Schwere Erinnerungen

8. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Eichmann-Prozess: Holocaust-Überlebender und Eichmann-Vernehmer berichtet

An die erste Begegnung mit dem früheren SS-Obersturmbannführer und Organisator des Holocausts, Adolf Eichmann, kann sich Michael Goldmann-Gilead noch genau erinnern. Er habe es erst gar nicht glauben wollen, dass dieser Mann einer der Hauptverantwortlichen für die Ermordung von Millionen Juden gewesen sein soll, erinnert sich der ehemalige Polizeioffizier. »Aber als er den Mund geöffnet hat, hatte ich den Eindruck, dass sich die Tore zu den Gaskammern öffnen.«

Goldmann-Gilead erzählt von seinen Erfahrungen mit einer der Schlüsselfiguren des Holocausts im Vorfeld des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. Der einstige Vernehmer gibt im Rahmen des Zeitzeugenprojektes »Fragt heute!« der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Sachsen-Anhalt einen Einblick in die Vorgeschichte und den Verlauf des Prozesses. In seinen Ausführungen geht es um die Bedeutung des Verfahrens für die Aufarbeitung des Holocausts. Und Goldmann-Gilead weiß, wovon er spricht. Er wird 1925 in Kattowitz als Kind jüdischer Eltern geboren und wächst in Oberschlesien auf, bis die Familie 1939 vor den Nazis flieht. Mit 17 Jahren verliert er seine Eltern und seine damals zehnjährige Schwester, die ins Vernichtungslager Belzec gebracht werden. Er selbst überlebt Zwangsarbeit, Peitschenschläge und das KZ Auschwitz. Bei einem Todesmarsch gelingt ihm im Januar 1945 die Flucht. Zwei Jahre später setzt er sich nach Israel ab, wo er bis heute lebt. Dort wird er Polizist und meldet sich freiwillig für die Aufgabe als Vernehmer. »Als Ministerpräsident David Ben-Gurion in der Knesset erklärt hat, Eichmann sei in Israel, hat mich das elektrisiert«, erinnert er sich.

Für den Prozess sammelte Goldmann-Gilead Informationen. Zusammen mit seinen Kollegen der Spezialeinheit »Büro 06« ist er maßgeblich mit an der Anklage beteiligt. 1961 eröffnet das Bezirksgericht in Jerusalem das Verfahren gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer, der einer der führenden Köpfe der Wannsee-Konferenz war, auf der 1941 die »Endlösung der Judenfrage« beschlossen wurde. Am Ende des Prozesses steht das Todesurteil, das 1962 vollstreckt wird. Die Leiche des NS-Verbrechers wird verbrannt und die Asche im Mittelmeer ausgeschüttet.

Zeitzeuge: Michael Goldmann-Gilead. Foto: Martin Hanusch

Zeitzeuge: Michael Goldmann-Gilead. Foto: Martin Hanusch

Mitunter ringt Michael Goldmann-Gilead bei seinem Bericht um die richtigen Worte und unterstreicht seine Ausführungen mit Kopien von Dokumenten. Er will zeigen, dass Eichmann eben nicht »die kleine Schraube in der Vernichtungsmaschinerie« war, wie er selbst behauptete, sondern einer der Hauptverantwortlichen für die massenhafte Deportation und Ermordung der europäischen Juden. Hier widerspricht er auch der Darstellung der jüdischen deutsch-amerikanischen Publizistin Hannah Arendt, die mit ihrer Formulierung von der »Banalität des Bösen« weithin die Sicht auf den Prozess bestimmt. »Eichmann war nicht nur Befehlsempfänger, er war ein Judenhasser, der sich gezielt für die Liquidierung der Juden eingesetzt hat«, ist Goldmann-Gilead überzeugt. Im Prozess sei nachgewiesen worden, dass er auch selbst Befehle gegeben habe.

Die historische Bedeutung des Eichmann-Prozesses sieht Goldmann-Gilead aber vor allem darin, »dass die Menschen in Israel erfahren haben, was damals passiert ist«. Lange sei das kein Thema gewesen, hätten die Überlebenden geschwiegen. »Die Menschen konnten nicht glauben, was wir mitgemacht haben.« Der Prozess habe den Holocaust-Überlebenden die Möglichkeit gegeben, nicht nur den Mund zu öffnen, sondern auch ihr Herz.«

Noch heute beschäftigt den 92-Jährigen der Holocaust. »Es ist nicht leicht, sich zu erinnern, und schwer zu vergessen«, sagt er. Aber über das zu berichten, was damals geschehen ist, sei seine Pflicht. Seine eigene Person und Rolle will er dabei nicht in den Vordergrund stellen. Wichtiger ist es ihm, dass die nachfolgenden Generationen aus der Vergangenheit lernen. Die Kinder und Enkel seien nicht verantwortlich für die Taten ihrer Eltern und Großeltern, gibt er den Besuchern mit auf den Weg. »Aber es ist wichtig, die Lehren daraus zu ziehen und die Demokratie zu verteidigen.«

Zuletzt sprach er darüber, wieso er den Glauben an die Menschen trotz all des Grauens nicht endgültig verloren habe – den Glauben an Gott hat er ohnehin nie verloren. Es seien diejenigen gewesen, die sich unter Lebensgefahr für ihre jüdischen Mitbürger eingesetzt und sie versteckt hatten, die ihm den Glauben an die Menschheit wieder zurückgegeben hätten, so Goldmann-Gilead. »Diese Gerechten unter den Völkern waren die Sterne, die in der dunklen Nacht des Holocausts geleuchtet haben, das vergessen wir nicht.«

Martin Hanusch

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