Wir sind »intensiv evangelisch«

31. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Die 122. Allianzkonferenz in Bad Blankenburg ist die erste für Ekkehart Vetter als Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA). Willi Wild sprach mit ihm über Einheit, Konflikte, Reformation und Thüringer Bratwurst.

Herr Vetter, Sie stehen einem Verband vor, der als Mitbegründer der Pfingstbewegung in Deutschland gilt, und man bezeichnet den Mülheimer Verband auch als einen Zusammenschluss evangelikal-charismatischer Gemeinden, was bedeutet das?
Vetter:
Der Begriff »evangelikal« ist umstritten, je nachdem, was man damit verbindet. »Evangelikal« kommt von Evangelium. Die Bundeskanzlerin hat einmal gesagt, das seien Menschen, die intensiv evangelisch sind. Das ist zwar keine theologische Definition, aber durchaus zutreffend. Also Menschen, denen es um das Evangelium geht, um das Wort Gottes.

Charismatisch kommt vom griechischen Charisma und meint Gnadengabe. Da geht es um Menschen, die besonders nach dem Heiligen Geist fragen und um geistliche Erlebnisse mit dem Heiligen Geist bitten. Beides zusammen ergibt dann diese evangelikal-charismatische Mischung. Der Mülheimer Verband ist übrigens eine Freikirche, die anderen Freikirchen evangelischen Bekenntnisses sehr ähnlich ist.

Bislang war die Allianzkonferenz in Bad Blankenburg keine charismatisch geprägte Veranstaltung, sondern ein klassisches Glaubensfest. Wollen Sie das ändern?
Vetter:
Wir sind als Evangelische Allianz zusammen unterwegs und haben gemeinsame geistliche Ziele. Die unterschiedliche Prägung und Glaubensstile stehen nicht im Vordergrund. Als Konferenzgemeinde sollten wir nicht auf vielleicht unterschiedliche Prägungen schauen, sondern wo wir gemeinsam hinwollen.

Wer oder was ist die Evangelische Allianz überhaupt?
Vetter:
Sie ist 1846 in England gegründet worden, und die deutschen Teilnehmer an dieser Gründungskonferenz haben sich darauf verständigt, diese Bewegung auch nach Deutschland zu bringen. Heute handelt es sich um eine globale Bewegung. Früher nannte man das einen Bruder- oder Geschwisterbund von evangelischen Christen. Heute sprechen wir von einem Netzwerk evangelisch gesinnter, dem Evangelium verpflichteter Christen.

»Evangelisch« in unserem Namen ist eben keine konfessionelle, sondern eine inhaltliche Aussage. Darum sind wir natürlich auch ökumenisch. Auch katholische Christen fühlen sich hier und da der Allianz zugehörig. Wir haben eine gemeinsame Glaubensbasis.

Wozu braucht es diese Allianz, wenn im Prinzip unter Christen Glaubenskonsens herrscht?
Vetter:
Die Evangelische Allianz hat fünf Ziele: Wir wollen die Einheit unter Christen fördern. Wir wollen Bibelbewegung und Gebetsbewegung sein. Wir wollen Mission und Evangelisation in unserem Land fördern. Und wir wollen gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen und öffentlich für die biblische Ethik einstehen, von der wir überzeugt sind, dass sie nicht nur für Christen verbindlich ist, sondern auch für das Miteinander in einer Gesellschaft hervorragende Grundsätze liefert.

Um die Einheit innerhalb der Leitung der Evangelischen Allianz stand es in der jüngeren Vergangenheit nicht zum Besten. Bei den Themen Umgang mit Homosexualität oder Bibeltreue gab es deutlich Dissens und sogar eine Abspaltung. Wie wollen Sie hier wieder die Einheit herstellen?
Vetter:
Sie haben noch ein paar andere kontroverse Themen vergessen: Der Klassiker ist das Thema Taufe, überhaupt das Sakramentsverständnis, das Gemeindeverständnis.

Wir sind uns in der Allianz längst nicht in allen Fragen einig. Darum geht es aber auch gar nicht. Wir wollen gemeinsame Ziele fördern. Über strittige Fragen diskutieren wir miteinander und suchen nach gemeinsamen Positionen.

Die Evangelische Allianz ist keine Kirche. Wir wollen Gemeinsamkeiten betonen, ohne die unterschiedlichen Prägungen zu verleugnen. Abspaltungen von der Allianz gab es übrigens keine.

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Die Allianz-Gebetswoche ist die zentrale Veranstaltung, zu der unterschiedliche Gruppen, Gemeinden und Kirchen zusammenkommen. Welche Bedeutung hat das Gebet in unserer aufgeklärten Welt?
Vetter:
Ich weiß, dass ganz viele Menschen beten. Oft fehlt der Zugang zu den kirchlichen Formen. Hier brauchen wir größere Flexibilität. Es gibt in der Bevölkerung eine Sehnsucht nach Kontakt mit Gott. Ich habe mal eine Anhalterin mitgenommen. Als ich sie fragte, ob sie bete, sagte sie: Na klar, jeden Morgen und jeden Abend. Zu Kirche hatte sie praktisch keinen Bezug.

Wir sollten uns um Formen bemühen, die für Menschen zugänglich sind. Das Gebet ist eine Lebensäußerung von uns Christen. Auch Skeptiker und Zweifler wenden sich an Gott mit ihren Fragen.

Ist Meditation die attraktivere Alternative zum Gebet?
Vetter:
Es gibt sicher Schnittmengen. Man kann gut biblische Texte, Psalmen meditieren. Psalmen sind uralte Gebete. Gebete können auch gesungen werden. Ich denke an Taizé-Gesänge oder die Lieder der charismatischen Bewegung.

Gebete in den unterschiedlichen Formen sind eine Herzensangelegenheit. Nehmen Sie die Gospelmusik. Da wird zigmal die gleiche Liedzeile wiederholt. Aber viele freuen sich, wenn der Chor vorne steht. Wir brauchen mehr Emotionen im Glauben. In anderen Ländern scheint das den Menschen schon in die Wiege gelegt.

In Kirche und Medien werden die Evangelikalen oft in eine politisch rechte Ecke gesteckt. Wie gehen Sie damit um?
Vetter:
Ich denke, da muss man differenzieren. Rechtspopulistische oder gar rechtsradikale, fremdenfeindliche Äußerung passen nicht zu einer wertkonservativen, evangelikalen Lebenshaltung. Beispielsweise haben wir bereits vor der großen Flüchtlingswelle die Schrift »Fremde willkommen« verabschiedet. Wir orientieren uns an der Bibel und dort ist eindeutig die Rede von Fremdenliebe und nicht Fremdenhass. Das ist unser Maßstab.

Wie stehen Sie zur AfD?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist ein Netzwerk. Wir fragen keine politische Gesinnung ab und sind nicht dazu da, politische Parteien als Ganzes zu werten. Wer sich auf der Basis des Evangeliums bewegt, ist herzlich willkommen. Wer Werte außerhalb biblischer Normen vertritt, wird von uns Widerspruch, aber gern auch Dialog angeboten bekommen, unabhängig von Parteienzugehörigkeit.

Meine Stimme bekommt die AfD nicht. Es gibt aus dem AfD-Kontext viel zu viele hochproblematische Äußerungen zu unterschiedlichen Themen.

Welches Verhältnis haben Sie als Vertreter einer Freikirche zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist seit jeher eine Gemeinschaft von Christen, die verschiedenen Kirchen und Werken angehören. Aber das ist für uns nicht entscheidend. Maßgeblich ist die Bereitschaft, gemeinsam geistliche Anliegen zu bewegen.

Ihr Vorgänger Michael Diener hatte es als Mitglied des Rates der EKD sicher leichter.
Vetter:
Er gehört ja nach wie vor zum Hauptvorstand der Evangelischen Allianz und hat nach wie vor viele Möglichkeiten, unsere Themen und Inhalte an verschiedenen Stellen einzubringen. Er war ja nicht Mitglied des Rates der EKD und hat dann die ehrenamtliche Leitungsaufgabe bei uns angenommen, sondern es war umgekehrt. Und wegen der damit verbundenen Fülle von Aufgaben hat er dann bei uns sein Leitungsamt niedergelegt.

Ich glaube, dass das Miteinander der Christen unabhängig von den Funktionen klappen muss.

Das Thema der Allianzkonferenz ist »reform.aktion«, in Anlehnung an 500 Jahre Reformation. Was haben Sie als Freikirchler mit Luther am Hut?
Vetter:
Na, wir sind auf dem Boden der Reformation. Wir sind Kinder und Enkelkinder der Reformation. Dabei bitte ich auch zu bedenken: Bei aller Wertschätzung von Martin Luther – er war ja nicht der einzige Reformator. Reformatorisch ist nicht einfach gleich lutherisch. Da gab es und gibt es eine viel größere konfessionelle reformatorische Breite.

Freikirchler gestalten ihre Theologie und Praxis oft eher in einer reformierten Tradition. Aber die vier Soli der Reformation – solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – sind in den Freikirchen ebenso bestimmend und prägend. Es geht uns an der Stelle weniger um Reformation, sondern um die geistlichen Inhalte.

Bei der Allianzkonferenz geht es inhaltlich um Texte aus dem Römerbrief. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Vetter:
Das Motto »reform.aktion« klingt vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber es umschreibt den Schwerpunkt: Was wird denn konkret aus den in Römer 1–8 aufgezeigten theologischen Grundlagen in unserem persönlichen Leben, aber auch in der Haltung zu Israel, in der Einstellung zu unserem Staat oder im Blick auf das Miteinander der Christen?

Ist die Evangelische Allianz reformbedürftig?
Vetter:
Sicher. Wir sind alle immer reformationsbedürftig. Wir müssen uns mehr um junge Leute bemühen. Das gilt sicher für die Konferenz, aber auch weit darüber hinaus, nämlich für die circa 1000 Orte in Deutschland, wo sich Christen unter der Überschrift »Evangelische Allianz« treffen. Wir müssen uns auch über die Zukunft der Allianzkonferenz und ihre Ausrichtung Gedanken machen. Geistliches Leben lässt sich nicht einfach vererben.

Hundert Jahre lang ist das Konzept aufgegangen. Ist die Allianzkonferenz ein Auslaufmodell?
Vetter:
Das intensive Arbeiten an und mit der Bibel ist und bleibt ein wesentliches Markenzeichen der Allianz. Es kann nicht zur Debatte stehen. Aber das befreit uns natürlich nicht davon, immer wieder neu zu überlegen, wie und in welcher Form wir das in Zukunft tun wollen und können und Menschen damit angesteckt werden.

Inwieweit kennen Sie sich als gebürtiger Norddeutscher mit den Gepflogenheiten im Thüringer Wald in Bad Blankenburg aus?
Vetter:
Thüringer Bratwurst ist ein Muss. Ich habe familiäre Bindungen in den Osten, allerdings eher nach Sachsen. Bereits zu DDR-Zeiten war ich regelmäßig im Großraum Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt. Durch meine häufigen Aufenthalte im Evangelischen Allianzhaus bin ich mit den regionalen Besonderheiten im Thüringer Wald vertraut.

Gehört im Reformationsjahr dazu: Ihr Lieblings-Luther-Zitat?
Vetter:
»Das Wort Gottes ist wie ein Kräutlein, je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.«

Was haben Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen?
Vetter:
Ich will meinen Beitrag leisten, die Einheit der Christen voranzutreiben, aus mindestens zwei Gründen: Erstens hat Jesus dafür gebetet! Wenn es ihm ein so starkes Anliegen war, dann muss es für mich auch ein sehr wichtiges sein. Und zum Zweiten können wir Christen die Herausforderungen in unserer Zeit nur gemeinsam schultern.

Ekkehart Vetter studierte Evangelische Theologie in Hamburg und war ab 1983 zunächst Vikar und dann Pfarrer in Stade. 1993 wurde er Hauptpfarrer der Christus-Gemeinde in Mülheim an der Ruhr, die zum Mülheimer Verband Freichristlich-Evangelischer Gemeinden gehört, dessen Präses er seit 2003 ist. Zwischen 2011 und 2014 war Vetter im Vorstand der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Vetter gehört seit 2004 dem Vorstand der DEA an, seit 2012 war er deren 2. Vorsitzender. 2017 trat er die Nachfolge von Michael Diener im Amt des Vorsitzenden an. Vetter ist der erste Allianzvorsitzende aus der pfingstkirchlich-charismatischen Bewegung. Er ist seit 1978 mit seiner Frau Sabine verheiratet. Das Paar hat sechs Kinder und elf Enkel. (G+H)

Herzenssache »Kinderhilfe«

31. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Spannung auf das, was sie erwartet, ist allen ins Gesicht geschrieben: Eva, Dietrich, Karin und Tabea sind vier von 27 Freiwilligen, die der Ostthüringer Verein Kinderhilfe Westafrika ab September nach Benin und Ghana entsendet.

Im letzten Vorbereitungsseminar vor ihrem Einsatz wird noch einmal alles besprochen, es wird aufgeklärt, diskutiert und gezeigt, was die jungen Leute in der Ferne erwartet. Der Ort des Seminars, das Gemeindezentrum der Evangelischen Christengemeinde in Gera-Ernsee gleicht in diesen Tagen einer internationalen Konferenz. Ein Sprachengewirr aus Deutsch, Englisch und Französisch umgibt die Freiwilligen, Verantwortlichen und die Gäste aus Westafrika, die zu einer Partnerkonferenz nach Deutschland gekommen sind. Vertreter von insgesamt zehn afrikanischen Partnerorganisationen aus vier Ländern pflegen auf Seminaren den Dialog auf Augenhöhe und lernen Land und Kultur der Freiwilligen aus Deutschland kennen. Richtig passend erweist sich, dass parallel zu den Seminaren in Gera-Ernsee der 10. Jahrestag der Kinderhilfe Westafrika begangen werden kann.

Vorfreude: Eva Stübiger, Dietrich Neubert, Karin Gräßer und Tabea Heck (v. li.) beim letzten Vorbereitungsseminar Mitte Juli in Gera-Ernsee. Alle vier kommen aus den neuen Bundesländern, sind in Plauen, Bad Brambach und Jena zu Hause. Ihre Einsatzländer werden Ghana und Benin sein. Foto: Wolfgang Hesse

Vorfreude: Eva Stübiger, Dietrich Neubert, Karin Gräßer und Tabea Heck (v. li.) beim letzten Vorbereitungsseminar Mitte Juli in Gera-Ernsee. Alle vier kommen aus den neuen Bundesländern, sind in Plauen, Bad Brambach und Jena zu Hause. Ihre Einsatzländer werden Ghana und Benin sein. Foto: Wolfgang Hesse

Doch wie hat das alles angefangen? Die Wurzeln der Arbeit in Afrika liegen in Burkina Faso und fast 20 Jahre zurück. Rein zufällig lernte Torsten Krauße aus Kahmer, einem Ortsteil von Mohlsdorf-Teichwolframsdorf im Thüringer Landkreis Greiz, Pastor Moise Oubda und seine Frau Elisabeth kennen. Dieses Zusammentreffen bildete die Basis einer wunderbaren Freundschaft, die bis heute anhält.

Von Elisabeth Oubda erfuhr Torsten Krauße von einem Projekt, das sie im Jahre 2001 in Bobo Dioulasso (Burkina Faso) aufgebaut hat. Es ist das Dorcas Center, ein christliches Hilfszentrum für Frauen und Kinder. Hier werden Mädchen und junge Frauen zu Schneiderinnen ausgebildet, Waisenkinder und Straßenjungs betreut und ein Kindergarten betrieben. Torsten Krauße war von diesem Programm fasziniert und wollte seinen Freunden in Burkina Faso helfen. »Wir mussten einfach etwas machen«, erinnert er sich.

Heute, zehn Jahre nach der Gründung des Vereins Kinderhilfe Westafrika, ist diese Vision Wirklichkeit geworden. Die intensive Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen vor Ort erstreckt sich inzwischen neben Burkina Faso auch auf Benin, Ghana und Nigeria. Seit acht Jahren entsendet der Verein Freiwillige zu den Organisationen in Westafrika.

Möglich wird das durch die Zusammenarbeit mit der Entsendeorganisation »weltwärts« und Engagement Global, einem Ansprechpartner im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Eva Stübiger, Tabea Heck, Karin Gräßer und Dietrich Neubert gehören zu den Freiwilligen, die 2017 die Arbeit in Westafrika fortsetzen. Alle vier kommen aus den neuen Bundesländern, sind in Plauen, Bad Brambach und Jena zu Hause.

Für Tabea (18), Eva (18) und Karin (19) beginnt mit diesem Einsatz nach der Schule ein neuer Lebensabschnitt. Gerade noch in den Abiturprüfungen, stehen sie vor einer neuen Herausforderung. »Auf diesen Freiwilligendienst von Kinderhilfe Westafrika sind Karin und ich im christlichen Jugendmagazin Teensmag aufmerksam geworden«, erinnert sich Tabea. Eva aus Bad Brambach erfuhr davon von ihrem Pfarrer, der die Organisation bereits kannte. Für Dietrich Neubert ist der Freiwilligendienst in Westafrika eine konsequente Fortsetzung seiner Arbeit in sozialen Einrichtungen. Dieser Herausforderung möchte sich der 26-Jährige jetzt gern stellen.

Eva hat sich für Benin entschieden. Sie liebt Französisch und weiß, dass es in Benin die Amtssprache ist. Die anderen drei werden nach Ghana gehen, wo vorwiegend Englisch gesprochen wird. Anfänglich, so schätzen alle, sind sie mit den schulischen Sprachkenntnissen gut vorbereitet. Das haben die Gespräche mit den Partnerorganisationen bestätigt. Dennoch gilt für jeden Einzelnen, der in diese neue Umgebung kommt: »Learning by Doing«. Während des Vorbereitungsseminars haben sich die Freiwilligen ausführlich mit den Projekten beschäftigt, in denen sie arbeiten werden.

Es ist eine gute Vorbereitung, die die Freiwilligen von der Entsendeorganisation bekommen. Keiner wird auf sich allein gestellt sein. Sie sind immer zu zweit im Land, wohnen mitunter bei den leitenden Pfarrern und bekommen Betreuer zur Seite gestellt, die sie stets erreichen können. Eigentlich ist alles rund, könnte man denken – doch die vier jungen Menschen haben Respekt vor dem, was sie erwartet. Für Tabea, Eva und Karin ist es das erste Mal, dass sie so lange Zeit auf sich gestellt sind und ihre gewohnte Umgebung verlassen. »Mittlerweile überwiegt die Vorfreude gegenüber der anfänglichen Angst. Das Vorbereitungsseminar hat mich motiviert«, sagt Eva.

Für Torsten Krauße und die anderen haupt- und ehrenamtlichen Helfer der Kinderhilfe Westafrika gehört der christliche Glaube zu ihrem Leben und bildet das Fundament ihrer Arbeit. Es sind vor allem christliche Partnerorganisationen in Afrika, die der Verein unterstützt. Gerade die Pfarrer in den Dörfern und Städten sind diejenigen, die etwas für die Menschen vor Ort tun. Anders als bei uns stehen die christlichen Zentren und die Gemeinden im Mittelpunkt des Zusammenlebens.

Dies wird ganz besonders beim Entsendegottesdienst in Gera-Ernsee sichtbar. Die tiefe Verbundenheit zu Gott schwingt bei allem mit, was in diesen zwei Stunden passiert. Mit großer Begeisterung berichten die afrikanischen Gäste von ihrer Arbeit. Immer wieder kommt ein Halleluja über ihre Lippen. Dankbar schauen sie auf das zurück, was der Herr durch ihr Werk getan hat und dass man ohne die Unterstützung der Kinderhilfe Westafrika nicht so weit wäre.

In den Ausbildungsprojekten in Ghana werden Tabea, Karin und Dietrich arbeiten. Sie werden in sogenannten Extra Classes beim Unterricht helfen und Fächer wie Englisch, Mathematik und Informatik unterrichten. Eva wird im College Sion, einem Gymnasium in Benin, beim Deutsch- und Informatikunterricht helfen. Direktor Rene Sobabé ist von dort gekommen und berichtet, dass im vorrangig muslimischen Norden Benins durch Bildung den Kindern und Jugendlichen geholfen werde, sich aus traditionellen familiären Strukturen zu lösen.

Für die jungen Frauen aus Mitteldeutschland gehört Gott ganz selbstverständlich zu ihrem Leben. Eva nimmt ihren Glauben als ein Stück Heimat mit nach Benin. Sie ist gespannt, wie dort die Religion gelebt wird. Als Christen möchten Tabea und Karin in Afrika gemeinsam im Glauben wachsen. Dietrich hingegen sieht sich nicht als frommen oder gläubigen Menschen. Dennoch möchte er das Leben im Glauben vor Ort respektieren, offen und in Demut den Menschen begegnen.

Für Tabea ist es wichtig, dass die Kinderhilfe Westafrika eine christliche Organisation ist, »das macht schon einen großen Unterschied zu anderen Hilfsorganisationen weltweit und hilft mir, mit dem Herzen dabei zu sein«.

Wolfgang Hesse

www.kinderhilfe-westafrika.de

»Gott sei mit euch auf dem Wege«

30. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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117. Deutscher Wandertag: Interview mit der Präsidentin des Thüringer Wanderverbandes Christine Lieberknecht

Die Wartburgregion erwartet mehr als 30 000 Wanderer aus ganz Deutschland. Der 117. Deutsche Wandertag steht unter dem Motto: Wandern auf Luthers Spuren. Schirmherrin ist die ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht. Mirjam Petermann schilderte sie ihre Sicht auf das Großereignis.

Schirmherrin, ohne Schirm: Die Theologin und einstige Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht, beim Wandern auf der Saalfelder Höhe. Foto: privat

Schirmherrin, ohne Schirm: Die Theologin und einstige Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht, beim Wandern auf der Saalfelder Höhe. Foto: privat

Frau Lieberknecht, worauf freuen Sie sich beim 117. Deutschen Wandertag persönlich am meisten?
Lieberknecht:
Eisenach ist deutsche Wanderhauptstadt. Besonders freue ich mich auf die 12 000 aktiven Teilnehmer am großen Festumzug, die alle Wanderregionen von Nordelbien bis zum Schwäbischen Albverein in ihrer ganzen Vielfalt vertreten.

Wie kam es dazu, dass Eisenach und die Wartburgregion vom Deutschen Wanderverband in diesem Jahr als Gastgeber des Wandertages ausgewählt wurden?
Lieberknecht:
Der Deutsche Wanderverband möchte in wichtigen Fragen unserer Zeit Zeichen setzen; auch in diesem Reformationsjahr 2017. Wo könnte das für Wanderer unmittelbarer werden als am Fuße der Wartburg, da, wo Natur- und Kulturgeschichte eine wunderbare Einheit bilden? Dort, wo die UNESCO der Wartburg die weltweite Anerkennung als Weltkulturerbe verliehen und die umgebende Landschaft des Hainichs als Weltnaturerbe ausgezeichnet hat. Damit waren Eisenach und der ausrichtende Rennsteigverein für 2017 durch keine andere Wanderregion zu toppen.

Über 30 000 Wanderer werden in Eisenach erwartet, um auf Luthers Spuren zu wandern. Welche Spuren werden sie dort finden?
Lieberknecht:
Zunächst einmal: historische Spuren allenthalben. 95 verschiedene Wanderrouten wurden ins Programm aufgenommen: mit dem Lutherstammort Möhra, der Reformationsstadt Schmalkalden, dem Entführungsweg Luthers von 1521, dem Erlebnisweg Wartburg usw. Über 270 Wanderführer wurden durch die Thüringer Wanderakademie dafür ausgebildet, den Geschichten der landschaftlichen Besonderheiten, von Gedenk- oder Grenzsteinen am Wegesrand oder historischen Bauten nachzugehen und ihre Kenntnisse den Wanderern zu vermitteln.

Wie wir wissen, hatte der Reformator nicht nur löbliche Seiten. Der »alte« Luther wünschte so ziemlich alle in die Hölle, die nicht seiner Meinung waren. Auch das wird den Wanderern zum Beispiel anhand des großen Gemäldes von 1617 in der Eisenacher Georgenkirche erzählt werden. Und es gibt die großen Ausstellungen auf der Wartburg, der Brandenburg und der Wilhelmsburg.

Wo werden die Wanderer Spuren des Reformators hinsichtlich seines Glaubens und seiner Theologie finden?
Lieberknecht:
Die Botschaft vom Wort Gottes braucht es, dass man davon »singet und saget, klinget und prediget, schreibet und lieset, malet und zeichnet«, hat Martin Luther einmal gesagt. Ein hochmoderner multimedialer Ansatz! Und genau so wird es sein: musikalisch mit dem Bekenntnis von Bachs »Soli Deo Gloria«, die Bildpredigten in den offenen Kirchen, die ökumenischen Gottesdienste in Eisenach und Bad Liebenstein. Auch wird es darauf ankommen, was die Eisenacher und Thüringer für sich selbst mit der Reformation verbinden. Ich bin gespannt.

Obwohl Sie auch Pfarrerin sind, fehlen beispielsweise in Ihrem Grußwort im Programmheft christliche Bezüge. Warum?
Lieberknecht:
Für mich ist mein Glauben existenziell. Der Wanderverband allerdings ist religiös unabhängig. Viele Mitglieder haben keine kirchliche Bindung, außerdem gibt es auch jüdische, muslimische oder buddhistische Mitglieder. Unsere zentrale Resolution vom letzten Wandertag 2016 heißt »Flüchtlinge willkommen«. Dass wir Wanderer bei der großen Integrationsaufgabe unseren Beitrag leisten, ist für mich gelebter christlicher Glaube.

Sie grüßen mit »Frisch auf« im Programmheft. Gottes Segen wäre doch auch nicht schlecht gewesen?
Lieberknecht:
Als Wanderer sagen wir »Frisch auf!«. Das ist Tradition. Ganz sicher wird für den Wandertag auch gebetet. Mein Lieblingssegen für die Wanderer aus Tobit 5, Vers 23 hat es leider nicht in die aktuelle Lutherbibel geschafft: »Gott sei mit euch auf dem Wege, und sein Engel geleite euch!« Diesen Segen wünsche ich ausdrücklich allen Wanderern.

In einer Reaktion auf meinen Kommentar (Nr. 29, S. 1) schreiben Sie, dass man von Ihnen als weltlicher Schirmherrin eines weltlichen Ereignisses kein frömmeres Grußwort erwarten könne als von der geistlichen Landesbischöfin in den Programmen zum Kirchentag. Wie meinen Sie das?
Lieberknecht:
Landesbischöfin Junkermann schrieb zum Kirchentag: »Seien Sie uns herzlich willkommen!« Bei mir heißt es, ich »grüße Sie mit einem herzlichen ›Frisch auf!‹«. Und den Lesern von »Glaube + Heimat« rufe ich zu: Seien auch Sie in Eisenach dabei!

www.wandertag-2017.de

Angebote der Kirchen zum 117. Wandertag – 27. bis 30. Juli
•    Do. bis Sa., 11 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Eisenacher Marktkonzerte
•    Do. und Fr., 12 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Mittagsgebet
•    Do. und Fr., 19 Uhr, Annenkirche Eisenach: Abendandacht
•    Do., 19.30 Uhr, Nikolaikirche Eisenach: »Allein auf Gottes Wort« – Kurrende der Kirchlichen Hochschule Naumburg, Leitung: Michael Greßler
•    Fr., 18 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Sonderkonzert zum 267. Todestag von Johann Sebastian Bach
•    Sa., 10 bis 18 Uhr, Lutherhaus Eisenach: Werbestand von »Glaube + Heimat« mit Sonderpostkartenaktion
•    So., 9 Uhr, Elisabethplan unterhalb der Wartburg Eisenach: Ökumenischer Gottesdienst (regulärer Busverkehr ab Eisenach bis zum Elisabethplan; ab 10 Uhr Busshuttle zurück zur Werner-Assmann-Halle Eisenach)
•    So., 10 Uhr, Kurpark an der Wandelhalle Bad Liebenstein: Ökumenischer Open-Air-Gottesdienst
•    So., 10 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Kantaten-Gottesdienst »Kyrie« aus der Messe in h-Moll von J. S. Bach und »Da pacem, Domine« von Arvo Pärt; Ensemble Consart, Leitung: Andreas Reuter
•    So., 16 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Kammermusik an Bachs Taufstein – Mitteldeutsche Barock-Compagney


Iran: Haft und Peitschenhiebe für christliche Konvertiten

25. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Im Jahr 2012 entging Pfarrer Youcef Nadarkhani im Iran nur knapp der Todesstrafe, die ein Gericht 2010 wegen Apostasie (»Abfall vom Islam«) gegen ihn verhängt hatte. Jetzt ist Nadarkhani wieder ins Visier der iranischen Justiz geraten und am 24. Juni zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) erklärte, ist der Hintergrund der Verurteilung die erfolgreiche Mitarbeit des ehemaligen Muslims an der Gründung inoffizieller Hausgemeinden. Außerdem werde er beschuldigt, »Zionist« zu sein. Wie es im Urteil heißt, das seinem Anwalt am 6. Juli zugestellt wurde, muss Pfarrer Nadarkhani nach Verbüßung seiner Haft weitere zwei Jahre zur Verbannung in Nikshahr im äußersten Süden der Islamischen Republik – rund 2 000 Straßenkilometer entfernt von seiner Familie und seiner Gemeinde.

»Sein Anwalt hat zumindest auf dem Papier noch die Möglichkeit, innerhalb von 20 Tagen gegen das Urteil vom 6. Juli Berufung einzulegen«, erklärte IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin. Die Justiz der Islamischen Republik sei jedoch dafür bekannt, dass sie nicht nur internationales Recht missachte, sondern sogar das eigene, iranische Recht.

Zusammen mit Youcef Nadarkhani wurden laut IGFM weitere christliche Konvertiten zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. In drei Fällen beinhaltete das Strafmaß zudem jeweils 80 Peitschenhiebe wegen des Trinkens von Wein beim Abendmahl.

Der 40-jährige Youcef Nadarkhani lebt wie die anderen Verurteilten in Rasht, der Hauptstadt der Provinz Gilan im Norden des Irans am Kaspischen Meer. Er ist verheiratet und Vater zweier Söhne. Im Alter von 19 Jahren konvertierte er vom Islam zum Christentum. Seit 2001 ist er Pfarrer in einem Netzwerk von Hauskirchen, zu der auch die Freikirche »Church of Iran« gehört, eine der größten Hauskirchen im Iran. Zudem war er bis zu seiner Verhaftung Gemeindeleiter einer 400 Mitglieder großen Gemeinde.

Das erste Mal wurde Nadarkhani 2006 verhaftet. Die Vorwürfe schon damals: Apostasie (Abfall vom Islam – ein Straftatbestand, der nach dem islamischen Recht im Iran mit dem Tode bestraft werden kann) und Evangelisierung. Seinerzeit kam er ohne Verurteilung frei. Doch in den nächsten Jahren folgten weitere Verhaftungen, auch seine Frau Fatemeh Pasandideh wurde inhaftiert. Die Behörden drohten, den Eltern das Erziehungsrecht zu entziehen und ihre Kinder einer muslimischen Familie zuzuführen.

Weltweite Bekanntheit erlangte Nadarkhani 2010, als ihn ein islamisches Revolutionsgericht wegen Apos­tasie und Evangelisierung zum Tod durch den Strang verurteilte. »Der einzige Weg, dieses Urteil außer Kraft zu setzen, wäre die Lossagung von seinem Glauben gewesen«, heißt es dazu beim IGFM. Wäre die Todesstrafe vollstreckt worden, wäre Nadarkhani seit Jahren der erste Konvertit gewesen, der offiziell aufgrund seines christlichen Glaubens hingerichtet worden wäre.

Die Verurteilung löste internationale Proteste aus. Im September 2012 wurde der Pfarrer freigelassen, aber laut IGFM seither weiter drangsaliert, weil er seine Gemeindearbeit nicht aufgab. Nun also die Verurteilung zu zehn Jahren Haft und zwei Jahren Verbannung.

Adrienne Uebbing

www.igfm.de/iran/aktuelle-appelle/

Kriegsdienst, um das Böse einzudämmen

25. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können«

Die Frage danach, ob Christen mit gutem Gewissen Wehrdienst leisten und in der Folge auch an einem Krieg aktiv teilnehmen können, hat schon die frühe Christenheit umgetrieben. Das beweist die Tatsache, dass in Lukas 3,14 die Frage der Soldaten an Johannes den Täufer überliefert wird: »Was sollen denn wir tun?« Seine Antwort lautet: »Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!« Dahinter steht die Forderung nach Humanisierung des Krieges, nicht aber nach seiner Abschaffung. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Problem des Wehrdienstes und der Kriegsteilnahme von Christen in beiden deutschen Staaten äußerst kontrovers diskutiert worden. Angesichts der furchtbaren Gräuel des Zweiten Weltkriegs und der vielen Opfer aufgrund des Abwurfs der ersten Atombomben auf Japan durchzog gerade die evangelische Kirche eine breite pazifistische Strömung. In der Bundesrepublik lautete schließlich die kirchenamtliche Auffassung, dass der Dienst mit und ohne Waffe – also in der Bundeswehr und im Zivildienst – gleichermaßen Dienst für den Frieden sei.
Logo-CredoMartin Luthers Schrift »Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können« erschien Ende 1526. Es handelt sich dabei – wie viele der einfluss­reichsten Schriften des Reforma­tors – um eine Gelegenheitsschrift. Er schrieb sie auf Bitten des Ritters Assa von Kram, eines der Feldobersten des sächsischen Kurfürsten, offensichtlich ein frommer Mann. Dessen Gewissen war durch die Teilnahme an der Niederschlagung des Bauernkrieges mit seinen Blutgerichten verunsichert worden. In dem kleinen, äußerst gehaltvollen Büchlein skizziert Luther seine Stellung zum Wehrdienst, zum Krieg und zum Widerstandsrecht. Er knüpft dabei an die Schrift »Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei« von 1523 an. Mit dieser zusammen hat das Buch über die Kriegsleute in den folgenden Jahrhunderten die politische Ethik im Luthertum maßgeblich bestimmt. Trotz der mehrfachen Veränderung der Regierungsform auf dem Weg zur freiheitlichen Demokratie sind Luthers Überlegungen erstaunlicherweise noch heute aktuell. Der Grund dafür sind ihre seelsorgerliche Grund­orientierung und die biblische Begründung.

Luther geht davon aus, dass Kriegsstand, -amt und -werk ein göttliches Werk sind. Daher vertragen sich Soldatsein und Kriegführen mit dem Glauben an Jesus Christus. Weil Gott zweierlei Regimente unter den Menschen aufgerichtet hat, unterscheidet der Reformator zwischen der Person des Christen und seinem Amt als Soldat. In der christlichen Gemeinde regiert Gott mit dem Wort, um Menschen freiwillig zum Glauben und zum ewigen Leben zu führen. In der Welt aber herrscht er durch das Schwert, um den Frieden unter den Menschen zu erhalten. Dahinter verbirgt sich Luthers Menschenbild: Jeder Mensch, selbst der religiöse, bleibt bis an sein Lebensende zugleich Gerechter und Sünder. Bestünde die Menschheit allein aus guten Menschen, wäre »Kriegführen die größte Plage auf Erden«. Da dem nicht so ist, kann ein Krieg notwendig sein, um das Böse einzudämmen. Trotz grundsätzlicher Bejahung des Krieges warnt Luther gleichzeitig eindringlich vor seinen Gefahren. Darum ist nur ein Verteidigungskrieg erlaubt – und auch der sollte nur mit Furcht vor Gott geführt werden. Luther ist sogar überzeugt, dass ein Soldat sich dem Kriegführen entziehen muss, wenn er erkennt, dass sein Kriegsherr Unrecht hat. Dann gilt für ihn das Gebot: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apostelgeschichte 5,29).

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Luthers Meinung angesichts der Wirklichkeit am Ende humaner ist als ein Pazifismus, der sich um eines Prinzips willen davor scheut, Verantwortung zugunsten des tödlich bedrohten Nächsten zu übernehmen.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Wir müssen raus in die normale Welt

24. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Reformationssommer in Mitteldeutschland: Über enttäuschte Erwartungen, Christsein in einer konfessionsfreien Welt, die Lust am Streit und das schwierige Gefühl der Heimat sprach Propst Johann Schneider, Regionalbischof von Halle-Wittenberg, mit Katja Schmidtke.Sommerlogo GuH

Wir treffen uns nicht in Halle, wo Ihr Büro ist, sondern in Wittenberg, wo in diesem Jahr die Musik spielt. Sie spielt ziemlich laut, aber vor weniger Publikum als erwartet.
Schneider:
Auf den ersten Blick stimmt das, aber wir müssen genau hinsehen. Die Gottesdienste in der Stadtkirche und in der Schlosskirche sind sehr gut besucht. Die Herausforderung, die ich sehe: Die Gruppen, die die Stadt besuchen, haben in der Regel ihr eigenes Programm und für zusätzliche Aktivitäten kaum Zeit. Einige Veranstaltungen sind gut besucht, einige werden kaum wahrgenommen.

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Wir werden mit den enttäuschten Erwartungen klarkommen müssen, gerade bei Menschen, die von weither kommen, sich ehrenamtlich beteiligen oder ihren Urlaub einbringen. Da bleibt eine Spannung. Ein gutes Beispiel: Ich war auf einer nicht gut besuchten Veranstaltung, der Wind wehte, und eine Teilnehmerin schlug vor, nach drinnen zu gehen. Das ist eine typische Reaktion in der Kirche.

Wie meinen Sie das?
Schneider:
Wir ziehen uns in geschützte Räume zurück. Natürlich verlieren sich 15 Menschen auf einer Bühne mit 250 Plätzen. Aber all diese Formate auf der Weltausstellung sind doch eine gute Übung. Wir müssen als Kirche raus aus den Kirchenräumen auf die Marktplätze. Das ist auch die Quintessenz der Kirchentage auf dem Weg – bei aller Kritik. Dieses Hinausgehen in die normale Welt ist die zentrale Handlung.

Hinaus in die normale Welt – wir und die anderen? Woher kommt diese Trennung?
Schneider:
Was ich in fünf Jahren als Propst gelernt habe: Die konfessionslose Kultur bestimmt das Denken und tabuisiert subtil den Glauben. Glauben spielt einfach keine Rolle, er ist vollkommen irrelevant. Menschen verhalten sich wie religiöse Analphabeten. Wer glaubt, zieht sich in die Kirche zurück, weil er dort Menschen trifft, die ähnlich denken. Es erfordert einen Kraftakt, hinauszugehen.

So wie in Tröglitz: Nach dem Brandanschlag auf die geplante Flüchtlingsunterkunft bat mich ein Gemeindekirchenrat, zum Friedensgebet zu kommen, die Stimmung war wie gelähmt. Ich legte den Bibelvers aus, dass Gott uns nicht einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, Zuversicht, Hoffnung gegeben hat und wollte den Gottesdienst mit einem Vaterunser, einer Segensbitte vor dem ausgebrannten Haus abschließen. Das war ganz schwer durchzusetzen. »Was sollen wir da machen?«, lautete die Gegenfrage. Einfach gehen, sich als Christ zeigen, singen und beten. Wir taten es und die Leute aus der Schrebergartensiedlung gegenüber standen am Zaun und guckten uns zu. Eine typische Situation.

Es ist ungewöhnlich, wenn Christen öffentlich zusammenkommen?
Schneider:
Es ist in dieser konfessionsfreien Welt seltsam, sich öffentlich zu treffen und etwas gemeinsam zu tun. Nach 1990 haben wir einen Schub von Individualisierung und Vereinzelung erlebt, in Ost wie West, sodass Gemeinschaftliches erst einmal verdächtig ist. Aber wir wollen die Botschaft, an die wir glauben, teilen. Und das gelingt aus meiner Sicht nur, wenn Menschen sich begegnen.

Als Regionalbischof begegnen Sie den Menschen. Wir haben das Gefühl, gerade bei heißen Themen klaffen die Meinungen zwischen Kirchenvolk und Kirchenleitung auseinander.
Schneider:
Ich denke an den Trägerverein des Schlosses Mansfeld, der in die Kritik geraten war. Der Verein hatte der Stadt die Vermietung eines Raumes im Schloss, das die Stadt Mansfeld als Standesamt nutzte, gekündigt. Es gab Streit um die Eintragung einer Lebenspartnerschaft und die anschließende Feier auf Schloss Mansfeld. Wir dürfen bei unserem Urteil nicht außer Acht lassen: Das sind alles engagierte Ehrenamtliche, sie legen die Grundlage unseres Glaubens, die Bibel, in einer gewissen Weise aus, und diese Auslegung entspricht manchmal nicht den Trends der theologischen Forschung. Es ist eine traditionelle Auslegung, besonders bei heißen Themen wie Homosexualität, Familie, Ehe.

Wir Theologen müssen uns prüfen, wie schnell wir mit unserer Position anderen sagen wollen, was geht und was nicht. Mir ist bei der Moderation in Mansfeld aufgefallen, dass auch ich schnell ein Korrektiv im Kopf habe, »nein, so kann man das nicht auslegen«. Aber wir sind gemeinsam Hörer des Wortes. Wir ringen um die Wahrheit, sie ist nichts Statisches.

Wie ging es in Mansfeld weiter?
Schneider:
Die Mitgliederversammlung hat die Kündigung zurückgenommen, aber man muss da sehr genau hinschauen. Der Vorstand hat nicht unverantwortlich gehandelt, die Mitgliederversammlung hat ihm weiterhin ihr Vertrauen geschenkt. Ergebnis des Gesprächs: Das Standesamt kann dort wieder Eintragungen gleichgeschlechtlicher Paare vornehmen. Ich bin dankbar für eine friedliche, zivilisierte Auseinandersetzung mit dem Standesamt und auch im Verein.

Wir streiten viel, aber oft unsachlich. Ich denke an all die Debatten um die AfD, an Tröglitz und Schnellroda.
Schneider:
Uns fehlen hier die öffentlichen Räume. Wo treffen wir andere Menschen, Menschen außerhalb unserer Kreise? Außerdem ist ein Verlust an zivilisierter Gesprächskultur festzustellen. Es gehört ein Maß an Zuhörenwollen und Ertragen, dass der andere eine andere Meinung hat, dazu. Wir sind als Kirche – und da nehme ich mich nicht aus – sehr schnell bei einem Urteil. Gerade in politischen Fragen formulieren wir schnell einen moralischen Anspruch.

Ich bin kein Freund von Appellen. Ich mag nicht moralisieren. Wenn Sie in einem sozialistischen Schulsystem aufwachsen, haben Sie genug Appelle gehört. Das wunderbarste Geschenk ist doch, dass wir frei denken und frei reden können.

Zu Schnellroda: Ich bin sehr dankbar, dass die Pfarrerin zuversichtlich und fröhlich ihren Dienst tut. Sie ist eine unbefangene Christin, kommt aus einem völlig säkularen Elternhaus, sie ist so normal, sie passt ganz genau da hin. Und sie hat die Gabe, mit allen zu reden, die ihr zuhören wollen.

Sie trafen während Ihrer Studienzeit in Erlangen auf Fairy von Lilienfeld, eine Theologin des Katechetischen Oberseminars Naumburg, die die DDR verlassen durfte und in Bayern die erste Theologin und ordinierte Pfarrerin war. Was haben Sie von ihr gelernt?
Schneider:
Ich habe bei ihr viel gelernt. Menschlich und inhaltlich. Menschlich verdanke ich ihr zum Beispiel den Impuls, als junger Vater und an der Endstation meiner Promotionsarbeit den Fernseher abzuschaffen. Und im ökumenischen Gespräch, dass es hilft, die Position des Gesprächspartners sehr gut zu kennen. Fairy kannte die theologischen Grundlagen der Orthodoxie oft besser als die orthodoxen Theologen.

Teilten Sie mit ihr die Erfahrung, in einem anderen Land neu anzufangen?
Schneider:
Ja. Sie sagte: »Lieber Herr Schneider, es wartet hier niemand auf Sie – aber es ist trotzdem gut, dass Sie hier sind.« Das lässt sich auf heute übertragen, egal ob Sie aus einem fremden Land kommen oder in eine neue Stadt ziehen. In der Regel wartet niemand auf Sie. Sie müssen selbst auf die Menschen zugehen. Das habe ich auch den Stipendiaten geraten, mit denen ich durch meine Arbeit an der Universität und später für die EKD zu tun hatte. Deutschland ist eine geschlossene Gesellschaft, und die Kirche gleich noch einmal. Die Aufgabe ist es, selbst die Kirchentür aufzumachen.

Welche Tür haben Sie aufgestoßen, als Sie 1985 von Siebenbürgen nach Würzburg gekommen sind?
Schneider:
Ich habe es in der Kirchengemeinde versucht, das war nicht leicht. Wir waren Exoten. Ich suchte mir einen Studentenkreis, obwohl ich noch kein Student war; ich musste ja in Deutschland mein Abitur zum zweiten Mal ablegen. Das Studium war dann das Tor, um Menschen wirklich kennenzulernen. Ich habe aber auch in dieser Zeit oft gespürt, mein Leben, meine Geschichte haben für die anderen etwas Fremdes. Ich habe gelernt, wo ich etwas über mich erzählen kann und wo nicht.

Haben Sie das Gefühl, Ihre Heimat verloren zu haben?
Schneider:
Verloren – nein. Wir sind zwar schweren Herzens gegangen, aber kurioserweise haben uns die Jugendlichen aus der DDR ermutigt. Sie sagten: »Christus geht mit euch.«

Verloren – ja. Das waren die Freunde, der persönliche Umgang, die vertraute Umgebung. Aber ich bin inzwischen fast jedes Jahr in Rumänien, und so ist es mir nicht verloren gegangen. Das Gefühl der Heimat hat sich verlagert in die Sprache.

Was ist für mich Heimat? Es ist die Vielfalt der Sprachen: Siebenbürgisch-Sächsisch, Ungarisch, Rumänisch, und es ist auch das Miteinander. Sie werden es nicht glauben, aber wenn ich in Halle bettelnde Roma treffe, fühle ich mich nicht unbehaglich. Wir kommen miteinander ins Gespräch.

Die Emigration war ein ungemeiner Zuwachs an Freiheit. Frei zu sagen, was ich denke, nicht zu unterscheiden, was ich privat und öffentlich sagen kann, und zu kritisieren. Ich kann an Texten kritisieren, ich kann sogar die Kirche kritisieren – und bleibe dennoch drin. Das ist doch wunderbar!

»Reformation geht weiter«, heißt ein EKM-Slogan. Was heißt das für Sie?
Schneider:
Ich hadere etwas damit, weil der Slogan etwas Appellatives hat. Was heißt das für mich – »Reformation geht weiter«? Dass wir die Offenheit zu einem kritischen Streit innerhalb der Kirchen brauchen. Ich sehe diese Bereitschaft noch nicht, auch nicht in unserer Kirche. Unsere Synode streitet aus meiner Sicht viel zu wenig über kon­troverse Themen im Licht der Schrift.

»Reformation geht weiter« heißt für mich: Mut zu klaren Aussagen, zu einem Bekenntnis, das herausfordert, aber nicht abstößt, sondern einlädt, und dass wir das, was wir teilen, in einer freundlichen Weise mitteilen und mit der Ablehnung, die wir auch erfahren, umgehen lernen.

Aber der Slogan ist für Kirchenleute. Fragen Sie Menschen auf dem Wittenberger Markt dazu, greifen diese sich wahrscheinlich an die Stirn: Oh Gott, kommen die nächstes Jahr alle wieder? Es wird sich zeigen, welche Wirkung dieses Jubiläumsjahr über Wittenberg hinaus hat. Es wird auch kritische Fragen geben, natürlich. All der Aufwand. Aber es ist eine große Chance für die mitteldeutsche Kirche.

Dr. Johann Schneider wurde 1963 im siebenbürgischen Mediasch (Rumänien) geboren. Nach der Lehre als Werkzeug­macher studierte er Theologie in Neuendettelsau, Tübingen, München, Erlangen und Rom. Später arbeitete er als Pfarrer und Dozent an der Universität Erlangen, beim Diakonischen Werk der EKD und beim Lutherischen Weltbund.

Seit 2007 war er als theologischer Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD in Hannover, insbesondere im ökumenischen Bereich, tätig. Im November 2011 wählte ihn die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zum Regional­bischof des Propstsprengels Halle-Wittenberg. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Vom Fremden und vom Fremdeln

24. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Die 14. Weltkunstausstellung in Kassel widmet sich in diesem Sommer vielfältig den Themen Religion, Glauben und Spiritualität. Eindrücke von der documenta14.

Der Mann steht immer noch im Turm. Er balanciert hoch oben auf einer Goldkugel über dem Dach der St.-Elisabeth-Kirche in Kassel. Schwarze Hose, weißes Hemd, die Arme ausgebreitet. Nicht zu übersehen. Er wurde für einen Selbstmörder gehalten – Feuerwehralarm inklusive. Er wurde als Jesus gedeutet. Er war das Ärgernis der documenta13 vor fünf Jahren.

Ein Hingucker an prominentester Stelle des Friedrichsplatzes, dem zentralen Ort der Weltkunstausstellung. Vor allem aber einer, der so gar nicht passen wollte in das Konzept der damaligen Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev. Was die Verantwortlichen der katholischen Kirchengemeinde, die Auftraggeber der Skulptur von Stephan Balkenhol, wiederum herzlich wenig beeindruckte. Der Mann blieb im Turm. Für die kundigen Schnappschuss-Jäger unter den Documenta-Besuchern ist er in diesem Sommer erneut ein Pflichtmotiv. Wie viele andere Kunst-Erinnerungen in der Innenstadt.

Spektakulär: »The Parthenon of Books«, die siebzig mal dreißig Meter große Installation aus 50 000 verbotenen Büchern. Foto: Susann Winkel

Spektakulär: »The Parthenon of Books«, die siebzig mal dreißig Meter große Installation aus 50 000 verbotenen Büchern. Foto: Susann Winkel

Einen Skandal wie 2012 gibt es bei der 14. Auflage der Documenta nicht. Wieder präsentieren die Kirchen der Stadt ein eigenes Kunstprogramm. Darin wird die Neunutzung von Kirchenräumen verhandelt, vor allem aber die Themen Toleranz und Flucht. Womit sich die Kirche unaufgeregt einfügt in den Kanon der offiziellen Kunstwerke.

So unübersehbar wie der Mann im Turm hoch über dem Friedrichsplatz ist der Obelisk auf dem Königsplatz, nur wenige Minuten zu Fuß entfernt. Die Arbeit des nigerianischen Künstlers Olu Oguibe mit dem etwas sperrigen Titel »Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument« ragt 16 Meter in die Höhe. Eine Wucht in Beton mit goldenem Schriftzug. In Deutsch, Türkisch, Englisch und Arabisch steht darauf ein Zitat aus dem Matthäusevangelium: »Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.« Der Platz wird oft genutzt für politische Demonstrationen, zuletzt etwa gegen den »Lagerzwang« von Flüchtlingen. An diesem Sommermittag aber wird nicht demonstriert. Eine Gruppe Breakdancer schart eine Traube von Passanten um sich; Multikulti im Schatten des Obelisken. Zum Kunstwerk gehört das nicht – oder gerade deshalb. So genau weiß man das in Kassel nie.

Irritation ist wichtig auf jeder Documenta, so wichtig wie die Aufregung über Kunst – gewollte, ungewollte, infrage gestellte – und die völlige Überforderung des Publikums durch die schiere Masse des Gezeigten. Allein »The Parthenon of Books« der argentinischen Künstlerin Marta Minujin ist eine stundenverzehrende Aufgabe für Betrachter. Die siebzig mal dreißig Meter große Installation auf dem Friedrichsplatz aus 50 000 verbotenen Büchern ist der spektakulärste Beitrag dieser Weltkunstausstellung, weil er die Augen verführt und den Kopf ins Grübeln bringt. Unter den Werken, die einmal verboten waren oder es noch immer sind, irgendwo auf der Welt, nicht nur in Deutschland, lassen sich endlos Entdeckungen machen. »Die Leiden des jungen Werther« sind genauso zu finden wie »Alice im Wunderland«. Und natürlich die Bibel.

Wer seine Augen ein wenig ausruhen möchte nach dem Dauerglitzern des Büchertempels, für das die Sonne im Zusammenspiel mit der verarbeiteten Schutzfolie sorgt, dem sei ein Abstecher in die Karlsaue empfohlen. Dort, im Westpavillon der Orangerie, hält das Kunstspektakel für ein paar Minuten inne. Orthodoxe Kirchgesänge dringen durch die geöffneten Fenster, locken mehr als die Ankündigung im Faltplan, der auf Videoarbeiten von Romuald Karmakar aus Wiesbaden verweist: »Byzantion« und »Die Entstehung des Westens«. Die beiden Filme laufen im Wechsel, singende griechische Mönche in Großaufnahme lösen singende russische Mönche in Großaufnahme ab. Und die Kunsttouristen hören andächtig zu, freie Plätze in den Seitennischen sind begehrt. Es ist schwer, sich aus der meditativen Stimmung wieder zu lösen. Draußen fällt der Blick auf ein LED-Spruchband an der Fassade, das in Worten den Untergang des byzantinischen Reiches und den Fall von Konstantinopel dokumentiert.

Wer sich noch einmal irritieren lassen möchte, der muss nur ein kleines Stück zurück in die Documenta-Halle gehen: Hier fließen Meterbahnen aus verknotetem rotem Stoff von der Decke und verknäulen sich am Boden. Die Südamerikanerin Cecilia Vicuña nimmt mit ihrer Arbeit »Quipu Mapocho« Bezug auf eine präkolumbianische Tradition aus der Andenregion, bei der Fäden mit Knoten versehen wurden, um wichtige religiöse Ereignisse festzuhalten. Das Anbringen der Stoffbahnen war bereits eine Performance. Kunst für die Kunst also. Und damit so typisch für die Weltkunstausstellung wie ein Mann im Turm, den niemand haben wollte.

Susann Winkel

Die documenta14 in Kassel ist noch bis zum 17. September täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Die Tageskarte kostet 22 Euro, ermäßigt 15 Euro. Ein Zweitages-Besuch ist wegen der Größe der Ausstellung mit über dreißig Standorten in der Innenstadt von Kassel dringend empfohlen. Hierfür kostet die Karte 38 Euro bzw. ermäßigt 27 Euro.

www.documenta14.de

Deutscher Gottesdienst im »Temple«

19. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Kirche im Urlaub erlebt man ganz anders, bilanziert Andreas Braun: »Da nimmt die Schwellenangst ab.« Seit drei Jahren lädt der evangelische Pfarrer im Sommer zum deutschsprachigen Gottesdienst in das französische Soulac-sur-Mer bei Bordeaux ein.

Veranstaltet werden diese Gottesdienste zusammen mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Braun sieht das Angebot als Dienst am Touristen. Oft loben ihn die Urlauber, mittlerweile kündigen sogar die meisten örtlichen Tourismus-Ämter die Gottesdienste an: »Das Label EKD hilft uns dabei sehr«, so Braun.

»Soulac-sur-Mer liegt auf der ›Route du Médoc‹«, erklärt Andreas Braun. Diese Weinstraße führt, einige Kilometer bevor die Gironde bei Le-Verdon ins Meer fließt, nach Soulac. Der Ort hat knapp 3000 Einwohner. Was hat ihn hierhin verschlagen? »Ich habe zunächst in Tübingen und Heidelberg studiert«, erzählt der 57-Jährige. »Dazwischen war ich ein halbes Jahr Student in Paris. Und ein Jahr Vikar im Hinterland von Montpellier. Als ich mein Studium in Baden abschloss, sind viele Kandidaten in der badischen Landeskirche geblieben, wo man nicht wusste, wohin mit all den Absolventen. Wenige sind ins Ausland gegangen. Etwa nach Frankreich, wo ich den Eindruck hatte, dass die Kirche mich herzlich willkommen hieß.«

Treffpunkt in den Sommermonaten für Touristen und Einheimische gleichermaßen: »Le temple de Soulac-sur-Mer«, die kleine evangelische Kirche des Badeortes am Atlantik. – Foto: Holger Wetjen

Treffpunkt in den Sommermonaten für Touristen und Einheimische gleichermaßen: »Le temple de Soulac-sur-Mer«, die kleine evangelische Kirche des Badeortes am Atlantik. – Foto: Holger Wetjen

Das war vor fünfundzwanzig Jahren. Später hat Andreas Braun die Pfarrerin der deutschsprachigen Gemeinde von Toulouse kennengelernt: Gesine Bertaux. Infolge dieser Bekanntschaft sind dann in den nächsten Jahren immer wieder Pfarrer aus der EKD auch nach Soulac gekommen und haben Gottesdienst gehalten. In der kleinen evangelischen Kirche, deren Bau die Gemeinde 1939 durch Spenden finanziert hat.

Diese Kirche ist einer der Gründe, warum Andreas Braun in seiner französischen Wahlheimat EKD-Gottesdienste anbietet. Der andere: der starke Touristenstrom im Sommer. Während der großen Reisewellen im Juli und August halten sich in Soulac und den benachbarten Urlaubsorten Lacanau und Montalivet jedes Jahr stets zwischen 80000 und 90000 Menschen in der Region auf.

Warum es gerade Urlauber sind, die zu ihm kommen? »Im Urlaub sagt man leichter mal: ›Hey, wir gehen mal wieder in den Gottesdienst!‹«

Die deutschsprachigen Gottesdienste ziehen viele kirchenferne Protestanten an. Und die EKD stellt Andreas Braun einen Urlaubsseelsorger an die Seite.

In den letzten Jahren seien Gläubige fast aller Konfessionen nach Soulac gekommen: Pfingstler, Liberale, Baptisten und Lutheraner. Schon zu den französischen Gottesdiensten – sie finden auch im Sommer weiterhin jeden Sonntag um 10.30 Uhr statt – kämen Franzosen, Holländer, Belgier, Schweizer, Mexikaner oder Brasilianer.

»Ich kann mir vorstellen, dass die Holländer oder Schweizer, die Deutschen oder auch Skandinavier sich im deutschsprachigen Gottesdienst besonders wohlfühlen, da das Kirchenbewusstsein vergleichbar ist.« Das liege daran, dass etwa in Holland die Kirche ganz ähnlich organisiert sei wie in Deutschland: als Landeskirche und Volkskirche.

Aber es kämen jedes Jahr auch Franzosen in den deutschen Gottesdienst. Protestanten aus der Gemeindeleitung und andere. Andreas Braun hat als Pfarrer aus Deutschland das Renommee, ein »echter Protestant« zu sein. Immer wieder fragen ihn Kollegen aus den benachbarten Kirchen: »Andreas, willst du nicht mal kommen und bei uns predigen? Damit meine Leute mal einen echten Protestanten sehen!«

Immerhin sei das Médoc dünn besät an Protestanten. In diesem 10000 Quadratkilometer großen Landstrich, der von Verdon im Norden bis in die südlichen Lande reiche, seien es nur etwa 1700 Menschen, an die der Pfarrbrief der evangelischen Gemeinde ausgehändigt werde. Die meisten Mitgliedsfamilien lebten in konfessioneller Mischung: Protestanten seien verheiratet mit Katholiken. Insgesamt zähle Frankreich heute zwischen 1,5 und 1,8 Millionen Protestanten, wenn man alle Konfessionen, Freikirchen und Gemeindearten zusammenrechne.

Die Protestantisch-Unierte Kirche Frankreichs, zu der die Gemeinde von Soulac gehört, definiere sich als pluralistische Kirche: Das sei in Frankreich ein Novum. Denn in Frankreich kenne man die Kirche vom Katholizismus her noch immer als einen Ort, wo gesagt werde: »Das und das musst du glauben.« Dazu stelle die protestantische Kirche einen Kontrast mit ihrem Pluralismus, den viele überraschend fänden.

Parallel zu den Gottesdiensten (29. Juli bis 19. August, immer sonnabends um 19.30 Uhr) zieht in diesem Sommer auch der Reformator selbst an den Atlantik – in Form der Ausstellung »Luther öffnet der Moderne die Türen«. »Diese Ausstellung der Evangelischen Kirche Frankreichs hatte schon in Bordeaux, Lyon, Marseille und vielen anderen Orten Erfolg«, erklärt Braun. »Darum wollen wir sie vom 11. bis 20. August in Soulac-sur-Mer wieder zeigen.«

Holger Wetjen

www.ekd.de/urlaubsseelsorge

Der Vorsprung

18. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Eine Erzählung von Stefan Petermann mit einer Illustration von Maria Landgraf

Der Vorsprung war die einzige Unebenheit am Berg. Einen knappen Meter ragte er aus dem ansonsten glatten Fels heraus und war kaum zwei Meter lang. Bis zum Boden musste es einen guten Kilometer sein, zum Gipfel deutlich mehr.

Ich trug warme Kleidung, dazu eine wasserabweisende Outdoor-Jacke und hatte außer einem sauber gefalteten Zellstofftaschentuch nichts bei mir. Von meinem Leben besaß ich eine ungefähre Vorstellung, ahnte, wo ich gewesen war, wen und was ich geliebt, wie ich meine Tage verbracht hatte. Einzelheiten konnte ich nur wenige benennen, Jahre keine. Gestern war so unfassbar wie alle Zeiten. Es gab den Vorsprung, und das, was sich zuvor ereignet hatte, verbarg sich in einem Nebel.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Ich blickte vom Vorsprung hinab. Weit ins Land konnte ich schauen. Da lagen Felder brach und Wälder rot, herrlich grün ein See, schwarz die Dörfer, rauchgrau die Straßen. In der Ferne zeichnete sich eine Gebirgskette ab. Ohne es genau bestimmen zu können, schien mir die Gegend vertraut. Menschen waren nicht auszumachen. Es war auffällig still. Geräusche, die zu einer solchen Landschaft gehören sollten, fehlten.

Wie ich auf den Vorsprung gekommen war, wusste ich nicht, doch musste ich alles daransetzen, ihn zu verlassen. Sorgfältig untersuchte ich den Felsen, fuhr mit den Fingern die Oberfläche des Gesteins ab, hoffte so, Unregelmäßigkeiten zu entdecken, Kanten, Zacken oder Brüche, die meinen Füßen und Händen Halt fürs Klettern bieten konnten. Doch da war nichts. Nur eine glatte Fläche. Stein war Stein.

Auch wenn ich keine Höhenangst verspürte, hatte ich Respekt vor der Höhe. Ein falscher Schritt würde den sicheren Tod bringen. Ich hatte von Fallschirmspringern gehört, die viele tausend Meter in die Tiefe gefallen waren und überlebt hatten, weil ein Heuhaufen ihren Sturz gedämpft hatte. Auf einen solchen Zufall durfte ich nicht hoffen. Würde ich vom Vorsprung stürzen, würde, noch bevor ich den Boden erreicht hätte, mein Körper an der Felswand zerschmettert sein. Ein Sprung würde mich vom Vorsprung bringen und zugleich töten.

Besser, ich würde gerettet werden. Also schrie ich. Schall verbreitet sich schnell und wird weit getragen. Im günstigen Fall würde ein Echo entstehen. Zuerst versuchte ich, meine Situation mit vielen Worten zu beschreiben. Bald gab ich die vielen Worte zugunsten eines einzelnen auf. Nach Stunden versagte mir die Stimme. Als ich sie wiedererlangte, schrie ich erneut. Sie versagte, ich schrie, ich schrie, sie versagte, ich verstummte, ich schrie.

Niemand hörte mich.

Ich warf winzige Steinchen den Vorsprung hinab. Trotz ihrer geringen Größe erreichten die Steine eine enorme Geschwindigkeit. Sie konnten eine Gerölllawine auslösen und jemanden verletzen, möglicherweise sogar töten. Insgeheim hoffte ich darauf. Der Tod eines Fremden würde die Wahrscheinlichkeit meiner Entdeckung erhöhen.

Bald stellte ich fest, dass Hunger und Durst mir keine Sorgen bereiten würden. Wenn ich ein Ziehen im Bauch verspürte, kratzte ich Flechten vom Fels. Den Flechten haftete ein erdiger Geschmack an, was mich gut sättigte. Tau, der sich am Morgen gebildet hatte, leckte ich von den Steinen. Wenn ich auf dem Vorsprung bliebe, würde ich überleben können.

Ich verstand, dass ich auf dem Vorsprung nichts zu befürchten hatte. Wenn ich genügsam Flechten kratzen und Tau lecken und mich wenig bewegen würde, würde ich in Sicherheit sein. Niemand würde zu mir sprechen, niemand mich bedrohen, nichts mir etwas anhaben können.

Als ich das begriff, lernte ich, den Vorsprung zu schätzen. Wenn mir die Tage lang wurden und ich in den Nächten kaum zur Ruhe kam, weil ich fürchtete, im Dämmern das Gleichgewicht zu verlieren und zu fallen, machte ich mir bewusst, welchen Schutz solch ein Ort bot und wie dankbar ich sein musste, ihn genießen zu dürfen.

Das Wetter blieb beständig. Ein Wechsel der Jahreszeiten war nicht auszumachen. Das Land lag unheilvoll friedlich vor mir. Die Flechten wuchsen nach, der Morgen brachte beständig neuen Tau. Nichts änderte sich, ich war geschützt.

Auch wenn ich wusste, dass der glatte Felsen mich nicht halten würde, ging ich eines Tages in die Knie, schloss die Finger um den Rand und ließ mich hinab, dem Boden entgegen, um den Vorsprung zu verlassen.

Aus: Petermann, Stefan: Der weiße Globus. Geschichten, Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen, Wartburg Verlag, 87 S., ISBN 978-3-86160-345-0, 14 Euro

»Sie machen die Predigt und wir fahren den Mähdrescher«

16. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Perspektivwechsel: Der Blick auf die kleiner werdenden Zahlen macht den Gemeinden zu schaffen. Dabei gibt es in der Kirche viel Positives zu sehen, meint Propst Dr. Christian Stawenow, Regionalbischof des Sprengels Eisenach-Erfurt. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Was beschäftigt Sie momentan hier im Propstsprengel?
Stawenow: Die Frage nach den strukturellen Veränderungen. Laut Stellenplan 2019 müssen in den Kirchenkreisen Pfarrstellen gestrichen werden. Nicht alle Kirchenkreise haben den gleichen Druck, manche mehr, manche weniger. Aber insgesamt verursachen die geplanten Veränderungen eine große Beunruhigung und eine gewisse Frustration. Trotz aller Mühe und fleißiger Arbeit sind diese Veränderungen nicht aufzuhalten.

Wenn Stellen reduziert werden, betrifft das immer Menschen und Gemeinden, die die Probleme zu bewältigen haben. Keine Gemeinde kann sich plötzlich mehr Gemeindeglieder schaffen. Das ist das Grundproblem.

Wie viele Stellen müssen eingespart werden?
Stawenow: Genau kann ich das nicht sagen. Das ist in den Kirchenkreisen unterschiedlich. Durchschnittlich müssen etwa zwei Stellen pro Kirchenkreis durch die veränderten Kriterien gespart werden, dazu kommen die Anpassungen an die Gemeindegliederzahlen. Nimmt man eine Prognose von zehn Jahren hinzu, kommt im ländlichen Bereich schnell ein um 25 Prozent reduzierter Stellenplan heraus. Diese Reduzierungen führen dazu, dass auch Grenzen verändert, Gemeinden und Mitarbeitende anders zugeordnet werden müssen.

Christian Stawenow: »Wir müssen vom Glauben sprechen, die Sprachfähigkeit stärken, indem wir uns intensiver mit Glaubensfragen auseinandersetzen.« – Foto: Sabine Kuschel

Christian Stawenow: »Wir müssen vom Glauben sprechen, die Sprachfähigkeit stärken, indem wir uns intensiver mit Glaubensfragen auseinandersetzen.« – Foto: Sabine Kuschel

Das Problem ist: Wie sollen die Gemeinden eine Lösung finden? Sollen sie abzählen, wer geht? Was sind die Kriterien? Das ist wirklich ein mühsamer Prozess. Zukunftsweisend ist tatsächlich, regional vernetzter zu arbeiten, Mitarbeitendeteams zu bilden. Längst denken wir nicht mehr nur in den Grenzen der Kirchengemeinden.

Was ist gegen diesen Frust, gegen diese Ratlosigkeit zu tun?
Stawenow: Bei allem, was es zu kritisieren gibt, können wir feststellen: Wir sind eine dynamische und kraftvolle Kirche. Wir haben eine wunderbare Botschaft und sie hat auch Ausstrahlungskraft. Das haben viele Menschen bei den Kirchentagen auf dem Weg und bei dem großen Deutschen Evangelischen Kirchentag erlebt.

Ich habe eine sehr interessante Beobachtung gemacht. Prädikantinnen und Prädikanten teilen die Sorgen um die kleiner werdende Kirche nicht in derselben bedrohlichen Weise. Sie wissen, dass sie gebraucht werden, wollen in Verkündigung und Seelsorge mitwirken. Sie sehen mit ihrer Arbeit etwas wachsen, sind in den Gemeinden zu Hause.

Die Konzentration auf die Zahlen und auf Strukturen schränkt die Wahrnehmung ein?
Stawenow: Ja, vielleicht brauchen wir eine andere Perspektive, weg von den Zahlen. Die Abhängigkeit von den Zahlen und Einnahmen macht unsere Stimmung aus. Wenn wir nicht auf die Zahlen schauen würden, könnten wir manches viel positiver sehen. Wir würden uns über Einzelnes sicher viel mehr freuen – über jede Taufe, über jeden Gottesdienst, über jeden Chor, die Kirchenmusik …, über alles, was gelingt. Wir haben fantastische Schulen. Wir haben Großartiges, wir sind reich, unendlich reich, auch an Gemeindeleben.

Gelassener werden? Wie können die Gemeinden zu dieser Gelassenheit finden?
Stawenow: Kirche kreiert sich nicht selbst. Die Kirche baut der Herr. Wenn man genauer achtgibt, sieht man auch, wie er sie baut. Jesus beruft Menschen in die Nachfolge. Die vielen Menschen, die bereit sind, mitzuarbeiten. Die Zahl der Danke-Veranstaltungen für ehrenamtliches Engagement hat erheblich zugenommen. Hier weiter zu fördern, Raum zu geben, das halte ich für eine aktuelle Herausforderung. Sie bedarf auch Weiterbildungen, zu denen ich auch die Glaubenskurse rechne. Es gibt Aufbruchstimmungen in unserer Kirche. In Krisensituationen, wenn vieles nicht mehr so bleibt wie es war, wird auch Neues entstehen. Darin bin ich mir sehr, sehr sicher. Dieses Neue zeigt sich schon.

Wir feiern das 500. Reformationsjubiläum. Es heißt: Reformation geht weiter! Wie geht sie weiter?
Stawenow: Reformation geht weiter, indem wir uns immer wieder auf das Evangelium besinnen. Der Slogan »Reformation geht weiter« stammt, wenn ich das richtig sehe, von Werner Krusche (1907–2009; von 1968 bis 1983 war Krusche Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen; Anm. d. Redaktion).

Krusche sagte vor genau 50 Jahren im gleichlautenden Vortrag, dass in der Reformationszeit die Menschen einen gnädigen Gott suchten. Heute müsse die Kirche die Empfänger des Evangeliums neu ermitteln. Die Botschaft ist dieselbe geblieben, aber wir haben immer wieder neue Wege zu finden, wie sie gehört werden kann.

Die Säkularisierung ist eine große Herausforderung für die Kirche. Haben Sie eine Lösung, einen Rat?
Stawenow: Das Problem von Säkularisierung und Entfremdung von Kirche ist, dass die Frage der Reformation – wie bekomme ich einen gnädigen Gott – nicht mehr die Frage der Menschen heute ist. Es gibt aber andere Fragen, die wesentlich mit dieser Frage zusammenhängen. Es sind die nach der Gerechtigkeit in der Welt, nach Frieden, nach Zukunft, nach Bewahrung der Schöpfung. Diese Themen gehen die Menschen elementar an.

Die religiöse Frage kommt von Seiten des Islams auf uns zu. Wir merken auf einmal: Es gibt Menschen, die sind zutiefst religiös, und sie wollen beten jeden Tag.

Wie ist das mit unserer Religiosität? Als Kirche haben wir Antworten. Das Evangelium antwortet mit der Ermöglichung der Nächstenliebe. Hierin müssen wir erkennbar bleiben. Christus befreit zu einem Leben in der Liebe. Der Glaube verknüpft sich mit der Tat und umgekehrt. Die Fragen der modernen Gesellschaft brauchen Antworten vom Evangelium her. Mir werden die Seligpreisungen Jesu immer wichtiger.

Schwerpunkt in dieser Ausgabe ist das Thema »Sprachfähigkeit – Vom Glauben reden«. Denn wir sind nicht geübt, über unsere Beziehung zu Gott zu sprechen …
Stawenow: Ja, es fällt uns schwer, über den Glauben zu reden. Vielleicht sind wir ein bisschen zu ungeübt für dieses Gespräch. Aber wir müssen vom Glauben sprechen, die Sprachfähigkeit stärken, indem wir uns intensiver mit Glaubensfragen auseinandersetzen.

Dabei ist es spannend zu erleben, dass Menschen an den Dingen des Glaubens gar nicht so uninteressiert sind, an den letzten Fragen.

Sommerlogo GuHIn der Wohlstandsgesellschaft redet man nicht gern über das Sterben. Man redet nicht mehr darüber, dass dieses schöne Leben, wenn man es denn schön getroffen hat, irgendwann einmal zu Ende gehen muss. Wir Christen reden vom ewigen Leben – dass Christus auferstanden ist von den Toten. Darüber müssen wir reden, aber auch darüber, wie die Menschen da hinkommen – zur Auferstehung der Toten. Und zugleich müssen wir nach unserer Lebensweise fragen, sonst bleiben unsere Worte leer.

Das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus kann einen in Schrecken versetzen, weil wir tatsächlich eher die Reichen sind. Vor unserer Tür liegt der arme Lazarus. Afrika liegt vor unseren Türen. Das ist sehr ernst. Feiern wir nicht allzu oft wie der reiche Mann – tafeln, haben Kultur, Musik, Theater? Das Wesen von Kirche ist, den Auftrag für den Dienst in der Welt zu empfangen.

In der Landeskirche ist manchmal die Kritik zu hören, die Ruhestandsbezüge der Pfarrer seien Geldfresser. Hintergrund dafür ist die Tatsache, dass die Einnahmen der Kirchen in den vergangenen Jahren gestiegen sind, gleichzeitig die Zwänge zum Sparen immer deutlicher werden.
Stawenow: Die strukturellen Veränderungen der Kirche sind nicht den Ruhestandsbezügen geschuldet. Aber das Geld, das für die Ruhestandsbezüge angelegt werden muss, belastet die Kirche, selbstverständlich. Als Institution muss sie ihre Sorgepflicht einlösen.

Die Frage ist doch eine andere: Wie lange sind Gemeinden bereit, das Hauptamt zu tragen? Meine Kirchenältesten haben mir in den 1980er-Jahren, als ich Mähdrescher fahren wollte, gesagt: »Nein, Herr Pastor, Sie machen die Predigt und wir fahren den Mähdrescher.« Damit hat der Kirchenälteste gesagt: Wir wollen von dir, dass du da bist für uns, und dafür sorgen wir. Wenn das nicht mehr gelten sollte, wenn die Gemeinde nicht mehr für die hauptamtlichen Verkündigungsdienstmitarbeitenden sorgen könnte, dann wird sich Kirche umstellen.

Die Frage nach den Besitzständen hat Werner Krusche schon damals gestellt. »Sind unsere Besitzstände nicht Hinderungsgründe für den Fortgang der Reformation?« Er redet in dem Zusammenhang dann auch von der Babylonischen Gefangenschaft. Wir sind gefesselt an Tradition, an Besitz, die marktüblichen Gesetze. Übrigens, so denke ich, ist keine Reformation aus eigenem Willen hervorgebracht worden.

Zu guter Letzt: Wenn Sie sich nicht mit solchen Fragen beschäftigen, wie und wo tanken Sie auf?
Stawenow: Es ist vor allem die beständige Beschäftigung mit dem Wort Gottes, in Gemeinschaft oder allein, die Bibellese am Morgen mit meiner Frau oder die Predigtvorbereitung, die Bibelarbeiten im Bischofskonvent oder der sonntägliche Gottesdienst, Tagungen.

Aber auch der Urlaub ist wichtig und die kleinen Auszeiten dazwischen, Tage bei den Kindern oder Eltern. Wenn es geht, setzen meine Frau und ich uns abends noch mal zusammen, haben Zeit miteinander und genießen sie. Das ist wie ein kleines Ritual.

Gern spiele ich im Posaunenchor mit. Leider kann ich nicht immer bei den Gottesdiensten und Auftritten dabei sein. Aber auch das Proben macht mir sehr viel Freude.

Ist bald Urlaub in Sicht?
Stawenow: Demnächst. Wir wissen noch nicht, wohin wir fahren. Höchstwahrscheinlich nach Mecklenburg. Mit den Fahrrädern entlang der Mecklenburger Seenplatte, und wir nehmen das Zelt mit.

Dr. Christian Stawenow wurde 1955 in Seegrehna (bei Wittenberg) geboren. Nach seinem Studium der Theologie in Naumburg war er als Gemeindepfarrer in Schafstädt und Delitzsch tätig. Nebenbei war er Dozent an der Kirchenmusikhochschule Halle sowie beim Kirchlichen Fernunterricht. 1996 wurde er Superintendent des Kirchenkreises Eilenburg. 2006 wurde er Superintendent des Kirchenkreises Torgau-Delitzsch. Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wählte ihn im März 2012 zum Regionalbischof des Propstsprengels Eisenach-Erfurt. Christian Stawenow ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Als Christ im Alltag vom Glauben reden

Impulse für das Gespräch über die kleinen und großen Erfahrungen mit Gott

Ein Besuch zum 80. Geburtstag: Da wir uns noch nicht begegnet sind, tasten wir uns ein wenig ab. Er ist nervös, weil der Herr Pfarrer zu Besuch ist. Geistliches spielt erst einmal keine Rolle. Ich frage mich aber, ob ich eine Botschaft für diesen Mann habe. Die Enkel wohnen weit weg. Am Wochenende wollen sie kommen. Soll ich ihm anbieten, ihn zu segnen? Vielleicht ist es (noch) nicht dran. Ich will schließlich eine Beziehung aufbauen und nicht übergriffig wirken.

Selbst Pfarrer kennen diesen Konflikt: Ist jetzt die Zeit, dass ich von meinem Glauben rede – oder nicht. Was wird man von mir halten, wenn ich es wage? Zugegeben, wer den ganzen Tag mit Menschen außerhalb der Gemeinde zu tun hat, empfindet den Konflikt stärker. Religion wird im öffentlichen Leben problematisiert. Glaubensfragen sind kein Smalltalk-Thema. Wissen die in der Firma eigentlich, dass ich Christ bin? Gleichzeitig haben Christen die Worte Jesu im Hinterkopf: Stellt euer Licht nicht unter einen Scheffel! Ihr seid das Licht der Welt! Machet zu Jüngern alle Völker! Und dann gab es da noch diese Verheißung, dass der Heilige Geist selbst den herausgeforderten Christen die richtigen Worte geben will (Matthäus 10,20).

Oft hadere ich: »Wo warst du, Heiliger Geist, als ich vorhin wieder verulkt wurde, warum ich meinen Einfluss auf das Wetter nicht geltend mache?« Die vermeintlich richtige Antwort ist mir mal wieder Stunden zu spät eingefallen.

Eine Lösung für das Problem könnte sein, Taten sprechen zu lassen. Entsprechend zitiert man Franziskus: »Verkündigt das Evangelium, und wenn es nötig sein sollte, benutze Worte.« Bloß dass an den meisten Tagen weder meine Taten noch mein erlöstes Lächeln überzeugend sind. Vor allem aber: Was als guter Ratschlag gemeint ist, taugt nicht zur Ausrede. Es wäre etwas billig, mich nur deswegen auf Taten zu verlegen, weil ich für Worte zu ängstlich bin.

Daneben gibt es auch die »Super-Missionare«, die jede öffentliche Wortmeldung zu benutzen wissen. Scheinbar nehmen sie es auch in Kauf, andere dabei zu verprellen. Wo liegt denn nun die goldene Mitte?

Schließlich traue ich mich und frage den 80-Jährigen, ob ich für ihn und seine Enkel beten dürfe. Hinterher sind wir beide berührt. Er erzählt von seinen Erfahrungen mit dem Gebet. Ich staune. Es war gut, dass ich den Sprung gewagt habe. Ein Gebet anzubieten, miteinander das Vaterunser zu sprechen, das ist oft gerade nicht der Abschluss eines Gespräches, sondern ein Anfang. Auf einmal ist der Geist doch da. Ich bezeuge mit dem Gebet meinen Glauben, dass Gott wirkt. So spreche ich nicht von oben herab von meinem Glauben, sondern als ein Zeuge.

Drei Impulse erwachsen daraus:

Erstens: Mit Angst muss man sich nicht abfinden. Wer die Mutmuskeln trainieren möchte, findet Gelegenheit: Beim Schreiben der nächsten Beileidskarte; beim Segenswunsch an der Supermarktkasse vor den nächsten Feiertagen; beim ehrlichen »Gott sei Dank«, wenn ein Kollege etwas Schönes erzählt.

Zweitens: Im Gespräch lassen sich durchaus Signale der Hoffnung setzen. Dass wir dabei oft ängstlich sind, ist auch ein Hinweis unserer Seele. Sie sagt: »Hier ist eine geistliche Aufgabe, die du nicht aus eigener Kraft tun sollst, sondern aus Gebet und Hören auf Gott.« Das gilt ebenso im Vorfeld, wenn mir Menschen bewusst werden, denen ich gerne etwas sagen würde.

Drittens: Wer über seinen Glauben reden will, kann sich zunächst fragen, was er bezeugen kann. Wie viele kleine und große Erfahrungen mit Gott gibt es! Da ist eine Frau, die einen Berg bestiegen hat. Sie blickt über die Täler und sieht einen kleinen See schöner als der schönste Edelstein. Und dann schleicht sich in ihr Gefühl der Satz: »Das alles gibt es doch nicht zufällig. Das hat Gott gemacht.« Das ist eine Glaubenserfahrung, die ihr niemand nehmen kann. Ein anderer erfährt Trost beim Abendmahl: »Ich weiß, dass Christus mich kennt und mir nah ist.« Er merkt, dass er mit Gott und sich dadurch ins Reine kommt. Eine andere sucht die Ruhe unserer Kirche. Sie hat ein schweres Schicksal, aber sie sagt: »Ohne meinen Glauben würde ich es nicht aushalten.«

Wer authentisch über seine Erfahrungen redet, wird in der Regel dafür respektiert. Ohne dass man gleich von ihm erwartet, auf jede Frage eine Antwort zu wissen.

Gregor Heidbrink

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Naher Osten: Schulfernsehen für Flüchtlingskinder

12. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Der christliche Fernsehsender SAT-7 plant, ab September rund um die Uhr ein eigenes Schulfernsehen für Kinder in den Flüchtlingslagern des Nahen Ostens zu senden. »Wir wollen acht bis zehn Stunden am Tag Mathematikunterricht, Englisch oder Naturwissenschaften für Kinder im Grundschulalter ausstrahlen«, so der Europa-Referent des Senders, Kurt Johansen (Christiansfeld/Dänemark). In den Flüchtlingslagern des Nahen Ostens gebe es kaum Schulen. Aber fast in jedem Flüchtlingszelt stehe ein Fernseher, mit dem die Programme empfangen werden könnten.

Kleiner Bildschirm, große Wirkung: In einem Flüchtlingslager im Nahen Osten schauen Kinder den Sender SAT-7; bald soll hier ein eigenes Schulfernsehen ausgestrahlt werden. – Foto: DMG/SAT-7

Kleiner Bildschirm, große Wirkung: In einem Flüchtlingslager im Nahen Osten schauen Kinder den Sender SAT-7; bald soll hier ein eigenes Schulfernsehen ausgestrahlt werden. – Foto: DMG/SAT-7

Derzeit sendet das 1995 gegründete Medienunternehmen aus Studios in Kairo, Istanbul, Beirut und Zypern auf vier Kanälen in Arabisch, Farsi und Türkisch. Ferner gibt es ein eigenes Kinderprogramm.

Einer Umfrage des renommierten Instituts »Ipsos« zufolge, die im vergangenen Jahr unter 28 000 Menschen im Nahen Osten per Telefon durchgeführt wurde, könnten mehr als 21 Millionen Menschen regelmäßig die Programme von SAT-7 verfolgen.

Neben dezidiert christlichen Programmen, die der Glaubensstärkung der christlichen Minderheiten im Nahen Osten dienen, werden auch Programme zu Frauen- und Menschenrechten ausgestrahlt. Dabei arbeitet SAT-7 eng mit den Kirchen der Region zusammen: So gehört der Generalvikar des maronitischen Patriarchen, Erzbischof Paul Sayah, ebenso zum Aufsichtsrat des Senders wie der Generalsekretär des mittelöstlichen Kirchenrates, Michel Jalakh.

In Deutschland wird SAT-7 nach Angaben von Johansen von immer mehr Landeskirchen, Bistümern und kirchlichen Werken unterstützt. So beteiligen sich die Erzdiözese Köln, das Bistum Rottenburg-Stuttgart und die evangelischen Landeskirchen von Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Nassau und dem Rheinland an der Finanzierung des Senders. Auch vom Evangelischen Missionswerk, dem christlichen Hilfs- und Missionswerk DMG, dem Aachener Hilfswerk Missio, dem Kindermissionswerk »Die Sternsinger« und der Hilfsorganisation »Kirche in Not« werde SAT-7 unterstützt.

Benjamin Lassiwe

Haushalten und Mund halten

10. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Gender: Die Reformation wurde wesentlich vom Engagement religiöser Laien getragen. Auch Frauen bekamen am Beginn des 16. Jahrhunderts neue Möglichkeiten. Leider nur für kurze Zeit.

Ein Zeitgenosse urteilte über Elisabeth von Sachsen (1502–1557): »Die hertzogin von Rochlitz treibt viel unnutz gewesch.« Der Satz kann exemplarisch dafür stehen, wie das Handeln der Frauen zu Beginn der Frühen Neuzeit gesehen wurde, die sich über das hinwegsetzten, was die Gesellschaft für sie vorsah: haushalten und Mund halten.

Die verwitwete Elisabeth erlaubte ab 1537 in ihrem Wittum Rochlitz Priesterehe und evangelisches Abendmahl, während im albertinischen Sachsen erst nach dem Tod des altgläubigen Herzogs Georg 1539 die Reformation eingeführt wurde. Lange Zeit sei Elisabeth fast vergessen worden, so der Dresdner Historiker und Theologe Jens Klinger. Zurzeit werde ihre über 2 000 Briefe zählende Korrespondenz ediert und ihr Leben weiter erforscht. In ihrem Wittum habe sie auf reformatorische Bestrebungen aufbauen können, die es dort ab 1523 gab, so Klinger. Zudem sei sie von ihrem Bruder, dem mächtigen Landgrafen Philipp von Hessen, unterstützt worden. Jedoch habe Elisabeth in Konfessionsfragen eine eigene Meinung besessen, die sie auch deutlich vertrat.

Das Frauenmuseum in Bonn widmet sich bis 31. Oktober der weiblichen Seite der Reformation. Die Ausstellung »Katharina von Bora – von der Pfarrfrau zur Bischöfin« zeichnet den Weg zur Gleichberechtigung in der evangelischen Kirche nach. – Foto: epd-bild

Das Frauenmuseum in Bonn widmet sich bis 31. Oktober der weiblichen Seite der Reformation. Die Ausstellung »Katharina von Bora – von der Pfarrfrau zur Bischöfin« zeichnet den Weg zur Gleichberechtigung in der evangelischen Kirche nach. – Foto: epd-bild

So wie Elisabeth ging es vielen Frauen. Sie wurden angefeindet und später vergessen. Trotz der starken gesellschaftlichen Veränderungen in der Frühen Neuzeit blieben die Möglichkeiten von Frauen begrenzt. Erst Jahrhunderte später sollte sich das ändern.

Je mehr aber die Reformation zur Institution wurde, desto mehr wurden Akteurinnen wieder an den Rand gedrängt, so die Historikerin und Geschlechterforscherin Eva Labouvie bei der Eröffnung einer Tagung unter dem Thema »Glaube und Geschlecht – Gender Reformation« an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Zudem sei die Aufwertung der Ehe durch Martin Luther mit der Abwertung anderer Lebensformen einhergegangen und mit einer Verhäuslichung des weiblichen Lebens mit ihren bis heute spürbaren Folgen. Auch die Auflösung der Klöster sei als ambivalent anzusehen.

Maria Jepsen, vor 25 Jahren zur ersten lutherischen Bischöfin der Welt gewählt, erinnerte daran, dass die Kirchenleitung und das Lehren über Jahrhunderte in Männerhand gelegen haben. »Frauen hatten zu schweigen und sich unterzuordnen«, so die Theologin. Nicht nur die Frauen der Reformationszeit, auch die der frühen Kirche seien vergessen worden. Aber man müsse »nur graben und dann wird man Schätze im Acker finden«. Die Reformation sei eben eine Reformation gewesen und keine Revolution. Veränderungen der patriarchalischen Ordnung habe es erst nach der Aufklärung gegeben. Die Frauenbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts habe dann auch die Kirchen verändert. Heute müsse man aufpassen, dass nicht wieder der Pragmatismus siegt, dass offene und versteckte Diskriminierung nicht fortgesetzt würde, so die Theologin Jepsen.

Heide Wunder ist eine der ersten Historikerinnen in Deutschland, die die Geschlechtergeschichte erforschte. »Die Folgen der Reformation für die Geschlechtergeschichte sind gravierend, aber umstritten«, sagte sie, denn die Reformation habe die Rechtsperson des Ehemannes gestärkt. Aus der behaupteten Inferiorität des weiblichen Geschlechts folgte die Unterordnung unter den Mann. Für Luther sei die Ehe zwar nicht mehr heilig, sondern ein »weltlich Ding« gewesen, zugleich habe er aber die Ehe als Lebensform aufgewertet. Zwar hatte die Frau als Hausmutter eines christlichen Haushaltes auch Teil an der Macht, war aber trotzdem dem Mann zum Gehorsam verpflichtet und sollte auch Züchtigungen klaglos hinnehmen. In evangelischen wie katholischen Ehen wollten die Frauen jedoch Bildung und ein »tätiges Leben in der Welt«, so die Hochschullehrerin im Ruhestand.

Dorothee Kommer, Pfarrerin aus Haigerloch in Württemberg, stellte Frauen als Verfasserinnen reformatorischer Flugschriften vor. 19 Schriften sind bekannt. Viele davon schrieb die bayrische adelige Argula von Grumbach (um 1492–1568). Sie und Ursula Weyda (1504–1565) aus Altenburg seien die ersten namentlich bekannten Autorinnen von Flugschriften gewesen. Dafür seien sie Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Dennoch: »Frauen traten in die Öffentlichkeit und durchbrachen damit die Rollenbilder ihrer Zeit«, so Dorothee Kommer.

Lyndal Roper, Historikerin aus Oxford, verwies auf die in den Tischreden Martin Luthers überlieferten Scherze, die oft auf Kosten von Frauen gingen. Diese würden ihren Leistungen nicht gerecht – auch nicht denen seiner Frau Katharina. Es bestehe ein krasser Widerspruch von Luthers Theologie, in der die prinzipielle Gleichheit zwischen Frau und Mann herrsche, sowie schriftlichen Zeugnissen der Reformatoren über Frauen.

Anne Conrad, Historikerin und katholische Theologin aus Saarbrücken, nahm die Folgen der Klosteraustritte von Frauen und Männern in den Blick. »Der Austritt aus dem Kloster war eine existenzielle Gewissensentscheidung«, so Conrad. »Kritik und gesellschaftliche Ausgrenzung waren oft die Folgen.« Ein Gewinn sei der Austritt aus dem Kloster wohl für solche Frauen und Männer gewesen, die dorthin gezwungen worden waren. Die reformierte Theologin Marie Dentière (1495–1561) schrieb, dass sie erst durch den Austritt aus dem Kloster »zum hellen Licht der Wahrheit gelangt« sei. Ob andere ehemalige Nonnen und Mönche das auch so gesehen haben, lässt es zumindest für einige fraglich erscheinen.

Angela Stoye

Keine Bilder, nur Gottes Wort

Ökumene: Was die reformierte Kirche von der lutherischen unterscheidet

Wenn sich die Tür zum Gottesdienstraum der meisten reformierten Kirchen öffnet, tritt der Besucher in einen schlichten, um nicht zu sagen kargen Raum ein. Bilder oder Verzierungen an den Wänden oder den gottesdienstlichen Gegenständen sucht man hier vergebens. Die Kirchen sind so schlicht, so ganz ohne Bilder oder ein Kreuz, weil die Reformierten das zweite Gebot sehr ernst nehmen. Es lautet: Du sollst dir kein Bild machen. So schön Bilderszenen aus der Bibel oder ein prächtiges Kruzifix auch sein mögen, solche Darstellungen lehnen die Reformierten ab. Sie lesen oder hören die Bibel und machen sich ihre eigenen Bilder von dem, was Gott ihnen durch das Wort sagt. Das Wort Gottes, die Bibel, nimmt im Glauben der reformierten Kirche die zentrale Stellung ein. Nichts soll davon ablenken. Daher sind reformierte Kirchenräume sehr schlicht gestaltet.

Johannes Calvin: Kirchenfenster mit dem Reformator in der Heidelberger Peterskirche. Die reformierte Kirche geht unter anderem auf Calvin zurück. Darum werden die Reformierten häufig auch als Calvinisten bezeichnet. – Foto: epd-bild

Johannes Calvin: Kirchenfenster mit dem Reformator in der Heidelberger Peterskirche. Die reformierte Kirche geht unter anderem auf Calvin zurück. Darum werden die Reformierten häufig auch als Calvinisten bezeichnet. – Foto: epd-bild

Die Wurzeln der reformierten Kirche liegen in der Schweizer Reformation des 16. Jahrhunderts. Zu ihren Vätern zählen unter anderem die Reformatoren Ulrich Zwingli (1484–1531) aus Zürich und Johannes Calvin (1509–1564), der in Genf wirkte. Beide setzten auf eine radikale Erneuerung der Kirche. Während der Reformator Martin Luther vor allem die protestantische Entwicklung in Deutschland geprägt hat, sind die Schweiz und Frankreich Gegenden, in denen sich die reformierte Theologie durchgesetzt hat.

Die Reformierten haben in einigen Bereichen ganz eigene Traditionen entwickelt, sagt der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann von der Universität Göttingen: »In den reformierten Kirchen entscheidet die Gemeinde, wie der Gottesdienst aussehen soll. Daher gibt es ganz unterschiedliche Gottesdienstformen innerhalb dieser Glaubensrichtung.« In einigen reformierten Gottesdiensten wird gesungen und werden Psalmen gelesen, in anderen ist das nicht denkbar.

Bei den Reformierten gilt ein striktes Gleichheitsprinzip: Keine Gemeinde und kein Gemeindeglied darf einen Vorrang beanspruchen.

International ist die reformierte Kirche sehr verbreitet. Reformierte Christen gibt es auf allen Kontinenten. Doch nur in wenigen Ländern sind sie in der Mehrheit. Die Reformierten sind stolz auf ihre Traditionen. Zum einen auf ihr Arbeitsethos. Gottesfürchtig zu leben impliziert für Reformierte auch, fleißig und strebsam zu sein. Außerdem wird bei den Reformierten seit jeher auf Bildung großer Wert gelegt. Jeder sollte befähigt werden, die Bibel zu lesen, und jeder sollte in Glaubensfragen mündig sein.

Die Calvinisten, die lange Zeit in vielen Gegenden verfolgt wurden, nahmen ihren Bildungsauftrag auch im Privaten wahr. Dass sie durch die lange Verfolgung gezwungen waren, auf einen institutionellen Apparat zu verzichten, prägt die Reformierten bis heute. Wie andere protestantische Kirchen geht auch die reformierte Kirche vom Prinzip des Priestertums aller Gläubigen aus.

In Deutschland sind Reformierte, Lutheraner und Unierte heute gemeinsam Mitglieder der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Einträchtig war das Verhältnis zueinander nicht immer. Vor allem die Abendmahlsfrage war lange Zeit ein Streitpunkt. Die Reformierten bestanden darauf zu sagen, dass das Abendmahl ein reines Gedächtnismahl sei. Es wandelt sich nichts. Reformierte Christen feiern das Abendmahl, um in die Gemeinschaft mit Jesus Christus hineingenommen zu werden, in die Gemeinschaft derer, die Christus nachfolgen. Martin Luther dagegen hat an der »Realpräsenz« von Christus in Brot und Wein festgehalten.

Heute gibt es in der Abendmahlsfrage keine trennenden Differenzen mehr unter den beiden protestantischen Kirchen. Mit der Leuenberger Konkordie von 1973 haben die reformierten, lutherischen und unierten Kirchen Europas ihr gemeinsames Verständnis des Evangeliums bekundet. Reformierte, Lutheraner und Unierte räumen einander Kanzelrecht und Abendmahlsrecht ein und feiern Letzteres auch ganz selbstverständlich miteinander.

Diana Steinbauer

Aus: Morgenroth, Matthias (Hg.): Was glaubt Bayern? Weltanschauungen von A bis Z, Echter Verlag


Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen

Die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK) gehört zu den großen protestantischen Vereinigungen. Der internationale Dachverband repräsentiert rund 80 Millionen reformierte Christen. Weitere große Konfessionsfamilien innerhalb des Protestantismus sind etwa die Lutheraner, die Anglikaner, die Methodisten und die Baptisten. Die Gemeinschaft der Reformierten unterstützt mit ihren rund 225 Mitgliedskirchen Aktivitäten in den Bereichen Theologie, soziale Gerechtigkeit, kirchliche Einheit und Mission in mehr als 100 Ländern.

Höchstes Gremium der Weltgemeinschaft ist die Vollversammlung, die sich etwa alle sieben Jahre trifft. Vom 29. Juni bis 7. Juli tagte sie in Leipzig. In Deutschland wird die Zahl der Reformierten unter den insgesamt rund 22 Millionen Protestanten auf rund anderthalb Millionen geschätzt. Reformierten Einfluss brachte auch der Zuzug der französischen Hugenotten im 17. Jahrhundert.

2014 hat die Weltgemeinschaft ihren Sitz von Genf nach Hannover verlegt. Dachverband der reformierten Christen in Deutschland ist der Reformierte Bund mit Sitz in Hannover, der etwa 430 reformierte Gemeinden, Synoden und Kirchen vereint.

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gibt es den Reformierten Kirchenkreis. Gebildet wird er von fünf Evangelisch-reformierten Gemeinden in Aschersleben, Burg, Halberstadt, Halle und Magdeburg. In Sachsen existieren reformierte Gemeinden in Chemnitz, Dresden und Leipzig.

(epd)

Die fröhliche Dienstgemeinschaft

8. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Neustart: Pfarrer Christoph Stolte hat am 1. Juli sein Amt als Vorsitzender von Ostdeutschlands größtem Wohlfahrtsverband, der Diakonie Mitteldeutschland, angetreten. Katja Schmidtke sprach mit dem 51-Jährigen über einen außergewöhnlichen Sommer, reizvolle Perspektivwechsel und eine »fröhliche Dienstgemeinschaft«.

Reisen, Ruhe, Müßiggang: Sommerzeit ist Urlaubszeit. Bei Ihnen sieht das in diesem Jahr etwas anders aus. Ein außergewöhnlicher Sommer?
Stolte: Das ist er, zweifelsohne. Der Abschied von der Diakonie-Stadtmission Dresden, dazwischen eine Pause und dann der Start in der Diakonie Mitteldeutschland. Ich freue mich, bin neugierig, und natürlich ist da auch eine gesunde Anspannung bezüglich dessen, was auf mich zukommt.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Stolte: Der Reiz ist es, Diakonie aus der Verbandsperspektive wahrzunehmen und diese selbst einzunehmen, aufbauend auf den Erfahrungen, die ich aus der Vorstandsarbeit der Stadtmission Dresden mitbringe. Ich wechsele die Perspektive und bleibe dennoch in der Diakonie, wo ich mich mit Leidenschaft zu Hause fühle.

Fotos: Willi Wild, Katja Schmidtke

Fotos: Willi Wild, Katja Schmidtke

Was werden die großen Themen Ihrer Arbeit sein?
Stolte: Armut. Wo sind Menschen in Not, wo ist Teilhabe eingeschränkt, wo entwickelt sich Armut neu – all das werden wir beobachten und darauf nicht nur hinweisen, sondern an Lösungen mitarbeiten. Das Thema Altersarmut wird uns beschäftigen, weil immer mehr Menschen aufgrund gebrochener Berufsbiografien in den letzten 25 Jahren ihr Alter mit sehr kleinen Renten oder Grundsicherung bestreiten werden müssen.

Sie sprachen die gesellschaftliche Teilhabe an. Inklusion wird gerade heftig diskutiert, selbst diakonische Werke haben sich kritisch über die praktische Umsetzung geäußert. Ist das Bundesteilhabegesetz ein Spargesetz?
Stolte: Inklusion ist die große Vision von gleichberechtigter Teilhabe jedes Menschen. Diese Vision ist auch biblisch gut fundiert, aber sie konkret zu leben, ist die Herausforderung. Das neue Bundesteilhabegesetz richtet sich an Menschen mit Behinderungen und rückt den Einzelnen ins Zentrum. Jeder Mensch mit Behinderung soll sein Leben so gestalten, wie er möchte. Und wir müssen schauen, wie es in den Ländern, Landkreisen und Kommunen gelingt, dass der Einzelne an Gemeinschaft und Arbeit teilhaben kann. Das ist ein Entwicklungsprozess mit vielen kleinen Schritten. Die Gefahr ist, dass wir uns damit abfinden, dass ein Mensch mit Behinderung grundsätzlich am Rande des Existenzminimums lebt – und das reduziert gesellschaftliche Teilhabe um ein ganzes Stück.

Heute leben viele Menschen mit Behinderungen in Wohnheimen, arbeiten in Werkstätten. Das wird sich ändern.Wir werden eine größere Vielfalt an Betreuung haben, vom Wohnheim bis zu individuellen Formen. Keine ist grundsätzlich besser oder schlechter. Maßstab ist der einzelne Mensch und was er möchte. Das erfordert ein großes Umdenken, auch in der Gestaltung von Arbeit, Arbeitszeiten und Dienstplänen. In der Diakonie wird es zu geteilten Diensten führen, zu einer höheren Flexibilität von täglicher Dienstzeit, wir werden keine Dienstpläne mehr über acht Wochen hinweg festlegen können. Natürlich ist es ein Spannungsfeld, Unterstützung auf der einen Seite so zu gestalten, wie es der einzelne Mensch braucht, und auf der anderen Seite Arbeitszeiten festzulegen, die dem Lebens- und Familien­rhythmus von Mitarbeitern entsprechen.

Mit der Diakonie kamen Sie während Ihres Zivildienstes erstmals in Berührung und haben Ihre Berufslaufbahn nach Vikariat und Pfarrdienst bei der Diakonie in Dresden fortgesetzt. Haben Sie kulturelle Unterschiede bemerkt zwischen Ost und West?
Stolte: Kulturunterschiede, das ist mir ein zu starkes Wort. Natürlich gibt es unterschiedliche Lebenssituationen, denken Sie an das Thema Armut. Wir sind auf dem Weg in eine deutlich vielfältigere Gesellschaft, in diesen Lernprozessen sind westdeutsche Gesellschaften weiter. Ich bin am Rand des Ruhrgebiets aufgewachsen, bin mit den Kindern der ersten Gastarbeitergeneration zur Schule gegangen, das war für mich alles ganz normal. Die Entwicklung zu einer bunten Gesellschaft wird uns hier im Osten beschäftigen. Ich sehe darin viele Chancen. Wir werden uns alle verändern und voneinander lernen. Die Diakonie in den neuen Ländern ist flexibel und hat einen großen Erfahrungsschatz, wie mit gesellschaftspolitischen Veränderungen umzugehen ist.

Sie haben in Marburg, Göttingen und São Paulo studiert. Danach sind Sie nach Sachsen gegangen. Warum?
Stolte: Meine Frau und ich haben Freunde in Sachsen und waren schon als Schüler dort, der Osten war uns nicht unbekannt. Nach Ende des Studiums entschieden wir uns aus einem einfachen Grund dafür, nach Sachsen zu gehen: Neugier. Wir stellten uns damals die Frage, wo wir leben wollen, wo viel passiert und vieles möglich ist. Zu Beginn meines Vikariats im Sommer 1994 sind wir fröhlich nach Leipzig gezogen. Das war und ist gut und richtig. Wir sind gerne in diesem Teil Deutschlands, wir wollen bleiben. Hier ist Heimat, wir sind angekommen.

Sachsen-Anhalt und Thüringen kennen Sie bislang nicht so gut wie Sachsen. Worauf freuen Sie sich besonders?
Stolte: Darauf, die vielen kleinen, aber geschichtlich und kulturell prägenden Städte kennenzulernen. Da kommt mir zugute, dass ich diesen Sommer einige der insgesamt 1700 Einrichtungen der Diakonie Mitteldeutschlands besuchen werde.

Sommerlogo GuHIch war am 28. Mai bereits in Wittenberg, da ich leidenschaftlicher Posaunenspieler bin. Als einer der 6?000 Bläser habe ich mit meinem ältesten Sohn unter der sengenden Sonne schöne Musik gemacht. Das war eine wunderbare Erfahrung. Da sind wir angedockt an diese Region. Mit der Familie wollen wir uns im Sommer die Weltausstellung Reformation ansehen.

Wird Ihre Familie nach Halle ziehen?
Stolte: Ja, aber erst nächsten Sommer, damit unser Sohn noch in Sachsen Abitur machen kann und nicht kurz vorm Abschluss die Schule wechseln muss.

Wie verbringen Sie den Sommer?
Stolte: Ich genieße es, im Sommer nach der Arbeit viel draußen zu sein. Ich bin leidenschaftlicher Läufer. Sommerkonzerte, Open-Air-Kino, das finde ich reizvoll. Wir verreisen jedes Jahr an einen anderen Ort. Wohin, das wird im Herbst gemeinsam ausgehandelt. Dieses Jahr an die Nordsee. Wir fahren Rad und werden zusammen kochen – Dinge, für die wir im Alltag nicht so viel gemeinsame Zeit haben. Ferienbedingt ist mein erster Arbeitstag am 17. Juli.

Sie haben sich den Kollegen in der Geschäftsstelle in Halle bereits vorgestellt, eine Andacht gehalten. Was erwartet die rund 100 Mitarbeiter? Was sind Sie für ein Chef?
Stolte: Ich habe den Kollegen Mut gemacht: Gute Lösungen finden wir nur gemeinsam. Der große Reichtum liegt in uns: der Bandbreite der Männer und Frauen hier, der Bandbreite ihrer Berufe – Theologen, Pädagogen, Juristen, Betriebswirte. Jeder soll seine Fachlichkeit und Persönlichkeit einbringen, und meine Hoffnung ist, dass wir Lösungen erarbeiten, die mehr sind als die addierte Summe der Einzelgedanken. Als ich das bei der Andacht am 19. Juni sagte, habe ich in sehr offene, freundliche Gesichter geschaut.

Im Leitbild der Geschäftsstelle steht übrigens die wunderbare Kombination von »fröhlicher Dienstgemeinschaft«. Das drückt Leichtigkeit aus, Humor, gemeinsam auf dem Weg sein. Fröhlich unterwegs sein, auch bei schwierigen Themen, heißt beweglich genug zu sein, noch einmal anders zu denken.

Die Flüchtlingskrise hat in den Kirchen zu einem großen Aufschwung geführt. Sie hat gezeigt, was an ehrenamtlichem Potenzial vorhanden ist. Wie lässt sich das erhalten und fortsetzen?
Stolte: Die Kirchen waren sehr offen, mit anderen gesellschaftlichen Akteuren zusammenzukommen. Sie waren der Partner, der alle versammelt. Ich hätte noch vor drei Jahren gedacht, Kirche hätte da viel weniger Energie – und das in einer Gesellschaft, von der wir oft behaupten, jeder denke nur an sich. Das stimmt nicht. Gerade bei jungen Menschen war die Bereitschaft groß. Wir haben noch viel Potenzial, müssen uns aber umstellen. Vieles wird spontaner, flexibler, weniger strukturiert-organisiert. Die Diakonie kann dabei helfen, ich denke da an die Qualifizierung von Ehrenamtlichen und eine gute Vernetzung mit Hauptamtlichen.

Ihr Vorgänger, Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, hat für einen Schulterschluss von Kirchengemeinden und Diakonie geworben. Wie sehen Sie das?
Stolte: Wir müssen davon wegkommen, in Strukturen zu denken. Da eine GmbH, ein Verein, eine Stiftung – das sind alles Hilfsformen, um unseren Auftrag gut zu verrichten. Theologisch ist Diakonie ein Teil der Kirche. Viele Mitarbeiter verstehen sich als Teil der Kirche, auch nichtkonfessionell Gebundene. Das Verständnis von Kirche und ihrer Diakonie zeigt sich bis in die EKM-Verfassung: Der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werkes ist Mitglied des Landeskirchenrats; auch, dass die Landessynode die letzte Entscheidung bei der Personalbesetzung hat, ist Ausdruck eines Gesamtverständnisses.

Und wie kommt dieses Verständnis an die Basis, an die Kirchengemeinden und diakonischen Werke?
Stolte: In Dresden habe ich dafür geworben, dass der Gottesdienst im Seniorenheim auch im Gemeindeblatt angekündigt wird, denn auch die diakonische Einrichtung ist ein Ort der Kirche. In vielen Gemeinden ist uns das gelungen und es kamen Menschen aus dem Stadtteil ins Pflegeheim, weil es näher ist oder die Zeit passender, weil das Heim barrierefrei ist oder man sowieso eine Nachbarin besuchen wollte. Und plötzlich wächst es ineinander.

Christoph Stolte stammt aus Unna (NRW). Er leistete seinen Zivildienst bei der Diakonie Bayern, studierte in Marburg und Göttingen evangelische Theologie und war Stipendiat des Lutherischen Weltbunds in São Paulo (Brasilien), wo er katholische Theologie studierte. 1994 begann er sein Vikariat in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Er war Gemeindepfarrer in der Region um Bautzen und acht Jahre Stadtjugendpfarrer von Dresden. Stolte leitete anschließend fast zehn Jahre lang die Diakonie-Stadtmission Dresden mit 1?400 Mitarbeitern. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Oase mitten in Lissabon

4. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Auslandsgemeinde: An der vierspurigen Avenida Columbano, auf der die Autos im Sekundentakt vorbeirauschen, alle fünf Minuten übertönt vom Dröhnen eines Flugzeugs im Landeanflug, inmitten von Hochhäusern, soll die deutsche Evangelische Kirchengemeinde zu finden sein?

Das Umfeld der »Oase mitten in Lissabon«, wie es auf einem der Flugblätter der Kirchengemeinde heißt, stellt man sich anders vor. Doch sobald der Besucher das Grundstück der Igreja Evangélica Alemã betreten hat, fühlt er sich wie in einer anderen Welt. Das liegt an der baulichen Gestaltung von Kirche und Pfarrhaus, die hier 1934 – damals noch am Lissabonner Stadtrand – nach Plänen des Architekten Otto Bartning entstanden und die der wuchtigen, lauten Umgebung einen Eindruck von Wärme und Freundlichkeit entgegensetzen. Im lauschigen Garten gedeihen Avocados und Mirabellen, leben Kaninchen und Meerschweinchen, von denen eines auf den Namen Martin Luther hört. Doch vor allem sind es die hier wirkenden Menschen, die aus diesem Ort etwas Besonderes machen.

Pastoren im Doppelpack: Nora Steen und Leif Mennrich teilen sich die Pfarrstelle für die deutsche Evangelische Kirchengemeinde in Portugals Hauptstadt – sie gehört zu den ältesten Auslandsgemeinden der EKD. – Foto: Rainer Breda

Pastoren im Doppelpack: Nora Steen und Leif Mennrich teilen sich die Pfarrstelle für die deutsche Evangelische Kirchengemeinde in Portugals Hauptstadt – sie gehört zu den ältesten Auslandsgemeinden der EKD. – Foto: Rainer Breda

Die Lissabonner Gemeinde gehört zu den ältesten der hundert Auslandsgemeinden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). 2011 feierte sie ihr 250-jähriges Bestehen. Gegründet von norddeutschen Kaufleuten wenige Jahre nach dem Erdbeben 1775, das die portugiesische Hauptstadt in Schutt und Asche legte, versteht sie sich auch heute noch als »geistliche Heimat all jener Deutschen, die auf Zeit oder auf Dauer in Portugal leben« – so formuliert es Hildegard Jusek, frühere Vorsitzende des Kirchengemeinderates und heutige Prädikantin.

Jusek kam vor mehr als 50 Jahren mit ihrem Mann und ihrem drei Monate alten Sohn nach Lissabon, sie gehört zu den langjährigsten der rund 200 Gemeindemitglieder. Nora Steen und Leif Mennrich zählen zwar erst seit 2015 zur Igreja Evangélica Alemã, sind aber in hohem Maße mitverantwortlich für die ganz besondere Atmosphäre in der Gemeinde: Das Ehepaar teilt sich die Pastorenstelle, es lebt mit zwei Töchtern im Pfarrhaus gleich neben der Kirche.

»Wir wollten noch einmal ins Ausland gehen, solange die Kinder klein sind«, erklärt Mennrich ihren Antrieb. Dass beide weder Portugal noch Lissabon kannten, geschweige denn die Sprache beherrschten, hielt sie nicht von ihrer Idee ab.

Steen, in Deutschland als ehemalige »Wort-zum-Sonntag«-Sprecherin in der ARD bekannt, und Mennrich halten die sonntäglichen Gottesdienste an der Avenida Columbano (zu denen die einzigen evangelischen Glocken in ganz Portugal rufen), sie erteilen Konfirmandenunterricht, organisieren mit dem Gemeindekirchenrat Feste und Veranstaltungen, sind Seelsorger – tun eben all jenes, was Geistliche leisten müssen. Dass Mennrich die Anforderungen in Lissabon gleichwohl als »überdurchschnittlich« beschreibt, liegt zum einen an den besonderen Gegebenheiten der Position als Auslandsgeistlicher, zum anderen an den speziellen Strukturen. »Das war ein großer Schritt für uns, das Leben in ein anderes Land zu verlagern, dessen Sprache und Kultur wir nicht kannten«, sagt Steen.

Die Sprache haben sich beide längst angeeignet, auch mit der Kultur haben sie sich schnell vertraut gemacht. »Der 11-Uhr-Gottesdienst fängt an, wenn alle da sind – was auch mal zehn Minuten später sein kann«, erzählt Mennrich mit einem augenzwinkernden Lächeln. Ohnehin hat er in Lissabon eine »angenehme Nachsichtigkeit gegenüber anderen Lebensweisen und Lebensläufen« ausgemacht, was er auf die zum Teil bunten Biografien der Gemeindemitglieder zurückführt. So lebt ein Drittel der 170 Frauen und Männer, die den »harten Kern« der Igreja Evangélica Alemã bilden, seit Jahrzehnten in Portugal, ein weiteres Drittel hat es aus beruflichen Gründen auf Zeit dorthin verschlagen. Entsprechend vielfältig sind die Lebensentwürfe, mischen sich in Familien die Nationalitäten. Erst neulich musste der 44-Jährige eine Beerdigungszeremonie in vier Sprachen abhalten: »Der Verstorbene hatte einen portugiesischen, armenischen, französischen und deutschen Hintergrund.«

Und es sind nicht nur Gemeindemitglieder, die an der Avenida Columbano um Hilfe bitten. »Wir dienen häufig als Anlaufstelle, wenn die Deutsche Botschaft geschlossen hat«, berichtet Steen. Mal braucht jemand Unterstützung, der bestohlen worden ist, mal fragen Lissabon-Gestrandete nach einem Schlafsack. Dazu kommen Ereignisse wie jener Anruf einer verzweifelten Frau aus Dresden, deren Mann an einem Freitagabend beim Besteigen des berühmten Torre de Belém einem Herzinfarkt erlegen war. Steen räumte mit ihr gemeinsam das Hotelzimmer aus, unterstützte sie bei den Formalitäten. Einige Wochen später erreichte ein großer Blumenstrauß als Dankeschön das Pfarrhaus. Hinzu kommt der Küsterdienst, denn den kann sich die Gemeinde nicht leisten: Der Kirchenrat muss das Geld gut zusammenhalten. Der 150 000-Euro-Haushalt, von dem auch noch ein Friedhof unterhalten werden muss, speist sich ganz anders als in Deutschland.

Die Kirchengemeinde lebt ausschließlich von Spenden und den Beiträgen ihrer Mitglieder. Für die Pastoren hat die finanzielle Ausstattung auch eine existenzielle Bedeutung: Sie bekommen ihr Gehalt – anders als in Deutschland, wo die jeweilige Landeskirche zahlt – von ihrer Gemeinde in Lissabon. Diese will nun, durchaus verbunden mit der Hoffnung auf Spenden, verstärkt Touristen auf sich aufmerksam machen. Der Vertrag von Steen und Mennrich läuft noch vier Jahre. Was dann kommt, wissen sie noch nicht. Klar ist: Mit der Igreja Evangélica Alemã wird es weitergehen.

Rainer Breda

Fräulein Rosa und Frau Blau

3. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Humor im Krankenhaus: Zwei Klinik-Clowns bringen Leichtigkeit in Patientenzimmer

»Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum.« – Gedämpft dringt die kleine Melodie durch die Wände. Als der Gesang verklingt, wird eine Tür geöffnet und »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« treten in den Flur der Palliativstation des Universitätsklinikums Jena. An ihren Handgelenken baumeln große Taschen, die Petticoats rascheln unter ihren Kleidern. Das Lied habe der Patientin gefallen, sie sei immer gern gewandert, erzählen sie, und ihre glitzerbepuderten Augen umspielt ein Lächeln. Ein Ausdruck, der bleibt. Auch, nachdem der Glitzer verschwunden, die Kostüme in Tüten verstaut und »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« wieder Dorothea Kromphardt und Karina Esche sind.

Auftritt: Dorothea Kromphardt (re.) und Karina Esche bringen als »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« ein Lächeln in die Zimmer auf der Palliativstation im Jenaer Universitäts­klinikum. Foto: Beatrix Heinrichs

Auftritt: Dorothea Kromphardt (re.) und Karina Esche bringen als »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« ein Lächeln in die Zimmer auf der Palliativstation im Jenaer Universitäts­klinikum. Foto: Beatrix Heinrichs

Seit März sind die Frauen auf der Palliativstation im Einsatz. In Jena kennt man sie schon länger: Als die Klinikclowns »Knuddel« und »Flotti Lotti« bringen sie »ein Stück Leichtigkeit in schwere Zimmer«, wie es Dorothea Kromphardt formuliert. Professionelle Clowns gibt es in Kliniken, Kinderkrankenhäusern, Alten- oder Pflegeheimen. Vielerorts können die Einrichtungen die Arbeit der Clowns nicht finanzieren, meist übernehmen das Vereine oder Stiftungen. Das Projekt von »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« wird durch die Stiftung »Humor hilft heilen« gefördert, die das therapeutische Lachen an Kliniken etablieren möchte.

Eine rote Nase macht noch keinen Clown. Das nötige Handwerkszeug vermitteln bundesweit zahlreiche Trainer, eine fundierte Ausbildung bieten Tanz-, Schauspiel- oder spezielle Clowns-Schulen. Dorothea Kromphardt und Karina Esche kommt die Erfahrung aus ihrem früheren Berufsleben zugute. Als Schauspielerin hat Dorothea Kromphardt viele Rollen und Bühnen bespielt. Karina Esche verfügt dank ihrer Gesangsausbildung über ein großes Liedrepertoire. Die Frauen arbeiten seit Jahren zusammen und ergänzen sich.

Egal, ob sie tanzen, singen, übers Wandern, Autos oder Relegationsspiele reden, als »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« sind sie in erster Linie gute Zuhörerinnen. »Eine Fähigkeit, die man mitbringen sollte«, weiß Karina Esche. »Genau wie Empathie und Fingerspitzengefühl für Menschen und Situationen – und ein Kostüm, das ist der Türöffner.«

Als Vorlage diente den Frauen die Protagonistin aus der Erzählung »Oskar und die Dame in Rosa« des französischen Schriftstellers Éric-Emmanuel Schmitt. So unkonventionell wie die Romanfigur sind auch »Fräulein Rosa« und »Frau Blau«, wenn sie sich aller zwei Wochen auf der Palliativstation ein Stelldichein geben. Es sind keine eingeübten Nummern, die sie spielen. Der Besuch in den Krankenzimmern ist reine Improvisation, die Impulse kommen dabei von den Patienten. »Wir arbeiten viel mit der Vorstellungskraft der Menschen, ihren Erinnerungen, auch mit dem, was das Zimmer uns anbietet – und nicht zu vergessen: mit Humor«, erklärt Dorothea Kromphardt.

Lachen ist gesund, das ist eine alte Volksweisheit. Als medizinisch erwiesen gilt, dass die Glückshormone, die dabei produziert werden, positiv auf Körper und Seele wirken. Das zeigt auch eine tiefenpsychologische Studie des Kölner Rheingold Instituts, die 2012 und 2013 in mehreren deutschen Kliniken durchgeführt wurde. Ein Ergebnis: Die Arbeit der Klinikclowns hilft Patienten, zuversichtlicher und gelöster mit ihrer Krankheit umzugehen.

Begründet liegt die positive Wirkung vielleicht in dem Hauch von Anarchie, der mit den lächelnden Gesichtern in den Krankenzimmern Einzug hält. »Fräulein Rosa« und »Frau Blau« brechen den von routinierten Abläufen bestimmten Klinikalltag spielerisch auf. »Das letzte Mal haben wir mit einer Patientin ausgelassen getanzt. Heute habe ich sie gehalten und wir haben zusammen geweint«, erzählt Karina Esche. »Leichtigkeit und Tiefe im Clownesken zu vereinen«, weiß Dorothea Kromphardt, »sei die eigentliche Kunst.«

Eine Kunst, die den Klinikclowns einiges abverlangt. Das Päckchen, das viele von ihnen mit sich tragen, ist groß und wird mit den Jahren und der Erfahrung oft nicht leichter. Wichtig sei es, die traurigen Augenblicke zuzulassen, da sind sich die Frauen einig. Auch, wenn der Beruf seine schweren Momente hat, tauschen möchten Dorothea Kromphardt und Karina Esche nicht. »Was wir tun, ist für uns eine Herzensarbeit, der schönste Beruf der Welt.«

Beatrix Heinrichs

Der kurze Moment vorher

2. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Ritual: Was geschieht, wenn wir in die Kirche zum Gottesdienst gehen, bevor wir uns hinsetzen

Da ist dieser Moment, wenn man zum Gottesdienst kommt und die Kirchenbank betritt: kurz stehen bleiben, innehalten. Dann setzen. Was passiert da eigentlich?

Es ist Sonntagmorgen. Die Glocken läuten. Menschen kommen in die Kirche. Sie nehmen sich ein Gesangbuch, begrüßen Bekannte und suchen sich einen Platz aus. Bevor sie sich setzen, bleiben viele noch einen Moment ruhig stehen. Warum tun sie das?

Eine spontane Umfrage im Bekanntenkreis ergab: Es gibt da offensichtlich keine festen Regeln. Viele danken Gott. Andere bitten ihn um Besinnung, einen guten Gottesdienst, dass Gott zu ihnen spricht.

Innehalten, ein kurzes Gebet sprechen – Foto: Lolo Stock – fotolia.com

Innehalten, ein kurzes Gebet sprechen – Foto: Lolo Stock – fotolia.com

Nur wenige können sagen, wer ihnen dieses Ritual erklärt hat. Sie haben es sich abgeguckt oder tun es, weil es andere auch tun. Manche haben es von ihrer Pfarrerin oder dem Großvater gelernt.

Es gab auch ganz weltliche Antworten, wie »ich zähle bis fünf, bevor ich mich setze« oder »weil man das halt so macht«. Andere versuchen, sich zu konzentrieren und sich innerlich auf den Gottesdienst einzustellen.

Fast alle aber waren der Meinung, dass es doch ein sinnvoller Moment sei, um kurz innezuhalten. Menschen spüren wohl, dass der Kirchgang etwas anderes ist als ein Kinobesuch.

Da ist der Raum. Schön hergerichtet, oft alt und ehrwürdig. Kirchenfenster, Kanzel, Altar oder Abendmahlstisch verweisen auf biblische Geschichten und die Gegenwart Gottes. Viele Generationen von Menschen haben hier schon gebetet, gesungen, gelacht und geweint, geglaubt und gezweifelt. Kirchen sind besondere Orte. Zur römisch-katholischen Tradition gehörten das Hinknien und das Bekreuzigen. Vielleicht ist daraus im Protestantismus der Moment des Innehaltens geworden. Evangelische Christen wissen, dass nicht die Gebäude oder die Abendmahlselemente heilig sind. Dennoch spüren sie die Würde des Ortes und der Feier und dass es jetzt nicht alltäglich zugeht.

Vielleicht gut, dass es für dieses Ritual keine festen Regeln gibt. So kann es jeder für sich füllen. Oder sich einfach so hinsetzen. Ein Tabu ist das sicher auch nicht. Dieser kurze Moment vor dem Hinsetzen ist ein guter Anlass, um zu beten – egal, was die anderen tun. Ob schweigend oder mit konkreten Bitten oder konkretem Dank. Anlässe, mit Gott ins Gespräch zu kommen, gibt es sicher genug.

»Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft« (Psalm 66, 20). Das Psalmwort bringt die Gewissheit zum Ausdruck, was Gott gesagt wird, geht nicht ins Leere.

Und zum Glück gibt es auch für das Beten keine Regeln. Da darf alles vorkommen. Freude und Fragen genauso wie Wut und Trauer. Der Theologe Karl Rahner hat einmal gesagt: »Ich glaube, weil ich bete.« So eine große Bedeutung hat er dem Gespräch mit Gott zugemessen.

Deshalb kann es nicht falsch sein, diesen Moment vor dem Hinsetzen dafür zu nutzen. Es besteht keine Verpflichtung dazu. Aber wenn man sich unsicher ist: Beten geht immer.

Bernd Becker