Mogul und Gauner

25. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Eine alte indische Legende – nacherzählt von Katrin Martin mit einer Illustration von Maria Landgraf

Im fernen Indien geschah es einst, dass man einen Gauner aufgriff, der hartnäckig mein und dein verwechselte. Ihm drohte der Tod. Da bot er im Tausch um sein Leben den Häschern ein Geheimnis an: Nämlich wie Bäume gepflanzt werden, die goldene Früchte tragen!

Davon nun hörte der Mogul des Landes und der dachte bei sich, ein Versuch könne nicht schaden. Der Bösewicht wurde zu ihm gebracht und erklärte, er könne dieses Kunststück sofort vorführen. Er benötige nichts weiter als einen Klumpen Gold und eine Schaufel.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Der König überlegte einen Augenblick, dann sprach er: »Gut, ich will es mit dir versuchen. Falls alles so klappt, wie du sagst, lasse ich dich frei – im anderen Fall werde ich dich ohne Zögern hängen lassen.« Am nächsten Morgen erschien der König mit seinem gesamten Hofstaat im Garten. Der Gauner verneigte sich tief vor der prachtvoll gekleideten Versammlung und sagte: »Großmächtiger Mogul, du wirst sehen, es ist alles ganz einfach: Ich werde nun ein Loch in den Boden graben, lege den Goldklumpen hinein und werde ihn sodann drei Tage lang mit drei Eimern Wasser begießen. Und du wirst erleben, wie dann ein Baum wächst, der nach weiteren dreimal drei Tagen die ersten drei goldenen Früchte trägt, die täglich neu wachsen und genau das Gewicht des gepflanzten Goldes haben.«

»Nun denn«, sprach der König, »was redest du so lange, geh an die Arbeit. Und sind nach zwölf Tagen die ersten Früchte nicht zu sehen, dann marschierst du zum GaIgen.«
»Oh, großer Mogul«, erwiderte da der Dieb, »ich selber kann dies nicht bewirken. Denn merke: Die Hand, die das Gold pflanzt, darf nie unrechtes Gut berührt haben, sonst wirkt der Zauber nicht. Mir nützt also mein Wissen nichts. Du selber jedoch, großherziger Herrscher …«

Des Königs Hand zuckte nach dem Spaten. Doch dann fielen ihm seine Taten im letzten Krieg ein. »Ich weiß nicht recht«, sprach er nach einigem Nachdenken. »Das Land, das ich eroberte und meinem Reich einverleibte, nahm ich zwar mit dem Recht des Siegers, aber wer weiß, vielleicht kann auch eine solche Tat den Zauber ungünstig beeinflussen. Möge eine andere Hand die Schaufel ergreifen.«

Er winkte seinen Schatzmeister heran. Der aber wich zurück, anstatt näher zu treten. »Oh, großer Mogul«, wand er sich, »so unverbrüchlich ehrlich ich stets dir gegenüber ge-
wesen bin und auch dem Reich natürlich – so mag es doch sein, dass einmal – von mir unbemerkt – ein böser Zufall es zuließ, dass in deiner Schatzkammer ein Goldstück an meinen Schuhsohlen kleben blieb und auf diese Weise …«

»Schon gut«, wehrte der Mogul ab. »Mein unbestechlicher Oberrichter des Reiches soll den Spaten ergreifen!«

Der hohe Richter erhob sich mit einer Verbeugung. »Nur zu gerne würde ich meinen Teil dazu beitragen, den Reichtum des Landes zu nähren. Doch ach, es geht nicht – ausgerechnet in diesem Augenblick beginnt ein wichtiger Prozess, den ich keinesfalls versäumen darf. Sagst du selbst nicht stets, die Gerechtigkeit dürfe man keinen Augenblick warten lassen?«

Da lächelte der König und sprach: »Eile nur und lass deinen Prozess nicht aus! Dann soll …« Und als er sich umsah, fand er sich allein mit dem Dieb – und erblickte gerade noch die letzten seines Hofstaates um die Palast-Ecke hetzen. »So also ist das. Du hast uns eine gute Lehre gegeben, Dieb. Und da es mit dem Goldbaum nichts zu werden scheint, will ich mich mit der Moral begnügen. Nimm das Geld, Gauner, und gehe deiner Wege – aber lasse dich in meinem Reich nicht mehr sehen!«

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