Eine andere Welt

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Erfahrung: Ein evangelischer Redakteur besucht eine katholische Abendmesse.

Für das Experiment, einen Gottesdienst der jeweils anderen Konfession zu besuchen, habe ich mir etwas herausgesucht, was es bei uns Protestanten so nicht gibt: eine Abendmesse im Marienmonat Mai, mitten in der Woche. Ich mache mich kurz vor 18 Uhr mit dem Fahrrad auf den Weg zur Deutschordenskirche, eine Kirche an einer mehrspurigen Straße in Frankfurt am Main. Der Orden feiert Messen auch gerne mal nach altem Ritus. Wenn katholisch, dann richtig.

Die Kirchentür ist zu, als ich mein Rad abstelle. Ich frage mich schon, ob ich mich geirrt habe, da läuten die Glocken. Ich drücke die Türklinke und tatsächlich, die Kirche ist offen. Also doch keine geschlossene Gesellschaft. Der Verkehrslärm bleibt draußen. Ich trete in eine andere Welt.

Weihrauch liegt in der Luft. Von der Decke des Altarraums hängt eine gelb-weiße Fahne, die sich nach einem Drittel ihrer Länge in zwei Enden teilt. Die Enden der Fahne sind an den Seitenwänden des Altarraums befestigt. Ihr eleganter Schwung verleiht der üppigen Architektur Leichtigkeit.

Wir sind zwölf Gottesdienstbesucher, jede und jeder für sich in einer Bank über die Kirche verteilt. Vom kleinen Mädchen mit seiner Mutter bis zum alten Herrn in der ersten Reihe. Am Lesepult steht der Priester mit goldgelber Stola und vollem weißen Haar. In seinem Rücken sitzen zwei dunkelbärtige Männer in weißen Messgewändern über ihrem schwarzen Rock. Viel Personal für wenig Besucher. Aber es geht nicht um die Zahl, sondern um die Andacht jedes Einzelnen.

»Gegrüßt seist du, Maria«, erinnert der Priester an den biblischen Gruß des Engels an die Gottesmutter. »Das ›Gegrüßt seist du‹ gilt auch unserem alten Europa, zu dem die Franzosen bei den Wahlen ›oui‹ gesagt haben«, schlägt er den Bogen vom Ave Maria ins Heute. Vor meinem geistigen Auge erscheint eine überlebensgroße Maria über der Landkarte Europas. Der Priester erklärt: »Bete für uns Sünder! Das gibt es in allen Sprachen: Pray for us sinners. Ora pro nobis peccatoribus. Auf Französisch: Priez pour nous, pauvres pecheurs. Nur die Franzosen sind arme Sünder.« Was diese Sprachfeinheit uns zu sagen hat, wird mir nicht klar. Aber der Klang der weltweiten Kirche schwingt im Raum.

Die Messe nimmt ihren Gang. Epistel, Evangelium, Fürbitten. Die beiden Weißgewandeten decken den Altartisch. Jede Bewegung, jede Geste ist präzise. Die Worte fließen dahin. Monoton, denke ich. Doch gleichzeitig hat dieses Fließen etwas Unaufgeregtes, Beruhigendes. Jeder in der Kirche kennt seinen Einsatz, weiß, was wann zu sprechen ist, wann man aufsteht, wann man sich hinkniet.

Der Priester spricht am Altar die Einsetzungsworte für die Eucharistie. Die beiden Männer in den hellen Messgewändern knien vor den Stufen. Zwischen ihnen steht eine große Osterkerze. Der Priester am Altar mit erhobenen Händen, die beiden Knienden davor, die Kerze in der Mitte bilden eine vollendete Symmetrie.

»Der Friede des Herrn sei mit euch«, spricht der Priester. Bislang gab es kaum Blickkontakt unter den Gottesdienstbesuchern. Nun dreht sich jede und jeder und nickt dem Nächsten zu. Der Priester am Altar isst die Hostie und trinkt aus dem Kelch – allein vor aller Augen. Ich weiß, dass er das stellvertretend tut. Trotzdem befremdet mich diese von der Gemeinde abgehobene Rolle des katholischen Priesters immer. Nun geht er zu dem alten Herrn in der vordersten Reihe und reicht ihm zuerst die Hostie. Warum der Mann dieses Privileg hat, kann ich nicht erkennen. Das beobachte ich auch in anderen katholischen Messen. Es scheint öfter einige Ausgewählte zu geben, die vor den anderen kommunizieren dürfen.

»Einen guten Abend und gehen wir in Frieden«, verabschiedet uns der Priester, bevor er den Segen spricht. Ein Marienlied, »Freu dich, du Himmelskönigin«, und die Messe ist aus. Sie hat eine halbe Stunde gedauert. Wir Evangelischen legen großen Wert auf jedes einzelne Wort, machen oft viele Worte. Aber es geht offenbar auch ohne Bedeutungsschwere. Der Fluss der Gebete, die souveränen Bewegungen und Gesten der Messe öffnen einen Moment außerhalb der Zeit. Eine andere Welt.

Martin Vorländer

Der Autor ist theologischer Redakteur im Evangelischen Medienhaus Frankfurt/Main.

Bookmark and Share
mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de ist ein Angebot der Kirchenzeitungen GLAUBE UND HEIMAT (Weimar/Magdeburg) und DER SONNTAG (Leipzig)

Reaktionen unserer Leser

6 Lesermeinungen zu “Eine andere Welt”
  1. Peter Uhrmacher sagt:

    Das ist ein überaus seltsamer Artikel … „Ein evangelischer Redakteur besucht eine katholische Abendmesse – hätten wir ihn reinlassen sollen?“
    Ein Experiment sollte es also werden im Marienmonat Mai. O-Ton: „Deutschordenskirche … feiert Messen auch gerne mal nach altem Ritus. Ich trete in eine andere Welt.“ Sicher ist gemeint, dass der Redakteur in eine andere Welt eintritt, nicht dass er sie tritt.
    Weihrauch liegt in der Luft? „Weihrauchduft liegt in der Luft“ , hätte es heißen sollen. „Von der Decke des Altarraums hängt eine gelb-weiße Fahne?“ In der Kirche hängt eine Fahne nicht, – sie grüßt! Der Artikel kommt im Stil dem nicht nahe, was er zu beschreiben denkt. Ja und Nein, es hört nicht auf: Zum Beispiel: „Viel Personal für wenig Besucher.“ Herr Redaktuer: Die Priester sind nicht Personal, und die Besucher sind nicht Besucher. Sie sind zusammen corpus mysticum – und es gibt verschiedene Ämter.

    Maria als Himmelskönigin und Schutzherrin Europas, wenn es denn so wäre. Und dass die Franzosen allein die „armen Sünder“ sind, das sollte seit Les Misérables von Victor Hugo wohl klar sein. Es ist keine Sprachfeinheit, sondern tief empfundene Realität westlich des Rheins.

    „Die Worte fließen dahin – dieses Fließen etwas Unaufgeregtes, Beruhigendes“ hier ist das pulsierende Herz des „Artikels“. Ja – wie gut, dass es das noch irgendwo gibt – „die Einsetzungsworte für die Eucharistie. Die … Männer in den hellen Messgewändern knien vor den Stufen. Zwischen ihnen steht eine große Osterkerze. Der Priester am Altar mit erhobenen Händen, die beiden Knienden davor, die Kerze in der Mitte bilden eine vollendete Symmetrie. »Der Friede des Herrn sei mit euch«, spricht der Priester … (E)s geht offenbar … ohne Bedeutungsschwere. Der Fluss der Gebete, die souveränen Bewegungen und Gesten der Messe öffnen einen Moment außerhalb der Zeit. Eine andere Welt“ wird aufgetan.

    Lerne, Du Protestant, dass es das gibt. Und dass aus diesem Mysterium auch Deine Kirche ihr Leben saugt …

  2. Leser sagt:

    Ohne politische Seitenhiebe geht es also heute nichteinmal bei einer Marienmesse mehr (in Deutschland)?

  3. Jochen sagt:

    Reden hilft: Der Autor hätte sich mit den Besuchern nach der Messe unterhalten können, oder gar den Priester interviewen.

  4. Britta sagt:

    Danke, Herr Uhrmacher, daß Sie die Nomenklatur der Empathielosigkeit so fein herausgearbeitet haben.

  5. Gert Flessing sagt:

    Ja, manche Leute machen viele Worte und, wie unser lieber Peter Uhrmacher anmerkt, schludern sie dabei auch noch.
    Auch in unserer Kirche gibt es, eine Osterkerze. Auch wir kennen, in der Osterzeit, eine gelb – weiße Fahne, auf der das Gotteslamm zu sehen ist.
    “Die Worte fließen dahin…” Nun ja, das tun sie. Sie erreichen aber auch das Ohr und vielleicht auch das Herz derer, denen sie zufließen.
    Ein alter Herr bekommt als Erster die Oblate? Wie nun? Was ist daran überhaupt bemerkenswert? Einer muss ja wohl der Erste sein.
    Ja, manche Leute machen viele Worte. Redakteure, der merkwürdigen Bedeutungsleere.
    Gert Flessing

  6. Alexios Garotman sagt:

    Es gibt keine evangelischen oder katholischen Redakteure. Es gibt aber gute und schlechte Artikel.

Ihre Lesermeinung zu diesem Artikel

Nutzen Sie gravatar, wenn Sie Ihr Bild mit der Meinung veröffentlichen wollen!