Fluchtgeschichten: Ereignisse, die verbinden können

26. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Flucht und Vertreibung – ein Thema so alt wie die Menschheit. Das Erlebte zu verarbeiten ist schwer. Um Begegnung und Austausch geht es bei einem kirchlichen Projekt im Harz. Flüchtlinge von einst und jetzt erzählen ihre Geschichte.

Was bedeutet es, wenn man vertrieben wird? Viele Menschen können davon erzählen. Das hat Vikarin Ann-Sophie Schäfer in Benneckenstein (Kirchenkreis Halberstadt) erfahren. »Wer sich für die alten und neuen, die schmerzhaften und hoffnungsvollen Erzählungen von Flüchtlingen interessiert, der hat die Chance auf echte Begegnung. Der kann den anderen mit seiner Geschichte begreifen und vielleicht auch ein Stück der eigenen Geschichte neu verstehen.«

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Die Vikarin hat zusammen mit 15 Freiwilligen einen Abend zum Thema »Fluchtgeschichten« organisiert. Der Interkulturelle Abend im April 2015 war ein voller Erfolg. Sechs Fluchtgeschichten wurden auf Arabisch und Deutsch vorgestellt. Eine syrische Band spielte, die Harzer Heimatgruppe trat auf und beim interkulturellen Buffet konnte man sich begegnen.

»Wir waren eine kleine Gruppe von vier jungen Männern, die sich schon länger mit Fluchtplänen befasst hatte …« Diese Geschichte, die hier ihren Anfang nimmt, spielt nicht heute, sondern vor über 40 Jahren mitten in Deutschland, an der deutsch-deutschen Grenze.

Einer von uns hatte sich bei einem Westbesuch die Grenze von der Westseite aus ansehen können und eine Landkarte vom Westharzland mitgebracht. Dort waren noch alle Vorkriegswege eingezeichnet, und wir konnten sie mit unserer Ostkarte abgleichen und so einen für uns günstigen Weg aussuchen. Wie wir leider feststellen mussten, war einer von uns ein Verräter, er wurde als Spitzel von uns enttarnt. So kam es, dass wir früher fliehen mussten als geplant. Wir packten unsere Sachen und es ging um 20 Uhr zu Fuß Richtung »Drei Annen« los. Wir wählten dann den nach unserer Vorstellung sichersten Weg über die »Steinerne Renne«, dann Richtung Ilsenburg und Brockenmoor, und schließlich Richtung Eckertalsperre-Torfhaus. Wir waren vorsichtig und leise.

Anonym

Flucht ist oft lebensgefährlich. Davon berichtet die 1944 in Elbingerode geborene Person, die nicht namentlich genannt werden will. Anonym wurde der Text an Ann-Sophie Schäfer weitergeleitet. Flucht ist nicht gleich Flucht und gesellschaftspolitische Hintergründe lassen sich nicht vergleichen. Aber einander Erlebtes zu erzählen, das bringt Menschen näher zueinander. Erzählen schafft Begegnung.

Mein Name ist Khaled, ich bin 1978 geboren – in der Stadt Abu Kamal. Sie liegt an der syrisch-irakischen Grenze und ist bis heute schwersten Bombardierungen ausgesetzt. In der letzten Zeit sind die Bombardierungen durch die Luftwaffe des Regimes und auch durch die russische Luftwaffe sogar noch heftiger geworden. Viele Menschen sind ums Leben gekommen oder durch den »Islamischen Staat« vertrieben worden. Ich und meine Frau haben uns schließlich entschlossen, Syrien zu verlassen, vor allem, weil es keine Schulen und keine Krankenhäuser mehr gab.

Wir haben uns mit dem Fahrer eines Kleinbusses geeinigt und sind eines Nachts aus Abu Kamal nach Al-Mayadin geflohen. Von dort haben wir die Wüstenstraße Richtung Aleppo genommen, wo die Menschen in die Türkei geschleust werden. Die Reise war immer wieder sehr riskant: Auf der einen Seite die Straßensperren des »Islamischen Staates« und auf der anderen Seite die Flieger, deren Brummen man nachts hörte. Unsere erste Reise dauerte neun Stunden, dann kamen wir endlich im syrisch-türkischen Grenzgebiet an. Wir fanden jemanden, der uns in die Türkei schleusen konnte. Zwischen Olivenbäumen liefen wir zehn Kilometer zu Fuß. Ab und zu gab es Bombardierungen in den nahegelegenen Gebieten. Wir hörten scharfe Schüsse und Artillerie. Unsere Kinder und wir hatten große Angst.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled und Farkhozad leben mit ihren Familien seit dem vergangenen Jahr im Oberharz. »Das erlebte Leid ist anders als das erzählte«, erklärt Khaled. Dennoch hat es beiden viel bedeutet, den Menschen im Oberharz von ihrem vorherigen Leben und den Umständen ihrer Flucht zu berichten. Sie möchten, dass die Menschen verstehen, warum sie ihre Heimat verlassen haben. Und sie wollen zeigen, dass sie sich wünschen, in Deutschland ganz anzukommen. Sie wollen nicht nur so schnell wie möglich die deutsche Sprache lernen, sondern die Menschen kennenlernen, die hier leben. Ihre Hoffnung ist es, besonders für ihre Kinder, ein Leben in Frieden zu führen.

Der Weg fort aus Syrien war furchtbar. Wir waren gezwungen, endlose Wege zu gehen, ohne das Gefühl zu haben, jemals das rettende Ufer zu erreichen. Uns erging es genauso wie vielen anderen Menschen auch. Wir sind schwer zugängliche Wege gegangen, überquerten Gewässer und Gebirge. Meine kleinen Kinder haben mir furchtbar leidgetan, vor allem wenn sie nicht mehr laufen konnten.

Drei Stunden trieben wir auf dem Wasser herum. Wir beteten zu Gott, dass er uns hilft. Einige von uns weinten. Plötzlich war da ein Journalist auf dem Wasser, der Fotos machte. Er hatte uns entdeckt. Wir haben angefangen, mit den Händen zu winken und lauthals zu schreien. Schließlich kam er uns zu Hilfe. Er zog uns bis ans Ufer. Dieser Mann, der uns geholfen hat, ist ein wunderbarer Mensch. Für mich war es ein schmerzlicher Tag, den ich nie in meinem Leben vergessen werde.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

»Ich weiß, wie sich das Leben als Flüchtling anfühlt. Wenn ich vom Krieg in Syrien und der Flucht höre, dann weiß ich, dass vor allem auch die Kinder davon nicht unberührt bleiben. Das bleibt. Ich war auch erst neun, Ende Mai 1945 wurde ich zehn Jahre. Das ist wie ein Kaleidoskop, wie ein wahrer Film, der bleibt.« Edith Lippe wurde vor 81 Jahren in Stolp in Pommern geboren. Am 8. März 1945, als die Russen von Osten schon nach Pommern vorgerückt waren, treckte endlich, doch viel zu spät, auch ihr Dorf Richtung Westen.

Es war eisig kalt, die Pferde rutschten bergauf auf der vereisten Straße aus. Vor dem Ort Putzig gerieten wir in die Kampfhandlungen. Ein unübersehbarer Treck von Flüchtlingen fuhr in Richtung Danzig. Alle wollten versuchen, auf ein Schiff zu kommen. Von Osten kamen uns russische Panzer entgegen und trafen auf die deutschen Truppen. Die schoben unsere Treckwagen in den Straßengraben. Die Geschosse flogen aus allen Rohren. Wir versteckten uns hinter aufgestapelten Holzstämmen. Meinem 11-jährigen Bruder flog eine Granate so knapp am Ohr vorbei, dass er wochenlang nichts hören konnte.

Edith Lippe

Edith Lippe

Edith Lippe

Als die kleine Edith 1947 nach der entbehrungsreichen Flucht mit der kranken Mutter und den Geschwistern im Oberharz ankam, spürte sie, dass sie hier nicht willkommen waren. Ein neues Leben anzufangen war nicht leicht in den schweren Jahren der Nachkriegszeit. Heute engagiert sich Edith Lippe mit ihrem Mann Hans-Henning in der Flüchtlingshilfe. Inzwischen sind sie, wie sie erzählen, für eine syrische Familie eine Art Großeltern geworden.

Und so klingen Fluchtgeschichten heute zusammen. Auch wenn die Schicksale so verschieden sind. »Ich finde, das ist jetzt ganz was anderes als damals bei uns. Wenn dort Krieg ist und sie flüchten, weil es um Leben und Tod geht, dann kann ich das gut verstehen, dass sie hierher kommen und dass die Leute auch freundlich sind zu denen. Das kann ich alles verstehen. Aber ich muss sagen: Wir hatten auch nichts und uns hat keiner was gegeben. Wir haben hier gehungert. Wir haben Kräuter gesucht, Brennnesseln, was man essen konnte. Das haben wir gesammelt und die Mutter hat dann Suppe davon gekocht. Es gab keine Kleiderkammer wie heute.« So sieht es Margot Papra.

Margot und Detlef Papra

Margot und Detlef Papra

Die gebürtige Schlesierin Margot Papra hat gemeinsam mit Sohn Detlef ihre ganz persönliche Geschichte der Flucht und Vertreibung aufgeschrieben. Detlef Papra war es auch, der diese beim Interkulturellen Abend in Benneckenstein vorlas. Er kennt die Geschichten aus der alten Heimat der Eltern und Großeltern, ist mit anderen Dialekten und schlesischer Küche aufgewachsen.

»Durch diesen Abend und dadurch, dass ich die Geschichte aufgeschrieben habe, ist mir das noch mal sehr bewusst geworden und hat für mich auch noch mal eine Verbundenheit mit der Heimat meiner Großeltern und Eltern gebracht. Ich habe mich mehr damit beschäftigt und auch ein anderes Verständnis für die Menschen bekommen, die heute auf der Flucht sind«, erklärt Detlef Papra.

Lebensschicksale lassen sich nicht einfach vergleichen. Die Hintergründe von Flucht und Vertreibung sind so verschieden wie die Menschen, die darunter leiden müssen. Aber das gegenseitige Erzählen und Anteilnehmen verbindet. So war es jedenfalls in Benneckenstein. »Einander von sich erzählen können, das hilft einfach«, sagt Ann-Sophie Schäfer.

Diana Steinbauer

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