Haushalten und Mund halten

10. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Gender: Die Reformation wurde wesentlich vom Engagement religiöser Laien getragen. Auch Frauen bekamen am Beginn des 16. Jahrhunderts neue Möglichkeiten. Leider nur für kurze Zeit.

Ein Zeitgenosse urteilte über Elisabeth von Sachsen (1502–1557): »Die hertzogin von Rochlitz treibt viel unnutz gewesch.« Der Satz kann exemplarisch dafür stehen, wie das Handeln der Frauen zu Beginn der Frühen Neuzeit gesehen wurde, die sich über das hinwegsetzten, was die Gesellschaft für sie vorsah: haushalten und Mund halten.

Die verwitwete Elisabeth erlaubte ab 1537 in ihrem Wittum Rochlitz Priesterehe und evangelisches Abendmahl, während im albertinischen Sachsen erst nach dem Tod des altgläubigen Herzogs Georg 1539 die Reformation eingeführt wurde. Lange Zeit sei Elisabeth fast vergessen worden, so der Dresdner Historiker und Theologe Jens Klinger. Zurzeit werde ihre über 2 000 Briefe zählende Korrespondenz ediert und ihr Leben weiter erforscht. In ihrem Wittum habe sie auf reformatorische Bestrebungen aufbauen können, die es dort ab 1523 gab, so Klinger. Zudem sei sie von ihrem Bruder, dem mächtigen Landgrafen Philipp von Hessen, unterstützt worden. Jedoch habe Elisabeth in Konfessionsfragen eine eigene Meinung besessen, die sie auch deutlich vertrat.

Das Frauenmuseum in Bonn widmet sich bis 31. Oktober der weiblichen Seite der Reformation. Die Ausstellung »Katharina von Bora – von der Pfarrfrau zur Bischöfin« zeichnet den Weg zur Gleichberechtigung in der evangelischen Kirche nach. – Foto: epd-bild

Das Frauenmuseum in Bonn widmet sich bis 31. Oktober der weiblichen Seite der Reformation. Die Ausstellung »Katharina von Bora – von der Pfarrfrau zur Bischöfin« zeichnet den Weg zur Gleichberechtigung in der evangelischen Kirche nach. – Foto: epd-bild

So wie Elisabeth ging es vielen Frauen. Sie wurden angefeindet und später vergessen. Trotz der starken gesellschaftlichen Veränderungen in der Frühen Neuzeit blieben die Möglichkeiten von Frauen begrenzt. Erst Jahrhunderte später sollte sich das ändern.

Je mehr aber die Reformation zur Institution wurde, desto mehr wurden Akteurinnen wieder an den Rand gedrängt, so die Historikerin und Geschlechterforscherin Eva Labouvie bei der Eröffnung einer Tagung unter dem Thema »Glaube und Geschlecht – Gender Reformation« an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Zudem sei die Aufwertung der Ehe durch Martin Luther mit der Abwertung anderer Lebensformen einhergegangen und mit einer Verhäuslichung des weiblichen Lebens mit ihren bis heute spürbaren Folgen. Auch die Auflösung der Klöster sei als ambivalent anzusehen.

Maria Jepsen, vor 25 Jahren zur ersten lutherischen Bischöfin der Welt gewählt, erinnerte daran, dass die Kirchenleitung und das Lehren über Jahrhunderte in Männerhand gelegen haben. »Frauen hatten zu schweigen und sich unterzuordnen«, so die Theologin. Nicht nur die Frauen der Reformationszeit, auch die der frühen Kirche seien vergessen worden. Aber man müsse »nur graben und dann wird man Schätze im Acker finden«. Die Reformation sei eben eine Reformation gewesen und keine Revolution. Veränderungen der patriarchalischen Ordnung habe es erst nach der Aufklärung gegeben. Die Frauenbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts habe dann auch die Kirchen verändert. Heute müsse man aufpassen, dass nicht wieder der Pragmatismus siegt, dass offene und versteckte Diskriminierung nicht fortgesetzt würde, so die Theologin Jepsen.

Heide Wunder ist eine der ersten Historikerinnen in Deutschland, die die Geschlechtergeschichte erforschte. »Die Folgen der Reformation für die Geschlechtergeschichte sind gravierend, aber umstritten«, sagte sie, denn die Reformation habe die Rechtsperson des Ehemannes gestärkt. Aus der behaupteten Inferiorität des weiblichen Geschlechts folgte die Unterordnung unter den Mann. Für Luther sei die Ehe zwar nicht mehr heilig, sondern ein »weltlich Ding« gewesen, zugleich habe er aber die Ehe als Lebensform aufgewertet. Zwar hatte die Frau als Hausmutter eines christlichen Haushaltes auch Teil an der Macht, war aber trotzdem dem Mann zum Gehorsam verpflichtet und sollte auch Züchtigungen klaglos hinnehmen. In evangelischen wie katholischen Ehen wollten die Frauen jedoch Bildung und ein »tätiges Leben in der Welt«, so die Hochschullehrerin im Ruhestand.

Dorothee Kommer, Pfarrerin aus Haigerloch in Württemberg, stellte Frauen als Verfasserinnen reformatorischer Flugschriften vor. 19 Schriften sind bekannt. Viele davon schrieb die bayrische adelige Argula von Grumbach (um 1492–1568). Sie und Ursula Weyda (1504–1565) aus Altenburg seien die ersten namentlich bekannten Autorinnen von Flugschriften gewesen. Dafür seien sie Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Dennoch: »Frauen traten in die Öffentlichkeit und durchbrachen damit die Rollenbilder ihrer Zeit«, so Dorothee Kommer.

Lyndal Roper, Historikerin aus Oxford, verwies auf die in den Tischreden Martin Luthers überlieferten Scherze, die oft auf Kosten von Frauen gingen. Diese würden ihren Leistungen nicht gerecht – auch nicht denen seiner Frau Katharina. Es bestehe ein krasser Widerspruch von Luthers Theologie, in der die prinzipielle Gleichheit zwischen Frau und Mann herrsche, sowie schriftlichen Zeugnissen der Reformatoren über Frauen.

Anne Conrad, Historikerin und katholische Theologin aus Saarbrücken, nahm die Folgen der Klosteraustritte von Frauen und Männern in den Blick. »Der Austritt aus dem Kloster war eine existenzielle Gewissensentscheidung«, so Conrad. »Kritik und gesellschaftliche Ausgrenzung waren oft die Folgen.« Ein Gewinn sei der Austritt aus dem Kloster wohl für solche Frauen und Männer gewesen, die dorthin gezwungen worden waren. Die reformierte Theologin Marie Dentière (1495–1561) schrieb, dass sie erst durch den Austritt aus dem Kloster »zum hellen Licht der Wahrheit gelangt« sei. Ob andere ehemalige Nonnen und Mönche das auch so gesehen haben, lässt es zumindest für einige fraglich erscheinen.

Angela Stoye

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