Spagat: »menschlich wichtig und ökonomisch machbar«

6. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Oberkirchenrat Thomas Begrich zur Schließung des Johanniter-Krankenhauses in Genthin

Der Sekretär für Gesundheitswesen bei der SED-Bezirksleitung erklärte mir einst, warum er nur in ein kirchliches Krankenhaus gehen würde: Dort meine man immer den ganzen Menschen. Besser kann man den kirchlich-diakonischen Anspruch kaum beschreiben. Damals, in den 1980er-Jahren, war ich Verwaltungsleiter am Johanniter-Krankenhaus in Genthin. Es war in dieser Zeit eine große Herausforderung, so ein Krankenhaus aufrechtzuerhalten. Es gab so vieles nicht. Statt mit Koks musste mit purer Braunkohle geheizt werden, die Röntgenanlage war überaltert, die Telefonanlage funktionierte nicht recht. Viel Hilfe haben wir aus dem Westen bekommen. Die Diakonie finanzierte eine Philips-Röntgenanlage, engagierte Menschen von den Johannitern verschafften uns eine Telefonanlage aus Westberlin oder brachten neue Autoreifen für den Barkas … Das meiste aber wurde selbst getan: Mit engagierten Mitarbeitern geht fast alles! Besonders haben mich die Frauen der Krankenhauswäscherei beeindruckt, die unter schwierigsten Verhältnissen arbeiten mussten – aber immer da waren!

Verlassen: Das Johanniter-Krankenhaus in Genthin kann seinen 150. Geburtstag im nächsten Jahr nicht mehr feiern. Foto: Thomas Begrich

Verlassen: Das Johanniter-Krankenhaus in Genthin kann seinen 150. Geburtstag im nächsten Jahr nicht mehr feiern. Foto: Thomas Begrich

Verlassen: Das Johanniter-Krankenhaus in Genthin kann seinen 150. Geburtstag im nächsten Jahr nicht mehr feiern. Foto: Thomas Begrich

Dann sind wir alle auf die Straße gegangen, haben die friedliche Revolution mitgestaltet. Auf einmal gab es alles – wenn man es finanzieren konnte. Ich wurde an das Konsistorium der evangelischen Kirche in Magdeburg berufen. Es fiel mir nicht leicht von Genthin wegzugehen. Andererseits wusste ich, dass ich für die neue Zeit nicht mehr der Richtige war. So war klar, dass die eigene Krankenhauswäscherei nicht mehr rentabel ist. Die neue Leitung entschied sich für einen externen Dienstleister; die Mitarbeiterinnen waren nicht mehr nötig. Ich hätte das nicht gekonnt. Heimlich schlich ich mich kurz vor Jahreswechsel noch einmal in die Wäscherei, um mich von den Frauen, die in schwerer Zeit die Last getragen hatten, zu verabschieden.

An dieser Episode wird vielleicht deutlich, in welchen Zwängen diakonische Einrichtungen heute stehen. Ist das, was uns menschlich wichtig erscheint, auch ökonomisch machbar und tragbar? Wie geht man damit um? Vor dieser Frage wird die Leitung des Johanniter-Krankenhauses in den letzten Jahren wieder und wieder gestanden haben.

Vielleicht hätte es Lösungen gegeben, vielleicht war es ökonomisch wirklich nicht tragbar. In jedem Falle verliert Genthin, das über Jahrzehnte stolz auf dieses Krankenhaus gewesen war – ebenso wie einst auf das Waschmittelwerk – ein Stück seiner Identität.

Wer wird sich noch an Schwester Charlotte Rahneberg und die das Stadtbild prägenden Schwestern erinnern? Wer an die Ausbildung an der Schwesternschule? Und für Menschen, die gesundheitliche Betreuung benötigen, wird es schwer nach Burg, Brandenburg oder Stendal fahren zu müssen. Aber vielleicht wird der Geist dieses Krankenhauses mit den Mitarbeitern, die nun auch weiterziehen müssen, an andere Häuser getragen.

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