu lachen hat. Insofern kann ich mich glücklich schätzen.

Wie bringt man noch aufrichtiges Interesse am anderen auf, wenn man sich bereits seit 35 Jahren kennt?
Nürnberger:
Man entwickelt sich weiter während dieser Jahre, und es ist spannend zu erleben, wie der andere sich entwickelt, wie man sich selbst entwickelt, und ob es gelingt, sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Man erlebt sich auch in verschiedenen Rollen, anfangs als Single, dann als Ehepartner, später als Mutter oder Vater, noch später – so hoffen wir – als Oma und Opa. Man erlebt den anderen beruflich, privat, bei gesellschaftlichen Anlässen, in Krisen, bei traurigen Anlässen und bei freudigen. Ist doch immer wieder interessant zu erleben, wie viel verschiedene Seiten, Stärken, Schwächen, Talente im jeweils anderen stecken.
Gerster: Es hilft auch, wenn man sich für dieselben Dinge interessiert und in den wichtigen Fragen des Lebens übereinstimmt, politisch und weltanschaulich. Aber auch mit Lust und Ausdauer streiten kann – auch das gehört für mich dazu.

Haben Sie bei aller Arbeit, bei allen Interessen und Aufgaben einen »normalen« Ehealltag? Wie gestalten Sie den?
Nürnberger:
Ja, wir haben einen ganz normalen Ehealltag und sind gerade deshalb des Zwangs enthoben, ihn gestalten zu müssen, denn das erledigen schon die Zwänge dieses Alltags für uns: also tagsüber arbeiten, nachts schlafen, Rechnungen schreiben und Rechnungen bezahlen, Vorträge schreiben und halten, auf Lesereise gehen, die Umsatzsteuervoranmeldung machen, einkaufen, kochen, spülen und so weiter und so fort. Wir hoffen, irgendwann im Alter mal vor dem Luxusproblem zu stehen, sich überlegen zu müssen, was man als Nächstes macht und wie man den Tag gestaltet.
Gerster: Das Wichtigste hast du vergessen: Mit den Kindern telefonieren, die in einem Alter sind, wo sie dauernd lebenswichtige Entscheidungen zu treffen haben, oder sie treffen, und der Austausch mit unseren Geschwistern und Freunden, der mir sehr wichtig ist und eine Menge Zeit in Anspruch nimmt.

Sie schreiben auch gemeinsam Bücher. Wie viele Gemeinsamkeiten hält eine Ehe aus?
Gerster:
Wir glauben: Eine Ehe hält mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aus.

Und wie viele Unterschiede?
Nürnberger:
Eher weniger, es sei denn, es handelt sich um Unterschiede, die sich ergänzen. Wenn jedoch zwei Partner völlig verschiedene Interessen und vielleicht auch noch konträre Berufe haben – er Kaufmann, sie Philosophin, er Golfspieler und Fußballfan, sie eine Leseratte und Museumsbesucherin, er ein Vielfraß, sie eine, die von Wasser und Salat lebt – dann könnte es schwierig werden.
Gerster: Unterschiede im Temperament sind hingegen gar nicht schlecht: Zwei von der ruhigen Sorte meines Mannes wären ein bisschen langweilig, zwei von meiner extrovertierten Art extrem anstrengend. Aber so gleichen wir einander ganz gut aus.

Welche gemeinsamen Projekte haben Sie für die Zukunft geplant?
Nürnberger:
In ein paar Tagen (20. November) kommt unser neues Buch über die Medien »Die Meinungsmaschine. Wie Informationen gemacht werden – und wem wir noch glauben können«. Daher gibt es derzeit kein neues Projekt. Vom Bücherschreiben müssen wir uns jetzt erst einmal erholen.
Gerster: Und wieder hat er das Wichtigste vergessen: Unser nächstes gemeinsames Projekt ist ein neuer Hund im nächsten Jahr!

Sind Sie eigentlich auch kirchlich verheiratet?
Nürnberger:
Nein. Darauf haben wir bewusst verzichtet, weil eine kirchliche Trauung den Willen voraussetzt, als Paar in der Gemeinde aktiv zu werden. Wir waren aber, als wir uns kennenlernten, Großstadtnomaden, die heute hier und morgen dort lebten und keine Gemeinde hatten, in die sie sich aktiv, verbindlich und auf Dauer hätten einbringen können.

Frau Gerster, Sie sagten in einem Interview 2015: »Solange die Kinder einen brauchen, beantwortet sich die Sinnfrage von selbst.« Ihre Kinder sind jetzt 27 und 24 Jahre alt und sicherlich anders auf Sie angewiesen als früher. Stellte sich Ihnen dann doch irgendwann die Sinnfrage?
Gerster:
Ja, sie könnte jetzt darin bestehen, das Alter gemeinsam zu meistern und gute Großeltern zu sein. Aber noch ist es nicht so weit. Noch freuen wir uns einfach daran, dass unsere Kinder gut geraten sind, wir eine ziemlich glückliche Familie sind, und wenn’s gut läuft, ist es nicht sehr intelligent, sich das Leben schwer zu machen mit Grübeleien über den Sinn des Lebens, zumal wir dafür gegenwärtig auch gar keine Zeit haben.

Spielen christliche Werte und Glauben in Ihrem Leben eine Rolle?
Nürnberger:
Ja, schon, aber weniger die, die dafür gehalten werden, also so Dinge wie Kirchgang, Gebet, Glaube an die Auferstehung und so weiter. Wir sind eher Anhänger von Dietrich Bonhoeffers Vorstellung eines »religionslosen Christentums«. Darin geht’s nicht ums Jenseits und nicht um religiöse Riten, Gebote, Verbote, sondern um Gelassenheit, Hoffnung und ums gute Leben hier und jetzt, und zwar für alle, nicht nur für einige Privilegierte. Darüber machen wir uns Gedanken. Darum kreist indirekt auch unser Schreiben.

Gibt es einen Sinn, den Sie für Ihre Ehe definiert haben?
Gerster:
Wir mussten da nichts definieren, weil der Sinn der Sache schon definiert ist und wir ihn uns genauso zu eigen gemacht haben, was heißt: Wir haben geheiratet mit dem Vorsatz, zusammenzubleiben in guten, wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod uns scheidet. Wir wussten, dass das ein Abenteuer ist, und dieses Abenteuer wollen wir bestehen.

Ist es Ihrer Meinung nach realistisch, eine Ehe zu führen, »bis dass der Tod euch scheidet«? Wenn ja, was braucht es dafür?
Nürnberger:
Ehen wurden früher von gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen zusammengehalten, von der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Frau und der sozialen Kontrolle durch die Umwelt. Daher gab es früher zwar viele Ehen, die bis zum Tod hielten, aber viele von ihnen waren lange, bevor ein Partner starb, schon tot, existierten nur noch pro forma. Heute gibt es diese Zwänge kaum mehr, und darum ist es auch nicht mehr zwingend zu heiraten oder einander zu versprechen, zusammenzubleiben bis zum Tod. Aber gerade durch diesen Wegfall aller Zwänge gewinnt das Eheversprechen erst heute seinen eigentlichen Wert. Erst jetzt kann man einander wirklich aus freien Stücken so ein Versprechen geben und dafür kämpfen, dass es hält. Und wenn das gelingt, ist es großartig.
Gerster: Zur Frage, was es dafür braucht: Ein Bewusstsein dafür, dass man nicht mehr frei ist wie ein Single, sondern gebunden, und das muss man erst mal akzeptieren können; sodann den Willen, einander zu dienen statt sich selbst zu verwirklichen; außerdem die Bereitschaft, Konflikte auszuhalten, auszutragen und zu lösen; und schließlich die Fähigkeit, sich selbst ein bisschen zurückzunehmen. Und das alles braucht es von beiden, nicht nur von einem.

Der Moment in dem die Kinder das Elternhaus verlassen, wird oft als großer Bruch oder gravierende Veränderung eines Ehepaares beschrieben. Können Sie das bestätigen, empfanden Sie das ebenso?
Gerster:
Ja, es war ein Einschnitt, natürlich, aber ein Bruch? Nein. Das nicht. Einerseits hat uns das natürlich mit einer gewissen Melancholie erfüllt, nicht nur, weil die Kinder plötzlich weg sind und eigene Wege gehen, sondern auch, weil einem damit bedeutet wird: Nun werdet ihr alt. Es hat aber auch seine guten Seiten. Man hat wieder mehr Freiheiten. Mehr Zeit füreinander. Keine Schulprobleme mehr. Kein Zwang mehr, ausgerechnet während der Ferien, also der teuren Hauptsaison, Urlaub machen zu müssen. Außerdem kam diese Abnabelung nicht abrupt. Wir waren darauf vorbereitet, haben uns in den neuen Zustand »einüben« können dadurch, dass unsere Kinder schon während der Schulzeit mal ein halbes oder ganzes Jahr lang im Ausland gelebt hatten. Und schließlich: Man fährt in gewisser Weise die Ernte ein, wenn man sieht, dass die Kinder sich gut entwickelt haben, auf eigenen Füßen stehen können, bald auch wirtschaftlich von den Eltern unabhängig sein werden. Da merkt man plötzlich: Der ganze Aufwand, der für die Erziehung draufging, war nicht umsonst, hat sich gelohnt.

Wie kann man so große Veränderungen, zuerst die Geburt der Kinder und dann deren Auszug als Ehepaar gut überstehen?
Nürnberger:
Man muss da gar nichts »überstehen«, denn die Geburt von Kindern, das manchmal anstrengende Leben mit ihnen und deren Abnabelung – das ist nun mal der Lauf der Dinge, ja geradezu deren Sinn. Es ist schön, dass das Leben dadurch verschiedene Phasen durchläuft. Jede Phase ist anders, jede bringt ihre eigenen Herausforderungen mit sich, die es zu bestehen gilt, auf jede neue Phase freut man sich, über das Ende jeder Phase ist man ein wenig traurig, aber jedes Ende ist mit einem neuen Anfang verbunden. Und genauso soll es sein. Dieser natürliche Wechsel von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt macht das Leben doch erst rund.

Welchen Standpunkt hat die Ehe Ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft heute?
Nürnberger:
Sie ist kein Muss mehr, nur noch eine Möglichkeit unter anderen. Jeder kann darüber nachdenken, ob diese Möglichkeit für ihn infrage kommt, ob sie für ihn die optimale Lebensform darstellt oder nicht, und kann sich dann frei dafür oder dagegen entscheiden. Das ist doch wunderbar. Frühere Generationen hätten uns für diese Freiheit beneidet. Aber: Freiheit bedeutet auch Risiko. Wo einer von seiner Freiheit Gebrauch macht, kann er auch scheitern, und dieses Scheitern hat er dann zu verantworten, nicht die Gesellschaft, nicht irgendwelche Zwänge. Aber genau darin – in der freien Entscheidung mit der Möglichkeit des Scheiterns – liegt die Würde. Freiheit ist kein Glücksversprechen, sondern die Ermöglichung von Würde. Und die wiegt schwerer als Glück. Lieber unglücklich leben, aber frei, als glücklich, aber unfrei.

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