Heilung der Erinnerung

9. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Im Vorfeld der 12. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Namibia (11. bis 16. Mai) hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Nachfahren des Völkermords im früheren Deutsch-Südwestafrika um Vergebung gebeten.

Von 1884 bis 1915 war das heutige Namibia eine deutsche Kolonie. Die afrikanische Bevölkerung, besonders die Herero und die Nama, setzte sich gegen die zunehmende Entrechtung und Enteignung sowie rassistische Diskriminierung zur Wehr. Ihr Aufstand wurde mit Vernichtungsbefehlen beantwortet und blutig niedergeschlagen; bei Kämpfen, Massakern und später in Konzentrationslagern starben Schätzungen zufolge in den Jahren 1904 bis 1908 bis zu 100 000 Menschen – aus Sicht von Historikern der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

In einer vom Rat der EKD Ende März verabschiedeten Erklärung stellt sich die Evangelische Kirche in Deutschland ausdrücklich ihrer historischen Mitverantwortung für die im heutigen Namibia begangenen Gräueltaten. Auch wenn nach Quellenlage die nach Südwestafrika entsandten deutschen evangelischen Pfarrer nicht selbst direkt zu den Massentötungen aufgerufen hätten, traten sie doch bis auf wenige Ausnahmen dem Völkermord nicht entgegen. Vielmehr sei durch die theologische Rechtfertigung von imperialem Machtanspruch und kolonialer Herrschaft der Boden für den Tod vieler Tausender Angehöriger der namibischen Volksgruppen bereitet worden.

Ein »tiefsitzender Rassismus, gespeist aus einem kulturellen Überlegenheitsgefühl und einer tief gegründeten Angst um die eigene, möglicherweise gefährdete Identität« habe ihr Denken geprägt und ihr Reden und Handeln vergiftet, heißt es in der Erklärung. »Dies ist eine große Schuld und durch nichts zu rechtfertigen.«

Als Nachfolgeinstitution des einstigen Evangelischen Preußischen Oberkirchenrats, der seinerzeit im Auftrag aller deutschen evangelischen Landeskirchen handelte, bekenne sich die EKD »heute ausdrücklich gegenüber dem gesamten namibischen Volk und vor Gott zu dieser Schuld. Wir bitten die Nachfahren der Opfer und alle, deren Vorfahren unter der Ausübung der deutschen Kolonialherrschaft gelitten haben, wegen des verübten Unrechts und zugefügten Leids aus tiefstem Herzen um Vergebung.«

Dieses Schuldbekenntnis sei Ausdruck einer bleibenden historischen und ethischen Verpflichtung. Man wolle gemeinsam mit den Nachfahren der Ermordeten das Gedenken an die Opfer wachhalten und für die Anerkennung des Genozids öffentlich eintreten. Es gehe darum, »an der Überwindung des durch die deutsche Kolonialherrschaft begründeten und danach fortgesetzten Unrechts zu arbeiten«.

Der Erklärung war ein zweiteiliger Studienprozess (2007–2015) zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Rolle der Kirche und Missionswerke während der Kolonialzeit vorangegangen. Die Aufarbeitung soll allen Beteiligten dabei helfen, »als Kirche Jesu Christi nicht nur Vergangenes besser zu verstehen, sondern auch die Wunden der Vergangenheit zu heilen und eine friedliche und gerechte Zukunft mitzugestalten«.

»Wir müssen uns an die Zeit des Kolonialismus erinnern, aber wir brauchen dazu den Geist der Versöhnung. Die Befreiung unserer Länder kann nur dann gelingen, wenn Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen zusammenkommen, sich den Schmerz und die Sorgen der anderen anhören und sich die Hand reichen«, wird der frühere Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Namibia, Zephania Kameeta, in der EKD-Erklärung zitiert.

Kameeta, heute Minister für Armutsbekämpfung und soziale Wohlfahrt, wird anlässlich der LWB-Vollversammlung bei der großen Reformations-Gedenkfeier am 14. Mai im Sam-Nujoma-Fußballstadion in Windhuk die Predigt halten.

Im Vorfeld der LWB-Vollversammlung in der namibischen Hauptstadt hat dessen Generalsekretär Martin Junge die Hoffnung geäußert, dass die EKD-Erklärung zu den Kolonialverbrechen sowie Gespräche zwischen den Kirchen in Namibia und Deutschland die Aussöhnung zwischen beiden Ländern beschleunigen könne. Er begrüßte zudem die Aufarbeitung der Verbrechen durch beide Regierungen: »Das ist ein Versöhnungsprozess zwischen Namibia und Deutschland«, sagte Martin Junge dem Evangelischen Pressedienst.

Sollte der LWB gebeten werden, dabei zu vermitteln, sei der Dachverband dazu bereit. Bisher habe sich der Weltbund aus gutem Grund nicht in diesen komplexen Prozess eingemischt. »Jeder Versöhnungsprozess ist einzigartig, es gibt keine Standardlösungen, vielmehr müssen die Akteure herausfinden, wie das Geschehene gemeinsam benannt werden soll und wie man sich einer gemeinsamen Zukunft zuwenden kann«, so Martin Junge. Aussöhnung sei das Fundament für zukünftige Zusammenarbeit.

Ende Februar hatten Nachfahren der Völkermord-Opfer die deutsch-namibischen Regierungsverhandlungen über die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte kritisiert. Vertreter der Volksgruppen der Herero und Nama seien an den Gesprächen nicht beteiligt, sagte die Vorsitzende der Ovaherero Genocide Foundation, Esther Muinjangue. Sie betonte, dass die Opfervertreter keine individuellen Entschädigungen forderten. Auch eine konkrete Summe wurde nicht genannt. Vorstellbar sei stattdessen etwa der Bau einer von Deutschland finanzierten Universität im südlichen Namibia, die Herero und Nama sowie anderen Bewohnern Namibias offenstehen solle, sagte Muin­jangue.

Auch sei eine offizielle Entschuldigung Deutschlands für den Genozid dringend erforderlich.

Adrienne Uebbing

www.ekd.de/EKD-Texte/weitere_texte.html

Blog zur LWB-Vollversammlung in Namibia:
felixkalbe.de/category/namibia/

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Reaktionen unserer Leser

7 Lesermeinungen zu “Heilung der Erinnerung”
  1. Gert Flessing sagt:

    Einhunderttausend ist eine schöne, runde Zahl.
    Ordentliche Historiker gehen von ca. 70.000 Toten aus.
    Auch das ist schlimm genug.
    Schlimmer freilich ist, das sich heutige Generationen für etwas verantwortlich fühlen sollen, was über ein Jahrhundert zurück liegt.
    Ich fühle keinerlei Schuld, höchstens Bedauern, im Blick auf die Opfer.
    Auch die, von mir mit gewählte Regierung, hat an dem, was damals geschah, keine Schuld. Sie kann nicht dafür haftbar gemacht werden, denn darum geht es ja letztlich.
    Man möchte aus Deutschland ein paar Euro pressen.
    Das geht am besten, wenn man den blöden Deutschen einredet, schuld zu sein und dann auch noch von “Völkermord” spricht. Das hört sich gut an und dafür ist ein saftiger Ablass fällig.
    Gert Flessing

  2. T. Kramer sagt:

    Sehr geehrter Herr Flessing,

    verstehe ich das richtig? Dass man den wohlhabenden, satten, im Überfluss der Steuereinnahmen schwelgenden Deutschen an der einen oder anderen Stelle die in ihrer näheren oder ferneren Geschichte verübten Untaten vorhält, ist also ein schlimmeres Verbrechen als 70.000 oder 80.000 mehr oder minder unschuldige Opfer eines barbarischen Kolonialregimes? Merken Sie eigentlich noch, was Sie da so schreiben? Es ist ja nicht das erste Mal, dass Sie sich derart zur Sache äußern.

    Auch wenn Ihnen Schuldgefühle oder Verantwortungsbewusstsein in dieser Angelegenheit abgehen, nehmen Sie doch bitte zur Kenntnis, dass die von Ihnen gewählte Regierung bereits einen Völkermord an den Hereros und Namas anerkannt hat. Das muss uns “blöden Deutschen” also niemand mehr einreden.

    Vielleicht sollten Sie einfach mal nachlesen, was Familienangehörige eines Täters, des damals kommandierenden Generals von Trotha, zu dieser Angelegenheit zu sagen hatten, nämlich „als Bürger des heutigen Deutschlands und als Christen zusammen mit Ihnen, unseren Gästen aus Namibia, im ,Vater unser‘ den Herrn um Vergebung zu bitten“ oder auch: „Wir schämen uns für die fürchterlichen Ereignisse, die sich vor einem Jahrhundert in Namibia abgespielt haben.“

    Das wäre eine angemessenere Reaktion auf die Geschehnisse damals gewesen als Ihr selbstgerechtes Geschreibsel.

    Mit freundlichen Grüßen
    T.Kramer

  3. Gert Flessing sagt:

    Lieber Herr Kramer,
    ich habe weder Schuld an dem, was damals geschehen ist, noch trage ich Verantwortung dafür.
    Wenn sich die Angehörigen General von Trothas entsprechend geäußert haben, ist das eine ganz andere Hausnummer. Es besteht dort eine gewisse persönliche Verbundenheit.
    Ja, ich habe diese Regierung gewählt. Bedeutet das aber, dass ich alle ihre Beschlüsse gut finden muss?
    Immerhin habe ich deutlich geschrieben, dass ich diesen brutalen Krieg damals schlimm finde.
    Dennoch bin ich der Meinung, das eine pauschale Schuldzuweisung unserer Generation kaum gerechtfertigt ist. Nach allem, was ich weiß, war das deutsche Kolonialregime nicht barbarischer, als das anderer europäischer Länder.
    Gert Flessing

  4. Leser sagt:

    T. Kramer, warum reagieren Sie so aggressiv?
    Warum soll ich für schreckliche Vorkomnisse der ferneren Vergangenheit verantwortlich sein? Ich denke mal, daß auch meine Vorvorderen auch nichts damit zu tun hatten. Ich habe jedenfalls bisher nichts davon gehört. Selbst wenn es bei mir so wie in der Familie von Trothas der Fall gewesen sein sollte, kann doch jeder selbst entscheiden, wie er damit umgeht.
    Wer sollte mir vorschreiben, wann und wo ich mich schuldig zu fühlen habe?

  5. Britta sagt:

    “Germany must pay” steht auf der Luxuskarosse, die die “Opfervertreter” in den USA vorfahren, das läßt vermuten: eine verbale Entschuldigung ist wahrscheinlich sekundär. Darum geht es doch und die Herero- und Nama-Vertreter machen in den USA gar keinen Hehl daraus.
    Nun gut, der Krug geht zum Brunnen bis er bricht… Mal sehen, wie lange sich die arbeitenden, steuerzahlenden Deutschen dies alles noch gefallen lassen! Denn die, die die Wiedergutmachungen vom eigenen Lande fordern, gehören erfahrungsgemäß meist nicht zu den Leistungsträgern der Gesellschaft.
    “Germany must pay” – so funktioniert auf keinen Fall eine ehrliche Geschichtsaufarbeitung! Da ändern auch Statements der Kirche, die immer unglaubwürdiger wird, nichts.

  6. Gert Flessing sagt:

    Liebe Britta,
    es geht natürlich um Geld. Es geht immer um Geld.
    Nun bin ich nicht dagegen, Namibia Geld zu geben.
    Aber nicht so.
    Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen: “Es ist gut, ein gewisses Maß an Verantwortung zu fühlen, für ein Land, das mal eine enge Verbindung zu Deutschland hatte und in dem einstige deutsche Politik Fehler gemacht hat.”
    Dann würde ich sagen: “Lasst uns gemeinsam etwas gestalten, von dem alle Menschen Namibias etwas haben.” Dazu gehören ja auch jene Menschen, die einst in der DDR ausgebildet wurden.
    Das, was möglich ist, dürfte vielfältig sein.
    Aber eine Zusammenarbeit lässt sich nicht wirklich auf einer Art Erpressung aufbauen.
    Geschichte ist, im Guten, wie im Bösen, vergangen. Wir können sie beklagen und auch deutlich sagen, das es falsche und schlimme Entscheidungen gab. Aber Wir können sie nicht rückgängig machen und uns nicht nachträglich frei kaufen.
    Wir können nur, auch mit Blick auf das, was falsch war, neu beginnen.
    Gert Flessing

  7. Britta sagt:

    Namibia hat bereits 870 Millionen von Deutschland als Entwicklungshilfe erhalten. Eine gewisse Infrastruktur aus der deutschen Kolonialzeit ist auch noch vorhanden (da Namibia seit über 100 Jahren von den “bösen Deutschen” befreit ist, liegt es nicht in unserer Verantwortung, wie das Potential genutzt wurde und wird!) Das sollte, zusammen mit einem aufrichtigen Bekenntnis, daß es niemals und nirgendwo in der Weltgeschichte rechtens ist, Menschen zu ermorden, ausreichen. Schließlich gibt es in der ganzen Geschichte ja etliche Ungereimtheiten, die nicht (gern) erwähnt werden: angefangen von Vertragsbrüchen bis hin zur Frage der Herkunft moderner Waffen bis zur Anzahl der Opfer, und zwar auf beiden Seiten. Zudem sollte nicht verkannt werden, daß es bekannt ist, daß etliches, was heute wie historische Fakten aufgezeigt wird, auf englischer Kriegspropaganda beruht, dies wurde in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts von Südafrika klargestellt. Leider gibt es in unserem Land offenbar Kreise, die sich nur in einem gewissen Ethnomasochismus wohlfühlen.
    Anderen leistungsloses Einkommen zu verschaffen hat schon immer zu gesellschaftlichen Reibereien geführt, denn es gibt Leute, die die großzügig verschenkten Werte erarbeiten müssen. Zu denen gehören i.d.R. nicht vorrangig die “Schenker”… Insofern stünde es der Kirche gut an, sich etwas zurückzuhalten.

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