Religionskritiker gestaltet die Bibel

30. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Janosch, der Erfinder der Tigerente und Autor wundervoller Kinderbücher, hat für die Neuedition der Lutherbibel einen Schmuckkarton gestaltet. So gibt es den revidierten Luthertext auch in einem Buchschuber von dem bekannten Kinderbuchautor. Die Deutsche Bibelgesellschaft teilt dazu mit, man habe unterschiedliche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, so z. B. die Schauspielerin Uschi Glas und den Fußballtrainer Jürgen Klopp gebeten, ihre jeweils eigenen Bibelsonderausgaben zu gestalten. Janosch hat den Umschlag »seiner« Bibel mit einer munteren Zeichnung von Adam und Eva versehen. Diese »limitierte Sammleredition«, so erklärt die Deutsche Bibelgesellschaft weiter, sei »nur für kurze Zeit erhältlich und ein einzigartiges Geschenk«.

Janosch ist ein entschiedener Kritiker von Kirche und Religion. Er hat bitterböse Karikaturen über seine Taufe gezeichnet, über katholische Würdenträger und seine Erfahrungen mit der Kirche. Dass er katholisch geboren wurde, hat er als »den größten Unfall seines Lebens« bezeichnet. In einem Interview sagte er kürzlich: »Das Beste wäre, es gäbe Gott nicht.« In der Giordano-Bruno-Stiftung, einer kirchen- und religionskritischen Initiative, ist er seit Jahren engagiert. Janosch wird seine Gründe für diese heftige Ablehnung haben. Er hat vermutlich als Kind verheerende Erfahrungen gemacht. Die Kirchen müssen solche Kritik aushalten – auch, wenn sie bisweilen schmerzt.

Nur – warum bittet die Bibelgesellschaft jemanden wie Janosch um Zeichnungen zu unserer Heiligen Schrift? Zur Heiligen Schrift, die zur Taufe aufruft, also jenem Ereignis, das Janosch so tief verletzt hat? In einer seiner bekanntesten Karikaturen zeigt er, wie ein Priester dem Täufling das Kreuz gewaltsam in den Leib nagelt. Mag sein, dass das der Bibelgesellschaft unwichtig ist. Um jeden Preis will man sich flott und modern präsentieren. Ich finde das befremdlich. Luther hätte sicher noch ganz andere Worte gewählt.

Andreas Fincke

Vom Glauben der Leute

27. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Advent, Achtsamkeit, Aberglaube – diese drei Themen vereint in einer G+H-Ausgabe? Das schien der Autorin zunächst recht abwegig. Beim Nachdenken über den sogenannten Aberglauben aber zeigte sich, dass sie durchaus in Verbindung zueinander stehen.

Es geht um Warten und Hören, den Umgang mit Ungewissheit und Ungeduld im Advent als einer Zwischenzeit, die unter besonderen Traditionen und Ansprüchen steht und so vielfältige Bedeutungen erfährt.

Advent und Weihnachtszeit, Buß- und Fastenzeit in der alten Kirche, im Jahr 836 in Aachen, 932 in Erfurt auf der Synode in Erfurt bestätigt, hatten auch im Lebensalltag klare Regeln. Schwarze Kirchenkleidung war geboten, Hochzeiten, Musik, Lustbarkeiten waren verboten; nur Kindern und Jugendlichen waren – an den Adventsdonnerstagen oder den Tagen der Heiligen Andreas, Barbara, Nikolaus, Luzia oder Thomas – Umzüge erlaubt mit Sprüchen, Liedern, Kerzen, kleinen Gaben. Mit diesen Tagen verbunden waren Bräuche, die als Liebes- und Wetterorakel dienten.

Sie gestalteten die Advents- und Weihnachtszeit, verkürzten das Warten bis zum Fest und lenkten den Blick auf das Kommende. So in Bräuchen der »Zwölf Nächte« zwischen dem Christtag und Epiphanias: das Wetter dieser Nächte galt als Orakel für die Monate des neuen Jahres. In den »Zwölften« sollte die Arbeit ruhen. Auch nicht gewaschen werden: diese Regel meiner Mutter begleitet mich bis heute. War das alter »Aberglaube«, in christliche Feste eingebunden?

»Gibt es in der Gemeinde Aberglauben?« Diese Frage an die Ortspfarrer war seit der Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert üblich in Formularen, die im Vorfeld der Visitation an die Kirchenleitung gingen; sie war ebenso üblich wie eine andere, heute merkwürdig anmutende: »Hat der Pfarrer Menschenscheu?« Höheren Orts wollte man über die Verhältnisse vor Ort Genaues erfahren. Die Pfarrer verneinten, um die eigene Aufklärung unter Beweis zu stellen. Wenig redeten sie über »den Glauben der Leute«.

Doch auch diese redeten kaum. Das Volk, so ein Pfarrer um 1900, sei »mit der Preisgabe seiner Geheimnisse äußerst vorsichtig und zurückhaltend. Der Glaube und auch der sogenannte Aberglaube wird nicht an die große Glocke gehängt«. Es herrsche »Misstrauen gegenüber modernen Weltanschauungen (und) den Gebildeten, den Arzt, Pfarrer und Lehrer«; man »wittere beim Pfarrer die Unduldsamkeit, dass sich ›Aberglaube‹ mit der christlichen Religion nicht verträgt«; der Bauer könne »den Kampf der Pfarrer gegen seinen sogenannten Aberglauben nicht recht begreifen, weil er den scharfen Unterschied zwischen Aberglauben und Glauben, wie ihn die Kirche zieht, nicht kennt«. Das gelte für Magie und Brauch, Segenssprüche, Amulette, die Heilkunde für Mensch und Tier und den Geisterglauben.

Beispiele aus den letzten drei Jahrhunderten belegen: es gab auch unter jenen »Gebildeten« solche, die vom »Volksglauben« im Alltag und Denken der Menschen wussten. So der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland – 1762 in Langensalza geboren, in Jena und Göttingen studiert, dann Hofmedicus in Weimar – der als Begründer der »Makrobiotik« gilt. Sein Buch »Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern« verbindet altes magisches, volksmedizinisches und modernes Wissen.

Rudolph Zacharias Becker, 1752 in Erfurt geboren, Pädagoge und Publizist, hatte in Jena Theologie und Philosophie studiert; sein 1788 in Gotha und Leipzig erschienenes »Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute«, in zahllosen Auflagen edierter Bestseller, zeigt das »Programm« der Volksaufklärung: Rat für Scheintod, Erfrieren, Ersticken, Ertrinken, Gewitter, Gesundheit, Krankheit, Tod bei Mensch und Tier, gesundes Essen und Trinken. Im Kapitel »50. Vom Behexen, Zaubern und Vergiften« redet er Klartext: Von Kindern, die »viel essen und doch nicht zunehmen; woran meistentheils die Würmer schuld« seien, nicht aber Hexen; er spricht von »Lug und Betrug«, »albernem Glaube an Hexen, Druden und wie die Dinger heißen«.

Aberglaube, so Becker, sei der »falsche Glaube«; als solchen war er der Aufklärung »Widerglaube«: was wahrem Glauben und Vernunft entgegenstehe und zu bekämpfen sei. Als wissenschaftlicher Begriff ist »Aberglaube« heute nicht brauchbar, denn es ist ein zeitgenössisches Kampfwort.

»Von einem thüringischen Landpfarrer« stammt ein anonym in Gotha 1895 schon in dritter Auflage erschienenes Buch »Zur bäuerlichen Glaubens- und Sittenlehre«. Sein Autor Hermann Gebhardt, im Pfarrhaus in Molschleben aufgewachsen und dort als Pfarrer bis zu seinem Tode wirkend, gibt eine »Darstellung der Licht- und Schattenseiten in unserem gegenwärtigen Volksleben«, wie sie zu dieser Zeit weder in der Volkskunde noch in Theologie und Kirche existiert. Auffällig: »Aberglaube« findet sich im Kapitel »Zum ersten (gemeint: Glaubens-)Artikel«, wo es um das Gottesbild der Leute, Taufe, Hochzeit und Tod geht; auch um Todesanzeichen und Vorahnungen. Das heißt, Glaube und Aberglaube sind begriffen als magisches Denken und Deuten der Leute; nicht als ein Gegensatz, sondern auf einer Ebene fließend vermengt.

Die Aufklärung, so Gebhardt, »hat gewaltig aufgeräumt, in keinem Dorf besteht der Aberglaube der Urgroßeltern unversehrt … Anderseits dürfte auch kein Dorf ohne Aberglaube zu finden sein«; auch der Hexenglaube lebe, wie Beispiele belegen. Sein Fazit: dass »ziemlich alle Bauern öffentlich allen Aberglauben verleugnen, unter vier Augen dagegen ganz anders reden; ferner, dass die Pfarrer von früher als die amtlichen Verfolger des Aberglaubens und Verkündiger der Aufklärung die letzten sind, denen er seine Herzensmeinung über diese Dinge offenbart; und dass er, wo er nicht reden will, schweigsamer ist als das Grab«.

Ein Fund unserer Zeit sind die 1968 erschienenen Erinnerungen von Gertrud Elle, »eine rechte Pfarrfrau und Gehilfin ihres Mannes«, so Bischof Mitzenheim im Vorwort über »die Tochter des Jenaer Historikers Dobenecker«. Ihre Erfahrungen im Pfarramt, der erste Pfarrort 1909 im Vogtland, der nächste im Thüringer Wald, sind ein Kulturschock, aus Sicht der Zivilisation wie der Mentalität »eine ganz neue Welt … hinter dem vordergründigen Leben ein anderes, hintergründiges, geheimnisvolles, unheimliches: die Zauberei, der Aberglaube« junger Mütter, Frauen, Gebärender.

Das Kapitel »Schwarze Kunst« öffnet den Blick auf diese Lebenswelten, auf ein Gespinst aus Angst, Geistern, Dämonen, Tod, Vorzeichen, Gebet und Magie. Die Pfarrfrau Gertrud Elle sieht, beobachtet und beschreibt, besser als Theologen, Volks- und Völkerkundler ihrer Zeit, den »Aberglauben« als das, was er war und ist: ein Gemenge aus Archaik und Moderne, aus Ängsten und vermeintlichen Sicherheiten.

Christel Köhle-Hezinger

Die Autorin lehrt Volkskunde an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und war EKM-Synodale.

Worte gegen die Angst

26. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Advent: Wie die Wochen vor Weihnachten zu einer besinnlichen Zeit werden können, dazu hat der Benediktinerpater und Erfolgsautor Anselm Grün einige Empfehlungen. Mit ihm sprach Willi Wild.

In Ihrem Buch »Achtsam sprechen – kraftvoll schweigen« unterscheiden Sie zwischen dem Sagen, Reden und Sprechen. Worin liegt der Unterschied?
Anselm Grün: Es wird viel geredet und wenig gesprochen. Das wird auch begünstigt durch die kurze Sprache, die wir heute in sozialen Medien per SMS, Twitter oder Facebook verwenden. Dadurch reduziert sich unsere Sprache. Allerdings ist diese Form ja nur virtuell und geschrieben. Schreiben wirkt nie so wie Sprechen. Sprechen kommt immer aus dem Herzen. Und ich spür den ganzen Menschen. In der Stimme wird der ganze Mensch offenbar. Durch das Sprechen kann ein Gespräch, kann ein Miteinander, Gemeinschaft entstehen.

Pater Anselm Grün – Foto: Willi Wild

Pater Anselm Grün – Foto: Willi Wild

Als Christen haben wir aber nur das geschriebene Wort. »Am Anfang war das Wort.« Wo ist die Schnittstelle, der Übergang von der heiligen Schrift zur persönlichen Ansprache?
Anselm Grün: Wir haben nicht ganz genau die Sprache Jesu und die der Evangelisten. Aber wir dürfen vertrauen, dass die Evangelisten die Worte Jesu so überliefern, dass sie uns heute ansprechen können. Ich denke, wenn wir die geschriebenen Worte lesen, können wir schon etwas von der Sprache Jesu erahnen. Zum anderen ist es die Verantwortung derer, die die Bibel vorlesen, ob sie das aus dem Herzen tun oder sich nur selber gefallen wollen und sich mit den Worten schmücken. Wenn jemand durchlässig ist für die Worte Jesu, dann dürfen wir vertrauen, dass Jesus uns dadurch berührt.

Kann das auch passieren, wenn ich mir selber die Worte vorlese oder sie wie ein Mantra vor mir herbete?
Anselm Grün: Die frühen Mönche haben festgestellt, dass negative Gefühle durch Worte verstärkt werden. Die Angst wird verstärkt durch solche Worte: Was denken die anderen von mir, das kann ich nicht und ich bin zu schlecht. Und da sollte man dann ein Wort aus der Bibel nennen als Heilungswort, z. B. Psalm 118: »Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht; was können mir Menschen tun?« Ich kann das Wort auch laut sprechen. Indem ich diesen Trost höre, fällt es leichter, dem Inhalt zu trauen. Ich komme dann durch das Wort in Berührung mit dem Vertrauen. Das Vertrauen wird gestärkt und die Angst hat nicht mehr so viel Macht über mich.

Wie kraftvoll ist das heilende, gesprochene Wort?
Anselm Grün: Bibelworte sind keine Zaubersprüche. Sie sind eher Teil in einem Prozess. Zunächst ist es wichtig, Ängste oder Verletzungen wahrzunehmen. Wenn dann ein Bibelwort in einer Situation gesprochen wird, können die Angst oder der Schmerz verwandelt werden. Wir streben heute nur noch nach Veränderung. Wir wollen alles im Griff haben. Der christliche Weg ist die Verwandlung. Worte können mich verwandeln. Können meine Angst langsam verwandeln, aber sie ist nicht total weg.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass das viele Reden oft nur dazu dient, der Stille auszuweichen. Wie halten Sie es selbst mit dem Schweigen?
Anselm Grün: Die ersten drei Stunden am Tag sind Schweigen und Beten. Wenn ich im Kloster bin, versuche ich, abends auch zu schweigen. Auf langen Autofahrten schweige ich meistens oder höre Musik. Nicht nur Berieselung, sondern, um wach zu bleiben. Um aufmerksam Musik zu hören, muss ich auch schweigen können.

Haben Sie eine Empfehlung für Stille und Schweigen im Alltag?
Anselm Grün: Da empfehle ich einfache Rituale. Beispielsweise die Hände auf der Brust zu kreuzen und einfach sich selber anzunehmen mit allen Gegensätzen. Das Kreuz ist ein Bild für das Kreuz Jesu: Jesus umarmt uns am Kreuz. Und weil wir von Christus umarmt sind, umarmen wir uns selber. Das Kreuz ist auch ein Schutz für unseren inneren Raum. So spüre ich: Da unter dem Chaos ist ein innerer Raum der Stille. Am Abend halte ich Gott den Tag hin, ohne ihn zu bewerten. Ich will vertrauen, dass Gott all das, was war, in Segen verwandeln kann. So kann ich still und ruhig werden.

Versteckte Kreuze und das Schweigen der Unesco

21. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Bild der kreuzlosen Bischöfe auf dem Jerusalemer Tempelberg sorgt für heftige Diskussionen. Ein Kommentar, warum die Demutsgeste so brisant ist.

Die deutschen Bischöfe haben bei ihrer Pilgerreise das Kreuz in einer Region verschwinden lassen, in der Tausende von Christen in jüngster Zeit ihr Leben dafür gelassen haben und Hunderttausende ihr Leben aufs Spiel setzen, weil sie eben dieses Kreuz nicht verstecken wollen. Warum haben Kardinal Reinhard Marx und der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sich nicht mit diesen Menschen solidarisiert und von ihren muslimischen Gesprächspartnern eine eigentlich selbstverständliche Toleranz eingefordert?

Das Bild der kreuzlosen Bischöfe reiht sich zudem nahtlos ein in eine Kampagne, deren jüngstes Produkt ein Unesco-Entscheid zum »besetzten Palästina« darstellt, das wenige Tage vor dem Bischofsbesuch verabschiedet worden war.

Unter der Überschrift »Besetztes Palästina« bemängelt die »Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur« in 41 Paragrafen die Weigerung Israels, einen ständigen Unesco-Vertreter in Ostjerusalem zu genehmigen, bedauert die archäologischen Ausgrabungen Israels in Ostjerusalem und verurteilt »israelische Aggression gegen die muslimische Verwaltungsbehörde (Waqf)«. Zum Tempelberg fordert sie freien Zugang für Muslime und freie Hand für den Waqf in allen Verwaltungs-, Renovierungs- und Restaurierungsangelegenheiten.

Gleichzeitig kritisiert sie israelische Baumaßnahmen im weiteren Umfeld des Areals und bedauert, dass die Al-Aqsa-Moschee und der »Al-Haram Al-Scharif«, das »noble Heiligtum«, wie der Tempelberg von Muslimen in arabischer Sprache bezeichnet wird, von israelischen Rechtsextremisten und »uniformierten Kräften« »gestürmt« worden sei. Ein zweiter und dritter Teil befassen sich dann noch mit der Situation um den Gazastreifen, der Höhle Machpela in Hebron und dem Rahelsgrab in Bethlehem.

Problematisch an diesem Unesco-Beschluss ist nicht, dass er Israel kritisiert. Israels Verwaltung heiliger Stätten darf kritisch begutachtet werden und gewiss gäbe es da auch manches zu verbessern. Skandalös ist – genau wie bei den Kreuzen der deutschen Bischöfe –, was unsichtbar ist, verborgen, nicht genannt, ignoriert oder vielleicht sogar geleugnet wird.

So schwieg die Unesco, als zwei Jahre nach ihrer Gründung 58 Synagogen in Jerusalems Altstadt zerstört wurden. Ein jordanischer Kommandeur verkündete nach der Sprengung der traditionsreichen Hurva-Synagoge: »Zum ersten Mal seit 1 000 Jahren verbleibt kein einziger Jude im Jüdischen Viertel. Kein einziges Gebäude verbleibt intakt. Das macht eine Rückkehr der Juden unmöglich.«

Die Unesco schwieg auch, als die jordanischen Besatzer in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten Juden den Zugang zu ihren heiligsten Stätten aus ideologisch-religiösen Gründen verwehrten.

Das Schweigen der Unesco schreit unablässig zum Himmel, bis hin zum Ausbaggern der Südostecke des Tempelbergs in den Jahren 1999 und 2000. Damals entfernte der Waqf zum Bau einer Moschee 9 000 Tonnen Schutt aus den sogenannten »Ställen Salomos« – ein archäologisches Verbrechen, das mit der Sprengung der Buddha-Statuen durch die Taliban und dem Zerschlagen von archäologischen Schätzen durch den Islamischen Staat vergleichbar ist.

Weil der jüdische Staat Israel derartige Ungeheuerlichkeiten unter seiner Hoheit aus politischen Gründen duldete, könnte man ihm in diesem Fall sogar Komplizenschaft vorwerfen.

Skandalös ist ferner, was die Unesco unter der Überschrift »Besetztes Palästina« nicht sagt. »Das Dokument bezieht sich auf die Jerusalemer Stätte nur mit ihrem arabischen Namen«, jubiliert der katarische Nachrichtensender Al Jazeera. Außerdem wird die Verbindung der Heiligen Schrift von Juden und Christen zu diesem Ort inhaltlich ebenso ignoriert, wie die Jahrhunderte unumstrittener Geschichte, in der ein israelitischer und jüdischer Tempel auf diesem Hügel stand.

»Die jüdische Geschichte: ausgelöscht, konsequent bis in die Sprache. König Salomon hin, Herodes her«, beklagt Georg M. Hafner in der Jüdischen Allgemeinen und bezeichnet den Unesco-Entschluss zum »Besetzten Palästina« als »schamlosen antisemitischen Plot, der seinesgleichen sucht«. Durch den Zusatz »die Besatzungsmacht« wird die Legitimität des Staates Israel, wann immer er namentlich im Unesco-Beschluss genannt wird, ebenso unterhöhlt wie die der nur als »sogenannte« bezeichneten Israelischen Antiken-Behörde.

Die jüngsten Vorgänge um den Jerusalemer Tempelberg werfen eine ganze Reihe von Fragen auf. Was treibt die offizielle Völkergemeinschaft? Haben selbst gebildete Araber überhaupt keine Sorge um ihre Glaubwürdigkeit, wenn historische Tatsachen derart mit Füßen getreten werden?

Sind führende Köpfe der deutschen Christenheit wirklich so wenig informiert, dass sie überhaupt kein Gespür mehr dafür haben, wie unglaubwürdig sie werden, wenn sie sich von politischen Narrativen und religiösen Herrschaftsgefühlen derart instrumentalisieren lassen, dass eigene Wertvorstellungen wertlos werden?

Johannes Gerloff

Grabmäler im Scheckkartenformat

21. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In Sachsen-Anhalt und seit Neuestem auch in Thüringen sind Bestattungen in Wäldern erlaubt. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gibt es bislang nur einen solchen Waldfriedhof in kirchlicher Trägerschaft. Ein Besuch in Meisdorf (Kirchenkreis Egeln) am Harzrand.

Die Novembersonne kämpft sich durch das Blattwerk. Die bis zu 155 Jahre alten Eichen haben ihr Sommerkleid noch nicht vollständig abgeworfen, golden leuchten die verbliebenen Blätter. Herbstlicht im Gesicht und raschelndes Laub unter den Füßen – doch ein gewöhnlicher Spaziergang ist das nicht. Wer in Meisdorf im Kirchenkreis Egeln gegenüber dem Schlosshotel, gleich am Kriegsmahnmal, in den Wald abbiegt, geht einen besonderen Weg – zum bislang einzigen kirchlichen Waldfriedhof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Hier gibt es keine geharkten Wege, keinen gemähten Rasen, keine rechteckig abgezirkelten Grabstätten, keine Lilien und Kerzen, keinen Kirchturm. Hier werden Gräber zu Biotopen und Bäume zu Grabmälern. Erkennbar sind sie an Namenstafeln – weiße Schrift auf schwarzem Grund – im Scheckkartenformat und in etwa zwei Metern Höhe am Baumstamm angebracht.

Erdbestattungen sind nicht erlaubt, Grabschmuck nicht erwünscht. Dennoch liegen Blumen im Laub; Rosen und Hortensien. »Die Menschen wollen ihren Angehörigen nah sein. Auch hier«, sagt Ralf Ziesenhenne. Er ist geschäftsführender Revierförster der Kirchlichen Waldgemeinschaft Wippra, diese verwaltet mehr als 1 000 Hektar Kirchenwald, auch jenen der evangelischen Gemeinde Meisdorf.

Als Partner hat sich die Kirche die Ruheforst GmbH aus Erbach im Odenwald dazugeholt. Das Unternehmen ist nicht Friedhofsträger, das ist die Kirchengemeinde, aber Ruheforst steuert Know-how bei und übernimmt die Werbung.

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Unter allen Wipfeln ist Ruh – mit diesem abgewandelten Vers aus Goethes »Wandrers Nachtlied« wirbt die Ruheforst GmbH für die Waldbestattung. Foto: EKM/Susann Biehl

Der Waldfriedhof dient der Bestattung und dem Gedenken. Und er ist Stätte der Verkündigung des christlichen Auferstehungsglaubens. So steht es in der Friedhofsordnung. Greifbar wird dies beim Andachtsplatz. Bänke stehen im Halbrund um einen Altar aus drei gekappten Stämmen, im Hintergrund ein großes, schlichtes Kreuz. Trotz kirchengemeindlicher Trägerschaft ist der Waldfriedhof konfes­sionsoffen.

In den seltensten Fällen wird der Meisdorfer Gemeindepfarrer für Trauerfeiern angefragt: Johannes Hesse hat in den vergangenen sechs Jahren drei Menschen auf dem Waldfriedhof bestattet. Es sind weniger die Menschen aus den Dörfern am Harzrand als jene aus den Städten, die sich hier bestatten lassen. Sie kommen aus Quedlinburg, Magdeburg, Halle, Erfurt oder Berlin.

Das mag viele Gründe haben. Praktische: Weil keine Grabpflege nötig ist. Finanzielle, weil nur einmal für einen Zeitraum von 99 Jahren Gebühren anfallen. Pro Baum gibt es zwölf Grabstätten, eine kostet ab 600 Euro. Wer einen ganzen Baum für sich oder seine Familie reservieren möchte, zahlt 3 700 Euro. »Es sind viele mittleren Alters.

Sie wollen vorsorgen«, hat Förster Ziesenhenne beobachtet. Die Menschen, die hierher kommen, beschäftigen sich früh mit der eigenen Sterblichkeit. Viele suchen sich ihren Baum aus.

Susann Biehl, im Landeskirchenamt zuständig für Kirchenwald, ergänzt die Beobachtungen von Förster und Pfarrer. »Es sind auch Menschen, die diesen Naturraum lieben, die in Gottes schöner Schöpfung sein möchten«, sagt die Kirchenoberforsträtin.

Im Meisdorfer Forst werden jährlich zwischen 40 und 50 Menschen bestattet. 270 Eichen sind als Grabstätten eingetragen, eine Erweiterung des bislang fünf Hektar großen Waldfriedhofs ist geplant. Konkrete Pläne für weitere kirchliche Waldfriedhöfe in der EKM sind der Kirchenoberforsträtin nicht bekannt. Es gebe einige interessierte Kirchengemeinden, aber nicht immer passen die Gegebenheiten.

Foto: Katja Schmidtke

Foto: Katja Schmidtke

Dennoch möchte die Kirche den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommen. Deshalb hat die EKM die Einrichtung von Waldfriedhöfen auch in Thüringen befürwortet. Der Thüringer Landtag hatte Anfang November das Bestattungsgesetz geändert und auch Waldfriedhöfe erlaubt. Kritik kam seitens der Union, die befürchtet, der Tod werde aus den Dörfern und Städten hinausgedrängt.

Der Kirche ist es wichtig, christliche Prägungen aufrechtzuerhalten. Für Waldbestattungen heißt das, dass der Friedhof als solcher erkennbar ist, dass es einen christlichen Andachtsplatz gibt und keine anonymen Bestattungen, sagt Susann Biehl. Du bist beim Namen gerufen. So ist es im Leben. Und im Tod.

Katja Schmidtke

Das digitale Erbe von Verstorbenen

20. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wenn ein Mensch stirbt, hinterlässt er viele Spuren im Netz: Vom Facebook-Profil über das iTunes-Abo bis zum Online-Konto. Die Hinterbliebenen müssen sich auch um den digitalen Nachlass kümmern. Immer mehr Unternehmen bieten dafür ihre Dienste an.

Nach der Beerdigung ihres Bruders fühlte sich Juliane Berger (Name geändert) wie ein Hacker. Ihr Bruder, 33 Jahre alt und Vater von zwei Kindern, kam im Februar 2015 bei einem Autounfall ums Leben. Sein Tod traf alle unvorbereitet. Schnell war klar: Juliane würde den digitalen Nachlass verwalten. Digitaler Nachlass, das bedeutet: Facebook-Profil, Abonnement beim Online-Dating oder offene Versteigerungen bei eBay. Alles eben, was ein Mensch auf seinem Computer oder im Internet hinterlässt, wenn er stirbt.

Mehrere Wochen saß Juliane vor dem Rechner ihres Bruders, probierte Passwörter aus, nahm Kontakt zu Facebook und Co. auf. »Ich habe das gemacht, weil es niemand anderes aus der Familie konnte«, sagt die 32-Jährige.

Inzwischen bieten auch Firmen ihre Dienste für Angehörige wie Berger an. Das Berliner IT-Unternehmen »Columba« etwa, das automatisiert Datenbanken abgleicht und nach Nutzerkonten im Internet sucht. Eine Pionierin auf dem Gebiet »digitaler Nachlass« ist die Theologin Birgit Janetzky, die in der Nähe von Freiburg das Unternehmen »Semno« (altgriechisch: würdevoll) betreibt. Als eine der ersten knackte sie Passwörter und löschte die Geisterprofile von Verstorbenen aus dem Netz.

Gesicht einer Frau als digitales Drahtmodell, Binärcode und ein Ablaufdiagramm. Foto: epd-bild

Gesicht einer Frau als digitales Drahtmodell, Binärcode und ein Ablaufdiagramm. Foto: epd-bild

Oftmals eine emotionale Aufgabe, erinnert sich die 53-Jährige. So sei einmal eine Mutter zu ihr gekommen, deren Tochter Suizid begangen hatte. »Plötzlich kam ich im Internet mit den Träumen eines jungen Mädchens in Berührung, das Model werden wollte.« Und mit einer Mutter, die online so gerne etwas gefunden hätte, um den Suizid ihrer Tochter zu verstehen.

Seit gut zwei Jahren sucht Janetzky nicht mehr selbst, sondern gibt ihre Erfahrungen von »der Schnittstelle von Mensch, Tod und Internet« an Firmen weiter, die sich auf das Berufsfeld spezialisiert haben. Ob Angehörige den digitalen Nachlass selbst verwalten oder eine Firma beauftragen, hänge vor allem davon ab, ob derjenige vorgesorgt habe, sagt die Beraterin.

Sie rät dringend dazu, früh genug an digitale Vorsorge zu denken und etwa eine Passwortliste anzulegen oder einen Nachlassverwalter zu bestimmen.

»Ansonsten ist das ein enormer Aufwand.«

Und nicht jeder möchte, dass nach seinem Tod jemand Drittes oder Firmen den kompletten Computer mit persönlichen Daten analysieren. Die Verbraucherzentralen warnen davor, einem Unternehmen Passworte anzuvertrauen, und empfehlen, rechtzeitig eine Person des Vertrauens zum digitalen Nachlassverwalter zu machen.

Juliane Berger hätte den technischen Aufwand gerne abgegeben. Doch Anfang 2015 habe sie schlichtweg keinen Dienstleister gefunden, sagt sie. Also musste sie selbst ran: Als Erstes bestellte sie alle Abos ihres Bruders ab, die sonst weiter Geld gekostet hätten. »Außerdem sollten die Fotos aus dem Netz entfernt werden, weil er die nicht selbst als Überbleibsel ausgesucht hat.«

Als besonders aufwühlend empfand sie die Rekonstruktion des Browserverlaufs: »Ich konnte mir genau ansehen, was er die vergangenen Wochen gemacht hat, von der Suche nach Bratenrezepten bis Weihnachtsgeschenken.« Es sei aber auch schön gewesen, zu sehen, dass ihr Bruder ein zufriedenes Leben geführt habe.

Mittlerweile ergibt die Google-Suche nach seinem Namen kaum noch Treffer. Ungeklärt ist bis heute der Umgang mit dem Facebook-Profil. Juliane Berger würde es gern in eine Gedenkseite umwandeln, auf der sich nichts mehr verändern lässt. Doch die Freundin des Verstorbenen möchte das Profil aktiv belassen. Das Problem in solchen Fällen: Es kann vorkommen, dass Facebook weiterhin an den Geburtstag des Verstorbenen erinnert oder ihn anderen Nutzern als neuen Freund vorschlägt. Berger hat festgestellt: »Ein Stück Kontrolle gibst du ab.«

Würde Berger heute noch mal nach Unterstützung im Netz suchen, hätte sie es leichter. Seit gut einem Jahr gibt es den Blog »digital-danach«, den die Münchnerin Sandra Landes zusammen mit einem Kollegen betreibt. Sie informieren zum Thema »digitaler Nachlass«, listen Dienstleister auf und veranstalten am 24. November in Hamburg die erste deutschsprachige Fachkonferenz. »Viele Branchen befassen sich bereits mit dem Thema, darunter Bestattungsunternehmen, Versicherungen oder Juristen, aber sie wissen nichts voneinander.«

Die Bloggerin sieht einen klaren Trend: Die Medien berichteten mehr über digitalen Nachlass, neue Start-Ups hätten sich gegründet. Es gebe aber noch viel zu tun. Die Gesellschaft befinde sich derzeit in einer Phase des Entdeckens und der Skepsis. »Wir sollten langsam einen Schritt weitergehen: Ausloten, diskutieren und nach Lösungen suchen.«

Leonore Kratz (epd)


www.semno.de

www.digital-danach.de

Tipps der Verbraucherzentralen zum digitalen Nachlass:

www.verbraucherzentrale.de/digitale-daten

Das Leben ist im Tod unfassbar

20. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wer um einen geliebten Menschen trauert, macht möglicherweise ganz andere Erfahrungen als erwartet. Dass die Welt nicht düsterer wird, sondern in noch kräftigeren Farben leuchtet.

Als dumpfe, schwarze Düsternis habe ich mir die Welt vorgestellt, als ich vor dem Tod meines Vaters auf die Zeit nach seinem Tod zu blicken versuchte. Mein Vater war unheilbar krank, und ich wusste, dass er sterben würde, und vielleicht habe ich deshalb einen sehr körperlichen Teil der Trauer schon vor seinem Tod durchlitten: In unserem letzten gemeinsamen Sommer hatte ich es in manchen Stunden mit einem so scharfen Schmerz zu tun, als schneide mir jemand einen Teil aus meinem Körper heraus, bei lebendigem Leib und ohne Betäubung.

Dieser Schmerz wunderte mich nicht, ich konnte ihn mir sehr wörtlich erklären: Mein Vater war ein Teil von mir, und ich ein Teil von ihm, ihn zu verlieren konnte nicht anders sein als eine Amputation. Ich fühlte mich viel zu jung, mit 37 meinen Vater zu verlieren, und war doch unendlich dankbar, ihn so viele Jahre gehabt haben zu dürfen. So war auf eine seltsame Weise diese abschiedsschwangere Zeit trotz all ihrer Schmerzen ein Geschenk, zerbrechlich und kostbar, weil wir monatelang sehr bewusst auskosten durften, noch beieinander zu sein.

Seelischer Schmerz, hat die Wissenschaft mittlerweile ermittelt, nimmt im Körper dieselbe Gestalt an wie körperlicher Schmerz. Der menschliche Organismus ist ein untrennbares Ganzes, das menschliche Schmerzsystem macht keinen Unterschied zwischen körperlichen und seelischen Schmerzen. Wenn wir Schmerzen haben, schüttet unser Körper schmerzstillende Hormone aus, Hormone, die glücklich machen können, Hormone, die trösten.

Mit Blumen geschmücktes Grab. Foto: Vulkanismus – Fotolia.com

Mit Blumen geschmücktes Grab. Foto: Vulkanismus – Fotolia.com

Gewiss war mein Blut in jenem Sommer häufig von diesen unwillentlich selbsterzeugten Botenstoffen geflutet, denn ich erlebte etwas Überraschendes: Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich die Blumen derart kräftig leuchten sehen, vor allem die roten und die rosafarbenen. Mir war, als schenkten sie mir ihre Farbe ganz besonders deutlich als Zeichen der Lebensfreude und des Lebens; mir war, als sähe ich sie mit den Augen meines todgeweihten Vaters.

Dieses Leuchten hatte viel mit meinem Vater zu tun. Ich ahnte, auch er sieht die Blumen in diesem Sommer ganz besonders kräftig ihre Farben zeigen, und er spürt dabei, dass er gerne noch ein Weilchen hierbleiben würde, hier, im Leben. Es war, als wäre ich selbst viel deutlicher am Leben als zuvor, ja, als nähme ich das Leben überhaupt erst jetzt so intensiv wahr, jetzt, da ich es zum ersten Mal scharf vom Tod unterscheiden konnte.

Dann kam der Tag, an dem mein Vater starb. Noch immer will ich aufschluchzen, wenn ich an diesen Tag denke, wenn ich diesen Satz schreibe. Es ist kein Weinen aus Traurigkeit, sondern ein Weinen aus tiefem Berührtsein. Ein Weinen aus Liebe. Ich bin nicht dabei gewesen, als mein Vater starb, aber wir haben seinen letzten Lebenstag miteinander verbracht. Es war ein Tag voller Zartheit und Wärme, voller Frieden und Humor; ein Tag, der gut zu meinem Vater und zu seinem Leben gepasst hat. Ich werde mein Leben lang dankbar sein für diesen Tag. Er war mir oft ein großer Trost in meiner Trauer.

Dieses Wort, »unfassbar«, hatte ich oft in Todesanzeigen gelesen und nur an der Oberfläche verstanden. Selbst als Journalistin, zu deren Handwerkszeug Wörter gehören und die sehr bedacht mit Worten umgeht, hatte ich nicht vermocht, diesem Wort ganz auf den Grund zu dringen, einfach weil ich die Tiefen nicht gekannt hatte, die dieses Wort beschreibt. Jetzt plötzlich erfuhr ich die Bedeutung von »unfassbar« wirklich. Im Kopf wusste ich ganz genau, dass mein Vater gestorben ist. Auch meine Seele, mein Wesen versuchte dieses Neue, nie Dagewesene zu fassen, zu begreifen, aber meine Hände fassten ins Leere. Es war unfassbar.

Wie ein großes schwarzes Loch hatte ich mir die Zeit nach Papas Tod vorgestellt. Statt der erwarteten Dunkelheit umfing mich etwas völlig anderes: Ich fühlte mich von allen Seiten umgeben von Liebe, von Wärme, umfangen von einer unsichtbaren Zärtlichkeit, die war wie die Sonne, wie ein milder Wind im Sommer. Ich erinnerte mich daran, was meine Mutter mir als Kind erzählt hatte. Meine Mutter war 40 Jahre alt, als ihre Mutter starb, die sie sehr geliebt hat, und eines Tages hatte ich sie gefragt, wie der Tod ihrer Mutter für sie war. Wie sie ihn ausgehalten hat. Da hatte sie erzählt, sie habe in den Tagen nach deren Tod das Gefühl gehabt, ihre Mutter sei sehr nahe um sie herum, sehr tröstlich anwesend auf eine unsichtbare Weise.

Das war genau das, was ich in den Tagen auch spürte.

Nicht dunkel, sondern licht und hell und zärtlich war die Welt, und mein Inneres ähnelte einem wohlbekannten, paradiesischen Zustand: Ich war wie verliebt. Als profane Erklärung dafür ließe sich sicher anbringen, dass mein Organismus nach dem Tod eines so geliebten Menschen mit derart vielen schmerzstillenden Hormonen reagiert hat, dass zwischendurch ein gewisser Überschuss entstanden ist. Meine persönliche Erklärung geht anders: Mein Vater mag gestorben sein – die Liebe, die uns verbunden hat, ist immer noch da.

Den heftigen Schmerz, mit dem ich es in den Wochen und Monaten danach zu tun hatte, identifizierte ich als Sehnsucht: Tiefe, schmerzliche, unstillbare Sehnsucht nach dem Verstorbenen müssen Hinterbliebene aushalten, und obwohl das täglich hunderttausendfach geschieht, passiert es doch jedem Einzelnen ganz allein und einzigartig.

Im Laufe der Zeit verwandelt sich die Sehnsucht in einen Trost, der mich durch mein ganzes weiteres Leben begleiten wird. Der Trost, dass mein eigener Tod, wann er auch sei, eine Heimkehr wird: weil mein Vater mir schon vorausgegangen ist.

Etwas von mir ist gestorben, als mein Vater gestorben ist, und auf eine gewisse Weise war mein altes Leben zu Ende, als sein Leben endete. Auf den Trümmern dieser Erschütterung habe ich mir ein neues Leben aufgebaut, so wie es alle Trauernden tun. Ich habe ganz neue Dinge begonnen, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Vater nicht weg ist: Er ist gestorben, aber er ist nicht weg. Er ist immer noch da, nur jetzt auf andere Weise. Ich kann mit ihm sprechen und ihn um Rat fragen, ich teile meine Freude mit ihm, und oft lächeln wir einander quer durch die Ewigkeit an.

Franziska Feinäugle

Die Erde in der Hand eines Verbrechers?

15. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Klassiker der Bibel: Hiob, der unschuldig Leidende

Die Erde ist in die Hand eines Verbrechers gegeben. Er verhüllt das Angesicht ihrer Richter. Wenn nicht er, wer ist’s dann?« (Hiob 9,24) So hatte noch keiner von Gott geredet. Aus der leidenschaftlichen Klage Hiobs, des unschuldig Leidenden, wird eine an Schärfe nicht zu überbietende Anklage Gottes. Wenn nicht er selber der »rascha«, der Frevler, der Verbrecher ist, wer sollte es sonst sein? Schon die Rabbinen haben darüber gestritten, ob Hiob das über Gott oder den Satan gesagt habe.

Wie auch immer die Antwort ausfällt, an den Leiderfahrungen Hiobs ändert sie nichts. Selbst wenn’s über den Satan gesagt wäre, wogegen der Textzusammenhang spricht, bleibt immer noch die Frage, warum der Gott Israels dem Satan freie Hand ließ, Hiob in solch ein Meer der Leiden zu stürzen. Begegnete ihm Gott in der Larve des Satans? Wer also, wenn nicht er? Bei dieser Frage stockt einem der Atem. Ist das nicht Gotteslästerung, Blasphemie? Darf Hiob, was selbst nach unserem Recht unter Androhung einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe verboten ist (§ 166 StGB)? Rechtfertigt erfahrenes Leid jede Form der Gotteslästerung? Darf der Mensch so von Gott reden? Der unschuldig leidende Mensch, Hiob, darf das! Denn am Ende des Buches stellt Gott Hiobs Freunden, den Verteidigern Gottes, gegenüber fest: »Ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob« (Hiob 42,7). Was war falsch am Reden der Freunde über Gott und was richtig am Reden Hiobs?

Die Freunde Hiobs waren gefangen in der »reinen Lehre«. Sie hatten sich ihr Bild gemacht von Gott und vom Menschen. Und das war unumstößlich: »Ja, nicht aus dem Staub geht Unheil hervor und aus dem Acker sprießt kein Übel« (Hiob 5,6). Vielmehr ist der Mensch selbst dafür verantwortlich. Sein Leiden muss eine Ursache haben. Und die kann nur in einer offensichtlichen oder auch verborgenen Schuld gegen Gott bestehen. Daher werden die beamteten Tröster nicht müde darin, Hiob zu mahnen, er möge sein Gewissen erforschen und Gott seine Schuld bekennen, zu ihm umkehren, damit sein Leben wieder in Ordnung käme. Doch wie kann er, wenn selbst Gott dem Satan gegenüber feststellt, dass sein Knecht Hiob in jeder Weise »fromm, rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend« sei (Hiob 1,8)? Hiobs Freunde wollten davon nichts wissen. So wurden aus neunmalklugen Seelsorgern Quälgeister, die den Leidenden regelrecht kanibalisierten (Hiob 19,20-22). Uns jedoch steht es nicht zu, über ihnen den Stab zu brechen. Denn ein Verdienst bleibt den Freunden: Mit ihrem Insistieren auf dem Dogma trieben sie Hiob von sich weg und dem lebendigen Gott in die Arme.
Glaube-Alltag-38-2016

Aber was war nun richtig am klagenden, anklagenden Reden Hiobs? »Die einfachste, normalste Reaktion wäre, den Atheismus zu erkennen. Auch die gesündeste Reaktion für alle diejenigen, denen ein etwas einfältiger Gott bisher Preise verteilte, Sanktionen auferlegte oder Fehler verzieh und in seiner Güte die Menschen wie ewige Kinder behandelte« (Emanuel Levinas). Aber dieser einfältige Gott, das ist nicht der Gott Hiobs. Und daher kommt die normale Reaktion, Atheismus, die Absage an Gott, für ihn nicht in Frage. Das »Große an Hiob ist, dass die Leidenschaft der Freiheit bei ihm nicht erstickt und nicht zur Ruhe gebracht wird« (Sören Kierkegaard). Dieser Hiob sagt sich nicht von Gott los, sondern ist so frei, mit ihm leidenschaftlich in Klage und Anklage die Grenzstreitigkeiten des Glaubens auszufechten. Da ist einer, der nicht vor den Bildern Gottes kniet, die sich der Mensch von ihm macht, sondern vor dem lebendigen, unergründlichen Gott selbst. Da ist einer, der hält gegen Gott an Gott fest!

Und warum schließlich hat Gott den in jeder Weise untadeligen Hiob in die Hand des Satans fallen lassen? Wozu die Qualen, der Verlust des Besitzes, der Kinder, der Gesundheit? Ich weiß es nicht! Ich weiß nur eines, dass sich Gott nicht von seinem Knecht Hiob distanziert. Von Anfang an setzte er nicht auf die These des Satans, dass sich Hiob im Leiden von ihm lossagen, ihn verfluchen würde. Wenn ich eine Antwort auf die Frage wüsste, dann eigentlich nur die, dass der Gott Israels und der Kirche es Hiob, dem leidenden Menschen, zutraut, stärker zu sein als der Satan. Aber Vorsicht vor den Antworten! Vielleicht ist das ja auch schon wieder mein Bild von Gott und vom Menschen, vor dem ich knie.

Rüdiger Lux

Literaturempfehlung:
Rüdiger, Lux: Hiob. Im Räderwerk des Bösen, Biblische Gestalten Bd. 25, Evangelische Verlagsanstalt, 320 S., ISBN 978-3-37402-878-8, 18,80 Euro

Diskriminiert, bedroht, verfolgt

14. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Rund 100 Millionen Christen weltweit sind von Diskriminierung und Verfolgung betroffen. Die Hilfsorganisation Open Doors macht seit Jahren darauf aufmerksam. Neu im Fokus: Die Situation christlicher Flüchtlinge in deutschen Asylunterkünften. Harald Krille sprach mit dem Leiter von Open Doors, Markus Rode.

Markus Rode leitet den deutschen Zweig von Open Doors. Foto: Open Doors

Markus Rode leitet den deutschen Zweig von Open Doors. Foto: Open Doors

Herr Rode, das Thema Christenverfolgung ist seit einiger Zeit vermehrt in der Öffentlichkeit präsent. Ist die Verfolgung stärker geworden oder ist nur die Aufmerksamkeit dafür gestiegen?
Rode:
Die Verfolgungsintensität ist in den letzten Jahren stärker geworden. Das können wir aus dem von uns seit Jahren veröffentlichten Weltverfolgungsindex ablesen. Wir stellen fest, dass das Niveau der Gewalt und auch der Verfolgungsintensität zugenommen hat.

Wann kann man überhaupt von Verfolgung sprechen?
Rode:
Wir lehnen uns im Prinzip an die Erklärung der Vereinten Nationen an. Man erkennt aber schnell, dass es letztlich keine valide Definition von Verfolgung gibt, weil sie immer ein subjektives Element hat und fließend ist. Wann fühlt sich ein Mensch wirklich verfolgt? Beginnt Verfolgung schon damit, dass jemand als Christ ausgeschlossen wird, bestimmte Berufe zu erlernen oder unter Druck gesetzt wird, weil er nicht in die Moschee geht?

Wenn beispielsweise in Indien ein Mob von Hinduisten Steine gegen das Haus eines zum Christentum konvertierten Menschen wirft und ihm droht, ihn und seine Kinder zusammenzuschlagen – ist das schon Verfolgung oder ist das »nur« schwere Diskriminierung? Wir sprechen in solchen Fällen von Verfolgung und definieren dann die verschiedenen Formen.

Wie sieht das konkret aus?
Rode:
Wir schauen uns sechs Bereiche an. Das eine ist das Privatleben. Darf ein Mensch seine Religion privat leben, ungestört beten oder die Bibel lesen?

Dann gehen wir in die Ebene der Familien: Hat er die Möglichkeit, auch innerhalb der Familie seinen Glauben zu leben? Oder wird er als Christ von der Familie verstoßen oder sogar direkt verfolgt?

Danach der gesellschaftliche Bereich: Darf ein Christ beispielsweise noch den Dorfbrunnen benutzen? Wird er von der Gemeinschaft diskriminiert oder gar ausgestoßen?

Es folgt die Ebene des Staates: Gibt es verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit? Dürfen Christen am öffentlichen Leben teilhaben oder sind sie Bürger zweiter Klasse?

Die vorletzte Ebene ist das kirchliche beziehungsweise gemeindliche Leben. Also: Dürfen sich Christen versammeln, Gemeindehäuser bauen oder erwerben, öffentlich ihren Glauben bezeugen und Gottesdienste halten?

Und als Letztes erfassen wir physische Gewalttaten. Diese sechs Bereiche gewichten wir alle gleich im Weltverfolgungsindex. Und so können wir im Laufe der Jahre sehen, wie sich aus diesen verschiedenen Bereichen der Gesamtindex eines Landes entwickelt.

Gibt es auch Beispiele von Ländern, wo Verfolgung geringer geworden ist?
Rode:
Das gab es immer mal wieder. Derzeit ergeben sich Verbesserungen im Ranking einzelner Länder eher dadurch, dass die Index-Punkte, also das Level der Verfolgung, in einigen Ländern stärker zugenommen hat, während andere Länder auf dem gleichen Niveau bleiben.

Unter den Flüchtlingen, die aus dem Nahen Osten zu uns kamen und kommen, sind auch Christen. Sie haben dazu eine alarmierende Studie vorgelegt. Wie kamen Sie dazu?
Rode:
Wir haben Hilferufe bekommen von Pastoren und Kirchengemeinden, und Organisationen, die in der Flüchtlingsarbeit engagiert sind, wie etwa dem Zentralrat Orientalischer Christen. Selbst hochrangige Polizeibeamte haben sich vertraulich an uns gewandt. Daraufhin haben wir uns ein Bild gemacht, denn wir sind ja im Dienst der verfolgten Christen weltweit. Dabei hatten wir allerdings bisher Deutschland nie im Fokus.

Und wie haben Sie sich ein Bild gemacht?
Rode:
Indem wir eine Erhebung erstellt haben. Wir haben einen Fragebogen entwickelt und als überkonfessionelles christliches Hilfswerk in unserem bundesweiten Netzwerk nachgefragt, wer einen vertrauensvollen Kontakt zu christlichen Flüchtlingen hat und diese befragen kann. Im Ergebnis bekamen wir zwischen Februar und Mai 231 Rückläufer, in denen Flüchtlinge über Drohungen und Gewalterfahrungen berichteten.

Dabei muss man bedenken, dass die Betroffenen oft Angst haben, über ihre Situation zu sprechen. Deshalb haben Flüchtlinge überwiegend aus Regionen geantwortet, wo Kirchengemeinden ihnen besonderen Schutz gewährten.

Es gab daraufhin die Kritik, es handele sich nur um Einzelfälle, zudem mehrheitlich aus dem Raum Berlin.
Rode:
Obwohl die Kritik unberechtigt war, haben wir die Erhebung deutlich erweitert, auch in Zusammenarbeit mit anderen NGO’s und dem Zentralrat Orientalischer Christen. Wir bekamen bundesweit Rückläufe von 743 christlichen Flüchtlingen sowie von zehn Jesiden, die unsere erste Erhebung bestätigten und von massiven religiös motivierten Übergriffen berichteten.

56 Prozent der Befragten haben Körperverletzungen erlebt, 42 Prozent berichteten von Todes- und Morddrohungen. Über 80 Prozent der Betroffenen haben Angriffe und Drohungen wiederholt erlebt. Das sagt etwas über die Intensität der Verfolgung.

Das klingt, als seien die Flüchtlingsheime voller Extremisten?
Rode:
Nein. Die Muslime, die ja circa 90 Prozent der hier Ankommenden ausmachen, sind keine Extremisten oder gar Terroristen. Aber sie kommen aus Herkunftsländern, die bei uns im Weltverfolgungsindex unter den ersten zehn Platzierten sind, und dort gibt es keine Religionsfreiheit. Das heißt, sie bringen eine religiöse Prägung durch den Islam mit, in der gilt: Christen sind Unreine, Ungläubige. Und besonders die Konversion vom Islam zum Christentum ist nach dem Koran ein todeswürdiges Verbrechen.

Was können Christen und Kirchengemeinden in dieser Situation tun?
Rode:
Wichtig ist, die Flüchtlinge in den Unterkünften zu besuchen, ihnen als Christ zu begegnen und dadurch zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind. Und dass man einen Übersetzer des Vertrauens dabei hat, der dann auch in der Lage ist, den Christen eine Stimme zu geben, und sie in einen Gottesdienst einlädt.

Die Christen brauchen ein Klima des Vertrauens, denn das haben sie in diesen Unterkünften oft überhaupt nicht. Weil sie umgeben sind von muslimischer Security, die bei der Umfrage sogar zu über 20 Prozent nicht als Schutz, sondern als Mittäter erlebt wird. Und auch viele Übersetzer, die aus islamischem Hintergrund kommen, übersetzen bewusst falsch.

Wo sehen Sie die Politik in der Pflicht?
Rode:
Ein Problem ist, dass man in den Asylunterkünften oft verschweigt, dass es religiös motivierte Übergriffe auf Christen und andere Minderheiten gibt, weil das politisch ein heißes Eisen ist. Doch wer dieses Unrecht aus politischen oder anderen Beweggründen verharmlost, verschweigt oder für eigene Zwecke missbraucht, ermutigt die Täter in ihrem Tun und macht sich mitschuldig am Leid der Betroffenen. Deshalb müssen die Politiker jetzt endlich handeln und Schutzmaßnahmen auf den Weg bringen. Einen Forderungskatalog haben wir vorgelegt.

Hintergrund

Open Doors: Die Arbeit des überkonfessionellen Hilfswerkes für verfolgte Christen begann vor mehr als 60 Jahren durch den Holländer Anne van de Bijl, bekannt als »Bruder Andrew«. Der deutsche Zweig hat seine Zentrale in Kelkheim bei Frankfurt/Main.

Die Forderung: In Auswertung ihrer jüngsten Erhebung unter christlichen Flüchtlingen in Asylunterkünften fordert Open Doors unter anderem mehr Präventionsmaßnahmen zum Schutz religiöser Minderheiten während des gesamten Asylprozesses, die regelmäßige Schulung und Sensibilisierung der Mitarbeiter von Flüchtlingsunterkünften und die Bereit­stellung von christlichen Vertrauenspersonen.

www.opendoors.de

Der Reformator widersteht der Macht

14. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

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Lutherstädte: Martin Luthers Auftritt vor dem Wormser Reichstag wurde zum Wendepunkt der Kirchengeschichte. Denn hier misslang der Versuch, die Reformation im Keim zu ersticken. Wer sich in der Stadt auf Luthers Spuren begeben will, braucht heute etwas Fantasie.

Im Wormser Heylshofpark können Besucher vom kommenden Jahr an buchstäblich in die Fußstapfen des Reformators treten. Zwei große bronzene Schuhe sollen genau dort montiert werden, wo der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther (1483–1546) sich 1521 während des Wormser Reichstags weigerte, seiner Lehre abzuschwören. Doch so bedeutend sein gerade einmal zehntägiger Aufenthalt in Worms für die Geschichte der Reformation auch gewesen sein mag – authentische Lutherstätten kann die Stadt kaum bieten.

Das Lutherdenkmal in Worms ist das weltweit größte Denkmal des Reformators. Martin Luther steht in der Mitte einer Skulpturengruppe. Der Dresdner Bildhauer Ernst Rietschel schuf das Reformationsdenkmal, erlebte die feierliche Enthüllung seines Monuments am 25. Juni 1868 jedoch nicht mehr. Foto: epd-bild

Das Lutherdenkmal in Worms ist das weltweit größte Denkmal des Reformators. Martin Luther steht in der Mitte einer Skulpturengruppe. Der Dresdner Bildhauer Ernst Rietschel schuf das Reformationsdenkmal, erlebte die feierliche Enthüllung seines Monuments am 25. Juni 1868 jedoch nicht mehr. Foto: epd-bild

»Nach dem Zweiten Weltkrieg war Worms die Lutherstadt schlechthin im Westen, denn die anderen waren ja nicht zugänglich«, erzählt der städtische Kulturkoordinator Volker Gallé. Weil Eisenach und Wittenberg hinter dem Eisernen Vorhang lagen, wurde die 80 000-Einwohner-Stadt in Rheinland-Pfalz zum Schauplatz vieler zentraler westdeutscher Gedenkveranstaltungen und Kirchenkonferenzen.

»Wenn so viel Teufel zu Worms wären als Ziegel auf den Dächern, so wollt’ ich hinein«, soll Luther die Warnungen vor einer Reise nach Worms zerstreut haben. Seine Anhänger hatten in dem zugesicherten freien Geleit eine List gewittert. Angeblich soll der 37-Jährige vor der historischen Rede sogar in seiner Herberge, dem Johanniterhof, knapp einem Giftanschlag entgangen sein. Gästeführerin Gisela Neumeister erzählt Touristen auf den Reformationsführungen zumindest die Legende über das Weinglas, das gerade noch rechtzeitig zersprungen sein soll, als Luther daran nippen wollte.

Im Frühjahr 1521 war Luther wegen seiner Thesen bereits von der Kirche exkommuniziert. Allerdings hatte er die Unterstützung einer Reihe deutscher Fürsten, die ihm die Gelegenheit einer letzten Verteidigungsrede vor dem Wormser Reichstag und Kaiser Karl V. verschafften. Und auch auf seiner von heftigen Bauchkrämpfen begleiteten Reise wurde er begeistert von Anhängern begrüßt.

Der Auftritt des als »großer Ketzermeister« verschrienen Luthers in Mönchskutte verlief jedoch anders als von Kaiser und Kirche erwartet: Der Reformator erklärte, er könne seine Ansichten nicht gegen das eigene Gewissen widerrufen. Durch die Bibel fühle er sich bestätigt. Der Ausruf »Hier stehe ich und kann nicht anders« fiel dabei nicht, was die historische Bedeutung der Rede jedoch nicht schmälerte. Überliefert ist: »Gott helf mir! Amen.«

Das ließen sich Fürsten und Kaiser nicht gefallen. Mit dem Wormser Edikt verbot Karl V. nicht nur die Schriften Luthers, er untersagte auch dessen Unterstützung und erklärte ihn für vogelfrei. Als das Edikt jedoch im Mai veröffentlicht wurde, befand sich Luther schon in Sicherheit auf der Wartburg bei Eisenach.

Ein flüchtiger Rundgang auf Luthers Spuren durch die in vielen Kriegen zerstörte Stadt am Rhein ernüchtert: Wo einst der Johanniterhof stand, ragt seelenlose Nachkriegsarchitektur in die Höhe. Neben dem Woolworth-Kaufhaus erinnert lediglich eine Gedenkplakette an den berühmten Gast. Der Wormser Bischofspalast, Ort des Reichtags, wurde im 17. Jahrhundert zerstört. Eine private Stiftung hat einen Park angelegt. Insbesondere ausländische Besucher ziehe es dennoch magisch an den Originalschauplatz, sagt Gästeführerin Neumeister: »Das ist für viele Leute das Highlight.«

Unter dem Mangel an Luther-Sehenswürdigkeiten litten die Bürger der mehrheitlich protestantischen Stadt schon im 19. Jahrhundert. So entstand mit Spenden aus dem In- und Ausland 1868 das weltgrößte Lutherdenkmal. Der überlebensgroße Reformator steht auf einem Sockel im Zentrum einer Skulpturengruppe zwischen Weggefährten wie Philipp Melanchthon und Philipp dem Großmütigen sowie Vordenkern der Kirchenreform wie Jan Hus und Petrus Waldus. Der Rundgang führt auch zu der kleinen evangelischen Magnuskirche, in der früh im Sinne Luthers gepredigt wurde.

Obwohl sich Worms seit der Wiedervereinigung im Marketing stärker der Nibelungensage und dem bedeutenden jüdischen Erbe zuwandte, rechnet man für 2017 mit einem kleinen Besucherboom. Zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags werde die Stadt die eigene Reformationsgeschichte inszenieren, kündigt Kulturkoordinator Gallé an. Neben den übergroßen Bronzeschuhen ist ein »Bildungs- und Erlebnisparcours« geplant. Und am Schauplatz des Reichstags werden Lautsprecher von Bäumen herab die Passanten mit Gewissensfragen beschallen.

Karsten Packeiser (epd)

Sieben Jahre Theorie – und dann?

14. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Das-volle-Leben.de: Im Internet wirbt die Evangelische Kirche in Deutschland für den (Zitat) »geilsten Job der Welt«, den Pfarrberuf. Theologiestudenten klagen auf der anderen Seite über den fehlenden Praxisbezug ihres Studiums. Das Theologiestudium zwischen Ansprüchen und Wirklichkeit – die Studierenden Julia Braband und Felix Kalbe diskutierten darüber mit der Prodekanin, Professor Miriam Rose, und dem neuen Dekan, Professor Manuel Vogel, der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena; moderiert von Willi Wild.

Gesprächsrunde: »Glaube + Heimat« brachte die Jenaer Studenten (v.l.) Julia Braband und Felix Kalbe mit Dekan Manuel Vogel und Prodekanin Miriam Rose zum Gedankenaustausch an einen Tisch. Fotos: Adrienne Uebbing

Gesprächsrunde: »Glaube + Heimat« brachte die Jenaer Studenten (v.l.) Julia Braband und Felix Kalbe mit Dekan Manuel Vogel und Prodekanin Miriam Rose zum Gedankenaustausch an einen Tisch. Fotos: Adrienne Uebbing

Was war Ihre Motivation, Theologie zu studieren?
Braband:
Ich habe früh angefangen, im Kindergottesdienst mitzumachen. Durch meine ehrenamtliche Tätigkeit in Kirchengemeinde und Kirchenkreis hat sich der Wunsch entwickelt.
Kalbe: Ich kam aus der Schule, war viel mit der evangelischen Jugend unterwegs. Und irgendwann stellte sich die Frage: Was mache ich eigentlich nach dem Abitur? Dann habe ich mich entschieden, Theologie zu studieren. Ich will mein Hobby zum Beruf machen.

Was haben Sie vom Theologiestudium erwartet?
Braband:
Ich wusste, dass es ein rein wissenschaftliches Studium ist mit drei Wochen Gemeindepraktikum. Jetzt merke ich aber, sechs oder sieben Jahre Studium und drei Wochen Gemeindeerfahrung stehen in keinem Verhältnis. Ich verstehe, dass Grundlagen wichtig sind, aber Praxis ist es ebenfalls.
Kalbe: Die Praxisnähe fehlt. Eine Vorbereitung auf Lehramt oder Pfarramt ist das nicht.
Prof. Rose: Ich habe erst mal Verständnis für die Sicht. Aber es ist ein korrekturbedürftiges Bild dessen, was das Studium leisten soll. Es geht gerade nicht darum, dass man das lernt, was man dann den Schülern oder der Gemeinde erzählen kann. Sondern es geht darum, dass man lernt, ganz grundlegend die eigene Praxis zu reflektieren. Es ist mehr eine Ausbildung auf einer Meta­ebene. Um dann alle nur möglichen Praxisvollzüge selbstständig reflektieren zu können. Wir wollen die Studierenden befähigen, sich selbst anzuleiten. Lehramtsstudierende erwarten, dass sie unmittelbar Unterrichtsentwürfe lernen, die sie dann umsetzen können. Und Pfarramtsstudierende erwarten schon gleich im 1. Semester Anleitung zum Predigtmachen. Aber wir setzen auf einer ganz anderen Ebene an.

Haben Sie im Vikariat den Eindruck gehabt, durch das Studium genug auf die Praxis vorbereitet zu sein?
Prof. Vogel:
Ich wusste, was mich erwartet. Ein Klimawechsel und ein Milieuwechsel, den ich gut bewältigt habe. Ich habe es immer als einen Genuss empfunden, wissenschaftlich arbeiten zu können und mich zu bilden. Das Studium an sich ist ein Wert, den man nicht unterschätzen sollte, ohne unmittelbare Erwartungen an die Praxisnähe zu haben. Ich hoffe, Studierenden Lust daran zu vermitteln, sich zu bilden: eine Lust auf Bildung, eine Lust an Bildung. Viele Lehrer und Pfarrer sehnen sich später nach dieser Zeit zurück. Für viele ist dann auch diese erworbene Bildung in materieller Gestalt – in Form von Büchern, die man sich angeschafft hat – ein Rückzugsort. Das ist sehr wertvoll und hält ein ganzes Berufsleben an.

Der unmittelbare Praxisbezug stellt sich, denke ich, im Vikariat sowieso sofort ein. Aber die Kategorien, um darüber abstrakt selbstkritisch nachzudenken, muss man sich im Studium erarbeiten. Das ist eine sehr wichtige Anforderung im Beruf. Der ständige Blick über die eigene Schulter braucht eine ganz gründliche theologische Bildung; die sollte im Studium erworben werden.
Braband: Ich finde es schwierig. Da studiere ich sechs Jahre und bewerbe mich anschließend für ein Vikariat, und dann werde ich vielleicht wegen mangelnder praktischer Eignung abgelehnt. Ich wünsche mir im Studium ab und zu Reflexionsgespräche, nicht nur am Anfang oder nach der Zwischenprüfung. So kann ich feststellen, ob ich auf dem richtigen Weg bin.
Kalbe: Ist es nicht viel effizienter, das theoretische Wissen anzuwenden und auszuprobieren, als zu warten, bis das Studium abgeschlossen ist?
Prof. Vogel: Das sehe ich nicht so. Ich sehe im Studium wirklich eine Auszeit. Es hindert Sie niemand daran, den Praxisbezug in Ihrer Gemeinde zu suchen. Aber die Abfolge ist eine andere: Man eignet sich theoretische Kenntnisse an, und dann kommt irgendwann die Situation, wo man diese einsetzen kann. Die Zeiträume sind aber größer. Wenn Sie das Studium hinter sich haben, ist ein ganzes berufliches Leben Zeit für die Praxis. Es geht darum, eine Vorstellung von 2 000 Jahren Christentums-Geschichte zu haben. Ein Fundament, das auch durch tagesaktuelle Debatten nicht so leicht zu erschüttern ist.
Prof. Rose: Ich denke, was manchmal zu kurz kommt, ist die Einübung, Praxis und theoretische Reflexion miteinander zu verbinden und füreinander fruchtbar zu machen. Als Dozentin könnte ich noch mehr verdeutlichen, aus welchem Praxisproblem theoretische Reflexionen jeweils entspringen. Beispielsweise, was macht überhaupt Gemeinde aus oder was ist Kirche? Und dann kann man die theoretischen Reflexionen anschließen.

Ich würde noch gern auf den Punkt eingehen, dass man im Studium wenig kritische Rückmeldungen bekommt, ob man zum Pfarramt geeignet ist oder nicht. Mir leuchtet ein, dass das ein Problem ist. Ich denke nur, man kann es jetzt nicht über die Dozenten lösen. Ein großer Vorteil des Studiums ist, dass man wirklich ganz frei diskutieren kann. Das ist mir auch sehr wichtig, dass Studierende Freiraum haben, theologische Positionen und Argumente auszuprobieren, die vielleicht mit ihrem bisherigen Denken wenig zu tun haben. Es ist sehr wichtig, dass die Rolle der Dozenten klar getrennt ist von der als spiritueller Begleiter oder Berater.
Braband: Das sehe ich auch so. Es macht in diesem Zusammenhang sicher Sinn, zu Anfang deutlicher darzustellen, was das Studium leisten kann.

Haben Sie den Eindruck, dass sich nicht alle Ihrer Kommilitonen darüber im Klaren waren?
Kalbe:
Das ist relativ unterschiedlich und bunt gemischt. Es gibt Leute, die kommen direkt aus dem Gemeindeleben zum Theologiestudium. Und dann gibt es auch wieder die Gegenbeispiele; die Leute finden dann erst während des Studiums überhaupt zur Taufe und beschäftigen sich mit ihrem Glauben. Und es gibt Leute, die haben mit Kirche und Glauben nicht viel am Hut.
Braband: Manche studieren nur aus rein wissenschaftlichem Interesse. Ich habe schon mal gehört: »Mit dem Beten hab ich es nicht so.« Das finde ich schwierig, vor allem, wenn man auf Pfarramt studiert.
Prof. Vogel: Ich würde ungern das Studium mit sehr starken normativen Vorgaben belasten. Also mir ist gerade wichtig, dass Studierende sich intensiv mit der Bibel auseinandersetzen, mit den Bekenntnisschriften, dass sie sich das aneignen. Aber ich möchte den Freiraum geben, auch etwas auszuprobieren. Die Zeiten sind glücklicherweise vorbei, wo vorgeschrieben wurde, wie man glauben soll und was richtig oder falsch ist.
Prof. Rose: Das ist später im Pfarramt sehr wichtig, zu akzeptieren, dass Gemeindemitglieder auf sehr verschiedener Weise glauben, und behutsam ein Verständnis dafür zu entwickeln.
Außerdem hat die Theologie in den letzten Jahrhunderten eine sehr stürmische Entwicklung durchgemacht. Da gibt es sehr gegensätzliche Positionen, wie: Befreiungstheologie, Feministische Theologie, Ökologische Theologie, Theologie nach Auschwitz. Es sind sehr, sehr gegensätzliche Richtungen. Ich möchte gerne, dass Studierende wirklich auch in der Gegenwart ankommen und sich mit diesen verschiedenen Entwürfen beschäftigt haben.

Die Theorie gibt es im Studium, die Praxis im Predigerseminar oder im Vikariat. Ist das nicht gut aufgeteilt?
Braband:
Ich könnte jetzt ganz plakativ sagen: sieben Jahre Theorie und zweieinhalb Jahre Praxis.
Prof. Rose: … ein Leben lang Praxis.
Prof. Vogel: Möglicherweise greift die Frage nach dem Praxisbezug des Theologiestudiums zu kurz, und es geht vielmehr um die Zeitgenossenschaft von Theologie überhaupt? Also was hat der Satz: »Gott liebt dich so wie du bist« zu tun damit, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken? Das ist meine selbstkritische Anfrage an Universitätstheologie. Damit verbindet sich auch die Frage, ob wir im Grunde die Bildungsbestände, die wir verwalten, als Wissensbestand und Besitz in einem bildungsbürgerlichen Sinne weitergeben. Also, der Pfarrer, die Pfarrerin hat Griechisch, Hebräisch und Latein gelernt. Und das unterscheidet sie von den sogenannten einfachen Gemeindechristen. Ist das vielleicht auch ein möglicher professoraler Habitus? Die Studierenden atmen das dann sozusagen mit jeder Vorlesungsstunde ein. Nach meiner Wahrnehmung ist die Theologie reichlich apolitisch geworden und die Studierenden sind es auch. Als männlicher Dozent bin ich oft in der Position, weiblichen Studierenden die Feministische Theologie schmackhaft machen zu müssen, vom christlich-jüdischen Dialog ganz zu schweigen.

Möglicherweise muss man die Frage nach dem Praxisbezug des theologischen Studiums viel radikaler stellen. Das würde dann implizieren, dass Sie sich als Persönlichkeiten im kritischen Dialog mit den Dozenten stärker einbringen und eine Antwort auf die Relevanzfrage einfordern.

Gemeinsam auf dem Weg

8. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein starkes Zeichen: Erstmals nach 499 Jahren der Trennung eröffnen Lutherischer Weltbund (LWB) und Vatikan gemeinsam das Jubiläumsjahr der Reformation.

Bewahre uns Gott, behüte uns Gott …«, singen die Menschen in der Domkirche der schwedischen Universitätsstadt Lund. Dort, wo 1947 der Lutherische Weltbund gegründet wurde, gibt es am Reformationstag erneut ein kirchenhistorisches Ereignis: 499 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers feiern Papst Franziskus und der Präsident des Lutherischen Weltbunds, Bischof Munib Younan, einen Gottesdienst zur Eröffnung des Reformationsjubiläums. Gemeinsam beten sie, gemeinsam singen sie – und gemeinsam umarmen sie sich zum Friedensgruß.

»Wir Katholiken und Lutheraner haben begonnen, auf dem Weg der Versöhnung voranzugehen«, sagt Papst Franziskus. »Wir dürfen uns nicht mit der Spaltung und der Entfremdung abfinden, die durch die Teilung unter uns hervorgerufen wurden.« Dankbar erkenne man an, »dass die Reformation dazu beigetragen hat, die Heilige Schrift mehr ins Zentrum des Lebens der Kirche zu stellen«, sagt Franziskus. Martin Luther habe mit seiner Frage »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?« die entscheidende Frage des menschlichen Lebens gestellt. »Als Lutheraner und Katholiken beten wir gemeinsam in dieser Kathedrale und sind uns bewusst, dass wir getrennt von Gott nichts vollbringen können.«

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Einige Dutzend Kilometer entfernt, in der Arena von Malmö, hat Pastor Thomas Waack aus Eutin in Schleswig-Holstein Platz genommen. Er verfolgt den Gebetsgottesdienst in Lund zusammen mit mehr als Zehntausend Menschen über eine Großbildleinwand. »Ich hoffe, dass es weitere Signale des Aufeinanderzugehens gibt«, sagt Waack. Ähnlich sagt es die dänische Pfarrerin Helle Rosenquist, die für den Gottesdienst extra aus dem Norden Jütlands nach Lund kam: »Ich hoffe, dass die Kontakte zwischen den beiden Kirchen besser werden.«

Und das wurden sie in Lund tatsächlich. Zumindest, wenn man daran denkt, dass Martin Luther den Papst einst noch als »Antichrist« verurteilte. In Lund dagegen bekannten der Generalsekretär des Lutherischen Weltbunds, Martin Junge, und der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, Kardinal Kurt Koch, die Schuld, die die Kirchen mit solchen Äußerungen ebenso wie mit den Glaubenskriegen der frühen Neuzeit auf sich geladen hatten.

Und in einer gemeinsamen Erklärung verpflichten sich Katholiken und Lutheraner zu intensiverer Zusammenarbeit: »Viele Mitglieder unserer Gemeinden sehnen sich danach, gemeinsam die Eucharistie zu empfangen, als konkretes Zeichen völliger Einheit.« In den Blick genommen werden in dem Text vor allem konfessionsverschiedene Ehepaare: Man spüre den Schmerz derer, die ihr ganzes Leben teilten, aber nicht gemeinsam am Tisch des Herrn sein könnten. »Wir sehnen uns danach, diese Wunde im Leib des Herren zu heilen«, heißt es in der Erklärung. »Das ist das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen, die wir voranbringen wollen, auch durch eine Erneuerung unseres Versprechens zum theologischen Dialog.«

Doch über manche Brücken geht Papst Franziskus auch in Lund nicht. Immer noch ist von den Protestanten nur als »kirchliche Gemeinschaften«, nicht als »Kirchen«, die Rede. »Der Papst hat deutlich vermieden, von Kirchen zu sprechen«, sagt der Landesbischof der Nordkirche, Gerhard Ulrich, Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD).

Insgesamt sei der Gottesdienst aber ein »wichtiges ökumenisches Signal« gewesen. »Mir ist wichtig, dass auch die Gemeinden in Deutschland Gottesdienste nach dem Vorbild von Lund feiern«, sagt Ulrich. »Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, als ob mit dem 1. November 2017 die Arbeit getan sei.« Er gehe davon aus, dass zwischen dem LWB und dem Vatikan nun Gespräche über die »Big Points« von Amtsverständnis, Kirchenverständnis und Eucharistie folgen werden.

Der Vizepräsident des Lutherischen Weltbunds, der Württemberger Landesbischof Frank-Otfried July, nannte die Erklärung von Lund ein »starkes Wegzeichen« zur Einheit. »Vielleicht kommt ja auch in der katholischen Kirche künftig der Gedanke stärker zum Tragen, dass die gemeinsame Eucharistie schon auf dem Weg zur Einheit und nicht erst am Ende des Weges gefeiert werden kann.«

Benjamin Lassiwe

»Ich werde sein, der ich sein werde«

8. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Auf Leserwunsch widmet sich unsere Kirchenzeitung den schönen Namen Gottes, die im Koran vorkommen. Der folgende Beitrag erläutert Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den islamischen und christlichen Namen für Gott.

Im zweiten Buch Mose wird berichtet, wie Gott dem Mose seinen geheimnisvollen Namen nennt. Luther übersetzte die hebräische Formulierung mit »Ich werde sein, der ich sein werde«. Klar, das ist kein unbefangener Vorname wie Paul oder Elvira, sondern der Name Gottes ist eine Beschreibung des Wesens Gottes. Gott bestätigt mit diesem Namen, dass er immer und ewig für uns da ist und sein wird.

In nahezu allen Religionen haben die Götter Namen. Man denke an Vishnu, Zeus, Athene, Wotan, Freya usw. Auch diese Namen verraten etwas über das Wesen des jeweiligen Gottes.
Der Islam kennt 99 Namen Gottes, die auch als die schönen Namen Gottes bezeichnet werden. Fast alle diese Namen finden sich im Koran, lediglich fünfzehn stammen aus weiteren Überlieferungen. Im Koran heißt es: »Gott hat die schönen Namen. Darum rufet ihn an mit ihnen.« (Sure 7,180) Der 100. Name Gottes gilt als unaussprechlich.

Zu den bekanntesten Namen Gottes im Islam gehören »der Herrscher«, »der Allmächtige«, »der Allwissende«, »der Glorreiche«, »der Wohltätige« und »der Lebensspendende«. Viele dieser Namen Gottes sind uns Christen nicht fremd. Aber es fehlt in der islamischen Tradition ein Name Gottes, der für uns von größter Wichtigkeit ist: Im Islam kann Gott nicht Vater genannt werden. Eine solche Anrede steht nach muslimischer Überzeugung im Widerspruch zu Gottes Jenseitigkeit und Transzendenz. Christen jedoch können Gott als »Vater«, als »lieben Vater«, als »unseren Vater« anreden. Jesus hat das selber oft getan – zum Beispiel im Garten Gethsemane. Wir können dies nun auch. Mehr noch: Wir werden sogar von Jesus zu dieser vertrauensvollen Anrede im »Vaterunser« aufgefordert.

Die Rede von Gott als Vater ist in der Heiligen Schrift und in der jüdischen Tradition immer mit Eigenschaften wie Nähe, Fürsorge, Barmherzigkeit und Liebe verbunden. Der Prophet Hosea beschreibt Gott mit Bildern, die einem fürsorglichen Elternteil entsprechen. (Hosea 11) Für Christen ist Gott der, der sich liebend zuwendet. Eben wie ein Vater oder ein väterlicher Freund. So heißt es im zweiten Buch Mose: »Der Herr aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet.« (2. Mose 33.11)

Für Muslime ist Allah in erster Linie der absolute Herrscher, nach dessen Gesetzen sich jedes Geschöpf und jede Gemeinschaft zu richten hat. So zeigen die unterschiedlichen Namen Gottes, dass es sowohl Gemeinsamkeiten zwischen dem christlichen und dem islamischen Gottesbild gibt, aber auch wichtige Unterschiede.

Andreas Fincke

Der protestantische Petersdom

7. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Sonderfall Schlosskirche: Sie ist Reformationsdenkmal, Touristenmagnet und evangelische Selbstvergewisserung, Ausbildungskirche für den ostdeutschen Pfarrernachwuchs und nicht zuletzt auch Gemeindekirche.

Die Kirchengeschichte: Sie wurde »Allen Heiligen« gewidmet, war Kirche des Kurfürsten, des Kaisers, sogar des DDR-Staats. Aktuell gehört sie dem Land Sachsen-Anhalt. 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers geht die Schlosskirche 2017 in das Eigentum der EKD über. Damit endet ein de facto jahrzehntelanger unklarer Rechtszustand.

Jener ist der Geschichte geschuldet: Die Schlosskirche war seit 1507 Kirche der Universität. Als Wittenberg nach den Befreiungskriegen preußisch wurde, verlegte der König die Universität nach Halle und erließ 1816 eine Kabinettsorder, wonach »ein lutherisches Predigerseminarum« anstelle der ehemaligen Universität in Wittenberg einzurichten sei. Sitz wurde das Augusteum; zur Ausbildungskirche wurde die Schlosskirche erkoren.

Kirchliches Leben in staatlichen Gemäuern – so blieb es über die Jahre und durch die Zeitenwenden hindurch. Aktuell trägt das Land Sachsen-Anhalt die Verantwortung, auch wenn das Bundesland juristisch gesehen natürlich nicht der Rechtsnachnachfolger des preußischen Staates ist. Sind die Bauarbeiten am Schlosskirchenensemble Anfang 2017 beendet, übernimmt die EKD die Kirche in ihr Eigentum.

Die Schlosskirche mit dem markanten Turmhelm gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe. Sie war einst Schauplatz des Thesenanschlags und beherbergt bis heute die unversehrten Grabstätten der beiden Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Foto: Harald Krille

Die Schlosskirche mit dem markanten Turmhelm gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe. Sie war einst Schauplatz des Thesenanschlags und beherbergt bis heute die unversehrten Grabstätten der beiden Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Foto: Harald Krille

Die Reformationskirche: »Die rechtlichen und tatsächlichen Verhältnisse werden jetzt neu geordnet«, sagt Thomas Begrich. Der ehemalige Finanzdezernent der Kirchenprovinz Sachsen und der EKD betreut und begleitet heute für die EKD das Bauvorhaben Schlosskirchenensemble. Der Oberkirchenrat findet das Engagement der Evangelischen Kirche Deutschlands richtig und nötig. »Die Schlosskirche ist schließlich nicht irgendeine Kirche, sie ist der Ursprungsort der Reformation, Ort des Thesenanschlags und Grabstätte von Luther und Melanchthon. Wenn die EKD als Gemeinschaft und Dachorganisation die Schlosskirche übernimmt, agiert sie im Interesse all ihrer 20 lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen«, betont Oberkirchenrat Begrich. Da geht es um die inhaltliche Gestaltung, um den Umgang mit bis zu einer halben Million Gästen im Reformationsjahr, um Kontinuität und, ja, auch um Finanzkraft.

»Ich bin der EKD sehr dankbar, dass sie bereit ist, die Schlosskirche ins Eigentum zu übernehmen. Das Land Sachsen-Anhalt hätte ja auch einen anderen Eigentümer wählen können«, sagt Hanna Kasparick. Die promovierte Theologin ist Direktorin des Predigerseminars – die Einrichtung hat das primäre Nutzungsrecht der Schlosskirche. Auch nach dem Eigentümerwechsel. Mit dem Engagement der EKD sei klar, dass die Schlosskirche Kirche ist und bleibt, kein Museum wird. »Die EKD, und damit die Gemeinschaft der Gliedkirchen, übernimmt für diesen Ursprungsort der lutherischen Reformation besondere Verantwortung«, freut sich die Direktorin.

Die Ausbildungskirche: Schon seit 200 Jahren ist die Schlosskirche Ausbildungskirche des Predigerseminars. Während die Vikare über all die Jahre hindurch in dem mächtigen, eindrucksvollen Gotteshaus das Predigen übten, lebten und studierten sie mit ihren Dozenten bis vor wenigen Jahren im Augusteum. Im Zuge des Eigentümerwechsels der nun generalsanierten Kirche wird auch das ehemalige Universitätsgebäude umstrukturiert. Das Predigerseminar bezieht einen neuen Campus an der Kirche, das Augusteum bietet nun der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt mehr Platz und Raum. Aktuell verabschiedet sich das Predigerseminar mit einer Ausstellung von der alten Heimstatt: »Gehrock, T-Shirt und Talar« heißt die Schau über die Geschichte des Seminars, die gemeinsam mit der Stiftung realisiert wurde. Die »Wittenberger Rochade«, wie es Hanna Kasparick nennt, sei ein Gewinn für Predigerseminar, Ausbildung und Schlosskirche. »Wir befinden uns jetzt direkt neben unserer Ausbildungskirche, können sie viel intensiver für die Ausbildung, für Andachten, das Mittagssingen und liturgische Übungen nutzen«, nennt sie Beispiele. Dies sei auch ein Gewinn für die Kirchenbesucher: Sie erleben, dass die Reformation nicht bloß Thesenanschlag und 500 Jahre alte Geschichte ist, sondern »eine Aufgabe, vor der jede neue Generation steht«. Das Predigerseminar sei wie eine »Zukunftswerkstatt des Protestantismus«.

Neben dem Predigerseminar gehören auch das Zentrum für evangelische Predigtkultur, die Evangelische Akademie und die Evangelische Wittenbergstiftung zu den Akteuren in der Schlosskirche. Letzte übernimmt etwa die Schulung der Kirchenführer. Auch mit dem Zentrum des Lutherischen Weltbunds arbeitet man eng zusammen. Als anregend, unterstützend und kreativ bezeichnet Hanna Kasparick das Miteinander. Ein Verwaltungsrat soll alle Belange, Rechte und Pflichten klären. Freunde und Unterstützer aus vielen Ländern und Kirchen haben sich in der Internationalen Schlosskirchengemeinschaft versammelt.

Die Gemeindekirche: Erst spät in ihrer Geschichte wurde die Schlosskirche auch zu einer Art Gemeindekirche: 1949 gründete man die Schlosskirchengemeinde, auch um in der DDR die kirchlichen Belange aufrechtzuerhalten. Aktuell gehören ihr rund 110 Menschen an. Etwa zwei Dutzend leben im unmittelbaren Umfeld. Die meisten werden aufgrund ihres Wohnorts eigentlich der weitaus größeren Stadtkirchengemeinde zugeordnet, treten aber der Schlosskirchengemeinde bewusst bei. Die Schlosskirchengemeinde ist stark personell geprägt. Lehrer, Rentner, Angestellte in sozialen Berufen, Handwerker, aber natürlich auch die Dozenten des Predigerseminars sind Glieder. »Trotz des besonderen Orts, wollen wir eine ganz normale Gemeinde sein«, sagt Kirchenältester Matthias Pohl. Mit allem, was dazugehört. »Ja, das ist unsere Kirche. Wir identifizieren uns mit ihr, auch wenn sie uns nicht gehört«, erzählt der 58-jährige Matthias Pohl vom Selbstverständnis der Gemeinde. Nicht einmal einen Schlüssel für den Kirchenbau haben sie. Die Schlosskirchengemeinde genießt Gastrecht in der Kirche. Und sie gerät auch schnell in eine Gastrolle bei durchschnittlich 100 Gästen und 10, 15 Gemeindegliedern im sonntäglichen Gottesdienst.

Aber die Gemeindeglieder sind selbstbewusst, einsatzfreudig und prägen das gottesdienstliche Leben mit. Sie helfen dem Predigerseminar, bei dem Kanzelrecht und liturgische Ordnung liegen, etwa mit Lektoren- und Begrüßungsdienst das geistliche Innere zu gestalten. Die Beziehungen zum Seminar sind eng und persönlich. Wenn es einen neuen Adventsstern zu beschaffen und Altargeräte auszusuchen gilt, »regeln wir das mit dem Predigerseminar«, sagt Matthias Pohl.

Die Kirche in der Zukunft: Es klafft eine Lücke. Seit dem Tod von Propst Siegfried Kasparick ist die Gemeindepfarrstelle vakant. »Er fehlt überall«, sagt Matthias Pohl. Die Vertretung hat Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel übernommen.

»Traditionell war der Propst von Wittenberg Schlosskirchenpfarrer«, blickt Beuchel in die Geschichte. Aber seit dem Zusammenschluss zum Sprengel Halle-Wittenberg sitzt der Regionalbischof in Halle. Undenkbar, dass Propst Johann Schneider von dort aus eine Gemeinde betreut.

Entschieden, wie es künftig weitergeht, ist noch nichts. Varianten gäbe es einige: sie reichen von der EKD über das Predigerseminar und die Stadtkirchengemeinde bis zur Suptur. Superintendent Beuchel stellt klar: »Die Schlosskirchengemeinde ist Gemeinde des Kirchenkreises. Er hat die Pflicht und das Recht, die Gemeinde zu versorgen.« Wichtig sei vor allem, die Kontinuität geistlichen Lebens in der Schlosskirche zu sichern. »Gibt es eine Gemeinde, gibt es auch Gemeindeglieder. Und sie sind Garant für ein geistliches Leben.«

Einig sind sich alle: Zum Reformationsmuseum darf die Kirche nicht verkommen. Gerade hier muss gelebt werden, was Luther predigte.

Katja Schmidtke

Der Reformator war ein Luder

7. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wer sich mit dem Reformator beschäftigt, weiß: Martin Luther wurde einst als Martin Luder geboren. Mit 35 Jahren änderte er seinen Namen. Warum, das wollte Willi Wild von dem Namenskundler Professor Jürgen Udolph wissen.

Herr Professor Udolph, was gab es für Gründe, zu Luthers Zeiten den Nachnamen zu ändern?
Udolph:
Am meisten hat man den Namen geändert, um etwas schicker zu klingen. Die normale Namensänderung war die, dass man seinen Namen ins Lateinische oder Griechische übertrug. Das konnten natürlich nur die Leute machen, die auch ein bisschen Ahnung hatten davon. Schulmann Neander, nach dem das Neandertal in Düsseldorf benannt ist, hieß Neumann. Er konnte etwas Griechisch: neos – neu, antros – Mann. Oder Melanchthon. Der hieß eigentlich Schwarzert. Aus schwarz und Erde hat er Melanchthon gemacht.

Bei Luther waren es aber offenbar andere Gründe?
Udolph:
Martin Luther wurde als Martin Luder geboren. Luder ist ein Name, der in Thüringen entstanden ist. Er ist eigentlich niederdeutscher Herkunft. Luther änderte seinen Namen in Wittenberg mit 35 Jahren. Das Volk in Wittenberg sprach niederdeutsch. Als Professor an der Universität gehörte er zur Oberschicht und die sprach hochdeutsch.

Warum hat er Luder zu Luther geändert?
Udolph:
Luder klang zu der Zeit absolut negativ. Ich habe ein früh-neuhochdeutsches Wörterbuch. Luder hat darin folgende Bedeutung: Verlockung, betrügerischer Anschlag, Fallstrick, Hinterhalt, liederliche Lebensführung, der Üppigkeit, dem Wohlleben, schwelgen, schlemmen, verfallenes Lotterleben. Im Luder liegen bedeutet: Sich dem Lotterleben, speziell dem Suff, der Trunkenheit ergeben.

In seinem Buch beschäftigt sich Jürgen Udolph mit der Frage, warum der Reformator seinen Namen änderte. Foto: Willi Wild

In seinem Buch beschäftigt sich Jürgen Udolph mit der Frage, warum der Reformator seinen Namen änderte. Foto: Willi Wild

Er schreibt Luder bis Herbst 1517. Und dann kommt der wichtige Brief an seinen kirchlichen Vorgesetzten von Brandenburg, in dem er am 31. Oktober seine 95 Thesen an ihn in einem langen Brief erläutert, und auch mit Luther unterschreibt. Die Theologen glauben, dass das der Auslöser für seinen Namen gewesen ist. Er habe sich theologisch neu orientiert.

Welche Bedeutung hat der Name Luder oder Luther?
Udolph:
Er besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil steckt das Wort Laut drin, im Sinne von bekannt, berühmt. Und im zweiten steckt Haria drin, das ist das Heer, die Kriegerschar. Das ist ein ganz typischer altgermanischer Vorname, aus zwei Teilen gebildet. Er hat zu tun mit Lothar. Das ist auch eine andere Form. Und Luder ist die niederdeutsche Form wegen des »d«.

Das ist wie bei dem fränkischen Fußballer Lothar »Lodda« Matthäus?
Udolph:
Durchaus. Mundartig Lodda, hochdeutsch Lothar. Das entspricht etwa niederdeutsch Dochter – hochdeutsch Tochter.

Warum Luther dann mit »th«?
Udolph:
Das haben wir ja auch in Matthäus oder Thor. Damit sollten die Wörter einen höheren Stellenwert bekommen. Es galt als schicker.

Was hat es nun mit Eleutherius auf sich?
Udolph:
Eleutherius ist eine theologisch begründete Namensänderung. Griechisch: Eleutherios, das heißt frei. In Eleutherius kommt die Freiheit des Christenmenschen zum Ausdruck. Freigeworden von Gottes Zorn.

In welchem Zusammenhang hat er diesen Namen verwendet?
Udolph:
Nur in einem ganz begrenzten Kreis. In Briefen an etwa sechs bis sieben engere Freunde und Bekannte hat er mit diesem Namen unterschrieben. Diesen Namen hat er nie unter ein offizielles Schriftstück gesetzt. Eleutherius spielte demnach nicht die Rolle, die von der Forschung bisher angenommen wurde.

Buchtipp:
Udolph, Jürgen: Martinus Luder – Eleutherius – Martin Luther. Warum änderte Martin Luther seinen Namen? Universitätsverlag Winter, 150 S., ISBN 978-3-8253-6640-7, 26 Euro

Mit Martin Luther in den Staaten

2. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Im öffentlichen Leben spielt das Reformationsjubiläum kaum eine Rolle. Dennoch hat Martin Luther seine Fans und so manchen großen Auftritt jenseits des Atlantiks.

Die »Morgan Library and Museum« (Morgan Bibliothek und Museum) im Herzen von Manhattan gilt in den USA als eine edle Adresse für Künstler und Kunstliebhaber. Seit Anfang Oktober begegnen Besucher dort dem deutschen Reformator Martin Luther oder zumindest seinem Abbild, einem Luther-Porträt des Malers Lucas Cranach. 500 Jahre nach Beginn der Reformation kommt Martin Luther in die USA.

Das Cranach-Porträt sowie Cranachs berühmtes »Christus und Maria«-Gemälde, beheimatet »normalerweise« in der Stiftung Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha, sind Teile von drei Ausstellungen in den USA rund um Martin Luthers Leben und Wirken. Der Reformator ist auch zu Gast im Minneapolis Institute of Art in Minnesota und in der Pitts Theology Library der Chandler School of Theology in Atlanta in Georgia.

Niemals zuvor konnte man in den USA so viele und so kostbare Materialien zu Luther und der Reformation begutachten und bestaunen. Im »Morgan«, einer von dem Bankier John Pierpont Morgan Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffenen Einrichtung, sieht der Besucher Schriftstücke und Handschriften aus Luthers Leben und Wirken, vom Thesenanschlag bis hin zur Bibelübersetzung auf der Wartburg und dem Schaffen in Wittenberg.

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Als »Kronjuwelen« der rund einhundert Exponate gelten unter anderem ein zeitgenössischer Plakatdruck der 95 Thesen, eines der wenigen solchen Druckwerke, die noch existieren. Kurator John McQuillen sagte im Informationsdienst »Religion News Service«, Luther habe sich moderner Vervielfältigungsverfahren bedient. »Es war eine Art ›Tweeten‹ im Stil des 16. Jahrhunderts, diese kurzen Pamphlete, diese kurzen einseitigen Traktate und plakatartigen Holzschnittdrucke«, meint der Kurator.

Bei der Ausstellung in Minnesota (der Staat ist das geografische Zentrum der US-Lutheraner) geht es um den Alltagskontext der Reformation. Zahlreiche archäologische Funde aus Luthers Elternhaus und aus dem Lutherhaus in Wittenberg, darunter ein grün lackiertes Schreibset, das vielleicht gar vom Vielschreiber Luther selber benutzt wurde, sollen damalige Lebensumstände greifbar machen. Und es geht um Martin Luthers Theologie und Frömmigkeit, die bildlich verständlich gemacht werden sollen in dem monumentalen Gothaer Tafelaltar mit seinem biblischen Bilderzyklus.

Schwerpunkt in der Pitts Theological Library der protestantischen Chandler School of Theology ist Lucas Cranachs Gemälde »Gesetz und Gnade« (1536). Das Werk sei »der wichtigste Beitrag der deutschen Reformation zu der bildlichen Kunst«, sagte der Leiter der Bibliothek, M. Patrick Graham. Und es bringe Luthers Rechtfertigungslehre auf den Punkt.

Chandler ist nach eigener Darstellung geprägt von »evangelikaler Frömmigkeit, ökumenischer Offenheit und sozialem Engagement«. Bekannt ist Chandler wegen seiner Theologievorlesungen auch in Gefängnissen. Der deutsche Theologe Jürgen Moltmann hat von 1983 bis 1993 in Chandler gelehrt und wird der Einrichtung einmal sein gesamtes Archiv vermachen.

Ein kleiner Teil von Chandlers Ausstellung befasst sich auch mit Martin Luther King. Es sei in den USA relativ unbekannt, wie viel Einfluss der Bürgerrechtsführer auf den »Freiheitskampf im kommunistischen Ostdeutschland« gehabt habe, steht im Ausstellungskatalog. Besucher sehen dazu Fotos von Kings Aufenthalt in Ostberlin 1964.

Die drei Ausstellungen wurden vom Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, dem Deutschen Historischen Museum Berlin sowie der Stiftung Schloss Friedenstein realisiert. Man wolle die Luther-Ausstellungen nutzen, »um eine möglichst große Zahl von lutherisch geprägten und geschichtlich interessierten Amerikanern für einen Besuch in Thüringen und Sachsen-Anhalt zu begeistern«, sagt Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus Gesellschaft.

In den USA nimmt der 500. Geburtstag weniger gesellschaftlichen Raum ein als in Deutschland. Und so viele Lutheraner gibt es nicht. Die meisten gehören der größten lutherischen Kirche an, der »Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika« (ELCA), die 3,7 Millionen Mitglieder zählt. Daneben gibt es als zweitgrößte lutherische Gemeinschaft die theologisch konservative »Lutherisch Kirche – Missouri-Synode«, zu der 2,3 Millionen Amerikaner gehören. Letztere betreibt auch eine spezielle Internetseite mit vielen Informationen rund um die Reformation sowie Hinweisen auf zahlreiche Veranstaltungen im Jubiläumsjahr.

Und auch die Vermarktung kommt nicht zu kurz: Das Concordia Publishing House bietet in einem Internetshop nicht nur die auch in Deutschland bekannte Playmobil-Figur des Reformators an. Ebenso sind Luther und seine Frau Käthe als Wackelkopfpuppen erhältlich, neben T-Shirts und Frisbee-Scheiben mit Lutherrose und vielem mehr an Nippes rund um 500 Jahre Reformation.

Konrad Ege

http://lutheranreformation.org/
www.cph.org/t-reformation.aspx?

Wenn einer wie Luther wieder da wäre …

2. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Der ehemalige Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit, Heiner Geißler (86), provoziert gern, auch wenn es um den Reformator Martin Luther geht. Mit ihm sprach Claudia Götze.

Herr Geißler, warum haben Sie sich mit Luther beschäftigt?
Geißler:
Obwohl ich katholisch bin? Aber jeder intelligente Katholik ist in seinem Innern auch protestantisch.

Wann sind Sie Luther das erste Mal begegnet?
Geißler:
Als kleiner Junge verbrachte ich die Ferien Ende der 1930er-Jahre in Oberndorf (Neckar). Dort begegnete ich dem Stadtpfarrer, und der sagte immer: Wenn es den Luther nicht gegeben hätte, dann hätten wir nur einen Glauben und eine Kirche. Ich dachte, mit Luther muss was Besonderes sein, von dem geht ein eigener Glaube aus.

Luther hat ein neues Frauenbild geschaffen und das Zölibat abgeschafft. Was hat er damals vergessen oder nicht wissen können?
Geißler:
Damals war eine frauenfeindliche Theologie die herrschende Lehre. Die Frau wurde als Tor des Teufels gesehen, durch die der Mann in Sünde fällt, als »ianua diaboli«, wie Thomas von Aquin sagte. Er hat das Zölibat abgeschafft, das Scheidungsrecht und die Frau im Priesteramt eingeführt. Ich sehe heute Parallelen zu Papst Franziskus. Für die Beendigung der Kirchenspaltung eine große Chance.

Was ist Luthers Erfolgsgeheimnis?
Geißler:
Er hat die Probleme der einfachen Menschen gesehen. Er hat die Buchdruckerkunst in seinen Dienst gestellt und eine einheitliche deutsche Sprache geschaffen.

Hat er alles richtig gemacht?
Geißler:
Natürlich nicht. Er hat in der Theologie ein Defizit hinterlassen. Er hat an die Vorherbestimmung geglaubt, die Pest in Wittenberg hat er als von Gott geschickt erklärt. Sein Gottesbild gibt keine Antwort auf die Frage nach Gerechtigkeit auf Erden. Wie beispielsweise kann es sein, dass Kinder an Krebs sterben müssen? Gibt es Gott nach Auschwitz?

Wenn Luther heute hier wäre, was würde er den Leuten sagen?
Geißler:
Für Luther war Gott der liebende und gütige Gott, der alle Menschen erlöst. Mit dem Ablass hat er ein zentrales Problem angesprochen: die Verbindung von Religion und Geld sowie Glauben und Kapital. Auch das Verhältnis von Frau und Mann hat Luther positiv beantwortet.

Heiner Geißler war Jesuitenschüler, langjähriger CDU-Generalsekretär und ist jetzt ehrenamtlicher Vorsitzender eines Gleitschirmfliegervereins und einer großen ökumenischen Sozialstation. Foto: Claudia Götze

Heiner Geißler war Jesuitenschüler, langjähriger CDU-Generalsekretär und ist jetzt ehrenamtlicher Vorsitzender eines Gleitschirmfliegervereins und einer großen ökumenischen Sozialstation. Foto: Claudia Götze

Die katholische Kirche hinkt der evangelischen Kirche 500 Jahre hinterher, was das Zölibat und die kirchlichen Ämter für Frauen angeht. Und Luther argumentiert folgerichtig, dass das gemeinsame Abendmahl unverzichtbar ist, wenn alle getaufte Christen sind.

Ökumene – wie weit sind die Kirchen mit ihr?
Geißler:
In beiden Kirchen gibt es viele, die nichts von Ökumene halten. Dennoch wird der ökumenische Gedanke bei allen Christen unabhängig von der Konfession immer stärker.

Wie könnte die Kirche wieder mehr Zulauf bekommen?
Geißler:
Jemand kann Christ sein, auch wenn er zweifelt, dass es Gott gibt. Wenn wir am Ende des Lebens sind, hat dieses Leben trotz der Zweifel an Gott einen Sinn gehabt, wenn wir nicht nur Trompete blasen und mit vertikal gerichtetem Blick nach oben beten. Es geht um den horizontalen Blick. Wir haben die Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind.

Luther hatte aber auch dunkle Seiten …?
Geißler:
Beim Bauernkrieg und den Juden gab es schlimme Verirrungen, vor allem mit seiner Schrift gegen die Bauern, in der er die Rache an den Bauern begrüßt hat. Es wäre auch besser gewesen, er wäre gestorben, bevor er die Schrift über die Juden verfasste. Sein Hass entsprang der Enttäuschung darüber, dass die Juden seine Theologie nicht mittragen.

Was müsste anders laufen?
Geißler:
Die Kirche müsste mehr Widerstand leisten gegen die Entwicklungen auf der Erde, die nicht von christlichen Werten hergeleitet, sondern vom Kapital bestimmt werden. Wir brauchen eine globale öko-soziale Marktwirtschaft. Wir müssen Ursachen beseitigen und nicht Zäune und Mauern bauen.

Luther würde sagen, warum wehrt ihr euch nicht gegen den Absolutismus des Kapitals, so wie ich mich damals gegen den Unfehlbarkeitsanspruch der Kurie gewehrt habe. Beseitigt die Spaltung und werdet wieder eine Kirche, die Gründe von damals gelten nicht mehr.

Buchtipp
Geißler, Heiner: Was müsste Luther heute sagen? Ullstein Buchverlage, 285 S., ISBN 978-3-550-08045-6, 20 Euro