Inklusion auf Afrikanisch

6. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Sein rostiger Rollstuhl fährt durch enge Gänge und über kleine Stufen. Der fünfzehnjährige Kisekka rollt flink durch das kirchliche Krankenhaus am Rand der ugandischen Kleinstadt Mbarara.

Kisekkas grüner Rollstuhl ist eine Gebrauchtspende aus Europa. Auf den Schotterpisten der Umgebung des Krankenhauses kommt das alte Modell an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Die Gummischicht der kleinen Vorderräder ist fast völlig abgenutzt. Die Hinterräder haben kein Profil mehr, der Plastiküberzug des Sitzes hat viele Löcher. Aber noch funktioniert das Ding. »Früher bin ich auf dem Boden gekrochen«, erinnert sich der Junge. »Deshalb habe ich so viele Wunden an den Knien.«

Kisekka bleibt in einem Wartesaal, bis sich die Tür zum Behandlungsraum öffnet. Es ist Cindy, seine Therapeutin. Sie erklärt: »Kisekkas Lähmung ist eine Konsequenz seines eigentlichen Leidens, der Spina bifida, ein offener Rücken. Diese Fehlbildung wirkt sich auf seinen gesamten Unterkörper aus.«

Keine Berührungsängste mehr: Früher wurden Kinder mit Behinderung in Uganda stigmatisiert, heute lernt Kisekka (Mitte) Seite an Seite mit seinen Klassenkameraden. Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt. Fotos: Andreas Boueke

Keine Berührungsängste mehr: Früher wurden Kinder mit Behinderung in Uganda stigmatisiert, heute lernt Kisekka (Mitte) Seite an Seite mit seinen Klassenkameraden. Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt. Fotos: Andreas Boueke

Kisekka ist barfuß. Er trägt eine alte Schuluniform, die einzige, die er besitzt: gelbes Hemd, roter Pulli und kurze Hose. Seine Knie und Schienbeine sehen genauso geschunden aus wie der Rollstuhl. Am Tag zuvor hat der Auspuff eines Taxis die Haut an seinem Bein verschmort. Schwester Cindy verbindet die Wunde neu: »Er hat keinerlei Gefühl in seinen Beinen. Man könnte sie in Feuer legen und trotzdem spürt er nichts.«

Kisekka ist ein Waisenkind. Als er neun Jahre alt war, starben seine Eltern an Tuberkulose. Zwei Jahre lang haben ihn sein älterer Bruder und seine beiden Schwestern ernährt, obwohl sie selbst noch Kinder waren. Die vier Geschwister wohnten zusammen in einer alten Hütte aus Holz und Lehm unter einem dicken Strohdach. Von den Nachbarn bekamen die Kinder keine Hilfe. Die Dorfgemeinschaft hat sie nie richtig aufgenommen. Kisekkas Behinderung galt als Zeichen der Schande. Seine Stimme klingt traurig, wenn er von dieser Zeit erzählt: »Sie haben Angst vor Kindern wie mir. Sie halten uns für nutzlos, für verhext. Sie behaupten, Gott habe uns verflucht, er würde uns nicht akzeptieren. So ein Leben kann nicht gut sein.«

Viele der Narben an seinen Beinen erinnern an diese Jahre, während der er sich nur kriechend bewegen konnte. Als die Organisation OURS auf ihn aufmerksam wurde, war er unterernährt und verwahrlost. Zuerst behandelten die Ärzte seine Wunden und Deformationen. Schon bald ging es ihm deutlich besser. Dann bekam er seinen ersten Rollstuhl und ein Schulstipendium für das Internat der Ruharo Berufsschule, keine fünfhundert Meter von dem Krankenhaus entfernt.

Auf dem staubigen Weg vom Krankenhaus zum Internatsgebäude kommt Kisekka an einem kleinen Bolzplatz vorbei, auf dem einige Jungen mit einem selbst gemachten Ball aus zusammengebundenen Plastiktüten spielen. Die meisten sind barfuß, andere tragen Gummilatschen aus alten Autoreifen. »Tor!«, freut sich Kisekka mit dem Schützen. Nach dem Spiel bieten zwei Jungen ihm an, ihn zu schieben.

Der Direktor der Schule, Chinfred Matota, sitzt auf einem wackeligen Stuhl im Lehrerzimmer. »In unserem Land sind einige Schulen ausgewählt worden, behinderte Kinder zu unterstützen; in Mbarara war das unsere Schule«, erklärt er nicht ohne Stolz. Er berichtet, dass seine Ruharo Berufsschule die einzige Inklusionsschule des Bezirks ist. »Das Bewusstsein aller Kinder hat sich verändert. Sie sehen, dass auch Schüler mit Behinderung gute Leistungen bringen können. Und sie erzählen davon, wenn sie nach Hause fahren. Die Kinder fangen an, miteinander zu spielen. So merken alle, dass sie Freunde sein können.« Kisekka sei einer der besten Schüler seiner Klasse: »Deshalb glaube ich, dass er eine leuchtende Zukunft hat. Vielleicht wird er mal zu einem bekannten Fürsprecher für Kinder mit Behinderungen.«

Nachts schläft Kisekka in einem großen Saal. Zwölf Doppelbetten stehen so eng beieinander, dass kein Platz für Schränke oder Stühle bleibt. Kisekka schläft gerne in dem Saal: »Ich könnte sowieso nicht allein in einem Raum schlafen. Es gibt viele Gefahren, vor denen die anderen mich beschützen können. Manchmal wollen Diebe etwas in der Schule stehlen. Dann machen sie ein Feuer und alle rennen raus. Wenn so was passiert, können meine Kameraden mir helfen und meine Sachen aus dem brennenden Raum retten.«

Auch im Alltag ist Kisekka oft auf die Hilfe seiner Kameraden angewiesen. »Mit dem Essen bekomme ich meist Hilfe. Aber manchmal vergessen sie, meinen Teller mitzunehmen oder sie vergessen, mir ein Brot zu bringen. Wenn es dann nichts mehr in der Küche gibt, muss ich hungrig ins Bett gehen. So ist das halt.«

Mit Mädchen spricht Kisekka so gut wie nie. Im Süden Ugandas ist es nicht üblich, dass Jungen und Mädchen außerhalb des Unterrichts Kontakt haben. Trotzdem weiß die Klassensprecherin Nyakado Sara gut Bescheid über Kisekkas Situation: »Ich würde gerne mit ihm sprechen, aber das geht nicht. Ich bin ein Mädchen und er ist ein Junge. Das würde falsch aussehen.«

In der Ruharo Berufsschule ist der Sozialpädagoge Mana Djosam dafür zuständig, Kinder wie Kisekka unterstützend zu begleiten: »Früher haben die Eltern hier noch gedacht, ihre Kinder würden krank werden, wenn sie ein behindertes Kind berühren. Sie glaubten, es gäbe einen Fluch. Aber mit der Zeit glauben immer weniger Leute solche Sachen. Sie staunen, wenn sie sehen, dass Kisekka etwas bauen kann, am Computer arbeitet, etwas leistet, das dem Land nützt. Ich bin mir sicher, dass das Stigma überwunden werden kann, wenn alle sehen, welches Potenzial in diesen Kindern steckt.«

Andreas Boueke

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Reaktionen unserer Leser

12 Lesermeinungen zu “Inklusion auf Afrikanisch”
  1. Leser sagt:

    Unglaublich!
    Andreas Boueke schreibt einen neutralen wertfreien Tatsachenbericht. Da kommt ein ehemaliger Kirchenangestellter daher und bringt seine inzwischen extremeinseitigige festgefahrene Weltsicht mit,.
    Diese hat nun fast nichts mit dem Bericht zu tun, aber der muß für merkellehnertsche Politideologie herhalten!
    Typisch, wie das wieder inzeniert wird: Man nehme ein paar taurige Negeraugen (sonst sind es meist Kinderkulleraugen!), hinterlegt mit von Linken formulierten Aussagen, die niemals von dem Menschen auf dem Bild stammen, drücke damit auf die Tränendrüsen,… und man denkt, die Menschen fallen darauf rein! Das wird aber nicht mehr so schnell verfangen, weil dieser Trick schon viel zu oft versucht wurde!

  2. Leser sagt:

    P.S. Ich hoffe, Herr Lehnert wird auch für diesen Link abgestraft!

  3. Gert Flessing sagt:

    Herr Lehnert,
    hier geht es um einen Jungen, dem Hilfe zuteil wird. Das mag nicht viel erscheinen, aber es ist für ihn ein Lichtblick. Andere helfen ihm und er ist von einem verstoßenen Kind zu einem Menschen mit Hoffnung geworden.
    Ich finde den Bericht gut.
    Ich finde den Link tendenziös und unehrlich.
    Wenn ich mir z.B. das Ergehen von Kisekka ansehe, so wird schnell deutlich, das da niemand aus Europa eine Schuld dran trägt, sondern eine primitive Einstellung, die einen Behinderten als Schande ansieht.
    Wie viele ähnliche Einstellungen stehen den Menschen dort ansonsten noch hinderlich im Wege?
    Der Junge ist ein Zeichen gegen solche Einstellungen und gegen Aberglauben.
    Aus unserer Gemeinde ist eine junge Frau nach Afrika gegangen, um dort als Krankenschwester zu arbeiten. Mittlerweil ist sie dort unten mit einem Einheimischen verheiratet. Es gibt viele positive Zeichen, wenn wir sie sehen wollen.
    Gert Flessing

  4. Johannes Lehnert sagt:

    Mein Text ist weg, also nocheinmal:
    Lieber Herr Flessing,
    es war nicht meine Absicht, den Artikel oder gar die Hilfe für den Jungen zu diskreditieren. Ich habe nur eine Sicht von “Mensch und Politik heute” zu Afrika danebengestellt. (Wenn in den Kommentaren in den Foren gegen eine unerwünschte Sicht ein Text etwa von “PI” gestellt wird, hat jedenfalls noch niemand Zeter und Mordio geschrieen.) Und da ich auch die Kommentare zu dem provozierenden Text mit verlinkt habe,(z.B. “Richtig! Ihr steht vor “unseren” Türen! Nur das sind die falschen – stellt euch vor die Türen derer die Euch das antun! Aber dazu seid ihr zu feige! Lieber dem Otto Normalverbraucher die Tür eintreten und Gewalt verüben! Einfacher wie bei den Großen was” ? Ihr und euer Selbstmitleid..”) kann man wohl nicht von tendenziös und unehrlich sprechen.
    Mit freundlichem Gruß
    Johannes Lehnert

  5. Gert Flessing sagt:

    Die Frage, die mich bewegt, lieber Herr Lehnert, ist doch, warum Sie diesen Text daneben gestellt haben.
    Er hat mit dem, um was es in dem obigen Artikel geht, nichts zu tun.
    Mich interessieren Texte aus PI herzlich wenig. Zumal ich darum weiß, was es damit auf sich hat.
    Freilich schaue ich auch hin und wieder bei PI rein. Götz Wiedenroth hat recht bissige Kommentare und Moshe Hundesohn mag ich einfach.
    Es gibt hier durchaus Menschen, die bereit sind, eine nüchterne und sachliche Diskussion zu führen. Die Welt ist doch so schon voll von Plattheiten. Lassen Sie uns dazu beitragen, nicht noch welche dazu zu setzen.
    Gert Flessing

  6. Britta sagt:

    Lieber Herr Flessing,
    danke für Ihre sachliche Moderation. Ja, man kann für diese Menschen, von denen der Artikel erzählt etwas tun. Nur würde ich das außerhalb der staatlichen Eingriffe tun, denn was die ganze teure Entwicklungshilfe gebracht hat, sieht man ja. Es gibt aber die Möglichkeit, individuelle Patenschaften für solche Kinder zu übernehmen oder über Christoffel zu handeln. Ich finde immer die Hilfe zur Selbsthilfe am allerbesten. Und genauso konsequent, wie ich mich dort einbringe, wehre ich mich gegen die Invasion in meine Heimat.äIch will nur mal das Beispiel Libyen bringen: schon 2010/11 zeichnete sich ab, daß der Sturz Gadaffis zu endlosen Bürgerkriegen und Leid und zum Wegfall der Barriere für den Weg nach Europa führt. Was mußte ich mir damals gerade auch aus kirchlichen Kreisen anhören, da ich der Meinung war, die angeblichen Demokratievorstellungen des Westens können nicht einfach postkolonialen Gebilden mit 150 verfeindeten Stämmen übergestülpt werden. Nun sehe ich mit schmerzlicher Genugtuung, daß dieselben Kreise zurückrudern. Aber sie vertreten wieder andere, m.E. genauso gefährliche Ansichten. Was, wenn ich in 6 Jahren mich wieder bestätigt finde? Leider gibt es – im Gegensatz zu einem mittelständischen Unternehmer – keine persönliche Haftung für den Mist, den solche Kreise ( auch in anderen Beziehungen) verzapfen. Es scheint mir sogar, daß es egal ist, was Jesus dazu sagt, weil er gefälligst immer auf der Seite der kirchlichen Meinungsträger zu sein hat.
    Herzliche Grüße
    Britta

  7. Gert Flessing sagt:

    Lieber Joachim, Vorsicht. Das ist etwas, wo man sich auch selbst schneiden kann.
    Liebe Britta, wer je wirklich der Meinung war, das dieser “arabische Frühling” etwas ist, was ein positives Ergebnis zeitigt, der war ein Narr. Es war abzusehen, dass dort nur Chaos entstehen kann. Mein Vater hat, als Panzeraufklärer, die dortige Gegend durchstreift und sehr viel Kontakt zu den Einheimischen gehabt. Er hat gern von der Mentalität dieser Stämme erzählt. Bei alle dem war von der Fähigkeit, untereinander zu kooperieren, und vor allem miteinander Frieden zu halten, der nicht morgen wieder dahin ist, nichts zu hören.
    Tja und so hat sich halt alle Ordnung aufgelöst.
    Besser wird das alles nicht.
    Gert Flessing

  8. Johannes Lehnert sagt:

    Gert Flessing sagt11. Februar 2017 um 10:12
    Die Frage, die mich bewegt, lieber Herr Lehnert, ist doch, warum Sie diesen Text daneben gestellt haben. – Er hat mit dem, um was es in dem obigen Artikel geht, nichts zu tun.

    Lieber Herr Flessing,
    natürlich haben Sie recht; ich hätte es nicht unvermittelt nackt daneben stellen sollen. Und für das Schicksal von Kisekka kann vielleicht Europa wirklich nichts, jedenfalls vordergründig gesehen. Und auch die Hilfe von Einzelnen und Hilfsorganisationen kann man nicht genügend schätzen. – Aber z.B. beim IWF und der Weltbank geht es schon los; “Bretton Woods” hat m.E. Afrika ganz außen vor gelassen. Sie stellen Bedingungen, die (wie Britta zu recht kritisiert) den anderen unsere Kultur übergestülpt oder aufgezwingen will. Und die sog. Entwicklungshilfe funktioniert oft so, dass genügend Gelder in die Geberländer zurückfließen. – Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass die dringend notwendige Hilfe von Einzelpersonen und Gruppen nur die eine Seite ist. Und mir liegt daran zu erinnern, dass wir uns lange Zeit eine Dritte Welt geleistet haben, die als Arbeitskräftebeschaffer und Rohstofflieferant gut genug war und nur insoweit unterstützt wurde, dass sie nicht umkam. Jetzt sagt sicher wieder der eine oder die andere: Ich habe damit nichts zu tun, keine Waffen geliefert, keine Häuser zerstört usw. Aber damit macht man es sich zu leicht. Auch hier gilt Weizsäckers Maxime: “Wer die Augen vor der Vergangenheit verschließt, wird blind für die Gegenwart.”
    Mit freundlichem Gruß
    Johannes Lehnert

  9. Leser sagt:

    Lieber Gert, das ist wohl war, wer bliebe davor bewahrt!
    Übrigens, was Du als Erfahrungen Deiens Vaters preisgibst, könnte Dir von bestimmten Leuten, die gen Fakten allergisch sind, als als rssischtisch oder “räääächts” aufgelegt werden!
    Wie Du jetzt wieder sehen kannst, magst Du zigmal mit viel Geduld versuchen, denen was zu erklären, sie bleiben in ihere Ideologie verfangen. Auch wenn ihre “Argumente” mit dem Thema des Artikels nichts zu tun haben, sie kommen immer mit ihren Nebenschauplätzen voller Verdrehungen und Vermischungen von Halb- und Unwahrheiten!
    Gruß Joachim

  10. Leser sagt:

    Ich meinze, Deine Aussage enthält viel Wa h rheit!

  11. Johannes Lehnert sagt:

    Korr: bitte ein überflüssiges “du” streichen – manchen Fehler sieht man erst, wenn er schon nicht mehr korrigierbar ist…

  12. Gert Flessing sagt:

    Lieber Britta, lieber Herr Lehnert,
    wer mich kennt, der weiß, was ich von zu viel direkter Demokratie halte: Nichts.
    Es gibt keine “Schwarm Intelligenz”.
    Was Afrika anbelangt, da hat “der Westen” (und da klammere ich den ehemaligen “Ostblock” nicht aus) genügend falsch gemacht.
    Aber war das nicht, nach der “Entkolonialisierung” völlig logisch? Es waren diese Länder ja nun nicht mehr Teil des eigenen Landes. Man war also auch nicht mehr für sie verantwortlich. Da man schnell begriffen hat, dass diese Länder in einen Tribalismus zurück gefallen waren, der alles, was vielleicht vorher, an Entwicklungspotential, da zu sein schien, weg wischte, waren sie nur noch Beute für jeden, der dort dieses oder jenes raus holen wollte.
    So ist es, weitgehend, bis heute, nur das die westliche Welt teilweise durch china ersetzt worden ist.
    Bloß dass diejenigen, die sich dort unten jetzt überflüssig fühlen, nicht nach China wollen.
    Gert Flessing

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