Der Testbild-Sammler

20. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Mit einem Knopfdruck startete vor 50 Jahren der damalige Bundeskanzler Willi Brandt bei der Funkausstellung in Berlin das Farbfernsehen in der Bundesrepublik Deutschland. Das war auch die Geburtsstunde des farbigen Testbilds. Heute ausgestorben? Von wegen!

Schon im Treppenhaus empfängt den Besucher ein Puzzle an der Wand mit dem Vollkreis, drei Kästchen Abstand links, drei Kästchen rechts, Farb- und Grauskala, das klassische Testbild aus einer Zeit, als Fernseher noch eine Bildröhre hatten. Uwe Alberti schmunzelt: »In Deutschland gibt es noch etwa 5 bis 7 Verrückte wie mich.« Was er damit meint, legt er auf den Küchentisch. Aufnahmen von über 4 000 Fernseh-Testbildern aus aller Welt. Berufsbedingt hat den Radio- und Fernsehtechniker vor 40 Jahren die Sammelleidenschaft gepackt. Mit dem genormten Fernseh-Testbild wurden damals die Bildschirme der Fernseher eingestellt. Sie dienten in erster Linie technischen Zwecken. In der Werkstatt wurden vorzugsweise Testbilder aus dem Westen eingesetzt, der geometrische Aufbau war besser als beim DDR-Fernsehen, meint der aus dem thüringischen Apolda stammende Alberti.

Leidenschaft: Den Radio- und Fernsehtechnicker Uwe Alberti fasziniert, wie unterschiedliche Testbilder überall auf der Welt gestaltet werden. Fotos: Willi Wild

Leidenschaft: Den Radio- und Fernsehtechnicker Uwe Alberti fasziniert, wie unterschiedliche Testbilder überall auf der Welt gestaltet werden. Fotos: Willi Wild

»Viele können mit meiner Leidenschaft nicht viel anfangen«, meint er. Was ihn daran fasziniere, seien die unterschiedliche Gestaltung und dass es nahezu überall auf der Welt Testbilder gegeben habe und bis heute noch gibt. Damals dienten die Testbilder den Fernsehanstalten dazu, das Bild vor dem eigentlichen Programmstart auszurichten. Bis in die 80er-Jahre starteten die öffentlich-rechtlichen Programme eine halbe Stunde vor Sendebeginn den Farbbalkengenerator mit dem Testbild. »Im Osten kam das Testbild schon um 7 Uhr, wegen des Schulfernsehens. Im Westen erschien es erst um 9 Uhr. Danach kam die ›Sesamstraße‹.«

Nach der Wende hat Alberti im Garten mit einer drehbaren Satellitenschüssel dann plötzlich ein Testbild aus Zypern eingefangen. Mittlerweile schicken ihm Freunde Bilder von Testbildern aus aller Herren Länder. Stolz ist der Sammler auch über seine Testbilder-Sammlung aus dem Weltall. Startet vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou im Norden Südamerikas eine Rakete, werden die Bilder davon via Satellit übertragen. Bei Störungen erscheint ein Testbild. Für Uwe Alberti der Zeitpunkt, um auf den Auslöser seiner Kamera zu drücken. Dafür steht er schon mal nachts um 3 Uhr auf.

Im digitalen Zeitalter ist das klassische Testbild nicht mehr notwendig. Und doch gibt es noch die individuellen Platzhalter auf der Mattscheibe. Wenn Fernsehsender ihre Übertragungswagen im Einsatz haben, wird vor Beginn der Übertragung ein Testbild gesendet. Manchmal lassen ihn die Fernsehleute direkt im Ü-Wagen seine Fotos vom Testbild auf den Sendemonitoren abfotografieren. Das 50-jährige Jubiläum des Farbfernsehens oder, wie es hierzulande hieß, des Buntfernsehens hat Alberti auf dem Schirm. »In der DDR hat man damals für die Einführung zwei Jahre länger gebraucht, dafür war man besser vorbereitet«, sagt der Fernsehtechniker-Meister und kann sich dabei ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Erstaunt war er allerdings, dass man in Staßfurt, der Stadt der DDR-Fernsehproduktion, das West-Testbild zur Einstellung der Bildröhre empfahl. Sein Elektronik-Fachgeschäft und die dazugehörende Werkstatt hat der 56-Jährige krankheitsbedingt mittlerweile aufgeben müssen, die Leidenschaft für die Testbilder ist geblieben.

Freunde schicken Uwe Alberti Testbilder aus aller Welt.

Freunde schicken Uwe Alberti Testbilder aus aller Welt.

Aber nicht nur dafür. Seit ihn die Oma in die Christenlehre geschickt hat, engagiert sich der evangelische Christ in der Kirchengemeinde. Zunächst in der Jungen Gemeinde, dann in der Spielschar und später im Gemeindekirchenrat sowie im Kirchbauverein. Mit der Laienspielgruppe haben sie 15 Jahre lang den »Jedermann« aufgeführt. Alberti spielte den Tod. Als vor sechs Jahren sein Leben an einem seidenen Faden hing, wurde aus dem Spiel bitterer Ernst. Seine Frau habe ihm zwei Drittel ihrer Leber gespendet, damit er überleben kann, erzählt Alberti bewegt. Das hätte für beide tödlich enden können. Aber das sei eine andere Geschichte, meint er.

Willi Wild

www.uwe-alberti.de

Süd-Nord-Gefälle

17. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Christ sein – das macht in wenigen Ländern einen so großen Unterschied aus wie in Nord- und Südkorea. Die einen werden in ihrer Religionsfreiheit beschränkt, die anderen stellen seit kurzem die Mehrheitsreligion. Gerüchte über christliches Leben und Sterben in Nordkorea gibt’s viele – Bibelverbote, Umerziehungslager, Fake-Gottesdienste, um nur ein paar zu nennen. So sieht das alltägliche protestantische Christentum auf der koreanischen Halbinsel aus.

Montag, fünf Uhr morgens in Deutschland: die Schichtarbeiter denken an Feierabend und ihr weiches, kuscheliges Bett. Diejenigen, die gerade auf dem Weg zur Arbeit sind oder vor wenigen Stunden angefangen haben, gähnen vielleicht noch hinter vorgehaltener Hand und die meisten anderen liegen noch in ihren Betten und schlafen. Hinter den Kirchenfenstern brennt kein Licht.

Montag, fünf Uhr morgens in Südkorea: Die Kirchen sind hell erleuchtet, Gesang und Gebet dringen abwechselnd nach draußen. Die Morgenandacht ist in Südkorea nach Einschätzungen von Chang-bae Byun, dem Generalsekretär der Presbyterianischen Kirche von Südkorea, für viele ein wichtiges Ritual für den Start in den Tag. Und nicht nur das: Allgemein gibt es in Südkorea in einer Woche viel mehr Gottesdienste als in so manchen deutschen Kirchen. “Der Gottesdienst am Sonntagmorgen wird von 60 bis 70 Prozent der Gemeindemitglieder regelmäßig besucht”, schätzt Pfarrer Kwon Ho Rhee. Dann gebe es noch weitere Gottesdienste am Abend oder Nachmittag, die zwar etwas schlechter, aber prinzipiell nicht schlecht besucht seien. “Zusätzlich veranstalten wir dann noch die Mittwochsandacht abends, die Gebetsstunde freitags und natürlich jeden Morgen in aller Frühe die Morgenandacht”, zählt er auf und ist sichtlich stolz über das fromme Engagement der Gläubigen in seiner Heimat. Die Unterschiede zu Deutschland seien prinzipiell nicht besonders groß – die Liturgie sei ähnlich, so Rhee, nur die Stellung der Fürbitten sei in Südkorea anders: während sie dort vor der Predigt gesprochen werden, ist es in Deutschland üblich, sie nach der Predigt zu sprechen.

Kernaufgabe: der Gesellschaft dienen

Grundsätzlich sei Südkorea jedoch eine sehr säkularisierte Gesellschaft, in der Religion und Glaube in der Öffentlichkeit keine große Rolle spielen würden. Im kirchlichen Leben und im Alltag der Christen sehe es jedoch ganz anders aus. “Die drei Säulen des südkoreanischen, protestantischen Christentums sind der Besuch des Sonntagsgottesdienstes, die finanzielle Unterstützung der Kirche und die diakonische Arbeit in den Gemeinden”, erklärt Pfarrer Chang-bae Byun, der Generalsekretär der presbyterianischen Kirche in Südkorea. Unter seiner Aufsicht stehen rund 2,8 Millionen Gläubige in 8043 Kirchengemeinden – mehr als in der größten deutschen Landeskirche. “Die Kirche in Südkorea sieht sich als Diener der Gesellschaft an und arbeitet für sie und das hat eine ungeheure Anziehung auf die Menschen”, erklärt er.

Kreuz mit südkoreanischer Flagge vor der Yoido Full Gospel Church in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Die Pfingstkirche auf der Insel Yoido, dem Finanzzentrum Seouls, ist die weltgrößte Kirche und bietet den Gläubigen 15 000 Sitzplätze. Jeden Sonntag werden nacheinander sieben Gottesdienste gefeiert. Foto: epd-bild

Kreuz mit südkoreanischer Flagge vor der Yoido Full Gospel Church in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Die Pfingstkirche auf der Insel Yoido, dem Finanzzentrum Seouls, ist die weltgrößte Kirche und bietet den Gläubigen 15 000 Sitzplätze. Jeden Sonntag werden nacheinander sieben Gottesdienste gefeiert. Foto: epd-bild

Allein die presbyterianische Kirche von Südkorea unterhält mehr als 100 diakonische Einrichtungen, dazu kommen noch Krankenhäuser, Universitäten, Schulen und auch eine Wochenzeitung – und das alles ohne Kirchensteuer. Die gibt es in Südkorea nämlich nicht, die Kirchen finanzieren sich ausschließlich über Kollekte und Spenden. “Viele Menschen spenden freiwillig den Zehnten und insgesamt stehen viele Kirchen so finanziell besser da als die deutschen Landeskirchen mit der Kirchensteuer”, so Rhee, der im Augenblick in Stuttgart als Bildungsreferent mit dem Schwerpunkt Asien in der Evangelischen Mission in Solidarität arbeitet. Das große Engagement der Konfessionen habe aber auch eine Kehrseite. “Es fehlt eine institutionelle Vereinigung, die die Bemühungen gezielt koordiniert. Jeder will ein eigenes Krankenhaus oder eine eigene Schule betreiben, um so seine eigene Kirche zu vergrößern, mehr Ansehen und auch mehr Geld zu erhalten. Dieser Wettbewerb ist aber nicht immer im Sinn und Nutzen der Gesellschaft. Und so gerät manchmal die Kernaufgabe – nämlich der Gesellschaft zu dienen und ihr so das Evangelium zu vermitteln – aus dem Blick”, kritisiert Pfarrer Kwon Ho Rhee.

Insgesamt rund 20 Minuten der Zeit wird gesungen und in fast jedem Gottesdienst wirkt ein Chor mit. Die Lieder sind überwiegend klassisch-europäisch oder amerikanisch geprägt – Überreste aus der Zeit der Missionierung, die dort im Süden der Halbinsel noch in mehreren Bereichen weiter fortwirkt. “Die koreanische Spiritualität ist vom Konfuzianismus, Buddhismus und Schamanismus geprägt – formell finden sich diese Einflüsse in unserem kirchlich-religiösen Leben aber nicht wieder”, beklagt Rhee. In den Liedern und auch in der Liturgie spiegle sich der ganz speziell südkoreanische kulturelle Hintergrund noch nicht wieder, man habe in diesem Bereich noch keine eigene Identität gefunden. “Wir sind noch sehr abhängig von abendländischen Einflüssen. Dabei sind all diese anderen Einflüsse ein wesentlicher Teil der koreanischen Kultur und das muss angenommen und ins christliche Leben integriert werden” sagt Rhee.

Säkularisiertes Südkorea

Über 1.000 Jahre war Südkorea aus religiöser Sicht ein buddhistisch geprägtes Land. Seit 2015 ist das offiziell nicht mehr so. Ein Zensus ergab, dass von den 51 Millionen Südkoreanern rund 13,3 Millionen christlichen Glaubens sind – im Vergleich zu 7,6 Millionen Buddhisten. Grob unterteilen sich die südkoreanischen Christen in 9,5 Millionen Protestanten und 3,5 Katholiken. Jedoch zersplittert sich der südkoreanische Protestantismus in rund 200 verschiedene Denominationen, von denen 60 bis 70 Prozent presbyterianisch sind. “Mein Heimatland ist nach außen hin nicht sehr christlich, auch wenn es mittlerweile die größte Religion ist”, sagt Pfarrer Kwon Ho Rhee. Er weist stattdessen auf den sehr stark säkularisierten Charakter des Landes hin. Jedoch sei zum Beispiel die große Wertschätzung für Bildung in Südkorea definitiv auf die Arbeit der protestantischen Missionare zurückzuführen. “Das beeinflusst unsere Gesellschaft bis heute”, so Rhee. Und Generalsekretär Byun sieht auch christlichen Einfluss auf die Politik seines Landes – allerdings noch nicht in so großem Umfang wie beim Buddhismus. “Die hatten ja auch über 1.000 Jahre mehr Zeit dafür”, scherzt er.

Die Entwicklung des Protestantismus in dieser Region ist beeindruckend, denn ihn gibt es erst seit Ende des 19. Jahrhunderts auf der koreanischen Halbinsel: Als besonders erfolgreich gelten die Presbyterianer, die 1885 den ersten ordinierten Missionar ins Land schickten. Im heute nordkoreanischen Pjöngjang, das damals den Beinamen “Jerusalem des Osten” trug, entwickelte sich zum Zentrum des koreanischen Protestantismus und erlebte seit 1907 eine enorme Erweckungsbewegung, die schnell das ganze Land ergriff. “Die Koreaner”, so Rhee, “haben das Christentum selbst für sich entdeckt. Die christliche Mission war ein Zeichen der Moderne, ein Zeichen der Überwindung des japanischen Imperialismus durch die von den Missionaren mitgebrachte Technik.” Außerdem haben die Missionare eine Infrastruktur aus Krankenhäusern, Kindergärten, Schulen und noch vielem mehr aufgebaut, was die Bevölkerung für sie eingenommen habe.

Christen als Unterstützer der Demokratie

Zwischen 1910 und 1945 war die koreanische Halbinsel eine japanische Kolonie – während die Christen in vielen anderen Ländern, in denen sie missionierten, als Unterdrücker und Eroberer empfunden wurden, war es dort anders: Die Christen waren Unterstützer der Demokratie- und Unabhängigkeitsbewegung und verdienten sich so ein hervorragendes Images. So wuchs die Zahl der Gemeindemitglieder bis 1939 auf mehr als 360.000 an. Durch die zunehmende Unterdrück und die Auswirkungen des Krieges verringerte sich die Zahl der Christen aber innerhalb von knapp sechs Jahren wieder auf 200.000 auf der gesamten koreanischen Halbinsel.

Mit der Befreiung von den Japanern, die im Norden von den Russen und im Süden von den Amerikanern entwaffnet wurden, und der folgenden Teilung der Halbinsel wurde das Schicksal des Protestantismus entschieden. “Am Anfang war im kommunistischen Nordkorea noch die Devise: Solange das Christentum nicht Gegner des bestehenden Systems wird, wird es toleriert”, sagt Lutz Drescher, der selbst bereits fünf Mal in Nordkorea war. Hintergrund dieser vorläufigen Toleranz war unter anderem die Tatsache, dass Staatsgründer Kim Il Sung aus einer christlichen Familie stammte. Sein Großvater mütterlicherseits war protestantischer Geistlicher, seine Mutter Kang Ban-sok war Christin und Kim Il Sung selbst hatte eine christliche Schule besucht. “Es kam aber erwartungsgemäß ziemlich schnell zum Gegensatz”, erklärt Drescher. Das Ergebnis: Kim Il Sung verurteilte Priester und Gläubige entweder zum Tode oder ließ sie in Arbeitslager sperren – ein sehr düsteres Kapitel in der Geschichte des nordkoreanischen Christentums. “Und der Koreakrieg zwischen 1950 und 1953 hat dem Christentum in Nordkorea quasi den Todesstoß verpasst, weil die christlichen Amerikaner aus nordkoreanischer Sicht das Land in Schutt und Asche gelegt haben”, erklärt Drescher weiter.

Die meisten Protestanten seien in den Süden geflohen, nur ungefähr 1.000 blieben zurück und wurden jahrelang unterdrückt. “Erst ab ungefähr 1972 gab es in Nordkorea wieder so etwas wie christliches Leben”, schildert Drescher, “Die Familie von Kim Il Sungs Mutter wollte nämlich wieder Gottesdienst feiern und das Regime hatte ein Interesse daran zu zeigen, dass sie Religionsfreiheit tolerieren.” Deswegen behaupten einige, dass die Kirchen im Land eben nicht der Aufrechterhaltung des Christentums, sondern nur der Propaganda dienen. Im Weltverfolgungsindex für Christen von Open Doors belegt Nordkorea schon seit Jahren den ersten Platz, auch wenn Experten wie Lutz Drescher die Menschen dazu anhalten, diese Zahlen und Aussagen mit einer gewissen Portion Skepsis zu betrachten.

Missionierung unerwünscht

Der Nordkoreanische Christenbund ist die offizielle Dachorganisation nordkoreanischer Christen. Insgesamt gibt es Schätzungen zufolge rund 10.000 evangelische Christen im von Kim Jong Un regierten Nordkorea. Sie beten entweder in einer der zwei evangelischen Kirchen in Pjöngjang oder gehören einer der rund 500 Hausgemeinden im ganzen Land an. Prinzipiell gebe es zwar auch vereinzelt Nordkoreaner, die zum Christentum konvertiert sind, aber die Mehrheit der Christen im Land stellen Familien, die bereits seit Generationen christlich sind. “Das liegt auch daran, dass Missionieren, besonders von außen, aber auch von innen, in Nordkorea unter drakonischen Strafen verboten ist. Wenn Christen wegen ihres Glaubens in Arbeits- oder Umerziehungslager geschickt werden, so wie es spätere Flüchtlinge beschrieben haben, dann hat das häufig weniger mit ihrem Glauben an sich zu tun als mit ihrer Missionierungsarbeit”, sagt Paul Oppenheim, früherer Asien-Referent der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Der Protestantismus mit seinen engen Verbindungen zu Südkorea und den USA stehe da im besonderen verdacht, nicht nur religiöse Inhalte verbreiten zu wollen.

Doch obwohl das Christentum in Nordkorea sozusagen durch die Familie “weitervererbt” wird, hat Lutz Drescher bei seinen Besuchen in Nordkorea nie Kinder in den Gemeinden gesehen – so etwas wie einen Kindergottesdienst oder ähnliche Angebote scheint es nicht zu geben. “Das Leben in Nordkorea ist sehr stark reglementiert und in ganz, ganz engen Grenzen ist das religiöse Leben gestattet. Das beschränkt sich aber auf den Besuch des sonntäglichen Gottesdiensts”, sagt auch Oppenheim, der selbst bereits drei Mal das Land besucht hat. Und gerade die Gottesdienste in den Kirchen seien umstritten: Manche ausländischen Besucher behaupten, es sei nichts weiter als eine Show, die für ausländische Gäste abgezogen werde, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die länger im Land leben, sind hingegen der Meinung, dass es sich bei den Gottesdiensten um echte Lobpreisungen des Herrn handelt. “Es ist sehr, sehr schwierig, Dinge in diesem Land zu verifizieren”, erzählt Oppenheim und fährt fort, “das, was sie sehen, kann die Wirklichkeit sein, muss aber nicht.”

Auch Lutz Drescher weiß, wie schwierig es ist, belastbare Aussagen über das christliche Leben in Nordkorea zu treffen. Es gäbe viele Gerüchte, denen niemand widerspreche und deren Wahrheitsgehalt nur schwer nachprüfbar sei. Dazu zählen auch die christlichen Untergrundgemeinden, die es angeblich im Land gebe. Das halten aber sowohl Drescher als auch Oppenheim beruhend auf ihrer jahrzehntelangen Erfahrung für sehr unwahrscheinlich. “Nordkorea ist ein typisches nationales Sicherheitsregime, da sind die Kontrollen viel zu hoch, als dass sich da tatsächlich mehrere Untergrundgemeinden bilden könnten”, so Drescher. Schon in den offiziellen Gemeinden könne man davon ausgehen, dass ein Drittel der Leute dort sei, um die anderen zwei Drittel auszuspionieren. Wer einen Gottesdienst in Nordkorea besucht, dem werden laut Lutz Drescher zwei ungewöhnliche Dinge auffallen: “In allen nordkoreanischen Gebäuden hängt ein Bild von Kim Jong Un und Erwachsene Nordkoreaner tragen eigentlich immer einen kleinen Button mit dem Bildnis des Staatsgründers Kim Il Sung auf der Brust – in den Kirchen hingegen werden sie kein Bild finden und während des Gottesdienst legen die Gläubigen den Button ab. Und das wird von der Staatsführung so hingenommen.”

Bibelbesitz in Nordkorea nicht per se problematisch

Dass der Besitz der Bibel in Nordkorea verboten sei, ist ein weiteres Gerücht, dass sich sehr hartnäckig hält und dass sich laut Oppenheim und Drescher nur schwer zerstreuen lasse, weil viele Menschen ein festes Bild von Nordkorea hätten, dass sie nicht an die Wirklichkeit anpassen wollen. “In Nordkorea wurden ungefähr 30.000 bis 40.000 Bibeln gedruckt und wer Mitglied einer eingetragenen Gemeinde ist, bekommt auch ein Buch ausgehändigt. Da muss nichts geschmuggelt werden. Anders sieht es schon wieder aus, wenn man kein Mitglied einer Gemeinde ist, dann könnte es schon schwieriger sein, an eine Bibel zu kommen. Das weiß ich aber nicht mit letzter Sicherheit”, sagt Oppenheim. Es gebe in Nordkorea auch ein eigenes Gesangbuch, das größtenteils Lieder aus der amerikanischen Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts umfasse. “Natürlich steht da nirgendwo ein Verfasser”, so Lutz Drescher – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Und über die chinesische Grenze, so Drescher, werden auf Sticks jedoch auch Predigten und christliche Literatur geschmuggelt.

Die Ausbildung der nordkoreanischen Pfarrer findet in einem theologischen Seminar statt, das von südkoreanischen Geistlichen geleitet wird. Dort werden zehn bis zwölf Nordkoreaner fünf Jahre berufsbegleitend ausgebildet. “Und erst wenn der eine Jahrgang fertig ist, wird ein neuer zugelassen”, schildert Drescher. Er selbst hat von 1987 bis 1995 in einem Armenviertel in einer südkoreanischen Basisgemeinde gearbeitet, war von 2001 bis 2016 Verbindungsreferent für Asien der Evangelischen Mission in Solidarität und begleitete die vier nordkoreanischen Delegierten, die zur Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen nach Leipzig gereist sind.

Aus Waffenstillstand soll Frieden werden

“Sollte es eine Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea geben, würden die Kirchen nur so aus dem Boden sprießen”, ist sich Lutz Drescher sicher. Die Nordkoreaner seien sehr spirituelle, fromme Menschen, die das seit Jahren in einen Führerkult um ihren Staatschef ausleben. Bis dahin sei der Weg aber noch lang. Vorher wäre es schon hilfreich, wenn aus dem mittlerweile seit 64 Jahren andauernden Waffenstillstandsvertrag zwischen Nord- und Südkorea ein Friedensvertrag würde. “Dann gibt es auch echte Hoffnung darauf, dass sich die Menschenrechtslage in dem Land verbessert”, so Drescher überzeugt. Denn im Augenblick gehe es den Nordkoreanern nicht gut, sie würden ein sehr einfaches und gleichzeitig sehr hartes Leben führen und die ständige Bedrohung von außen, so wie sie sie wahrnehmen, stärke den Zusammenhalt und schweiße sie enger zusammen.

Diese Wahrnehmung unterstrich auch Ri Jongro von der christlichen Föderation Nordkoreas in seiner Rede vor den Delegierten der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. In ihr bezeichnete er die Handlungen der USA als “selbstherrlich und willkürlich” und kritisierte die Sanktionen, die das Leben in seiner Heimat einschränkten – selbst Kinderspielzeug stehe auf den Sanktionslisten. “Die Situation wird immer schwieriger und gefährlicher”, so Jongro, meint damit aber nicht die nordkoreanischen Raketentest, sondern die Militärmanöver der Vereinigten Staaten. “Die USA brechen internationales Recht und wir sind zur Selbstverteidigung gezwungen Es wird immer mehr Spannungen geben auf der koreanischen Halbinsel geben und wir werden beschuldigt, daran schuld zu sein”, echauffiert sich der Nordkoreaner weiter. Aus seiner Sicht sei Frieden nicht möglich, solange die USA so weitermachen wie bisher. Zumindest in dieser letzten Feststellung sind sich Ri Jongro und Lutz Drescher einig: auch aus seiner Sicht seien ein sofortiges Ende der gemeinsamen Militärübungen der Vereinigten Staaten und Südkoreas sowie mittelfristig der Abzug der amerikanischen Truppen von der koreanischen Halbinsel ein wichtiger Schritt in Richtung Frieden. Der südkoreanische Delegierte Lee Jaechun sagte, für eine friedliche Koexistenz beider Länder seien viele kleine Schritte nötig. Eine Möglichkeit dazu sei eine breite Volksbewegung ohne Beteiligung der Großmächte.

An diese Volksbewegung, die für Frieden auf der koreanischen Halbinsel sorgen kann, glaubt auch die junge Südkoreanerin Ahee Kim, deren Großvater während des Koreakrieges aus Nordkorea in den Süden geflohen ist. Ihre entfernten Verwandten im Nachbarland kennt sie nicht. “Ich träume von der Wiedervereinigung. Sie wird kommen, wenn die Nordkoreaner aufstehen und friedlich für die Freiheit demonstrieren”, erzählt sie. Bis dahin sei es ihr Ziel, sich für die nordkoreanischen Flüchtlinge in ihrer Heimat einzusetzen. Nach ihrer Flucht werden die nämlich erstmal drei Monate lang verhört und dann auf das Leben in Südkorea vorbereitet, das sich gänzlich von dem in ihrer Heimat unterscheidet.

“Farben symbolisieren die Situation ganz gut: das eine Land ist rot, das andere blau und die Flüchtlinge sind lila – sie passen in keine Gesellschaft rein, stechen überall heraus”, so Kim. Nordkoreanische Geflüchtete würden viel Diskriminierung erfahren “Die deutsche Geschichte gibt mir Hoffnung für Korea: es war schon einmal möglich, ein Volk nach Jahrzehnten der Trennung durch Mauern, Stacheldraht und unterschiedlichen Ideologien wiederzuvereinigen und hoffentlich wird es für meine Heimat auch möglich sein – irgendwann.” (evangelisch.de)

Lena Ohm

Teresa und ihr »Mix-Mix«-Laden

15. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor Ort erfahren, wie faire Geldanlagen aus Mitteldeutschland bei Frauen auf den Philippinen Früchte tragen – das war die Intention der Reise, zu der Vertreter der Entwicklungsgenossenschaft »Oikocredit« Anfang dieses Jahres aufbrachen.

Vor über 40 Jahren wurde auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen »Oikocredit« gegründet. Einmal im Jahr bietet die Entwicklungsgenossenschaft ihren ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden die Chance, Partnerorganisationen und Endkunden zu besuchen.

Weltweit sind es 70 Länder, in denen »Oikocredit« Mikrofinanzinstitutionen, Genossenschaften und kleine bis mittlere Unternehmen fördert. »Oikocredit« vergibt selbst keine Mikrokredite an Kunden, sondern unterhält vor Ort Länderbüros, in denen Mitarbeitende die insgesamt 801 Partnerorganisationen mit Finanzierung und Beratung unterstützen. Eine dieser Organisationen, die wir im Rahmen unserer Studienreise besuchten, ist die »Negros Women for Tomorrow Foundation« (NWTF). Drei Philippinas riefen sie 1986 ins Leben mit dem Ziel, ein karikatives Schulspeisungsprogramm auf der Insel Negros aufzubauen.

Daraus hat sich in der Zwischenzeit eine Stiftung mit mehr als 100 Niederlassungen auf den Visayas, der zentral gelegenen Inselgruppe der Philippinen, entwickelt. Über 60 Prozent der Kredite, die NWTF vergibt, werden als Mikrokredite an Gruppen von jeweils fünf Frauen vergeben, die einander beraten und solidarisch füreinander bürgen.

Das Programm nennt sich »Dungganon«, was mit »ich bin ehrenhaft« übersetzt werden kann. Es dient der Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen und ihren Familien. In wöchentlichen Nachbarschaftstreffen werden Kreditvergabe und Rückzahlungen vom NWTF-Fachpersonal koordiniert. Die sogenannten »laonofficer« sind ehemals oft selbst Empfängerinnen von Kleinkrediten gewesen und kennen die Bedürfnisse und Lebensumstände ihrer Kundinnen sehr gut. Und so ist es nicht verwunderlich, dass neben dem Finanziellen der Erfahrungsaustausch der Frauen und persönliche Themen auf der Tagesordnung der Treffen stehen.

Von Ananas bis Zahnpasta – alles erhältlich bei Teresa Tomaro. Fotos: Nicolas Villaume

Von Ananas bis Zahnpasta – alles erhältlich bei Teresa Tomaro. Fotos: Nicolas Villaume

Die Kundinnen werden von NWTF sorgfältig ausgewählt und beraten, damit die mit dem Kredit finanzierte Tätigkeit dauerhaft ein Einkommen für die Familien generiert und nicht umgekehrt der Kredit aus dem Familieneinkommen finanziert werden muss.

Ein weiterer Bonus ist das vielfältige Sozialprogramm. Davon kann auch Teresa Tomaro (43) berichten: »Ich habe sehr von den Programmen von NWTF profitiert, neben der finanziellen vor allem auch von der sozialen Unterstützung. Es gibt für alle Kundinnen samt Familien ein Versicherungs- und Gesundheitspaket. Daher bin und bleibe ich auch Kundin von NWTF. Wir bekommen hier vor Ort Training, Schulungen und Beratungen für Buchhaltung, Marketing, Budgetierung und Management«, erzählt sie freudig.

Teresa Tomaro begann 2002 als Kundin von NWTF mit einem Kredit von umgerechnet knapp 60 Euro. Sie lebt im 1 000-Seelen-Dorf St. Rita auf Bacolod. Der Ort besteht zum Großteil aus Bambusunterkünften ohne Toiletten, die Wasserzufuhr kommt über Pumpen im Hof. Die Hütten muten auf den ersten Blick vielleicht idyllisch an, aber wenn die Erde bebt oder es regnet und stürmt bieten sie wenig Schutz.

Die 43-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder. Sie betreibt einen Sari-Sari Shop; das heißt übersetzt Mix-Mix, also ein Kaufladen, in dem man alles Notwendige bekommt. Den Laden, der auf ihrem Grundstück liegt, hält sie täglich von 5 bis 20 Uhr geöffnet – außer sonntags, wenn das ganze Dorf zum katholischen Gottesdienst geht. Ihr Mann ist dank der Kredite Truckfahrer, er macht Lieferungen für den Shop und bietet weitere Transporte an.

Treffen der Frauen von St. Rita im Community Center. Hier machen sie ihre Abrechnungen, tauschen sich aus, beten und singen gemeinsam.

Treffen der Frauen von St. Rita im Community Center. Hier machen sie ihre Abrechnungen, tauschen sich aus, beten und singen gemeinsam.

Teresa Tomaro führt uns stolz umher, erzählt von ihrem Arbeitsalltag und den Effekten ihres Kleinkredits: »Von meinem ersten Profit haben wir den Boden unseres Hauses zementieren lassen. Darüber hinaus bin ich froh und dankbar, dass unsere Kinder jetzt zur Schule gehen können. Zwar kostet der Schulbesuch hier kein Geld, aber die Uniform, der Transport, die Bücher und Mahlzeiten konnten wir uns zuvor nicht leisten. Meine Älteste arbeitet nebenbei auch im Shop mit.« Sie ist ein Vorbild in der Nachbarschaft: »Da wir immer als fünfköpfige Frauengruppe einen Kredit bekommen, hat sich auch das Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühl untereinander toll entwickelt. Ich rate meinen Freundinnen: Man braucht viel Geduld und muss es sehr ernst nehmen, den Kredit nur für das Geschäft einzusetzen!«

Damit schaffen es 30 Prozent der Kundinnen, innerhalb von fünf Jahren über die Armutsgrenze von 1,25 Dollar pro Tag zu kommen. So können sie für ihre Grundbedürfnisse aus eigener Kraft sorgen: ein festes Dach, Bildung, Kleidung, Hygiene, Nahrung – und sich auch kleine Wünsche erfüllen, die über das Notwendige hinausgehen: »Auf meinen Fernseher möchte ich nicht mehr verzichten«, lacht Teresa Tomaro.

Lena Husemann

Die Autorin ist Geschäftsführerin des »Oikocredit«-Förderkreises Mitteldeutschland. Sie berichtet gerne bei Gemeinde­veranstaltungen über ihre Philippinenreise und »Oikocredit«, Telefon (03 91) 59 77 70 36

www.mitteldeutschland.oikocredit.de

Seefahrt lehrt Beten

15. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Bordseelsorge: Auf den Weltmeeren die Quellen des Glaubens entdecken

Über Ho-Chi-Minh-Stadt (Vietnam) lag am Silvesterabend brütende Hitze, als ich an Bord des Kreuzfahrtschiffes »MS Europa« im klimatisierten »Club Belvedere« zur ökumenischen Andacht einlud. Vor der großen Silvestergala wollten die Passagiere des Luxus-Kreuzfahrtschiffes das Jahr besinnlich ausklingen lassen und das heilige Abendmahl feiern. Während ein katholischer Bordmusiker und ich als evangelischer Bordseelsorger die Patene mit Brot reichten, ging der Blick hinaus auf den Fluss Saigon. Draußen ein noch immer armes asiatisches Land, drinnen eine wohlsituierte christliche Gemeinde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich zum Beten und Singen traf.

Seit 2010 bin ich zeitweise als ehrenamtlicher Bordseelsorger auf den Weltmeeren unterwegs, im Dienst der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Wer als Bordseelsorger in See stechen will, muss abenteuerlustig sein. Auf einem Kreuzfahrtschiff kann es schon mal vorkommen, dass bei Windstärke zehn der Konferenzraum total überfüllt ist. Die Passagiere strömen nicht nur deshalb dorthin in den Gottesdienst, weil die Landgänge ausfallen, sondern weil – wie ein altes spanisches Sprichwort sagt – Seefahrt Beten lehrt.

Zur Abenteuerlust gehört auch, bei einer geplanten Veranstaltung mit weniger Zuhörern zu rechnen, weil plötzlich etliche Gäste auf einer Eisscholle in der Antarktis festsitzen. Und im schlimmsten Fall ereilt Passagiere und Crew während der Reise die Nachricht, dass die Reederei insolvent ist, der Törn nur mit Mühe fortgesetzt werden kann und die Honorarzahlung für die Künstler ins Wasser fällt.

Auf hoher See für Gäste und Crew unterwegs: Edgar S. Hasse. Foto: TUI Cruises

Auf hoher See für Gäste und Crew unterwegs: Edgar S. Hasse. Foto: TUI Cruises

Seit der Auswanderungswelle von Deutschland nach Amerika im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist es üblich geworden, dass Bordseelsorger regelmäßig die Passagiere auf ausgewählten Ozeandampfern begleiten. Während auf der »MS Europa« (Hapag-Lloyd Cruises) bei jeder Reise von der EKD und der katholischen Kirche entsandte Geistliche mitfahren, gibt es religiöse Angebote bei den großen Kreuzfahrtschiffen mit 2 600 Passagieren wie bei TUI Cruises ausschließlich zu Weihnachten und Ostern.

Die meisten Passagiere wollen einfach nur unbeschwerte Tage auf See verbringen und ihren Urlaub genießen. Manchen aber fällt es schwer, den Alltag hinter sich zu lassen. Verdrängte Probleme gewinnen an Gewicht, Lebenskrisen reisen als blinde Passagiere mit. See-Tage werden zu Seelen-Tagen. Für all diese Gäste sind die Bordseelsorger als empathische Zuhörer da. Da ist jenes junge Paar, das vor Jahren sein Kind während der Geburt verloren hat und nun mit diesem Trauma ringt. Oder jene junge Frau, die irgendwo auf dem Atlantik zwischen Südamerika und Europa erzählt, dass ihre Familienstrukturen sie zermahlen. Und der Witwer, der bereits vor dem Start der Reise auf dem Flughafen danach fragt, ob es einen christlichen Gesprächskreis an Bord geben wird. 14 000 Kilometer von seinem Heimatort entfernt, wird er später vor der Antarktischen Halbinsel andere Gäste treffen, die ebenfalls ihren Partner oder ihre Partnerin verloren haben. Und schließlich gibt es noch die Crew, die zu den Festtagen einen englischsprachigen Gottesdienst erwartet.

Nicht zuletzt braucht man als Bordseelsorger einiges Improvisationsgeschick. Weil kein religiöser Raum vorhanden ist, müssen Theater, Konferenzsäle oder Lounges zu sakralen Orten gemacht werden. Im Idealfall befinden sich Gesangbücher und ein Kreuz im Fundus. Und die Weihnachtskrippe wird auf eine LED-Leinwand geworfen.

Trotz mancher Pannen bleibt am Ende die beglückende Erfahrung, auch weit entfernt von der Heimat auf Menschen zu treffen, die mitten auf dem Meer aus den Quellen des Glaubens schöpfen wollen.

Edgar S. Hasse

Der Autor ist promovierter Theologe, Lehrbeauftragter an der Evangelischen Hochschule in Hamburg und Redakteur.

Dem Himmel so nah

14. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Tausende Gipfelkreuze stehen in den Ostalpen. Sie sind christliches Symbol, gehören zum Bergklischee – und geben Anlass für Diskussionen. An einigen hängen mittlerweile auch tibetische Gebetsfahnen.

Es ist ein Bild, das einen festen Platz im Album der europäischen Urlaubsklischees hat: Fröhliche Menschen in bunten Funktionsjacken, ein felsiger Gipfel und dahinter, so weit das Auge reicht, die Bergketten der Alpen. Komplett ist der Schnappschuss für die Trophäensammlung aber nur mit einem besonderen Symbol – dem Gipfelkreuz. Das Foto mit dem Gipfelkreuz sei »mittlerweile einfach in der DNA der Bergsteiger drin«, sagt Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV). »Das Kreuz als Symbol gehört für die meisten zum Gipfel dazu, wie die Kirche zum oberbayerischen Ort.«

Trotzdem: Eine Selbstverständlichkeit sind Gipfelkreuze nicht. In großer Zahl wurden sie erst ab dem 18. Jahrhundert aufgestellt, besonders viele kamen Mitte des 20. Jahrhunderts dazu.

Berggipfel gelten in vielen Kulturen als Punkte, in denen sich »Himmel und Erde berühren«. Darum sind religiöse Symbole naheliegend. Das Kreuz in den Alpen aber ist auch umstritten. Ein prominenter Kritiker ist Bergsteiger-Ikone Reinhold Messner. Man solle die Berge nicht »zu religiösen Zwecken möblieren«, sagte er im vergangenen Jahr der »Süddeutschen Zeitung«. Im Sommer 2016 beschädigten Unbekannte mehrere Gipfelkreuze in der Gegend um Bad Tölz schwer.

Dabei liegen die Zeiten, in denen das Gipfelkreuz ein rein religiöses Symbol war, schon länger zurück, wie Claudia Paganini urteilt, Philosophin an der Universität Innsbruck. Die ersten Gipfelkreuze, die ab dem 13. Jahrhundert in den Alpen aufgestellt wurden, seien noch der Frömmigkeit der örtlichen Bevölkerung entsprungen, sagt die Autorin, die das Buch »Dem Himmel so nah« über das Phänomen der Gipfelkreuze geschrieben hat.

So habe es beispielsweise früh Kreuze auf »Wetterbergen« gegeben – jenen Gipfeln, hinter denen man Unwetter heraufziehen sah. »Es gab Gebetsrituale an diesen Kreuzen, um ein mildes Wetter zu bitten.« In entlegenen Bergregionen habe man sich auch zu einer Art Gottesdienst am Gipfelkreuz getroffen.

Foto: epd-bild

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Gleichwohl seien diese Gipfelkreuze auch »weiter den Berg hinauf gewanderte« Verwandte von Wegkreuzen gewesen, sagt Paganini. Die waren seit der Christianisierung in den Alpen vertreten. Als Dankesmale – aber auch als eher profane Weg- oder Grenzmarkierung.

Nachhaltig änderte sich die Lage, als die Alpen zu einem Reiseziel wurden. Adelige, oft aus alpenfernen Gegenden, bestiegen ab dem 18. Jahrhundert die Gipfel – und setzten weithin sichtbare Monumente als Zeichen für ihre »Macht über den bezwungenen Berg«, wie Pa­ganini erklärt. Zunächst habe man Fahnenmasten errichtet. Allerdings habe es Sorge gegeben, »Gott ins Gehege zu kommen, Gott in seiner Allmacht infrage zu stellen, indem man auf diese hohen Gipfel gestiegen ist«, erzählt sie.

Die Lösung fand sich im Gipfelkreuz.

Die nächste Welle des Alpinismus als Breitensport brachte Kreuze dann auch auf kleinere Gipfel, oft aufgrund von Privatinitiativen. Die meisten Kreuze seien aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden, sagt Thomas Bucher vom Alpenverein – oft als Zeichen der Dankbarkeit von heimgekehrten Soldaten.

Als der Transport durch Helikopter möglich wurde, kam es nach Paganinis Beobachtung zu »echten Challenges, wer das größere, pompösere Kreuz aufstellt«. Die Wissenschaftlerin urteilt: »Die haben dann oft eher wie Fremdkörper gewirkt.« Mittlerweile gebe es neue Trends. Etwa hin zu künstlerisch gestalteten Kreuzen, die als Zeichen der religiösen Versöhnung, der Offenheit und Toleranz verstanden werden könnten.

Auf Gipfeln in den Ostalpen mischten sich mittlerweile optisch die Religionen, sagt Bucher. An einigen Kreuzen hingen nun auch tibetanische Gebetsfahnen. »Das ist gar kein Konflikt«, betont der DAV-Sprecher – es gebe in Bergsteigerkreisen eine »große kulturelle Verbundenheit zu Nepal«. Für viele Alpenfreunde im DAV sei das Kreuz ohnehin eher »Kulturgut« als religiöses Symbol.

Wer die Kreuze heutzutage aufstellt, das sei völlig unterschiedlich: Von DAV-Sektionen über örtliche Burschenvereine, Kirchengemeinden oder Privatinitiativen sei alles dabei. Es gebe eine Art »Gewohnheitsrecht«, sagt Bucher: »Wer das letzte Kreuz aufgestellt hat, sorgt meistens auch dafür, dass ein neues hinauf kommt.« Denn im Normalfall müsse ein Kreuz alle zehn bis zwanzig Jahre ausgetauscht werden: »Da herrscht ja eine raue Witterung in den Bergen.«

Womit auch schon das letzte große Rätsel um die Gipfelkreuze angeschnitten ist: Wie viel der Kreuze es in ihrem Hauptverbreitungsgebiet, den Ostalpen, gibt, das weiß wohl niemand. »Viele, viele Tausend«, sagt Bucher, »mehr oder weniger auf jedem nennenswerten Gipfel in den Ostalpen«. Und Paganini ergänzt: »Es kommen ja immer wieder welche hinzu. Und andere verfallen.«

Florian Naumann  (epd)

Lebendigkeit statt Perfektion

14. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Impulse nach innen: Auch den Kirchengemeinden im Norden machen Mitgliederschwund und Einsparungen zu schaffen. Trotzdem soll kirchliches Leben aufrechterhalten werden. Mit dem Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, Propst Christoph Hackbeil, sprach Angela Stoye.

Herr Hackbeil, stellen Sie sich vor, Sie wären Tourismusmanager. Wo würden Sie die Menschen in Ihrem großen Sprengel hinschicken?
Hackbeil:
Auf die »Straße der Romanik«, denn die ist wirklich eine gute Idee – mit einer Einschränkung: Die großen Kirchen wurden jüngst noch mehr hervorgehoben. Ich würde dazu noch ein paar wunderbare kleine Kirchen empfehlen wie Melkow und Wust bei Jerichow. Nördlich des Huy liegt zum Beispiel Deersheim mit zwei romanischen Kirchen. Auch ein Abstecher nach Calbe an der Saale mit der Kirche in Gottesgnaden lohnt sich.

Da haben Sie eine Vorlage geliefert: Kleine Dorfkirchen sind oft verschlossen. Das kommt bei Besuchern nicht gut an …
Hackbeil:
Auch ich wünsche mir, dass mehr Kirchen zuverlässig geöffnet werden. Und der Prozess hin zu mehr offenen Kirchentüren ist in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Gang. Die Gemeinden werden informiert und geschult. Da sind die Kirchenkreise dran. Aber das Kirchenöffnen geht – wie vieles – nicht von heute auf morgen.

Das Ziel, im 500. Jubiläumsjahr der Reformation alle 4 000 Kirchen der EKM zu öffnen, wird nicht erreicht …
Hackbeil:
Das ist leider so. Ich sehe das Problem von zwei Seiten: erstens von Seiten der Touristen. Für sie ist eine offene Kirche ein Zeichen von Gastfreundschaft, eine verschlossene nicht.

Zweitens: Eine Kirche, die kaum noch benutzt wird, wird auch im eigenen Ort kaum noch wahrgenommen. Sehr wichtig ist deshalb, dass die Kirche für die Menschen ihres Ortes offen ist.

Zum Beispiel: Eine kleine Dorfkirche, die von einem Friedhof umgeben ist, kann sonnabends aufgeschlossen werden, wenn viele Menschen zur Grabpflege kommen. Auch Andachten können in dieser Zeit gehalten werden. Das regelmäßige Aufschließen ist deshalb auch ein wichtiger Impuls nach innen. Im Übrigen produzieren wir mit dem Starren auf Zahlen unnötigen Verdruss. Dem Landeskirchenrat liegt etwas daran, dass Bewegung in die Sache kommt.

Für mich hat es den Anschein, als ob man mehr auf »Leuchttürme« setzt denn auf Angebote in der Fläche.
Hackbeil:
Wir haben auch »Leuchttürme« auf dem Lande, wie ehemalige Klöster – Arendsee, Drübeck oder Neuendorf bei Gardelegen –, von denen die Menschen heute noch sagen, dass sie beim Betreten eine besondere Atmosphäre spüren. Kloster Jerichow beispielsweise ist offen und es gibt den Sommer über tägliche Andachten. Aber auch kleinere Orte bieten Besonderes, etwa die Schlosskirche in Erxleben, wo sich ein rühriger Verein nicht nur um den Gebäudeerhalt kümmert, sondern auch die Geschichte hebt. Oder der Ort Gnadau, eine Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine, in dem der Glaube Gestalt angenommen hat.

Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, die Zahl der Mitarbeiter auch. Überall muss gespart werden. Wie sollen Haupt- und Ehrenamtliche alle Aufgaben in der Fläche bewältigen?
Hackbeil:
Die Pfarrer und die anderen kirchlichen Mitarbeiter stehen vor einer Riesenaufgabe. Dabei sind die Pfarrstellen in der Altmark mit teils 20 Dörfern und mehr noch einmal eine besondere Herausforderung. Wenn Pfarrer in einigen Jahren in den Ruhestand gehen, wissen sie, dass ihre Stelle nicht mehr besetzt wird. Auf diesen Abschied hin zu leben, ist nicht leicht.

Ich ziehe den Hut davor, wie viele Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker unverdrossen weiter ihren Dienst tun. Daher denke ich: Das kann nicht nur an den Zahlen liegen, sondern auch am Betriebsklima.

Woraus schließen Sie das?
Hackbeil:
Ich habe vor Kurzem die Ergebnisse einer Studie gelesen, die in zwei Landeskirchen zur gesundheitlichen Situation von Pfarrerinnen und Pfarrern gemacht wurden. Da zeigte sich: Die Sorge vor Burnout und Depressionen wurde auf dem Land weniger dort gesehen, wo alle Mitarbeiter gut zusammenarbeiteten. Ich sehe die Tendenz zu verbindlicher regionaler Zusammenarbeit als unumkehrbar an, sodass sich drei, vier, fünf Mitarbeiter als regionales Team verstehen und sich mit Mut den veränderten Verhältnissen stellen. Das schließt auch die Ehrenamtlichen mit ein.

Stichwort Ehrenamt: Werden die Aufgaben, die nicht mehr bezahlt werden können, vermehrt auf sie abgewälzt, also Ehrenamtliche als Lückenbüßer?
Hackbeil:
Das höre ich manchmal. Aber ich erlebe auch anderes. Immer dort, wo Ehrenamtliche das Gemeindeleben selber gestalten, sind sie ganz anders motiviert und halten auch die Leute zusammen. Mit großer Hochachtung erlebe ich Menschen im Prädikantendienst.

Umso ärgerlicher finde ich es, dass die Verwaltung oft noch immer so gestaltet ist, dass sie – trotz gegenteiliger Aussagen – ehrenamtliches Engagement oft erschwert statt erleichtert: lange Wege, mehrfache Wege, Wartezeiten und so weiter. Das entmutigt. Da hat die EKM ein selbstgemachtes Problem, das nur durch besseren Service zu lösen ist.

Um dann was in Zukunft besser zu können?
Hackbeil:
Sich auf die geistlichen Aufgaben zu konzentrieren. Denn eine Kirchengemeinde ist etwas anderes als ein Verein. Ich sehe das Öffnen der Kirchen nicht als technischen Vorgang an, sondern als geistlichen.

Dazu gehört auch, dass zum Beispiel der Altar mit Blumen geschmückt wird oder dass Gesangbücher gleich am Eingang bereitliegen. Kurz: ein Wachsein dafür, wie große theologische Fragen in kleinen praktischen Bezügen gedacht werden können.
So ein Beispiel habe ich nach Pfingsten in Hagenau, einer kleinen Kirche bei Osterburg erlebt. Da habe ich gespürt: Hier wirken Älteste, die alles im Blick haben. Obwohl es dort nur selten Gottesdienste gibt: Wenn, dann ist es ein richtiges Fest, ein Höhepunkt im Dorfleben.

Stichwort Regionalisierung. Wann werden die Gemeindeglieder wirklich selbstverständlich zum Gottesdienst in das Nachbardorf fahren?
Hackbeil:
Wenn die erste Frau zur katholischen Priesterin geweiht wird … – will sagen: Unter dem Sparzwang dürfen wir nicht den Eindruck erwecken, alle Probleme müssen mit dem neuen Stellenplan bis 2019 gelöst sein. In manchen Kirchenkreisen war das schon vor Jahrzehnten dran, zum Beispiel ab den 1970er-Jahren im damaligen Kirchenkreis Merseburg. Woanders kommt die Regionalisierung erst jetzt an die Reihe. Prozesse sind dran, wann sie dran sind.

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Wichtig ist, das Miteinander von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern zu fördern. Wichtig ist, den Menschen Mut zu machen, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Geduld zu haben und sich nicht darüber zu beklagen, wo etwas nicht ist, sondern schauen, wo etwas wächst.

Bei den Menschen, die wollen, dass alles wieder so ist wie vor 50 Jahren, ist doch vor allem der Wunsch nach Gemeinschaft sehr groß. Wir sollten ihnen die Gelegenheit in neuen Formen der Gemeinschaft geben, verbunden mit einer spürbaren geistlichen Mitte.

Wie kann das geschehen?
Hackbeil:
Durch das Gebet – in traditioneller Form und in neuem Gewand. In der EKM gibt es seit Oktober 2015 den Gebetskalender. Etwa 80 Menschen bekommen – jede Woche aktualisiert – Mails mit Gebetsanliegen. Einzelpersonen machen hier genauso mit wie die Kommunitäten. Für diese gewachsene Gemeinschaft bin ich sehr dankbar. Aber an den Gebeten könnten sich noch mehr beteiligen.

Zweitens das Abendmahl: Ich finde, wenn in kleinen Kirchen nur noch wenige Male im Jahr Gottesdienst gefeiert wird, sollte immer auch ein Abendmahl dazugehören. Leider ist dem nicht so. Aber unter dem Gemeinschaftsaspekt gesehen, könnten sich Pfarrer und Gemeinden bei weniger Gottesdiensten sogar darauf verständigen, diese immer mit Abendmahl zu feiern. Denn wir sind nicht nur unter das Wort Gottes gerufen, sondern auch an den Tisch Jesu geladen!

Und wir können nicht ein gemeinsames Abendmahl von evangelischen und katholischen Christen fordern, wenn wir das Sakrament in unseren Kirchen nicht mehr als tragende Praxis erleben!

Heißt das, dass die weniger werdenden Mitarbeiter noch mehr tun sollen?
Hackbeil:
Nein. Die hohe Belastung der Mitarbeiter macht mir Sorgen. Viele laden sich schon jetzt zu viel auf. Ich habe große Achtung vor dieser Einstellung, aber wir müssen alle darüber nachdenken, wie es anders gehen kann. Leider habe ich kein Rezept, das hat keiner. Aber dass Zeit zur gemeinsamen Suche bleibt, gehört zur geistlichen Klärung. Ich finde es gut, dass die Landeskirche für Pfarrerinnen und Pfarrer Möglichkeiten des Ausgleichs und zum Auftanken schafft, etwa durch Studiensemester, Sabbatzeiten, Aufenthalte im Kloster und anderes.

Geht der Trend nicht doch hin zum Gottesdienst vom Fließband?
Hackbeil:
Ich habe als Dorfpfarrer auch drei Mal am Sonntag Gottesdienste halten müssen und war von Mal zu Mal müder. In meiner Anfangszeit als Propst habe ich gemeint, in meinen Predigten besonders viel Staatstragendes unterbringen zu müssen. Alle Themen, die unsere Kirche jetzt bewegen, in zehn Minuten! Dabei habe ich mich ziemlich verspannt. Erst eine Fortbildung, ein Predigt-Coaching, hat mir geholfen. Da habe ich das Gegenteil gelernt. Weniger ist oft mehr.

Das klingt nach noch mehr Arbeit statt Entlastung.
Hackbeil:
Nein. Denn es muss nicht alles perfekt sein. Alle streben nach Perfektion, aber die Lebendigkeit ist der wesentliche Aspekt, den man nicht über Bord werfen darf. Vier Mal oder öfter eine Predigt vorzulesen ist für mich keine Lösung. Ein bisschen Sicherheit durch das Manuskript ist gut. Aber ein Pfarrer, eine Pfarrerin sollte – im lutherischen Sinne – sich dessen fröhlich gewiss sein, was zu tun ist. Zeigen, wo mich das Wort der Schrift berührt hat.

Propst Hackbeil, der Sommerurlaub an der Ostsee und im Harz liegt hinter Ihnen. Was bringt die nächste Zeit für Sie persönlich?
Hackbeil:
Nach Fortbildungen in »Führen und Leiten« und in klinischer Seelsorge befinde ich mich in einer Ausbildung zum geistlichen Begleiter. Denn der Austausch über den geistlichen Kern unseres Tuns ist doch das Wichtigste überhaupt.

Christoph Hackbeil, Jahrgang 1956, ist seit Januar 2009 Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg und Inhaber der ersten Pfarrstelle am Stendaler Dom. Seine Wahl war die erste Propstwahl in der EKM.

Propst Hackbeil stammt aus Leipzig, wo er die Thomasschule besuchte und im Thomanerchor sang. Nach dem Theologiestudium in Leipzig war er drei Jahre Studieninspektor am Reformierten Konvikt in Halle. Danach wechselten er und seine Frau Ulrike, ebenfalls Pfarrerin, in die Altmark nach Mieste und Gardelegen. Von 2000 bis zu seinem Amtsantritt als Regionalbischof war Christoph Hackbeil Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt.

Das Ehepaar Hackbeil hat drei erwachsene Söhne und vier Enkel. (G+H)

Weltumspannender Klang

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Beim 5. Weltglockengeläut erklingt am 5. August in einer Liveschaltung die Glocke der Kirche von Kotagiri im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, die 1908 im thüringischen Apolda gegossen wurde.

Zu erleben ist dies auf der Bühne der Thüringer Landesgartenschau »Blütezeit Apolda« und im Internet. Als Moderator und Akteur »vor Ort« in Südindien konnte Daniel Schad gewonnen werden, dessen Urgroßeltern zur Zeit der aufwendigen Glockenanlieferung als Missionare in Kotagiri tätig waren.

Daniel Schad ist als Violinist der Staatskapelle Halle tätig und Vorsitzender des 2009 gegründeten Vereins »Straße der Musik«, der die reichhaltige Musikgeschichte Mitteldeutschlands (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken will. Eine dafür erstellte Komponisten-Liste seit der Reformationszeit umfasst 1 632 Namen!

Schad ist jedoch nicht nur als Musikhistoriker aktiv, sondern erforscht auch die Geschichte seiner Vorfahren. So hat er unter dem Titel »Erinnerungen aus meinem Leben« die Familienchronik der Leipziger und Basler Missionarsfrau Susanna Schad in Indien veröffentlicht. Darin beschreibt seine Urgroßmutter unter anderem das Kennenlernen ihres Mannes, des Missionars Friedrich Schad, die Vorbereitungen zur Reise nach Indien, die Vorfreude auf die Hochzeit in Madras sowie die Geburt der fünf Töchter und des Sohnes in Indien. Die detailreichen Aufzeichnungen leisten einen authentischen Beitrag zur protestantischen Missionsgeschichte.

Impressionen aus einer anderen Zeit: Susanna Schad mit den Zwillingen Bettina und Philipp, dem Großvater von Daniel Schad (Foto links, um 1907), in der von zwei Einheimischen gezogenen Rikscha. Die Missions-Kirche in Kotagiri, wie sie um 1900 aussah (Foto oben). Fotos: Familien-Archiv und Basler Missions Archiv

Impressionen aus einer anderen Zeit: Susanna Schad mit den Zwillingen Bettina und Philipp, dem Großvater von Daniel Schad (Foto links, um 1907), in der von zwei Einheimischen gezogenen Rikscha. Die Missions-Kirche in Kotagiri, wie sie um 1900 aussah (Foto oben). Fotos: Familien-Archiv und Basler Missions Archiv

Aus seinem umfangreichen Archiv stellte Daniel Schad der Kirchenzeitung einen Bericht seines Urgroßvaters zur Verfügung, der uns am damaligen Geschehen unmittelbar teilhaben lässt: »Die Glocke ist tadellos angekommen. Sie hat die lange Reise ausgezeichnet überstanden, hängt bereits auf ihrem Gerüst und erfreut uns alle durch ihren wunderschönen vollen Ton. An Himmelfahrt, an welchem Tage wir auch unser jährliches Missionsfest feiern, hat sie für uns zum ersten Mal geläutet und der Jubel und die Freude über dieses schöne Meisterwerk waren allgemein.«

Über die Ankunft der Apoldaer Glocke im Jahr 1908 schreibt er: »Am 23. Mai, einem Samstag, mittags um 12 Uhr, fuhr der Ochsenwagen langsam herein, der die Glockenkiste von Mettuplayam am Fuß der Berge zu uns heraufzubefördern hatte. Wir hatten uns gerade eben zu Tische setzen wollen, aber nun war es mit dem Essen vorbei, denn jetzt musste die Kiste erst abgeladen, die Glocke ausgepackt, von vier starken Männern auf die Veranda getragen, ihr Ton geprüft und sie nach allen Seiten bewundert werden. Das Gerücht hatte sich schnell verbreitet, und vom Samstagnachmittag an kamen und gingen die Menschen immerzu, um das Wunderwerk anzustaunen und zu loben.

Am Montag ging es dann an den Bau des Glockengerüstes. Maurer, Tischler und Schmiede, Heiden und Christen halfen zusammen, ein erfahrener Ältester beaufsichtigte das Ganze, und am Mittwochnachmittag waren wir endlich so weit, dass wir die Glocke aufhängen konnten. Im Triumph wurde sie geholt und den Kirchberg hinaufgetragen und zu aller Freude gelang dann auch das letzte und schwierigste Stück der Arbeit noch. Um drei Uhr nachmittags hing sie oben hellglänzend im Schein der Sonne. Dann ging es ans Schmücken des Gerüstes mit Blumen, Farren (Farnen) und Girlanden. Um vier Uhr versammelten sich alle zur Glockenfeier …«

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Franz Schilling die Glocke und den Transport nach Indien seinerzeit zu einem Vorzugspreis von 362,55 Mark ermöglichte.

Michael von Hintzenstern

Musikalische Lesung aus der Susanna-Schad-Biografie mit Daniel Schad: 11. August, 19.30 Uhr, Leipziger Missionshaus

www.weltglockengelaeut.de

Live-Stream:
www.livestream.com/salveworld

Die Predigten des Tafelaltars

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Das bilderreichste Werk der Reformationszeit ist nach seiner Restaurierung und Präsentation in den USA jetzt im Herzoglichen Museum in Gotha zu sehen.

Die Inszenierung »seines« Altars durch die Gothaer Ausstellungsmacher um Kurator Timo Trümper anlässlich der Reformationsdekade hätte vermutlich auch Herzog Ernst I., dem Frommen, gefallen. Vom 30. Juli bis 5. November steht »Der Gothaer Tafelaltar« in der Säulenhalle des Herzoglichen Museums Gotha im Blickpunkt der interessierten Öffentlichkeit. Die kann dann dem wohl monumentalsten und zugleich detailreichsten Bilderbuch der Reformationszeit sehr nahe kommen, denn die zwölf Seiten- und zwei Standflügel können erstmals seit der Vorkriegszeit wieder einzeln und aus nächster Nähe betrachtet werden. Möglich wurde dies 2015/16 durch eine umfangreiche, 17-monatige Restaurierung eines sechsköpfigen Teams um Beatrix Kästner und Johannes Schaefer. Dabei gelang es vor allem, den ursprünglichen Fassungsbestand freizulegen und die originale Rahmung des Mittelteils farblich anzupassen. Ohne die großzügige Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Oetker-Stiftung, der Kulturstiftung der Länder, des Auswärtigen Amtes und des Freistaates Thüringen wäre das rund 200 000 Euro teure Unterfangen nicht möglich gewesen.

Nach der Restaurierung: Farbenprächtig und deutlich aufgehellt können die einzelnen Motive aus nächster Nähe bewundert werden. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

Nach der Restaurierung: Farbenprächtig und deutlich aufgehellt können die einzelnen Motive aus nächster Nähe bewundert werden. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

Nichts ohne Anlass: Der Altar war im Vorjahr Teil dreier großer Ausstellungen deutscher Museen in den USA, die den Menschen in Minneapolis, New York und Atlanta die Ideenwelt der Reformation und besonders die Person Martin Luthers nahebrachten. Die Ausstellung schlug eine Brücke nach Europa, die beiderseits mit außerordentlichem Interesse wahrgenommen wurde. Einen anderen Brückenschlag verfolgten die Gothaer Kunsthistoriker um Martin Eberle, indem sie die Staatsgalerie Stuttgart als Kooperationspartner der jetzigen Schau gewannen. Dies kam nicht von ungefähr, denn der seit dem 17. Jahrhundert in Gotha nachweisbare Altar war um 1538 im württembergischen Herrenberg in der Werkstatt Heinrich Füllmaurers (um 1497–1548) entstanden.

Die Geschichte des Altars wurde erstmals 1939 in einer Dissertation behandelt und ab 1965 in mehreren Büchern des Thüringer Theologen und Kirchenhistorikers Herbert von Hintzenstern kunstgeschichtlich aufgearbeitet. Einer größeren Öffentlichkeit war sie jedoch unbekannt. Das soll sich nun ändern! Und so gelang es, für die Gothaer Ausstellung hochkarätige Werke aus Stuttgart zu gewinnen, die ihrerseits den Bogen von der vorreformatorischen Zeit bis in die Zeit Heinrich Füllmaurers spannen und dabei Objekte in den Blick nehmen, die noch ganz der katholischen Tradition verpflichtet sind. Neben einer Mondsichelmadonna von Hans Holbein d. Ä. ist es vor allem der Wildensteiner Altar des Meisters von Meßkirch von 1536, der die Gothaer Schau auch thematisch ergänzt. Während der Tafelaltar und der wenig später entstandene Mömpelgarder Altar (heute im Kunsthistorischen Museum Wien) als Aufträge der evangelischen Herzöge von Württemberg gelten können, entstand der Wildensteiner Altar in der Reformationszeit für die katholischen Grafen von Zimmern. – Es ist eine spannende Gegenüberstellung von Meisterwerken, die bis dato noch nie in Thüringen gezeigt wurden.

Der Tafelaltar selbst liest sich wie ein großes Bilderbuch mit drei Szenen der Schöpfungsgeschichte und 157 Tafeln zum Leben Jesu. Einziger Wermutstropfen: die Standflügel mit dem Stammbaum Christi befinden sich seit 1946 im Depot des Puschkin-Museums Moskau. In Gotha werden Repliken gezeigt.

Der übergroße Detailreichtum des Altars lädt zum Entdecken ein, denn die Szenen spielen im Württemberg des 16. Jahrhunderts und lesen sich wie eine übergroße Bilderbibel. Tatsächlich ist der Altar wohl zu Lehrzwecken und nicht für eine Kirche geschaffen worden. Zu einer Kuratoren-Führung mit Timo Trümper wird am 31. August, 18 Uhr, eingeladen.

Im November verlässt der Altar Gotha in Richtung Stuttgart und wird ab dem Frühjahr 2018 wieder im Altdeutschen Saal des Herzoglichen Museums zu sehen sein.
Geöffnet ist die Gothaer Ausstellung bis 5. November täglich von 10 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Begleitband erschienen, der erstmals alle Bildtafeln einzeln zeigt und die Transkription der Inschriften umfasst.

Hartmut Ellrich

Trümper, Timo: Der Gothaer Tafelaltar. Ein monumentales Bilderbuch der Reformationszeit, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 304 S., ISBN 978-3-7319-0595-0, 29,95 Euro

www.stiftung-friedenstein.de

Eine andere Welt

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Erfahrung: Ein evangelischer Redakteur besucht eine katholische Abendmesse.

Für das Experiment, einen Gottesdienst der jeweils anderen Konfession zu besuchen, habe ich mir etwas herausgesucht, was es bei uns Protestanten so nicht gibt: eine Abendmesse im Marienmonat Mai, mitten in der Woche. Ich mache mich kurz vor 18 Uhr mit dem Fahrrad auf den Weg zur Deutschordenskirche, eine Kirche an einer mehrspurigen Straße in Frankfurt am Main. Der Orden feiert Messen auch gerne mal nach altem Ritus. Wenn katholisch, dann richtig.

Die Kirchentür ist zu, als ich mein Rad abstelle. Ich frage mich schon, ob ich mich geirrt habe, da läuten die Glocken. Ich drücke die Türklinke und tatsächlich, die Kirche ist offen. Also doch keine geschlossene Gesellschaft. Der Verkehrslärm bleibt draußen. Ich trete in eine andere Welt.

Weihrauch liegt in der Luft. Von der Decke des Altarraums hängt eine gelb-weiße Fahne, die sich nach einem Drittel ihrer Länge in zwei Enden teilt. Die Enden der Fahne sind an den Seitenwänden des Altarraums befestigt. Ihr eleganter Schwung verleiht der üppigen Architektur Leichtigkeit.

Wir sind zwölf Gottesdienstbesucher, jede und jeder für sich in einer Bank über die Kirche verteilt. Vom kleinen Mädchen mit seiner Mutter bis zum alten Herrn in der ersten Reihe. Am Lesepult steht der Priester mit goldgelber Stola und vollem weißen Haar. In seinem Rücken sitzen zwei dunkelbärtige Männer in weißen Messgewändern über ihrem schwarzen Rock. Viel Personal für wenig Besucher. Aber es geht nicht um die Zahl, sondern um die Andacht jedes Einzelnen.

»Gegrüßt seist du, Maria«, erinnert der Priester an den biblischen Gruß des Engels an die Gottesmutter. »Das ›Gegrüßt seist du‹ gilt auch unserem alten Europa, zu dem die Franzosen bei den Wahlen ›oui‹ gesagt haben«, schlägt er den Bogen vom Ave Maria ins Heute. Vor meinem geistigen Auge erscheint eine überlebensgroße Maria über der Landkarte Europas. Der Priester erklärt: »Bete für uns Sünder! Das gibt es in allen Sprachen: Pray for us sinners. Ora pro nobis peccatoribus. Auf Französisch: Priez pour nous, pauvres pecheurs. Nur die Franzosen sind arme Sünder.« Was diese Sprachfeinheit uns zu sagen hat, wird mir nicht klar. Aber der Klang der weltweiten Kirche schwingt im Raum.

Die Messe nimmt ihren Gang. Epistel, Evangelium, Fürbitten. Die beiden Weißgewandeten decken den Altartisch. Jede Bewegung, jede Geste ist präzise. Die Worte fließen dahin. Monoton, denke ich. Doch gleichzeitig hat dieses Fließen etwas Unaufgeregtes, Beruhigendes. Jeder in der Kirche kennt seinen Einsatz, weiß, was wann zu sprechen ist, wann man aufsteht, wann man sich hinkniet.

Der Priester spricht am Altar die Einsetzungsworte für die Eucharistie. Die beiden Männer in den hellen Messgewändern knien vor den Stufen. Zwischen ihnen steht eine große Osterkerze. Der Priester am Altar mit erhobenen Händen, die beiden Knienden davor, die Kerze in der Mitte bilden eine vollendete Symmetrie.

»Der Friede des Herrn sei mit euch«, spricht der Priester. Bislang gab es kaum Blickkontakt unter den Gottesdienstbesuchern. Nun dreht sich jede und jeder und nickt dem Nächsten zu. Der Priester am Altar isst die Hostie und trinkt aus dem Kelch – allein vor aller Augen. Ich weiß, dass er das stellvertretend tut. Trotzdem befremdet mich diese von der Gemeinde abgehobene Rolle des katholischen Priesters immer. Nun geht er zu dem alten Herrn in der vordersten Reihe und reicht ihm zuerst die Hostie. Warum der Mann dieses Privileg hat, kann ich nicht erkennen. Das beobachte ich auch in anderen katholischen Messen. Es scheint öfter einige Ausgewählte zu geben, die vor den anderen kommunizieren dürfen.

»Einen guten Abend und gehen wir in Frieden«, verabschiedet uns der Priester, bevor er den Segen spricht. Ein Marienlied, »Freu dich, du Himmelskönigin«, und die Messe ist aus. Sie hat eine halbe Stunde gedauert. Wir Evangelischen legen großen Wert auf jedes einzelne Wort, machen oft viele Worte. Aber es geht offenbar auch ohne Bedeutungsschwere. Der Fluss der Gebete, die souveränen Bewegungen und Gesten der Messe öffnen einen Moment außerhalb der Zeit. Eine andere Welt.

Martin Vorländer

Der Autor ist theologischer Redakteur im Evangelischen Medienhaus Frankfurt/Main.

Mein Sehnsuchtsort ist das Meer

6. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Volkskirche: Viele Menschen bekennen sich in der Region um Meiningen und Suhl zur evangelischen Kirche. Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt ist dort Regionalbischöfin. Mit ihr sprach Diana Steinbauer.

Im Juli hat das größte Rechtsrock-Konzert deutschlandweit im thüringischen Themar für großes Aufsehen gesorgt. Wie sehen Sie die Funktion der Kirchengemeinden vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal hat mich beeindruckt, wie sich die Zivilgesellschaft in Themar über Wochen und Monate klar und eindeutig gegen dieses Konzert positioniert hat. Dass es nach diversen Gerichtsverfahren schließlich als politische Versammlung genehmigt wurde, war zu akzeptieren und zu respektieren. Gedanklich nachvollziehen konnten das viele Menschen in der Region nicht – auch ich nicht.

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Die Kirchengemeinde in Themar und der Kirchenkreis Hildburghausen haben sich im Vorfeld und während des Konzertes absolut klar und gewaltfrei gegen den Hass und die Hetze, die von dieser Veranstaltung ausgingen, gewandt. Wie richtig und notwendig das war, haben die Berichte zu dem Konzert bestätigt.

Die Einladung der Kirchengemeinde zu einem ökumenischen Friedensgebet am Vorabend des Konzertes hat auch den Menschen, die sich am Veranstaltungstag selbst vielleicht nicht nach Themar gewagt haben, ermöglicht, ihrem Protest und ihrer Bitte um Frieden Ausdruck zu verleihen.

Ich habe großen Respekt vor dem entschiedenen, klaren und selbstverständlichem Engagement der Kirchengemeinde und ihrer Pfarrerin Frau Polster. Gemeinsam mit einem breiten Bündnis sind sie für Demokratie, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe eingetreten und haben einen Auftrag der Kirche, sich für Frieden einzusetzen, eindrücklich wahrgenommen.

Wie verleben Sie diese Sommertage in Meiningen?
Kühnbaum-Schmidt:
Im vergangenen Jahr haben wir den Sommerurlaub zu Hause in Meiningen verbracht. Das habe ich sehr genossen. Die Stadt bietet viele kulturelle Möglichkeiten, vom Parkgeflüster über das Sommerfestival, Konzertmöglichkeiten oder den Meininger Orgelsommer.

An der Werra spazieren zu gehen oder die schönen Grünanlagen zu genießen, dazu nehme ich mir auch sonst manchmal Zeit. In diesem Jahr allerdings nicht so viel. Das hat auch mit der Zahl 2017 zu tun.

Apropos Reformationsjubiläum: Die Kirchentage auf dem Weg und andere Veranstaltungen zu 500 Jahren Reformation haben viele Menschen bewegt. Auch Nichtchristen?
Kühnbaum-Schmidt:
Die vielen Veranstaltungen – regional und überregio­nal –, in denen wir dieses besondere Ereignis feiern, waren und sind eine Möglichkeit, wie Kirche und Glaube auch für Nichtchristen überhaupt einmal wieder in den Bereich des Möglichen kommen. Ansonsten sind es oft ethische Fragen, aber auch persönliche Begegnungen, die die Frage nach Gott und christlichem Glauben aufwerfen.

Bei den Kirchentagen auf dem Weg war das ja schön zu sehen. Die Veranstaltungen, die draußen angeboten wurden und niedrigschwellig waren, wo es persönliche Begegnungen gab, wo Menschen gemeinsam gegessen haben, feiern und erzählen konnten, Musik erlebt haben, die hatten großen Zulauf. Offensichtlich wurden sie wahrgenommen als willkommene Gemeinschaftserlebnisse ohne große Schwelle.

Wie können die Schwellen und Barrieren abgebaut werden?
Kühnbaum-Schmidt:
Offen zu sein für andere ist wichtig. Ich denke, wir sollten aber auch die Frage klären, wie wir uns als Gemeinschaft zu denen verhalten, die uns, warum auch immer, fernstehen.Wir werden uns in den nächsten Jahren also intensiver mit der Frage nach der Kirchenmitgliedschaft beschäftigen müssen. Gibt es nur die Alternative des Ja oder Nein? Viele Menschen engagieren sich in christlichen Verbänden oder bei Vereinen und diakonischen Einrichtungen, in der Flüchtlingshilfe, einem Kirchbauverein oder Kirchenchor. Nicht immer gehören sie auch formell zur Kirchengemeinde.

Wie können wir ihnen das Gefühl geben, wirklich dazuzugehören? Also nicht sagen, ihr dürft gerne mittun, aber es gibt für euch keine Möglichkeit, auch Rechte wahrzunehmen.

Das würde aber die Kirchenlandschaft wie wir sie kennen, wesentlich verändern. Eine Art neue »Reformation«?
Kühnbaum-Schmidt:
Jedenfalls gehört es für mich ganz klar zum Thema »Die Reformation geht weiter«. Aber das ist kein leichtes Feld. Denn ich verstehe auch, dass Menschen, die zur Kirche gehören, getauft sind und Kirchensteuer bezahlen, fragen: Ist das für die Frage der Kirchenmitgliedschaft denn bedeutungslos? Wenn alle gleich sind, welchen Sinn hat dann die Kirchenmitgliedschaft?

Wir werden also diskutieren müssen: Welche Unterschiede sind nötig und welche sind vielleicht auch nicht nötig? Wie weit können und wollen wir gehen? Gemeinschaft heißt ja nicht, jeder macht sein Ding und dann gucken wir mal, ob und wie das zusammenpasst. Sondern Gemeinschaft – auch in der Kirche – braucht Verbindlichkeit in der Verantwortung füreinander.

Welche Themen beschäftigen Sie darüber hinaus hier vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Wir stellen uns im Propstsprengel den gleichen Herausforderungen wie die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)insgesamt. Dennoch muss ich sagen, dass es im Vergleich in unserem Propstsprengel einen relativ hohen prozentualen Anteil von Kirchenmitgliedern an der Gesamtbevölkerung gibt. Das lässt uns in manchen Bereichen ein bisschen entspannter sein.

Das heißt aber auch, dass es an die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst eine hohe Erwartungshaltung gibt. Eine kirchliche Beerdigung, eine Hochzeit, eine Aussegnung im Sterbefall, die Präsenz – beispielsweise bei der Kirmes und anderen öffentlichen Anlässen – gehört hier selbstverständlicher zum Gemeindeleben dazu als in manch anderen Bereichen der EKM. Dass sie gebraucht werden, bekommen die Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch alle anderen Mitarbeitenden, hier ganz deutlich zu spüren.

Veränderungen, wie zum Beispiel größere Pfarrbereiche oder andere Zusammenlegungen, sind deshalb eine besondere Herausforderung für alle, die das zu schultern haben.

Wie fangen Sie das auf?
Kühnbaum-Schmidt:
Mein Eindruck ist, dass nicht unbedingt die Arbeitsbelastungen allein als anstrengend erlebt werden. Bedrückend ist für viele, dass sie ihre Selbstbestimmung als immer kleiner werdend erleben. Die Freiheit des Dienstes macht zum Beispiel im Pfarramt einen großen Teil der Arbeitszufriedenheit aus.

Genau diese Freiheit ist ja auch Zeichen der Professionalität. Also die Freude und Herausforderung, den Dienst in hoher Eigenverantwortung strukturieren zu können, Schwerpunkte zu setzen und dabei auf die jeweilige Situation vor Ort einzugehen.

Wenn der Eindruck entsteht, dass man in diesen Kernbereichen der eigenen Professionalität zunehmend fremdbestimmt ist, dann ist die Gefahr der Demotivation, der Überforderung oder auch des Burn-outs größer.

Wie können Sie helfen, damit es nicht so weit kommt?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal bin ich persönlich ansprechbar und aufmerksam. Ich bin regelmäßig in den Konventen, mindestens einmal im Jahr in jedem Hauptkonvent. Wenn es möglich ist, fahre ich auch mit zu Klausurtagungen. Da habe ich einen sehr intensiven Kontakt zu den einzelnen Personen, ihren Fragen und Sorgen.

Natürlich stehe ich auch sonst für Gespräche, Beratung und Besuche zur Verfügung. Ich denke aber auch, dass wir über die sich hier stellenden Fragen nicht nur als sich individuell stellende Fragen nachdenken müssen, sondern auch strukturell. Also beispielsweise dazu, was Pfarramt heute bedeutet. Und ich bin deshalb sehr froh, dass das Personaldezernat an dieser Thematik ganz dicht und konzentriert arbeitet.

Wo kommen Sie zur Ruhe?
Kühnbaum-Schmidt:
Sehnsuchtsort für mich persönlich ist immer das Meer. Sei es Nord- oder Ostsee. In diesem Jahr fahren wir wieder an die Ostsee. Schon der Weg dorthin – dieses Mal zum Mönchgut auf Rügen – bringt für mich den ersten Abstand.

Und was genießen Sie im Ostseeurlaub besonders?
Kühnbaum-Schmidt:
Strandspaziergänge, im Meer baden, Fahrradfahren, Lesen. Und ich genieße es sehr, wenn ich mit meinem Mann ganz klassisch und auch ein bisschen kitschig den Sonnenuntergang am Strand erleben kann. Wenn wir dort an einem lauen Sommerabend noch ein Glas Wein zusammen trinken, dann ist das ein perfekter Tag. Da bin ich furchtbar romantisch.

Bleibt denn das Handy auch zu Hause?
Kühnbaum-Schmidt:
Das Handy kommt mit. Aber ich vertraue darauf, dass es genug Gegenden gibt, wo man kaum Empfang hat.

Kristina Kühnbaum-Schmidt stammt aus Sickte bei Braunschweig. Nach ihrem Theologiestudium hat sie als Vikarin und Pfarrerin in Braunschweig gearbeitet. Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wählte sie im November 2012 zur Regional­bischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl.
Seit Mai 2013 ist sie Pröpstin der sieben Südthüringer Kirchenkreise der EKM und damit die einzige Frau in dieser Position. Außerdem ist sie Mitglied der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Sprecherin beim Wort zum Tag »Augenblick mal« im MDR.
Kristina Kühnbaum-Schmidt ist verheiratet und hat eine Tochter.

Der gekittete Kelch

1. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Erfahrung: Eine katholische Redakteurin besucht einen evangelischen Gottesdienst.

Wie gut, dass es dieses Lutherjahr gibt! Wäre ich sonst an einem sonnigen Maimorgen in eine Uniklinik gefahren, um dort an einem evangelischen Gottesdienst teilzunehmen? Nein. Dabei war das so eine tiefe und gute Erfahrung. Es ist so: Ich war schon recht oft in evangelischen Gottesdiensten. Sie haben manche Vorzüge, von denen mich einige regelrecht begeistern.

Im evangelischen Gottesdienst werden die Lieder häufig in ganzer Länge gesungen, mit den Texten wunderbarer Dichter wie Andreas Gryphius und Paul Gerhardt. Das ist auch an diesem Morgen im Gottesdienst so. Diesmal heißt der mir unbekannte Dichter Johann Jakob Rambach, und wir sechs Gottesdienstteilnehmer singen »Ich bin getauft auf deinen Namen« von 1735.

Wie viele Menschen in den Krankenzimmern, in die der Gottesdienst übertragen wird, mitsingen und -beten, wissen wir nicht. Die mir fremden Verse ergreifen mich: »Mein treuer Gott, auf deiner Seite/bleibt dieser Bund wohl feste stehn;/wenn aber ich ihn überschreite,/so lass mich nicht verloren gehn;/nimm mich, dein Kind, zu Gnaden an,/wenn ich hab einen Fall getan.«

Für mich als Frau ist es immer ein Erlebnis, eine Frau als Pfarrerin am Altar zu erleben, und das ist auch heute so. Die Pfarrerin ist so überzeugend. Sie hat diese ausgebildete Stimme der evangelischen Pastoren, die zugleich rollenbewusst ist und variabel. Sie spricht einen fröhlich an zur Begrüßung, sanft und innig im Gebet, deutlich und klar in der Predigt.

Ihre Worte drehen sich heute um das Werdenlassen, darum, dass die Menschen nicht alles selbst lösen können, sondern Erlöste sind, von der Taufe an. Und wenn sie sich mit Rainer Maria Rilke darauf bezieht, dass alles »ausgetragen – und dann geboren ist«, so höre ich das einfach gern aus dem Mund einer Mutter, die weiß, wovon sie spricht.

Noch etwas Wunderbares im evangelischen Gottesdienst, auf das ich mich immer schon freue, ist der Spruch nach der Predigt. Wenn die Diener des Wortes zu Ende gesprochen haben, nach ihren Höhenflügen des Geistes und der Rede, dann sagen sie im evangelischen Gottesdienst immer: »Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.«

Das ist, lerne ich jetzt, ein Zitat aus dem Brief des Paulus an die Philipper. Wie schön ist diese rituell wiederholte Einsicht, dass es etwas gibt, das die Vernunft auch der klügsten Rede und Predigt übersteigt.

Mir fällt es also gar nicht schwer, viel Gutes über den evangelischen Gottesdienst zu sagen. Ich mag auch die klare Aufgeräumtheit des Kirchenraums.

Leise irritiert mich, dass die mir gewohnten beiden Lesungen fehlen. Interessant: Das Evangelium wird von einer ehrenamtlichen Dame vorgetragen. Zu den Einsetzungsworten beim Abendmahl geht es mir zu rasch. Was wieder schön ist: wie die Gläubigen einen Kreis bilden und gemeinsam das Abendmahl empfangen.

Als ich genauer auf den großen Keramikkelch schaue, bin ich wie vom Schlag gerührt: Der ist ja geflickt! Der war in Scherben und wurde gekittet! In meinem katholischen Kopf arbeitet es heftig: Was für ein Symbol für eine Gabe, die aus dem Sterben und Auferstehen kommt! Aber auch: Wie können sie nur! Ist es ihnen nicht einen neuen Kelch wert, das Wertvollste? Und dann: Aber in der japanischen Keramik gibt es das auch: Gerade das wieder Geheilte mit seinen sichtbaren Rissen wird am höchsten geschätzt. Und am Ende: Ja, dieser Kelch steht für uns, für uns als Evangelische und Katholiken. Wir lagen in Scherben und werden wieder zusammengefügt. Dann sind wir eins aus vielen Stücken.

Ruth Lehnen

Die Autorin ist stellvertretende Redaktionsleiterin der katholischen Kirchenzeitungen für die Bistümer Fulda, Limburg und Mainz.