Gottes Wort erweicht das Herz

31. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Eine Meditation von Landesbischöfin Ilse Junkermann zur Jahreslosung 2017

So viel ist verhärtet in unserer Welt: Da bekämpfen sich Familienmitglieder »bis aufs Blut«. Da machen sich Nachbarn das Leben schwer. Da sind Gemeindekirchenräte über ihren Pfarrer frustriert – und die Pfarrerin über die müde Gemeinde. Da treten Gemeindeglieder frustriert aus der Kirche aus, weil sie den Weg der Kirche falsch finden, weil sie sich nicht mehr verstanden fühlen und sagen: »Jetzt reicht’s! Das ist nicht mehr meine Kirche!«

Aggression und Menschenverachtung

Und: Da tönen frustrierte Menschen – oder eher Menschen voller Ängste? – auf den Plätzen und Straßen unserer Städte und Dörfer Parolen voller Aggression und Menschenverachtung. Und schlagen auch zu, ja, jagen andere durch die Stadt oder überfallen sie gar in ihrer Wohnung, nur, weil sie anders sind und eine andere Hautfarbe haben.

Von Gott angesehen, sind wir nicht festgelegt auf unsere genetischen oder sozialen Prägungen. Grafik: Hildegard Corina Hug/ars liturgica Klosterverlag Maria Laach, Nr. 6167

Von Gott angesehen, sind wir nicht festgelegt auf unsere genetischen oder sozialen Prägungen. Grafik: Hildegard Corina Hug/ars liturgica Klosterverlag Maria Laach, Nr. 6167

Aber auch noch anderes macht das Herz hart: Wenn ein Mensch nicht vergeben kann; wenn einem Menschen all das weiter auf der Seele lastet und die Gedanken besetzt, was er an Verletzungen und Missachtung erfahren hat in seinem Leben, wenn es in ihm »schafft und schafft« und er es einfach nicht gut sein lassen kann.

Und besonders macht es das Herz starr, wenn ein Mensch Schlimmes erfahren hat. Wir nennen es »Trauma«. Wenn ein Mensch körperlicher oder psychischer Gewalt schutzlos ausgesetzt ist, gegenüber der ein Mann, eine Frau, ein Kind vollkommen ohnmächtig ist, sich nicht dagegen wehren oder vor ihr fliehen kann. Ein Trauma verschließt den Mund. Die Erfahrung ist so schrecklich, dass man gar nicht darüber sprechen kann. Alles Lebendige in einem erstarrt.

Mit hartem Herzen gegen alle himmelschreiende Not

Und wie hilflos haben mich, haben Sie die Nachrichten und Bilder von den erbarmungslosen Bombardements und Kämpfen »nur« um Aleppo gemacht. Was bis dahin völkerrechtlich eine unangefochtene Vereinbarung war – die Schonung von Zivilisten und zivilen Einrichtungen wie Krankenhäusern, die Möglichkeit eines »humanitären Korridors« –, wurde einfach so missachtet, mit hartem Herzen gegen alle himmelschreiende Not, gegen alle Hilferufenden aus dieser umkämpften Stadt.

Der Prophet Hesekiel und das ganze Volk haben eine solch schwer traumatisierende Erfahrung hinter sich. Im Krieg um das Land und die Stadt Jerusalem waren sie schlimmer Gewalt ausgesetzt, schließlich verschleppt, Tausende Kilometer ins Exil; auf dem mühsamen und anstrengenden Weg dorthin sind so viele Menschen gestorben, und so viele sterben weiter, nun unter der schweren Zwangsarbeit. Das Buch des Propheten Hesekiel ist voll von schreckli-
chen Bildern und Gewalterzählungen.

Und Hesekiel erfährt solche Ohnmacht und Gewalt am eigenen Leib. Er trägt – als prophetisches Zeichen – am eigenen Körper, wie es dem ganzen Volk ergeht. Und er erinnert an das Versagen des Volkes und seiner politisch Verantwortlichen. Eigensinnig haben sie ihre Politik gemacht, gegenüber den Großmächten taktiert, anstatt auf Gottes Wort, auf das warnende Wort der Propheten zu hören.

Diese Halsstarrigkeit, diese gegenüber Gottes Gebot und Weisung verstockten Herzen haben nun zu dieser Katastrophe geführt. Wird es jemals einen Weg heraus geben? Dafür gibt es keinerlei Anzeichen! Ja, Gottes Name selbst ist beschmutzt. Wie kann das jemals wieder gut werden?

Nach langer eigener Leidenszeit darf Hesekiel die Wende ankündigen: Gott selbst wird von Unrecht reinigen. Und nicht nur das Äußere, auch das Innere wird er heilen, ja, mit seiner Schöpferkraft erneuern: »Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.«

Echter Neuanfang geht nur mit Gott

Eine so grundlegende Veränderung, wirklich Neues, einen echten Neuanfang, das kann nur Gott bewirken und schaffen: Ein lebendiges Herz, ein Herz aus Fleisch, ein Herz, das sich erweichen lässt, ein Herz, das offen ist für Gottes gutes Wort. Ein »hörendes Herz« hat sich einst König Salomo von Gott gewünscht (1. Könige 3,9), ein Herz, das auf Gottes Wort hört und ihm gehorcht. Genau darin lag Salomos sprichwörtliche Weisheit.

Egoismus, ganz auf sich selbst bezogen sein, nur das Eigene im Blick haben, eigensinnig sein, das macht das Herz hart – sei es im zwischenmenschlichen Bereich, sei es zwischen Staaten und Völkern. Gottes Wort erweicht das Herz. Sein Geist erfüllt mit Kraft und Leidenschaft für das Leben und alles Lebendige. Er bittet mit seinem Wort um Frieden und Versöhnung, um Gerechtigkeit und Ausgleich. In seinem Sohn Jesus Christus begegnet er uns als dieses »eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben«, wie es in der 1. These der Theologischen Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen aus dem Jahr 1934 heißt.

Das kommt für mich im Bild der Künstlerin Hildegard Corina Hug wunderbar zum Ausdruck: Ein Christusantlitz und ein Fingerabdruck. Christus schaut uns durch ihn hindurch an. Ein Fingerabdruck steht für das genetisch Festgelegte bei uns Menschen. Wir sind, wie wir sind. Einzigartig. Keiner und keine ist wie eine andere oder ein anderer.

Und kein Mensch kann »aus seiner Haut«. Wir hinterlassen Spuren – schöne und schlimme. Wir sind verstrickt in Unrechtszusammenhänge. So denke ich bei diesem Bild auch an unseren ökologischen Finger- beziehungsweise Fußabdruck. Durch unseren Lebensstil hinterlassen wir unschöne, ja hässliche Spuren.

Wir verbrauchen mehr Ressourcen als nachwachsen: Derzeit braucht es pro Einwohner Deutschlands 4,6 Hektar Land, um die Rohstoffe für diesen Verbrauch zu erzeugen und die entsprechenden Abfälle aufzunehmen. Für eine nachhaltige Entwicklung, die die Schöpfung bewahrt, dürften es nur 1,8 Hektar sein. Doch wie schwer gelingt Umkehr! Wer lässt sich von solchen Zahlen bewegen? Sind auch unsere Herzen hart wie Stein, wie es der Prophet sagt?

Neues ist greifbar, Umkehr ist möglich

Christus schaut uns durch den Fingerabdruck hindurch an. Sein Blick und das Wort des Propheten versprechen: Durch Gottes Geist ist Neues für uns greifbar nahe. Umkehr zum Leben, zu Frieden und zur Bewahrung der Schöpfung sind möglich. Von ihm angesehen, sind wir nicht festgelegt auf unsere genetischen oder sozialen Prägungen. Sein Blick hält uns nicht fest in einer Identität, die aus der Vergangenheit gespeist wird.

Meine Verletzungen oder meine Schuld müssen nicht Gegenwart und Zukunft belasten. Der Geist Jesu Christi wandelt mein steinernes Herz in ein fleischernes um. Er verwandelt das Herz in ein Herz, das empathisch ist gegenüber dem Leid anderer; in ein Herz, das sensibel darauf achtet, was für mich selbst und für andere dem Leben dient; in ein Herz, das ein zartes Gespür hat für Gott, die Quelle des Lebens; in ein Herz mit offenen Ohren für sein Wort, das unseres Fußes Leuchte ist.

Gottes Geist wendet Herzen zum Guten

In diesem Jahr erinnern wir in besonderer Weise an Martin Luther und alle, die mit ihm waren: Wie sie gegen alle Zukunftsangst und Widerstände auf Gott vertrauten. Wie sie sich ganz darauf verlassen haben: Gottes guter Geist kann die Herzen zum Guten wenden. Das wollen wir von ihnen lernen. Uns nicht irremachen lassen. Gott etwas zutrauen. Dass er uns verändern kann. Von Grund auf.

Ja: Menschen können sich verändern. Die eben noch übereinander hergefallen sind, können gute Nachbarn werden. Die sich eben noch angeschrien haben, können still werden. Die sich eben nicht das Schwarze unter dem Fingernagel gegönnt haben, können freigiebig werden. Das gilt für Menschen, das gilt für Gesellschaften und für Staaten.

Kostbar ist das Geschenk, das Gott uns mit diesem Wort vom neuen Herzen für 2017 macht. Und wir können darum bitten, bitten mit dem Wort aus Psalm 51,12: »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist!« Ja, von Gott und seinem guten Geist werden wir gestärkt: mit einem Herzen, das hofft, mit einer Lebenseinstellung, die Vertrauen wagt.

Dieses neue Herz, diese neue Haltung wünsche ich uns allen für das vor uns liegende Jahr 2017!

Ihre Ilse Junkermann, Landesbischöfin

Luthers Erben in Namibia

30. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Der Lutherische Weltbund lädt im 500. Jahr der Reformation  zu seiner Vollversammlung nach Namibia ein. Ein Land, das eng mit der deutschen Geschichte verbunden ist.

Für Gewehre gibt es einen eigenen Schalter auf dem internationalen Flughafen von Windhuk. Die Großwildjäger, laut und schulterklopfend, hatten schon auf dem Zehn-Stunden-Flug nach Namibia von der Lodge geschwärmt, die so schön sei und romantisch wie im Film »Jenseits von Afrika«.

Als sie in die Halle des Flughafens kommen, staunen sie, als wäre schon Weihnachten: Ein großer Chor singt »Ein feste Burg«, so kräftig, dass es ihnen in die Glieder fährt und die Gewehre von den Schultern rutschen. Was für ein Empfang!

Doch der gilt nicht ihnen, sondern einer Delegation der befreundeten braunschweigischen Landeskirche. Domprediger Joachim Hempel erinnert sich an die christlichen Umarmungen ebenso wie an die verstörten Jäger-Gesichter – deren Weltbild nicht mehr passt: Sind wir wirklich in Afrika?

Konfirmation in der Hosianna-Kirche von Windhuk – festlich gekleidete Jugendliche, umrahmt von zweitausend betenden Gemeindemitgliedern. Foto: Paul-Josef Raue

Konfirmation in der Hosianna-Kirche von Windhuk – festlich gekleidete Jugendliche, umrahmt von zweitausend betenden Gemeindemitgliedern. Foto: Paul-Josef Raue

Da stimmt kein Vorurteil mehr: Weder das romantische aus dem Kino vom Leben neben Löwenpaaren und schwarzen Hausdienern noch das politische der Tagesschau von Muslimen, die Deutschland überfremden wollen. Afrika ist anders, auch im Glauben: Auf dem Kontinent, den wir den schwarzen nennen, bekennen sich mehr Menschen zu Christus als zu Mohammed.

Ein Sonntagmorgen in der großen Hosianna-Kirche am Rande von Windhuk: Der Parkplatz ist überfüllt, Ordner weisen ein, Tausend Menschen in der Kirche, Tausend draußen – und ein ständiger Wechsel. Die Kirche ist der wöchentliche Treffpunkt.

Die Frauen, besonders die jungen, haben sich chic gemacht mit bunten Gewändern, weißen Spitzen und fantastischen Hüten, man hört die Predigt, singt im Chor Bachs »O Haupt voll Blut und Wunden«, empfängt das Abendmahl, geht immer wieder nach draußen, um mit Bekannten und Freunden zu reden, und reiht sich in eine lange Schlange ein: Vor dem Altar werden, unter den Blicken der Pfarrer, zwei große Körbe aufgestellt, die schnell mit Geldscheinen gefüllt sind – ein Korb für ein Projekt, der zweite für die Pfarrer und die Arbeit in der Gemeinde. Kirchensteuer auf namibisch.

Nach gut fünf Stunden liest einer der Pfarrer die Liste aller Mitwirkenden vor: Der Abspann wie am Ende eines guten Films – fünf Stunden Gottes– und Menschendienst an einem sonnigen Sonntag in Windhuk.

Namibia ist ein weites Land mit großen Wüsten und wenig Wasser; auf einer Fläche doppelt so groß wie Deutschland leben weniger Menschen als in Berlin. Namibia ist eine Demokratie, repräsentativ, vorbildlich in Afrika, aber trotzdem noch ein zerrissenes Land: Der Riss zwischen Schwarz und Weiß geht auch quer durch die drei lutherischen Kirchen: Die Einheit ist das Ziel, aber ein zähes Projekt, das immerhin schon eine gemeinsame Pastoren-Ausbildung kennt.

Die kleinste der Kirchen ist die deutsche, es ist die Kirche der ehemaligen Kolonialmacht. Die Missionare Luthers baten Bismarck um Schutz und Hilfe; der bat die Engländer um militärischen Schutz, bekam als Antwort: Nein, jede Macht kümmert sich um die eigenen Leute.

Das Deutsche Reich schickte Soldaten, erst wenige zum Schutz der Missionare, später 15 000, die den Stamm der Hereros vernichteten. Zum ersten Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts bekannte sich die deutsche Regierung erst vor einem Jahr.

Wessen Hautfarbe schwarz war, den schützten die Deutschen nicht, auch nicht, als die südafrikanischen Besatzer die Apartheid rigoros durchsetzten. Der Lutherische Weltbund suspendierte sogar die deutsche Kirche in Namibia und unterstützte den Freiheitskampf der Swapo.

Die Geschichte Namibias war eine deutsche Geschichte, und sie ist es bis heute. Wer auf der Autobahn von Windhuk an die Atlantik-Küste fährt, sieht am Straßenrand Menschen, die Steine auf Autos werfen: Die Struggle Kids, die Kinder des Kampfes.

Die »Allgemeine«, seit hundert Jahren die deutschsprachige Zeitung, zeigte vor wenigen Monaten ein Foto mit diesen Kindern, die eine Faust in den Himmel recken und die Autobahn blockieren. Die DDR hatte den von der Swapo aus verschiedenen Flüchtlingslagern zusammengezogenen Kindern in den siebziger Jahren Asyl gewährt, in den dunkelsten Jahren der Apartheid.

Kurz nachdem in Deutschland die Mauer gefallen war, bekam Namibia die Unabhängigkeit: Die Struggle-Kids hatten in Deutschland keine Zukunft mehr, und in Namibia waren sie die Fremden, die schwarzen Deutschen. Sogar mit eigener Sprache, dem Oshi-Deutsch, einer Mischung aus Deutsch und Oshivambo. Auch wenn sie, meist arbeitslos, nur eine kleine radikale Gruppe bilden, sind sie typisch für die Konflikte Namibias.

Die über Jahrhunderte unterdrückten Schwarzen fordern von ihrer Regierung nicht nur Mitleid, sondern auch Landbesitz, fordern Farmen, die zum großen Teil immer noch den Weißen gehören. Die Regierung zögert, will die Fehler wie im Nachbarland Simbabwe vermeiden: Dort hat die gewaltsame Enteignung die Landwirtschaft zusammenbrechen lassen. Namibia versucht den Ausgleich, der allen die Zukunft sichern soll. So wächst mit Namibianern, deren Herkunft deutsch ist, eine neue Farmergeneration heran.

Die Deutschen sind da, sie sind friedlich, haben eine eigene Kirche und einen eigenen Bischof, sie sind die Wohlhabenden im Land, die Farmer, Handwerker, Unternehmer – auch wenn mit Calle Schletwein, dem Finanzminister, nur ein Weißer in der Regierung sitzt. In Windhuk flaniert man durch die Genscher-Straße oder wohnt im Thüringer Hof; der Besuch des Museums von Swakopmund an der Küste ist wie ein Spaziergang durch die deutsche Geschichte.

Im kommenden Jahr, dem Lutherjahr, wird die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes nicht in Wittenberg tagen, sondern in Namibia – als Zeichen für die Weltoffenheit der Erben Luthers. Die deutschen Lutheraner werden sich dann das Flugzeug teilen mit den Großwildjägern, und gemeinsam werden sie wohl auch mit »Ein feste Burg« empfangen werden.

Paul-Josef Raue

Der Lutherische Weltbund (LWB) ist der Dachverband von weltweit 142 lutherischen Kirchen mit mehr als 72 Millionen Mitgliedern. Er wurde 1947 im schwedischen Lund gegründet. Das höchste Gremium des LWB ist die Vollversammlung, die in der Regel alle sechs Jahre zusammentritt.

Die 12. Vollversammlung kommt vom 13. bis 18. Juni in Namibias Hauptstadt Windhuk zusammen. Sie soll im 500. Jahr der Reformation »die ökumenische und globale Dimension der Reformation hervorheben«, wie der LWB betont.

Das Leitwort der Vollversammlung lautet »Befreit durch Gottes Gnade«. Es soll bei der Tagung in drei Unterthemen entfaltet werden: »Erlösung – für Geld nicht zu haben«, »Menschen – für Geld nicht zu haben« und »Schöpfung – für Geld nicht zu haben«

Mitgliedskirchen aus Deutschland:
Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Braunschweig, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schaumburg-Lippe, Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, Evangelische Landeskirche in Württemberg, die Lutherische Klasse der Lippischen Landeskirche, Evangelisch-Lutherische Kirche in Baden


Auf den Pfaden des Wunders

27. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Weihnachten lädt ein, darüber zu meditieren, wie wir Gott begegnen können. Die Evangelisten Lukas und Matthäus helfen dabei mit ihren wunderbar komponierten Weihnachtsgeschichten.

Lukas und Matthäus berichten – symbolisch fein verdichtet – von vier Gruppen, die alle das Weihnachtswunder erleben, auch wenn sie auf ganz unterschiedlichen Pfaden zu Gott unterwegs sind.

Heilige Familie, Gemälde von Lorenzo Costa (1460–1535). Foto: The Yorck Project

Heilige Familie, Gemälde von Lorenzo Costa (1460–1535). Foto: The Yorck Project

Maria und Josef: Die erste Gruppe ist klein, ein junges Paar. Beide tun sich anfangs schwer miteinander. Was weiß schon der eine vom anderen? Maria macht eine überwältigende Gotteserfahrung, erlebt »große Dinge« (Lukas 1,49), die sie weit über ihr Alltagsbewusstsein hinausheben in die namenlose Freude Gottes. Sie kann nicht darüber sprechen, bewegt alles in ihrem Herzen und läuft vor Josef weg zu einer Verwandten. Er schlägt sich mit Zweifeln herum, weiß lange nicht, was er tun soll, folgt schließlich aber mutig dem Engel seiner Intuition (Matthäus 1,20). Aus seinem Ja zu Maria wird ein Ja zum Göttlichen, das ungewöhnliche Anfänge setzt: »Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.« (Lukas 1,37)

Für das Neue, das durch zwei Liebende in die Welt kommen will, gibt es kein Vorbild. Wie jedes Paar müssen Maria und Josef ihren einmaligen Pfad zu Gott selbst entdecken – indem sie gemeinsam dem immer werdenden, schöpferischen Gott entgegengehen. Josef nennt das Kind »Gott mit uns«, Maria nennt es »Retter«. Sie entdecken zusammen die rettende Liebe in ihrem Ja zu dem, was ihnen Gott, der Lebendige, zutraut. Das ist der Pfad der Beziehung von Mann und Frau. Der Pfad des Vertrauens hin zur himmelweiten Herberge der Liebe, die größer ist als beide zusammen.

Die Hirten auf den Feldern repräsentieren die zweite Gruppe. Sie stehen gesellschaftlich eher am Rand. Sie besitzen fast gar nichts. Sie haben nichts zu verlieren. Die Hürden, in deren Nähe sie ihre Schafe hüten müssen, setzen ihnen deutliche Grenzen. Ihr Spielraum ist klein, ihr Leben karg, ihre Wirklichkeit hart. Ihre Erfahrung ist in und mit der Natur gereift. Von Berufs wegen müssen sie immer eines sein: aufmerksam und wachsam. Ihre Sorge um die Schafe und die Angst vor wilden Tieren trainiert die Sinne, schult die Achtsamkeit. Hirten sind gewohnt zu wachen. Sie wissen, wie wichtig es ist, sofort reagieren zu können, wenn etwas Ungewöhnliches passiert. Diese Wachsamkeit ist der spirituelle Schlüssel, um den Gesang der Engel zu hören. Nur wer wach ist, erlebt das »Sakrament des Augenblicks«. Die Hirten reagieren spontan wie Kinder: staunen, hinlaufen, schauen, davon erzählen. Alles ist so simpel wie die Zeichen »Windeln« und »Krippe«. Ihr Herz ist sofort offen für das Wunder. Ihre Augen leuchten. Ihnen reicht es, dass sie sich nicht fürchten müssen. Sie sind befreit, fern von den Hürden ihres armseligen Alltagslebens. Sie kommen mit leeren Händen und empfangen alles: »Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie.« (Lukas 2,9) Das ist der Pfad der Achtsamkeit für das offene Geheimnis Gottes, das man nur mit dem Herzen erfassen kann.

Die Magier aus dem Morgenland sind die dritte Reisegruppe. Sie verkörpern den höchsten astronomisch-astrologischen Wissensstand der damaligen Zeit. Sie sind gebildet und in der Lage, aus Langzeitbeobachtungen bestimmter Sternenkonstellationen Prognosen zu entwickeln. Dank ihrer Analysen können sie aus ihren Sternenkarten Schlüsse ziehen auf sich ankündigende historische Veränderungen: auf große Verschiebungen im Weltgeschehen und in Glaubensdingen. Früher als alle anderen sind sie aufgebrochen, in die Fremde, dem Kommenden entgegen, nur geführt vom Sternenlicht ihres kosmischen Bewusstseins. Ihr Erkenntnisinteresse und Forschergeist führt sie auf unbekannten Wegen in spirituelles Neuland. Ihr Exodus erspart ihnen aber keine Umwege und Irrtümer.

Auch kluge Köpfe können unversehens erst einmal bei den alten Machtstrukturen landen, wie die Magier bei Herodes. Damit die spirituelle Reise glücklich ans Ziel kommt, braucht es einen klaren Verstand, Unterscheidungsfähigkeit und nüchterne Selbstkritik zur mutigen Korrektur herkömmlicher religiöser Positionen. So entdecken die Magier Gott ganz neu – durch Loslassen.

Alles Kostbare, das sie aus ihrer alten Tradition mitgebracht haben, machen sie dem göttlichen Neubeginn zum Geschenk: ihr reiches Wissen, ihren Erfahrungsschatz, ihre interreligiösen Bewusstseinsfortschritte. Das ist der Pfad des Forschergeists, der die weit gereisten spirituellen Sucher in großzügig-heilige Könige verwandelt.

Simeon und Hannah, die Alten im Tempel. Wieder zwei, die nach Gott Ausschau halten. Sie gehen den unspektakulären, verlässlichen Pfad der Tradition. Den Weg, den ihre

Eltern und Großeltern kannten und unzählige Generationen davor. Sie haben sich ihr Leben lang »beim Tempel gehalten«, um hier Gott zu begegnen. Sie verkörpern die Treue zum Weg des Glaubens, wie er überliefert ist. Durch ihre Präsenz und ihr Gebet halten sie im Tempel den Raum offen, wo Gott geschehen kann. Darum stehen sie gar nicht an der Krippe. Sie bekommen das wunderbare Geschehen der Heiligen Nacht gar nicht unmittelbar mit.

Ausgerechnet sie, die beiden Frommen, sehen das neugeborene Gotteskind als Letzte. Aber sie erfahren nicht weniger als die anderen. Durch ihr verbindliches Gebetsleben sind sie alt und weise geworden. Als sie das Kind endlich sehen, wissen die beiden sofort, dass Gott sie in seine Zukunft schauen lässt. Ihre Geduld hat sie für die Klarsicht des Heiligen Geistes geöffnet, mit der sie erkennen können, dass Gott Mensch geworden ist.

Sie bezeugen, dass wir Gott in diesem Kind und – oh Wunder! – in jedem anderen Menschen erkennen können. Das ist der Pfad der gereiften Kontemplativen, deren innere Reise vom Bewusstsein für das Heilige in uns allen geleitet wurde. Es ist ihre Würde, die der etablierten Religion hilft, die eigene Tradition mit einem mutigen und allumfassenden Segen für das »Werdenkönnen« Gottes in allem Neuen zu verbinden.

Vier Pfade unter dem besonderen Segen Gottes: die gemeinsame Kreativität der Liebenden, die am Schöpferprozess Gottes teilhaben. Die Freude der Menschen, die wenig haben, vom Rand der Gesellschaft, die die gute Nachricht beglückt weitergeben. Die Klugheit der Forscher, deren kosmisches Bewusstsein den Schatz unserer Gotteserkenntnis mehrt. Und die Allgüte der Betenden, die das göttliche Kind in uns allen segnen. Vier wechselnde Pfade, Schatten und Licht – alles ist Gnade. Fürchte dich nicht!

Marion Küstenmacher

Die Autorin ist zusammen mit ihrem Mann Werner Tiki Küstenmacher Chefredakteurin des monatlichen Newsletters »Simplify your life«.

»Vom Himmel hoch …«

25. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Luthers Weihnachtslieder als theologisches Manifest – von Renate Kortheuer-Schüring

Luther selbst musizierte mit Lust. Er schrieb mehr als 30 Kirchenlieder – darunter auch das bekannte Weihnachtslied »Vom Himmel hoch, da komm ich her«.

Aus der Stahlradierung von Carl A. Schwerdtgeburth »Luthers Familie unter dem Christbaum« (1843) scheint dieses Lied förmlich zu leuchten. Luther hatte »Vom Himmel hoch« wohl 1534 zur Bescherung für seine Kinder geschrieben; vielleicht sogar speziell für seine Tochter Margarete, die im Advent geboren wurde. Der Text folgt einem Teil der Weihnachtsgeschichte: Engel, Hirten und letztlich die Gläubigen selbst kommen darin wie in einem Krippenspiel zu Wort, um den neugeborenen Heiland zu verehren.

Dass Luther seinem fünfzehn Strophen umfassenden Gedicht zunächst die Melodie eines Gassenhauers beigab, tat der heiligen Sache keinen Abbruch. Die sogenannte Kontrafaktur war damals verbreitet; neu war es allerdings, weltliche Weisen in geistliche Musik zu transponieren. Dies dürfte – neben dem Buch- und Notendruck – auch dazu beigetragen haben, dass sich die reformatorischen Gedanken so rasch und weit verbreiteten, wie der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen in seiner »Geschichte der Kirchenmusik« schreibt.

»Vom Himmel hoch« ging ursprünglich auf ein mittelalterliches Spielmannslied zurück: »Ich kumm auß fremden landen her und bring euch vil der newen mär«, hieß es, Luther übernahm die erste Strophe mit kleinen Abwandlungen fast komplett. Einige Jahre später komponierte er jedoch noch eine eigene Melodie dazu – diejenige, nach der das Lied bis heute gesungen wird.

Martin Luther im Kreise seiner Familie, singend und Laute spielend, in mittelalterlicher Stube unterm glänzenden Weihnachtsbaum: Das Bild ist eine Ikone des Protestantismus. Auch wenn die Luther-Weihnacht in dieser Form der historischen Realität von 1536 kaum entsprochen hat –  der Christbaum war noch nicht erfunden –, so spiegelt sich in den im 19. Jahrhundert verbreiteten Darstellungen doch ein ganz besonderer Aspekt der Reformation: die Musik wird zur Trägerin der Frohen Botschaft. Repro: epd-bild/akg-images

Martin Luther im Kreise seiner Familie, singend und Laute spielend, in mittelalterlicher Stube unterm glänzenden Weihnachtsbaum: Das Bild ist eine Ikone des Protestantismus. Auch wenn die Luther-Weihnacht in dieser Form der historischen Realität von 1536 kaum entsprochen hat – der Christbaum war noch nicht erfunden –, so spiegelt sich in den im 19. Jahrhundert verbreiteten Darstellungen doch ein ganz besonderer Aspekt der Reformation: die Musik wird zur Trägerin der Frohen Botschaft. Repro: epd-bild/akg-images

Als Luthers theologisch bedeutendster Choral gilt allerdings ein anderes Weihnachtslied. »Nun freut euch, lieben Christen g’mein«, 1523 als Flugblatt veröffentlicht, enthalte in Versen und Tönen Luthers ganzes theologisches Programm, erklärt Claussen. Das heute seltener gesungene zehnstrophige Lied handelt von Gottes Gnade, der Geburt des Erlösers Jesus Christus und der Rechtfertigung des Sünders. Mit der Kernthese, dass der Mensch sein Heil allein aus göttlicher Gnade gewinnen kann und nicht aufgrund eigener Anstrengungen, löste Luther vor 500 Jahren die Reformation aus. Seine Theologie ist den Protestanten allerdings inzwischen fremd geworden, wie Claussen einräumt.

Zur Zeit der Reformation dagegen wurde »Nun freut euch, lieben Christen g’mein« zu einem wichtigen Hymnus. Der »Urkantor« der evangelischen Kirche, der Kirchenmusiker Johann Walter (1496–1570), schrieb, das »Liedlein Lutheri« habe »viel hundert Christen zum Glauben bracht …«, die sonst von dessen Lehre nichts hätten wissen wollen. »Die geistlichen Lieder haben nicht wenig zur Ausbreitung des Evangeliums geholfen«, berichtete der Kantor, der 1525 mit Luther die deutsche Messe entwickelte und das erste evangelische Gesangbuch herausgab. Für viele seien die Lieder Luthers auch Tröster in Todesnot geworden.

In dem bewegten Rhythmus des Weihnachts-Chorals sind Hüpfen und Freudensprünge angedeutet. Zum Singen, Tanzen und Springen angesichts der Frohen Botschaft fordert Luther auch im Text auf: »… lasst uns fröhlich springen, / dass wir getrost und all’ in ein, / mit Lust und Liebe singen.«

An den berührenden Volkston des Lieds »Vom Himmel hoch« reicht der Choral indes nicht heran. Im Lauf der Jahrhunderte griffen viele Komponisten die Melodie dieses »Kinderlieds« auf und verwendeten sie neu, zuerst Johann Sebastian Bach (1685–1750). In seinem berühmten »Weihnachtsoratorium« finden sich allein drei Choräle, die auf Luthers »Vom Himmel hoch« fußen; auch ein Orgelwerk im kontrapunktischen Stil hat Bach dem Lied gewidmet (1748). Felix Mendelssohn Bartholdy, Max Reger und Igor Strawinsky ließen sich ebenso von dem Engelsgesang inspirieren.

Musikalisch-theologisch standen sie damit in der Tradition des leidenschaftlichen Sängers aus Wittenberg, der »von der Musica so herrlich zu reden wusste« (Kantor Walter) und sie der Theologie gleichstellte. Bis heute wird dies zu Weihnachten und mit seinen Liedern für viele Menschen besonders spürbar: Dass das Evangelium eine »gute Nachricht« ist, wie Luther sagt, »davon man singet, saget und fröhlich ist«. (epd)

Weil Jesus hier geboren wurde

24. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

In Bethlehem ist immer Weihnachten. Menschen aus aller Welt besuchen die kleine Stadt in den Bergen Judäas, weil Jesus hier zur Welt kam.

Die Geburtskirche und die Hirtenfelder werden täglich von Hunderten besichtigt, und die palästinensische Bevölkerung lebt vom Tourismus. Viele Muslime haben das Geschäft mit dem Kind in der Krippe für sich entdeckt. Jahr für Jahr ziehen mehr aus den umliegenden Dörfern nach Bethlehem. Sie bauen Hotels, gründen Souvenirgeschäfte und Restaurants, arbeiten als Schmuckverkäufer, Olivenholzschnitzer und Reiseleiter. Die biblischen Orte sind allgemeines Kulturerbe und das Weihnachtsfest ist zum Volksfest geworden.

Eine schöne Bescherung: Johnny und Marlene Shahwan verteilen jedes Jahr Tausende von Geschenkpäckchen, die im Rahmen der Aktion »Weihnachten im Schuhkarton« weltweit gepackt wurden, an palästinensische Kinder in und um Bethlehem. Foto: Johnny Shahwan

Eine schöne Bescherung: Johnny und Marlene Shahwan verteilen jedes Jahr Tausende von Geschenkpäckchen, die im Rahmen der Aktion »Weihnachten im Schuhkarton« weltweit gepackt wurden, an palästinensische Kinder in und um Bethlehem. Foto: Johnny Shahwan

Werden im Advent die Lichterketten eingeschaltet und riesige Weihnachtsbäume nach amerikanischem Vorbild erleuchtet, sind nur noch wenige palästinensische Christen unter den Feiernden. Und wenn am Heiligabend auf der großen Bühne Chöre aus aller Welt zur Ehre Gottes singen, grölen Tausende Muslime unter den Zuschauern schmutzige Worte dazwischen. Immer mehr Christen bleiben deshalb den Feiern fern.

»Ich erlaube meinen Töchtern nicht, an Heiligabend nach Bethlehem zu gehen«, sagt Abu Fuad, ein Vater von fünf Kindern und traditioneller Christ aus unserer Stadt Beit Jala. Er befürchtet, dass seine Mädchen von Muslimen angemacht werden und es zu Schlägereien kommt. Doch so sehr sich traditionelle Christen aufregen, dass ihnen ihr Weihnachtsfest durch die muslimische Mehrheit ruiniert wird – umso trauriger ist, dass sie selbst kaum noch einen Bezug zum Sinn von Weihnachten haben.

Nur noch wenige Leute kennen die biblischen Geschichten. Für sie bedeutet Weihnachten gut essen und trinken, Kleider kaufen, auf Partys gehen und gesehen werden. Sie leben ihre »christliche« Kultur, aber Auswirkungen auf ihr Leben hat das kaum. Viele Palästinenser leben eh nur für den Augenblick. Sie versuchen, die politischen Konflikte und Einschränkungen zu ignorieren und wollen nicht vertröstet werden auf eine bessere Zukunft, weil sie gar nicht mehr an eine Zukunft in diesem Land glauben. Immer mehr traditionelle Christen wandern deshalb aus.

Mitten in dieser Situation versuchen wir im Beit Al Liqa (Haus der Begegnung), Menschen mit Gottes Wort zu erreichen. Wir sagen den Christen, dass es mehr als fromme Traditionen gibt, nämlich eine persönliche Freundschaft zu Jesus. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind schon in unserem Zentrum zum Glauben gekommen.

Bei einem Sommercamp fragte unsere Mitarbeiterin Melody, ob eines der Kinder ein Gebet sprechen wolle. Da kam ein elfjähriger muslimischer Junge ans Mikrofon und betete: »Herr, danke für das Camp. Bitte schenke doch, dass wir heute alle friedlich miteinander umgehen und es keinen Streit gibt. Und bitte hilf uns, dass wir alle bei den Geschichten gut zuhören. In Jesu Namen. Amen!«

Dieser Junge hatte schon als Kleinkind in unserer Kindertagesstätte von Jesus gehört. Die muslimischen Familien am Ort vertrauen uns und bringen ihre Kinder. Manche sind nur liberal, andere sind offen für Gottes Wort.

Wie jedes Jahr werden wir in diesem Jahr wieder Tausende Geschenke im Rahmen von »Weihnachten im Schuhkarton« an Palästinenserkinder im ganzen Land verteilen. Wir bereiten ihnen Freude und erzählen, dass das Kind in der Krippe auch für sie auf die Erde kam.

Manchmal kommen Kinder und Erwachsene auf uns zu, die mehr hören möchten. Andere sagen: »Vielen Dank für die Geschenke, wir glauben trotzdem nicht an euren Jesus!«
Doch wie immer die Reaktion auch ausfällt – wir hören nicht auf, den Menschen der Provinz Bethlehem von Jesus zu erzählen. Denn diese Menschen liegen uns am Herzen. Und wir sind überzeugt, dass es Jesus genauso geht, schließlich ist Bethlehem ja sein Geburtsort!

Johnny und Marlene Shahwan

Johnny und Marlene Shahwan leben in Beit Jala bei Bethlehem. Johnny ist Palästinenser, gemeinsam mit seiner deutschen Ehefrau Marlene hat er als Mitarbeiter des christlichen Hilfswerkes »DMG interpersonal« in der Stadt Beit Jala ein »Haus der Begegnung« aufgebaut, das Kindern und Erwachsenen ein Ort der Hoffnung ist.

www.dmgint.de

Eine Gemeinde im Sturm

20. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Während der blutigen Aus­einandersetzungen in Kiew stand vor zwei Jahren die Deutsche Lutherische Gemeinde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Harald Krille sprach mit dem früheren sächsischen Oberlandeskirchenrat Martin Lerchner, der derzeit in Kiew Dienst tut, über die Situation heute.

Herr Lerchner, Sie haben als Ruheständler Vertretungsdienste in Kiew übernommen. Wie ist es dazu gekommen?
Lerchner:
Im letzten Jahr hat diese Gemeinde große Verunsicherungen erfahren. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen dem Bischof in Odessa und der Kiewer Gemeinde, der vor einem Jahr den von der EKD entsandten Pfarrer gewaltsam absetzen wollte. Inzwischen hat sich die Kiewer Gemeinde St. Katharina von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) trennen müssen und orientiert sich an der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Dazu kam im Frühjahr 2016 der plötzliche Tod von Pfarrer Schäfer. Die Pfarrstelle, die zurzeit ausgeschrieben ist, soll im Sommer 2017 wieder besetzt werden. Das Kirchenamt der EKD hat deshalb Ruheständler gebeten, für Vertretungsdienste zur Verfügung zu stehen.

Was ist der Hintergrund der Spannungen mit der DELKU?
Lerchner:
Ich kann mich nur auf das verlassen, was andere mir berichtet haben: Im Wesentlichen ist es wohl ein Konflikt mit dem Bischof, der eine hierarchische Führung aufgebaut hat. Bischof Serge Maschewski trifft seine Entscheidungen und erwartet Gehorsam. Wer widerspricht, wird entlassen. Statt in Konflikten zu vermitteln, hat man den Eindruck, dass er es lieber auf Konfrontation ankommen lässt.

Ist Ihnen die Entscheidung leichtgefallen, nach Kiew zu gehen?
Lerchner:
Da ich in den letzten zwölf Jahren meines aktiven Dienstes – zwar sehr gern – nur noch kirchenleitend tätig war, habe ich mich über die Anfrage sehr gefreut. Als ich mich fürs Theologiestudium entschied, wollte ich ja nicht »Kirchenleiter«, sondern Pfarrer werden. Allerdings waren so manche Vorurteile präsent.

   Martin Lerchner versieht derzeit in der Kiewer Katharinengemeinde den Vakanzdienst. Im kommenden Jahr soll die Pfarrstelle wieder regulär besetzt werden. Foto: privat

Martin Lerchner versieht derzeit in der Kiewer Katharinengemeinde den Vakanzdienst. Im kommenden Jahr soll die Pfarrstelle wieder regulär besetzt werden. Foto: privat

Und wie ist es nun in Kiew?
Lerchner:
Kiew ist eine moderne, junge und lebendige Stadt, in der es sich gut leben lässt. Allerdings sind krasse Wohlstandsunterschiede deutlich zu bemerken: auf der einen Seite Kraftfahrzeuge, die eher an Waffen als an Transportmittel erinnern, auf der anderen Seite bettelnde ältere Menschen, denen die Rente nicht zum Leben reicht. Und natürlich habe ich im Laufe der Zeit mitbekommen, dass die kriegerischen Konflikte in der Ostukraine viele Familien persönlich betreffen. Wenn ich es richtig sehe, sind unter den jüngeren Menschen viele, die gut gebildet sind, zum Teil mehrere Sprachen gut beherrschen. Gleichzeitig scheint eine größere Gruppe, vor allem älterer Menschen, nichts Gutes mehr vom Leben zu erwarten. Die Kosten steigen und das Geld reicht nicht, sodass die Unzufriedenheit steigt. Nahezu täglich sind im Stadtgebiet Demonstrationen zu bemerken.

Wie ist die Situation in der Deutschen Lutherischen Gemeinde?
Lerchner:
In Kiew höre ich immer wieder stolz: Wir sind eine deutsche lutherische Gemeinde. Allerdings höre ich das fast immer auf Russisch. Zwar stammen sehr viele der etwa 200 Gemeindeglieder aus deutschen Familien. In Zeiten der kommunistischen Herrschaft war es allerdings kaum möglich, die deutsche Sprache und Kultur und den lutherisch geprägten Glauben weiterzugeben. Und doch sind ein tiefes Wissen und eine ungestüme Sehnsucht wahrzunehmen: Wir sind eine deutsche lutherische Gemeinde. So sind sonntags siebzig bis achtzig Personen regelmäßig im Gottesdienst, in dem Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch gesungen und die Predigt und andere Texte ins Russische übersetzt werden.

Sie predigen nicht auf Russisch?
Lerchner:
Ich bin überaus dankbar dafür, dass die Gemeindesekretärin sehr gut übersetzen kann. Sie ist nicht nur eine Übersetzerin, sondern eine Person, der man eine geistliche Prägung abspürt. Die Gläubigen kommen mit großem geistigem Interesse zum Gottesdienst, in dem alle Altersgruppen vertreten sind. Nach jedem Gottesdienst findet ein Treffen mit bis zu zwanzig Personen statt, die sich mit ihren Erfahrungen und Fragen in dieses Gespräch einbringen. Es gibt zudem einen wöchentlichen Bibelgesprächskreis. Großes Interesse an der Arbeit der Kirchengemeinde und am Pfarrer haben darüber hinaus die zahlreichen Deutschen, die – an der deutschen Schule, im diplomatischen Dienst und in anderen Bereichen – auf Zeit hier mit ihren Familien leben.

Die Gemeinde und ihr damaliger Pfarrer Ralf Haska haben sich in den blutigen Majdan-Auseinandersetzungen Anfang 2014 einen Namen durch ihre parteiübergreifende Hilfe gemacht. Ist von dieser Haltung heute noch etwas zu spüren?
Lerchner:
Diese Erfahrungen haben die Gemeindeglieder sehr geprägt und sie sind mit Recht stolz darauf. Von der Haltung ist zumindest so viel zu spüren, dass die Gemeinde – trotz immenser finanzieller Schwierigkeiten – immer wieder notleidende Menschen unterstützt.

Ein Gesang aus 28 500 Kehlen

19. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Alle Jahre wieder singen Fans am 23. Dezember im Stadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick Weihnachtslieder – der wohl größte Weihnachtschor Deutschlands.

Wenn am 23. Dezember im Stadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick das Flutlicht ausgeht, entzünden die Menschen ihre Kerzen. Zum Kirchengeläut entsteht auf dem Rasen und auf den Rängen ein Lichtermeer. Eine Gänsehaut-Atmos­phäre, die selbst in dem Kultstadion im Berliner Osten nicht alltäglich ist. Dicht gedrängt stehen die Menschen, viele tragen die rot-weißen Farben ihres Vereins, des 1. FC Union Berlin. Heute sind sie ins Stadion gekommen, um Weihnachtslieder zu singen. Im Schein der Kerzen blicken sie in ihre Liederhefte und singen gemeinsam: »Es ist ein Ros entsprungen«. 28 500 Menschen sind gekommen, der wohl größte Weihnachtschor Deutschlands. Sie kommen von nah und fern, aus Berlin und aus München, aus dem Berliner Umland und aus dem europäischen Ausland, die Tagesschau hat unlängst berichtet.

Ob jung oder alt, Männer oder Frauen, ob arm oder reich: heute Abend stehen sie beieinander und singen gemeinsam. Sie alle sind gekommen für die einmalige Atmosphäre. Da kommen Menschen zusammen, die sich wohl sonst kaum begegnen würden. Hartgesottene Kerle, die jedes Wochenende auf der Waldseite, in der Fankurve stehen, singen hier nun »Ihr Kinderlein kommet«. Weihnachtslieder und Fangesänge des traditionellen Arbeitervereins 1. FC Union wechseln sich ab. Ein »Eisern Union« folgt auf »Süßer die Glocken nie klingen«. Viele sind gerührt, haben Tränen in den Augen. Der Schülerchor eines Köpenicker Gymnasiums führt den vielstimmigen Gesang an. Junge Ultra-Fans, als Weihnachtsmänner verkleidet und sonst für die Stimmung auf den Rängen verantwortlich, spendieren Kindern Nüsse und Süßigkeiten. Weihnachten für alle, organisiert von den Fans. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich.

Eine Institution: Seit Jahren pilgern Tausende zum traditionellen Weihnachtssingen des 1. FC Union Berlin in das Vereinsstadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick, auch der Autor des Beitrags. Foto: epd-bild / Ottmar Winter

Eine Institution: Seit Jahren pilgern Tausende zum traditionellen Weihnachtssingen des 1. FC Union Berlin in das Vereinsstadion an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick, auch der Autor des Beitrags. Foto: epd-bild / Ottmar Winter

Dabei war der Start im Jahr 2003 noch recht verhalten und eher aus der Not geboren. Der 1. FC Union hatte eine durchwachsene Hinrunde gespielt, und vielen Fans war mit Blick auf Weihnachten nicht nach Feiern zumute. So trafen sich beim ersten Mal – noch ohne Unterstützung des Vereins – 89 Hartgesottene bei zehn Grad unter Null mit Glühwein aus Thermoskannen am Mittelkreis auf dem »heiligen Rasen« des Stadions an der Alten Försterei und sangen bei Kerzenschein gemeinsam Weihnachtslieder. Ein Mythos war geboren. In den nächsten Jahren kamen jedes Jahr mehr Menschen, und inzwischen übersteigt die Nachfrage bei Weitem die Kapazität des Stadions. Die Fans haben das Weihnachtssingen zu einem festen Bestandteil ihrer Weihnachtstraditionen gemacht.

Einer von ihnen ist Peter Müller, der einst Pfarrer in Köpenick war.

Ihn haben die Fans gebeten, im Stadion die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium zu lesen: »Es begab sich aber zu der Zeit …« Eine besondere Stimmung ist dann auf den Rängen des Stadions zu spüren. Viele hören die alten Worte vermutlich zum ersten Mal. Inzwischen ist Peter Müller fester Bestandteil des Weihnachtssingens und der Union-Familie. Die Fans sprechen von ihm als »ihrem Pfarrer«, zuweilen gibt es im Stadion zu den Heimspielen Fangesänge mit seinem Namen.

Seine Frau hat ihm für das Weihnachtssingen einen rot-weißen Schal mit zwei Kreuzen gestrickt. Den trägt er jetzt, wenn er die Weihnachtsgeschichte liest, wenn er das Vaterunser mit Tausenden Menschen betet und wenn er dieser besonderen Gemeinde für das Weihnachtsfest den Segen Gottes zuspricht. Und das alles im weitgehend säkularisierten Osten Berlins.

Für viele ist dies die einzige Begegnung mit Kirche im ganzen Jahr – und der Eindruck ist positiv: »Ich war dieses Jahr noch nicht in der Kirche, aber ich finde es gut, dass hier der kirchliche Gedanke mit rübergebracht wird«, sagt ein Fan mit rot-weißem Bauhelm, der ihn als einen der Stadionbauer ausweist. Eine junge Frau, angesprochen auf die kurze Predigt von Pfarrer Müller, sagt: »Dit war richtig jut. Super jemacht. Besser als in der Kirche.«

Für viele Menschen gehört das Weihnachtssingen inzwischen zum Weihnachtsfest dazu. Der 23. 12., 19 Uhr, mit der Familie und Freunden Weihnachtslieder singen und die Weihnachtsgeschichte hören: so geht Weihnachtsfreude beim 1. FC Union Berlin im Stadion an der Alten Försterei, dem größten Weihnachtschor Deutschlands.

Ramón Seliger

Der Autor ist Vikar in Weimar, Hobby-Fußballer und Mitglied beim 1. FC Union Berlin.

Weihnachten in aller Welt

18. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Die Botschaft von der Geburt Jesu unter den Menschen ist kultur- und grenzübergreifend

Jesus von Nazareth kam in Bethlehem in Judäa zur Welt. So weit die Fakten. Doch für die meisten von uns ist Jesus von Geburt her gefühlt wohl doch eher Bayer, Österreicher oder Schweizer. Denn für viele gehört zur perfekten Weihnacht nicht nur glitzernder weißer Schnee. Die Geburt des Herrn stellen und stellten sich Künstler, Spielzeugindustrielle und eben auch viele andere Menschen in einer alpenländischen Bergkulisse vor.

Slumkrippe aus Peru. Fotos: epd-bild/Andrea Enderlein

Slumkrippe aus Peru. Fotos: epd-bild/Andrea Enderlein

Doch Kälte, Dunkelheit, Frost und Schnee gehören anderenorts nicht automatisch zum Weihnachtsfest dazu. Und auch unter den Advents- und Weihnachtsliedern des evangelischen Gesangbuches findet sich nur eines, das in Lateinamerika, Australien oder Afrika nicht funktionieren würde, wo Weihnachten in sommerlicher Hitze gefeiert wird. Denn »Es ist ein Ros entsprungen« handelt laut Text »mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht«. Ansonsten spielt das Wetter keine Rolle in unseren Liedern der Weihnacht. »Es gibt Dinge, die müssen übertragen werden, damit sie in anderen Ländern und Kulturen verstanden werden. Anderes dagegen ist überall gleich, wird überall verstanden und verbindet so die Kulturen miteinander«, erklärte Augustinerpfarrerin Irene Mildenberger beim Augustinergespräch in Erfurt. Mildenberger zeigte anhand von Liedern, Texten und auch Videoaufnahmen, wie vielfältig, anders­artig und doch auch verbindend das Weihnachtsfest in der Welt begangen wird. Flirrende Hitze, heulende Dingos, Viehtreiber in der Prärie – davon handelt ein bekanntes australisches Weihnachtslied. In »The three Drovers« erscheint den Viehtreibern in der Ebene der Stern. Menschen und Tiere feiern in der ausgedörrten Prärie die Ankunft eines Königs. Ein Weihnachtslied der kanadischen Huronen-Indianer dagegen besingt die Geburt des Jesuskindes in den jahrhundertealten Bildern des Stammes. Geister vom Himmel bekunden die Geburt, Älteste kommen und huldigen dem Kind und salben ihm zur Verehrung den Skalp. »Diese Lieder zeigen, dieses Kind kommt direkt zu diesen Menschen. Es ist unter uns geboren, für uns da«, so Mildenberger. »Weihnachten hat eine kulturübergreifende Bedeutung, die überall auf der Welt funktioniert.« Das Lukas-Evangelium, das Motiv der Armut und Heimatlosigkeit, Hirten, Arme und Ausgestoßene als Zeugen und erste Gäste des erwarteten Jesuskindes, die Nacht, die Weisen, der Stern, aber auch die Erfahrung von Flucht und Verfolgung, all diese Elemente verstehen, kennen und tradieren die Völker der Welt, wenn es um das Weihnachtsfest geht. Jesus hat sich den Armen und Schwachen der Gesellschaft zugewandt, und dies schon im Augenblick seiner Geburt. Das versteht man überall auf der Erde. »Die zentrale Botschaft«, betonte Mildenberger, »ist überall gleich: Gott kommt auf die Erde, um uns zu erlösen.«

Trotz aller regionalen Unterschiede und Besonderheiten des Festes der Feste gibt es einige Weihnachtstraditionen, die der deutsche Sprachraum bis heute in alle Welt exportiert hat. Da ist zum einen der Tannenbaum, der es aus deutschen Landen, über die privaten Salons der königlichen Familie in England bis heute in fast jedes Wohnzimmer auf allen Kontinenten der Welt geschafft hat. Und »Stille Nacht, heilige Nacht« ist zu dem Weihnachtsklassiker überhaupt geworden. Ein Lied, das weltweit in 150 Sprachen und 200 verschiedenen Fassungen gesungen wird. Für Liebhaber des Außergewöhnlichen existieren sogar Fassungen im »Elbisch« der »Herr der Ringe«-Sage und in »Star Trek-Klingonisch«.

Diana Steinbauer

Sie erkannten die Zeichen der Zeit

18. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Anders als ihr Ruf: Hirten genossen zur Zeit Jesu Vertrauen und Respekt

Kommt, wir wollen nach Bethlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das der Herr geweissagt hat.« So sprechen die Hirten und brechen auf. Jahr für Jahr hören wir ihre Botschaft, dass ein Kind geboren worden sei, dass es in einer Krippe liege und dass bald das ganze Volk von einer großen Freude ergriffen werde. Aber was wissen wir über sie, die Hirten?

»Räuber und Betrüger« sollen sie gewesen sein, »Strolche und Tagediebe«. So sagen es einige Exegeten. Aber waren die Hirten zur Zeit Jesu tatsächlich zwielichtige Gestalten, genauso verdächtig und unbeliebt wie Zöllner und Steuereintreiber, ständig in der Versuchung, in die eigene Tasche zu wirtschaften, das eine oder andere vom Ertrag der Herde zu ihren Gunsten zu unterschlagen? – Ich glaube das nicht.

Die Hirten beim Krippenspiel. Foto: epd-bild

Die Hirten beim Krippenspiel. Foto: epd-bild

»Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.« Wie kommt der Hirte zu diesem Ehrentitel – wie im 23. Psalm –, wenn er doch ein verschlagener Lotterbube gewesen sein soll? Nein, der Hirte war nach allem, was ich über ihn in Erfahrung bringen konnte, eher eine Vertrauens-, eine Respektsperson. Denn Land- und Viehwirtschaft bildeten in der altorientalischen Welt die Lebensgrundlage. Das Vieh lieferte Milch, Wolle, Fell und Fleisch. Manche Tiere dienten als Arbeitskräfte. Aber nicht nur das. Die wandernden Viehherden wurden gebraucht, um das bewirtschaftete Land zu düngen und zu »überhüten«. Das bedeutet, die Schafe wurden über die Getreidesaaten getrieben, nicht zu schnell und nicht zu langsam, sondern gerade so, dass sie einen Teil der jungen Halme wegfraßen, sodass die übrigen umso kräftiger wuchsen. Auch zum Dezimieren des Unkrauts diente das Überhüten.

Der Hirte – oder die Hirtin, denn es waren auch Frauen darunter – war also nicht nur ein bloßer »Aufpasser«. Er musste seine Herde nicht nur vor wilden Tieren und Dieben schützen. Er war – wie wir heute sagen würden – eine Fachkraft und hoch qualifiziert. Er musste sich auskennen mit Wind und Wetter, den Eigenarten der Böden und Pflanzen. Er musste wissen, wo Wasserstellen waren und wo seine Tiere sicher lagern konnten. Er brauchte züchterische Erfahrung für die Vermehrung der Tiere. Er musste sie vor Erkrankungen schützen, sie richtig füttern und tränken, melken, scheren und schlachten. Und: Er musste rechnen können. Denn wenn er mit seiner kleinen Herde nicht nur sich und seine Familie durchbrachte, sondern Lohnhirte war für größere Viehbestände, dann wurde einmal im Jahr mit dem Besitzer abgerechnet, und der Hirte bekam seinen Lohn aus dem Ertrag der Herde.

Das Land Palästina besteht überwiegend aus Gebirge und Steppen. Hier wurden vor allem Kleinviehherden aus Schafen und Ziegen gehalten. Jeden Morgen zogen die Hirten mit ihrer Herde los, im Sommer über das abgeerntete Kulturland, im Winter über die Steppe. Sie waren bewaffnet mit »Stecken und Stab« und einer Steinschleuder, mit einer Provianttasche, einem Zelt und – ganz wichtig – einem Wasserschlauch. Hier draußen in der Abgeschiedenheit waren die Hirten oft auf sich allein gestellt, allenfalls begleitet von einem Hütehund. Das Flötenspiel war oft die einzige Abwechslung. So zogen sie von Weideplatz zu Weideplatz, von Wasserstelle zu Wasserstelle und dann zum nächtlichen Ruheort auf freiem Feld, in Höhlen oder in Pferchen aus Steinen oder Gestrüpp. Die Hirten kannten sich aus in ihrer Gegend, in ihrem Land.

Sie waren geschätzt, nicht verachtet. »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.« Das Alte wie das Neue Testament sind voll von respektvollen Anspielungen auf das Hirtenamt. Und viele Christen nennen nicht von ungefähr den Leiter ihrer Gemeinde »Pastor«, »Hirte«.

Der Hirte verkörpert die Legitimität einer Herrschaft des Einzelnen über die vielen, die er nicht aus Willkür oder Abstammung bezieht, sondern daraus, dass er Verantwortung übernimmt für Versorgung, Schutz und Ordnung – und sich bewährt.

Doch diese Vollmacht des Freien, der sich mit Verantwortung und mit Verstand an seine Herde bindet, kam mehr und mehr unter die Räder, als die Römer kamen. Sie bevorzugten bei der Lebensmittelproduktion vor allem die Getreidewirtschaft – vielleicht auch deshalb, weil sich Getreide­erträge besser besteuern, lagern und exportieren ließen als die Erträge der Viehwirtschaft. Diese wurde zurückgedrängt. Der soziale Abstieg der Hirten begann. Viele verloren ihre Arbeit, wer Hirte blieb, wurde nur noch kärglich entlohnt.

Mag sein, dass die Not dieser Zeit manchen Hirten dazu trieb, eine fremde Weide zu nutzen und das eine oder andere Lamm zu unterschlagen. Mag sein, dass ihr Ruf dadurch litt. Mit Sicherheit aber gehörten die Hirten zu jenen, die die Folgen der römischen Herrschaft und die Zeichen der Zeit mit als Erste erkannten. Vielleicht waren sie, die an den Rand Gedrängten, Hüter der Herden, besonders empfindsam für das Vergehen am Volk. Und vielleicht traten in jener Nacht, als in einem Stall zu Bethlehem – in einem Stall! – ein Kind geboren wurde, die Worte des Propheten Micha ganz klar aus der Erinnerung vor ihre Augen, als hätte ein Engel zu ihnen gesprochen:

»Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. (…) Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des Herrn und in der Macht des Namens des Herrn, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.« (Micha 5,1-4)

Jörg Göpfert

Der Autor ist Studienleiter Umwelt und Soziales an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Ein Magnetenleben

14. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Rumänien: Als die ersten Bergleute aus dem siebenbürgischen Schiltal 1997 entlassen wurden, meinte die Regierung, aus den Abfindungsgeldern ließen sich Kleinunternehmen gründen. Firmeninhaber wurden aus den Arbeitern nicht, aber ameisenfleißig arbeiten sie an dem großen Recycling ihrer Region.

Vorne steht ein gelbliches, vierstöckiges Gebäude, das früher als Lagerraum diente. Aus einem Fenster werfen zwei Jungen mit Kapuzenpullis einen vier Meter langen Metallträger. Drei weitere Jungen übernehmen und schmeißen ihn neben die anderen fünf Balken, in den kleinen Anhänger eines gelben Dacia. Aus dem Gebäude dröhnt das monotone Aufschlagen der Hämmer auf Beton und ab und an auf Metall. Staubwolken steigen auf. Drinnen arbeiten 15 bis 20 Menschen. Sie sind Alteisensammler, »Magneten«, wie die Einheimischen sie nennen. Sie kommen früh, um acht oder neun, und bleiben hier bis es dunkel wird und die Recyclinghöfe zumachen. An Recyclinghöfen mangelt es in Petrila nicht. Alle kaufen Altmetall an, vor allem Eisen und Kupfer, aber auch Plastikbehälter, »Kanister«, wie die Einheimischen sagen. Die Recyc­linghöfe übernehmen die Ware, ohne viele Fragen zu stellen.

Das große Geschäft machen andere
Letztes Jahr hat die Regierung die Auflagen verschärft, nachdem an mehreren Orten der Zugverkehr wegen geklauter Kabel, Einfahrtssignale und anderer Metallteile lahmgelegt war. Betreiber von Wertstoffsammelstellen sind jetzt verpflichtet, die persönlichen Daten ihrer Alteisen- und Kupferlieferanten aufzunehmen, um die Herkunft der Metalle verfolgen zu können. Doch niemand kann genau sagen, inwieweit die neuen Bestimmungen in abgelegenen Orten jenseits der Großstädte tatsächlich eingehalten werden.

Ohne Helm und Sicherung zerlegen rumänische Altmetallsammler ein Lagergebäude aus Stahlbeton, um an das begehrte Armierungseisen zu kommen. Wenn sie Glück haben, finden sie auch noch Kupferleitungen im Bauwerk. – Foto: George Poqe Popescu

Ohne Helm und Sicherung zerlegen rumänische Altmetallsammler ein Lagergebäude aus Stahlbeton, um an das begehrte Armierungseisen zu kommen. Wenn sie Glück haben, finden sie auch noch Kupferleitungen im Bauwerk. – Foto: George Poqe Popescu

Das in Rumänien gesammelte Alteisen wird zum größten Teil exportiert. Für jedes angekaufte Kilo zahlen die Recyclinghöfe im Schiltal zwischen 13 und 16 Cent, und sie verkaufen das Metall doppelt so teuer an Großhändler. Der Schrott wechselt dann mehrmals die Hände, bevor er in Constanta auf Schiffe geladen wird und bei den Schmelzwerken in der Türkei und in Deutschland ankommt. Das Geschäft ist sehr lukrativ, vor allem für den größten Spieler auf diesem Markt, die schwäbische Scholz AG, die in Rumänien 1 000 Menschen beschäftigt und 75 Filialen unter den Namen Remat Holding und Remat Invest betreibt.

Das gelbliche Gebäude, das die Magneten abreißen, hat die Mine nach der Wende veräußert, es gehört jetzt einem inzwischen insolventen Unternehmen. Der Hauptgläubiger, die rumänische Sparkasse, hat vor Kurzem eine Vertreterin vor Ort geschickt. Sie hat die Polizei gerufen, aber die Beamten erklärten, dass der magere Haushalt der Kommune keine groß angelegten Dauereinsätze zum Schutz des Gebäudes ermöglicht.

Umgerechnet fünf Euro für einen Tag Schwerstarbeit
Vorne wartet der gelbe Dacia. Drinnen knallen weiter die Hämmer. Zur Not organisieren die Kollegen eine Säge, doch das Gros der Arbeit wird mit dem Hammer erledigt. Wenn der Balken fällt, klopfen sie den Beton ab, bis das Metallskelett freiliegt. Sie schauen, ob jemand unten ist, und werfen das Teil aus dem Fenster. Helm oder Handschuhe trägt keiner, die sind zu teuer für einen Magneten. Wenn er allein arbeitet, kann ein Magnet täglich 20 bis 30 Kilo Alteisen in seiner Karre oder in seinem Sack auf den Recyclinghof bringen. Abends bekommen die Menschen dafür höchstens fünf Euro.

Einige Meter weiter arbeiten drei Männer mit Spitzhacken in einem Graben. Heute haben sie nichts gefunden. »Wir schuften hier wie die Zuchthäusler«, sagt der Älteste und Gesprächigste der Gruppe. »Ich grabe hier nach Alteisen, seitdem ich bei der Umstrukturierung entlassen wurde. Das war 1997.« Er heißt Dorel Ciuci und trägt eine dunkelrote Arbeitshose und eine schwarze Mütze, die seine Halbglatze versteckt. Geboren ist er in Petrosani und aufgewachsen hier, in Petrila. Er hat eine Maurerausbildung. Lange war er bei der Mine angestellt, wo er die Schachtwände ausmauerte. Nach der betriebsbedingten Kündigung war seine Abfindung schnell weg – ebenso wie seine Frau mit den Kindern.

Keine Chance auf eine reguläre Anstellung
Seit der Entlassung hat er keine ordentliche Stelle gefunden, für einen Rentenanspruch ist es zu früh. »Aber wenn du mit 54 Arbeit suchst, guckt dich der Patron an und sagt dir: ›Du bist schon alt, Mann!‹ Oder er stellt dich schwarz ein und nach zwei Monaten fängt er an, dir was vom Pferd zu erzählen, statt dir den Lohn zu zahlen.«

Dem gelblichen Gebäude, das die Jungen gerade abreißen, möchte er lieber fernbleiben, denn er hat Angst, dass die tragende Struktur unkontrolliert zusammenbricht. Stattdessen sucht er mit den beiden jüngeren Kollegen weiter nach Altmetall in Löchern und Gräben. »Wenn du auf Kupfer stößt, machst du mehr Geld. Aber auch mit dem Eisen kannst du Glück haben. Vor zwei Jahren habe ich riesige Zahnräder ausgegraben. Da hatte ich über 100 Euro in einer Stunde.«

Das Problem ist, dass bei den Re­cyclinghöfen die Waagen manipuliert sind, sagt der Mann. Und dass die Polizei die Magneten schikaniert. Sie kommt ab und an und verteilt Strafzettel, die niemand zahlen kann. Dementsprechend können die Magneten keine Bankkonten mehr eröffnen, weil sie unbezahlte Geldstrafen angesammelt haben.

Wenn dann ein Träger plötzlich wegbricht
Gegenüber dem gelblichen Gebäude klopfte Dorel Ciuci an einer Baracke aus Backstein, als sein Glück ihn verließ. Er hatte einen zwölf Meter langen Betonträger gefunden und versuchte, das Armierungseisen herauszubekommen. Knapp einen halben Meter war es noch bis zum Ende des Trägers, als das Betonstück plötzlich nachgab und auf ihn fiel. Er fing an, vor Schmerz zu schreien, »wie ein Verrückter«. Die anderen Magneten, die in der Nähe arbeiteten, sind weggelaufen, aus Angst, dass jemand kommen und Fragen stellen würde.

»Hätte ich dieses Handy nicht dabei gehabt, wäre ich jetzt tot«, erzählt der Mann zwei Wochen später. Noch unter dem Betonbalken hatte er es hinbekommen, die Notrufnummer 112, danach auch die Frau, bei der er wohnt, anzurufen. Fünf oder sechs Jungen waren schnell mit einem Auto angefahren gekommen und hatten ihn herausgezogen, noch bevor der Krankenwagen kam. Sie brachten ihn ins Krankenhaus in Petrosani, wo er drei Tage später operiert wurde.

Behandlung im Krankenhaus nur gegen Bares
Nach der OP, als Ciuci wieder wach war, fragten Arzt und Chefkrankenschwester, ob er eine Versicherung hätte. Er antwortete, dass er keine hätte, und auch kein Geld für die Behandlung. Sie sagten ihm, dass er das Krankenhaus verlassen müsse, wenn er nicht zahlen könne.

Schließlich gewährten sie ihm einen zweiwöchigen Aufenthalt. Sie sagten ihm, dass er jeden Tag eine Spritze mit einem Medikament gegen Blutgerinnung bekommen müsse, sonst sterbe er. Eine Dosis kostet zwei Euro, und die Kosten der dreimonatigen Behandlung werden nicht vom Krankenhaus übernommen.

Eine Woche später besorgte ihm seine Schwester einen Rollstuhl, in dem er schließlich entlassen wurde. Er rollte zur Agentur für Arbeitskräfte und meldete sich offiziell arbeitsunfähig. Das Geld von diesem Amt reicht ihm für 14 Spritzen im Monat. Die Kollegen, die auf dem alten Minengelände graben und klopfen, brachten ihm ab und an etwas zu essen oder ein paar Lei.

Aus dem gelblichen Gebäude haben die Magneten, fleißig wie die Ameisen, inzwischen das ganze Alteisen abtransportiert.

Silviu Mihai

Tausendfach erzählt, immer wieder neu

12. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

»Es begab sich aber zu der Zeit …« – Kaum eine andere Geschichte der Bibel ist so bekannt wie die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium, auch unter Konfessionslosen. Landauf, landab wird sie zu Weihnachten auf die Kirchenbühne gebracht. Doch Krippenspiel ist nicht gleich Krippenspiel.

Elsterwerda – Die klassische Geschichte unter freiem Himmel
Es war dunkel, es war kalt. So war es in Bethlehem. Und so wird die Szenerie des diesjährigen Krippenspiels in Elsterwerda sein. »Wir feiern den Weihnachtsgottesdienst unter freiem Himmel«, kündigt Pfarrer Kersten Spantig an. Die Idee wurde eher aus einer Not heraus geboren, denn die Stadtkirche ist seit September wegen Bauarbeiten gesperrt. Aber die Kirchengemeinde hatte ohnehin den Wunsch, hinauszugehen in die Öffentlichkeit, präsenter zu sein, unter den Menschen zu sein. Deshalb wurde aus der Baustellen-Not eine Tugend: Das Krippenspiel wird auf dem Marktplatz aufgeführt!

Rund 20 Kinder werden auf der Bühne stehen und die Geschichte von Jesu Geburt erzählen; Kindergarten- und Christenlehrekinder sowie Konfirmanden. Seit vielen Wochen proben sie schon. Viel zu tun hat auch das Vorbereitungsteam, das sich um Licht und Lautsprecher kümmert, um den Kulissenbau und die Werbung.

Die Gottesdienstbesucher werden stehen, deshalb soll die Christvesper kurz, aber prägnant werden; klassisch mit Predigt, gemeinsamem Singen und Krippenspiel. Die Stadtverwaltung, sagt Pfarrer Spantig, hat das Vorhaben sehr wohlwollend begleitet. Der Bürgermeister, der nicht christlich ist, wird den kirchlichen Posaunenchor auf der Trompete begleiten, dann soll »Stille Nacht« erklingen.

Pfarrer Kersten Spantig hofft, dass viele Menschen kommen und staunen. So wie beim »Messias«, den die Kantorei neulich aufführte – wegen der Kirchensperrung in einer Mehrzweckhalle. Das Konzert war gut besucht.

Zeitz – Schon die Kleinsten spielen mit
Es war die Idee der Erzieher. Sie wollten die Vorbereitungen für das traditionelle Krippenspiel des evangelischen Kindergartens in Zeitz auf mehrere Schultern verteilen. Alle Kolleginnen sollten mithelfen. Und so war die Idee geboren, auch alle Kinder einzubeziehen – vom Laufanfänger bis zum Vorschüler.

»Die Großen haben Sprechrollen, auch in Reimform. Das lässt sich für sie leichter merken.« Und die Kleinen? »Sie tanzen, übernehmen Statistenrollen, spielen die Schäfchen auf der Weide bei den Hirten«, sagt Erzieherin Katrin Fuhrmann. Eine halbe Stunde dauert das Krippenspiel, geprobt wird seit Mitte November, aufgeführt wird es bereits am vierten Advent in der Zeitzer Stephanskirche, im Anschluss wird zum Weihnachtsmarkt eingeladen.

Wittenberg – Uwe Birnstein und die Zeitmaschine
Dem Theologen und Journalisten Uwe Birnstein juckte es nach Jahren, in denen er konventionelle Krippenspiele gesehen hatte, in den Fingern. »Ich dachte damals an meinen elfjährigen Sohn. Er sollte nicht jedes Jahr das gleiche Krippenspiel aufführen. Er sollte wieder richtig Spaß haben«, sagt Uwe Birnstein, der damals in Bevern im Weserbergland zu Hause war und heute in Wittenberg lebt. Inspiriert von einem Film aus den 1970er-Jahren, kam ihm die Idee, die beiden Teenager Bastian und Sarah in eine Zeitmaschine zu setzen und nach Bethlehem ins Jahr Null reisen zu lassen.

»Per Zeitmaschine nach Bethlehem« wurde 1999 in Bevern uraufgeführt und gehört mittlerweile zu den beliebtesten Krippenspielen im Land. Das liegt nicht nur daran, dass Konfirmandengruppen oftmals aufwendige Zeitmaschinen selbst bauen und sich die Erwachsenen – durchaus mit kindlicher Freude – um Lichtshow und Nebelmaschine kümmern. Es liegt auch an der zeitgemäßen Sprache, die Birnstein verwendet, ohne sich mit Jugendslang anzubiedern. An den Popsongs, die jede Gemeinde nach Belieben austauschen kann. An der Kreativität, die das Spiel seinen Spielern lässt. Trotzdem bleibt die Weihnachtsgeschichte deutlich erkennbar – und wenn einzig der Engel bei den Hirten biblische Worte spricht: »ich verkündige euch große Freude«, dann hat das eine große Kraft.

»Das Spiel kann Brücken bauen für alle, die nicht mit christlichen Traditionen aufgewachsen sind. Wir gehen auf ihre Sprach- und Hörgewohnheiten ein. Wir zeigen: Wir Christen sind genauso Menschen wie ihr, aber wir haben einen besonderen Glauben und der ist gar nicht so alt, veraltet oder unbedeutend wie ihr denkt«, sagt Uwe Birnstein. Er denkt dabei an die vollen Kirchen gerade zu Weihnachten; in vielen Bänken sitzen ungeübte Gemeindeglieder und Konfessionslose. Uwe Birnstein ist selbst nichtkirchlich aufgewachsen. Aus seiner eigenen Kindheit und Jugend kennt er keine Krippenspiele.

Weimar – Amir spielt den Josef
Pastorin Bettina Reinefeld-Wiegel war verzweifelt auf der Suche nach Josef. Die Konfirmandengruppe, die in diesem Jahr das Krippenspiel für den ersten Gottesdienst am Heiligen Abend in der Herderkirche zu Weimar gestaltet, bestand nur aus Mädchen. »Wir brauchten dringend einen jungen Mann, um die Rolle des Josefs zu besetzen«, sagt die Pastorin. Da kam ihr Amir Mohammed in den Sinn.

Amir heißt eigentlich anders, die Redaktion hat seinen Namen geändert, weil nicht alle in seinem Umfeld sein Christsein positiv sehen. Er ist aus Afghanistan geflohen, er lebte dort als Muslim. Einige Zeit schon kommt er regelmäßig zu den Gottesdiensten in die Herderkirche, fiel der Pfarrerin auf, irgendwann sprach er sie an, sie redeten viel über den christlichen Glauben, im September ließ sich Amir Mohammed taufen. »Ich überlege immer wieder, wo er gut integriert werden kann in unserer Gemeinde, damit er sich wohlfühlt«, erzählt Pastorin Reinefeld-Wiegel. Das Krippenspiel ist so ein Ort.

Amir Mohammed wird den Josef spielen. Die Proben laufen gut. Amir Mohammed liest viel in der Bibel und besonders die Weihnachtsgeschichte, will vertraut werden mit Sprache und Inhalt und auf eine Texthilfe zur Aufführung verzichten. Konfirmandin Annika Halle, die die Maria spielt, hilft und erklärt ihm viel. Zu zweit und ganz in Ruhe sind sie den Text bereits durchgegangen. Pastorin Reinefeld-Wiegel ist glücklich darüber, wie gut die Konfirmandengruppe den jungen Mann aufgenommen hat. »Die jungen Menschen lernen sich und die unterschiedlichen Kulturen kennen«, sagt sie. Das sei Integration pur. Bettina Reinefeld-Wiegel möchte dies weiter fördern: Sie sucht Menschen, die in der Kirchengemeinde jenen Flüchtlingen Deutschunterricht geben, die noch keinen Integrationskurs besuchen.

Halle – Solo für Maria
Die Generalprobe hat sich zum Geheimtipp entwickelt. Weil zu beiden Aufführungen des Krippenspiels in der Paulusgemeinde zu Halle das Gedränge riesig ist, kommen inzwischen viele Familien mit kleinen Kindern am Heiligabend vormittags in das Gottes­haus. Dann ist es ruhiger, dann lässt sich das Krippenspiel genießen und die freudige Spannung von rund 100 Mitwirkenden spüren.

Die Proben für das Krippenspiel-Musical in Halle laufen auf Hochtouren. – Foto: Katja Schmidtke

Die Proben für das Krippenspiel-Musical in Halle laufen auf Hochtouren. – Foto: Katja Schmidtke

In der Paulusgemeinde ist das Krippenspiel als Musical konzipiert, seit 1993 arbeiten Kirchenmusikdirektor Andreas Mücksch und die sprachbegabte Gemeindekirchenrätin Barbara Schatz zusammen und schreiben Musik und Texte selbst. Seitdem sind Klassiker für die Gemeinde entstanden: »Bring mich nach Bethlehem« oder »Eine Stadt liegt in den Bergen« berichten vom Wunder der Weihnacht.

In diesem Jahr wird das Krippenspiel von 2013 wiederaufgeführt. Es erzählt Weihnachten aus Sicht der Hirten. Die Begeisterung der gut zwei Dutzend Jungen und Mädchen des Kinderchors ist groß. Schnell finden sich Spieler und Sänger. Die Rolle der Maria muss ausgelost werden, sie singt ebenso wie die drei Weisen ein Solo. »Wir sind oft erstaunt, wie sich die Kinder immer wieder darauf einlassen«, sagt Barbara Schatz. Das Krippenspiel ist ein Stück Heimat in der großen Gemeinde. Viele junge Leute, die dem Jugendchor entwachsen sind und in anderen Städten studieren und arbeiten, kommen Weihnachten zurück und reihen sich in den Chor ein. Kantor Mücksch findet, das Krippenspiel ist mehr als ein Spiel für Kinder. »Es ist die zentrale Verkündigung an Heiligabend.«

Bad Berka – Die Vertretungspfarrerin und ihr Ideenschatz
Nicht überall können Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kantoren mit so vielen Menschen proben und vorbereiten wie in den Stadtgemeinden. Auf dem Lande fällt so manches Krippenspiel aus, weil es keine Kinder mehr gibt. Das muss nicht sein, findet Friederike Spengler. Sie arbeitet hauptberuflich als Persönliche Referentin von Brigitte Andrae im Landeskirchenamt Erfurt. Als Pfarrfrau und Pfarrerin mit Pre­digtauftrag im Kirchenkreis Weimar weiß sie um die Sorgen und Nöte von Landgemeinden.

Für sie ist das Krippenspiel keineswegs schmückendes Beiwerk, es ist Verkündigung und es ermöglicht der Gemeinde eine Beteiligung daran. »Es ist sogar eine missionarische Art, Gemeinde zu bauen«, hat sie in ihrer Zeit als Gemeindepfarrerin festgestellt. Wo es keine Kinder und Jugendlichen mehr gab, hat sie Erwachsene zum Krippenspiel motiviert – und oft selbst den Anfang gemacht: »Ich spiele mit. Sie auch?« Die Pfarrerin hat aber auch Gemeinden kennengelernt, wo dies nicht möglich ist. Wenn der Pfarrer zu Heiligabend nicht an allen Orten sein kann, kommt die Vertretung ins Spiel. Friederike Spengler lädt in solchen Fällen immer ihr Auto mit Requisiten voll: die Krippe samt Figuren, Kerzen, Stroh, die Flöte. Vielleicht sogar einen CD-Spieler, falls es keinen Organisten gibt. Daraus lässt sich viel zaubern.

Sie schafft es, die Menschen einzubeziehen, sie aus der Zuschauerrolle zu lösen. Ein Krippenspiel mit Kerzen: eine blaue für Maria, eine gelbe für das Jesuskind, eine weiße für den Engel, eine dicke dunkelrote, die nicht angezündet wird, für Herodes. Auch in Schattenspielen oder mit einem Polylux und Bildern hat Friederike Spengler die Weihnachtsgeschichte schon erzählt. Sie hat Predigten aus der Rolle einer der Figuren gehalten: Wie war es wohl für Maria, was empfanden die Hirten, warum blieb Josef eigentlich bei Maria, und verspürten die Wirte vielleicht Reue?

Perfektionismus ist fehl am Platze. Auch dass Friederike Spengler die Menschen nicht kennt, vor und mit denen sie spielt, ist nicht wichtig. Wann, wenn nicht Weihnachten, geht es um die Botschaft? Und gerade das Neue, das Fehlen von Bekanntem, das oft als Mangel Empfundene kann der Gemeinde helfen, sich dieser tausendfach tradierten Botschaft neu zu nähern.

In diesem Jahr wird Friederike Spengler diesen Versuch wieder wagen: In einem kleinen Ort mit kleiner Kirche feiert sie die Christvesper. »Gerade bin ich mit der Betreiberin eines Ziegenstalls im Gespräch, und dabei ist die Idee entstanden, den ersten Teil des Weihnachtsevangeliums mit der Gemeinde in der Kirche zu lesen und sich dann mit den Hirten auf den Weg zum Stall zu machen«, erzählt sie. »Da bekommt das ›Lasst uns gehen und sehen, was uns der Herr kundgetan hat‹ eine ganz andere Dimension. Im Stall erwartet uns die Krippe und eine Predigt über die Rolle der Hirten in der Weihnachtsgeschichte.«

Katja Schmidtke

»So echt, so wahnsinnig und so göttlich«

11. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Extrem – das ist die Vokabel, die im Zusammenhang mit dem deutschen Ausnahme- Kletterer Thomas Huber häufig fällt. Dass der 50-Jährige neben seinem Image als Abenteurer eine nachdenkliche und von seiner christlichen Erziehung geprägte Seite hat, konnte Adrienne Uebbing im Gespräch mit ihm in Leipzig erfahren.

Herr Huber, Sie sind Bergsteiger und Extremkletterer und haben vor diesem Hintergrund sicher eine ganz besondere Einstellung zum Thema Achtsamkeit?
Huber: Achtsamkeit hat verschiedene Aspekte. Das Allerwichtigste ist, dass wir achtsam mit unserer Umwelt sind, also mit unserem Lebensraum – und natürlich mit unserem sozialen Umfeld: Dass man für den Nächsten alles tut, dass man ihm kein Bein stellt, mehr tut für den anderen als für sich selbst – das heißt für mich Achtsamkeit. Das sind unsere christlichen Werte, die wir vermittelt bekommen haben. Sie sind eigentlich das Wichtigste.

Und dass wir unsere Ressourcen unbedingt schützen müssen. Es geht nicht nur um dich, sondern es geht um deine Kinder und Kindeskinder – dass du ihnen etwas hinterlässt, wie du es vorgefunden hast. So gehen wir zum Beispiel bergsteigen. Wenn wir auf dem Berg sind, versuchen wir, ihn so zu hinterlassen, wie wir ihn vorgefunden haben, um für den Nächsten auch dasselbe Abenteuer bieten zu können.

Thomas Huber – Foto: Archiv Huberbuam; Timeline Production

Thomas Huber – Foto: Archiv Huberbuam; Timeline Production

Das stellt sich ja angesichts der Menschenmassen, die sich gegen Zahlung von viel Geld im Himalaja zu den Gipfeln »bringen lassen«, oft anders dar. Man hört, dass die Wege dort hinauf Müllkippen gleichen …
Huber: Nun, die gehen auf eine ganz andere Art und Weise auf diese Materie Bergsteigen zu. Da geht es um Konsum: Ich will etwas, ich kaufe mir etwas – und ich erarbeite mir das nicht.

Aber wenn du aufgewachsen bist in der Natur, dann hast du eine ganz andere Einstellung. Und du hast dann als Bergsteiger viel zu tun, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Wir tun als Bergsteiger meistens mehr für die Umwelt als das, was wir verbrauchen.

Gut – eine Geschichte kommt aber auch bei mir hinzu: Um zu den Orten meiner Expeditionen zu kommen, nutze ich das Flugzeug. Das wirkt sich dann schon negativ auf meinen ökologischen Fußabdruck aus.

Was regt Sie mit Blick auf fehlende Achtsamkeit auf?
Huber: Wir gehen nicht mehr achtsam mit unserer Ernährung um. Ständig entstehen neue Supermärkte, das hat nichts mit Bevölkerungswachstum zu tun. Es geht nur um Umsatz. Und dann wird so viel weggeschmissen! In Ländern wie Argentinien wird fast gar nichts weggeschmissen. Wenn das Regal leer ist, ist es leer – aber bei uns darf kein Regal mehr leer sein. Das ist doch eine Katastrophe, und da müssen wir wirklich umdenken.

Ich glaube, mir als Bergsteiger wird es da etwas leichter gemacht als dem »Normalbürger«. Weil du, wenn du in den Bergen bist, in eine komplett archaische Welt hineingeworfen wirst, wo du zu bestehen hast. Wo du essenziell Verantwortung leben MUSST, auch für deinen Partner – du MUSST das leben. Hier darf ich es, aber da muss ich es! Beim Bergsteigen siehst du, was Vertrauen heißt. Vertrauen zu deinem Partner, das ist essenziell. Und in der heutigen Zeit hast du diese essenziellen Werte nicht mehr.

Wenn du in diese Bergwelt eintauchst, an der Grenze zwischen Leben und Tod – da bist du so nah am Jenseits dran, wie kaum irgendwo anders. Das ist so echt, so ur, so wahnsinnig und auch so genial und so göttlich.

Ich bin sehr dankbar, dass ich das lebe, da wird dir wirklich »der Kopf gewaschen«, und du kommst zurück in die Zivilisation und hast erstmal Schwierigkeiten, dich wieder einzuleben. Du siehst diese Missstände, die bei uns herrschen. Und man ärgert sich dann auch, warum man wirklich so leben muss. Es geht wirklich einfacher. Ich glaube, die Menschheit wäre anders, wenn wir wüssten, was man wirklich braucht, um glücklich zu sein. Man braucht nämlich fast überhaupt nichts.

Was ist Ihre Motivation, immer Neues zu wagen, immer höher, schneller?
Huber: Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich beweisen oder zu den Besten gehören möchte. Der Antrieb ist meine persönliche Neugier, so ein Entdecker-Gen. Heutzutage ist dieses Entdecken wahnsinnig schwierig geworden. Aber wir haben Gott sei Dank als Bergsteiger die Möglichkeit, in unentdeckte Zonen vorzustoßen. Ich weiß, wenn ich in diese Wand einsteige: Da war vor mir noch nie ein Mensch. Das ist etwas ganz Besonderes. Ich mache die Tür auf und bin in einer komplett anderen Welt, die sehr archaisch ist. Und die sehr nah an Gott ist.

Welche Rolle spielt Ihr christlicher Hintergrund?
Huber: Viel mehr als die katholische Religion, mit der ich aufgewachsen bin, sind es für mich die christlichen Werte. Ich bin ein gläubiger Mensch. Ich bin Christ, weil ich in dieser christlichen Gesellschaft aufgewachsen bin. Aber ich bin genauso ein Freund von Islam oder Hinduismus.

Jeder hat seinen anderen Ankerpunkt, wie er das Göttliche begreift. Ich finde es falsch, zu sagen, dass wir den richtigen Glauben haben, oder der Islam den richtigen Weg geht, sondern ein jeder geht DEN Weg. Und das Wichtigste ist diese Achtsamkeit, die ich sehr mit Nächstenliebe verbinde.

Es ist nur wichtig, dass du ein guter Mensch bist. In der Bibel steht: Gott ist gütig. Ganz Wurscht, ob jemand im Dschungel lebt und die Sonne anbetet – Gott macht da keine Unterschiede.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Huber: Ich hab den Tod, diese Grenzerfahrung zum Tod, kennenlernen müssen. Ich bin im Sommer – durch einen Routinefehler – sechzehn Meter abgestürzt und bin nachher an die Absturzstelle zurückgekehrt und habe gewusst: Unter normalen Umständen dürfte ich gar nicht mehr da sein. Mich hat da unten wirklich jemand aufgefangen. Und dass ich so schnell genesen bin, da weiß ich, dass jemand will, dass ich noch auf dieser Welt lebe.

Eine Sache habe ich festgestellt: Dass ich Gott sei Dank – und ich war schon oft nahe dran – nicht wirklich Angst vorm Sterben habe. Weil wir alle diesen Weg gehen werden. Man sollte diese Angst verlieren. Das Problem beim Sterben ist, dass es so eine Unmittelbarkeit in sich trägt, die Schwelle von dieser Welt zu dieser nächsten: Da gibt es keine Brücken, über die man gehen kann.

Wenn du alt stirbst, hast du alle Fragen beantwortet, die dir dein Umfeld stellt – deine Kinder, deine Freunde. Wenn meine Eltern irgendwann sterben, ist das traurig, aber ich kann sagen: »Danke, ihr habt mir all meine Fragen beantwortet.« Wenn ich jetzt sterben würde, sind noch so viele Fragen offen.

Welche Fragen beantworten Sie Ihren Kindern, was möchten Sie ihnen vermitteln?
Huber: Ich möchte meine Kinder nicht bewahren, sondern sie auf Gefahren vorbereiten. Wir haben zu viele ängstliche Menschen. Ich sage zu meinen Kindern: Macht was Wildes, aber seid euch bewusst, was passieren kann. Das vermittelt ihnen unglaublich Lebenserfahrung und Lebensstärke. Und sie sind mutig.

Brauchen wir Mut heute besonders?
Huber: Wir brauchen wieder mutige Menschen in unserer Gesellschaft, vor allem angesichts der Herausforderungen, vor denen wir jetzt stehen – wir haben lauter Feiglinge. Jesus war ja auch mutig.


Thomas Huber klettert seit seinem zehnten Lebensjahr. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Alexander machten sie sich als die »Huberbuam« einen Namen als Extremkletterer.
Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Berchtesgaden. 2011 wurde bei ihm ein gutartiger Nierentumor diagnostiziert, der operativ entfernt wurde.
Im Juli 2016 stürzte Huber bei Filmaufnahmen an einer Felswand am Brendlberg sechzehn Meter im freien Fall ab und erlitt eine Schädelfraktur; im August 2016 konnte er bereits wieder auf Expedition gehen.
Quelle: Wikipedia

In vielen Branchen Staub gewischt

10. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Was Pfarrer so treiben: Oft waren Geistliche nicht nur Spezialisten fürs Religiöse

Als Prediger und Seelsorger sind sie zumeist vergessen – als Erfinder und Forscher, Landwirtschaftsexperten, Naturwissenschaftler, als Dichter oder Mathematiker kennt man ihre Namen bis heute. Thomas Bickelhaupt, Journalist und langjähriger Korrespondent des Evangelischen Pressedienstes, hat sich unter der Überschrift »Was Pfarrer so treiben« auf Spurensuche begeben. Er präsentiert eine lange Liste von Männern geistlichen Standes, die sich einst hervorgetan haben auf Gebieten, die mit ihrer eigentlichen Profession wenig oder gar nichts zu tun hatten. Fündig geworden ist er mit einer intensiven Recherche vor allem im Evangelischen Pfarrhausarchiv, das, 1925 in Wittenberg gegründet, nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thüringen kam und jetzt durch eine Forschungsbibliothek ergänzt im Eisenacher Landeskirchenarchiv seinen Platz hat. Im deutschsprachigen Raum einzigartig, enthält die Sammlung u. a. zigtausend Biografien einzelner Pfarrer und deren Familien. Dort lässt sich im Detail nachlesen, welch kulturprägende Kraft das evangelische Pfarrhaus in den 500 Jahren seines Bestehens hatte.

Dass Pastoren als studierte Leute neben ihrem theologischen Wissen auch Allgemeinbildung besaßen, machte sie zu einflussreichen Gliedern der Gesellschaft. Eigentlich fürs Religiöse zuständig, galt ihr Interesse zuweilen aber auch ganz praktischen Dingen. Der Regensburger Superintendent Schäffer beispielsweise konstruierte eine Bottich-Waschmaschine. Oberkonsistorialrat Mosengeil aus Meiningen erfand die Stenografie, und Pfarrer Malling-Hansen die weltweit erste Schreibmaschine, der schwäbische Pfarrer Hahn ging als »Uhrmacher Gottes« in die Geschichte ein und Pfarrer Brehm aus Renthendorf als »Vogelpastor«. Einen optischen Betrieb gründete Pfarrer Duncker aus Rathenow, Pfarrer Macheleid die erste Porzellanmanufaktur Thüringens in Sitzendorf. Der Weidaer Superintendent Dörffel berechnete noch vor Newton die Kometenbahnen, und der Eislebener Pfarrer Albanus veröffentlichte ein Nachschlagewerk mit »Materialien für Elektriker«.

Die Dorfpfarrer interessierten sich aus naheliegenden Gründen besonders für Landwirtschaft und Gartenbau. Zur Pfründe gehörende Felder und der Pfarrgarten wurden zum Experimentierfeld und Vorbild für die Gemeindeglieder. Bekannte Pomologen waren der Thüringer Pfarrer Sickler aus Kleinfahner, Pfarrer Oberdieck aus Norddeutschland oder der »Obstpfarrer« Christ aus dem Taunus. »Bienenpfarrer« Ludwig und sein Kollege Gerstung hatten sich der Imkerei verschrieben. Das erste deutsche Gartenbuch stammt von Pfarrer Peschel, und die Hausväterliteratur des 17. Jahrhunderts mit Ratschlägen für Haus, Hof und Garten wurde vom Oberpfälzer Pfarrer Florin begründet und blieb eine Domäne der Geistlichkeit. Weniger überraschend ist auch die große Zahl der Pastoren, die sich, von Luther angefangen, mit Kirchenliedern einen Namen gemacht haben, die als Missionare und Völkerkundler in die Welt gingen, die sich um Bildung und Sozialarbeit kümmerten, Geschichte aufschrieben oder als Literaten und Sprachwissenschaftler auffielen. Pfarrer und Politik ist bis heute ein besonderes Kapitel und wird am Schluss des vorliegenden Buches thematisiert.

In der Regel scheinen die mehr oder minder umfangreichen Nebentätigkeiten den dienstlichen Aufgaben nicht abträglich gewesen zu sein, obwohl die Kirchenleitung das wohl zuweilen anders gesehen haben mag. Der Blick über den Kirchturm hinaus hatte ja auch sein Gutes für die Gemeindearbeit. Es soll allerdings auch vorgekommen sein, dass das Hobby zur Hauptaufgabe wurde und das Pfarramt zur Nebentätigkeit verkam, wie bei Mörike der Lyrik zuliebe, oder ganz aufgegeben wurde, weil der Danziger Pfarrer Forster zu den Naturwissenschaften überlief und mit James Cook um die Welt segelte.

Christine Lässig

Bickelhaupt, Thomas: Was Pfarrer so treiben, Eine Spurensuche, Wartburg Verlag, 215 S., ISBN 978-3-86160-274-3, 14,90 Euro

»Wołyń«: Vom Segnen der Sicheln, Beile und Heugabeln

7. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Schmerzhafte Vergangenheit: Der polnische Film »Wołyń« (Wolhynien) sorgt derzeit in der Ukraine für Aufsehen – obwohl ihn kaum jemand gesehen hat.

Das ukrainische »Radio Svoboda« klagt: »Ukrainer werden als Tiere gezeigt, als Barbaren des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie sind noch schlimmer als die deutschen Nazis und die sowjetischen Bolschewisten.« Der Versuch, den Film Mitte Oktober in Kiew zu zeigen, wurde kurzfristig durch das ukrainische Außenministerium unterbunden; man fürchte Ausschreitungen. Bereits vier ukrainische Schauspieler haben sich Mitte November öffentlich für ihr Mitwirken in dem polnischen Streifen entschuldigt.

»Wołyń« von Wojciech Smarzows­ki thematisiert als erster Spielfilm die Massaker, die Ukrainer im Jahre 1943 an der polnischen Bevölkerung im deutsch besetzten Wolhynien (in etwa die heutige nordwestliche Ukraine) verübten. Die ukrainische Partisanengruppe UPA (Ukrainische Aufstandsarmee) sah in den Polen ein Hindernis für einen künftigen eigenen Staat und griff mithilfe ukrainischer Bauern deren Siedlungen im Westen der Ukraine an. Motivation war auch die erlebte Unterdrückung in der polnischen Republik bis 1939. Etwa 100 000 Polen kamen dabei ums Leben, bis zu 20 000 Ukrainer wurden bei polnischen Vergeltungen getötet.

Zwischen den Fronten ukrainischer Aufständischer und deutscher Besatzer: die junge Polin Zosia mit ihrem Kind. – Foto: Sceenshot/Filmtrailer

Zwischen den Fronten ukrainischer Aufständischer und deutscher Besatzer: die junge Polin Zosia mit ihrem Kind. – Foto: Sceenshot/Filmtrailer

Die Geschichte wird im Film aus dem Blickwinkel der jungen Polin Zosia erzählt, die erst fröhlich an einer polnisch-ukrainischen Hochzeit mitfeiert, bis sie mit ihrem Kind durch eine brennende Landschaft taumelt. Was sich Menschen mit landwirtschaftlichen Geräten antun, das Häuten, Köpfen, Aufspießen, zeigt Smarzowski, der für düstere Filme bekannt ist, in grausamer Deutlichkeit. »In der Verteidigung der heiligen nationalen Sache darf man vor nichts zurückschrecken«, lautet dabei das Credo der Ukrainer.

Der Regisseur bemüht sich zwar um Ausgeglichenheit. So werden auch Ukrainer gezeigt, die sich dem Schlachten widersetzen; ebenso wird die polnische Rache an Ukrainern thematisiert. Aber: »Die Wahrheit darf nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden«, fordert Arkadiusz Jakubik, einer der polnischen Hauptdarsteller, dessen Vorfahren selbst aus Wolhynien stammen.

In der Ukraine befürchtet man jedoch gerade dies: dass der polnische Film als letztgültige Wahrheit gesehen werde. Für besonderes Aufsehen sorgt dabei eine Schlüsselszene des Films, in der ein Pope in der griechisch-katholischen Kirche die Sicheln, Beile und Heugabeln segnet, mit denen später die polnischen Messbesucher massakriert werden.

Wolodymyr Wiatrowycz, Leiter des staatlichen »Ukrainischen Instituts für Nationales Gedächtnis« weist dies ebenso wie auch viele ukrainische Medien als unhistorisch zurück. Auch bestreitet der ukrainische Historiker, dass es eine geplante Tötungsaktion der UPA gegen die polnische Landbevölkerung gegeben habe.

Dies ist jedoch für die derzeitige polnische nationalkonservative Regierung der springende Punkt. Sie hat die Massaker von 1943 erst im Juli dieses Jahres offiziell als Völkermord benannt, was der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bedauerte. Der Politiker hatte bereits vor einem Denkmal der Massaker in Warschau niedergekniet, ebenso gab es Versöhnungstreffen von Geistlichen beider Länder.

Doch für die Ukrainer ist das Geschehen in Wolhynien eher Nebenschauplatz. Die Mitglieder der UPA werden vor allem als Helden im Kampf für die Unabhängigkeit gefeiert, ihre Denkmäler von der griechisch-katholischen Kirche geweiht. Das Niederschlagen der UPA dauerte in der Sowjetunion noch bis Mitte der 50er-Jahre. Angesichts des aktuellen Konflikts mit Russland ist der UPA-Mythos heute lebendiger denn je. In der Ukraine soll deshalb auf Initiative eines Schriftstellerverbandes nun ein Gegenfilm gedreht werden, der auf ukrainischen Augenzeugenberichten basiert.

»Mein Film ist kein Historienhandbuch«, wehrte Smarzowski bereits auf einer Vorpremiere im September ab. Dem Autor dieser Zeilen erklärte er, dass auch eine Fassung für das westliche Publikum bestehe, kürzer und mit einer einleitenden Erklärung am Anfang. Der 53-Jährige ist davon überzeugt, dass der Film, der die Gewalt explizit zeigt, dennoch die Versöhnung zwischen Polen und Ukrainern voranbringen würde.

Die damals anwesenden Journalisten und Historiker glaubten allerdings nicht daran. Ihre Skepsis wird durch repräsentative Umfragen bestätigt: Nach einer aktuellen Erhebung denken nur vier Prozent der Polen, dass der Film »Wołyń« die Beziehungen der beiden Völker verbessert.

Allein Nadija Sawtschenko, die ukra­inische Kampfpilotin, welche zwei Jahre in Russland inhaftiert war und derzeit als störrische Abgeordnete im Kiewer Parlament wirkt, sieht es mal wieder anders. »Gut, dass der Film entstanden ist. Über schmerzhafte Angelegenheiten muss man reden.«

Jens Mattern

Adventskalender seit 100 Jahren

7. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Ausstellung im Literaturmuseum Romantikerhaus in Jena

Die meisten Adventskalender sind heute mit Schokolade gefüllt. Vor Jahren hingegen kam beim Öffnen jedes der 24 Adventskalenderfensterchen ein Bildchen zum Vorschein. Gedruckte Adventskalender gibt es seit etwa 100 Jahren. Einen Blick auf die Geschichte des Adventskalenders wirft die Ausstellung »Advent, Advent, ein Lichtlein brennt …« im Literaturmuseum Romantikerhaus in Jena. Die Ausstellung ist in Kooperation mit dem Museum Europäischer Kulturen – Staatliche Museen zu Berlin entstanden. Sie zeigt eine Auswahl von Kalendern der umfangreichen Sammlung des Museums europäischer Kulturen.

Repro: Wartburg Verlag

Repro: Wartburg Verlag

Die Schau beginnt mit den »Blättern für den Adventsbaum«, einem historischen Vorläufer des Adventskalenders, und sie präsentiert die ersten gedruckten Kalender des Münchner Verlegers Gerhard Lang (1881–1974). Lang gilt als der »Vater« der Adventskalender. Er kreierte 1903 den ersten Weihnachtskalender »Im Lande des Christkinds«. Zwischen 1908 bis 1938 brachte er mit seinem Verlag Reichhold & Lang mehr als 30 Adventskalender heraus. Diese frühen Kalender hatten Abreißblätter zum Einkleben, Scheiben zum Drehen oder Figuren zum Herausschieben. Seit den 1920er-Jahren gibt es Kalender mit den heute bekannten Türchen zum Öffnen. Nachdem während des Zweiten Weltkrieges die Produktion eingestellt werden musste, wurden in Dresden und Halle ab 1945 wieder Kalender produziert.

Einige europäische Nachbarländer hatten in den 1930er-Jahren ebenfalls mit der Herstellung von Adventskalendern begonnen. Nach dem Krieg trugen amerikanische Besatzungssoldaten zum Siegeszug der Adventskalender in den USA bei. Die Produktion orientierte sich zunehmend am internationalen Markt. Die Ausstellung im Romantikerhaus beleuchtet auch einen weiteren Aspekt, die christlichen Adventskalender in der DDR. Dafür stehen unter anderen die Kalender des Wartburg Verlages, die seit 1951 zumeist von dem Freiberger Grafiker Helmut Rudolph gestaltet wurden. Einige Exem­plare werden in der Ausstellung präsentiert. Außer dem oben abgebildeten Kalender »Der Adventskranz« sind sechs weitere Motive auf der Homepage des Wartburg Verlages bestellbar.

Ergänzend zur Ausstellung »Adventskalender aus 100 Jahren« vermittelt das Romantikerhaus im frühromantischen Salon ein stimmungsvolles Bild der Weihnachtszeit um 1800. Zu der kleinen Ausstellung gehören ein gedeckter Gabentisch sowie ein Weihnachtsbaum, der ganz ohne Glaskugeln und Kerzen auskommt und dennoch festlich glänzt.

(G+H)

Die Ausstellung »Advent, Advent, ein Lichtlein brennt … Adventskalender aus 100 Jahren« im Literaturmuseum Romantikerhaus in Jena ist bis 12. Februar 2017 zu sehen. Öffnungszeiten dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr

www.romantikerhaus.jena.de

www.wartburgverlag.de

Theologie als Spielball des Zeitgeistes

4. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Kirche und Theologie gehen viel zu beliebig mit der Bibel um – meint Udo Schnelle, einer der renommiertesten Theologieprofessoren Deutschlands. Im Gespräch mit Andreas Roth spricht er über die Grenzen der historisch-kritischen Theologie, zu viele Moralpredigten und die Wahrheit der Weihnachtsgeschichte.

Herr Professor Schnelle, Sie sind als Theologe Experte darin, biblische Texte auseinanderzunehmen – aber Sie waren auch einmal Pfarrer und mussten trösten und verkündigen. Hat Ihnen das die historisch-kritische Theologie schwer gemacht?
Schnelle: Sie hat mir eher geholfen. Gott der Schöpfer hat mir Vernunft gegeben, und wenn sich durch die biblischen Texte historische Fragen stellen, dann muss ich sie beantworten. Bei der zentralen Glaubensentscheidung, der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, kommt die Vernunft an ein Ende – aber davor darf ich fragen, etwa, ob Jesus ein bestimmtes Wort gesagt hat oder nicht.

Jesu Geburt anno 2016? Eine Menge hat sich geändert, heißt es dazu lapidar auf der Internetseite eines amerikanischen Anbieters dieses »Hipster Nativity Sets« … – Foto: modernnativity.com

Jesu Geburt anno 2016? Eine Menge hat sich geändert, heißt es dazu lapidar auf der Internetseite eines amerikanischen Anbieters dieses »Hipster Nativity Sets« … – Foto: modernnativity.com

Das ist gut protestantisch. Doch Sie werfen der evangelischen Kirche und Theologie Beliebigkeit gegenüber der Bibel vor – warum?
Schnelle: Sie haben natürlich nicht die Bibel verworfen, aber sie haben im Sinne der Postmoderne wesentliche Inhalte für nicht mehr aktuell erklärt. Das Zweite ist: Es werden ständig ethische Fragen in Kirche und Theologie behandelt, aber die eigentlichen Glaubensfragen treten permanent zurück. Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm betreibt eine Intensiv-Ethik, in der das Christentum rein moralisch gefasst wird. Das halte ich für grundfalsch. Denn der Kern des Christentums ist das Verhältnis des einzelnen Menschen zu Gott und Jesus ­Christus – das ist in den letzten Jahrzehnten immer undeutlicher geworden in der evangelischen Kirche.

Machen wir es konkret: Um welche Themen drückt sich denn die Kirche?
Schnelle: Zum Beispiel das Gericht Gottes. Landauf, landab wird der liebe Gott verkündet. Das ist natürlich nicht falsch, aber da haben wir eine Art Schmusegott, der im Grunde genommen nichts anderes tut als das, was wir selbst wollen. Dabei steht im Neuen Testament klar, dass mein Handeln und Nicht-Handeln Folgen haben wird im Gericht Gottes. Das Nächste ist die Auffassung von der Ehe. Sowohl der historische Jesus als auch Paulus sind gegen das Scheitern und Scheiden von Ehen. Die evangelische Kirche aber passt sich ständig der politischen Mehrheitsmeinung an.

Kann man in manchem Zeitgeist nicht auch den Heiligen Geist entdecken? Die zentrale Botschaft Jesu ist doch, dass der Wille Gottes Liebe und Erbarmen ist.
Schnelle: Ich will gar nicht bestreiten, dass das Zentrum des Evangeliums die Liebe und Barmherzigkeit Gottes ist. Aber ich kritisiere eine einseitige Fokussierung darauf.

Ist das so schlimm?
Schnelle: Der evangelische Verzicht auf Glaubensinhalte führt dazu, dass die wenigen, die noch zur Kirche halten, enttäuscht sind. Das erklärt den anhaltenden kirchlichen Abwärtstrend, denn für Frieden, Gerechtigkeit und die Erhaltung der Schöpfung sind heute alle Parteien. Dafür brauche ich keine Kirche mehr.

Ist an dieser Entwicklung die historisch-kritische Theologie schuld? Sie selbst haben namhafte Lehrbücher über sie geschrieben.
Schnelle: Sie ist teilweise mitschuldig. Die Entwicklung setzte in den 1950er-Jahren ein, mit dem Theologen Rudolf Bultmann und anderen. Sie vertraten eine radikale Theologie: Alles, was als rückständig, überholt und mythologisch angesehen wurde, das müsse man nicht mehr glauben. Die Auferstehung Jesu wurde verflüchtigt zu einem bloßen Symbol – sie ist dann kein reales Geschehen mehr, und vom historischen Jesus blieb fast nichts mehr übrig. Das ändert sich in den letzten Jahrzehnten langsam wieder, Gott sei Dank.

Wenn die historisch-kritische Theologie mitschuldig ist – sollte man sie dann nicht besser abschaffen?
Schnelle: Sie ist notwendig, weil die Texte des Alten und Neuen Testaments historische Texte sind. Sie sind eben nicht vom Himmel gefallen. Sondern sie sind von Menschen geschrieben worden und gewachsen – und diese historische Dimension muss untersucht werden. Aber diese historischen Untersuchungen dürfen nicht an die Stelle des Glaubens treten, sondern sie müssen ein Schritt hin zum Glauben sein. Der Glaube weiß, dass die Bibel mehr als Menschenwort ist.

Wenn Konfirmanden oder Schüler fragen, ob Jesus nun Wunder vollbracht hat oder nicht – was sagen Sie dann?
Schnelle: Es gibt Wundergeschichten wie die Speisung der 5 000, die deutlich vom Alten Testament beeinflusst sind – ob die historisch sind, kann man bezweifeln. Dann gibt es aber wieder andere Wundergeschichten wie die Heilung der Schwiegermutter des Petrus, wo es keinen vernünftigen Grund gibt, sie dem historischen Jesus abzusprechen.

Ich bin nicht für eine Schwarz-Weiß-Malerei. Wir Theologen behandeln die Bibel kritischer und skeptischer als die Geschichtswissenschaftler jedes andere Buch der Antike. Aber es muss ein Grundvertrauen in die historische Zuverlässigkeit der biblischen Berichte geben – und das ist gerechtfertigt, weil wir über keine Gestalt der Antike so genau Bescheid wissen wie über Jesus von Nazareth.

Darf ein Pfarrer Weihnachten sagen, dass die Weihnachtsgeschichte historisch so wahrscheinlich gar nicht geschehen ist?
Schnelle: Ja, das darf er sagen, wenn er klar macht, was die Weihnachtsgeschichte dennoch theologisch aussagt: Nämlich, dass Gott in dem Menschen Jesus von Nazareth zu uns gekommen ist. Insofern ist die Weihnachtsgeschichte auch wahr.

Muss das die Menschen in den Kirchgemeinden nicht verwirren?
Schnelle: Man muss sicher über den Ort nachdenken, wo man historisch-kritische Fragen erörtert. Bei Gemeindeabenden, in der Erwachsenen- und Jugendarbeit kann man sich biblischen Texten sehr wohl so nähern – und zwar, indem die Teilnehmer selbst entdecken, welche Spannungen, Doppelungen und Widersprüche es teilweise in der Bibel gibt.

Ist ein Grund für innerkirchliche Zerreißproben wie die Diskussion um Homosexualität, dass ein Brückenschlag zwischen akademischer Theologie und Gemeinde oft nicht gelingt?
Schnelle: Ja, das sehe ich so. Im Theologiestudium geht es viel um die rein historischen Fragen – aber wie ich das theologisch einzuordnen und zu verstehen habe, das kommt nur selten vor. Es gibt eine Unfähigkeit der akademischen Theologie, Glaubensfragen ernsthaft im Studium zu verankern.

Viele Pfarrer kommen nach ihrem Studium in eine Gemeinde und haben das Gefühl: Das, was ich gelernt habe, kann ich hier gar nicht sagen. Ich sehe, dass viele von ihnen innerlich und intellektuell vereinsamt sind. Das ist seelisch auf Dauer ungesund.

Gibt es eine Medizin dagegen?
Schnelle: Ich rate sehr dazu, die Probleme nicht auszuklammern und die kritischen historischen und theologischen Fragen in die Gemeindearbeit einzubinden. Und die Pfarrer sollten untereinander das theologische Gespräch suchen, zum Beispiel in den Konventen. Ihr Glaubenspaket, das sie mitbekommen haben, schmilzt im Laufe der Jahre, und es gibt nur wenige Ladestationen, wo der eigene Glaube geistlich und intellektuell wieder aufgeladen wird.

Müssen dafür Theologie und Kirche wieder mehr Ernst machen mit dem Evangelium?
Schnelle: Ja, man müsste mit ihm mehr Ernst machen – und es auch ernster nehmen.

Udo Schnelle (64) ist Professor für Neues Testament an der Fakultät für evangelische Theologie der Marin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und hat einige der derzeit verbreitetsten Lehrbücher zur Entstehung und Auslegung des Neuen Testaments geschrieben.

Gott redet – wenn der Mensch schweigt

3. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Kann der Mensch heute noch Gottes Stimme hören?

Auf welche Weise spricht Gott zu den Menschen? Bei der Ankündigung von Weihnachten, diesem Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung, spricht Gott nicht direkt zu Maria. Ein Engel besucht die blutjunge Frau und sagt ihr die Geburt des Gottessohnes voraus. Ebenso wird die Geburt Johannes des Täufers zuvor durch einen Engel angekündigt. Zacharias versieht im Jerusalemer Tempel seinen Priesterdienst, als ihm ein Engel erscheint, der dem alten Mann prophezeit, dass er Vater wird. Zacharias glaubt den Worten des Engels nicht und wird deshalb zum Schweigen verurteilt (Lukas 1,5?ff).

Zacharias: Zum Schweigen verurteilt
Die Geschichte von Zacharias legt nahe, dass in der Beziehung zwischen Gott und Mensch dem Schweigen eine große Bedeutung zukommt. Eigentlich ist es nicht verwunderlich, wenn Zacharias den Worten des Engels nicht glaubt. Er und seine Frau Elisabeth sind alte Leute. Sie können kein Kind mehr bekommen. Die Zeit ist vorbei. Nachdem der Priester im Tempel diese unglaubliche Botschaft vernommen hat, spricht er kein Wort mehr. Wir wissen nicht, was in dem Theologen während dieser etwa neunmonatigen Schweigephase vor sich gegangen ist. Ob er mit sich und seinen Zweifeln zu kämpfen hatte? Ob Gott mit ihm gesprochen hat? Wir kennen nur seine Reaktion nach der Geburt seines Sohnes. Er ist geläutert. Die Bibel überliefert: Der Heilige Geist erfüllte ihn, er weissagte und war voll des Lobes auf Gott!

Foto: ilijaa – fotolia.com

Foto: ilijaa – fotolia.com

Im Trubel der Vorweihnachtszeit
Zwischen ihm und uns liegen um die 2000 Jahre Distanz. Aber Gottes Geschichte mit uns ist weitergegangen und sie geht weiter. Wie aber verschafft sich Gott heute Gehör? Und können wir überhaupt seine Stimme hören?

Gott spricht noch immer. Einer, der mit diesem Thema reichlich Erfahrung sammeln konnte, ist Bruder Lukas vom Evangelischen Gethsemanekloster in Goslar. Er weiß: Der Mensch kann Gottes Stimme hören. Allerdings nicht unbedingt im Trubel der Vorweihnachtszeit, wenn vor lauter Einkäufen und Vorbereitungen kaum eine Minute Zeit für Stille bleibt. Wenn Menschen jedoch ihren Alltag hinter sich lassen, zur Ruhe kommen und die Worte der Bibel lesen und hören, merken sie, dass Gott zu ihnen spricht. Das ist Bruder Lukas’ Beobachtung. Gott redet – wenn der Mensch schweigt. »Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!«, erinnert Psalm 46, Vers 11.

Klöster sind schweigende Zeichen
Nun könnte man einwenden, ein Mönch wie Bruder Lukas – er gehört der Christusbruderschaft Selbitz an – widmet sein ganzes Leben Gott. Und Klöster »sind schweigende Zeichen, die zum Himmel weisen, die beharrliche, unbeugsame Mahnung, dass es eine andere Welt gibt, von der diese Welt nur das Abbild, der Hinweis und der Vorschein ist«, wie das Gethsemanekloster auf der Homepage sein Selbstverständnis formuliert. Im Kloster also darf man eher als in der »Welt draußen« mit außergewöhnlichen religiösen Einsichten rechnen. Aber das ist nicht so. Bruder Lukas erzählt von den Zeiten der Stille und des Schweigens im Gethsemanekloster. Diese Angebote seien so begehrt, dass das Haus immer ausgebucht sei, sagt er. Die Menschen könnten in solchen Auszeiten Gottes Stimme hören.

Gott ist kein Automat, der auf Knopfdruck reagiert
Viele Christen meinen allerdings, Gott sei ein Automat, in den man Wünsche eingeben kann, und dass diese auf Knopfdruck erfüllt werden. »Das ist unreifes Gebet«, meint dazu Bruder Lukas. Er zitiert Dietrich Bonhoeffer: »Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.« Wer die Stimme Gottes hören wolle, solle sich davor hüten, seine Gedanken und Wünsche im Gebet auszubreiten. Wer erfahren will, dass Gott spricht, solle das Wort Gottes lesen, im kontemplativen Gebet betrachten – so lange, bis es spricht. »Das geschieht nicht jeden Tag«, so die Wahrnehmung des Mönches. Manchmal jedoch, beim Meditieren über einen Bibelvers, falle es ihm wie Schuppen von den Augen. Er spürt: »Jetzt redet Gott, das ist Gottes Stimme. Sein Wort ist stark, prägend, es schenkt Gewissheit.« Ein simples Beispiel: »Ich habe heute in der Küche über meinen Bruder geredet, der nicht da ist. Und mit einem Mal kommt das Wort ›du sollst nicht falsch Zeugnis reden!‹ bei mir an. Ich habe den Splitter in meines Bruders Auge gesehen. Der Splitter im Auge des anderen – das war meine Projektion.« Er hat den Balken im eigenen Auge nicht wahrgenommen, ihn stattdessen als Splitter im Auge des anderen gesehen.

Die Versuchungen des Menschen
Aber wie kann ich sicher sein, dass ich Gottes Stimme höre? Verwechsle ich sie möglicherweise mit meiner eigenen? Ich glaube Gott zu hören, in Wirklichkeit ist das nur mein Wunsch? Bruder Lukas’ Antwort ist klar: »Gottes Stimme ist unverwechselbar, deutlich unterschieden von meiner Stimme.« Gleichwohl räumt er ein, dass das Ich, das Ego, täuschungsfähig sei. Der Mönch kommt auf die Versuchungen des Menschen zu sprechen, die da sind: Selbsterhaltungstrieb, Sexualtrieb, Geltungstrieb, Machttrieb. Versuchungen, denen Jesu widersteht.

Gottes Wort wird tun, wozu es gegeben wird
»Zeitlebens wird der Mensch seinen eigenen Willen nicht los«, konstatiert Bruder Lukas. Ein Korrektiv dazu ist das Vaterunser, das Christen in jedem Gottesdienst beten. Sie stellen damit den Willen Gottes über den eigenen, erkennen an, dass Gott anders ist. Sie geben ihm Raum mit den Worten »Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe …«. Darauf zu vertrauen – immerhin geschieht dies in jedem Gottesdienst oder wann und wo auch immer ein Mensch dieses Gebet gen Himmel schickt.

Die meisten Menschen haben keine Zeit, um im Kloster tagelang zu schweigen. Aber einige Minuten täglich Gottes Wort lesen und es wirken lassen – das sollte drin sein. Bruder Lukas weiß, dass der moderne Mensch sich für Stille und Meditation kaum Zeit nehme. Die Klosterfahrung jedoch lehrt: »Wenn ich Gottes Wort höre, betrachte, wird es lebendig in mir. Es wird tun, wozu es gegeben ist. Jeden Tag.«

Sabine Kuschel