Luther bei den Katholiken

6. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Chile: 12 000 Kilometer von Wittenberg entfernt wird nicht nur das Reformationsjubiläum groß gefeiert. Der 31. Oktober ist sogar seit mehreren Jahren staatlicher Feiertag.

Es mag verwundern, dass der Reformationstag in einem sehr katholisch geprägten Land wie Chile im Feiertagskalender steht. Und in der ersten Verfassung des Landes aus dem Jahr 1812 wird auch betont, dass Chile katholisch ist »und für immer sein wird«. Doch wenige Jahrzehnte später brachten deutsche Siedler nicht nur ihre Hoffnungen von einem besseren Leben mit nach Chile, sondern auch Luthers Kleinen Katechismus, ihre Gesangbücher und ihren Glauben.

Heute gibt es zwei lutherische Kirchen im Land »am anderen Ende der Welt«. Das ist allerdings nicht Ausdruck der großen Zahl ihrer Mitglieder, sondern einer Spaltung, die in den 1970er- Jahren stattfand. Die unterschiedliche Bewertung der Präsidenten Augusto Pinochet und des von ihm durch einen Militärputsch gewaltsam abgesetzten Salvador Allende spaltete damals das ganze Land und leider auch die lutherischen Christinnen und Christen.

Das große Ziel, im 500. Jahr die beiden Kirchen wieder zu vereinigen oder wenigstens unter einem gemeinsamen strukturellen Dach zusammenzuführen, ist trotz intensiver Bemühungen im Mai gescheitert. Alte Wunden und neue Ängste verhindern immer noch, dass man gemeinsam Zeugnis gibt – vom lutherischen Glauben, aber auch davon, dass Versöhnung möglich ist.

Lutherrose für die Pfarrerin: Nicole Oehler bekommt ein selbst gestaltetes Geschenk von den Schülerinnen des Colegio Belén O’Higgins. Foto: Versöhnungsgemeinde Santiago de Chile

Lutherrose für die Pfarrerin: Nicole Oehler bekommt ein selbst gestaltetes Geschenk von den Schülerinnen des Colegio Belén O’Higgins. Foto: Versöhnungsgemeinde Santiago de Chile

Unsere Gemeinde trägt die Versöhnung im Namen und wir sind traurig, dass es nicht gelungen ist, diesen Schritt aufeinander zuzugehen. Wir haben uns aber trotzdem nicht davon abhalten lassen, zahlreiche Aktionen zum Reformationsjubiläum gemeinsam mit der anderen Kirche zu veranstalten: Filme und Vorträge, Diskussionsreihen und Ausstellungen standen dabei auf dem Programm. Außerdem haben wir als Versöhnungsgemeinde versucht, nicht nur Geschichte und Theologie Luthers und seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter lebendig werden zu lassen, sondern vor allem auch mit dem Leben heute zu verknüpfen.

So fand zum Beispiel ein großes Luther-Essen in unserer Kirche »Zum Guten Hirten« statt. Mit gutem Essen, Wein, Bier, dem chilenischen Nationalgetränk Pisco Sour und vielen Infos rund um die Reformation. Wir haben dabei unseren Glauben diskutiert und an den Tischen unter anderem Werbekampagnen entwickelt – zum Beispiel mit der Fragestellung: »Warum ist es gut, heute in Chile lutherisch zu sein?«

In unserem Sozialprojekt, einer Schule für 400 Kinder im armen Süden der chilenischen Hauptstadt Santiago, fanden vor zwei Wochen Projekttage statt. Hier stand eines der »4 solus« im Mittelpunkt: die Schrift. Jede Klasse bearbeitete ein Thema rund um die Bibel und Martin Luthers Entdeckungen in ihr. Tolle Werke sind dabei entstanden, die an einem Ausstellungstag der Schulöffentlichkeit und weiteren Interessierten präsentiert wurden.

Foto: Aus dem Fotoalbum der Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile: Banner an der Kirche – »Wir feiern 500 Jahre Reformation!«

Foto: Aus dem Fotoalbum der Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile: Banner an der Kirche – »Wir feiern 500 Jahre Reformation!«

Ausgerechnet in diesem Jubiläumsjahr wurde der nationale Feiertag in Chile auf den 27. Oktober vorverlegt. Das macht deutlich, dass er hier eben der »Tag der evangelischen und protestantischen Kirchen« (»Día Nacional de las Iglesias Evangélicas y Protestantes«) und nicht der Reformationstag ist. Denn damit sind weniger wir Lutheraner, die Reformierten oder Methodisten gemeint, sondern die hier in den letzten Jahren stark gewachsenen Freikirchen (evangélicos). Zu ihnen gehören knapp 20 Prozent der Bevölkerung, dagegen nur einige Zehntausend zu den lutherischen Gemeinden.

Nichtsdestotrotz hat es sich Staatspräsidentin Michelle Bachelet nicht nehmen lassen, am »echten« Reformationstag am 31. Oktober zu uns in die Kirche zu kommen, wo beide lutherische Kirchen gemeinsam (!) an Luther erinnern. Bereits am vergangenen Sonntag hat unsere Gemeinde einen Reformationsgottesdienst in deutscher Sprache unter dem Motto »Ein feste Burg ist unser Gott« gefeiert.

Pfarrer Johannes Merkel

Der Autor wuchs in Moritzburg auf und hat in Leipzig Theologie studiert. Seit 2014 sind er und seine Frau Nicole Oehler, Pfarrer in Chile.

www.lareconciliacion.cl/de

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