Die erste Zeugin der Auferstehung

25. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Es ist fast wie eine Kriminalgeschichte, über Maria Magda­lena zu berichten. Sie gehört zu den faszinierendsten Frauengestalten im Neuen Testament, wurde aber auch zu einer der schillerndsten Figuren der christlichen Tradition.

Die männlichen Fantasiebilder späterer Zeiten, wie sie sich in der Malerei vielfach niedergeschlagen haben, darf man nicht auf die historische Maria Magdalena zurückprojizieren: jung, schön und ein wenig lüstern – so stellt man sie nur zu gern dar. Wir haben es in der Überlieferung jedoch mit zwei Frauen zu tun: mit einer namenlosen Frau, einer Sünderin, die Jesus begegnet, und mit Maria Magdalena, einer Jüngerin Jesu, die zu seiner engsten Umgebung gehörte.

Die Bibel spricht von der namenlosen Frau in Lukas 7,36–50. Sie galt als Sünderin, im damaligen Verständnis eine Dirne, eine Prostituierte. Von Maria Magdalena ist im Anschluss an die Geschichte von der Sünderin die Rede (Lukas 8,1–3). Beide Frauen haben nichts miteinander zu tun.

Maria Magdalena wird in den Evangelien häufig genannt. Das Lukasevangelium erwähnt, dass Jesus in Galiläa nicht nur von den zwölfen, sondern auch von einigen Frauen begleitet wurde. Maria Magdalena hat sich Jesus angeschlossen, nachdem er sie von bösen Geistern geheilt hatte. Sie bleibt bei ihm und gehört zu der Gruppe, die mit ihm und anderen Frauen und Männern durch Palästina zieht.

Maria Magdalena stammt aus Magdala am See Genezareth – von daher stammt ihr Beiname Magdalena. Sie scheint nicht verheiratet gewesen zu sein. Denn ihr Name ist nicht – wie es üblich war – mit einem Männernamen, auch nicht dem eines Vaters oder Sohnes verbunden worden. Die biblischen Texte sagen, dass die Frauengruppe um Jesus groß war. Sie zogen mit ihm durchs Land. In den Evangelien sind sie meist nur als anwesend gedacht und werden nicht ausdrücklich erwähnt.

Ostergeschehen mit Jesus und Maria Magdalena auf dem Glasfenster in der Stadtkirche im sächsischen Stolpen. Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Ostergeschehen mit Jesus und Maria Magdalena auf dem Glasfenster in der Stadtkirche im sächsischen Stolpen. Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Das Markus-Evangelium erzählt, dass die Jünger geflohen sind, als Jesus verhaftet wurde. Sie hatten Angst, ebenfalls verhaftet und verurteilt zu werden. (Markus 15,40) Es sind die Frauen, unter ihnen Maria Magdalena, die in Sichtweite des Kreuzes bleiben, bis Jesus stirbt. Bei Markus und Matthäus ist sie auch dabei, als der Leichnam Jesu ins Grab gelegt wird.

In den synoptischen Evangelien Matthäus, Markus und Lukas gehört Maria Magdalena zu den Frauen am Ostermorgen, die zum Grab gehen. Doch Jesus ist nicht im Grab, sondern ein Engel verkündet ihnen: »Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden.« (Markus 16,6) Im später geschriebenen Schluss des Markus-Evangeliums (16,9–20) wird Maria Magdalena als die herausgestellt, der der Auferstandene als Erster erschienen ist und ihr die Osterbotschaft verkündet hat.

Nur bei den Evangelisten Markus und Matthäus erhalten die Frauen den Auftrag, die Botschaft »Jesus lebt!« den Jüngerinnen und Jüngern weiterzugeben. Sie sollen nach Galiläa gehen, wo sie den Auferstandenen sehen werden. Bei Matthäus führen die Frauen diesen Auftrag aus, bei Lukas verkündigen sie seine Auferstehung, ohne ausdrücklich den Auftrag erhalten zu haben. Bei Markus sagen sie niemandem etwas. Sie erschrecken und flüchten vom Grab. Beim Evangelisten Johannes wird Maria Magdalena zweimal genannt, bei der Kreuzigung und am Ostermorgen. Wie die Synoptiker nennt auch Johannes eine Gruppe von Frauen beim Kreuz (Johannes 19,25). Maria Magdalena ist hier nicht als Erste, sondern als Letzte genannt. Am Ostermorgen sucht sie allein nach dem Leichnam Jesu. (Johannes 20,1–18)

Der Text erzählt von ihrer Trauer: Maria stand draußen vor dem Grab und weinte. Sie entdeckt das offene Grab und sieht darin zwei Engel in weißen Gewändern sitzen. Diese fragen: Frau, warum weinst du? Sie antwortet ihnen: »Sie haben meinen Rabbi fortgenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben.« Da erscheint ihr der Auferstandene.

Sie hält ihn erst für den Gärtner. Da ruft er sie beim Namen, worauf sie erkennt, dass es Jesus ist. Maria wendet sich ihm zu und nennt ihn Rabbuni (mein Meister). Sie will Jesus berühren. Er aber sagt: Rühre mich nicht an! Dieser Satz auf Latein »Noli me tangere« wurde zu einem festen Begriff in der Kulturgeschichte des Christentums. Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu Gott, meinem Ursprung, aufgestiegen. Es heißt: Der Auferstandene ist nicht festzuhalten. Er bleibt in der Distanz der Nahe, der Zugewandte. »Rühre mich nicht an! Halte mich nicht fest!«, lässt sich vielleicht übersetzen: Akzeptiere die Veränderung, nimm den Trennungsschmerz an.

Jesus schickt Maria Magdalena auf den Weg des Lebens. Diesen Weg Marias zum Osterglauben beschreibt der Evangelist Johannes als einen Weg von der Blindheit zum Sehen. Zu Beginn sieht Maria Jesus, erkennt ihn aber nicht. Erst als sie hört, wie er sie beim Namen ruft, gehen ihr die Augen auf.

Bei Johannes hat Maria Magdalena eine herausragende Stellung: Sie ist die einzige Zeugin des leeren Grabes. Ihr erscheint Christus. Ihr gibt Christus den Verkündigungsauftrag. Aber diese große Frau, wie sie Johannes darstellt, die in der Urkirche eine große Rolle gespielt hat, wurde verkannt und verzeichnet.

In den Berichten, in denen es um den Tod und die Auferstehung Jesu geht, spielen die Frauen eine erhebliche Rolle. Als Jesus verhaftet wurde, waren die Männer nicht mehr da. Von den Frauen jedoch wird in allen Evangelien berichtet, dass sie bei der Kreuzigung zugegen und am Ostermorgen am Grab waren. Sie waren die ersten, die begreifen: Das Kreuz war nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang.

Der Name der historischen Maria Magdalena ist mit der Geburtsstunde der christlichen Kirche verbunden wie kein anderer Name. Während die vier Evangelien dieses Bild zeichnen, widerspricht dem die Aussage des Paulus in 1. Korinther 15,3 ff. Da zählt er Namen von Menschen auf, denen der auferstandene Christus erschienen ist. Maria Magdalena ist nicht dabei – überhaupt keine Frau wird erwähnt.

Bei Paulus dominiert die patriarchalische Ordnung. Er hat die Geschehnisse um Jesus intellektuell reflektiert und den Glauben an Christus in die Welt getragen. Aber er ist auch derjenige, der die Weichen dafür gestellt hat, dass das Christentum leibfeindlich und frauenfeindlich wurde. Die traditionelle Exegese folgte vorrangig Paulus und bestritt, dass Maria Magdalena und andere Frauen die ersten waren, die die Auferstehung Jesu bezeugen konnten. Neben die patriarchalische Erfahrung und Theologie tritt heute die weibliche Erfahrung und Theologie. Was hat sie uns zu sagen, die geheilte Frau, die Freundschaft und Hingabe, Eros und Agape vereint? Die Theologie Maria Magdalenas ist noch nicht geschrieben.

Maria Magdalena hat eine Frauenrolle in der Kirche angebahnt, die in der Folgezeit nicht ohne Nachwirkungen bleiben sollte: die Rolle der predigenden Frau, die in Konkurrenz zur Vorherrschaft der Männer in der Kirche tritt. Katholische Frauenforschung hat bewiesen, dass es in der frühen Kirche das apostolische Frauenamt gegeben hat. Seit frühesten Anfängen war diese Konkurrenz den Männern ein Dorn im Auge – und die heutige Ablehnung der Ordination von Frauen innerhalb der katholischen Kirche und manchen protestantischen Kirchen ist nur ein letzter Nachklang.

Ursula Baltz-Otto

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Reaktionen unserer Leser

3 Lesermeinungen zu “Die erste Zeugin der Auferstehung”
  1. Jochen sagt:

    Die Autorin vergißt in ihrem Artikel zu erwähnen, dass auch Paulus der auferstandene Christus erschienen ist. Im Grunde macht sie den gleichen Fehler, den sie Paulus vorwirft. Aber vermutlich war es in beiden Fällen eher keine Absicht :-)

  2. Gert Flessing sagt:

    Welchen Wert hat es, “männliche” und “weibliche” Theologie gegeneinander auszuspielen?
    Wenn Paulus keine Frau erwähnt, weiß er sehr wohl, warum. Er trägt den Gewohnheiten seiner zeit Rechnung.
    Das er keinen besonderen Sensus für Frauen hat, ist wohl wahr. Seine Kreuzestheologie ist dennoch das Grundgerüst theologischen Denkens.
    Es ist gut, an die Frauen zu erinnern, die am Morgen zum Grab gingen und auch an Maria von Magdala und ihren Ruf “Rabbuni!” Hier klingt Freude, ja Euphorie an.
    Es ist nicht gut, nun ein Konstrukt zu bilden, das auf eine Abwertung der paulinischen Theologie hinaus laufen könnte.
    Emotion gegen Ratio?
    Der falsche Weg. Beides gehört zusammen.
    Gert Flessing

  3. Leser sagt:

    Was will man von einer Feministin anderes erwarten?

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