Malta: Wenn die Kirche zum Kreditinstitut wird

20. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Insel ist voll, hieß es noch vor zwei Jahren. Das bevölkerungsreichste Land der EU war vermutlich das einzige mit einer wirklichen Flüchtlingskrise. Die Insel mit einer Fläche von Rügen und 430 000 Einwohnern – 6,5 mal so viel, wie das Eiland in der Ostsee – führte lange die Asylstatistik in der Europäischen Union an.

Jeden Morgen standen und stehen diejenigen am Straßenrand, die es über das Meer von Libyen auf die Insel geschafft haben und bieten ihre Arbeitskraft für Niedrigstlöhne an. Denn einmal auf Malta gestrandet, kommen sie – mittellos – nicht mehr weg.

Menschenkette der Hilfe: Sonntags nach dem Gottesdienst werden Lebensmittelspenden an Bedürftige verteilt. Pastorin Kim Hurst (rechts) packt tatkräftig mit an. Foto: Willi Wild

Menschenkette der Hilfe: Sonntags nach dem Gottesdienst werden Lebensmittelspenden an Bedürftige verteilt. Pastorin Kim Hurst (rechts) packt tatkräftig mit an. Foto: Willi Wild

Die Lage hat sich mittlerweile entspannt. Italien fängt die Boote bereits vor der Küste Libyens ab und bringt die Flüchtlinge entweder wieder zurück oder nach Kalabrien und Sizilien. Schätzungen zufolge, sagt Kim Hurst, Pastorin der schottischen St. Andrews Gemeinde in Valletta, sind aber, zum Teil schon seit mehreren Jahren, derzeit rund 9000 Flüchtlinge im Land. Sie zu integrieren, haben sich die Kirchen zur Aufgabe gemacht.

Ein Aktionsbündnis hat sich über Konfessionsgrenzen hinausgehend gegründet, initiiert vom ehemaligen Referenten für Entwicklungspolitik im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Oberkirchenrat Wilfried Steen. Am Beginn seines Ruhestands hat er für zwei Jahre die Pfarrstelle der Evangelisch-Ökumenischen Andreas Gemeinde auf Malta übernommen.

Noel Cauchi, Vorsitzender des Gemeindekirchenrats, sitzt von Anfang an mit am runden Tisch. »Die Hilfen sind nötig«, sagt er. »Malta ist teuer geworden, die Mieten sind explodiert.« Anfänglich gab es keine Programme zur Integration. Mittlerweile werden regelmäßig Nahrungsmittelpakete für Bedürftige gepackt. 80 Familien können jede Woche unterstützt werden. Die schottische St. Andrews Church vermittelt Mikrokredite an Flüchtlinge. Bis zu 2500 Euro werden für den Einstieg in die Selbstständigkeit oder aber für ein Studium verliehen. Sobald Geld verdient werde, so die Abmachung, wird der Kredit wieder zurückgezahlt.

»Es funktioniert«, sagt Kim Hurst. Die Kirche habe sich Fachleute geholt und sei mittlerweile sogar als Bank öffentlich anerkannt. Im Keller des Kirchengebäudes in der Altstadt Vallettas hat man Räume für die Beratung eingerichtet. Restaurants, Bäckereien oder kleine Läden sind dadurch bereits entstanden.

Willi Wild

OKR i. R. Wilfried Steen ist Reisebegleiter der Leserreise nach Malta vom 8. bis 15. Mai 2018. Dabei sind unter anderem eine ökumenische Begegnung in der Andreas Gemeinde und Informationen über die Flüchtlingsarbeit der Kirchen vorgesehen. Informationen und Anmeldung: Telefon (0 36 43) 24 61 20

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Kirchenparlament auf dem Weg

20. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Nach dem Reformationsjahr und vor der Herbstsynode: Dieter Lomberg, Präses der Landes­synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), stellt sich den Fragen von Willi Wild.

Thema: Reformationsjahr


Wie haben Sie das Reformationsjahr erlebt?
Lomberg:
Es war ein Jahr mit vielen Veranstaltungen, die alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter sehr stark gefordert haben. Alle haben ihr Bestes gegeben. Kirche ist im Gespräch gewesen.

Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Lomberg:
Die Kirchen haben viel Aufmerksamkeit bekommen und damit auch der Glaube an Gott. Das ist sehr wichtig und darf bei aller Kritik nicht untergehen. Es wurden sicherlich mit Gottes Angebot mehr Menschen erreicht, als bei Veranstaltungen gezählt wurden. Da wirkt bestimmt noch einiges nach.

Schade war, dass die Kirchentage auf dem Weg nicht das verdiente Echo gefunden haben. Aber dazu ist schon viel gesagt und geschrieben worden; weiteres will ich mir ersparen. Es wird daraus gelernt werden. Bewerten muss das jeder für sich selbst und nicht für andere! Ich bin mir sehr sicher, dass es trotz aller Enttäuschungen über die Teilnehmerzahlen wichtige Impulse für die Regionen gegeben hat. Mal sehen, was später daraus wird.

Tonangebend: Präses Dieter Lomberg bei der Frühjahrstagung der Landessynode der EKM. Foto: Willi Wild

Tonangebend: Präses Dieter Lomberg bei der Frühjahrstagung der Landessynode der EKM. Foto: Willi Wild

Wie wurde das Reformationsjubiläum in Ihrem Kirchenkreis und Ihrer Kirchengemeinde begangen?
Lomberg:
Ich möchte meinen Kirchenkreis gar nicht herausheben. Ich weiß, dass es in allen Kirchenkreisen sehr viele sehr gute Veranstaltungen gab. Die Berichte dazu im Landeskirchenrat haben mich beeindruckt.

Es ist überraschend, wieviel Kreativität und Ideenreichtum, Gottes Wort zu den Menschen zu bringen, wir in der gesamten EKM haben. Mich freut dieses breite Spektrum des Engagements, gerade auch der Ehrenamtlichen. Da kann ich nur vielen, vielen Dank sagen.

Es gab in der unmittelbaren Nähe meines Kirchenkreises den Kirchentag auf dem Weg in Magdeburg, in den wir als Gemeinden des Kirchenkreises eingebunden waren. Neben anderen Veranstaltungen gab und gibt es auch im nächsten Jahr noch die 12 Pilgerwege zu den Stätten, wo Luther nicht war. Ein Highlight, das Menschen einander nähergebracht hat.

Wie groß war dort das Interesse an Luther und der Reformation?
Lomberg:
Es gab wie überall ein unterschiedliches Interesse.

Wie haben Sie die Kirchentage auf dem Weg erlebt?
Lomberg:
Ich konnte leider aus beruflichen Gründen nicht an so vielen Veranstaltungen teilnehmen, wie ich gerne gewollt hätte. Aber das, was ich in Wittenberg, wo ich wegen der Proben zum Abschlussgottesdienst schon ab Freitagabend war, persönlich erlebt habe, fand ich sehr beeindruckend. Für alle anderen Veranstaltungsorte gilt das auch, ich habe davon viel Gutes gehört.

Thema: Ökumene


Im Reformationsjahr wurde von den Bischöfen die Ökumene sehr stark betont. Sehen Sie sichtbare Fortschritte?
Lomberg:
Ich denke, es ist zu früh, da jetzt und sofort etwas zu erwarten.

500 Jahre Trennung und Differenzen können nicht sofort nach dem 31. Oktober 2017 aufgehoben und geklärt werden. Aber ich sehe viele weitgehende kleine und größere Fortschritte.

So haben wir einen sehr guten Austausch und eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Bistümern Erfurt und Magdeburg. Ich nehme schon lange wahr, dass das nicht zuletzt aufgrund der auf beiden Seiten handelnden Personen sehr gut funktioniert. Es ist ein offener Dialog, in dem angesprochen wird, wo der Schuh drückt. Dadurch hat auch das Reformationsgedenken seine ökumenische Wendung genommen.

Dafür ist den katholischen Brüdern und Schwestern sehr zu danken und den Verantwortlichen in der EKM und der EKD, die dies so gut aufgenommen und umgesetzt haben.

Thema: Herbstsynode

Welchen Raum wird eine Auswertung des Reformationsjahres auf der Herbssynode in Erfurt einnehmen?
Lomberg:
Wir werden die Diskussion erst in der Frühjahrssynode führen. Da ist dann mehr – auch emotionaler – Abstand vorhanden und wir wollen uns mit dem Thema Gemeinde beschäftigen. Dann gibt es unter dem Punkt »Die Reformation geht weiter« auch einen Rückblick auf 2017 und die gesamte Dekade. Das ist wichtig, um von diesem rückblickenden Ausgangspunkt die Zukunft gut diskutieren zu können.

Welche Schwerpunkte gibt es bei dieser Synodentagung?
Lomberg:
Thematischer Schwerpunkt wird unter dem Synodenmotto »Evangelisch – Ein Kreuz für die Welt« das Thema »Evangelium kommunizieren in einer mehrheitlich konfessionslosen Gesellschaft« sein. Dabei haben die hier aufgewachsenen Brüder und Schwestern einen großen Erfahrungsschatz, den wir heben wollen. Nur so können wir uns an alte Ideen erinnern und neue entwickeln, wie wir Wege zu den Menschen gefunden haben und wiederfinden können.

Ein weiterer Schwerpunkt wird die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien sein – diesmal zu Fragen der Schulseelsorge, den Modellregionen »Gemeindearbeit mit Familienperspektive« und die Zukunft der Kindergottesdienstarbeit.

Traditionell ist die Herbstsynode auch eine der Finanzen; es wird um den neuen Haushalt und die damit verbundenen Beschlüsse gehen, sowie um die Abnahme der Jahresrechnung 2016.

Thema: Ehe für alle

Die Evangelische Jugend wollte die »Ehe für alle« thematisieren. Was ist daraus geworden?
Lomberg:
Die Landessynode hat beschlossen, dass anhaltender Gesprächsbedarf besteht. Die derzeitige kirchliche Praxis soll bestehen und sich entwickeln. Sie hat festgestellt, dass die für die Trauung von Mann und Frau und für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare vorgesehenen liturgischen Ordnungen im Grunde gleich sind.

Die Landessynode entschied über den Antrag der Jugendsynodalen zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Der Landeskirchenrat wurde aber von ihr gebeten, ein geeignetes Format zu finden, in dem dieses Gespräch in absehbarer Zeit weitergeführt werden kann.

Genauso wird verfahren. Das Thema ist damit »nicht vom Tisch«, sondern es wird mit der gebotenen Sorgfalt diskutiert. Es muss ein Beschluss gefunden werden, der die Gemeinden nicht zerreißt. Dafür braucht es etwas Zeit – auch, wenn dies dem jugendlichen Tatendrang nicht folgt.

Hier etwas zu befeuern, nur um jetzt einen Beschluss zu bekommen, den die Mitglieder der Gemeinden nicht mittragen können, hilft nicht. Wir werden sicherlich immer verschiedene Meinungen dazu haben, aber wir müssen dahinkommen, dass der Beschluss von allen mitgetragen werden kann, auch wenn sie ihm aus welchen Gründen auch immer nicht zustimmen können.

Wir haben bei der damaligen Beschlussfassung zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare eine sehr gute Diskussion gehabt und ein hohes Einvernehmen. Das wünsche ich mir auch hier, und dass wir jeden in der Diskussion mitnehmen.

Thema: Jugendsynode

Die Einbeziehung der Jugend ist Ihnen wichtig. Wie weit sind die Überlegungen einer gemeinsamen Synodentagung mit der Evangelischen Jugend – einer »Jugendsynode« – gediehen?
Lomberg:
Dazu kann ich nichts sagen, weil es dazu auf Beschluss der Synode eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der Synode, des Landesjugendkonventes, des Bundes Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland und des (Landes-)Kinder- und Jugendpfarramtes gibt. Diese Arbeitsgruppe wird den Beschluss der Landessynode abarbeiten, die für die Vorbereitung der Jugendsynode unter anderem die folgenden beiden Impulse gegeben und beschlossen hat:

1. Auf der Jugendsynode werden mit Blick auf Gegenwart und Zukunft der Kirche relevante Fragen aus der Perspektive junger Menschen miteinander beraten;

2. Die Jugendsynode soll neben den Synodalen der Landessynode unter Beteiligung von bis zu 80 jungen Menschen im Sinne des Kinder- und Jugendgesetzes (KiJuG) stattfinden. Sie sollen in der Regel das 27. Lebensjahr nicht überschritten haben.

Hier liegen auch die Schwierigkeiten, die zu lösen sind: Es soll eine breite Partizipation junger Menschen ermöglicht werden. Aber leider gibt es Kirchenkreise, die keine Vertreter in den Landesjugendkonvent entsenden, etwa weil sie keinen Kreisjugendkonvent haben. Dort gibt es zwar Informationen über Entwicklungen im Bereich politischer und kirchlicher Jugendarbeit sowie eine jugendpolitische Vertretung im Landkreis, aber die kirchenkreisliche und landeskirchliche jugendpolitische Arbeit und Vertretung nehmen Jugendliche offenbar nicht wahr.

Das ist schade, wenn dies durch Kirchenkreismitarbeiter wahrgenommen werden soll oder durch die Synodalen in der Landessynode. Zu den Jugendsynodalen dürfte es kaum bis keine Kontakte geben. Da ist es für mich schwer vorstellbar, dass diese Jugendlichen wirkungsvoll mit ihren Anliegen vertreten werden. Zumindest wird ihnen ein Stück gelebter Kirchendemokratie, Partizipation und Mitbestimmung vorenthalten.

Vorschläge der zu bearbeitenden Themen können sowohl durch die Antragsberechtigten an die Landessynode als auch aus der kirchlichen Arbeit mit Jugendlichen erfolgen. Bei der Themenfindung ist ein wichtiges Kriterium, dass es sich möglichst nicht um ein »reines Jugendthema« handeln soll, sondern um eines, das die Synodalen und die Jugenddelegierten gemeinsam etwas angeht, nur in unterschiedlichen und sich überschneidenden Facetten.

Die Synode erhält spätestens zur Frühjahrstagung 2018 einen Sachstandsbericht.

Thema: Zukunft

»Reformation geht weiter« steht auf einem Banner der EKM. Was bleibt und was wird weitergehen?
Lomberg:
So viel prophetische Gabe habe ich nicht. Es werden die begonnenen Prozesse in den Gemeinden weitergehen (»Wie wollen wir heute und in Zukunft Gemeinde sein?«, »Wie können wir das schaffen?«, »Welche nichtfinanzielle Hilfe brauchen wir?« …).

Ich hoffe, die Reformationsdekade hat noch mehr Ideen gebracht. Wir werden uns weiter reformieren müssen, was dazu führt, dass wir – bildlich gesprochen – Türen (nicht die Kirchen- und Gemeindetüren!) schließen und neue aufmachen werden. Wir sind und bleiben hoffentlich weiter eine Landeskirche, die in Bewegung ist, die aber auch dort fest steht, wo es nötig ist. In allem gegründet auf Gottes Zusagen an uns als Gemeindeglieder, als Gemeinde und als Kirche.

Ein wichtiges Reformationsziel ist es vielleicht, dass wir innerkirchlich wahrhaftiger werden, tatsächlich eine Kirche des Friedens vor allem nach innen werden. Dass wir offener und ehrlicher miteinander umgehen, als wir es bis jetzt tun. Ich bin als Kirche wenig glaubwürdig, wenn ich von anderen gelebten Frieden fordere, es aber in unserem Umgang mit Menschen innerhalb und außerhalb der Gemeinden, Gremien und der Kirche nicht so mache, wie ich es von anderen verlange.

Bis das bei uns gelebte Praxis ist, ist es wohl noch ein steiniger Weg. Ich wünsche mir, dass der Wille, diesen Weg zu gehen, ernsthaft besteht.

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»Martini« auf dem Erfurter Domplatz

19. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Foto: Jens-Ulrich Koch

Foto: Jens-Ulrich Koch

Das Recht auf eine fröhliche und unbeschwerte Kindheit hat Margot Käßmann, Reformationsbotschaf­terin der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Abschluss des 500. Reformationsjubiläums in Thüringen betont. »Wenn jetzt Koalitionsverhandlungen laufen, sollte die Lage der Kinder in unserem Land und auf unserer Welt auf die Tagesordnung gesetzt werden und zwar ganz oben«, sagte die Theologin bei einer Predigt am 10. November auf dem Erfurter Domplatz. Dort feierte sie mit Tausenden Kindern und deren Angehörigen im Schein vieler Laternen zu Ehren des Heiligen und katholischen Bischofs Martin von Tours (um 316–397; Beisetzung am 11. November) sowie des Reforma­tors Martin Luther (1483–1546; Geburtstag am 10. November) das Fest der zwei Namensvetter – »Martini«. Das in der Thüringer Landeshauptstadt traditionell ökumenisch begangene Fest markierte in diesem Jahr auch das Ende des 500. Reformationsjubiläums in Thüringen.

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Verfolgte Christen weltweit

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Religionsfreiheit: Die Zahl der verfolgten Christen lässt sich nicht exakt erfassen. So sind die genannten 200 Millionen durchaus umstritten. Fakt ist aber: Christen werden in vielen Ländern ihres Glaubens wegen diskriminiert, verhaftet, manchmal sogar getötet. Der Weltgebetstag rückt diese Tatsache am 12. November ins Blickfeld.

Als das evangelikale Hilfswerk Open Doors im Januar seinen Weltverfolgungsindex veröffentlichte, stellten Kritiker die Verdoppelung der Zahl infrage und bemängelten die Nachprüfbarkeit. Er bezweifele, dass es sich bei den genannten Zahlen immer um eine »konkrete Christenverfolgung« handele, äußerte beispielsweise der Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werks, Enno Haaks: Oft gehe es darum, dass Christen in ihrer Religionsausübung beschränkt sind oder keine Religionsfreiheit haben. Eine Definitionssache also? Positiv bewertete Haaks seinerzeit, »dass es Open Doors gelungen ist, auf die Situation von verfolgten Christen hinzuweisen, die in bestimmten Kontexten unter problematischen Bedingungen wirklich existieren«.

Karte: Open Doors/Foto: jameschipper/Gestaltung: Adrienne Uebbing

Im Fokus: die beiden Länder Eritrea und Jemen, die in diesem Jahr ins Zentrum des »Weltgebetstages für verfolgte Christen« rücken. Karte: Open Doors/Foto: jameschipper/Gestaltung: Adrienne Uebbing

Und das ist das erklärte Anliegen des Weltgebetstages, an dem laut Open Doors Christen und Gemeinden aus über 100 Ländern auf allen Kontinenten teilnehmen. In diesem Jahr hat die Hilfsorganisation zwei Länder, die sich am Horn von Afrika, getrennt durch das Rote Meer, quasi gegenüberliegen, ins Zentrum gerückt: Eritrea und den Jemen.

Eritrea

Auf den ersten Blick mag die prekäre Situation für Christen in Eritrea erstaunen. Denn hier machen Christen rund die Hälfte der rund 5,5 Millionen Einwohner aus. Jedoch: Lediglich den Mitgliedern der staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften – der eritre­isch-orthodoxen, der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche sowie Anhängern des Islams – ist es gestattet, ihre Religion auszuüben. Alle anderen gelten als illegal.

Seit Eritrea 1993 unabhängig wurde, regiert das autoritäre Regime unter Präsident Isayas Afewerki. Jede Form von nicht-registrierten Organisationen, Widerspruch und Meinungsfreiheit sind verboten. Auch die »legalen Kirchen« werden staatlich kontrolliert, nicht genehme Leiter von der Regierung abgesetzt. Sie rekrutiert Spitzel, um alle christlichen Aktivitäten zu überwachen.

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten – sie werden als »Agenten des Westens« betrachtet – Christen aus traditionellen Kirchen oder mit muslimischem oder orthodoxem Hintergrund und Christen aus protestantischen Freikirchen sind laut Open Doors besonders stark von Verfolgung betroffen. Sie treffen sich in Untergrundgemeinden und riskieren, verhaftet und unter schlimmen Bedingungen inhaftiert zu werden. So wurden beispielsweise laut einem Bericht von Amnesty International (AI) Angehörige staatlich verbotener Minderheitenkirchen bei extremer Hitze unter Erstickungsgefahr in Frachtcontainern gefangen gehalten. Inhaftierte, die ihren Glauben praktizierten und deren Religionsgemeinschaft nicht anerkannt ist, haben laut AI weder Zugang zu einem Rechtsbeistand noch dürfen sie Besuch erhalten. Viele seien bereits seit weit über einem Jahrzehnt inhaftiert.

In besonderem Maß von Verfolgung betroffen seien Konvertiten, die die Eritreisch-Orthodoxe Kirche verlassen und sich protestantischen Freikirchen anschließen sowie christliche Konvertiten aus dem Islam, so Open Doors. Abgesehen von der Verfolgung durch den Staat erfährt die erste Gruppe Verfolgung durch die orthodoxe Kirche, die zweite durch ihre Familien und die muslimische Gesellschaft.

Eine weitere »Quelle der Verfolgung« ist laut Open Doors das Fehlen eines zivilen Wehrersatzdienstes für diejenigen, die aus Gewissensgründen keinen Dienst mit der Waffe leisten wollen. Der Militärdienst – für Frauen und Männer über 18 Jahren obligatorisch, aber de facto werden auch Minderjährige eingezogen – dauert 18 Monate, wird aber häufig auf unbestimmte Zeit verlängert.

Jemen

Anders stellt sich die grundsätzliche Situation im Jemen dar: Hier bilden Christen eine fast verschwindende Minderheit: 99,1 Prozent der Einwohner sind Muslime, Schätzungen zufolge leben im Jemen nur 3 000 bis 6 000 Christen. Das »Land der Königin von Saba« ist eigentlich landwirtschaftlich fruchtbar und reich an Bodenschätzen. Doch im Jemen herrscht ein verheerender Krieg, der zwischen islamisch-extremistischen Gruppen ausgetragen wird und sich auf verschiedene Stämme ausgebreitet hat. Al Kaida und der »Islamische Staat« (IS) nutzen das Chaos, um ihre Gebiete zu erweitern. Die gesamte Infrastruktur ist inzwischen zerstört. Der Jemen befindet sich in einer dramatischen Notlage, die Hungerkrise dort gilt als eine der schlimmsten weltweit.

Vor diesem Hintergrund mutet erstaunlich an, dass die Zahl der christlichen Untergrundgemeinden im Jemen wächst – wie Linus Pfister in einem Beitrag für das von der Deutschen Evangelischen Allianz herausgegebene Heft zum Weltgebetstag schreibt: »Der jüngste Krieg hat alle ausländischen Christen vertrieben, die Verfolgung der einheimischen Christen verstärkt und erste christliche Märtyrer verursacht. (…) Doch Leiter der jemenitischen Christen sagen: ›Wir Christen wissen, dass leiden für Jesus dazugehört; das haben uns die ausländischen und einheimischen Märtyrer in unserem Land gezeigt. Wir wollen von ihnen lernen und im Glauben stark werden.‹ Als einheimische Christen verbreiten sie Hoffnung, leisten humanitäre Hilfe und sind ein Zeugnis der Liebe Gottes.« Innerhalb der letzten zwei Kriegsjahre habe sich die Untergrundkirche verdreifacht und wachse weiter, so Pfister.

Adrienne Uebbing

www.weltverfolgungsindex.de

www.ead.de/gebet/gebetstag-fuer-verfolgte-christen

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Zu weise, um verliebt zu sein

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Beide glauben, eine Ehe hält mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aus. Fernseh­moderatorin Petra Gerster und Publizist Christian Nürnberger sind seit vielen Jahren verheiratet. Über ihre Ehe sprachen sie mit Mirjam Petermann.

Frau Gerster, Herr Nürnberger, sind Sie noch verliebt?
Nürnberger:
Nein. Dafür sind wir längst zu weise, denn dass das Verliebtsein nur eine List der Natur ist, um die beiden Geschlechter irgendwie zur Fortpflanzung zu bringen, haben wir schon seit mindestens vier Jahrzehnten durchschaut. Und auch, dass Verliebtsein ein Zustand ist, der bald wieder vergeht. Daher kann man darauf keine Ehe bauen.
Gerster: Das ist nicht die Antwort, die man als Frau hören will. Aber es stimmt natürlich, nach 35 Jahren ist man normalerweise nicht mehr verliebt, und das scheint mir auch nicht erstrebenswert. Erstrebenswert ist vielmehr, dass man sich tatsächlich liebt, wertschätzt, nie miteinander langweilt und vor allem: noch was zu lachen hat. Insofern kann ich mich glücklich schätzen.

Wie bringt man noch aufrichtiges Interesse am anderen auf, wenn man sich bereits seit 35 Jahren kennt?
Nürnberger:
Man entwickelt sich weiter während dieser Jahre, und es ist spannend zu erleben, wie der andere sich entwickelt, wie man sich selbst entwickelt, und ob es gelingt, sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Man erlebt sich auch in verschiedenen Rollen, anfangs als Single, dann als Ehepartner, später als Mutter oder Vater, noch später – so hoffen wir – als Oma und Opa. Man erlebt den anderen beruflich, privat, bei gesellschaftlichen Anlässen, in Krisen, bei traurigen Anlässen und bei freudigen. Ist doch immer wieder interessant zu erleben, wie viel verschiedene Seiten, Stärken, Schwächen, Talente im jeweils anderen stecken.
Gerster: Es hilft auch, wenn man sich für dieselben Dinge interessiert und in den wichtigen Fragen des Lebens übereinstimmt, politisch und weltanschaulich. Aber auch mit Lust und Ausdauer streiten kann – auch das gehört für mich dazu.

Haben Sie bei aller Arbeit, bei allen Interessen und Aufgaben einen »normalen« Ehealltag? Wie gestalten Sie den?
Nürnberger:
Ja, wir haben einen ganz normalen Ehealltag und sind gerade deshalb des Zwangs enthoben, ihn gestalten zu müssen, denn das erledigen schon die Zwänge dieses Alltags für uns: also tagsüber arbeiten, nachts schlafen, Rechnungen schreiben und Rechnungen bezahlen, Vorträge schreiben und halten, auf Lesereise gehen, die Umsatzsteuervoranmeldung machen, einkaufen, kochen, spülen und so weiter und so fort. Wir hoffen, irgendwann im Alter mal vor dem Luxusproblem zu stehen, sich überlegen zu müssen, was man als Nächstes macht und wie man den Tag gestaltet.
Gerster: Das Wichtigste hast du vergessen: Mit den Kindern telefonieren, die in einem Alter sind, wo sie dauernd lebenswichtige Entscheidungen zu treffen haben, oder sie treffen, und der Austausch mit unseren Geschwistern und Freunden, der mir sehr wichtig ist und eine Menge Zeit in Anspruch nimmt.

Sie schreiben auch gemeinsam Bücher. Wie viele Gemeinsamkeiten hält eine Ehe aus?
Gerster:
Wir glauben: Eine Ehe hält mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aus.

Und wie viele Unterschiede?
Nürnberger:
Eher weniger, es sei denn, es handelt sich um Unterschiede, die sich ergänzen. Wenn jedoch zwei Partner völlig verschiedene Interessen und vielleicht auch noch konträre Berufe haben – er Kaufmann, sie Philosophin, er Golfspieler und Fußballfan, sie eine Leseratte und Museumsbesucherin, er ein Vielfraß, sie eine, die von Wasser und Salat lebt – dann könnte es schwierig werden.
Gerster: Unterschiede im Temperament sind hingegen gar nicht schlecht: Zwei von der ruhigen Sorte meines Mannes wären ein bisschen langweilig, zwei von meiner extrovertierten Art extrem anstrengend. Aber so gleichen wir einander ganz gut aus.

Welche gemeinsamen Projekte haben Sie für die Zukunft geplant?
Nürnberger:
In ein paar Tagen (20. November) kommt unser neues Buch über die Medien »Die Meinungsmaschine. Wie Informationen gemacht werden – und wem wir noch glauben können«. Daher gibt es derzeit kein neues Projekt. Vom Bücherschreiben müssen wir uns jetzt erst einmal erholen.
Gerster: Und wieder hat er das Wichtigste vergessen: Unser nächstes gemeinsames Projekt ist ein neuer Hund im nächsten Jahr!

Sind Sie eigentlich auch kirchlich verheiratet?
Nürnberger:
Nein. Darauf haben wir bewusst verzichtet, weil eine kirchliche Trauung den Willen voraussetzt, als Paar in der Gemeinde aktiv zu werden. Wir waren aber, als wir uns kennenlernten, Großstadtnomaden, die heute hier und morgen dort lebten und keine Gemeinde hatten, in die sie sich aktiv, verbindlich und auf Dauer hätten einbringen können.

Frau Gerster, Sie sagten in einem Interview 2015: »Solange die Kinder einen brauchen, beantwortet sich die Sinnfrage von selbst.« Ihre Kinder sind jetzt 27 und 24 Jahre alt und sicherlich anders auf Sie angewiesen als früher. Stellte sich Ihnen dann doch irgendwann die Sinnfrage?
Gerster:
Ja, sie könnte jetzt darin bestehen, das Alter gemeinsam zu meistern und gute Großeltern zu sein. Aber noch ist es nicht so weit. Noch freuen wir uns einfach daran, dass unsere Kinder gut geraten sind, wir eine ziemlich glückliche Familie sind, und wenn’s gut läuft, ist es nicht sehr intelligent, sich das Leben schwer zu machen mit Grübeleien über den Sinn des Lebens, zumal wir dafür gegenwärtig auch gar keine Zeit haben.

Spielen christliche Werte und Glauben in Ihrem Leben eine Rolle?
Nürnberger:
Ja, schon, aber weniger die, die dafür gehalten werden, also so Dinge wie Kirchgang, Gebet, Glaube an die Auferstehung und so weiter. Wir sind eher Anhänger von Dietrich Bonhoeffers Vorstellung eines »religionslosen Christentums«. Darin geht’s nicht ums Jenseits und nicht um religiöse Riten, Gebote, Verbote, sondern um Gelassenheit, Hoffnung und ums gute Leben hier und jetzt, und zwar für alle, nicht nur für einige Privilegierte. Darüber machen wir uns Gedanken. Darum kreist indirekt auch unser Schreiben.

Gibt es einen Sinn, den Sie für Ihre Ehe definiert haben?
Gerster:
Wir mussten da nichts definieren, weil der Sinn der Sache schon definiert ist und wir ihn uns genauso zu eigen gemacht haben, was heißt: Wir haben geheiratet mit dem Vorsatz, zusammenzubleiben in guten, wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod uns scheidet. Wir wussten, dass das ein Abenteuer ist, und dieses Abenteuer wollen wir bestehen.

Ist es Ihrer Meinung nach realistisch, eine Ehe zu führen, »bis dass der Tod euch scheidet«? Wenn ja, was braucht es dafür?
Nürnberger:
Ehen wurden früher von gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen zusammengehalten, von der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Frau und der sozialen Kontrolle durch die Umwelt. Daher gab es früher zwar viele Ehen, die bis zum Tod hielten, aber viele von ihnen waren lange, bevor ein Partner starb, schon tot, existierten nur noch pro forma. Heute gibt es diese Zwänge kaum mehr, und darum ist es auch nicht mehr zwingend zu heiraten oder einander zu versprechen, zusammenzubleiben bis zum Tod. Aber gerade durch diesen Wegfall aller Zwänge gewinnt das Eheversprechen erst heute seinen eigentlichen Wert. Erst jetzt kann man einander wirklich aus freien Stücken so ein Versprechen geben und dafür kämpfen, dass es hält. Und wenn das gelingt, ist es großartig.
Gerster: Zur Frage, was es dafür braucht: Ein Bewusstsein dafür, dass man nicht mehr frei ist wie ein Single, sondern gebunden, und das muss man erst mal akzeptieren können; sodann den Willen, einander zu dienen statt sich selbst zu verwirklichen; außerdem die Bereitschaft, Konflikte auszuhalten, auszutragen und zu lösen; und schließlich die Fähigkeit, sich selbst ein bisschen zurückzunehmen. Und das alles braucht es von beiden, nicht nur von einem.

Der Moment in dem die Kinder das Elternhaus verlassen, wird oft als großer Bruch oder gravierende Veränderung eines Ehepaares beschrieben. Können Sie das bestätigen, empfanden Sie das ebenso?
Gerster:
Ja, es war ein Einschnitt, natürlich, aber ein Bruch? Nein. Das nicht. Einerseits hat uns das natürlich mit einer gewissen Melancholie erfüllt, nicht nur, weil die Kinder plötzlich weg sind und eigene Wege gehen, sondern auch, weil einem damit bedeutet wird: Nun werdet ihr alt. Es hat aber auch seine guten Seiten. Man hat wieder mehr Freiheiten. Mehr Zeit füreinander. Keine Schulprobleme mehr. Kein Zwang mehr, ausgerechnet während der Ferien, also der teuren Hauptsaison, Urlaub machen zu müssen. Außerdem kam diese Abnabelung nicht abrupt. Wir waren darauf vorbereitet, haben uns in den neuen Zustand »einüben« können dadurch, dass unsere Kinder schon während der Schulzeit mal ein halbes oder ganzes Jahr lang im Ausland gelebt hatten. Und schließlich: Man fährt in gewisser Weise die Ernte ein, wenn man sieht, dass die Kinder sich gut entwickelt haben, auf eigenen Füßen stehen können, bald auch wirtschaftlich von den Eltern unabhängig sein werden. Da merkt man plötzlich: Der ganze Aufwand, der für die Erziehung draufging, war nicht umsonst, hat sich gelohnt.

Wie kann man so große Veränderungen, zuerst die Geburt der Kinder und dann deren Auszug als Ehepaar gut überstehen?
Nürnberger:
Man muss da gar nichts »überstehen«, denn die Geburt von Kindern, das manchmal anstrengende Leben mit ihnen und deren Abnabelung – das ist nun mal der Lauf der Dinge, ja geradezu deren Sinn. Es ist schön, dass das Leben dadurch verschiedene Phasen durchläuft. Jede Phase ist anders, jede bringt ihre eigenen Herausforderungen mit sich, die es zu bestehen gilt, auf jede neue Phase freut man sich, über das Ende jeder Phase ist man ein wenig traurig, aber jedes Ende ist mit einem neuen Anfang verbunden. Und genauso soll es sein. Dieser natürliche Wechsel von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt macht das Leben doch erst rund.

Welchen Standpunkt hat die Ehe Ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft heute?
Nürnberger:
Sie ist kein Muss mehr, nur noch eine Möglichkeit unter anderen. Jeder kann darüber nachdenken, ob diese Möglichkeit für ihn infrage kommt, ob sie für ihn die optimale Lebensform darstellt oder nicht, und kann sich dann frei dafür oder dagegen entscheiden. Das ist doch wunderbar. Frühere Generationen hätten uns für diese Freiheit beneidet. Aber: Freiheit bedeutet auch Risiko. Wo einer von seiner Freiheit Gebrauch macht, kann er auch scheitern, und dieses Scheitern hat er dann zu verantworten, nicht die Gesellschaft, nicht irgendwelche Zwänge. Aber genau darin – in der freien Entscheidung mit der Möglichkeit des Scheiterns – liegt die Würde. Freiheit ist kein Glücksversprechen, sondern die Ermöglichung von Würde. Und die wiegt schwerer als Glück. Lieber unglücklich leben, aber frei, als glücklich, aber unfrei.

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Die Erde ist der beste Platz

14. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview mit Johann-Dietrich Wörner, Generaldirektor bei der Europäischen Weltraumorganisation

Herr Professor Wörner, was bedeutet Ihnen der biblische Schöpfungsbericht?
Wörner:
Immer wieder hat die Kirche versucht, den Menschen die Fragen der Wissenschaft zu beantworten und musste dann nach neuerer Erkenntnis wieder neue Antworten finden.

Die Schöpfungsgeschichte ist für mich – bei aller Versuchung, sie mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen in Übereinstimmung bringen zu wollen – ein Versuch, den Menschen die Entstehung als einen göttlichen Akt zu beschreiben.

In Ihrem Arbeitsalltag beschäftigen Sie sich mit dem Weltraum – welchen Platz nimmt dort Gott ein oder anders formuliert: Wie beschreiben Sie Ihre Beziehung zu Gott?
Wörner:
Ich bezeichne mich selbst als einen gläubigen Menschen. Wissenschaft und Glaube stehen für mich nicht im Widerspruch, sondern sind ganz unterschiedliche Dinge, die der Mensch in der Lage ist im Inneren zu verbinden.

Wissenschaft ist eine typisch menschliche Aktivität, Beobachtungen in Regeln zu übersetzen. Glaube ist dagegen verbunden mit Vertrauen, Hoffnung und Werten.

Welche Gaben ermöglichen es Ihnen als Generaldirektor der europäischen Raumfahrt, gedanklich in die höheren Sphären des Weltalls vorzudringen?
Wörner:
Im Englischen unterscheidet man Heaven and Sky, im Deutschen sagen wir für beides Himmel. Aber wir arbeiten im All. Gott ist nun dort nicht physisch zu finden, er ist über diesen Vorstellungen, also über All oder auch überall.

Johann-Dietrich Wörner. Foto: Philippe Sebirot/ ESA

Johann-Dietrich Wörner. Foto: Philippe Sebirot/ ESA

Was sind die aktuellen Herausforderungen der Raumfahrt?
Wörner:
Raumfahrt heute ist Infrastruktur und für jeden erlebbar, z. B. bei Navigation, Telekommunikation oder Wetterbeobachtung. Darüber hinaus ist Raumfahrt durch die Missionen mit robotischen oder astronautischen Systemen aber auch in der Lage, den sehr menschlichen Trieb der Neugier zu befriedigen. Hieraus entwickelt sich Faszination, Inspiration und Motivation, wichtige Grundlagen für die gesellschaftliche Weiterentwicklung.

Wie weit sind wir von einer Reise zum Mars entfernt?
Wörner:
Der Mond ist 350 000 Kilometer von der Erde entfernt und daher relativ leicht erreichbar. Sicherlich wird der Mensch auch weiter ins Weltall vorstoßen, das entspricht ganz einfach unserem Pionier- und Entdeckungsgeist. Aber eine Reise zum Mars ist auf absehbare Zeit einfach zu riskant. Deshalb erwarte ich, dass zwar robotische Systeme zu anderen Planeten fliegen werden, der Mensch aber zunächst wieder den Mond besuchen wird. Wichtig ist mir, dass wir damit nicht eine Kolonialisierung anstreben oder womöglich die Erde verlassen wollen. Die Erde ist in weiter Umgebung der beste Platz und wir wollen die Erde auch durch die Raumfahrt erhalten.

In der European Space Agency (ESA) und an internationalen Raumprojekten arbeiten Staaten zusammen, die sich anderswo auf der Erde argwöhnisch gegenüberstehen. Worin sehen Sie den friedenstiftenden Auftrag der ESA?
Wörner:
Raumfahrt ist heute eine ganz wichtige Brücke über irdische Konflikte. Nicht nur in der Internationalen Raumstation arbeiten die Nationen friedlich und sehr intensiv zusammen.

Die Fragen stellte Sabine Kuschel.

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»Ist eine gescheiterte Ehe Sünde?«

13. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Wenn eine Beziehung vor der Wahl zwischen weiteren Verletzungen oder dem Scheitern steht

Die Ehe ist für mich eine besondere Form der Verlässlichkeit, um die Liebe zu vertiefen und Momente des Glücks, der Geborgenheit und des schöpferischen Miteinanders zu schützen. Die Ehe ist ein Wert, der tief in unserer Gesellschaft verankert und durch Gottes Gebote geschützt ist. Sie wiederum bewahrt uns Werte wie Verlässlichkeit und Treue. Es ist gut, dass wir diese Form haben und dass wir bestrebt sind, sie nicht leichtfertig aufzugeben.

Aber das Leben lässt sich manchmal nicht schützen. Es kommt vor, dass das, was als Schutz für die Liebe gedacht war, zum Ort für Verletzungen wird. Dass Leben gerade dort besonders beschädigt wird, wo es sich entfalten sollte.

Natürlich: Solche Erfahrungen gibt es in jeder Beziehung, in jeder Ehe. Zum Glück sind es oft nur Momente oder Phasen, die vorübergehen. Was aber ist, wenn sie bleiben? Wenn sie chronisch werden und Menschen auf Dauer kaputtmachen?

Ich spreche als einer, der das durchlebt und durchlitten hat. Zweimal. Mein Buch »Mit Scheitern leben lernen« ist aus der Auseinandersetzung mit der ersten Trennung entstanden. Bei einer Lesung wurde ich gefragt: »Ist eine gescheiterte Ehe Sünde?« »Natürlich!«, habe ich geantwortet. Die Frage ist nur, was die größere Sünde ist: Eine Beziehung zu beenden oder in einer nicht funktionierenden Partnerschaft zugrunde zu gehen. Manchmal gibt es nur zwei schlechte Wege: Bleiben und sich arrangieren. Oder auseinandergehen.

Reiner Knieling: Mit Scheitern leben lernen. Erfahrungen – Verheißungen – Hilfestellungen. Neukirchener Verlag

Reiner Knieling: Mit Scheitern leben lernen. Erfahrungen – Verheißungen – Hilfestellungen. Neukirchener Verlag

Wie gehen wir mit diesem Konflikt um? Gottes Gebote, gesellschaftliche Werte, eigene Ideale sind gut. Aber ein Teil unserer Wirklichkeit will dem einfach nicht entsprechen. Viele versuchen, die Wirklichkeit so gut es geht zu verdrängen. Sie wollen den Schein wahren und es vor anderen geheim halten, um den Konflikt mit den eigenen Werten oder Gottes Geboten nicht spüren zu müssen. Doch irgendwann wird das anstrengend. Es entsteht eine Doppelmoral und andere spüren die Unehrlichkeit. Manche werden sogar krank dabei.

Andere versuchen, die Werte und Ideale zu reduzieren und der Wirklichkeit anzupassen. Damit geht aber das Korrektiv verloren und die Spannung, die das Leben interessant macht. Die Welt wird nicht besser, wenn die Gebote soweit relativiert werden, dass sie unserem durchschnittlichen Leben entsprechen, nur damit wir das Gefühl nicht aushalten müssen, zu versagen. Wenn wir ehrlich sind, spüren wir, dass wir uns durch diese Relativierung am Ende selbst betrügen.

Es gibt einen dritten Weg, diese Spannung zwischen Werten und Wirklichkeit nicht aufzulösen, sondern produktiv damit umzugehen. Dieser dritte Weg ist, dass ich mich mit meiner ganzen Wirklichkeit auf Gott ausrichte. Als einer, der seinen Werten treu sein will, es aber nicht kann. Für mich waren in den brüchigen Zeiten meines Lebens die Gebete der Bibel eine entscheidende Hilfe. Sie gaben mir Worte, mit denen ich mein Erleben und Gott in Beziehung setzen konnte. Sie halfen mir, mich nicht nur mit den angenehmen Seiten, sondern auch mit den anderen Facetten auf Gott auszurichten: mit dem eigenartigen Gemisch aus Schmerz, Trauer, Wut, aber auch mit der Erleichterung und Zukunftshoffnung.

Ein Beispiel dafür sind die Psalm-Übertragungen von Pierre Stutz:

Zerschlagen die Hoffnung miteinander
ein Stück Weg zu gehen
hart anzunehmen
dass Berührung nicht mehr möglich ist
traurig die Erfahrung einander zu bekämpfen
(Pierre Stutz, aus: Du hast mir Raum geschaffen, 29, nach Psalm 18,29-30)

Ich verstecke mich vor mir
schwer fällt es mir
der Wahrheit ins Gesicht zu schauen
die Angst vor Veränderung ist zu groß
Ich halte Ausschau nach Menschen
die mir entgegenkommen
mir weiten Raum
für meine schwachen Seiten zugestehen
Doch sie sind nicht da
so wenig wie ich da bin
um mir Versagen einzugestehen
Du lass mich diese Nacht
Dein Entgegenkommen erfahren
(Pierre Stutz, aus: Du hast mir Raum geschaffen, 30 und 14, nach Psalm 19,13 und 4,2)

Ich habe Gottes Entgegenkommen in verschiedenen Momenten erlebt. In einem Traum, der mir Geborgenheit schenkte, als meine Familie gerade auseinanderbrach. In der Umarmung eines Freundes, die ich fast bis heute spüre. Auch in der theologischen Entdeckung, dass Gottes größter Liebes­beweis das Leben ist – wie es die Auferweckung Jesu zeigt.

Menschen hatten ihn geopfert und Gott hat nicht etwa mit Gegengewalt geantwortet. Er hätte allen Grund dazu gehabt. Gott jedoch antwortete vielmehr mit Leben und Liebe. Jesus macht den Jüngern keinen Vorwurf, dass sie ihn verlassen hatten und nicht treu waren. Auch sie wollten ihren Werten treu bleiben, konnten es aber nicht. Sie erlebten, wie ihre ganze brüchige Wirklichkeit bei Gott ihren Platz fand. Sie erlebten, wie ihre Herzen mit Geistkraft erfüllt wurden und Gottes Liebe einsickerte.

Auch ich merkte: Ich bin einer, in den das Leben und die Liebe dort einsickern, wo Dinge zerbrechen oder zu Ende gehen. Dort, wo menschliche Liebe an ihre Grenzen kommt, auch innerhalb einer Ehe. Wo Verletzungen und Abbrüche nicht mehr zu vermeiden sind, gießt Gott seine Lebensliebe aus. Das ist die Botschaft von Kreuz und Auferstehung. Und das ist die Erfahrung, die viele Menschen verbindet.

Reiner Knieling

Der Autor ist promovierter Theologe und Leiter des Gemeindekollegs der VELKD in Neudietendorf

Reiner Knieling: Mit Scheitern leben lernen. Erfahrungen – Verheißungen – Hilfestellungen. Neukirchener Verlag, 128 S., ISBN 978-3-7615-5462-3, 6,99 Euro

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»Schön, dass ihr wieder da seid«

7. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Zisterzienserkloster Neuzelle wurde 1817 säkularisiert. Nun sind wieder Mönche hierhergekommen, in eine Region, in der Christen in der Diaspora leben.

Ein altes Ruderboot versinkt langsam in dem mit Seerosen bewachsenen Teich. An seinem Rand führt eine kopfsteingepflasterte Allee mit sorgsam beschnittenen Bäumen hinauf zur Klosterpforte, die vom weithin sichtbaren, gelben Kirchturm überragt wird. Die barocke Klosteranlage von Neuzelle, im Osten Brandenburgs auf einer Anhöhe über dem Odertal gelegen, ist die perfekte Idylle. Kurz vor zwölf Uhr mittags biegen vier Mönche um die Ecke. Sie tragen das schwarz-weiße Habit des Zisterzienserordens, jener Mönchsgemeinschaft, die vor fast 750 Jahren das Kloster begründete.

Doch dass Pater Simeon, Pater Kilian, Pater Philemon und Bruder Aloysius Maria nun mehrfach am Tag wieder die lateinischen Stundengebete in der Brandenburger Klosterkirche anstimmen, ist nichts weniger als eine kirchenhistorische Sensation. Denn 1817 hatte der preußische Staat das Kloster Neuzelle säkularisiert.

Seine Gebäude gehören heute dem Land Brandenburg – die beiden großen Kirchen, die die Klosterkirche und die ebenfalls zum Gelände gehörende Pfarrkirche heute für ihre Ortsgemeinden nutzen, sind nur Untermieter. Was den katholischen Bischof des Bistums Görlitz, Wolfgang Ipolt, freilich nicht davon abhielt, Anfang des Jahres einen verwegenen Plan zu fassen: Zum 750-jährigen Jubiläum Neuzelles im kommenden Jahr sollen in Neuzelle wieder Mönche leben. Er bat das als durchaus konservativ geltende, österreichische Stift Heiligenkreuz um die Entsendung von Mönchen an die Oder.

Bier-Sonderedition: Wer sie kauft, unterstützt das Kloster. Dafür werben (v. li.) Pater Kilian, Pater Simeon, Brauereibesitzer Helmut Fritsche, Schwester Teresita vom Bonifatiuswerk, Junior-Chef Stefan Fritsche, Pater Philemon. Foto: Benjamin Lassiwe

Bier-Sonderedition: Wer sie kauft, unterstützt das Kloster. Dafür werben (v. li.) Pater Kilian, Pater Simeon, Brauereibesitzer Helmut Fritsche, Schwester Teresita vom Bonifatiuswerk, Junior-Chef Stefan Fritsche, Pater Philemon. Foto: Benjamin Lassiwe

Sie kamen – in eine Region, in der die Christen in der absoluten Diaspora sind: Das katholische Bistum Görlitz ist zwar mit einer Fläche von 9 700 Qua­dratkilometern fast 50 Prozent größer als das Erzbistum Köln, trotzdem gehören ihm nur ungefähr 30 000 Katholiken an. Im Bundesland Brandenburg sind rund 15 Prozent der Einwohner evangelisch, rund drei Prozent katholisch.

Wenn in dieser Gegend ein Mönch mit Ordenshabit seinen Einkaufswagen durch den Supermarkt schiebt, fällt das durchaus auf, sagt Frater Aloysius Maria. »Ich erlebe alles – vom Atheisten, der mich zwar freundlich grüßt, mir dann aber sagt, dass ihm Marx wichtiger sei, als unsere Kirche, bis zum älteren Mann, der fast heimlich seinen Wagen stoppt und mir zuraunt: Schön, dass ihr wieder da seid.«

Beim Einzug der Mönche in das Kloster kam sogar der Bürgermeister, Dietmar Baesler (FDP), und brachte Brot und Salz. Doch als die Zisterzienser im Frühjahr das allererste Mal nach Brandenburg kamen, wurden sie sogar gefragt, zu welchem Maskenball sie denn gerade unterwegs seien.

Der Görlitzer Bischof Ipolt wiederum hofft, dass es den Männern gelingt, das bislang vor allem als kulturellen Ort wahrgenommene Stift auch geistlich neu zu profilieren. »Ich denke, dass von den Mönchen eine Bereicherung des kirchlichen Lebens in unserem Bistum und der ganzen Region ausgehen kann.« Immerhin ist Neuzelle schon heute einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der ostdeutschen Katholiken. Als es nach 1945 nicht mehr möglich war, die traditionellen schlesischen Ma­rienwallfahrtsorte aufzusuchen, begann man in Sachsen und Brandenburg, in den westlich der Neiße gelegenen Teilen Schlesiens und den Dörfern der katholischen Sorben und Wenden der Oberlausitz, nach Neuzelle zu pilgern. Sogar ein eigenes Neuzeller Wallfahrtslied wurde gedichtet, das in jeder Zeile den Geist der Nachkriegszeit verströmt: »Maria, Mutter Friedenshort, wir kommen zu dir in bedrängten Tagen …«

Begeistert von der Ankunft der Zisterzienser ist der Unternehmer Helmut Fritsche. Gleich nach der Wiedervereinigung hat er in Neuzelle eine alte Brauerei erworben, das »Neuzeller Kloster-Bräu« ist mittlerweile über die Brandenburger Landesgrenzen hinaus ein Begriff. »Für uns ist das wie ein Geschenk Gottes, dass wir hier wieder Mönche haben«, sagt Fritsche. Der Unternehmer will die Neugründung des Klosters unterstützen. Seit Anfang September gibt es eine Sonderedition seines Bieres. Wer sie kauft, spendet zugleich 20 Cent an das katholische Bonifatiuswerk. Dieses unterstützt damit die Neugründung des Neuzeller Zisterzienserklosters. Dabei gehört Fritsche selbst nicht der katholischen Kirche an. »Aber als Brauerei sind wir ein integraler Bestandteil des Klosterensembles«, sagt er. »Da fühlen auch wir uns den Mönchen und ihrer Tradition verpflichtet.«

Doch auch, wenn im November noch ein fünfter Mönch zur vierköpfigen Vorhut von Neuzelle stoßen soll: Noch ist die Wiederbesiedlung des Klosters nicht endgültig besiegelt. Denn im Moment wohnen die vier Mönche zusammen mit Ortspfarrer Ansgar Florian im katholischen Pfarrhaus. Alle übrigen Gebäude des Klosterstifts sind vermietet – an ein privates Gymnasium zum Beispiel. Oder sie werden von der staatlichen Stiftung für die Verwaltung der Forsten und Ländereien genutzt. Auf Dauer ist das Pfarrhaus schlicht zu klein. Ob es dem Bischof und den Ordensbrüdern gelingt, etwa das ehemalige Kanzleigebäude des Klosters für das Neugründungsprojekt zu nutzen, und was dann mit den übrigen Mietern passiert, ist noch unklar. Im November soll es dazu weitere Gespräche geben. »Natürlich ist das für alle Beteiligten erst einmal sehr herausfordernd, dass hier wieder Mönche leben«, sagt Pater Simeon.

Brandenburgs Kultusministerin Martina Münch (SPD), die auch Vorsitzende des Stiftungsrates der staatlichen Klosterstiftung und selbst praktizierende Katholikin ist, unterstützt das Vorhaben. Im Frühjahr war sie mit ihrem ganzen Büro nach Heiligenkreuz gereist, um das Mutterkloster der Zisterzienser selbst in Augenschein zu nehmen. » Wir haben zwei Tage lang das Klosterleben erlebt – von der ersten Andacht um 5.15 Uhr morgens über die Heilige Messe noch vor dem Frühstück bis zum Abendgebet«, sagte sie anschließend in einem Interview. »Wir waren alle gleichermaßen fasziniert: Wenn man morgens aufsteht, in die dunkle Kirche kommt, und das erste Morgenlicht durch die farbigen Fenster fällt, ist das ein wirklich erhebendes Erlebnis.« Man könne dann verstehen, warum sich Menschen heute dafür entscheiden, ins Kloster zu gehen.

Einstweilen jedenfalls sind alle Beteiligten hoffnungsvoll, dass es in absehbarer Zeit zu einer Lösung der Probleme kommt. Sowohl Ministerin Münch als auch der Görlitzer Bischof Ipolt betonen, mit Hochdruck an einer Lösung der Probleme zu arbeiten. Auch der Zisterzienserpater Simeon, der im nächsten Jahr erster Prior des Klosters werden soll, ist optimistisch. »Wir denken doch, dass Gott uns hierher gesandt hat«, sagt Pater Simeon. »Da kann ich mir nur schwer vorstellen, dass Gott jetzt nächstes Jahr sagt: Ätsch, das war jetzt nichts.«

Benjamin Lassiwe

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Programm für christliches Leben

7. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen«

Was Freiheit ist, scheint unsere Zeit, respektive das, was sie für ihren Geist hält, besonders gut zu wissen: Sie nennt Freiheit einen »westlichen Wert«, den alle übrigen Weltteile nur annehmen können. Die Wirklichkeit hinter solcher Proklamation sieht ziemlich anders aus: Die aktuelle Freiheitsversion des Westens steht vor allem für eines: für die Auflösung aller gewachsenen Lebens-Verhältnisse, Moral- und Denk-Traditionen: Glauben, Familie, Geschlecht, Nation, Grenzen. Damit trifft sie mit destruktiver Macht bewährte Regeln des Zusammenlebens, der Wirtschaft, geistiger Pluralität: Wer nicht fortschrittlich ist, modern, alternativ, der ist rückschrittlich, reaktionär, der Vergangenheit verhaftet. Für Marx und Engels, die gottlosen Propheten des kommunistischen Paradieses, verdichtete sich im »Manifest der Kommunistischen Partei« der Freiheitsbegriff im Rahmen solchen, die Welt radikal zertrümmernden kapitalistisch-globalen Fortschritts, ein von ihnen begeistert begrüßtes Verflüssigungsprojekt aller gewachsenen Verhältnisse, zu jener »einen gewissenlosen Handelsfreiheit«, die heute offenbar das Proprium der westlichen Freiheitsideologie ausmacht. Ein geschichtspolitisches Himmelsgesetz, dem geopfert wird wie einst in Karthago dem Götzen Moloch. Und die reaktionärste, weil retardierende Größe in diesem Diskurs- und Praxiskontext ist natürlich Gott selbst.

Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Ulrich Schacht. Foto: Joseph – stock.adobe.com

Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Ulrich Schacht. Foto: Joseph – stock.adobe.com

Gott geht in der modernen westlichen »Freiheitsgesellschaft« gar nicht oder wenn, dann nur noch in einem zukünftig zu schaffenden »House of One«, in dem sich die Religionen wie gleichwertige Whiskeysorten im Spirituosenladen zu privatem Test-Kauf und individueller Geschmacksprobe anbieten. Mit anderen Worten: Im Westen ist diesbezüglich der Teufel los; das Freiheitsversprechen des Teufels aber hat sich schon immer den Fortschrittsmantel umgehängt. Was also tun gegen den großen Verwirrer und seine zahlreichen Helfershelfer in Politik, Ökonomie, Kultur und ja, leider auch in den großen Kirchen zwischen Rom und Hannover?

Vielleicht dies: Luthers auf revolutionäre Weise hochreaktionäre Thesen »De libertate christiana« oder im Deutsch seiner Zeit: »Von der Freyheyt eyniß Christen menschen« wieder und wieder lesen! 1520 erschienen, waren sie zunächst und vor allem eine geharnischte Antwort des Reformators auf die Bannandrohungsbulle aus Rom. In der Folge jedoch sind sie bis heute, vielleicht noch gravierender als die 95 Thesen zum Ablasshandel von 1517, die entscheidende Programmschrift für das, was man in der Summe »die christliche Freiheit« nennen könnte, kulminierend in der scheinparadoxen Formel: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.« Logisch wird diese Paradoxie, wenn man der ihr zugrunde liegenden Doppelthese über den Menschen an sich folgt, unterscheidet Luther doch scharf zwischen einem innerlichen und äußerlichen Menschen, der über »zweierlei Natur« verfüge.

Der innerliche Mensch als Christ ist der »geistliche Mensch«, der äußere »leiblich«. Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Das aber wiederum ist kein Vernunfts-, sondern ein Vertrauensakt via Christus, der wie in einem Tausch Gottesferne und Sünde der Christenseele auf sich nimmt, sie mithin davon und grundsätzlich befreit.

Der äußere Mensch aber ist die praktische Konsequenz des inneren, indem er an seinem Nächsten so handelt wie Christus an ihm. In diesem dialektischen Freiheitsprozess zwischen Seelenbefreiung und christusgebundener Liebestat erfüllt sich ein Weltverhältnis, dem kein politischer Freiheitsbegriff gewachsen ist.

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Gedicht »Stationen auf dem Wege zur Freiheit«, geschrieben unter der Drohung seines gewaltsamen Todes im Tegeler Gefängnis, Luthers Schrift in nicht weniger herausfordernde Verse überführt. Sie sprechen in der Summe von »wunderbarer Verwandlung«. Deren Beginn zeigt jene Grundrichtung an, in die wir zu gehen haben, sind wir erfüllt von eben jener »Freiheit eines Christenmenschen«. Dieser hat Luther eine nie verblassende Kontur gegeben: »Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem / Zucht der Sinne und deiner Seele, daß die Begierden / und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen … // Tritt aus dem ängstlichen Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, / nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, / und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.«

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden vor.

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Luther bei den Katholiken

6. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Chile: 12 000 Kilometer von Wittenberg entfernt wird nicht nur das Reformationsjubiläum groß gefeiert. Der 31. Oktober ist sogar seit mehreren Jahren staatlicher Feiertag.

Es mag verwundern, dass der Reformationstag in einem sehr katholisch geprägten Land wie Chile im Feiertagskalender steht. Und in der ersten Verfassung des Landes aus dem Jahr 1812 wird auch betont, dass Chile katholisch ist »und für immer sein wird«. Doch wenige Jahrzehnte später brachten deutsche Siedler nicht nur ihre Hoffnungen von einem besseren Leben mit nach Chile, sondern auch Luthers Kleinen Katechismus, ihre Gesangbücher und ihren Glauben.

Heute gibt es zwei lutherische Kirchen im Land »am anderen Ende der Welt«. Das ist allerdings nicht Ausdruck der großen Zahl ihrer Mitglieder, sondern einer Spaltung, die in den 1970er- Jahren stattfand. Die unterschiedliche Bewertung der Präsidenten Augusto Pinochet und des von ihm durch einen Militärputsch gewaltsam abgesetzten Salvador Allende spaltete damals das ganze Land und leider auch die lutherischen Christinnen und Christen.

Das große Ziel, im 500. Jahr die beiden Kirchen wieder zu vereinigen oder wenigstens unter einem gemeinsamen strukturellen Dach zusammenzuführen, ist trotz intensiver Bemühungen im Mai gescheitert. Alte Wunden und neue Ängste verhindern immer noch, dass man gemeinsam Zeugnis gibt – vom lutherischen Glauben, aber auch davon, dass Versöhnung möglich ist.

Lutherrose für die Pfarrerin: Nicole Oehler bekommt ein selbst gestaltetes Geschenk von den Schülerinnen des Colegio Belén O’Higgins. Foto: Versöhnungsgemeinde Santiago de Chile

Lutherrose für die Pfarrerin: Nicole Oehler bekommt ein selbst gestaltetes Geschenk von den Schülerinnen des Colegio Belén O’Higgins. Foto: Versöhnungsgemeinde Santiago de Chile

Unsere Gemeinde trägt die Versöhnung im Namen und wir sind traurig, dass es nicht gelungen ist, diesen Schritt aufeinander zuzugehen. Wir haben uns aber trotzdem nicht davon abhalten lassen, zahlreiche Aktionen zum Reformationsjubiläum gemeinsam mit der anderen Kirche zu veranstalten: Filme und Vorträge, Diskussionsreihen und Ausstellungen standen dabei auf dem Programm. Außerdem haben wir als Versöhnungsgemeinde versucht, nicht nur Geschichte und Theologie Luthers und seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter lebendig werden zu lassen, sondern vor allem auch mit dem Leben heute zu verknüpfen.

So fand zum Beispiel ein großes Luther-Essen in unserer Kirche »Zum Guten Hirten« statt. Mit gutem Essen, Wein, Bier, dem chilenischen Nationalgetränk Pisco Sour und vielen Infos rund um die Reformation. Wir haben dabei unseren Glauben diskutiert und an den Tischen unter anderem Werbekampagnen entwickelt – zum Beispiel mit der Fragestellung: »Warum ist es gut, heute in Chile lutherisch zu sein?«

In unserem Sozialprojekt, einer Schule für 400 Kinder im armen Süden der chilenischen Hauptstadt Santiago, fanden vor zwei Wochen Projekttage statt. Hier stand eines der »4 solus« im Mittelpunkt: die Schrift. Jede Klasse bearbeitete ein Thema rund um die Bibel und Martin Luthers Entdeckungen in ihr. Tolle Werke sind dabei entstanden, die an einem Ausstellungstag der Schulöffentlichkeit und weiteren Interessierten präsentiert wurden.

Foto: Aus dem Fotoalbum der Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile: Banner an der Kirche – »Wir feiern 500 Jahre Reformation!«

Foto: Aus dem Fotoalbum der Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile: Banner an der Kirche – »Wir feiern 500 Jahre Reformation!«

Ausgerechnet in diesem Jubiläumsjahr wurde der nationale Feiertag in Chile auf den 27. Oktober vorverlegt. Das macht deutlich, dass er hier eben der »Tag der evangelischen und protestantischen Kirchen« (»Día Nacional de las Iglesias Evangélicas y Protestantes«) und nicht der Reformationstag ist. Denn damit sind weniger wir Lutheraner, die Reformierten oder Methodisten gemeint, sondern die hier in den letzten Jahren stark gewachsenen Freikirchen (evangélicos). Zu ihnen gehören knapp 20 Prozent der Bevölkerung, dagegen nur einige Zehntausend zu den lutherischen Gemeinden.

Nichtsdestotrotz hat es sich Staatspräsidentin Michelle Bachelet nicht nehmen lassen, am »echten« Reformationstag am 31. Oktober zu uns in die Kirche zu kommen, wo beide lutherische Kirchen gemeinsam (!) an Luther erinnern. Bereits am vergangenen Sonntag hat unsere Gemeinde einen Reformationsgottesdienst in deutscher Sprache unter dem Motto »Ein feste Burg ist unser Gott« gefeiert.

Pfarrer Johannes Merkel

Der Autor wuchs in Moritzburg auf und hat in Leipzig Theologie studiert. Seit 2014 sind er und seine Frau Nicole Oehler, Pfarrer in Chile.

www.lareconciliacion.cl/de

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Spagat: »menschlich wichtig und ökonomisch machbar«

6. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Oberkirchenrat Thomas Begrich zur Schließung des Johanniter-Krankenhauses in Genthin

Der Sekretär für Gesundheitswesen bei der SED-Bezirksleitung erklärte mir einst, warum er nur in ein kirchliches Krankenhaus gehen würde: Dort meine man immer den ganzen Menschen. Besser kann man den kirchlich-diakonischen Anspruch kaum beschreiben. Damals, in den 1980er-Jahren, war ich Verwaltungsleiter am Johanniter-Krankenhaus in Genthin. Es war in dieser Zeit eine große Herausforderung, so ein Krankenhaus aufrechtzuerhalten. Es gab so vieles nicht. Statt mit Koks musste mit purer Braunkohle geheizt werden, die Röntgenanlage war überaltert, die Telefonanlage funktionierte nicht recht. Viel Hilfe haben wir aus dem Westen bekommen. Die Diakonie finanzierte eine Philips-Röntgenanlage, engagierte Menschen von den Johannitern verschafften uns eine Telefonanlage aus Westberlin oder brachten neue Autoreifen für den Barkas … Das meiste aber wurde selbst getan: Mit engagierten Mitarbeitern geht fast alles! Besonders haben mich die Frauen der Krankenhauswäscherei beeindruckt, die unter schwierigsten Verhältnissen arbeiten mussten – aber immer da waren!

Verlassen: Das Johanniter-Krankenhaus in Genthin kann seinen 150. Geburtstag im nächsten Jahr nicht mehr feiern. Foto: Thomas Begrich

Verlassen: Das Johanniter-Krankenhaus in Genthin kann seinen 150. Geburtstag im nächsten Jahr nicht mehr feiern. Foto: Thomas Begrich

Verlassen: Das Johanniter-Krankenhaus in Genthin kann seinen 150. Geburtstag im nächsten Jahr nicht mehr feiern. Foto: Thomas Begrich

Dann sind wir alle auf die Straße gegangen, haben die friedliche Revolution mitgestaltet. Auf einmal gab es alles – wenn man es finanzieren konnte. Ich wurde an das Konsistorium der evangelischen Kirche in Magdeburg berufen. Es fiel mir nicht leicht von Genthin wegzugehen. Andererseits wusste ich, dass ich für die neue Zeit nicht mehr der Richtige war. So war klar, dass die eigene Krankenhauswäscherei nicht mehr rentabel ist. Die neue Leitung entschied sich für einen externen Dienstleister; die Mitarbeiterinnen waren nicht mehr nötig. Ich hätte das nicht gekonnt. Heimlich schlich ich mich kurz vor Jahreswechsel noch einmal in die Wäscherei, um mich von den Frauen, die in schwerer Zeit die Last getragen hatten, zu verabschieden.

An dieser Episode wird vielleicht deutlich, in welchen Zwängen diakonische Einrichtungen heute stehen. Ist das, was uns menschlich wichtig erscheint, auch ökonomisch machbar und tragbar? Wie geht man damit um? Vor dieser Frage wird die Leitung des Johanniter-Krankenhauses in den letzten Jahren wieder und wieder gestanden haben.

Vielleicht hätte es Lösungen gegeben, vielleicht war es ökonomisch wirklich nicht tragbar. In jedem Falle verliert Genthin, das über Jahrzehnte stolz auf dieses Krankenhaus gewesen war – ebenso wie einst auf das Waschmittelwerk – ein Stück seiner Identität.

Wer wird sich noch an Schwester Charlotte Rahneberg und die das Stadtbild prägenden Schwestern erinnern? Wer an die Ausbildung an der Schwesternschule? Und für Menschen, die gesundheitliche Betreuung benötigen, wird es schwer nach Burg, Brandenburg oder Stendal fahren zu müssen. Aber vielleicht wird der Geist dieses Krankenhauses mit den Mitarbeitern, die nun auch weiterziehen müssen, an andere Häuser getragen.

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Ökumene in der »Ewigen Stadt«

2. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Protestant in Rom: Hier ist Jens-Martin Kruse seit 2008 Pfarrer der evangelischen Christuskirche. Vor seinem Amtsantritt als Hauptpastor der Hamburger Petrikirche stellte er sich den Fragen von Willi Wild.

Begegnung: Papst Franziskus bei seinem Besuch in der evangelischen Christuskirche mit Pfarrer Kruse. Fotos: epd-bild

Begegnung: Papst Franziskus bei seinem Besuch in der evangelischen Christuskirche mit Pfarrer Kruse. Fotos: epd-bild

Wie sieht Ihre persönliche ökumenische Bilanz im Reformationsjahr aus?
Kruse:
Die Ökumene ist die entscheidende Dimension 2017 gewesen. Es hat angefangen mit dem großen ökumenischen Gottesdienst in Lund am 31. Oktober 2016 mit Papst Franziskus und Bischof Younan vom Lutherischen Weltbund. Und das hat im Grunde genommen das ganze Jahr 2017 unter ein ökumenisches Vorzeichen gestellt. Das hat sich niemand vorher vorstellen können. Das hat auch keiner zu hoffen gewagt, dass dieses Jahr 2017 in Italien einen ökumenischen Impuls gibt, wie wir das jetzt staunend erleben.

Was ist passiert?
Kruse:
Die öffentliche Aufmerksamkeit für diese ganz kleine evangelische Gemeinde hier in Rom mit 500 Gemeindemitgliedern in dem großen Meer der römisch-katholischen Kirche ist ganz erstaunlich. Ob es das Fernsehen ist, ob es das Radio ist, ob es die Printmedien sind, ob es die Universitäten sind oder die Gemeinden, überall ist ein ganz großes und sehr ehrliches, wohlwollendes Interesse an Martin Luther.

Ich hätte jemand einstellen können, der sich nur um die Anfragen kümmert. Bislang ist Luther hier nicht vorgekommen. Auch mit dem Namen konnten bis vor Kurzem die wenigsten etwas anfangen. Jetzt erlebe ich neugieriges offenes Interesse: Wer war Luther? Was zeichnet die Reformation aus? Und wer seid ihr eigentlich, ihr Evangelischen?

Aus Rücksicht auf die katholische Kirche wurde aus dem Lutherjahr ein Christusfest. Für die Kritiker hat man damit den Reformator und die Reformation weichgespült.
Kruse: I
ch finde, es ist eine Stärke für die evangelische, aber auch für die katholische Kirche, dass man dieses Jahr gemeinsam als Christusfest feiert. Und ich hab überhaupt keine Angst oder Sorge, dass eine der beiden Kirchen irgendwie etwas weichspülen würde oder etwas nicht klar genug wäre – im Gegenteil. Also von außen gesehen mit Blick auch von Rom oder den Blick der römisch-katholischen Weltkirche auf die ganze Welt, brauchen wir genau dieses ökumenische Zeugnis heute.

Wäre nach Ihrer Einschätzung mehr Ökumene drin gewesen?
Kruse:
Dass dieses Jahr in einer großen Übereinstimmung und Gemeinsamkeit von evangelischen und katholischen Kirchen gefeiert wird, ist per se erst mal ein sehr positives Zeugnis. Mein Eindruck ist, dass man aufgrund dieses positiven Verlaufs durchaus noch mehr aus diesem Jahr 2017 rausholen könnte. Man sollte sich nicht zufrieden zurücklehnen, sondern die Verpflichtung, den Auftrag für mehr Ökumene angehen.

Was heißt das konkret?
Kruse:
Stichwort »Gemeinsames Abendmahl für konfessionsverbindende Ehen« – der Schwung des Jahres 2017 sollte genutzt werden, um zu konkreten Vereinbarungen zu kommen.

Warum ist das gemeinsame Abendmahl so wichtig?
Kruse:
Zum einen ist es ein sichtbares Zeichen der Einheit der Christenheit. Außerdem leiden die konfessionsverbindenden Ehepaare ganz existenziell darunter, dass wir als Kirchen noch nicht mehr Einheit haben. Deshalb ist es wichtig, dass dieser Not abgeholfen wird.

Ist eine Lösung in Sicht?
Kruse:
Es gibt eine berechtigte Hoffnung, mit guten Gründen, dass wir nicht über Jahrzehnte reden, sondern über Monate und wenige Jahre. Das gemeinsame Abendmahl ist eben auch innerkatholisch denkbar und vom Kirchenrecht her heute schon abgedeckt.

Im Grunde braucht es weder theologisch noch kirchenrechtlich viel, um zu einer Vereinbarung zu kommen. Papst Franziskus hat dazu ausdrücklich Mut gemacht. Und da darf man diesen Papst sehr ernst nehmen. Es ist gut, nicht zu drängen, aber deutlich zu machen, dass wir darauf zugehen.

Wie halten Sie es in Ihren Abendmahlsgottesdiensten?
Kruse:
Sowohl in evangelischen als auch katholischen Kirchen gilt die Gastfreundschaft. Es ist gängige Praxis – auch in Rom –, dass niemand vom Tisch des Herrn abgewiesen wird. Wichtig ist, dass zukünftig keiner mehr ein schlechtes Gewissen dabei haben muss.

Menschen ist es gelungen die Trennung herbeizuführen, dann müssten sie doch auch die Einheit wieder hinbekommen, oder?
Kruse:
Das ist richtig, nur dürfen wir uns nicht überheben. Mit unseren menschlichen Kräften gelingt uns Einheit eher selten. Deshalb ist die geistliche Ökumene, das Gebet um Einheit, die Gebetswoche für die Einheit der Christen eben tatsächlich so was wie die Herzkammer der Ökumene. Das lässt uns nicht aus der Pflicht, all das zu tun, was uns möglich ist. Aber ohne den Beistand des Heiligen Geistes kommen wir an der Stelle nicht weiter.

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Lesen macht die Seele heil

1. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Buchmarkt nahm vor 500 Jahren seinen enormen Aufschwung – auch dank der Reformation. Noch immer steckt Luther in der deutschen Lesekultur.


Allen Krisen des Buches zum Trotz: Deutschland hat auch 2017 noch den zweitgrößten Buchmarkt der Welt, und im 500. Jahr des Reformationsjubiläums gibt es hier noch immer eine Lesekultur, die ihresgleichen sucht. Zwölf Bücher erwarb im Schnitt jeder Deutsche im vergangenen Jahr, laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Dabei ist es Theologen und Kulturforschern zufolge kein Zufall, dass das Leseland zugleich dasjenige der Reformation ist.

Als eine der »großen kulturellen Errungenschaften des Protestantismus« bezeichnet es der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, das »Lesen fast zu einer religiösen Tätigkeit« gemacht zu haben. Aus lutherischer Sicht gehört dies zum Glaubensleben dazu wie der Kirchengang: Dass ein Mensch sich selber bildet, indem er sich zurückzieht, ein Buch liest, den Text auf sich wirken lässt und ihn laut Claussen »in sich hineinbildet«. Dieses Bildungsverständnis hat die Deutschen seiner Meinung nach stark und letztlich konfessionsübergreifend geprägt.

Bildung: Dass Kinder lesen lernen, ist eine der großen Errungenschaften des Protestantismus. Foto: Konstantin Yuganov – fotolia.com

Bildung: Dass Kinder lesen lernen, ist eine der großen Errungenschaften des Protestantismus. Foto: Konstantin Yuganov – fotolia.com

Martin Luther (1483–1546) hatte die Alphabethisierung vorangetrieben, um den Gläubigen das Lesen der Bibel zu ermöglichen. Durch die Lektüre sollten sie sich – unabhängig von kirchlichen Autoritäten – selbst ein Bild vom gnädigen Gott machen. Das war das vornehmste Ziel. Die Bibel sei alles, was ein frommer Christ brauche, schrieb der Wittenberger Theologieprofessor. Der Reformator, der 1517 seine 95 Thesen zur Erneuerung der Kirche veröffentlicht und dadurch unbeabsichtigt deren Spaltung ausgelöst hatte, las selber begeistert im »Buch der Bücher«. Er las immer wieder, hatte geradezu ekstatische Leseerlebnisse. Ihm ging es vor allem darum, nicht möglichst viel, sondern das Richtige zu lesen. Das aber mit großer Intensität.

Eine Bücherflut beklagte er schon damals, als der Buchdruck – nicht zuletzt wegen der aufrüttelnden theologischen Dispute der Zeit – einen ungeheueren Aufschwung nahm. In seiner Schrift »An den christlichen Adel deutscher Nation« appellierte Luther 1520 an die Obrigkeit, die Schulbildung für das Volk voranzubringen, aber auch auf die Qualität die Bücher achten.

Zunächst erschienen Bibeln, Gebetsbücher und Erbauungsliteratur, die in Schulen und Hauskreisen gelesen wurden. Im 18. Jahrhundert rief die Entstehung des weltlichen Romans zugleich die Kritik auf den Plan: Theologen, für die Lesen und Glauben eng verbunden war, betrachteten die neue Unterhaltungsliteratur und die mit ihr verbundene »Lesesucht« mit Sorge.

Was dem Einzelnen als Tipp angesichts der Informations- und Bücherflut helfen mag, wird der Buchhandel nicht gerne hören. Heute hat die Branche, die ihren Aufschwung der Reformation vor 500 Jahren verdankt, tatsächlich zu kämpfen. In fünf Jahren (bis 2016) brach laut »Frankfurter Allgemeine Zeitung« der Umsatz gedruckter Bücher um 13 Prozent ein, E-Books konnten den Verlust nicht auffangen.

Die heutige von Digitalisierung, Smartphone und E-Mails bestimmte Kultur sei dem Lesen abträglich, sagt auch Claussen. Lesen bedeute, sich für eine längere Zeit zurückzuziehen aus dem »öffentlichen Dauergequassel«. Das werde heute immer schwieriger, weil man dauernd erreichbar sein müsse. Der Hamburger Theologe plädiert dafür, sich die Auszeit dennoch zu nehmen, gut lutherisch weniger und intensiver zu lesen. Dabei vor allem den eigenen »Lese­spuren« zu folgen statt algorithmisch vorgeschlagener Titel und Bestseller-Empfehlungen.

Dass das Lesen dem Seelenheil dient, sieht auch Claussen so. »Der Glaube kommt durch das Wort.« Und das könne man nicht nur hören, sondern auch lesen. Lesen heiße bei Luther immer auch deuten, es auf das eigene Leben beziehen, sagt Claussen. Und das sei die Grundbewegung des Glaubens, eine Botschaft nicht nur zu schlucken, sondern sie sich »kreativ anzueignen«.

Renate Kortheuer-Schüring (epd)

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»Marseillaise der Reformation«

1. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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»Ein feste Burg ist unser Gott«: Religiöses Trostlied und Schlachtengesang

Menschen singen es seit bald 500 Jahren, aber nicht immer war der Gesang rühmlich: Martin Luthers Lied »Ein feste Burg« haben verschiedene Gruppierungen für sich vereinnahmt, auch die Nationalsozialisten.

Einmal im Jahr, da singen sie alle! Selbst die Männer schmettern mit, wenn am Reformationstag »Ein feste Burg« gesungen wird – obwohl die Melodie gleich in den höchsten Tönen beginnt.

Liegt es am Text, der Gott mit einem trutzigen, Schutz bietenden Bauwerk gleichsetzt, oder an der Melodie, die in kräftigen gleichmäßigen Viertelnoten einherschreitet? Vermutlich ist es diese Kombination, die das Lied zur »Marseillaise der Reformation« (Heinrich Heine) gemacht hat.

Martin Luther ließ sein Lied 1529 drucken. Vorlage war der Psalm 46, ein vertrauensvoller Text, der die Stadt Gottes beschreibt, die trotz des drohenden Weltuntergangs »fein lustig bleiben soll mit ihren Brünnlein«. Keine Trutzburg – da ist etwas in Bewegung, im Fluss. Vertont ist dieser Text mit einer typischen Renaissance-Melodie mit tänzerischem Schwung, die den Inhalt der ersten Strophe nachzeichnet.

Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg mit dem Schriftzug des Choraltitels »Ein feste Burg ist unser Gott« von Martin Luther. Aus dem Glaubenslied wurde in Bismarcks Kaiserreich ein vaterländischer Kampfgesang. Das Lied fand in Druckschriften des Ersten Weltkrieges inflationäre Verwendung. Foto: epd-bild

Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg mit dem Schriftzug des Choraltitels »Ein feste Burg ist unser Gott« von Martin Luther. Aus dem Glaubenslied wurde in Bismarcks Kaiserreich ein vaterländischer Kampfgesang. Das Lied fand in Druckschriften des Ersten Weltkrieges inflationäre Verwendung. Foto: epd-bild

Im zweiten Teil gerät der Rhythmus ins Wackeln, wenn »der alt böse Feind« vorgestellt wird. Dieser marschiert im Gleichschritt, wenn er »es jetzt mit Ernst meint« und »groß’ Macht und viel List« einsetzt. Seine »grausame Rüstung« bringt ihn aber rhythmisch wieder ins Straucheln. Die Macht des bösen Feindes wird durch den Melodieverlauf ironisch gebrochen.

Psalmlieder gehören in Luthers Gottesdienstpraxis zu den ersten Gesängen, die der Gemeinde neben den Katechismusliedern anvertraut werden. Dabei geht Luther sehr frei mit der biblischen Vorlage um, ergänzt sie christologisch und führt neue Bezüge ein.

So hat Luther mit dem »alt bösen Feind« ein Gegenbild zu Gott vorgestellt, das nicht aus dem Psalm stammt. Allerdings bleibt dieses Bild unklar – wer oder was ist damit gemeint? Diese Unbestimmtheit hat es vielen Generationen leicht gemacht, ihre je eigenen Bedeutungen einzutragen. War es zunächst der Teufel, der für Luther eine reale Bedrohung war, wurden es später die Gegner der lutherischen Lehre oder im Kriegsgeschehen die politischen Feinde.

Mittlerweile war die ehemals stark rhythmische Melodie durch den Gruppengesang erstarrt, die Gemeinden hatten sie sich in gleichmäßigen Notenwerten zurechtgesungen. 1738 wird sie erstmalig im geraden Vierteltakt gedruckt. Dann ist es nicht mehr weit bis zur Marschmusik.

Im Psalm 46 wird Gott gepriesen, der den Kriegen ein Ende macht und Kriegsgerät zerstört.

Bald übernahmen die Menschen die Kriegsführung und nutzten das »Feste-Burg-Lied« als Schlachtengesang. Wo Luther auf die Kraft des Wortes zur Überwindung des Gegners vertraute: »ein Wörtlein kann ihn fällen«, wurden im Dreißigjährigen Krieg Söldner mit diesem Lied in den Kampf geschickt. Gemeinsames lautes Singen stärkt den Einzelnen und die Gruppe – und die »Feste Burg« spielt dabei nicht nur rühmliche Rollen. Der Choral wird zum erhebenden Feiergesang der Reformationsjubiläen. Im 18. Jahrhundert kommen nationalistische Töne dazu. In der Liedersammlung »Des Knaben Wunderhorn« wird der Choral als »Kriegslied des Glaubens« geführt und von Studentenverbindungen, Turnervereinigungen und anderen Männerbünden kraftvoll zelebriert. 1871 verarbeitet Richard Wagner den Choral in seinem »Kaisermarsch«, im Ersten Weltkrieg wird das Lied zum nationalen Kriegsgesang gegen die »altbösen Feinde« Frankreich und England, im Nazideutschland geht es nicht mehr um Christus: »der rechte Mann« heißt Hitler und »das (deutsche) Reich muss uns doch bleiben«.

Gleichzeitig hat Luthers Lied aber auch bedrohten Christinnen und Christen Trost gespendet, zur Stärkung verfolgter Gemeinden beigetragen und sich weltweit im Protestantismus verbreitet.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert wird das Lied, wie schon im Barock, liturgisch wieder dem Sonntag Invokavit, dem Beginn der Passionszeit, zugeordnet, um der triumphalistischen Verwendungstradition entgegenzuwirken. Im Evangelischen Gesangbuch sind beide Melodien abgedruckt – ich wünsche mir, dass viel öfter die erste, originale Melodie in einem flüssigen Tempo gesungen wird. Das muss in unseren Gemeinden sicher ein bisschen geübt werden – aber dann fängt die »Feste Burg« an zu swingen!

Christa Kirschbaum

Die Autorin ist Landeskirchenmusikdirektorin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

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