Programm für christliches Leben

7. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen«

Was Freiheit ist, scheint unsere Zeit, respektive das, was sie für ihren Geist hält, besonders gut zu wissen: Sie nennt Freiheit einen »westlichen Wert«, den alle übrigen Weltteile nur annehmen können. Die Wirklichkeit hinter solcher Proklamation sieht ziemlich anders aus: Die aktuelle Freiheitsversion des Westens steht vor allem für eines: für die Auflösung aller gewachsenen Lebens-Verhältnisse, Moral- und Denk-Traditionen: Glauben, Familie, Geschlecht, Nation, Grenzen. Damit trifft sie mit destruktiver Macht bewährte Regeln des Zusammenlebens, der Wirtschaft, geistiger Pluralität: Wer nicht fortschrittlich ist, modern, alternativ, der ist rückschrittlich, reaktionär, der Vergangenheit verhaftet. Für Marx und Engels, die gottlosen Propheten des kommunistischen Paradieses, verdichtete sich im »Manifest der Kommunistischen Partei« der Freiheitsbegriff im Rahmen solchen, die Welt radikal zertrümmernden kapitalistisch-globalen Fortschritts, ein von ihnen begeistert begrüßtes Verflüssigungsprojekt aller gewachsenen Verhältnisse, zu jener »einen gewissenlosen Handelsfreiheit«, die heute offenbar das Proprium der westlichen Freiheitsideologie ausmacht. Ein geschichtspolitisches Himmelsgesetz, dem geopfert wird wie einst in Karthago dem Götzen Moloch. Und die reaktionärste, weil retardierende Größe in diesem Diskurs- und Praxiskontext ist natürlich Gott selbst.

Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Ulrich Schacht. Foto: Joseph – stock.adobe.com

Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Ulrich Schacht. Foto: Joseph – stock.adobe.com

Gott geht in der modernen westlichen »Freiheitsgesellschaft« gar nicht oder wenn, dann nur noch in einem zukünftig zu schaffenden »House of One«, in dem sich die Religionen wie gleichwertige Whiskeysorten im Spirituosenladen zu privatem Test-Kauf und individueller Geschmacksprobe anbieten. Mit anderen Worten: Im Westen ist diesbezüglich der Teufel los; das Freiheitsversprechen des Teufels aber hat sich schon immer den Fortschrittsmantel umgehängt. Was also tun gegen den großen Verwirrer und seine zahlreichen Helfershelfer in Politik, Ökonomie, Kultur und ja, leider auch in den großen Kirchen zwischen Rom und Hannover?

Vielleicht dies: Luthers auf revolutionäre Weise hochreaktionäre Thesen »De libertate christiana« oder im Deutsch seiner Zeit: »Von der Freyheyt eyniß Christen menschen« wieder und wieder lesen! 1520 erschienen, waren sie zunächst und vor allem eine geharnischte Antwort des Reformators auf die Bannandrohungsbulle aus Rom. In der Folge jedoch sind sie bis heute, vielleicht noch gravierender als die 95 Thesen zum Ablasshandel von 1517, die entscheidende Programmschrift für das, was man in der Summe »die christliche Freiheit« nennen könnte, kulminierend in der scheinparadoxen Formel: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.« Logisch wird diese Paradoxie, wenn man der ihr zugrunde liegenden Doppelthese über den Menschen an sich folgt, unterscheidet Luther doch scharf zwischen einem innerlichen und äußerlichen Menschen, der über »zweierlei Natur« verfüge.

Der innerliche Mensch als Christ ist der »geistliche Mensch«, der äußere »leiblich«. Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Das aber wiederum ist kein Vernunfts-, sondern ein Vertrauensakt via Christus, der wie in einem Tausch Gottesferne und Sünde der Christenseele auf sich nimmt, sie mithin davon und grundsätzlich befreit.

Der äußere Mensch aber ist die praktische Konsequenz des inneren, indem er an seinem Nächsten so handelt wie Christus an ihm. In diesem dialektischen Freiheitsprozess zwischen Seelenbefreiung und christusgebundener Liebestat erfüllt sich ein Weltverhältnis, dem kein politischer Freiheitsbegriff gewachsen ist.

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Gedicht »Stationen auf dem Wege zur Freiheit«, geschrieben unter der Drohung seines gewaltsamen Todes im Tegeler Gefängnis, Luthers Schrift in nicht weniger herausfordernde Verse überführt. Sie sprechen in der Summe von »wunderbarer Verwandlung«. Deren Beginn zeigt jene Grundrichtung an, in die wir zu gehen haben, sind wir erfüllt von eben jener »Freiheit eines Christenmenschen«. Dieser hat Luther eine nie verblassende Kontur gegeben: »Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem / Zucht der Sinne und deiner Seele, daß die Begierden / und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen … // Tritt aus dem ängstlichen Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, / nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, / und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.«

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden vor.

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