Türen auf von Nord bis Süd

31. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit gutem Beispiel voran: Pressefahrt der EKM zu offenen Kirchen

Nord: 2017 will die EKM eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehört auch das Herzensprojekt der Landesbischöfin: »Offene Kirchen«.

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen  in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle  Gemeinden,  die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen  der EKM-Initiative »Offene Kirchen«  so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle Gemeinden, die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen der EKM-Initiative »Offene Kirchen« so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Nein, hier ist noch nie etwas passiert. Kein Diebstahl, kein Vandalismus«, sagt Irene Heinecke. Nur einmal, erinnert sich die Pfarrerin, haben zwei Jungen Scheiben der Kirche von Flechtingen im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt eingeworfen. Von außen. Damit, dass die Türen des Gotteshauses seit mehreren Jahren tagsüber unverschlossen sind, hatte dieser Ausdruck von Frust und Liebeskummer wahrlich nichts zu tun. Das Altarbild vom Jüngsten Gericht, die seltene Moses-Kanzel aus Stuck oder der Tetzel-Kasten – all dies sind Schätze, Hunderte Jahre alt, mit Geld nicht zu bezahlen, aber der größte Schatz der Kirche ist wohl ihre offene Tür. »Die Möglichkeit, außerhalb der Gottesdienst- und Andachtzeiten hierherzu­kommen, einen Raum zu finden für das Gebet, die Stille, auch zum Weinen, ohne Aufsicht, das ist so wichtig und wertvoll«, sagt Pfarrerin Heinecke, sie lacht, ihre Augen strahlen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann steht neben ihr und nickt. Die Bischöfin spazierte im vergangenen Jahr während eines Reha-Aufenthalts regelmäßig zur Kirche. »Das war eine besondere geistliche Erfahrung«, erinnert sie sich.

Flechtingen, Wegenstedt, Etingen

Es sind aber nicht persönliche Empfindungen, die die Initiative der »Offenen Kirchen« für die Landesbischöfin zur Herzensangelegenheit machen. Das wohl ehrgeizigste Projekt der EKM zum Reformationsjubiläum stellt für die Theologin auch eine Umkehr dar, es ist ein Bußruf: »Verschlossene Türen bedeuten, wir sind uns selbst genug. Aber wir wollen doch für alle da sein, für alle offen sein.«

Eine Order von oben kann die Initiative nicht sein. Das wird besonders im Pfarrbereich von Irene Heinecke deutlich. Während die Flechtinger Kirche bereits seit mehr als 25 Jahren täglich von mittags bis abends geöffnet ist, hat sich der Gemeindekirchenrat des benachbarten Wegenstedts erst in diesem Frühjahr dazu entschlossen. »Wir fanden den Vorschlag der Landeskirche gut. Jeder hat das Bedürfnis nach Stille, und das nicht nur sonntags«, sagt Kirchenälteste Rosemarie Pötsch. Angst vor Vandalismus hat sie nicht. »Falls etwas passiert, steht die EKM hinter uns.«

Die Versicherung gegen Diebstahl und Vandalismus speziell für »Offene Kirchen« wird ab Januar 2017 angeboten, sie kostet 65 Euro pro Jahr und Kirchengebäude. Der Beitrag wird von der Landeskirche subventioniert, dafür sind laut Haushaltsplanung 300 000 Euro eingestellt.

In Etingen, das auch zu Irene Heineckes Pfarrbereich gehört, konnte dieses Angebot von EKM und Ecclesia-Versicherung nicht überzeugen. »Es gingen im Fall der Fälle auch ideelle Werte verloren«, meint Friedrich Widdicke vom Gemeindekirchenrat. Die Kirche zu Etingen wurde 1893 nach achtzehn Monaten Bauzeit errichtet, sie ist innen wie außen aus einem Guss, funkelnde Kron- und Altarleuchter, detailreiche Wandbemalungen –das alles habe man geerbt von den Vorfahren und wolle es in gutem Zustand weitergeben. Die Kirche für jedermann zugänglich zu machen, könne der Gemeindekirchenrat nicht verantworten. Pfarrerin Heinecke kann das nicht nachvollziehen: »Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.«

Katja Schmidtke

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.


Süd: Porta patet, cor magis – das Tor steht offen, das Herz noch mehr. Diese alte Zisterzienser-Regel könnte Wahlspruch der Initiative »Offene Kirchen« sein und ist es vielmehr seit 30 Jahren für Pfarrer i. R. Rainer Schmidt aus Mühlberg im Kirchenkreis Gotha. 1986 öffnete er mit Beschluss des Gemeindekirchenrates die St. Lukaskirche. Und das mit Erfolg. Viele Reisende, Familien, Ausflügler und Radler machten seither in der Barockkirche Station. »Kirchen sollten so geöffnet sein«, erklärt Pfarrer Schmidt, »dass die Leute hineingehen und aus dem Getriebe der Welt herauskommen können.« Er wolle diesen heiligen Ort, der auch ein künstlerisches Gesamtwerk sei, niemandem vorenthalten.

Natürlich gäbe es in der Gemeinde bis heute unterschiedliche Meinungen über die Öffnung von 8 bis 18 Uhr. Einige tragen sich immer noch mit Sicherheitsbedenken. Dafür hat Schmidt Verständnis, die bisherige Praxis habe jedoch gezeigt, dass die Menschen durch eine Öffnung des Gotteshauses mehr gewinnen als verlieren. Nur einmal sei in den vergangenen 30 Jahren etwas gestohlen worden.

Mühlberg, Kapellendorf, Weimar

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte hofft Bischöfin Ilse Junkermann, dass noch viele weitere Gemeinden die von ihr bei der Herbstsynode im vergangenen Jahr angestoßene Frage der offenen Kirchen intensiv durchdenken und besprechen. Denn wenn die Kirche geöffnet wird, soll, wie in Mühlberg, die Gemeinde dahinterstehen. Von oben will und kann die Kirchenleitung dies nicht verordnen. »Die Initiative ist aber die Chance«, so Bischöfin Junkermann, »das Kirchengebäude als Ort der Predigt neu zu entdecken.«

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

Eine Entdeckung der besonderen Art ist ebenso die Dorfkirche von Kapellendorf im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Als ältestes Gebäude des Ortes – erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 800 – spielt die Kirche auch bei den Führungen in der Wasserburg Kapellendorf immer eine bedeutende Rolle. »Ich freue mich sehr, dass ich bei jeder Führung darauf hinweisen kann, dass die Kirche für jeden offen steht – unabhängig von den Öffnungszeiten der Burg«, sagt Marie Petermann, Kuratorin der Wasserburg.

Bereits seit den 1980er-Jahren schließen Vertreter der kleinen Gemeinde jeden Tag ihre Kirche für Besucher auf. Und von den 19 000 Besuchern der Wasserburg im Jahr kommen die meisten auch in der Kirche vorbei. Wie dieses Angebot geschätzt wird, davon zeugen die Eintragungen im Gästebuch. Aber es gibt auch stille Zeichen davon, wie sehr die Kirche Anlauf- und Ankerpunkt der Menschen geworden ist. »Immer wenn ich die Kirche betrete, brennen am Kerzenständer Lichter. Das zeigt mir, die offene Kirche wird angenommen und regelmäßig genutzt«, so Vikar Conrad Neubert.

Während unverschlossene Häuser und Höfe schon der Vergangenheit angehören, setzt die EKM mit der Initiative »Offene Kirchen« ein Zeichen gegen diesen Trend. Denn eine unverschlossene Kirche nehmen die Menschen als sehr positiv wahr, berichtet Hardy Rylke, Pfarrer der Jakobskirche in Weimar. Auch deren Pforten sind bereits seit vielen Jahren geöffnet. »Ich möchte den Menschen die Gelegenheit geben, das kennenzulernen, was mir zum Leben hilft und was vielleicht auch etwas für sie sein könnte«, so Rylke. Eine geöffnete Kirche zeige den Menschen, ja, ich habe wirklich Interesse an dir. Eine abgeschlossene Kirche dagegen bezeichnet Rylke als Katastrophe, denn jeder Mensch, der die Klinke herunterdrücke, verbinde mit seinem Besuch ein besonderes Bedürfnis. »Wenn wir als Kirche für alle offen sein wollen, dann muss das doch auch für die Gebäude gelten«, so Rylke.

Die Beispiele zeigen, dass das Projekt »Offene Kirchen« ehrgeizig, aber realisierbar ist. Laut Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der EKM, strebt die Evangelische Kirche hier einen Paradigmenwechsel an. »Heute sind die meisten Kirchen auf dem Gebiet der Landeskirche noch verschlossen. 2018 soll dies umgekehrt sein.« Und zwar auch noch lange über das Reformationsjubiläum hinaus. Propst Diethard Kamm betont: »Die Initiative ›Offene Kirchen‹ ist keine Schaufensteraktion. Wir öffnen unsere Gotteshäuser, und offen sollen sie bleiben.«

Diana Steinbauer

Menschen, von denen niemand weiß

25. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wolgadeutsche – die meisten denken dabei an Lutheraner. Doch ein Drittel waren Katho­liken. Nur noch wenige leben heute in der Wolgaregion, aber sie betreiben eine intensive Seelsorge und Sozialarbeit.

Den Bettlern von Astrachan gehört nur der äußerste Rand des Fußwegs. Still ergeben hocken sie dort. Passanten lassen im Vorübergehen Kleingeld in ihre Hände oder Becher fallen. Mirella Zanon hält sich länger bei ihnen auf, spricht ein paar Worte, reicht ihnen belegte Brote und Tee. Sie kennt ihre Namen und Geschichten.

Jeden Dienstag und Donnerstag fährt sie mit dem Auto durch die 520 000-Einwohner-Stadt an der unteren Wolga. Kommt sie vor der orthodoxen Kirche der Gottesmutter von Kasan an, begrüßen sie dort schon freudig ein halbes Dutzend Obdachlose, Trinker oder alte Mütterchen, deren Rente fürs Essen nicht reicht.

Ein Glas Tee, belegte Brote – und ein gutes Wort: Mirella Zanon (Mitte) besucht zweimal in der Woche die Außenseiter der Gesellschaft auf den Straßen der Großstadt Astrachan im Wolgadelta. Foto: Annemarie Müller

Ein Glas Tee, belegte Brote – und ein gutes Wort: Mirella Zanon (Mitte) besucht zweimal in der Woche die Außenseiter der Gesellschaft auf den Straßen der Großstadt Astrachan im Wolgadelta. Foto: Annemarie Müller

Allzu lang darf Mirella sich nicht aufhalten. Die orthodoxen Priester sehen das nicht gern. Gelegentlich, erzählt die 35-jährige Italienerin, beschimpfen sie sie, versuchen sie zu vertreiben. »Ich weiß nicht, wie lange ich das noch werde machen können. Jeden Tag kann die Polizei auftauchen und mir das verbieten.«

Diakonische Sozialarbeit von Christen ist in Russland die Ausnahme. Mirella ist Katholikin, gehört einer nach dem Konzilspapst Johannes XXIII. benannten, weltweit tätigen Assoziation an. Seit neun Jahren lebt sie am Rand eines Stadtteils fernab der Altstadt, in einem grünen Holzhäuschen – zusammen mit den sieben Menschen, die sie täglich betreut: darunter Kinder, deren Mutter auf Alkohol-Entziehungskur ist, eine psychisch kranke Frau und Jewgeni, ein alter Mann, der im Rollstuhl sitzt. Ärzte haben ihm Ohren, Finger und Zehen amputiert, die ihm in einer Winternacht auf der Straße erfroren waren.

Geistliches Zentrum von Aktiven wie Mirella ist die im 18. Jahrhundert errichtete katholische Kirche »Mariä Himmelfahrt«, eine der drei ältesten in Russland. Von Astrachans Bevölkerung sind über 60 Prozent Russen, zweitgrößte Gruppe sind die Kasachen. Außerdem leben hier Tataren, Armenier, Kalmücken, Menschen aus den Kaukasusrepubliken – mehr als hundert Ethnien. Ohne nennenswerte Konflikte.

Franziskanerpriester aus Weißrussland und Polen leiten die katholische Gemeinde. Unter den knapp 50 Besuchern der Messe sind auch junge Frauen und Männer aus afrikanischen Ländern, die in Astrachan studieren.

Ins Erdgeschoss des Gemeindehauses kommen an jedem Wochentag bis zu 20 Schulkinder aus sozialen Pro­blemfamilien. Die Mitarbeiterinnen von »Antoschka«, dem Kinderzentrum der Caritas, helfen ihnen bei Hausaufgaben, basteln mit ihnen, unternehmen Ausflüge, begleiten sie beim Einkauf und kochen gemeinsam.

In Marx, einer 30 000-Einwohner-Kleinstadt, fast 900 Kilometer die Wolga aufwärts, befindet sich auf dem Gelände der katholischen Christus-König-Gemeinde ein ähnliches Kinderzentrum. Seit gut anderthalb Jahren leitet Bosco Marschner die Pfarrei. Zuvor war der 49-Jährige aus Bautzen Pfarrer in Zittau. Er spricht fließend russisch, auch in der Messe. Am Wochenende fährt er dazu mit dem Auto in drei Außengemeinden. Die in der Gebiets–hauptstadt Pensa liegt 300 Kilometer entfernt.

Im Kinderzentrum von Marx werden ebenso wie in Astrachan benachteiligte Kinder betreut. Foto: Annemarie Müller

Im Kinderzentrum von Marx werden ebenso wie in Astrachan benachteiligte Kinder betreut. Foto: Annemarie Müller

Riesige Entfernungen zu überwinden, gehört auch für Clemens Pickel zum Alltag. Seit 26 Jahren lebt der geborene Sachse von der Mulde, Jahrgang 1961, als katholischer Priester in Russland. Heute ist er Bischof in Saratow, dem einstigen Zentrum der Wolgadeutschen, von denen ein Drittel katholisch waren. Sein Bistum St. Clemens umfasst 47 Pfarreien mit 26 Kirchen – auf einem Gebiet viermal so groß wie die Bundesrepublik.

Die allermeisten Russlanddeutschen sind in die Bundesrepublik übersiedelt. In Saratow gibt es etwa hundert Katholiken, in Marx rund sechzig. Ihr Bevölkerungsanteil liege bei 0,08 Prozent. »Die Gemeinden sind klein«, sagt Bischof Pickel. »Wie eine Familie versammelt um den Priester.« Die Priester und Ordensschwestern stammen aus 21 Ländern.

Seit Mitte der Neunzigerjahre wird in den Gottesdiensten ausschließlich russisch gesprochen. »Die meisten Ehepartner unserer Mitglieder sind orthodox – eine Art Basis-Ökumene.« Wer Russe ist, aber nicht orthodox, werde von manchen als Abtrünniger betrachtet, berichten Gemeindemitglieder. »Ihr seid katholisch – wir sind Christen«, bekommen sie oft zu hören. Der Dialog mit den Orthodoxen in Saratow und Marx sei zwar nicht sonderlich ausgeprägt, sagt Clemens Pickel. »Aber besser als früher.«

Gut für die russischen Katholiken seien Besuche von außerhalb. Solche, wie kürzlich der einer 14-köpfigen Gruppe aus der Katholischen Studentengemeinde in Dresden, meint der Bischof. In Gesprächen hätten vor allem die jungen Leute hier verstanden, dass man in Deutschland den Russen nicht so schlecht gesonnen sei, wie sie oft glaubten. »Russland ist eine große Provinz, wo Menschen leben, die am meisten darunter leiden, dass niemand von ihnen weiß«, so der Bischof.

Tomas Gärtner

»Alles in uns schweige …«

25. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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»Kirche des pastoralen Dauergeredes« nennen Kritiker inzwischen die einstige Kirche des Wortes. Ein Plädoyer für die Stille im Gottesdienst.

Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge«, so dichtete Gerhard Tersteegen, und so wird es nicht selten zum Beginn evangelischer Gottesdienste gesungen (EG 165,1). 1925 legte der evangelische Theologe Rudolf Otto (1869–1937) sein Buch mit dem Titel »Zur Erneuerung und Ausgestaltung des Gottesdienstes« vor – eine praktisch orientierte Programmschrift zur Zukunft des evangelischen Gottesdienstes. Einer der Vorschläge Ottos war es, den Höhepunkt des Gottesdienstes in einer minutenlangen, gemeinsamen Phase des Schweigens zu sehen.
Er nannte dies »schweigenden Dienst« – auf Latein: sacramentum silentii – und schlug vor, dass die Gemeinde dazu knien sollte und dass drei Töne einer Gebetsglocke das Schweigen beenden sollen. Im Anschluss solle die Gemeinde gemeinsam das Vaterunser beten.

Der Schweigende Dienst Rudolf Ottos hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, aber auch viel Spott geerntet. Wort-Theologen wie Karl Barth verhöhnten die Idee Ottos, den evangelischen Gottesdienst ausgerechnet im Schweigen kulminieren zu lassen.

Bild: Im »Raum der Stille« beim diesjährigen Jugendfestival »Christival« im Mai in Karlsruhe. Foto: epd-bild

Bild: Im »Raum der Stille« beim diesjährigen Jugendfestival »Christival« im Mai in Karlsruhe. Foto: epd-bild

Hätten Karl Barth und andere die Ergebnisse der neueren empirischen Untersuchungen zum Gottesdienst gekannt, so wären sie in ihrer Kritik vielleicht etwas vorsichtiger gewesen. Die Stille kann als einer der Überraschungssieger dieser Untersuchungen bezeichnet werden. Sie wird von vielen quer durch alle Altersgruppen und Milieus sehr geschätzt – ein Umstand, der ausgerechnet in einer Kirche, die sich gerne »Kirche des Wortes« nennt, nicht einer gewissen Ironie entbehrt.

In der Stille können Menschen sich bergen

Vielleicht haben Kritiker ja doch recht, die schon seit Jahren meinen, die Kirche des Wortes sei zu einer Kirche des »pastoralen Dauergeredes« verkommen. Gottesdienste würden, so etwa Fulbert Steffensky, zerredet und in einen einzigen großen Kommunikationsfluss des plaudernd-moderierenden, angeregt-unterhaltenden Liturgen verwandelt. Sie würden so zu funktionalisierten und pädagogisierten Veranstaltungen, die den Einzelnen kaum mehr Raum lassen.

Darum aber geht es in der Stille wohl vor allem: Sie ist ein Raum, in dem sich unterschiedliche Menschen mit dem, was sie bewegt, einfinden und bergen können. Stille wird daher vor allem im Kontext der Gebete geschätzt.

Lena, eine 20-jährige Schülerin, sagt: »Manchmal wird’s bei uns auch gemacht, dass in der Fürbitte so ’n Moment Stille ist, dass man sozusagen selber noch was anhängen kann. Und das find ich eigentlich ganz schön. Weil, die meisten haben, denk’ ich mal, wenn sie da sitzen, auch wirklich irgendwas, wofür sie vielleicht selber auch bitten wollen. Und dann kommt aber wieder ’n gemeinsamer Schluss. Das find ich sehr schön eigentlich.«

Umgekehrt leiden Gottesdienstfeiernde darunter, dass Stillephasen oft so kurz ausfallen. Gefühlte drei Sekunden Stille genügen nicht, so sagt ein Befragter, um sich zu sammeln und das Eigene vorzubringen.

Für alle Liturginnen und Liturgen tut sich hier ein nicht ganz leicht zu lösendes Spannungsfeld auf: Was den einen zu lang wird, ist den anderen zu kurz. Wo manche schon wieder einen sich steigernden Chor der Huster bilden, bräuchten die anderen noch einige Momente der Ruhe.

Aber nicht nur, weil Stille den Einzelnen Raum bietet, gilt es meines Erachtens für Stille im evangelischen Gottesdienst zu plädieren, sondern auch, weil Stille unser Reden unterbricht und uns öffnen kann für das Reden Gottes, um das es im evangelischen Gottesdienst entscheidend geht.

Martin Luther meinte ja bekanntlich, nichts anderes solle im Gottesdienst geschehen, als dass »Gott selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm durch Gebet und Lobgesang«. Das erste Wort hat Gott – und sollte nicht beständig übertönt werden durch das, was wir zu sagen haben.

Gott begegnet dem Propheten in der Stille

In diese Richtung interpretiere ich auch die biblische Erzählung vom Propheten Elia auf dem Gottesberg (1. Könige 19). Gott begegnet ihm nicht im Wind, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer. Irgendwann hört Elia nur noch ein »stilles sanftes Sausen«, eine »Stimme verschwebenden Schweigens« (Vers 12) – fast nichts mehr. Gott selbst ist nicht einfach in der Stille, aber die Stille wird zur Voraussetzung, so deute ich die Erzählung, dass der beschäftigte und (über)eifrige Prophet Gottes Wort neu hören kann.

Ob dem gemeinsamen Gebet und einem Gottesdienst in der Erwartung des göttlichen Wortes gedient wäre, wenn es noch viel mehr Stille gäbe?

»… lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen« (EG 165,6).

Alexander Deeg

Alexander Deeg ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

Reformation in der Blechbüchse

24. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformation rundum: Kurz vor Beginn des Jubiläumsjahres macht die Lutherstadt Wittenberg ihrem Namen alle Ehre. Am Sonnabend eröffnet das Panorama »Luther 1517« von Yadegar Asisi.

Wie war das damals? Martin Luther, der ob des kirchlichen Ablasshandels wütende Mönch und Bibelgelehrte, zieht einen Tag vor Allerheiligen mit Hammer und Nägeln los, um an der Wittenberger Schlosskirche sein Thesenpapier anzuschlagen.

Wissenschaftler und Theologen streiten, ob es diesen Thesenanschlag wirklich gegeben hat. Neue Forschungen deuten darauf hin, dass das Papier angeklebt wurde, berichtet Jörg Bielig, Kurator des Schlosskirchen-Ensembles. Und auch Mirko Gutjahr von der Stiftung Luthergedenkstäten raunt geheimnisvoll, dass sich an diesem 31. Oktober 1517 wirklich etwas zugetragen hat, vertröstet dann doch auf einen Pressetermin im Frühjahr. Es gibt in Bezug auf den Ausgangspunkt der Reformation – oft erzählt, verfilmt, zur Legende stilisiert – weiße Flecken. Und die nutzt die Kunst, um mit Farbe zu malen. Einer, der dieses Handwerk auf besondere Weise beherrscht, ist Yadegar Asisi.

Der in Wien geborene, in Sachsen aufgewachsene und seit 1979 in West-Berlin lebende Asisi hat Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin studiert und kam mit der Kunstform des Panoramas erstmals 1983 in Kontakt, als er für die Bundeskunsthalle in Bonn arbeitete. Vor 13 Jahren machte er in Leipzig Furore, als er ein denkmalgeschütztes ehemaliges Gasometer in ein »Panometer« verwandelte: ein 360-Grad-Kunstwerk, das in seiner Art mit dem Tübke-Rundbild aus Bad Frankenhausen nur noch wenig gemein hat.

Rundherum: 15 mal 75 Meter misst das imposante Panorama »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung«, das Yadegar Asisi für die Lutherstadt in der eigens gebauten Rotunde, die von Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt wird, geschaffen hat. Ausschnitt aus Panorama LUTHER 1517 von Yadegar Asisi mit Besuchern, Visualisierung © asisi

Rundherum: 15 mal 75 Meter misst das imposante Panorama »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung«, das Yadegar Asisi für die Lutherstadt in der eigens gebauten Rotunde, die von Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt wird, geschaffen hat. Foto: Ausschnitt aus Panorama LUTHER 1517 von Yadegar Asisi mit Besuchern, Visualisierung © asisi

Immer wieder bringt Asisi Menschheitsgeschichte auf die Leinwand. Historische Darstellungen, etwa von der Völkerschlacht bei Leipzig, der Teilung Berlins durch die Mauer oder dem zerstörten Dresden, sind sein Repertoire. Nun zeigt er in Wittenberg ein Reformationspanorama: »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung« heißt das rund 15 mal 75 Meter große Werk. Dabei geht es in der eigens geschaffenen Rotunde, von den Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt, nicht ausschließlich um den Thesenanschlag. Vielmehr zeigt »Luther 1517« die dreißig Jahre währende Epoche um das Ereignis herum.
Das kurfürstliche Schloss ist in voller Pracht zu sehen, der Kurfürst reitet mit seinem Gefolge zur Jagd. An der Amtsmühle leisten die Wittenberger derweil ihre Abgaben in Naturalien. Und im Schatten der Schlosskirche – ausgerechnet! – floriert der Ablasshandel. Vor der Schlosskirche steht Martin Luther und streitet mit Gelehrten und Bürgern; in der Tür Priester, sich ratlos fragend, was hier gerade passiert.

Dann hebt sich der Schatten, das Licht bricht durch: Und im Lichte sieht der Betrachter Buchdruck, die Bibel lesende Menschen, die Gründung von Mädchenschulen, die Familie Luther einträchtig beim Apfelbaumpflanzen und Unterrichten, Melanchthon und andere Wissenschaftler beim Erforschen der Welt. Das ist sie – die Selbstbestimmung –, die den Atheisten Asisi an Luther und der von ihm angestoßenen Reformation fasziniert. In einem Interview sagte er: »Luther sagt, wenn ihr das Wort Gottes erkennen und spüren wollt, müsst ihr es lesen. Es gibt niemanden, der euch das erklären kann.« Diese Erkenntnis und die Tatsache, dass etwas Banales wie das Anschlagen eines Papieres an eine Tür, etwas Großes auslösen kann, sei allgemeingültig und komme auch heute immer wieder vor in der Welt.

Doch Asisis Panorama beschwört keine schöne neue Welt durch die rosarote Brille; da ziehen Kriege am Horizont auf, da lodern die Scheiterhaufen. Imposant und bildgewaltig wie gewohnt inszeniert der Künstler die Reformations-Ära, mit einem changierenden Tag-Nacht-Rhythmus und erstmals einem Blick hinter die Häuserfassaden. Besucher können die 15 Meter hohen Stoffbahnen aus drei Ebenen betrachten, ein Podest in der Mitte der Rotunde gewährt Ein- und Überblicke aus drei und sechs Metern Höhe. Ein dreijähriges Kind soll hier ebenso entdecken und staunen wie ein studierter Theologe, verspricht Asisis Pressesprecher Karsten Grebe.

Reformation auf 360 Grad, Reformation rundum. Die Erwartungen sind groß: Asisis Pergamon-Panorama in Berlin wurde innerhalb eines Jahres von einer Million Menschen besucht.

Katja Schmidtke

www.wittenberg360.de

Kirchenland ist teuer, aber die Kirche ist kein Preistreiber

24. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Thüringer Bauernverband warf der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) vor, die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen in die Höhe zu treiben. Willi Wild sprach darüber mit dem Landwirt Mortimer von Rümker.

Foto: privat

Foto: privat

Treibt die Kirche die Preise in die Höhe?
von Rümker:
Ich habe etwa 100 Hektar von der Kirche gepachtet. Das sind ungefähr 15 Prozent meiner Betriebsfläche. Die Kirche als Spekulant zu bezeichnen, wie das in der Tageszeitung geschah, halte ich für falsch. Die Kirche kauft keinen einzigen Hektar, sondern sie besitzt relativ viel und versucht, diesen Besitz zu wahren. Sie tritt aber nicht als Käufer und demzufolge nicht als Spekulant auf.

Es stimmt aber, dass die Kirchenpachten zu den teuersten zählen, die ich im Betrieb bezahle. Die Bezeichnung »Preistreiber« ist in diesem Zusammenhang nicht passend, aber die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) steht bei den Pachtpreisen im Moment ziemlich an der Spitze.

Warum ist das Kirchenland so teuer?
von Rümker:
Bis vor ein paar Jahren waren die Pachtpreise bei der Kirche noch relativ niedrig. Das war für die EKM nicht rentabel. Mittlerweile sind die Pachterlöse eine sehr wichtige Einnahmequelle der EKM. Sie ist eine der größten Landbesitzer in Deutschland. Die EKM ist aber gut beraten, den Bogen bei den Pachtpreisen nicht zu überspannen.

Die Preise werden von den Bietern, also von Ihnen, den Landwirten, gemacht, argumentiert die EKM. Haben Sie da genügend Spielraum nach oben?
von Rümker:
Es gibt einen Mindestpreis, der ist mit 4,60 Euro pro Bodenpunkt für die Qualität des Pachtlandes festgeschrieben. Theoretisch sind bis zu 100 Bodenpunkte pro Hektar möglich. Im Raum Gotha ist der Hektar Land mit 60 Bodenpunkten bewertet. Das wären 276 Euro pro Hektar und, wie ich finde, eine verträgliche Pacht. Unser zuständiges Kreiskirchenamt hat aber bei den letzten Ausschreibungen über sieben Euro pro Bodenpunkt als Mindestpacht angesetzt. Nach den bisherigen Pachtvergabekriterien muss man noch mal 30 Prozent mehr bieten, um bei dem Kriterium Pachtpreis die Höchstpunktzahl zu bekommen. 550 Euro pro Hektar, das ist eine sehr hohe Pacht.

Ackerland ist begehrt und knapp. Da ist es normal, dass Käufer oder Pächter, in dem Fall die Landwirte als Bieter, den Preis in die Höhe treiben. Die Frage ist aber, von welchem Niveau man ausgeht. Der Mindestpreis im Kirchenkreis Gotha ist da schon sehr hoch.

Bei der Pachtvergabe spielen doch auch andere Kriterien eine Rolle. Aber scheinbar geht es nur noch um den Preis?
von Rümker:
Zunächst bemüht man sich als Bieter, in allen Bereichen eine hohe Punktzahl zu bekommen: Kirchenzugehörigkeit, Ortsansässigkeit oder bei der Bewirtschaftungsweise. Aber das Zünglein an der Waage ist eben häufig der Pachtpreis. Da sind mitunter wenige Vergabepunkte entscheidend.

Der Bauernverband kämpft natürlich für seinen Berufsstand und versucht, den Preis zu drücken. Welchen Ruf hat denn die Kirche als Verpächter unter den Landwirten?
von Rümker:
Einige Kollegen waren schon ziemlich sauer, weil die Pachtpreise in vielen Fällen um 100 Prozent und mehr gestiegen sind. Die andere Seite ist, dass die Bauern das Land günstig pachten wollen. In der Vergangenheit war das auch so. Andererseits ist die EKM sogar dafür ausgezeichnet worden, dass sie nicht nur nach dem Höchstgebot ihr Land verpachtet, sondern auch andere Kriterien anlegt.

Es steht im Übrigen jedem frei, sich auf Kirchenland zu bewerben. Wer bisher Kirchenland gepachtet hatte, wird versuchen, dieses Land wieder zu bekommen. Aber ich kenne keinen Fall, wo das existenzgefährdend gewesen wäre, wenn ein Betrieb das Kirchenland nicht wieder pachten konnte.

Der Bauernverband warf der EKM vor, mit der Vergabepraxis vor allem Großbetrieben und Investoren in die Hände zu spielen?
von Rümker:
Das halte ich für ziemlichen Unsinn. Zum einen spielt die Betriebsgröße bei der Pachtvergabe gar keine Rolle. Der 30-Hektar-Betrieb hat genau die gleichen Chancen wie das 3 000-Hektar-Agrarunternehmen. Investoren haben schon allein wegen der vorgegebenen Ortsansässigkeit in der Regel schlechtere Chancen.

Gibt es vergleichbare Verpächter und warum sind die scheinbar günstiger?
von Rümker:
Bisher gab es die Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG), die lag bei den Preisen noch höher als die EKM. Die BVVG wickelt sich aber allmählich ab, indem sie das Pachtland verkauft. Weitere große Landbesitzer gibt es in Thüringen und Sachsen-Anhalt meines Wissens nicht. Ich möchte aber nochmal betonen, dass es die unternehmerische Entscheidung eines jeden Landwirts ist, sich um Pachtland zu bewerben. Keiner wird gezwungen, Land zu einem Preis zu pachten, den er nicht erwirtschaften kann. Es ist bitter, wenn man Land verliert. Mir ist es vor zehn Jahren auch so gegangen. Da habe ich ein Viertel der Betriebsfläche verloren. Als Unternehmer bin ich gefordert umzustrukturieren, beispielsweise Maschinen zu verkaufen.

Sie sind Vorsitzender des Gemeindekirchenrates der Stadtkirchengemeinde in Gotha. Sind Sie als Pächter von Kirchenland da nicht befangen?
von Rümker:
Die Stadtkirchengemeinde Gotha besitzt nur relativ wenig Ackerland. Wenn es ausnahmsweise mal darum geht, halte ich mich natürlich raus. Das Kirchenland, das ich bewirtschafte, gehört den Kirchengemeinden rund um Friedrichswerth, wo mein Betrieb liegt. Die Vergabe von Pachtland entscheidet das Kreiskirchenamt, zum Teil im Einvernehmen mit den Kirchengemeinden, nach den Richtlinien der EKM. Damit habe ich nichts zu tun.

Es bringt Ihnen keinen Wettbewerbsvorteil, dass Sie sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren?
von Rümker:
Überhaupt nicht. Gerüchte gibt es immer wieder, dass ich als Mitglied der Landessynode und Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses Vorteile hätte. Glücklicherweise haben wir ein absolut transparentes Pachtvergabeverfahren. Und wir versuchen gerade durch die Evaluierung, dieses Verfahren zu verbessern. Die Ergebnisse dieses Prozesses werden in der Herbstsynode der EKM vorgestellt und diskutiert.

Stellungnahme

Landwirtschaftsämter müssen Pachtverträge genehmigen

Für ihr Pachtvertragswesen hat die EKM 2015 den 1. Preis beim Wettbewerb »BodenWertSchätzen« der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und des Rates für Nachhaltigkeit bekommen. Auch andere Landeskirchen und Kommunen interessieren sich für das Pachtvergabeverfahren der EKM, weil es eben mehr berücksichtigt als nur das Geld. Die EKM sieht sich damit auf dem richtigen Weg und will ihn auch weiter gehen: Dieses Verfahren wird zurzeit überarbeitet, um es noch besser und transparenter zu machen. Die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen der Kirchengemeinden und Pfarreien in der EKM werden nicht einseitig festgesetzt; vielmehr wird der Pachtpreis von den Pächtern im Rahmen des kirchlichen Pachtvergabeverfahrens selbst angeboten. Wir gehen davon aus, dass angesichts der vielfältigen Betriebs- und Bewirtschaftungsformen der jeweilige Landwirt am besten weiß, welche Pacht er mit seinem Betrieb auf der konkreten Fläche zu erwirtschaften in der Lage ist.

Einzige preisliche Vorgabe im Verfahren ist – als Voraussetzung zur Teilnahme am Pachtvergabeverfahren – der Mindestpachtzins. Dieser wird von den Kreiskirchenämtern vor Beginn der Ausschreibung festgesetzt. Die Höhe soll sich am Durchschnitt der Pachtpreisangebote aus dem vorangegangenen Pachtvergabeverfahren in dem Gebiet orientieren. In der überwiegenden Mehrzahl der Pachtvergabeverfahren werden von den Pachtinteressenten höhere Pachten angeboten. Des Weiteren ist zu beachten, dass Pachtverträge von den staatlichen Landwirtschaftsämtern genehmigt werden und auch insofern eine Kontrolle besteht, die bei tatsächlich bestehender Unangemessenheit der Pachtpreise einen Vertragsabschluss verhindern würde.

Schlussendlich ist der Pachtzins nicht nur eines von mehreren Differenzierungskriterien, sondern auch ein sehr wichtiges Mittel zur Erfüllung kirchlicher Arbeit und bleibt dabei sogar noch im Kirchenkreis bzw. direkt vor Ort in der Kirchengemeinde: Die Einnahmen dienen der Finanzierung des Verkündigungsdienstes und kommen der Bauunterhaltung und der Kirchengemeinde selbst zugute.

Frank Henschel, Referat Grundstücke der EKM

Gottesdienst verstehen mit Martin Luther

17. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gottesdienst ist Ritual, die sonntägliche Wiederholung des Vertrauten und Beruhigenden, so kann man es oft hören und lesen. Für Luther aber waren Gebet und Gottesdienst zuerst Kampf.

In Eric Tills Lutherfilm aus dem Jahr 2003 wird gezeigt, wie dramatisch sich der junge Luther im Kloster den Glauben erkämpfen musste – gegen den eigenen Unglauben. Wenn ihn wieder alle teuflischen Mächte packen würden, so sagte ihm sein väterlicher Freund und Ordensvorgesetzter Johannes von Staupitz, dann solle er ein Kreuz in die Hand nehmen und sich daran festhalten. Im Film sieht man den jungen Luther in einer schweren Angstkrise, wie er das Kreuz packt, sich auf den Boden wirft, in der Form des Kreuzes die Arme von sich streckt und »Christus, hilf mir!« ruft.

Gottesdienst soll Begegnung mit Jesus sein, keine Routineveranstaltung. Im Bild: Teilnehmer eines Gottesdienstes während der diesjährigen Allianzkonferenz in Bad Blankenburg. Foto: Harald Krille

Gottesdienst soll Begegnung mit Jesus sein, keine Routineveranstaltung. Im Bild: Teilnehmer eines Gottesdienstes während der diesjährigen Allianzkonferenz in Bad Blankenburg. Foto: Harald Krille

Wenn es ganz schlimm kommt, dann heißt es einfach nur, sich festhalten, vielleicht an dem einen Satz: »Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!« (Markus 9,24). Gebet ist Leben ohne Netz und doppelten Boden. Nur so ist es auch Aufscheinen des Glanzes, der den Dingen trotz allem eigen ist. Davon lebt der Gottesdienst, der nach Luther keine gemächliche Wiederholung des schon Bekannten ist, sondern Begegnung mit Jesus selbst. Wie könnte die Begegnung mit jemandem, den man liebt, Routine und Wiederholung sein?

Nicht wir dienen Gott, Gott dient uns

Der eigentliche Akteur im Gottesdienst ist nicht der Mensch, der Gott lobt und preist. Es geht in der Liturgie nicht um unseren Dienst an Gott, sondern um Gottes Dienst an uns. Der eigentliche Akteur ist Gott, der dem Menschen etwas Gutes tut, der ihn tröstet und aufrichtet. Gott macht den Menschen gewiss, dass er oder sie zwar vielleicht nicht in Ordnung, aber gerade so (und nicht »trotzdem«!) gut, schön und geliebt ist. So erweist Gott dem Menschen seinen Dienst.

Darum soll sich der Gottesdienstbesucher gar keine Gedanken machen, ob er Gott recht dient oder nicht. Alle Konzepte von Gottesdienst als einer Gott erwiesenen Ehre, alle Formen von Kult zu Gottes Lob sind damit zwar nicht hinfällig, aber zweitrangig.

Im Zentrum steht das Herz, nicht der Altar

Für Luther ist der wichtigste Ort des Gottesdienstes das Herz des glaubenden Menschen. Es kommt nicht darauf an, dass ein Priester das Heilsgeschehen in kultisch angemessener Form zelebriert – so schön das ist, und evangelische Liturgen legen oft viel zu wenig Wert darauf. Aber der eigentliche liturgische Ort ist der Altar nicht.

Denn es kommt vor allem darauf an, das, was dort geschieht, als etwas »für mich« zu begreifen. Darum ist die entscheidende menschliche Person in der Liturgie nicht der Priester, sondern der einzelne Gläubige. Die jahrhundertelange Herrschaft der Geistlichen über die Menschen ist aufgehoben, indem jeder Einzelne gefragt und selbst verantwortlich ist. Jeder ist sein eigener Priester mit dem eigenen Altar im Inneren.

Das allgemeine Priestertum bezieht sich also auf den Kern des Glaubens, auf die eigene Gewissheit, ein guter, ein anerkannter, ein Mensch Gottes zu sein. Diese Gewissheit kann einem keiner abnehmen – und bisweilen muss sie erkämpft werden, so wie das bei Luther selbst der Fall war.

Es geht darum, in richtiger Weise nichts zu tun

Der erste Satz aus Luthers »Deutscher Messe« von 1526 warnt vor dem Überschätzen der liturgischen Form. Für den Gottesdienstbesucher kommt es nicht darauf an, etwas Bestimmtes und Richtiges zu tun. Vielmehr ist das Gegenteil gefragt: Es geht darum, liturgisch in bestimmter und richtiger Weise nichts zu tun. Der Mensch soll alle seine Aktivität darauf verwenden, passiv zu sein.

Diese paradoxe Regel wurde am Anfang der Neuzeit formuliert, und sie stellt für uns spätmoderne Menschen eine erhebliche Herausforderung dar. Aus dem aktiven Arbeiter, dem Homo Faber, wird der passive Mensch, das Kind vor Gott, das sich beschenken lässt. Darum ist die erste liturgische Aufgabe – nicht zuletzt für diejenigen, die predigen und die Liturgie leiten – das Hören und Empfangen.

Mehr als Predigt mit Umrahmung

Ein Missverständnis wäre es allerdings, den Gottesdienst als Predigt mit Umrahmung aufzufassen. Gute Predigten sind gewiss das wichtigste Markenzeichen der evangelischen Kirche. Aber nicht die Predigt ist das Eigentliche, sondern das Hören auf Gott, jene umfassende Form von aktivischer Passivität, die nicht unvernünftig ist, wohl aber höher denn alle Vernunft.
Darum ist auch die Musik für Luthers Gottesdienst- und Glaubensverständnis so wichtig. Wenn man mit schönen Tönen in Resonanz gerät, dann ist man in der Weise aktiv und passiv zugleich, wie das dem Menschen auch vor Gott guttut.

Michael Meyer-Blanck

Michael Meyer-Blanck lehrt als Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Begegnung auf Augenhöhe

17. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Brasilien: Auch deutsche Auswanderer beteiligten sich an der Verdrängung der eingeborenen Indianerstämme. Seit mehr als drei Jahrzehnten stellt sich die Lutherische Kirche in Brasilien dieser Vergangenheit.

Fruchtbares, menschenleeres Land war ihnen versprochen worden: den ersten Siedlern evangelisch-lutherischen Glaubens, die vor fast zweihundert Jahren in Brasilien ankamen. Niemand hatte erwähnt, dass das Land von Indianervölkern bewohnt war. Die portugiesischen Kolonialherren sahen sich selbst als Vertreter einer vornehmeren Rasse und wähnten sich den »Wilden« in jeder Beziehung überlegen.

Die deutschen Einwanderer sahen sich unerwartet in einen Konflikt involviert, der beiden Seiten Unheil brachte: Den Siedlern, die dazu verleitet wurden, eine Rolle zu spielen, die sie selber nicht wollten. Und den indigenen Völkern, die ob der Kraft der Feuerwaffen ihr Land und nicht selten ihr Leben verloren. Dabei prallten auch völlig andere Einstellungen in Bezug auf die Nutzung des Landes aufeinander: Für die Indianervölker dienten die Flüsse und der Wald der extensiven, gemeinsamen Nutzung. Für die Europäer war das Land Privateigentum mit genau abgesteckten Grenzen – intensiv zu beackern und zu bepflanzen.

Die erste größere Welle der deutschen Auswanderer kam 1824 ganz im Süden Brasiliens an. Am 25. Juli erreichten die ersten die Colonia Alemã de São Leopoldo. Es kamen verarmte Bauern und Handwerker evangelisch-lutherischen Bekenntnisses, mittellos – aber mit dem festen Willen, sich eine neue Existenz zu schaffen. 1830 waren schon 3 700 Deutsche da. Vor allem Familien aus Mecklenburg, dem Hunsrück, den nördlichen und westlichen Teilen des heutigen Saarlandes und der Westpfalz hatten sich auf die Reise gemacht.

Doch bis sich überhaupt ansatzweise die Erkenntnis durchsetzt, dass die Ureinwohner und deren Kultur Respekt verdienen, dauerte es fast hundert Jahre. Es war der brasilianische Militär und Entdecker Cândido Rondon, der 1910 eine nationale Stiftung zum Schutz der Indios ins Leben rief. Aber diese – wie auch die seit 1967 bestehende Nachfolgeorganisation FUNAI, die brasilianische Behörde für indigene Angelegenheiten, taten und tun nicht nur Gutes. Ein nicht von der Hand zu weisender Vorwurf lautet, die FUNAI versuche als bevormundende Organisation »menschliche Zoos« zu schaffen.

Eine »Wilde«: Die Danessa-Frau aus dem Amazonasgebiet hat ihr Gesicht traditionell mit Urucum geschminkt, einer roten Paste, die aus zerdrückten Samen des Annatto-Strauches gewonnen wird. Foto: Karl Horat

Eine »Wilde«: Die Danessa-Frau aus dem Amazonasgebiet hat ihr Gesicht traditionell mit Urucum geschminkt, einer roten Paste, die aus zerdrückten Samen des Annatto-Strauches gewonnen wird. Foto: Karl Horat

Im Gegensatz dazu will der 1982 gegründete Indianermissionsrat (COMIN) der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (EKLBB) den Urvölkern partnerschaftlich begegnen. »Indigene Völker haben uns sehr viel zu sagen und zu zeigen«, ist Renate Gierus vom COMIN in São Leopoldo in Rio Grande do Sul überzeugt.

Der Missionsrat hat sich sieben Arbeitsfelder gemeinsam mit den indigenen Völkern gesteckt: Vier im Amazonasgebiet und drei im schon lange kolonialisierten Süden. Schwerpunkte an all diesen Orten sind die Bereiche Erziehung und Gesundheit, Unterstützung bei der Wiederbelebung traditioneller Organisationen der Stämme, Verteidigung der alten Landrechte und die Aufwertung und Unterstützung der traditionellen Formen zur Sicherung des Lebensunterhalts.

Eines der wichtigsten Anliegen ist dabei, dass die Urvölker ihre Sprache behalten können. Der brasilianische Staat will nur Portugiesisch als Landessprache gelten lassen. Aber es gibt 270 indigene Sprachen, 190 davon sind vom Aussterben bedroht. Doch Sprache bedeutet Identität, schützt vor Entwurzelung und gewährleistet, dass Geschichte und Kultur der Vorfahren an die nächste Generation weitergegeben werden können.

»Der erste Schritt zu einem Dialog ist, erst einmal hinzuhören«, sagt der pensionierte COMIN-Pastor Walter Sass. »Die Indianer kommen aus einer Welt, in der es Werte wie ›Eigentum‹ und ›Leistung‹ nicht gibt. Dafür kennen sie ein Einvernehmen mit der Natur, haben eine Beziehung zu Geistern, die das Universum durchdringen.«

Auch im ganz praktischen Bereich ergeben sich Chancen aus dem Austausch mit den Indios: Die Schamanen, die Heiler dieser Völker, wissen um die Wirkung verschiedenster Pflanzen im Regenwald. All die Salben, Tinkturen und Säfte der Indigenen bilden eine reiche Apotheke von Mutter Natur, deren Tür wir uns offenhalten sollten.

Karl Horat

Royaler Glanz in Lutherstadt

16. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Das schwedische Königspaar zeigt sich beeindruckt von den Kirchen der Stadt und wird freundlich von den Wittenbergern empfangen.

Die neunjährige Lena Herzer ist aufgeregt: Sie darf dem schwedischen Königspaar vor der Schlosskirche einen Blumenstrauß überreichen, gebunden aus Hortensien, Enzian und Rosen in den schwedischen Landesfarben. König Carl XVI. Gustaf und Silvia von Schweden kommen zum Abschluss ihres viertägigen Staatsbesuches in Deutschland auch in die Lutherstadt Wittenberg, zu der es bereits seit der Reformationszeit gute Beziehungen gibt. Zuletzt waren sie 1993 kurz hier.

Trotz kühler Herbsttemperaturen harren viele Schaulustige hinter den Absperrungen aus, um das Königspaar zu begrüßen. So auch die 65-jährige Rosel Emmer, die sich sehr gewünscht hat, Carl Gustaf und Silvia von Schweden einmal live zu erleben. Eigentlich ist sie Autogramm-Jägerin, für die Schauspieler Johnny Depp oder Tom Cruise wartet sie dafür schon mal bis zu acht Stunden. Das Königspaar sei aber auch ohne Aussicht auf ein Autogramm etwas ganz Besonderes, meint sie.

Als das Königspaar eintrifft, brandet Applaus auf, schwedische Fähnchen werden geschwenkt. Direkt am roten Teppich dürfen auch Schüler des Luther-Melanchthon-Gymnasiums, das eine Partnerschule in Schweden hat, mit ihrer Lehrerin Stefanie Kirbach die Delegation empfangen. Die Lehrerin für Englisch und Religion ist selbst ein großer Schweden-Fan, hat dort studiert, kann die Sprache fließend und würde Schwedisch auch gern selbst unterrichten an der Hundertwasserschule. Mit dem König darf sie nur reden, wenn sie angesprochen wird. Das Protokoll muss eingehalten werden.

Die Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, Hanna Kasparick (l.), erklärte dem Königspaar die Schlosskirche, die als Ausgangspunkt der Reformation vor rund 500 Jahren gilt. Martin Luther soll dort am 31. Oktober 1517 seine kirchenkritischen 95 Thesen an die Tür geschlagen haben. Foto: epd-bild/Jens Schlüter

Die Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, Hanna Kasparick (l.), erklärte dem Königspaar die Schlosskirche, die als Ausgangspunkt der Reformation vor rund 500 Jahren gilt. Martin Luther soll dort am 31. Oktober 1517 seine kirchenkritischen 95 Thesen an die Tür geschlagen haben. Foto: epd-bild/Jens Schlüter

Durch die berühmte Thesentür der Schlosskirche, an die der Reformator Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 kirchenkritischen Thesen angeschlagen haben soll, schreitet das Königspaar in die Schlosskirche. Gerade mal eine Woche ist vergangen, seitdem die dänische Königin Margrethe II. das Gotteshaus ebenfalls durch diese Tür betrat. Nach mehrjährigen Restaurierungsarbeiten war die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst offiziell wiedereingeweiht worden. Das Geschenk der dänischen Königin, ein selbst gefertigtes, rotes Antependium, schmückt nun den Altar.

Die schwedischen Gäste sind beeindruckt und sehr interessiert an den Ausführungen der Direktorin des Predigerseminars, Hanna Kasparick, und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). In der Atmosphäre der Kirche tragen sich die Gäste noch in das Goldene Buch der Stadt sowie in das Buch der Landesregierung ein. Der ledergebundene Band der Stadtverwaltung fasst mehr als 200 Seiten, das schwedische Königspaar schreibt den 55. Eintrag in das 1997 begonnene Buch.

Der Zeitplan sieht ein straffes Programm vor, aber für einzelne Punkte scheinen sich die Royals dennoch Zeit zu nehmen. Dann geht es, begleitet von einer historischen Stadtwache, zu Fuß durch die Stadt. Dabei gibt es für die Anwohner trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen durchaus Gelegenheit, dem König und der Königin nahezukommen. So ist immer wieder am Rande auch die Freude über eine gute Fotogelegenheit zu hören. Aus einem Fenster ruft ein kleines Mädchen: »Hallo, Königin!« Die Monarchin blickt hinauf, lächelt und winkt zurück.

Im Luthergarten übernimmt der König mit einer symbolischen Baumpflanzung die Patenschaft für einen Trompetenbaum. König Carl XVI. Gustaf greift zum Spaten, Ministerpräsident Haseloff hilft mit der Gießkanne und verspricht noch, den Baum auch künftig nicht vertrocknen zu lassen. Der Trompetenbaum steht in unmittelbarer Nachbarschaft zur Blumen-Esche, dem Baum, für den die dänische Königin vor einer Woche die Patenschaft übernommen hatte.

In der Stadtkirche St. Marien, der Predigtkirche Martin Luthers, überreicht Pfarrer Johannes Block eine Luthermedaille, einen Kirchenführer und einen Brief der Stadtkirchengemeinde. »Es ist eine große Ehre, dass ein schwedischer Monarch unsere Kirche besucht«, sagt er. Das Königspaar bestaunt den Cranach-Altar und bleibt an der 1931 errichteten Gedenkplatte für Gustav II. Adolf stehen.

Als der Besuch weiterfährt in Richtung Leipzig, bleiben zufriedene Wittenberger zurück. Regierungschef Haseloff sagt: »Es war ein toller Tag.« Glücklich war an diesem Tag auch Lehrerin Kirbach. Die 47-Jährige wurde vom König angesprochen und konnte schwedisch sprechen, und das noch viel länger als gedacht. Mit ihrem Anliegen, Schwedisch als Schulfach anzubieten, traf sie an diesem Tag auf offene Ohren. Der Ministerpräsident selbst sicherte seine Unterstützung zu. Die royalen Besuche gehen im kommenden Jahr zum Reformationsjubiläum weiter. Dann hat sich das niederländische Königshaus in der Lutherstadt Wittenberg angekündigt.

Romy Richter

Lutherbibel: Der Hirsch schreit wieder

14. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die neue, alte Bibel: Der Thüringer Altbischof Professor Christoph Kähler leitete die Überarbeitung, an der 70 Experten beteiligt waren. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Professor Kähler, was ist neu an der revidierten Lutherbibel?
Kähler: Es ist wieder etwas mehr Luther drin. Wir haben schätzungsweise bei einem Drittel unserer 16000 Änderungen wieder den Text hergestellt wie ihn Luther konzipiert hat. Zweitens ist die revidierte Fassung eine genauere Übersetzung des griechischen und hebräischen Textes. Wenn Luthers ursprünglicher Text den Ausgangstext sorgfältiger wiedergegeben hatte, dann stellten wir seine Übersetzung wieder her. Wir sind näher bei Luther und näher bei dem Ausgangstext, also näher bei dem Urtext.

Können Sie einige Textbeispiele nennen, wie sie vor der Revision lauteten und wie Sie übersetzt haben?
Kähler: Ja, am einfachsten ist Psalm 42: “Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.” So lesen wir es jetzt in unseren Bibeln. Luther hatte sich aber genauer an das Hebräische gehalten und das gleiche Verb gleich wiedergegeben: “Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu dir.” In dieser Revision kehren wir zum alten Wortlaut zurück. Das hat den Vorzug, dass das Bild einer schreienden Seele unterstreicht, wie elementar die Not ist, die der Psalmbeter ausdrückt.

In der Matthäus-Fassung der Sturmstillung steht jetzt nicht mehr, dass sich ein Sturm erhebt (Mt 8,24). So steht es nicht im griechischen Text. Darum hatte Luther übersetzt: »Da erhob sich ein groß Ungestüm im Meer.« Diese Formulierung ist heute schwer verständlich.

Wir haben jetzt an diese Stelle gesetzt: “Da war ein großes Beben im Meer.” Das „große Beben im Meer“ ist genauer am Text dran: Es beschreibt die Katastrophen der Endzeit, wie Matthäus sie sieht, und beschreibt damit genauer das, was im griechischen Text steht.

Auf der Wartburg übergab Altbischof Christoph Kähler (li.) vor einem Jahr die neue Lutherbibel an den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Foto: epd-bild/Sascha Wilms

Auf der Wartburg übergab Altbischof Christoph Kähler (li.) vor einem Jahr die neue Lutherbibel an den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Foto: epd-bild/Sascha Wilms

An anderen Stellen haben wir Korrekturen zurückgenommen. In der Offenbarung, Kapitel 2, Vers 9, und Kapitel 3, Vers 9, ist 1956 übersetzt worden: »Synagoge des Satans«. Das kann zu schrecklichen Missverständnissen führen. Luther selbst sprach von einer »Schule des Satans«, was andere Missverständnisse nahelegt. Deshalb haben wir das griechische Wort Synagoge wörtlich übersetzt als »Versammlung« des Satans. Aber eben nicht Kirche oder Moschee oder Synagoge des Satans. Sondern es ging darum: Da gibt es eine Gruppe, die von dem Seher in der Offenbarung als eine Versammlung angesehen wird. Sie behaupten, sie seien Juden, sie sind es aber nicht, sie sind eine Versammlung des Satans.

Und bei den Paulus-Briefen ist aus der Anrede “Liebe Brüder” sogar “Liebe Brüder und Schwestern” geworden…
Kähler: Ja, im Griechischen ist das Wort für Brüder und für Schwestern fast dasselbe Wort. Es gibt nur verschiedene Endungen. Im deutschen Sprachgebrauch sind Brüder und Schwestern sehr verschiedene Worte. Deswegen haben wir gesagt: Wenn Paulus ganze Gemeinden anredet, die aus Frauen und Männern bestehen, dann muss das heute hörbar werden und vom Sinn her übersetzt werden. So hat Luther auch an vielen Stellen gearbeitet. Dann muss man die »Brüder und Schwestern« übersetzen. Das machen übrigens die beiden anderen großen deutschen Gebrauchsbibeln genauso: Die Zürcher Bibel 2007 und die kommende revidierte Einheitsübersetzung, die 2017 erscheinen wird. Die reden auch von Brüdern und Schwestern, weil wir wissen, dass Frauen dabei gewesen sind, zum Teil in leitenden Funktionen, was man gelegentlich übersehen hat.

Ich könnte mir aber vorstellen, dass das manche bibeltreue Christen empört…
Kähler: Wir haben in der Regel keine weiblichen Ausdrücke gewählt, wo sie nicht da sind. Aber wenn ganze Gemeinden angeredet werden, von denen wir wissen, dass Frauen führende Funktionen hatten, können wir nicht so tun, als ob es nur Männer gegeben hat. Natürlich steht im griechischen Text nur der Begriff für Brüder. Aber der ist dem Begriff für Schwestern so ähnlich, dass damals jedenfalls Frauen sich mit gemeint gefühlt haben. Das ist in Deutschland noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts der Fall gewesen. Aber wenn wir “Brüder” anreden, hören Frauen heute nicht mehr, dass sie da auch noch gemeint seien. Das ist die Wirklichkeit der Gemeinde, die ich als Pfarrer wahrnehmen muss. Ich muss den Frauen signalisieren, damals sind die Frauen mit angeredet worden, sie hatten wichtige Funktionen in den Gemeinden. Paulus hat eine Frau wie Phöbe, die in Kenchreä Gemeindeleiterin war, als seine Patronin bezeichnet. Das muss man irgendwie wiedergeben können.

Ja, ich denke, zur Bibeltreue gehört, dass man wie Luther den Sinn der Bibel wiedergibt und nicht nur den Wortlaut.

Das Dolmetschen war für Luther und seine Mitstreiter ein mühsamer Prozess. Sie haben um die Worte gerungen. Wie war das in dem Team von 70 Experten?
Kähler: Wir sind ähnlich wie Luther vorgegangen. Einer hat sich zu Hause an den Schreibtisch gesetzt und ist mühsam Wort für Wort durchgegangen: Ist das noch sinnvoll und korrekt oder müssen wir anders formulieren? Wir hatten ausführliche schriftliche Vorlagen, eine Tabelle mit dem griechischen oder hebräischen Text, der katholischen Einheitsübersetzung, der reformierten Zürcher Bibel, Luthers Fassung von 1545, also der letzten, die er noch gesehen hat, und der Revision von 1984, also der, die im Moment im gottesdienstlichen Gebrauch ist. Dann ist der Bearbeiter eines Bibelabschnittes mit seinem Übersetzungsvorschlag in seine sechs- bis zehnköpfige Gruppe gegangen. Diese hat entweder gesagt: Was der Bearbeiter gedacht hat, leuchtet uns ein. Das machen wir genau so, wie er es vorschlägt. Oder sie haben gesagt: Das Problem, das der Bearbeiter anzeigt, ist ein Problem, aber seine Lösung ist nicht gut, deswegen haben wir an der Stelle einen anderen Vorschlag. Oder: Der alte Text ist besser, darum bleiben wir dabei.

Die Gruppe hat dann ihrerseits ihre Entscheidung begründet und ihre Vorlage mit neuen Tabellenspalten in den Lenkungsausschuss gegeben. Der Lenkungsausschuss hat dasselbe wie die Gruppe gemacht. Er hat gesagt: Der Vorschlag der Gruppe leuchtet uns ein. Das machen wir. Oder er hat gesagt: Das Problem braucht eine andere Lösung. Entweder haben wir die eingesetzt oder gesagt, das hat Luther so gut übersetzt, das kann gar nicht verbessert werden, das bleibt so, wie es ist. Wir haben sehr viele Vorschläge abgelehnt. Wir haben im Lenkungsausschuss sehr darauf geachtet, dass wir möglichst nahe bei Luther bleiben.

Es gab auch Texte, die für Streit und Diskussion gesorgt haben?
Kähler: Problematisch war für uns die Frage, wie wir das Vaterunser übersetzen. Es ging vor allem um die Frage, ob wir übersetzen: “Erlass uns unsere Schulden” oder “Vergib uns unsere Schuld”. Der Lenkungsausschuss hat dann endgültig entschieden: Wir bleiben bei dem Vaterunser-Text. Weil das, was im Griechischen steht, zwar im Plural formuliert ist, aber im Deutschen sind Schuld und Schulden als Plural zwei ganz verschiedene Begriffe geworden. Schuld ist etwas Moralisches, Ethisches, eine Verfehlung. Und Schulden sind Finanzverbindlichkeiten. Es geht primär um die Schuld vor Gott, die man im Deutschen nur in der Einzahl bezeichnen kann. Deswegen sind wir dabei geblieben, auch wenn die Einheitsübersetzung und die Zürcher Bibel es anders machen. Damit man vergleichen kann, haben wir in der Lutherbibel eine Anmerkung gemacht, dass man wörtlich übersetzen kann: “Erlass uns unsere Schulden.”

An anderen Stellen war die Frage, ob wir bei “Heiland” bleiben oder eine andere Übersetzung wählen. Die andere Übersetzung wäre “Retter” gewesen. “Euch ist heute der Retter geboren.” Wir wollten das Wort “Heiland” im Deutschen nicht verlieren. Es ist eine altertümliche Vokabel. Die wird heute wenig gebraucht. Aber wir meinten, dass im “Heiland” mehr drinsteckt, das Heil, sodass wir den “Heiland” belassen und nicht durch “retten” und “Retter” ersetzt haben.

Eher am Rande gab es ein bisschen Streit zwischen den Nordlichtern und denen, die jetzt im Süden wohnen, ob wir wie Luther von dem Wassergefährt auf dem See Genezareth sagen, dass das ein Schiff ist. So hat Luther übersetzt. Oder ob wir bei Boot bleiben? So hat man das vor 50 Jahren konsequent geändert. Leute, die eher im Norden zu Hause sind, haben gesagt: Also das ist wirklich nur ein Boot, mit dem die über den See geschippert sind, aber doch kein Schiff. Ein Schiff ist etwas anderes als ein Boot. Wenn man sich heute die Boote anguckt, mit denen die auf dem See Genezareth gefischt habendann ist ganz klar nach unserem Sprachgebrauch ein Boot. Daher bleiben wir bei dieser Bezeichnung.

Was Sie schildern, sind Streitpunkte um einzelne Worte?
Kähler: Ja. In der Regel haben wir uns kaum noch darum streiten müssen, wie wir mit ganzen Sätzen umgehen? Den Streit gab es vor 50 Jahren. Damals ging es um die Frage, ob man sozusagen das moderne Deutsch spricht, in dem Verben ziemlich konsequent an einer bestimmten Stelle im Satz stehen? Wenn ich einen Nebensatz bilde, dann wird in der Regel das Verb an das Ende des Nebensatzes gestellt: “Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt”, so hat man vor 50 Jahren formulieren wollen. Die Umstellung an den Anfang des Satzes ist aber inzwischen von Germanisten sehr wohl als eine Stilmöglichkeit wieder anerkannt. Man darf auch sagen: “Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.” Und die Betonung, die dann eher auf den “geringsten Brüdern” liegt, diese deutsche Betonung, die wollten wir erreichen. Also haben wir die etwas größere Freiheit im Satzbau Luthers wieder aufgenommen. Weil wir inzwischen vorzügliche Germanisten und Linguisten kennen, die uns sagen: Das Idealmaß, die eine deutsche Sprache, nach der sich alle und immer richten müssen, auch in Luthers Bibel, dieses Ideal, das ist unrealistisch und engt die lebendige Sprache unnötig ein.

Was glauben Sie, wie wird diese revidierte Lutherbibel bei der jüngeren Generation ankommen?
Kähler: Es gibt, um ein Extrembeispiel zu nennen, die sogenannte “Volxbibel”, die versucht, den Rapper-Slang nachzumachen. Die hat den Anfang von Psalm 23 “Der Herr ist mein Hirte” so wiedergegeben: “Gott höchstpersönlich ist mein Dauergastgeber [whoa]« – ich kenne keinen Jugendlichen, der sich mit dieser Sprache völlig identifiziert. Wenn man das einmal vorträgt, dann finden das manche ganz lustig. Aber ist es wichtig? Und: Kann man sich den ganzen Psalm merken?

Viele Erfahrungen in den Gemeinden lauten: Wenn wir Konfirmanden und Schüler sorgfältig einführen und sie nicht allein lassen mit der “Lutherbibel”, dann hören sie daraus, dass es um etwas ganz Besonderes geht, was auch eine besondere Sprache hat. Das muss man miteinander besprechen. Ich weiß, dass manche Sätze von den Konfirmanden und von jüngeren Schülern nicht sofort aufgenommen werden können. Gut. Damit muss man umgehen. Für Leute, die nur mit einem moderneren Deutsch klarkommen, braucht man Einstiegsbibeln, die das Lesen erleichtern. Dafür gibt es inzwischen gute Beispiele.

Für mich hat die sprachlich beste Form die Basis-Bibel. Relativ gut ist die Gute-Nachricht-Bibel, die verbessert wurde. Sie war zum Teil problematisch, ist aber im Lauf der Zeit sehr viel zuverlässiger und sorgfältiger geworden. Aber die Grunderfahrung ist die, dass Leute die es ernsthaft meinen, irgendwann endgültig zu Luther zurückfinden.

Vielleicht kann man so viel sagen: Die Lutherbibel hat ein bestimmtes Profil. In den Buchhandlungen werden heute über 40 verschiedene Übersetzungen der Bibel angeboten. Es ging nicht mehr darum, die Lutherbibel zu der einen einzigen Gebrauchsbibel in der evangelischen Kirche zu machen. Das schaffen wir nicht. Wir haben drei große Gebrauchs-Bibeln in Deutschland: Die reformierte Zürcher Bibel, die katholische Einheitsübersetzung und die Lutherübersetzung. Wir wollten das Profil der Lutherbibel schärfen. Wo ernsthaft gelesen und nachgedacht wird, erweist sich die Lutherbibel als unverzichtbar. Die ist nach wie vor ein Wurf, den nicht wir, sondern Luther und seine Mitarbeiter geschaffen haben.

Sie blicken ganz zufrieden auf Ihr Werk?
Kähler: Also, man muss dazu das sagen, was auch andere zur revidierten Einheitsübersetzung gemeint haben und was auch die Zürcher zu ihrem Werk sagen: Es gibt nicht die perfekte Bibel-Übersetzung. Wir haben zum Teil schnelle Entscheidungen gefällt. Auch wenn wir sie gründlich vorbereitet haben, wird es immer mal ein Ungenügend geben. Jetzt, wenn ich einzelne Kapitel insgesamt durchgehe, gibt es Entscheidungen, von denen ich sage: Nun ja, die hätten wir vielleicht anders fällen können oder die hätten wir gar nicht fällen müssen oder wir hätten gut beim alten Text bleiben können. Insgesamt aber bin ich froh und zufrieden über das, was geleistet worden ist. Es ist ein besserer Text geworden nach diesen beiden Kriterien: Mehr Luther, und er ist genauer und an manchen Stellen auch deutlich lesbarer geworden.

Wann wird es die nächste Revision geben?
Kähler: Das weiß ich nicht. Eine Bibelübersetzung muss etwa alle zwei Generationen lang auf den Prüfstand gestellt werden, weil es neue Erkenntnisse der Wissenschaft gibt. Auch die Sprache kann sich so verändern, dass Ausdrücke so missverständlich geworden sind, dass man sie nicht weiter verwenden kann.

Hoffnungslos optimistisch

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Schimon Peres: »Keine Sorge, ich werde nicht vergessen zu sterben!«, sagte der vor Vitalität sprühende 90-jährige Präsident des Staates Israel vor drei Jahren zu Journalisten. Sein starrsinniger Optimismus war zu allem bereit – außer, sich den finsteren Realitäten des Nahen Ostens zu beugen.

Die Frage, ob er sich von Jassir Arafat hintergangen fühle, dessen Hand er zum Abschluss der Verträge von Oslo geschüttelt hatte – und der im Rückblick bewiesenermaßen gleichzeitig den Terror gegen Israel geschürt hatte –, wischte Peres unwirsch vom Tisch: »Fragen Sie Arafat!« Die Provokation, wie er angesichts des Hasses auf sein Volk so zuversichtlich in die Zukunft sehen und so ungebrochen auf eine bessere Zukunft zuarbeiten könne, beantwortete er in dunkelster Zeit mit den Worten: »Ich habe keine Alternative!«

Jetzt hat sich Israels Profi-Optimist dem Zwang der Natur gebeugt und sein Versprechen, das Sterben nicht zu vergessen, eingelöst: In der Nacht vom 27. auf den 28. September ist Schimon Peres im Alter von 93 Jahren nach einem Schlaganfall und kurzer, schwerer Krankheit verstorben.

Schimon Peres war definitiv der bekannteste und weltweit beliebteste Israeli. Seit 1959 gehörte er der Legislative des Staates Israel an und war damit der am längsten amtierende Parlamentarier des jüdischen Staates. Die Politkarriere des polnisch-stämmigen Sozialdemokraten erstreckte sich über sechs Jahrzehnte. Mit Peres verabschiedete der jüdische Staat den letzten Profipolitiker seiner legendären Gründergeneration.

Optimistisch, aber auch nachdenklich: Schimon Peres als israelischer Präsident während eines Treffens mit einem ausländischen Staatsgast. Foto: picture alliance

Optimistisch, aber auch nachdenklich: Schimon Peres als israelischer Präsident während eines Treffens mit einem ausländischen Staatsgast. Foto: picture alliance

Am 2. August 1923 wurde Szymon Perski in Wiszniew, das heute in Weißrussland liegt, geboren. Im Alter von elf Jahren wanderte er mit seinen Eltern in das britische Mandatsgebiet Palästina ein. Seitdem er 1948 politischer Berater von Staatsgründer David Ben-Gurion war, hatte Schimon Peres praktisch alle hohen politischen Ämter des Staates Israel inne. Im Alter von 29 Jahren war er Generaldirektor des Verteidigungsministeriums, zweimal Premierminister, dreimal Außenminister, zuletzt – von 2007 bis 2014 – Staatspräsident.

Peres wird als »Vater des israelischen Atomprogramms« gehandelt und zog bei einigen der spektakulärsten Militäraktionen Israels, wie etwa der Befreiungsaktion von Entebbe 1976, im Hintergrund die Fäden. Gleichzeitig war er Meister der Geheimdiplomatie, entscheidender Motor des Prozesses von Oslo und erhielt für den Handschlag mit PLO-Chef Jassir Arafat auf dem grünen Rasen vor dem Weißen Haus in Washington im September 1993 gemeinsam mit Jassir Arafat und Jitzchak Rabin den Friedensnobelpreis. Allerdings wurde er von seinen eigenen Leuten dafür auch als »Verbrecher von Oslo« beschimpft.

In Israel ist Schimon Peres als notorischer Träumer bekannt und wurde für seinen »Neuen Nahen Osten« oft verhöhnt. Als frisch gewählter Staatspräsident verkündete er, dass er in seinen 48 Jahren in der Knesset »keinen Augenblick die Hoffnung verloren« hätte. Hoffnung zu vermitteln, sah er auch im hohen Alter als eine seiner vornehmsten Aufgaben. So ließ er es sich auch noch als Ex-Präsident mit über 90 Jahren nicht nehmen, in einem humorvollen Videoclip mit seiner Enkeltochter auf Job-Suche zu gehen und sich etwa als Tankwart filmen zu lassen.

Dabei war das beharrlichste Urgestein der israelischen Politik vor allem als »Loser«, als Verlierer, bekannt. Schimon Peres hatte bis zu seiner Wahl zum Staatspräsidenten am 13. Juni 2007 nie eine Wahl gewonnen. Journalisten witzelten hinter seinem Rücken: »Wir wissen nicht, was im Jahr 2050 sein wird – außer, dass es Wahlen geben und Schimon Peres verlieren wird.« Was wohl als Beweis dafür gelten muss, dass Journalisten schlechte Propheten sind und Träumer manchmal auch nach langer Zeit noch Erfolge erzielen.

Eine der beharrlichsten Journalistenfragen, die den hochbetagten Staatsmann in den vergangenen Jahren begleitete, war wohl die, wann er denn endlich in Rente gehen wolle. In Krisenzeiten hatte er darauf mit nachdenklichem Ernst geantwortet: »Solange ich meinem Volk helfen kann, stehe ich zur Verfügung.« Mit Bravour gelang es Peres, das Vertrauen der israelischen Bevölkerung in das Amt des Präsidenten wiederherzustellen, nachdem sein Vorgänger, Mosche Katzav, wegen Vergewaltigung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Im letzten Abschnitt seines Lebens erwies er sich als großer Staatsmann, indem er das chronisch zerstrittene Volk seines Landes auf souveräne Weise einte. Außenpolitisch war Peres definitiv der erfolgreichste Repräsentant des so vielfach angefeindeten und verleumdeten Staates Israel.

Peres war nicht nur Politiker. Er war belesen und hat Gedichte verfasst. Nicht zufällig zählten die Schriftstellerin Simone de Beauvoir und andere Literaten zu seinen engsten Freunden. Im äußerst korruptionssensiblen und skandalbewussten Israel konnte ihm, im Gegensatz zu anderen Politikern, nie Geldgier, Korruption, unlautere Nähe zu Millionären oder Wirtschaftsmagnaten vorgeworfen werden. Auch Frauengeschichten werden über Peres nicht erzählt.

Sein Privatleben hat Schimon Peres mit Erfolg vor der Öffentlichkeit versteckt. Seine Frau Sonja, die im Januar 2011 im Alter von 87 Jahren verstarb, hielt sich beharrlich im Hintergrund und verweigerte sich auch dann noch dem Rampenlicht der Öffentlichkeit, als ihr Mann Staatspräsident wurde. Peres hinterlässt eine Tochter namens Zvia, sowie zwei Söhne, Jonathan und Nehemia, und sechs Enkel.

Johannes Gerloff

Videoclip mit Peres auf Arbeitssuche (mit deutschen Untertiteln) im Internet:

www.youtube.com/watch?v=__7b9O8k1tw)

»Welch wunderbare Mondlichtnacht«

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Aus einem Missverständnis wurde eine »Schicksalsfügung«, sagt Stephan Krawczyk und erzählt, wie er dazu gekommen ist, sich mit Martin Luther zu beschäftigen. Zum Reformationsjubiläum geht der Liedermacher mit anderen Künstlern auf »Luther Lieder Tour«.

Der Anfang beruhte auf einem Missverständnis. Das Auswärtige Amt fragte beim Management von Stephan Krawczyk an, ob er auf einem Kongress in Wittenberg einen 20-minütigen Vortrag über Martin Luther halten könne. Er habe gedacht, erzählt der in Berlin lebende Liedermacher, laut lachend: »Wie kommen die auf mich?« Aber der Mensch wachse mit seinen Aufgaben. Also fuhr Kraw­czyk mit dem ausgefeilten Text gen Wittenberg. Noch heute ist er, der aus einer bildungsfernen Schicht stammt, stolz darauf. In der Lutherstadt angekommen, stellte sich heraus, dass es sich um einen Irrtum handelte. Der Poet war für ein Lied, nicht für den Festvortrag gebucht worden.

Es sagt einiges über Krawczyks gut ausbalanciertes Selbstwertgefühl, dass er diese Anekdote preisgibt und sich selbst am meisten darüber amüsiert.

Stephan Krawczyk. Foto: Nadja Klier

Stephan Krawczyk. Foto: Nadja Klier

Im vergangenen Jahr feierte der zu Silvester in Weida in Thüringen geborene Liedermacher seinen 60. Geburtstag. 36 Jahre Berufserfahrung hätten ihn angstfrei gemacht, erzählt er beiläufig, als wir unsere Fahrräder zum nahen Café in Berlin schieben, in dem wir uns unterhalten wollen. Aus dem Missverständnis in Wittenberg wurde eine »Schicksalsfügung«. »Ich hätte mich sonst nie mit Luther befasst«, sagt Krawczyk. Das wäre bedauerlich, denn einige der überzeugendsten Lieder in seinem Repertoire und auf der 2012 erschienenen CD »Erdverbunden, luftvermählt« drehen sich um den Reformator. Was interessiert den Künstler an Martin Luther? »Wenn ich ein Konzert mache und ihn mit ins Boot hole, zeige ich den Kanon eines höheren Sinnzusammenhangs, der in unserer Zeit fortwirkt. Luther sagt Gott, bei mir heißt es die Allheit, das All. Und da ist Gott auch mit drin. Ich finde es bei den Auftritten schön, wenn ein Wir entsteht, das gemeinsam klingt. Es ist Ausdruck von Sympathie und Friedensliebe. Ich denke, das wollte Luther mit seinen Thesen. Er wollte sinnerfüllte, liebevolle Gemeinsamkeit.«

Zum Reformationsjubiläum im kommenden Jahr geht Krawczyk mit fünf weiteren Künstlern auf »Luther Lieder Tour«; Start war Mitte August auf Schloss Mansfeld nahe der gleichnamigen Stadt, wo Luther seine Kindheit verbrachte. Mit Kritik am offiziellen Jubiläum hält der Sänger trotzdem nicht hinterm Berg. Es werde Luther nicht gerecht. »Es wird wie immer vermasst. Er wird in Verniedlichungen hergestellt. Es gab einen kleinen Luther, da konnte man ein Bierglas draufstellen. Und jetzt gibt es diese Playmobil-Figur. Dieser Riese im Geist wird permanent kleingemacht.« Krawczyk setzt einen Kontrapunkt mit seinem Lied »Ich, Martin Luther«: »Es muss in jeder Zeit mindestens einen geben, sei’s eine Frau, die widersteht, oder ein Mann. Ich bin geboren für die Freude, in Gott zu leben, weswegen ich hier stehe und nicht anders kann.«

Widerstand gehört zu seiner Biografie. 1985 bekam der Sänger, der erfolgreich freiberuflich in der DDR tätig war, Berufsverbot. Fortan konnte er mit seinen kritischen Liedtexten ausschließlich unter dem Dach der Kirche auftreten – wenn den Pfarrern die Sache nicht zu heiß wurde. Im Januar 1988 verhaftete die Staatssicherheit ihn und seine damalige Ehefrau Freya Klier und schob das Paar zwei Wochen später in den Westen ab. Krawczyk hat darüber gesprochen und geschrieben, etwa in den Romanen »Der Narr« (2003) und »Der Himmel fiel aus allen Wolken« (2009). Wie lebt es sich heutzutage als »Symbolfigur der DDR-Bürgerbewegung«? Wieder lacht Krawczyk. »Das ist eine Außensicht auf die Dinge. Ich kann mich nicht damit identifizieren. Ich war nie eine Symbolfigur. Andere haben mich dazu gemacht, weil sie ein Symbol brauchten. Weil sie einen Erklärungsbedarf hatten, keine anderen Worte oder sich nicht die Mühe machten, das Ganze differenziert zu betrachten.« Er winkt ab. »Wenn ich mir Gedanken machte, dass ich als Symbolfigur gelte, würde ich mich verrückt machen.«

Zurück zu Martin Luther, zu dem Menschen, der wie er für seine Überzeugungen einstand. Sein eigenes Glaubensverständnis, sagt Krawczyk, habe sich über die Jahre verändert. »Durch die Erfahrungen, die manchmal so wunderbar waren, dass ich sie mit den Mitteln der Logik nicht erklären konnte. Ich habe versucht, Zusammenhänge wiederzuerkennen, die von der Wissenschaft nach Kräften zerlegt wurden. Sich innerhalb dieser Wurzeln aufgehoben zu fühlen, war eine neue Erfahrung für mich.« Seine Lieder spiegeln diese Verfasstheit mit der »Allheit, diesem Großen und Ganzen« wider, das er als »Unterfutter« seines Selbstverständnisses bezeichnet. Als Künstler sei er gefragt, dem voranzuhelfen. Bei einem Konzert steht man dann vielleicht gedanklich in einer lauschigen Sommernacht mit auf dem Balkon, über sich das All, und spürt einer Verszeile in ihrer Zartheit nach: »Was hat sich Gott da ausgedacht, welch wunderbare Mondlichtnacht.« Im formgewandten Ausdruck von Text und Lied, ist das am Ende eine punktgenaue Landung künstlerischer Unbekümmertheit. Und damit lassen sich viele Missverständnisse aus der Welt schaffen.

Ulrike Mattern

Einer bittet und einer hilft

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Heilung des Bartimäus

Bartimäus kann nicht sehen. Nur Dunkel um ihn herum. Was nah ist, das kann er ertasten. Rau fühlen sich die Steine an, auf denen er sitzt. Rau auch die Hände seines Vaters. Zart das Gesicht der Mutter. Das Wasser des Brunnens ist kalt und frisch.

Was fern ist, das kennt er vom Hören. Seine Eltern haben ihm alles genau beschrieben. Die Berge um Jericho. Bäume. Die Sonne. Und Jesus. Sie hatten von ihm erzählt. Und Bartimäus kann sich nicht satthören. Jedes Mal, wenn er von Jesus hört, versinkt alles andere in ihm und um ihn. Dann will er nur hören. Von diesem Einen. Worte. Geschichten. Ein Gebet: »Vater unser im Himmel«. Wenn Bartimäus von Jesus hört, wird es hell in ihm.

Dann: Lärm auf der Straße. Hunderte Menschen. Lachen, Diskutieren, Füße scharren auf dem Straßenpflaster. »Was ist los?«, fragt Bartimäus. Die anderen Bettler neben ihm sagen: »Eine große Menschenmenge kommt. Sie ziehen durch die Stadt. Sie begleiten Jesus. Jesus von Nazareth.«

Glaube-Alltag-38-2016

Da verwandelt sich Bartimäus. Er hatte immer zugehört. Ganz Ohr ist er gewesen. Nun wird der Hörer zum Rufer. Er wird eine einzige Stimme. Ein einziger Schrei: »Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Er ruft und ruft und hört nicht auf. Alles – jeder Wunsch, den er je hatte, alle seine Hoffnung –, alles liegt in diesem Schrei.

»Halt den Mund!« »Schweig!« »Schrei nicht so herum!« »Sorg doch endlich einer für Ruhe!« Schon gehen sie auf Bartimäus los und wollen ihn wegbringen. Aber er schreit nur noch lauter: »Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Seine Stimme hat große Macht. Da klingt ein Mensch selbst. Der blinde Mann: Ein einziger Schrei nach Jesus.

Und der hält an. Bleibt einfach stehen. Der ganze Zug muss anhalten. Für einen einzigen Menschen. Der ist jetzt wichtig. Die andern müssen warten. Jesus geht nicht vorüber. Er hört. Und er bleibt stehen. »Bringt ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!« Bartimäus springt auf, lässt den Mantel liegen – fast sein ganzes Hab und Gut. Jetzt ist alles andere unwichtig. Sie bringen ihn zu Jesus. »Was willst du, dass ich für dich tue?« »Rabbuni, dass ich sehend werde.« Eine kleine Frage. Und eine schlichte Antwort: »Rabbuni, mein lieber Meister, dass ich sehend werde.« Zwei Männer. Sie stehen einander gegenüber. Eine Frage. Eine Antwort. Eine Bitte. Ganz still. Einer fragt. Einer bittet. Einer hilft. Und da wird etwas heil. »Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.«

Bartimäus kann sehen. Seine innigste Bitte ist erfüllt. Er sieht: Die Berge und die Bäume. Die Sonne. Und Jesus. »Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte Jesus nach auf dem Wege.« Aber Bartimäus geht nicht hin. Bartimäus geht mit. »Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!« Das hat Bartimäus wörtlich genommen. Von Stund an begleitet er Jesus. Der Zug setzt sich in Bewegung. Mit Jesus. Mit tausend anderen. Und mit Bartimäus.

Es ist übrigens der letzte Weg, den Jesus geht. In ein paar Tagen wird er am Kreuz sterben. Und Bartimäus wird dabei sein. Kaum kann er sehen, muss er mit anschauen, wie Jesus stirbt. Aber nach ein paar Tagen sieht er ihn wieder. Da sieht er dann alles. Und weiß und versteht. Jesus lebt. Und ich soll auch leben. So bleibt Bartimäus bei Jesus. Die ganze Zeit. Und eine ganze Ewigkeit. Im Leben, im Tod und im Auferstehn. »Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!«

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Unterwegs mit Luther zum Papst

10. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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1 000 Pilgernde aus Mitteldeutschland auf ökumenischer Romfahrt: »Wenn am Montagabend der Eröffnungsgottesdienst beginnt, dann beginne ich zu chillen«, sagt Peter Herrfurth, der Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und einer der Organisatoren dieser besonderen Reise.

Bis zum ersten »Halleluja« haben die zum überwiegenden Teil aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg stammenden Teilnehmer aber noch eine 30-stündige Busfahrt vor sich. In elf mitteldeutschen Städten starten am Sonntag 20 Busse mit insgesamt 1 000 Teilnehmenden zwischen sechs und 80 Jahren.

Der ökumenische Gottesdienst in der Kirche Santa Sabina bildet am Montag in Rom den Auftakt der achttägigen Pilgerreise »Mit Luther zum Papst«. Annette Schavan, die Schirmherrin der Pilgerfahrt und deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, nimmt ebenso daran teil wie die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann, der katholische Bischof Gerhard Feige und der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Vor fast 500 Jahren kamen aus dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts Martin Luthers 95 Thesen und trugen maßgeblich zur Kirchenspaltung bei. 2016 bringen die »Mit-Luther-zum-Papst«-Pilger neue, moderne Thesen mit nach Rom. Die Thesen zur Ökumene, zur Bewahrung der Schöpfung oder zum christlich-jüdischen und christlich-muslimischen Dialog wurden vor der Fahrt gesammelt, in einem großen Buch im DIN-A-2-Format gebunden und werden Papst Franziskus überreicht.

Landesbischöfin Ilse Junkermann ist gespannt auf die Reaktion des katholischen Kirchenoberhauptes. Es gebe viel Verbindendes zwischen dem Papst und den Protestanten, findet die Bischöfin. »Er tritt vehement ein für Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit. Er ergreift klar Partei für Flüchtlinge, für Arme, für Gefangene und für alle, die zu kurz kommen. Jemanden mit solcher Herzensüberzeugung und Charisma zu erleben, dessen Wort noch dazu weltweit gehört wird, das ist etwas Besonderes. Auch für Protestanten!«

Die moderne Thesensammlung ist ein Angebot zum Gespräch. »Wir laden ein zum Disput«, sagt Christoph Tekaath. Beim Diözesanjugendseelsorger des Bistums Magdeburg laufen sämtliche organisatorischen Fäden zusammen. »Luther wollte diskutieren und das wollen wir auch! Wir wollen keine neuerliche Spaltung, sondern eine neue Annäherung. Deshalb fahren wir aus dem Lutherland nach Rom.«
Blick-41-2-2016»Mit Luther zum Papst« ist weit mehr als eine touristische Reise mit der obligatorischen Audienz auf dem Petersplatz. Rom nehme sehr wohl wahr, dass die 1 000-köpfige ökumenische Pilgergruppe aus dem säkularen Mitteldeutschland etwas Ungewöhnliches sei, sagt Tekaath, mahnt aber gleichzeitig auch Bescheidenheit an. »Gerade im Heiligen Jahr sind wir trotz der Größe nur eine von vielen Pilgergruppen. Aber der Anlass ist doch etwas Besonderes und das macht ein wenig stolz.«

Matthias Kopischke, Pfarrer für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Evangelischen Landeskirche Anhalts, findet, die Reise nach Rom ist ein Signal, dass »evangelische und katholische Geschwister bereits jetzt gut zusammenarbeiten«. Wie viele der Pilgernden übrigens evangelisch oder katholisch sind, beziehungsweise gar keinen Glauben haben oder anderen Religionen oder Konfessionen angehören, ist nicht bekannt. »Diese Angabe wurde bei der Anmeldung bewusst nicht abgefragt«, sagt der anhaltische Jugendpfarrer.

Die letzte organisatorische Etappe vor der Abfahrt am Sonntag war Anfang Oktober das Teamer- und Mitarbeiterwochenende in der katholischen Bildungsstätte St.-Michaels-Haus in Roßbach bei Naumburg.

Fünfzig junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren werden die 1 000 Pilgernden begleiten; sie wurden auf ihre Aufgaben als Ansprechpartner im Bus, bei Workshops, zu Vorträgen an den Stationen beim Sieben-Pforten-Weg vorbereitet. Der Sieben-Pforten-Weg ist ein modifizierter Pilgerweg auf Basis der »Siebenkirchenwallfahrt« zu den sieben Hauptkirchen Roms. Der berühmte Pilgerweg wurde ökumenisch ergänzt, indem zum Beispiel die Synagoge aufgenommen wurde, der erst im letzten Jahr eingeweihte Lutherplatz und die Christuskirche, Gottesdienstort der deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Roms.

Bei aller ökumenischen Verbundenheit bleiben aber nach wie vor unüberbrückbare Gräben zwischen den beiden Konfessionen. Natürlich werde und könne es keine Mahlgemeinschaft geben, versichert Peter Herrfurth, »aber wir können immer wieder auf die schmerzhafte Wunde hinweisen«.

Der Landesjugendpfarrer hofft, dass in die Abendmahlsfrage Bewegung kommt und es vielleicht doch einmal zur gemeinsamen Feier kommen kann. »Wir sind auf dem Weg und vielleicht werden wir das gemeinsame Abendmahl noch erleben«, so Peter Herrfurth.

Thorsten Keßler

Geld sucht Land

3. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Gespenst geht um die Welt, das Gespenst des »Landgrabbings«, wörtlich als Landfassen oder besser noch als Landgrapscherei zu übersetzen.

Geld sucht Land: Weltweit sind seit Jahren Privatinvestoren, Investmentgesellschaften, Konzerne, Holdings und selbst Staaten wie China unterwegs, um sich so viel wie möglich Anteile an einer begrenzten Ressource zu sichern – an Ackerland.

Dabei geht es nur zum Teil um die Sicherstellung der Ernährung. Unter den Investoren sind auch Energiekonzerne, die sich angesichts des zu Ende gehenden fossilen Zeitalters Flächen für den Anbau von Pflanzen zur alternativen Energieerzeugung sichern wollen. Andere Investoren wiederum spekulieren vor allem auf steigende Preise für das Land.

Lange galt dieser großflächige Landkauf als typisches Phänomen für den afrikanischen Kontinent. Doch seit einigen Jahren beobachten Landwirtschaftsexperten und -politiker auch in Europa eine steigende Konzentration von landwirtschaftlicher Nutzfläche in der Hand weniger Eigentümer. Besonders stark in den Staaten Osteuropas, aber auch in Deutschland.

In Europa läuten die Alarmglocken

Im Januar vergangenen Jahres verabschiedete der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss deshalb einen Initiativbericht zum Thema »Jagd nach Agrarland – ein Alarmsignal für Europa und eine Bedrohung für bäuerliche Familienbetriebe«. Darin wird unter anderem ein EU-weites Erfassungs- und Beobachtungssystem für Landkäufe und -verpachtungen gefordert. Zudem sei die »Formulierung eines eindeutigen agrarstrukturellen Leitbildes« für die Europäische Union notwendig.

Für Ackerland werden inzwischen exorbitante Preise geboten – das »Landgrabbing« ist in Deutschland angekommen. Foto: EidBlick/fotolia, Tatjana Balzer/fotolia; Montage: gkz

Für Ackerland werden inzwischen exorbitante Preise geboten – das »Landgrabbing« ist in Deutschland angekommen. Foto: EidBlick/fotolia, Tatjana Balzer/fotolia; Montage: gkz

Denn die zunehmende Konzentration des Ackerlandes in der Hand weniger Personen oder Kapitalgesellschaften hat tief greifende soziale wie wirtschaftliche Folgen. Der Slogan vom »freien Bauern auf eigener Scholle« ist längst weithin eine Farce. In immer mehr Fällen gehört die Scholle nicht mehr dem, der sie bewirtschaftet.

EU-weit waren 2013 nach Angaben von Eurostat bereits 53 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen Pachtland. Wobei Irland mit 17 Prozent das untere Ende markiert. In der Slowakei gehören 96 Prozent der Flächen nicht den Bearbeitern, in Bulgarien 89 Prozent.

Auch Deutschland liegt mit 70 Prozent Pachtfläche bereits deutlich über dem Durchschnitt. Benedikt Haerlin vom Zukunftsinstitut Landwirtschaft in Bochum sieht dabei auch eine Schuld bei der bundeseigenen Bodenverwertungs- und Verwaltungs-GmbH (BVVG). Sie übernahm den Verkauf von nicht an die Alteigentümer zurückgegebenen Agrarflächen aus dem DDR-Staatsbesitz.

In einer im Auftrag der Grünen Europaparlamentarierin Maria Heubuch erstellten Broschüre »Landjäger – Europas Äcker im Ausverkauf« schreibt Haerlin zur Rolle der BVVG: »In den
23 Jahren ihres Wirkens haben sich in den neuen Bundesländern Eigentums- und Agrarstrukturen etabliert, die so nicht einmal zu Feudalzeiten üblich waren und die Dimension des Sozialismus noch übertreffen.«

Doch die »Landjäger« sind weiter unterwegs. Bei so manchem vom Ruin bedrohten Milchbauern kommen sie vorbei. Und an etlichen in wirtschaftliche Schieflage geratenen LPG-Nachfolgebetrieben haben Rechtsanwälte und Ärzte vornehmlich aus den alten Bundesländern die Mehrheitsanteile übernommen. Zwar sieht die Bodenverkehrsordnung vor, dass Acker nur der kaufen kann, der selbst Landwirt ist, doch oft sind Strohmänner unterwegs oder es sind Gesellschaften und Holdings, bei denen die wahren Investoren im Dunkeln bleiben.

Preise und Pachten steigen immer weiter

Für Neueinrichter oder kleine und mittlere Familienbetriebe, die wachsen oder ihren Besitz arrondieren wollen, ist es inzwischen fast unmöglich, Land zu bezahlbaren Preisen zu erwerben. Zahlte man 2005 im Durchschnitt noch weniger als achttausend Euro für einen Hektar Acker, waren es 2014 schon fast 20 000.

Den Spitzenplatz belegte Bayern mit 41 440 Euro, in Mecklenburg-Vorpommern waren immerhin schon 17 539. Preise, die sich auch in den steigenden Pachten niederschlagen und die in keinem Verhältnis zu den erzielbaren Erträgen stehen. Land als Spekulationsobjekt.

Nicht zuletzt deshalb fordert etwa die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft immer wieder das Einschreiten der Politik. Aber auch die Kirchen sind bei ihrer Landverpachtung gefragt, diesen Prozessen gegenzusteuern.

Harald Krille

Die Philosophie der Landjäger
»In hundert Jahren schlägt Ackerboden Gold, das kann ich Ihnen garantieren. Wenn Sie heute eine Unze Gold kaufen, können Sie die jeden Tag besuchen, sie anhimmeln, streicheln und hätscheln und in hundert Jahren werden Sie doch nur eine Unze Gold haben, die in der Zwischenzeit nichts für Sie getan hat. Wenn Sie aber 100 Acre (entspricht rund 40,5 Hektar – d. Red.) Land kaufen, wird es Jahr für Jahr für Sie etwas produzieren. Das Geld können Sie nutzen, um weiteres Land zu kaufen oder was auch immer. Und das Land haben Sie nach hundert Jahren auch noch immer. (…) Sie können aber auch jemand anderen für einen Teil der Ernte die ganze Arbeit machen lassen und sich hundert Jahre zurücklehnen.«

Der US-amerikanische Investment-Guru Warren Buffet in einem Interview mit dem TV Sender CNBC im Jahr 2012.


Die Brisanz der Bibel

3. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Leipziger Künstler setzen sich mit Religion auseinander

Schon der Titel hat es in sich. Nichts weniger als »Offenbarung« verspricht eine Ausstellung, die derzeit in der Lutherstadt Wittenberg im Alten Rathaus zu sehen ist. Dort, wo die Stiftung Christliche Kunst sonst ihre Dauerausstellung mit Werken der christlichen Moderne zeigt, werden derzeit »Leipziger Künstler und die Religion« präsentiert.

Steffen Junghans: Ein Leipziger Künstler mit seinem Werk ohne Titel (J. C.). aFoto: courtesy REITER; VG Bild-Kunst

Steffen Junghans: Ein Leipziger Künstler mit seinem Werk ohne Titel (J. C.). aFoto: courtesy REITER; VG Bild-Kunst

Figürliches in altmeisterlicher Technik steht neben Abstraktem, reduzierte Formen in Schwarz-Weiß neben farbenfroher Fülle, Ironie neben Pathos. Es ist eine beziehungsreiche Auseinandersetzung; biblische Motive bilden die Basis für eine Beschäftigung mit aktuellen Themen und ewigen Fragen, geben Impulse und Inspiration.

Es geht um Leben, Liebe, Tod, Krieg und Frieden, Flucht und Vertreibung, Verurteilung und Vergebung, Irdisches und Himmlisches, um Fußball und Finanzkrise. Ein durchlöchertes Schweißtuch etwa zeigt bei genauerem Hinsehen nicht das Antlitz Jesu, sondern verschlissene Prozentzeichen. Der Papierschnitt von Annette Schröter entstand 2009, kurz nachdem die Finanzkrise weltweit für Turbulenzen gesorgt hatte. Unter dem Eindruck von Faschismus und Krieg hingegen hat Bernhard Heisig seine »Probleme der Militärseelsorge« zu Papier gebracht: Sein Gekreuzigter steht im Fadenkreuz. Michael Triegels »Auferstehung« entzieht sich dagegen dem schnellen, eindeutigen Urteil. Die Strichätzung mit dem Jesus-Torso und dem kopfüber im Bild hängenden Engel gibt ihre Botschaft nicht so leicht preis. Die Arbeit wirkt mysteriös und verleiht dadurch dem Raum eine geheimnisvolle Offenbarung.

Unter dem Markenlabel »Leipziger Schule« vereint, besticht die Ausstellung durch Vielfalt. Kein Wunder, steht doch die Strömung der modernen Malerei nicht für eine einheitliche Lehrmethode, sondern weist im Gegenteil ein Nebeneinander unzähliger Stilformen auf. Es ist diese Vielfalt der Handschriften in Form und Inhalt, die der kleinen Exposition Gewicht verleiht und den Besucher einlädt, seine eigenen Entdeckungen zu machen.

Manche Exponate stammen aus dem Bestand der Stiftung Christliche Kunst, viele Leihgaben ergänzen die Schau. »Wir wollten auch und gerade jungen Künstlern die Chance bieten, sich mit Arbeiten zu diesem Thema zu präsentieren«, unterstreicht die Vorsitzende der Stiftung Jutta Brinkmann. Besonders fasziniert zeigt sie selbst sich vom fantasievollen Einsatz moderner Techniken, Materialien und zeitübergreifender Symboliken, wie etwa bei Tino Geiss. Aus Klebeband, Lack und Pappe hat der Künstler eine farbenfrohe Collage geschaffen, die den brasilianischen Fußballstar Neymar darstellt – als modernen Heilsbringer, der wie gekreuzigt im Tornetz hängt.

Der Katalog zur Ausstellung mit einem Text der Kunsthistorikerin Ulrike Brinkmann bietet zusätzliche Anregungen zur Auseinandersetzung mit der biblischen Bilderwelt und ihrer, in aktuellen Analogien immer wieder neu zu entdeckenden Brisanz. Der kleinen Broschüre ist ein Zitat jenes Künstlers vorangestellt, der als einer der Begründer der Leipziger Schule gilt. »Da in der Bibel eigentlich alles ist, was es im Leben gibt, waren diese Themen immer sehr naheliegend. Mehr gibt es nicht als das, was in den Testamenten steht«, lautet Werner Tübkes Credo.

Stefanie Hommers

Die Ausstellung »Offenbarung. Leipziger Künstler und die Religion« ist noch bis zum 13. November in der Ausstellungshalle im Erdgeschoss des Alten Rathauses, Markt, Lutherstadt Wittenberg zu sehen. Geöffnet ist sie von Montag bis Sonntag, jeweils von 10 bis 17 Uhr sowie zusätzlich am Reformationstag.

Ein Fest besonderer Güte

2. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erntedank: Mit allen Sinnen feiern und erkennen, wem ich was verdanke

Mit allen Sinnen feiern, das ist das Erntedankfest. Einmal im Jahr gleicht es einem Konzentrationspunkt dankbarer Freude und staunender Ehrfurcht. Das geistliche Anliegen verbindet sich eindrucksvoll mit weltlicher Betrachtung. Der Segen ist mit Händen zu greifen. Keiner muss lange erklären, was sich längst von selbst versteht: Gottes Schöpfung ist wunderbar, der Geschmack der Früchte herrlich. Wir schauen und spüren, was uns erhält. Wir ahnen, wie viel dazugehört. Eine Sonnenblume auf der Kanzel spricht das aus, wofür uns die Worte fehlen.

Erntedank! Da wird das Herz weit vor Freude. In den Ohren klingt der Stimme Ton: »Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!« Die Augen gehen einem über. Und schließlich läuft einem das Wasser im Munde zusammen. »Mahlzeit!« zu sagen liegt fast näher als »Amen« zu sprechen.

Foto: Manfred Nuding/pixelio

Foto: Manfred Nuding/pixelio

Nun hätten wir allerdings täglich Grund, ein Erntedankfest zu feiern. Nämlich immer dann, wenn wir uns an den gedeckten Tisch setzen. Das Tischgebet mag die Kurzfassung einer Erntedankliturgie sein. Das Aufdecken des Brotkorbes in der Mitte eine feierliche Zeremonie. Wohl dem, der das nicht vergisst und sich vor dem Essen besinnen kann. Um das tägliche Brot herum erwartet uns eine ansehnliche Auswahl von Speisen. Wir können nehmen, was uns schmeckt. Nicht der Hunger entscheidet, sondern unser Appetit. Jedenfalls ist es unter den meisten Menschen hierzulande so. Dass manche es anders erdulden müssen, dürfen wir nicht hinnehmen. Der Dank einer Ernte wird im Teilen konkret. Und beides mag sich mit einem Lob auf den verbinden, der die Voraussetzungen geschaffen hat.

Damit genau das geschieht, vor Gott und der Welt, tafeln wir einmal im Jahr, in unseren Kirchen einiges aus Keller, Kühlschrank und Kaufland auf, schmücken mit Blumen. So wird die Vielfalt der Gaben sichtbar. Sie türmen sich unter der Erntekrone. Alles mit liebevoller Hand aufgebaut. Kirchenschiff und Altar verwandeln sich in ein prachtvolles Schaufenster der Güte Gottes. Als Zeichen der Dankbarkeit füllen sie die Auslagen. Farben und Düfte ziehen in ihren Bann. Auf den Betrachter wirkt ein solches Bild, hat verändernde Kraft. Wohl dem, der sich von ihr leiten lässt.

So wird auf dem Wege von der Kirche zurück in den Alltag möglicherweise einiges klar. Was brauchen wir tatsächlich? Worauf können wir zu Gunsten anderer, sogar im Blick auf uns selbst, verzichten? Welche Achtung bringen wir den Gütern entgegen? Vielleicht merken wir auch, dass es in unserem reichen Land immer schwieriger wird, den Dank für eine Ernte zu feiern. Die Möhren im Korb, die Kartoffeln im Sack, die Äpfel im Eimer habe ich nicht selbst geerntet, sondern dies alles »nur« besorgt. Bloß gut, dass ich den dicken Kürbis nicht schleppen musste.

Alles in Hülle und Fülle. Susanne Gottschalk/pixelio

Alles in Hülle und Fülle. Susanne Gottschalk/pixelio

Doch obwohl mir der unmittelbare Bezug zu den Früchten der Felder und Gärten fehlt, bin ich überwältigt vom Überfluss. Der gedeckte Tisch lässt mich aus der Gedankenlosigkeit eines oft abgehobenen Anspruchsdenkens aufschrecken. Ich frage mich: Guter Gott, ist das wahr, sind wir wirklich so reich? Dieser Güte zu begegnen, bringt mich gerade neu in Verwunderung. Gott, du lässt mich rasten. Und ich weiß, dass du mich nicht vergisst. Ich bin gut versorgt. Reich beschenkt. Und stets willkommen.

Wie der Schriftsteller Armin Juhre formulierte, ist auch mir bewusst: »Ich habe die Faser nicht gesponnen, die Stoffe nicht gewebt, die ich am Leibe trage – ich habe nicht die Schuhe, die Schritte nur gemacht. Wer mich ansieht, sieht viele andere nicht, die mich ernährt, gelehrt, gekleidet haben, die mich geliebt, gepflegt, gefördert haben. Mit jedem Schritt gehen viele Schritte mit. Mit jedem Dank gehen viele Gedanken mit. Ich habe nicht gelernt, zu schlachten, zu pflügen und zu säen – und bin doch nicht verhungert. Ich kann nicht Trauben keltern und trinke doch den Wein. Ich habe nicht die Städte entworfen, die Häuser nicht gebaut – und habe doch zu wohnen. Ich kann nicht Ziegel brennen, und doch schützt mich ein Dach.« (Armin Juhre) Mit allen Sinnen feiern. Und erkennen, wem ich was verdanke. Das ist Gott-sei-Ernte-Dank.

Karsten Loderstädt

Der Autor ist Pfarrer in Annaberg-Buchholz.

Bäcker Lück hört auf sein Brot

2. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Neuanfang: Annika und Sebastian Lück haben ihr Leben umgekrempelt. Sie betreiben seit einem halben Jahr eine kleine Bäckerei in Weimar. Die »Brotklappe« unterscheidet sich nicht nur im Preis von herkömmlichen Backstuben.

Der kleine Laden in der Trierer Straße 46 in Weimar füllt sich. An den Tischen vor dem Verkaufstresen sitzen junge Leute, eine Mutter mit Kind, ein älteres Ehepaar. Die drei jungen Frauen hinter dem Tresen haben alle Hände voll zu tun. Im Backraum im Untergeschoss wird geknetet, ausgerollt, belegt und gebacken. Es ist »Pizza-Night« in der »Brotklappe«. Ein willkommener Anlass, sich am Montagabend hier zu treffen, zu plaudern und zu genießen.

Seit gut einem halben Jahr betreiben Annika (43) und Sebastian Lück (41) die »Brotklappe«, einen kleinen Laden am Weimarer Stadtring, der ursprünglich eine Fleischerei und in den letzten Jahren oft verwaist war. Nun ist das Leben zurückgekehrt.

»Gutes Brot braucht Zeit«, sagt Sebastian Lück. Damit es seinen Geschmack entfalten kann, dauert die Produktion 36 Stunden. In der Nacht vor dem Backtag kommen die Laibe in den Kühlraum. »Dort entwickeln sie ihr Aroma.« Der angehende Bäckermeister kommt ins Schwärmen, wenn er über sein Brot berichtet. Er nimmt ein frisch aus dem Ofen gekommenes Brot aus dem Regal und hält es ans Ohr. »Es erzählt mir, ob es gelungen ist«, meint er und lächelt.

Auf die Krume kommt es an. Das Klappenbrot aus Sauerteig (oben) ist der Klassiker. Die »Brotklappe« hat ihren Namen noch aus den Anfängen, als die Bäckerleute Lück die Brote durch eine Kellerluke verkauft haben. Fotos: Dietlind Steinhöfel

Auf die Krume kommt es an. Das Klappenbrot aus Sauerteig (oben) ist der Klassiker. Die »Brotklappe« hat ihren Namen noch aus den Anfängen, als die Bäckerleute Lück die Brote durch eine Kellerluke verkauft haben. Fotos: Dietlind Steinhöfel

»Wir verwenden ausschließlich Sauerteig und haben eine bestimmte Vorstellung, wie die Krume aussehen soll«, so Lück. Dass dabei die Brote oft unterschiedliche Formen haben, sei normal. »Das Leben ist auch nicht immer gleich.« Wichtig sei, dass etwas Gutes dabei herauskommt. Teil davon ist die Auswahl des Mehles. Das kommt von einem regionalen Müller in Freyburg an der Unstrut. Die Mühle wird seit rund 120 Jahren mit Wasserkraft betrieben und verarbeitet das Korn mit alter Technik. »Der Müller weiß, wie Sauerteig funktioniert, er hat ein Gefühl für das Getreide und die Mischung«, erläutert Sebastian Lück. Seine Zulieferer sind aus der Region.

Das Regionale spielt für Lücks eine große Rolle, keine langen Wege und das Wissen, woher die Zutaten kommen. All das hat seinen Preis. Ein Brot kostet zwischen 6 und 9 Euro. Doch die Backwaren sind trotzdem gefragt, gerade bei jungen Kunden und Familien. »Kinder fahren auf das Brot ab«, meint Lück.

Die Kundin Selda Hamdemir konnte jahrelang kein Brot mehr essen. »Ich habe den Geruch nicht vertragen«, sagt die 41-Jährige. Als die »Brotklappe« öffnete, hat sich das schlagartig geändert. »Ich bin nicht reich, aber ich weiß, was ich essen möchte. Lieber weniger, aber gut.« Selda Hamdemir, Mutter von vier Kindern, schmiert nun »mit Freude und gutem Gewissen« die Schulbrote. »Das ist ehrliches Brot«, sagt sie. Jedes habe seine eigene Note. Sie komme gern in die »Brotklappe«.

Das hat mit der Philosophie zu tun, welche die Familie motiviert. Denn ursprünglich kommen Annika und Sebastian Lück aus ganz anderen Berufen. Er war 20 Jahre im Handel beschäftigt, Vertrieb und Unternehmensaufbau. Annika ist gelernte Fremdsprachenkauffrau, war im Marketing und in der Unternehmenskommunikation tätig. »Wir haben gut verdient, konnten uns viel leisten«, sagt sie. Aber sie seien mit den Berufen nicht verbunden gewesen.

»Wir waren auf der Suche nach etwas, das zu uns passt«, wirft Sebastian ein. Schon seit drei Jahren hatten sie die Idee für eine Backmanufaktur. In der ehemaligen Fleischerei in Weimar fanden sie ideale Bedingungen. Es gab genug Platz und vor allem bereits Produktionsräume mit Wasser- und Stromanschluss, sodass keine Umbauten nötig wurden. Aus einem großen Haus ist die Familie in eine kleine Wohnung unweit des Ladens gezogen.

Ruheraum: »Gutes Brot braucht Zeit«, meint Bäcker Sebastian Lück. Die Teiglinge dürfen sich ausruhen.

Ruheraum: »Gutes Brot braucht Zeit«, meint Bäcker Sebastian Lück. Die Teiglinge dürfen sich ausruhen.

Es war ein Loslassen, um sich neu zu orientieren. Es habe sie die Frage umgetrieben: »Was wollen wir mit unserem Leben anfangen?« Der Schritt aus der finanziellen Sicherheit in die Selbstständigkeit sei auf manches Unverständnis gestoßen, erzählt Annika Lück. Aber das Haben sei nicht wichtig, betont die evangelische Christin, der ihr Glaube viel bedeutet und sicher auch Motivation ist. Der Laden vereint Familie und Beruf. Die drei Kinder seien groß genug – zwischen 16 und 9 Jahren – dass so ein Schritt möglich wurde. Zumal die Eltern im Laden immer für die Kinder erreichbar seien.

Nicht nur Brot, auch »Zimtknut«, ein Weizen-Dinkel-Gebäck, hat Annika Lück (links) im Angebot.

Nicht nur Brot, auch »Zimtknut«, ein Weizen-Dinkel-Gebäck, hat Annika Lück (links) im Angebot.

In ihrem gemeinsam geführte Unternehmen sind die Aufgaben klar verteilt: Sebastian ist für das Brot zuständig, Annika für die Kundenkommunikation und den Verkauf. Rund 10 Mitarbeiter sind beschäftigt. Selbst die Kinder helfen schon mal mit.

Der Bäcker geht die paar Stufen ins Untergeschoss, um das Gebäck im Ofen zu kontrollieren. »Zimtknut« und »Babaka«, ein Dinkel-Weizen-Gebäck, – alle Backwaren sind Eigenkreationen – verströmen einen angenehmen Duft. In einer Dose wächst der Sauerteig. »Der ist hungrig und mag es warm. Und er mag gute Musik, ist ja ein Lebewesen«, meint Sebastian Lück. Dann kommt er wieder auf seine Philosophie zu sprechen. Es sei doch die Frage, wie man leben und arbeiten will. »Wir haben uns den Arbeitsplatz nach unseren Vorstellungen gestaltet. Es geht im Wesentlichen darum, was uns alle umtreibt: eine sinnstiftende und zufriedenstellende Tätigkeit und Zeit für die Familie zu haben.« Das Brot sei Mittel zum Zweck.

»Wenn wir hier auf der Erde weiter leben wollen, kann es nicht nur um den Preis einer Ware gehen.« Viel zu kaufen für wenig Geld stehe dem entgegen, das könne nicht ressourcenschonend sein. Veränderung wachse aus dem Kleinen heraus und erfasse nicht gleich den Großteil der Menschen.

Dietlind Steinhöfel