Europa: Den Blick auf die Flüchtenden im Mittelmeer lenken

28. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

»Du siehst mich« (1. Mose 16,13) lautet die Losung für den 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT). Sie wird auch den Festgottesdienst begleiten, dessen Kollekte für die Rettung von Flüchtenden im Mittelmeer bestimmt ist. Das Geld geht an SOS Méditerranée und Mediterranean Hope, beides Projekte, die Flüchtlingen, die über das Mittelmeer nach Europa kommen, helfen.

Schätzungen zufolge sind in den letzten drei Jahren mehr als 10 000 Menschen auf diesen Routen ums Leben gekommen: »Sie waren auf der Flucht vor Krieg, Not und Terror und stießen auf unüberwindliche Grenzen, auf Abschreckung und Abschottung«, heißt es dazu in einer Erklärung des DEKT, und weiter: »Unsere Trauer um diese Toten bringen wir mit einer Schweigeminute am Freitag um 12 Uhr zum Ausdruck – und unterbrechen dafür unsere Veranstaltungen auf dem Kirchentag.«

Rund 1 000 Flüchtlinge aus Afrika und Syrien sind über die dank »Mediterranean Hope« eingerichteten humanitären Korridore« bislang nach Italien eingereist. – Foto: Facebook/Mediterranean hope

Rund 1 000 Flüchtlinge aus Afrika und Syrien sind über die dank »Mediterranean Hope« eingerichteten humanitären Korridore« bislang nach Italien eingereist. – Foto: Facebook/Mediterranean hope

Die 2015 gegründete Hilfsorganisation »SOS Méditerranée« kooperiert unter anderem mit »Ärzte ohne Grenzen« und stellt zivile Rettungsschiffe für in Seenot geratene Flüchtende im Seegebiet zwischen Libyen und Italien zur Verfügung. Sie setzt sich dafür ein, im Mittelmeer ein Seenotrettungsprogramm für Flüchtlinge sowie sichere und legale Fluchtwege einzurichten.

»Mediterranean Hope« ist ein ökumenisches Projekt, finanziert von der italienischen Waldenserkirche, das die lebensgefährlichen Fluchtversuche über das Mittelmeer dauerhaft verhindern soll. Gemeinsam mit der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio hat der italienische evangelische Kirchenbund mit diesem Projekt sogenannte humanitäre Visa möglich gemacht: Flüchtlinge können in Marokko oder im Libanon nach Nachweis einer humanitären Notlage auf der italienischen Botschaft einen Antrag auf ein Visum stellen.

Im Gegenzug haben sich die beteiligten Kirchen gegenüber dem italienischen Staat verpflichtet, ein halbes Jahr für die Eingereisten zu sorgen. Das geschieht unter anderem in zwei Zentren auf den Inseln Lampedusa und Sizilien.

Adrienne Uebbing

Martin Luther wohnt in Dermbach

27. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Der Reformator ist schon da. Jetzt kommt Martin Luther. In diesen Tagen reist ein Kirchenältester mit einem großen Namen aus dem Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach in die Lutherstadt.

Martin Luther ist Rentner, 65 Jahre alt und stammt aus Wuppertal. Die Liebe zog ihn nach Thüringen. Hier lebt er seit der politischen Wende. Dass Mitteldeutschland »Lutherland« ist, nimmt er gelassen hin. Er kann es eh nicht ändern. »Ich habe mich schon lange daran gewöhnt, dass mein Name vielfältige Reaktionen auslöst. Negative Erfahrungen habe ich aber nie gemacht. Auch nicht mit Katholiken«, sagt Luther und lacht. Am Telefon reagierten die Menschen oft gar nicht auf die Namensnennung, aber wenn er vor ihnen stehe, dann schon. »Wenn ich zu meiner Bank gehe und da ist ein neuer Mitarbeiter, dem ich mich vorstelle, der staunt dann erstmal«, erzählt Luther und schmunzelt.

Lässt die Puppe tanzen: Martin Luther aus Dermbach im Wartburgkreis ist dem Verband Christlicher Pfadfinder verbunden, wie unschwer an der Handpuppe mit seinem Konterfei zu sehen ist. – Foto: Maik Schuck

Lässt die Puppe tanzen: Martin Luther aus Dermbach im Wartburgkreis ist dem Verband Christlicher Pfadfinder verbunden, wie unschwer an der Handpuppe mit seinem Konterfei zu sehen ist. – Foto: Maik Schuck

Mit seinem Namen, sagt er, könnte so gut wie jeder etwas anfangen – ob er nun Christ sei oder nicht. Mit einer Ausnahme: »Ich wollte einmal ein Wochenende in einem Hotel im Harz buchen und rief dort an. Oft sage ich ›Luther‹, Vorname Martin, wie der Reformator. Damit war für mich und das Gegenüber immer alles klar, doch die Dame am anderen Ende fragte: ›Wie schreibt man das? Mit Doppel-T?‹ Da war ich erstmal sprachlos.« Der eigene Name prägt – ganz besonders, wenn man einen berühmten Namen trägt. Für Martin Luther war er aber auch eine besondere Verpflichtung. Nach der Konfirmation als junger Erwachsener setzte er sich bewusst mit seinem Namensvetter und dem evangelischen Glauben auseinander. Er studierte Schriften und besuchte Orte, an denen der Reformator gewesen war. »Ich denke, wenn ich mich als Martin Luther äußere, dann soll das schon Hand und Fuß haben«, so der 65-Jährige.

Der Glaube bedeutet Martin Luther viel. Die Freude am Glauben erfuhr er insbesondere bei den Pfadfindern, bei denen er nach der Konfirmation lange Jahre aktiv war. »Diese Puppe hier: das bin ich«, sagt Luther und hält stolz das besondere Andenken vor die Kamera. »Ich habe im evangelischen Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder mitgearbeitet, auch auf Landesebene, und war Mitglied der Landesleitung. Als ich dort ausschied, habe ich ehrenhalber diese Puppe erhalten.« Die Puppe zeigt Luther im grauen Hemd, der sogenannten Kluft der Pfadfinder, und mit dunkelblauem Halstuch. »Ich denke, der Luther war ja ein ziemlich lebhafter Typ, und das findet man auf jeden Fall bei den Pfadfindern wieder. Das ist gelebter Glaube, Kameradschaft, Freude, Lieder.«

Luther bedauert, dass der Verband, für den sein Herz schon so lange entbrannt ist, in Mitteldeutschland noch nicht so richtig Fuß fassen konnte. »Vielleicht hängt das mit den Halstüchern zusammen«, mutmaßt er. Die hätten die Menschen nach dem Ende der DDR vermutlich einfach nicht mehr sehen wollen.

Sein Name verbindet den Martin Luther aus Thüringen immer mit dem großen Reformator. Ob er mit ihm tatsächlich verwandt ist, diese Frage hat ihn natürlich auch umgetrieben. »Ich habe viel in der Verwandtschaft herumgefragt, um zu ergründen, ob wir tatsächlich verwandt sind.« Luthers Onkel, der zur NS-Zeit geheiratet hatte, hatte für die Eheschließung einen Ariernachweis erbringen müssen, um sicherzustellen, dass in der Familie in den letzten drei Generationen keine Juden gewesen waren. Das Interesse an der Ahnenforschung war geweckt, der Onkel forschte darüber hinaus weiter. »Er ist bis 80 Jahre vor der Wirkungszeit Martin Luthers gekommen«, erklärt der jetzige Namensträger. »Dann ist der Faden abgerissen. Wenn aber 80 Jahre fehlen, dann kann man einfach nicht belegen, dass man ein Nachfahre ist«, so Luther.

Martin Luther ist ein bodenständiger Mensch, fest verwurzelt in seiner neuen Heimat. Dermbach und der Wartburgkreis sind ihm ans Herz gewachsen, hier fühlt er sich wohl. »Dermbach«, so sagt er, »ist etwas Besonderes. Hier sind die Menschen mehr bei der Kirche geblieben, auch zu DDR-Zeiten.« Das merke man bis heute deutlich. Viele wären hier stets zur Konfirmation gegangen, nur wenige zur Jugendweihe. »Ich kenne das ja nur aus Erzählungen, aber es heißt, dass ein Bürgermeister aufgab, für die Jugendweihe zu werben. Sinngemäß habe er gedacht: Euch kennen wir. Das hat ja gar keinen Zweck.«

Martin Luther, so scheint es, ist stolz auf seine Dermbacher, ihren Glauben und ihre Widerständigkeit. Ganz protestantisch, lutherisch eben.

Diana Steinbauer

»Nass wirst du ja sowieso«

26. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Reformation kurios: Flusspilger schwimmt 95 Kilometer zum Festwochenende nach Wittenberg

»Ich brauche nur Bananen!« Bevor Claus-Rainer Wolter in den kalten Fluss steigt, isst er mindestens drei davon. In der Banane, erklärt der 70-Jährige, ist nämlich alles drin, was sein Körper benötigt, um über längere Distanzen schwimmen zu können. Nach 15 Kilometern ein weiterer Bananen-Stopp, Mineralwasser für die Flüssigkeit und noch mal eine Portion Melkfett auf Haut und Muskelpartien. Das soll Wolter vor dem Auskühlen bewahren. 30, 45, selbst 65 Kilometer an einem Tag sind für ihn kein Pro­blem, sagt der passionierte Fluss- und Ex­tremschwimmer. Er nennt es Fluss­pilgern. Aber warum das alles?

Wolter erklärt es so: Erzählt er jemandem, wie schädlich der Ausbau der Elbe für den Fluss und das Auenwaldgebiet entlang der Elbe ist, dann interessiert das keinen. Sagt er aber, dass er die Elbe zur »Bewahrung der Schöpfung« abschwimmt, setze bei den Zuhörern ein Denkprozess ein. Dann kann er mit ihnen über die Gefahr sprechen, dass der Grundwasserspiegel sinkt, je mehr sich der Fluss vertieft und infolgedessen Tiere und Pflanzen sterben.

Extremschwimmer Claus-Rainer Wolter will pünktlich zum Festwochenende in Wittenberg aus der Elbe steigen. – Foto: epd-bild

Extremschwimmer Claus-Rainer Wolter will pünktlich zum Festwochenende in Wittenberg aus der Elbe steigen. – Foto: epd-bild

Und Wolter kennt den Fluss sehr gut. Seit Jahren steigt er regelmäßig in die Elbe und wirbt mit seinen spektakulären Schwimmtouren für den Schutz des Flusses.

Manchmal dreht sich Wolter beim Schwimmen in der Elbe auf den Rücken, sieht in den Himmel und hält für einen Moment inne. »Es ist der Wahnsinn, welchen Tieren du da begegnest«, sagt er. Da sind der Fischadler und der Eisvogel und dort der Reiher. »Eine beeindruckende Natur!« Wenn Wolter früh am Morgen oder im Mondschein schwimmt, entdeckt er auch mal einen Biber auf den Buhnen, erzählt er. Angst brauche man vor dem Fluss keine haben, aber Respekt und Vorsicht bei Verwirbelungen an Brückenpfeilern oder Buhnen.

Zum 36. Kirchentag in diesem Jubiläumsjahr des 500. Reformationsgedenkens steigt er bei Flusskilometer 119,3 ins Wasser. »Größtenteils bin ich vom Wetter unabhängig«, sagt Wolter. »Nass wirst du ja sowieso.« Vor Beginn des Kirchentages liegt die Wassertemperatur der Elbe im Raum Wittenberg bei rund zwölf Grad. Wer will, darf Wolter die letzten Meter vor dem Ziel in der Wittenberger Marina schwimmend begleiten. Auf die Kommastelle genau 95 Kilometer – für jede These des Reformators einer.

Ursprünglich wollte Wolter genau am 28. Mai in Wittenberg anlanden, wenn auf den Elbwiesen vor der Stadt der große Abschlussgottesdienst des Kirchentags stattfindet. Aber die Sicherheitsbestimmungen sind so hoch, dass dann niemand mehr anschwimmen darf.

Christina Özlem Geisler (epd)

»Das kann nur Kirche – der Staat ist eine kalte Maschine«

23. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Pfarrerin Elena Bondarenko von der Evangelisch-Lutherischen Kirche Europäisches Russland (ELKER) hat beim Eröffnungsgottesdienst der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Namibia die Predigt gehalten. Die ELKER ist seit 2014 Partnerkirche der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

Bondarenko rief die aus der ganzen Welt zusammengekommenen Mitglieder der Vollversammlung auf, Gott zu vertrauen; die Kirche sei siegreich, »weil Jesus es verheißen hat«.

»Die Zeiten der Gewalt gelangen an ein Ende, und die Nachkommen stehen vor den Ruinen und klagen und beten und beschließen wieder aufzubauen, ›die verwüsteten Städte (zu) erneuern, die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben‹, wie es bei Jesaja heißt.« Diese Sätze hatte sie an den Anfang ihrer Predigt gesetzt.

Genau das sei die aktuelle Situation der ELKER, erläuterte sie anschließend im Gespräch: Nach der Oktoberrevolution von 1917 seien die Lutheraner verfolgt und die Kirchen geschlossen worden. »Wir sind uns mit den Orthodoxen und den Katholiken einig, dass 1917 für die Kirchen ein tragisches Datum ist«, so Bondarenko. Erst mit Gorbatschow und der Perestroika konnte sich ein Gemeindeleben langsam wieder entfalten. »Bis dahin hat unsere Kirche im Untergrund überlebt. Heute wachsen wir wieder.«

Pfarrerin Elena Bondarenko beim Eröffnungsgottesdienst der LWB-Vollversammlung in Windhuk, Namibia. Foto: LWB/Albin Hillert

Pfarrerin Elena Bondarenko beim Eröffnungsgottesdienst der LWB-Vollversammlung in Windhuk, Namibia. Foto: LWB/Albin Hillert

Erst seit 2010 sei die Situation stabil. Die Geschichten, wie Christen die Verfolgung überstanden haben, »sind ein wichtiger Samen für die Zukunft unserer Kirche«. Russlandweit hat die Lutherische Kirche offiziell 75 000 Mitglieder in 15 Propsteien, elf im europäischen und vier im asiatischen Teil. Vorrangig gehe es jetzt darum, die Kirche wieder aufzubauen und die einst beschlagnahmten Kirchen und Gemeinderäume zurückzubekommen.

Das ist für Bondarenko auch deshalb wichtig, weil es mittlerweile viele religiöse Gruppierungen gebe und die Lutheraner nicht in den Ruf einer Sekte kommen wollen. Zur Aufarbeitung der Vergangenheit gehöre auch der Kontakt zu den Kirchen in den baltischen Staaten, die einst zur Sowjetunion gehört haben. »Hier können wir als Kirchen eine Brücke schlagen«, meint Bondarenko vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen diesen Ländern.

Die heutigen Menschenrechtsfragen in Russland sind für die Lutherische Kirche allerdings kein Thema. »Vielleicht ist das egoistisch, aber für uns ist es heute das Richtige. Zuerst müssen wir unsere Kirche wieder aufbauen.« Bondarenko fürchtet, die ELKER könnte die Menschen wieder verlieren, wenn sie sich in politische Dinge einmischt. Allerdings setzt die Kirche auf diakonische Arbeit. So kümmert sie sich um Obdachlose, um Senioren- und Waisenkinder. Es gehe darum, beispielsweise Heime menschlicher zu machen. »Das kann nur Kirche – der Staat ist eine kalte Maschine«, betont sie. Angesprochen darauf, ob die Kontakte nach Lettland auch genutzt würden, um über die Frauenordination zu sprechen, die von der Lettischen Kirche abgelehnt wird, antwortet die Pfarrerin: »Es ist wichtig, dass die Lettische Kirche im LWB nicht isoliert wird. Wir müssen den Kontakt halten. Vielleicht ändern sie ihre Meinung wieder. Wir gehen zum selben Abendmahl, das Wichtigste ist das eine Evangelium für alle.«

Ralf-Uwe Beck und Solveig Grahl

Der düstere Prophet mit Charisma

Johannes Calvin: Wo Martin Luther keinen Einfluss hatte, wurde Calvin als großer Reformator geehrt

Es ist ein merkwürdiges Phänomen: Dieser Johannes Calvin, zunächst Jurist und dann erst Seelsorger, hielt eine um die andere düstere Predigt über die abgrundtiefe menschliche Sündhaftigkeit und über einen zornigen Gott – aber gerade dadurch zog er die Massen magisch an. Johannes Calvin ist für die Schweiz und Frankreich und später auch für die USA, Kanada, Australien das gewesen, was Martin Luther für Deutschland und die skandinavischen Länder war. Ein charismatischer Reformator mit einer Ausstrahlung weit über den Tod hinaus.

Geboren wurde Jehan Cauvin, wie er eigentlich hieß, 1509 im nordfranzösischen Noyon in der Picardie, als Sohn eines bischöflichen Sekretärs und Finanzbeamten. Die Mutter starb früh. Der Vater bestimmte ihn und zwei seiner Brüder für die geistliche Laufbahn. Plötzlich kommandierte der Vater, nicht Theologie solle er studieren, sondern Jura, damit lasse sich mehr Geld verdienen. Johannes gehorchte, vertiefte sich in die Logik und Präzision juristischer Beweisführungen. Und dann gehorchte er nicht mehr. Er lernte die aufmüpfigen Ideen des deutschen Kirchenreformers Martin Luther kennen, war Feuer und Flamme – und entdeckte sein Talent, andere mitzureißen.

Das Verhängnis nahte, als Calvins Freund Nicolas Cop zum Rektor der Pariser Universität gewählt wurde. Gemeinsam mit Calvin schrieb er eine provokante Antrittsrede voll reformatorischer Parolen und Visionen. Der König höchstpersönlich befahl die Verhaftung der beiden. Calvin tauchte zunächst unter und floh später in die Schweiz. Und vollendete hier im Exil als Sechsundzwanzigjähriger seine »Institutio Christianae Religionis«, auf Deutsch »Unterricht in der christlichen Religion«.

Sandsteinstatue des französischen Reformators Johannes Calvin (1509–1564) im Berliner Dom. Foto: epd-bild

Sandsteinstatue des französischen Reformators Johannes Calvin (1509–1564) im Berliner Dom. Foto: epd-bild

Wie Luther und seine Gesinnungsgenossen drüben in Deutschland verlangt Calvin eine geistige und geistliche Reform der Kirche. Die Bibel und das vertrauensvolle Gebet statt des halb heidnischen Reliquienkults und des Geschäfts mit Ablässen. Die Kirche als unsichtbare Gemeinschaft der Freunde Gottes statt eines hierarchisch gegliederten Machtapparats.

Die Motive und die Ziele teilt Calvin tatsächlich mit all den religiösen Aufbruchsbewegungen seiner Zeit. Aber härter, illusionsloser als alle anderen vertritt er die Ansicht, dass es letztlich überhaupt nicht auf die Anstrengungen, die Gebete, das fromme Handeln des Menschen ankommt, sondern einzig und allein auf den Willen Gottes. Ob ein Mensch scheitert oder nach dem Tod in die Seligkeit eingeht, ist seit Ewigkeit vorherbestimmt. Das ist Calvins Antwort auf das Problem, warum der eine glaubt und der andere sich nicht um Gott schert. Dass sein Gott so willkürlich über das ewige Glück und Unglück seiner Menschen entscheiden kann, das entzückt Calvin – offenbart das doch die absolute Macht und Majestät dieses Gottes, und nur darauf kommt es ihm an.

Sogar eine frühe demokratische Tendenz steckt in dieser harten Disziplin dem Evangelium gegenüber, denn aus der privaten Moral des einzelnen Christenmenschen wird flugs eine gesellschaftliche. Und auch gekrönte Häupter müssen sich plötzlich fragen lassen, wie sie mit ihrer von Gott verliehenen Macht umgehen. Wie ein Prophet aus dem alten Israel verkündet Calvin den Tyrannen ihren Sturz – nicht unbedingt durch eine Volkserhebung, sondern durch einen dynamischen Robin Hood, der sich zum Retter der Ausgebeuteten macht. Später wird er für eine Kontrolle der Regierung durch Volksvertreter plädieren beziehungsweise für eine von den Klügsten und Anständigsten geführte Republik, wie er es in Genf vorexerziert.

In Genf kommt er 1536 auf der Flucht aus Frankreich an. Eigentlich ist er nur auf der Durchreise nach Straßburg. Doch in Genf geht es drunter und drüber. Immer wieder haben sich die Bürger der reichen Handelsstadt gegen die Herrschaft der Herzöge von Savoyen und der von diesen protegierten Bischöfe aufgelehnt. Schließlich verjagen sie den Bischof und nehmen aus Trotz den evangelischen Glauben an. Calvin bleibt, als Pastor, ohne je die Priesterweihe erhalten zu haben. Er wirft sich voll in die Konflikte, predigt, schreibt Briefe, führt Verhandlungen, macht Wahlkampf für den Stadtrat, taktiert, intrigiert, lockt Gesinnungsgenossen aus Frankreich nach Genf – und arbeitet an einem Sittenregiment, mit Überwachungsmaßnahmen, Kontrollorganen und saftigen Sanktionen.

Wallfahrten und Rosenkranzbeten steht genauso unter Strafe wie eine zu auffällige Frisur, Würfelspiel und Tanzen. Und die Strafen sind hart: nicht etwa eine symbolische Geldbuße, sondern Pranger, Gefängnis, Ausweisung – bei Ehebruch, Gotteslästerung und Götzendienst sogar die Hinrichtung. In einem einzigen Jahr schleppt man vierzehn vermeintliche Hexen zum Scheiterhaufen. Was freilich alles nicht Calvins Erfindung ist. Ähnliche moralische Reglements gab es in Genf schon vor seiner Zeit und es gibt sie in vielen Städten.

Nach 22 Monaten schickt der Rat Calvin in die Verbannung, aus ziemlich nichtigen Gründen. Calvin lebt jetzt im weltläufigeren Straßburg. Er heiratet eine arme Witwe, die schon mehrere Kinder hat. Als sie nach neun Jahren stirbt, spricht er sehr freundlich über sie und bleibt bis zu seinem Tod allein. Drei Jahre nach seiner Verbannung holen die Stadtväter Johannes Calvin zurück nach Genf.

Die Kirchenleitung ist, mit durchaus demokratischen Ansätzen, in Pfarrer, Lehrer, Diakone und »Älteste« gegliedert. Die Ältesten kommen aus dem Rat der Stadt und sollen garantieren, dass geistliche und weltliche Obrigkeit an einem Strang ziehen und das private und öffentliche Leben der Einwohnerschaft lückenlos überwachen. Am Sonntag müssen alle am Gottesdienst teilnehmen. Wirtshäuser, Theater sind verboten, zu üppige Gastmähler und auffallende Kleidung natürlich auch. Die Ältesten besuchen einmal pro Jahr jeden Genfer Haushalt und notieren unbarmherzig jede Abweichung von den Anordnungen. Frauen, die ihr Haar modisch hochfrisieren, werden verwarnt, und Familienväter, die ihren Kindern Vornamen aus dem verpönten katholischen Heiligenkalender geben, wandern ins Gefängnis. Doch diese harten Bestimmungen wurden nicht von einem Diktator Calvin, sondern von der Stadtregierung erlassen und von den Bürgern akzeptiert – von den meisten jedenfalls.

Die Kehrseite der Medaille ist eine wirksame Armenfürsorge – und ein hervorragendes Bildungswesen. Calvin gründet Schulen und eine Akademie, die sich ohne Scheuklappen mit den aktuellen Denkströmungen auseinandersetzt, er holt Latein- und Griechischlehrer und Theologen aus ganz Europa nach Genf und schickt dafür gut ausgebildete Missionare nach Frankreich, Holland, England, Schottland. Ausländische Besucher sind begeistert. Sogar Papst Pius IV. muss grimmig einräumen: »Die Stärke dieses Ketzers bestand darin, dass Geld nie die leiseste Anziehungskraft für ihn hatte. Hätte ich solche Diener, reichte meine Herrschaft von Meer zu Meer.«

Johannes Calvin, der düstere Prophet, schmächtig, ausgezehrt, blasses Gesicht mit langem dünnem Bart, durchdringende, kalte Augen, dieser finstere Asket muss ein unwiderstehliches Charisma gehabt haben.

Calvin wurde immer kränker, er sah aus wie ein Skelett, aber in seinen eingesunkenen Augenhöhlen brannte immer noch ein Feuer. Bis zuletzt hielt er Bußpredigten, selbst wenn er sich auf einem Stuhl in die Kathedrale tragen lassen musste. Am 27. Mai 1564 starb er 55-jährig, nachdem er alle Anwesenden um Verzeihung für seine Zornesausbrüche gebeten hatte.

Überall dort, wo der als typisch deutsch geltende Martin Luther keinen Einfluss gewann, verehren sie heute Johannes Calvin als den großen Reformator und Erneuerer der Christenheit. Bis zu hundert Millionen Menschen gehören einer reformierten Kirche an. Seine autoritäre Moral und seine rigorose Lehre von der Vorherbestimmung sind längst geglättet und humanisiert, der barmherzige Gott des Evangeliums hat sich auch in Calvins Kirche durchgesetzt. Geblieben ist seine Überzeugung, dass Christus der einzige Herr jeder Kreatur ist und sich von daher jede Herrschaft von Menschen über Menschen verbietet.

Christian Feldmann

Ein Gefängnis wird zum Ort der Freiheit

22. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Internationale Gegenwartskunst trifft auf Martin Luther, den Avantgardisten seiner Zeit. Ein Rundgang durch die Ausstellung »Luther und die Avantgarde«.

Ein ehemaliges Gefängnis wird zu einem Ort der Freiheit, der künstlerischen Auseinandersetzung mit der geistigen Freiheit. Am 19. Mai öffnet das Alte Gefängnis in Lutherstadt Wittenberg seine Türen für die Besucher und präsentiert bis 17. September in der Ausstellung »Luther und die Avantgarde« zeitgenössische Kunst. Der Reformator steht nicht als historische Person im Vordergrund. Er dient als Denkmodell, als Ideengeber und wird als Avantgardist seiner Zeit verstanden. Luther habe die Religion und die Sprache revolutioniert und die Welt verändert, so Kuratorin Dan Xu. Die Ausstellung im Alten Gefängnis in Wittenberg frage nach der aktuellen Bedeutung der Reformation und
zeige dabei die Perspektive der Kunst.

Wandmalerei des chinesischen Künstlers Sun Xun: Ihn interessiert, wie geschichtliche Ereignisse reflektiert werden. Foto: Sun Xun

Wandmalerei des chinesischen Künstlers Sun Xun: Ihn interessiert, wie geschichtliche Ereignisse reflektiert werden. Foto: Sun Xun

70 Künstlerinnen und Künstler aus fünf Kontinenten setzen sich wie einst Martin Luther mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Der Ausstellungsort, das Alte Gefängnis in Wittenberg mit seiner rustikalen Atmosphäre, ist außergewöhnlich. Die ehemalige Haftanstalt wurde eigens für die Ausstellung öffentlich zugänglich gemacht. Jeder Künstler gestaltete eine der auf drei Etagen befindlichen Zellen. Zu sehen sind Gemälde, Skulpturen, Installationen, Wandmalereien, Fotografien, Filme und Videos.

Mehrere Künstler nehmen Luthers Bibelübersetzung zum Anlass, sich der Sprache zuzuwenden. Die Wände im Treppenaufgang zieren chinesische Schriftzeichen. Es sind Schriftzeichen, die in China verboten wurden und deshalb verloren gingen. Etwa zwei Drittel der traditionellen Schriftzeichen seien aus dem Schrift- und Sprachgebrauch verschwunden. Die chinesische Künstlerin Jia wolle zeigen, wie mit dem Verlust der Schriftzeichen zugleich Kultur und Tradition in ihrem Land verloren gegangen sei. Der Text aus diesen Schriftzeichen, der sich den Treppenaufgang des Gefängnisses hinaufzieht, ist ästhetisch ansprechend, er sei jedoch bedeutungslos, so Kuratorin Xu.

Ein Roboter schreibt in handschriftlicher Kalligrafie die gesamte Bibel ab, eine Arbeit, die früher Mönche erledigten.

Xu Bing, ein chinesischer Künstler, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Sprache und Schrift. Er schuf eine Sammlung von Büchern mit Schriftzeichen, ähnlich den chinesischen, die jedoch keine lesbare Bedeutung haben. Im Gegensatz dazu enthält sein »Book from the ground« Bildschriftzeichen, Emojis, die jeder Mensch interpretieren kann. Das 2014 veröffentlichte Buch ist als erstes belletristische Werk nur mit Emojis als Schriftzeichen geschrieben. Für die Ausstellung in Wittenberg übersetzte Xu Bing die Bibel in eine Symbolsprache.

Sun Xun, ebenfalls ein chinesischer Künstler, wuchs in der Zeit unmittelbar nach der chinesischen Kulturrevolution auf. Wie Kuratorin Dan Xu sagt, beeinflussen diese Erfahrungen seine Arbeit. Ihn interessiere, wie geschichtliche Ereignisse von den Menschen wahrgenommen und von den Medien dargestellt werden. Mit Luther habe er sich aus der Distanz heraus beschäftigt und gehe der Frage nach, was die heutige Lutherbibel mit der von damals zu tun habe.

Thema der tschechischen Künstlerin Eva Kotátková ist die Anatomie des menschlichen Körpers. In ihren Arbeiten geht es darum, wie Regeln, Erziehung, Konventionen und Kon­trollmechanismen auf den Menschen wirken. In Wittenberg präsentiert sie Folterinstrumente, unter anderem eine zur Foltermaschine umgebaute Druckmaschine.

»Licht ins Dunkel bringen« ist das Thema der Arbeit von Monica Bonvicini, einer Lichtinstallation.

Neben den genannten präsentieren auch bekannte Künstler wie Ai Weiwei, Stephan Balkenhol und Günther Uecker ihre Werke. Zum Teil wurden die Arbeiten eigens für die Ausstellung angefertigt, einige entstanden vor Ort oder wurden gezielt ausgewählt. Die künstlerischen Reflexionen kreisen um Themen wie Freiheit und deren Gefährdung, Demagogie und Widerstand, Verantwortung und Toleranz.

Sabine Kuschel

Große Bühne für die Reformation

22. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Drei, zwei, eins und … los! Jetzt heißt es »Bühne frei« für die Weltausstellung Reformation in Wittenberg.

Noch in der letzten Woche brauchte man viel Vorstellungskraft, um zu erahnen, was hinter den Bauzäunen entsteht. Aus Holz und Stahl und Lehm wuchsen in der Lutherstadt Pavillons und Bühnen. Für mehr als 100 Veranstaltungen pro Woche sollen sie vom 20. Mai bis 10. September Platz bieten für Gottesdienste und Podiumsdiskussionen, Workshops, Klassik- und Popkonzerte. Zum Startschuss der Weltausstellung anlässlich des 500. Reformationsjubiläums will die Wittenberger Altstadt von sieben Themengebieten umgeben sein, den »Toren der Freiheit«.

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Wer am Hauptbahnhof mit dem Rundgang durch die ehemaligen Wallanlagen um die Lutherstadt startet, kann sich von der größten erklimmbaren Bibel der Welt aus einen Überblick verschaffen. Die Treppe im Turminneren bringt die Gäste im Zickzack dem Himmel näher und soll ihnen einen Perspektivwechsel ermöglichen. Auch der Platz für den Truck des Europäischen Stationenweges ist im Willkommensbereich vorgesehen. Er zeigt Reformationsgeschichten, die er aus verschiedenen Ländern mit nach Wittenberg bringt.

Daneben schicken alle Stationen der vergangenen Monate Städtebanner nach Sachsen-Anhalt. Von ihnen wird der Fußweg vom Bahnhof in die Innenstadt flankiert.

Zu den Themen Spiritualität, Jugend, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Globalisierung, Kultur sowie Ökumene und Religion haben Institutionen aus Politik und Gesellschaft verschiedene Orte zum Innehalten, Lernen und zum Austausch geschaffen, zum Beispiel das »House of One« als interreligiöses Begegnungszentrum oder die Stege am Bunkerberg neben dem Lutherhaus zur Selbsterfahrung und Meditation.

Auch Landeskirchen aus dem Verbund der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) tragen mit eigenen Projekten zur Weltausstellung bei. So lassen die Bayern im Torraum Ökumene einen Garten entstehen, der aus jedem Jahrhundert seit Martin Luther einen Reformator der bayerischen Kirchengeschichte vorstellt. Hannover schafft einen »Erlebnis-Raum«, in dem sich Besucher mit der Bedeutung der Taufe auseinandersetzen und an ihr eigenes Christwerden erinnern lassen können.

Einen weiteren Erlebnisraum bietet die Landeskirche Hessen und Nassau rund um das Thema »Segen«. Neben ihrer preisgekrönten »LichtKirche«, die für Trauungen und Taufen gebucht werden kann, soll im Torraum Globalisierung der Segens-Roboter »BlessU-2« zur Diskussion anregen.

Dienstags ist Ruhetag auf der Welt­ausstellung, was aber keine Langeweile bedeutet. Vier Besuchermagnete der Lutherstadt werden durchgehend geöffnet sein: das Riesenrad »Zwischen Himmel und Erde« in den südlichen Wallanlagen dreht sich für Aussichts- und Gesprächssuchende gleichermaßen, denn auf Wunsch steigt ein Seelsorger mit in die Gondel. Yadegar Asisis Panorama »Luther 1517« lädt zu einem Rundgang durch das damalige Wittenberg ein. Und auch die beiden Kunstausstellungen (»Luther! 95 Schätze – 95 Menschen« mit der Mitmachausstellung »Der Mönch war’s!« sowie »Luther und die Avantgarde«) am Ost- und Westende der Altstadt haben Dauerbetrieb.

Christina Özlem Geisler (epd)

Billig ist nicht der Maßstab

16. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Die Bilder rüttelten auf: Beim Einsturz des Rana-Plaza-Hochhauses in Bangladesch starben vor vier Jahren 1 129 Textilarbeiter, etwa doppelt so viele wurden verletzt. Mit dem Europaabgeordneten Arne Lietz (SPD), einem der Initiatoren für ein Gesetz, das Modeunternehmen zu einem verantwortlicheren Handeln zwingen soll, sprach Adrienne Uebbing.

Was hat sich an den Produktionsstandorten verändert? Gibt es Unterschiede in den Ländern?
Lietz:
In Bangladesch hat sich seit dem Unglück recht viel getan. Ein Beispiel von vielen ist der »Bangladesch Accord« zur Verbesserung des Brandschutzes und der Gebäudesicherheit in Bangladesch – ein rechtlich bindendes Abkommen zwischen den internationalen Gewerkschaften IndustriALL und UNI Global, Gewerkschaften in Bangladesch sowie internationalen Marken und Einzelhändlern.

Protestaktion zum Jahrestag der Tragödie: 2014 legten sich Demonstranten auf den Berliner Kurfürstendamm – bedeckt von Pappschildern mit den Namen der Unternehmen, die im Rana Plaza produzieren ließen. Der Welthandelsorganisation zufolge kommen mehr als 70 Prozent der EU-Textil- und Bekleidungsimporte aus Asien. Auftraggeber sind weltweit vertretene Markenhersteller auf der Suche nach niedrigen Preisen und kurzen Produktionszeiten. Foto: epd-bild

Protestaktion zum Jahrestag der Tragödie: 2014 legten sich Demonstranten auf den Berliner Kurfürstendamm – bedeckt von Pappschildern mit den Namen der Unternehmen, die im Rana Plaza produzieren ließen. Der Welthandelsorganisation zufolge kommen mehr als 70 Prozent der EU-Textil- und Bekleidungsimporte aus Asien. Auftraggeber sind weltweit vertretene Markenhersteller auf der Suche nach niedrigen Preisen und kurzen Produktionszeiten. Foto: epd-bild

Bisher ist Bangladesch das Land, in dem die meisten Initiativen stattgefunden haben, andere produzierende Länder wie Indien oder Pakistan hängen da noch weit hinterher. Aber auch in Bangladesch werden weiterhin Armutslöhne gezahlt oder Arbeitnehmerrechte verletzt. Deswegen brauchen wir eine europäische Gesetzgebung, denn Handelspolitik ist Europapolitik.

Das EU-Parlament hat vor wenigen Tagen mit 505 Ja-Stimmen bei 49 Gegenstimmen und 57 Enthaltungen die EU-Kommission aufgefordert, die Modeunternehmen per Gesetz zu einem verantwortlicheren Handeln in den Produktionsländern zu zwingen. Wie soll das konkret aussehen?
Lietz:
Wie schon bei dem Gesetzesvorschlag zu den Konfliktmineralien sollen die Unternehmen verpflichtet werden, ihre Lieferketten nachzuverfolgen. Dazu sind im Februar 2017 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Leitsätze für verantwortungsvolle Lieferketten von Bekleidung und Schuhen veröffentlicht worden, also ein Verhaltenskodex für weltweit verantwortliches Handeln von Unternehmen.

In diesen Leitsätzen werden die Sorgfaltspflichten für die Lieferketten definiert und Empfehlungen für verantwortliches Unternehmerverhalten bezüglich Transparenz, Arbeitsbeziehungen oder Umwelt gegeben. Die europäische Gesetzgebung soll sich an diesen OECD-Leitsätzen orientieren.

Was kann die EU – abgesehen vom angestrebten Gesetz – tun, um solche Katastrophen in Zukunft zu vermeiden?
Lietz:
Die EU kann vor allem in ihren Handelsverträgen mit den einzelnen Staaten darauf beharren, dass international anerkannte Arbeitnehmerrechte in den Verträgen verankert und in der Praxis implementiert werden. Außerdem können die EU-Institutionen bei sich selbst ansetzen und ihre öffentliche Beschaffung von Textilien an nachhaltigen Kriterien ausrichten. Im Europäischen Parlament haben wir bereits Fair-Trade-Kaffee, warum dieses nicht auf die Textilien ausweiten?

Nicht nur die Institutionen sind gefragt. Wie können wir als Christen verantwortlich handeln bzw. einkaufen?
Lietz:
Wir sollten uns zunächst fragen: Brauchen wir dieses eine Kleidungsstück unbedingt? Brauchen wir quantitativ mehr Kleidung oder brauchen wir qualitativ bessere Kleidung? Dann sollten wir uns immer beim Kauf fragen: Wo kam dieses Kleidungsstück her, wer konkret hat es produziert? Dazu gibt es eine tolle Initiative von Fashion Revolution: »Who made my clothes?«

Wenn wir mehr hinterfragen, wo und unter welchen Bedingungen unsere Kleidung hergestellt wird, ist ein erster Schritt getan. Dann können wir uns über Labels und fair produzierende Unternehmen informieren und feststellen, dass ein Fair-Trade-T-Shirt nicht teurer sein muss als ein normales Marken-T-Shirt.

Bei Modemarken ist das Image entscheidend – doch die Marke ist kein Garant für gute Produktionsbedingungen. Wie können sich Verbraucher hierzulande informieren?
Lietz:
Es gibt zum Beispiel den vor Kurzem veröffentlichten Transparenz-Index von Fashion Revolution, in dem aufgestellt wird, welches Unternehmen wie weit seine Lieferketten offenlegt.

Können Sie ein Umdenken seitens der Bekleidungsindustrie feststellen?
Lietz:
Leider haben nur sehr wenige Unternehmen ihr Geschäftsmodell umgestellt. Viele Unternehmen produzieren weiter unter schlechten Bedingungen. Die freiwilligen Initiativen (die teilweise von den Unternehmen mitgetragen werden) greifen nicht tief genug, bzw. führen nicht zur Verbesserung der Arbeits- und Umweltstandards. Deswegen die Forderung nach einer Gesetzesinitiative auf europäischer Ebene.

Intellektueller Kopf der Reformation

16. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Porträt: Ohne Philipp Melanchthon gäbe es die evangelische Kirche nicht

Wittenberg, 29. August 1518. Der größte Hörsaal der Universität ist überfüllt. Die Studenten warten auf ein Wunderkind, das ihr neuer Professor sein soll. Erst 21 Jahre ist er alt, dieser Philipp Melanchthon (1497–1560), und schon zum Lehrstuhlinhaber für griechische Sprache ernannt. Ein sagenhafter Ruf eilt ihm voraus. Ein kleines Männchen erklimmt den Katheder, schüchtern und mit hängenden Schultern. Leise, stockend beginnt der knabenhafte Professor zu reden, einen Sprachfehler hat er auch.

Was er zu sagen hat, reißt die Hörer mit. »Zu den Quellen«. Zurück zum Urtext der Bibel. Das ist – bereits in der allerersten Vorlesung – das Programm für eine Revolution des ganzen Bildungswesens. Auch Melanchthons vierzehn Jahre älterer Kollege Martin Luther, in Wittenberg Professor für biblische Theologie, ist fasziniert.

Das war der Beginn einer nicht gerade überschwänglichen, aber beständigen Freundschaft. Die beiden Männer waren in ihrer Persönlichkeit denkbar verschieden: Luther der stürmische Kraftmensch, der gern mit dem Kopf durch die Wand wollte, hitzig, reizbar, cholerisch, in seinen Attacken oft maßlos übertreibend. Melanchthon vorsichtig, stets auf Ausgleich bedacht, klug abwägend, aber auch ängstlich und risikoscheu. Bei der Motivation aber war dieselbe: die leidenschaftliche Sehnsucht nach einer geläuterten, zum Ursprung zurückgeführten Kirche, und die Liebe zur Bibel, die wieder zum alleinigen Maßstab christlicher Lehre werden sollte.

Philipp Melanchthon ist jener messerscharfe Denker gewesen, der die luthersche Vision mit humanistischer Gelehrsamkeit verbunden und damit den reformatorischen Ideen ihre solide gedankliche Basis gegeben hat.

Melanchthon war es, der Luther zu seiner Bibelübersetzung anregte. Es war Melanchthon, der die reformatorische Theologie in geschliffenen wissenschaftlichen Abhandlungen verteidigte, bei Religionsgesprächen und auf Reichstagen als Wortführer der Protestanten auftrat und die ersten Bekenntnisschriften verfasste. Die Reformation hatte ja erst begonnen, die alte römische Kirche und die neue protestantische Bewegung waren noch nicht getrennt, und es gab intensive Diskussionen über die richtige Lehre.

1521 landete er einen theologischen Bestseller. Das waren seine »Loci communes«, auf Deutsch könnte man »Theologische Grundbegriffe« sagen. Das beherrschende Thema in dieser griffigen, systematischen Zusammenfassung reformatorischer Theologie: Der Glaube allein macht selig. Melanchthon hatte unzweifelhaft seinen eigenen Kopf. Doch gerade weil er nicht einfach der unkritische Parteigänger einer bestimmten Richtung war, konnte er bei den vom Kaiser und von Rom veranstalteten Religionsgesprächen als idealer Vermittler dienen.

Das Denkmal des Reformators Philipp Melanchthon auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg. Foto: epd-bild

Das Denkmal des Reformators Philipp Melanchthon auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg. Foto: epd-bild

Einen ersten Höhepunkt erreichten die zähen Verhandlungen auf dem Reichstag von Augsburg 1530: Kaiser Karl V. wollte hier endlich einen Ausgleich zwischen den Religionsparteien herbeiführen. Alle Kräfte im Reich sollten einig sein, denn die Türken standen vor den Toren. Mit einem von ihm redigierten Kompromisspapier gelang es Melanchthon, zumindest die verschiedenen Fraktionen der Reformation unter einen Hut zu bringen. Dieses »Augsburger Bekenntnis«, lateinisch »Confessio Augustana«, sollte zeigen, dass die Protestanten keine wilden Rebellen waren, sondern auf dem Boden der kirchlichen Tradition standen – treu dem Evangelium und dem
unverfälschten Glauben der Väter.

Melanchthon stellte klar: Die reformatorische Lehre ist die gute, alte Lehre der Kirche abzüglich der in Rom eingerissenen Missstände. Damit war auch Luther völlig einverstanden; er mokierte sich allerdings etwas über Melanchthons behutsam-versöhnlerischen Ton – »ich kann so sanft und leise nicht treten!« Hatte »Magister Philippus« doch im Bemühen, die Römer nicht zu verprellen, auf die Erörterung solcher Reizthemen, wie der Stellung des Papstes und der Mittlerfunktion des Priesters, verzichtet. Das Gemeinsame war ihm stets wichtiger als das Trennende.

Melanchthon beschränkte sich nicht auf Verteidigungsschriften und theologische Summen. Die organisatorische Gestalt des deutschen Protestantismus mit Kirchenverfassung und Disziplin ist ohne ihn nicht denkbar. Und er setzte die tiefgreifendste Bildungsreform aller Zeiten in Deutschland in Gang, getreu seinem stolzen Motto: »Bildung ist mehr als Troja erobern!«

Denn mit Bildung, Wissen und Verstand lasse sich der Mensch veredeln und so die Welt verbessern. Deshalb beteiligte er sich unter anderem an der Gründung hoffnungsvoller neuer Universitäten in Jena, Marburg, Königsberg.

Doch der Einigungsprozess scheiterte erneut, weniger an theologischen Differenzen, sondern an Nebensächlichkeiten, Besitz- und Machtfragen. Die politischen Fronten verhärteten sich: Kaiser Karl V. träumte von einem Konzil, das die Lutheraner wieder in den Schoß der römischen Kirche zurückführen und ihm ein lästiges Problem vom Hals schaffen würde. Die protestantischen Fürsten wiederum fürchteten, der Kaiser werde die Einheit gewaltsam wiederherzustellen suchen, und gründeten ein Militärbündnis, den Schmalkaldischen Bund, zur Verteidigung ihrer Sache. Mittendrin Philipp Melanchthon, der immer wieder wesentliche Stücke einer Einigung zustandebrachte, aber eben nie den kompletten Friedensschluss; den hätte die Politik mit allen Mitteln torpediert.

Die zunehmende Kritik aus den eigenen Reihen stärkte Melanchthons Position nicht gerade. Dabei rackerte er sich für seine Kirche ab wie kein anderer, als Verhandlungsführer, als rühriges Mitglied zahlreicher Kommissionen und Gesprächskreise, als Autor und akademischer Lehrer, mit einer seltenen Besessenheit. Täglich hielt er drei bis vier Vorlesungen, doppelt so viele wie seine Kollegen. Ein einziges Mal fiel eines seiner Seminare aus: am Tag seiner Hochzeit mit der Kaufmannstochter Katharina Krapp.

Natürlich hatte Martin Luther die Beziehung eingefädelt; Melanchthon hatte schlicht keine Zeit zur Brautschau. Und wertete seinen Hochzeitstag später mürrisch als »Tag der Trübsale«. Immerhin gingen vier Kinder aus der sonderbaren Beziehung hervor. Philipp Melanchthon stand um zwei oder drei Uhr morgens auf, schrieb Briefe und arbeitete an seinen Vorlesungen. Nach einer Andacht mit Ehefrau und Dienstboten um sieben Uhr eilte er zur Hochschule. Er ging früh schlafen – nicht ohne noch ein Glas Rheinwein getrunken zu haben. Das scheint das einzige Zugeständnis des Asketen an die lustvollen Seiten des Lebens gewesen zu sein.

Als Melanchthon unter der dauernden Überlastung zusammenbrach und mit dem Tod rang, saß Luther stundenlang an seinem Bett und bestürmte den Himmel. Melanchthon wurde tatsächlich wieder gesund und wollte 1545 am Trienter Konzil teilnehmen, musste aber wegen kriegerischer Wirren umkehren. Das Konzil brachte die ernüchternde Erkenntnis, dass die Einheit endgültig verspielt war. »Gegenreformation« statt Dialog. Daheim in Wittenberg, seine Frau war gestorben und auch Luther überlebte die Konzilseröffnung nur um wenige Monate, kämpfte Melanchthon mit Schlaflosigkeit und Augenschwäche – und freute sich, obwohl er erst 48 Jahre alt war, auf den Tod, der ihn von der »Wut der Theologen«, wie er sagte, befreien würde.

Doch der Erlöser kam erst 15 Jahre später, am 19. April 1560. Auf Melanchthons Schreibtisch fand man einen Zettel, auf dem er notiert hatte: »Du kommst zum Licht. Du wirst Gott schauen und den Sohn sehen. Du wirst die wunderbaren Geheimnisse erfahren, die du in diesem Leben nicht begreifen konntest: warum wir so geschaffen sind und nicht anders und was es damit auf sich hat, dass wir Christus als Gott und Mensch zugleich bekennen.«

Christian Feldmann

Mit dem Herz bei den Menschen

15. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Tag der Pflege – für Steffi Schmaltz (51) und Hans-Jörg Vollbrecht (47) ist dieser Tag nicht nur einmal im Jahr. Mit der Pflegerin und dem Pfleger sprach Adrienne Uebbing.

Warum haben Sie sich für einen Pflegeberuf entschieden?
Schmaltz:
Ich hab, ganz ehrlich gesagt, keinen anderen gekannt (lacht). In meiner Familie sind sie alle Krankenschwester, und ich hab mit 16 Jahren Krankenschwester gelernt, also nach der 10. Klasse. Wahrscheinlich habe ich mich aus Familientradition dazu berufen gefühlt, zu helfen und in die Pflege zu gehen.
Vollbrecht: Ich hatte mich ursprünglich nicht für den Pflegeberuf entschieden. Das geschah eher aus der Not heraus. Ich bin gelernter Koch und war hier Küchenleiter. Als die Küche geschlossen wurde, ist die Geschäftsführerin auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich mir auch vorstellen könnte, in die Pflege zu gehen. Das habe ich dann getan, mich entsprechend weiterqualifiziert und für mich passt das jetzt sehr gut. Es war rückblickend ein Glücksfall. Wenn man mit Menschen umgehen kann und gerne hilft, dann ist das kein Problem.

Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Schmaltz:
Also, ich bin ja noch nie woanders gewesen als berufstätige Frau, ich hab immer diesen Beruf gemacht. Und er macht mir heute noch Spaß, sonst hätte ich das bestimmt schon eher mal aufgegeben. Aber ich bin mit Leib und Seele Krankenschwester. Ich kann nichts anderes und das ist für mich meine Berufung.

Was macht die Diakonie als Arbeitgeber aus?
Schmaltz:
Ich habe 1990 hier angefangen und bin auch in die Brüdergemeine eingetreten. Ich habe mich taufen lassen, zusammen mit meiner Tochter und meiner Mutter. Für mich ist der Glaube sehr wichtig. Und wir sind ja ein christliches Haus: Bei uns finden Gottesdienste statt und auch Andachten. Ganz ehrlich: Das macht für mich sehr, sehr viel aus. Das gibt mir viel Kraft. Meine Mitarbeiter sind nicht alle in der Kirchgemeinschaft, aber viele sind auch christlich, und das gibt mir Kraft.

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht.Foto: Sandra Smailes

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht. Foto: Sandra Smailes

Vollbrecht: Das macht wirklich einen Unterschied, ja. Ich bin Mitarbeitervertreter und wir haben etliche Kollegen, die wegen zwei-, dreihundert Euro mehr in andere Heime gehen. Von denen kommen ganz viele wieder zurück, weil sie sagen: Hier bei der Diakonie erleben wir Gemeinschaft und Teamgeist. Einer springt für den anderen ein, man lässt sich nicht hängen. Normalerweise, Ausnahmen gibt es immer, ist ja klar (lacht).

Wie empfinden Sie das Image des Pflegeberufes, was halten Ihre Familien und Freunde davon?
Vollbrecht:
Na ja, oft kommt ein ganz großes »Chapeau«, man zieht den Hut vor unserer Arbeit, aber: wirklich machen will sie keiner. Und wenn ich wieder einspringen muss, dann kommt schon von der Partnerin ein kritischer Blick. Aber das ist auch, denke ich, legitim.
Schmaltz: Was meinen Freundes- und Bekanntenkreis anbelangt – die schätzen meine Arbeit schon. Viele sagen aber: »Oh, das könnte ich nicht. Und immer feiertags arbeiten und am Wochenende …« Meine Familie hat Verständnis für die ungewöhnlichen Arbeitszeiten, für die Schichtarbeit. Wir kriegen das gut unter einen Hut. Da gibt es keine Fragen, es ist ganz normal, gehört eben dazu – wir kennen es nicht anders.

Frau Schmaltz, führt Ihre Tochter denn die Familientradition fort?
Schmaltz:
Nein. Stellen Sie sich das vor: Sie ist die Einzige, die das nicht kann. Bei uns sind ja alle in der Pflege gewesen: meine Oma, meine Mutter, meine Tante. Als meine Tochter es mal als Ferienarbeit versuchen sollte, hat sie gesagt: »Ich kann das nicht, Mutti.« Die ist aus der Art geschlagen (lacht).
Vollbrecht: Ja, manch einer kann z. B. mit Ausscheidungen von Menschen nicht so gut umgehen oder hat ein sehr starkes Geruchsempfinden. Damit muss man umgehen können.

Warum können Sie jungen Menschen empfehlen, einen Pflegeberuf zu ergreifen?
Vollbrecht:
Erstens, weil Pflegepersonal gebraucht wird. Denn die zu Pflegenden werden nicht weniger. Und außerdem kann man anderen helfen. Man bekommt Dankbarkeit zurück – auf alle Fälle.
Schmaltz: Ich empfehle den Beruf, weil der Dienst an den Menschen in meinen Augen mit das Wichtigste ist, was man machen kann. Und vor allem an den alten Menschen. Es ist nicht immer einfach, das wissen wir selbst. Auch wenn sie sterben – es ist schwierig, damit zurechtzukommen. Manchmal auch für mich, auch noch nach all den Jahren. Aber ich kann den Pflegeberuf nur empfehlen, weil unsere alten Leute bestimmt nicht weniger werden. Und hoffentlich gibt es dann noch Menschen, die das gerne machen.

Wenn Sie einen Wunsch in Bezug auf Ihren Arbeitsplatz frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Vollbrecht:
Mehr Zeit für die Patienten, für die zu Pflegenden, weniger Bürokratie, weniger Dokumentation. Ich glaube, diesen Wunsch haben alle.
Schmaltz: Auf meiner Arbeitsstelle ist es eigentlich wirklich schön und angenehm. Aber ich würde mir wünschen, dass wir vielleicht mehr Zeit hätten für unsere Bewohner. Ein bisschen mehr Zeit, um Gespräche führen zu können – das würde ich mir von von Herzen wünschen. Mal am Bett sitzen zu können, 20 Minuten oder eine halbe Stunde. Und den Menschen, den ich pflege, um den ich mich kümmere, noch besser kennenzulernen und nicht zum nächsten Bewohner zu rennen.

Aus drei wird eins
Die Reform der Pflegeberufe sieht vor, dass ab 2019 die bisher getrennten Bildungswege in der Pflege abgeschafft und in einer gemeinsamen Pflegeausbildung zusammengefasst werden. Wer diese dann drei Jahre lang durchläuft, kann anschließend sowohl als Kranken-, Alten- oder Kinderkrankenpfleger arbeiten. Wer sich aber auf Alten- oder Kinderkrankenpflege festlegen möchte, kann nach zwei Jahren auch in einen spezialisierten Zweig einschwenken. Die neuen Ausbildungsregeln sollen zunächst für sechs Jahre getestet werden.

(G+H)

»In vier Jahren bist du tot«

14. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Eine krasse Idee: Der württembergische Pfarrer Heiko Bräuning hat sich ein Sterbedatum gesetzt. Er wollte spüren, wie es sich im Angesicht des Todes lebt. Nun kündigt er seine Arbeitsstelle.

Die Traueranzeige hatte er im Jahr 2012 entworfen:

Feuilleton-3-19-2017Doch das Ganze nur als Experiment, als Gedankenspiel. Der evangelische Pfarrer setzte sich das fiktive Sterbedatum, um zu erfahren, wie es sich angesichts des bevorstehenden Todes lebt. Seine Erlebnisse und Gedanken aus diesen vier Jahren hat er in einem Buch zusammengefasst.

In Kirchen hört man das Gebet aus Psalm 90, Vers 12 häufiger: »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.« Doch wie soll man das bedenken, wenn es einen jeden Tag treffen kann, andererseits statistisch das Lebensende noch Jahrzehnte entfernt liegt? Genau deshalb ist Bräuning auf die Idee eines vier Jahre entfernten Todestages gekommen.

Kaum steht der Termin im Kalender, verändert sich vieles. Warum soll er noch so viele Überstunden im Büro machen, anstatt mit seinem Sohn auf den Fußballplatz zu gehen, fragt er sich. Warum soll er mit seiner Ehefrau im Clinch liegen, wenn demnächst ohnehin alles vorbei ist? Warum soll er in den letzten Monaten seines Lebens noch in Dinge investieren, die ihm weder Spaß machen noch sein Interesse finden? Zeit wird auf einmal sehr kostbar.

Ihm gehe es »nicht um eine perfekte Sterbevorbereitung, sondern um eine gute Lebenseinstellung«, schreibt Bräuning. Für den verheirateten Vater von vier Kindern hat das Experiment weitreichende Konsequenzen. Der 47-Jährige erkennt, dass er als Gemeindepfarrer – derzeit auf einer 50-Prozent-Stelle – nicht am richtigen Platz ist. Deshalb wird er zur Jahresmitte aus dem landeskirchlichen Dienst aussteigen.

Heiko Bräuning: Manche haben ihn vor einer »selbsterfüllenden Prophezeiung« gewarnt. Foto: epd-bild

Heiko Bräuning: Manche haben ihn vor einer »selbsterfüllenden Prophezeiung« gewarnt. Foto: epd-bild

Gewachsen ist seine Leidenschaft für den TV-Gottesdienst »Stunde des Höchsten«, den er vor acht Jahren ins Leben gerufen hat. Die Sendungen werden auf Bibel TV und im Internet ausgestrahlt. Das Diakoniewerk »Die Zieglerschen« in Wilhelmsdorf bei Ravensburg, bei dem Bräuning ebenfalls zu 50 Prozent angestellt ist, unterstützt diese Medienaktivitäten. Weiterhin wird der Fernsehpfarrer und Liedermacher Konzerte geben sowie in der Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg mitarbeiten.

Die persönliche Deadline hat den Theologen dazu geführt, schneller Nägel mit Köpfen zu machen. »So viele Entscheidungen werden nicht getroffen, weil ich Angst davor habe, was andere über mich sagen«, schreibt er. Und deshalb gönnt er sich Dinge, die immer wieder aufgeschoben wurden: Der begeisterte Klavierspieler kauft sich einen Flügel, nimmt sich viel mehr Zeit fürs Texten und Komponieren, macht den Bootsführerschein, besucht die Passionsfestspiele in Oberammergau, geht mit seinen Kindern ins Stadion zu einem Spiel der Fußball-Nationalmannschaft.

Sein neues Motto: »Nichts mehr auf die lange Bank schieben. Nichts mehr aussitzen. Nichts mehr abwarten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.«

Bräuning, Heiko: Mein Deadline-Experiment. Vom fiktiven Sterben zum glücklicheren Leben, cap-books, 160 S., ISBN 978-3-86773-283-3, 13,99 Euro

Bräuning, Heiko: Mein Deadline-Experiment. Vom fiktiven Sterben zum glücklicheren Leben, cap-books, 160 S., ISBN 978-3-86773-283-3, 13,99 Euro

Als das gesetzte Todesdatum näher rückt, bekommt es Bräuning allerdings mit der Angst zu tun. Manche haben ihn vor einer »selbsterfüllenden Prophezeiung« gewarnt. An dem Tag selbst rechnet er jeden Moment damit, einen tödlichen Unfall zu erleiden oder an einem Herzinfarkt zu sterben. Doch es passiert nichts – und das Leben geht für ihn weiter.

Heute lebt er nach eigenen Worten anders, bewusster. Wie das auch anderen Menschen gelingen kann, ohne gleich einen Todestermin in den Kalender zu setzen, beschreibt er im letzten Abschnitt seines Buchs. Er wirbt dafür, die eigene Mitte im Leben zu finden, Dankbarkeit zu entdecken, Belastendes loszulassen und den Genuss in den Alltag zurückzuholen – bevor der Tod tatsächlich kommt.

Marcus Mockler (epd)

Heilung der Erinnerung

9. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Im Vorfeld der 12. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Namibia (11. bis 16. Mai) hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Nachfahren des Völkermords im früheren Deutsch-Südwestafrika um Vergebung gebeten.

Von 1884 bis 1915 war das heutige Namibia eine deutsche Kolonie. Die afrikanische Bevölkerung, besonders die Herero und die Nama, setzte sich gegen die zunehmende Entrechtung und Enteignung sowie rassistische Diskriminierung zur Wehr. Ihr Aufstand wurde mit Vernichtungsbefehlen beantwortet und blutig niedergeschlagen; bei Kämpfen, Massakern und später in Konzentrationslagern starben Schätzungen zufolge in den Jahren 1904 bis 1908 bis zu 100 000 Menschen – aus Sicht von Historikern der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

Unter Palmen: Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Windhuk. In der namibischen Hauptstadt kommt in Kürze der Lutherische Weltbund zusammen. Vor wenigen Wochen hat die EKD die namibischen Volksgruppen der Herero und Nama um Verzeihung für den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 gebeten. Foto: epd-bild

In einer vom Rat der EKD Ende März verabschiedeten Erklärung stellt sich die Evangelische Kirche in Deutschland ausdrücklich ihrer historischen Mitverantwortung für die im heutigen Namibia begangenen Gräueltaten. Auch wenn nach Quellenlage die nach Südwestafrika entsandten deutschen evangelischen Pfarrer nicht selbst direkt zu den Massentötungen aufgerufen hätten, traten sie doch bis auf wenige Ausnahmen dem Völkermord nicht entgegen. Vielmehr sei durch die theologische Rechtfertigung von imperialem Machtanspruch und kolonialer Herrschaft der Boden für den Tod vieler Tausender Angehöriger der namibischen Volksgruppen bereitet worden.

Ein »tiefsitzender Rassismus, gespeist aus einem kulturellen Überlegenheitsgefühl und einer tief gegründeten Angst um die eigene, möglicherweise gefährdete Identität« habe ihr Denken geprägt und ihr Reden und Handeln vergiftet, heißt es in der Erklärung. »Dies ist eine große Schuld und durch nichts zu rechtfertigen.«

Als Nachfolgeinstitution des einstigen Evangelischen Preußischen Oberkirchenrats, der seinerzeit im Auftrag aller deutschen evangelischen Landeskirchen handelte, bekenne sich die EKD »heute ausdrücklich gegenüber dem gesamten namibischen Volk und vor Gott zu dieser Schuld. Wir bitten die Nachfahren der Opfer und alle, deren Vorfahren unter der Ausübung der deutschen Kolonialherrschaft gelitten haben, wegen des verübten Unrechts und zugefügten Leids aus tiefstem Herzen um Vergebung.«

Dieses Schuldbekenntnis sei Ausdruck einer bleibenden historischen und ethischen Verpflichtung. Man wolle gemeinsam mit den Nachfahren der Ermordeten das Gedenken an die Opfer wachhalten und für die Anerkennung des Genozids öffentlich eintreten. Es gehe darum, »an der Überwindung des durch die deutsche Kolonialherrschaft begründeten und danach fortgesetzten Unrechts zu arbeiten«.

Der Erklärung war ein zweiteiliger Studienprozess (2007–2015) zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Rolle der Kirche und Missionswerke während der Kolonialzeit vorangegangen. Die Aufarbeitung soll allen Beteiligten dabei helfen, »als Kirche Jesu Christi nicht nur Vergangenes besser zu verstehen, sondern auch die Wunden der Vergangenheit zu heilen und eine friedliche und gerechte Zukunft mitzugestalten«.

»Wir müssen uns an die Zeit des Kolonialismus erinnern, aber wir brauchen dazu den Geist der Versöhnung. Die Befreiung unserer Länder kann nur dann gelingen, wenn Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen zusammenkommen, sich den Schmerz und die Sorgen der anderen anhören und sich die Hand reichen«, wird der frühere Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Namibia, Zephania Kameeta, in der EKD-Erklärung zitiert.

Kameeta, heute Minister für Armutsbekämpfung und soziale Wohlfahrt, wird anlässlich der LWB-Vollversammlung bei der großen Reformations-Gedenkfeier am 14. Mai im Sam-Nujoma-Fußballstadion in Windhuk die Predigt halten.

Im Vorfeld der LWB-Vollversammlung in der namibischen Hauptstadt hat dessen Generalsekretär Martin Junge die Hoffnung geäußert, dass die EKD-Erklärung zu den Kolonialverbrechen sowie Gespräche zwischen den Kirchen in Namibia und Deutschland die Aussöhnung zwischen beiden Ländern beschleunigen könne. Er begrüßte zudem die Aufarbeitung der Verbrechen durch beide Regierungen: »Das ist ein Versöhnungsprozess zwischen Namibia und Deutschland«, sagte Martin Junge dem Evangelischen Pressedienst.

Sollte der LWB gebeten werden, dabei zu vermitteln, sei der Dachverband dazu bereit. Bisher habe sich der Weltbund aus gutem Grund nicht in diesen komplexen Prozess eingemischt. »Jeder Versöhnungsprozess ist einzigartig, es gibt keine Standardlösungen, vielmehr müssen die Akteure herausfinden, wie das Geschehene gemeinsam benannt werden soll und wie man sich einer gemeinsamen Zukunft zuwenden kann«, so Martin Junge. Aussöhnung sei das Fundament für zukünftige Zusammenarbeit.

Ende Februar hatten Nachfahren der Völkermord-Opfer die deutsch-namibischen Regierungsverhandlungen über die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte kritisiert. Vertreter der Volksgruppen der Herero und Nama seien an den Gesprächen nicht beteiligt, sagte die Vorsitzende der Ovaherero Genocide Foundation, Esther Muinjangue. Sie betonte, dass die Opfervertreter keine individuellen Entschädigungen forderten. Auch eine konkrete Summe wurde nicht genannt. Vorstellbar sei stattdessen etwa der Bau einer von Deutschland finanzierten Universität im südlichen Namibia, die Herero und Nama sowie anderen Bewohnern Namibias offenstehen solle, sagte Muin­jangue.

Auch sei eine offizielle Entschuldigung Deutschlands für den Genozid dringend erforderlich.

Adrienne Uebbing

www.ekd.de/EKD-Texte/weitere_texte.html

Blog zur LWB-Vollversammlung in Namibia:
felixkalbe.de/category/namibia/

Sie schwingen und klingen

Kirchenglocken: Zu hören sind sie mindestens jeden Sonntag, meist auch öfter in der Woche. Warum Glocken­geläut Musik ist und warum welche Glocken wann läuten.

Glocken sind das öffentlich wahrnehmbare Signum christlicher Kirchen. Die weithin zu hörenden Musikinstrumente kennzeichneten die Kirchen, lange bevor es Orgeln gab. Doch Glocken sind bedroht. Weniger sind es Wind und Wetter, die den bronzenen Kunstwerken zusetzen. Schließlich haben viele, die heute in den Kirchtürmen hängen, nicht nur Gewitter und Stürme, sondern selbst Kriege und Plünderungen überstanden. Was den Glocken zusetzt, sind Unverständnis und Ignoranz. Nicht jedes Mitglied einer Kirche würde vermutlich dem Satz zustimmen: Glocken sind Musikinstrumente.

In der Tat: Glocken können unter bestimmten Umständen auch dem Bundes-Immissionsschutzgesetz und dessen Umsetzung der »Technischen Anleitung zum Schutz vor Lärm« unterliegen. Heute ist indes höchstrichterlich geklärt, dass Glocken nur dann dieser Verwaltungsvorschrift entsprechend verstanden werden, wenn sie die Zeit anzeigen – der Stundenschlag also gilt verwaltungstechnisch als »Lärm«. Dabei ist der Klang eines jeden Geläuts musikalisch bestimmt.

Jede Glocke hat ihre eigene Aufgabe. Foto: Gina Sanders – fotolia.com

Jede Glocke hat ihre eigene Aufgabe. Foto: Gina Sanders – fotolia.com

Das kirchlich-liturgische Geläut unterliegt einer anderen Regel. In jeder Kirchengemeinde sollte es entsprechend der örtlichen Traditionen Läuteordnungen geben.

Jede Glocke, gleich wie viele im Turm hängen, hat ihre eigene Aufgabe: gibt es zwei Glocken im Turm, so ist die größere die »Betglocke«, die kleinere wird als »Kreuzglocke, Tauf- und Schiedglocke« geläutet. Stehen drei Glocken zur Verfügung, so wird die mittlere zur Kreuz- und Schiedglocke. Am häufigsten anzutreffen sind vierteilige Geläute. Sie bestehen aus der größten Glocke, die meist als Betglocke geläutet wird, die nächstkleinere wird zur Kreuz- und Schiedglocke, die dritte zur Zeichenglocke und die kleinste zur Taufglocke.

Die Betglocke wird üblicherweise am Morgen und am Abend geläutet. Außerdem erklingt sie zur Mittagszeit. Die Morgenglocke will zum Morgengebet wecken und täglich an die Auferstehung Christi erinnern. Die Mittagsglocke ruft – anders als vielerorts angenommen wird – nicht zum Mittagessen oder zur Mittagspause, sondern zum Gebet für den Frieden. Das Abendgeläut erklingt zur dritten Gebetszeit des Tages, zum Dank für den Tag und zum Bedenken des Endes. Die Betglocke bekommt auch im sonntäglichen Gottesdienst eine Aufgabe: Sie läutet, während die versammelte Gemeinde das Vaterunser spricht, und lädt damit all jene ein, das Gebet mitzusprechen, die nicht am Gottesdienst teilnehmen können.

Dort, wo es Kreuzglocken gibt, werden diese um 11 Uhr am Vormittag und um 15 Uhr geläutet, mancherorts bereits um 9 Uhr. Zu diesen Zeiten wird an Leiden und Sterben Jesu Christi erinnert: 9 Uhr gilt als die Stunde der Kreuzigung, 11 Uhr als die Stunde der hereinbrechenden Finsternis, von der die Evangelisten Matthäus (Kapitel 27), Markus (Kapitel 15) und Lukas (Kapitel 23) berichten. 15 Uhr gilt demnach als die Todesstunde Jesu. Deshalb wird diese Läutezeit auch »Schiedungsläuten« genannt.

Die Zeichenglocke erinnert eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn an den Kirchgang. »Denn mit der Freude Feierklange / Begrüßt sie das geliebte Kind / Auf seines Lebens erstem Gange, / Den es in Schlafes Arm beginnt«, so beschreibt Friedrich Schiller in seinem »Lied von der Glocke« die Aufgabe der kleinsten Glocke. In der Regel wird sie als Taufglocke genutzt. Die Taufglocke erklingt, während im Gottesdienst ein Mensch getauft wird. Wenn es aber bei Schiller heißt: »Schwer und bang / Tönt die Glocke / Grabgesang. / Ernst begleiten ihre Trauerschläge / Einen Wandrer auf dem letzten Wege«, dann ist es die Schiedglocke, die eingesetzt wird. Sie läutet, wenn ein Mitglied der örtlichen Kirchengemeinde verstorben ist. Je nach örtlichem Brauch wird sie am Folgetag um die Mittagszeit oder am Vormittag geläutet. Dieser Glockenruf erinnert an den oder die Verstorbenen und mahnt wie Psalm 90 (Vers 12) an den eigenen Tod.

»Quillt der Segen / Strömt der Regen, / Aus der Wolke, ohne Wahl, / Zuckt der Strahl! / Hört ihr’s wimmern hoch vom Turm! / Das ist Sturm! / Roth wie Blut / Ist der Himmel. / Das ist nicht des Tages Glut!« Zur Warnung vor Unwetter und bei Feuer geläutet wurde noch zu Zeiten Schillers und lange danach. Diese Funktion haben Kirchenglocken heute nicht mehr.

Läuten zum Gottesdienst ist die zentrale Aufgabe der Glocken. Doch auch da gibt es Unterschiede. So wird mancherorts nur einmal, andernorts zweimal mit einer Glocke geläutet, und zwar eine und dann nochmals eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn drei bis fünf Minuten lang. Das volle Geläut erklingt zu den Hauptgottesdiensten am Sonntag und an den hohen Feiertagen. Dabei gibt es immer wieder Diskussionen darüber, wann das volle Geläut ertönen soll. »Vorläuten« heißt es, wenn die Glocken etwa zehn Minuten vor dem Gottesdienstbeginn klingen.

Beim festlichen Geläut zu Gottesdiensten soll, damit die volle Wirkung zu hören ist, mit der kleinsten Glocke begonnen werden. Dann werden in Abständen von etwa zehn Sekunden die weiteren Glocken von klein nach groß eingeschaltet. In der gleicher Reihenfolge wird das Geläut beendet, sodass die jeweils größte Glocke, häufig als Dominika, die Beherrschende, bezeichnet, als letzte ausklingt.

M. Ernst Wahl

Der Gesellschaftsreformer

8. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Mit Blick auf Europa können wir von Martin Luther noch eine Menge lernen, findet Klaus-Rüdiger Mai. Mit dem Schriftsteller sprach Sabine Kuschel.

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Herr Mai, Sie beschäftigen sich in Ihren Büchern als Historiker und Philosoph mit Martin Luther. Was interessiert Sie an ihm?
Mai:
Wir machen einen Fehler, wenn wir Luther als Theologen im heutigen Sinne verstehen. Denn heute ist die Theologie eine Fachwissenschaft – wie Medizin, Geschichte, Philosophie und Physik. Im Mittelalter war sie Allgemeinwissenschaft. Alle Fächer gingen in Theologie über. Für alle alltäglichen und wissenschaftlichen Fragen galt immer die Autorität der Theologie. Ich würde Martin Luther aus heutiger Sicht als Gesellschaftsreformer, Gesellschaftsdenker sehen. Er hat über alles nachgedacht und geschrieben: über Bildung, über Wirtschaft, über Eheleben, Kriegswesen, um nur einige Beispiele zu nennen – Themen, die nicht unbedingt Kernthema von Theologie sind. Insofern hat mich, wenn ich mich mit dieser Zeit beschäftige, Luther interessiert.

Was ist in Ihren Augen die besondere Leistung Luthers?
Mai:
Luthers Ansatz von der Freiheit eines Christenmenschen ist für mich das Gründungsdokument des modernen Europas. Wer nicht genauer hinschaut, mag das übertrieben finden. Aber die Grundlage unserer modernen Gesellschaft beruht auf dem Individuum, auf dem Bürger. Genau das hat Luther definiert. Nämlich die Freiheit der Bürger. Das begeistert mich an dem Reformator. Er ging vom Individuum aus, vom Christen, der die Gnade des Glaubens hat.

Der Gerechte lebt aus Glauben allein. Das heißt auch, er ist nicht Masse, nicht Verfügbarkeit, sondern ein Einzelner, der sich dieses Geschenkes bewusst werden sollte. Luther definiert in seiner Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, was Freiheit ist. Er sagt: Der Christenmensch ist frei und keinem untertan. Und er sagt: Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und aller Dinge und jedem untertan. Damit meint er, dass der Christ eine Verantwortung für die Schöpfung hat. Und deswegen ist Luthers Freiheitsbegriff der modernste. Er balanciert Freiheit, Gewissen und Verantwortung aus. Ich habe in den nachfolgenden 500 Jahren nichts Klareres, Besseres als Luthers Definition gefunden.

Wir können also von Luther noch etwas lernen?
Mai:
Unbedingt! Die Vorstellung von einem Zentralstaat war Luther fremd. Dass es ein Zentrum in Rom gibt, dem alle zuzuarbeiten haben, hat Luther nicht akzeptiert. Er denkt, modern gesprochen, föderaler, regionaler. Seinen Widerstand gegen Rom, gegen eine über allem thronende Macht, wo der Christ, der Untertan als Einzelner nicht mehr vorkommt, finde ich nahezu modern. Wenn wir heute in Europa über zentrale oder regionale Strukturen, über ein EU-Brüssel oder ein Europa der Regionen reden, können wir von Luther eine ganze Menge lernen.

Die nationale Sonderausstellung beleuchtet Luthers Verhältnis zu den Deutschen. Dabei geht es in besonderer Weise um seine Bibelübersetzung …
Mai:
Es gab bereits Bibelübersetzungen ins Deutsche. Die fanden aber keinerlei Anwendung. Denn es war zu Zeiten des Reformators und davor verpönt, die Bibel zu lesen. Martin Luther hatte im Kloster Schwierigkeiten, weil man nicht verstanden hat, warum er so oft, so intensiv die Bibel studierte. Die Kirche fürchtete, dass die Bibel falsch verstanden werden konnte, sie sorgte sich um ihre Deutungshoheit. Deswegen sollten die Leute nicht in die Bibel schauen. Luther aber sagte: Alle Christen sind gleich, es gibt keinen Unterschied zwischen den Christen, zwischen dem Bauern, der ein Christ ist, und dem Papst, keine Über- und keine Unterchristen. Wenn sich alle mit der Bibel beschäftigen sollen, dann muss sie auch für alle verständlich sein.

Luther verbindet seine Bibelübersetzung mit der Forderung an jeden Christen, sie täglich zu lesen. Auch aus diesem Grund tritt er dafür ein, dass alle lesen und schreiben lernen. Die Bibelübersetzung wiederum wird notwendig, damit dieses Ziel erreicht werden kann.

Illustrationen: www.3xhammer.de

Illustrationen: www.3xhammer.de

Da er möchte, dass die Leute die Bibel auch verstehen, »schaut er dem Volk aufs Maul«. Luthers Sprachgenie gilt noch immer als unerreichbar und als Vorbild …
Mai:
Martin Luther hatte ein unglaubliches Gehör für Dialoge, für die Ausdrucksweise der Menschen. Das hat zu tun mit seiner Herkunft. Er ist in der sehr vitalen, sehr vielgestaltigen wirtschaftlichen Welt des Erzbergbaus in Mitteldeutschland groß geworden. Dort entwickelte er das Gespür für die deutsche Sprache, die damals noch keine Literatur- und Kultursprache war. Kultur- und Wissenschaftssprache war Latein.

Mit anderen Worten, Luther hat mit seiner Bibelübersetzung die Volkssprache auf ein literarisches Niveau gehoben, ohne dass dabei die Verständlichkeit verlorenging, ohne dass die Sprache dadurch abstrakt, blutleer wurde, ohne dass sie ihre Verhaftung im Alltagsleben der Menschen einbüßte.

Die Menschen des Mittelalters waren von Angst gepeinigt. Theologisch ist Luther zu der Erkenntnis gelangt, dass der Christ nichts leisten, keine Werke vollbringen muss. Er ist gerecht aus Glauben. Das war das Neue, das Befreiende …
Mai:
Luthers Erkenntnisse öffneten zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Tore und Türen zu einem neuen, sehr praktischen Lebensverständnis. Auch Luther hatte zunächst Angst vor Jesus Christus, der für ihn ein schrecklicher Richter war. Aber er kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass Gottes Gerechtigkeit vollkommen anders funktioniert, als es bisher gelehrt wurde. Erstens entdeckt Luther in Christus den Liebenden und zweitens begreift er, dass der Gerechte aus Glauben allein lebt. Diese Vorstellung schiebt die ganze Ablasspraxis, die ganze Werkgerechtigkeit vollkommen beiseite. Das bringt eine ungeheure Befreiung. Albrecht Dürer, der ein großer Verehrer von Luther war, schreibt deshalb: »Martin Luther hat mich befreit.«

Luther wies den Menschen seiner Zeit, die in Glaubensbedrängnissen litten, einen neuen Weg. Deswegen diese plötzliche Begeisterung vieler Zeitgenossen für Luther und für das, was er sagte.

Die zehnjährige Beschäftigung mit der Reformation treibt gelegentlich sonderbare Blüten. Wie geht es Ihnen damit?
Mai:
Na ja, ich würde mir Luther nicht als Playmobil kaufen und hinstellen. Aber dem Reformator schadet das nicht. Solche Blüten dürfen jedoch nicht zum Gegenstand ernsthafter Kritik erhoben werden. Ich stimme nicht in die Kritik einiger Kirchenhistoriker ein, die eine zu große Oberflächlichkeit festzustellen meinen. Meine Kritik richtet sich gegen einen anderen Effekt, der eintritt, wenn zehn Jahre lang gefeiert wird. Man wird mäklig. Und dann fängt man an, die dunklen Seiten der Reformation und Luthers aufdecken zu wollen und kippt ahistorisch wohl eher selbst schwarze Farbe hin, als dass man tatsächlich dunkle Stellen ausfindig macht.

Überdies habe ich manchmal den Eindruck, dass die Funktionäre der EKD verführt zu sein scheinen, nicht Martin Luther, sondern sich selbst in der Reformationsdekade zu feiern.

Ich hingegen möchte Martin Luther feiern, indem ich die Aktualität seines Denkens und Handelns immer aufs Neue entdecke.

Klaus-Rüdiger Mai (Jahrgang 1963) ist Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. In seinen Sachbüchern beschäftigt er sich mit religiösen und gesellschaftspolitischen Fragen. Zwei Bücher über Martin Luther stammen aus seiner Feder.

• Mai, Klaus-Rüdiger: Martin Luther – Prophet der Freiheit. Romanbiografie, Kreuz Verlag, 448 S., ISBN 978-3-451-61226-8, 22 Euro (siehe Rezension Seite 13)
• Mai, Klaus-Rüdiger: Gehört Luther zu Deutschland? Herder Verlag, 208 S., ISBN 978-3-451-34846-4, 19,99 Euro

Luther würde andere Zeichen senden

8. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Sorgte für Furore: Erik Flügges Buch »Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt.« Katja Schmidtke sprach mit Erik Flügge über Luthers Bibelübersetzung und dass sein Deutsch heute nicht zum Vorbild taugt.


Herr Flügge, Martin Luther hat auf der Wartburg die Bibel übersetzt. Mögen Sie sein Deutsch?
Flügge:
Ich kann es nicht nicht mögen, weil ich es – wie wir alle in Deutschland – spreche. Die Kraft seiner Bibelübersetzung war so groß, dass sich die allgemeine deutsche Sprache daran anpasste. Wir sprechen heute alle Lutherisch.

Was wir von ihm lernen können: In seiner Zeit produziert er den dichtesten und kraftvollsten Text. Aber ich bin mir sicher, würde Luther heute leben, würde er nicht noch einmal die Bibel übersetzen. Es gibt ja bereits Dutzende Übersetzungen. Nein, er würde andere Zeichen in diese Welt senden.

Erik Flügge, geboren 1986, ist Kommunikationsberater und politischer Stratege. Zuvor war er in der katholischen Bildungsarbeit tätig. Foto: David Sievers Photography

Erik Flügge, geboren 1986, ist Kommunikationsberater und politischer Stratege. Zuvor war er in der katholischen Bildungsarbeit tätig. Foto: David Sievers Photography

Prediger von heute können sich also an Luthers Deutsch kein Beispiel nehmen?
Flügge:
Nein. Denn es ist ein Deutsch aus Luthers Zeit. Er hat etwas für die Menschen seiner Zeit formuliert. Und diese Menschen hatten Eigenschaften, die wir heute in Deutschland nicht mehr haben: Es handelte sich zum überwiegenden Teil um Analphabeten, um angstgetriebene Menschen, die in tiefer Furcht davor waren, in die Hölle zu kommen. Und für sie produziert Luther den passenden, den befreienden Text.

Das ist das Problem protestantischer Verkündigung: Pfarrer, die heute Luthers Sprache reproduzieren und sich fragen warum es nicht funktioniert. Wir leben in einer anderen Welt, mit anderen Fragen und Bildungsvoraussetzungen.

In Ihrem Buch kritisieren Sie die Sprache der Kirche als Gefühlsduselei und Aneinanderreihung von Worthülsen. Was erwarten Sie von einer guten Predigt?
Flügge:
Ich bin Katholik und habe ein Buch über den Katholizismus geschrieben, der tendiert zur Gefühlsduselei. Der Protestantismus hat eine andere Schwachstelle: Er tendiert zum ewigen Zitat. In Predigten finden sich pausenlos Zitate Luthers, Melanchthons, anderer Denker, wörtlich aus der Bibel. Dabei geht völlig verloren, eigene – auf der Bibel basierende – aber eben eigene Gedanken zu produzieren.

Eine Predigt, über die sich nicht mindestens eine Person aufregt, ist nichts wert. Sie enthält keine Position. Die durchaus umstrittene Margot Käßmann weiß das und sie bezieht in der Frage von Krieg und Frieden klar Position. Sie eckt damit an. Aber sie wird damit auch erkannt.

Also ist Ihre Kritik weniger eine Kritik an der Sprache als an Inhaltslosigkeit?
Flügge:
Sprache ist komplex – deswegen hat es für ein ganzes Buch gereicht. Aber ja. Einer meiner Kritikpunkte lautet: Ihr habt keine Position mehr. Ich finde es dramatisch, dass es das Reformationsjubiläum bis jetzt nicht geschafft hat, auch nur einen einzigen großen gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen.

Das bisschen Gerede um die Ökumene interessiert in der Gesamtbevölkerung nicht. Bislang gibt es keine Knallerthese, über die ganz Deutschland zumindest mal eine Woche debattiert und meine Vermutung ist, das wird auch nicht noch passieren. Also bleibt es beim Reformationsgedenken.

Laut idea sind die Gottesdienstbesuche auf einem neuen Tiefstand. Aber bei Hauskreisen, Gesprächsabenden, wenn man anpacken kann, sind Leute da. Wie kommt das?
Flügge:
In solchen Hauskreisen geht es konkret um den Glauben, es wird überhaupt mal statuiert, was ich glaube und dass ich an Gott glaube. Das geht vielen Predigten ab. Da wird Universität gespielt anstatt Zeugnis über den Glauben abzulegen. Hinzu kommt: In kleinen Zirkeln fällt auch die Inszenierung, die Pseudoautorität weg. Und da sind wir bei dem, was frühe Christen gemacht haben: Sie stellten sich nicht mit Mikrofonen in Hallen, sondern sie gingen zu Menschen und aßen rituell gemeinsam und sprachen über ihren Glauben.

Nicht ganz Trumps Amerika

2. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

100 Tage im Amt: Am 20. Januar wurde Donald Trump als 45. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt – ein erstes Resümee.

Präsident Trump verwirrt. Erst war er skeptisch wegen des US-Militäreinsatzes in Syrien, dann schickte er Marschflugkörper. Im Konflikt um das nordkoreanische Atomprogramm setzt er auf eine verstärkte Präsenz seines Militärs im Pazifik. Russland mutierte zum »Bad Guy« (bösen Buben). Doch viel wirklich Superneues gibt es nicht in den USA: Zur Person Donald Trump ist Amerika nach wie vor gespalten. Dessen Sprüche und Programme bleiben nationalistisch, ziemlich radikal marktorientiert. Die Umsetzung stößt allerdings auf beträchtliche Opposition.

Drei Monate Donald Trump im Weißen Haus beziehungsweise an Wochenenden: Donald Trump im Mar-a-Lago Luxusresort in Palm Beach in Florida – wo die Kronleuchter funkeln, das Sonnenlicht auf dem Wasser glitzert und der Privatstrand am Atlantik eben privat ist. Doch manchmal entsteht der Eindruck, der Präsident sehne sich zurück nach dem Wahlkampf. Das mit dem Regieren ist gar nicht so einfach, trotz seiner Twitter-Ausbrüche zu allem Möglichen und der großen Trump-Statements zu Wirtschaftsbelebung und Sicherheit. Gerne tritt der Präsident auf bei Großveranstaltungen in Kentucky und Tennessee und anderswo, wo »seine Leute« groß für ihn gestimmt haben, und viele offenbar noch heute darauf vertrauen, dass Trump ihre Lebensumstände verbessern und Amerika wieder großartig machen wird.

Im Mai spricht Trump bei der Abschlussfeier der evangelikalen »Liberty University« in Virginia. Deren Chef Jerry Falwell zählt zu Trumps engsten evangelikalen Fans; er verteidigte Trump auch zu Zeiten, als der Kandidat wegen frauenfeindlicher Bemerkungen ins Schlingern kam. Falwell erklärte im »Christian Broadcasting Network«, Trumps Unterstützer, »einschließlich mehr als 80 Prozent der evangelikalen Community, sind begeistert«. Dass die »Mainstream Medien … ihn ständig angreifen … mit grundlosen und unehrlichen Behauptungen, ist Zeichen, dass Präsident Trump wunderbare Arbeit leistet«.

Trumps Amerika und viele Trump-Wähler sehen sich als Opfer von gegen sie gerichteten Veränderungen – demografische, kulturelle, und wirtschaftliche. Kandidat Trump hatte kaum konkrete Pläne vorgelegt, vielmehr das Gefühl vermittelt, in seinem Amerika werde der von Regierung und »Estab­lishment« vergessene Amerikaner Gehör finden. Und nun? Die Kluft zwischen Reden und Regieren trat krass hervor bei Präsident Trumps erstem großen Realitätstest, dem fest versprochenen Abschaffen der Krankenversicherung »Affordable Care Act«, im Volksmund Obamacare genannt – angeblich ein »Desaster« wegen der Versicherungspflicht und hoher Kosten.

Trumps Alternative scheiterte trotz der republikanischen Mehrheit im Kongress. Manchen Politikern war sie nicht marktorientiert genug, andere waren schockiert von der Analyse des überparteilichen Haushaltsbüros, vierzehn Millionen Menschen würden 2018 bei »Trumpcare« ihre Versicherung verlieren. Gegenwärtig haben manche Republikaner Probleme, den in Trumps Haushaltsentwurf vorgesehenen sozia­len Kahlschlag zu verkaufen. Er passt zum ideologischen Wunsch nach wenig Regierung, täte jedoch auch vielen Trump-Wählern weh.

Öffentlichkeitswirksam waren die Inszenierungen, bei denen Trump mit einem dicken Stift Exekutivanordnungen unterzeichnete: Zu Einreisebeschränkungen für Muslime und Flüchtlinge, für die Mauer an der Grenze zu Mexiko, für den Bau von Erdöl-Pipelines und gegen Umwelt- und sonstige Vorschriften, mit denen die Industrie und die fossile Energie laut Trump behindert worden seien.

Gerichte haben die neuen Einreiseregeln erst einmal blockiert, und mit den anderen Vorschriften hat Trump auch eine Oppositionsbewegung belebt. Viele hundert neue Aktionsgruppen sind gegründet worden. Abgeordnete und Senatoren berichten von in diesem Ausmaß noch nie dagewesenen telefonischen, E-Mail- und persönlichen Kontakten von Wählern – die meisten gegen Trump.

In den acht Barack-Obama-Jahren irgendwie zufrieden vor sich hindösende Menschen aus dem progressiven Spektrum sind politisch wieder erwacht. Viele junge Leute, viele Frauen. Hauptsächlich in Städten, nicht so sehr auf dem Land. Es sind dezentrale Bewegungen, von denen man freilich nicht weiß, wieviel Standvermögen sie haben und ob aus Protest politische Macht werden kann.

Kirchen und religiöse Gruppen, die bei der Bürgerrechtsbewegung und der Friedensbewegung oft zentral waren, sieht man weniger. Manchmal kommen kirchliche Statements gegen Trumps Einwanderungspolitik oder gegen soziale Kürzungen, doch prägend ist das nicht. Und gleichzeitig begrüßen konservative Kirchen und die römisch-katholische Donald Trumps Haltung gegen legalisierte Abtreibung.

Im US-Rundfunksender NPR läuft seit Januar jeden Abend eine interessante Talkshow, genannt »Indivisible« (unteilbar). Die Moderatoren tun das, was es im Amerika in der Trump-Ära nicht oft gibt: Sie bringen Menschen miteinander ins Gespräch, die in ihrer Haltung zu Trump an entgegengesetzten Polen stehen.

Eine kürzlich ausgestrahlte Show hat sich mit dem »amerikanischen Traum« befasst. Für viele Menschen habe dieser Traum nie funktioniert, sagten die einen. Andere vertraten die Auffassung, der Traum sei ihnen entglitten, und der neue Präsident werde ihn zurückbringen. Trumps Amerika ist für viele Menschen Glaubenssache. Vor seinem Sieg haben viele US-Amerikaner geglaubt, wie Ex-First Lady Michelle Obama zuversichtlich vermittelte, dass das Land nicht für so einen Kandidaten stimmen würde. Obama hat übersehen, was Trump einmal in einer Wahlkampfrede in Iowa formulierte: »Ich könnte auf der Fünften Avenue mitten auf der Straße stehen und jemanden erschießen, und ich würde keine Wähler verlieren.«

Trumps Fans wollten und wollen glauben, dass hier einer kommt, der die Wahrheit sagt, und »die anderen« in ihre Schranken weist. Doch irgendwann werden sie wohl Resultate sehen wollen. Aber ob die Opposition dann in der Lage ist, enttäuschte Menschen anzusprechen? Der Ausgang ist vollkommen offen.

Konrad Ege

Schmusetiere als Bettgenossen

1. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Erzählung von Theodor Weißenborn mit einer Illustration von Maria Landgraf

Steffi liebte Hunde und sprach auf unsern Spaziergängen jeden uns begegnenden Hundebesitzer an. Einmal, als wir am Grüngürtel auf einer Bank saßen, hielt ein Mann mit Fahrrad vor uns an, um an dem Rad etwas zu richten. Das Fahrrad hatte einen zweirädrigen gummibereiften Hänger mit einem Bänkchen, und darauf saß ein vielleicht dreijähriges Mädchen, das einen Mops auf dem Schoß hielt.

Steffi war sofort hellauf begeistert und sagte zu dem Kind: »Das ist aber ein lieber Hund! Darf der denn auch mit ins Bett?« – »Jaaaaa!«, hauchte das Kind mit sich plötzlich verklärendem Gesicht und drückte den Mops fest an sich. Und das gedehnte und ein wenig zaghaft, mehr gehauchte als gesprochene Ja schien zugleich mehr zu sein als eine bloße Bestätigung, es schien vielmehr zu sagen: Eigentlich darf er ja nicht. Aber wenn’s keiner sieht, hole ich ihn zu mir ins Bett, und dann darf er bleiben. – »So muss das auch sein«, sagte Steffi, »Hunde gehören ins Bett und sind ja auch viel lieber als Stofftiere oder Puppen, weil sie lebendig sind.«

Da nickte das Kind lebhaft und plapperte etwas, was ich nicht verstand. Aber ich sah wohl, dass sein ganzes Wesen erstrahlte, und während der Mann (wahrscheinlich der Vater) sich auf sein Rad schwang und mitsamt dem Hänger mit Kind und Mops gemächlich davonfuhr, dachte ich fast neidvoll: Was für ein glückliches Kind!

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

In meinem Elternhaus hatte es keine Tiere gegeben, und was Hunde betraf, so sagte mein Vater (das hatte er in Russland gelernt): »Wer mit Hunden ins Bett geht, steht mit Flöhen wieder auf.« Daran dachte ich, als ich vor etlichen Jahren aus Griechenland den herrenlosen und kranken Phylax mitbrachte. Der wurde rasch geheilt und tierärztlich aufs Beste versorgt.

Und als ich meinen Schulfreund Horst, der Arzt war, fragte, ob ich den Hund mit ins Bett nehmen solle, sagte der Fachmann: »Das ist eine gute Idee! Vielleicht das Beste, wozu man einem Herzkranken raten kann. Ein Tier kann besser sein als ein teures Medikament. Dein Bluthochdruck würde sinken, dein Puls sich verlangsamen, und auch seelisch ginge es dir besser, denn das Glück, das der Hund empfände, würde sich auf dich übertragen.«

So wurde Phylax mein Bettgenosse, und wir wärmten und trösteten einander in wechselseitiger Zuneigung, bis er starb.

Danach nahm der Kater Rufus seine Stelle ein, der, um genau zu sein, nicht nur wie Phylax am Fußende meines Bettes lag, sondern so dicht an mich herankroch, wie es nur ging.

Lag ich auf dem Rücken und hatte ich dabei den rechten Arm ein wenig abgespreizt, so schien gerade die Mulde zwischen meiner Brust und meinem Oberarm ihn anzulocken. Er kroch dann neben mir herauf, schob die Vorderpfoten unter meine Achsel, legte sein Kinn auf meine Schulter, wobei sein rechtes Ohr meine Wange berührte, und wenn er mitunter mit den Ohren zwinzte und sein Schnurren mich beim Einschlafen in meine Träume hineinbegleitete, dann war mir, als würde ich selbst so leicht wie eine Feder und glitte zurück in ein heiteres Gefilde, in dem Mensch und Tier keine Sorge kennen.

Dann, wenn ich doch einmal des Nachts erwachte und den leichten Kitzel seiner Schnurrhaare an meinem Kinn verspürte, dann dachte ich wohl gelegentlich an Virginia Klemm, die an Tuberkulose dahinsiechende junge Frau meines Lieblingsautors Edgar Allan Poe, deren ganzes Glück eine weiß-gelblich getigerte Katze namens Catherine gewesen war. Diese Katze hatte auf Virginias Brust gelegen und sie getröstet mit ihrem Geschnurr und mit der Wärme ihres Körpers, wenn die Kranke fieberte und an Schüttelfrosten litt. Und wenn einmal ein Hustenanfall Virginias Catherine aufscheuchte und für Minuten vertrieb, so kehrte die Katze doch stets getreulich zu Virginia zurück, um sich erneut auf ihr zu betten. Sie hatte sich Virginia einmal als Schlafgenossin erkoren und blieb ihr bis zu deren letztem Atemzug innigst verbunden.

Mein Rufus verändert seine Lage nur dann, wenn ich mich einmal auf die andere Seite lege. Dann steigt er über mich hinweg und bettet sich in die Mulde, die sich nun zwischen meiner Brust und meinem linken Oberarm gebildet hat und die ihm womöglich noch mehr behagt als die auf meiner rechten Seite. Der Grund könnte sein, dass er hier meinem Herzen näher ist, dessen Pulsieren ihn, feinfühlig, wie er ist, vielleicht an seine Kindheit und Säuglingszeit, wohl gar an die Zeit vor seiner Geburt erinnert, da er geborgen im Mutterleib ruhte, an jenem Ort, von dem wir, er wie ich, ausgegangen sind und an den zurückzukehren wir vielleicht beide eine geheime Sehnsucht hüten.

Sauberer Verkündigungsdienst

1. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Die Diskussion über Elektromobilität im kirchlichen Dienst, über ihre ökologischen und wirtschaftlichen sowie Vorbild-Aspekte ist angestoßen. Es wird geredet und es wird Vorreiter geben, auf deren Erfahrungen – gute wie schlechte – andere aufbauen können.

Wieso ausgerechnet ein Elektro-Auto die Attraktivität einer Pfarrstelle auf dem Lande erhöht, erschließt sich dem unbedarften Leser der Studie »Auf dem Sprung zur Wirtschaftlichkeit?« nicht. Im Untertitel versteckt sich der entscheidende Hinweis: Machbarkeitsstudie über die Einführung von Dienstfahrzeugen (PKW) mit Elektro-Antrieb im Verkündigungsdienst des Kirchenkreises Egeln. Es geht um Dienstwagen – bisher nutzen Pfarrer, Kirchenmusiker und Gemeindepädagogen ihre Privatfahrzeuge und rechnen je Kilometer 30 Cent ab.

»Wir bekommen die Pfarrstellen nicht besetzt«, sagt Superintendent Matthias Porzelle. In seinem Kirchenkreis Egeln gibt es alle drei bis acht Kilometer ein Dorf oder ein Städtchen. Ähnlich die Situation im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt. Dort tut Pfarrer Dieter Kerntopf Dienst. »Wir fahren auf den kurzen Strecken die Motoren nie warm und erzeugen dadurch noch mehr Dreck«, hadert er mit dem Vergehen gegen die Schöpfung.

Fahren, viel fahren, gehört vor allem in Landpfarrstellen für die meisten Mitarbeiter zum Beruf. Superintendent Matthias Porzelle nahm am Rande des Fachtags, bei dem Kirchenmitarbeiter über Elektromobilität im ländlichen Raum diskutierten, probehalber am Steuer eines E-Autos Platz. Foto: Renate Wähnelt

Fahren, viel fahren, gehört vor allem in Landpfarrstellen für die meisten Mitarbeiter zum Beruf. Superintendent Matthias Porzelle nahm am Rande des Fachtags, bei dem Kirchenmitarbeiter über Elektromobilität im ländlichen Raum diskutierten, probehalber am Steuer eines E-Autos Platz. Foto: Renate Wähnelt

Der ökologische Aspekt, eine größere Attraktivität der Landpfarrstellen und nicht zuletzt das Signal, das die Kirche mit dem Einsatz von umweltschonenden Elektro-Autos aussendet, haben den Kirchenkreis Egeln bewogen, oben genannte Studie beim Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg in Auftrag zu geben. Ihr Autor Peter Bickel analysierte, welche Strecken die Seelsorger im Kirchenkreis Egeln in den vergangenen Jahren dienstlich gefahren sind, und setzte sie ins Verhältnis zur Reichweite diverser Elektro-Autos. Er untersuchte Anschaffungskosten für Fahrzeuge und Ladestationen, erfragte die Akzeptanz eines E-Mobils bei den Pfarrern. Schließlich kam der promovierte Wirtschaftsingenieur zu dem Fazit, dass sich die Elektromobilität rechnen kann. Auch einen Blick auf die Sauberkeit für die Umwelt wirft er.

Überlegungen, auf Elektromobilität zu setzen, gibt es in etlichen Kirchenkreisen. »Da bewegt sich etwas von unten. Und nachdem wir vor sechs Jahren die Klimakampagne hatten, nach der viel beschriebenes Papier in die Schreibtische gelegt wurde, wollte ich diese Bewegung unterstützen«, erinnert sich Dieter Lomberg. Der Synodale aus dem Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt und Präses der Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) beantragte im November, die Landeskirche möge für die Einführung einer Testphase mit E-Autos Geld zur Verfügung stellen: Für je fünf Elektro-Autos in zwei Kirchenkreisen 20 000 Euro als Anschubfinanzierung.

Der Antrag steht nun auf der Frühjahrssynode erneut zur Diskussion. Erstmal hatte es einen Fachtag gegeben. Dort berichtete Pfarrer Kerntopf von seiner zweiwöchigen Testphase, nach der er dem E-Auto uneingeschränkte Tauglichkeit bestätigte. Auch finanziell für den Kirchenkreis.

Die Aufgeschlossenheit ist groß, bestätigt die Klimaschutzmanagerin für Mobilität in der Nordkirche, Klaudia Morkramer, einen großräumigen Trend. »Als wir unsere Ladesäule in Melsdorf im Kirchenkreis Dithmarschen einweihten, war die Resonanz riesig«, berichtete sie bei der Tagung. Im Kirchenkreis Pommern bietet sich ein Dienstleister an, Ladestationen aufzustellen und zu warten. Ähnliches gebe es im Kirchenkreis Mecklenburg. »Wir diskutieren«, sagt sie. Die vielen Anfragen bezeugen Interesse und Informationsbedarf. Erste Erfahrungen gibt es in Hamburg und Umland. »Ein Problem ist natürlich das Geld. Die Angst vor zu geringer Reichweite hat sich mit den neuen Modellen erledigt.«

Die technische Entwicklung ist rasant. Das unterstrich Matthias Vie­tor von der Wirtschaftsgesellschaft der Kirchen in Deutschland mbH. Er stellte mögliche Modelle und Finanzierungen vor und gab zu bedenken: »Die rasante Entwicklung spricht dafür, jetzt einzusteigen, aber genauso, noch abzuwarten.«

Eher zögerlich sprach der im Landeskirchenamt der EKM für die Mittlere Ebene Finanzverantwortliche Torsten Bolduan. Ob es denn zur Kernaufgabe der Kirche gehöre, Vorreiter bei der E-Mobilität zu sein, fragte er beim Fachtag. Eine Förderung durch die Landeskirche stellte er allenfalls über eine um zehn Cent erhöhte Kilometerpauschale in Aussicht. Denn das Modell personengebundener Elektro-Dienstautos scheitere an der Regel, dass es diese erst ab 30 000 Kilometer Jahresfahrleistung gebe. »Die Initiative muss von den Nutzern ausgehen«, unterstrich Bolduan.

Da das Aufladen der Autobatterien über Nacht an der heimischen Steckdose absehbar nicht ausreichen wird, könnten Ladestationen an kirchlichen Einrichtungen installiert werden. Öffentlich zugänglich, sodass nicht nur die Kirchenautos dort Strom tanken. Natürlich ergeben sich Probleme, wenn die Gemeinde oder der Kirchenkreis plötzlich zum Strom-Verkäufer würden. Um diese zu lösen, sind Kooperationen mit Stadtwerken oder anderen Partnern denkbar, wie sie sich in der Nordkirche andeuten. »Wenn klar ist, was wir wollen, lassen sich auch relativ leicht Finanzierungsmöglichkeiten finden«, sagte Torsten Bolduan bei der Veranstaltung – ehe er eine direkte Förderung der Landeskirche verneinte.

Renate Wähnelt