Von Gott erhoben?

18. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Gottgewollter Reichtum: Das Wohlstandsevangelium passt zum »American Dream« – jedem Menschen, der es verdient, verspricht es Gesundheit, geordnete Verhältnisse und materiellen Erfolg. Trump ist ein Anhänger dieser Lehre.

Der Mann im Weißen Haus ist ein Novum für Theologen und Religionsforscher: Donald Trump sei der erste US-Präsident, »dessen einzige religiöse Impulse vom amerikanischen Wohlstandsevangelium kommen«, analysierte die Historikerin Kate Bowler. Noch nie habe diese Glaubenslehre mit dem Kerngedanken, materielle Güter seien Beweis für Gottes Gunst, einen mächtigen Fürsprecher gehabt in den Korridoren der Macht.

Bowler von der Duke Universität in Nord Carolina ist Autorin des Buches »Blessed: A History of the American Prosperity Gospel« (Gesegnet: Die Geschichte des amerikanischen Wohlstandsevangeliums). Das Wohlstandsevangelium sei »sehr viel weiter verbreitet« als gemeinhin angenommen, sagte Bowler bei einer Religionskonferenz. Da können »gestandene« Theologen noch so oft sagen, dass der Gekreuzigte keine Luxusvillen versprochen habe.

Eine Heimat haben Versionen des Wohlstandsevangeliums in vielen Megakirchen und manchen pfingstkirchlich und evangelikal orientierten Gemeinden. Und offenbar auch bei Trump-Wählern. Häufiger Trump-Wahlkampfredner war der afro-amerikanische Pastor Mark Burns aus Süd Carolina. Gott habe ihn von der Armut und Lebensmittelmarken und Sozialwohnungen zu einem Leben im Wohlstand geführt, erzählte Burns. Jesus wolle doch, dass es seinen Jüngern gut gehe. Donald Trump repräsentiere diesen Wunsch.

Ansichtssache? »Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme«, heißt es im Neuen Testament (Markus 10, Vers 25) – mit diesem Bibelzitat kritisieren Gegner das Wohlstandsevangelium. In den USA hat diese theologische Lehre sehr viele Anhänger. Foto: JohnKwan – stock.adobe.com

Ansichtssache? »Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme«, heißt es im Neuen Testament (Markus 10, Vers 25) – mit diesem Bibelzitat kritisieren Gegner das Wohlstandsevangelium. In den USA hat diese theologische Lehre sehr viele Anhänger. Foto: JohnKwan – stock.adobe.com

Als dessen »spirituelle Beraterin« gilt die (wie der Präsident zum dritten Mal verheiratete) Fernsehpredigerin und Megakirchenpastorin Paula White, die mit strahlender Zuversicht verkündet, Gott verheiße Gläubigen ein Leben im Überfluss. Gott habe Menschen den »freien Willen gegeben«, sodass sie sich für Glück entscheiden könnten. Man müsse positiv denken und Chancen ergreifen.

Die Pastorin vom New Destiny Christian Center in Apopka in Florida, angeblich mit einem Apartment im Trump Tower in Manhattan, ist nach eigenen Angaben seit 16 Jahren mit Trump persönlich bekannt. Bei der Amtseinführung sprach White ein Gebet. Auf Fotos von Trumps evangelikalem Beraterkreis fällt die schick gekleidete blonde Frau auf unter all den grauen Männern. In einer Talkshow sagte sie jüngst, Gott habe Trump erhoben: »Wer gegen den Plan Gottes kämpft, kämpft gegen die Hand Gottes.«

Das Wohlstandsevangelium, das sich zusehends auch in Westafrika ausbreitet, passt zum amerikanischen Selbstimage, die Nation sei etwas Besonderes und könne erreichen, was sie erreichen wolle. Es sei »eine Ritualisierung des amerikanischen Traums von aufsteigender Mobilität«, bei dem man bei »richtigem Glauben« mit allen Problemen fertig werden könne, erläuterte Bowler.

Zur Prominenz kam das »prosperity gospel«, bekannt auch als das Evangelium von Gesundheit und Reichtum, in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Prediger heilten. Fernsehsendungen verbreiteten die vermeintliche Hoffnung. Dass der Prediger einen opulenten Lebensstil führte, bestätigte seine Botschaft.

Als junger Mann hat Trump mit seinen Eltern Predigten des New Yorker Selbsthilfepublizisten Norman Vincent Peale besucht, dem zufolge »positives Denken« aus Wünschen Realität macht. Donald sei begeistert gewesen, zitierte die »Washington Post«. Peale »konnte 90 Minuten lang sprechen und die Zuhörer haben sich aufgeregt, als er Schluss machte«.

Einer der bekanntesten Prediger aus dem Spektrum des Wohlstandsevangeliums ist Joel Osteen, ein »wahrer Freund«, wie Trump einmal twitterte. Seine mit 16 000 Sitzplätzen ausgestattete Lakewood Church in Houston ist eines der größten Gotteshäuser in den USA. Während der Flutkatastrophe »Harvey« Ende August bekam Osteen Image-Probleme: Seine Kirche habe anfangs ihre Türen nicht aufgemacht für vor den Wassermassen bedrohte Menschen, hieß es in Medienberichten.

Die Religionswissenschaftlerin Anthea Butler erläuterte in der »New York Times«: Der »spektakulär reiche« Osteen hätte seine Kirche doch frühzeitig als ein Logistikzentrum für die Stadt zur Verfügung stellen oder Obdach anbieten können. Stattdessen habe er Twitter-Botschaften verbreitet, man dürfte nicht »zum Zweifel und zur Furcht hin treiben« und müsse »verankert bleiben in der Hoffnung«.

Naturkatastrophen seien außerordentlich schwierige Krisen für Menschen wie Osteen (und Trump), schrieb Butler.

»In Ihnen steckt ein Gewinner«, verheißt Osteen Lesern seiner Büchern. »Sie wurden dazu geschaffen, erfolgreich zu sein.« Diese Botschaft ist schwer zu vermitteln an Evakuierte, die um ihre Wohnungen bangen und den in den Fluten abgesoffenen Pkw, und nicht mehr haben als die nassen Kleider am Leib.

Osteen hat die Kritik in den Medien gekontert, mit seinem gewohnten Charme und freundlichem Lächeln. Die Stadt Houston habe Lakewood gar nicht um Obdachgewährung gebeten, sagte er im NBC Fernsehen. »Wir wären ein Zufluchtsort geworden, wenn sie uns zuerst gefragt hätten.« Lakewood sei Verteilungszentrum für Hilfsgüter, und »wir werden noch in fünf Jahren hier sein, um diesen Menschen zu helfen«. Er fühle sich gut dabei.

Der Präsident reiste zweimal ins texanische Katastrophengebiet. Er brachte eine ausgesprochen positive Botschaft. Der Wiederaufbau werde viel schneller gehen als erwartet, sagte Trump. Und die Anstrengungen seien »eine wunderbare Sache. Sogar für die Nation und die Welt beim Zuschauen, es war wunderbar.«

Konrad Ege

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Welche Rolle spielen Christen in der Politik, Herr Resing?

18. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Nahezu 60 Prozent Christen leben in Deutschland. Wie groß ist der Einfluss in Politik und Gesellschaft? Der Journalist und Buchautor Volker Resing (»Angela Merkel – Die Protestantin«) hat darauf geantwortet:

Welche Rolle spielen Christen in der Politik?
Resing:
Christen spielen in der Politik eine maßgebliche Rolle. Gerade in den neuen Bundesländern sind engagierte Christen nach 1990 in wichtige Positionen gekommen. Ohne das soziale Engagement von Christen und den Kirchen sähe es in unserem Land gewiss schlechter aus.

Wie viel Kirche und Christentum verträgt die Politik?
Resing:
Aus der christlichen Botschaft lässt sich in der pluralen Gesellschaft kein eindeutiges politisches Programm ableiten. Wer das behauptet, der missbraucht die Bibel für seine persönlichen politischen Ziele. In der Demokratie ist es auch als Christ legitim, etwa die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu begrüßen oder sie zu kritisieren. Die Kirchen haben sich hier klar und laut positioniert, dass das Eintreten für Menschen in Not zur Christenpflicht gehört. Manchen war das zu deutlich, aber klar erkennbar waren die Kirchen da.

Volker Resing Foto: Markus Nowak

Volker Resing Foto: Markus Nowak

In manchen anderen Fragen gibt es ja auch unter den verschiedenen christlichen Kirchen – und auch unter Christen – sehr unterschiedliche Positionen. Etwa in der Abtreibungsfrage oder bei der Diskussion um die Ehe für homosexuelle Paare. Das ist für Christen manchmal sehr schwierig, da eine eigene Orientierung und Positionierung zu finden. Aber dass es als Christ leicht sein würde in der Welt, das hat Jesus auch nicht verheißen.

Das Thema eines Gesprächsforums in Magdeburg heißt »Das Verschwinden des Christentums aus der Politik?« Wie stehen Sie dazu?
Resing:
Meine Kernthese ist, dass vielmehr die Entkirchlichung und das Verschwinden des Christentums in der Gesellschaft das Problem ist. Gerade in den neuen Bundesländern hat man da ja durchaus schon mehr Erfahrung als im Westen. Und auch dabei ist die sinkende Zahl von Gottesdienstbesuchern doch nur ein Symptom der Krankheit. Viel schlimmer ist, dass die Menschen die christliche Botschaft nicht mehr verstehen – und viele Christen sie nicht mehr erklären können.

Theologen in der Politik – Vorteil oder Hindernis?
Resing:
Vielleicht muss man hier an Martin Luther und die Freiheit eines Christenmenschen erinnern. Das Christentum ist nun mal, auf die Politik bezogen, keine Sprache oder kein Fachgebiet wie etwa das Englische, bei dem man mit einem Test einwandfrei nachprüfen könnte, ob jemand es beherrscht oder nicht.

Das Christentum ist keine Ideologie. Und wenn es eine wäre, das Christentum wäre heute nicht die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft der Welt. Die Botschaft des Auferstandenen ergreift Asiaten und Afrikaner, Amerikaner und auch Sachsen-Anhalter und Thüringer gleichermaßen, wer sie da kleinmachen will für sein eigenes kleines Leben, der hat die Sprengkraft des Glaubens vielleicht noch nicht ganz erfasst.

Die Fragen stellte Diana Steinbauer.

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Luther und der Hammer

18. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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In Gotha ist bei Erschließungsarbeiten am Nachlass des Theologen und Bibliotheksdirektors Ernst Salomon Cyprian eine Federzeichnung entdeckt worden, die einer der ersten Belege für die Visualisierung des Thesenanschlags Martin Luthers mit dem Hammer ist. Die Zeichnung wurde nach einem anlässlich des Reformationsjubiläums 1717 im dänischen Aalborg ausgestellten Schaubildes angefertigt. Das teilte die Universität Erfurt mit, zu der die Gothaer Forschungsbibliothek gehört.

Dass der Reformator am 31. Oktober 1517 mit einem Hammer seine 95. Ablassthesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg schlägt, ist ein Bild, dass 500 Jahre Reformationsgeschichte überdauerte. In der Forschung ist diese Zuspitzung auf den Hammer jedoch umstritten, da dieses Bild bisher als eine Prägung des 19. Jahrhunderts galt. Jedoch wurde nie untersucht, wann und wo das populäre Motiv »Luther mit dem Hammer« tatsächlich entstand.

Gemeinsam mit anderen Objekten lässt der Fund den Schluss zu, dass der historisch nicht verbürgte Thesenanschlag mit dem Hammer zwar mit deutlichem Abstand zur Reformationszeit, aber schon weit vor dem 19. Jahrhundert erstmals dargestellt wurde.

Mirjiam Petermann

Ein Land mit vielen Herren

12. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Kann Europa darauf bauen? Libyen ist zerrissen zwischen zwei Regierungen und vielen Milizen – ein verlässlicher Verhandlungspartner sieht anders aus.

Libyen steht seit einigen Jahren ganz oben auf der Prioritätenliste europäischer Diplomatie. Nicht erst seit dem Pariser Migrationsgipfel Ende August. Als Transitland für Hunderttausende Afrikaner, die nach Europa wollen, spielt es aus europäischer Sicht eine Schlüsselrolle bei der Regelung der Migration. Allerdings kann trotz aller diplomatischer Bemühungen von Libyen als Einheit auch weiterhin keine Rede sein, zumindest nicht von einem libyschen Staat, der als Verhandlungspartner verlässlich oder auch nur ansprechbar wäre.

Daran hat der viel beachtete Vorstoß von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Juli nichts geändert. Dabei bekam er seinerzeit immerhin die beiden wichtigsten Gegenspieler des libyschen Machtkampfs in einen Raum: In einem Schlösschen außerhalb von Paris brachte Macron Fayez al-Sarradsch, den Chef der libyschen »Einheitsregierung«, und seinen Rivalen General Khalifa Haftar zusammen, den Befehlshaber der libyschen Armee. Die beiden einigten sich auf ein Abkommen mit zehn Unterpunkten.

Demnach wollen sie sich nicht nur für einen Waffenstillstand, die Vorbereitung von Neuwahlen und den Aufbau eines demokratischen Rechtsstaats einsetzen, sondern auch gegen Schmuggel jeglicher Art vorgehen – also auch Grenzen und Migration kontrollieren. Konkrete Schritte zur Umsetzung der ehrgeizigen Ziele fehlen allerdings, und ihre Unterschriften setzten die beiden Herren auch nicht unter das Papier.

Aber selbst das hätte das libysche Problem nicht gelöst. Denn seit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi 2011 ist das riesige nordafrikanische Land mit seinen sechs Millionen Einwohnern politisch ein Flickenteppich. Außer den zwei Regierungen, in denen Haftar und al-Sarradsch die tragenden Rollen spielen, konkurrieren Dutzende Milizen um die Macht. In jeder Stadt hat eine andere Gruppe mit anderen Zielen das Sagen, jede Gruppe hat eigene Kampfbrigaden. Ein wichtiger Faktor ist außerdem die Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS), die beim Menschenschmuggel mitmischt.

Selbst ein Etappensieg gegen den IS im Dezember 2016 hat die Lage nicht stabilisiert. Sieben Monate hatte die Offensive gedauert, bis Milizen aus der zentrallibyschen Stadt Misrata die Küstenstadt Sirte im Osten des Landes unter ihre Kontrolle brachten. Unterstützt wurden die Milizionäre von der US-Luftwaffe nach einer Bitte der international anerkannten »Einheitsregierung« von Premier al-Sarradsch in Tripolis. Die Milizen von Misrata unterstellten sich zumindest offiziell seiner Regierung.

Aber eine »Einheitsregierung« führt al-Sarradsch bis heute nicht. Faktisch gibt es weiterhin die Gegenregierung in Tobruk im Osten, in der General Haftar der starke Mann ist. Die beiden Regierungen verhalten sich auch gegenüber Europa regelmäßig widersprüchlich. Nach einer Ankündigung Italiens, Libyen habe für die eigenen Hoheitsgewässer um Unterstützung italienischer Marineeinheiten gebeten, drohte Haftar, er werde jedes italienische Schiff zurückschlagen, das in libysche Gewässer einfahre.

Al-Sarradschs Regierung wiederum sorgte jüngst für Verunsicherung unter Rettungsorganisationen mit seiner Ankündigung, die Kontrollen auf internationalen Gewässern auszuweiten. Mehrere Hilfsorganisationen, die Flüchtlinge im Mittelmeer retten, stellten zumindest zeitweise ihre Arbeit ein unter Verweis auf Sicherheitsrisiken für die Helfer.
Mehrere Retter sind nach eigenen Angaben in der Vergangenheit von der libyschen Küstenwache angegriffen worden. Hinzu kommt, dass afrikanische Migranten nicht nur auf See ihr Leben verlieren, sondern auch schon auf dem libyschen Festland – dort also, wo Politiker von CDU und SPD sogenannte »Auffanglager« für Migranten einrichten wollen. Die Regierung von Premierminister al-Sarradsch hat nur über den geringsten Teil des Landes annähernd Kontrolle. Etliche Territorialherren halten die afrikanischen Ausländer in sogenannten »Gefängnissen« oder »Safe Houses« fest. Dort werden sie oft schwer misshandelt oder finanziell erpresst, einige sogar hingerichtet. Das berichten Über-
lebende.

Solche Erkenntnisse finden sich auch in einem Bericht, den die deutsche Botschaft im Niger für die Bundesregierung erstellte, und der bereits Ende Januar bekannt wurde.

Bettina Rühl (epd)

Orgel in der Box spielt ganz von selbst

11. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Zauberkasten: Tragbares Miniinstrument kann alle Choräle

Im Büro von Stendals Superintendenten Michael Kleemann steht ein Zauberkasten. Rund 40 mal 50 mal 20 Zentimeter klein ist er und spielt auf Knopfdruck »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Macht hoch die Tür« oder »Gelobt sei Gott im höchsten Thron«. Die Nummer eines Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch wird eingegeben, ebenso die Anzahl der Strophen und ob ein Vorspiel gewünscht ist. Los geht es. »Eine Orgel in der Box«, sagt Superintendent Kleemann: »Wir nutzen sie regelmäßig in Gottesdiensten ohne Kantor.«

In ländlichen Kirchenkreisen, wo Kantoren oder ehrenamtliche Organisten große Wegstrecken zurücklegen müssen und somit gar nicht alle Gottesdienste bespielen können, sorgt die Orgelbox für musikalische Begleitung der singenden Gemeinde – ohne das geringe Volumen und die beschränkte Steuerungsfähigkeit eines sonst oft verwendeten tragbaren CD-Spielers.
Neben der Idee und der Technik ist eine weitere Besonderheit der Orgel in der Box ihre Herkunft: Sie ist in der Altmark entwickelt worden und wird dort produziert.

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Der Tischler Manfred Hoffrichter hat sich nach der Wende selbstständig gemacht, fertigte zunächst Gehäuse für Orgeln. Aber als Musiker und Tüftler interessierte er sich schon bald für das Innenleben. Heute fertigt die Hoffrichter Orgel GmbH, beheimatet in Salzwedel, Nischenprodukte: Elektronische Orgeln, eine Synthese aus analoger und digitaler Technik mit individuellen Lösungen.

Weil er nebenbei selbst Orgel spielt, weiß er um die Nöte der Kirchenmusiker-Zunft. »Wenn ein Organist fehlt oder eine Orgel nicht spielbar ist, dann bietet sich die Orgel in der Box an«, sagt er. Zielgruppe seien weniger die Kirchenmusiker – die kauften eher eine mobile Blockorgel. Vielmehr würden Pfarrer angesprochen, die sonntags auf den Dörfern unterwegs sind und Gottesdienste auch mit kleinen Gemeinden feiern: »Dann ist der Pfarrer oft der Einzige, der laut singt und das auch noch ohne Begleitung.« Die Orgelbox unterstützt ihn.

Auf einem Chip sind die Lieder des Evangelischen Gesangbuchs abgespeichert. Der Klang habe ausreichend Volumen und Lautstärke für Kirchenräume. »Die Box ist so laut wie eine elektronische Orgel«, so Hoffrichter. Die Geschwindigkeit lässt sich stufenlos regeln, anders als beim Kofferradio bleibt die Tonhöhe gleich. Und gibt es doch einen Organisten, aber keine spielbare Orgel, lässt sich an die Box auch eine Klaviatur anschließen.

(kas)

Klingende Zukunft

7. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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30 Jahre Handglockenchor Gotha

Wieder einmal: Luther. Zu seinem 500. Geburtstag, den 1983 auch die DDR-Staatsführung groß feierte, rückten Augustinerkloster und -kirche Gotha in den Fokus. Mehrfach hatte hier der Reformator gepredigt. Das faszinierte bei seinem Besuch den amerikanischen Pastor Larry Hoffsis aus Ohio ebenso wie die Historie der Gebäude. Er wollte unbedingt mit seiner Gemeinde eine Partnerschaft mit der Augustinergemeinde begründen. Ein nicht zu erfüllender Wunsch in jenen Jahren. »Wenn was ging, dann auf kultureller oder sportlicher Ebene«, sagt Kirchenmusikerin Elke Eichhorn.

1985 reiste der Handglockenchor aus Dayton (Ohio) nach Thüringen und gastierte auch in Gotha. »Was wir da hörten, war so ungewöhnlich wie einmalig«, erinnert sich die Musikerin. Wenig später fragte der Landeskirchenmusikdirektor sie rundheraus, ob sie sich zutraue, einen Handglockenchor zu leiten. Warum nicht mal tun, was völlig unbekannt ist, entschied Elke Eichhorn. Dann dauerte es noch zwei Jahre, ehe alle Formalitäten erledigt waren und Larry Hoffsis mit seiner Frau Cindy einen Satz Handglocken als Geschenk der Epiphany Lutheran Church an die Augustinergemeinde übergeben konnte.

Foto: Tino Sieland

Foto: Tino Sieland

Ein Geschenk, das nachhaltig ist. Damit wurde eine dreißigjährige Geschichte begründet. Vom 8. bis 10. September feiert der Chor sein 30-jähriges Bestehen.

»Nach einem Schnellkurs konnten wir in langsamem Tempo drei, vier Lieder spielen«, so Elke Eichhorn. Aber der Anfang war gemacht. 1988 reiste sie zu einem Workshop für Handglockenspieler und -chorleiter in die USA.

Unter den jungen Handglockenspielern vor 30 Jahren war auch der achtjährige Sohn der Kirchenmusikdirektorin. Matthias Eichhorns Begeisterung für diese Musik ist seitdem ungebrochen. 2005 hat er von seiner Mutter die Leitung des Handglockenchors übernommen. »Als Jazzmusiker hat er weitere Klangfarben in unsere Musik gebracht«, freut sich die Mutter, die natürlich weiterhin im Ensemble aktiv ist.

Die Liste der Konzerte ist lang. Zu Hause in der Augustinerkirche erspielte er in Benefizkonzerten Geld für den Orgelneubau. Mit der Wiedervereinigung weitete sich auch der Radius der Aufführungsreisen. Eine erste CD bringt der Chor 1995 auf den Markt, die vierte erscheint pünktlich in diesen Tagen zum Jubiläum.

Nachwuchssorgen, sagt Elke Eichhorn, hat der Handglockenchor nicht. Und das zeigt, mit seinen 30 Jahren ist er erstaunlich jung. Und blickt in eine klingende Zukunft.

Klaus-Dieter Simmen

Programm zum Festwochenende:

8. September, 18 Uhr Auftaktabend,

9. September, 18 Uhr Festkonzert in der Augustinerkirche,

10. September, 10 Uhr Festgottesdienst in der Margarethenkirche

www.hgcg.de

Dem Hamsterrad entkommen

4. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Neue Wege: Die MDR-Moderatorin Katrin Huß verließ überraschend das Fernsehen – und entdeckt seither das Leben neu. Sie macht Mut, das loszulassen, was einen ausbremst.

Vor etwa einem Jahr hat die langjährige MDR-Moderatorin Katrin Huß (47) mitten im prallen Leben innegehalten – und eine überraschende Entscheidung getroffen: Sie hat ihren Vertrag beim MDR nicht verlängert und die erfolgreiche Kar­riere als Moderatorin und Reporterin an den Nagel gehängt. Nach fast 20 Jahren. Eigentlich – so sollte man meinen – hätte alles noch mindestens 20 Jahre so weitergehen können. Katrin Huß liebte ihren Beruf. Und strahlte das auch immer aus, zum Beispiel bei der Sendung »Hier ab vier«.

Friedenslauf von Rom nach Wittenberg: Katrin Huß und Laufpartner  Timo Hoffmann. Foto: Facebook.com/Friedenlauf

Friedenslauf von Rom nach Wittenberg: Katrin Huß und Laufpartner Timo Hoffmann. Foto: Facebook.com/Friedenlauf

Doch dann kam der 14. Juli 2016. Auf ihrer Facebook-Seite verkündete Huß mit wenigen Zeilen ihren Rückzug: »Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich vergessen hatte, meine eigene Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe keine Kinder, keine eigene Familie, wenig Zeit für Freunde und noch weniger Zeit für die Liebe. Ich bin erfolgreich mit dem was ich tue, aber bin ich erfüllt?« Und sie schreibt von ihrer einschneidenden Erkenntnis: »Auch ein Hamsterrad sieht von innen aus wie eine Karriereleiter und oft merkt man zu spät, dass man auf der Stelle tritt.«

Katrin Huß entflieht dem Hamsterrad. Sie bezeichnet den Schritt als eine »180-Grad-Wendung«. »Ich musste mich in den letzten Jahren manches Mal verbiegen, die Leichtigkeit und Fröhlichkeit war weg.« Und dann kamen auch noch Rückenbeschwerden. Für Huß lief es auf eine Entscheidung hinaus. Ein Motto, das sie beim Yoga gelernt hatte, ging ihr im Kopf herum: »Lass los, was dich ausbremst.« Und das habe sie dann einfach gemacht, sagt sie.

Freilich sprang sie nicht ganz ins Leere. Seit einem Jahr betreibt sie ein kleines Yoga-Studio in Markkleeberg bei Leipzig. Doch trotzdem gab es auch Befürchtungen. Wird das Leben mit weniger Einkommen und weniger Rampenlicht funktionieren? Heute kann Katrin Huß aus vollem Herzen sagen: Ja, es funktioniert. Und zwar sehr gut. »Ich fühle mich leicht und bin dankbar, intuitiv die richtige Entscheidung getroffen zu haben«, bekennt sie und ergänzt schmunzelnd: »Ich warte immer noch auf das Loch, in das ich falle, aber da kommt keines.«

Endlich habe sie nun mehr Zeit für ihre Eltern. Und für alles, was bisher zu kurz gekommen ist – das Gärtnern oder das Kaffeetrinken mit Freunden. »Ich mache das jetzt alles, ich warte nicht mehr«, sagt sie. Nebenbei bildet sie sich weiter zur Übungsleiterin im Reha-Sport. Und auch Veranstaltungen moderiert sie noch. Sie will Menschen Mut machen, ihr Leben in die Hand zu nehmen und zum Positiven zu verändern. »Dabei bin ich selbst das beste Beispiel, wenn ich den Leuten sage: Entschleunigt mal, fahrt mal runter, ihr müsst nicht perfekt sein.« Manchmal muss sie dann über ihre Lebenswende schmunzeln. »Früher habe ich die Menschen dazu ›verdonnert‹, nachmittags zwei Stunden vor dem Fernseher zu verbringen. Und heute animiere ich sie, hinauszugehen und selbst aktiv zu werden.«

Zu einem erfüllten Leben gehört für Huß immer auch der Blick auf diejenigen, denen es nicht so gut geht. Deshalb war sie im April mit dabei beim Friedenslauf von Rom nach Wittenberg – vom Papst zu Luther. »Damit wollten wir einfach ein Zeichen setzen für Frieden, Demokratie und Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit.« Einen schöneren Ausklang der Luther-Dekade kann sich Huß nicht vorstellen. Doch die vergangenen Monate von Katrin Huß zeigen: Der wichtigste Lauf ist der zu sich selbst – und zu dem, was wirklich zählt im Leben.

Stefan Seidel

Da sein – mit ungeteiltem Herzen

4. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Suche nach einem einfachen Lebensstil ist ein modernes Thema und ein wichtiges. Einfachheit – im Christentum steht der Begriff für die Ausrichtung des ganzen Herzens auf Christus, für Liebe ohne Nebenabsichten.

Im Alten Testament entspricht das Wort »tham« unserer Einfachheit. Allerdings hat es noch viele andere Bedeutungen. Und auch die Septuaginta übersetzt es verschieden, einmal mit einfach, dann mit vollkommen, lauter, wahrhaftig, heilig, untadelig. Gott selbst spricht zu Salomon: »Wenn du mit ungeteiltem und aufrichtigem Herzen vor mir den Weg gehst, den dein Vater David gegangen ist, und wenn du alles tust, was ich dir befohlen habe, wenn du auf meine Gebote und Rechtsvorschriften achtest, dann werde ich deinen Königsthron auf ewig in Israel bestehen lassen.« (1. Könige 9,4+5)

Einfachheit meint hier die völlige Hingabe des Menschen an Gott. Ich bin König in seinem Dienst. Es geht mir nicht um meinen Ruhm und um meine Macht, sondern einfach darum, für die Menschen da zu sein und das Beste für sie zu wollen. Wer mit einfachem Herzen für die Menschen da ist, der ist ein Segen für sie. Auf ihn kann man sich verlassen. Man spürt, dass er es gut mit einem meint. Er ist frei von allem egoistischen Kreisen um sich selbst. Er ist ganz und gar von Gottes Geist durchdrungen. Er ist allein auf das eine gerichtet: gut zu sein und Gutes zu tun und für die Menschen das Beste zu wollen.

In der Bergpredigt spricht Jesus vom einfachen und klaren Auge: »Wenn dein Auge einfach (griechisch: haplous) ist, dann wird dein ganzer Körper hell sein. Wenn aber dein Auge böse (griechisch: poneros) ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein.« (Matthäus 6,22 und Lukas 11,34) Manche Exegeten übersetzen das »haplous« oft mit »gesund« und das »poneros« mit »krank«. Da ist sicher etwas Richtiges gesehen. Das einfache Auge ist gesund. Es sind die Dinge so, wie sie sind. Es projiziert nicht die eigenen Bedürfnisse oder Emotionen in die Dinge und in die Menschen hinein. Wir sehen es einem Menschen an, ob er klar und aufrichtig ist. Wir brauchen ihm nur in die Augen zu sehen. Dann spüren wir, was von ihm ausgeht: Klarheit oder Unklarheit, Liebe oder Härte, Verurteilen oder Annehmen, Güte oder Verachtung.

Foto: Srubina – Fotolia.com

Foto: Srubina – Fotolia.com

Es gibt Menschen, die einen freundlich begrüßen. Aber das Auge bleibt unfreundlich und abweisend. Bei solchen Menschen fühlt man sich nicht wohl. Da sehnen wir uns nach Menschen mit einem einfachen Auge. Bei ihnen wissen wir, woran wir sind. Und von solchen Menschen geht eine gute Ausstrahlung aus. Im Lukasevangelium verweist Jesus auf diese positive Ausstrahlung, wenn er das Wort vom Auge noch weiter ausführt: »Achte also darauf, dass in dir statt Licht nicht Finsternis ist. Wenn dein ganzer Körper von Licht erfüllt und nichts Finsteres in ihm ist, dann wird er so hell sein, wie wenn die Lampe dich mit ihrem Schein beleuchtet.« (Lukas 11,35f.) Von so einem Menschen mit einem einfachen und gütigen Auge wird Licht ausgehen. Die Menschen werden seine Wärme spüren. Sie werden das Klare und Einfache in ihm wahrnehmen. So können sie ihm vertrauen. Und sie fühlen sich in seiner Nähe wohl.

Paulus, der die stoische Philosophie kennt und ihre Vorliebe für die Einfachheit, gebraucht siebenmal das Wort »haplotes«. Im Römerbrief fordert er die Christen auf: »Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken (en haploteti = in Einfachheit, in der Einfalt des Herzens).« (Römer 12,8) Auch zu den Korinthern spricht er dreimal vom selbstlosen Geben (haplotes) (2. Korinther 8,2; 9,11.13). Und er hält seine eigene Selbstlosigkeit und Einfachheit denen entgegen, die diese Einfachheit vermissen lassen. »Ich fürchte aber, wie die Schlange einst durch ihre Falschheit Eva täuschte, könntet auch ihr in euren Gedanken von der aufrichtigen und reinen Hingabe an Christus abkommen.« (2. Korinther 11,3) Hier geht es nicht mehr um Selbstlosigkeit, sondern um die Ausrichtung des ganzen Herzens auf Christus. Der einfache Christ ist der, der sich ganz und gar vom Geist Jesu bestimmen lässt und sich mit ungeteiltem Herzen Christus hingibt. Einfachheit ist hier Ausdruck von einer Liebe ohne Nebenabsichten. Es ist eine klare Liebe. Und es ist eine Haltung, in der ich durchlässig bin für Christus, und Christi Geist nicht mit meinen eigenen egoistischen Wünschen trübe.

Die deutsche Sprache hat ihre eigene Erfahrung mit dem Wort »einfach«. Es meint ursprünglich: nicht doppelt, nicht zusammengesetzt. In »einfach« steckt das Wort »Fach«, das etwas Abgeteiltes meint. Ursprünglich beschreibt es das geflochtene Fischwehr in Flüssen. Im Mittelalter nennt man das mit Flechtwerk ausgefüllte Zwischenfeld in einer Wand Fach. Man errichtet Fachwerkbauten. Später spricht man dann vom Fach im Unterricht oder von einem Spezialgebiet in Handwerk, Kunst und Wissenschaft. Da gibt es dann den Fachmann, der für dieses Fach besonders begabt oder gebildet ist. In dem Wort »einfach« klingt noch das »eine Fach« nach, das einen Fachmann braucht, der sich auf das »eine« konzentriert. Für den Fachmann ist alles einfach. Er braucht die Dinge nicht zusammenzusetzen oder gar doppelt auszuführen. Er formt die Dinge so, dass sie einfach und klar werden. Es ist nicht so einfach, einfach zu leben. Dazu braucht es den Fachmann, der es versteht, das eine zu wollen.

»Einfachheit ist das Resultat der Reife«, sagt Friedrich von Schiller. Wir sagen manchmal eher abschätzig von einem Menschen, dass er sehr einfach sei, einfach strukturiert, einfach im Denken, fast etwas einfältig. Schiller sieht die Einfachheit als Zeichen eines reifen Menschen. Wer reif geworden ist, der ist auch in sich und mit sich eins geworden. Seine innere Einheit wird sich auch auf die Beziehung zu den anderen Menschen auswirken. Er wird ihnen gegenüber klar sein. Er muss sich nicht darstellen. Er kann es sich erlauben, einfach da zu sein. Seine Einfachheit im Denken und in seiner Ausstrahlung wirkt befreiend und einend. In seiner Nähe wird einem etwas klar, da klärt sich das Trübe in uns und wir blicken durch.

Anselm Grün

Zukunft mit Kamm und Schere

4. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Perspektiven gegen die Hoffnungslosigkeit: Langzeitflüchtlinge aus Somalia schaffen sich durch ein Projekt des Lutherischen Weltbundes eine neue Existenzgrundlage in Äthiopien.

Wenn ich alles gelernt habe, werde ich eine Schneiderei aufmachen, um meine Familie zu ernähren«, sagt Faiza Mahmud Said. Die ältere Frau mit dem gelben Kopftuch schneidet unterschiedlich geformte Stücke aus weißem Papier. Es ist einer der ersten Tage der Schneiderausbildung für die somalischen Flüchtlinge im Lager Awubere bei Jijiga im Osten Äthiopiens. Mit den in diesem Workshop erworbenen Fähigkeiten sollen die Teilnehmenden in die Lage versetzt werden, sich eine unabhängige Einkommensquelle zu schaffen.

Ein von der Welt vergessener Ort: Zwei Flüchtlingslager, Awubere und Sheder, liegen diesseits und jenseits einer Gastgemeinschaft und eines Flusses, der nur in der Regenzeit Wasser führt. Die wasserarme Gegend befindet sich in der Nähe der Grenze zu Somalia. Die einzige gepflasterte Straße ist eine Aneinanderreihung von Checkpoints. Ansonsten scheint in dem Gebiet hauptsächlich eine somalische Züchtung kleiner schwarzer Schafe mit weißen Köpfen zu leben.

Wie die meisten der 15 000 somalischen Flüchtlinge in den beiden Lagern ist Faiza Mahmud Said seit fast zehn Jahren hier. Nahrungsmittel werden einmal im Monat verteilt. »Das Essen reicht nur für zwei Wochen«, sagt sie. »Danach waschen wir als Tagelöhne­rinnen für die Gastgemeinschaft Kleider oder heben Gräben aus. Unsere Kinder gehen zur Schule, aber es gibt hier keine Arbeitsmöglichkeiten für sie.« Die Situation der somalischen Flüchtlinge in Äthiopien findet nur wenig internationale Aufmerksamkeit und noch weniger finanzielle Unterstützung.

Strahlen um die Wette: Suhai Ismael Abuker mit einer Kundin in ihrem Friseursalon. Fotos: LWB/Cornelia Kästner

Strahlen um die Wette: Suhai Ismael Abuker mit einer Kundin in ihrem Friseursalon. Fotos: LWB/Cornelia Kästner

Der Lutherische Weltbund (LWB) ist seit vier Jahrzehnten in Äthiopien präsent. Er kam 1973 auf Bitten der Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus (ÄEKMY) ins Land. Durch Projekte wie das in Jijiga zielt der LWB darauf ab, die Langzeitflüchtlinge und ihre Gastgeber mit einer Existenzgrundlage zu versorgen und ihre Abhängigkeit von Hilfsleistungen zu verringern. Darüber hinaus bietet das Projekt Ausbildung und Qualifikationen, von denen die Flüchtlinge profitieren, unabhängig davon wo sie in Zukunft leben werden. Die Unterstützung und Ausbildungsmöglichkeiten nützen auch Mitgliedern der Gastgemeinschaft, die direkt neben den Flüchtlingslagern wohnen.

Während viele Männer die Ausbildung zum Herrenfriseur wählen, entscheiden sich die meisten Frauen fürs Schneidern oder Frisieren. »Ich habe etwa 10 bis 15 Kundinnen pro Woche«, sagt Suhai Ismael Abuker. Die 19-Jährige hat mit der Hilfe des LWB zu Hause einen Kosmetik- und Frisiersalon eröffnet, weil die auf dem Marktplatz errichteten Salons vorläufig keine Stromversorgung haben. »Viele Kundinnen kommen am Monatsende, wenn die Rationen verteilt werden und die Familien wieder Geld haben«, sagt sie. Frisuren und Henna für Hochzeiten stehen hoch im Kurs. Im Lager ist es wie in jeder anderen äthiopischen Stadt: Kinder werden geboren, wachsen auf, heiraten und gründen neue Familien.

Wie Said unterstützt auch Abuker ihre Familie mit dem Geld, das sie verdient. Sie strebt an, ihren Betrieb zu vergrößern. Zurzeit stellt ihr Einkommen jedoch nur einen kleinen Beitrag zum Familienbudget dar. Die meisten ihrer Kundinnen wollen Henna-Tätowierungen – damit verdient sie pro verzierter Hand oder verziertem Fuß 50 Birr (weniger als 2 Dollar).
Keiner der Bewohner der Lager Awubere und Sheder rechnet mit einer schnellen Heimkehr. »Somalia ist nicht sicher, es ist nicht ein Ort, an den man zurückkehren kann«, sagt Yusuf Abdulrahman Hasan, ein junger Mann, der 2009 in Äthiopien ankam und sich jetzt beim LWB als Herrenfriseur ausbilden lässt. Als Jugendlicher war er vor den Bomben der Al-Shabaab-Miliz geflohen. Aus den Nachrichten weiß er, dass sich die Lage noch verschlechtert hat. Hasan hat vor, seine Zeit als Flüchtling dazu zu nutzen, eine abgeschlossene Ausbildung und Berufserfahrung zu erwerben, während er auf eine Möglichkeit zur Rückkehr wartet.

Nicht alle sind so optimistisch. Da ihre Situation seit zehn oder mehr Jahren unverändert ist, träumen besonders die jungen Flüchtlinge davon, in die USA umgesiedelt zu werden. Diese Möglichkeit wird jedoch immer unwahrscheinlicher, und so sprechen sie darüber, einen anderen Weg zu nehmen: nach Libyen und von da aus übers Mittelmeer. »Wir wissen, dass es gefährlich ist«, sagt eine junge Frau. »Wir wollen es trotzdem wagen. Wir haben hier keine Zukunft, ohne Arbeit oder Geld.« Ihre Tante ist nach Europa gegangen. Sie hat zuletzt von ihr gehört, als sie in Libyen angekommen war. Das war vor vier Jahren. Der Traum von einem besseren Leben im Norden ist dennoch stärker als das Wissen, dass Tausende von Menschen auf der Reise nach Europa umkommen.

Das Existenzgründungsprojekt bietet auch denen, die fortwollen, eine Perspektive. »Es erkennt die Tatsache an, dass die Flüchtlinge, mit denen wir arbeiten, lange Zeit hier sein werden«, sagt Sophia Gebreyes, die LWB-Ländervertreterin in Äthiopien. »In dieser langwierigen Flüchtlingssituation bietet das Projekt auch ein festes Einkommen. Es ermöglicht den Familien, hier ein würdigeres Leben zu führen, und macht die gefährliche Reise nach Europa weniger attraktiv.«

Suhai Ismael Abuker, die junge Frau mit dem Kosmetik- und Frisiersalon, träumt bereits davon, in Addis Abeba, der äthiopischen Hauptstadt, ein Geschäft zu eröffnen. »Hier sehe ich Frieden«, sagt sie. »Wenn es eine Möglichkeit gibt, ja, dann werde ich bleiben.«

Cornelia Kästner

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