Wissen und Glauben gehören zusammen

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gerhard Ackermann, der Physiker und Astronom, ehemals Professor an der Berliner Beuth-Hochschule, beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie. Darüber sprach er mit Tilman Asmus Fischer.

Herr Ackermann, Naturwissenschaft und Glaube werden oft als Gegensatz verstanden. Vor welchen Fragen stehen beide jedoch gemeinsam?
Ackermann:
Es gibt eine Frage, die bis heute nicht ausdiskutiert ist. Die Theologen nennen es Theodizee. Und von den Naturwissenschaften her würde ich sagen, dazu passt am besten das sogenannte Anthropische Prinzip in seiner starken Form. Dieses sagt aus, dass alle Naturkonstanten so beschaffen sind, dass es irgendwann im Rahmen der Evolution zu denkfähigen Geschöpfen wie dem Menschen kommen musste. Dieses Prinzip so zu formulieren, heißt: Da muss jemand sein. Den Naturwissenschaftlern ist dabei sicher unwohl. Wenn man das sagt, tritt man aus den Naturwissenschaften heraus. Das Anthropische Prinzip ist gewissermaßen die Grenze zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Keiner von uns weiß, warum die Naturkonstanten anders sein sollten, aber auch keiner weiß, warum sie so sind, wie sie sind. Wir stoßen da an eine Wand, die man offenbar nicht durchstoßen kann.

Verbirgt sich Gott hinter dieser Wand?
Ackermann:
Nein. Er verbirgt sich nicht hinter dieser Wand, er ist das alles – ist nicht irgendwo, sondern mittendrin. Und er hat viel mehr geschaffen, als wir uns überhaupt vorstellen können.

Was machen naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dem persönlichen Glauben der Menschen?
Ackermann:
Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind eine Möglichkeit, die Inhalte des eigenen Glaubens zu testen. Und wenn ich mich etwa über das Alte Testament oder das apostolische Glaubensbekenntnis kritisch äußere, hat das damit zu tun, dass deren Weltbild gar nicht zu diesen Erkenntnissen passen will. Wir sind daher auf der Suche nach einer Erneuerung der theologischen Aussagen.

Das naturwissenschaftliche Weltbild ist das, was existiert – die Welt, in der wir sind. Und das muss doch mit dem Wichtigsten, was wir haben, nämlich unserem Glauben und unseren heiligen Schriften, in Einklang sein. Wenn wir aber in etwa 500 Jahren Reformation nicht dazu gekommen sind, in diese Richtung Fortschritte zu machen, dann ist das ein großer Fehler.

Welche Rolle käme bei einer »Erneuerung der theologischen Aussagen« der Naturwissenschaft zu?
Ackermann:
Der Naturwissenschaftler könnte ein Korrektiv für allzu märchenhafte Aussagen sein, die von anderen historisch orientierten Fakultäten zu­sammengetragen werden. Das ist nicht abwertend gemeint, aber es ist einfach so, dass die Naturwissenschaften rechnen, bestimmen, messen und sagen: »So ist es« oder »So ist es nicht«. Man nehme nur den oft behaupteten Gegensatz von Darwinscher Theorie und Schöpfungsbericht: Als ob Gott etwas anderes wäre als die Darwinsche Theorie! Gottes Weg, die Menschen zu schaffen, war eben ein bisschen anders als es in der Bibel steht. Er hat diesen Weg gewählt, der uns bis heute aus Einzellern vor siebenhundert Milliarden Jahren entwickelt hat. Wer kann denn ein solches Konzept sonst entwickeln? Wenn ich an Gott glaube, dann muss ich auch annehmen, dass das alles seine Idee war.

Kommen die Naturwissenschaften als Korrektiv der Theologie ihrerseits ohne eigene vorausgesetzte »Glaubenssätze« aus?
Ackermann:
Naturwissenschaften sind nicht voraussetzungslos, sondern arbeiten alle mit bestimmten Annahmen. Es ist ja auch so, dass die Geschichte der Naturwissenschaften zeigt, dass sich diese Annahmen immer wieder gewandelt haben, da bisher für wahr Gehaltenes aufgegeben werden musste. So ging die Elektrotechnik des 19. Jahrhunderts noch vom Äther als einer Substanz aus, in der sich elektromagnetische Wellen fortsetzen können – etwa das Licht von Sternen. Man konnte sich nicht vorstellen, dass sich Wellen ohne ein Medium, das sie bewegen, fortpflanzen können.

Das war ein Glaubenssatz der Physiker – und solche Glaubenssätze, davon bin ich überzeugt, gibt es auch heute noch in der Physik. Diese beziehen sich vor allem auf den Urknall und die Frage dunkler Materie und Energie. Daher sollte man als Naturwissenschaftler auch die nötige Bescheidenheit haben, zu sagen: »Ich weiß, es könnte auch anders sein, weil ich eine bestimmte Größe noch gar nicht richtig fassen kann.«

Ist dies eine Einsicht, die eine spezifisch naturwissenschaftliche Religiosität eröffnet?
Ackermann:
Es ist schwierig, das so allgemein zu sagen. Als Naturwissenschaftler weiß ich um die Grenzen der Erkenntnis. Aber ich setze Gott nicht hinter diese Grenze, sondern ich sage: Das, was ich erkenne, das sind eigentlich nur die Wunder, die es wirklich gibt. Wenn ich einen Löwenzahn auf der Wiese blühen sehe, ist er strahlend gelb. Ich weiß, dass Gelb im Spektrum eigentlich die schwächste Farbe ist. Aber indem der Löwenzahn Grün und Rot zu einem glänzenden Gelb-Weiß mischt, kann er so strahlen. Und wenn ich so etwas entdeckt habe, dann ist das für mich ein Wunder und bleibt ein Wunder, eben auch, wenn ich es erklären kann.

Naturwissenschaftliche Erklärungen machen das Wunder nicht kleiner?
Ackermann:
Die Vorstellung, dass Wunder immer so sein müssen, dass man sie nicht erklären kann, geht an der Wirklichkeit des Glaubens genauso vorbei wie an derjenigen des Wissens. Wissen und Glauben gehören zusammen und stehen in einer Wechselwirkung. Vielleicht sind die Naturwissenschaftler manchmal die Gläubigsten, wenn sie hinter etwas her sind und es im Labor oder am Himmel, wo auch immer, unbedingt finden wollen. Sie haben eine Idee, wie das sein kann, und plötzlich finden sie es. Das sind Momente, um derentwillen man eigentlich Naturwissenschaften studiert. Davon gibt es vielleicht drei oder vier im Leben. Das ist einfach wunderbar. Der Rest ist harte Arbeit. Am Ende kann man jedes Wunder erklären. Das tut dem Wunder keinen Abbruch, höchstens unserer Vorstellung von Wundern. Die biblischen Wunder hatten seinerzeit eine Funktion, die sie heute nicht mehr haben. Entscheidend ist heute vielmehr,
was Jesus verkündet und gelehrt hat.

Gilt dies auch für Tod und Auferstehung Jesu? Fällt mit diesem unerklärlichen Ereignis nicht auch die Zusage eines Lebens nach dem Tod?
Ackermann:
Der Tod ist für mich naturwissenschaftlich eine Singularität. Singularität ist ein Zustand, bei dem die Vorgeschichte und die Geschichte, die danach kommt, nicht miteinander zusammenhängen. Viele Dinge des Endes kann man schon physikalisch erklären. Manche Naturwissenschaftler setzen hinter den Tod einen Punkt. Das war das Leben. Das war alles. Mich bringt diese Situation zur Singularität. Und ich bin überzeugt, es geht danach in mir unbekannter Form weiter. Das kann ich niemandem erklären. Zu dieser Einsicht muss jeder selber kommen. Da kann man nur hoffen – und ich hoffe schon.

Ist das der entscheidende Punkt, wo wir – jenseits des bleibenden Wertes der biblischen Ethik – auf eine uns gegebene Zusage vertrauen müssen?
Ackermann:
Das ist tatsächlich ein Punkt, an dem man vertrauen muss. Ich vertraue darauf, denn was sollte das alles im Hier und Jetzt sonst? Das ist freilich teleologisch, aber kann man sich wirklich vorstellen, dass der Tod das Ende ist? Vorstellen kann man es sich eigentlich nicht. Man könnte es nur wissen. Aber das Wissen hört an dieser Stelle auf – das ist das Dramatische. Das ist eine Nagelprobe, die man naturwissenschaftlich nicht bestehen kann.

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Reaktionen unserer Leser

4 Lesermeinungen zu “Wissen und Glauben gehören zusammen”
  1. Zitat: „… Den Naturwissenschaftlern ist dabei sicher unwohl. Wenn man das sagt, tritt man aus den Naturwissenschaften heraus …“

    Für meine Begriffe ein interessanter und auch hilfreicher Text, der hier in G&H abgedruckt worden ist. Meine Beobachtung dazu: Das obenm genannte Unwohlsein im Blick auf Methoden wird, je länger es dauert, um so mehr langsam aber sicher abgebaut. Man muss das tatsächlich trainieren: Methodenvielfalt. Der zu überwindende Methodenmonismus rührt noch aus jener Zeit her, als über einfache aber dogmenorientierte Wahrheitsfindungswettkämpfe entschieden wurde, wer Recht – und wer damit die Macht hat. Dieser ideologische Hintergrund ist nun über die Zeiten weithin aufgelöst worden. Man weiß ganz gut, dass man noch lange nicht die Macht hat, wenn man Recht hat. Sondern derjenige hat die Macht, der am effektivsten täuschen kann.

    Deshalb ist die hybride Existenz eines gläubigen Naturwissenschaftlers oder eines naturwissenschaftlich ambitionierten Mystikers viel lebensfähiger als die alten und fossil gewordenen Modelle des Fanatismus, – egal ob bibelorientiert oder wissenschaftsorientiert. Wobei diese beiden Begriffe (bibelorientiert/wissenschaftsorientiert) eigentlich irritieren; es sind ja sehr wertvolle Vokabeln. Es gibt kein antimonistischereres Buch als die aus vielen Teilen zusammengetragene Bibel. Und es gibt keine methodisch sauberere Vorgehensweise als die an der wirklichen Erfahrung orientierte Experimentalwissenschaft. Das eine ist eine heuristisch-theoretische Methode, das andere eine praktisch relevante. Mit beiden Beinen kann man laufen. Mit einem nur kurze Strecken hüpfen.

    Es gibt aber leider die Echos und Nachwirkungen einer gescheiterten Debatte zwischen Kreationisten und Materialisten, – da geht es immer noch um Rechthaben als Ersatz bzw. Voraussetzung für Anerkennung der Macht.

  2. Alexios Garotman sagt:

    Da haben Sie mal wieder Recht, Herr Schollmeyer. Und dass Sie dadurch nicht die Macht haben, wissen Sie auch. Was soll´s also?

    Die Debatte Glaube/Naturwissenschaft stammt ja noch aus den Grabenkämpfen der fünfziger und sechziger Jahre. Das interessiert heute keinen Menschen mehr, ob der Affe vom Menschen abstammt oder umgedreht. Ich beobachte aber, dass die Debatte immer mal wieder gerade von bestimmten Christen aufgewärmt wird. Und zwar habe ich den Verdacht, die wollen damit irgendwie zeigen, dass sie wissen, wie es diesen Konflikt einmal gab. Und nun nicht mehr gibt, weil sie dazugelernt haben und nunmehr aufgeklärt und damit richtige Menschen sind. Das ist eigentlich traurig. Denn den Konflikt gibt es tatsächlich nur noch für Leute, die ein sehr einfach gestricktes Weltbild haben, – Sie nennen es Methodeneinfalt, Pardon – Methodenmonismus.

    Manchmal ist es zusätzlich auch noch so, dass die Gläubigen das Thema deshalb forcieren, um sich dann auf dem Gipfel der Unentscheidbarkeitsdebatte sozusagen vom Sprungbrett des VIELLEICHT IST ES JA DOCH WAHR, DENN BEWEISEN KANN MAN BEIDES NICHT in den Abgrund ihres persönlichen Glaubens zu stürzen, wofür sie belobigt werden wollen.

    Das finde ich noch trauriger …

  3. Leser sagt:

    Dann weinen Sie doch ein wenig!

  4. L. Schuster sagt:

    Eine Debatte, Glaube an Gott kontra unsere naturwissenschaftlichen Erkenntnisse war immer schon nur ein Denkfehler. Irgendwie Primitiv.
    Denn schon seit Christus, u.a. durch „gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist“ sollten wir nicht so niveaulos diskutieren. Denn dieser Denkfehler tritt genauso auf, da bei der römischen Macht oder wo wir glaubten unser deutscher Kaiser war von Gott gesandt. Heute soll es unser Grundgesetzt sein was wie göttlich ist, einschließlich der formulierten generellen Religionsfreiheit und Kultur, so auch für den fragwürdigen Islam.

    Dabei geht es hier um vom Menschen gemachte Gesetzte, Politik oder wie auch bei den genannten menschlichen Erkenntnisse zur Naturwissenschaft. Kurz: Es geht hier nicht um Gott, noch ist er Pro-oder Kontrapunkt sondern er steht darüber, bei allen diesen Punkten. Er lässt uns entscheiden, war richtig ist!
    Gott der auch daher bei solchen Debatten ausfällt, wie wir uns kein Bild von ihm machen können. Auch wenn er uns rät unsere Vernunft, Gewissen und Erkenntnisse von A bis Z bei unseren Entscheidungen zu benutzen. Die Bibel mit Vernunft zu lesen. So steht z. B. dort nichts, dass wir eine Massenzuwanderung von jungen Männern zulassen sollen.

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