Die Symbolgestalt der Pfarrfrau

30. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Katharina von Bora war für Martin Luther Leib- und Seelsorgerin. Sie brachte den Mut auf, den ihr vorbestimmten Lebenslauf einer Nonne zu verlassen. Als Frau an der Seite des Reformators ging sie in die Geschichte ein.

Martin Luthers Testament von 1542 zeigt die hohe Wertschätzung des Reformators für seine Frau. Entgegen allen Rechtsnormen der Zeit, die für Witwen grundsätzlich einen Vormund vorsahen, jedoch die Immobilien den Kindern beziehungsweise männlichen Verwandten des Mannes zusprachen, bestimmte Luther seine Gattin zur Universalerbin und zum Vormund ihrer Kinder, »weil sie mich als ein fromm, treulich Gemahl allzeit lieb, wert und schön gehalten und mir durch reichen Gottessegen fünf lebendige Kinder (die noch vorhanden, Gott gebe, lange) geboren und erzogen hat«.

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien  in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen  eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni.  Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni. Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Dass Luthers Reformation bis in die praktischen Lebensvollzüge hinein eine neue Entwicklung einleitete, wird an Katharina von Bora besonders deutlich. Berühmt geworden ist sie als Luthers Ehefrau, als erste Pfarrfrau, als »entlaufene Nonne«. Auch wenn nicht alle Zuschreibungen historisch gesehen auf sie zutreffen – eine Pfarrfrau war sie als Professorengattin nicht – und auch, wenn von ihrem außergewöhnlichen Leben vieles unbekannt bleibt: Sie wurde zur Symbolgestalt der Pfarrfrau wie keine andere.

Katharina von Bora wurde 1499 in Lippendorf südlich von Leipzig oder in Hirschfeld bei Nossen geboren. Die Mutter scheint früh verstorben, der Vater wieder geheiratet zu haben, denn schon als Fünfjährige kam sie in das Kloster Brehna als »Kostkind«. Hier konnte sie Bildung in Lesen, Schreiben, Singen, Latein, Handarbeit und Hauswirtschaft erlangen. Das Kloster bot ihr eine lebenslang gesicherte Versorgung, dazu Aufstiegsmöglichkeiten, etwa als Kantorin oder Äbtissin. Katharina kam als Zehnjährige ins Kloster Nimbschen bei Grimma, sechs Jahre später legte sie die Ordensgelübde ab. Wir wissen nicht, ob sie diesen Schritt freiwillig ging.

Was die spätere Lutherin und ihre Mitschwestern bewegte, das Kloster zugunsten einer unabsehbaren Zukunft zu verlassen, lässt sich nur vermuten. Martin Luthers Kritik am mönchischen Ideal, die er 1521 in seinem Gutachten über die Mönchsgelübde dargelegt hatte, war möglicherweise im Kloster bekannt geworden: ein Ablegen der Gelübde könne vor Gott nur freiwillig, nicht aber gegen den Willen eines Menschen erfolgen.

In der Woche nach Ostern 1523 kam Katharina von Bora gemeinsam mit acht Ordensschwestern in Wittenberg an. Ob sie in leeren Heringsfässern geflüchtet waren, wie es die Legende erzählt, bleibt dahingestellt. Dass ihre Flucht mit Gefahren verbunden war, ist jedoch sicher. Dem Fluchthelfer, Leonhard Koppe aus Torgau, und den Geflüchteten hätten auf dem Herrschaftsgebiet des Luthergegners Herzog Georgs von Sachsen Tod, Gefängnis beziehungsweise empfindliche Körperstrafen gedroht. Doch ihre Flucht glückte und Luther sah sich vor der schwierigen Aufgabe, sie zu versorgen. Um die Nonnenflucht zur Nachahmung zu empfehlen, veröffentlichte er die Schrift: Ursache und Antwort, dass Jungfrauen Klöster göttlich verlassen dürfen. Die Frau, argumentierte Luther, »ist nicht geschaffen, Jungfrau zu sein, sondern Kinder zu tragen … wie das auch die weiblichen Gliedmaßen,
von Gott dazu eingesetzt, beweisen« (Weimarer Ausgabe, Bd. 11, S. 394–400). Übertrieben haben dürfte Luther mit seiner Schätzung, wie viele Nonnen freiwillig im Kloster lebten: »sicher unter tausend kaum eine« (ebd.).

Katharinas Mitschwestern gingen eine Ehe ein oder kehrten zu ihren Familien zurück. Bei Katharina von Bora hingegen scheiterten zwei Eheanbahnungen. Als sie den als geizig bekannten 60-jährigen Wittenberger Professor Kaspar Glatz ablehnte, soll Katharina gesagt haben, sie heirate lieber Luthers Mitarbeiter Nikolaus von Amsdorf oder Luther selbst.

Am Abend des 13. Juni 1525 ging Luther mit Katharina von Bora die Ehe ein. Damit überraschte er Feinde wie Freunde, sie reagierten mit Häme oder zumindest mit Unverständnis. Anfangs war die Familie mittellos. Bald gelang es Ka­tharina, ihr Wohnhaus, das »Schwarze Kloster« und ehemalige Klostergebäude der Augustinermönche, zu einem der größten Haushalte in Wittenberg zu entwickeln. Das Lutherhaus war weit mehr als der Wohnort der Familie: ein Begegnungsort lokaler wie europäischer Geistesgrößen und Herrscherhäuser, Zufluchtsstätte für Glaubensflüchtlinge, Krankenhospital, Herberge für Gäste und Pflegekinder, ein überaus begehrtes Studentenwohnheim, Mensa und Ort der Tischreden Luthers. Die Wirtschaftsführung oblag Katharina eigenständig. Sie beaufsichtigte die Mägde und Knechte, leitete die Küche, den Einkauf und die Eigenproduktion der Lebensmittel, ließ ein Badehaus errichten, Öfen aufstellen, einen Keller bauen, erweiterte den Grundbesitz und damit die landwirtschaftlichen Flächen. Obwohl Bargeld im Lutherhaus immer knapp war, wurden unter Katharinas Leitung täglich 30 bis 50 Personen verköstigt – für die damalige Zeit eine enorme Leistung!

Sie gebar sechs Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Ihr Anteil an den Diskussionen bei Tisch ist größer, als es die Nachschreiber, die kein Interesse an Katharinas Beiträgen hatten, notierten. Für Luther war sie Leib- und Seelsorgerin, seine Vertraute, die ihn nicht selten nachts im Ehebett, wenn Luther von Glaubenszweifeln heimgesucht wurde, mit Bibelworten tröstete. 1546 starb Luther plötzlich.

Im selben Jahr brach der Schmalkaldische Krieg aus und zwang die Witwe zur Flucht. Bei ihrer Rückkehr waren ihre Felder verwüstet, am Ende ihres Lebens war sie hoch verschuldet. 1552 floh Katharina nach Torgau, dort verstarb sie an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Luther kritisierte die bis dahin höher angesehene klösterliche Lebensform zugunsten der Gestaltung des Glaubens in der Welt – in einer Partnerschaft, als Eltern, in einem Beruf. Katharina von Bora brachte den Mut auf, diese Umbrüche an Luthers Seite in ihrem eigenen Leben zu gestalten.

Sabine Kramer

Die Autorin ist promovierte Theologin mit Schwerpunkt Reformationsgeschichte und Pfarrerin an der Marktkirche in Halle.

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Reaktionen unserer Leser

2 Lesermeinungen zu “Die Symbolgestalt der Pfarrfrau”
  1. Der Artikel bedarf mehrfacher Richtigstellungen: Am 2.7.201 stellte die Autorin in Torgau klar, daß D. Martin Luther nie eine Pfarrstelle innegehabt hätte, Katharina von Bora somit auch nicht “Pfarrfrau” gewesen sein könnte. Die um 1900 konstruierte Stiefmutterlegende hätte schon 1911 widerlegt werden können: Nach einer damals veröffentlichten Urkunde des Stadtarchivs Sagan von 1505 muß heute davon ausgegangen werden, daß die leibliche Mutter Margarete aus dem Bürgertum Sagans oder aus dem schlesischen Niederadel stammte und jedenfalls 1505 noch lebte. Die Tochter kam deshalb wohl kaum als “Kostkind” nach Brehna. Ob sie Latein konnte, erscheint zweifelhaft: Luther hat ihr den Inhalt eines in Latein geschriebenen Briefes zur Kenntnis gegeben, vermutlich in sofortiger deutscher Übersetzung. Zur angeblichen Kloster-”Flucht” aus Nimbschen 1523 gibt es keinerlei archivalische Überlieferung. Der Torgauer Ratsherr Leonhard Köppe (nicht Koppe) war kein “Flucht”-helfer, sondern führte vermutlich nur einen schlichten Fuhrauftrag aus. Ob der Fluchtweg überhaupt über herzoglich-sächsisches Gebiet führte, erscheint zweifelhaft. Bei angeblich drohender Todesstrafe flüchtet man nicht in die Residenzstadt. Luthers Schrift “Ursach und Antwort” war keine Aufforderung zur Nachahmung, sondern eine Verteidigung Köppes. In Wittenberg führte Katharina von Bora nicht “einen großen Haushalt”, sondern betrieb sehr gewinnorientiert eine Fremdenpension erheblichen Umfanges mit 40 bis 50 Kammern und einem geschätzten Jahresumsatz von 1000 Gulden. Gemessen an Luthers anfänglichen Professorenbezügen von 100 Gulden/Jahr entspricht dies etwa 500.000 EUR. Die Geldknappheit im Hause Luther war wohl eher durch die übergroße Freigebigkeit des Reformators als durch Mißwirtschaft verursacht. Tatsächlich hinterließen die Eheleute Luther erhebliches Vermögen. Luther starb nicht plötzlich, sondern nach längerer Erkrankung und ungesunden Lebenswandel, Katharina nach einem Fuhrwerksunfall.

  2. Der Artikel bedarf mehrfacher Richtigstellungen: Am 2.7.2011 stellte die Autorin in Torgau klar, daß D. Martin Luther nie eine Pfarrstelle innegehabt hätte, Katharina von Bora somit auch nicht “Pfarrfrau” gewesen sein könnte. Die um 1900 konstruierte Stiefmutterlegende hätte schon 1911 widerlegt werden können: Nach einer damals veröffentlichten Urkunde des Stadtarchivs Sagan von 1505 muß heute davon ausgegangen werden, daß die leibliche Mutter Margarete aus dem Bürgertum Sagans oder aus dem schlesischen Niederadel stammte und jedenfalls 1505 noch lebte. Die Tochter kam deshalb wohl kaum als “Kostkind” nach Brehna. Ob sie Latein konnte, erscheint zweifelhaft: Luther hat ihr den Inhalt eines in Latein geschriebenen Briefes zur Kenntnis gegeben, vermutlich in sofortiger deutscher Übersetzung. Zur angeblichen Kloster-”Flucht” aus Nimbschen 1523 gibt es keinerlei archivalische Überlieferung. Der Torgauer Ratsherr Leonhard Köppe (nicht Koppe) war kein “Flucht”-helfer, sondern führte vermutlich nur einen schlichten Fuhrauftrag aus. Ob der Fluchtweg überhaupt über herzoglich-sächsisches Gebiet führte, erscheint zweifelhaft. Bei angeblich drohender Todesstrafe flüchtet man nicht in die Residenzstadt. Luthers Schrift “Ursach und Antwort” war keine Aufforderung zur Nachahmung, sondern eine Verteidigung Köppes. In Wittenberg führte Katharina von Bora nicht “einen großen Haushalt”, sondern betrieb sehr gewinnorientiert eine Fremdenpension erheblichen Umfanges mit 40 bis 50 Kammern und einem geschätzten Jahresumsatz von 1000 Gulden. Gemessen an Luthers anfänglichen Professorenbezügen von 100 Gulden/Jahr entspricht dies etwa 500.000 EUR. Die Geldknappheit im Hause Luther war wohl eher durch die übergroße Freigebigkeit des Reformators als durch Mißwirtschaft verursacht. Tatsächlich hinterließen die Eheleute Luther erhebliches Vermögen. Luther starb nicht plötzlich, sondern nach längerer Erkrankung und ungesunden Lebenswandel, Katharina nach einem Fuhrwerksunfall.