Oase mitten in Lissabon

4. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Auslandsgemeinde: An der vierspurigen Avenida Columbano, auf der die Autos im Sekundentakt vorbeirauschen, alle fünf Minuten übertönt vom Dröhnen eines Flugzeugs im Landeanflug, inmitten von Hochhäusern, soll die deutsche Evangelische Kirchengemeinde zu finden sein?

Das Umfeld der »Oase mitten in Lissabon«, wie es auf einem der Flugblätter der Kirchengemeinde heißt, stellt man sich anders vor. Doch sobald der Besucher das Grundstück der Igreja Evangélica Alemã betreten hat, fühlt er sich wie in einer anderen Welt. Das liegt an der baulichen Gestaltung von Kirche und Pfarrhaus, die hier 1934 – damals noch am Lissabonner Stadtrand – nach Plänen des Architekten Otto Bartning entstanden und die der wuchtigen, lauten Umgebung einen Eindruck von Wärme und Freundlichkeit entgegensetzen. Im lauschigen Garten gedeihen Avocados und Mirabellen, leben Kaninchen und Meerschweinchen, von denen eines auf den Namen Martin Luther hört. Doch vor allem sind es die hier wirkenden Menschen, die aus diesem Ort etwas Besonderes machen.

Pastoren im Doppelpack: Nora Steen und Leif Mennrich teilen sich die Pfarrstelle für die deutsche Evangelische Kirchengemeinde in Portugals Hauptstadt – sie gehört zu den ältesten Auslandsgemeinden der EKD. – Foto: Rainer Breda

Pastoren im Doppelpack: Nora Steen und Leif Mennrich teilen sich die Pfarrstelle für die deutsche Evangelische Kirchengemeinde in Portugals Hauptstadt – sie gehört zu den ältesten Auslandsgemeinden der EKD. – Foto: Rainer Breda

Die Lissabonner Gemeinde gehört zu den ältesten der hundert Auslandsgemeinden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). 2011 feierte sie ihr 250-jähriges Bestehen. Gegründet von norddeutschen Kaufleuten wenige Jahre nach dem Erdbeben 1775, das die portugiesische Hauptstadt in Schutt und Asche legte, versteht sie sich auch heute noch als »geistliche Heimat all jener Deutschen, die auf Zeit oder auf Dauer in Portugal leben« – so formuliert es Hildegard Jusek, frühere Vorsitzende des Kirchengemeinderates und heutige Prädikantin.

Jusek kam vor mehr als 50 Jahren mit ihrem Mann und ihrem drei Monate alten Sohn nach Lissabon, sie gehört zu den langjährigsten der rund 200 Gemeindemitglieder. Nora Steen und Leif Mennrich zählen zwar erst seit 2015 zur Igreja Evangélica Alemã, sind aber in hohem Maße mitverantwortlich für die ganz besondere Atmosphäre in der Gemeinde: Das Ehepaar teilt sich die Pastorenstelle, es lebt mit zwei Töchtern im Pfarrhaus gleich neben der Kirche.

»Wir wollten noch einmal ins Ausland gehen, solange die Kinder klein sind«, erklärt Mennrich ihren Antrieb. Dass beide weder Portugal noch Lissabon kannten, geschweige denn die Sprache beherrschten, hielt sie nicht von ihrer Idee ab.

Steen, in Deutschland als ehemalige »Wort-zum-Sonntag«-Sprecherin in der ARD bekannt, und Mennrich halten die sonntäglichen Gottesdienste an der Avenida Columbano (zu denen die einzigen evangelischen Glocken in ganz Portugal rufen), sie erteilen Konfirmandenunterricht, organisieren mit dem Gemeindekirchenrat Feste und Veranstaltungen, sind Seelsorger – tun eben all jenes, was Geistliche leisten müssen. Dass Mennrich die Anforderungen in Lissabon gleichwohl als »überdurchschnittlich« beschreibt, liegt zum einen an den besonderen Gegebenheiten der Position als Auslandsgeistlicher, zum anderen an den speziellen Strukturen. »Das war ein großer Schritt für uns, das Leben in ein anderes Land zu verlagern, dessen Sprache und Kultur wir nicht kannten«, sagt Steen.

Die Sprache haben sich beide längst angeeignet, auch mit der Kultur haben sie sich schnell vertraut gemacht. »Der 11-Uhr-Gottesdienst fängt an, wenn alle da sind – was auch mal zehn Minuten später sein kann«, erzählt Mennrich mit einem augenzwinkernden Lächeln. Ohnehin hat er in Lissabon eine »angenehme Nachsichtigkeit gegenüber anderen Lebensweisen und Lebensläufen« ausgemacht, was er auf die zum Teil bunten Biografien der Gemeindemitglieder zurückführt. So lebt ein Drittel der 170 Frauen und Männer, die den »harten Kern« der Igreja Evangélica Alemã bilden, seit Jahrzehnten in Portugal, ein weiteres Drittel hat es aus beruflichen Gründen auf Zeit dorthin verschlagen. Entsprechend vielfältig sind die Lebensentwürfe, mischen sich in Familien die Nationalitäten. Erst neulich musste der 44-Jährige eine Beerdigungszeremonie in vier Sprachen abhalten: »Der Verstorbene hatte einen portugiesischen, armenischen, französischen und deutschen Hintergrund.«

Und es sind nicht nur Gemeindemitglieder, die an der Avenida Columbano um Hilfe bitten. »Wir dienen häufig als Anlaufstelle, wenn die Deutsche Botschaft geschlossen hat«, berichtet Steen. Mal braucht jemand Unterstützung, der bestohlen worden ist, mal fragen Lissabon-Gestrandete nach einem Schlafsack. Dazu kommen Ereignisse wie jener Anruf einer verzweifelten Frau aus Dresden, deren Mann an einem Freitagabend beim Besteigen des berühmten Torre de Belém einem Herzinfarkt erlegen war. Steen räumte mit ihr gemeinsam das Hotelzimmer aus, unterstützte sie bei den Formalitäten. Einige Wochen später erreichte ein großer Blumenstrauß als Dankeschön das Pfarrhaus. Hinzu kommt der Küsterdienst, denn den kann sich die Gemeinde nicht leisten: Der Kirchenrat muss das Geld gut zusammenhalten. Der 150 000-Euro-Haushalt, von dem auch noch ein Friedhof unterhalten werden muss, speist sich ganz anders als in Deutschland.

Die Kirchengemeinde lebt ausschließlich von Spenden und den Beiträgen ihrer Mitglieder. Für die Pastoren hat die finanzielle Ausstattung auch eine existenzielle Bedeutung: Sie bekommen ihr Gehalt – anders als in Deutschland, wo die jeweilige Landeskirche zahlt – von ihrer Gemeinde in Lissabon. Diese will nun, durchaus verbunden mit der Hoffnung auf Spenden, verstärkt Touristen auf sich aufmerksam machen. Der Vertrag von Steen und Mennrich läuft noch vier Jahre. Was dann kommt, wissen sie noch nicht. Klar ist: Mit der Igreja Evangélica Alemã wird es weitergehen.

Rainer Breda

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