Quintessenz: Es geht doch!

30. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Premiere: Zum ersten Mal standen sie gemeinsam Rede und Antwort, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Im Gespräch mit Katja Schmidtke und Willi Wild ziehen sie eine Bilanz des Reformationsjubiläums.

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?
Junkermann:
Ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist. Und dass wir so einen starken Doppelpunkt setzen für die vielen Jubiläen, die jetzt noch kommen. Aber ich bin auch froh, dass sich die großen Anstrengungen mit den Veranstaltungen gelohnt haben. Vieles ist gut gelungen. Wo es nicht gelungen ist, haben wir wichtige Erfahrungen gemacht.
Liebig: Für die Mitarbeitenden bin ich froh, dass das jetzt zu Ende geht, denn das war eine starke Belastung. Natürlich zugleich verbunden mit unerwarteten Erfahrungen. Ich erinnere an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder und andere, die Urlaub genommen haben für die Kirchentage auf dem Weg, oder um in Wittenberg im Sommer dabei zu sein.

Wir wissen, dass so ein Enthusiasmus auch einen Spannungsbogen hat, und dieser Spannungsbogen geht jetzt zu Ende. Eines kann man sicherlich sagen: In diesem Jahr, und im Rahmen der Dekade, sind die Themen der Reformation bundesweit und darüber hinaus in den Blick gerückt worden. Ich hatte nicht erwartet, dass die Kirchengemeinden bundesweit das Thema so stark aufgreifen. Wir hatten gehofft, die kommen alle zu uns. Aber die waren so enthusiastisch, dass sie dann von Flensburg bis Berchtesgaden selbst ihren Luther entdeckt haben.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr?
Liebig:
Ein eindrücklicher Höhepunkt war für mich der Kirchentag auf dem Weg in Dessau mit dem Anhaltmahl auf dem Marktplatz und Tausenden von Menschen, die Gastgeber und Gäste waren. Bis heute werde ich gefragt: Wann macht ihr das wieder? Da sind wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch gekommen, die sich gar nicht mehr trennen wollten. Das wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben mit der Quintessenz: Es geht doch!
Junkermann: Mir fallen verschiedene Höhepunkte ein. Die ökumenischen Gottesdienste, der Pilgerweg der Versöhnung durch Wittenberg im November 2015. Da haben wir uns klargemacht, wie viele Scherben wir angerichtet haben. Den ökumenischen Gottesdienst, den wir Himmelfahrt 2017 in Magdeburg am Elbufer gefeiert haben, in aller Öffentlichkeit, mit vielen neugierigen Nichtchristen. Anschließend haben die Gemeinden die Tische gedeckt. Und auch hier konnten sich Menschen begegnen. Das war bei den Kirchentagen auf dem Weg auch die Erfahrung in Halle, Weimar oder Erfurt. Dort, wo Kirchengemeinden als Gastgeber auf öffentliche Plätze gegangen sind und zum zwanglosen Gespräch bei Kaffee und Kuchen oder Herzhaftem und Wein eingeladen haben, war die Resonanz sehr gut.

Beeindruckt war ich auch vom Konfi- Camp vor den Toren Wittenbergs. Ich habe 1 500 Jugendliche begeistert und laut erlebt, die dann bei der anschließenden Andacht ganz konzentriert und ruhig mitgefeiert haben. Die Camps kamen bei den Jugendlichen so gut an, dass wir uns entschlossen haben, sie in den nächsten drei Jahren fortzuführen.

Was ist gefloppt, was hätte man besser weggelassen?
Junkermann:
Ich kann keine wirkliche Pleite benennen. Die absoluten Besucherzahlen bei den Kirchentagen auf dem Weg waren geringer als prognostiziert. Ich habe selbst erlebt, dass bei einer Podiumsdiskussion anfänglich nur eine Besucherin da war. Später wurden es dann noch 18, das war auch noch sehr übersichtlich, aber intensiv.Das ist für mich eine sehr wichtige Lernerfahrung. Die Menschen haben es satt, anderen bei der Diskussion zuzuhören. Sie wollen selbst beteiligt werden. Das traditionelle Kirchentagskonzept geht heute – zumindest bei uns – nicht mehr auf. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um intensive Gespräche in kleineren Gruppen.
Liebig: Ich frage mich, woran liegt das eigentlich, dass in den Medien bundesweit pauschal über das Reformationsjahr geurteilt wird? Ich sehe hier ein Missverständnis. Kirchentag hat hier bei uns in Mitteldeutschland einen anderen Klang als in Frankfurt oder in Hamburg. Kirchentage waren immer Orte eines intensiven Bekenntnisses zu Zeiten des Kirchenbundes der DDR. Wer zum Kirchentag ging oder gar da öffentlich auftrat, musste gewärtig sein, das wird möglicherweise Konsequenzen haben.

Das heißt, Kirchentag ist nicht immer einfach ein »Happening« gewesen, was es auch im Westen nicht war. Aber im Grunde als Gattung eine problemfreie Form, von der dann die Vorstellung bestand, solche Kirchentagsformate nicht nur an einem langen Wochenende von Himmelfahrt bis Sonntag zu machen, sondern über den ganzen Sommer hinzuziehen. Und so kamen prognostizierte Zahlen letztlich auch zustande.

Nun hat sich gezeigt, dieses Format trägt nicht über so lange Zeit. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wird sich fragen müssen, welche Formate sind zukünftig unter Beachtung der Erfahrungen in diesem Jahr erfolgreich.
Junkermann: Eins möchte ich auch ganz klar benennen: Es hat bei den Menschen hier großes Befremden ausgelöst, dass man für kirchliche Veranstaltungen Eintritt zahlen muss. 26 Euro für die Tageskarte, das war auch ein Faktor, warum so wenig gekommen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, Spendenkörbchen durch die Reihen gehen zu lassen.
Liebig: Da ist das ursprüngliche westdeutsche Kirchentagsformat in unzulässiger Weise einfach übertragen worden. Zwei unterschiedliche Kulturen stießen und stoßen aufeinander.

Wo war die ostdeutsche Stimme bei den Planungen oder wurde sie einfach nicht wahrgenommen?
Junkermann:
Der Vorschlag zu regionalen Kirchentagen kam von uns in der EKM. Bei der gemeinsamen Auswertung mit den Beteiligten der mitteldeutschen Landeskirchen fiel immer wieder ein Stichwort: Ignoranz. Wir haben im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Planungen und Vorschläge des Vereins r2017 vielfach nicht mit unseren Erfahrungen gedeckt sind. Bei manchem haben wir überraschend gelernt, wie gut es ist, groß zu denken und zu planen, bei anderem hat sich unsere Erfahrung – leider – bestätigt. Aber: Für uns alle war das ein neues Format, so mit dem großen Festgottesdienst verbunden.
Liebig: Es gab und gibt einen großen Unterschied zwischen den volkskirchlich geprägten Gebieten in der EKD und einer Minderheitensituation, wie wir sie hier bei uns haben. Ja, es gibt Solidarität unter den Landeskirchen, wie sie beispielsweise durch den Finanzausgleich deutlich wird. Aber es schwingt immer auch mit: Wann ist es denn nun endlich bei euch so wie bei uns? Und da sage ich jetzt nach nunmehr 10 Jahren im Amt: Es wird nie so sein wie bei euch.

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

Der Ausgangspunkt im Osten war ganz anders. Wir werden gemeinschaftlich auf eine neue Situation zugehen, die wir noch gar nicht ganz genau beschreiben können. Diese Minderheitssituation wird also dauerhaft erstmal bleiben, wenn der Herr nicht eine Erweckung durch Mitteldeutschland wandern lässt, was immer möglich ist. Und es wird nicht so bleiben in den westlichen Gliedkirchen. In Hamburg war schon Ende der 1970er-Jahre nur eine Minderheit Mitglied einer Kirche. Die urbanen Zentren des Westens haben durchaus vergleichbare Situationen zu unseren. Aber das ist noch ein Tabu. Ich finde, dieses »ihr da drüben, wir hier« sollten wir hinter uns lassen.

Am Ende wird abgerechnet. Rechnen Sie mit Nachforderungen?
Junkermann:
Die Abrechnung der Kirchentage auf dem Weg ist im nächsten Frühjahr zu erwarten. Als Mitträger und Veranstalter sind wir natürlich in der Pflicht. Wir stehlen uns nicht aus der gemeinsamen Verantwortung. Ich fände es auch nicht angemessen, wenn wir uns zurückziehen: »Na, wir wussten es immer.«
Liebig: In der Summe ist das beträchtlich, was da geflossen ist. Viele fragen sich, ob dieses Geld nicht besser anderweitig verwendet worden wäre. Meine Antwort ist ganz klar: Nein! Ohne den Deutschen Evangelischen Kirchentag oder den Durchführungsverein r2017 hätten wir uns an diese Formate nicht herangewagt. Sie wären völlig undenkbar gewesen.
Wir wissen jetzt, wie es ist, als Minderheitskirche in die Mehrheitsöffentlichkeit hinauszugehen. Was funktioniert und was funktioniert nicht? Das mussten wir irgendwann auch mal wissen. Und jetzt wissen wir’s.
Junkermann: Ich bin überzeugt, dass es nicht am Geld hängt. Geld ist nur ein Indikator dafür, wo unsere Probleme sind. Es ist ein Irrglaube, zu denken, kirchliches Leben hinge an der Finanzierbarkeit. Kirchliches Leben hängt am Glauben. Und darüber sprachfähig zu sein, das ist die Aufgabe über das Reformationsjahr hinaus.
Liebig: Ich wage auch zu behaupten, dass an keiner Stelle jemandem etwas weggenommen oder vorenthalten wurde. Wir haben derzeit die komfortable Situation, dass die Einnahmen nicht rückläufig sind. Das Geld für das Reformationsjahr stand tatsächlich zur Verfügung.

Wie ist das Jubiläumsjahr in den Kirchengemeinden aufgenommen worden?
Junkermann:
In sehr vielen Orten und Kirchengemeinden hat man sich mit dem Reformator und der Reformation beschäftigt. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Regionale Bezüge zur Reformation wurden hergestellt. Es gab vielerorts ganze Festwochen, die gemeinsam mit Vereinen und der politischen Gemeinde organisiert worden sind. Das finde ich sehr ermutigend.
Liebig: Ein Beispiel ist für mich das Zerbster Prozessionsspiel. Das ist ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht worden. Vom Bürgermeister, der nicht Kirchenmitglied ist, bis hin zu allen anderen Vereinen war der ganze Ort mit vielen Ortsteilen eingebunden. Die Veranstaltungen waren drei Abende ausverkauft. 400 Ehrenamtliche haben sich mit Kirche, Glauben und Reformation beschäftigt.

Reformation geht weiter. Was bleibt von diesem Jahr?
Junkermann:
Ich denke da vor allem an unsere Initiative »Offene Kirchen«. Ja, es geht langsam voran. Aber es ist auch gut so, weil die Kirchenältesten Zeit brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Wer den Schritt wagt, stellt mit Erstaunen fest, dass eine offene Kirche oft von Einheimischen und gar nicht so sehr von Touristen genutzt wird. Das ist ein gutes Zeichen. Und da wollen wir dranbleiben.
Liebig: Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns als Kirche öffnen und zu den Menschen gehen. Dass das funktioniert, haben die öffentlichen Veranstaltungen auf den Marktplätzen in diesem Jahr gezeigt.

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Tetzel – Ablass – Fegefeuer

24. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Ausstellung »Tetzel – Ablass – Fegefeuer« in Jüterbog nimmt die Frömmigkeit und Ablasspraxis am Vorabend der Reformation in den Blick. Der Ablassprediger Johann Tetzel wird dabei von einer verzerrenden Überlieferung befreit.

Ausstellungen zum Reformationsjubiläum gibt es an beinahe allen Stätten, die mit den konfessionellen Umwälzungen des 16. Jahrhunderts verbunden sind. Dabei scheint mancherorts der Andenkenvertrieb bis hin zum Lutherkitsch die Beschäftigung mit dem Ereignis vor 500 Jahren zu überlagern. Die Jüterboger Ausstellung hebt sich von derlei Rummel wohltuend ab. Im Mönchenkloster, ehemals Heimat des bedeutenden Franziskanerkonvents, und der Nikolaikirche, im April 1517 Predigtort Tetzels, wird die spätmittelalterliche Frömmigkeit sowie die Theologie und Praxis der Ablassverkündigungen dargestellt. Der historisch greifbare Johann Tetzel wird ebenso vermittelt wie die Entstehungsgeschichte der Legenden, die diesen Dominikaner bis heute entstellen.

Die Ausstellung wie auch der lohnende Begleitband setzen die Entwicklung der kirchlichen Bußpraxis von der öffentlichen zur privaten Beichte und die im Hochmittelalter entstandene Vorstellung vom Fegefeuer voraus. Anders als in der traditionellen Überlieferung der Reformationsgeschichte war nicht der Petersablass zum Bau des Petersdoms in Rom der Auslöser der Ablassbewegung, gegen die sich Luther auflehnte.

Ansteigende Rampe zum Kreuz: Die Ausstellung in Jüterbog macht auch durch ihre äußere Konzeption die Frömmigkeit im Vorfeld der Reformation erfahrbar. Foto: Thomas Marin

Ansteigende Rampe zum Kreuz: Die Ausstellung in Jüterbog macht auch durch ihre äußere Konzeption die Frömmigkeit im Vorfeld der Reformation erfahrbar. Foto: Thomas Marin

Nachdem in Rom bereits im Jahr 1300 das erste Heilige Jahr begangen wurde, propagierte zweihundert Jahre später Kardinal Raimund Peraudi als päpstlicher Ablasskommissar den Jubiläumsablass in Deutschland und Nordeuropa. Zuvor hatte es bereits Ablasskampagnen gegeben, deren Erlös vor allem der Abwehr der Türken im Mittelmeerraum diente.

Tetzel, der dem Leipziger Dominikanerkonvent angehörte und über eine gediegene theologische und juristische Bildung verfügte, war ab 1502 als Ablasskommissar tätig. Vor der Ablassverkündigung hatte ein solcher Kommissar die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Dazu gehörten Verhandlungen mit den jeweiligen Obrigkeiten über deren Anteil an den Einnahmen und die Abrechnung der Gelder. Kern derartiger Kampagnen war aber immer das religiöse Bedürfnis der Gläubigen nach Befreiung von den Folgen der eigenen Verfehlungen.

Bußpredigt und Beichte gehörten ebenso zum Gesamtkonzept eines solchen lokalen Jubiläumsablasses wie der Besuch festgelegter Pilgerkirchen nach dem Vorbild der römischen Hauptkirchen. Das finanzielle Opfer, quittiert durch die später berüchtigten Ablassbriefe, war nach dem Einkommen der Gläubigen in Tarife gestaffelt.

Übertreibungen in Predigt wie Organisation hat es dabei zweifellos gegeben, wobei der Hintergrund für Luthers Widerspruch weniger in der nur wenige Kilometer von Wittenberg entfernten Jüterboger Ablasskampagne von 1517, als in seinem theologischen Konzept von der Rechtfertigung allein aus Gnade und Glauben zu finden ist.

Der in Pirna geborene Johann Tetzel war Luthers Gegenspieler, nicht zuletzt durch Gegenthesen, die er 1518 mit dem Rektor der Universität Frankfurt an der Oder, Konrad Wimpina, verfasste. Das große Gegenbild zum Reformator entstand aber erst nach Tetzels Tod durch Legendenbildungen, die sich bis zur Dämonisierung Tetzels steigerten. Hatte der Reformator dem Dominikaner noch kurz vor seinem Tod einen Trostbrief geschrieben, wurde er in Luthers letzten Lebensjahren zunehmend negativ ausgeschmückt. Ein Jahrhundert nach der Reformation war aus Johann Tetzel ein dummer und gewissenloser Schreihals, Betrüger und Ehebrecher geworden.

Die Jüterboger Ausstellung gibt einen spannenden Einblick in die Mentalität und Frömmigkeit der Reformationszeit. Der Begleitband ordnet die Ablasspraxis und die Person Tetzels in die Kirchen- und Landesgeschichte ein, zeigt die Nutzung von Kunst und Drucktechnik für die seelsorglichen wie wirtschaftlichen Wirkungen der Ablasskampagnen auf und wirft mit diversen neuen Forschungsergebnissen ein spannendes Licht auf Leben und Legende Johann Tetzels.

Thomas Marin

Bis 26. November im Mönchenkloster und in der Nikolaikirche in Jüterbog, täglich 10 bis 18 Uhr (Fr. u. Sa. bis 19 Uhr), Eintritt 7 Euro

H. Kühne, E. Bünz, P. Wiegand: »Johann Tetzel und der Ablass«, Lukas-Verlag, 427 S., ISBN 978-3-86732-262-1, 29,80 Euro

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Die Bibel als Betthupferl

23. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Im oder auf dem Nachttisch: Seit über 100 Jahren sorgen Mitglieder des christlichen Gideonbundes für die Ausstattung von Hotels und anderen Einrichtungen mit Bibeln. Doch die Nachfrage nach kostenlosen Exemplaren sinkt.

Oft fällt sie erst auf, wenn sie nicht mehr da ist: die Hotelbibel. Das kleine handliche Buch, entweder diskret im Nachttisch hinterlegt oder offensichtlich obendrauf. Wie häufig sie tatsächlich in die Hand genommen oder gar gelesen wird, ist nicht nachvollziehbar, aber klar war bisher in der Regel: Bevor der Gast sein Hotelzimmer betritt, ist sie schon da. Verlässlich.

Viele dieser Bibeln tragen das Logo mit der Flamme auf einem Krug – das Erkennungszeichen des Gideonbundes. Er gilt deutschlandweit als Hauptverteiler kostenloser Bibeln, nicht nur in Hotels. Im Juli teilte das Missionswerk aus dem hessischen Wetzlar mit, dass der Bedarf von Hotels an Bibeln sinke. Deutschlandweit sei die Zahl von 48 000 angeforderten Exemplaren im Jahr 2006 auf 26 000 im Jahr 2016 gesunken.

»Ich denke, dass eine erhöhte Sensibilität für ›Political Correctness‹ und Religionsvielfalt ihren Anteil daran hat, dass viele Hotels religiöse Schriften nur noch auf Nachfrage an der Rezeption bereithalten«, sagte Markus Luthe, Hauptgeschäftsführer des Hotelverbands Deutschland (IHA) bereits im Dezember des vergangenen Jahres. Dem stimmt auch Fabian Neumann, Sprecher der Gideons in Deutschland zu und ergänzt: »Zudem haben wir auch einen gewissen Sättigungsgrad erreicht, was die Auslage anbelangt.«

Wie die Situation konkret in den Hotels aussieht ist schwer zu erfassen. Der weltweit agierende Verband der AccorHotels, zu dem unter anderem Ibis, Mercure, Novotel und Sofitel gehören, habe sich dazu entschieden, »sich in religiösen Fragen neutral zu verhalten«. In den stichprobenartig angefragten Hotels in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind keine Bibeln oder andere religiöse Schriften mehr vorhanden.

Vertraute Gewohnheit: Die Bibel im Hotelzimmer-Nachttisch

Vertraute Gewohnheit: Die Bibel im Hotelzimmer-Nachttisch

Weniger einheitlich ist die Regelung in den Häusern der Steigenberger Hotels. Es sei »seit 2015 nicht mehr Standard, eine Bibel oder einen Koran in die Zimmer zu legen«, teilte eine Unternehmenssprecherin mit. Für neu eröffnete oder übernommene Hotels werden keine Bibeln mehr angeschafft. In älteren Betrieben können sie jedoch weiterhin verfügbar sein.

Das sind sie in mitteldeutschen Hotels sehr zuverlässig, wie die Nachfrage ergab. Gleiches gilt auch für die zu Best Western und Radisson Blu gehörenden Gästehäuser. Die meisten stellen nur das Neue Testament zur Verfügung, ein sächsisches Hotel bietet zusätzlich das Buch Mormon an. In drei Hotels ist neben dem Neuen Testament auch eine buddhistische Schrift hinterlegt. Lediglich ein Leipziger Hotel hält religiöse Schriften nur auf Nachfrage bereit und verfügt als einziges von rund zwanzig befragten mitteldeutschen Hotels auch über den Koran.

Sollte Gästen das Fehlen einer Bibel im Hotelzimmer auffallen, empfiehlt der Sprecher des Gideonbundes Fabian Neumann, direkt die Leitung des Hauses anzusprechen. »Wir hatten daraufhin schon Anfragen von Hotelgesellschaften, die dann zumindest für das besagte Hotel Bibeln haben wollten«, erklärt er.

Dass die Bibel flächendeckend in Hotels Einzug gehalten hat, geht auf die Erfahrung dreier christlicher Geschäftsmänner Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika zurück. Wegen Überfüllung musste sich John H. Nicholson wiederholt ein Hotelzimmer mit anderen Männern teilen. Beide Bekanntschaften waren auch Christen. Mit ihnen gründete Nicholson im Mai 1899 eine Vereinigung christlicher Handelsreisender. Sie entwickelten die Idee, am Empfang eines jeden Hotels eine Bibel auszulegen.

1956 kam ein Abgesandter der Gideons nach Deutschland. Die ersten Gruppen der Organisation entstanden in Berlin und Frankfurt, zwei Jahre später wurde der Gideonbund als Verein eingetragen. Aktuell hat der Gideonbund über 4 700 Mitglieder in Deutschland. 2016 wurden durch sie über 742 000 Bibeln weitergegeben.

Obwohl die Zahl physisch greifbarer Bibeln in Hotels zurückgeht, könnten sie als App auf E-Book-Lesegeräten wieder vermehrt Einzug halten. Tatsächlich gibt es schon Hotels, die ihre Gästemappe digital auf einem Tablet zur Verfügung stellen. Ein Hotel in Newcastle stattete bereits 2012 seine Hotelzimmer mit eBook-Readern aus, auf dem das Alte und Neue Testament vorinstalliert ist.

In Ergänzung zum »physischen Angebot« bietet inzwischen auch der Gideonbund mit der »Gideon-Bible-App« einen digitalen Zugang zur Bibel. Es gibt sie kostenlos in den App-Stores.

Mirjam Petermann

http://gideons.de

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Mit Gottes Hilfe aus der Abhängigkeit

22. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Befreit: Bei einer Therapie im Diakonie-Krankenhaus Harz hat Jens Reinländer zum christlichen Glauben gefunden. Seit 2011 ist er trocken. Hier erzählt er seine Geschichte:

Ich habe 15 Jahre lang gesoffen und weiß noch sehr genau, wie alles anfing. Zuerst war mein Alkoholkonsum normal, hier und da habe ich bei Partys getrunken. Einmal hatte ich einen Kasten Bier gekauft, weil ich ein paar Leute gebeten hatte, mir beim Umzug zu helfen. Als die nicht wie verabredet kamen, war ich frustriert und habe den Kasten alleine geleert. Über viele Jahre hinweg habe ich versucht, Probleme oder Unzufriedenheiten wegzutrinken. Ich fühlte mich einfach besser, die Probleme schienen kleiner, wenn ich getrunken hatte. Dann steigerte sich die Menge. Ich wurde zum Spiegeltrinker, das heißt, dass ich den ganzen Tag über einen bestimmten Alkoholpegel im Blut halten musste.

Ich habe schon morgens vor der Arbeit mein erstes Bier getrunken. Weil ich als Elektriker viel draußen im Einsatz bin, hat das zunächst niemand gemerkt. Nachmittags und abends ging es dann mit Whiskey Cola weiter, die war an jeder Tankstelle verfügbar. Zu Hause hatte ich Alkohol-Verstecke, es war also immer Vorrat da. Ich spiele im Jugendblasorchester Tenorhorn. Wenn ich damals zu den Proben und Konzerten gegangen bin, war ich natürlich auch nicht nüchtern. Aber ich fühlte mich gut und dachte, niemand merkt mir etwas an.

Aber das stimmt nicht, mittlerweile hatten viele mitbekommen, was mit mir los ist. 2009 sagte eine meiner Orchesterkolleginnen, die ich schon sehr lange kenne und deren Meinung mir wichtig ist, dass ich was ändern muss, wenn ich die Jugendweihe meiner Tochter noch erleben will. Dieser Satz hat mich beschäftigt. Er war der Wendepunkt. Ich habe gemerkt, dass ich ohne Hilfe nicht mehr klarkomme. Auch mein Arbeitgeber sagte, dass ich in dem Zustand nicht zur Arbeit kommen kann. Ich habe dann mit meiner Frau geredet, und sie hat mich zu einer Psychologin begleitet. Dann habe ich recht schnell einen Platz zur Entgiftung im Ballenstedter Krankenhaus bekommen. Dort habe ich zum ersten Mal gehört, dass Alkoholismus eine Krankheit ist. Allerdings ist es keine, die man so einfach abschütteln kann.

Schon zwei Wochen später habe ich wieder angefangen zu trinken. Und so ging es dann immer weiter. Ich habe sieben Entgiftungen und zwei Langzeit-Therapien hinter mir. Ich bin immer wieder rückfällig geworden, weil ich mir eingebildet habe, dass ich es schaffen könnte, kontrolliert zu trinken. Also nur ein oder zwei Bier am Tag. Aber das funktioniert nicht.

Nach der letzten 15-wöchigen Langzeit-Therapie in Elbingerode habe ich es endlich geschafft. Während der Therapie hatten wir die Möglichkeit, jeden Sonntag den Gottesdienst im Diakonissen-Mutterhaus zu besuchen. Mich haben die Gottesdienste immer zum Nachdenken gebracht, obwohl ich bis dahin eigentlich kein gläubiger Mensch war. In den Predigten erkannte ich mich wieder. Sie waren gar nicht so weltfremd, wie ich immer dachte. Ich habe beschlossen, mich darauf einzulassen.

Heute glaube ich an Gott, auch wenn ich eher unregelmäßig in die Kirche gehe. Ich lebe den Glauben für mich allein. Nach einem Gottesdienst in Elbingerode, bei dem ich Gott um Hilfe bat, meine Sucht in den Griff zu bekommen, spürte ich: Jetzt ist es vorbei. Beim Duschen hatte ich das Gefühl, eine Last von mir abzuspülen. Von da an wollte ich nicht mehr trinken. Ich hatte Hoffnung, es jetzt endlich zu schaffen. Ich fühlte mich nicht mehr allein.

Seit 2011 bin ich trocken. Ich bin stolz, dass ich das geschafft habe. Aber mir ist auch bewusst, dass ich ein Leben lang Alki bleibe. Den Alkoholismus hast du nie überwunden. Deshalb habe ich auch die Selbsthilfegruppe gegründet. Hier tauschen wir uns aus und üben Verhaltensweisen, die uns in kritischen Situationen helfen, nicht rückfällig zu werden. Wir haben zu Hause keinen Alkohol im Haus. Das schützt mich. Wenn Freunde kommen, bringen die selbst ihr Bier mit und nehmen das, was nicht getrunken wurde, auch wieder mit nach Hause.

Mein Umfeld weiß Bescheid – meine Freunde, Kollegen und die Familie. Aber es gibt Situationen, in denen ich in Versuchung gerate. Wenn ich zum Beispiel mit dem Orchester auf einem Schützenfest spiele, dann denke ich daran, in der Pause ein Bier zu trinken. Damit das nicht passiert, gehe ich eine Runde spazieren. Das Bierzelt ist sozusagen eine Stresssituation für mich. Mein Suchtgedächtnis will mir sagen: He, dir könnte es gleich besser gehen, wenn du jetzt ein Bier trinkst. Diese Situationen kennen die meisten trockenen Alkoholiker. Das Gute ist, dass es über die Jahre leichter wird. Man darf nur den Mut und die Willenskraft nicht verlieren. Weil wir uns gegenseitig unterstützen, ist die Selbsthilfegruppe wertvoll für uns. Im Moment kommen sieben Männer und Frauen. Die Gruppe richtet sich an trockene Alkoholiker, aber auch an die, die noch trinken und von ihrer Sucht loskommen wollen. Jeder hat ja seine eigene Geschichte, seine eigenen Probleme. Aber die Erfahrungen der anderen sind Gold wert.

Wer sich eingesteht, dass er Hilfe braucht, der ist bei uns willkommen. Wir zeigen einen Weg aus der Sucht auf. Ich selbst führe heute ein anderes Leben als vor der Therapie. Ich habe vieles verändert. Ich bin glücklich, weil alles so gut läuft. Ich brauche keinen Alkohol mehr, um zufrieden zu sein.« Inzwischen ist Jens Reinländer seit sechs Jahren trocken und unterstützt mit der Selbsthilfegruppe »Clean Life« in Halberstadt andere dabei, einen Weg aus der Sucht zu finden.

Aufgeschrieben von Dana Toschner

Tipps
Rund 1,3 Millionen Deutsche sind alkoholabhängig und etwa 9,5 Millionen Menschen in Deutschland trinken zu viel Alkohol. 73 000 Menschen sterben jährlich allein in Deutschland an den Folgen von Alkoholmissbrauch und rund 1 500 Menschen aufgrund illegaler Drogen – Trend steigend. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken und darauf aufmerksam zu machen, hat das Blaue Kreuz in Deutschland die Kampagne »Dein Leben. Dein Traum. Deine Entscheidung.« ins Leben gerufen.

Außerdem gibt es die blu:app zum kostenlosen Download (für iOS und Android) bei Google Play und im App Store Damit werden vor allem Jugendliche angesprochen und für Themen rund um Sucht sensibilisiert. Die Bandbreite reicht von sehr niederschwelligen und einfach verständlichen Informationen und Inhalten bis hin zu konkreten Beratungsangeboten.

www.blaues-kreuz.de


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»Die Welt ist ein schöner Ort«

22. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Abenteuerliche Reise: Dennis Kailing hat 41 Länder auf zwei Rädern durchquert und viel über andere Menschen und sich selbst gelernt.

Eine Reise von 1 000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt, sagt Laotse. Oder in Dennis Kailings Fall: mit dem ersten Tritt. Am 24. Juni 2015 hat er seinen Eltern im hessischen Gelnhausen Tschüss gesagt, sich auf sein Fahrrad gesetzt und ist losgefahren: mit 30 Kilo Gepäck, verteilt auf sechs Taschen, einmal um die ganze Welt. Gut zwei Jahre später ist der inzwischen 27-Jährige zurück und rollt mit demselben Rad zum Interview. Im Eiscafé wird er von einer schwanzwedelnden Boxerhündin begrüßt und erzählt, dass er inzwischen überhaupt keine Angst mehr vor Hunden habe. Unterwegs seien ihm oft Hunde bellend hinterhergelaufen. »Erst bin ich mit dem Rad abgehauen, doch irgendwann habe ich gelernt, mit ihnen zu kommunizieren. Ich bin abgestiegen und habe mich vor ihnen aufgebaut«, erzählt der 1,94 Meter große Gelnhäuser. Das habe tatsächlich gewirkt.

Aber vor allem über die Kommunikation zwischen Menschen hat er viel gelernt. Sich mit Gesten verständigen, wenn es auf Englisch oder Spanisch nicht möglich war, »die menschlichen Grundbedürfnisse wie Schlafen und Essen sind überall gleich«, sagt er. Nicht alles glauben, vor allem nicht, was andere selbst nur vom Hörensagen kennen. Freundlich bleiben und weiterverhandeln, wenn das Gegenüber abwehrt oder aggressiv wird. Er hat viel nachgedacht, wenn er auf dem Rad saß. »Nirgends sonst sind die Gedanken so klar und frei«, urteilt Dennis Kailing. Er hat durchgeatmet, statt sich zu ärgern, wenn es ewig dauerte, ein Visum zu bekommen, oder der Berg sich endlos zog. Hat harte Phasen durchgehalten wie die 2 500 Kilometer durchs menschenleere australische Outback bei zermürbendem Gegenwind oder den Dauerregen und die Kälte in den ecuadorianischen Anden.

Der junge Mann mit dem Basecap wirkt gelassen und freundlich. Er scheint in sich zu ruhen, doch ein paar Sensoren bleiben immer auf die Außenwelt gerichtet. Genau diese Mischung aus entspannter Ruhe und Aufmerksamkeit hat ihm in einigen brenzligen Situationen Unannehmlichkeiten erspart. »Naivität ist schlecht«, sagt er. Zwar sei er immer mit einem Lächeln auf die Menschen zugegangen, doch wenn ihm etwas komisch vorkam, hörte er auf sein Bauchgefühl. Das bewahrte ihn in Honduras davor, von einer Kinderbande ausgeraubt zu werden und vor Trickdieben in Bolivien, die sich in der Nähe der argentinischen Grenze
als Migrationsbehörde ausgaben.

Luftsprünge: Dennis Kailing in der Salar de Uyuni in Bolivien – mit mehr als 10 000 Quadrat­kilometern die größte Salzpfanne der Erde. Fotos: Dennis Kailing

Luftsprünge: Dennis Kailing in der Salar de Uyuni in Bolivien – mit mehr als 10 000 Quadrat­kilometern die größte Salzpfanne der Erde. Fotos: Dennis Kailing

Einmal zeltete er in einem Garten in Costa Rica. Über das Gelände waren angeleinte Hunde verteilt, ein Bus mit zehn Männern kam an und Dennis schwante, dass er bei Menschenschmugglern gelandet war. Ihm wurde mulmig, doch die Sache ging gut aus.

Er traf Menschen unterschiedlichster Religionen. In Indien durfte er in einem katholischen Internat übernachten. »Ich beobachtete 20 indische Mädchen, die eine halbe Stunde lang das ›Ave Maria‹ aufsagten«, erzählt er. »Da wurde mir klar: Es ist Zufall, welcher Religion wir angehören. Wären die Mädchen ein Dorf weiter geboren worden, wären sie Hindus gewesen.«

In Dennis Kailings Familie spielt Religion eine wichtige Rolle. Seine Mutter Martina engagiert sich im Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde, ein Onkel ist Pfarrer. Seine Mutter reagierte übrigens ziemlich cool auf den Plan ihres Sohnes, die Welt auf dem Fahrrad zu erkunden. Dennis trug sich zwar schon einige Zeit mit dem Gedanken, setzte ihn dann aber recht spontan um, nachdem die Firma seines damaligen Arbeitgebers pleite gegangen war. Als er wenige Wochen vor dem Start erzählte, er sei gerade beim Tropenarzt zum Impfen gewesen, drehte die Mutter sich zum Vater um und sagte trocken: »Ich glaube, er meint’s ernst.«

Sich selbst beschreibt Dennis als nicht sehr religiös. Ihn stören »die vielen Regeln. Die Gedanken sind doch frei!« Sein Verhältnis zum Transzendenten fasst er lieber in den Begriff der Spiritualität. »Das Paradies findet im Kopf statt«, ist eine Erkenntnis, die er auf seiner Weltreise gewonnen hat. Er konzentriert sich auf das, was gut läuft. Besinnt sich auf seine Stärken, wenn es gilt, Schwierigkeiten zu überwinden und etwas zu erreichen.

In den unzähligen Stunden auf dem Rad hat er auch über grundsätzliche Fragen nachgedacht, die Menschen aller Religionen bewegen: Warum sind wir hier? Was macht ein gutes Leben aus? Das Geld ist es jedenfalls nicht, ist seine Antwort. Sondern? »Sicherheit, ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen. Das einfache Leben.« Das hat er schätzen gelernt. »In Spanien traf ich eine Frau, die ihren eigenen Staat ausgerufen hat«, erzählt er. »Sie will Paradise-Coaches ausbilden, weil sie der Überzeugung ist, dass wir auf Erden bereits im Paradies leben.«

Mehr als einmal hat er großes Glück gehabt. Oder einen Schutzengel, der seinen Flügel über ihn breitete, auch wenn er es niemals so ausdrücken würde. Auf Bali fuhr ihn ein Motorradfahrer über den Haufen und haute anschließend ab. »Vermutlich war er betrunken und hatte Angst, mir Geld zahlen zu müssen«, sagt Dennis. Er trug lediglich Prellungen und Schürfwunden davon. Das Rad konnte für 20 Euro repariert werden.

Als ihm in einem mexikanischen Dorf das Handy geklaut wurde, sprach sich das sofort herum. Er durfte bei einer Familie übernachten, auch das wusste schnell die ganze Nachbarschaft. Am nächsten Morgen kam eine Frau aus der Dorfkirche und brachte ihm das Handy. Die Diebe hatten wohl ein schlechtes Gewissen bekommen und es auf dem Altar abgelegt. Die Oma seiner Gastfamilie wusste es besser: »Diós«, Gott, habe es zurückgebracht.

43 600 Kilometer ist Dennis insgesamt geradelt, hat 41 Länder durchquert und 294 895 Höhenmeter überwunden. 63 platte Reifen hat der studierte Bauingenieur geflickt und sich bei Reparaturen in Werkstätten einiges für die nächsten Pannen abgeschaut. Vor der Reise fuhr er ungefähr einmal die Woche Rad. Nach drei Tagen unterwegs hatte er solche Knieschmerzen, dass er kaum laufen konnte. Er reduzierte die Länge der Tagestouren und sein Körper gewöhnte sich an die Belastung. »Ab Wien wusste ich, dass mein Körper mitspielt«, sagt er. Sportlich war er schon immer, in seinem Heimatort hat er im Basketballklub in der Regionalliga gespielt.

»Die Welt ist ein schöner Ort«, ist eine der Wahrheiten, die er von der Weltumradlung mitgebracht hat. Und er hat erlebt, »wie friedvoll die Welt auch ist«. »In den Fernsehnachrichten wird das Bild einer Welt voller Kriege und Katastrophen vermittelt, da stimmen die Verhältnisse einfach nicht.«

Uta Grossmann

www.dennis-cycles-the-world.com

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Das gelobte Land?

17. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Junge Israeli haben die Auswanderung nach Deutschland entdeckt, so scheint es.

Gut 70 Jahre nach dem Holocaust leben Schätzungen zufolge rund 20 000 zugewanderte Israeli im Land der Täter. »Israeli kommen wegen der Uni, dem Beruf oder der Liebe nach Deutschland«, sagt Adi Hagin. Bei der Wirtschaftsjournalistin war es Letzteres. Sie lernte einen Deutschen kennen und zog nach zwei Jahren Fernbeziehung vor drei Jahren aus Tel Aviv nach Frankfurt am Main.

Die junge Frau war schon als Kind mit der Familie nach Deutschland gereist und hatte beruflich in Berlin zu tun. »Ich fühle mich hier willkommen«, sagt sie. Kulturell fühlt sie sich nahe, da ihre Vorfahren als »Aschkenasim« aus Europa stammten. Mit der Familie ihres Mannes gebe es keinerlei Pro­bleme, da sie und ihr Mann säkular eingestellt seien. Ganz praktisch spreche für Deutschland: »In Israel wäre eine säkulare Heirat nicht möglich.«

»Ich bin nicht religiös, das Jüdischsein ist meine kulturelle Herkunft«, sagt Hagin. Kontakt zur jüdischen Gemeinde pflegt sie daher nicht: »Ich fühle mich einem israelischen Araber näher als einem in Deutschland aufgewachsenen Juden.« Allerdings fragt sie sich, wie sie später ihren Kindern erklären soll, dass die Vorfahren des Vaters Täter und die der Mutter deren Opfer waren.

»Morcolade«: Der Israeli Mordechai Barak (37) in seinem Café in Frankfurt am Main. Foto: epd-bild

»Morcolade«: Der Israeli Mordechai Barak (37) in seinem Café in Frankfurt am Main. Foto: epd-bild

In Israel hat Hagin nach eigenen Worten an gewaltfreien Protestaktionen gegen die Besetzung palästinensischer Gebiete teilgenommen. Mit ihrer Heimat geht sie hart ins Gericht: »Ich könnte wegen des Rassismus gegen Nichtjuden jetzt nicht in Israel leben.« Dennoch hält sie fest: »Tel Aviv wird immer meine Heimat sein.«

Hagin sei durchaus typisch für die Israeli, die in den vergangenen Jahren in die Bundesrepublik eingewandert sind, sagt die Wuppertaler Sozialwissenschaftlerin Dani Kranz. Sie hat anhand von 800 Befragungen und demografischen Daten eine Studie darüber erstellt. Die große Mehrheit sei jünger als 40, habe einen Hochschulabschluss, sei säkular eingestellt, politisch »moderat bis links« und habe europäische Vorfahren. Gut die Hälfte habe Vorfahren, die den Holocaust erlebt und überlebt hätten. 30 Prozent seien Nachkommen deutscher Juden.

Das am häufigsten in Kranz’ Studie genannte Motiv für eine Einwanderung nach Deutschland sind die Berufsmöglichkeiten, gefolgt von Entdeckerlust und Interesse an deutscher Kultur. An dritter Stelle nennen die Befragten die Bildungsmöglichkeiten. Entsprechend stehe bei den Gründen für die Auswanderung aus Israel die negative Einschätzung der beruflichen Entwicklung ganz oben. Ihr folgen die Unzufriedenheit über den Einfluss der Religion auf das Privatleben in Israel sowie über die politische Situation und Unsicherheit.

Der Zuzug aus Israel ist nach Kranz’ Untersuchungen vor allem seit 2009 steil nach oben gegangen. Bei den begehrten Städten lag Stand Ende 2015 Berlin mit 6 900 israelischen Einwanderern vorn, gefolgt von München mit 1 500 und Frankfurt mit 1 200. Mehr als 80 Prozent der Befragten gaben an, dass es für sie nicht schwer sei, in Deutschland zu leben, trotz des Wissens, dass während der NS-Diktatur sechs Millionen Juden ermordet wurden. Viele hätten deutsche Freunde, mehr als die Hälfte der verheirateten Israeli sei mit Deutschen verheiratet.

Allerdings berichtet auch ein Fünftel der Befragten von Erfahrungen mit Antisemitismus – häufig in Bezug auf israelfeindliche Einstellungen. Die israelischen Migranten säßen in Israel wie in Deutschland politisch zwischen den Stühlen, erläutert Kranz. In Israel fühlten sie sich als säkulare Linke heimatlos. In Deutschland unterstütze die Rechte die von den Migranten meist abgelehnte, rechtsnationalistische israelische Regierung, während die deutsche Linke die eingewanderten Israeli wegen der Politik der israelischen Regierung angreife.

Mordechai Barak kam als Kommunikationswissenschaftler vor neun Jahren nach Frankfurt, um eine Stelle bei einer Fluggesellschaft anzutreten. An Deutschland gefallen ihm Wetter und Mentalität: »In Israel ist es nicht nur heißer, auch schneller und hektischer – in Deutschland geht es ruhiger zu.« Vor eineinhalb Jahren stieg Barak beruflich um: »Ich machte meinen Traum wahr.« Er eröffnete in Frankfurt ein Café mit angeschlossener Bäckerei. Den Namen setzte er aus seinem Spitznamen und Schokolade zusammen: Café Morcolade. Ein Café trage zu seinem Wunsch nach Weltfrieden bei, ist Barak überzeugt: »Schokolade und Kuchen entspannen Körper und Geist.« In seinem Café gibt es deutschen Kuchen und israelische gefüllte Teigtaschen oder süße Hörnchen. Der Kundenzulauf belohnt seine Fusion der Kulturen, inzwischen bestellt auch ein anderes Café seine Leckereien. Mordechai Barak hat inzwischen einen deutschen und einen israelischen Pass – und feiert die deutschen und israelischen Feste gleichermaßen.

Jens Bayer-Gimm (epd)

Wahlergebnis alarmiert jüdische Gemeinden
Der sächsische Landesverband der Jüdischen Gemeinden warnt nach der Bundestagswahl vor einem »Ruck nach rechtsaußen«. Es sollte »Konsens aller Demokraten werden, dass scheinbar unbekümmerte Zugriffe auf das geistige Reservoir der verhängnisvollen Nazivergangenheit kein Teil einer Lösung für Probleme sein dürfen«, heißt es in einer Erklärung des Präsidiums des Landesverbandes. Es sei »höchste Zeit, gemeinsam aktiv zu werden«.

Die jüdischen Gemeinden hätten »in den vergangenen Jahren nicht nur einmal davor gewarnt, dass Fremdenhass, nationalistische und rassistische Parolen sowie Rückgriffe auf nationalsozialistische Sprachelemente« nicht überhört oder kleingeredet werden dürften, heißt es weiter. Dies seien »Anzeichen von gesellschaftlichen Veränderungen und Polarisierungen«, auf die Politiker, demokra­tische Parteien und die Zivilgesellschaft reagieren müssten.

Zugleich sieht das Präsidium die Notwendigkeit, »die Ursachen für die Unzufriedenheit so vieler Bürger zu ergründen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und nach Lösungen für deren Probleme zu suchen«. Dass in vielen Wahlkreisen in Sachsen die AfD die meisten Stimmen erhielt, sei für die jüdische Gemeinschaft »äußerst alarmierend«. (epd)

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Mitten im Leben ein Ort zum Sterben

16. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Gemeinschaftsprojekt: In Jena beginnt in Kürze der Bau eines Hospizes, das von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragen wird.

Vom »Wohnzimmer« der Palliativstation des Universitätsklinikums Jena (UKJ) geht der Blick zur nahen Lobdeburg. Direkt vor dem Fenster leuchten Bäume und Hartriegelsträucher in Gelb und Rot. 2009 wurde dieser Komplex eröffnet, der sich als einzelnes Gebäude an das Ende der Magistrale anlehnt. Hierher kommen Menschen, die Linderung für ihre Leiden suchen. Heilung ist nicht mehr möglich. Dr. Ulrich Wedding hat diese interdisziplinäre Einrichtung mit einem Team von Internisten, Schmerztherapeuten, Psychologen, Seelsorgern und Pflegekräften aufgebaut. Die Betreuung ist komplex und schließt Angehörige mit ein.

Für den engagierten Arzt wird mit dem Bau des Hospizes nun eine Lücke in der Betreuung gefüllt, die eine Palliativstation nicht leisten kann. »Wenn es Menschen nicht möglich ist, in der häuslichen Umgebung zu sein, möchten wir einen Ort anbieten, wo sie sich zu Hause fühlen können. Es wird ihnen hier ermöglicht, sie selbst zu bleiben«, erklärt Ulrich Wedding.

Um das Projekt Hospiz auf den Weg zu bringen, hat sich am Nikolaustag 2014 eine Hospiz- und Palliativstiftung gegründet. Ihr gehören neben Sozialträgern wie der Diakonie, den Johannitern, der AWO, dem DRK und Reha aktiv 2000 auch die Kirchenstiftung St. Michael, die jenawohnen GmbH und zahlreiche Privatpersonen an.

Ein erster Spendenaufruf stieß auf breite Resonanz. Monat für Monat gehen Spenden ein, die jüngste mit einem fünfstelligen Betrag von der Heimstätten Genossenschaft. Die Idee, das Projekt auf breiten Schultern zu tragen, ist aufgegangen. »Wir haben versucht, ganz offen zu kommunizieren und die Nachbarschaft einzubeziehen«, sagt Ulrich Wedding, Vorstand der Stiftung.

Der Stadtrat hat 200 000 Euro Anschubfinanzierung bewilligt – einstimmig. Die Stiftung braucht eine halbe Million Euro für die Innenausstattung der 14 Zimmer; 12 sind für Patienten vorgesehen, zwei für Angehörige. Den Bau bewerkstelligt die Stadtwerke-Tochter jenawohnen, die das Objekt nach seiner Fertigstellung an den Mieter Hospiz übergibt.

In Würde sterben, dafür engagiert sich seit Jahren auch Claudia Koppe, die ihren Freund auf der Palliativstation begleitet hat. Sie erlebte in der schweren Zeit Hilfe durch die Mitarbeiter der Palliativstation, die sich intensiv kümmerten. Sie sah aber auch, dass Geld fehlte für jemanden, der außerhalb der stationären Versorgung individuelle Wünsche wie Vorlesen oder Besorgungen erfüllen kann. Der von ihr mitbegründete Verein »Leben heißt auch Sterben« organisierte inzwischen die zweite große Wohltätigkeitsveranstaltung, mit der das Thema in die Bevölkerung getragen wurde.

So soll es aussehen: Eingebettet im Grünen und in eine belebte Nachbarschaft gestaltete ein Architekturbüro aus Dortmund seine Vorstellung vom zukünftigen Hospiz in Jena. Der Entwurf konnte sich bei einem Wettbewerb durchsetzen. In einem Jahr soll die Einrichtung eröffnet werden. Entwurf: Gerber Architekten/jenawohnen

So soll es aussehen: Eingebettet im Grünen und in eine belebte Nachbarschaft gestaltete ein Architekturbüro aus Dortmund seine Vorstellung vom zukünftigen Hospiz in Jena. Der Entwurf konnte sich bei einem Wettbewerb durchsetzen. In einem Jahr soll die Einrichtung eröffnet werden. Entwurf: Gerber Architekten/jenawohnen

Die Beträge, die dabei eingespielt werden konnten, kamen der Palliativstation für diese zusätzliche Betreuung zugute. »Die Bewahrung der Individualität ist ganz wichtig. Die Betroffenen brauchen Zeit für die Umstellung auf die Krankheit. Deshalb haben wir die ›gute Seele‹ mitfinanziert. Aktuell sind wir gerade dabei, Friseure zu suchen. Denn das Aussehen spielt für die Würde eine große Rolle«, erzählt Claudia Koppe. Drei Friseure haben sich bereits gemeldet, die ehrenamtlich helfen wollen. Der Verein hat auch schon das Mitarbeiterteam zum Konzert eingeladen – als Anerkennung für die hervorragende Arbeit, die geleistet wird.

Als Claudia Koppes Freund auf der Palliativstation lag und es sich abzeichnete, dass er nicht mehr nach Hause kann, blieb das Hospiz in Bad Berka als einzige Möglichkeit. Sie ist froh, dass jetzt so eine Einrichtung in Jena entsteht: »Ich finde den Standort mitten im Wohngebiet genau richtig. Das Thema Sterben ist in unserer Gesellschaft so ausgegrenzt.«

Das Hospiz wird in Lobeda in unmittelbarer Nähe zur Lobdeburgschule und zu Wohnhäusern gebaut. »Ich persönlich finde das gut«, sagt Barbara Wrede, Leiterin der Einrichtung mit Grund-, Regel- und Gymnasialausbildung. »Es bringt einen anderen Ansatz zum Nachdenken über das Leben.« Als sie vor Jahren im Ethikunterricht das Sterben thematisierte, haben sich ein paar Schülerinnen dafür bedankt. Mit Kindern, die zu Besuch auf die Palliativstation kamen, hat Ulrich Wedding schon gute Erfahrungen gemacht.

Um das Gebäude wird ein grüner Gürtel geschaffen, der bis in die Innenhöfe hineinreicht. So können bewegungseingeschränkte Menschen noch die Außenwelt wahrnehmen.

Für die Betroffenen ist es ein Spagat zwischen Hoffnung und Verzweiflung. »Was mehr Gewicht hat, ist individuell sehr unterschiedlich. Manchen gelingt es, eine Gelassenheit zu entwickeln oder auf Gottvertrauen zu setzen«, erzählt Wedding. Zum Nikolaustag 2018 soll das Hospiz im Jenaer Stadtteil Lobeda eröffnet werden.

Doris Weilandt

www.hospiz-jena.de

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Ein Zeichen für alle

15. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sich bekreuzigen: Warum ein katholischer Lehrer evangelische Christen für einen alten Ritus gewinnen will

Ein Thüringer Katholik will ein sichtbares Zeichen für die Ökumene setzen – das Kreuzzeichen. Ginge es nach Klaus Töpfer, bekreuzigten sich schon bald auch die Protestanten nach dem Gottesdienst und überließen die Geste nicht nur dem Mann oder der Frau vor dem Altar. Mit vielen Christen spricht der 73-Jährige in den letzten Monaten darüber, mit hochstudierten Professoren, mit Amtsträgern und Laien. Auch die Bischöfe in Magdeburg und Erfurt versucht er, für seine Idee zu gewinnen.

Seine Argumentation klingt schlüssig. Der Glaube an den einen Gott sollte wichtiger sein als die über Jahrhunderte gepflegte Betonung alles Trennenden zwischen den Konfessionen. In seinem Heimatdorf, Salomonsborn vor den Toren Erfurts, könne man sich das auch gar nicht mehr leisten.

Katholiken und Protestanten feierten hier zusammen Gottesdienst; mal seien die einen, mal die anderen in der Mehrheit. Immer – außer zu Weihnachten – blieben dennoch viele Kirchenbänke frei. Im Ort selbst seien die Christen eh in der Minderheit, so Klaus Töpfer. Mehr noch, beschwört der pensionierte Lehrer die gemeinsame Stärke, keine der beiden Konfessionen allein hätte die Sanierung der inzwischen so schmucken Dorfkirche allein stemmen können. Nur eine Seite hätte auch nicht die stolze Summe von 84 000 Euro zusammengebracht. So viel Geld ging nach seinen Angaben in den letzten Jahren in Form von Spenden und Zuwendungen beim Förderverein von St. Dionysius ein. Nein, es ist nur noch zusammen zu schaffen; sprich: ökumenisch. Also schreibt er freundliche Briefe an die beiden Bischöfe. Und bekommt freundliche Antworten.

Das Kreuzzeichen sei ein Gestus, den auch Martin Luther praktiziert und empfohlen hat, schreibt Anfang Juli Ilse Junkermann an den gebürtigen Eichsfelder. Das Zeichen zeige »die Verbundenheit mit Christus und ist deshalb immer auch eine Tauferinnerung«, so die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Wenn es die Protestanten heute nicht praktizierten, sei das keine »Herabsetzung« mehr, sondern ein »Vergessenhaben«. Allerdings, schränkt sie ein, spielten für ihre Konfession Gebetshaltungen und Gesten generell eine sehr untergeordnete Rolle. Und dennoch – gerade von den Jüngeren werde das Kreuzzeichen inzwischen wieder entdeckt und immer häufiger angewandt.

Also gibt die Landesbischöfin grünes Licht? Nicht ganz. Da das Kreuzzeichen ein sehr persönlicher Gestus sei, könne dieser »nicht einfach für die eigene Frömmigkeitspraxis verordnet werden«. Eine starke Verankerung sei nur »über Vorbild, Nachahmung und Einübung« möglich, endet ihr Antwortschreiben an Klaus Töpfer ein wenig im vagen Unverbindlichen.

Auch ihr Amtsbruder lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster. Er bitte um Verständnis, dass er als katholischer Bischof nicht in die Gottesdienstagenda evangelischer Pfarrer eingreifen möchte, heißt es im Brief von Ulrich Neymeyr ein paar Wochen später. Es wäre für Klaus Töpfer als ökumenisch engagierten katholischen Christen »wesentlich leichter«, diesen Vorschlag zu machen. Es könne nicht seine – des Bischofs des Bistums Erfurt – Aufgabe sein, evangelische Christen darüber zu belehren, »dass sie beim katholischen Segen das Kreuzzeichen mitmachen können, ohne dabei ihre evangelische Identität zu verraten«.

Klaus Töpfer lässt sich davon nicht entmutigen. In Ricklef Münnich findet er den richtigen Partner. Dann ist es so weit. In der kleinen Kirche zu Salomonsborn lädt der evangelische Pfarrer zum Ende des ökumenischen Gottesdienstes die Protestanten dazu ein, es den Katholiken gleichzutun und ein Kreuz zu schlagen. Trotz Anleitung und Erklärung trauen sich aber noch nicht alle an das ungewohnte Ritual heran.

Jegliches hat seine Zeit. Auch das Kreuzzeichen. Ob in Erfurt, wie vor über 500 Jahren schon einmal, wieder Weltgeschichte beginnen kann? Klaus Töpfer schmunzelt. Als Martin Luther am 17. Juli 1505 an die Pforte des Augustinerklosters klopft, will er nur ein Mönch unter vielen sein. Historische Bedeutung bekommt dieser Moment erst Jahre später …

Dirk Löhr (epd)

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»Ich habe nie Angst vor dem Tod gehabt«

14. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Bodenständig und eigenwillig: Die Schauspielerin Marianne Sägebrecht gilt vielen als bayerisches Unikum. Die 72-Jährige engagiert sich als Patin in der Hospizarbeit. Im Gespräch anlässlich des Welthospiztages am 14. Oktober beschreibt sie ihre Beweggründe.

Frau Sägebrecht, welche Begegnungen mit dem Sterben hatten Sie in Ihrem Leben?
Sägebrecht:
Schon als ich 13 Jahre alt war, hat mich unser Kaplan mit ins Krankenhaus zu Sterbenden genommen. Er hat zu mir gesagt: »Marianne, du hast so eine schöne Stimme und eine beruhigende Wirkung.« Also bin ich mit zur Letzten Ölung. Ich habe nie Angst vor dem Tod gehabt. Mich haben diese Begegnungen ganz erfüllt.

Bei uns auf dem Dorf waren auch die Rituale ganz anders, man hat seine Toten aufgebahrt, und dann durften wir alle kommen und die alte Bäuerin berühren und küssen. Das war ganz natürlich, ganz selbstverständlich!

»Bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun«: Mit ihrem Engagement in  der Hospizarbeit setzt sich Marianne Sägebrecht dafür ein, dass der Tod wieder einen Platz im Leben der Menschen bekommt. Foto: epd-bild

»Bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun«: Mit ihrem Engagement in der Hospizarbeit setzt sich Marianne Sägebrecht dafür ein, dass der Tod wieder einen Platz im Leben der Menschen bekommt. Foto: epd-bild

Heute sterben so viele Menschen allein im Krankenhaus – das ist für mich das Schlimmste! Die liegen dann so klein und fein in ihren Betten, wie alte Babys. Bei der Geburt gibt es die Hebammen – ich finde, es müsste auch beim Sterben jemand geben, der einen begleitet.

Das machen die Mitarbeiter in den Hospizen …
Sägebrecht:
Ja, deshalb bin ich seit einem Jahr Patin des Christophorus Hospiz Vereins. Allein in München hat der Verein 59 Ehrenamtliche. Viele Frauen, aber auch Männer und junge Leute, machen die schwierige Ausbildung zum Hospizhelfer. Dann gehen sie ins Hospiz oder in die Familien und reden mit den Menschen, lesen vor, sind einfach da. Sie begleiten die Familien seelisch, und sie wissen, wie man durch palliative Behandlung Schmerzen lindern kann. Das muss auf lange Sicht einfach mehr werden! Und das müssen die Menschen ehrenamtlich leisten, der Staat wird das nicht machen.

Warum ist es besser, im Hospiz zu sterben?
Sägebrecht:
Im Krankenhaus zu sterben ist Stress. Ich habe schon erlebt, dass Sterbende in den Abstellraum geschoben wurden, wo der Besen an der Wand hängt, weil die Pflegekräfte – und das ist kein Vorwurf –
einfach keine Zeit hatten. Das kann nicht angehen, da müssen wir entlasten!

Denn bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun. Man muss den anderen vergeben, sich selbst vergeben, sich versöhnen. Das ist die Vorbereitung auf die große Reise. Im Hospiz findet man dafür Ruhe und Frieden und Menschen, die einen seelisch begleiten.

Sie haben seit sechs Jahren eine eigene Lesungsreihe mit dem Titel »Lieder und Gedichte vom Sterben fürs Leben«. Taugt das Thema für den Konzertsaal?
Sägebrecht:
Aber ja. Das ist wie eine Messe. Ich muss das mit voller Seele vertreten, sonst ist es unglaubwürdig. Aber dann ist es eine besondere Stimmung. Das Publikum ist ganz zärtlich miteinander. Viele gehen aus der Lesung raus wie auf Wolken und kehren zurück zum Leben.

Wir müssen den Tod nicht immer so wegschieben, wir sollten ihn lieber mit an den Tisch nehmen. Jeder Tag, der vergeht, stirbt. Wenn der Winter kommt, stirbt scheinbar die Natur, bevor sie im Frühjahr wieder voll zum Leben erwacht. Manchmal stirbt auch die Liebe zu einem Menschen. Wir können das nicht trennen: Hier ist das Leben, da der Tod. Es gehört alles zusammen. Man erlebt bei diesen Abenden die Fülle des ganzen Kosmos und geht mit Kraft und Mut wieder raus ins Leben. Und das Wichtigste: All diese Menschen, deren Geschichten erzählt werden, waren nicht allein. Andere haben sie beschützt und begleitet. So konnten sie geborgen in die andere Dimension gehen.

Was ist das für Sie: die andere Dimension?
Sägebrecht:
Ich glaube, dass wir nach dem Tod ins Licht gehen. Es gibt so viele Berichte von Menschen, die man wieder zurückgeholt hat, die alle davon erzählen, dass da erst ein Tunnel kommt und dann das Licht.

Der Pfarrer meiner Kindheit hat gesagt: Nach dem Tod geht die Seele erst durch einen Tunnel, dort sieht sie nochmal ihr ganzes Leben. Sie muss es anschauen, kann aber nichts machen. Und danach kommt sie ins Licht, wo die verwandten Seelen warten, eine freie Dimension … Diese Vorstellung von Hölle und Himmel gefällt mir. Natürlich baut das alles auf Glaube auf. Ich respektiere, wenn jemand nicht an eine Seele oder an eine Dimension nach den Tod glaubt. Aber für die Menschen, die an nichts glauben, ist es besonders wichtig, dass sie nicht alleine sterben. Denn wenn sie an den Punkt des Übergangs kommen, ist die Seele ja trotzdem da. Dann wird es manchmal schwer, loszulassen und zu gehen.

Die Hospizbewegung hat immer mehr Akzeptanz in der Gesellschaft gefunden. Was ist noch zu tun?
Sägebrecht:
Wir gehen geheimnisvoll in eine bessere Zeit: Vom Goldenen Kalb zum goldenen Herz, wir sind mittendrin. Für diese Überzeugung werde ich immer verlacht, aber ich höre nicht mehr auf die, die immer nur negativ reden. Egal, ob es ums Klima geht, um Flüchtlinge oder ums Sterben: Wir können alle Anteil nehmen, wenn wir alle zusammen helfen. Die Menschen haben keine Angst vor dem Tod, sondern davor, dass sie alleine sterben müssen.

Fit bis zum letzten Tag – diesen Werbeslogan finde ich furchtbar! Natürlich wünsche ich mir körperliche Fitness und geistige Wachheit bis zum Schluss, aber es geht nicht immer nur um die Materie – wichtig ist die Versöhnung! Wir müssen mit Distanz, Vorsicht und Liebe die Versöhnung in Bewegung bringen, damit die Menschen in Frieden auf die letzte Reise gehen können.

Welche Rituale gefallen Ihnen beim Thema Sterben und Tod besonders?
Sägebrecht:
Eine schöne Beerdigung finde ich wichtig. Jeder Mensch hat eine Aussegnung verdient und zumindest ein Taferl, auf dem sein Name steht und wann er gekommen und gegangen ist. Ich finde es schön, wenn die Freunde und Familien nach der Beerdigung noch zusammensitzen und auf den Verstorbenen anstoßen. Dann erzählt jeder die Geschichten, an die er sich erinnert. In Mexiko oder im jüdischen Glauben geht es bei Beerdigungen viel lebendiger zu, da wird das Leben gefeiert! Wir sind mehr so Trauerklöße. Aber wer zurückbleibt, trauert mehr als der, der gegangen ist: Seine Seele ist ja schon im Licht.

Die Fragen stellte Susanne Schröder.

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Estland: Gemeinde als geistliche Heimat

9. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte«, klingt es aus dem Kellergeschoss des modernen Eckhauses. »Hierher«, das ist in diesem Fall das estnische Tallinn. Und in dem Eckhaus nahe des Hafens versammelt sich die deutschsprachige Evangelisch-Lutherische Erlösergemeinde, die dort seit dem vergangenen Jahr beheimatet ist.

Das Zuhause der Evangelisch-Lutherischen Deutschen Erlöser­gemeinde in Tallinn. Foto: privat

Das Zuhause der Evangelisch-Lutherischen Deutschen Erlöser­gemeinde in Tallinn. Foto: privat

Normalerweise treffen sie sich in der schwedischen St. Michaelskirche, doch als mitten in der Urlaubszeit die Teilnehmer einer sächsischen Jugendfreizeit und einer Delegationsreise der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Estland zu Gast sind, haben sie Pech: Die schwedische Kirche ist geschlossen, der Gottesdienst muss in den etwas beengten Gemeinderäumen stattfinden.

Und manches ist für Augen und Ohren der Besucher fremd: Zu Beginn der Liturgie findet ein ausführliches Schuldbekenntniss statt, mehrfach kniet der Pastor vor dem Altar, und auch Kyrie und Gloria erklingen zu ungewohnten Melodien.

Doch die deutsche Gemeinde in Tallinn ist eben keine klassische Auslandsgemeinde der EKD, erklärt Pastor Matthias Burghardt nach dem Gottesdienst. Die deutschen Protestanten treffen sich unter dem Dach der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK) – und feiern eine einheimische Liturgie.

Zur Gemeinde gehören rund 120 Mitglieder, die über das ganze Land verteilt leben. Gottesdienste werden auch in Tartu und Harpsalu gefeiert. Und etwa 40 Prozent der Gemeindeglieder seien in Estland geboren worden, berichtet der Pfarrer. »Zu uns gehören Deutschbalten, Russlanddeutsche, deutsche Fachkräfte, Esten und Russen.« Alle fänden in der Gemeinde eine geistliche Heimat.

Lutherische Gottesdienste gab es in Reval bereits 1523, ein Jahr später wurde die Stadt offiziell lutherisch. Bis zum Zweiten Weltkrieg fanden regelmäßig deutsche Gottesdienste statt, mit der Zwangsumsiedlung der Baltendeutschen infolge des Hitler-Stalin-Paktes fand diese Tradition ein Ende. 1991, nach dem Ende der sowjetischen Herrschaft, war die Gemeinde neu gegründet worden. »Für estnische Verhältnisse sind wir eine Dorfgemeinde, aber wir können sagen, dass alle deutschsprachigen Protestanten in Estland wenigstens von unserer Existenz wissen.« Burghardt freut sich besonders, zur EELK zu gehören. »Das gibt mir mehr Freiheiten, als sie in einer Auslandsgemeinde der EKD möglich wären.«

Die EELK selbst schätzt Burghardt als kleine, konfessionelle lutherische Kirche. Im Unterschied zu den benachbarten Letten werde in Estland die Frauenordination praktiziert, rund 30 Prozent der Pfarrerschaft sei weiblich. »In der Kirche werden seit rund 50 Jahren Frauen ordiniert«, sagt Burghardt. »Es wäre eine schlimme Selbstamputation am Leib Christi, würde man das, wie in Lettland, wieder rückgängig machen.« Auch Beziehungen zur konservativen Missouri-Synode gebe es in Estland nicht – im Gegensatz zu Lettland. Verzichtet wird allerdings auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. »Dafür hat unsere Kirche kein Mandat«, sagt Burghardt, »man muss mit dem Segen vorsichtig umgehen.«

Benjamin Lassiwe

www.stmikael.ee

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Die Netz-Gemeinde

9. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Virtuelle Kapelle: Die Digitalisierung schreitet auch in der Kirche voran. Mit einem bundesweit einmaligen Projekt startet demnächst die EKM. Initiator ist Karsten Kopjar. Mit dem Experten für Digitales und Verkündigung sprach Willi Wild.

Was muss ich mir unter einer Online-Kirche vorstellen?
Kopjar:
Also, wir wollen keine neue Kirche gründen, sondern wir wollen eigentlich in der Kirche die Diskrepanz zwischen Online- und Offline-Leben aufheben.

Klingt modern, verstehe ich aber nicht.
Kopjar:
Bei Kirche denken viele Leute an Folgendes: Sonntagmorgen um 10 Uhr gehe ich in ein Steingebäude, setze mich auf eine Bank, höre irgendjemandem zu, bin in gewisser Weise beteiligt, gehe nach einer Stunde wieder nach Hause und lebe meinen Alltag. Das ist so ein typisches Offline-Kirche-Leben. Und das ist auch gut. Das wollen wir gar nicht aufheben.

Foto: wabeno – stock.adobe.com; Screenshots: G+H

Foto: wabeno – stock.adobe.com; Screenshots: G+H

Aber daneben merken wir in den letzten 10 bis 20 Jahren, dass immer mehr Leute online kommunizieren. Das heißt: Ich schreibe E-Mails, ich bin im Internet unterwegs, ich nutze Smartphones und ähnliches. Und kommuniziere da mit echten Menschen. Das heißt, ich schreibe Nachrichten an andere Menschen über ein Online-Medium. In dieser Welt kommt Kirche überhaupt nicht vor. Die Diskrepanz wollen wir aufheben und neben dem klassischen Gottesdienst die Online-Kirche etablieren.

Wie soll die virtuelle Seelsorge denn praktisch aussehen?
Kopjar:
Wir wollen keine Konkurrenz zum Sonntagsgottesdienst sein. Das fängt schon bei den Anfangszeiten an. Wenn jemand als Einsteiger Fragen zum christlichen Glauben hat, dann könnten wir uns beispielsweise dienstagabends regelmäßig verabreden und ein Programm anbieten, bei dem wir mit interessierten Menschen ins Gespräch kommen. Oder aber eine regelmäßige Mittagsandacht. Das Kloster Volkenroda hat bereits Interesse signalisiert, hier mit der Online-Kirche zu kooperieren.

Sind Kasualien, kirchliche Amtshandlungen, online möglich?
Kopjar:
Ich glaube nicht, dass eine Trauung im Internet tatsächlich sinnvoll ist. Auch Taufen und Beerdigungen haben wir erstmal nicht vor. Dafür ist die physische Welt tatsächlich prädestiniert. Aber bei großen Beerdigungen werden heute schon Übertragungen in andere Räume angeboten, um mehr Menschen zu erreichen. Das funktioniert über das Internet ganz gut. Die Oma, die nicht zur Hochzeit kommen kann, sitzt in Mexiko und kriegt den Livestream der Trauung. Damit ist sie quasi dabei und kann sich mit dem Paar freuen.

Im Umkehrschluss könnte man dann auch sagen: Da brauche ich nicht mehr in den Gottesdienst gehen, wenn ich ihn frei Haus auf den Monitor bekomme?
Kopjar:
Der Gottesdienstbesucher wird nach wie vor in die Kirche gehen. Aber es gibt Leute, die im Schichtdienst arbeiten oder Berufspendler, die wollen wir mit dem Angebot ansprechen. Wir versuchen, sie zu motivieren, wieder mit Kirche in Kontakt zu kommen. Der Online-Kirchenbesucher kommt vielleicht irgendwann auch in eine richtige Kirche.

Wie wollen Sie virtuell ein Gemeindeleben oder eine kirchliche Gemeinschaft organisieren?
Kopjar:
Wenn ich mit Menschen auf Facebook diskutiere, ist es schon häufiger passiert, dass aus einem einfachen Textgespräch eine geistliche Ebene entstanden ist. Da passiert plötzlich Seelsorge, da kommen Lebensthemen zur Sprache. Ja, da habe ich durchaus das Gefühl, Gott ist als unsichtbarer Dritter gegenwärtig. Gerade diese Verbindung, dass Menschen mit Gott im Austausch sind, und dass ein Gespräch mehr als eine oberflächliche Unterhaltung wird, das passiert, wo Menschen offen sind und sich auf diese Kommunikations­ebene einlassen.

In der Anonymität des Internets gedeihen Hass, Lügen und Falschmeldungen. Ist das der richtige Platz für Seelsorge?
Kopjar:
Das Internet emotionalisiert auf jeden Fall. Das ist gut und schlecht zugleich. Auf der einen Seite erlebe ich, dass junge Leute, die sich im Jugendkreis nie öffnen würden, auf einer Online-Plattform viel offener über ihren Glauben reden. Also da hat das Internet positive Verstärkereffekte. Auf der anderen Seite muss man natürlich damit leben, dass Menschen, die negative Gedanken haben, diese online sehr viel deutlicher und krasser äußern.

Dann ist aber nicht das Internet der Ort, wo die Gedanken entstehen, sondern sie sind bereits vorhanden. Ich sehe darin eine seelsorgerische Chance, dass Menschen die Zeitbombe, die im Kopf tickt, endlich mal rauslassen können. Klar, wo Grenzen, wo Gesetze überschritten werden, da muss man einschreiten. Auf anderen Ebenen reicht vielleicht das persönliche Gespräch, um Menschen Liebe und Annahme, die sie brauchen, zukommen zu lassen.

Wie sieht es mit Datenschutz, Seelsorge- und Beichtgeheimnis aus?
Kopjar:
Bei der Telefonseelsorge werden schon seit längerer Zeit gesicherte Kanäle für Online-Chats und E-Mail-Seelsorge angeboten. Wir wollen mit der Online-Kirche Datensicherheit gewährleisten und Systeme aufbauen, die sicher sind. Vollständige Sicherheit gibt es aber nicht. Das Internet ist wie ein Marktplatz. Wenn nun ein Seelsorger über den Marktplatz geht und angesprochen wird: Herr Pfarrer, ich brauche jetzt Ihren Rat, ich brauche jetzt Seelsorge, dann wird der Pfarrer wahrscheinlich sagen: Lassen Sie uns doch ins Pfarrhaus gehen. Wenn der Mensch aber sagt: Nein, ich brauch es hier und jetzt, wird der Pfarrer sehr wahrscheinlich sagen: Okay! Ist nicht optimal, aber wir machen das Beste draus und ich höre Ihnen zu. Genauso passiert es auch im Internet.

Gibt es auch eine feste Gemeinschaft, die die Internet-Kirche tragen wird?
Kopjar:
Natürlich braucht die Online-Kirche eine kommunitäre Gemeinschaft, Menschen, die intensiv und sichtbar ihren Glauben leben. Ähnlich wie im Kloster könnte es eine Kern-Gemeinschaft geben, die nicht an einem Ort, aber verbindlich für, in und mit der Internet-Gemeinde lebt. Wer sich dafür interessiert, kann sich jetzt schon bewerben.

Sind die klassischen Elemente eines Gottesdienstes auch online verfügbar?
Kopjar:
Jeder Gottesdienstbesucher der Online-Kirche kann sich die Elemente selber zusammenstellen. Musik, Predigt, Gebet, Segen, Andacht oder Austausch und Seelsorge. Die Nutzer werden in dem großen Potpourri jeweils das finden, was sie im Moment brauchen.

Einen wichtigen Punkt haben Sie noch vergessen: die Kollekte.
Kopjar:
Natürlich kostet die Online-Kirche auch Geld. Wir haben eine Startführung über die Erprobungsräume, aber darüber hinaus sind wir angewiesen auf Spenden und Sponsoren, Menschen, die uns unterstützen mit einmaligen und regelmäßigen Zahlungen. Die Angebote der Online-Kirche sind natürlich kostenfrei. Wir geben Gutes und wenn jemand für das Gute, das er bekommen hat, etwas zurückgeben möchte, ist das gerne möglich.
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Wann soll es losgehen?
Kopjar:
Wir haben die Förderung der Erprobungsräume jetzt zugesagt bekommen. Wir wollen ab dem neuen Jahr Menschen einstellen, die die Idee vertiefen können. Wir haben allerdings jetzt für die Vorweihnachtszeit auch schon Aktionen, bei denen Menschen mit der Online-Kirche in Kontakt kommen können.

Kann man Mitglied der Online-Kirche werden?
Kopjar:
Prinzipiell ist die Online-Kirche für jeden da. Genauso wie man auch sonntags ohne Mitgliedsausweis in den Gottesdienst gehen darf, ist hier jeder Besucher willkommen.

Die Idee klingt sehr interessant und ein bisschen verrückt. Gibt es Vorbilder?
Kopjar:
Ja. Es gibt Online-Kirchen in den USA oder in Schottland. Unsere amerikanische Partnerkirche UCC hat da ein relativ großes Projekt auf den Weg gebracht. Die Erfahrungen sind positiv. Die virtuelle Erweiterung einer Kirchengemeinde kann gerade in ländlichen Gebieten das geistliche Leben ergänzen, sodass Menschen in entlegenen Gebieten am kirchlichen Leben teilnehmen können.

onlinekirche.ekmd.de

Social-Media-Koordinator der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist Karsten Kopjar. Er ist für die Entwicklung und Betreuung der Kommunikationskanäle der sozialen Medien verantwortlich. Außerdem bietet er Schulungen und Beratung von Kirchenkreisen und Gemeinden an – mit dem Ziel: »Online Gemeinde bauen«. Er hat Evangelische Theologie, Medienwissenschaft und Informatik an der Philipps-Universität Marburg studiert und in Praktischer Theologie über »Kommunikation des Evangeliums für die Web 2.0 Generation – Virtuelle Realität als Reale Virtualität« promoviert.


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Das Leben geht weiter, als man denkt

8. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Samuel Koch – Wie der Unfall bei »Wetten, dass..?« seinen Glauben veränderte

Sport war sein Leben. Bis Samuel Koch 2010 bei »Wetten, dass..?« schwer stürzte. Doch statt sich zu verkriechen, wurde er Schauspieler, schrieb Bücher.

Hätte er sein Schicksal gekannt, er wäre davongelaufen, sagte Samuel Koch einmal. 2010 brach sich der Kunstturner bei der Fernsehshow »Wetten, dass..?« mehrmals die Wirbelsäule. Seitdem ist er vom dritten Halswirbel an gelähmt. Aber Koch will in Bewegung bleiben, er schloss sein Schauspielstudium ab, ist Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt, engagiert sich sozial, vergangenes Jahr heiratete er. Am 28. September wurde er 30 Jahre alt.

Leicht zerstrubbeltes blondes Haar, oft einen Drei-Tage-Bart. Auf Fotos sieht man Koch meist in einem Sessel sitzen. Nur selten im Rollstuhl. Koch sagt, er hat sich 23 Jahre lang eher Saltos schlagend vorwärts bewegt als gehend. Bei sportlichen Herausforderungen hätte er fast nie nein sagen können. Jetzt dürfe er seiner Lähmung nicht so viel Aufmerksamkeit schenken. Zu seinen »Weitermach-Aktionen« gehören Konzertlesungen: Gemeinsam mit Sänger Samuel Harfst tourt Koch durch Deutschland, die Freunde lesen und singen über das Leben, das nicht nach Plan verläuft. Harfst sagt über seinen Bühnenpartner, Samuel Koch meistere sein Leben als Querschnittsgelähmter jedes Jahr ein bisschen besser. Er sei ein Kämpfer: »Wenn andere sich krankschreiben lassen, zieht er das Programm ohne mit der Wimper zu zucken durch.«

2010 war Koch der erste Kandidat der vorweihnachtlichen »Wetten, dass..?«-Sendung in Düsseldorf. Seine Paten waren Komiker Otto Waalkes und das Model Sara Nuru. Der Leistungssportler wollte mit Springfedern unter den Schuhen in vier Minuten über fünf fahrende Autos springen. Dreimal gelang ihm das mit Bravour. Aber beim vierten Auto, das sein Vater fuhr, stürzte er.

Samuel Koch ist seit dem Unfall bei »Wetten dass..?« im Jahre 2010 querschnittsgelähmt. Foto: epd-bild

Samuel Koch ist seit dem Unfall bei »Wetten dass..?« im Jahre 2010 querschnittsgelähmt. Foto: epd-bild

In den ersten 40 Stunden danach konnte er sich noch bewegen, dann zog die Lähmung in seinen Körper hoch. Koch, der aus einer protestantischen Familie in Südbaden stammt, sagt, sein Glaube habe sich durch das Unglück verändert. »Vor dem Unfall hatte ich eher eine Fernbeziehung zu Gott«, erklärte er im Juni 2017 beim Christustag in Leinfelden. Inzwischen habe sich das intensiviert.

Er habe zahlreiche Nächte mit Gott diskutiert, voller Wut und Verzweiflung. »Ich war nicht mehr der Chaot, der Turner, der Sportler, dem alles gelingt. Ich war reduziert auf das, was der Unfall von mir übrig gelassen hat.« Er habe zunächst nicht alleine in einem Zimmer sein wollen, nur mit seinem Körper zusammen.

Irgendwann habe er das »Vaterunser« wieder beten, den Satz »dein Wille geschehe« wieder aussprechen können. »Auch wenn der vielleicht ganz anders aussieht als meiner«, sagte Koch in einem Interview.

Nach seinem Sturz entdeckte er das Schreiben für sich: Im April 2012 erschien der Spiegel-Bestseller »Zwei Leben«. Darin erzählt er, wie er nach dem Unfall erkannte, dass er nichts mehr zu verlieren hat. Nur noch gewinnen kann. An einigen Stellen schimmert Galgenhumor durch: »Nehmt mich doch mit«, ruft er seinem Bruder und Freunden zu, als sie zum Schwimmen gehen. »Ihr könnt doch nach mir tauchen.«

Er nimmt auch sein bereits vor dem Unfall begonnenes Schauspielstudium wieder auf. Im Juli 2014 schließt er es an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover ab. Im darauffolgenden September wird er Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt.

Dort spielte er etwa in dem Stück »Madame Bovary« mit oder in Goethes »Faust«. Bei Dreharbeiten zu der ARD-Soap »Sturm der Liebe« lernt er die Schauspielerin Sarah Elena Timpe kennen. 2016 heiraten sie in seiner Heimatstadt Efringen-Kirchen (Kreis Lörrach). Nach der Hochzeit klagte Koch darüber, dass ihm und seiner Frau öfter »viel Kraft« statt »herzlichen Glückwunsch« gesagt werde. »Es nervt uns manchmal, dass es so dargestellt wird, als hätten wir so ein Opfer zu tragen«, sagte er im Herbst 2016 im ZDF-Magazin »Volle Kanne«. Es sei keine Bürde, ein Paar zu sein.

Im September 2015 veröffentlichte Koch sein zweites Buch »Rolle vorwärts«. Darin schreibt er über sein Leben auf Rädern. Wie er im Schauspielstudium lernte, sich nicht auf die Frage zu konzentrieren: »Was kann ich nicht?«, sondern zu schauen: »Was kann ich?«. Und wie er sich jeden Tag lustige, schöne und glückliche Stunden sucht, »die mir gezeigt haben, dass das Leben manchmal weiter geht, als man denkt«.

Seinen Bekanntheitsgrad nutzt der Schauspieler immer wieder, um auf soziale Projekte aufmerksam zu machen, etwa auf die »Elfmeter-Stiftung«, die sich für Kinder mit Rückenmarksverletzungen einsetzt. Laut seiner Homepage baut Koch gerade eine Stiftung auf, die sich für Menschen engagiert, die einen ähnlichen Unfall hatten wie er.

»Vielleicht heilt mich Gott ja doch noch, still und leise in der Nacht«, schreibt Koch in seinem Buch. »Das stelle ich mir manchmal vor: Wie ich die Beine über die Bettkante schwinge, einfach aufstehe, und wie Gott und ich uns verschmitzt anlächeln.«

(epd)

Koch, Samuel, Müller, Titus: »Rolle vorwärts. Das Leben geht weiter, als man denkt«, adeo, 248 S., ISBN 978-3-863340711, 17,99 Euro.
Koch, Samuel, Fasel, Christoph: »Zwei Leben«, adeo, 205 S., ISBN 978-3-942208-53-6, 17,99 Euro.

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Schwere Erinnerungen

8. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Eichmann-Prozess: Holocaust-Überlebender und Eichmann-Vernehmer berichtet

An die erste Begegnung mit dem früheren SS-Obersturmbannführer und Organisator des Holocausts, Adolf Eichmann, kann sich Michael Goldmann-Gilead noch genau erinnern. Er habe es erst gar nicht glauben wollen, dass dieser Mann einer der Hauptverantwortlichen für die Ermordung von Millionen Juden gewesen sein soll, erinnert sich der ehemalige Polizeioffizier. »Aber als er den Mund geöffnet hat, hatte ich den Eindruck, dass sich die Tore zu den Gaskammern öffnen.«

Goldmann-Gilead erzählt von seinen Erfahrungen mit einer der Schlüsselfiguren des Holocausts im Vorfeld des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. Der einstige Vernehmer gibt im Rahmen des Zeitzeugenprojektes »Fragt heute!« der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Sachsen-Anhalt einen Einblick in die Vorgeschichte und den Verlauf des Prozesses. In seinen Ausführungen geht es um die Bedeutung des Verfahrens für die Aufarbeitung des Holocausts. Und Goldmann-Gilead weiß, wovon er spricht. Er wird 1925 in Kattowitz als Kind jüdischer Eltern geboren und wächst in Oberschlesien auf, bis die Familie 1939 vor den Nazis flieht. Mit 17 Jahren verliert er seine Eltern und seine damals zehnjährige Schwester, die ins Vernichtungslager Belzec gebracht werden. Er selbst überlebt Zwangsarbeit, Peitschenschläge und das KZ Auschwitz. Bei einem Todesmarsch gelingt ihm im Januar 1945 die Flucht. Zwei Jahre später setzt er sich nach Israel ab, wo er bis heute lebt. Dort wird er Polizist und meldet sich freiwillig für die Aufgabe als Vernehmer. »Als Ministerpräsident David Ben-Gurion in der Knesset erklärt hat, Eichmann sei in Israel, hat mich das elektrisiert«, erinnert er sich.

Für den Prozess sammelte Goldmann-Gilead Informationen. Zusammen mit seinen Kollegen der Spezialeinheit »Büro 06« ist er maßgeblich mit an der Anklage beteiligt. 1961 eröffnet das Bezirksgericht in Jerusalem das Verfahren gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer, der einer der führenden Köpfe der Wannsee-Konferenz war, auf der 1941 die »Endlösung der Judenfrage« beschlossen wurde. Am Ende des Prozesses steht das Todesurteil, das 1962 vollstreckt wird. Die Leiche des NS-Verbrechers wird verbrannt und die Asche im Mittelmeer ausgeschüttet.

Zeitzeuge: Michael Goldmann-Gilead. Foto: Martin Hanusch

Zeitzeuge: Michael Goldmann-Gilead. Foto: Martin Hanusch

Mitunter ringt Michael Goldmann-Gilead bei seinem Bericht um die richtigen Worte und unterstreicht seine Ausführungen mit Kopien von Dokumenten. Er will zeigen, dass Eichmann eben nicht »die kleine Schraube in der Vernichtungsmaschinerie« war, wie er selbst behauptete, sondern einer der Hauptverantwortlichen für die massenhafte Deportation und Ermordung der europäischen Juden. Hier widerspricht er auch der Darstellung der jüdischen deutsch-amerikanischen Publizistin Hannah Arendt, die mit ihrer Formulierung von der »Banalität des Bösen« weithin die Sicht auf den Prozess bestimmt. »Eichmann war nicht nur Befehlsempfänger, er war ein Judenhasser, der sich gezielt für die Liquidierung der Juden eingesetzt hat«, ist Goldmann-Gilead überzeugt. Im Prozess sei nachgewiesen worden, dass er auch selbst Befehle gegeben habe.

Die historische Bedeutung des Eichmann-Prozesses sieht Goldmann-Gilead aber vor allem darin, »dass die Menschen in Israel erfahren haben, was damals passiert ist«. Lange sei das kein Thema gewesen, hätten die Überlebenden geschwiegen. »Die Menschen konnten nicht glauben, was wir mitgemacht haben.« Der Prozess habe den Holocaust-Überlebenden die Möglichkeit gegeben, nicht nur den Mund zu öffnen, sondern auch ihr Herz.«

Noch heute beschäftigt den 92-Jährigen der Holocaust. »Es ist nicht leicht, sich zu erinnern, und schwer zu vergessen«, sagt er. Aber über das zu berichten, was damals geschehen ist, sei seine Pflicht. Seine eigene Person und Rolle will er dabei nicht in den Vordergrund stellen. Wichtiger ist es ihm, dass die nachfolgenden Generationen aus der Vergangenheit lernen. Die Kinder und Enkel seien nicht verantwortlich für die Taten ihrer Eltern und Großeltern, gibt er den Besuchern mit auf den Weg. »Aber es ist wichtig, die Lehren daraus zu ziehen und die Demokratie zu verteidigen.«

Zuletzt sprach er darüber, wieso er den Glauben an die Menschen trotz all des Grauens nicht endgültig verloren habe – den Glauben an Gott hat er ohnehin nie verloren. Es seien diejenigen gewesen, die sich unter Lebensgefahr für ihre jüdischen Mitbürger eingesetzt und sie versteckt hatten, die ihm den Glauben an die Menschheit wieder zurückgegeben hätten, so Goldmann-Gilead. »Diese Gerechten unter den Völkern waren die Sterne, die in der dunklen Nacht des Holocausts geleuchtet haben, das vergessen wir nicht.«

Martin Hanusch

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Das älteste Rezept der Welt

3. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Essen mit Migrationshintergrund

Seit Jahrhunderten wandern nicht nur Produkte wie Kartoffeln oder Tomaten von Amerika nach Europa. Auch Kräuter und Zubereitungen werden weltweit abgeschaut, nachgemacht und weiterentwickelt, zum Beispiel Sushi, Curry, Brote und Basmati-Reis. Oft lässt sich gar nicht mehr nachvollziehen, wer ein »Urheberrecht« für sich beanspruchen kann. Umso lächerlicher ist der seit Jahrzehnten »tobende« Kampf zwischen Israelis und Palästinensern, wer denn den Humus (Kichererbsenbrei) erfunden und für sich als »Nationalspeise« betrachten darf. Tatsache ist, dass in der heutigen Türkei Kichererbsen schon vor 13 000 Jahren angebaut wurden und dass die biblische Ruth nach einer Reise im Felde ihr Fladenbrot in Humus getunkt hat und nicht in Essig, wie das hebräische Wort »Hometz« fälschlich übersetzt worden ist. (Ruth 2,14)

In der Bibel verbietet Gott seinem Volk, den Israeliten: »Du sollst nicht das Zicklein in der Milch seiner Mutter kochen.« Diesen Spruch kann man als Rezept betrachten, auch wenn die Mengenangaben und mögliche Gewürze fehlen. Tatsächlich dachte Gott an eine Götterspeise, die »Heiden« im Libanon dem Gott Baal als Opfer darboten und danach verspeisten.

»Weiße Steine«: Getrocknete Ziegenmilch, die ohne Kühlung »ewig« hält. Foto: Ulrich W. Sahm

»Weiße Steine«: Getrocknete Ziegenmilch, die ohne Kühlung »ewig« hält. Foto: Ulrich W. Sahm

Bei den Juden entwickelte sich dieser Rezeptvers zu einem der teuersten und schwierigsten Speisegesetze überhaupt. Auf Schweinefleisch, Krabben, Aal oder Kamelfleisch kann man leicht verzichten, zumal derartige »unkoschere« Zutaten in Supermärkten in Israel gar nicht erst angeboten werden. Aber die strikte Trennung von »Fleischigem« und »Milchigem« ist äußerst mühselig, nicht nur in koscheren Res­taurants, wo man einen Milchkaffee nach einem Steak nicht bestellen kann. In den Heimen frommer Juden gibt es in der Küche zwei Waschbecken, zwei Kühlschränke und, schlimmer noch, zwei Sets von Geschirr, Kochtöpfen und Besteck. Diese Koschergesetze haben durch die Jahrhunderte dafür gesorgt, dass die Juden »unter sich« blieben und sich nicht mit der Nachbarschaft vermischten. Gleichwohl sieht und schmeckt man anhand »typisch jüdischer Gerichte« aus Polen, Indien, Jemen oder Marokko, wie die Juden dennoch in aller Welt gut integriert waren. Die lokalen Speisen, Gerüche, Gewürze und Zutaten haben sie aufgesogen und gemäß ihren »koscheren Bräuchen« umgewandelt. Dieser kulturell-kulinarischen Vielfalt begegnet man ausgerechnet im winzigen Israel, in das Juden aus über 170 Ländern eingewandert sind.

Die »palästinensische« Küche hat genauso Wandlungen durchgemacht. Die Araber – und mit ihnen auch Juden und Christen – lebten jahrhundertelang im osmanischen Reich, das von Algerien über Ägypten und Jemen bis Bagdad reichte. Die Küche des Sultans von Istanbul war tonangebend. Aber örtliche Traditionen wurden ausgetauscht und in die Ferne getragen. So auch das biblische Gericht »Zicklein in der Milch seiner Mutter«. Erstaunlicherweise hat sich das nicht nur im Libanon als Festspeise erhalten, die bei keiner Hochzeit und bei keinem Staatsempfang fehlen darf. Entsprechend abgewandelte Rezepte dazu findet man auch im Iran oder in Ägypten.

Heute muss es nicht Zicklein sein. Lamm, Rind oder Hühnerfleisch können genauso gut verwendet werden. Das Fleisch sollte separat in Wasser vorgekocht werden, gewürzt mit vielen im Mörser zerschlagenen Kardamomkapseln, Lorbeer und Zwiebel.

Entscheidend ist die »Milch«. Die ist etwas Ungewöhnliches. Man findet sie bei Gewürzhändlern in arabischen Basaren. In schäbigen Kartons werden da weiße »Steine« angeboten. Sie stinken wie »ungewaschene Füße« oder eben sehr streng nach Ziege. Bis heute wird dieses »Kischk« in einem dreiwöchigen Prozess nach uralter Methode per Hand hergestellt. So wird kostbare Milch für den Winter konserviert. Kühlschränke sind eine moderne Erfindung. Zunächst wird frisch gemolkene Milch in einer Ziegenhaut geschwenkt. Das »rayeb« teilt sich in »zebda« (eine reiche Creme wie saure Butter) und »shanina« (Joghurt mit wenig Fett).

Die Masse mit dem berauschenden Duft saurer Milch wird mit Burgul, zerkleinertem Weizen, vermengt und zehn Tage lang immer wieder kräftig mit den Händen geknetet. Die Milch fermentiert mit dem Weizen und viel Salz, bis aus der Masse kleine Kegel geformt werden können. Die werden an der Sonne, meist auf den Flachdächern, getrocknet. Das Ergebnis ist dieser weiße »Stein«, der ohne jede Kühlung »ewig« hält. Er kann gerieben und wie Parmesankäse über Gerichte gestreut werden. Für das klassische Gericht »Zicklein in der Milch« wird der Stein am Abend in kochendes Wasser gelegt. Am nächsten Tag ist er so weich, dass er mit Hand oder in einem Mixer zerschlagen und gesiebt werden kann. Dieser Prozess wird so oft wiederholt, bis keine »Krümel« mehr übrigbleiben. Das ist dann die Grundlage für eine stark nach Käse duftende Soße, in der am Ende das Fleisch unter ständigem Rühren noch einmal aufgekocht wird. Das Ergebnis ist »Mansaf«, wie die Jordanier ihr Nationalgericht nennen.

Die Araber wissen durchaus, dass sie hier eine uralte, biblische Tradition bewahren. Dieses ist vielleicht das beste Beispiel, wie einerseits kulinarische Traditionen gepflegt und weitergereicht werden. Andererseits vertieft es auch die kulturelle Kluft zwischen den Völkern, da für Juden dieses Gericht ein Tabu ist, ähnlich wie in Deutschland seit dem 8. Jahrhundert Pferdefleisch verpönt ist. Ulrich W. Sahm

Buchtipp
Köstliches Israel. Rezepte, Traditionen, Feiertage, SCM-Collection, 144 S., ISBN 978-3-7893-9807-0, 16,95 Euro

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Unsere fatale Lust auf Brust

3. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Das globale Huhn: Nieder­ländische Hähnchenfüße in Kamerun, deutsche Hühnerherzen in Togo – weil wir Europäer das zarte Brustfilet des Hähnchens lieben, landen die übrigen Fleischteile seit den 1990er-Jahren zunehmend auf afrikanischen Märkten.

Der Preiskampf um das billigste Schnitzel und die günstigste Hähnchenkeule in den Discountermärkten hat bei uns in Europa dazu geführt, dass wir uns fast schon täglich die edelsten Fleischteile, wie Hähnchen- oder Schweinefilet, leisten können. Andere Teile, die noch billiger sind, finden immer weniger Absatz. Ganze Hühner sind nur selten in den Auslagen der Supermärkte zu finden.

Dies hat nicht nur Folgen für Tiere und Menschen in Deutschland. Die intensive Haltung und Mast haben zu einer Übersättigung des Marktes geführt, der nur noch funktioniert, wenn zumindest die billigen Restteile in Märkte außerhalb der EU exportiert werden. Auf der anderen Seite wäre der enorme Anstieg der Fleischproduktion ohne den massiven Import von Futtermitteln nicht möglich.

Die Reste der Reste unseres Wohlstands: Auf den afrikanischen Märkten landen Hühnerfüße und -flügel – bei den Dumpingpreisen der Fleischimporte haben die lokalen Geflügelzüchter das Nachsehen. Foto: Francisco Mari

Die Reste der Reste unseres Wohlstands: Auf den afrikanischen Märkten landen Hühnerfüße und -flügel – bei den Dumpingpreisen der Fleischimporte haben die lokalen Geflügelzüchter das Nachsehen. Foto: Francisco Mari

So kommt das Futter für unser Huhn zu großen Teilen aus Südamerika. Dort wird immer mehr Wald für den Sojaanbau gerodet oder Land für Nahrungsmittel umgewidmet. Dabei scheuen sich die Sojabarone in Paraguay oder Argentinien nicht, arme Bauern von ihrem Land zu vertreiben. Auf riesigen Feldern wird unter Einsatz von genverändertem Saatgut und Tonnen von Pestiziden Soja für die europäische Tiermast produziert.

Gleichzeitig verursacht unser Luxus, nur noch das Hähnchenfilet auf den Teller zu bringen, Unmengen von Resten, wie Hähnchenschenkel, Rückenteil oder Flügel. Diese Reste gehen auf Exportmärkte: Russland, China und der Nahe Osten nehmen viel davon zu guten Preisen ab. Aber bei Weitem nicht alles. Und so landet immer mehr Geflügelfleisch, sozusagen die Reste der Reste, in Afrika. Im vergangenen Jahr hat die EU ihre Exporte von Geflügelfleisch nach Afrika auf 680 Millionen Kilogramm erhöht. Das ist ein Anstieg von zehn Prozent gegenüber 2015. Da der Verkauf der in Europa begehrten Hähnchenfilets bereits gewinnbringend ist, wurden die Ausfuhrpreise von Hähnchenteilen auf durchschnittlich 0,75 Euro pro Kilogramm gedrückt.

Natürlich freute sich zunächst die städtische Bevölkerung in Afrika über die billigen Hähnchenschenkel. Aber nicht lange, denn die fehlenden Kühlketten und ständige Stromausfälle machen aus den gefrorenen Teilen auf offenen Marktständen bei 30 Grad Hitze hervorragende Brutstätten für Salmonellen. Die Folgen des billigen Fleischimports sind katastrophal: Kleinbauern in Afrika, die sich mit eigener Hühnerhaltung einen kleinen Zusatzerwerb aufbauen, können ihre Tiere zu solchen Dumpingpreisen nicht mehr verkaufen. Besonders Bäuerinnen, die sich meist um die Tiere kümmern, fehlen die Bargeldeinnahmen für Schulgeld, Medikamente oder Transport. Und ist nach einiger Zeit das lokale Fleischangebot von den Märkten verschwunden, werden die Preise, wie in Ghana geschehen, verdreifacht.

Dabei könnten mit den rund 500 Millionen Euro, die Afrika für Fleisch­importe zahlt, Hunderttausende Arbeitsplätze in der Hühnermast, im Futtermittelanbau, im Zwischenhandel und in der Schlachtung geschaffen werden.

In Liberia kommt nach Ebola und Bürgerkrieg die Tierhaltung nicht wieder auf die Beine, weil zum Beispiel Geflügelfleisch aus Europa für nur 0,48 Euro pro Kilogramm importiert wird. Auf dem Markt in der Hauptstadt Monrovia kostet ein Kilo Hähnchenschenkel allerdings 2,50 Euro – die Verbraucher haben also nichts davon. So machen Importeure und die EU-Schlachtindustrie das große Geschäft auf dem Rücken der Kleinmäster in Afrika.

Es ist trotzdem nicht einfach für afrikanische Staaten, den Import zu verbieten und ihre Landwirtschaft vor Billigprodukten zu schützen. Einmal gibt es, wie in Liberia, nicht sofort lokale Alternativen, zweitens sind die Schutzregeln des Welthandels für arme Länder nicht so einfach anzuwenden. Nun bietet die EU Afrika neue Handelsverträge an, die es den afrikanischen Staaten noch schwieriger machen, schon bestehende Billigimporte zu beschränken: die EU–Afrika-Wirtschaftspartnerschaftsabkommen.

In Kamerun hat übrigens eine breite Bürgerbewegung schon vor 10 Jahren die Regierung dazu gezwungen, die Handelsregeln zu brechen und den Import von EU-Hähnchenteilen zu verbieten. Das lokale Geflügelangebot hat sich daraufhin verzehnfacht und der Preis ist stabil geblieben. Auch so kann man Arbeitsplätze schaffen und Menschen bei sich eine Zukunft bieten.

Neue faire Handelsbeziehungen zu Afrika sind notwendig, aber das Exportproblem ließe sich auch lösen, wenn sich Fleischproduktion und -konsum bei uns verändern, was auf Kosten der Menschen in Südamerika und Afrika geht. Wir können mit unserem bewussten Einkauf konkret zur Verbesserung beitragen, denn nicht nur der Preis ist ausschlaggebend. Es geht auch um die Fragen: Wo kommt das Huhn her? Wie wurde es gehalten? Und was kann ich eigentlich alles kochen aus einem Huhn? Wie wäre es bei kühler werdenden Temperaturen mal mit einer selbstgekochten Suppe aus einem ganzen Suppenhuhn?

Francisco Mari

Der Autor ist Referent für Welternährung, Agrarhandel und Meerespolitik bei »Brot für die Welt«; er lebte mehrere Jahre in Kamerun und ist Autor des Buches »Das globale Huhn«.

www.brot-fuer-die-welt.de/themen/haehnchenexport/

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Wie sagt man? – Danke!

3. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Lebenshaltung: Dankbarkeit kann man mit einer einfachen Formel lernen

Haben Sie heute schon jemandem gedankt? – Nein? Dann überlegen Sie mal schnell, wem Sie heute danken könnten – Ihrer Frau oder Ihren Kindern? Der Postfrau oder dem Kollegen? Gott oder dem Leben? Und wenn Sie schon dabei sind, dann überlegen Sie gleich weiter: Wofür können Sie danken? Was haben Sie heute schon Schönes erlebt oder bekommen, gefühlt oder gesehen?

Es gibt tausend Gründe, dankbar zu sein – und das Erntedankfest ist eine gute Möglichkeit, sich wieder daran zu erinnern. Nicht nur für jetzt und dieses Fest, sondern für immer. Nicht nur aus Höflichkeit, wie wir es gelernt haben, sondern aus vollem Herzen.

Dankbarkeit ist eine Lebenshaltung. Und sogar eine, die das ganze Leben verändern kann. Wer dankbar ist, hat einen anderen Blick auf das Leben. Wer dankbar ist, hat einen Blick für das Schöne und Gelungene, für die vielen Geschenke, die das Leben uns macht. Wer dankbar ist, nimmt nichts als selbstverständlich hin. Alles ist Geschenk und kann zu etwas Kostbarem werden, wenn wir es so sehen lernen. Jede Begegnung, jeder einzelne Augenblick unseres Lebens, die wichtigen Dinge, die uns umgeben – alles ist einzigartig. Und je bewusster wir sie wahrnehmen, desto tiefer kann unsere Dankbarkeit und desto reicher wird unser Leben sein.

Lebenshaltungen kann man einüben, auch die Dankbarkeit. David Steindl-Rast, Benediktiner-Mönch und Meister der Dankbarkeit, hat dafür eine einfache Formel gefunden: »Stop – Look – Go« – das bedeutet »Innehalten – Schauen – Handeln«. Um Dankbarkeit als Lebenshaltung zu lernen, braucht es nichts weiter als dieses: Innehalten – um wahrzunehmen, was gerade passiert. Anhalten mitten im Alltagstrubel, für einen Augenblick. Spüren, was gerade guttut. Was spüren Sie gerade? Was tut Ihnen jetzt gerade gut?

Schauen – um den Reichtum des Lebens zu sehen. Schauen Sie sich um! Was gibt es gerade alles, wofür Sie danken könnten? Die Sonne vor dem Fenster? Das Lachen Ihres Kindes? Das neue Kleid? Der duftende Kaffee? Und schließlich: handeln – also danken. Gott danken mit einem Lied oder einfach mit einem stillen Lächeln. Ihrem Kind mit einer Umarmung. Oder der Postfrau mit einem guten Wort. – Und hat Ihnen eigentlich heute schon jemand gedankt?

Als ich die Kinder meiner Gruppe gefragt habe, wo sie Dankbarkeit erleben, habe ich nicht schlecht gestaunt: Fast alle Kinder haben davon erzählt, dass sich jemand bei ihnen selbst bedankt hat. Sie haben Dankbarkeit am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren. Und sie haben gespürt, wie gut dass tut: »Danke, dass du den Tisch gedeckt hast!« – »Danke, dass du mir deinen Stift geborgt hast!« – »Danke, dass du meine Freundin bist.«

Kinder lernen offenbar Dankbarkeit am besten, wenn wir ihnen danken. Wenn sie uns, die Erwachsenen, als dankbare Menschen wahrnehmen. Und wenn sie erleben können, was für ein schönes Gefühl durch die Dankbarkeit entsteht. Wie schön das ist zu hören: »Danke! Du tust mir gut.«

Es ist Erntedank. Wir danken Gott für die Erntegaben, für die Fülle unseres Lebens, für all die Momente, in denen das Glück von ganz allein in die Dankbarkeit fließt. Wir danken den Menschen, die uns guttun und die uns lieben und wärmen. Und vielleicht üben wir uns auch über das Fest hinaus in Dankbarkeit, immer wieder. – Halten Sie inne, schauen Sie hin – und danken Sie. So oft Sie es aus vollem Herzen können. Sie werden sehen, welche Wunder das wirkt!

Wer dankbar ist, lebt bewusster und kann das Leben tiefer genießen. Werden Sie Genießer! Und stecken Sie andere mit Ihrer Dankbarkeit an. Dann wird aus dem Erntedank ein Lebensdank und aus dem einen Fest eine neue Lebenshaltung. Eine, die das ganze Leben heller strahlen lässt. Und das ist ja dann schon wieder ein Grund, dankbar zu sein.
Übrigens: Danke, dass Sie sich die Zeit für diesen Artikel genommen haben.

Friederike Hempel, Gemeindepädagogin, Erfurt

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Die Lebensmittelretter

1. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Auf den Teller statt in den Müll: Mit zwei Tonnen Bio-Zucchini kam das Projekt vor drei Jahren richtig in Fahrt. Jetzt haben die Lebensmittelretter aus Magdeburg den zweiten Platz beim Bundeswettbewerb der Nebenan-Stiftung errungen.

Initiator der Lebensmittelrettung, auch als Foodsharing (Lebensmittel teilen) bekannt, ist Ralf Weigt, der bei der Grünen Hochschulgruppe in Magdeburg die ersten Impulse bekam: »Ich finde, in unserem reichen Land, in dem es sehr vielen Menschen gut und sehr gut geht, gibt es einfach zu viele Menschen, denen es schlecht geht. Da möchte ich lokal etwas gestalten, damit von der Überfülle alle etwas haben.« Dass es sich bei der Überfülle hier und dem Mangel dort um ein weltweites Problem handelt und nicht auf Lebensmittel beschränkt ist, weiß er. »Nach Jahrzenten des Wachstums sollten wir Menschen uns auf unsere Wurzeln besinnen – und die liegen nicht in der Stadt.« Mit dem Blick auf den sorglosen Umgang mit den Lebensmitteln, die vom Lande kommen, will Ralf Weigt mit kleinen Schritten einen weniger sorglosen Umgang mit den Ressourcen befördern und zugleich Menschen helfen.

Teilen statt wegwerfen: Ehrenamtliche der Initiative »Lebensmittel retten Magdeburg« holen die Lebensmittel bei den Spendern ab und bringen sie dann zu den Verteiler-Stationen; auch dieser prall gefüllte Kühlschrank wird am Tagesende wieder leer sein. Fotos: Facebook

Teilen statt wegwerfen: Ehrenamtliche der Initiative »Lebensmittel retten Magdeburg« holen die Lebensmittel bei den Spendern ab und bringen sie dann zu den Verteiler-Stationen; auch dieser prall gefüllte Kühlschrank wird am Tagesende wieder leer sein. Foto: Facebook

Die Lebensmittelretter sammeln – vorwiegend mit (Lasten-)Fahrrädern – Lebensmittel in Supermärkten, bei kleineren Händlern und Bauern ein. Jene Zucchini zu Beginn waren ein Angebot des Bauern. Das Sammelgut wird zu Verteiler-Stationen gebracht, wo auch Kühlschränke für verderbliche Produkte stehen. An den Verteilstationen können sich Bedürftige die Lebensmittel abholen. Das wird inzwischen in fast allen Großstädten praktiziert. »Das Besondere bei uns ist, dass unsere Verteilstellen soziale Treffpunkte sind, wo sowieso Menschen zusammenkommen. So haben wir vor Ort Helfer, die die Lebensmittellisten führen und die Kühlschränke sauberhalten. Sie verteilen, sie nutzen aber auch die Spenden, um gemeinsam mit der Nachbarschaft zum Beispiel Marmelade zu kochen«, erläutert Ralf Weigt. Diese Verbindung von Lebensmittelrettung und Sozialarbeit habe die Jury von nebenan.de besonders gewürdigt. Das Preisgeld von 7000 Euro fließt ins Projekt.

Gute Erfahrungen hat die Gruppe mit Partnern wie der Stadtmission, der Bahnhofsmission oder dem von den Pfeifferschen Stiftungen getragenen Quartierscafé gemacht. Die Auslandsgesellschaft mit dem Eine-Welt-Laden gehört neben Studenten zu den Verteilern. Und ein Tattoo-Studio macht auch mit. Etwa 100 Menschen und etliche Institutionen gehören zum Netzwerk der Lebensmittelretter. Obwohl die Zahl derjenigen, die sich als Initiator für nachhaltige Projekte ins Zeug legen, in Magdeburg überschaubar ist, gelang dem Spielwagen-Verein der Aufbau dieser großen Helferschar gut. »Jede neue Verteilstation lockt neue Helfer an«, freut sich Ralf Weigt. In deren Umfeld würden auch Lebensmittel von privat zu privat geteilt.

Demnächst möchte er mit einem Workshop der Grünen Hochschulgruppe in Stendal die Lebensmittelrettung in der Altmark anschieben. »Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Kirchengemeinden in dieser Richtung aktiv werden – in den kleineren Städten und auf dem Land gibt es da noch viel zu tun. Gern gebe ich Ratschläge und helfe mit unserem Netzwerk weiter«, ermuntert Ralf Weigt zum Nachmachen.

Renate Wähnelt

www.spielwagen-magdeburg.de/lebensmittel-retten

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