Der kurze Moment vorher

Ritual: Was geschieht, wenn wir in die Kirche zum Gottesdienst gehen, bevor wir uns hinsetzen

Da ist dieser Moment, wenn man zum Gottesdienst kommt und die Kirchenbank betritt: kurz stehen bleiben, innehalten. Dann setzen. Was passiert da eigentlich?

Es ist Sonntagmorgen. Die Glocken läuten. Menschen kommen in die Kirche. Sie nehmen sich ein Gesangbuch, begrüßen Bekannte und suchen sich einen Platz aus. Bevor sie sich setzen, bleiben viele noch einen Moment ruhig stehen. Warum tun sie das?

Eine spontane Umfrage im Bekanntenkreis ergab: Es gibt da offensichtlich keine festen Regeln. Viele danken Gott. Andere bitten ihn um Besinnung, einen guten Gottesdienst, dass Gott zu ihnen spricht.

Innehalten, ein kurzes Gebet sprechen – Foto: Lolo Stock – fotolia.com

Innehalten, ein kurzes Gebet sprechen – Foto: Lolo Stock – fotolia.com

Nur wenige können sagen, wer ihnen dieses Ritual erklärt hat. Sie haben es sich abgeguckt oder tun es, weil es andere auch tun. Manche haben es von ihrer Pfarrerin oder dem Großvater gelernt.

Es gab auch ganz weltliche Antworten, wie »ich zähle bis fünf, bevor ich mich setze« oder »weil man das halt so macht«. Andere versuchen, sich zu konzentrieren und sich innerlich auf den Gottesdienst einzustellen.

Fast alle aber waren der Meinung, dass es doch ein sinnvoller Moment sei, um kurz innezuhalten. Menschen spüren wohl, dass der Kirchgang etwas anderes ist als ein Kinobesuch.

Da ist der Raum. Schön hergerichtet, oft alt und ehrwürdig. Kirchenfenster, Kanzel, Altar oder Abendmahlstisch verweisen auf biblische Geschichten und die Gegenwart Gottes. Viele Generationen von Menschen haben hier schon gebetet, gesungen, gelacht und geweint, geglaubt und gezweifelt. Kirchen sind besondere Orte. Zur römisch-katholischen Tradition gehörten das Hinknien und das Bekreuzigen. Vielleicht ist daraus im Protestantismus der Moment des Innehaltens geworden. Evangelische Christen wissen, dass nicht die Gebäude oder die Abendmahlselemente heilig sind. Dennoch spüren sie die Würde des Ortes und der Feier und dass es jetzt nicht alltäglich zugeht.

Vielleicht gut, dass es für dieses Ritual keine festen Regeln gibt. So kann es jeder für sich füllen. Oder sich einfach so hinsetzen. Ein Tabu ist das sicher auch nicht. Dieser kurze Moment vor dem Hinsetzen ist ein guter Anlass, um zu beten – egal, was die anderen tun. Ob schweigend oder mit konkreten Bitten oder konkretem Dank. Anlässe, mit Gott ins Gespräch zu kommen, gibt es sicher genug.

»Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft« (Psalm 66, 20). Das Psalmwort bringt die Gewissheit zum Ausdruck, was Gott gesagt wird, geht nicht ins Leere.

Und zum Glück gibt es auch für das Beten keine Regeln. Da darf alles vorkommen. Freude und Fragen genauso wie Wut und Trauer. Der Theologe Karl Rahner hat einmal gesagt: »Ich glaube, weil ich bete.« So eine große Bedeutung hat er dem Gespräch mit Gott zugemessen.

Deshalb kann es nicht falsch sein, diesen Moment vor dem Hinsetzen dafür zu nutzen. Es besteht keine Verpflichtung dazu. Aber wenn man sich unsicher ist: Beten geht immer.

Bernd Becker

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