Schmusetiere als Bettgenossen

1. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Erzählung von Theodor Weißenborn mit einer Illustration von Maria Landgraf

Steffi liebte Hunde und sprach auf unsern Spaziergängen jeden uns begegnenden Hundebesitzer an. Einmal, als wir am Grüngürtel auf einer Bank saßen, hielt ein Mann mit Fahrrad vor uns an, um an dem Rad etwas zu richten. Das Fahrrad hatte einen zweirädrigen gummibereiften Hänger mit einem Bänkchen, und darauf saß ein vielleicht dreijähriges Mädchen, das einen Mops auf dem Schoß hielt.

Steffi war sofort hellauf begeistert und sagte zu dem Kind: »Das ist aber ein lieber Hund! Darf der denn auch mit ins Bett?« – »Jaaaaa!«, hauchte das Kind mit sich plötzlich verklärendem Gesicht und drückte den Mops fest an sich. Und das gedehnte und ein wenig zaghaft, mehr gehauchte als gesprochene Ja schien zugleich mehr zu sein als eine bloße Bestätigung, es schien vielmehr zu sagen: Eigentlich darf er ja nicht. Aber wenn’s keiner sieht, hole ich ihn zu mir ins Bett, und dann darf er bleiben. – »So muss das auch sein«, sagte Steffi, »Hunde gehören ins Bett und sind ja auch viel lieber als Stofftiere oder Puppen, weil sie lebendig sind.«

Da nickte das Kind lebhaft und plapperte etwas, was ich nicht verstand. Aber ich sah wohl, dass sein ganzes Wesen erstrahlte, und während der Mann (wahrscheinlich der Vater) sich auf sein Rad schwang und mitsamt dem Hänger mit Kind und Mops gemächlich davonfuhr, dachte ich fast neidvoll: Was für ein glückliches Kind!

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

In meinem Elternhaus hatte es keine Tiere gegeben, und was Hunde betraf, so sagte mein Vater (das hatte er in Russland gelernt): »Wer mit Hunden ins Bett geht, steht mit Flöhen wieder auf.« Daran dachte ich, als ich vor etlichen Jahren aus Griechenland den herrenlosen und kranken Phylax mitbrachte. Der wurde rasch geheilt und tierärztlich aufs Beste versorgt.

Und als ich meinen Schulfreund Horst, der Arzt war, fragte, ob ich den Hund mit ins Bett nehmen solle, sagte der Fachmann: »Das ist eine gute Idee! Vielleicht das Beste, wozu man einem Herzkranken raten kann. Ein Tier kann besser sein als ein teures Medikament. Dein Bluthochdruck würde sinken, dein Puls sich verlangsamen, und auch seelisch ginge es dir besser, denn das Glück, das der Hund empfände, würde sich auf dich übertragen.«

So wurde Phylax mein Bettgenosse, und wir wärmten und trösteten einander in wechselseitiger Zuneigung, bis er starb.

Danach nahm der Kater Rufus seine Stelle ein, der, um genau zu sein, nicht nur wie Phylax am Fußende meines Bettes lag, sondern so dicht an mich herankroch, wie es nur ging.

Lag ich auf dem Rücken und hatte ich dabei den rechten Arm ein wenig abgespreizt, so schien gerade die Mulde zwischen meiner Brust und meinem Oberarm ihn anzulocken. Er kroch dann neben mir herauf, schob die Vorderpfoten unter meine Achsel, legte sein Kinn auf meine Schulter, wobei sein rechtes Ohr meine Wange berührte, und wenn er mitunter mit den Ohren zwinzte und sein Schnurren mich beim Einschlafen in meine Träume hineinbegleitete, dann war mir, als würde ich selbst so leicht wie eine Feder und glitte zurück in ein heiteres Gefilde, in dem Mensch und Tier keine Sorge kennen.

Dann, wenn ich doch einmal des Nachts erwachte und den leichten Kitzel seiner Schnurrhaare an meinem Kinn verspürte, dann dachte ich wohl gelegentlich an Virginia Klemm, die an Tuberkulose dahinsiechende junge Frau meines Lieblingsautors Edgar Allan Poe, deren ganzes Glück eine weiß-gelblich getigerte Katze namens Catherine gewesen war. Diese Katze hatte auf Virginias Brust gelegen und sie getröstet mit ihrem Geschnurr und mit der Wärme ihres Körpers, wenn die Kranke fieberte und an Schüttelfrosten litt. Und wenn einmal ein Hustenanfall Virginias Catherine aufscheuchte und für Minuten vertrieb, so kehrte die Katze doch stets getreulich zu Virginia zurück, um sich erneut auf ihr zu betten. Sie hatte sich Virginia einmal als Schlafgenossin erkoren und blieb ihr bis zu deren letztem Atemzug innigst verbunden.

Mein Rufus verändert seine Lage nur dann, wenn ich mich einmal auf die andere Seite lege. Dann steigt er über mich hinweg und bettet sich in die Mulde, die sich nun zwischen meiner Brust und meinem linken Oberarm gebildet hat und die ihm womöglich noch mehr behagt als die auf meiner rechten Seite. Der Grund könnte sein, dass er hier meinem Herzen näher ist, dessen Pulsieren ihn, feinfühlig, wie er ist, vielleicht an seine Kindheit und Säuglingszeit, wohl gar an die Zeit vor seiner Geburt erinnert, da er geborgen im Mutterleib ruhte, an jenem Ort, von dem wir, er wie ich, ausgegangen sind und an den zurückzukehren wir vielleicht beide eine geheime Sehnsucht hüten.

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